[Journalismus #30 … ]

Dasselbe Muster läuft gerade weltweit: Sender, die zur Gefolgschaft werden, Wähler, die den lautesten Vereinfacher belohnen, ein Publikum, das die bequeme Lüge der unbequemen Wahrheit vorzieht. … Die Figuren wechseln. Der Mechanismus bleibt. … Es reicht, die Wahrheit für genauso käuflich zu halten wie alles andere. Dann ist jeder Lügner nur ehrlicher als die, die noch behaupten, es gebe Fakten. …

Bild: Marton Monus

Nihi Liana (08.07.2026): “ … [ … „In Ungarn haben von Viktor Orbán geprägte Sender nach dessen Abwahl den Sendebetrieb eingestellt. Statt des üblichen Programms wurde eine Entschuldigung gesendet.“ …] 16 Jahre täglicher Propaganda funktionieren nicht durch einen Mann allein. Orbán hat den Apparat gebaut, aber gesendet haben Redakteure, moderiert haben Sprecher, finanziert haben Geschäftsleute, geschaut und geglaubt haben Millionen. Jede Lüge brauchte jemanden, der sie schreibt, jemanden, der sie ausstrahlt, und viele, die sie hinnehmen. Genau das macht Machtkorruption so einfach: Sie braucht keine Überzeugungstäter, nur Mitmachende und Wegschauende. Der Satz auf dem Bildschirm, „wir haben jahrelang gelogen„, klingt nach Reue. In Wahrheit ist es dieselbe Belegschaft, die gestern noch lieferte und heute die Verantwortung an ein abstraktes Wir abschiebt. Niemand war es, alle waren es. Und das ist kein ungarisches Sonderproblem. Dasselbe Muster läuft gerade weltweit: Sender, die zur Gefolgschaft werden, Wähler, die den lautesten Vereinfacher belohnen, ein Publikum, das die bequeme Lüge der unbequemen Wahrheit vorzieht. Orbán fiel, weil eine Mehrheit sich abwandte. Er stieg auf, weil eine Mehrheit ihn trug. Die Figuren wechseln. Der Mechanismus bleibt. Er lebt von denen, die klatschen, und von denen, die schweigen. Wie seit vielen tausend Jahren. Wir tragen Wissen und Erkenntnisse der gesamten Menschheit in der Hosentasche spazieren, und doch… Für mich fällt das in den Komplex unserer intrinsischen Bereitschaft zur Korruption. Die beginnt und existiert immer im Kleinen und es liegt an uns allen ob wie wächst und zerstört. Zwang hat viele Spielarten. Die Lebensgrundlage zu riskieren ist sicher eine, die meisten Menschen haben Verantwortung für eine Familie. Courage und Gemeinsinn stehen da oft hintendran oder werden unterdrückt. … [Korruption] braucht keine Überzeugungstäter, nur ein Anreizsystem. Wer die Regierungsmeinung vertritt, bekommt Gehalt und Status, wer sie verweigert, räumt Regale ein. Bei dieser Wahl entscheiden sich die meisten für die Miete. … Es waren selten Fanatiker, die ein Unrechtssystem trugen, sondern Mitläufer mit Familie und Rechnungen. Hannah Arendt nannte das die Banalität des Bösen: keine Monster, sondern Menschen, die funktionieren, weil Funktionieren belohnt wird. … Deshalb ist die Entschuldigung eines ganzen Senders auch so wohlfeil. Das abstrakte Wir übernimmt Verantwortung, damit kein Einzelner es muss. Und deshalb reicht es nicht, die Figuren auszutauschen. Solange das System Anpassung belohnt und Integrität bestraft, steht der nächste Apparat schon bereit, mit neuem Personal, das exakt dasselbe tut. … Trump nennt jede unbequeme Berichterstattung „Fake News“, Vance verdreht Studien und Statistiken im Sekundentakt, Putin lässt „ausländische Agenten“ markieren, die AfD spricht vom „Lügenpresse“-Kartell. Vier Varianten, ein Mechanismus: die Quelle diskreditieren, damit die Botschaft nicht mehr zählt. Wer nicht mehr unterscheiden kann, was wahr ist, glaubt am Ende dem, der am lautesten und selbstsichersten auftritt (das wird dann gerne mit Autorität verwechselt, der man folgen will). Das ist keine Meinungsverschiedenheit über Inhalte, das ist ein Angriff auf die gemeinsame Grundlage, überhaupt noch über Inhalte streiten zu können. Hannah Arendt hat es beschrieben: Das ideale Subjekt totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi, sondern der Mensch, für den der Unterschied zwischen wahr und falsch nicht mehr existiert. … Es reicht, die Wahrheit für genauso käuflich zu halten wie alles andere. Dann ist jeder Lügner nur ehrlicher als die, die noch behaupten, es gebe Fakten. … “ | Kommentar zu „Sender entschuldigt sich für Lügen während Amtszeit von Viktor Orbán“ (8. Juli 2026) | Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-07/ungarn-rundfunksender-m1-kossuth-radio-viktor-orban-peter-magyar-gxe

