Kategorie: Visual.Notes

Visual.Notes

[Ordnung, Herrschaft und Interessen #59… ]

Bild: Die Boulingrin-Markthalle in Reims vor der Renovation (Demeester, 8 August 2009). “ … In der Kritik wurde Eribon mit allerlei Spekulationen zum «Weltweisen» gekürt. Eribon wehrte seine Verantwortung und Zuständigkeit entschieden ab: «Hören Sie, ich weiss nicht, was ihr wollt. Ich habe ein Buch über meine Mutter geschrieben und jetzt soll ich Brexit, Trump und die Welt erklären» …“ via
Doris Akrap (24. 12. 2016): “ … Als ich diesen Sommer „Rückkehr nach Reims“ las, das autobiografische Buch des französischen Soziologen Didier Eribon, hatte ich ein Gefühl, das derzeit wohl vor allem AfD-Wähler haben: „Endlich sagt mal jemand, wie es ist.“ Und nicht nur, weil mich der Satz seiner Mutter – „Soziologie? Hat das was mit der Gesellschaft zu tun?“ – an meine Mutter erinnerte. Ich bin weder homosexuell noch Universitätsprofessorin, und auch in vielen anderen Details unterscheidet sich meine Familie deutlich von der Eribons. Trotzdem: Es war das erste Mal, dass jemand in meiner linken, bürgerlichen Filterblase über seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie so über diese redete, wie es Linke nicht so gern hören: wie ätzend eng es in Arbeiterhaushalten ist, räumlich, ökonomisch, geistig und emotional. Er thematisiert, was für bürgerliche Linke kein Thema ist: Dass man als Exot mit proletarischer Herkunft keinen profitablen Sonderstatus in der bürgerlichen Welt hat, sondern einen hohen Preis zahlt: den radikalen Bruch mit der eigenen Herkunft, die man dennoch nicht los wird. … Meine Mutter hatte keine Ahnung, was Klasse bedeutete. Sie sprach von „den kleinen Leuten“, so wie sie auch von „den Ausländern“ sprach, obwohl sie selbst mit einem verheiratet war und eine ihrer Töchter, ich, eine Aufenthaltsgenehmigung brauchte. …“ | Aus: „Klassengesellschaft in Deutschland: Rückkehr nach Flörsheim“ | https://taz.de/Klassengesellschaft-in-Deutschland/!5368011/

Blacky 25.12.2016, 23:18: “ … Liebe Frau Akrap,… Ihr Artikel hat mich sehr nachdenklich gestimmt – auch was mein eigenes Verhältnis zu meinen Eltern betrifft (die zwar aus einem anderen Milieu stammen, aber Kommunikationsschwierigkeiten kommen auch woanders vor ;-)). …“

redshrink #185: “ … Die Berliner Blockbebauung ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ausdrücklich zum Ziel eine Mischung aus „höheren“ und „niederen“ Schichten zu erreiche. Zur Straße hin die größeren repräsentativeren Wohnung, zu den Höfen hin die Wohnungen der „kleinen“ Leute. Die einen verloren die anderen nie gänzlich aus dem Blick. Heute werden die „kleinen Leute“ aus ganzen Innenstadtvierteln gänzlich herausgeplatzt. Tragische Entwicklungen wie die trostlosen Neubaugebiete um den Gleisdreieckpark in Berlin riskieren erst gar nicht ihre Entwertung durch den „Pöbel“; man bleibt nett und adrett unter sich in seiner gemächlichen Retortenarchitektur, die ein wenig „nach was“ aussehen soll.
Ich habe in London als Psychiater einen Dienst für obdachlose Menschen, Sexarbeiter*innen, marginalisiert Minderheiten und die verachtete und bettelarme (auch weiße) Unterschicht ärztlich geleitet. Man wird sensibel für Umgestaltungen öffentlicher Räume, in welche arme Menschen keinen Platz mehr haben, vor allem in London, wo sich vieles was wie öffentlicher Raum aussieht in privatem Besitz befindet. Die institutionalisierte und mediale Demütigung armer Menschen ist menschlich widerlich, aber die Armut, die ständige Sorge, ob das Geld reichen wird, die vielen Konflikte – Papas Kneipentour mit Kumpels oder neue Schuhe für den Sohn – zermürben die Menschen. …“ | https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-02/klassismus-soziale-gruppen-soziologie-literatur-gesellschaft?cid=56054948#cid-56054948

