Chaos in UK — Ein Reisebericht von Karsten Weber (03.02.2026)

Exploding Cinema ist sowohl der Name eines in London ansässigen Filmkollektivs als auch der Name für die regelmäßigen Kurzfilmvorführungen, die das Kollektiv organisiert. Die letzte Zusammenarbeit der Filmgruppe Chaos mit den Exploders liegt nun schon 2 Jahrzehnte zurück.

Nun ist das Buch Boom! – The Exploding Cinema and the New London Underground erschienen mit einem längeren Artikel über die kieler Filmgruppe Chaos und Beiträgen über gemeinsme Projekte.
Der Willibald T. Adorno Verein, die angehende Parteistiftung der „Partei“ (Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative) hat uns dieses Jahr einen UK Besuch gesponsort.
Wir haben „Jeder ist verantwortlich – Vier Filme der Filmgruppe Chaos über Menschen im Räderwerk der politischen Verhältnisse“ im Gepäck. [„Die Bilder verweigern sich einer glatten digitalen Bildästhetik, sie wurden komplett auf 16mm Filmmaterial aufgenommen und handentwickelt. … “ –> http://www.filmgruppe-chaos.de/verantwortlich/verantwortlich.html].
Die Filme wurden für die Vorführungen natürlich eigenhändig mit englischen Untertiteln ausgestattet.
Die Zeiten haben sich geändert und man überquert nicht mehr einfach den Ärmelkanal, man braucht heute ein Visum. Den Ex-Terroristen Lutz Taufer wollte man nicht ins Land lassen. Die angekündigte Diskussion mit dem Protagonisten mußte auf eine Online-Zuschaltung umdisponiert werden.
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Nach der langen Abwesenheit fielen mir die Veränderungen auf. London hat eine ganze Reihe neuer Hochhäuser bekommen, Gentrifizierung macht vor ehemaligen Problemvierteln nicht halt, und die fortschreitende Verarmung der einfachen Menschen ist spürbar. Daß man in einem antifaschistischen Pub sein Bier nicht bar bezahlen konnte, sondern nur auf Karte, war schon überraschend.
Die Filmveranstaltung fand in Hackney im DNA Café statt. Das Café hatte einen großen Veranstaltungsraum im Keller und dort zeigt man regelmäßig Filmprogramme mit politischem Anspruch. Direkt neben dem Café befindet sich das Rio Cinema, das offensichtlich auch Interesse an politischen Filmen zeigt.
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Die Werbung für einen Monat Arbeiterkino mit stark ermäßigtem Eintritt für Gewerkschaftsmitglieder.
Der Film Kurts Schluss erzählt die Geschichte von Vaddern und seinen Versuchen, den Lauf der Welt nicht einfch hinzunehmen und sich widerständig zu zeigen [“ … Kurts Schluss beschreibt ein Stück bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte, indem der Film der Lebensgeschichte des Elektrikers Kurt Weber folgt, der wegen des Aufrufs zu einer Friedensdemo aus der SPD ausgeschlossen wurde und später zu einem frühen Opfer der Berufsverbote wurde. …“].
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In den 90ern besuchte Kurt gemeinsam mit seinem Sohn London. Unser Anlaufpunkt war damals das Collin Roach Center, der Stadtteilladen Hackneys, nur 500m weiter an der Straße, an der auch das DNA Café liegt. Kurt war wieder in Hackney, diesmal auf der Leinwand.
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Unser Publikum mit rund 40 Zuschauern war eine interessante Mischung. Lutz fand die Fragen interessanter als die ihm bisher in Deutschland gestellten. Viele hatten, teilweise als Migranten, eigene Erfahrungen mit politischen Kämpfen. Man versuchte die im Film thematisierten internationalistischen Kämpfe mit den heutigen Protesten zu vergleichen und war recht unzufrieden mit der aktuellen Situation. Als Lutz sagte, es sei jetzt nicht die Zeit, mit der Waffe zu kämpfen, Kommentierte eine Zuschauerin das mit dem Zwischenruf „noch nicht!“. Im Wesentlichen ging es den Leuten darum, wie man die eigene Hilflosgkeit angesichts der schlimmen politischen Entwicklungen überwinden kann. Lutz wurde auch gefragt, wie er es geschafft hätte, all die Jahre Knast und alle Bosheiten, die man ihm angetan hat ungebochen zu überstehen. Lutz spielte es ein wenig herunter, als er sagte, daß er sie einfach nicht gewinnen lassen wollte, die sich mit Knast und Folter an der Macht halten, das war seine Grundhaltung. Er möchte aber nicht als Held gesehen werden, er sei oft gescheitert und möchte nicht glorifiziert werden.
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Die Zeit war für eine längere Diskussion zu knapp, denn einige wollten als Cineasten oder als Filmemacher das Filmprogramm diskutieren. Eine griechische Kuratorin begeisterte sich für die Bildsprache und möchte die Filme gern auf einem griechischen Festival unterbringen. Ein anderer Filmemacher setzt sich filmisch mit der RAF Mitte der 80er auseinander und eine Filmemacherin erzählte sehr aufgewühlt davon, daß ihre Eltern seinerzeit mit Holger Meins filmisch zusammenagearbeitet hätten, sie berichtete von den Debatten über Inhalt und Form des Filmemachens, aber auch über Konflikte und Paranoia unter den Filmern. Es wäre schön gewesen, all diese Gespräche weiterzuführen, doch wir mußten den Saal räumen.
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In London fande wir auch Spuren der Sehnsucht nach dem analogen Film. Ein guter Teil mag aber auch ein Stück Vintage Chick sein.
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Bristol war der nächste Veranstaltungsort. In Bristol wurde die Statue des Sklavenhändlers
Edward Colston im Rahmen der Black Lives Matter Proteste im Hafenbecken versenkt.
Aus Bristol kommen viele interessante Musiker, Punk, Reggae, Electronic, On-U-Sound Größen, Gary Clail, Massive Attack, Portishead, Tricky und auch Banksy kommt aus dieser Hafenstadt.
Und auch im Bristol fanden wir den wehmütigen Blick auf die verschwindende analoge Filmkultur.

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Zwei Läden versprachen Zeitreisen in die Welt ratternder Projektoren. …
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Unser Veranstaltungsort war die People’s Republic of Stokes Croft, ein selbstverwaltetes Kulturzentrum.

Dort war der Rechtsruck ein Diskussionsthema. Und die Repression. Der Gruppe Palestine Action wurde Terrorismus unterstellt, mit neu eingeführten Terrorism Act 2000 wurde die größte Verhaftungswelle der letzten Jahrzehnte in UK durchgesetzt. In den hungerstreikenden inhaftierten Aktivisten sah man einen Bezug zu „Jeder ist verantwortlich“.
Wir diskutierten auch die wachsenden Probleme für Veranstaltungen Räumlichkeiten zu finden, durch verängstigte Veranstalter, die um ihre Fördergelder bangen. In Bristol konnte die Repression die Stimmen für Palästina nicht zum Schweigen bringen. Aus so manchem Fenster hing die Palästinaflagge und in eingen Schaufenstern erinnert man an den Konflikt im Nahen Osten.
Chaosfilm war mal wieder unterwegs. Bewegte Bilder in bewegten Zeiten. Anderes Kino. Austausch mit dem Publikum. Könnte gern öfter passieren.


























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