Verhärtet: “ … Die haben gelogen? Wie ungeschickt! Das kann man doch inzwischen viel eleganter machen mit weglassen, kommentieren und Framen. …“

In Memory Of Helmut S.: “ … Leider gibt es ja immer wieder Menschen, die der Meinung sind, wenn die Berichterstattung nicht ihre favorisierte Partei hofiert oder sogar kritisiert, wären es Lügen. …“


Das sollte man nicht so verbissen sehen: “ … Interessant, dass unsere Regierung gerade jetzt vor hat, das Informationsfreiheitsgesetz zurück zu fahren. … Zuviel Wahrheit schadet nur? …“ // Kontext [ –> [„Journalistin scheitert: BND-Akten zu Adolf Eichmann bleiben geheim“ Jochen Zenthöfer (05.06.2026) – Eine Journalistin ist vor dem Bundesverwaltungsgericht mit dem Versuch gescheitert, BND-Akten aus dem Jahr 1960 einzusehen. Damals wurde der NS-Verbrecher Adolf Eichmann gefasst. Was beim BND los war, bleibt geheim | https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/gericht-eichmann-akten-des-bnd-bleiben-geheim-200901879.html | Kontext: Otto Adolf Eichmann (* 19. März 1906 in Solingen, Deutsches Reich; † 1. Juni 1962 in Ramla, Israel) war ein deutscher SS-Obersturmbannführer und NS-Verbrecher. … | https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Eichmann] | Oder „Generalbundesanwalt will Akten nicht herausrücken“ André Zuschlag (4.5.2026) | Quelle: https://taz.de/Hamburger-NSU-Forschungsgruppe/!6171730/ | Oder „Kritische Cum-Ex-Dokumente vorenthalten: „Wir haben Olaf Scholz – das ist nicht gut““ Carsten Janz (22.01.2024) | Quelle: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100321264/olaf-scholz-im-cum-ex-skandal-so-schuetzt-die-bundesregierung-den-kanzler.html | Oder „Ungewöhnlicher Vorgang im Bundestag: Scheuer lässt Maut-Akten als geheim einstufen“ (18.12.2019) | Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/ungewoehnlicher-vorgang-im-bundestag-scheuer-laesst-maut-akten-als-geheim-einstufen/25346828.html | Oder „Verfassungsgericht in Karlsruhe: Regierung darf Rüstungsexporte geheim halten“ (21.10.2014) | Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ruestungsexporte-regierung-darf-waffendeals-geheim-halten-a-998315.html | usw.]

Kontext #1:

https://de.wikipedia.org/wiki/Informationsfreiheitsgesetz

https://netzpolitik.org/2026/informationsfreiheit-schwarz-rot-plant-frontalangriff-auf-journalismus-und-transparenz/

Kontext #2:

“ … In gesellschaftlichen Fragen vertrat die Fidesz unter Orbán rechtskonservative Positionen. Er betonte dabei insbesondere die Rolle der christlichen Kirchen und der traditionellen Familie. Autoritarismus und Nationalismus sind in der Rhetorik und Politik von Fidesz stark verankert. … „[V]on den in Westeuropa akzeptierten Dogmen und Ideologien“ müsse sich Ungarn „lossagen“. Sieger im Wettlauf um die beste Staatsform seien, so Orbán, „Singapur, China, Indien, Russland, die Türkei“. Daher gebe er in seiner Arbeit, die „neue Organisationsform“ Ungarns „zu schmieden“, bei aller „Berücksichtigung“ der Menschenrechte und der Individuen etwas anderem den Vorrang: der Nation als „Gemeinschaft, die organisiert, gestärkt, ja sogar aufgebaut werden“ müsse. … Andreas Schedler und Petra Thorbrietz erklärten das System 2026 als Kleptokratie. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Orb%C3%A1n