DeLaSoul #160: “ … Viele aus den sog. „Unteren Schichten“ schauen auch voller Verachtung auf „die da oben“, die ihnen mit gerümpfter Nase aus dem Weg gehen. Die fokussieren viel mehr auf „Stars“, man träumt sich in die Welt des Glamour. Zum gehobenen Bildungsbürgertum eher nicht. Akademikergeschwafel finden die zum Kotzen. …“

E_Dantes #160.1: “ … Nicht, wenn sie selbst Akademiker sind aber mit 50 in den Niedriglohnsektor sanktioniert wurden. …“

Gero von Randow (1. März 2021): “ … Die derzeitige Diskussion um die Frage, ob wir in einer Klassengesellschaft leben, hat einen blinden Fleck. Die Privilegien, die sie anspricht, sind materieller und ideeller Art: Geld, Sachen, Bildung, Habitus, Prestige, Gesundheit, Lebensdauer, alles ungleich verteilt. Und zwar ziemlich dauerhaft, über Generationen hinweg, denn Klassen reproduzieren sich. Aber was ist mit der Herrschaft? …Herrschaft ist also nicht nur ein politisches Phänomen, sondern auch ein soziales. Nicht nur eine Kanzlerin übt Herrschaft aus, sondern auch ein Unternehmensvorstand oder ein Priester, eine Redakteurin oder ein Platzanweiser. Artikel 20 des Grundgesetzes spricht lediglich davon, wie die Staatsgewalt legitimiert wird, und schließt nicht etwa aus, dass in der Gesellschaft Herrschaftsverhältnisse existieren. … “ | https://www.zeit.de/kultur/2021-02/klassenherrschaft-klassengesellschaft-deutschland-soziale-ungleichheit-demokratie-marx

jgbk #115: “ … Mich beherrscht überhaupt niemand. …“

StamoKap2019 #115.1: “ … Cool. Mit Abstand der lustigste Kommentar. …“

jgbk #115.2: “ … Was ist daran lustig? …“

StamoKap2019 #115.3: “ … Alles. :-)) …“

jgbk #115.6: “ … Der Staat braucht Geld um seine Aufgaben zu erfüllen. Es gibt keine Ausgangsperre ich war bisher jeden Tag draussen. GEZ ist doch Peanuts gegen das was z.B. ein Raucher verraucht. …“

DaDaDude #115.7: “ … Sie haben es nicht verstanden. … „

K. Theo Frank #52: “ … „Leben wir unter einer Klassenherrschaft?“ Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen ihre Mitmenschen nicht mehr als Individuen sehen, sondern als Mitglieder bestimmter Gruppen, wodurch sie sie auf jene Gruppen reduzieren. Der Grund für den identitären Turn der Gesellschaft ist wahrscheinlich die Verdummung bzw. Überforderung oder das Desinteresse ihrer Mitglieder an der unendlichen Komplexität des Einzelnen, kombiniert mit der manifesten Spaltung, welche dieser Turn erzeugt. …“

Doonsbury #111: “ …Gesellschaftswissenschaftler und Journalisten lieben Klassen und Schichten; Forumschreiber offenbar auch, sonst gäbe es in so kurzer Zeit keine 107 [mittlerweile 726] Kommentare und ich nehme mich nicht aus. Trotzdem sind die Grenzen seit Ende der Feudalgesellschaft immer fließender und vielschichtiger geworden, so dass es sich inzwischen um relativ willkürlich gezogene Linien innerhalb einer Gesellschaft mit sehr großer Spreizung aber wenig definierbaren Rangverhältnissen handelt. Welcher Klasse gehört z.B. ein erfolgreicher Autohändler an, der in seiner Kleinstadt zu den Tonangebenden gehört aber schon im nächsten großen Hotel als reicher Prolet betrachtet und von anderen Gästen auch teilweise so behandelt wird? ein Fußballprofi mit Millioneneinkommen, der seinen eigenen Vertrag kaum lesen kann? ein Dr. der Philosophie, der sich auf einer halben Stelle und mit gelegentlichen Veröffentlichungen mehr schlecht als recht durchschlägt? Klasse lebt von Distinktion und Distinktionen gibt es viele. Die Gesamtgesellschaft ist aber keine Pyramide oder sonst etwas geometrisches sondern zum Glück etwas sehr Vielfältiges, in dem man auf viele verschiedene Arten erfolgreich sein kann, notfalls auch als Gangsta-Rapper. …“

