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“ … Schwarz-Weiß-Fernsehen? Testbild? Sendeschluss? Was ist das?! … Mit einem Knopfdruck des Vizekanzlers und vormaligen Regierenden Berliner Bürgermeisters Willy Brandt startete am 25. August 1967 auf der Deutschen Funkausstellung offiziell das Farbfernsehen in Deutschland. … Heute gibt es in fast 40 Prozent der Haushalte zwei oder mehr Fernsehgeräte. 1951 waren es in ganz Deutschland gerade mal 300 Fernsehapparate. …“ | Aus: „Neue Sehgewohnheiten bedrohen das alte Fernsehen“ Stella Müller (05.07.2014) | Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/das-kleine-flimmern-3571834.html
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Ambros Waibel (29.6.2025): “ … [Inzwischen sind es] meine Mitzwanziger-Söhne [ ], die mir neue kulturelle Welten aufschließen statt umgekehrt … Die Spannung, die Krimis in mir erzeugen, kann ich nicht mehr so richtig genießen, die Brutalität finde ich nicht mehr lustig, das plotgetriebene Erzählen lässt mich zusehend kalt – und wie habe ich das alles geliebt und gepriesen! … “ | https://taz.de/Neue-Medien-Sehgewohnheiten/!6094263/ | (Aus: „Wenn selbst Tarantinos Filme nicht mehr richtig krass sind“)
Stinepizza, 29.06.2025 “ … Ich möchte mal zum Trost beitragen, dass mich das erschreckend daran erinnert hat, wie ich meinem Sohn den meisterhaften Streifen „Spiel mir das Lied vom Tod“ näher bringen wollte. Nach einer Stunde fragte er höflich, ob er in sein Zimmer gehen könne. … Times, they are a-changing …“
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Frage aus dem Off: Was sind Sehgewohnheiten der Struktur nach?
Stimme aus dem Off: Die Sehgewohnheit ist im Kern kein Schicksal, eher wie eine erlernte Form von Wahrnehmung. Sehgewohnheiten sind für uns die teilweise unbewussten, automatisierten und auch kollektiv vorhandenen Deutungsmuster nach welchen wir Bilder, Klänge oder einfach auch visuelle Wahrnehmung verarbeiten. Wir bestimmen, nicht immer bewusst, wie wir visuelle Reize filtern, interpretieren und bewerten. Das Auge sucht, was es kennt. Wir Betrachter erwarten in Filmen oder bei Bildern bestimmte Strukturen. Anders gewendet: Das bloße Registrieren von Lichtwellen auf der Netzhaut ist rein biologisch – erst die spezifisch gefühlsmäßige und innere Zuordnung des jeweiligen Stoffes lässt dieses dann „geformte Sehen“ zu etwas wie einer Kulturtechnik, zu einer Sehgewohnheit werden. Wir entwickeln also erst über die Zeit bestimmte Sehgewohnheiten. Diese Gewohnheiten werden zu einem Teil von unserm Habitus. Die Sehgewohnheiten werden zu einem verinnerlichten System von Denk- und Handlungsmustern. Die Sehgewohnheit wird besonders durch Wiederholungen zum Ausgangspunkt von festen Zuordnungen. Wir rationalisieren, wir optimieren unsere Wahrnehmungen. Eine Sehgewohnheit entsteht beispielsweise, wenn das Sehen nach psychologischen Prinzipien durch gesellschaftliche Konventionen geregelt wird. Ein Beispiel dafür wären Ampelfarben – Rot ist Stopp – wir leisten die Zuordnung dann irgendwann dauerhaft, fast automatisch. Wir greifen auf erlernte Schablonen zurück, statt jedes Bild völlig neu zu analysieren.
