[Gehirn und Digitalisierung]

Die digitalen Aspekte des Gehirns würden – so Gerard – von den meisten Kybernetikern überschätzt, denn die (analoge) Chemie spiele eine enorme Rolle. Halluzinationen, willentliche Handlungen oder auch das Bewußtsein selbst seien keine Angelegenheit einer reinen Schaltagebra, sondern diese selbst hänge wiederum von Kohlendioxid- und Blutzuckerspiegel, von der Calcium-/Magnesium-Balance, von Thyroiden usw. ab. Die Existenz eines digitalen Mechanismus sei noch keine Garantie dafür, daß diese Digitalität auch funktionale Bedeutung habe.

Nach einer langen Beweiskette gelangt Gerard zu dem provozierenden Schluß: »The […] implication is that these synapses are not acting digitally.« »Die Konsequenz ist, daß diese Synapsen nicht digital arbeiten.« Wiener sollte ihm beipflichten und darin eine Chance zu anderen Computerkonzepten als dem sich etablierenden von Neumann’schen erkennen. Zukünftige analog/digitale Hybridrechner sollten Vorteile daraus ziehen, die digitalen Teile auf »nondigital ways« zu steuern und damit den Antagonismus von analog und digital zu überwinden.

[…] Zeitgleich mit dem Ausklang einer dreißigjährigen Phase kybernetischer Begeisterung entstand in den 70ern jedoch auch eine Home- und Personal-Computing-Bewegung, die die Hoffnungen einer befreiten, aufgeklärten und partizipierenden Gesellschaft mit den Vorstellungen von Computer Literacy, Netzwerken und Digitalrechnern für Alle verband. Zumindest letztgenannte sollten sich in den 80ern verbreiten – und in ihrem Gefolge nicht nur das, was heute allerorts »Digitalisierung« heißt, sondern auch eine weitere Episode der Kybernetik, die (zumindest in Deutschland) fortan nicht mehr mit »K« wie »Kyber-«, sondern mit »C« wie »Cyber-« geschrieben wurde. So mag man konstatieren, daß mit dem Branden der ersten Welle der Kybernetik in den späten 70ern zwar die experimentelle Phase von Analog/Digital zu Ende ging, daß zugleich aber nur dieses Ende es ermöglichte, daß eine »Digitalisierung« auf breiter Basis stattfinden konnte, innerhalb derer Home- und Personal- Computer zur standardisierten Handelsware wurden und millionenfach digitale Texte, Bilder und Klänge entstanden, die noch einmal ganz andere theoretische Fragen anlocken als die wenigen proprietären Großgeräte der kybernetischen Grundlagenphase.

Aus „Elektronenhirn und verbotene Zone“ von Claus Pias (in: analog/digital – Opposition oder Kontinuum?, Hg. J. Schröter/A. Böhnke, Bielefeld (transcript) 2004) / Quelle: elektronenhirn.pdf (11 Seiten)

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