thesard_ecully #67: “ … Ich habe länger Zeit in drei europäischen Staaten gelebt (wenn man die DDR als Staat mitzählt, sogar vier): Deutschland, Frankreich, Großbritannien. Deutschland ist bei weitem die klassenloseste Gesellschaft. In Frankreich gibt es offiziell seit der Revolution nur Franzosen einer Klasse („la République est une et indivisible“), auch wenn in Wirklichkeit das (Groß-)bürgertum herrscht. Klassenzugehörigkeit ergibt sich durch Geld, aber auch durch Habitus, Bildung, Sprachbeherrschung. In GB hat es nie eine wirkliche Revolution gegeben, Klassenbewusstsein ist voll ausgeprägt (Leute sagen „I’m working class“) und die herrschende Klasse ist seit ca. 1066 dieselbe. Klassenzugehörigkeit definiert hier den ganzen Lebensstil. In Deutschland hat es im letzten Jahrhundert so viele Verwerfungen gegeben, dass sich eine beherrschende Klasse vielleicht erst so langsam wieder herausbildet. …“

wetware #8: “ … Die Klassenherrschaft hat sich extrem weiterentwickelt und differenziert, weil aus den Klassenkämpfen gelernt wurde. Von brutaler Unterdrückung her gab es eine Entwicklung zur Internalisierung der Macht, der Erzeugung legal freier Subjekte, denen die Einfügung in Machtverhältnisse wie eine zweite Natur ist. …“

Empiricism #95: “ … Laut einer Studie des Bundesminesteriums für Arbeit leben wir nicht bloß in einer Klassengesellschaft, sondern in einer Oligarchie. Da wurden über einen Zeitraum von 15 Jahren Gesetzesbeschlüsse mit Meinungsumfragen abgeglichen, Ergebniss: Der Einfluss der oberen 10% war alles dominierend, die mittleren 80% hatten einen statistisch von 0 nicht zu unterscheidenden Einfluss, während die Regierung aktiv gegen die Interessen der unteren 10% gearbeitet hat, egal welche Partei da gerade die Pöstchen besetzt hielt. Leider scheint die Studie von deren Website verschwunden zu sein, …“

mwandishi #116: “ … Sieht man sich den Armutsbericht von 2015 an, wird klar wer profitiert und das ist die Oberschicht: Im Armutsbericht von 2015 der UNI Osnarbrück heißt es dazu: „…Darüber hinaus konnten wir erstmals für Deutschland nachweisen, dass politische Entscheidungen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit den Einstellungen höherer Einkommensgruppen übereinstimmen, wohingegen für einkommensarme Gruppen entweder keine systematische Übereinstimmung festzustellen ist oder sogar ein negativer Zusammenhang. …“ [https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Service/Studien/endbericht-systematisch-verzerrte-entscheidungen.pdf?__blob=publicationFile&v=3 | „Systematisch verzerrte Entscheidungen? – Die Responsivität der deutschen Politik von 1998 bis 2015. Endbericht“ | https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Armutsbericht/doc/2015_Armutsbericht.pdf | //
„Gelenkte Wirklichkeit: Bundesregierung streicht brisante Stellen aus Armutsbericht“ Marcus Klöckner (15. Dezember 2016) – https://www.heise.de/tp/features/Gelenkte-Wirklichkeit-Bundesregierung-streicht-brisante-Stellen-aus-Armutsbericht-3572521.html] Die Bundesregierung verwässerte allerdings bei der Veröffentlichung die Ergebnisse …“

[RWF #10… ]

“ … Jean de Baroncelli stellte am 19. Januar 1980 in Le Monde auf die allegorischen Qualitäten des Films ab: der Film präsentiere Maria Braun mit einer „leuchtenden Einfachheit“ als Allegorie für Deutschland, sie sei wie das Land „ein Wesen, das mit auffälligen teuren Kleidern angetan ist, das aber seine Seele verloren hat“. … „Fassbinders Geschichtsschreibung ist eine private“, stellt Pott fest. Indem er Geschichte am persönlichen Schicksal einer Frau festmacht, synchronisiert er deren Schicksal mit dem ihrer Umwelt. Figuren wie Maria werden in Fassbinders Werk somit zu „Inkarnationen ihrer Epoche, parabolisch spiegeln sie in ihrem politisch unbewussten Privatleben die kollektive Mentalität der Zeit“. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Ehe_der_Maria_Braun (10. Oktober 2020)

[Zur Begegnung mit Phantomen #10… ]