Orbánismus (oder eingedeutscht: Orbanismus) bezeichnet die politische Ideologie von Viktor Orbán, dem ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten. Sie ist geprägt von Nationalismus, Nationalkonservatismus, gesellschaftspolitischem Konservatismus und Illiberalismus. … 2010 formulierte Orbán das Ziel, ein neues System zu schaffen, das eine breite nationale Einheit repräsentiert und die Interessen der Gemeinschaft berücksichtigt. Im Gegensatz dazu wurde Vetternwirtschaft zum dominierenden Faktor im System. … | https://de.wikipedia.org/wiki/Orb%C3%A1nismus

Kontext #3:

[ … Zum Spannungsfeld zwischen Nekropolitik und Journalismus. Es geht um das Dilemma, wie Medien über die systematische Ausübung staatlicher oder struktureller Macht – über Leben und Tod berichten. Durch rein bürokratische oder stark technokratische Sprache (z. B. „Flüchtlingsströme“, „Kollateralschäden“) verschleiert Journalismus manchmal die direkte, tödliche Konsequenz politischer Entscheidungen. So wird die strukturelle Gewalt für das Publikum quasi unsichtbar gemacht. Es geht zugleich um die Frage, ob bei der eigenen Berichterstattung permanent für unterschiedliche Krisen und Opfergruppen mit zweierlei Maß gemessen wird. Beispielsweise geht es dabei dann um die medial vermittelte Haltung, um das Legitimieren, wer bedeutsam ist, wer auf Mitgefühl hoffen darf – und wer dem Tod überlassen werden kann. …]

“ … Es braucht viel Selbstgefälligkeit, um von einem komfortablen Großstadt-Schreibtisch aus seinen Text so belehrend wie zynisch beginnen zu lassen mit den Worten: „Auch Lebensretter müssen sich Kritik gefallen lassen.“ Das ist der erste Satz eines „Zeit Online“-Artikels von Ulrich Ladurner [https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-06/sea-watch-3-seenotrettung-fluechtlinge-italien-kueste]. Es geht um die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete und den Rechtsbruch, den sie beging, als sie durch Anlegen an die italienische Küste 42 Menschen das Leben rettete. Der Satz suggeriert: Auch etwas unbestreitbar Richtiges zu tun, kann falsch sein. Das ist Skalpell-Journalismus, differenzieren um der Differenzierung Willen, pragmatisch, klinisch, ein Einstieg wie operiert in einem sterilen Raum ohne Moral. …“ | Aus: „Gegen die falsche Ausgewogenheit: Weniger Ob, mehr Wie wagen!“ Samira El Ouassil (Juli 2019) | Quelle: https://uebermedien.de/39633/gegen-die-falsche-ausgewogenheit-weniger-ob-mehr-wie-wagen/

Sauertöpfische Grundel sagt: 2. Juli 2019 um 9:01 Uhr “ … Ich warte in der FAZ oder Zeit noch auf Artikel wie: „Pro und Contra zu Noteinsätzen auf deutschen Straßen“, „Sollte man adipöse oder rauchende Menschen Nothilfe leisten?“, „Haben Mountainbiker ein Recht auf Bluttransfusionen?“, etc. Schließlich steht ja bei all diesen Beispielen die berechtigte Erwartung, dass man durch die Einschränkung der Nothilfe abschreckende Bilder schafft, die Menschen davon abhalten unnötig Auto zu fahren, zu fressen, zu rauchen oder sich bei unnötigem Extremsport in Gefahr zu bringen. Anyway: Noch unke ich, aber die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass wir in einigen Jahren über genau diese Dinge diskutieren werden. …“

