Schlagwort: Im Westen nichts Neues

[Zeit im Bild #50 … ]

Eintrittskarte für eine Aufführung als geschlossene Veranstaltung, Berlin 1931

“ … Im Westen nichts Neues ist ein US-amerikanischer Antikriegsfilm von Lewis Milestone aus dem Jahr 1930. Als Vorlage diente der gleichnamige Antikriegsroman von Erich Maria Remarque. …

Zeitgenössische Kritiken und Reaktionen zum Film im deutschsprachigen Raum: Während der Film bei Veteranenverbänden in den anglophonen Ländern oftmals die Einschätzung förderte, dass das Leben und vor allem Sterben der einfachen Soldaten jenseits von Uniformfarbe oder Muttersprache in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges stets ähnlich verlief und daher geeignet schien, Feindbilder abzubauen, fiel die Reaktion im Deutschen Reich sehr viel negativer aus. Die politische Rechte, insbesondere DNVP und NSDAP, sowie die Mehrheit der meist noch monarchistisch gesinnten Veteranenverbände sahen in dem Buch und erst recht in der Verfilmung einen Angriff auf die Ehre des deutschen Soldaten, der in den Schlachten des Weltkrieges für sein Vaterland gelitten habe. Der Umstand, dass amerikanische Schauspieler deutsche Soldaten spielten, galt zusätzlich als Provokation. Dass Regisseur Milestone und Produzent Laemmle Juden waren, brachte außerdem einflussreiche antisemitische Kreise gegen den Film auf. Das Reichswehrministerium protestierte gegen den Film, da nach dessen Auffassung keine deutschen Soldaten gezeigt werden sollten, die am Sinn ihres Einsatzes zweifeln.

Nachdem die zuständige Berliner Filmprüfstelle einer freiwillig gekürzten deutschsprachigen Version des Films die Freigabe erteilt hatte, kam es am 4. Dezember 1930 im Mozartsaal des Neuen Schauspielhauses am Nollendorfplatz zur Erstaufführung des Films in Deutschland, tags darauf lief er in den deutschen Kinos an. Bereits in dieser Fassung waren Namen jüdischer Mitwirkender aus dem Vorspann getilgt und der Film von 139 Minuten um 53 Minuten auf 85 Minuten gekürzt worden. Geschnitten wurde unter anderem Szenen, in denen beispielsweise die Rekruten den Kasernenhofschinder Himmelstoß verprügeln, und die Verweigerung der Ehrenbezeugung durch Paul Bäumer. Auch in anderen Ländern wurden Szenen geschnitten: In Frankreich wurden etwa die Liebesszenen zwischen den französischen Frauen und den deutschen Soldaten entfernt.

Trotz der Kürzungen veranlasste insbesondere in Berlin Joseph Goebbels, zugleich dortiger Gauleiter der NSDAP und Reichspropagandaleiter seiner Partei, eine massive Kampagne gegen den Film. Mit Hilfe der SA organisierte er Massenaufläufe und handgreifliche Krawalle vor und in den Kinos. Mehrfach sprengten Nationalsozialisten, die zunächst in Zivil Karten für eine Filmvorstellung erworben hatten, kurz nach Beginn des Films die Aufführung, indem sie beispielsweise Rauch- oder Stinkbomben zündeten oder bei mindestens einer Gelegenheit zahlreiche Mäuse freiließen.

Gleichzeitig attackierte die NS-Presse die preußischen Behörden, dass der Film verboten werden müsse, weil er die öffentliche Ordnung gefährde; als Beleg für diese Behauptung führte Goebbels in seinen Leitartikeln gerade jene Ausschreitungen als Argumente gegen den Film ins Feld, die er selbst durch die Berliner SA hatte vom Zaun brechen lassen, wobei sicherlich auch weite Teile der konservativen Beamtenschaft insgeheim mit den Aktivitäten von NSDAP, Stahlhelm und Veteranenverbänden sympathisierten. Letztlich hatte diese Strategie Erfolg. Auf Antrag der Landesregierungen Thüringens, Braunschweigs, Sachsens, Bayerns und Württembergs verbot die Oberste Filmprüfstelle unter der Leitung von Ernst Seeger am 11. Dezember die Vorführung des Films im Deutschen Reich wegen der von ihm ausgehenden „Gefährdung des deutschen Ansehens in der Welt“ und der „Herabsetzung der deutschen Reichswehr“. Der Film habe eine „ungehemmte pazifistische Tendenz“, und „wenn eine derartige Darstellung auf die Menschen treffe, könne bei der heutigen seelischen Not nicht ausbleiben, daß Explosionen entstünden.“ (F.-B. Habel: Zerschnittene Filme, S. 53)

Dieses Verbot stieß auf heftige Proteste. Namentlich Carl von Ossietzky, Carl Zuckmayer, Heinrich Mann, Herbert Ihering und Käthe Kollwitz setzten sich für den Film ein. Erst nach einer Novellierung des Lichtspielgesetzes (Lex Remarque), die am 31. März 1931 in Kraft getreten war, wurde der Film am 8. Juni 1931 „für bestimmte Personenkreise und in geschlossenen Veranstaltungen“ wieder freigegeben. Am 2. September 1931 erfolgte die allgemeine Wiederzulassung des Films in einer nochmals gekürzten Fassung. Die Produktionsfirma musste sich überdies verpflichten, „zukünftig auch im Ausland nur noch diese von den deutschen Zensurbehörden genehmigte Fassung zu zeigen.“ Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Im Westen nichts Neues endgültig verboten. …“ | https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Im_Westen_nichts_Neues_(1930)&oldid=211649612 (6. Mai 2021)

[Zeit im Bild #42 … ]

