[Melancholie und Geschichtsschreibung #1 … ]

… [Wenn] Rebellen von einst vom bürgerlichen Alltag wieder verschluckt worden waren, büßten die revolutionären Hoffnungen ihre Verankerung in der Welt ein und wurden wieder zu dem, was sie zuvor gewesen waren: Sehnsucht. Der Horizont, der sich 1967 glücklich geöffnet und geweitet hatte, verengte sich wieder. … (Götz Eisenberg, 17. Juni 2026)

[Karl Schlögel, 2016]: “ … Es liegt nicht auf der Hand, warum »Melancholie und Geschichtsschreibung« ein triftiges Thema sein könnte in einer Welt, die aus den Fugen ist, und in einer Zeit, in der es eher darauf ankäme, reflexive Hemmungen zu überwinden und sich, wie es neudeutsch heißt, neu aufzustellen. … In einer Welt, in der die eine Krise in die andere übergeht und sich alle zusammengenommen auftürmen und verknoten, in der eine allgemeine Überforderungssituation entsteht, könnte Melancholie auch als eine wohlfeile Form einer allgemein gewordenen fatigue, der Resignation und Kapitulation vor einer Geschichte out of control verstanden werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass die von Chaos und Unübersichtlichkeit Überrollten die Flucht aus der vita activa in die vita contemplativa antreten. Wie über Melancholie sprechen in Zeiten, da der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist und wir, die wir so viel wissen über die Hunderttausenden von Toten der deutschen Blockade Leningrads, nun hilflos, tatenlos, ohnmächtig zusehen, wie das viertausendjährige Aleppo eingekesselt und dem Erdboden gleichgemacht wird? [Syrischer Bürgerkrieg >> https://de.wikipedia.org/wiki/Syrischer_B%C3%BCrgerkrieg] Wie über Melancholie sprechen in Zeiten der Verzweiflung, ohne dem Rückzug in die Resignation das Wort zu reden? … Niemand muss befürchten, dass hier die psychischen Probleme, die auch Historiker mitunter haben können, öffentlich verhandelt werden. Und niemand soll mit Altersweisheiten behelligt werden, jenen späten Einsichten nach den glücklich-enthusiastischen Aufbrüchen von 1968 und 1989 und der auf sie folgenden Ernüchterung. Also kein Psychotrip. Es war immerhin der lange Zeit in München lehrende Religionsphilosoph und Theologe Romano Guardini, der in seinem bemerkenswerten Büchlein »Sinn der Schwermut« (1948) Folgendes vermerkte: Die Schwermut ist etwas zu Schmerzliches, und sie reicht zu tief in die Wurzeln unseres menschlichen Daseins hinab, als dass wir sie den Psychiatern überlassen dürften … Wenn wir also hier nach ihrem Sinn fragen, so ist damit auch schon gesagt, dass es uns nicht um eine psychologische oder psychiatrische, sondern um eine geistige Angelegenheit geht. … Melancholie ist [ ] [[hier]] nicht Träumerei und Hirngespinst, sondern genaues Hinsehen, Wachheit für Übergänge, für Mischungsverhältnisse, für das, was der Fall ist, diesseits der Utopie.
Wenn dies so ist, dann ist Melancholie ein Übergangs- oder Vorstadium für die Schärfung der Sinne, für die Aufrüstung der intellektuellen Frühwarnsysteme, die allzu lange unterfordert waren. … “ | Aus: „Karl Schlögel: Melancholie und Geschichtsschreibung. In: Transit 50 (2017) | Quelle: https://files.iwm.at/timeline/Transit_50_Schloegel.pdf


“ … Im Mai 1968 waren es drei Dinge, die unseren Planeten bewegten: Sex, Politik und das Kino. In Paris weitete sich die Amtsenthebung von Henri Langlois, dem legendären Gründer der Cinematheque Francais zu einer Revolte aus mit dem Ziel, die Regierung zu stürzen. Barrikaden in den Strassen, Molotows und Zusammenstösse mit der Polizei – eine Vertrauenskrise. Es ist heute bestimmt nicht mehr vorstellbar, welch immensen Einfluss die neue Generation der Filmemacher damals hatte. Einer von ihnen war Bernardo Bertolucci ….“ | Aus: „Die Träumer – The Dreamers (2003)“ (27/03/2014) | Quelle: https://www.cinegeek.de/die-tr%C3%A4umer-dreamers-2003-rating-77-dvd1698

