[Zeit im Bild #48 … ]

Fotos vom Dreh – Jan Kadlec: „Das Spinnennetz“ (1989)
https://jankadlecproducer.com/work/das-spinnennetz

“ … Das Spinnennetz ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahre 1989 von Bernhard Wicki. Es ist die Filmadaption des Fortsetzungsromans Das Spinnennetz von Joseph Roth. … Vor dem Hintergrund des Inflationsjahres 1923 zeigt der Film in ausführlicher und detailgenauer Weise die unterschiedlichen Lebenswelten in Berlin: das großbürgerliche Milieu im Hause des Bankiers Efrussi, das kleinbürgerliche Milieu der Familie Lohse, das linke Künstler- und Intellektuellenmilieu, das jüdische Scheunenviertel und das adelige ostelbische Großgrundbesitzermilieu. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Spinnennetz_(1989) (11. März 2021)

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“ … Das Spinnennetz ist ein nicht zu Ende geführter Fortsetzungsroman von Joseph Roth, der vom 7. Oktober bis zum 6. November 1923 in der Wiener Arbeiter-Zeitung vorabgedruckt wurde. Die erste Buchausgabe erfolgte posthum 1967 in Köln und Berlin. … Der Protagonist des Romans, [der aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrende] Leutnant Theodor Lohse, hasst Sozialisten und Juden. Er beginnt nach dem Ersten Weltkrieg als Student der Rechte in Berlin und verdingt sich als Hauslehrer bei dem jüdischen Juwelier Efrussi. Das Sich-Einfügen ins ungewohnte zivile Leben fällt ihm schwer. Er kündigt beim Juwelier und wird Mitglied der Münchner „Organisation S II“. … Helmuth Nürnberger lobt den „Scharfblick des Autors“. Der Roman bleibe „Zeugnis einer hellseherisch anmutenden politischen Intelligenz“. … Kiesel macht unter der Überschrift Politischer Mord in Erzählwerken der Jahre 1923 bis 1930 als Tatmotive Leutnant Theodor Lohses brutales Karrierestreben und Antisemitismus fest. Joseph Roth habe zudem die „gesellschaftliche Akzeptanz“ des Täters Lohse im Nachkriegsdeutschland dem Leser vor Augen geführt.“ …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Spinnennetz (25. Januar 2021)

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“ … Rezensionsnotiz … 08.11.2011 „Joseph Roth, Stefan Zweig – Jede Freundschaft mit mir ist verderblich – Briefwechsel 1927 – 1939 Wallstein Verlag, Göttingen 2011, ISBN 9783835308428 … “ … Bewegt berichtet Rezensent Wilhelm von Sternburg von [dem] Briefwechsel zwischen Joseph Roth und Stefan Zweig, der ihm zwei Schriftsteller zeigte, die mit Entsetzen den Niedergang Deutschlands und Österreichs beobachteten und darüber in den eigenen Untergang getrieben wurden. Roth trank sich im Pariser Exil zu Tode, Stefan Zweig nahm sich zusammen mit seiner Frau in Brasilien das Leben. Der Briefwechsel, der die Jahre 1927 bis 1939 umfasst, ist ein ungleicher, berichtet Sternburg, die meisten Briefe stammen von Roth und sind zum Teil unter gehörigem Alkoholeinfluss geschrieben, wie der Rezensent vermutet: Roth schimpft und klagt über all seine Gläubiger, immer wieder bittet er den besser situierten Zweig um Geld. Sternburg liest dies berührt, bemerkt aber auch, dass Roth offenbar Zweig als Schriftsteller nicht ebenso geschätzt hat, wie er von diesem geachtet wurde. …“ | https://www.perlentaucher.de/buch/joseph-roth-stefan-zweig/jede-freundschaft-mit-mir-ist-verderblich.html

[Zu den Spielregeln der Zensur #4… ]

„Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“
// „The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover“ (Peter Greenaway: 1989)
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Koch,_der_Dieb,_seine_Frau_und_ihr_Liebhaber