[Der Reifenhersteller Conti leistete sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine besonders anspruchsvolle Hausmitteilung. Für seine Werkszeitschrift „Echo Continental“ heuerte er namhafte Künstler und junge Talente an – und Erich Maria Remarque als Werbetexter.] | Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/fruehe-werbung-a-948416.html (Fred Bergmann, 04.09.2009)

“ … Im März 1928 bekam [Erich Maria Remarque] vom S. Fischer Verlag eine Ablehnung für die eingereichten Entwürfe Im Westen nichts Neues [https://de.wikipedia.org/wiki/Im_Westen_nichts_Neues], aber im August ein Bestätigungsschreiben und den Vertrag für die Veröffentlichung vom Ullstein Verlag. Am 10. November begann der Vorabdruck in der Vossische Zeitung, und am 15. November 1928 erhielt Remarque seine fristlose Kündigung vom Hugenberg-Konzern. … Nationalsozialistische Schlägertrupps im Auftrag des Gauleiters Joseph Goebbels verhinderten die deutsche Uraufführung des oscargekrönten Hollywood-Antikriegsfilms Im Westen nichts Neues am 4. Dezember 1930 in Berlin. Aus dem gesamten Reichsgebiet wurden Störaktionen gemeldet, so dass der Film schließlich am 11. Dezember durch die deutsche Filmprüfstelle verboten wurde. Ab Frühsommer 1931 durfte der Film „für bestimmte Personenkreise und in geschlossenen Veranstaltungen“ gekürzt wieder gezeigt werden, einige Monate später wurde er noch stärker gekürzt wieder allgemein freigegeben. Die Produktionsfirma musste sich überdies verpflichten, „zukünftig auch im Ausland nur noch diese von den deutschen Zensurbehörden genehmigte Fassung zu zeigen“. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler wurde Im Westen nichts Neues endgültig verboten. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Maria_Remarque (September 2020)

Manfred Orlick (26.09.2020): “ … Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden Remarques Romane verboten und im Mai 1933 als „literarischer Verrat am Soldaten des Ersten Weltkriegs“ den Flammen der Bücherverbrennung übergeben. … am 18. August 1943 steht die Gestapo vor ihrer Tür. Elfriede soll einer Kundin gegenüber wehrkraftzersetzende Äußerungen gemacht haben (u.a. „sie glaube nicht mehr an den Endsieg“ oder „der Führer habe die gefallenen Soldaten auf dem Gewissen“). Es folgen wochenlange Verhöre. Obwohl es keine eindeutigen Beweise für die Anschuldigungen gibt, verhängt der Volksgerichtshof unter Vorsitz des berüchtigten Roland Freisler („Ihr Bruder ist uns leider entwischt – Sie aber werden uns nicht entwischen“) am 29. Oktober die Todesstrafe und dauernden Ehrverlust. Zwei Gnadengesuche werden zurückgewiesen und Elfriede Scholz wird am 16. Dezember 1943 durch das Fallbeil hingerichtet.
Ihr Bruder Erich lebt zu dieser Zeit in New York, dank seiner Tantiemen als Emigrant der Luxusklasse. Erst im Juni 1946 erfährt er von dem Schicksal seiner Schwester. …“ | https://literaturkritik.de/ein-vielgelesener-chronist-deutschen-geschichte-20-jahrhunderts-neuerscheinungen-50-todestag-erich-maria-remarque,27208.html

Wilhelm v. Sternburg (24.09.2020): “ … Remarque selbst erlebte den Untergang der „Welt von Gestern“ in Vernichtungskriegen, barbarischen Diktaturen und der Ermordung des europäischen Judentums. Ideologie und Hass überwältigten die Vernunft. Auch wenn Remarque bis in die 1940er Jahre hinein immer wieder betonte, seine Bücher sollten „weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein“ – so in der berühmten Vorbemerkung von „Im Westen nichts Neues“ –, blieb er ein hochpolitischer Autor. Er schrieb Zeitromane. Seine Figuren erleben das sinnlose Sterben an den Fronten („Im Westen nichts Neues“), den dramatischen Überlebenskampf in den Jahren der Weimarer Republik („Der Weg zurück“, „Der schwarze Obelisk“), das Schicksal im erzwungenen Exil („Liebe Deinen Nächsten“, „Arc de Triomphe“), die Grausamkeiten der KZ-Schergen („Der Funke Leben“), die Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Russland („Zeit zu leben und Zeit zu sterben“). Remarque schrieb über die Wirklichkeit in den Konzentrationslagern, als die deutsche Nachkriegsgesellschaft sich noch mit großem Selbstmitleid ahnungslos gab, und er erzählte 40 Jahre vor der Eröffnung der Wehrmachtsausstellung in Hamburg von den Mordaktionen deutscher Soldaten an der russischen Zivilbevölkerung.
Remarques Pazifismus und sein humanistisches Bekenntnis geben seinem Werk angesichts der weltweiten Rückkehr von Krieg, Massenflucht und politischer Radikalisierung eine immense Aktualität. … Und in einem Brief an einen Jugendfreund aus dem Jahr 1957 bekennt er: „Ich habe gestern mein Lebens-Credo auf drei Worte zusammengestellt: Unabhängigkeit – Toleranz u. Humor.“ … Auch das machte ihn zu einem Mann der Moderne: Seit seinen frühen Osnabrücker Tagen, spätestens aber seit seinen Kriegserlebnissen an der Westfront des Ersten Weltkriegs blieb er ein Suchender und angesichts der Katastrophen, die zu sehen er sich nicht verweigerte, ein pessimistischer Humanist. …“ | https://www.fr.de/kultur/literatur/remarque-mein-lebens-credo-in-drei-worten-unabhaengigkeit-toleranz-humor-90052534.html