… Die Komplizenschaft im Gewaltensemble zeigt sich in einer Stummheit … Wenn das vergesellschaftende Wie dunkel bleibt …
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„… Uns drängen sich Fragen auf, wenn wir lesen, Freuds Psychoanalyse sei in ihrer „eigentlichen Substanz soziologisch“ (Marcuse, Triebstrukturen und Gesellschaft, 1968), ohne dass durch eine vorabgegebene Klärung der unbewussten Strukturen selbst der Übergang in den Sozialbereich legitimiert worden wäre, wenn, anders ausgedrückt, das vergesellschaftende Wie dunkel bleibt und ungefragt vorausgesetzt wird; uns drängen sich Fragen auf […] wir werden rückfragen müssen, wenn die psychoanalytische Todestriebhypothese kurzerhand als ein Produkt bürgerlicher Ideologie verrechnet wird …“ | Aus: Hermann Lang – Die Sprache und das Unbewusste. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973 (erneut 1986, 1993) [Lang studierte unter anderem bei Gadamer, Ricoeur und Lacan. 2019 starb Lang in Würzburg]
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“ … Auf den Bildern soll zu sehen sein, wie ein 25 Jahre alter Mann kurz vor der Kollision an Gleis 2 steht. In einiger Entfernung, ihm den Rücken zugewandt, wartet eine 18-jährige Frau auf die U-Bahn. Dann, so heißt es in Ermittlungskreisen, umklammert er sie und stürzt sich mit ihr auf das Gleisbett, als die U-Bahn einfährt. Beide versterben, bevor die Feuerwehr eintrifft. …“ | Aus: „Er riss sie auf das Bahngleis“ Christoph Heinemann und Tom Kroll, Hamburg (30. Januar 2026) | Quelle: https://www.zeit.de/hamburg/2026-01/hamburg-wandsbek-u-bahn-mann-frau-mordkommission
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“ … Der Wunsch nach Vernichtung des Lebendigen kann sowohl auf das Subjekt selbst als auch auf andere Personen gerichtet sein. Im ersten Fall nimmt der Todestrieb die Form der Autoaggression oder der Regression an … Eine besondere Rolle bei der Entwicklung der Konzeption des Todestriebs spielte für Freud dabei die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, der ein bis dahin noch nie erlebtes Ausmaß an menschlicher Zerstörungslust offenbarte. Erich Fromm analysierte in seiner Schrift Anatomie der menschlichen Destruktivität (1973) unter anderem Adolf Hitler und Heinrich Himmler als „destruktive“, auf pathologische Weise vom Todestrieb beherrschte Charaktere. …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Todestrieb (14. Dezember 2025)
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“ … Die erste Drohne […] explodierte direkt neben dem Zug und brachte ihn zum Stehen. Die zweite Drohne traf eine Oberleitung, die dritte schlug direkt in einen Waggon mit 18 Personen ein. Einige konnten fliehen, andere starben, wieder andere gelten noch als vermisst. …“ | Aus: „In Stücke gerissene Leichen am Bahngleis“ | Von Juri Larin aus Charkiw [Aus dem Russischen Gaby Coldewey] (28.1.2026) | Quelle: https://taz.de/Russischer-Drohnenangriff-auf-Zug/!6149429/