“ … Peter Greenaways Film Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber ist eine „farbenprächtige Friß-und-stirb-Groteske“ … Greenaways wohl bekanntester Film zeichnet sich durch äußerst vulgäre Sprache aus, behandelt schonungslos und direkt Themen wie Sex, Macht, Unterdrückung, Gewalt, Kannibalismus etc. Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber basiert auf dem Model der Jakobinischen „Revenge Tragedy“, die sich durch ihre Besessenheit von „human corporeality – eating, drinking, defecating, copulating, belching, vomiting, nakedness and blood“ auszeichnet. Es verwundert nicht sonderlich, dass der Film in den USA von der Zensur als X-Rated eingestuft und damit wie ein Pornofilm behandelt wurde. Greenaway erläutert, auf die amerikanische Zensur angesprochen, seine Intension folgendermaßen: „Ich glaube, dass man über den Film so erschrak, weil er Tabus auslotete. Er stellte präzise und seriöse Fragen zu den Extremen der menschlichen Erfahrung. Das nicht, um sie zu zelebrieren. Mein Film sollte den Zuschauern helfen, das Normale zu verstehen.“ … Außerdem beeinflußte den Regisseur die „vulgäre, phantasielose, anti-intellektuelle Thatcher- Regierung und ihr soziales Pendant, die neue Yuppie-Mittelklasse, die sich mit Kunstwerken und Kulturereignissen schmückt.“ Somit ist Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber auch als politische Allegorie Thatcher-Englands zu lesen. … Die Arbeitskleidung von Greenaways Alterego bleibt durchgehend weiß. „Der Koch, das bin selbstverständlich ich …“ … Der Koch, so Willem van Reijen, zeige „gottähnliche Züge“ und stelle den Antipoden zum Dieb dar, „zum nahezu metaphysisch Bösen, zu jener Gestalt, die sich als ‚Fürst dieser Welt’ präsentiert.“ …“ | Aus: „Farbe im Film: „Drei Farben: Blau“ (Krzysztof Kieslowski), „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ (Peter Greenaway), „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (Jean-Pierre Jeunet) Verfasser: Mark Bachmann “ (Diplomarbeit, Wien 2010) | Quelle: http://othes.univie.ac.at/8412/1/2010-02-04_0404374.pdf
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“ … Neben Regisseuren wie David Lynch (Blue Velvet), Lars von Trier („Europa“) oder Peter Greenaway (Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber) zählen auch Joel und Ethan Coen zu den zentralen Regisseuren des postmodernen Kinos der Achtzigerjahre. …“ | Aus: „O Brother, Where Art Thou?“ Christian Horn (Datum?) | https://www.filmstarts.de/kritiken/29785/kritik.html
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“ … Gewaltexzesse werden zum täglichen Spektakel und auch Chefkoch Richard Boars (Richard Bohringer), Kellner und Gäste zu Opfern des herrschsüchtigen Kleingeistes. Verständlicherweise entscheidet Georgina eines Tages, sich Zuneigung und Leidenschaft an anderer Stelle zu besorgen. Auf der Toilette der zentralen Filmlokalität verführt sie ausgerechnet den schüchternen Buchhändler und Stammgast Michael (Alan Howard). Aus puristischem Sex wird einfühlsame Liebe, und gedeckt durch Koch und Personal treibt es das heimliche Paar in jedem denkbaren Versteck des „Hollandaise“. Doch der eifersüchtige Albert – wie sollte es anders sein – wittert die Affäre. Eine brutale Hetzjagd beginnt. … Vor dem geschulten Auge entlarvt sich ein breiter Diskurs, der über eine politische Interpretation weit hinausgeht und zwischen dem tragischen Kunstkonzept der Groteske, der mythologischen Todessymbolik, der niederländischen Stilllebenmalerei, der jüdisch-kabbalistischen Farbenlehre und der abendländischen Religionslehre pendelt. … Greenaway war nie ein Hollywoodregisseur, der die breite Masse ins Kino holen wollte. Wie er immer wieder betont, ist das konventionelle Kino für ihn längst Vergangenheit. Mit „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ hat er ein opulentes, schwarzes und groteskes Drama geschaffen, das als einmalig innerhalb der Filmgeschichte angesehen werden kann. Kameraführung, Szenenaufbau und die von Michael Nyman komponierte Filmmusik sind dabei exakt auf die filmische Handlung abgestimmt, ganz im Sinne des pedantischen Schöpfers. … Im Rahmen eines intellektuellen Autorenfilms und bei all denjenigen, die sich auf die Ansprüche und Wahrnehmungen des Künstlers einlassen können und wollen, verdient der Film [ …] das Prädikat „Meisterwerk“. …“ | aus: „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ Anna Lisa Senftleben (Datum?) | Quelle: https://www.filmstarts.de/kritiken/5093/kritik.html
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“ … »Man verläßt den Film mit einer Verstörung«, schrieb der Evangelische Pressedienst, »von der man nicht weiß, ob sie eher im Gehirn oder in den Eingeweiden sitzt.« … „Das große Fressen“ Schon vor Greenaway hatte Marco Ferreri in seinem Film (Frankreich/Italien 1973) entdeckt, wie schnell einen die Lust am Essen in den Tod treiben kann.“ …“ (DER SPIEGEL 26/1992) | https://www.spiegel.de/politik/montag-a-229354ae-0002-0001-0000-000013685399


