Author Topic: [Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]  (Read 155632 times)

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #285 on: April 05, 2018, 10:48:59 AM »
Quote
[...] Aufgrund der historischen, sprachlichen und kulturellen Unterschiede zum übrigen Spanien sieht sich Katalonien als eine eigene Nation. Der Begriff Nation wird dabei im Sinne einer Kulturnation verstanden und nicht über eine ethnische Zugehörigkeit definiert. ...


Aus: "Katalonien - Nationalität und Unabhängigkeitsbestrebungen" (Stand: 2. April 2018)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Katalonien#Nationalit%C3%A4t_und_Unabh%C3%A4ngigkeitsbestrebungen

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #286 on: April 05, 2018, 12:08:20 PM »
Quote
[...] Österreichs Regierung will verbieten, dass Mädchen in Kindergärten und Grundschulen Kopftücher tragen. "Eine Verschleierung von Kleinkindern ist definitiv nichts, was in unserem Land Platz haben sollte", sagte Kanzler Sebastian Kurz. Es gehe darum, allen Kindern die gleichen Chancen einzuräumen. "Dazu gehört auch, dass es zu keiner Diskriminierung in jungen Jahren kommt", sagte der ÖVP-Politiker.

Auch Kurz' Koalitionspartner FPÖ steht hinter dem Vorhaben. Parteichef Heinz-Christian Strache sagte, die FPÖ wolle damit "Fehlentwicklungen beim politischen Islam entgegentreten".

Um wie viele Kinder es geht, ist nicht klar. Zahlen liegen nicht vor. In vielen islamischen Kulturen sollen Mädchen erst ab der Geschlechtsreife ein Kopftuch tragen. "Es ist sicherlich eine symbolische Handlung", sagte Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP). ...

... In Österreich gilt seit einem halben Jahr ein generelles Gesichtsverhüllungsverbot. Seitdem wurden rund 50 Menschen angezeigt. Das Gesetz richtet sich vor allem gegen Verschleierungen mit Burka oder Nikab. Kopftücher, die das Gesicht freilassen, sind weiterhin erlaubt. Laut Gesetz sind bis zu 150 Euro Strafe fällig, wenn das Gesicht zwischen Stirn und Kinn nicht sichtbar ist.

Quote
namevergeben2 #5

Rechtskonservative Meinungsvielfalt:

Dieselfahverbote für die Gesundheit = böse
Kopftuchverbote gegen Kleinkinder = gut



...


Aus: "Österreichs Regierung plant Kopftuchverbot für kleine Mädchen" (4. April 2018)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2018-04/sebastian-kurz-oevp-kopftuchverbot-regierung-oesterreich


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #287 on: April 11, 2018, 10:17:18 AM »
Quote
[...] Alexander Dobrindt hat sich erneut zur Diskussion um den Islam geäußert. Der Islam sei für Deutschland "kulturell nicht prägend und er soll es auch nicht werden", sagte der CSU-Landesgruppenchef den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Muslime, die sich in unsere Gesellschaft integrieren wollen, sind Teil unseres Landes, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland."

Dobrindt sagte, dem Islam fehle das, was für das Christentum die Aufklärung gewesen sei – mit all ihren positiven Rückwirkungen auf Glauben, Recht und gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Kein islamisches Land auf der ganzen Welt hat eine vergleichbare demokratische Kultur entwickelt, wie wir dies in christlichen Ländern kennen." Unsere Vorstellungen von Toleranz und Nächstenliebe, von Freiheit, von Leistungs- und Chancengerechtigkeit fänden sich so in der islamischen Welt nicht wieder.

Islamforscher wie Bassam Tibi verweisen jedoch darauf, dass es den einen Islam nicht gebe, und betonen die Vielfalt dieser Religion, die in 57 Ländern praktiziert werde. Indonesien, das bevölkerungsreichste mehrheitlich muslimische Land der Welt, ist eine Demokratie.

In der Union gibt es unterschiedliche Auffassungen über die Rolle des Islams und den Umgang mit Muslimen in Deutschland. So distanzierte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sich bereits von früheren Aussagen Dobrindts und von Innenminister Horst Seehofer (CSU), wonach der Islam nicht zu Deutschland gehöre.

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Rebell im Kopf #2

Entfernt. Wir wünschen uns eine Community mit Spaß und Freude an der Diskussion über Artikel von ZON. Wir bitten deshalb alle, respektvoll und konstruktiv zu diskutieren und Unterstellungen zu unterlassen. Danke, die Redaktion/dl



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krni #14

Können wir bitte diese Debatte, ob "der Islam" zu Deutschland gehört, ein für alle mal beenden? Damit werden keine Integrationsprobleme gelöst, keine Terroranschläge verhindert, nichts. Stattdessen werden nur Menschen wegen ihres Glaubens stigmatisiert.

Ganz ehrlich, es ist auch nicht so, dass ich "christlichen" Ländern alles picobello läuft. In sehr vielen dieser Länder kann man von Demokratie und Grundrechten nur träumen. Manche Politiker geben vor, die christliche Nächstenliebe in Europa schützen zu wollen - tatsächlich lieben sie nur ausgewählte Nächste und hassen den Rest. Davon hat Jesus nicht gesprochen.


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Sk Pizzle #30

Ich dachte immer wir hätten dem Islam wenigstens die Aufklärung voraus, doch wenn man Dobrindt zuhört zweifelt man daran zusehends. Nein, wir selber sind immer noch im Mittelalter, solange der Aberglaube an die Andersartigkeit aller Menschen des nicht eigenen Kulturkreises anhält. ...


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serp #37

Ich hab so meine Zweifel ob Bayern eine echte Demokratie ist .


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Falubor #49

"Meine Vorstellungen von Toleranz und Nächstenliebe, von Freiheit, von Leistungs- und Chancengerechtigkeit finden sich so in der CSU nicht wieder."
Die CSU ist die deutsche Partei, die ideologisch Erdogan am nächsten kommt: Religiös-konservativ. Wenn es nach der CSU gehen würde, wäre die BRD bedeutend näher am „islamischen Kulturkreis“ als sie ist. Ich ziehe Säkularismus, Liberalismus und den Geist der Aufklärung vor.


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Pyntanell #58

Ich will ja nicht nörgeln. Aber dass es hier um den zweiten Weltkrieg herum und in Teilen Deutschlands undemokratisch war. Lag nicht am Islam. Und dass es in in anderen europäischen Ländern gerade immer undemokratischer wird(Ungarn) das liegt auch nicht vordergründig am Islam. Das schaffen wir gerade ganz alleine. Von anderen christlichen Ländern wie Russland und den USA fang ich jetzt mal gar nicht an. ...


...


Aus: ""Kein islamisches Land hat eine vergleichbare demokratische Kultur"" (11. April 2018)
Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-04/alexander-dobrindt-islamdebatte


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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #288 on: April 12, 2018, 09:32:31 AM »
Quote
[...] Kiel. „Mir ist die Hutschnur geplatzt“, sagt Lass. Das liegt nun einige Wochen zurück, jetzt will sie reden. Die Mutter dreier Kinder betritt an jenem Morgen den Sophienhof, schiebt den Wagen durch die um diese Zeit noch verwaisten Gänge, als Thea hungrig aufschreit. Sie sucht einen Bäcker auf, wird abgewiesen. Claudia Lass zieht weiter zu einem Café, setzt sich, der Versuch des diskreten Stillens wird von einem Security-Mitarbeiter unterbunden. Das, so der Sicherheitsdienst-Mann, sei hier nicht gestattet.

Dann erbarmt sich die Verkäuferin einer Confiserie, lässt sie ihre Tochter endlich stillen. Das Ende eines kleinen Nervenkampfs. „Es geht mir darum, dass es das Normalste der Welt ist, sein Kind zu füttern“, sagt sie. Das sehen andere nicht so. Lass erzählt von Diskriminierung und Pöbeleien, von abfälligen Gesten. „Passanten zeigen mir den Vogel, sagen, das ist abstoßend – vor allem Ältere und Frauen.“ Dabei gehe sie bewusst in stille, unbeobachtete Ecken. Doch das Verständnis bleibt gering – auch anderswo.

Im Februar 2016 startete eine Berlinerin eine Petition, nachdem sie beim Stillen in einem Café zum Gehen aufgefordert wurde. Ihr Wunsch nach einem Gesetz zum Schutz des Stillens ist bis heute verhallt – trotz der mehr als 23000 Unterschriften. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags kam in seinem Sachstand zur Zulässigkeit des Stillens in Cafés und Gaststätten zumindest zur Einschätzung, dies sei „unbedenklich“. Der Weg zu einem Gesetz wie dem schottischen Breastfeeding Act, er ist holprig.

Beim Management des Sophienhofs reagiert man unterdessen betroffen bis verwundert auf die Schilderung von Claudia Lass – schließlich gebe im Erdgeschoss bei den Kundentoiletten einen Wickelraum samt Stillsessel. „Wir halten es für selbstverständlich, Müttern in dieser Situation zu helfen“, sagt Center-Manager Karsten Bärschneider.

„Wir tolerieren alles andere, lautes Telefonieren im Bus oder übelriechendes Essen in der Bahn“, sagt Lass. Trotzdem will sie sich nicht als Vorkämpferin für das Stillen vor jedermanns Auge verstanden wissen. „Ich fordere von niemandem Toleranz“, sagt sie. Aber etwas mehr Respekt dürfe es schon sein. Und bessere räumliche Angebote. „Ich will mich nicht abgeschoben fühlen.“

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10.04.2018, 08:42      # 3
Mövenschiss

Prima. Jetzt weiß die ganze Welt, dass Thea Lass in der Öffentlichkeit gestillt wurde.
Das wird ihr später in der Schule und bei der Jobsuche sicher zum Vorteil gereichen.
Einmal im Internet immer im Internet.

Vielleicht sollte die Mutter mal in einer stillen Stunde nachdenken, was Sie mit dem Bericht ihrer Tochter antut, die ist erst 5 Monate alt, und schon wird Ihr Persönlichkeitsrecht verletzt.


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10.04.2018, 09:16
Karlsson vom Dach
 
Als Mittvierziger und Vater von zwei Kindern, halte ich mich noch immer für so jung, daß ich mir einbilde, in aufgeklärten Zeiten zu leben. Es erscheint mir völlig unbegreiflich, daß das Stillen in der Öffentlichkeit ein Stein des Anstosses sein soll!
Ich dachte die Angst vor dem evt. Anblick einer weiblichen Brust existiert nur in der weitläufigen Prüderie der USA!? Weit gefehlt!
Meiner Meinung nach kann das Stillen an jedem denkbaren Ort stattfinden. Den Teil der Bevölkerung, den dieser Vorgang ängstigt, könnte man ja schützen, indem man an öffentlichen Orten direkt neben dem Feuerlöscher und dem Dephibrilator kostenlose Einmalbrillen mit Scheuklappen anbietet. Ist billiger als ein Stillsessel in einem Extraraum.


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10.04.2018, 09:19      # 7
Dnizl

Zitat von bobby: Selbstverständlich fordert sie Toleranz von jedem dessen Blick zufällig auf
die Situation fällt, das darf sie ja auch gerne fordern, aber wenn jemand
nicht bereit ist das zu tolerieren, dann hat auch Derjenige dieses Recht!


Es ist in unserer Gesellschaft nicht üblich, Körperfunktionen die vielfach "das Normalste der Welt sind" in aller Öffentlichkeit auszuführen.
Also wer mit dem Anblick von Stillen ein Problem hat, sollte mal in sich gehen und über die normalsten Dinge der Welt nachdenken.


Quote
10.04.2018, 09:44      # 8
Suppengruen

Die Generation „Me first and then me“ hat es wahrlich schwer. Da gibt es schon den Komfort eines Stillraumes und dennoch sucht man die große Bühne. Und ist das Publikum nicht willig, dann wird die noch größere Bühne gewählt, jetzt erst recht!
Hier wird wieder aus nichts ein Drama gemacht, es ist wohl symptomatisch für unsere Zeit.


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10.04.2018, 10:34      # 10
Trallala
 
Was haben wir doch für Probleme!?


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10.04.2018, 11:37      # 11
Bernado
 
Vielleicht sollte die Dame auch etwas Rücksicht auf die Gefühle unserer internationalen Gäste und Jugendschutz nehmen. Insoweit halte ich Brüste enthüllen in der Öffentlichkeit für unangemessen.