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“ … Es könnte sich bei Putin um einen „inneren Vernichtungsdrang“ handeln, einen „Todestrieb“ – das Konzept hatte der Psychoanalytiker Sigmund Freud bekannt gemacht. … Russland wolle ein mächtiger Pol in der Welt sein, doch es gelinge ihm nicht, ein „erfolgreiches politisches Modell zu schaffen, dem sich andere anschließen würden“. Nun habe es also „nichts anderes zu bieten, als jeden in seine eigenen Tiefen zu ziehen“ – ein Todestrieb eben, schlussfolgert Pomerantsev. … “ | Aus: „Russland-Experte attestiert Putin einen tiefen „Todestrieb““ (13.06.2023) | Quelle: https://www.merkur.de/politik/wladimir-putin-psychologie-persoenlichkeit-motive-analyse-todestrieb-sigmund-freud-peter-pomerantsev-92336320.html
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Nach dem Lesen der obigen Artikel, die den „death drive“ plastisch werden lassen, schaute ich eine Zeitlang in ein geisterhaftes Nirgendwo. Es gibt mittlerweile so viele Artikel dieser Art (die von einer primitiven und absurd anmutender Brutalität erzählen). Einige Präsidenten und Staatsoberhäupter erscheinen mir vor dem inneren Auge in ihrer Gewaltlust fast austauschbar (als müssten sie alle ein dunkles Muster zwanghaft wiederholen). Erleben wir gerade einen globalen Rückfall, eine Vitalisierung des Todestriebs? Wie könnte der Rückfall in Wahn und Elend später in der Rückschau genannt werden? – Die Gegenwart wird durchzogen von seelisch schwarzem Wasser. Ich denke an das schreiende Unglück der Menschen, die der Krieg widerfährt. Warum stocke ich gerade diesmal bei dieser Art von Artikeln, die zeigen wie Absurdität und Gewalt sich steigern? Darf ich überhaupt darüber nachsinnen, während ich mir einen Kaffee aufsetze (es bleibt so vieles am eigenen Leben grotesk und rätselhaft – darum besser schweigen?) – Warum stocke ich, warum stockt etwas in mir, bei den obigen Artikeln? – Weil wieder eine oder mehrere zivilisatorische Schichten durchstochen wurden? – Weil sie von jedem von uns dokumentieren wie entbehrlich und ungeschützt wir sind? – Ist es nicht so, dass ich selber gerne mit dem Zug fahre, atme, lebe? – Ich glaube, ich wollte diesmal nicht in diese Wortlosigkeit fallen. Ich wollte diesmal nicht darüber hinweggehen, ich wollte innehalten. Sagte mir: Nun sieh es Dir an! Lass es wirken auf dein inneres Leben. War das nicht oft das Problem gewesen? – Die Wortlosigkeit zwischen den Generationen, die kalkulierte Kühle zwischen den Menschen (gerade in Deutschland)? Sind wir schweigsam, weil „wir“ (weil ich) für diese extreme Form von absurder Grausamkeit keine sinnvollen Sätze bilden können? (Weil die Absurdität uns übersteigt?) – Wie die eigene Naivität, die eigene Dummheit (Dunkelheit) beenden, die wie Nebelschwaden der Indifferenz an der Seele haften? – Wie könnte ich die Nadel von der Platte der Wortlosigkeit, der Überforderung nehmen, die durch einen Kratzer immer wieder in die gleiche Rille springt? – Ich erinnerte mich an DADA als eine Revolte gegen die falsche Moral und gegen die große Politik, die man mit Verstand nicht mehr fassen konnte [die Werke der Dadaisten sollten eine künstlerische Antwort auf das irrationale Abschlachten des [1. Welt-] Krieges sein.] | Quelle: „Dada – eine Antwort auf den Krieg“ von Sabine Oelze und Benjamin Wirtz (2016) | Quelle: https://www.dw.com/downloads/30109427/nachrichten-mit-vokabeln-20160209-dada-eine-antwort-auf-den-krieg.pdf | … Aber heute (2026) kann DADA nicht mehr eine Antwort auf den Krieg (auf den death drive) sein. Die Karte wurde ausgespielt. Es scheint mir als wäre DADA bereits vergilbt und unleserlich geworden. Die multimediale Öffentlichkeit ist heute eine Andere.
