Autor: lemonhorse

[Seelenleben #5… ]

“ … Was ist besser: die Erfahrung oder doch eher die Vision? Der Realist verdreht die Augen, wenn er bei Novalis liest … im Bewußtsein zu träumen, und mit trotzigem Stolz darauf, unbrauchbar zu sein für die, die nur die bare Zahlung kennen. Auf einem Grat tanzt sie nachtwandlerisch dahin, rechts der Abgrund der pretiösen Geistreichelei, links der Abgrund angestrengter Mystifikation. …“ | Aus: „Zwischen Amboß und Ambrosia“ [Zu Gisela Kraft: „Madonnensuite“. Romantikerroman. Leipzig 1998] (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.1998, Nr. 253 / Seite V)

Feuerwerk über dem Castel Sant’Angelo, 1830er Jahre
Ippolito Caffi (1809 – 1866) | https://de.wikipedia.org/wiki/Ippolito_Caffi

“ … Nicola Gess: … Das Staunen ist auf eine ganz bestimmte Weise omnipräsent. … ich persönlich habe mich in meinem Buch «Poetik des Staunens» vor allem mit dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert beschäftigt. Die sinnliche Dimension des Staunens, die für den Wow-Effekt und den Wiederverzauberungskitsch zentral ist, spielt da zwar auch eine grosse Rolle. Aber in Kombination mit einer kognitiven Dimension des Staunens, die sich eher mit Irritation, mit Zweifel, mit Unsicherheit verbindet und auch durchaus mit einer gewissen Form von Negativität, wenn man zum Beispiel an die Rolle des Staunens in Ästhetiken des Erhabenen denkt. Dieser anderen Dimension lohnt es sich nachzugehen. … Schon Friedrich Schlegel hat über die Reizspirale des Neuen […] nachgedacht und beschrieben, wie auf einen Reiz ein noch stärkerer Reiz folgen muss und dann ein noch stärkerer und so weiter. Irgendwann verpufft der Effekt und es bleibt eine Leere, ein Gefühl von Ekel und Abstumpfung. … Die Rezeption von Kunst hat ja auch etwas mit Lust zu tun, deshalb habe ich überhaupt nichts gegen das hedonistische Moment im Staunen, im Gegenteil. Das Grossartige am Staunen als Untersuchungsgegenstand ist ja genau, dass es beides beinhaltet – das Sinnliche und das Reflexive. Die Lust am sinnlichen Effekt ist das eine, und das – unter Umständen ebenfalls lustvolle – Reflektieren über das, was er uns aufschliesst, das andere. …“ | Aus: „Poetik des Staunens. Ein Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Nicola Gess“ Christine Lötscher (4. April 2021) | https://geschichtedergegenwart.ch/poetik-des-staunens-ein-gespraech-mit-der-literaturwissenschaftlerin-nicola-gess/

[Arbeit am Mythos #9 … ]

Leo Putz „Vanitas“ 1896 (Öl auf Leinwand, 220 × 115cm)
https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Putz
// “ … Das Vanitas-Stillleben (lateinisch vanitas „Eitelkeit“, „Nichtigkeit“) ist ein Bildtypus der Stillleben-Malerei, insbesondere im Barock. Darin wird die Darstellung lebloser Gegenstände durch Sinnbilder der Vergänglichkeit ergänzt. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Vanitas-Stillleben