“ … Der Kunsthistoriker und Wahrnehmungstheoretiker Ernst Gombrich beschrieb als „phantom percepts“ den Umstand, dass wir nie nur sehen, was wir sehen, sondern stets antizipieren, erinnern, und die Relation der eigenen Position zum Gegenstand mitdenken. … Klassenverhältnisse existieren, [ ] als Phantome, … Getreu der Erhardschen Maxime „Wohlstand für alle“ hatten Millionen von Deutschen einst ein Ziel vor Augen, das sich tatsächlich erreichen ließ: ein Platz in der Mittelschicht. Das bedeutete mehr Wachstum und sozialen Frieden, von dem alle profitierten. Der Begriff der „Klasse“ als Relikt der Klassenkämpfe der 1970er Jahre erscheint heute überholt. Der französische Soziologe und Philosoph Didier Eribon weist aber darauf hin, dass „wenn man ‚Klassen’ und Klassenverhältnisse einfach aus den Kategorien des Denkens und Begreifens und damit aus dem politischen Diskurs entfernt, verhindert man aber noch lange nicht, dass sich all jene kollektiv im Stich gelassen fühlten, die mit den Verhältnissen hinter diesen Wörtern objektiv zu tun haben.“ … “ | Zur Ausstellung: „Klassenverhältnisse – Phantoms of Perception“ (2018-2019) | https://www.kunstverein.de/ausstellungen/rueckblick/class-relations-klassenverhaeltnisse

Kameramann Billy Bitzer bei der Vorbereitung eines Phantom Ride (Publicityfoto), um 1900 … Als Phantom Ride, also ‚scheinbare oder geisterhafte Fahrt‘, wird ein Genre der frühen Filmgeschichte bezeichnet, das um 1900 besonders in Großbritannien und den Vereinigten Staaten populär war. … | https://de.wikipedia.org/wiki/Phantom_Ride

“ … Auf einer Tonbandaufnahme von 1973 erklärt Brinkmann: »Ich bin mit Fritz Mauthner der Ansicht, daß Sprache, Wörter, Sätze zur Welterkenntnis völlig untauglich sind. Es sind immer nur Wörter und Sätze, Formulierungen aber was ist denn da tatsächlich? … In seiner Biographie steht Vechta, die Kleinstadt in der er aufwuchs, für alles, was er hasste: Enge, Bigotterie, Dumpfheit. In Vechta gibt es drei Gefängnisse, und zwei Hochschulen. Für Brinkmann »Ein Schweinelandstrich, viel krüppeliges Grünzeug, katholisch verseucht.« …“ | http://www.glanzundelend.de/auswahl/brinkmann.htm

“ … Schämen Sie sich für Ihre soziale Herkunft? – Wer arm aufwächst, hatte nicht nur weniger Geld. Viele kämpfen auch mit Scham und Vorurteilen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte. …“ | https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-08/klassismus-soziale-herkunft-armut-bildung-vorurteile-diskriminierung-leser

DAS873 #23 (2020): “ … Möglicherweise könnte man auch mal ZON-Redakteure fragen, ob „Sie“ irgendwie Scham haben, born natural zumindest im oberem Mittelstand aufgewachsen zu seien. Könnte man ja noch nen Artikel draus machen. … “ | https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-08/klassismus-soziale-herkunft-armut-bildung-vorurteile-diskriminierung-leser?cid=53766018#cid-53766018
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(2021): “ … Ein Witz auf Twitter hat im November irritiert: „Wie viele Arbeiterkinder braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? 15. Einer wechselt die Glühbirne, die anderen 14 kriegen Kolumnen über ‚Klassismus‘ bei Vice“, schrieb Lars Weisbrod, Feuilleton-Redakteur der ZEIT. … Erfolgreiche Veröffentlichungen von Didier Eribon, Annie Ernaux, Christian Baron und anderen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es ein neues Interesse an der Klassenfrage gibt. … Aber kann diese Art der literarischen, subjektiven Auseinandersetzung etwas verändern? …“ | https://taz.de/Klassenfragen-stellen/!5748764/
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Das Problem ist in unserer Klassengesellschaft eher, dass die Menschen [ ] sich gegenseitig für Phantome haltenIch bin noch nie auf die Idee gekommen, dass meine Putzfrau meinen Dreck wegräumt. Komische Ansicht: „das kann Branka machen“ total außerhalb meiner Vorstellungswelt.Eine Klassengesellschaft? „Der“ Kapitalismus (was sowieso Blödsinn ist) teilt in Gewinner und Verlierer? Zu einer Klassengesellschaft gehört für mich auch ein Klassenbewußtsein. Das kann ich nicht finden.Jeff Bezos hat am Montag innerhalb von 24 Stunden 13 Milliarden Dollar verdient. Für mich ist das kein Grund für irgendeine Debatte, sondern eher Anlass anzuerkennen, dass er sich an dem Tag einfach richtig reingehängt hat. …