“ … Die Träumer (Originaltitel The Dreamers) ist ein Spielfilm aus dem Jahr 2003. … drei Jugendlichen verehren das Kino, als sei schon das bloße Filmeschauen ein revolutionärer Akt – es ist für sie die beste aller Welten. … Erst ein Pflasterstein durchbricht die Isolation der drei und macht ihnen klar, dass es da draußen ein Leben gibt, in dem etwas los ist. Letztlich stellt Bertolucci in den drei Jugendlichen sich selber dar: Wie Isabelle war er kinoverrückt und versuchte jede Einzelheit in seinem Leben zu inszenieren, wie Théo diskutierte er über Politik und Poesie und suchte künstlerische Distanz zum Vater, der ebenfalls Dichter war. Man kann Isabelle, den pragmatischen Matthew und Théo gar als Es, Ich und Über-Ich auffassen. … Ein Grund, diesen Film zu machen, war für Bertolucci das gegenwärtige Unwissen darüber, was die damalige Generation wirklich bewegt hat. Heute wüssten nur noch wenige, dass es Filmbegeisterte gewesen seien, welche die Pariser Mai-Unruhen ausgelöst hätten. …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Tr%C3%A4umer | ->> https://de.wikipedia.org/wiki/Mai_1968_in_Frankreich

“ … Fast der ganze Film verharrt kammer­spiel­artig im bürger­li­chen Salon, als dem eigent­li­chen Ausgangs­punkt der Revolte. So sympa­thisch die drei in ihrer Neugier und Entde­ckungs­lust, auch in ihrer Dekadenz sind, so präzis zeigt Berto­luccis trotzdem auch Tristesse: Trauer und Sehnsucht liegt in allen Blicken. Und konse­quen­ter­weise endet es fast mit dem letzten bürger­li­chen Ausweg: dem Selbst­mord. Aber da fliegt gerade noch recht­zeitig ein Pflas­ter­stein durchs Fenster, ein Luftzug weht den Dunst aus dem Salon, und lässt den Lärm der Straße hinein. Die drei ziehen hinaus, und verlieren sich in der Menge. …“ | Aus: „The Dreamers – Frankreich/GB/I 2003 (114 min.) | Film denken, leben, sein“ Rüdiger Suchsland (2003) | Quelle: https://www.artechock.de/film/text/kritik/t/traeu2.htm


Bild: Die Taxifahrerin (Extérieur, nuit) – Ein Film von Jacques Bral, der am 10. September 1980 in die französischen Kinos kam (gedreht wurde er 1979)

“ … Der labile Jazz-Saxophonist Léo ist Job und Freundin los und wohnt bei seinem alten Freund aus der 68er Zeit, dem Schriftsteller Bony, der zur Zeit Schreibblockade hat. Eines Nachts lernt er auf seinen Streifzügen Cora kennen, eine einzelgängerische, sehr unabhängige Außenseiterin, die in Paris nachts Taxi fährt, aber von einem Leben in Südamerika träumt … „Ein sowohl inszenatorisch als auch in der komplexen Charakterzeichnung interessanter Film über Lebensmüdigkeit und Resignation, entwickelt mit etwas Galgenhumor …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Taxifahrerin

Die Stimme aus dem Off befreit das gesprochene Wort von der Tyrannei eines sichtbaren Körpers und übergibt die Macht der Interpretation vollständig an das Publikum …

Frage aus dem Off: Was ist das Hintergrundrauschen im Bezug auf „1968“ in Extérieur, nuit?

