[Aus dem Bilderbuch des Wahnsinns #4 …]

Photograph: Mohammed Saber/EPA –> “ … A report by Francesca Albanese to the UN Human Rights Council on Thursday points to the deep involvement of companies from around the world in supporting Israel during its 21-month onslaught in Gaza. “While life in Gaza is being obliterated and the West Bank is under escalating assault, this report shows why Israel’s genocide continues: because it is lucrative for many,” the report says. … According to the Gaza health ministry, more than 56,000 Palestinians have been killed by Israel’s campaign in Gaza, which was triggered in October 2023 when a Hamas attack killed 1,200 Israelis. Many experts have said the real death toll in Gaza could be much higher as many Palestinians are missing and believed to be buried under the rubble. … “ | „Global firms ‘profiting from genocide’ in Gaza, says UN rapporteur“ Julian Borger in Amman (Thu 3 Jul 2025) | Source: https://www.theguardian.com/world/2025/jul/03/global-firms-profiting-israel-genocide-gaza-united-nations-rapporteur // https://www.ohchr.org/en/documents/country-reports/ahrc5923-economy-occupation-economy-genocide-report-special-rapporteur

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“ … Die Nachrichten und Bilder aus Gaza sind schier unerträglich. Was geschieht mit uns, wenn wir sie uns jeden Tag anschauen und nichts dagegen unternehmen. Die Flut an Schreckensnachrichten – und Schreckensbildern, die täglich über uns hereinbricht, hat eine „Normalisierung des Grauens“ zur Folge, wie Herbert Marcuse das schon zu Zeiten des Vietnam-Kriegs genannt hat. Wir verschlingen unentwegt eine derart hohe Dosis an Dramatik und Elend, dass wir jede Fähigkeit zur Verarbeitung und Wahrnehmung einzubüßen drohen. Je deutlicher eine Barbarei zu sehen ist, je mehr Wiederholungen uns präsentiert werden, desto schneller vergessen wir sie. Wir konsumieren Horror wie andere Leute Alkohol und Canabis. Alles zeigen, alles ausbreiten, alles präsentieren: Dies ist das beste Mittel, um uns gegen das Unglück, von dem die Medien berichten und von dem sie vampiristisch zehren, immun zu machen. Die Fülle der Nachrichten wird zum Widersacher der Wahrheit, unsere Aufnahmefähigkeit und Verarbeitungskapazität kollabiert unter dem Ansturm schrecklicher Bilder. Die Metastasen des Zynismus breiten sich aus und drohen unsere Fähigkeit zu Widerstand und Revolte zu zerstören. Abgesehen davon, dass wir, ob wir es wollen oder nicht, zu Komplizen des Unrechts werden, das wir geschehen lassen und dem wir zusehen. …“ | Aus: „121 | In der kulturellen Wüste“ Götz Eisenberg (5. Juni 2025) | Quelle: https://durchhalteprosa.de/2025/06/05/121-in-der-kulturellen-wueste/

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“ … das sah bereits Kurt Tucholsky in der Weltbühne so, dass der Krieg ein Geschäft ist – woraus etwa der aktuelle US-Präsident auch gar keinen Hehl macht. Es geht um »Deals«. Was zerbombt wird, muss wieder aufgebaut, verschossene Munition und zerstörtes Kriegsgerät müssen ersetzt und die von der Wirtschaft dringend benötigten Rohstoffe (Öl in Nahost, seltene Erden in der Ukraine) »gesichert« werden. Die sattsam bekannte Folge: Die Armen sterben, und die Reichen werden reicher. So war es wohl immer. Solche Zusammenhänge transparent zu machen, um den tödlichen Kreislauf zu durchbrechen, das wäre, das ist die Arbeit eines politischen Journalismus‘, der seinen Aufklärungsauftrag ernst nimmt. Dieser Auftrag wird jedoch nur noch sehr unzulänglich erfüllt, er ist ja auch denkbar unbequem. Sich all denen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen – und diese, ihre Wahrheit zur »offiziellen« machen wollen – fragend entgegenzustellen, ist anstrengend – und steht seinerseits unter Irrtumsvorbehalt. Denn auch solches Fragen kann sich »verirren« und gehörte dann seinerseits aufgeklärt. Das ist ein letztlich unabschließbarer, unvermeidbar mühsamer Prozess, der nur im Streit – und in Freiheit! – bewältigt werden kann. Wird solcher Streit unterdrückt, steht die – wie erwähnt unabschließbare – Wahrheitssuche auf verlorenem Posten, werden alle Meinungsunterschiede zu reinen Propagandaschlachten. Und das ist zurzeit zu besichtigen. Der Drang, auf der »richtigen« Seite zu stehen, hat einen Konformitätsdruck erzeugt, der jedem kritischen, politischen Journalismus, jeder freien Entwicklung von Wissenschaft und Kultur zuwiderläuft. …“ | Aus: „Vom Niedergang der Öffentlichkeit“ Rüdiger Dammann (14/2025) [Rüdiger Dammann: https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCdiger_Dammann] | Quelle: https://www.ossietzky.net/artikel/vom-niedergang-der-oeffentlichkeit/

