[Beim Geschirrspülen oder Scheißen… ]

„[…] Getreu der Devise, »daß nichts phantastischer ist als die Wirklichkeit und nichts fiktiver als das Leben«, tritt [Fauser] wie ein hartgesottener Literaturagent auf, der »angestellt ist beim Verfassungsschutz für Sprache und Zweifel«, dem Leben erbarmungslos auf der Spur. Er steigt hinab in dessen finsterste Abgründe, schnüffelt in stinkenden Löchern und versteckten Ritzen, watet im Kot einer tristen, sich im Todeskampf windenden Überflußgesellschaft und seziert unsentimental deren menschliche »Exkremente«, die als bierselige Stammgäste die Tresen gesellschaftlicher Randzonen bevölkern und vom »häuslichen Glück mitten im Minenfeld der sozialen Kämpfe« träumen. Fausers Bewunderung gilt den passionierten Verlierern, den glücklosen Veteranen des täglichen Überlebenskampfes, den Großmeistern des ewigen Selbstbetrugs […] .

Für ihn ist »der Poet ein Lumpensammler
er kommt mit den Abfällen aus
wie die Ratte und der Schakal«
(Trotzki, Goethe und das Glück, 1979).
Fündig wird er in den Großstädten; in den Zentren der Macht und des Scheins »begegnen wir der Psyche unserer Epoche.« Hier erhält er das konzentrierte Extrakt moderner Verhaltensformen, durchtränkt von Korruption, Angst, Lebensgier, Gewalt und Machtbesessenheit; Chiffren für im Grunde archaische Träume und Sehnsüchte, die bei Nichterfüllung mit Alkohol und Rauschgift kompensiert werden. Die Droge dient Fauser nur als Metapher für das Verlangen, sich an etwas zu berauschen, unstillbares Verlangen zu entwickeln.[…]“

[Aus dem „Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“, herausgegeben von Dr. Thomas Kraft, München: Nymphenburger Verlag 2003]

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„[…] Wie bleibt man ein unabhängiger Schriftsteller? Ganz einfach: «Keine Stipendien, keine Preise, keine Gelder der öffentlichen Hand, keine Jurys, keine Gremien, kein Mitglied eines Berufsverbands, keine Akademie, keine Clique […].
Fauser schrieb über das Dasein unter den rebellierenden Studenten Sätze wie: »Revolution schien etwas zu sein, das man zuerst in sich machen musste, für sich, um sich herum, vor allem sexuell, aber auch psychisch und überhaupt ständig, auch beim Geschirrspülen oder Scheißen.«
[…] Ihm ging es offensichtlich darum, die Verbohrtheit ideologischer Hardliner zu beschreiben, die sich letztlich nicht viel vom bekämpften «System» unterschieden, mit dem sie wenig später ihren Frieden schlossen. An diesen Stellen ist das Buch sehr komisch – gehässig ist es nie. Vielleicht war «Rohstoff» gerade deshalb bei Erscheinen Anfang der Achtziger kein Verkaufsschlager.

Aus: ‚Literatur ist kein Partyservice‘ (Text über Jörg Fauser)
Quelle: Netzeitung – 14. Jul 2004 07:39 (Autor ?)
Link: http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/295583.html

lemon / 20 Januar 2005 / Fraktal.Text

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