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10.04.2018, 11:51      # 13
Nubian

Liebe Dauerempörten,

was stört euch denn?

a) die blanke Brust, die zu 90% vom Babykopf verdeckt ist
b) das Baby
c) das trinkende Baby

zu a) Ich nehme an, ihr meldet dann auch jede Frau im Bikini-Oberteil der Sittenaufsicht
zu b) ne, so krank kann niemand sein
zu c) Da Muttermlich nicht einmal ein tierisches Errzeugnis ist, dürften selbst militante Veganer keinen Anstoß daran finden.

Überall im Fernsehen und in Zeitschriften werden wir mit nackter Haut konfrontiert und dürfen Sexualakte bereits im Abendprogramm bewundern, aber wenn eine Mutter ihr Kind in einer Ecke stillt, DAS GEHT JA MAL GAR NICHT !!! Merkt ihr noch was?

Damit dem Drang nach Empörung nachgegeben werden kann, habe ich eine Liste interessanter Optionen aufgeführt, die der Empörung wirklich wert sind:

- Fahrradfahrer ohne Licht
- Unfallgaffer
- Mülltonnen-Falschbefüller
- Spielplatzlärmbeschwerer

Gruß
Nubian


Quote
11.04.2018, 20:55      # 32
Nubian

Interessanterweise hat bisher keiner der "Stillgegner" erklärt, warum der Anblick einer stillenden Mutter so furchtbar ist. Auf meine Argumente ist niemand eingegangen. ...


...


Aus: "Beim Stillen in die Ecke gedrängt" Marco Nehmer (10.04.2018)
Quelle: http://www.kn-online.de/Kiel/Das-Normalste-der-Welt-Beim-Stillen-in-die-Ecke-gedraengt

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Quote
[...] Kiel. Am Mittwochnachmittag schaltet sich der Sophienhof in die Debatte um das Stillen ein. "Wir finden es gut, dass dieses gesellschaftliche Thema diskutiert wird und auf diese Weise die nötige Aufmerksamkeit erhält", heißt es in einem über Facebook verbreiteten Kommentar, der einer KN-Nachfrage folgt. "Falls sich ein Mitarbeiter unseres Sicherheitsdienstes in der Vergangenheit nicht korrekt verhalten haben sollte, möchten wir uns dafür entschuldigen."Die Stellungnahme war nötig geworden ob der rollenden Welle, losgetreten vom Fall um Claudia Lass. Sie wurde beim Versuch, ihrer Tochter die Brust zu geben, mehrfach abgewiesen, musste eine Bäckerei, später ein Café im Sophienhof verlassen.

Die Geschichte ruft ein großes Echo hervor – auch die Politik steigt mit ein. Die Kieler SPD bezieht noch am Dienstag Stellung. Annika Schütt, Anna-Lena Walczak, Jannick Schultz, Moritz Koitka und Benjamin Raschke, allesamt junge oder werdende Eltern, verbreiten eine Mitteilung: "Dass von Seiten einiger Café-Inhaber oder Sicherheitspersonal mit Unverständnis und Ablehnung reagiert wird, wenn eine Frau ihr Kind füttern muss, können wir nicht nachvollziehen. Hier geht es doch um das Grundbedürfnis eines kleinen Menschen und um seine Gesundheit."

Gesellschaftliches Leben müsse auch mit einem zu stillenden Kind möglich sein – eine Haltung, die Anklang findet. "Dass Stillen in der Öffentlichkeit überhaupt noch diskutiert wird, ist eigentlich unglaublich. Ein völlig natürlicher Vorgang, von dem doch niemand gestört wird", schreibt Grünen-Landeschefin Ann-Kathrin Tranziska auf der Facebookseite der Kieler Nachrichten. Ein Grundbedürfnis, völlig natürlich – das ist es für manche offenbar nicht. Viele Mütter berichten von ähnlichen Erfahrungen.

Das diskrete Entblößen der Brust zum Stillen, für das es keine rechtliche Regelung gibt, löst bisweilen Schamgefühle aus. Gleichzeitig ist die nackte Haut in Werbung und Popkultur eine conditio sine qua non – ohne geht nichts. "Was für eine Scheinheiligkeit", schreibt Jan Christoph Kersig bei Facebook. Der Geschäftsführer von Kersig Immobilien hat den KN-Artikel im sozialen Netzwerk geteilt. "Ich kann die jungen Mütter nur ermutigen, sich nicht in Ecken verschieben zu lassen."

Ecken, wie es sie vielerorts gibt. Abgelegene Räume, oft nur ein Stuhl. Das Stillen als Stigma? Im Sophienhof gibt es einen solchen Platz, einen Stillsessel im Wickelraum. Der erfährt bei den Facebook-Nutzern überwiegend Ablehnung: häufig kaputt, oft besetzt. Und: Wer will sein Kind schon neben einer Toilette stillen? Ortsbesuch, wir dürfen eintreten. Katrin Bolte sitzt im Sessel, füttert ihren vier Monate alten Sohn Jonas. "Ich finde es eigentlich okay", sagt sie. "Trotzdem ist es schade, dass es nichts anderes gibt."

Facebook-Nutzerin Sue Rose schreibt: "In anderen Ländern gibt es an jeder Ecke Stillräume, die auch gut genutzt werden." Die SPD-Kandidaten wollen nun reagieren. "Wir setzen uns für die Erstellung eines familienfreundlichen Stadtplans ein", erklären sie, die sich auch um Stillräume in öffentlichen Gebäuden bemühen wollen. Walczak rief am Mittwoch bereits dazu auf, stillfreundliche Cafés und Geschäfte zu nennen.

Die, die stillende Mütter abweisen, sind für CDU-Ratsfraktionschef Stefan Kruber indes keine Option mehr: "Ein Restaurant, das so vorgeht, wirbt darum, nicht von mir als Kunde heimgesucht zu werden." Melanie Boeck will sich und anderen das Stillen hingegen nicht verbieten lassen: "Liebe Kielerinnen, traut euch trotzdem in die Gastronomie."

Das tut auch Claudia Lass wieder. Sie, die den Stein ins Rollen brachte, staunt über die Reaktionen: "Da hätte ich im Leben nicht mit gerechnet." Beim Fototermin lernt sie Katrin Bolte kennen. Die beiden Mütter verstehen sich auf Anhieb – und gehen gemeinsam ins Café.


Aus: "Ein Fall schlägt hohe Wellen"  Marco Nehmer (12.04.2018)
Quelle: http://www.kn-online.de/Kiel/Debatte-ums-oeffentliche-Stillen-in-Kiel-Ein-Fall-schlaegt-hohe-Wellen

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #289 on: April 23, 2018, 05:21:28 PM »
Quote
[...] Dominik Finkelde SJ, geb. 1970, ist ein deutscher Jesuitenpater und Professor für Philosophie an der Hochschule für Philosophie München. 2016 erschien im Verlag Vorwerk 8 sein Buch «Phantaschismus. Von der totalitären Versuchung unserer Demokratie».

Sigmund Freud beschreibt in seinem berühmten Essay «Totem und Tabu» aus dem Jahr 1913 eine vorzivilisatorische Urhorde. Sie wird von einem Übervater beziehungsweise Urvater angeführt. Er ist dem «Silberrücken» bei Gorillahorden nicht unähnlich und folglich eine unangefochtene Macht in seiner Herde. Er ist aber auch die geniessende Ausnahme. Denn er kann sich zum Beispiel jedes Weibchen aus der Horde greifen, wie es ihm beliebt, ohne dass seine Begehrensansprüche durch andere Männchen begrenzt werden. Aus diesem Grund wird der Urvater gemäss Freuds spekulativem Mythos vom Ursprung der Kultur am Ende auch von den sogenannten Brüdern erschlagen. Freud schreibt: «Eines Tages taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den Vater.»

In Zeiten von Donald Trump erleben wir nun ein Revival dieser Denkfigur des Übervaters, da Ersterer wie Letzterer ununterbrochen zu geniessen scheint. Trump zelebriert sich nahezu tagtäglich als die Ausnahme anerkannter Ordnungen und findet daran zum Verdruss seiner politischen Gegner Gefallen. Er hält sich nicht mit polemischen Angriffen gegen politische Kontrahenten zurück und bekennt sich offen zu einer patriarchalen Ordnung, in der die Begehren von Männern frei von Feminismus und politischer Korrektheit ungebrochen sein dürfen, was sie sind: natürliche Bedürfnisse. Für sexuelle Übergriffe, die er in der Vergangenheit begangen haben soll, muss er sich denn (bis jetzt) auch nicht verantworten.

Gerade durch Umstände wie diese aber verkörpert Trump für seine Anhänger eine utopische Figur, eine Form politischer Autarkie. In Zeiten, da zahlreiche politische Bewegungen auftreten, um etwa die Rechte von Belästigungsopfern (#MeToo), legalen und illegalen Einwanderern («Dreamers») oder Minderheiten («Black lives matter») einzuklagen, fühlen sich Trumps Sympathisanten offenbar immer mehr in ihren Grundrechten beschränkt. Sie sehnen sich infolgedessen nach Formen einer neuen Freiheit und wünschten, sie könnten im Bereich der Politik wie Trump alles sagen, was sie wirklich denken (auch wenn das vielleicht diskriminierend ist), und alles tun, was sie gerne täten: zum Beispiel wie Trump einmal bei einer prominenten Pornodarstellerin wie Stormy Daniels vorbeischauen, wenn ihnen, wie es in Georg Büchners «Woyzeck» heisst, «die Natur kommt».

In «Totem und Tabu» identifiziert Freud den Mord am Urvater als Ursprung der Sittlichkeit: Die Brüderhorde kommt darin überein, dass niemand mehr die Position des obersten Geniessers, des ungebändigten Übervaters, einnehmen darf. Die Autorität des Vaters wird aus Trauer über den Mord verinnerlicht, und als Heilmittel gegen die Gefahr eines obersten Geniessers wird die Utopie der gleichmässigen Verteilung von Lust propagiert. Man könnte diese Geschichte Freuds Gründungsmythos der Demokratie nennen. Denn wo einst eine ungebändigte Lust durch einen Übervater genossen wurde, darf jetzt nur noch das Geniessen als ein kollektiv verwalteter Akt toleriert werden.

Dieser Idee der Genusszähmung zugunsten einer politisch kanalisierten Verteilung steht Trump diametral entgegen. Als Übervater und Oberpatriarch, dem das Niedrige und das Obszöne nicht fremd sind, hebt er sich auch deutlich von anderen Politikerinnen und Politikern ab. Von Angela Merkel, die abschätzig «Mutti» genannt wird, ebenso wie von Theresa May, die sich offenbar nicht gegen Torys wie Boris Johnson durchsetzen kann. Und auch mit Emmanuel Macron ist Trump genusspolitisch unvergleichbar. Auch wenn man Letzteren dafür bewundert, eine ältere Frau geheiratet zu haben, scheint Trump doch auszuleben, was gemäss einem archaischen Empfinden mächtigen Männern gebührt – nämlich sich mit jüngeren Frauen zu umgeben.

Auch hinter diesem Gefühl verbirgt sich bei den Trump-Anhängern letztlich ein Freiheitsgedanke: Schön, dass es in einer von Verhaltensregeln für Gleiche unter Gleichen geprägten Ära wenigstens einen gibt, der einmal richtig auf seine Kosten kommen darf; einen, der sich alles nehmen kann, der kaufen und sagen darf, was und wie es seinem Begehren entspricht.

Doch warum sehnt sich eine bestimmte Brüderhorde im 21. Jahrhundert nach einer solchen Figur? Walter Benjamin beschreibt in seinem Text «Zur Kritik der Gewalt», wie ein Volk vor der «Gestalt des ‹grossen› Verbrechers» eine «heimliche Bewunderung» entwickelt, obwohl dieselbe eine Gefahr für das Gemeinwesen ist. Dem Verbrecher gelingt es nämlich, in das einschränkende Korsett der Rechtsstruktur eines Staates ein Loch der Singularität zu schlagen. Den grossen Verbrecher umgibt dann eine populäre Ehrfurcht, weil er den «Einspruch» gegenüber den Ordnungsformationen ausdrückt.