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Heinrich Zille: Müllsammler, Handzeichnung von 1895 (Stadtmuseum Berlin)

“ … Philipp Daum: Warum schämt man sich in Ihrem Milieu dafür, eine Putzfrau zu beschäftigen? – Anke Stelling: Da kollidieren Bequemlichkeit und Bewusstheit. …“ | Aus: „Anke Stelling: „“Klasse durchdringt alles““ – Interview: Philipp Daum (15. Februar 2021) | https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-02/mittelschicht-anke-stelling-schaefchen-im-trockenen/komplettansicht | https://de.wikipedia.org/wiki/Anke_Stelling
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Dyra #91: “ … Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, dass meine Putzfrau meinen Dreck wegräumt. Sie hat einen Beruf, in dem sie die Arbeit viel besser und schneller macht, als ich es könnte. Sie gehört zu meinen „Betrieb“ Haushalt, ich vertraue ihr und das hat nichts mit Freundschaft zu tun. Aber mit gegenseitigem Respekt. Komische Ansicht: „das kann Branka machen“ total außerhalb meiner Vorstellungswelt. …“ | https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-02/mittelschicht-anke-stelling-schaefchen-im-trockenen?cid=55997623#cid-55997623
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Doktor hahacece #86: “ … Endlich mal ein Interview [https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-02/mittelschicht-anke-stelling-schaefchen-im-trockenen/komplettansicht] in dem die bundesdeutsche Wirklichkeit in all ihrer Pracht realistisch dargestellt wird. … Und endlich kann man das Wort Klassengesellschaft wieder lesen und benutzen. In dieser Klassengesellschaft leben wir schon seit Beginn der Industrialisierung … „
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zadong #77: “ … Ohne das Buch gelesen zu haben, aber die Autorin lebt in einer anderen Welt als ich. Das geht mir häufig so bei solchen eher klassisch-Linken Sichtweisen. Eine Klassengesellschaft? „Der“ Kapitalismus (was sowieso Blödsinn ist) teilt in Gewinner und Verlierer? Zu einer Klassengesellschaft gehört für mich auch ein Klassenbewußtsein. Das kann ich nicht finden. Meine Oma hatte das noch, die konnte noch Sagen „Wir sind Arbeiterklasse!“. Aber Heute wäre das Lächerlich. Das ist doch, böse ausgedrückt, heute mehr Selbstetikettierung von Menschen mit Abitur. …“
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Nightrider #77.2: “ … “ …Klassenbewußtsein. Das kann ich nicht finden“ – – – Genau darum geht’s. …“
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U. Hermes #77.1: “ … Wer liefert Ihre Pakete? Wer putzt Ihr Büro? Man spricht nicht umsonst vom modernen Dienstleistungsprekariat. Ich frage mich, wie man auf die Idee kommt, dass es die Klassengesellschaft nicht mehr gibt. Vielleicht haben Sie ein zu eingefahrenes Bild des Proletariats als Industriearbeiterschaft. Die ist bei uns wohlsituiert und verdient manchmal so viel wie gehobene Akademiker:innen. …“
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[ … „Menschenunwürdig“ seien die derzeitigen Arbeitsbedingungen, sagt er. Die Forderungen der Protestierenden fasst er so zusammen: Lieferdienste wie Wolt und Lieferando müssten eine richtige Winterausrüstung zur Verfügung stellen. Jede FahrerIn müsse selbst entscheiden können, ob er oder sie bei diesen Bedingungen zur Arbeit erscheine. Auch einen Kältebonus müsse es geben. Von der Politik erwartet Schülke, dass „den Lieferdienstfirmen klare Vorschriften gemacht werden, die zum Beispiel die Arbeitszeiten bei diesen Witterungsbedingungen beschränken“. … Manche seiner KollegInnen würden trotz Minusgraden „bis zu zehn Stunden am Tag“ fahren, erzählt Schülke. Viele könnten aus ihren regulären Jobs derzeit keine Einkünfte erzielen. Dazu komme, dass viele FahrerInnen kein Deutsch sprächen. „Da ist die Gefahr groß, nur aus der Angst heraus zu funktionieren.“ Am Mittwoch hatte der Lieferdienst Delivery Hero verkündet, dass sich der Umsatz im Pandemiejahr 2020 auf Basis vorläufiger Zahlen mit rund 2,8 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr nahezu verdoppeln könnte. Nun wollen die Fah­re­rIn­nen einen Teil vom Kuchen abhaben. Noch besäße man aber nicht die nötigen Strukturen, um selbst ausreichend Druck zu erzeugen, erzählt Schülke. …“ ] | Aus: „Berliner Radkuriere protestieren: „Hört auf, Essen zu bestellen!““ Timm Kühn (11. 2. 2021) | Quelle: https://taz.de/Berliner-Radkuriere-protestieren/!5746305/
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Beutelpinguin #85.1: “ … Das Problem ist in unserer Klassengesellschaft eher, dass die Menschen, die sich gegenseitig für Phantome halten, keinen Kontakt mehr zueinander haben und nicht mal mehr die gleichen Medien nutzen. …“