“ … [René Martens kommentiert die Medienberichterstattung (08.07.2026)] … Jens Brodersen […] „Wir wissen doch, gerade in unserem hyperneoliberalen Zeitalter, das Einzige, was zählt, ist Wirtschaftsleistung und Geld (…) Wir müssen alles dem Wirtschaftswachstum unterordnen und dem Wachstum von Deutschland und so weiter. Das ist das Allerwichtigste (…) Normalerweise ist das immer das Argument, aber nie in der Klimakrise – (obwohl) der Wirtschaftsleistungsverlust in einer Hitzewelle (…) pro Tag 413 Millionen Euro (beträgt). 413 Millionen Euro Wirtschaftsleistungsverlust pro Hitzewellentag!“ … An anderer Stelle kritisiert Patrick Breitenbach die unausgesprochene Devise „Servicejournalismus statt Systemkritik“. Mit „Servicejournalismus“ sind in diesem Fall Tipps, wie man richtig lüftet, und Ähnliches gemeint. Breitenbach weiter: „Dadurch wird die Hitze wie so ein unabwendbares natürliches Schicksal behandelt und wieder, wie so oft, ins Private verlagert“, anstatt (…) sie als das zu benennen, was es halt ist“, nämlich Ausdruck „einer zutiefst strukturellen Systemkrise“. … Was [im Journalismus] fehle, sei „der systematische Blick auf die langfristigen Folgen …“ … Vor allem werde nicht berichtet, „dass wir mehr oder minder sehr stramm und stabil auf einen kompletten Kollaps der Gesellschaft hinzulaufen“ – und ausgeblendet, dass die „Grundursache“ dafür „die Art unseres Wirtschaftens seit mehreren Jahrzehnten“ sei, „nämlich diese fossile Industrie, die das Ganze erst verursacht hat“. … Breitenbach/Brodersen rekurrieren … daher auch auf den Begriff der „Nekropolitik“, den der Philosoph Achille Mbembe geprägt hat … : „Während Milliardäre von Freedom Cities, Mars-Kolonien und unsterblichen Genies träumen, sterben Kobalt-Arbeiter im Kongo, ertrinken Menschen im Mittelmeer und verarmen ganze Bevölkerungen systematisch. Das ist kein Versagen des Systems – das ist das System. Achille Mbembes Konzept der Nekropolitik liefert den analytischen Schlüssel: Souveränität definiert sich nicht durch Gesetze oder Grenzen, sondern durch die Macht zu entscheiden, wer lebenswert ist – und wer dem Tod überlassen werden darf.“ Auch die Nicht-Maßnahmen beim Klimaschutz und die am Beispiel der Hitzewelle beschriebenen Nicht-Reaktionen auf die Folgen der eigenen Tatenlosigkeit muss man als Teil einer Art Gesamtkonzept sehen.„Was ich bislang aus den Plänen der Regierung lese, ist ein pauschales Misstrauen gegenüber der Bevölkerung (…) Und eine Verachtung von dem, was als ‚Schwäche‘ wahrgenommen wird“, schreibt die freie Hörfunkjournalistin Nora Hespers [auf] Bluesky. Anlass des Posts ist ein Angriff auf in Armut lebende Kinder [https://www.tagesspiegel.de/politik/sparmassnahme-von-schwarz-rot-regierung-will-25-euro-zuschlag-fur-arme-kinder-streichen-15808263.html] und vor allem ein Angriff auf Psychotherapeuten und ihre Klienten. Der Verbund selbstständiger Psychotherapeut:innen [ist] alarmiert: „Am 5. Juli ist ein Änderungsantrag bekannt geworden, der psychotherapeutischen Praxen die wirtschaftliche Grundlage entziehen wird. Wenn CDU/CSU und SPD diesen Antrag am 10. Juli beschließen, bedeutet das nicht weniger als den Beginn der flächendeckenden Abschaffung psychotherapeutischer Praxen.“ … [„Arm sein wird bestraft. Kind sein wird bestraft. Alt sein wird bestraft. Alles, was nicht produktiv ist, wird unter den Generalverdacht der Leistungsunwilligkeit gestellt.“] … [gebrochen werden] „fundamentale Gesellschaftsverträge“, schreibt der Verband weiter, von einem Rückfall „in vorhumanistische Zeiten“ ist ebenfalls die Rede. …“ … [https://www.zeit.de/arbeit/2026-07/honorarkuerzung-psychotherapeuten-landessozialgericht-berlin-brandenburg-kbv] … Eine große Herausforderung für Journalisten besteht nun darin, mit einer Regierung umzugehen, die nicht einmal den geringsten Anschein erweckt, Politik für die Bürger zu machen. Was bisher aber fehlt, hat Georg Diez in seinem aktuellen Substack [https://georgdiez.substack.com/p/surrealismus-und-antifaschismus] in einem anderen Kontext formuliert: „die Form, der Wille, das Potential, sich dem entgegenzustellen, was sich als repressive Normalität formiert“. …“ | Aus: „Kolumne: Das Altpapier am 8. Juli 2026 – Augen zu vor dem Kollaps“ René Martens (08.07.2026) | Quelle: https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-reaktionen-auf-hitzewelle-schaden-fuer-die-wirtschaft-100.html

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Hintergrundrauschen und Fragen aus dem Off (Da der Fragesteller unsichtbar bleibt, wirkt die Situation für die Leser vielleicht wie ein privates Selbstgespräch oder Geständnis. …)

Frage aus dem Off: Welche subjektiven Vorstellungsbilder könnten wir für „repressive Normalität“ bemühen?