[Seelenleben (im Bewußtsein zu träumen) #5…]

“ … Im Jahr 2012 führte eine Forschergruppe am Imperial College London eine Kernspin-Studie durch, bei der den Versuchspersonen eine Dosis Psilocybin injiziert wurde. Enzo Tagliazucchi von der Universität Kiel hat die Daten ausgewertet. Dabei entdeckte er Auffälligkeiten im limbischen System, einem evolutionär recht alten Teil des Gehirns, der tief in seinem Inneren vergraben liegt. Ein Ort der Emotionen und Instinkte. Unter dem Einfluss der Droge fluktuierte die Aktivität dort ausgesprochen stark. „Die Aktivität geht hoch und runter, wie verrückt. Nimmt erst stark zu und dann wieder stark ab. Und was wir wirklich beeindruckend fanden: Wenn man einen Probanden ins fMRT legt und dort schlafen lässt und er dann irgendwann auch träumt. Und wenn man sich dann seine Gehirnaktivität anschaut, dann sieht das ziemlich ähnlich aus wie das, was wir bei unseren Versuchspersonen unter Einfluss der Psychedelika gefunden haben: Deutliche Fluktuationen der Aktivität im limbischen System.“ … Ob Schlaf oder Wachbewusstsein, Klartraum oder Drogenrausch: Stets lassen sich in den komplexen Netzwerken unseres Gehirns Korrelate finden, die diese Bewusstseinszustände widerspiegeln. Und das dürfte bei den Nahtoderfahrungen auch nicht anders sein, sagt Christian Hoppe. …“ |Aus: „Traum Rausch Todesnähe – Beobachtungen in den Grenzgebieten des Bewusstseins“ Arndt Reuning (01.01.2015) | https://www.deutschlandfunk.de/traum-rausch-todesnaehe-beobachtungen-am-rande-des.740.de.html?dram:article_id=306646



