[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #76 … ]

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Hans-Martin Lohmann (21.02.2005): “ … Männer, so lässt sich das zusammengetragene ethnologische Material und die wissenschaftliche Literatur darüber interpretieren, haben den starken unbewussten Wunsch, ihre ursprüngliche sexuelle Abhängigkeit von den Frauen zu verleugnen … Prinzipiell ist daher in der ambivalenten bis feindseligen Einstellung des Mannes zu seinen weiblichen Sexualobjekten die Idee der Vernichtung des Objekts und seiner Surrogate unbewusst immer enthalten… Eine der Hauptquellen für Frauenhass wäre dann der Hass auf das eigene (sexuelle) Begehren, für das die Frau verantwortlich gemacht und deshalb bestraft wird. … Pohl [pocht] auf das elementare Gewicht einer spezifisch zugerichteten männlichen Sexualität, ohne deren platter Naturalisierung oder Ontologisierung zu verfallen. … “ | Aus: „Rolf Pohl: Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen“ | https://www.deutschlandfunk.de/rolf-pohl-feindbild-frau-maennliche-sexualitaet-gewalt-und-100.html
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“ … Als Psychotherapeut und Supervisor habe ich sehr von der Lektüre profitiert, weil Rolf Pohl Ausflüge zur Anthropologie, Ethnologie und Soziologie macht und zusammenträgt, welche fassungslos machende Fülle an Frauenfeindlichkeit es in verschiedenen Kulturen gab und gibt und wie Zusammenhänge zu aktuellen Phänomenen zu sehen sind. Bestürzend, desillusionierend, aufrüttelnd und aktivierend, Schluß zu machen mit dem Spuk. …“ (Über: Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen., 11. August 2015)
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“ … Der Diskurs über die ideale Frau spiegelte sich auch in dem über deren Antithese wider, nämlich über Frauen, die entweder kriminell oder durch sonstiges deviantes [von der Norm abweichendes] Verhalten auffällig waren. … In den 1920er und 1930er Jahren intensivierte sich, angeregt durch die Rezeption westlicher Forschungen zur Evolution, Kriminalität, Psychologie und Psychoanalyse – insbesondere der Schriften von Richard von Krafft-Ebing und Sigmund Freud – die Ansicht, jegliche Art weiblicher Sexualität und die Neigung zu kriminellem Verhalten stünden in einem kausalen Zusammenhang. … Anhand der Nachzeichnung der historischen Genese der dokufu [‚evil woman‘] … bis hin zu einem ubiquitären Topos eines weiblichen ›Anderen‹ in der Unterhaltungs- und Populärkultur sowie der Medizin, Psychologie und den Sozial- und Kulturwissenschaften der Nachkriegszeit zeigt sie überzeugend auf [Christine L. Marran: Poison Woman. Figuring Female Transgression in Modern Japanese Culture. Minneapolis: University of Minnesota Press (2007)], dass die sozialen und kulturellen Konstruktionen von deviantem Verhalten ebenso wie dessen mediale Repräsentationen im historischen und politischen Kontext der Formierung des japanischen Nationalstaates zu sehen sind. Auf diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Darstellung von Geschlechterbildern und –beziehungen in den Medien – Literatur, Journalismus, Theater, Film – einer ideologischen Instrumentalisierung unterliegt. Marran zeigt auf, wie sehr der Diskurs über kriminelle und deviante Frauen in den über den Modernisierungsprozess Japans eingebettet ist. …“ | Aus: Evelyn Schulz: „Giftmischerinnen, Vagabundinnen und Erotomaninnen“ Eine Literatur- und Mediengeschichte krimineller und devianter Frauentypen im modernen Japan – IASLonline [17.02.2009]| http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=2722
