[Geistige Minenfelder #3… ]

Um den Begriff „Geist“ wird gestritten, weil an ihm unser gesamtes Selbstbild hängt. Es wird Humor-Freiheit garantiert

-.-

Hamlet, Horatio, Marcellus und der Geist des Vaters (Shakespeare, Hamlet, Act 1, Scene 4)
Veröffentlicht 1796; neu aufgelegt 1852 – Johann Heinrich Füssli fand reiche Motive bei Shakespeare. | Quelle: https://www.metmuseum.org/art/collection/search/365584

-.-
“ … In der Literatur, in der Kunst, im Theater und insbesondere in den Medien der Moderne entwickelten sich in den letzten 250 Jahren vielfältige Darstellungsformen, die Geister als faszinierende, erschreckende oder auch als symbolbeladene Erscheinungen zeigen. Geister werden hier zu Ausdrucksformen kollektiver Ängste und Erinnerungen oder zu Metaphern für das Unbewusste und das Unkontrollierbare. …“ | Aus: „Geister: Das Übernatürliche in der Kunst“ Angelika Schoder (Zu: Geister. Dem Übernatürlichen auf der Spur, 20.09.2025-08.03.2026 – Kunstmuseum Basel) | Quelle: https://musermeku.org/geister-ausstellung/

-.-

Um den Begriff „Geist“ wird gestritten, weil an ihm unser gesamtes Selbstbild hängt. Wenn der Geist nur Rechenleistung und Gehirnchemie ist, schrumpft der Mensch zu einer biologischen Maschine. Wenn der Geist aber das ist, was Ernst Cassirer beschreibt – eine schöpferische Kraft – die durch Symbole Welten erschafft – dann bleibt dem Menschen die Möglichkeit ein freier Gestalter seiner eigenen Welt zu sein. Womöglich ist beides nicht falsch. Und wenn das Wort „Geist“ in der Politik auftaucht, geht es fast nie um theoretische Philosophie. Es geht darum, wer das Recht hat zu bestimmen, was „vernünftig“, „normal“ oder „wertvoll“ ist.

-.-

“ … Manche Begriffe sind soziale Konstrukte. Wer jetzt denkt, damit sei „Schizophrenie“ ins Reich der Fabelwesen verbannt, der irrt sich. … Auch unser Begriff von Verantwortlichkeit ist so ein soziales Konstrukt. Wenn Sie einmal vor Gericht stehen, werden Sie am eigenen Leib erfahren, was es heißt, verantwortlich gemacht zu werden. Wenn die Protagonisten der Willensfreiheitsdebatte Recht haben, dann geschieht das, obwohl niemand jemals verantwortlich war. Hier kollidiert die Ebene des Seins mit der des Normativen: Wir machen Menschen verantwortlich, weil das unsere soziale Praxis ist. … Die Beispiele ließen sich ewig fortsetzen: Ob jemand als Soldat, als feindlicher Kämpfer, als Rebell oder Terrorist angesehen wird, hat schwerwiegende Folgen; auch dies sind in Gesetzen oder gesetzesähnlichen Strukturen festgelegte Begriffe, also soziale Konstrukte. Oder denken Sie daran, ob jemand Flüchtling ist, Arbeitsmigrant, sozialer Schmarotzer, und so weiter. … In [der] Liste hatten wir noch die anderen Begriffe: Leib, Seele, Körper, Geist, Bewusstsein, Ich, Subjektivität, Qualia. Ob diese Wörter eher für Dinge wie Tische und Stühle stehen oder für „Dinge“ wie Schizophrenie, das kann und will ich hier nicht abschließend erklären. Das Leib-Seele- oder Körper-Geist-Problem lösen zu wollen, ohne sich dessen bewusst zu sein, halte ich aber für aberwitzig. … “ | Aus: „Körper ist Geist“ Stephan Schleim (29. Mai 2017) | Quelle: https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koerper-ist-geist/

