… Wir erleben, was Freud und Lacan den „Wahn als Heilungsversuch“ nennen. Der Wahn ist bei Lacan nicht die Krankheit selbst, sondern der verzweifelte Versuch des psychotischen Subjekts, die zusammengebrochene Welt mit den Mitteln des Imaginären neu aufzubauen und das Loch im Symbolischen abzudichten. Der Wahn ist in der lacanschen Lesart das Flickwerk, mit dem sich der Psychotiker eine eigene, tragfähige Ersatz-Ordnung baut, um nicht im nackten, traumatischen Realen zu ertrinken. … [Stimme aus dem Off, 2026]

Fortunato (Vincent Price) und Annabel Herringbone (Joyce Jameson) und der Kopf
von Montresor (Peter Lorre)
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Kontext –> Tales of Terror (Episode: „Die schwarze Katze“ – sie basiert auf „Die schwarze Katze“ und „Das Fass Amontillado“ von E. A. Poe) // (USA, R: Roger Corman, 1962) | https://de.wikipedia.org/wiki/Der_grauenvolle_Mr._X | https://de.wikipedia.org/wiki/Der_schwarze_Kater | https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fass_Amontillado
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Frage aus dem Off: Gestern Nacht, als ich Tales of Terror sah, da stutze ich bei der Szene in der Peter Lorres abgetrennter Kopf eine Rolle spielte. Ich musste lachen und wusste nicht warum. Was hat es mit dem Kopf auf sich?
Stimme aus dem Off: Montresor (Peter Lorre) verliert durch seine Sucht, durch Rausch, durch Eifersucht seinen klaren Kopf. Unter Alkoholeinfluss imaginiert er seine Frau und ihren Liebhaber im Keller seines Hauses. Montresor wird somit Zeuge seiner eigenen physische Zerstückelung. Fortunato (Vincent Price) und Annabel Herringbone (Joyce Jameson) werfen sich neckisch und lachend den abgetrennten Kopf von Montresor zu. Nach Lacan ist „Das Reale“ immer etwas Unfassbares, Unsagbares, nicht Kontrollierbares, eine Art von Horror oder Verletzung. Durch das gegenseitige Zuwerfen von Lorres Kopf zeigt das fremdgehende Paar den Ehebruch als Spiel, als Spaß. Die Szene balanciert auf der Grenze von Umheimlichkeit und Humor. Das Körperteil verliert seine menschliche Würde und wird zum bloßen Objekt. Nach Freud wäre der Vorgang vielleicht der Triumph des „Es“ über das „Über-Ich“. Der Kopf als moralische Instanz, das kontrollierende Auge wird als Spielzeug benutzt. Der Tod und somit auch die physische Zerstückelung gehören hingegen zum „Realen“ – jenem Bereich, der sich nach Lacan der Sprache entzieht.
Frage aus dem Off: Ich würde das spätere Einmauern des Liebespaares im Keller als offensichtliches Bild für Verdrängung deuten – Hat Montresor (Peter Lorre) ein Problem mit seinem „Es“?
Stimme aus dem Off: Nunja, es ist ein deutliches Bild: Montresor versucht, die Realität wegzusperren. Ja, das Einmauern des Liebespaares im Keller ist ein offensichtliches Symbol für Verdrängung – im Freud’schen Sinne geht es um Repression. Wenn wir uns jedoch Montresors Psychodynamik genau ansehen, zeigt sich ein faszinierendes Paradoxon: Er hat kein Problem mit seinem „Es“ – sondern er hat seinem „Es“ die absolute Herrschaft überlassen, um sein tief gekränktes „Ich“ zu retten.
In der Psychoanalyse wird das Haus oft als Metapher für die menschliche Psyche verwendet: Die oberen Etagen und das Wohnzimmer sind das „Ich“ – das Bewusstsein, die Fassade nach außen. Der düstere, feuchte Keller hingegen ist das „Es“ – der Ort, an dem die dunklen Triebe, verbotenen Wünsche und traumatischen Erinnerungen hausen. Montresors Frau und Fortunato haben miteinander geschlafen, haben ihn gedemütigt. Sein Selbstwertgefühl ist zerstört. Anstatt die Situation rational durch eine „Ich-Leistung“ zu lösen, übernimmt das „Es“ das Kommando. Das „Es“ kennt keine Moral, keine Logik und keine Zeit – es fordert sofortige, brutale Triebbefriedigung – hier sehen wir den Destruktionstrieb – den Todestrieb Thanatos – bei der Arbeit. Der Mord Montresors am Liebespaar ist ein ungefilterter Ausbruch von Thanatosenergie. Freud betonte nicht zu Unrecht, dass das Verdrängte die Tendenz hat, wieder an die Oberfläche zu kommen. Es geht dann später um „Die Wiederkehr des Verdrängten“ – und genau das passiert im Film – durch die versehentlich mit eingemauerten Katze! Die Katze fungiert in dieser Filmepisode als das externe Gewissen, das er ebenfalls versucht hat, im Keller zu begraben. Das Unbewusste lässt sich nicht dauerhaft einmauern. Je tiefer jemand ein Trauma oder eine Schuld vergräbt, desto lauter und unheimlicher schreit es am Ende – wie hier die Katze – heraus.
Frage aus dem Off: Was genau ist mit Montresor passiert?