Roger Behrens [“ … Roger Behrens befasst sich mit der Entwicklung der Kultur in der bürgerlichen Gesellschaft vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Im Zentrum seiner Analysen steht dabei eine kritische Theorie der Popkultur im Zeitalter eines globalen Kapitalismus. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Roger_Behrens], (Donnerstag, 5. November 2015): “ … Walter Benjamin forderte in seinem Aufsatz ›Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹ von 1936 gegen die Ästhetisierung der Politik eine Politisierung der Kunst. Welche Kunst und welche Politik waren damit gemeint? Benjamin stellte die Forderung zu einem Zeitpunkt, zu dem klar sein musste, dass die künstlerischen Avantgarden wie auch die emanzipatorische Linke gleichermaßen gescheitert waren: von den Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft korrumpiert, vom Faschismus, Nationalsozialismus, aber auch Stalinismus vernichtet, schien sich unter Bedingungen des Terrors jede politische wie ästhetische Form der Kritik theoretisch wie praktisch zerschlagen zu haben. … heute (desintegrative Gesellschaft mit totalem Integrationszwang, Kritik und Kreativität als erweiterter Konformismus, Aggressivität als Kommunikationsparadigma, völlige Parzellierung der kollektiven wie individuellen Bewusstseinslagen, »Politik« als Befindlichkeit bzw. ästhetisches Geschmacksurteil, freie Meinung und Glaube [»Religion« in jeder Variation] als Rudimente und Atavismen bürgerlicher Werte im nachbürgerlichen Zeitalter […] ) “ | Aus: „Eine kritische Intervention. Zur Ästhetik des Widerstands“ (Roger Behrens – Mein digitales Wohnzimmer) | http://rogerbehrens.net/zur-aesthetik-des-widerstands/ | Kontext: „… Die Vielzahl der Künstler und Kunstwerke, die Peter Weiss in dem Roman eingebunden hat, bilden eine Art musée imaginaire (erdachtes Museum), hauptsächlich der Bildenden Kunst und der Literatur, aber auch der Darstellenden Kunst und der Musik. Sie gelten als kulturelle Spurensicherung, mit der ein Bogen von der Antike über das Mittelalter und die Renaissance, über Werke der Romantik und des Realismus bis hin zu der Kunst des Expressionismus und der Avantgarde mit ihrem Ausdruck im Dadaismus, Surrealismus und Kubismus gespannt wird. …“ https://de.wikipedia.org/wiki/Die_%C3%84sthetik_des_Widerstands (19. Januar 2021)

“ … Was ist besser: die Erfahrung oder doch eher die Vision? Der Realist verdreht die Augen, wenn er bei Novalis liest … im Bewußtsein zu träumen, und mit trotzigem Stolz darauf, unbrauchbar zu sein für die, die nur die bare Zahlung kennen. Auf einem Grat tanzt sie nachtwandlerisch dahin, rechts der Abgrund der pretiösen Geistreichelei, links der Abgrund angestrengter Mystifikation. …“ | Aus: „Zwischen Amboß und Ambrosia“ [Zu Gisela Kraft: „Madonnensuite“. Romantikerroman. Leipzig 1998] (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.1998, Nr. 253 / Seite V)

Feuerwerk über dem Castel Sant’Angelo, 1830er Jahre
Ippolito Caffi (1809 – 1866) | https://de.wikipedia.org/wiki/Ippolito_Caffi

“ … Nicola Gess: … Das Staunen ist auf eine ganz bestimmte Weise omnipräsent. … ich persönlich habe mich in meinem Buch «Poetik des Staunens» vor allem mit dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert beschäftigt. Die sinnliche Dimension des Staunens, die für den Wow-Effekt und den Wiederverzauberungskitsch zentral ist, spielt da zwar auch eine grosse Rolle. Aber in Kombination mit einer kognitiven Dimension des Staunens, die sich eher mit Irritation, mit Zweifel, mit Unsicherheit verbindet und auch durchaus mit einer gewissen Form von Negativität, wenn man zum Beispiel an die Rolle des Staunens in Ästhetiken des Erhabenen denkt. Dieser anderen Dimension lohnt es sich nachzugehen. … Schon Friedrich Schlegel hat über die Reizspirale des Neuen […] nachgedacht und beschrieben, wie auf einen Reiz ein noch stärkerer Reiz folgen muss und dann ein noch stärkerer und so weiter. Irgendwann verpufft der Effekt und es bleibt eine Leere, ein Gefühl von Ekel und Abstumpfung. … Die Rezeption von Kunst hat ja auch etwas mit Lust zu tun, deshalb habe ich überhaupt nichts gegen das hedonistische Moment im Staunen, im Gegenteil. Das Grossartige am Staunen als Untersuchungsgegenstand ist ja genau, dass es beides beinhaltet – das Sinnliche und das Reflexive. Die Lust am sinnlichen Effekt ist das eine, und das – unter Umständen ebenfalls lustvolle – Reflektieren über das, was er uns aufschliesst, das andere. …“ | Aus: „Poetik des Staunens. Ein Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess“ Christine Lötscher (4. April 2021) | https://geschichtedergegenwart.ch/poetik-des-staunens-ein-gespraech-mit-der-literaturwissenschaftlerin-nicola-gess/