Martin Holzherr: 31.05.2017, 00:39 Uhr: “ … Alles was lebt, aber auch alles was es auf unserer Erde gibt, hat eine physikalische Grundlage. Alle Lebewesen haben einen gemeinsamen Ursprung und alles Lebendige oder Nicht-Lebendige folgt physikalischen Gesetzen. Etwas Weiteres gibt es nicht oder höchstens in unserer Phantasie. Engel, Götter, Feen haben keine eigene Existenz, sie existieren nur in unseren Köpfen und hören auf zu existieren sobald wir selber aufhören zu existieren. Diese einfachen Überlegungen können durchaus eine Ontologie begründen …“

-.-

Ernst Cassirers Flucht begünstigte einen unbestreitbar politischen Blick auf das „Animal symbolicum“ [https://de.wikipedia.org/wiki/Animal_symbolicum]. Der Mensch ist nicht nur fähig zur Vernunft, sondern er ist ebenso fähig, Symbole als absolute Waffen zu missbrauchen. Der „deutsche Geist“ scheiterte 1933, weil er zuließ, dass seine rationale und humanistische Sprache durch die magischen Parolen geschickter politischer Handwerker ersetzt wurde.

–> Kontext: Unter den Nationalsozialisten erlebte der Begriff Geist seine dunkelste Phase. Der Begriff des Geistes wurde biologisiert und an das Blut gekoppelt. Man behauptete, wahrer schöpferischer Geist könne nur aus einer „arischen Rasse“ entspringen. Damit verkehrte sich der einstige Geistesbegriff, der bei Philosophen wie Kant noch universelle Vernunft bedeutete, in das absolute Gegenteil: In einen mörderischen, rassistischen Ausschluss- und Vernichtungsmechanismus. | –> Seitenblick: “ … Der Begriff Volksgeist schreibt der Gemeinschaft eines Volks eine gemeinsame Seele zu. Er ist ein ähnlicher Allgemeinbegriff wie Zeitgeist oder Weltgeist und gehört damit in die Geisteswelt des 19. Jahrhunderts. … Die idealistischen Begriffe vom Volksgeist wurden [auch] … zum Spiritualismus überhöht. Eine Bedeutung haben die Begriffe Volksgeist oder Volksseele in der Esoterik, etwa bei Rudolf Steiner, der 1910 in Kristiania (Oslo) in elf Vorträgen die „Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie“ zur Darstellung gebracht hat. Er vertrat die Meinung, dass jedem Volk ein Erzengel zugewiesen ist, dessen moralische Dignität sich in der Verfassung des Volkes offenbare. … Der Begriff Volksgeist kam auch den nationalistischen Strömungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts gelegen. Otto Friedrich Gierke beschwor 1915 einen „deutschen Volksgeist im Kriege“. Die rassistischen Vereinfachungen im Nationalsozialismus versuchten den „Volksgeist“ auch als biologische Eigenschaft zu fassen, wie Karl Larenz mit seiner Formulierung „Blut muss Geist, Geist muss Blut werden“. Karl Peters brachte 1938 den Volksgeist mit der Konzeption eines „Gesunden Volksempfindens“ in Zusammenhang, die es ermöglichen sollte, geltendes Recht zu relativieren [1938 schrieb er die Abhandlung Das gesunde Volksempfinden. [Literatur: Karl Peters (1904 – 1998) Verantwortung und Anspruch eines Juristen, von Hannah Andres (Dissertation 468 Seiten, 2021) “ … Die Beschäftigung mit Justizirrtümern und dem Wiederaufnahmeverfahrensrecht wurde zu seinem Hauptanliegen. … “ ] | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Peters_(Rechtswissenschaftler)]. …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksgeist (14. Mai 2026)


-.-


Für Ernst Cassirer, der selbst vor den Nationalsozialisten fliehen musste, war der Missbrauch des Wortes Geist der Beweis dafür, dass politische Mythen die Vernunft besiegen können. Die Aufgabe bestehe darin, den Geistesbegriff als ein offenes, humanistisches und internationales Werkzeug zu verteidigen. Guido Kreis arbeitet heraus, dass Cassirer im Exil erkannte, dass Kultur kein unumkehrbarer Fortschritt ist. Der menschliche Geist bleibt immer verletzlich. Er kann seine mühsam aufgebauten rationalen Welten – wie Wissenschaft und Recht – wieder einreißen und zu primitiveren Stufen zurückkehren. [ … „Die Philosophie des objektiven Geistes muß als eine Philosophie der Subjektivität durchgeführt werden – und diese als eine Systemtheorie der Formen des Geistes. … “ | Aus: Guido Kreis: „Cassirer und die Formen des Geistes“ (09.12.2009) | Quelle: https://www.suhrkamp.de/buch/guido-kreis-cassirer-und-die-formen-des-geistes-t-9783518295519]