Stimme aus dem Off: Annabel Herringbone (Joyce Jameson) und Fortunato (Vincent Price) haben als Liebespaar die symbolische Ordnung von Montresor (Peter Lorre) zerstört. Sie haben die Ehe – ein symbolischer Vertrag – verletzt und Montresor seiner Rolle als Ehemann beraubt. Dazu kommt: Ein Kernkonzept Lacans ist der „Blick“, der nicht das physische Sehen meint, sondern der darauf abzielt wie wir von der Welt und den Anderen wahrgenommen und bewertet werden. In der besprochenen Szene haben die Liebenden den Kopf von Peter Lorre hin- und hergeworfen und ihn ausgelacht. Sie besaßen die Macht des Blicks. Sie machten ihn zum Objekt. Durch das Einmauern entzieht Montresor sich ihrem Blick endgültig. Er sperrt sie in die absolute Dunkelheit des Kellers, wo die Liebenden nun hilflos gefangen sind. Gleichzeitig weiß er, dass sie hinter der Wand im Dunkeln verfaulen. Sie sind nun dazu verdammt, für immer in diese Dunkelheit zu starren. Er hat den Blick kontrolliert und das Paar dadurch machtlos gemacht.
Frage aus dem Off: Noch mal zurück zur schwarzen Katze – Ich hatte sofort eine Assoziation. Ich Dachte an die Katze in „Der dritte Mann“ [Carol Reed aus dem Jahr 1949 –> https://de.wikipedia.org/wiki/Der_dritte_Mann]. Was gibt es bei der der schwarzen Katze zu entdecken?
Stimme aus dem Off: Dabei ist die Katze in „Der dritte Mann“ gar keine schwarze Katze. Aber der Gedanke die zwei sehr unterschiedlichen Filme zu verknüpfen ist nicht durchweg abwegig. Die Katze erfüllt in beiden Filmen eine fast identische Funktion: Sie ist die unbestechliche Detektivin des Unbewussten. Spinnen wir den Gedanken weiter, denn es gibt eine Verbindung zwischen dem Keller von Montresor und der Wiener Kanalisation eines Harry Limes. Es ist eine psychologische Perspektivachse. Carol Reed filmt in „Der dritte Mann“ die Ruinen und Kanalisation Wiens in extrem schiefen Winkeln. Sie zeigen eine Welt, die moralisch „aus den Fugen“ geraten ist. Roger Corman nutzt in seinen Poe-Verfilmungen exakt dieselbe Technik, um Montresors (Peter Lorres) alkoholisierten Wahn und seine Desorientierung einzufangen. Ich denke wir dürfen mutmaßen: Die eingemauerte schwarze Katze repräsentiert das „Reale“ – jenen Teil der Wirklichkeit, der sich nicht kontrollieren, nicht symbolisieren und nicht einmauern lässt. Montresor dachte, er hätte eine perfekte, saubere Mauer im Feld des Symbolischen errichtet. Doch das Schreien der Katze bricht durch die Wand. Es zeigt: Das Reale kehrt immer zurück und zertrümmert die Illusion der totalen Kontrolle. Sowohl Harry Lime als auch Montresor dachten, sie seien die Kontrolleure des Blicks. Und es gibt noch eine Parallele: Lime versteckt sich in der Untergrundkanalisation von Wien und Montresor will im Keller etwas verstecken. Die Katze bricht jeweils in diese symbolische Ordnung ein. Sie „spricht“ nicht, aber ihr Verhalten lenkt den Blick der Außenwelt. Sie zwingt das Verborgene ans Licht.
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Eine Katze an Harrys glänzendem Schuh.
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Frage aus dem Off: Für mich war die Katze in den beiden Filmen ein Symbol, oder ein Hinweis auf die Intelligenz der Erotik, die unverfügbare Gewalt der Lust.
Stimme aus dem Off: Ich wusste, dass jetzt kommen würde (die Stimme aus dem Off lacht). Das ist ein anderer Aspekt. Aber es stimmt, die Katze agiert in beiden Filmen als das bindende Glied, das die Geheimgänge des Unbewussten kennt. Sie bewegt sich mühelos zwischen Licht und Schatten, zwischen Leben und Tod – und sie weiß intuitiv, wo die Leidenschaft – oder das Verbrechen aus Leidenschaft – verborgen liegt. Indem sie sich in der Nacht an Harry Limes Beine schmiegt oder aus der Wand von Montresors Keller schreit, macht sie eine unsichtbare, erotische Spannung im Raum physisch greifbar. Und ja, damit geht es auch um die unverfügbare Kraft der Erotik. Es geht in beiden Filmen tatsächlich um damals gesellschaftlich verbotene Lust. Das Schreien der Katze hinter der Wand. Das Umspielen von Harry Limes Schuhe. Das offensichtliche ablehnende Verhalten der Katze gegenüber dem „nicht begehrten Mann“ – wie es bei Anna Schmidts Katze und Holly Martins in „Der dritte Mann“ der Fall ist – und eben auch gerade in der Schlussszene von The Third Man seinen Ausdruck findet, wenn Anna Schmidt kalt an Holly Martins vorbeiläuft – all das hat zu tun mit einem ungezähmtem Aufbegehren der erotischen – und auch destruktiven – Triebe, die sich nicht lebendig begraben lassen.
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The Third Man (1949): Anna Schmidt (Alida Valli) würdigt
Holly Martins (Joseph Cotten) keines Blickes.
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