[Arbeit am Mythos #9 … ]

Leo Putz „Vanitas“ 1896 (Öl auf Leinwand, 220 × 115cm)
https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Putz
// “ … Das Vanitas-Stillleben (lateinisch vanitas „Eitelkeit“, „Nichtigkeit“) ist ein Bildtypus der Stillleben-Malerei, insbesondere im Barock. Darin wird die Darstellung lebloser Gegenstände durch Sinnbilder der Vergänglichkeit ergänzt. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Vanitas-Stillleben

“ … Ihr Gesicht sieht man nicht. Nur die langen roten Haare, wie sie übers weiße Laken wallen. Die nackte junge Frau auf dem zerwühlten Bett krallt verzweifelt ihre Finger in die Pracht. Wie es aussieht, ist ihr Liebhaber gerade den zerknautschten Kissen entstiegen. Nun quält sie wohl das schlechte Gewissen. Und damit das auch jeder erkennt, lässt der Maler im finsteren Grund über der Sünderin ein paar Frauenakte – Geistern gleich – um ein Gorgonenhaupt tanzen. Als Münchens braves Bürgertum das provokante Großformat 1896 zu Gesicht bekam, brach ein Skandal los: Noch immer hing man an den unverfänglichen Motiven des Biedermeiers. Da musste ein derart erotisches, trotz aller Symbolhaftigkeit doch auch explizites Bild, als Zumutung empfunden werden. … Die Themen und gelegentlichen Tabubrüche der Symbolisten erzürnten zuweilen. Doch währte der Aufruhr nicht lange. Sehr bald hatten auch ihre Werke einen festen Platz in heimischen Wohnzimmern. Denn sie trafen sehr wohl den nachdenklichen Zeitgeist, der sich einer als oberflächlich empfundenen Gesellschaft gegenüber sah. In jener Epoche tiefgreifender Veränderungen durch Industrialisierung, Technisierung, rasantes Wachstum der Städte boten die Bilder der Symbolisten eine Zuflucht in alte Mythen und Märchen, in eine ideale, oft unberührte Natur, die nur ihren eigenen Gesetzen gehorcht, einem eigenen, vom Menschen unabhängigen Rhythmus folgt. Wenn der Schnee im Frühling schmilzt, wenn Herbststürme toben, ein Blitz in die Eiche schlägt, sich Gewitterwolken über dem Meer auftürmen.
Meist sind solche Stimmungslandschaften menschenleer. Und dort, wo ausnahmsweise Architektur auftaucht, unterstreicht sie den Grundton der Szene. Verweist etwa wie die alte italische Kultstätte in Max Klingers »Nemi« auf eine mythisch ferne Zeit. Neben den kleinen Fluchten in die Natur zählen Frauen zu den liebsten Sujets der Symbolisten. Topaktuell dabei das teuflische oder lasterhafte Weib – wie es in Franz von Stucks »Sünde« verführerisch daliegt, von einer dicken Schlange mehrfach umwunden. Trotz ihres schlechten Gewissens ist wohl auch die Skandalfrau von Putz der Kategorie »Femme Fatale« zuzurechnen.
Gleich nebenan ist in Bielefeld ein ganzes Ausstellungskapitel den »Guten Frauen« vom mütterlich-züchtigen Schlag gewidmet. Allen voran das sorgende »Sonnenkind« mit Baby auf dem Arm, gemalt von Dora Hitz. Nicht bedrängt durch gespenstische Tänzerinnen, sondern umschmeichelt von einem Meer weißer Lilien zeigt es sich. Das Haupt umstrahlt ein heller Schein – da ist die Madonna nicht fern. …“ | Aus: „Was den Mythos modern macht“ Stefanie Stadel (01. Apr. 2013) | https://www.kulturwest.de/inhalt/was-den-mythos-modern-macht/