Trump ist kein Verbrecher, doch verkörpert er mit seiner Distanz gegenüber angestammten Formen politischer Sittlichkeit eine analoge Singularität. Sie kann heimliche Bewunderung hervorrufen; für seine Wähler kann Trump einem regelrechten Rächer ähneln. Er ist die Ausnahme, die die Grenzen der etablierten Ordnung überschreitet, oder vielmehr: Er ist derjenige, der das (traditionelle) Gesetz noch zu retten vermag. Wovor? Vor zu vielen partikularen Rechtsansprüchen, vor zu viel Humanität und Toleranz, vor zu viel Korrektheit.

Vielleicht hofft also die Brüderhorde im 21. Jahrhundert, dass die Normübertretungen des Übervaters helfen, ein altes, in ihren Augen angestammtes Recht zu retten. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek spricht in diesem Zusammenhang von einem «nightly law», einem Gesetz des Zwielichts. Es kommt dann zum Tragen, wenn bestimmte Bevölkerungsgruppen das liberale und aufgeklärt neutrale Gesetz dem Scheitern nahe sehen. Das «Recht des Zwielichts» tritt dann, so paradox es klingen mag, im Namen des Gesetzes auf: Es muss das angestammte Recht schützen und darf deshalb auch archaische und vorzivilisatorische Eigenschaften verkörpern. Žižek spricht hierbei von einem «obszönen Geniessen», das all diejenigen vereint, die die Überschreitung des Gesetzes im Namen des Gesetzes befürworten.

Trump lebt dieses Gefühl freudig wie kein anderer aus, aber auch im politischen Alltag der USA ist diese Art von Genusspolitik nicht unbekannt. Man denke etwa an paramilitärische Rangergruppen, die an der Grenze zu Mexiko mit dem Gewehr Jagd auf Einwanderer machen. Dazu fühlen sie sich berechtigt, da ihnen der Mangel an Grenzpolizisten den Zusammenbruch von Gesetz und Ordnung suggeriert. Die selbstorganisierte Grenzkontrolle tritt im Namen der patriarchalen Unterseite des normativen, aber scheiternden Gesetzes auf und provoziert ein genussvolles Wir-Gefühl.

Auch auf der aussenpolitischen Weltbühne verschafft sich das patriarchale Gesetz des Übervaters sein Recht. Wenn Trump bekanntgibt, die US-Botschaft gegen den Widerstand zahlreicher Nationen von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, schafft er Fakten – wo alle anderen mit höflichen Plädoyers und unendlichen Dialogen zur Rücksichtnahme zwischen Palästinensern und Israeli auffordern. Den – wiederum Fakten schaffenden – Ausbau jüdischer Siedlungen konnten die Europäer mit solchen Aufforderungen nie verhindern; ihre Politik erscheint erschreckend machtlos. Wird auch sie eines Tages von ihrer «Nachtseite» überwältigt und ausgehebelt?

Trump verkörpert eine Form von neuen politischen Mitteln, einer Entscheidungskraft, die sich von Anweisungen und Erwartungen abnabelt. Seine Wähler sind ihm dankbar dafür, und ihre Bewunderung zumindest nachzuvollziehen, fällt nicht schwer. In Zeiten überkomplexer Verhältnisse scheint Trump als Übervaterfigur ein Desiderat in der Psyche eines politischen Gemeinwesens zu erfüllen: geniessen zu dürfen, wie man es gewohnt war, und Entscheidungen ungeachtet aller Komplexitäten zu treffen, schlicht und einfach, weil man etwas will und für richtig hält – egal, wie andere darüber urteilen.

In diesem Sinne ist Trump auch ein Symptom der westlichen Zivilisation, die an sich selbst verzweifelt. Als Ausnahmeerscheinung, die ihre Freiheit auslebt, verkörpert diese obszöne Gestalt zugleich den Frust und die Wut auf die Form, die die Zivilisation in der Freiheit angenommen hat. Das Phänomen Trump zeigt, wie fragil die Politik in der Kanalisierung von politischen Begehren ist und wie schnell die Gestalt des «grossen Verbrechers» auftaucht, wenn der Bereich des Politischen desintegriert. Eine Nation braucht notwendig die Illusion einer Einheit, auch wenn genau über diese Illusion keine konkrete Einheit gebildet werden kann.



Aus: "Donald Trump, der archaische Übervater" Dominik Finkelde (23.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/im-namen-des-uebervaters-donald-trump-freud-totem-und-tabu-ld.1378229

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« Reply #290 on: May 02, 2018, 10:05:45 AM »
Quote
[...] Plötz­lich bekam alles eine Kultur: Unter­neh­mens­kultur, Streit­kultur, Subkultur, Wohn­kultur, Gesprächs­kultur, Spaß­kultur… Gepflegt schlecht­ge­launte Kommen­ta­toren wie etwa der öster­rei­chi­sche Philo­soph Konrad Paul Liess­mann bemän­geln eine regel­rechte Kultur-Infla­tion, beklagen verlot­tertes Denken und plädieren für eine Veren­gung bzw. inhalt­liche Bestim­mung des Kultur­be­griffs. Denn wenn alles Kultur ist, so Liess­mann, würden kultur­po­li­ti­sche Inter­ven­tionen und eine kultur­päd­ago­gi­sche Erzie­hung sinnlos, würden Shake­speare und Dschun­gel­camp nur noch als Spiel­arten einer alles eineb­nenden Gesamt­kultur gelten, die keine Bewer­tung mehr kennt.

Doch das Plädoyer für einen weiten Kultur­be­griff ist schon älteren Datums. Tatsäch­lich war es der große Sozio­loge Max Weber (1864–1920), der, intel­lek­tu­eller Tändelei ganz unver­dächtig, den Kultur­be­griff aus seinem ehemals engen wertenden Korsett befreite und damit der Gegen­über­stel­lung von Hoch­kultur und Popu­lär­kultur die Grund­lage entzog. Aber noch in einer anderen Gestalt ist das Zauber­wort Kultur zu einer univer­sellen Chiffre geworden und findet sich in Konzepten wie Leit­kultur, Multi­kul­tu­ra­lismus oder Kampf der Kulturen als Bezeich­nung für Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keiten wieder. Was also heißt Kultur?

Beim Versuch, genauer zu bestimmen, was gemeint ist, wenn von Kultur die Rede ist, muss man zwischen Alltags­sprache und wissen­schaft­li­chen Defi­ni­tionen, Konzepten und Theo­rien unter­scheiden, die aller­dings viel­fach aufein­ander bezogen sind, sich vermi­schen und gegen­seitig beein­flussen. Schließ­lich sollen Modelle wie „Multi­kul­tu­ra­lismus“ und „Clash of Civi­li­za­tions“ aktu­elle gesell­schaft­liche Phäno­mene erklären – sie sind Diagnosen des Zeit­ge­sche­hens, aus dessen Voka­bular sie sich notwen­di­ger­weise bedienen und das sie umge­kehrt auch wieder prägen. Werden theo­re­ti­sche Konzepte zu allge­meinen Schlag­worten, weil sie offenbar eine große Reso­nanz finden, können sich die ursprüng­li­chen Ansätze aller­dings erheb­lich verän­dern und auch wider­sprüch­liche Ideen unter einem einzigen Begriff vereinen. Ein Beispiel ist die erneute Beliebt­heit des Begriffs „Kultur­kreis“, den heute wohl kaum noch jemand mit der rassis­tisch aufge­la­denen Wiener Kultur­kreis­lehre in Verbin­dung bringt, der aber nicht zuletzt mit der deut­schen Über­set­zung von Samuel Hunting­tons Clash of Civi­li­za­tions als Kampf der Kulturen eine gera­dezu atem­be­rau­bende Renais­sance erlebt hat.

Die dahin­ter­ste­hende Idee ist unab­hängig von jeder Kritik und der jeweils konkret benutzten Begriff­lich­keit – Kultur, Zivi­li­sa­tion, Kultur­raum, Kultur­kreis – wirkungs­mächtig. Mit der Vorstel­lung, es gäbe Kulturen, denen man ange­hört, die sich gegen­über­stehen und vermi­schen oder bekämpfen, werden extrem komplexe globale und gesell­schaft­liche Phäno­mene aller­dings auf ein einziges Erklä­rungs­muster und ein Dispo­sitiv längst über­holter ethno­gra­phi­scher Beschrei­bungen redu­ziert.

Mit der Aufsatz­samm­lung Dichte Beschrei­bung (1973) des ameri­ka­ni­schen Kultur­anthro­po­logen Clif­ford Geertz hielt Max Webers breiter Kultur­be­griff im Feld der Ethno­logie Einzug, die lange Zeit versucht hatte, ethni­sche Gruppen anhand typi­scher Sitten und Gebräuche sowie einer gemeinsam geteilten Sprache und spezi­fi­scher reli­giöser Prak­tiken abzu­grenzen. In der Praxis über­schnitten sich aller­dings die vermeint­lich „stam­mes­ty­pi­schen“ Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keiten, Wirt­schafts­weisen und Kosmo­lo­gien, und zudem konnten interne histo­ri­sche Verän­de­rungen sowie die Auswir­kungen von externen Faktoren wie Skla­verei und Kolo­nia­lismus kaum mit der Vorstel­lung von allein im Rhythmus der Jahres­zeiten lebenden Völkern ohne Geschichte in Einklang gebracht werden. Geertz hingegen verstand Kultur als „Ensemble von Texten“, vertrat einen „semio­ti­schen Kultur­be­griff“ und schrieb dazu:

Ich meine mit Max Weber, daß der Mensch ein Wesen ist, das in selbst­ge­spon­nene Bedeu­tungs­ge­webe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe.

Weber wandte sich dagegen, kultu­relle Erschei­nungen von vorn herein mit einem Wert­ur­teil zu verknüpfen. So waren etwa Geld, Prosti­tu­tion und Reli­gion für ihn zunächst einmal alles Bestand­teile von Kultur:

… Voraus­set­zung jeder Kultur­wis­sen­schaft ist nicht etwa, daß wir eine bestimmte oder über­haupt irgend­eine „Kultur“ wert­voll finden, sondern daß wir Kulturmenschen sind, begabt mit der Fähig­keit und dem Willen, bewußt zur Welt Stel­lung zu nehmen und ihr einen Sinn zu verleihen.

Mit diesem breiten Kultur­be­griff rücken also nicht typi­sche Aspekte unter­schied­li­cher „Kulturen“ in den Blick, sondern die grund­sätz­liche Fähig­keit der Menschen, sich zur Welt zu verhalten und diese sinn­voll zu ordnen. Für Geertz ist denn auch die Entschlüs­se­lung des Bedeu­tungs­ge­webes, die Inter­pre­ta­tion von gesell­schaft­li­chen Phäno­menen, die „zunächst rätsel­haft erscheinen“, eine der wesent­li­chen Opera­tion der Ethno­logie. Das Text­en­semble der Kultur/en kann in einem semio­ti­schen Drei­schritt – Beob­achten, Deuten, Inter­pre­tieren – „gelesen“ werden.

Mit diesem neuen Kultur- und Text­be­griff ging eine produk­tive Selbst­be­fra­gung in der Ethno­logie und verwandten Fächern einher, die sich zuneh­mend mit der Kritik anti-kolo­nialer Bewe­gungen konfron­tiert sahen und deren Diskus­sionen in engem Austausch mit Soli­da­ri­täts­be­we­gungen standen: Wie lässt sich die (oft schrift­lose) Realität der Anderen in fernen Ländern in unseren Texten abbilden? Was geht bei diesen Über­set­zungs­pro­zessen verloren? Können und dürfen wir über­haupt im Namen „fremder Kulturen“ schreiben, und welche Bedeu­tung hat unser eigener kultu­reller Hinter­grund bei der Forschung, ja letzt­lich auch inner­halb der Soli­da­ri­täts­be­we­gungen? Zwar wandten sich solche Fragen gegen die Exoti­sie­rung der Anderen, aber para­do­xer­weise verfes­tigten sie die Dicho­to­mien zwischen der eigenen und der fremden Kultur. Wenn nämlich z.B. Clif­ford Geertz den bali­ne­si­schen Hahnen­kampf (so der Titel seines wohl berühm­testen Essays) einer kunst­vollen semio­ti­schen Lektüre unter­zieht, um die dahin­ter­ste­hende Bedeu­tung zu ergründen, bleibt er doch der west­liche Ethnologe/Beobachter, der die fremde, die bali­ne­si­sche Kultur inter­pre­tiert, und vergleicht nicht etwa die Hahnen­kämpfe auf Bali mit Hunde­kämpfen in England.