Stimme aus dem Off: Der Begriff „repressive Normalität“ beschreibt einen Zustand, in dem Einschränkungen, Anpassungsdruck und der Verlust individueller Freiheit als völlig normal, alltäglich und unhinterfragt wahrgenommen werden. Als Beispiel könnte eine Dorfgemeinschaft oder Kleinstadt dienen, in der jeder Schritt des Nachbarn beobachtet und bewertet wird, während man nach außen Harmonie vortäuscht. Oder Menschen, die ihre Vitaldaten, Arbeitsstunden und ihr Sozialverhalten lückenlos per App tracken, um einem unsichtbaren gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen. Oder eine Familienszene am Esstisch, bei der ein offensichtliches, schwerwiegendes Problem totgeschwiegen wird, während man sich betont höflich über das Wetter unterhält – für einen „Frieden um jeden Preis“.

Frage aus dem Off: Journalismus und Selbstanalyse – lässt sich das Thema überhaupt zusammenbringen?

Stimme aus dem Off: Das Thema Selbstanalyse wird im deutschen Mediensystem selten verhandelt, es bricht sich eher hier und da, dann hochgradig polarisiert, als Stellvertreterdebatte Bahn.
Linksliberale und öffentlich-rechtliche Medien wie die taz, Monitor oder NDR greifen beispielsweise Todespolitische Muster direkt auf, ohne zwingend den Begriff zu nutzen. Sie skandalisieren illegale Pushbacks, die Kriminalisierung der Seenotrettung oder das bewusste Kalkül des Ertrinkenlassens als staatlich geduldeten Entzug des Lebensrechts.
Bürgerlich-konservative Medien wie Die Welt oder FAZ rahmen dieselbe Realität im Sinne der staatlichen Souveränität. Das Sterben auf dem Meer wird hier primär als Tragödie, verursacht durch kriminelle Schlepper, oder als bedauerlicher, aber notwendiger Nebeneffekt eines funktionierenden Grenzschutzes – als „ordnungspolitische Normalität“ dargestellt. Als das theoretische Konzept der Nekropolitik im Frühjahr 2020 durch die Debatte um Achille Mbembe im deutschen Feuilleton einschlug, reagierte der journalistische Mainstream hochgradig defensiv. Plötzlich dominierte eine Abwehr- und Antisemitismusdebatte. Es ist offensichtlich, dass deutsche Journalisten eine unbewusste, aber immanente Nekropolitik bei der Gewichtung von Menschenleben besonders in der Auslandsberichterstattung fortschreiben. Der gewaltsame Tod von Menschen im globalen Süden sagen wir bei Konflikten im Kongo, im Jemen oder im Sudan, soetwas wird oft nur in kurzen Agenturmeldungen abgehandelt – ihr Tod wird medial normalisiert. Demgegenüber steht eine hochempathische, lückenlose Berichterstattung, wenn westliche oder europäische Leben bedroht sind. Durch die mediale Aufmerksamkeitsökonomie reproduziert der Journalismus die koloniale Logik der Nekropolitik, wonach manche Leben als „trauerwürdiger“ gelten als andere. Der deutsche Journalismus reflektiert Nekropolitik selten auf einer abstrakten, philosophischen Ebene. Stattdessen spiegelt seine Berichterstattung die tiefe politische Zerrissenheit des Landes wider. Die spürbare Unlust im deutschen Journalismus, sich im Hinblick auf den verengten Debattenraum der „repressiven Normalität“ – selbst zu analysieren, ist kein Zufall. Sie ist tief im Rollenverständnis, den ökonomischen Zwängen und der psychologischen Verfassung des heutigen Mediensystems verankert. Von rechts außen schallen Angriffe wie „Lügenpresse“, von links kommt der Vorwurf der Elitenberichterstattung, und im Netz schlagen Journalisten täglich Hass und digitale Hetze entgegen. Wenn ein System unter Dauerfeuer steht, schaltet es auf Verteidigung um. Radikale Selbstkritik – wie das Eingeständnis, dass die eigene Berichterstattung kolonialen Logiken des „Sterbenlassens“ folgt – wird intern als gefährliche Schwächung verstanden. Man fürchtet, den Kritikern „Munition zu liefern“. Das Eingeständnis, dass das eigene, gut situierte Mediensystem durch Ignoranz oder asymmetrische Empathie nekropolitische Zustände im globalen Süden normalisiert, kollidiert frontal mit diesem progressiv-moralischen Selbstbild. Es entsteht eine kognitive Dissonanz, die durch Abwehr gelöst wird. Redaktionen bevorzugen Menschen, die in Habitus, Ausbildung und Denken den bestehenden Führungskräften ähneln. Wer als junger Journalist oder freier Mitarbeiter systemkritische, theoretische Fragen wie die der Nekropolitik aufwirft oder die Selektionsmechanismen der eigenen Redaktion angreift, gilt schnell als „kompliziert“, „aktivistisch“ oder „unprofessionell“. Da kritische Selbstanalyse keine Karrierepunkte bringt, sondern das Risiko der Ausgrenzung birgt, unterbleibt sie im Sinne des beruflichen Selbstschutzes.

