[Das Reale, Symbolische und Imaginäre #103]

“ … Von einer Tötung oder gar Ermordung des Autors vonseiten der Theorie ist übrigens weder bei Barthes noch bei Foucault (noch bei Blanchot) die Rede… Für Barthes und Foucault stellte sich eher die Frage, wie mit dem schreibend ohnehin stattfindenden Tod – im Sinne der Preisgabe einer entsprechenden subjektiven Verfügungsgewalt im Produktionsakt und in seinen Folgen – umzugehen ist. … “ | Aus: „Gespensterbelebung. Autorschaft und Autorität“ (24. November 2019) | Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/gespensterbelebung-autorschaft-und-autoritaet/

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Jochen Schimmang (12.11.2015): “ … Barthes hat 1968 über den „Tod des Autors“ geschrieben und später auf die vielfachen Kontingenzen verwiesen, durch die ein „Werk“ zustande kommt. Seine eigene Arbeit, darunter eine Vielzahl davon Gelegenheitsarbeiten, die auf Anfrage geschrieben wurden, bezeugt die Fragwürdigkeit der Vorstellung vom „Werk“ am besten. ..“ | Quelle: https://taz.de/Zum-100-Geburtstag-von-Roland-Barthes/!5250832/ | –> https://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Barthes

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“ … Für Barthes ist Schreiben der Raum, wo das Subjekt verschwindet, das fotografische Negativ, wo jede Identität verloren ist, und das beginnt mit der Identität desjenigen, der schreibt. Barthes entwickelt dabei eine kurze historische Skizze des Schreibens und der Autorschaft, um diese Transformation darzustellen. In den ursprünglichen Gesellschaften war Schreiben für das bekannt, was es ist. In der Moderne entwickelte sich die tyrannische Figur des Autors, und erst langsam begann eine Rückkehr zum ursprünglichen Schreiben durch die Dekonstruktion des Autors.
… Bereits Mallarmé schrieb, dass nicht der Autor, sondern die Sprache spricht. Valéry nannte den Rückgriff auf das Innere des Autors Aberglaube. Proust verwischte die Autor-Figuren-Relationen und nannte den Erzähler denjenigen, der schreiben wird. … Nach dieser Dekonstruktion nennt Barthes den modernen Autor einen Schreiber (scripteur), der im selben Moment entsteht wie sein Text, und zwar immer im Hier und Jetzt. War der Autor vor allem das Buch, ist das, was dem Schreiber vorausgeht, der Text. [Adrian Wilson: Foucault on the “Question of the Author”: A Critical Exegesis. In: The Modern Language Review, Band 99, Nr. 2, April 2004, S. 339–363. S. 341] Ein Text wiederum ist für Barthes ein multidimensionaler Raum: ein Gewebe aus Zitaten, also nicht originell. Der Schreiber hat in sich keine Leidenschaften, Gefühle oder Eindrücke, sondern das große Wörterbuch, aus dem er schöpft. Das Leben imitiert das Buch, das Buch ist verlorene Imitation. …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tod_des_Autors_(Roland_Barthes) (14. Januar 2025)

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Bawafafa: Der Tod des Autors ist manchmal eine nützliche Idee. … Aber das Konzept des Todes des Autors bewirkt einiges, was ich nicht für hilfreich halte. … Wenn Menschen nicht als Autoren ihrer Worte gesehen werden, wenn sie nur als Kanäle betrachtet werden, durch die sich der Diskurs bewegt, wie können sie dann für die Dinge, die sie sagen, zur Rechenschaft gezogen werden? …

Nyorliest: „Warum sollte Verantwortung für Worte von großer Bedeutung sein?“ … Ich bin alt und ein großer Teil meiner literarischen Erziehung in der Kindheit war ‚der Autor meint dies‘ und ‚der Autor meint das‘, und das war total fehlgeleitet.
Ich weiß, dass Dickens sich mit der Reform des Gefängnisses beschäftigt hat und daran interessiert war. Ich weiß, dass sein Vater im Gefängnis war. Das sind nicht-textuelle Informationen, die mir helfen, Pips Beziehung zu Magwitch zu kontextualisieren. Aber jedes Mal, wenn ich sage ‚Dickens meinte hier X‘, ist das Wahnsinn. Anstatt zu versuchen, „Große Erwartungen“ als Séance zu behandeln, kann ich einfach darüber sprechen, wie es mich fühlen lässt, da mein Vater ein Verbrecher war (Reader Response), und es in den Kontext von Dickens‘ Leben und anderen zeitgenössischen Erzählungen und politischen Themen stellen.
Vielleicht ist eine einfachere Art, das zu sagen – ich tippe schnell, während ich frühstücke – dass es fast immer eine schlechte Nutzung von Zeit und Gedanken ist, sich auf den Geist des Autors und den Autor selbst zu konzentrieren. Es gibt viele lohnenswerte und interessante Dinge zu sagen, ohne jemals zu versuchen, eine tote Person zu psychoanalysieren.