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“ … Sophie von der Tann solle doch den Job wechseln, wenn sie lieber Aktivistin wäre, schrieb der israelische Botschafter Ron Prosor vor Kurzem auf der Plattform X – und warf ihr „Anti-Israel“-Aktivismus vor. Von der Tann, muss man wissen, ist Korrespondentin der ARD in Israel. Der Grund für Prosors Kritik: Die Journalistin hatte auf Instagram einen Artikel der New York Times gepostet, den der Historiker Omer Bartov verfasst hat. Der Titel des Textes: „Never again. I am a Genocide Scholar. I know it when I see it.“ Es war wohl dieses eine Wort, das den Botschafter veranlasste, die Journalistin zu kritisieren: Genocide. Genozid. Völkermord. Das Aussprechen oder Nichtaussprechen dieses einen Wortes wird in der deutschen Debatte genutzt, um Menschen in „Seiten“ aufzuteilen – in „propalästinensisch“ (ergo antiisraelisch) und in „proisraelisch“ (ergo antipalästinensisch). Es gibt in dieser Erzählung genau zwei Seiten: Gut und Böse. … In autoritären Staaten oder bei Terrorgruppen ist der behauptete Kampf gegen „das Böse“ systemimmanent, weil Polarisierung zentraler Teil autoritärer Systeme ist. Wladimir Putin kämpft gegen „Nazis“ in der Ukraine (stellvertretend für das ultimative Böse). Die Hamas kämpft gegen Israel und Jüdinnen und Juden (stellvertretend für das ultimative Böse). Polarisierung soll gewaltvolles und grausames Vorgehen rechtfertigen und eine heldenhafte Erzählung generieren. Es soll vor allem eines: Macht sichern. Denn wer gegen das Böse kämpft, steht selbst auf der guten, der moralischen Seite. Jede Opposition, jedes Widerwort ist damit von vornherein delegitimiert – es wird automatisch zu einem Teil des „Bösen“ erklärt. … Polarisierung zerstört Empathie. Wer sich auf der moralisch „richtigen“ Seite sieht, hat viel Empathie für die eigene „Seite“ – aber keine für die andere. Man hält Gewalt sogar dann für gerechtfertigt, wenn sie sich gegen Kinder richtet. Denn Polarisierung im Krieg soll die „urmenschliche Abneigung“ gegen Gewalt, wie der Historiker Rutger Bregman es beschreibt, ausschalten. Es funktioniert. Diese emotionale Radikalisierung führt dazu, dass manche Menschen Bilder von ausgehungerten Babys in Gaza sehen können und kein Mitgefühl haben. Diese emotionale Radikalisierung führt dazu, dass manche Menschen Bilder von getöteten Kleinkindern in Israel sehen können und kein Mitgefühl haben. Bei kleinen Kindern ist diese emotionale Radikalisierung besonders spürbar. Sie tragen für nichts Schlechtes auf dieser Welt Verantwortung. Wer an Seiten glaubt, wer an die Gut-gegen-Böse-Erzählung glaubt, wird Mitgefühl verlieren. Und Mächtige haben es leicht, Gewalt und Krieg fortzuführen. Wenn Menschen angegriffen werden, weil sie vom Genozid sprechen (oder nicht), geht es nicht um die Menschen, die unter Krieg und Gewalt leiden. Ginge es um die von Gewalt betroffenen Menschen, dann würden alle darauf verzichten, recht haben und auf der „guten“ Seite stehen zu wollen. Dann würde nicht darüber gestritten, wer „böse“ ist und wer „gut“. Dann würde gemeinsam demonstriert. Gegen Mächtige, die Menschen töten und töten lassen. Denn die meisten Menschen wollen nur eines: dass Menschen aufhören, andere Menschen umzubringen. …“ | Aus: „Gut-und-Böse-Erzählungen – Kampf um Worte“ Aus einer Kolumne von Gilda Sahebi (30.7.2025) | Quelle: https://taz.de/Gut-und-boese-Erzaehlungen/!6099493/