// „… Als Spielweise des Symbolismus wird oft die Décadence gesehen, die versuchte, Verfall und Untergang einer Epoche künstlerisch zu begleiten und ihr Heil in überspitzter Sinneslust zu finden. Andere Symbolisten betonen dagegen gerade das Unverbraucht-Natürliche (so die frühen primitivistischen Werke von Paul Gauguin) oder die Tatsache, dass die Welt der von Menschen geschaffenen Objekte über deren individuelles Leben hinausweist. Allgemein dominiert die Vorstellung bzw. der Gedanke im Bild gegenüber der sinnlichen Wahrnehmung. Richard Hamann und Jost Hermand sehen ein Merkmal des Symbolismus darin, dass er sich über die bloß „dinglichen Gegebenheiten“ hinaushebt und auf ein idealistisch-„überindividuelles Sollen“ bezieht, wobei die Symbole in ihrer Vieldeutigkeit oft verschwommen bleiben. … Schon lange vor Sigmund Freud und C. G. Jung beschäftigte sich der englische Symbolismus (ca. 1860–1910), der die Arbeiten von William Blake wiederentdeckte, mit dem Zugang zu unbewussten Prozessen und hinterfragte die erfahrbare Realität. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Symbolismus_(bildende_Kunst) (02.12.2020)

“ … Der Philosoph Wilhelm Dilthey (Dilthey 1924/1894) löste mit seiner Akademieschrift 1894 eine öffentliche Kontroverse aus, als er den empirischen Forschungsstrategien der Psychologie (und der hierunter subsumierten Psychiatrie) vorwarf, den Strukturzusammenhang des Seelenlebens nicht zu erfassen. … Zur Reihe der Programme einer philosophisch orientierten Erforschung von Bewusstseinsstrukturen dieser Epoche gehören auch Husserls Phänomenologie der „logischen Erlebnisse“ (Husserl 1984/1901) und Natorps Forderungen nach einem „Logos der Psyche“, in dem die Funktionen des Geistes, Denkoperationen und Denkstrukturen ermittelt werden sollten (Natorp 1965/1912). Arthur Kronfeld war der erste Psychiater, der sich solches Denken zu eigen machte und 1920 auch für die klinische Praxis forderte, seelisches Geschehen auf ontologisch irreduzible Eigencharaktere zurückzuführen, um Logik und Theorie der Psychiatrie zu sichern. Ernst Cassirers Projekt einer Analyse „der verschiedenen Grundformen des ‚Verstehens‘ der Welt“ oder einer „Formenlehre des Geistes“ griff allgemeine Zielsetzungen dieser vorgenannten Programme auf (Plümacher 2003), erweiterte sie jedoch um die Hypothese, dass der nur dem Menschen mögliche freie Perspektivenwechsel – seine gedankliche Beweglichkeit wie seine Einzigartigkeit, Zukunft und Möglichkeitsräume zu denken – einem Wissen um relationale Ordnungen geschuldet ist, das in der Fähigkeit besteht, ihre Begrifflichkeiten auf den nicht-sprachlichen Teil der Kognition auszudehnen und die ‚Setzung von Invarianten‘ somit zu einem Grundzug der Kognition erklärt (Sandkühler 2003). … Die Matrix mentaler Funktionsräume ist deshalb eine ständige Baustelle, auf der allenfalls die unteren Stockwerke fertig sind oder eine genügende Stabilität aufweisen. Darüber hinaus ist sie ein Zerfallsobjekt, das im Alltagsleben der ständigen Neuinszenierung und Renovierung bedarf, um sich nicht aufzulösen. Und dessen als ‚Bewusstsein‘ gespeicherte innere Repräsentanz eine noch kürzere Halbwertszeit hat, die, wenn nicht ständig in Sprache und Arbeit wiederbelebt, sehr schnell durch kulturelle Konserven, präformierte Schablonen und angelernte Muster ersetzt wird, welche eigene Spontanität und Kreativität wieder verdrängen. Die Matrix mentaler Funktionsräume zeigt keine Regel, wie menschliche Aktivität und Bewusstheit funktionieren. …“ | Aus: „SYMBOLISCHE FORM UND GESTALT – EIN KREATIVES SPANNUNGSVERHÄLTNIS“ Philosophie der Psychologie – Ernst Cassirers Beitrag zu einem „Modell mentaler Funktionsräume“ von Norbert Andersch (London) [e-Journal Philosophie der Psychologie, Erstpublikation in: Gestalt Theory 4/2007, S. 279-293.]| http://www.jp.philo.at/texte/AnderschN1.pdf

“ … Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen 3 Bde. 1. Auflage: Bruno Cassirer, Berlin, 1923–1929.

Teil 1. Die Sprache, Berlin: Cassirer 1923, XII+293 S. 
Teil 2. Das mythische Denken, Berlin: Cassirer 1925, XVI+320 S.
Teil 3. Phänomenologie der Erkenntnis, Berlin: Cassirer 1929, XII+559 S. 

… Kernaussage seiner Arbeit ist, dass wir die Welt stets in der Vermittlung durch bestimmte Systeme der Zeichen- und Bedeutungsbildung wie Kunst, Wissenschaft oder Religion erfahren, die er symbolische Formen nennt. … Trotz allem kommt bei Cassirer dem Mythos eine besondere Stellung zu, da er ihn als Urform des menschlichen Denkens auffasst. Im Mythos werde eine erste Gliederung der Welt vorgenommen, es würden Strukturen geschaffen (wenn auch noch keine abstrakten Strukturen), Prägnanz ausgebildet und die mannigfaltigen Eindrücke symbolisch dargestellt. Aus dem mythischen Denken gehen für Cassirer in einem Prozess dialektischer Entwicklung die anderen symbolischen Formen wie Kunst, Geschichte, Wissenschaft usw. hervor. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_symbolischen_Formen (28. Februar 2021)

“ … So erschien Cassirer der kulturelle Organismus aIs ‚eine Welt, in der man nur leben muß, um in ihr zu leben‘, also als stabiler Rekursgrund humanen Daseins. Daß seine kulturelle Lebenswelt sich aber als sehr fragil erwies, mußte für ihn eine ‚Krisis der europäischen Kultur‘ erscheinen. So ist denn der späte Versuch seiner Mythenkritik im ,,Mythus des Staates“ ein ausgesprochen zwiespältiges Dokument von Cassirers emphatischer Auseinandersetzung mit valenten Mythen und mit seinem blanken Erstaunen über die Faktizität und Valenz [((die Eigenschaft eines Wortes … andere Wörter oder Satzglieder „an sich zu binden“))] des Mythos in der Moderne. […] „In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein … denn der Mythos ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel und auf seine Stunde und Gelegenheit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die anderen bindenden Kräfte im sozialen Leben des Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen mythischen Kräfte zu bekämpfen“ (MS 364) … “ | Aus: „“Die Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern verweisen aufeinander“ Ernst Cassirers Symboltheorie und die Frage nach Pluralismus und Differenz“ Loccumer Protokolle 30/98, Herausgeber Wolfgang Vögele | https://www.uni-heidelberg.de/md/theo/einrichtungen/ts/faecher/st/13_von_cassirer_zu_blumenberg.pdf

