[Zu den Spielregeln der Zensur #5… ]

Baudelaire (nachkoloriertes Foto aufgenommen um 1863) | https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Baudelaire

Nikolaus Halmer (30.08.2017): “ … In dem 1857 erschienenen Werk konfrontiert Baudelaire den Leser mit Obsessionen, die den zeitgenössischen Moralstandards nicht entsprachen. Wegen der Verhöhnung der öffentlichen Moral und Verletzung des Schamgefühls gab es einen Gerichtsprozess, der mit einer Geldstrafe endete. Die Gedichtsammlung geht von einer existenziellen Grundposition aus, die Baudelaire so beschreibt: „Jeder Mensch wird zu jeder Stunde gleichzeitig von zwei Forderungen bewegt. Die eine führt ihn hin zu Gott. Die Anrufung Gottes oder das Streben des Geistes ist die Sehnsucht des Emporsteigens, die Anrufung Satans oder die tierische Lust ist die Wonne des Hinabsteigens“. Diese Spannung zwischen dem Spirituellen, Idealen und dem Sinnlichen, Materiellen, das Baudelaire mit dem Satanischen gleichsetzte, bestimmte sowohl seine psychische Disposition als auch sein literarisches Werk. Immer wieder bezieht sich Baudelaire in den „Blumen des Bösen“ auf diese Ambivalenz, wobei er beklagt, dass er immer wieder den Verlockungen Satans folge, die Niederungen der menschlichen Existenz aufsuche und sich dem Rausch des Sinnlichen überlasse. Sein Ziel, sich wie Ikarus den Sphären des Absoluten anzunähern, rückt dadurch in weite Ferne; das Gefühl des Versagens stellte sich ein, die zu einer tiefgreifenden Melancholie führte, die er als „Spleen“ (Wort mit engl. Wurzeln) bezeichnete. … “ | https://science.orf.at/v2/stories/2863240/

Jürgen Ritte (20.08.2017): “ … bei Baudelaire, in den Blumen des Bösen, begegnet man erstmals keiner allgemeinen Weltabkehr, sondern, im Gegenteil, einer genauen Autopsie des Malaise, des Übels, des Leidens – lauter Synonyme für das „Böse“, für das „Mal“ [Les Fleurs du Mal] im Titel der Gedichtsammlung – und einer Hinwendung zu dem, was diese Welt noch an Blüten, an Schönheit hervortreiben könnte. Und dieses Krankheitsbild hat seit Baudelaire einen Namen: La Modernité, die Moderne. Auf ihn geht der Begriff zurück. In seinem Essai aus dem Jahre 1863, Le Peintre de la vie moderne (= Der Maler des modernen Lebens) schreibt Baudelaire: „Es ist sehr viel bequemer zu erklären, dass alles am Gewand einer Epoche hässlich sei, als sich darum zu bemühen, die geheimnisvolle Schönheit, die in ihr enthalten sein kann, zum Vorschein zu bringen, so geringfügig oder leichtfertig sie auch sein mag. Die Modernität, das ist das Vorübergehende, das Flüchtige, das Zufällige, die Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unwandelbare ist. […] Dieses transitorische, flüchtige Element darf man nicht übergehen oder verachten. Wenn Sie es unterdrücken, fallen Sie zwangsläufig in die Leere einer abstrakten, unbestimmten Schönheit zurück.“ … am 20. August 1857, also kaum drei Monate nach Erscheinen [der Blumen des Bösen], [erhob] der Staatsanwalt Ernest Pinard Anklage wegen Beleidigung der Religion und der öffentlichen Moral. Baudelaire wiederfuhr damit die Ehre, denselben Ankläger vor sich zu haben, wie zu Anfang desselben Jahres, im Januar 1857, der Romancier Gustave Flaubert, dem wegen seines Romans Madame Bovary und der darin angeblich enthaltenen Apologie des Ehebruchs der Prozess gemacht worden war. Flaubert kam mit einem Freispruch davon. Er konnte zeigen, dass die Tatsache, von einer Sache zu schreiben, noch lange nicht heißt, dass man diese auch verteidigt. Gegen Baudelaire wurde die Anklage wegen Beleidigung der Religion fallen gelassen, aber der Aufrechterhaltung der öffentlichen Moral mussten sechs Gedichte geopfert werden. Ein Urteil übrigens, dass erst 1949 offiziell kassiert worden ist. …“ | https://www.deutschlandfunk.de/buch-der-woche-gedichte-von-baudelaire-blumen-des-boesen.700.de.html?dram:article_id=393907

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.