[RWF #22… ]

“ … Amerika, 1878. Im Haus des reichen Farmers Ben Nicholson herrscht Dekadenz und Intrigantentum. Bens junge Frau Kate interessiert sich nur für Sex und Geld und wartet sehnsüchtig auf den Tod ihres Mannes. Während Bens Kinder aus erster Ehe debil sind, wird Whity, sein illegitimer Sohn aus der Beziehung mit der schwarzen Köchin, von der ganzen Familie je nach Belieben als Dienstmann, Lustobjekt, Kindermädchen und Prügelknabe missbraucht. Widerstandslos erträgt er seine Rolle, bis ihm die Prostituierte Hanna die Augen öffnet. Whity holt zum umfassenden Strafgericht aus. … “ | Aus: „Whity“ (Drama aus dem Jahr 1971 von Rainer Werner Fassbinder mit Günther Kaufmann und Ron Randell) | Quelle: https://www.moviepilot.de/movies/whity

alter.native (2018): “ … Whity gehört zu Fassbinders Anfängerfilmen, man sieht den Einfluss seiner Antitheater-Spielweise noch deutlich und sein eigener Auftritt ist sowas von unterirdisch . . . ! Aber er ist ein schönes Zeitdokument …“ | –> https://de.wikipedia.org/wiki/Antiteater | Kontext: Die Bedeutung des antiteater-Kollektivs für den Übergang zum Film –> Alexander Stiefel: Rainer Werner Fassbinders Frühwerk: Mit dem Antiteater-Kollektiv zum Film (2012) –> https://d-nb.info/1339999226 | https://monami.hs-mittweida.de/files/2169/BACHELORARBEIT.pdf


“ … Whity is a fascinating Weltschmerz spaghetti western …“ | From: „Review: Whity“ Ed Gonzalez (2. September 2003) | Source: https://www.slantmagazine.com/film/whity/ | Whity ist ein deutscher Spielfilm von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1971. In diesem Melodram in der Form eines Westerns verarbeitet Fassbinder einige seiner bevorzugten Themen wie dysfunktionale Familienverhältnisse und die Rolle des Einzelgängers in der Gesellschaft. … Weder das Premierenpublikum noch die Filmkritik zeigte sich besonders beeindruckt von Whity.–> https://de.wikipedia.org/wiki/Whity


“ … Die zentralen Kategorien, um die die Geschichte kreist, sind Geld und Liebe und die Beherrschung aller Akteure durch diese beiden Momente. Whitys Familie ist beherrscht von Verrat und Intrigen. Katherine will Alleinerbin des Besitzes werden. Für Frank gilt dasselbe. Und Ben will seine lästige Frau, die er durch die Intrige mit dem falschen Arzt überführt hat, los werden. Für Whity ist diese Familie auch seine Familie – trotz der sklavenhalterischen Umstände, unter denen er dort leben muss. Man könnte auch sagen: Whity ist das schwarze Schaf dieser Familie – was besonders deutlich würde, wenn man den Film seiner „Südstaaten-Verkleidung” berauben würde. … Es geht also um das Austarieren der Möglichkeiten eines Menschen, sich trotz aller Widrigkeiten in derartige Strukturen zu integrieren. Whity versucht dies bis an die Grenzen des Möglichen. … Die Wüste, das Nichts, das Ex-Territoriale ist eine nur für kurze Zeit mögliche Stätte der Gefühle jenseits des Geldes. Das Scheitern von Whity und Hanna hat trotzdem etwas Tröstliches, weil es das Scheitern eben jenseits dieser Allmacht verkörpert. Gleichzeitig ist dieser tröstliche Schluss aber auch geprägt von der tragischen Einsicht der Aussichtslosigkeit eines freien Lebens freier Menschen innerhalb der bestehenden Strukturen. … “ | Aus: „Whity – Deutschland 1971, 95 Minuten (DVD: 92 Minuten) Regie: Rainer Werner Fassbinder“ | Quelle: https://www.follow-me-now.de/html/body_whity.html

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Whity | Director: Rainer Werner Fassbinder
Director of Photography: Michael Ballhaus
Production Design: Kurt Raab | Year: 1971
https://film-grab.com/2013/05/29/whity/

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Frage aus dem Off: Warum kam Whity 1971 nicht in die Deutschen Kinos?