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“ … Willi Jaspers Buch [‚Die Jagd nach Liebe‘ Verlag S. Fischer Frankfurt/Main 2007, 410 Seiten] beschreibt Heinrich Mann als einen ausgemachten Erotomanen … Erotik war für den Künstler jedoch auch immer ein geistiges „Prinzip“, er wollte „sinnlich denken“ und trachtete danach, seine Literatur „ins Weibliche zu übersetzen.“ … Willi Jasper zeichnet die Biographien von insgesamt neun Frauen aus Heinrich Manns Leben nach, die fast alle auch in sein Werk Einzug hielten. …“ | Joachim Scholl „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ (13.04.2007)| https://www.deutschlandfunkkultur.de/von-kopf-bis-fuss-auf-liebe-eingestellt-100.html
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“ … Caravaggio stieß seine Zeitgenossen auch durch sein wildes und abenteuerliches Wesen, seinen Lebensstil und seine zahllosen Affären vor den Kopf. Dennoch erhielt er mehrere Aufträge für große Gemälde. Sein Werk folgte naturalistischen Gesetzen und bezog einfache Menschen von der Straße mit ein, die er als Modelle für seine großformatigen, religiösen und mythologischen Szenen benutzte. Als er von 1600 an diese Tendenz in seinem Werk entwickelte, geschah es oft, dass die Auftraggeber seine Gemälde wegen ihrer Ungehörigkeit oder theologischen Fragwürdigkeit ablehnten. Sein Werk weckt im Betrachter tiefe Gefühle. Obwohl von Vielen verurteilt, wurden seine Innovationen bald gefeiert, und Caravaggio gewann die Achtung seiner Zeitgenossen. Zuweilen geriet er durch Schlägereien in Schwierigkeiten. Am 28. Mai 1606 geriet er nach einem Spiel in Streit und tötete seinen Gegner. Zum Tod verurteilt, floh er im Alter von 35 Jahren aus Rom. … Nichts an Caravaggios Werk ist trivial, und ihre physische und moralische Komplexität bringt auch im modernen Zuschauer eine Saite zum Klingen. Die langen Schlangen vor der Ausstellung zeigen, dass die Menschen nicht nur den Wunsch haben, diese Bilder zu betrachten, sondern dass sie auch nach der komplexen Wahrheit der Menschlichkeit suchen. …“ |Aus: „Dunkle und komplexe Schönheit“ Paul Bond (2007) | https://www.wsws.org/de/articles/2007/01/cara-j03.html

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“ … Als Sujet für meinen Vortrag habe ich die Femme Fatale gewählt, die gefährliche Frau, die angeblich die Männer verschlingt. … Im Juli dieses Jahres [2006: https://de.wikipedia.org/wiki/Geheime_Staatsaff%C3%A4ren] kam Claude Chabrols Film „Geheime Staatsaffären“ in die deutschen Kinos. … Obwohl mit dem Filmtitel die Korruptionsaffäre europäischen Ausmaßes bei der Deregulierung der Mineralölwirtschaft Frankreichs und der DDR in der Wendezeit angesprochen ist, macht der Film bei der Schilderung dieses brisanten Politikums die Richterin zur Hauptfigur. Isabelle Huppert wird mit roten Handschuhen und dem mehr als eindeutigen Namen „Jeanne Charmant Killman“ bei ihrem kurzen Aufstieg in der Männergesellschaft zur heutigen Femme Fatale. „Madame Piranha“ kommentiert der Tagesspiegel, „Richterin und Raubtier“ die taz. Der Fluss der Korruptionsgelder wird zur Nebensache, die europäische Dimension nicht erwähnt. Die politische Affäre wird feminisiert unter dem Einsatz einer offenbar immer noch überzeugenden Weiblichkeitskonstruktion, die hier für die zynische Parabel steht, das