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Star Spangled to Death (Ken Jacobs, 1957/59-2003, 16mm Film transferred to Video)
Stimme aus dem Off: Ein Sonderfall ist Star Spangled to Death von Ken Jacobs, denn der Film bricht mehrfach und radikal mit Konventionen des traditionellen Erzählkinos. Der Film läuft über sieben Stunden. Es gibt keine zusammenhängende Geschichte und keine klassische Charakterentwicklung. Der Film ist eher eine collagenartige Aneinanderreihung von Fragmenten, die gedanklich statt narrativ verknüpft sind. Jacobs mischt stark beschädigtes Archivmaterial „Found Footage“, alte Zeichentrickfilme und rassistische Slapstick-Ausschnitte mit eigenen, inszenierten Szenen. Die Bildqualität wechselt ständig. Ton und Bild laufen oft bewusst auseinander. Kratzer, Risse und grobes Korn sind bewusste Stilmittel, statt sauber restaurierter Bilder. Musik oder Reden passen visuell nicht zu den gezeigten Szenen, was eine dauerhafte innere Dissonanz beim Schauen erzeugt. Das normale Zeitempfinden wird ausgehebelt, um den Blick des Zuschauers auf sonst verdeckte Details der Bedeutung von Bildern zu lenken.
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Die Ehe der Maria Braun (Rainer Werner Fassbinder, 1979) | https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Ehe_der_Maria_Braun
Stimme aus dem Off: Ein entgegengesetztes Beispiel. Vor dem Film Die Ehe der Maria Braun aus dem Jahr 1979, galten Fassbinder Filme in der deutschen Presselandschaft oft als sperrig, intellektuell überladen oder handwerklich provokant. Bei „Die Ehe der Maria Braun“ aber änderte sich dieser Tonfall. Die Presse hob hervor, dass Fassbinder hier ein großes, hochemotionales Melodram gelungen war. Der Film funktionierte sowohl für die ernstere Filmkritik als auch als klassischer Publikumsfilm für ein Massenpublikum im Kino.
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Stimme aus dem Off: Gehen wir zu Ein besonderer Tag (1977) | https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_besonderer_Tag | Die Handlung des Films spielt an einem einzigen Tag – dem 8. Mai 1938. An diesem Tag stattet Adolf Hitler dem faschistischen Diktator Benito Mussolini einen Staatsbesuch in Rom ab. Fast die gesamte Bevölkerung Roms strömt zu einer gigantischen Parade, um den „Führer“ zu feiern. In einem riesigen, fast menschenleeren Mietshaus kreuzen sich die Wege zweier Außenseiter, die zu Hause geblieben sind: Antonietta (Sophia Loren): Eine erschöpfte, frustrierte Hausfrau und sechsfache Mutter, die ganz im faschistischen Frauenbild gefangen ist, aber im Alltag kaum Wertschätzung erfährt. Gabriele (Marcello Mastroianni): Ein feinfühliger Radiomoderator, der aufgrund seiner Homosexualität vom Regime entlassen wurde und kurz vor der Deportation steht. Regisseur Ettore Scola nutzt extrem entsättigte, fast honigfarbene Sepia-Töne. Während des gesamten Films dröhnt die Live-Übertragung der pompösen Militärparade aus den Radios der Nachbarn in die Wohnung.
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Frage aus dem Off: In Deutschland ist der Film Ein besonderer Tag nicht sehr bekannt, kam er überhaupt in die Kinos?
Antwort aus dem Off: Ein leises, tieftrauriges Kammerspiel über eine deprimierte Hausfrau und einen homosexuellen Intellektuellen passte nicht zu den Sehgewohnheiten im deutschen Mainstream-Kino der späten 70er, es passte nicht in das klassische Erwartungsbild. Der Film startete im März 1978 in den bundesdeutschen Kinos – nur wenige Wochen nach seiner Auszeichnung mit dem Golden Globe und der Oscar-Nominierung. Er lief damals überwiegend in den sogenannten Programmkinos.