Als unter dem Eindruck einer deko­lo­ni­sierten Welt und zuneh­mender wirt­schaft­li­cher Globa­li­sie­rung das Konzept des Multi­kul­tu­ra­lismus ab den 1980er Jahren auch in Deutsch­land populär wurde, war damit die Einsicht verbunden, dass man nicht in ferne Länder reisen musste, um mit fremden Gebräu­chen, Küchen, Spra­chen, Prak­tiken und Auffas­sungen konfron­tiert zu werden. Und mit der Aner­ken­nung einer multi­kul­tu­rellen Realität ging auch zugleich die Behaup­tung vom „Schei­tern von Multi­kulti“ einher. Dabei verweist die Rede vom Schei­tern darauf, dass das Konzept Multi­kulti nicht einfach der Fest­stel­lung von Tatsa­chen dient – Deutsch­land ist eine Einwan­de­rungs­ge­sell­schaft, in der die soge­nannten Gast­ar­bei­ter­fa­mi­lien heute in dritter Gene­ra­tion leben – sondern sich mit einem norma­tiven Anspruch verbindet, der aber selten konkret formu­liert wird. Ab den 1980er Jahren verlor die Klage über die niedere Popkultur als Gegen­über einer wert­vollen Hoch­kultur an Glanz, nun ging es um Fragen der eigenen und der fremden Kultur. Wie aber lässt sich Kultur positiv defi­nieren? Was in der Ethno­logie geschei­tert war, schei­terte nun auch im Alltag der Groß­städte.

Was ist z.B. deut­sche Kultur? Gehören nur jene Autoren, Künst­le­rinnen, Musiker und Kompo­nis­tinnen dazu, die sich selbst als „deutsch“ verstanden haben und verstehen? Ab wann sind einge­wan­derte Gebräuche einhei­misch? Formen die vielen regio­nalen Küchen eine einzige deut­sche Küche? Ist das „Dschun­gel­camp“ Teil deut­scher Kultur, und auch der Nackt­ba­de­strand? Proble­ma­tisch ist es zudem, der jewei­ligen Kultur einen je eigenen „Werte­kanon“ zuzu­ordnen, denn sind z.B. Respekt vor dem Alter, Fami­li­en­sinn, das Verbot zu töten oder Gemein­sinn etwas kultu­rell Spezi­fi­sches? Andere Errun­gen­schaften, wie die juris­ti­sche Gleich­stel­lung von Mann und Frau, das allge­meine Wahl­recht oder bürger­liche Frei­heiten werden kurzer­hand einer west­li­chen „Kultur“ zuge­schlagen, ohne auf die langen eman­zi­pa­to­ri­schen Kämpfe inner­halb der anderen „Kulturen“ einzu­gehen, etwa der Kampf um Bürger- und Frau­en­rechte sowie die Abschaf­fung von Unter­drü­ckung und Skla­verei in den anti­ko­lo­nialen Kämpfen: von der Haitia­ni­schen Revo­lu­tion bis zur ersten demo­kra­ti­schen Wahl in Südafrika.

Auch freund­liche Ideen, wie etwa der Multi­kul­tu­ra­lismus und verwandte Konzepte, unter­liegen der Gefahr, Menschen aufgrund ihrer ange­nommen oder tatsäch­li­chen Herkunft „über einen kultu­rellen Kamm zu scheren“ (A. Nassehi) – ob sie wollen oder nicht. So lenkt das gut gemeinte Postulat, zwischen den „Kulturen“ sollten Respekt und Tole­ranz herr­schen, davon ab, dass hier ein untaug­li­cher, weil kollek­ti­vie­render Kultur­be­griff mitge­schleppt wird, der nicht erklären kann, wer in welcher Hinsicht was und wen respek­tieren soll. Darf ich bestimmte kultu­relle Deutungen, Sinn­ge­bungen und Alltags­prak­tiken in meiner Nach­bar­schaft oder in fernen Ländern ablehnen oder befremd­lich finden, oder muss eine Kultur als Ganzes respek­tiert werden? Sowie man diese Frage auf die eigene Gesell­schaft anwendet, zeigt sich ihre ganze Proble­matik: Was ist denn unsere Kultur? Eine natio­nale, eine in Kunst und Lite­ratur wurzelnde, eine akade­misch-libe­rale? Und warum sollten wir nicht bestimmte Aspekte „unserer Kultur“ kriti­sieren und andere bewahren oder weiter­ent­wi­ckeln? Und dies den „anderen Kulturen“ ebenso zuge­stehen?

Um der Falle zu entkommen, entweder jeder Fremd­heit wertend und mit univer­sa­lis­ti­schem Anspruch entge­gen­zu­treten, d.h. die eigene Kultur als univer­sell gütig und normal zu setzen, oder aber jede Kritik z.B. an Diskri­mi­nie­rung und Unter­drü­ckung als Respekt­lo­sig­keit gegen­über „fremden Kulturen“ zu geißeln, lohnt der Blick in einen weiteren Klas­siker.

Der 1908 in Ungarn gebo­rene Psycho­ana­ly­tiker und Anthro­po­loge Georges Devereux analy­sierte in Angst und Methode in den Verhal­tens­wis­sen­schaften aus dem Jahr 1967 die alltäg­liche affek­tive Verstri­ckung „des Menschen mit dem Phänomen, das er unter­sucht“. Dabei wird die Beschäf­ti­gung mit eigenen Gefühlen keines­falls gegen eine ange­strebte „Objek­ti­vität“ ausge­spielt, im Gegen­teil. Devereux kriti­siert gerade, dass ein mangelndes Bewusst­sein der eigenen Subjek­ti­vität objek­tiven Beob­ach­tungen und Inter­pre­ta­tionen im Wege steht. Er zeigt an zahl­rei­chen ethno­lo­gi­schen Beispielen, dass nicht nur die bewusste oder unbe­wusste Über­tra­gung eigener Gefühle und Werte auf andere Gesell­schaften proble­ma­tisch ist, sondern auch gerade der löbliche Versuch, dies nicht zu tun. Werden Reak­tionen wie Ekel, Abscheu, Ableh­nung, usw. als euro­zen­tri­sche Wertungen verdrängt, wird also der Versuch gemacht, eine völlig neutrale und kultur­re­la­ti­vis­ti­sche Posi­tion einzu­nehmen, kann dies gerade zu Miss­ver­ständ­nissen und Ausblen­dungen führen. Jede interne Kritik der angeb­lich ewig gültigen Sitte und Bräuche der „Anderen“ wird dann geflis­sent­lich über­sehen, jeder Wandel von Rechts- und Moral­vor­stel­lungen auf scheinbar allein äußeren Zwang zurück­ge­führt. Anstatt also für oder gegen Multi­kul­tu­ra­lität Stel­lung zu bezieht oder deren Schei­tern zu fest­zu­stellen, gilt es genau zu erklären, was mit „Kultur“ gemeint ist und wer im Namen der Kultur spricht. Zu oft spie­gelt das Bild von einer „fremden Kulturen“ nämlich allein deren Herr­schafts­dis­kurse wider, und zeigt weder ihre Viel­falt noch die ihr eben­falls zuge­hö­rigen abwei­chenden, dissi­denten Stimmen.

Was also ist Kultur? Es handelt sich um einen Contai­ner­be­griff, dem es zu eigen ist, dass er zugleich sehr groß gedacht werden kann, etwa im globalen Maßstab und mit globaler Erklä­rungs­kraft wie im Fall von Hunting­tons welt­um­span­nenden „Kampf der Kulturen“, oder auch sehr klein, bezogen auf einzelne Dinge oder Prak­tiken inner­halb sehr kleiner Gruppen. Oder er kann als Binde­strich­kultur alles und nichts meinen – Stich­wort „Humor-Kultur“.

Vor allem aber: Jeder Versuch, Kultur inhalt­lich, als Kern oder Essenz zu defi­nieren, muss schei­tern, und wird gefähr­lich, wenn sie dazu herhalten muss, das Poli­ti­sche zu begründen. Denn wer defi­niert, was zur Kultur einer Nation – gar zu einer „Leit­kultur“ gehört? Werden Konflikte des Zusam­men­le­bens immer schon als „kultu­relle“ Konflikte bzw. Konflikte zwischen Kulturen wahr­ge­nommen, verhin­dert das die genaue Analyse der jewei­ligen Probleme, bei denen es oft weit mehr um Fragen von sozialer Diffe­renz, des Zugangs zu gesell­schaft­li­chen Ressourcen, um das Geschlecht und Alter der Betrof­fenen oder um ihre Ausbil­dung, geht als um ihre „Kultur“.

Keine Frage: „Kultur“ ist ein prak­ti­sches Wort, das man im Alltag schnell, ungenau, ja oft wider­sprüch­lich verwendet und verwenden darf. In poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zungen jedoch muss die Zeit sein, jeweils genau zu erklären, was das Zauber­wort „Kultur“ im konkreten Fall meinen soll. Und viel­leicht lohnt es, ab und an mit jenen Wissen­schaften das Gespräch zu suchen, die sich schon lange vergeb­lich darum bemühen, „Kultur“ zu defi­nieren…



Aus: "Alles #Kultur?" Gesine Krüger (2018)
Quelle: http://geschichtedergegenwart.ch/alles-kultur/

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #291 on: May 03, 2018, 12:21:48 PM »
Quote
[...] Zufällig hört man Musik, sie dringt in lauten, schweren Beats aus einem Radio oder gar aus dem Kinderzimmer. Es rappt einer auf Deutsch. Und kaum vernimmt man ein paar Wörter – «Bitch», «Schwanz», «Nutte», «Hurensohn» –, wird man konfus. Darf das wahr sein?, fragt man sich. Kaum zu glauben, dass so viel Misogynie und Brutalität, so viel Zynismus und blanker Hass erlaubt sein sollen in der Gegenwart des Pop. Wäre das nicht ein Fall für die Polizei? Müsste sie nicht zensurieren und verbieten, um wieder Ordnung zu schaffen in dieser prekären Welt?

... Westliche Gesellschaften werden seit Jahrzehnten durchgeschüttelt infolge der Anmassungen wechselnder Jugendkulturen. Die Lage hat sich verschärft, seit Rock, Punk und Hip-Hop die Provokation als poppige Allzweckwaffe der Agitation und Promotion entdeckt haben. Und wer sich tatsächlich provozieren lässt, wer auf die Barrikaden steigt und die Zensur einfordert, erfüllt quasi das ästhetische Programm der Provokateure.

... Mitte der achtziger Jahre etwa empörte sich Susan Baker, die Frau des damaligen amerikanischen Finanzministers James Baker, über sexuelle Anspielungen im Madonna-Song «Like a Virgin»; nichtsahnend hatte sie die Platte ihrer siebenjährigen Tochter geschenkt. Ähnliche Erfahrungen machte Tipper Gore, Al Gores Gattin, deren Tochter Prince zuhörte, wie er in «Darling Nikki» die Masturbation besang. Die aufgebrachten Mütter gründeten zum Schutz des amerikanischen Nachwuchses nun gemeinsam das Parents Music Resource Center. Die Organisation setzte im amerikanischen Senat 1985 die Kennzeichnung «jugendgefährdender» Musik durch. Fortan mussten einschlägige Alben einen «Parental Advisory»-Sticker tragen, der Eltern vor Obszönität warnte.

... Man mag den Initiantinnen zugutehalten, dass der Sticker die Auseinandersetzungen um Anstand, Moral und Werte in die Zonen von Elternhaus und Erziehung brachte, wo sie gewiss hingehören. Auch das Musik-Business konnte sich dank der Sticker-Pflicht nicht mehr seiner Verantwortung entziehen. Allerdings hat die Pop-Kultur den warnenden Aufkleber quasi umgedeutet zum Gütesiegel: Alben ohne «Parental Advisory»-Sticker wurden kaum noch ernst genommen.

... Mehr noch als obszönes Reden prägen den amerikanischen Rap die Erfahrungen in den Ghettos, in denen viele schwarze Rapper aufgewachsen sind. Die Wut über Zurücksetzung und Ausgrenzung entlädt sich immer wieder in Posen der Delinquenz und im Tonfall des Hasses. Der typische Gangsta-Rapper beschwört den Kampf gegen die Staatsmacht, die ihn drangsaliert. Und er zelebriert den Gesetzesbruch als Initiation einer Gegen-Souveränität. Deshalb handeln die Lyrics immer wieder von der Polizei. «Fuck Tha Police» (1988) von NWA sorgte für einen ersten Skandal. Das FBI meldete sich bei der Major-Plattenfirma Warner. Nachdem auch Senatoren Druck gemacht hatten bei der Plattenfirma, musste Doug Morris, der verantwortliche Manager, den Hut nehmen (er machte dann Karriere bei Universal).