“ … Ihr Gesicht sieht man nicht. Nur die langen roten Haare, wie sie übers weiße Laken wallen. Die nackte junge Frau auf dem zerwühlten Bett krallt verzweifelt ihre Finger in die Pracht. Wie es aussieht, ist ihr Liebhaber gerade den zerknautschten Kissen entstiegen. Nun quält sie wohl das schlechte Gewissen. Und damit das auch jeder erkennt, lässt der Maler im finsteren Grund über der Sünderin ein paar Frauenakte – Geistern gleich – um ein Gorgonenhaupt tanzen. Als Münchens braves Bürgertum das provokante Großformat 1896 zu Gesicht bekam, brach ein Skandal los: Noch immer hing man an den unverfänglichen Motiven des Biedermeiers. Da musste ein derart erotisches, trotz aller Symbolhaftigkeit doch auch explizites Bild, als Zumutung empfunden werden. … Die Themen und gelegentlichen Tabubrüche der Symbolisten erzürnten zuweilen. Doch währte der Aufruhr nicht lange. Sehr bald hatten auch ihre Werke einen festen Platz in heimischen Wohnzimmern. Denn sie trafen sehr wohl den nachdenklichen Zeitgeist, der sich einer als oberflächlich empfundenen Gesellschaft gegenüber sah. In jener Epoche tiefgreifender Veränderungen durch Industrialisierung, Technisierung, rasantes Wachstum der Städte boten die Bilder der Symbolisten eine Zuflucht in alte Mythen und Märchen, in eine ideale, oft unberührte Natur, die nur ihren eigenen Gesetzen gehorcht, einem eigenen, vom Menschen unabhängigen Rhythmus folgt. Wenn der Schnee im Frühling schmilzt, wenn Herbststürme toben, ein Blitz in die Eiche schlägt, sich Gewitterwolken über dem Meer auftürmen.
Meist sind solche Stimmungslandschaften menschenleer. Und dort, wo ausnahmsweise Architektur auftaucht, unterstreicht sie den Grundton der Szene. Verweist etwa wie die alte italische Kultstätte in Max Klingers »Nemi« auf eine mythisch ferne Zeit. Neben den kleinen Fluchten in die Natur zählen Frauen zu den liebsten Sujets der Symbolisten. Topaktuell dabei das teuflische oder lasterhafte Weib – wie es in Franz von Stucks »Sünde« verführerisch daliegt, von einer dicken Schlange mehrfach umwunden. Trotz ihres schlechten Gewissens ist wohl auch die Skandalfrau von Putz der Kategorie »Femme Fatale« zuzurechnen.
Gleich nebenan ist in Bielefeld ein ganzes Ausstellungskapitel den »Guten Frauen« vom mütterlich-züchtigen Schlag gewidmet. Allen voran das sorgende »Sonnenkind« mit Baby auf dem Arm, gemalt von Dora Hitz. Nicht bedrängt durch gespenstische Tänzerinnen, sondern umschmeichelt von einem Meer weißer Lilien zeigt es sich. Das Haupt umstrahlt ein heller Schein – da ist die Madonna nicht fern. …“ | Aus: „Was den Mythos modern macht“ Stefanie Stadel (01. Apr. 2013) | https://www.kulturwest.de/inhalt/was-den-mythos-modern-macht/

// „… Als Spielweise des Symbolismus wird oft die Décadence gesehen, die versuchte, Verfall und Untergang einer Epoche künstlerisch zu begleiten und ihr Heil in überspitzter Sinneslust zu finden. Andere Symbolisten betonen dagegen gerade das Unverbraucht-Natürliche (so die frühen primitivistischen Werke von Paul Gauguin) oder die Tatsache, dass die Welt der von Menschen geschaffenen Objekte über deren individuelles Leben hinausweist. Allgemein dominiert die Vorstellung bzw. der Gedanke im Bild gegenüber der sinnlichen Wahrnehmung. Richard Hamann und Jost Hermand sehen ein Merkmal des Symbolismus darin, dass er sich über die bloß „dinglichen Gegebenheiten“ hinaushebt und auf ein idealistisch-„überindividuelles Sollen“ bezieht, wobei die Symbole in ihrer Vieldeutigkeit oft verschwommen bleiben. … Schon lange vor Sigmund Freud und C. G. Jung beschäftigte sich der englische Symbolismus (ca. 1860–1910), der die Arbeiten von William Blake wiederentdeckte, mit dem Zugang zu unbewussten Prozessen und hinterfragte die erfahrbare Realität. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Symbolismus_(bildende_Kunst) (02.12.2020)

