[Umherschweifende Bildanalyse #2… ]

Bild / Foto: Manetta Berends (2020) | Impuls via https://monoskop.org/Manetta_Berends

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Eine Bildanalyse funktioniert wie eine forensische Untersuchung am Tatort. Ein Ermittler nimmt jeden Fussel wichtig – nicht weil der Täter den Fussel absichtlich dort platziert hat, sondern weil er etwas verraten könnte. „Hat sich der Künstler das damals wirklich alles so gedacht, oder wird hier einfach wild herumspekuliert?“. Wenn wir über den „Lichtkegel“ oder die „Klassische Dramatik“ sprechen, behaupten wir nicht, dass eine Fotografin oder ein Fotograf im Jahr 2020 eine Checkliste der Renaissance auf dem Tisch hatte. Viele Menschen glauben, eine Analyse wolle die bewusste Absicht des Urhebers entschlüsseln. Das ist aber selten der Fall. Unser Gehirn ist eine Mustersuchmaschine. Wenn wir aufgefordert werden, ein Bild intensiv zu betrachten, fängt unser Verstand an, Verbindungen herzustellen, wo vielleicht gar keine geplant waren. Bilder wirken direkt auf unser limbisches System – sie erzeugen in Bruchteilen einer Sekunde ein Gefühl. Wenn man nun gezwungen wird, dieses abstrakte oder unklare Gefühl in einem Text rational zu begründen, muss man Brücken aus Worten bauen. Das Ergebnis liest sich dann oft so, als hätte man ein einfaches Foto in eine psychologische Abhandlung verwandelt. Beginnen wir also!


Zu: „Manetta Berends (2020)“ — Die Lichtgebung wirkt vordergründig dokumentarisch – zugleich erscheinen die Farben malerisch wie von der Hand eines Malers angemischt. Die Schattenstrukturen im Gesicht und Hals sind unauffällig, deuten aber hin zu einem Gesichtsausdruck, der in einer konzentrierten Fokussierung wahrnehmbar wird. Manetta Berends wirkt nicht idealisiert. Das Foto bricht mit Konventionen klassischer Studio-Porträts. Das Bild erinnert stilistisch an einen authentischen Schnappschuss oder ein beiläufiges Profilbild. Die leichte Drehung des Oberkörpers erzeugt eine räumliche Tiefe und Dynamik. Das Zusammenspiel von Raum und Licht verleihen ihr eine unaufgeregte natürliche Präsenz. In der Renaissance und im Barock nutzte man oft Vorhänge, Landschaften oder prunkvolle Innenräume, um den Status der Person zu untermauern. Später – etwa bei Rembrandt oder in der klassizistischen Malerei – wurde der Hintergrund oft in ein diffuses, dunkles oder neutrales Nichts aufgelöst. Der Hintergrund hier könnte eine Wand oder eine große Schieferntafel sein. Ein zweiter assoziativ geleiteter Blick auf die Oberflächenstruktur der Wand erinnert an einen nächtlichen Sternenhimmel (an einen Blick in den Weltraum). Alte Gemälde erforderten stundenlanges Stillhalten, weshalb die Posen eine inhärente Ruhe und Ewigkeit ausstrahlen. Das Foto wirkt, als wäre ein flüchtiger Moment eingefangen worden, zugleich sehen wir ein Zustand des Verweilens. Der Lichtkreis in dessen Zentrum die Abgebildete steht, verändert die gesamte Bilddynamik grundlegend. Er ist das stärkste gestalterische Werkzeug in diesem Porträt und verbindet moderne Fototechnik direkt mit sakraler Malerei. Da die Abgebildete mitten im Lichtkreis steht, wird hier durchaus eine heilige Würde angespielt. Der Lichtkreis erzeugt einen starken Hell-Dunkel-Kontrast genau dort, wo die Silhouette der Porträtierten auf den Hintergrund trifft. Der Blick des Betrachters wird unweigerlich wie bei einem Scheinwerfer auf einer Theaterbühne in die helle Mitte gezogen. Das Licht bricht die sterile Sachlichkeit des modernen Hintergrunds auf und lädt das Bild mit einer subtilen, klassischen Dramatik auf. Das Bild erzeugt eine leise Spannung bei gleichzeitiger innerer Ruhe.