Ein zweiter Blick auf La Piscine („Der Swimmingpool“) …
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La Piscine (FRA/ITA, R: Jacques Deray, 1969) | Jean-Paul (Alain Delon) verstrickt sich am Pool einer südfranzösichen Villa an der Côte d’Azur mit Marianne (Romy Schneider), Pénélope (Jane Birkin) und Harry (Maurice Ronet) in eine tragische Mordgeschichte.
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“ … La Piscine mag wie eine einfache Geschichte über Begehren und Konflikte innerhalb einer Vierergruppe erscheinen, aber der Schein trügt. Auch die Amoralität des Films beunruhigte so manchen. Das galt insbesondere für die spanische Regierung unter Franco, die für den dortigen Kinostart eine zusätzliche Schlusseinstellung forderte, in der die Polizei eintrifft, um den Täter zu verhaften. … La Piscine zielte gleichermaßen darauf ab, die damalige Zeit einzufangen, tut dies jedoch über ein breiteres Altersspektrum hinweg – seine hermetische Welt ist das genaue Gegenteil von unschuldig. … “ | From: „LA PISCINE (1969)“ (2026) | Source: https://cinemareborn.com.au/La-Piscine
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Frage aus dem Off: In der französischen Fassung bleibt der Film moralisch ambivalent. Nachdem Jean-Paul zuletzt Marianne gestanden hat, dass er Harry im Pool ertränkt hat, bittet sie ihn zwar zu gehen, bleibt aber am Ende doch bei ihm. Der Film schließt mit einer Szene, in der beide zusammen durch das Fenster der Villa blicken. Jean-Paul entkommt rechtlich ungestraft dem Mord – ein ungelöster Kriminalfall. Und jetzt das interessante Detail: Das Franco-Regime tolerierte keine ungestraften Verbrechen im Kino. Für die spanische Fassung musste eine neue Schlusseinstellung gedreht werden. In dieser Einstellung sieht man die Polizei an der Villa vorfahren, um den Mörder zu verhaften. Dieselbe Einstellung wurde auch für die englischsprachige Exportversion genutzt.
Antwort aus dem Off: Ich sehe schon, Du kommst von deinem Thema nicht los.
Frage aus dem Off: Welchem Thema?
Antwort aus dem Off: Der Frage in wie weit uns bei einem Film Anspielungen oder Konnotationen entgangen sein könnten. Es lässt dich nicht los.
Frage aus dem Off: Der Film ist 57 Jahre alt (im Jahr 2026). Es geht für mich um Filme einer Zeit – also um eine Filmwelt, die langsam in Vergessenheit rutscht. Das Offensichtliche langweilt mich. Ich mag es nicht, wenn Klischees über Filme wiederholt werden. Es geht für mich um den Spielfilm als Kunstform, um das Kino in Europa. Ich denke das Jahr 1969 markiert gerade auch in Bezug auf Filme einen Wendepunkt. Es hat sich da etwas grundlegendes verändert, es hat sich geändert wie Filme gesehen wurden. Ich frage mich: Wie wurde La Piscine 1969 aufgenommen. Während Frankreich ganz real von Studentenprotesten, Straßenschlachten und Generalstreiks des „Mai 1968“ erschüttert wird, zeigt der Film La Piscine eine radikal isolierte, hermetische Welt des Luxus. Die Figuren flüchten aus der Realität. Der Pool als ein noch heute geläufiges Statussymbol, verwandelt sich im Laufe des Films in einen Ort der Eifersucht, in einen Ort des Dramas – und letztlich in einen Ort des Todes. Natürlich bin ich da neugierig!
Antwort aus dem Off: Nun gut, ich sehe in La Piscine einen Film aus der Hochzeit der sexuellen Befreiung. Es wird mit traditionellen bürgerlichen Werten gebrochen, indem Untreue, Begierde und das Vertuschen eines Mordes ohne Reue darstellt. Genau diese neue, „moderne“ Amoralität war es, die konservative Zensoren in autoritären Staaten wie Spanien auf den Plan rief.
Frage aus dem Off: Das meine ich nicht, aber zunächst zu etwas anderem: Lief der Film in Prag?