“ … Der Philosoph Wilhelm Dilthey (Dilthey 1924/1894) löste mit seiner Akademieschrift 1894 eine öffentliche Kontroverse aus, als er den empirischen Forschungsstrategien der Psychologie (und der hierunter subsumierten Psychiatrie) vorwarf, den Strukturzusammenhang des Seelenlebens nicht zu erfassen. … Zur Reihe der Programme einer philosophisch orientierten Erforschung von Bewusstseinsstrukturen dieser Epoche gehören auch Husserls Phänomenologie der „logischen Erlebnisse“ (Husserl 1984/1901) und Natorps Forderungen nach einem „Logos der Psyche“, in dem die Funktionen des Geistes, Denkoperationen und Denkstrukturen ermittelt werden sollten (Natorp 1965/1912). Arthur Kronfeld war der erste Psychiater, der sich solches Denken zu eigen machte und 1920 auch für die klinische Praxis forderte, seelisches Geschehen auf ontologisch irreduzible Eigencharaktere zurückzuführen, um Logik und Theorie der Psychiatrie zu sichern. Ernst Cassirers Projekt einer Analyse „der verschiedenen Grundformen des ‚Verstehens‘ der Welt“ oder einer „Formenlehre des Geistes“ griff allgemeine Zielsetzungen dieser vorgenannten Programme auf (Plümacher 2003), erweiterte sie jedoch um die Hypothese, dass der nur dem Menschen mögliche freie Perspektivenwechsel – seine gedankliche Beweglichkeit wie seine Einzigartigkeit, Zukunft und Möglichkeitsräume zu denken – einem Wissen um relationale Ordnungen geschuldet ist, das in der Fähigkeit besteht, ihre Begrifflichkeiten auf den nicht-sprachlichen Teil der Kognition auszudehnen und die ‚Setzung von Invarianten‘ somit zu einem Grundzug der Kognition erklärt (Sandkühler 2003). … Die Matrix mentaler Funktionsräume ist deshalb eine ständige Baustelle, auf der allenfalls die unteren Stockwerke fertig sind oder eine genügende Stabilität aufweisen. Darüber hinaus ist sie ein Zerfallsobjekt, das im Alltagsleben der ständigen Neuinszenierung und Renovierung bedarf, um sich nicht aufzulösen. Und dessen als ‚Bewusstsein‘ gespeicherte innere Repräsentanz eine noch kürzere Halbwertszeit hat, die, wenn nicht ständig in Sprache und Arbeit wiederbelebt, sehr schnell durch kulturelle Konserven, präformierte Schablonen und angelernte Muster ersetzt wird, welche eigene Spontanität und Kreativität wieder verdrängen. Die Matrix mentaler Funktionsräume zeigt keine Regel, wie menschliche Aktivität und Bewusstheit funktionieren. …“ | Aus: „SYMBOLISCHE FORM UND GESTALT – EIN KREATIVES SPANNUNGSVERHÄLTNIS“ Philosophie der Psychologie – Ernst Cassirers Beitrag zu einem „Modell mentaler Funktionsräume“ von Norbert Andersch (London) [e-Journal Philosophie der Psychologie, Erstpublikation in: Gestalt Theory 4/2007, S. 279-293.]| http://www.jp.philo.at/texte/AnderschN1.pdf

“ … Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen 3 Bde. 1. Auflage: Bruno Cassirer, Berlin, 1923–1929.

Teil 1. Die Sprache, Berlin: Cassirer 1923, XII+293 S. 
Teil 2. Das mythische Denken, Berlin: Cassirer 1925, XVI+320 S.
Teil 3. Phänomenologie der Erkenntnis, Berlin: Cassirer 1929, XII+559 S. 

… Kernaussage seiner Arbeit ist, dass wir die Welt stets in der Vermittlung durch bestimmte Systeme der Zeichen- und Bedeutungsbildung wie Kunst, Wissenschaft oder Religion erfahren, die er symbolische Formen nennt. … Trotz allem kommt bei Cassirer dem Mythos eine besondere Stellung zu, da er ihn als Urform des menschlichen Denkens auffasst. Im Mythos werde eine erste Gliederung der Welt vorgenommen, es würden Strukturen geschaffen (wenn auch noch keine abstrakten Strukturen), Prägnanz ausgebildet und die mannigfaltigen Eindrücke symbolisch dargestellt. Aus dem mythischen Denken gehen für Cassirer in einem Prozess dialektischer Entwicklung die anderen symbolischen Formen wie Kunst, Geschichte, Wissenschaft usw. hervor. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Philosophie_der_symbolischen_Formen (28. Februar 2021)