Antwort aus dem Off: Der Film gilt als das ultimative Porträt einer „Post-Mai-68-Katerstimmung“ – eine langanhaltende gueule de bois. Obwohl der Film 1979 gedreht wurde, atmet er den Geist der Generation, die zwölf Jahre zuvor den radikalen gesellschaftlichen Aufbruch probte und scheiterte. Der Film porträtiert die Generation der damals (1980) etwa Mitte 30 Jährigen, die 1968 als Studenten auf den Barrikaden standen. Zwölf Jahre später ist von den großen utopischen Idealen – Systemsturz, sexuelle Befreiung, kollektiver Aufbruch – nichts mehr übrig. Die Charaktere leben im Zustand der Desillusionierung. Das Paris in Extérieur, nuit steht im direkten emotionalen Kontrast zum Paris des Mai ’68. Das Paris von Jacques Bral ist im Jahr 1979 dunkel, verregnet, leer, kalt und still. Die Figuren bewegen sich wie Geister durch das nächtliche, urbane Labyrinth. Es ist die Kulisse einer erstarrten, bürgerlichen Gesellschaft, die die Revolte erfolgreich verdaut und ausgespuckt hat. Der Bezug zu 1968 ist die Bilanz des Scheiterns. Der Regisseur Jacques Bral – der selbst 1968 seine Filmausbildung in Paris begann – zeigt das bittere Erwachen einer Generation: Die gesellschaftlichen Strukturen haben sich kaum verändert, und den einstigen Revolutionären bleibt im Jahr 1980 nur noch der Rückzug in den Alkohol, die Nacht und eine melancholische Lebensmüdigkeit. Das nächtliche, oft menschenleere und verregnete Paris ist kein zufälliger Spielort. Es ist die Projektionsfläche der inneren Leere der Figuren. Die Dialoge zwischen Léo und Bony plätschern oft ziellos dahin. Dieses verbale Rauschen füllt die Stille, tarnt aber nur mühsam die tiefe Traurigkeit darüber, dass ihre Jugend und ihre Ideale unwiederbringlich verloren sind. Die Figuren bewegen sich nicht vorwärts, sie driften. Dieses ziellose Umherstreifen im nächtlichen Raum – eine filmische Weiterführung des literarischen Typus des Flaneurs – ist zuletzt der physische Ausdruck von Melancholie.

“ … Am 10. Juni 2026 ist der Schweizer Soziologe Jean Ziegler [https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Ziegler] gestorben. Er ist 92 Jahre alt geworden. Bei mir wird sein Konzept der subversiven Integration und sein Begriff der „kannibalischen Weltordnung“ in Erinnerung bleiben. … [Einer] der zahlreichen Sätze von Peter Brückner, die mich geprägt [haben] und [mich] mein Leben lang [beschäftigten]: „Eines Tages schwindet unser Vertrauen in das ‚Verschiedene‘, das wir sind; das offene Gelände, unser Atlantis, versinkt.“ Die vielen Teilpersonen, aus denen wir zu Beginn des Lebens bestehen, schrumpfen auf den „Einen“ zusammen, der wir mit Eintritt ins Erwachsenenalter werden. Alles andere bleibt liegen und verkümmert im Laufe der Jahre. Die berühmte Reifung, die wir angeblich durchlaufen, ist in Wahrheit eine systematische Vernichtung von Möglichkeiten und Vielfalt. „Ich – das ist ein anderer“, schrieb Rimbaud. Der Dichter wollte dem Zwangszusammenhang des bürgerlichen Ich entrinnen, die Sinne „entregeln“ und sich sensibel machen oder erhalten. Die „Verregelung aller Sinne“ ist mit der Reduzierung ihrer schöpferischen Vielfalt auf den einen „Sinn des Habens“ (Karl Marx) verflochten, sinnliche Deformation in der warenerzeugenden Gesellschaft. Der Schwund unserer Möglichkeiten ist aufs Engste mit unserer Eingliederung in die bürgerliche Gesellschaft verflochten, die uns auf eine verwertbare Arbeitskraft reduzieren möchte. All das Nicht-Verwertbare bleibt am Wegesrand liegen und überlebt einzig in unseren Träumen und Erinnerungen. … Ich lag länger wach, aber die Unruhe, die ich verspürte, war nicht unangenehm. Gegen Ende eines eines längeren Textes über „68“, den ich vor Jahrzehnten für den „Freitag“ geschrieben habe: „Die Sehnsucht nach etwas, das meinem Leben einen Sinn geben könnte, hatte mich in die Arme der antiautoritären Bewegung getrieben. Nachdem auch die lockeren Sponti-Zusammenhänge sich aufgelöst hatten und die Rebellen von einst vom bürgerlichen Alltag wieder verschluckt worden waren, büßten die revolutionären Hoffnungen ihre Verankerung in der Welt ein und wurden wieder zu dem, was sie zuvor gewesen waren: Sehnsucht. Der Horizont, der sich 1967 glücklich geöffnet und geweitet hatte, verengte sich wieder. Vor uns lag die „Leidensgeschichte der Mäßigung der Ansprüche“, wie Brückner die nun anbrechende Phase genannt hat. und die bittere Erkenntnis, dass die Veränderung der Welt nicht die Zeitstruktur des „Sofort“ besaß. Wir alle würden lernen müssen, in einer Gesellschaft älter und vielleicht sogar alt zu werden, die wir im Kern ablehnten und die wir nun dennoch zur Basis unserer Lebensentwürfe und Identitätskonstruktionen nehmen mussten.“ An dieser Lagebeschreibung hat sich nichts geändert, nur ist die Kluft zwischen der uns umgebenden Realität und unseren einstigen Hoffnungen auf eine solidarische, egalitäre Gesellschaft mit Freundlichkeit als vorherrschendem Kommunikationsstil noch tiefer geworden. …“ | Aus: „144 | „Subversive Integration“ (Jean Ziegler)“ Götz Eisenberg (17. Juni 2026) | Quelle: https://durchhalteprosa.de/2026/06/17/144-subversive-integration-jean-ziegler/