Zur Staatsangelegenheit wurde 1992 auch «Cop Killer», ein Stück, in dem sich der Rapper Ice-T als Polizistenmörder inszenierte. Präsident George Bush kritisierte die Plattenfirma, die solchen Schund herausbringe. Ice-T selber machte geltend, es handle sich um ein Rollenspiel. Letztlich gab er aber klein bei und veröffentlichte sein Album «Body Count» neu ohne den inkriminierten Song.

Rappen erschöpft sich nicht im Sprechen über etwas. Es handelt sich um einen Sprechakt, der das Fluchen und Verfluchen kultiviert in einem Wettbewerb um Schlagfertigkeit und rhythmischen Drive. Im Streit stiften sich die Akteure zuweilen zu künstlerischen Höchstleistungen an. Doch entwickelt sich im Sport des Verhöhnens und Beleidigens manchmal eine gefährliche Dynamik, die zu Aggressionen führt. Ein Rapper-«Beef» kann in offene Gewalt ausarten (wie in den neunziger Jahren zwischen West- und East-Coast-Rappern).

Aber schon Hetze und Hassrede sind strafrechtlich relevant – hier darf der Staat keine Milde walten lassen. Beispielhaft dafür sind die jamaicanischen Rapper, die sogenannten Deejay des Dancehall, die in ritualisierten «Batty Boy»-Tunes die Erschiessung oder das Erschlagen von Homosexuellen fordern. Sobald nun aber zu Gewalt gegen Individuen oder Gruppen aufgerufen wird, bewegen sich die Musiker jenseits der Legalität und können sich nicht mehr hinter Kunst- oder Meinungsfreiheit verschanzen. Ihre Texte sind strafbar.

An den Battles des amerikanischen Gangsta-Rap orientieren sich auch die deutschen Gangsta-Rapper. In der von Immigranten dominierten Szene wird dabei ein Milieu-Chauvinismus zelebriert, der bei allen Jungs gut ankommt. Für Halbwüchsige erweist sich der Gangsta-Rap (ähnlich wohl wie Ego-Shooter-Games) als ein Medium und Ventil, das Frustrationen, Wut und Hass gleichzeitig zelebriert und abführt. Wer sich durch den Sündenpfuhl dieser Szene bewegt, trifft deshalb allenthalben auf faulige Stilblüten, Geschmacklosigkeit und die sprachlichen Aggressionen dauergestresster Typen. Es werden «Mütter gefickt» oder «Schwuchteln umgebracht». Auch religiöse oder ethnische Minderheiten sind vor Beleidigungen nicht sicher.

In der Sorge um den demokratischen Frieden könnte man deshalb leicht auf undemokratische Gedanken kommen. Doch Dummheit und Geschmacklosigkeit sind per se so wenig justiziabel wie Misogynie oder Homophobie. Und wer nach Polizei und Zensur ruft, ist vielleicht bloss träge oder zu feige, selber Stellung zu beziehen.

...


Aus: "Kommentar: Dummheit und Geschmacklosigkeit sind so wenig justiziabel wie Misogynie oder Homophobie" Ueli Bernays (3.5.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/gangsta-rap-verletzt-tabus-bricht-er-auch-gesetze-ld.1382383

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Quote
[...] Die gegenwärtig vor allem in Deutschland geführte Auseinandersetzung um politische Korrektheit in der Sprache verleitet dazu, sich zügig als Kritiker oder Verteidiger, politisch am linken oder rechten Rand, einer wahlweise «Tugendterror-geleiteten» oder Gender-sensiblen Sprache zu bekennen. In diese Falle sollte man als Liberaler nicht treten, zumal, wenn man sich von ideengeschichtlichen und philosophischen Grundsätzen leiten lässt.

Auch wenn es mindestens seit 1932, als Kurt Tucholsky die Vereinnahmung von Friedrich Nietzsche durch die Nazis zurückwies, recht deutlich ist, dass sich Nietzsche für alle möglichen – auch politischen – Positionen heranziehen lässt, so hat uns dieser scharfsinnige Diagnostiker seiner Zeit doch einen Fundus von idiomatisch präzisierten Topoi hinterlassen, der manches besser fasst, als unsere zeitgenössische Sprache es mitunter kann. Warum also nicht bei dieser aktuell bedeutenden Debatte um die politische Korrektheit in der Sprache bei Nietzsche nachlesen?

Der Blick fällt auf ein Diktum, das Nietzsche im Zusammenhang mit seiner Abrechnung mit dem einst so verehrten Komponisten in «Der Fall Wagner» formuliert hat: «er setzt ein Princip an, wo ihm ein Vermögen fehlt [. . .].» Gemeint war der Vorwurf, dass Richard Wagner letztlich handwerkliches kompositorisches Unvermögen zum «Stil überhaupt statuier[t]», also als «Princip verkleidet» habe.

Der Vorwurf, wie falsch oder zutreffend er gegenüber Richard Wagner auch sein mag, enthält einen Gedanken, der für die Diskussion, inwieweit eine politisch korrekte Sprache zulässig und notwendig oder aber schädlich bzw. allenfalls lächerlich sei, instruktiv sein kann.

«Political Correctness» ist keine deutschsprachige Spezialität. Abgesehen davon, dass es schon immer auch einen moralisch inspirierten Anspruch an eine «richtige Sprache» über Politik und Gesellschaft gegeben hat, beginnt die Kritik an überkommenen Modi des Sprechens, vor allem über Frauen und gesellschaftliche Minderheiten, in den USA Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre. Wie später in Deutschland auch hat man sich zunächst über Neuerungen lustig gemacht – in der klassischen Rhetorik als «Aptums-Verletzung» nachgerade als Standardfall von unbeabsichtigter Komik identifiziert. Diese Ebene der Diskussion ist in vielerlei Hinsicht unerheblich. Der Streit um den «Negerkuss», den «Wintermarkt», den «Traditionshasen», ja selbst der Eingriff in literarische Texte, wie etwa bei Otfried Preusslers «Klaubholzweibern», dienen lediglich dazu, den Protagonisten von Verteidigern und Gegnern neuer Idiome dabei zu helfen, das jeweils eigene Lager seiner selbst zu vergewissern. Liberale sollten sich darauf nicht einlassen.

Denn jenseits dieser Debatte um mehr oder weniger geglückte Sprachsubstitute sind sowohl das Phänomen als auch der Begriff der politischen Korrektheit zur politischen Waffe geworden. Die Hoheit über Begriffe hat den Bereich der politischen Auffassungen und ihrer Legitimität erreicht. Es stellt sich die Frage, in welchem Ausmass politische Äusserungen im öffentlichen Raum sanktioniert werden dürfen. Die Reaktionen etwa auf die sogenannte «Gemeinsame Erklärung 2018» zeigen, dass eine persönliche Positionierung im öffentlichen Raum nicht nur Gleichgültigkeit, Widerspruch oder Unterstützung erzeugt, sondern auch schneller, als dies vor zwanzig oder dreissig Jahren in Deutschland der Fall war, mit dem Vorwurf der Illegitimität konfrontiert wird. Man kann auch sagen: Die politische Positionierung im öffentlichen Raum ist zu einer Frage des Prinzips oder Stils im Sinne Nietzsches geworden.

Wenn einerseits in Zeitungen zur Ächtung von «Rechtsextremen» aufgerufen wird (wobei es offenbleibt, jenseits welcher Grenze nach Auffassung der Redaktionen Rechtsextremismus besteht), andererseits Bürgermeister, die öffentlich Position für Flüchtlinge beziehen, Hasstiraden im Netz ertragen und um ihre persönliche Sicherheit auf der Strasse fürchten müssen, dann sollte das nicht nur Liberale beunruhigen. Es geht nicht mehr um den Diskurs, um die Fähigkeit zur argumentativen Auseinandersetzung, sondern es geht ums Prinzip.

Der freie politische Diskurs, der nur an seinen äussersten Rändern begrenzt werden darf, um funktionieren zu können, ist am Ende des Tages die wichtigste Verteidigungslinie der Demokratie. Fragen der Grenzziehung sind dabei so alt, wie die Meinungsfreiheit Bestandteil moderner Verfassungsstaaten ist.

Doch heute hat sich etwas fundamental verändert: Es gilt nicht mehr, was Kurt Tucholsky den Journalisten einmal zugesprochen hat, nämlich dass ihre stärkste Waffe das Totschweigen sei. Debatten, die geführt werden wollen, werden geführt, die digitale Medienwelt hat den organisierten öffentlichen Diskurs des professionellen Journalismus entgrenzt. Konnten sich Herrscher früherer Zeiten darauf verlassen, dass erstens Ideen und Gedanken, die keine Sprache haben, auch keine Chance auf politische Durchsetzung beanspruchen können und dass zweitens der Lackmustest für die Sprachlosigkeit der öffentliche Raum und seine Medien sind, so lässt sich heute zwischen öffentlich und privat nur mit Mühe unterscheiden. Klassische Medien haben ihre Konsolidierungsfunktion für den öffentlichen Diskurs, mancher mag auch sagen: ihre Deutungsmacht, bereits weitgehend verloren. Der Versuch, auf diesem Wege den Korridor des politischen Konsenses unter Kontrolle zu halten, ist im 21. Jahrhundert zum Scheitern verurteilt.

Kritiker wie Verteidiger politischer Korrektheit bedrohen gleichermassen die Demokratie. Die Verteidiger trauen dem öffentlichen Diskurs in Wahrheit nicht und versuchen über eine Steuerung von Sprache den Korridor politischer Haltungen mitzubestimmen. Das ist aus liberaler Sicht töricht, denn auch die gesellschaftlichen Freiheiten, um die es einer wohlverstandenen politischen Korrektheit fraglos geht, lassen sich durch sanktionierte Sprach-Übungen letzten Endes nicht verteidigen. Es bedarf immer des substanziellen gesellschaftlichen Konsenses, der auf Dauer nur mit den besseren Argumenten, einem funktionierenden Rechtsstaat und einer dafür sensiblen politischen Elite sichergestellt werden kann.

Die Kritiker der politischen Korrektheit sind aus liberaler Sicht ebenfalls bedrohlich, weil sie denjenigen einen Schutzschirm der Toleranz leihen, denen es genau darum nicht geht, denen es in Wahrheit um eine konservative Revolution zu tun ist, die am Ende zur Ausgrenzung von Menschen führt. Beide Positionen sind für Liberale ein Greuel.

Für den Liberalismus ist eine sensible Sprache über die Dinge der Welt keine Frage des Prinzips, sondern eine des humanistischen Vermögens, eine Frage des Respekts vor anderen Menschen, kurz: eine Selbstverständlichkeit, die nicht verordnet werden muss. Systematische, abstrakte und letztlich auf reine Ideen bezogene Übungen der Sprache und Idiome über die Welt lehnt man als Liberale ab.

Die Fähigkeit, einen offenen Diskurs zu führen, der eine weit gefasste Toleranz für politische Meinungsäusserung hat und dennoch in der Sache argumentativ entgegentreten kann, ist eben das: ein Vermögen des Individuums und kein Prinzip. In Analogie zu Friedrich Nietzsche kann man sagen: Hinter dem Rekurs auf Prinzipien steht mitunter nicht mehr als ein Unvermögen in der Sache. Eine Schwäche der 68er war es denn auch, dass sie mit zunehmendem gesellschaftspolitischem Erfolg Prinzipien an die Stelle ihres unzweifelhaft bestehenden vitalen Vermögens gesetzt haben.

Werner Bruns und Markus Müller sind Honorarprofessoren an der Rheinischen Hochschule Köln bzw. der Zeppelin-Universität Friedrichshafen und waren Mitglieder von FDP-Grundsatzkommissionen.