“ … So erschien Cassirer der kulturelle Organismus aIs ‚eine Welt, in der man nur leben muß, um in ihr zu leben‘, also als stabiler Rekursgrund humanen Daseins. Daß seine kulturelle Lebenswelt sich aber als sehr fragil erwies, mußte für ihn eine ‚Krisis der europäischen Kultur‘ erscheinen. So ist denn der späte Versuch seiner Mythenkritik im ,,Mythus des Staates“ ein ausgesprochen zwiespältiges Dokument von Cassirers emphatischer Auseinandersetzung mit valenten Mythen und mit seinem blanken Erstaunen über die Faktizität und Valenz [((die Eigenschaft eines Wortes … andere Wörter oder Satzglieder „an sich zu binden“))] des Mythos in der Moderne. […] „In der Politik leben wir immer auf vulkanischem Boden. Wir müssen auf abrupte Konvulsionen und Ausbrüche vorbereitet sein … denn der Mythos ist nicht wirklich besiegt und unterdrückt worden. Er ist immer da, versteckt im Dunkel und auf seine Stunde und Gelegenheit wartend. Diese Stunde kommt, sobald die anderen bindenden Kräfte im sozialen Leben des Menschen aus dem einen oder anderen Grunde ihre Kraft verlieren und nicht länger imstande sind, die dämonischen mythischen Kräfte zu bekämpfen“ (MS 364) … “ | Aus: „“Die Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern verweisen aufeinander“ Ernst Cassirers Symboltheorie und die Frage nach Pluralismus und Differenz“ Loccumer Protokolle 30/98, Herausgeber Wolfgang Vögele | https://www.uni-heidelberg.de/md/theo/einrichtungen/ts/faecher/st/13_von_cassirer_zu_blumenberg.pdf

[Raum und Wirkungscharakter #2 … ]

“ … Die Architekturpsychologie beschäftigt sich […] mit den Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und seiner gebauten Umwelt. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Architekturpsychologie

Piazza San Marco (Glas Stereoskopisches Teilbilder, schwarzweiß, positiv ~ 1930)
https://de.wikipedia.org/wiki/Markusplatz
via Julia (Fund bei einer Wohnungsräumung)



“ … Umgangssprachlich wird Stereoskopie fälschlich als „3D“ bezeichnet, obwohl es sich nur um zweidimensionale Abbildungen (2D) handelt, die einen räumlichen Eindruck vermitteln („Raumbild“). … Mit einer Stereokamera, die zwei Objektive in Augenabstand, auch als natürliche Basis bezeichnet, aufweist, werden die beiden benötigten Teilbilder gleichzeitig (synchron) aufgenommen. Jedes Einzelbild wird als stereoskopisches Teilbild, das Bildpaar als ein stereoskopisches Bild bezeichnet. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Stereoskopie

Grafik via „WELT DER STEREOSKOPIE“ | http://www.stereoskopie.com/

[Memento Mori #12… ]

Als ich zum ersten mal einen Sarg trug, da hatte ich eine alte Seemannsjacke an. Blau. Das ist lange her. Es knistert leise, wenn das Klapperrad über den Sandweg geschoben wird. Eine Hand am Lenker, in der anderen die schwarze Laterne. Der blaue Seemanspulli am Körper holt mir das durchscheinende Bild vom großen Meer neben die Grabsteine. Den jubilierenden Frühlingsvögeln in den Bäumen ist es gleich, was wir Menschen da unten treiben. Weisgelbes Sonnenlicht auf den Zypressen. Kleiner weißer Sarg in der Grube. Das mit dem Tod versteht kein Mensch.

[Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit #1 …]

“ … In seinem Aufsatz „Subjekt und Macht“ erläuterte Michel Foucault … Er versteht das Subjekt als das empirische Ich, das kulturell und historisch bestimmt ist. „Das Wort Subjekt hat zwei Bedeutungen: es bezeichnet das Subjekt, das der Herrschaft eines anderen unterworfen ist und in seiner Abhängigkeit steht; und es bezeichnet das Subjekt, das durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität gebunden ist.“ Foucault wandte sich gegen die Vorstellung eines autonomen Subjekts und betonte die Geschichtlichkeit des Menschen und seine Eingebundenheit in gesellschaftliche Lebensverhältnisse. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Subjekt_(Philosophie) (4. Januar 2021)

Zwei Freundinnen (Originaltitel: Les Biches, wörtlich: „Die Hirschkühe“) ist ein 1968 erschienener Film von Claude Chabrol | https://de.wikipedia.org/wiki/Zwei_Freundinnen

Ines Walk (13.09.2010): “ … [Claude Chabrol … Der “Chronist des französischen Bürgertums” legte Ende der 1960er einige Meisterwerke vor] … Viele damalige Kritiker warfen ihm Zynismus und Verachtung vor, weil er ungeschönt auf das bürgerliche Leben schaute, und es scheinbar distanziert und kalt beobachtete. … Er selbst sagte zu seiner Arbeit: “Filme mit einer Botschaft bringen mich entweder zum Kotzen oder zum Lachen. Ich finde es unmoralisch, dem Zuschauer eine Moral aufzudrücken, ihn beeinflussen zu wollen, ihm sozusagen ein Hirn-Klistier einzupflanzen. Ein Film sollte das Publikum vielmehr zum eigenständigen Nachdenken anregen. Darum versuche ich nur, die Menschen präzise so zu zeigen, wie sie sind. Es wäre doch heuchlerisch, sie zu verurteilen – schließlich hat jeder von uns Dreck am Stecken.” …“ | https://www.moviepilot.de/news/claude-chabrols-abrechnungen-mit-der-bourgeoisie-108045