Antwort aus dem Off: Ja, der Film lief in Prag mit dem Titel: Bazén. Er wurde in der damaligen Tschechoslowakei – der CSSR – sowohl im Kino als auch im Fernsehen gezeigt. Aber ich weiß warum du fragst: Als La Piscine vom 19. August bis 19. Oktober 1968 in Südfrankreich gedreht wurde, marschierten am 21. August 1968 die Truppen des Warschauer Paktes in Prag ein, um den Prager Frühling gewaltsam niederzuschlagen [Prager Frühling –> https://de.wikipedia.org/wiki/Prager_Fr%C3%BChling]. Als der Film in die Kinos kam, war der Prager Frühling damit bereits beendet, und in der Tschechoslowakei hatte die Phase der sogenannten „Normalisierung“ – die Wiederherstellung der strengen kommunistischen Zensur und Linientreue – begonnen.

Frage aus dem Off: Wie wurde der Film von der zeitgenössischen tschechoslowakischen Presse besprochen?
Antwort aus dem Off: Die Besprechungen spalteten sich im Wesentlichen in zwei Argumentationslinien: Die Presse beschrieb die Protagonisten Marianne und Jean-Paul als Typen der „bourgeoisen Freizeitgesellschaft“. Ihr Alltag, der nur aus Sonnenbaden, Alkoholkonsum und Luxus besteht, wurde als moralisch bankrott und sinnentleert dargestellt. Der Swimmingpool wurde von tschechoslowakischen Rezensenten nicht als Traumkulisse, sondern als steriles Statussymbol des westlichen Kapitalismus interpretiert. Das darin stattfindende Verbrechen galt in der Presse als logische Konsequenz einer egoistischen, rein materialistischen Lebensweise. Aber trotz der ideologischen Einordnung in den Zeitungen gab es eine spürbare Diskrepanz zwischen der offiziellen Parteilinie und der Faszination für das französische Kino. Es geht hier um Brüche in der Wahrnehmung: Für das tschechoslowakische Publikum war der Film ein visuelles Fenster in eine unerreichbare Welt.
Aber zurück zu Presse: Subtilere Kritiker, die sich einen Rest künstlerischer Unabhängigkeit bewahren wollten, umschifften die Politik. Sie lobten in ihren Texten stattdessen das präzise, kammerspielartige Zusammenspiel der Darsteller und die handwerkliche Eleganz von Regisseur Jacques Deray, der die emotionale Spannung ohne billige Effekte meisterhaft aufbaute. Zusammenfassend lässt sich der Film hervorragend als „Kritik am moralischen Verfall des Westens“ vermarkten, während das Publikum genau diesen verbotenen, westlichen Glamour in den Kinosälen feierte.
Frage aus dem Off: Kino als Sehnsuchtsort?
Antwort aus dem Off: Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wurden die Grenzen der CSSR schrittweise wieder geschlossen. Das Reisen in den Westen war für die normale Bevölkerung unmöglich. Der Swimmingpool transportierte die Zuschauer direkt an die französische Riviera. Im sozialistischen Realismus hatte Kunst oft dem Allgemeinwohl, dem Staat oder der Arbeiterklasse zu dienen. Der Swimmingpool hingegen zelebrierte den radikalen Individualismus und eine hochgradig ästhetisierte Erotik. Die Figuren kümmerten sich nicht um Politik, Fabrikquoten oder Ideologie – sie kreisten ausschließlich um sich selbst, ihre Begierden und ihre psychologischen Konflikte.
Frage aus dem Off: Wie unterschied sich die Rezeption von „Der Swimmingpool“ in Westdeutschland und der DDR?
Antwort aus dem Off: Während die Rezeption im Westen von Klatsch und der Faszination für das Star-Duo dominiert wurde, diente der Film in der DDR als politisch-ideologisches Paradebeispiel. In der Bundesrepublik stand die rein filmische Qualität eher im Schatten, denn die westdeutsche Presse und das Publikum stürzten sich auf die reale Vorgeschichte der Hauptdarsteller. Romy Schneider und Alain Delon waren Jahre zuvor das europäische „Traumpaar“ gewesen, bis Delon die Verlobung löste. Dass sie nun – auf Delons persönliches Betreiben hin – wieder zusammen vor der Kamera standen und hochgradig erotische Szenen drehten, elektrisierte die Boulevardmedien. Die zeitgenössische westdeutsche Kritik bemerkte süffisant, dass Regisseur Jacques Deray die gemeinsame Vergangenheit seiner Stars „geradezu schamlos ausnutzt“, da der Zuschauer ohnehin genug über die beiden wisse und kaum neue Dialoge nötig seien. Und natürlich: Der Film wurde zu einem Kassenschlager.