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Nachtrag #1

“ … Just yesterday, an independent commission of experts appointed by the United Nations echoed this finding. These experts concluded that: “It is clear that there is an intent to destroy the Palestinians in Gaza through acts that meet the criteria set forth in the Genocide Convention.” I agree.
Out of a population of 2.2 million Palestinians in Gaza, Israel has now killed some 65,000 people and wounded roughly 164,000. The full toll is likely much higher, with many thousands of bodies buried under the rubble. A leaked classified Israeli military database indicates that 83% of those killed have been civilians. More than 18,000 children have been killed, including 12,000 aged 12 or younger.
For almost two years, the extremist Netanyahu government has severely limited the amount of humanitarian aid allowed into Gaza and thrown up every possible hurdle to the United Nations and other aid groups trying to provide lifesaving supplies. This includes an 11-week total blockade in which Israel did not permit any food, water, fuel or medical supplies to enter Gaza. As a direct result of these Israeli policies, Gaza is now gripped by manmade famine, with hundreds of thousands of people facing starvation. More than 400 people, including 145 children, have already starved to death. Each day brings new deaths from hunger. … Now, with the Trump administration’s full support, the extremist Netanyahu government is openly pursuing a policy of ethnic cleansing in Gaza and the West Bank. Having made life unlivable through bombing and starvation, they are pushing for “voluntary” migration of Palestinians to neighboring countries to make way for US President Donald Trump’s twisted vision of a “Riviera of the Middle East.”
Genocide is defined as actions taken with the “intent to destroy, in whole or in part, a national, ethnical, racial, or religious group.” The actions include killing members of the group or “deliberately inflicting on the group conditions of life calculated to bring about its physical destruction in whole or in part.” The legal question hinges on intent. Israeli leaders have made their intent clear. Early in the conflict, the defense minister said, “We are fighting human animals and we are acting accordingly.” The finance minister vowed that “Gaza will be entirely destroyed.” Another minister declared: “All Gaza will be Jewish… we are wiping out this evil.” Israeli President Isaac Herzog said, “It is an entire nation out there that is responsible.”
Another minister called for, “Erasing all of Gaza from the face of the Earth.” Another Israeli lawmaker said, “The Gaza Strip should be flattened, and there should be one sentence for everyone there—death. We have to wipe the Gaza Strip off the map. There are no innocents there.” Yet another Knesset member called for “erasing all of Gaza from the face of the Earth.” And, just recently, a minister in Israel’s high-level security cabinet said: “Gaza City itself should be exactly like Rafah, which we turned into a city of ruins.” The intent is clear. The conclusion is inescapable: Israel is committing genocide in Gaza. …“ | From: „The Conclusion Is Inescapable: Israel Is Committing Genocide in Gaza“ Bernie Sanders (17.09.2025) | Source: https://www.commondreams.org/opinion/israel-genocide-gaza-2674004548