[Ordnung, Herrschaft und Interessen #59… ]

Bild: Die Boulingrin-Markthalle in Reims vor der Renovation (Demeester, 8 August 2009). “ … In der Kritik wurde Eribon mit allerlei Spekulationen zum «Weltweisen» gekürt. Eribon wehrte seine Verantwortung und Zuständigkeit entschieden ab: «Hören Sie, ich weiss nicht, was ihr wollt. Ich habe ein Buch über meine Mutter geschrieben und jetzt soll ich Brexit, Trump und die Welt erklären» …“ via
Doris Akrap (24. 12. 2016): “ … Als ich diesen Sommer „Rückkehr nach Reims“ las, das autobiografische Buch des französischen Soziologen Didier Eribon, hatte ich ein Gefühl, das derzeit wohl vor allem AfD-Wähler haben: „Endlich sagt mal jemand, wie es ist.“ Und nicht nur, weil mich der Satz seiner Mutter – „Soziologie? Hat das was mit der Gesellschaft zu tun?“ – an meine Mutter erinnerte. Ich bin weder homosexuell noch Universitätsprofessorin, und auch in vielen anderen Details unterscheidet sich meine Familie deutlich von der Eribons. Trotzdem: Es war das erste Mal, dass jemand in meiner linken, bürgerlichen Filterblase über seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie so über diese redete, wie es Linke nicht so gern hören: wie ätzend eng es in Arbeiterhaushalten ist, räumlich, ökonomisch, geistig und emotional. Er thematisiert, was für bürgerliche Linke kein Thema ist: Dass man als Exot mit proletarischer Herkunft keinen profitablen Sonderstatus in der bürgerlichen Welt hat, sondern einen hohen Preis zahlt: den radikalen Bruch mit der eigenen Herkunft, die man dennoch nicht los wird. … Meine Mutter hatte keine Ahnung, was Klasse bedeutete. Sie sprach von „den kleinen Leuten“, so wie sie auch von „den Ausländern“ sprach, obwohl sie selbst mit einem verheiratet war und eine ihrer Töchter, ich, eine Aufenthaltsgenehmigung brauchte. …“ | Aus: „Klassengesellschaft in Deutschland: Rückkehr nach Flörsheim“ | https://taz.de/Klassengesellschaft-in-Deutschland/!5368011/

Blacky 25.12.2016, 23:18: “ … Liebe Frau Akrap,… Ihr Artikel hat mich sehr nachdenklich gestimmt – auch was mein eigenes Verhältnis zu meinen Eltern betrifft (die zwar aus einem anderen Milieu stammen, aber Kommunikationsschwierigkeiten kommen auch woanders vor ;-)). …“

redshrink #185: “ … Die Berliner Blockbebauung ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte ausdrücklich zum Ziel eine Mischung aus „höheren“ und „niederen“ Schichten zu erreiche. Zur Straße hin die größeren repräsentativeren Wohnung, zu den Höfen hin die Wohnungen der „kleinen“ Leute. Die einen verloren die anderen nie gänzlich aus dem Blick. Heute werden die „kleinen Leute“ aus ganzen Innenstadtvierteln gänzlich herausgeplatzt. Tragische Entwicklungen wie die trostlosen Neubaugebiete um den Gleisdreieckpark in Berlin riskieren erst gar nicht ihre Entwertung durch den „Pöbel“; man bleibt nett und adrett unter sich in seiner gemächlichen Retortenarchitektur, die ein wenig „nach was“ aussehen soll.
Ich habe in London als Psychiater einen Dienst für obdachlose Menschen, Sexarbeiter*innen, marginalisiert Minderheiten und die verachtete und bettelarme (auch weiße) Unterschicht ärztlich geleitet. Man wird sensibel für Umgestaltungen öffentlicher Räume, in welche arme Menschen keinen Platz mehr haben, vor allem in London, wo sich vieles was wie öffentlicher Raum aussieht in privatem Besitz befindet. Die institutionalisierte und mediale Demütigung armer Menschen ist menschlich widerlich, aber die Armut, die ständige Sorge, ob das Geld reichen wird, die vielen Konflikte – Papas Kneipentour mit Kumpels oder neue Schuhe für den Sohn – zermürben die Menschen. …“ | https://www.zeit.de/gesellschaft/2021-02/klassismus-soziale-gruppen-soziologie-literatur-gesellschaft?cid=56054948#cid-56054948