JoyBus147: Es gibt ein kleines Detail, das die Dinge vielleicht klarer macht: Im ursprünglichen Französisch lautet der Titel „La Mort de l’auteur“. … Anhand … des kulturellen Kontexts können wir schließen, dass der „Tod“ des Autors eher eine rhetorische Ausschmückung als striktes Dogma ist.
„Tod des Autors“ bedeutet nicht, dass der Autor bedeutungslos ist. … [Die]-„Tod des Autors“-Perspektive … sagt nur, dass der Autor nicht die Autorität ist – als Schöpfer des Textes könnte man ihn als einen „Ersten unter Gleichen“-Kritiker betrachten. …

Bruchstücke aus: „Der Tod des Autors?“ (09.11.2026) | Quelle: https://www.reddit.com/r/CriticalTheory/comments/1phwez0/the_death_of_the_author/?tl=de

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Gedankensprung: Die Stimme aus dem Off (1)


“ … Das gesprochene Wort des Off-Textes nimmt vielmehr auch immer eine bestimmte Haltung gegenüber dem bildlich Dargestellten ein. Die Frage lautet also: In welcher Funktion steht der Text bzw. inwieweit beeinflusst er das Bild in seiner Bedeutungsaussage? Welche Kategorien lassen sich für diese Text-Bild-Verbindung finden? … Das gesprochene Wort ist aber nicht nur durch seinen Text bestimmt, sondern wird auch durch den Charakter von Stimme und Sprechweise beeinflusst, welche zusätzliche Informationen vermitteln und Deutungen anbieten können. Eine bestimmte Sprechweise kann einem Text eine emotionale Färbung geben, ihn dramatisieren oder auch Ironie ausdrücken (vgl. Hickethier 1991), wodurch die Bildaussage gesteigert bzw. eingeschränkt werden kann. In diesem Sinne (be)wertet der Off-Text die filmische Darstellung. Dies ist auch in Form eines auktorialen Voice-overs möglich …“ | Aus: „Die Stimme aus dem Off“ Lysann Windisch (2012)

Waldo Lydecker, ein bekannter New Yorker Radiokolumnist, berichtet in seiner großen und prunkvoll ausgestatteten Wohnung, wie tief bewegt er von dem Tod einer sehr guten Freundin sei. Laura habe ihm alles bedeutet. Sein Leben sei – ohne sie – bedeutungslos geworden.

Die Stimme des Kolumnisten ist das Erste, was wir hören in „Laura“ von Otto Preminger aus dem Jahr 1944. Wir hören die Stimme aus dem Off bevor wir den Autor selbst sehen können, wie er nackt in der Badewanne sitzend seine Geschichte in die Schreibmaschine tippt.

Er, Waldo Lydecker wolle, da nun entsetzlicherweise seine Freundin Laura ermordet worden sei, die tragische Geschichte ihres Todes für alle Welt niederschreiben.

Durch Rückblenden, durch den Verlauf der Filmhandlung wird deutlich, dass dieser distinguierte Kolumnist seine Texte als Waffe zu gebrauchen weiß, um männliche Konkurrenten, die Laura zu nahekommen, auszuschalten. In dem Moment aber, als diese Waffe aus Buchstaben nicht mehr greift, nimmt er eben eine Schrotflinte zur Hand, um Laura zu erschießen. Wenn Laura nicht bei ihm bleiben will, so soll sie tot immerhin nicht zu jemanden anderen gehören können.

Dem jungen Polizisten Mark McPherson, der als Ermittler in Lauras Tagebücher gelsen hat, der sich in das Bild, in das Gemälde der vermeintlich Toten verliebt hat, gelingt es das Versteck der Schrotflinte in einer alten Standuhr aufzuspüren. Er kann nun den tatsächlichen Tathergang rekonstruieren.

Waldo wird durch die Entdeckung von Mark die Gewalt über seine Erzählung verlieren. Waldos Version der Geschehnisse, sein Bericht an die Welt, seine Erzählung von Lauras Tod ist ihm nun unmöglich geworden. Die Stimme aus dem Off, der Erzähler, der Autor selbst war der Mörder.

Gedankensprung: Die Stimme aus dem Off (2)

Joe Gillis liegt in „Boulevard der Dämmerung“ (Billy Wilder, 1950) tot in einem Swimmingpool. Die Polizei, die Presse und das Fernsehen sind unterwegs zum Ort des Geschehens. Gillis erzählt als bereits gestorbener Mann, als Stimme aus dem Jenseits, als Stimme aus dem Off wie sich alles ereignete.

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Der Tod des Autors ist ein in der Literaturtheorie vertretenes Konzept, das die klassische Idee der völligen Kontrolle des Schriftstellers über seine eigene Schöpfung in Zweifel zieht. Für die Textinterpretation bedeutet dieser Ansatz vor allem, dass die mutmaßliche Absicht des Autors unerheblich ist und Texte auch durchaus Bedeutungen entwickeln können, die der Absicht des Autors widersprechen.] | https://de.wikipedia.org/wiki/Tod_des_Autors

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Die These von der Rückkehr des Autors kam in den 1990er Jahren in der Literaturwissenschaft auf. Sie rückt die Person des Autors wieder stärker in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. … In der deutschen Forschung kam der Begriff durch einen 1999 von Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matías Martínez und Simone Winko herausgegebenen gleichnamigen Sammelband wieder auf [Gregor Thuswaldner: Derrida und danach? Literaturtheoretische Diskurse der Gegenwart. DUV, 2008, ISBN 3-8350-6036-8, S. 21.]. Darin sollte der Autor wieder zum legitimen Untersuchungsgegenstand der Literaturwissenschaft gemacht werden, allein um die „unaufgeklärte Schizophrenie“ zwischen Literaturtheorie und Praxis der Literaturwissenschaft zu vermeiden. | Aus: „Rückkehr des Autors“ (4. Juni 2023) | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCckkehr_des_Autors