Antwort aus dem Off: Die zeitgenössische Kritik strafte den Film ab. Er wurde von Rezensenten unter anderem als eine Art „Edelschnulze ohne Tiefgang“ verspottet. Andere sahen in ihm eine misslungene Parodie auf das damals populäre Genre des Italo-Westerns. Da kommerzielle Verleiher das finanzielle Risiko scheuten, blieb nur das Fernsehen als Abnehmer. Aber auch die Deutschen Fernsehanstalten wollten Whity nicht. Aufgrund dieses doppelten Desinteresses von Kino-Verleihern und TV-Sendern verschwand das Werk im Archiv. Der Film Whity wurde erst am 21. November 1989 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Die TV-Premiere fand auf dem Privatsender ProSieben statt – mehr als 18 Jahre nach seiner Uraufführung. Während Whity 1971 als isoliertes, misslungenes Experiment abgetan worden war, ermöglichte die Ausstrahlung am Ende der 1989er-Jahre – sieben Jahre nach Fassbinders Tod – eine völlig neue Lesart aus der historischen Distanz. Jetzt erst wurde gesehen, dass Whity den Wendepunkt markierte, an dem Fassbinder seine frühe, spröde Theater-Ästhetik verließ, um sich den großen Gefühlswelten des Regisseurs Douglas Sirk zuzuwenden.

Frage aus dem Off: Noch mal zurück in der Zeit. Wie reagierte die Presse im Jahr 1971?

Antwort aus dem Off: Es gab 1971 durchaus eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit Whity. Die Kritiker lehnten den Film zwar mehrheitlich ab, taten dies aber nicht nur aus handwerklichen Gründen, sondern arbeiteten sich ganz konkret an Fassbinders radikaler inhaltlicher und formaler Dekonstruktion ab. Mehrere Kritiker warfen Fassbinder 1971 vor, das Thema Rassismus und Unterdrückung nicht ernsthaft politisch, sondern rein ästhetisch zu behandeln. Anstatt die realen historischen Ursachen zu analysieren, nutze Fassbinder das Thema nur als Kulisse für seine persönlichen Lieblingsthemen. Es blieb dennoch nicht verborgen, dass die zerrüttete Nicholson-Familie als Metapher für kapitalistische und patriarchale Machtstrukturen angelegt war. Aber für das damalige durchaus linke Kinopublikum war der Film irritierend stark sexualisiert, die sadistische Ebene wurde oft als „zu privat“ und der Film als zu wenig klassenkämpferisch empfunden. Der größte Vorwurf war Eskapismus. Das linke Bildungsbürgertum und die Filmkritik erwarteten von Vertretern des Jungen Deutschen Films gesellschaftskritischen Realismus. Dass Fassbinder mit Whity ein hochstilisiertes, künstliches Melodram im Stile Hollywoods drehte, wurde ihm inhaltlich als Rückschritt und Verrat an den Idealen der 68er-Bewegung ausgelegt. Die stark weiß geschminkten, maskenhaften Gesichter der Herrschaftsfamilie wurden als billiger Theater-Effekt abgetan. Die weißen Gesichter und die ungelenk langsamen Bewegungen der Nicholson Kinder wurden erst Jahre später als visuelle Chiffren für die Erstarrung und die „Zombielike-Existenz“ der herrschenden Klasse erkannt. Fassbinders Ansatz, gesellschaftliche Unterdrückung über Psychodrama, künstliche Ästhetik und Kinomythen zu erzählen, wurde erst Jahre später begriffen. Was 1971 noch als Theaterkitsch, misslungene Parodie oder Whiteface-Mummenschanz kritisiert wurde, las die Kritik ab 1989 als wegweisende postmoderne Dekonstruktion. Das Spiel mit Kinomythen des Westerns, die Technicolor-Scope-Bilder und die betont künstliche Maskenhaftigkeit der Figuren wurden nun nicht mehr als handwerklicher Mangel ausgelegt. Stattdessen wurde den Film als eine bewusste, stilisierte Parabel über Macht und Unterdrückung gedeutet. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet der damals junge, kommerziell ausgerichtete Privatsender ProSieben diesen lange Zeit verschollenen, avantgardistischen Film aus dem Archiv holte, während die öffentlich-rechtlichen Sender das Werk über fast zwei Jahrzehnte ignoriert hatten. Die Resonanz von 1989 legte den Grundstein dafür, dass Whity in den frühen 1990er-Jahren dann endlich auch den Weg in die Programmkinos fand.