DeLaSoul #160: “ … Viele aus den sog. „Unteren Schichten“ schauen auch voller Verachtung auf „die da oben“, die ihnen mit gerümpfter Nase aus dem Weg gehen. Die fokussieren viel mehr auf „Stars“, man träumt sich in die Welt des Glamour. Zum gehobenen Bildungsbürgertum eher nicht. Akademikergeschwafel finden die zum Kotzen. …“

E_Dantes #160.1: “ … Nicht, wenn sie selbst Akademiker sind aber mit 50 in den Niedriglohnsektor sanktioniert wurden. …“

Gero von Randow (1. März 2021): “ … Die derzeitige Diskussion um die Frage, ob wir in einer Klassengesellschaft leben, hat einen blinden Fleck. Die Privilegien, die sie anspricht, sind materieller und ideeller Art: Geld, Sachen, Bildung, Habitus, Prestige, Gesundheit, Lebensdauer, alles ungleich verteilt. Und zwar ziemlich dauerhaft, über Generationen hinweg, denn Klassen reproduzieren sich. Aber was ist mit der Herrschaft? …Herrschaft ist also nicht nur ein politisches Phänomen, sondern auch ein soziales. Nicht nur eine Kanzlerin übt Herrschaft aus, sondern auch ein Unternehmensvorstand oder ein Priester, eine Redakteurin oder ein Platzanweiser. Artikel 20 des Grundgesetzes spricht lediglich davon, wie die Staatsgewalt legitimiert wird, und schließt nicht etwa aus, dass in der Gesellschaft Herrschaftsverhältnisse existieren. … “ | https://www.zeit.de/kultur/2021-02/klassenherrschaft-klassengesellschaft-deutschland-soziale-ungleichheit-demokratie-marx

jgbk #115: “ … Mich beherrscht überhaupt niemand. …“

StamoKap2019 #115.1: “ … Cool. Mit Abstand der lustigste Kommentar. …“

jgbk #115.2: “ … Was ist daran lustig? …“

StamoKap2019 #115.3: “ … Alles. :-)) …“

jgbk #115.6: “ … Der Staat braucht Geld um seine Aufgaben zu erfüllen. Es gibt keine Ausgangsperre ich war bisher jeden Tag draussen. GEZ ist doch Peanuts gegen das was z.B. ein Raucher verraucht. …“

DaDaDude #115.7: “ … Sie haben es nicht verstanden. … „

K. Theo Frank #52: “ … „Leben wir unter einer Klassenherrschaft?“ Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen ihre Mitmenschen nicht mehr als Individuen sehen, sondern als Mitglieder bestimmter Gruppen, wodurch sie sie auf jene Gruppen reduzieren. Der Grund für den identitären Turn der Gesellschaft ist wahrscheinlich die Verdummung bzw. Überforderung oder das Desinteresse ihrer Mitglieder an der unendlichen Komplexität des Einzelnen, kombiniert mit der manifesten Spaltung, welche dieser Turn erzeugt. …“

Doonsbury #111: “ …Gesellschaftswissenschaftler und Journalisten lieben Klassen und Schichten; Forumschreiber offenbar auch, sonst gäbe es in so kurzer Zeit keine 107 [mittlerweile 726] Kommentare und ich nehme mich nicht aus. Trotzdem sind die Grenzen seit Ende der Feudalgesellschaft immer fließender und vielschichtiger geworden, so dass es sich inzwischen um relativ willkürlich gezogene Linien innerhalb einer Gesellschaft mit sehr großer Spreizung aber wenig definierbaren Rangverhältnissen handelt. Welcher Klasse gehört z.B. ein erfolgreicher Autohändler an, der in seiner Kleinstadt zu den Tonangebenden gehört aber schon im nächsten großen Hotel als reicher Prolet betrachtet und von anderen Gästen auch teilweise so behandelt wird? ein Fußballprofi mit Millioneneinkommen, der seinen eigenen Vertrag kaum lesen kann? ein Dr. der Philosophie, der sich auf einer halben Stelle und mit gelegentlichen Veröffentlichungen mehr schlecht als recht durchschlägt? Klasse lebt von Distinktion und Distinktionen gibt es viele. Die Gesamtgesellschaft ist aber keine Pyramide oder sonst etwas geometrisches sondern zum Glück etwas sehr Vielfältiges, in dem man auf viele verschiedene Arten erfolgreich sein kann, notfalls auch als Gangsta-Rapper. …“