Die größte Hürde für die deutsche Publikum waren tatsächlich die festgefahrenen Sehgewohnheiten. Sophia Loren und Marcello Mastroianni waren in Deutschland durch Komödien wie „Gestern, heute und morgen“ oder „Hochzeit auf italienisch“ als das lautstarke, vitale und erotische Traumpaar des südländischen Kinos. Dass dieses glamouröse Duo nun in einem leisen, melancholischen und farbarmen Kammerspiel zu sehen war – Loren als deprimierte, ungeschminkte Hausfrau mit tiefen Augenringen und Mastroianni als homosexueller, suizidaler Intellektueller – all das stieß viele fast kategorisch vor den Kopf. Der Film verweigerte die „italienische Leichtigkeit“. Es gab auch Gegenstimmen. Manche Kritiker lobten Scolas Geniestreich, den Faschismus nicht durch das Zeigen von Panzern, Hitler oder Mussolini darzustellen, sondern durch das, was nebenbei passiert, was im privaten Raum geschieht. Die Einbindung der Rundfunk-Reportage, die permanent als akustischer Terror durch die Wohnung dröhnt, wurde als erzählerische Meisterleistung erkannt. Natürlich war In Deutschland „Ein besonderer Tag“ kein Kassenschlager.
Frage aus dem Off: Wie wurde der Film in Italien aufgenommen?
Stimme aus dem Off: Auch in Italien war die Überraschung groß. Loren und Mastroianni waren bis dahin ein glamouröses Vorzeigepaar.
Frage aus dem Off: Was schrieb die Presse?
Stimme aus dem Off: Vincent Canby schreibt in der New York Times der Film sei eine „wunderbar kontrollierte, zutiefst humane Komödie der Verzweiflung“. Er lobte vor allem Mastroianni, der die Homosexualität Gabrieles völlig klischeefrei, mit einer leisen, melancholischen Würde spielte, was 1977 im Mainstream-Kino extrem selten war. Die französische Kritik feierte die politische Dimension des Films. Le Monde hob hervor, dass Scola ein Tabu brach: Er zeigte, dass der Faschismus die Privatsphäre der Menschen komplett kolonisierte. Einige marxistische und linksgerichtete Filmkritiker in Italien warfen Scola 1977 vor, das Ende sei „zu pessimistisch und politisch resigniert“. Antonietta kehrt am Ende, nachdem Gabriele abgeführt wurde, stumm in ihr Bett und zu ihrem faschistischen Ehemann zurück. Scola verteidigte dies jedoch als die historische Wahrheit: Ein einziger Tag der Aufklärung konnte die jahrelange Gehirnwäsche und die soziale Realität einer Frau im Jahr 1938 nicht ungeschehen machen.
Frage aus dem Off: Wie wurde der Film von der italienischen Presse aufgenommen?
Antwort aus dem Off: Als Una giornata particolare im Jahr 1977 in die italienischen Kinos kam, reagierte die Presse mit einer Mischung aus tiefem Respekt, Überraschung und einer hitzigen politischen Debatte. Der Film traf mitten in den Nerv der sogenannten Anni di Piombo (Bleiernen Jahre) [https://de.wikipedia.org/wiki/Bleierne_Jahre], einer von politischer Gewalt und Terrorismus geprägten Phase Italiens. Der Schriftsteller Alberto Moravia schrieb in der Zeitschrift L’Espresso, dass der Film eine meisterhafte „Psychologie des Faschismus“ zeige. Moravia hob hervor, dass Scola die Diktatur nicht durch Soldaten im Außenraum, sondern als „Krankheit der Seelen“ in der Enge einer Küche darstellte. Der Film leistet bis heute einen wichtigen Beitrag zur italienischen Vergangenheitsbewältigung. Er zeigt ungeschönt, dass der Faschismus von der breiten Masse der einfachen Bürger mitgetragen wurde. Antonietta ist keine böse Frau, aber sie ist ungebildet und empfänglich für die pompöse Ästhetik des Regimes. Das erinnert die Italiener bis heute daran, wie leicht private Sehnsüchte durch totalitäre Propaganda instrumentalisiert werden können. Heute ist Una giornata particolare in Italien weit mehr als nur ein Film – er ist ein fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses.
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