Kontext #1

Karosh Taha, geboren 1987 in der kurdischen Stadt Zaxo, lebt und schreibt im Ruhrgebiet. (28. April 2020): “ … In Deutschland wird der Begriff der ‚Armut‘ in politischen Kontexten seit Jahrzehnten vermieden; wenn er unvermeidlich wird, dann wird er umschrieben: Von ’sozialer Ungerechtigkeit‘ ist die Rede, von ‚Chancenungleichheit‘ und ‚Perspektivlosigkeit‘ – diese chamäleonartigen Wörter eignen sich gut für Wahlplakate, weil sie verschiedene Probleme ansprechen können, ohne das Kernproblem ‚Armut‘ ausgesprochen zu haben. … Die Verleugnung der Armut bedeutet auch: Es gibt keine ‚Armen‘. Es gibt nur Menschen, die glauben, arm zu sein, aber eigentlich sind sie: ‚Geringverdienerinnen‘, ‚Hartz-IV-Empfängerinnen‘, ‚Sozialschmarotzer*innen‘, ‚Arbeitsunwillige‘. 1962 wurde ‚Armenfürsorge‘ in ‚Sozialhilfe‘ umbenannt, dann Anfang der 2000er-Jahre in ‚Arbeitslosengeld I‘ und ‚Arbeitslosengeld II‘, schließlich in ‚Hartz-IV-Leistungen‘ – die Begriffe sind nicht nur technokratischer geworden, sie lenken die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung: Es geht nicht mehr um Arme, sondern um Arbeitskräfte. … Während man früher glaubte, dass Armut ein gottgegebenes Schicksal sei, glaubt man heute, Armut sei selbst verschuldet – und wenn etwas selbst verschuldet ist, dann kann, nein, dann muss man sich selbst aus dieser Armut befreien, und das kann nur, wer hart genug arbeitet. … So loben wir Arbeiterkinder als Aufsteigerinnen, wenn sie ihr soziales Milieu verlassen. Wir ermutigen sie sogar, es zu verlassen, wir sprechen von einer sozialen Leiter, wenn doch eigentlich von einer finanziellen Leiter gesprochen werden müsste – wir drängen die Aufsteigerinnen dazu, Verrat an ihrem Milieu zu begehen, ihre Normen, Werte und Verhaltensweisen aufzugeben – und sich dafür zu schämen. Zugleich sollen nicht alle aufsteigen, nur einzelne, damit man weiterhin daran glaubt, hart arbeiten zu müssen, dass es genügt, nur ehrlich sein zu müssen, um der Misere der Armut zu entkommen. Armut ist nämlich nützlich: Je geringer die Hilfeleistung oder der Lohn, desto abhängiger ist der Arme vom Wohlwollen des Reichen, je abhängiger vom Staat, desto williger ist der Mensch …“ | https://www.zeit.de/kultur/2020-04/armut-chancenungleichheit-arbeitslosigkeit-hartz-iv-10nach8/komplettansicht
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Computer sagt NEIN #7.1: “ … Und manche, wie zu lesen, stolpern in die Falle und über ihre Eitelkeit. Aber Hauptsache mal loswerden, dass die Welt schon ok so ist (arm = faul und doof). Diese Sicht ist noch kein Verbrechen. Aber die Auswirkungen dieser Denkweise erleben wir jeden Tag. …“
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Shibboleth #17: “ … Was mich immer stört, das ist der Begriff „sozialschwach“, wenn es um arme Menschen geht. Eigentlich ist der Cum-Ex Betrüger und Steuerhinterzieher sozialschwach, egal wieviel er auf dem Konto hat, während der arme Mensch, der bei der Tafel mithilft, die syrische Flüchtlingsfamilie, die 500 Masken am Tag ehrenamtlich für die Bevölkerung näht, und der CEO oder Firmenbesitzer, der für soziale Zwecke spendet, „sozialstark“ [ist] …“