“ … Vor allem aber schreibt [Jean Ziegler] Bücher, die einschlagen wie Bomben: «Eine Schweiz – über jeden Verdacht erhaben» (1976), «Die Schweiz wäscht weisser» (1990), «Die Schweiz, das Gold und die Toten» (1997). Es sind wütende Pamphlete gegen den hiesigen Finanzplatz, wüste Tiraden gegen Potentatenkonten, Raubgold, Hehlerei und Geldwäscherei. Die Bücher finden reissenden Absatz, auch im Ausland. Ziegler gilt bei den Linken als Kronzeuge der angeblich schändlichen Geschäfte der Grossbanken. Für die bürgerliche Schweiz ist er hingegen ein «Nestbeschmutzer» und «Landesverräter», gegen den sogar gerichtlich vorgegangen wird, nachdem das Parlament seine Immunität aufgehoben hat. …“ | Aus: „«Der Kapitalismus hat eine kannibalische Weltordnung geschaffen»: Jean Ziegler – der Unbeirrbare“ Lucien Scherrer, Marc Tribelhorn (20.05.2019) | Quelle: https://www.nzz.ch/schweiz/jean-ziegler-der-unbeirrbare-ld.1483363

Jean Ziegler (1971)

“ … Zum Abschied herrschte Che Guevara den erwartungsfrohen Jean Ziegler an: „Du bleibst hier in Europa. Im Hirn des kapitalistischen Monsters musst du kämpfen.“ Der junge Schweizer hatte davon geträumt, an der Seite des berühmten Revolutionärs den Kapitalismus in Lateinamerika zu Fall zu bringen. Doch Che, der als Regierungsmitglied Kubas an einer UN-Konferenz teilgenommen hatte, blieb hart. Er stieg alleine in den Zug am Genfer Bahnhof und fuhr davon. Die jahrzehntealte Geschichte gehörte zu Zieglers Standardrepertoire, wann immer er aus seinem turbulenten Leben berichtete. „An Che denke ich jeden Tag“, sagte Ziegler dann mit einem Hauch von Melancholie. … Sein Hang zu feinem Zwirn und ein Anwesen in den Genfer Weinbergen bezeugten eine Affinität zur Bourgeoisie, die er öffentlich geißelte. Die Bilanz des eigenen Schaffens fiel selbstbewusst aus: „Ich glaube, dass ich einige Leute zum Nachdenken gebracht habe.“ Vor allem aber brachte Ziegler etliche Menschen in Rage. … Seinen ersten großen Coup landete der frühere sozialdemokratische Abgeordnete 1976 mit dem Buch „Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben“. Ziegler zeichnete nach, wie Helvetiens Konzerne sich auf Kosten der Ärmsten im Globalen Süden bereichern. Zieglers Landsleute reagierten empört – nicht über die Firmen, sondern über Ziegler. Der Gescholtene legte 1990 nach. In „Die Schweiz wäscht weißer“ prangerte er die eidgenössischen Banken als „Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens“ an. Im Jahr 1997 veröffentlichte Ziegler „Die Schweiz, das Gold und die Toten“. Sätze wie „Hitler war ein Traumkunde für unsere Banken“ brachten Ziegler endgültig den Ruf des Nestbeschmutzers ein. … In einem Nachruf schrieb nun die Neue Zürcher Zeitung, die sich immer wieder an Ziegler rieb: „Auch wenn er es mit der Wahrheit nicht immer so genau nahm und ein Faible für Autokraten hatte: Er behielt in vielem recht.“ … “ | Aus: „Jean Ziegler, der höfliche Provokateur“ Jan Dirk Herbermann freier Journalist in Genf (10.06.2026) | Quelle: https://www.wort.lu/international/jean-ziegler-der-hoefliche-provokateur/156701096.html