Schlagwort: Identitärer Narzißmus

[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #56… ]

“ … Wie soll man auf eine solche Welt blicken, die zugleich wahrhaftig und verfälscht, unschuldig und hintertrieben, notgedrungen rückwärtsgewandt und gefühlsmäßig verdreht ist? Wie soll man sie erzählen? …“ – Lettre International 131 (Winter 2020)

(05.01.2021): “ … Der ehemalige Gouverneur von Kalifornien veröffentlichte einen Gastkommentar im „Economist“ – und erinnert sich an seine Kindheit. … „Ich wuchs in den Ruinen eines Landes auf, das die Demokratie aufgegeben hatte und die Konsequenzen tragen musste“, schreibt er über seine Heimat Österreich. „Ich war umgeben von gebrochenen Männern, die ihre Schuld, am schrecklichsten Regime der Welt mitgewirkt zu haben, wegtranken.“ …“ | https://kurier.at/politik/ausland/schwarzenegger-rechnet-mit-trump-ab-und-mahnt-republikaner/401147928

Lettre International 131 (Winter 2020): “ … Die Ergebnisse der amerikanischen Präsidentschaftswahl analysiert Sergio Benvenuto. … Eine extreme Polarisierung der Wählerschaft hat sich verfestigt. … Die linke Idee der Gleichheit scheint an Attraktivität einzubüßen. … Von zunehmender Bedeutung für […] [marginale] Massen ist etwas anderes, eine Art „identitärer Narzißmus“. Das ist der Stolz auf die Nation oder die Region, wie im Fall der separatistischen katalanischen und baskischen Parteien, von Schottland und früher von Umberto Bossis Lega Nord. Die Betonung der originären Herkunftskultur – Salvinis Spiel mit dem Rosenkranz, Trumps Übereinstimmung mit dem amerikanischen Bible Belt, der chauvinistische Kult der Kokarde von Marine Le Pen, der Kult des Union Jack, das „God Save the Queen“ der Engländer ist omnipräsent. Ein gewaltiger backlash hin zu einer von der globalisierten Gesellschaft zutiefst bedrohten Heim-und-Herd-Ideologie findet statt. Dieser backlash hat keine tiefreichenden ökonomischen Gründe, vielmehr kulturelle und psychologische … [Die polnische Rechte und ihre Machtstrategien analysiert die Kunstphilosophin Maria Anna Potocka. Die polnische Rechte hat sich eine Mixtur aus Katholizismus, Polentum, Geschichte, Familie und Leben als Waffen in ihrem Kampf gegen die Modernisierung der Gesellschaft gewählt. Die katholische Religion wird zur Nationalreligion verklärt, Christus zum König von Polen erhoben:, Geschichtsbildhauer nähren das kollektive Gefühl des nationalen Auserwähltseins, die Geschichte wird umgeschrieben. Weder Abtreibung noch Pille soll es geben, Frauen keine Karriere mehr anstreben, vielmehr zu Hause bleiben, kochen, Kinder gebären, das Volk vermehren. Die große Chance der Rechten im Kampf gegen die modernen Frauen ist die Kirche, den gottgefälligen Worten eines Priesters vertrauen Frauen oft noch demutsvoll. Die Kirche bietet ihre Kanzel der Rechten als das polnische Hypermedium mit der größten Reichweite an. Eine brillante Analyse politischer Manipulation.] … Die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini schildert ihre Reise zum Turkana-See in Kenia mit Alberto Moravia zum kleinen Stamm der Elmolo, der seit unvordenklichen Zeiten an seinen Ufern lebt, mit gerade noch einhundertvierzig Mitgliedern. Sie wird zur Zeugin von Opferriten, Beschneidungspraktiken und einer Nashornjagd und wird von Skrupeln hinsichtlich ihrer voyeuristischen Position geplagt. Ist es hilfreich, unser Heute zu begreifen, indem wir Völker aufsuchen, die fast noch leben wie vor tausend Jahren? Ist es angebracht, unsere Augen und Kameras auf ein Volk zu richten, das nur noch ein Schauspiel aufzuführen scheint und sich dabei trotzig an eine Identität klammert, die schon in die Brüche gegangen ist? Wie soll man auf eine solche Welt blicken, die zugleich wahrhaftig und verfälscht, unschuldig und hintertrieben, notgedrungen rückwärtsgewandt und gefühlsmäßig verdreht ist? Wie soll man sie erzählen? Wie soll man bei diesen archaischen Gesichtern verweilen, ohne der Selbstgerechtigkeit desjenigen zu verfallen, der aus einer Welt kommt, die sich für fortschrittlich hält und die Arroganz besitzt, zu urteilen? Pasolini würde sagen: „Der unschuldige Blick ist tot.“ …“ | https://www.lifepr.de/inaktiv/lettre-international-verlags-gmbh/Lettre-International-131-Winter-2020-Neue-Ausgabe/boxid/827581

Ernst Cassirer (1874–1945)

Raji Steineck (05.01.2021): [ … Das Stammesdenken nimmt zu, die Menschen ziehen sich zurück in Gesinnungsgemeinschaften. Hat die Kultur versagt? Nein, aber das Bewusstsein darum, dass sie der Kritik ausgesetzt werden muss. Die Philosophie des vor 75 Jahren verstorbenen Ernst Cassirer hilft, das Phänomen neu in den Blick zu nehmen. …] “ … Die Vorstellung von einer einzelnen Kultur, die uns qua Herkunft bestimmt und verpflichtet, ist […] abstrakt wie die Vorstellung einer allgemeinen Menschheit. In Wirklichkeit müssen wir immer wieder mit uns wie mit anderen aushandeln, welche kulturellen Verpflichtungen eigentlich zu Recht bestehen und wie sie in einer bestimmten Situation gewichtet werden sollen. … [Cassirer] engagierte er sich konsequent für eine liberale gesellschaftliche Ordnung. Gegen den vorherrschenden reinen Rechtspositivismus argumentierte er auch für die grundsätzliche Bindung des Rechts an die Ideen von Freiheit und Menschenwürde.
Im Jahr 1933 konstatierte er angesichts des Ausspruchs «Der Führer spricht das Recht», wenn am nächsten Tag nicht die Juristen im Reich geschlossen protestierten, sei Deutschland verloren. Sie taten es nicht, und Cassirer ging ins Exil, anstatt, wie viele andere, zu hoffen, der Spuk werde schon vorübergehen. Seine Hellsichtigkeit wie Liberalität waren dabei nicht nur persönliche Charakterzüge, sondern tief verankert in seiner Theorie: Denn die ‚Philosophie der symbolischen Formen‘ als Kritik der Kultur verlangt ganz grundsätzlich, die erhobenen Ansprüche an dem zu messen, worauf eine symbolische Form ihr Recht auf Geltung gründet. Das hat Folgen für das, was in ihr behauptet werden darf, wie für den Grad der Verbindlichkeit, die sie geltend machen kann. …“ | Aus: „Wir sind alle gleich. Und alle anders: Der Begriff Kultur sollte die Menschen einen, stattdessen dient er nur noch dazu, die Grenzen zwischen «uns» und den «anderen» zu ziehen“ | https://www.nzz.ch/feuilleton/ernst-cassirers-kulturkritik-alle-sind-gleich-und-alle-anders-ld.1593327

Werner Katzmair (05.01.2021): “ … Ein Kampf mit dem Florett gegen die Keule…! …“