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Nachtrag #2

Aus dem Redebeitrag von medico-Nahostreferent Riad Othman auf der Kundgebung „All Eyes on Gaza“ am 27. September im Wortlaut (29.09.2025): “ … Mittlerweile scheinen wir einen solchen Grad der Entmenschlichung erreicht zu haben, dass es nicht einmal ein größeres Debattenthema ist, wenn die Armee eines unserer engsten Verbündeten einen Algorithmus über Leben und Tod von tausenden Zivilist:innen entscheiden lässt, ja, wenn diese Armee der angeblich einzigen Demokratie im Nahen Osten sich dieser Errungenschaft der künstlichen Intelligenz sogar noch rühmt, als sei sie ein zivilisatorischer Fortschritt und weniger grausam als das Morden von Menschen von Angesicht zu Angesicht. Die Dehumanisierung bleibt nicht in Gaza – oder in Israel. Die offensichtliche Tatenlosigkeit unserer Regierungen, ja, sogar die aktive Unterstützung des Mordens werden nie auf Palästina beschränkt bleiben, sind es schon jetzt nicht und waren es nie. Und trotzdem ist Gaza ein untrügliches Zeichen für unsere Ankunft in einer dystopischen Gegenwart, nicht für eine ferne, drohende Zukunft. Zeitenwende. … Wer wollen wir sein? In wessen Augen wollen wir morgens im Spiegel blicken? Für welche Rechte, für wessen Rechte wollen wir kämpfen? Für Rechte? Oder für Privilegien? …“ | Aus: „Wer wollen wir sein?“ | Quelle: https://www.medico.de/wer-wollen-wir-sein-20232

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Nachtrag #3

Wed 8 Oct 2025 09.34 CEST: “ … The children’s names below appear on a list of victims of Israel’s offensive in Gaza, maintained by health authorities in the territory. As of the end of July it ran to 60,199 names, of whom 18,457 were under 18s. Far from comprehensive, the list does not include the thousands still buried under the rubble of destroyed buildings, as well as the war’s many indirect victims …“ | https://www.theguardian.com/world/ng-interactive/2025/oct/08/young-lives-cut-short-on-an-unimaginable-scale-the-18457-children-on-gazas-list-of-war-dead

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Nachtrag #4


„Leugnen, bis es nicht mehr geht“ Kommentar von Daniel Bax (3.2.2026) | “ … Die israelische Armee räumt nun die Zahl 70.000 Getöteter in Gaza ein. Die Kommunikationsstrategie der IDF folgt einer Propagandalogik. Jahrelang haben viele deutsche Medien die Opferzahlen aus dem Gazastreifen unter Vorbehalt gestellt. Das Gesundheitsministerium werde „von der Hamas kontrolliert“, die Zahlen könne man nicht unabhängig überprüfen, hieß es. …“ | Quelle: https://taz.de/Zahl-der-Todesopfer-in-Gaza/!6150835/

Kontext: „Gaza: Studie zeigt beispiellose Verluste an Menschenleben und Lebenserwartung“ – Forschende haben die Opferzahlen des anhaltenden Konflikts mithilfe eines statistischen Modells analysiert, das Datenunsicherheiten berücksichtigt (25. November 2025) … Ein Team des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) und des Centre for Demographic Studies (CED) hat die Auswirkungen des Konflikts in Gaza auf die Sterblichkeit untersucht. Sie schätzen, dass zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 31. Dezember 2024 78.318 (70.614 – 87.504) Menschen in Gaza getötet wurden. … | https://www.mpg.de/25776334/1125-defo-gaza-studie-zeigt-beispiellose-verluste-an-menschenleben-und-lebenserwartung-154642-x

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„Gaza death toll in early part of war far higher than reported, says Lancet study“ Jason Burke International security correspondent (Thu 19 Feb 2026 00.30 CET)
More than 75,000 people were killed in the first 16 months of the two-year war in Gaza, at least 25,000 more than the death toll announced by local authorities at the time, according to a study published on Wednesday in the Lancet medical journal. The research also found that reporting by the Gaza health ministry about the proportion of women, children and elderly people among those killed was accurate.
https://www.theguardian.com/world/2026/feb/19/gaza-death-toll-higher-than-reported-lancet-study