thesard_ecully #67: “ … Ich habe länger Zeit in drei europäischen Staaten gelebt (wenn man die DDR als Staat mitzählt, sogar vier): Deutschland, Frankreich, Großbritannien. Deutschland ist bei weitem die klassenloseste Gesellschaft. In Frankreich gibt es offiziell seit der Revolution nur Franzosen einer Klasse („la République est une et indivisible“), auch wenn in Wirklichkeit das (Groß-)bürgertum herrscht. Klassenzugehörigkeit ergibt sich durch Geld, aber auch durch Habitus, Bildung, Sprachbeherrschung. In GB hat es nie eine wirkliche Revolution gegeben, Klassenbewusstsein ist voll ausgeprägt (Leute sagen „I’m working class“) und die herrschende Klasse ist seit ca. 1066 dieselbe. Klassenzugehörigkeit definiert hier den ganzen Lebensstil. In Deutschland hat es im letzten Jahrhundert so viele Verwerfungen gegeben, dass sich eine beherrschende Klasse vielleicht erst so langsam wieder herausbildet. …“

wetware #8: “ … Die Klassenherrschaft hat sich extrem weiterentwickelt und differenziert, weil aus den Klassenkämpfen gelernt wurde. Von brutaler Unterdrückung her gab es eine Entwicklung zur Internalisierung der Macht, der Erzeugung legal freier Subjekte, denen die Einfügung in Machtverhältnisse wie eine zweite Natur ist. …“

Empiricism #95: “ … Laut einer Studie des Bundesminesteriums für Arbeit leben wir nicht bloß in einer Klassengesellschaft, sondern in einer Oligarchie. Da wurden über einen Zeitraum von 15 Jahren Gesetzesbeschlüsse mit Meinungsumfragen abgeglichen, Ergebniss: Der Einfluss der oberen 10% war alles dominierend, die mittleren 80% hatten einen statistisch von 0 nicht zu unterscheidenden Einfluss, während die Regierung aktiv gegen die Interessen der unteren 10% gearbeitet hat, egal welche Partei da gerade die Pöstchen besetzt hielt. Leider scheint die Studie von deren Website verschwunden zu sein, …“

mwandishi #116: “ … Sieht man sich den Armutsbericht von 2015 an, wird klar wer profitiert und das ist die Oberschicht: Im Armutsbericht von 2015 der UNI Osnarbrück heißt es dazu: „…Darüber hinaus konnten wir erstmals für Deutschland nachweisen, dass politische Entscheidungen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit den Einstellungen höherer Einkommensgruppen übereinstimmen, wohingegen für einkommensarme Gruppen entweder keine systematische Übereinstimmung festzustellen ist oder sogar ein negativer Zusammenhang. …“ [https://www.armuts-und-reichtumsbericht.de/SharedDocs/Downloads/Service/Studien/endbericht-systematisch-verzerrte-entscheidungen.pdf?__blob=publicationFile&v=3 | „Systematisch verzerrte Entscheidungen? – Die Responsivität der deutschen Politik von 1998 bis 2015. Endbericht“ | https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Armutsbericht/doc/2015_Armutsbericht.pdf | //
„Gelenkte Wirklichkeit: Bundesregierung streicht brisante Stellen aus Armutsbericht“ Marcus Klöckner (15. Dezember 2016) – https://www.heise.de/tp/features/Gelenkte-Wirklichkeit-Bundesregierung-streicht-brisante-Stellen-aus-Armutsbericht-3572521.html] Die Bundesregierung verwässerte allerdings bei der Veröffentlichung die Ergebnisse …“

[Zum Wahn der Liebe #94 … ]

“ … The 1940 film version of Rebecca, based on Daphne du Maurier’s 1938 novel of the same name, was a psychological thriller with nod to the gothic tradition. The black-and-white film, which captured the moody, mysterious feel of the book, was the first American film by director Alfred Hitchcock.
Joan Fontaine starred in the role of the naïve young woman who marries a brooding widower Maxim de Winter, portrayed by Laurence Olivier. Rebecca, the departed first wife of de Winter, is never seen in the film, but casts a powerful shadow over the inhabitants of Manderlay castle….“ | https://www.literaryladiesguide.com/film-adaptations-of-classic-novels/rebecca-1940-movie-based-on-the-novel-by-daphne-du-maurier/