Aus: "Gastkommentar: Politische Korrektheit ist oft nicht mehr als zum Prinzip erhobenes Unvermögen"
Werner Bruns und Markus Müller (3.5.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/politische-korrektheit-ist-oft-nicht-mehr-als-zum-prinzip-erhobenes-unvermoegen-ld.1371721



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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #292 on: May 22, 2018, 03:53:05 PM »
Thea Dorn (* 23. Juli 1970 in Offenbach am Main, eigentlich Christiane Scherer) ist eine deutsche Schriftstellerin, Dramaturgin und Fernsehmoderatorin.
https://de.wikipedia.org/wiki/Thea_Dorn

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Quote
[...] Gegenüber der kulturellen Unbehaustheit der Berliner Hipster und der identitätslosen "kosmopolitischen Nomaden" möchte Dorn den Heimatbegriff verteidigen und die Bedeutung der "kulturellen Identität" betonen. In der Tugend des Patriotismus sieht Dorn den einzig vorstellbaren Gegenzauber zum übertriebenen Individualismus, der die Bürger zu Monaden verhexe, die nur noch rücksichtslos ihre singulären Interessen verfolgten. Schließlich plädiert die Autorin für mehr "deutsches Selbstbewusstsein", insbesondere in weltpolitischer und militärischer Hinsicht. Und sie wirbt für ein Geschichtsbild, welches zwar "das finsterste Kapitel" der deutschen Geschichte nicht ausblendet, aber eine angebliche Fixierung auf jenes überwinde.

Dorn setzt sich ein ambitioniertes Ziel. Sie will zeigen, dass eher als rechts konnotierte Begriffe, zuallererst derjenige des Patriotismus selbst, einer Interpretation zugänglich sind, in der sie kompatibel werden mit universalistischen Prinzipien der Aufklärung. Mit Emanzipation, Selbstbestimmung, Menschenrechten. In ähnlicher Weise soll auch die Idee der deutschen Kulturnation vor jeder Deutschtümelei gerettet werden, indem der "menschheitszugewandte Geist" gerade auch des deutschen Kulturerbes gegenüber seiner nationalen und nationalistischen Verstümmelung herausgestellt wird.

Zugleich möchte Dorn dezidiert ein "Plädoyer für ein deutsches Wir" leisten und zu einer Haltung ermutigen, die sich "zu Deutschland bekennt". Sie möchte, so lässt sich ihr Programm wohlwollend verstehen, eine Art Überleitungs- und Vermittlungsleistung erbringen: Einerseits, indem sie bestimmten, von rechts besetzten Begriffen einen liberalitätskompatiblen Gehalt unterschiebt. Andererseits, indem sie ein gewisses Recht der Kritik am liberalen Universalismus durchaus anerkennt. Insbesondere in der Hinsicht, dass auch aufgeklärte Liberalität ein "ethisch-kulturelles Fundament" benötige. 

Um es vorwegzunehmen: Das gelingt der Autorin nicht.

... Das Buch schwankt zwischen der Behauptung, liberale Verfassungsprinzipien müssten durch ein Bewusstsein kultureller Identität ergänzt werden, und der Intention, diese Prinzipien selbst zum Ausdruck eigener kultureller Identität zu erklären. Mit dieser zweiten Behauptung ist das Buch exemplarisch für einen gegenwärtigen Diskurs, der universalistische Prinzipien identitätspolitisch verzwecken möchte: Die Verteidigung der Menschenrechte soll zugleich als Verteidigung des Eigenen gegenüber dem Fremden verstanden werden können.

Beispielhaft hierfür ist Dorns mehrdeutige Behauptung, "dass der Glaube ans Individuum und seine unveräußerlichen Rechte eben kein universeller, sondern ein kulturell tief verankerter und damit spezieller Glaube ist". ...

Es gibt einige Stellen in dem Buch, die den Eindruck erwecken, dass Dorns Vorhaben, den rechten Diskursen ihre Begriffe wegzunehmen, in die Nachahmung dieser Diskurse umschlägt. Das beginnt damit, dass die Autorin gegen die Wellnessmentalität und eine selbstverloren um die eigene Befindlichkeit kreisende Subjektivität eine heroische Opfer- und Todesbereitschaft empfiehlt, die "Ferien vom Ich" ermöglichen soll. Das setzt sich fort, wenn Dorn gegen die "unerträgliche Leichtigkeit des kosmopolitischen Seins" auf die Unverzichtbarkeit von "angestammten kulturellen Ressourcen" verweist und behauptet, nur "kulturell Verwurzelte" seien zu wirklich kreativen Leistungen in der Lage. Dorn übernimmt ohne jede Distanzierung das Stereotyp vom angeblichen "linksliberalen bis linken Mainstream" in den deutschen Medien.  ...

... So sehr Dorn den individualistischen Selbstverwirklichungsdiskurs der "Bobo-Kultur" als aufgeblasene Selbstbezogenheit kritisiert, so sehr ist das Buch selbst weithin in einem gefühligen Betroffenheitsstil geschrieben, der Argumente aufgrund ihrer emotionalen Wirkungen auf die eigene Person ins Recht setzt: Kriterium ist nicht, ob eine Auffassung vernünftig oder nachvollziehbar ist, sondern ob sie "sympathisch" ist oder ob der Autorin "nicht wohl" mit ihr ist. An die Stelle einer diskursiven Auseinandersetzung tritt häufiger Dorns Bericht davon, was sie "wütend" macht und was sie "traurig" stimmt, was ihr "die Tränen in die Augen" treibt und wobei es ihr "kalt den Rücken herunter" läuft.

Die Tonlage im zweiten Teil des Buches erinnert dagegen über weite Strecken an den staatsethischen Sound der geistig-moralischen Wende.  Schneidig wird abgefertigt, wer es jemals gewagt hat, deutschlandpolitische Ansichten links von Helmut Kohl zu äußern. Das Buch verfällt in einen merkwürdigen Ton, wenn Dorn mehr deutsches Selbstbewusstsein auf weltpolitischer Bühne einfordert, mit Karl-Heinz Bohrer die Provinzialität einer politischen Kultur beklagt, die den Ernstfall ausblende, und schließlich im Überschwang des Lobs soldatischer Tugenden eine grundsätzlich pazifistische Haltung als Feigheit denunziert.

Dorn möchte einerseits Bildungsbürgertum und Hochkultur, andererseits das Bekenntnis zur Nation als das Band verteidigen, das die Gesellschaft zusammenhält: Opernhäuser und Fußballnationalmannschaft. Die Verbindung beider Ideen bleibt aber prekär. Das Bestreben, den Nationalismus zu humanisieren, indem ihm ein Begriff des Kulturpatriotismus untergeschoben wird, der "weltbürgerliche Horizonte" eröffnet, schlägt um in die Nationalisierung des Bildungshumanismus, wonach "der Traum vom Weltbürgertum ein sehr deutscher ist".

... Der Bildungshumanismus wird in der Logik dieser Darstellung von inneren Widersprüchen entlastet. Seine Verstrickungen in die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte werden so als Geschichte des bloß äußerlichen Missbrauchs erzählbar.

Dabei ist es nicht so, dass Dorn diese Ambivalenzen nicht kennt. Sie spricht sie stellenweise sogar an. Aber sie wirbt für einen Begriff kollektiver Identität, der sich mit einem Ambivalenzbewusstsein nicht richtig verträgt. Von den Diskursen der Achtziger- und Neunzigerjahre um "nationale Identität" und die "selbstbewusste Nation" lässt Dorn sich nicht nur die dort verbreitete schräge Vorstellung von Gesellschaft als Subjekt im Großformat vorgeben, über das in Begriffen der Individualpsychologie gesprochen werden kann ("Alles, was Freud über die individuelle Psyche sagt, lässt sich auf die Psyche einer Gesellschaft übertragen"). Die Autorin lässt sich aus diesem Kontext auch das Bedürfnis nach ungebrochener Identifikation, nach einem von Selbstzweifeln entlasteten Traditionsbezug soufflieren. Was ihr "Plädoyer für ein deutsches Wir" bedeutet und was es heißt, "sich zu Deutschland zu bekennen", wird so auf gefährliche Weise uneindeutig.

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MaryPoppinsky #10

"[E]s werde einem damit 'nicht warm ums Herz'." - Was für ein kruder Gemütskitsch.


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unbenannt #10.1

Mir wird auch nicht bei Spielen der Fußballnationalmannschaft oder Andreas Gryphius warm ums Herz. ...


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Gelber Molch #1.8

“Meines Erachtens ist unsere Nation eben nicht mit sich selbst im Reinen.“

Wer kann schon ehrlich behaupten, mit sich selbst im Reinen zu sein. Mit sich selbst ins Reine zu kommen, ist m.E. immer work in progress für jedes Individuum und erst recht für ein Kollektiv.

Die Frage ist doch, was uns diesem Ziel näher bringt. Mehr Patriotismus und Nationalstolz? Und was soll Patriotismus eigentlich genau bedeuten, wie soll er sich äußern?
Durch „Hochschätzung von Forstwirtschaft, Ordnungsliebe und Fußballfieber“? Das ist doch Pipifax. Durch Fackelmärsche oder Führeransprachen? Bitte nicht noch einmal.
Am Ende bleibt, glaube ich, doch „nur“ der Verfassungspatriotismus. Auch wenn einem davon nicht „warm ums Herz“ wird. Warum sollte es auch?



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ben n #45

Fussball wird hier erwähnt, was hat der jetzt damit zu tun? Geht es hier um den literarischen Wert der Biographie von Lothar Mathäus. Ist das die Literatur die hier gemeint ist? Und dann dieser ganze Heimatquatsch. ...


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Dallniker #51

Heimatlose Rumstreuner haben weder Nation noch Kultur. ...


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Dr. Ole De These #1.15

Wie soll eine Nation mit sich im Reinen sein, wenn sie im Namen ihrer Kultur allein im letzten zwei Weltkriege angezettelt und dabei schlimmste Verbrechen verübt hat? ... Ein Berufen auf universelle Prinzipien, wie es Frau Dorn versucht, ist dabei ein richtiger Weg, er ist auch Teil deutscher Kulturgeschichte der Neuzeit (Kant, Hegel, Marx), wobei bei den Deutschen - vielleicht gerade deshalb - letztendlich immer nur das "am deutschen Wesen soll die Welt genesen" dabei heraus kam. ... Ist es nicht der Austausch von Kultur/Kulturen, der die Menschen am meisten bereichern kann? Dafür muss selbst aber eine Kultur besessen und gelebt werden. ...


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contradore #1.25

"Ich meine gar keinen Nationalstolz im Sinne von "Deutschland über alles", sondern einfach die Freude an Errungenschaften, die wir hier haben und genießen."

kann man diese errungenschaften denn nicht auch einfach als wert-an-sich genießen und sich daran erfreuen - muß man deshalb schwarz-rot-goldene fähnchen schwenken, voller inbrunst die nationalhymne mitsingen (und wenn schon, dann hoffentlich die richtige strophe) und seinen "patriotismus" vor sich hertragen wie eine monstranz? [Eine Monstranz (lat. monstrare „zeigen“) ist ein kostbares, mit Gold und oft auch mit Edelsteinen gestaltetes liturgisches Schaugerät mit einem Fensterbereich, in dem eine konsekrierte Hostie zur Verehrung und Anbetung feierlich gezeigt wird. ]

muß man sich künstlich den gestelzten begriff einer "kulturnation" an die brust heften (ohne hier hinterfragen zu wollen, ob das überhaupt noch zutrifft) - wo dieser doch geradezu impliziert, dass andere nationen kulturell tieferstehen, und dadurch einem ungesunden überlegenheitsgefühl raum schafft?

deutschland hat über fünfzig jahre lang extrem davon profitiert, sich zurückzunehmen, diesen (nebenbei durchgängig vorhandenen) patriotismus in grenzen zu halten und ihn eben nicht übertrieben nach außen zu tragen.


Quote
WeitOffeneGesellschaft #1.26

Es geht dabei nicht um Ausgrenzung anderer, sondern um das Erkennen des Wertes, den unsere Gesellschaft und unser Land für uns hat.

Und als Individuum können Sie diesen Wert nicht anerkennen? Dazu müssen Sie sich erst mal mit anderen - jedoch nicht allen! - zu einer "kulturellen Identität" vermatschen lassen? Und von wegen, so ein Kollektiv grenze nicht aus.

Denken wir doch mal praktisch! Was ist so ein Kulturdeutscher eigentlich? Wie viel deutsche (Kultur-)Geschichte muss er z.B. kennen, und welche? Vorsicht! Hier sind sie ganz schnell einen großen Prozentsatz heutiger Deutscher los!