In der DDR wurde der Film ebenfalls gezeigt, doch die staatlich gelenkte Filmkritik ging völlig anders an das Werk heran. Die DDR-Presse ignorierte den westlichen Starkult weitgehend. Stattdessen wurde der Film als soziologische Studie über den „moralischen Verfall“ und die „Dekadenz der westlichen Bourgeoisie“ präsentiert. Das luxusorientierte Leben der Figuren ohne feste Arbeit wurde als reines Zerrbild der kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft gebrandmarkt. Und – wie in Prag – strömten die DDR-Bürger in die Kinos, da Filme mit Alain Delon und Romy Schneider seltene, heiß begehrte Gelegenheiten waren, dem DDR Alltag zu entfliehen um etwas vom westlichem Glamour und einer eleganten Freizügigkeit auf der Leinwand zu erleben. Das Kino als Sehnsuchtsort. Kino als Wunschmaschine.
Frage aus dem Off: Ist diese Ironie der Rezeption im Osten später aufgegriffen worden?
Die Stimme aus dem Off: Ja, je mehr die staatliche Presse betonte, wie „schrecklich, leer und dekadent“ das Leben im Westen sei, desto mehr sehnten sich die Zuschauer nach genau diesem Lebensgefühl. Das Kino konterkarierte ungewollt die staatliche Propaganda. In der medienwissenschaftlichen Aufarbeitung der DEFA- und DDR-Kinogeschichte – in Publikationen der DEFA-Stiftung – wird das Phänomen als Doppelbödigkeit oder schizophrene Rezeption beschrieben. Autoren arbeiteten heraus, dass DDR-Bürger eine bemerkenswerte Fähigkeit besaßen: Sie lasen die ideologische Kritik in den Zeitungen, blendeten sie im Kinosaal aber völlig aus. Die Nacktheit von Jane Birkin, die Freizügigkeit und die Luxusautos – wie der im Film gezeigte Maserati – mussten im sozialistischen Alltag wie Science-Fiction wirkten. Die Zensoren dachten, sie zeigen die „Hölle des Kapitalismus“, das Publikum sah jedoch das „Paradies der Konsumwelt“.
Frage aus dem Off: Die DDR Filmkritik politisierte und die Westdeutsche Filmkritik entpolitisierte?
Antwort aus dem Off: Das Phänomen, gesellschaftliche oder politische Dimensionen in Filmen zugunsten von Ästhetik, Moral oder Klatsch komplett auszublenden ist ein interessanter Aspekt. Anstatt den Film als Porträt einer gelangweilten, reichen Oberschicht im Umfeld des französischen Generalstreiks von 1968 zu analysieren, reduzierten die Kritiker das Werk fast ausschließlich auf die reale Liebesvergangenheit von Romy Schneider und Alain Delon. Die Ablenkung von unbequemen gesellschaftlichen Fragen, also das damit verbundene Bedienen von Voyeurismus, Klatsch und die Verbreitung von Sensationsjournalismus ist eine Strategie, die heute noch zieht. Zurück ins Jahr 1969: Wenn im Westen – abseits der Regenbogenpresse – ernsthaft über den Film geschrieben wurde, dann geschah dies meist durch kirchliche oder konservative Filmdienste – wie den „Evangelischen Filmbeobachter“ oder „Das Lexikon des internationalen Films“. Diese Kritiken bemängelten zwar ebenfalls die „Dekadenz“ der Figuren, taten dies aber auf einer rein privat-moralischen Ebene. Zum Beispiel als Warnung vor Untreue und Sittenverfall. Während die DDR-Kritik das System des Kapitalismus für den Mord im Pool verantwortlich machte, sah die westliche Kritik lediglich das „persönliche Versagen“ sündiger Individuen. Die gesellschaftlichen Ursachen für die Konflikte – man denke an die im Film geschilderte Musikvermarktung von Harry (Maurice Ronet), den Misserfolg von Jean-Paul (Alain Delon) als Autor – diese Fragen wurden komplett ausgeblendet. Aber das blieb nicht ewig so: Westdeutsche Filmemacher – wie Rainer Werner Fassbinder und Filmzeitschriften wie Filmkritik – warfen den etablierten Zeitungen vor, das Kino durch unpolitische Berichterstattung für dumm zu verkaufen. Sie forderten, dass Filme – und Kritiken – das Private als Politisches Feld begreifen müssen. Ein Film wie Der Swimmingpool hätte beispielsweise als Kritik am Besitzdenken besprochen werden können – und nicht nur als romantisches Drama am Luxuspool. Die Auflagenstarken Zeitungen – die Boulevard Medien – zeigten tatsächlich, wie die damalige BRD-Presse gesellschaftliche Spannungen lieber durch die Betonung auf Stars und Klatsch neutralisierte.