Stimme aus dem Off: Hat die Deutsche Medienlandschaft die Dimension der Todespolitischen Muster überhaupt erfasst?

Stimme aus dem Off: Nein, die Presse hat die Dimension todespolitischer Muster als zusammenhängendes, systemisches Konzept in der Regel nicht erfasst. Es gibt zwar eine intensive, oft hochempathische Berichterstattung über die Symptome der Todespolitik, doch der journalistische Mainstream verweigert sich dem Verständnis der zugrundeliegenden Struktur. Der Journalismus verhandelt todespolitische Phänomene meist unvollständig, was sich in spezifischen Mustern zeigt: Wenn Medien über das Ertrinken im Mittelmeer, verhungerte Kinder im Jemen oder Massengräber in Kriegsgebieten berichten, tun sie dies im Rahmen von Einzelereignissen, Katastrophen oder Skandalen. Was übersehen wird: Dass dieses Sterben kein Unfall des Systems ist, sondern dessen logische Konsequenz. Der Journalismus versagt darin, die Verbindungslinien zu ziehen – etwa zwischen westlicher Handelspolitik, globaler Ausbeutung, militärischer Abschreckung und der Errichtung von Zonen, in denen das Recht auf Leben systematisch entzogen wird. Es wird als Tragödie geframed, nicht als globale Administrierung des Todes. Medien sind darauf trainiert personalisierte Geschichten zu erzählen – „Täter vs. Opfer“ – es fehlt ihnen der Wille oder das analytische Werkzeug, um die unsichtbare, bürokratische Gewalt eines globalen Verwaltungssystems abzubilden, das Menschen schlicht für „überflüssig“ erklärt. Dass die Presse die Dimension nicht erfasst hat, zeigt sich am deutlichsten an der unbewussten Selektion, welche Toten Relevanz besitzen. Die Presse sieht die Leichen, aber sie verweigert den Blick auf die Mechanismen, auf die Hintergründe, auf die Strukturen, die sie produziert.

Frage aus dem Off: Reagierte Journalismus möglicherweise immer schon mehr oder weniger unbewusst auf die Wünsche seiner Leser unbehelligt zu bleiben?

Stimme aus dem Off: Ja, diese wechselseitige Dynamik ist einer der stärksten Treiber für den blinden Fleck des Journalismus. Es handelt sich um eine Symbiose der Verdrängung: Die Redaktionen bedienen das tiefe Bedürfnis des Publikums, die eigene Komfortzone und das westliche Selbstbild nicht durch die brutale Realität globaler Todespolitik erschüttern zu lassen. In der Medienwissenschaft und Psychologie wird diese Reaktion auf den Wunsch der Leser, „unbehelligt zu bleiben“, über mehrere etablierte Mechanismen erklärt. Menschen kaufen und lesen Medien nicht, um permanent verunsichert oder moralisch tief erschüttert zu werden, sondern um Bestätigung für ihr Weltbild zu erhalten. Würde ein Medium täglich analysieren, dass der deutsche Wohlstand, die günstigen Lieferketten oder die Migrationspolitik auf einer systemischen Infrastruktur des Sterbenlassens basieren, würde es seine Leser chronisch überfordern und vor den Kopf stoßen. Das Publikum verlangt unbewusst nach Erzählungen, die die eigene moralische Integrität wahren. Der Journalismus liefert dieses Framing verlässlich. Um Reichweitenverluste und Kündigungen zu vermeiden, filtert der Journalismus die Radikalität dieser Themen instinktiv herunter. Zudem: Wenn Berichte über Kriege, Ertrinkende oder globale Krisen nur noch Hilflosigkeit und Frustration auslösen, schaltet das Publikum ab. Redaktionen versuchen zunehmend, Geschichten so zu verpacken, dass sie „konsumierbar“ bleiben. Eine tiefgehende todespolitische Analyse bietet jedoch keinen simplen Ausweg und kein optimistisches Ende. Also bleibt die Presse bei der klassischen, distanzierten Katastrophenberichterstattung, die man nach dem Lesen leichter beiseitelegen kann. Es gibt einen stillschweigenden Pakt zwischen Medien und Gesellschaft darüber, welche Toten „unsere“ Aufmerksamkeit verdienen und welche zu weit weg sind, um den Alltag zu stören. Der Journalismus spiegelt diese menschliche Eigenschaft wider, anstatt sie zu korrigieren. Er dosiert die Grausamkeit der Welt exakt so, dass das Publikum ein wohldosiertes Maß an Mitgefühl zeigen kann, ohne dass die fundamentale Normalität des eigenen Lebens infrage gestellt wird. Es ist ein ungeschriebener Vertrag: „Informiere mich, aber mach mir kein schlechtes Gewissen.“

Frage aus dem Off: Könnten wir in diese „Symbiose der Verdrängung“ tiefer eindringen – Welche Art der Analyse könnte und helfen?