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Kontext #2

Peter Kossen kämpft seit Jahren gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen. Dass sich viele Leiharbeiter nun infiziert haben, überrascht ihn nicht. (10. Mai 2020): “ … Im Konkreten geht es um die Arbeitsbedingungen, weil diese Menschen in der Regel nicht im Unternehmen, also beispielsweise von den Schlachtereien, angestellt sind, sondern über Personaldienstleister. Sie werden also nicht nur beschäftigt, um Produktionsspitzen abzufedern, sondern sie stellen bis zu 80 Prozent der Arbeiterschaft. Faktisch arbeiten sie 60 Stunden die Woche, sind total erschöpft – und dadurch auch besonders anfällig für Krankheiten. … Der Wohnungsmarkt ist in Deutschland sehr eng. Arbeitsmigranten, die keine sozialen Kontakte hier haben und oft die Sprache nicht können, müssen nehmen, was sie bekommen – und das ist oft das, was die Firma, die einen verleiht, anbietet. Das sind dann Sammelunterkünfte, Schrottimmobilien, Bruchbuden, die vollgestopft werden. … In meiner Nachbarschaft in Lengerich gibt es ein ehemaliges Hotel, an dessen Postkasten 55 Namen stehen. So viele Zimmer hat das Gebäude aber bestimmt nicht – die Räume müssen mehrfach belegt sein. Sicherheitsabstände kann da niemand einhalten. Zudem ist es ein altes Haus. Hygienische Fragen stellen sich also bestimmt auch. Das ist im ganzen Bundesland so. …“ | https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-05/coronavirus-schlachthoefe-arbeitsschutzgesetz-fleischwirtschaft-abstand-hygiene

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Kontext 3

Studierendenvertretender #5: “ … „Wir müssen und wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“ Gerhard Schröder, Davos 2005 …“ Zu: „Eine Million Menschen müssen ihren Lohn „aufstocken““ (12. Juli 2020) | Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-07/mindestlohn-hartz-iv-aufstocker

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Kontext 4

Nico Semsrott @nicosemsrott (3:42 nachm. · 22. Juli 2020)
Jeff Bezos hat am Montag innerhalb von 24 Stunden 13 Milliarden Dollar verdient.
Für mich ist das kein Grund für irgendeine Debatte, sondern eher Anlass anzuerkennen, dass er sich an dem Tag einfach richtig reingehängt hat.
https://twitter.com/nicosemsrott/status/1285933308799586307

Schlag Sahne @NeuImNeuland Replying to @nicosemsrott
Die eigentliche Frage ist doch, weshalb Elon Musk so eine faule Socke ist.

Tesla-Chef Elon Musk darf eine etwa 2,1 Milliarden US-Dollar hohe Vergütung beziehen, weil der Börsenkurs seines Unternehmens eine vorher vereinbarte Zielmarke über längere Zeit gehalten hat. Im Mittel von sechs Monaten belief sich die Marktkapitalisierung des Automobilbauers auf mehr als 150 Milliarden US-Dollar …„| https://www.golem.de/news/zielvereinbarung-elon-musk-bekommt-2-1-milliarden-us-dollar-2007-149801.html
https://twitter.com/NeuImNeuland/status/1285942604035653632

Toxo77 @Toxo77 Replying to @NeuImNeuland and @nicosemsrott
Der is halt kiffer
https://twitter.com/Toxo77/status/1286175947130052609

usw.