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Ich denke an den Film „Le Train“ mit Jean-Louis Trintignant und Romy Schneider. „Le Train“ stellt präzise und fast universell Fragen zum Krieg (und seiner Absurdität). Konkret werden in „Le Train“ die Fragen an den Radiomechaniker Julien Maroyeur („einen ganz gewöhnlichen“ Mann) gestellt – ein Mann, der Zeit braucht, um seine Antwort zu finden – wohl auch in Stellvertretung für die Filmzuschauer: “ … „Le Train – Nur ein Hauch von Glück“ (Frankreich | Italien, 1973) entstand unter der Regie von Pierre Granier-Deferre nach dem Roman des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. … [Der Film] entlarvt sich nie als ein Beitrag der falschen Untertöne und erspart sich unangebrachte melodramatische Anflüge, oder gar den Zeigefinger zu erheben. … “ | https://www.italo-cinema.de/item/le-train-nur-ein-hauch-von-glueck | https://de.wikipedia.org/wiki/Le_Train_%E2%80%93_Nur_ein_Hauch_von_Gl%C3%BCck
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Jean-Louis Trintignant als Radiomechaniker Julien Maroyeur
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Ich denke an einen Text von Christina Thürmer-Rohr: “ … [»Die Stummheit der Gewalt und die Zerstörung des Dialogs«]: … Gewalt verletzt den Anspruch auf eine dialogische Existenz … Diese Möglichkeit [der dialogische Existenz] wird mit jedem Akt der Gewalt verweigert oder verworfen. … Gewalt definiert sich nicht nur über die einzelnen Gewalttaten und -täter, sondern ebenso über ihren Kontext, ihre Unterstützung und Duldung. Die Komplizenschaft im Gewaltensemble bedeutet nicht nur Zugehörigkeit zum Ensemble der Schadensanrichter, sondern zum Ensemble der Dialogzerstörer. Duldung von Gewalt ist gleichbedeutend mit der Stärkung eines monologischen Prinzips … Die Komplizenschaft im Gewaltensemble zeigt sich in einer Stummheit, die sich wie eine Epidemie addierter Monologe ausbreitet. …“ | Quelle: »Die Stummheit der Gewalt und die Zerstörung des Dialogs« (UTOPIE kreativ, S. 773-780, 2002) | Aber auch hier wird etwas ausgesprochen, was längst bekannt ist. Es spricht etwas aus, dass immer wieder übergangen werden kann (und immer wieder übergangen wird) – der Todestrieb verachtet Argumente, Diskussionen, das Miteinander (und gefällt sich in einem Eigenrausch – in der zerstörerischen Raserei).
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Ich frage mich, wie und wo sich die Dinge des Lebens niederschlagen werden. Wie wird später der death drive der jetzigen Welt erzählt werden? – Wie wird erzählt werden, was wir gerade erleben? – Wie wird es erzählt werden in der Rückblende, in der Rückschau? – – – „… An der Auseinandersetzung zwischen den kriegskritischen Positionen um Remarque und den radikalnationalistischen Texten um 1929/30 kann schließlich abgelesen werden, daß die symbolische Neuordnung im literarischen Feld die spätere politische Entwicklung vorweggenommen hat. … [„…Ähnlich wie auch in der zeitgenössischen Malerei, bei George Grosz und Otto Dix, kulminiert die literarische Darstellung während und nach dem Ersten Weltkrieg in der Beschreibung von Kriegskrüppeln oder Wahnsinnigen. …“] …“ | Zu „Imaginäre Schlachtfelder“ – Kriegsliteratur in der Weimarer Republik – Eine literatursoziologische Untersuchung, Jörg Friedrich Vollmer, Erscheinungsjahr 2003 | Quelle: https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/9872
// Notiz / Verweis: Erich Maria Remarque (1898 – 1970) war ein deutscher Schriftsteller. Er wurde mit dem 1928 erstmals erschienenen, zuerst 1930 in Hollywood verfilmten Antikriegsroman Im Westen nichts Neues weltberühmt. … Im NS-Staat wurden seine Bücher verboten und 1933 öffentlich verbrannt. 1938 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. …–> https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Maria_Remarque
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