Und wie deutsch oder nicht-deutsch macht es jemanden, wenn er a) Kant, b) Hegel, c) Hitler oder d) amerikanischen Death Metal mag? Gibt es da ein Punktesystem? Und wer legt das fest? Und was ist mit dem japanischen Germanisten?

Das Gelaber von kollektiver Identität ist bestenfalls sinnlos, wie aller Kollektivismus - Identität ist nämlich etwas individuelles, persönliches. Und schlimmstenfalls rechts - wenn man dann doch anfängt, Identität über Herkunft zu definieren.

So, wie Höcke es letztens dann schließlich wieder getan hat...



Quote
Anne van Yates #2

Ich finde es gut, dass es immer auch vernünftige Stimmen gibt, die sich der deutschen Selbstaufgabe entgegen stellen.


Quote
  Gordagar #2.18

Das ist Quatsch. Mein Freundes- und Bekanntenkreis ist sehr individuell und alle sind unterschiedlich, haben verschiedene Vorstellungen vom Leben, trotzdem ist man für sich da und hilft dem andern. Wir müssen dabei nicht die selbe Tracht tragen und die gleichen Lieder singen!



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Balkonfürst #3.19

Der "typisch deutsche" Patriotismus, also im Sinne von Stolz auf diese Land, stolz als Deutscher geboren zu sein, wird wohl auch eher vom ganz rechten Rand abgefeiert. Was ich als Problem sehe ist, dass Menschen, die vll einfach nur stolz auf die westliche Lebensweise sind (Bsp. Frauenrechte, Ächtung von Rassismus usw.) und Angst haben, dass diese geschwächt wird, schnell mit den anderen in einen Topf geworfen werden. Gleichzeitig nähern sich Viele dieser auch mehr oder weniger bewusst dem Rand an.



Quote
VincentPeter #12

Eine der Knackpunkt Fragen der Zeit ist ja ob diese hier angesprochenen "Universalistischen Prinzipien" tatsächlich universell sind oder ob man Kulturrelativistisch an die Sache ran muss...


Quote
Simplicio #12.1

Wer sich auf Kulturrelativismus einlässt, der ist verloren.


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McBudaTea #20

Die Grundlagen der westlichen Gesellschaft ist doch gerade, dass jeder Mensch in erster Linie als Individuum betracht wird und nicht Teil eines Kollektivs. Sowohl Rechts- als auch Linksextremisten verneinen diesen Ansatz und durch eben diesen wurden die größten Gräueltaten des 20.Jahrhunderts legitimiert.


Quote
EinfreierBuerger #30

"Es gibt einige Stellen in dem Buch, die den Eindruck erwecken, dass Dorns Vorhaben, den rechten Diskursen ihre Begriffe wegzunehmen, in die Nachahmung dieser Diskurse umschlägt."

Das scheint mir des Pudels Kern zu sein. Dorn will die elementaren kulturellen Kernbestände JEDER Gesellschaft namens Familie - Heimat - Glauben vor den sich kosmopolitisch tarnenden Bilderstürmern von linksgrün verteidigen und gleichzeitig den "Kampf-gegen-Rechts" führen. Bei einer genaueren Analyse kommt sie aber an der Tatsache nicht vorbei, daß diese "Rechten" nichts anderes wollen als sie selbst. Sie kann also gar nicht anders als diese Begriffe verwenden und DENSELBEN Diskurs führen, den man bei Letztgenannten als untrügliches Zeichen für üblichen -ismen interpretiert und deswegen besinnungslos auf Parteien und Bürgerbewegungen wie AfD oder Pegida einschlägt. Das wiederum stößt dem Verfasser des Artikels auf, der in Dorn erkennbar keinen der "Rechten" vor sich hat, aber erkennt, daß hier jemand der "Eigenen" beginnt, in den ideologisch verhaßten Kategorien zu denken und zu schreiben.


Quote
MaryPoppinsky #30.2

Sie haben schon richtig erkannt, dass die braune Soße von AfD & Co. in Dorns Buch letztlich nur anders gewandet daherkommt.


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Bunsen #34

Kulturnationalismus klingt frappierend nach einer ähnlich klingenden schrägen These von einer Diktatur der Kunst von Jonathan Meese. Der übernahm, ganz ohne Unschärfen, auch weite Teile der Symbolik von Nazis und Rechten.


Quote
John70 #36

jedes volk hat ein kultur. vollig normal.


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Frido Lehar #36.1

Nicht in Deutschland.


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Gladiola #38

Die Lehre aus dem 2. WK und auch der Nachkriegszeit war, dass man Nation möglichst klein schreiben und besser in Kollektiven Systemen wie NATO und EU unterschlüpfen sollte. Das war jahrzehntelang vom Ausland so gewollt und wurde mit Frieden und der Möglichkeit frei Handel zu treiben und dadurch Wohlstand aufzubauen belohnt.

Das hat sich aber seit dem Ende des kalten Krieges zunehmend gewandelt. Zum einen agiert die Bundesregierung innerhalb der EU teilweise wie eine Hegemonialmacht und stülpt die deutschen Wertvorstellungen anderen Nationen über, sei es in der Finanzpolitik (Austerität), sei es in der Migrationspolitik (open borders). Es gehört leider inzwischen auch zum "guten Ton" in deutschen Diskussionen, die ausgabefreudigen Südländer und die nationalbewussten Ostländer öffentlich zu schurigeln.
Zu anderen wird der über Jahrzehnte gewährte Welpenschutz auch langsam aufgehoben, und NATO/USA verlangen, dass D seiner wirtschaftlichen Potenz entsprechend auch sicherheitspolitisch Verantwortung übernimmt.

Die linken Abwehrreflexe gegen alles, was mit den Begriffen Nation, Volk, Militär, Machtprojektion etc. zusammenhängt mögen 1968 zeitgemäß gewesen sein. Heute sind sie gestrig und erschweren eine den aktuellen Gegebenheiten der Welt angemessene Diskussion.


Quote
lyriost #39

Der alte Adorno ist mir sympathischer als epigonale Dorn'sche Möchtegernerei.


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Nightrider #40

Ich kann mich ganz ausgezeichnet mit der deutschen Kultur identifizieren, aber Patriotismus ist für mich keine Kategorie. Habe ich nicht, brauche ich nicht, vermisse ich nicht. Ich fühle deshalb aber nicht "unbehaust". Die nötige Nestwärme sucht man besser woanders. Von mir aus in der Heimat, aber gewiss nicht in der Nation.

Die Verbindung von Kultur und Patriotismus hat sich überlebt. Außerdem war sie in der deutschen Geschichte nicht nur der "fruchtbartste Mythos", sondern auch ein sehr problematischer.


Quote
lyriost #56

Das ist doch im Kern nichts weiter als der alte Gegensatz von Zivilisation und Kultur aus den "Betrachtungen eines Unpolitischen" von Thomas Mann Anfang des letzten Jahrhunderts, nur neumodisch aufgewärmt.


Quote
casinoservice #74

„In essayistischen Abhandlungen schreibt sie über die Furcht vor einem kulturellen Identitätsverlust und die Sorge um die Kultiviertheit des Landes. “

Vielleicht mal die Chinesen fragen, was die von der Kulturnation Deutschland halten. Habe mich mal 3 Stunden mit dem ehemaligen Chefredakteur des Goethe Instituts Peking darüber unterhalten. Während des Gesprächs musste ich mehrfach wirklich staunen: Die Chinesen haben davon scheinbar mehr Ahnung als die Deutschen.


Quote
MaryPoppinsky #75

Was Reiß gut herausarbeitet, ist der Grundwiderspruch zwischen Individualismus, den Dorn angeblich proklamiert, und kollektivistischer Zwangsjacke, in den sie ihn zu stecken versucht. Die zweifelsohne neoliberale Autorin hat jedoch das Wesen des Individualismus nicht verstanden. Sein Kern besteht in voluntaristischer Assoziation. Da gibt's keine Zwangsloyalitäten gegenüber wie auch immer gearteten Kollektiven, auch nicht gegenüber einer herbeiphantasmagorierten Kulturnation. Denn jedes Individuum pickt sich schließlich ganz individuell heraus, was es für schätzenswert hält, und schätzt diejenigen wert, die es für schätzenswert hält. Die kulturnationalistische Zwangskollektivierung ist hingegen nichts weiter als eine Form autoritaristischer Willkür. Warum soll ich die Stücke und Sonette Shakespeares nicht höher schätzen als die von Goethe oder Gryphius? Warum soll ich die kruden Machwerke Brekers höher schätzen als ostafrikanische Skulpturen oder den sozialistischen DDR-Realismus mehr als südamerikanischen Surrealismus, nordamerikanischen abstrakten Expressionismus oder japanische Nihonga? Warum sollte ich den Kitsch eines Händel der Wuchtigkeit eines Schostakowitsch vorziehen? Oder deutschen Fußball US-amerikanischem Basketball oder indonesischem Badminton? Warum sollte ich dem Nazi von gegenüber mehr Respekt oder gar Zuneigung entgegenbringen als FreundInnen aus Tansania oder Indien? ...


...


Aus: "Patriotismus als Gegenzauber" Tim Reiß (22. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2018-05/thea-dorn-patriotismus-deutsche-kultur-rechte-buch/komplettansicht

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #293 on: May 24, 2018, 03:45:20 PM »
Quote
[...] Ab 1. Juni muss im Eingangsbereich jeder bayerischen Behörde ein Kreuz hängen. AfD-Anhänger jubeln ... Es ist nun amtlich: Ab dem 1. Juni muss in allen bayerischen Behörden ein Kreuz hängen. Diese Woche wurde die entsprechende Regelung ("Kreuzerlass") im bayerischen Gesetz- und Verordnungsblatt veröffentlicht. "Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ist als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns gut sichtbar ein Kreuz anzubringen", heißt es dort. Wie viele Hausmeister oder gar Hausherren persönlich am 1. Juni auf eine Leiter steigen, um das Kreuz an die Wand zu nageln, ist aber unklar. Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums gibt es 1.100 staatliche Hauptdienststellen. Bisher schrieb die Staatsregierung Kreuze nur für Klassenzimmer der bayerischen Schulen und Gerichtssäle vor. In Behörden konnten sie aufgehängt werden, es war

... in kleineren Gemeinden kommt das Kreuz in der Amtsstube viel besser an als in Städten.  ...  Generalsekretär Markus Blume [bezeichnet] die Kritiker des Kreuzerlasses als "unheilige Allianz von Religionsfeinden und Selbstverleugnern". Damit sind wohl auch jene Regensburger Studenten gemeint, die eine Onlinepetition gegen den Kreuzzwang gestartet haben und die strikte Trennung staatlicher und religiöser Anliegen fordern.  ...  Während der Ex-Verfassungsrichter Udo di Fabio keine Verfassungswidrigkeit sieht und auf fehlende Indoktrination verweist, erwartet der Würzburger Staatsrechtler Horst Dreier eine Verfassungsklage. Denn: "Das Neutralitätsgebot fordert vom Staat, sich gerade nicht mit einer bestimmten Religion oder Weltanschauung zu identifizieren." (Birgit Baumann aus Berlin, 24.5.2018)

Quote
753

politisch verordnete rückkehr in die selbst verschuldete unmündigkeit. ...


Quote
Fliegerbrille

Ich finde das gut. Gerade bei uns in den kleinen Landgemeinden ist das Pfarrleben vom Gemeindeleben de facto nicht zu unterscheiden. Die örtliche Pfarre nimmt in Kindergarten, Schule, aber zB auch bei der Musikkapelle und den Feuerwehren einen ganz großen Stellenwert ein. Daher ist es zu begrüßen dass die Bayern dies auch öffentlich zeigen. Grundsätzlich sind uns die Ober-und Niederbayern kulturell weit näher als die Menschen im Osten unseres Landes.


Quote
galiontariaho

"Das Kreuz ist nicht ein Zeichen einer Religion."

Auffallend also, dass dieser Erlass mit einer Lüge eingeführt werden soll, die dann im selben Atemzug auch als solche entlarvt wird. Es geht ja auch in der Begründung der rechtsaußen-Politiker darum, dass es um das Kreuz als christliches Symbol geht, das die "kulturelle Identität christlich-abendländischer Prägung" darstellt...

Verlogenheit als Basis für einen Relgions-Erlass, der die christlichne Werte, die eigentlich "Lüge" als Sünde verdammt, hochleben lassen soll.