[RWF #9… ]

“ … „Götter der Pest … [Rainer Werner Fassbinder (1969), Kamera: Dietrich Lohmann] handelt von Menschen, die nicht miteinander reden wollen oder können und deshalb unfähig sind, Beziehungen länger aufrechtzuerhalten. Wieder einmal veranschaulicht Rainer Werner Fassbinder seine These, dass es eine von Zwängen freie Liebe nicht gebe. Die Männer wirken emotionslos; Gefühle bleiben den Frauen vorbehalten, die wegen ihrer Empfindungen in das Geschehen eingreifen. Götter der Pest ist eine artifizielle, minimalistische, das Genre des amerikanischen Gangsterfilms parodierende Tragödie, …“
– Dieter Wunderlich, 2004 | https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tter_der_Pest

[Mythen meiner Kindheit #12… ]

[ Joachim Biemann – Eisenbahn im Film: “ … Während einer Bahnfahrt beobachtet Miss Jane Marple (Margaret Rutherford) den Mord an einer jungen Frau, welcher im Abteil eines parallel fahrenden Zuges verübt wird. Sie meldet den Vorfall zwar sofort dem Schaffner, doch wird in der Folge nirgends eine Leiche gefunden, weshalb die Behörden die Untersuchung des angeblichen Mordfalls rasch einstellen. Die schrullige, aber ebenso resolute alte Dame lässt jedoch nicht locker und stellt mit Hilfe des Bibliothekars Mr. Stringer (Stringer Davies) – und entgegen dem ausdrücklichen Ratschlag von Inspector Craddock (Charles Tingwell) – eigene Nachforschungen an, welche sich schon bald auf den Landsitz „Ackenthorpe Hall“ konzentrieren. …] | http://www.eisenbahn-im-film.de/info/murder.htm | Bild via // https://de.wikipedia.org/wiki/16_Uhr_50_ab_Paddington_(Film)

[Bewusste und unbewusste Prozesse #2 …]

// https://it.wikipedia.org/wiki/La_grande_illusione_(film)

“ … § 11. Das Unbewußte. Giebt es unbewußte psychische Wirklichkeit? Die Frage ist wichtig, denn die ganze Methode d[er] Ps[ychologie] wird davon beeinflußt. Giebt es unb[e]w[ußte] ps[ychische] V[orstellungen], so kann das Bewußtsein nicht ausreichen, die Erkenntniß des psychischen zu vollenden. Der Begriff des Bewußtseins ist jungen Datums. Also auch der des Unbewußten. Schon bei Locke kam die Frage, ob man unbewußte Ideen haben könne [!]. Er hat sie geleug[ne]t. … Ulrici hat darauf hingewiesen, daß man durch eine Straße gehen kann in Unterhaltung begriffen und daß einem Stunden [!] später einfällt, daß man etwas gesehen hat. …“ | Horst Gundlach (Autor): WILHELM WINDELBAND – Das Fach Philosophie und die Wissenschaft Psychologie im Deutschen Kaiserreich (2017) [Horst Gundlach studierte Psychologie und Philosophie. Während seiner Universitätslaufbahn, die ihn nach Heidelberg, Passau und Würzburg führte, befasste er sich mit der Geschichte der Psychologie als Teil der Wissenschaftsgeschichte. …] | https://library.oapen.org/bitstream/id/a542175b-2913-4466-ba95-af333fcfc1fe/203-68-78810-2-10-20170904.pdf // https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Windelband

“ … Es geht um das Ganze des Denkens, das sich allerdings auf doppelte Weise als fragmentarische Totalität darstellt. … Die Kraft (»forza«) des Genies sei die Kraft der Natur (1855, Zib. 1854f.), aber nicht im Sinne des romantischen Naturgenies, sondern insofern »natura« und »illusione« gleichsetzt werden. Die Natur wehrt sich gegen die mortifizierende Wahrheit des wissenschaftlichen, aufklärerischen Bewusstseins mit Illusionen,um die Subjekte zu schützen. … Jeder bewusste Zeitpunkt ist Teil einer Sukzession [Nachfolge], der durch einen je späteren gegenwärtig wird. Was wir als (lustvolle etc.) Gegenwart empfinden, ist bereits eine transzendentale Erinnerung. …“ | Aus: Milan Herold „Der lyrische Augenblick als Paradigma des modernen Bewusstseins – Kant, Schlegel, Leopardi, Baudelaire, Rilke“ – Gründungsmythen Europas in Literatur, Musik und Kunst – Band 10 (Variationen des Scheiterns – Herausgegeben von Uwe Baumann,Michael Bernsen und Paul Geyer (2017) – [Kap. Leopardi: Übergang zur Modernen Dichtung] | Quelle: https://www.romanistik.uni-bonn.de/bonner-romanistik/personal/herold/Milan%20Herold_Der%20lyrische%20Augenblick%20als%20Paradigma%20des%20modernen%20Bewusstseins%202017.pdf

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