jeder des anderen Feind sei. Mit diesem mörderischen Frauenbild wird der für Frauen heutzutage durchaus begehrte Posten in der Berufswelt verstellt, um strukturelle gesellschaftliche Probleme nationaler Ökonomien im Neoliberalismus als feminisierte Personalisierung im Film „sichtbar“ zu machen. … Gefährliche Weiblichkeit, die nach damaliger Auffassung an die Sexualität der Frau gebunden ist, wird im Mythos verankert und in der sogenannten Natürlichkeit des weiblichen Körpers ganz allgemein erkannt. … Ein Beispiel des Vorsprungs der Malerei: Im Jahr 1908, also 15 Jahre bevor Erich Wulffen 1923 erreichen wollte, „daß das Bild des weiblichen Verbrechers – … plastisch – vor unseren Augen steht“, arbeitete der Maler Albert von Keller der Wulffenschen These von der „geborenen Sexualverbrecherin“ mit dem Bild „Liebe“ den Wissenschaftlern zu. Der Band „Das Weib als Sexualverbrecherin“ erschien an prominenter Stelle in der Enzyklopädie moderner Kriminalistik erst 1923. Darin versuchte Wulffen die von Lombroso 1894 aufgestellte, aber von anderen Wissenschaftlern zurückgewiesene These, des tendenziell kriminellen Charakters aller weiblichen Sexualität erneut zu bekräftigen. Keller griff in seinem vielfach reproduzierten Gemälde die bewährte Salome-Ikonographie auf und vereinte sie mit der Geschichte der aktiven Judith. Ein Opfer liegt hinter ihr und greift noch im Tod nach dem abgeschnittenen Haar, ein abgeschlagener Kopf zu ihren Füßen, bedrohlich auffordernd blickt sie auf die Betrachter des Bildes. Das Serielle ihrer Morde in diesem „Liebe“ genannten Bild ist mehr als angedeutet. Wulffen setzte 1923 diesem Weiblichkeitsbild den „Mutterschoß“ als „heiligen Boden“ entgegen, denn „die Jugend steigt aus dem Schoße der Mütter des Landes hervor“. „Gesunde Sexualität“ im Sinne der Fortpflanzung der Art wurde zu dem offiziellen Diskurs im Sozialstaat der Weimarer Republik. (Wenk, Versteinerte Weiblichkeit) In Opposition dazu zerstückelten die Maler der Avantgarde – wie Otto Dix aus Lust den ganzen weiblichen Akt als kriminelle Handlung und als künstlerische Tat im Bild. Sie machten den Mord zu ihrem unsterblichen Werk. Fragen wir abschließend noch einmal, welches Konstrukt zu welcher Zeit welchen Zweck erfüllte und wem es diente: Bei dem zuletzt genannten Lustmord arbeiteten die Künstler nach 1918 Gewalterfahrung an Bildern des Weiblichen ab. Sie reagierten als neue Täter auch auf das in der Sphinx und der Salome präsentierte Frauenbild. Sowohl in dem Film „Geheime Staatsaffären“ von 2006 als auch bei den Bildern von Salome und Sphinx wird das Konstrukt Femme Fatale eingesetzt. War es damals die sexuell aktive Frau, die zwar im Bild genossen, aber zugleich skandalisiert und abgewehrt wurde, so wird im Film 2006 eine Relation zwischen kastrierender, ja mörderischer beruflicher Tüchtigkeit der Frau und ihrem Versagen in den ehelichen Beziehungen hergestellt. Claude Chabrol lässt Jeanne Charmant Killman in der Schlusszene ihren Beruf – und damit ihre Macht – aufgeben und mit dem jungen Mann im Auto davon fahren. Statt eines versuchten neuen Konstruktes, das den Plot bis hierhin bestimmt hatte, wird nun an das altbekannte Muster erinnert. …“ | Aus: „Fatale Konstrukte: Bildende Kunst und Sexualwissenschaft im Dialog“ Kathrin Hoffmann-Curtius (27.10.2006) | http://www.hoffmann-curtius.de/PDF/femme_ge.pdf

Parsifals Versuchung“ (Arthur Hacker, 1894)

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