Stimme aus dem Off: Wie wäre es mit Jacques Lacan. Wir würden dann wohl zur der Illusion einer Symbiose – im Imaginären – und die Konstitution des Subjekts durch Verdrängung – im Symbolischen – gelangen (Die Stimme aus dem Off lacht). Gehen wir einen Schritt zurück: Das bürgerliche Subjekt versteht sich selbst idealerweise als autonomes, rationales, in sich gefestigtes Individuum. Die Verdrängung und die bürgerliche Lebensrealität gingen immer schon eine untrennbare Symbiose ein: Es kann sich meist nur durch die Sprache des „Anderen“ (der Gesellschaft) artikulieren. Wenn es „Ich“ sagt, spricht es nie aus seinem wahren Kern, sondern reproduziert die Codes und Erwartungen der bürgerlichen Ordnung. Was das bürgerliche Subjekt begehrt – Erfolg, Status, Eigentum, die perfekte Familie – ist nicht sein eigenes Begehren, sondern das, was die symbolische Ordnung ihm als erstrebenswert spiegelt. Für Lacan existiert das bürgerliche Subjekt somit nur durch die Verdrängung. Seine vermeintliche Autonomie ist eine neurotische Abwehrleistung. Die „Symbiose der Verdrängung“ bedeutet in dieser Lesart: Die bürgerliche Welt stabilisiert sich dadurch, dass ihre Subjekte permanent das Reale ihres eigenen Mangels und ihrer inneren Spaltung verdrängen, um die Illusion eines funktionierenden, autonomen Lebens aufrechtzuerhalten.

Frage aus dem Off: Das Klingt ja gerade so, als gäbe es absolut keinen Ausweg aus dieser „Symbiose der Verdrängung“ – das ist schon sehr pessimistisch!

Stimme aus dem Off: Für Lacan ist die Spaltung des Menschen durch die Sprache unumkehrbar. Wer nicht verdrängt und das Symbolische komplett ablehnt, bricht psychotisch zusammen. Ein Ausweg wäre zu erkennen: Es gibt kein Objekt, das mich jemals ganz macht. Diese Einsicht befreit von der ewigen, erschöpfenden Jagd. Umformuliert hieße dies: Das Phantasma wird „durchquert“, wenn das Subjekt akzeptiert. Es würde bedeuten zu akzeptieren, dass der „Andere“ – die Kultur, das Gesetz, der Staat – selbst unvollständig, widersprüchlich und gespalten ist. Es gibt keine übergeordnete Instanz, die garantiert, was „richtig“ ist. Der Ausweg ist kein Ausstieg aus der Sprache oder der Gesellschaft, sondern ein Wechsel der Perspektive: Weg von der Illusion, man könne jemals wieder „eins mit sich selbst“ sein – das wäre wider eine falsche Symbiose – hin zu einer mutigen Ethik des Begehrens.

Frage aus dem Off: Wie durchqueren wir ein Phantasma? – Was ist die Ethik des Begehrens?