Mathias Hirsch: „… Die Idealisierung fälscht das Urteil über das Liebesobjekt. Freud spricht es nicht direkt aus, bezeichnet aber eine Art von phantasmatischer Verschmelzung zwischen Subjekt und Objekt, wenn er meint, »daß das Objekt so behandelt wird, wie das eigene Ich, daß also in der Verliebtheit ein größeres Maß narzißtischer Libido auf das Objekt überfließt.[…] Man liebt es wegen der Vollkommenheiten, die man für das eigene Ich angestrebt hat und die man sich nun auf diesem Umweg zur Befriedigung seines Narzißmus verschaffen möchte« (ebd.,S.124). … »Es schweigt die Kritik, die von dieser Instanz ausgeübt wird; alles, was das Objekt tut und fordert, ist recht und untadelhaft. Das Gewissen findet keine Anwendung auf alles, was zugunsten des Objektes geschieht; in der Liebesverblendung wird man reuelos zum Verbrecher. Die ganze Situation läßt sich restlos in eine Formel zusammenfassen: Das Objekt hat sich an die Stelle des Ich-Ideals gesetzt.« …“ | Aus: „Das Phänomen Liebe“ (2018) | https://www.psychosozial-verlag.de/pdfs/leseprobe/9783837927610.pdf

Wibke Bergemann (16.06.2019): “ … Für Mentzos steht am Anfang einer Psychose ein unlösbares Dilemma: In der Beziehung zu anderen Menschen schwankt der Betroffene zwischen übersteigerter Nähe und extremer Distanz. Als Ausweg verlässt der Betroffene die Realität und „rettet“ sich in den Wahn. …“ | https://www.deutschlandfunk.de/psychosen-wahn-und-wirklichkeit.740.de.html?dram:article_id=451348

Felizitas, 37 Jahre: „Wenn ich karierte Tischdecken sehe, ist das tiefe Gefühl der Verbundenheit mit diesem Menschen plötzlich wieder da. Klingt ziemlich bescheuert, ist aber so. Wir haben uns nämlich auf einem Volksfest kennengelernt. Es war magisch. Aber magische Liebe hat nicht immer etwas mit einer funktionierenden Beziehung zu tun.“

Anonym: „Ich glaube, wenn man jemanden wirklich liebt, so richtig aus tiefstem Herzen, dann gibt man einen Teil aus seiner Seele und nimmt immer einen Teil des anderen mit.“

Mia, 33 Jahre: „Ich träume regelmäßig von meinem Exfreund, obwohl wir schon seit über 10 Jahren getrennt sind, ich inzwischen verheiratet bin und zwei Kinder habe. Ich glaube, er ist eine Art Projektionsfläche für mich geworden. Er ist meine geistige Flucht in die alte Freiheit, denn in meiner realen Welt spielt er eigentlich keine Rolle mehr.“

Anonyme Leserin: „Die Begegnung ist 20 Jahre her, wir haben uns seit Jahren nicht gesehen und leben beide in glücklichen Beziehungen. Für mich ist er nicht der Mann meines Lebens, aber der Mann meines Herzens geblieben.“

Nervengewitter #12: “ … Nostalgie ist schön, gerade weil sie nicht an der Realität zerschellen kann. …“

Richi Rich #14: “ … Ich war 7 Jahre mit meiner Ex-Partnerin zusammen. Ich habe sie sehr geliebt und wollte mit ihr zeitnah eine Familie gründen. Zufällig habe ich entdeckt, dass sie seit Monaten eine Affäre mit einem Mann in einer anderen Stadt hat. Ich habe sie zur Rede gestellt, sie hat es sofort zugegeben. Eine Stunde später war sie ausgezogen. Es gab keinerlei Gespräche. Ich habe sie seit dem nie wieder gesehen und wir hatten bis auf SMS im Zusammenhang mit ihrem Auszug keinen Kontakt mehr. Von heute auf morgen war sie einfach weg, verschwunden aus meinem Leben. Das ganze ist so surreal, …“

Quelle: https://www.zeit.de/campus/2021-02/vergangene-liebe-beziehungen-nostalgie-sehnsucht-affaeren-erinnerung/komplettansicht

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