Frage aus dem Off: Waren die Deutschen zu humorlos in Bezug auf Whity?

Antwort aus dem Off: Die späten 1960er und frühen 1970er Jahre waren in der deutschen Kulturlandschaft extrem politisiert. Film wurde als Werkzeug zur gesellschaftlichen Aufklärung und Revolution verstanden. Diese Humorlosigkeit war also kein Zufall, sondern lag auch an einer Kollision von Erwartungshaltungen. Fassbinders Filme, ganz besonders Whity, sind durchzogen von Elementen des Camp, einer Ästhetik des bewusst Übertriebenen, Künstlichen und Theatralischen, sowie einer tiefen, oft extrem bitteren Ironie. Wenn die herrschende weiße Familie in Whity unnatürlich kalkweiß geschminkt ist und sich mechanisch wie Zombies verhält, steckt darin eine böse, satirische Komik. Die deutsche Kritik von 1971 besaß damals schlicht nicht das popkulturelle Vokabular, um auf diese Art von sarkastischer Übersteigerung zu reagieren. Fassbinders Humor war den Intellektuellen zu zynisch und nihilistisch. Dass er ernste Themen wie Rassismus, Unterdrückung oder sexuelle Ausbeutung in Form einer grotesken, bizarren Italo-Western-Parodie verpackte, empfand das Bildungsbürgertum als geschmacklos und politisch unproduktiv. Man lachte nicht, weil man den Witz moralisch unzulässig fand. In Deutschland gab es historisch eine strikte, fast neurotische Trennung: Kunst und Politik mussten schwer, schmerzhaft und ernst sein. Unterhaltung und Genrezitate galten als verdächtig. Fassbinder versuchte diese Starrheit aufzubrechen, indem er die Mechanismen des melodramatischen Hollywood-Kino für seine Inhalte nutzte. Für diese Grenzüberschreitung wurde er vom deutschen Publikum, das Kino mit fast mit pädagogischer Arbeit gleichsetzte, lange Zeit abgestraft. Wie humorlos die deutsche Rezeption war, zeigte sich oft im Vergleich zum Ausland. In Frankreich oder den USA wurden Fassbinders Filme oft viel schneller als „garstig komische“ Gesellschaftssatiren verstanden. Dort feierte man den provokanten Humor und den Mut zur Hässlichkeit, während man in Deutschland primär Skandale witterte und sich moralisch echauffierte. Es fällt auf, dass es lange dauerte bis sich in Deutschland die popkulturelle Distanz einstellte die es braucht, um den sarkastischen Humor in Fassbinders Blick auf die deutsche Seele würdigen zu können. Klar, Fassbinders Humor war nie zum „Schenkelklopfen“ gedacht. Es war ein Humor der Verzweiflung. In Interviews zeigte sich Fassbinder oft frustriert. Er wehrte sich vehement gegen das Korsett des reinen „Problemfilm-Regisseurs“. Fassbinder warf den deutschen Feuilletonisten wiederholt vor, Filme nur mit dem Kopf und nach ideologischen Checklisten zu bewerten, statt sich auf die Inszenierung einzulassen. Er empfand die Erwartung, Kunst müsse stets eine moralisch korrekte, pädagogische Botschaft liefern, als zutiefst beschränkt und lähmend. Wer Fassbinders Filme heute ohne die Verbissenheit der 1970er-Jahre schaut, entdeckt eine Fülle von tiefschwarzer Komik, Groteske und Satire.

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