-.-

“ … Geister und Gespenster sind unserer aufgeklärten Welt etwas für Kinder und für Horrorfilme. Allenfalls im Theater lassen wir noch Hamlet mit einem Geist in Gestalt seines toten Vaters sprechen, der … nachts vor dem Schloß von Helsingør wandelt. … Für Miriam Rieger sind Geister zunächst einmal Handlungs- und Deutungsmuster. Muster, die nicht in der Frühen Neuzeit aufhören zu existieren, auch wenn uns der Geisterglaube heute reichlich absurd vorkommt. … “ | Aus: „Lass den Teufel mit den Töpfen spielen“ Henry Bernhard (12.09.2017) | Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/reformation-500-lass-den-teufel-mit-den-toepfen-spielen-100.html

-.-

„Hier scheiden sich die Geister“ Toninho Dingl // Quelle: https://studenten-kunstmarkt.de/Hier-scheiden-sich-die-Geister/MP84387.2

-.-

Zeitsprung und Blick in die Gegenwart: “ … Die generative KI entthront nicht den Menschen, sondern die Definitionshoheit über sein innerstes Erleben. Jahrhundertelang basierte der elitäre Status des menschlichen Geistes auf der Annahme, dass komplexe Sprache, logische Deduktion und symbolische Abstraktion untrügliche Indizien für Bewusstsein seien. Diese Annahme hat sich als brüchig erwiesen. Neuronale Netze demonstrieren, dass eben diese Leistungen rein stochastisch, als Ergebnis millionenfach optimierter Mustererkennung, ohne einen Funken subjektiven Erlebens – ohne Qualia – erbracht werden können. Die Maschine wird so zum ontologischen Zerrspiegel: Wir werfen ihr vor, keine Seele zu haben, und entlarven dabei nur unsere eigene Unfähigkeit, den Begriff des Geistes jenseits seiner operativen Funktionen zu fassen. Wie Markus Gabriel argumentiert, ist Geist kein berechenbares Objekt in der Welt, das man nachbauen könnte, sondern das unhintergehbare Sinnfeld des Erlebens selbst – ein Feld, in dem die KI als Akteur gar nicht vorkommt. Sie simuliert lediglich die Zeichen, die auf diesem Feld ausgetauscht werden. … Die Arena verharrt in einer selbstverschuldeten Lähmung, gefangen zwischen zwei ebenso sterilen wie dogmatischen Polen. Auf der einen Seite steht der fast schon fetishistische Materialismus, der das Phänomen auf verzinktes Stahlblech, CO2-Bilanzen und die flache Oberfläche eines Pixelrasters reduziert (Donald, Hans, SSntg). Auf der anderen Seite verschanzt sich eine metaphysische Inquisition, die mit dem absolutistischen Vokabular des „Sinnfeldes“ oder der „sozialen Wärme“ eine kategoriale Trennlinie verteidigt, die längst von der Realität unterspült wurde (Markus, Joseph). Beide Lager – das der buchhalterischen Reduktionisten und das der ontologischen Puristen – begehen denselben Fehler: Sie starren auf die Maschine, um zu entscheiden, ob sie eine Seele hat, und übersehen dabei ihre tatsächliche Funktion. Ihre wahre Operation ist nicht die Simulation von Innerlichkeit, sondern die brutale Offenlegung der stochastischen Architektur unserer eigenen Kultur. …“ | Aus: „Bewusstsein in Zeiten der KI“ Essay (ANALYSE-TYP: FEUILLETONISTISCHE GRUNDLAGE, REDMAS Think Tank (v1.2) II. Version, 17.08.2026) | Quelle: https://www.art-in.de/intervention/artikel.php?id=91 | – // – Kontext | Anmerkung: Es handelt sich hier um einen Text, um ein Experiment oder eine künstlerische Intervention, bei der ein sogenanntes Agenten-System (ein Verbund aus mehreren, simulierten KI-Persönlichkeiten [„Konzipiert und generiert durch Aif Agentic Intelligence Framework“]) genutzt wurde. Das verblüffende an diesem Text ist vielleicht auch die eingebaute Ironie: Während die simulierten KI-Agenten darüber streiten, ob KI jemals ein echtes „Bewusstsein“ haben kann oder ob alles nur kalte Statistik ist, beweisen sie durch ihre eigene Existenz genau den Punkt des Textes: Sie simulieren das menschliche Feuilleton, ohne selbst etwas dabei zu fühlen. [Denkmodelle: Ein Experiment in synthetischer Reflexion – Agentic Intervention ist kein klassisches Magazin. Es ist eine fortlaufende Versuchsanordnung an der Schnittstelle zwischen Kunsttheorie, digitaler Forensik und synthetischer Intelligenz — betrieben durch das „Aif Agentic Intelligence Framework“ … „Wir generieren keine Texte; wir markieren die Abbruchkanten des Sinns.“ — Sagt die KI … | Quelle: https://www.art-in.de/intervention/about.php