Antwort aus dem Off: Das Phantasma zu durchqueren bedeutet nicht, es zu zerstören, sondern seine illusionäre Struktur vollständig zu durchschauen. Wir glauben unbewusst, dass die Gesellschaft, die Eltern oder Gott – der Große Andere – von uns verlangen, dieses Phantasma zu leben. Das Subjekt erkennt schließlich: Der Große Andere weiß selbst nicht, was er will. Er ist genauso mangelhaft und leer wie wir. Am Nullpunkt der Durchquerung kollabiert die Illusion. Man erkennt: Es gibt kein finales Glück, und das ist okay. Der Mangel wird nicht mehr als schmerzhafte Wunde erlebt, die geheilt werden muss, sondern als der eigentliche Motor unserer Existenz und Freiheit. Die einzige Sünde in der Psychoanalyse ist der Verrat am eigenen Begehren. Wenn du deine tiefste innere Berufung oder Wahrheit opferst, um den Erwartungen der Familie, des Jobs oder der gesellschaftlichen Moral zu entsprechen. Traditionelle bürgerliche Ethik, wie der Utilitarismus oder Kants Pflichtethik, zielt oft auf das „Gute“, auf Harmonie, Nutzen und das Einhalten von Regeln ab. Lacans Ethik ist ungemütlich. Das wahre Begehren schert sich nicht um bürgerliche Bequemlichkeit oder soziale Konventionen – es ist oft störend und radikal. Du kannst dich nicht mehr hinter Ausreden verstecken „Die Umstände haben mich gezwungen“ oder „Meine Eltern sind schuld“. Wer der Ethik des Begehrens folgt, übernimmt die volle Verantwortung für sein – oft paradoxes – unbewusstes Handeln und Verlangen. Für Lacan ist die Übernahme der Verantwortung für das eigene Unbewusste der Kernpunkt und das eigentliche Ziel der gesamten Psychoanalyse. Das Unbewusste ist kein fremdes Monster in uns, sondern der Kern unseres Seins. Wenn du eine Fehlleistung begehst (etwas verlierst, jemanden verletzt, ein Projekt sabotierst), dann bist das du, der hier spricht. Es ist dein verdrängtes Begehren, das sich Ausdruck verschafft. Bürgerliche Schuld entsteht, wenn du gegen die Regeln des „Großen Anderen“ (Gesetze, Eltern, Moral) verstößt. Sie führt zu Neurosen und Selbstbestrafung. Radikale Verantwortung bedeutet, zu akzeptieren: Ich bin der Urheber meiner Symptome.

Frage aus dem Off: Wie könnte eine Linie von der Begrifflichkeit der Todespolitik und „Ich bin der Urheber meiner Symptome“ gezogen werden?

Antwort aus dem Off: Nach Lacan gibt es im Unbewussten den Todestrieb. Dieser strebt nicht einfach nach biologischer Vernichtung, sondern ist ein Trieb zur Wiederholung und zu einem exzessiven, schmerzhaften Genießen (Jouissance). Systeme der Todespolitik zapfen diese unbewusste Schmerzlust der Menschen an. In diesem Sinne bedeutet der Satz „Ich bin der Urheber meiner Symptome“ hier: Ich gestehe mir ein, dass ich an meiner eigenen Zerstörung unbewusst mitgearbeitet habe. Ich habe die zerstörerischen Angebote der Politik in mein eigenes psychisches Drehbuch eingebaut. Solange ein Mensch sich rein als „Opfer“ der äußeren Verhältnisse – und damit auch der Todespolitik – sieht, bleibt er in der Passivität gefangen. Er delegiert die Macht an den „Großen Anderen“. Erst wenn das Subjekt die Verantwortung für sein Symptom übernimmt und erkennt: „Ich bin der Urheber“, entzieht es der Todespolitik das Fundament: den unbewussten, leidenden Gehorsam.

Frage aus dem Off: Verstehe ich richtig, dass ein Journalismus, der in der Moderne ankommen will, sein eigenes Symptom – den unbewussten Gehorsam – erkennen müsste?

Stimme aus dem Off: Überträgt man den Lacan’schen Ansatz von der Individualpsychologie auf die Medienstruktur, wird deutlich: Der heutige Journalismus ist oft kein aufgeklärter, kein moderner Journalismus. Er leidet an einem kollektiven, neurotischen Symptom, das er selbst erzeugt und das ihn in der Passivität gefangen hält. Journalisten verstehen sich selbst meist als vierte Gewalt, als kritisch, unabhängig und aufklärerisch. Das ist ihr eigenes Phantasma – das bürgerliche Idealbild im Register des Imaginären. Das reale Symptom sieht jedoch anders aus: Der Journalismus gehorcht unbewusst meist den Erwartungen der Leser, den Logiken des Marktes und den Narrativen der Macht. Dieser Gehorsam wird als „Sachzwang“ oder „Objektivität“ getarnt. Dieses Symptom schützt Journalisten vor der schmerzhaften Wahrheit, dass sie meist nicht die Mächtigen kontrollieren, sondern ihnen als als Treibriemen – bis hin zu einer abgründigen Todespolitik – dienen. Ein aufgeklärter Journalismus müsste anerkennen, dass die grassierende Glaubwürdigkeitskrise und die eigene Lähmung selbstgemacht sind. Es wäre der Abschied von der Illusion der reinen Objektivität. Es würde bedeuten zu erkennen, dass es keinen neutralen, unbeteiligten Beobachterposten gibt. Jeder Bericht, jede Auswahl von Nachrichten konstituiert bereits Realität.

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