[Raum und Wirkungscharakter #2 … ]

“ … Die Architekturpsychologie beschäftigt sich […] mit den Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und seiner gebauten Umwelt. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Architekturpsychologie

Piazza San Marco (Glas Stereoskopisches Teilbilder, schwarzweiß, positiv ~ 1930)
https://de.wikipedia.org/wiki/Markusplatz
via Julia (Fund bei einer Wohnungsräumung)



“ … Umgangssprachlich wird Stereoskopie fälschlich als „3D“ bezeichnet, obwohl es sich nur um zweidimensionale Abbildungen (2D) handelt, die einen räumlichen Eindruck vermitteln („Raumbild“). … Mit einer Stereokamera, die zwei Objektive in Augenabstand, auch als natürliche Basis bezeichnet, aufweist, werden die beiden benötigten Teilbilder gleichzeitig (synchron) aufgenommen. Jedes Einzelbild wird als stereoskopisches Teilbild, das Bildpaar als ein stereoskopisches Bild bezeichnet. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Stereoskopie

Grafik via „WELT DER STEREOSKOPIE“ | http://www.stereoskopie.com/

[Memento Mori #12… ]

Als ich zum ersten mal einen Sarg trug, da hatte ich eine alte Seemannsjacke an. Blau. Das ist lange her. Es knistert leise, wenn das Klapperrad über den Sandweg geschoben wird. Eine Hand am Lenker, in der anderen die schwarze Laterne. Der blaue Seemanspulli am Körper holt mir das durchscheinende Bild vom großen Meer neben die Grabsteine. Den jubilierenden Frühlingsvögeln in den Bäumen ist es gleich, was wir Menschen da unten treiben. Weisgelbes Sonnenlicht auf den Zypressen. Kleiner weißer Sarg in der Grube. Das mit dem Tod versteht kein Mensch.

[Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit #1 …]

“ … In seinem Aufsatz „Subjekt und Macht“ erläuterte Michel Foucault … Er versteht das Subjekt als das empirische Ich, das kulturell und historisch bestimmt ist. „Das Wort Subjekt hat zwei Bedeutungen: es bezeichnet das Subjekt, das der Herrschaft eines anderen unterworfen ist und in seiner Abhängigkeit steht; und es bezeichnet das Subjekt, das durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität gebunden ist.“ Foucault wandte sich gegen die Vorstellung eines autonomen Subjekts und betonte die Geschichtlichkeit des Menschen und seine Eingebundenheit in gesellschaftliche Lebensverhältnisse. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Subjekt_(Philosophie) (4. Januar 2021)

Zwei Freundinnen (Originaltitel: Les Biches, wörtlich: „Die Hirschkühe“) ist ein 1968 erschienener Film von Claude Chabrol | https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei_Freundinnen

Ines Walk (13.09.2010): “ … [Claude Chabrol … Der “Chronist des französischen Bürgertums” legte Ende der 1960er einige Meisterwerke vor] … Viele damalige Kritiker warfen ihm Zynismus und Verachtung vor, weil er ungeschönt auf das bürgerliche Leben schaute, und es scheinbar distanziert und kalt beobachtete. … Er selbst sagte zu seiner Arbeit: “Filme mit einer Botschaft bringen mich entweder zum Kotzen oder zum Lachen. Ich finde es unmoralisch, dem Zuschauer eine Moral aufzudrücken, ihn beeinflussen zu wollen, ihm sozusagen ein Hirn-Klistier einzupflanzen. Ein Film sollte das Publikum vielmehr zum eigenständigen Nachdenken anregen. Darum versuche ich nur, die Menschen präzise so zu zeigen, wie sie sind. Es wäre doch heuchlerisch, sie zu verurteilen – schließlich hat jeder von uns Dreck am Stecken.” …“ | https://www.moviepilot.de/news/claude-chabrols-abrechnungen-mit-der-bourgeoisie-108045

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