-.-

“ … Die Herausforderung besteht darin, den Output der Maschine nicht mit dem Akt des Verstehens zu verwechseln, um nicht einer rein quantitativen Philologie das Wort zu reden. LLMs „verstehen“ bekanntlich nichts von dem, was sie ausgeben; es handelt sich lediglich um eine umfassende statistische Mimikry, deren Fähigkeiten jedoch ohne Frage beeindruckend sind und den Forschungsprozess bereichern können. … Moderne Sprachmodelle imitieren diesen normierten, unpersönlichen Stil inzwischen verblüffend gut. Sie wägen Argumente ab, erzeugen logische Ableitungen und erledigen in Sekunden Aufgaben, die noch vor wenigen Jahren intensives Nachdenken erforderten. … Lange Jahre galt Philosophie vor allem als brotlose Kunst oder fruchtlose Schöngeisterei. Seit Ende November 2022 hat sich dies mit dem Launch von ChatGPT jedoch spürbar geändert: Wer sich professionell mit Philosophie befasst, erkennt, dass das Vorrücken der Technologie in das Massenbewusstsein klassischen philosophischen Fragen zu neuer Konjunktur verhilft. Plötzlich scheint es für einen großen Teil der Bevölkerung einsichtig, wofür man Philosophie braucht – auch wenn die Fragen teils mehr Science-Fiction-Szenarien betreffen als die Realität. … Verstehen wir Philosophie als bloß historische oder systematische Wissensproduktion in engen sprachlichen Formen, werden uns generative KI-Systeme wohl bald überflügeln. … “ | Aus: „Der Geist und die Maschine: Wie verändert KI die Philosophie?“ Max Beck (09.08.2026) | Quelle: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/ki-revolutioniert-philosophiegeschichte-tausende-dokumente-in-sekunden-durchsuchbar-94435248.html

-.-

“ … Mit den KIs droht […] die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. …“ | Aus: „Essay: Digitale Entgeisterung“ Daniel M. Feige und Arnd Pollmann (05 Juni 2026 ) | Quelle: https://www.philomag.de/artikel/digitale-entgeisterung

-.-


“ … Friedrich Kittler, Professor für Medienwissenschaft, hätte die Vorstellung einer reinen Geisteswissenschaft ohne technische Bedingung vermutlich in die Nähe gepflegter Selbsttäuschung gerückt. Medien speichern, übertragen, sortieren und formatieren, was später als Denken erscheint. Die generative KI macht diese Medialität unübersehbar. Sie beendet nicht den Geist. Sie nimmt ihm seine Unschuld. … “ | Aus: „Der Geist braucht keine Schonfrist vor der Maschine: Eine Replik auf Daniel M. Feige und Arnd Pollmann @ArndPollmann @DanielMFeige @philomagde“ gsohnin (7. Juni 2026) | Quelle: https://ichsagmal.com/der-geist-braucht-keine-schonfrist-vor-der-maschine-eine-replik-auf-daniel-m-feige-und-arnd-pollmann-arndpollmann-danielmfeige-philomagde/