Frage aus dem Off: Ich frage mich oft: Ist das eine bewusste Strategie der Presse – oder steckt da eher eine unbewusste Psychologie hinter?
Antwort aus dem Off: Die Medienforschung zeigt, dass hier handfeste wirtschaftliche Interessen – die bewusste Strategie – und kollektive Verdrängungsmechanismen – die unbewusste Psychologie – der damaligen westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ineinandergriffen. Hinter der Fokussierung auf Stars und Klatsch steckte bei den auflagenstarken Verlagen – allen voran dem Axel-Springer-Verlag mit der Bild-Zeitung – eine sehr bewusste, ökonomische und politische Kalkulation. Im Kontext von 1968 und 1969 befand sich die Bundesrepublik in einer tiefen Krise – Studentenproteste, Notstandsgesetze, Aufbegehren gegen die Elterngeneration. Die konservative Verlegerpresse hatte ein großes Interesse daran, das Aufbegehren der Jugend zu delegitimieren. Indem man die Aufmerksamkeit auf den glamourösen Jetset lenkte, bot man der Bevölkerung bewusst ein journalistisches Opium zur Beruhigung an. Die Boulevardmedien haben die Entpolitisierung nicht im luftleeren Raum erfunden. Es war eine bewusste Strategie, die auf eine unbewusste psychologische Nachfrage traf. Die Verlage wussten recht genau, wie man Geld verdient und politische Fragen verdrängt oder verschiebt, indem sie den ohnehin vorhandenen Wunsch der Menschen nach Eskapismus, Harmonie und unpolitischer Unterhaltung bedienten.
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Kontexte:
“ … Nach dem Kriegsende 1945 war die Filmbranche der erste Wirtschaftsbereich, der in der Tschechoslowakei verstaatlicht wurde. Bis in die 1990er Jahre hinein stand die gesamte Kinematografie unter staatlicher Kontrolle. Das Dekret zu den entsprechenden „Maßnahmen im Filmbereich“ unterzeichnete der damalige Präsident Edvard Beneš genau heute vor 75 Jahren, also am 11. August 1945. Die staatliche Kontrolle schrieb vor, dass Privatpersonen Filme weder drehen, noch im Ausland einkaufen und im Inland vertreiben durften. …“ | Aus: „Kinematografie der CSSR: Vor 75 Jahren wurde die Filmwirtschaft verstaatlicht“ (11.08.2020) | Quelle: https://deutsch.radio.cz/kinematografie-der-cssr-vor-75-jahren-wurde-die-filmwirtschaft-verstaatlicht-8688916
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“ … Während im Westen zahlreiche Produktionen entstanden, die eine Entlastungserzählung über den Zweiten Weltkrieg formulierten – etwa durch das Narrativ der „sauberen Wehrmacht“ –, zielten die DDR-Filme auf die „Entlarvung“ faschistischer Kontinuitäten in Westdeutschland und konstruierten ein antifaschistisches Selbstbild. Zensur und Steuerung der Produktion waren auf beiden Seiten politische Realität: Im Westen galten DEFA-Filme als „kommunistische Propaganda“ und unterlagen Restriktionen, während kritische Stimmen im Osten zunehmend marginalisiert wurden, wenn sie das offizielle Gesellschaftsbild in Frage stellten. … “ | Aus: „Der Kalte Krieg und der westdeutsche Film“ von GFS-Admin2021 (Veröffentlicht am April 6, 2025 · Aktualisiert Juni 15, 2026) | Quelle: https://filmundgeschichte.com/der-kalte-krieg-im-film
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“ … 1968 erschütterten die Mai-Unruhen Frankreich. François Truffaut hat bereits im Februar zu Demonstrationen gegen die Absetzung Henri Langlois’ als Chef der Cinémathèque française organisiert und widmet Langlois seinen gerade entstehenden Film Geraubte Küsse. Die Filmfestspiele von Cannes werden – auf Initiative Truffauts, Godards und Louis Malles – abgebrochen. Jean-Luc Godard arbeitet für Jahre nicht mehr im kommerziellen Filmbetrieb. Politische Filme wie Costa-Gavras’ Z feiern Erfolge. Chabrol setzt seine Vivisektion [schmerzhafte Versuche an lebenden Organismen] des Bürgertums (Die untreue Frau) fort und Truffaut untersucht die Möglichkeit bürgerlichen Eheglücks (Tisch und Bett). …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Franz%C3%B6sischer_Film (7. Juli 2026)
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