Ja irgendwie ist das schon mächtig schizophren.


Quote
the_rooster

Wie es Gunkl so schön formuliert hat:

"Und auf einmal steht da ein Behauptungskatalog aus dem Frühmittelalter im Raum, mit allem was das Mittelalter so unerfreulich macht - Handabhacken, Auspeitschung, Steinigung, Familienehre durch Jungfräulichkeit - und alles was uns einfällt ist, dass wir dem einen Behauptungskatalog aus der Bronzezeit gegenüberstellen, mit einem Anhang aus dem Altertum. [...] Das ist unsere Antwort. Peinlich. 200 Jahre Aufklärung werden über Bord geworfen und was wir einer Wüstenreligion gegenüberstellen ist eine andere Wüstenreligion und nicht das womit wir diese Wüstenreligion überwunden haben."

"GUNKL über Wüsten-Religionen, Wissen, Respekt und Kränkungen" (Am 29.08.2013 veröffentlicht)
Der Kabarettist Günther „Gunkl" Paal über Gott, Glauben, Aufklärung, Religionen des Friedens, Frauenrechte und Respekt. Ein komprimierter Angriff gegen Religionen und dem Umgang damit. Ausschnitt aus dem Programm "Die großen Kränkungen der Menschheit auch schon nicht leicht"
https://www.youtube.com/watch?v=EKQVsHwOGII&t=211s


...


Aus: "Kruzifixerlass sorgt in Bayern für Unruhe" Birgit Baumann aus Berlin (24. Mai 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000080263707/Kruzifixerlass-sorgt-in-Bayern-fuer-Unruhe

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #294 on: May 31, 2018, 04:28:22 PM »
Quote
[...] In Dänemark darf man sein Gesicht von August an in der Öffentlichkeit nicht mehr verhüllen. Das am Donnerstag vom Parlament beschlossene Verbot soll vor allem gegen Gesichtsschleier wie Burka und Nikab wirken, bezieht aber auch Hüte, Mützen, Schals, Masken, Helme und künstliche Bärte ein, die das Gesicht stark verdecken. Weiter erlaubt ist es allerdings, sich an kalten Tagen den Schal weit ins Gesicht zu ziehen oder zu Karneval Masken zu tragen.

Beim ersten Verstoß gegen das Verhüllungsverbot droht eine Strafe vom umgerechnet 135 Euro. Wird man zum vierten Mal erwischt, kostet es rund 1350 Euro. Niemand werde gezwungen, die Burka auf der Straße abzunehmen, sondern lediglich nach Zahlung der Strafe aufgefordert, nach Hause zu gehen, hatte Justizminister Søren Pape Poulsen zuvor erklärt.

Dänemark ist nicht das einzige europäische Land mit einem Verhüllungsverbot. Als erstes führte 2011 Frankreich eine entsprechende Regelung ein. Auch in Österreich darf das Gesicht seit dem vergangenen Herbst nicht mehr verhüllt werden.(dpa, AFP)

Quote
Etepetete 14:24 Uhr

Jetzt gibt es also auch in Dänemark eine Schleierfahndung.


...


Aus: "Dänemark verbietet Burka und Nikab in der Öffentlichkeit" (31,05.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/verschleierung-daenemark-verbietet-burka-und-nikab-in-der-oeffentlichkeit/22629488.html

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[Das Muster vom Kampf der Kulturen... ]
« Reply #295 on: June 05, 2018, 09:31:27 AM »
Quote
[...] Von der SPD-Nachwuchsorganisation stammte [] der Antrag auf staatliche Förderung von feministischen Pornos, der am Sonnabend auf dem SPD-Parteitag beschlossen wurde. Künftig sollen demnach solche pornografischen Inhalte auch über die Mediatheken von ARD und ZDF verfügbar sein.

„Brauchen wir das?“, fragt hingegen Katrin Vogel, Gleichstellungsbeauftragte der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Sie hält die Politisierung des Themas für unangebracht.

Grüne und Linke wollten sich auf Anfrage noch nicht zu dem Thema äußern.

...

Quote
Zimbo 07:46 Uhr

Unisextoiletten und Feministenpornos...da sage noch einer wir hätten keine Leitkultur!


Quote
vigilate_bln 07:19 Uhr

    beschließt die SPD eine Filmförderung für feministische Pornofilme

Gehört dies zur Richtlinienkompetenz?


Quote
Korrekturfahne 04.06.2018, 21:05 Uhr

    Hier darf auch mal was schiefgehen, vor allem aber geht es gleichberechtigt zwischen den Geschlechtern zu, niemand wird herabwürdigend behandelt, ist in programmatischen Schriften zum feministischen Porno zu lesen...
    Künftig sollen demnach solche pornografischen Inhalte auch über die Mediatheken von ARD und ZDF verfügbar sein.


Endlich.
Staatliche Förderung für feministische Pornos. Längst überfällig und mal was anderes als immer nur das langweilige Gedöns von innerer Sicherheit, Wohnungsbau, Wirtschaft, Staatsfinanzen und Bildung.

... Am 14. Juni ist nächste Kultusministerkonferenz.
Eine gute Gelegenheit, dieses Anliegen von großer gesundheits- und gleichstellungspolitischer Relevanz für ganz Deutschland in die breite Bundespolitik zu tragen.

Schwierig vielleicht, weil der aktuelle Vorsitzende Holter zwar nominell Mitglied der Linkspartei ist, aber Ossi, alt, weiß und ein multiprivilegierter Mann.


Quote
XV71 04.06.2018, 20:31 Uhr

    Berliner SPD will feministische Pornos fördern

Endlich ist die Berliner SPD wieder wählbar. ...


Quote
wpev 04.06.2018, 20:27 Uhr
Oh ja und unbedingt viele Pornos auf Steuerzahlerkosten herstellen. Nur nicht bedenken, und nicht davon ablenken lassen, das hier Schaden für Familien und junge Menschen entstehen kann. Dreck, Schund und Irrsinn müssen triumphieren ... danke SPD ...


Quote
schoeneberger 04.06.2018, 22:28 Uhr
Die meisten zugeknöpften Kommentator*innen hier werden es nicht glauben, aber feministische Pornos sind tatsächlich dazu da, wozu auch andere Pornos da sind: Sexueller Lustgewinn. Wenn man sich eben Sexualität nicht anders vorstellen kann als in einer Konstellation, in der nur die eine Seite Spaß oft auf Kosten der anderen hat und wenig im gegenseitigen Einverständnis geschieht, dann kann man sich auch nicht hineinfühlen in den Umstand, dass Sex auf Augenhöhe, egal ob Blümchensex oder BDSM, einfach viel besser und lustvoller ist, als alles andere. Es ist doch schon bemerkenswert, welches Bild von Sexualität man haben muss, wenn vorausgesetzt wird 'gleichrangig? Respektvoll? Kann ja nur lustlos und ungeil sein' - Sie müssen diese Filme nicht schauen, keiner muss es, aber ich es ist meiner Meinung nach voll OK, Steuergelder für die Förderung dieser Pornofilmsparte auszugeben. Denn Pornos gibt es so oder so, Jugendliche schauen sie in immer früheren Alter. Verhindern mit Verboten lässt sich das so gut wie gar nicht im heutigen digitalen Zeitalter, denn sie sind überall verfügbar. Aber dann ist es doch eine Überlegung und auch ein Handeln wert, ob wir mit unserer Knete das Angebot des Pornofilmmarktes so zu verändern versuchen, dass das Angebot ein besseres und respektvolleres Geschlechterbild vermittelt. Nehmen Sie die Situation zwölfjähige Jungs schauen sich auf dem Schulhof Pornos mit richtig frauenherabwürdigen Dialogen an. Mit welchem Bild von Sexualität wachsen diese Jungs auf? Wollen wir das? Nein. Ich glaube mit der Förderung feministischer Pornos wird ein guter Weg eingeschlagen.


Quote
coyote 04.06.2018, 20:24 Uhr

    Berliner SPD will feministische Pornos fördern

Das hätte ich eher von den Grünen erwartet. ...


...


Aus: "Berliner SPD will feministische Pornos fördern" Milena Reinecke (04.06.201)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/landesparteitag-der-spd-berliner-spd-will-feministische-pornos-foerdern/22642192.html


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« Reply #296 on: June 05, 2018, 09:43:39 AM »
Quote
[...] Der Oberste Gerichtshof der USA hat einem Bäcker Recht gegeben, der einem schwulen Paar aus religiösen Gründen keine Hochzeitstorte backen wollte.


Aus: "US-Bäcker darf Schwulen Hochzeitstorte verweigern" (04.06.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/oberster-gerichtshof-us-baecker-darf-schwulen-hochzeitstorte-verweigern/22642668.html

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« Reply #297 on: June 05, 2018, 03:18:50 PM »
Quote
[...] "Für die illegalen Einwanderer ist das schöne Leben vorbei", tönt Italiens neuer Innenminister. Matteo Salvini ist zugleich Chef der rechtspopulistischen Lega Nord, seine Umfragewerte schnellen empor und gegen ihn gibt es fortan kein Regierungshandeln Italiens mehr. In Wahrheit führt Salvini die neue Regierung in Rom. Und er führt sie stramm in eine Abschiebepolitik. "Die Party ist vorbei", kündigt er an, Italien werde nicht länger "das Flüchtlingslager Europas" sein. Angela Merkels Politik habe versagt, sie habe Italien verraten und die EU sei morsch. Die Staaten Europas sollten endlich "ihren Job machen" und Europas Migrationspolitik radikal umkehren.

Seine Ansagen sind deutlich bis martialisch und eine Kampfansage insbesondere an die deutsche Bundeskanzlerin. Er werde dafür sorgen, dass sich das Geschäft der "Schlepper und Vize-Schlepper" nicht mehr lohnen werde. Mit den "Vize-Schleppern" meint Salvini die privaten Flüchtlingsretter im Mittelmeer. Mehr noch: Salvini will 500.000 Migranten, die sich illegal im Land aufhalten, "einen um den anderen zurückspedieren". Wer ihn nach seiner Radikalität fragt, bekommt zur Antwort, er verfolge keine "harte Linie" beim Thema Migration, sondern setze auf den "gesunden Menschenverstand".

Mit Matteo Salvini wird der Albtraum vieler Linker, Liberaler und auch Konservativer wahr. Er ist so kulturkämpferisch wie Ungarns Viktor Orbán, so radikalrhetorisch wie Frankreichs Marine Le Pen und so tabubrechend wie Alexander Gauland. Das Problem dabei: Salvini führt keine rechtsradikale Splitterbewegung, er führt die drittgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union.

Der neue starke Mann dürfte nun einen Alleingang Italiens in der Migrationspolitik starten. Über Twitter erklärt er bereits: "Entweder Europa hilft uns, unser Land zu sichern, oder wir wählen andere Methoden." Er hat schon im Wahlkampf keinen Zweifel daran gelassen, dass er das Dublin-Abkommen ablehnt und neu verhandeln will. Der Vertrag sieht vor, dass Flüchtlinge in dem Land ihr Asylgesuch stellen müssen, wo sie erstmals europäischen Boden betreten - und das ist bei Bootsflüchtlingen meistens Italien. Salvini fordert statt des Dublin-Abkommens eine "obligatorische und automatische Umverteilung der Asylbewerber auf alle EU-Länder". Die Mittel für die Flüchtlingsbetreuung will er drastisch kürzen, die rund fünf Milliarden Euro, die Italien jährlich dafür ausgebe, seien "ein bisschen viel".

Er sieht illegalen Grenzübertritt grundsätzlich als kriminellen Akt an und spricht sich für die Wiedereinführung eines Straftatbestandes zur Bekämpfung illegaler Einwanderung aus. Im Juli 2013 kommentierte Salvini die Rede des Papstes auf Lampedusa damit, dass Franziskus nicht die "Globalisierung des Verbrecherischen" fördern solle. "Wer vor dem Krieg flüchtet, ist bei uns willkommen. Aber alle anderen sollten gar nicht losfahren - und wenn sie es trotzdem tun, dann müssen sie wissen, dass sie nicht in Italien bleiben können." Salvini will möglichst rasch in ganz Italien Abschiebezentren einrichten und Massenabschiebungen einleiten.

Auch wenn manches nach wüster Stimmungsmache klingt, warnen italienische Analysten davor, Salvini zu unterschätzen. Er sei kein rechtspopulistischer Sponti, er habe gewaltige parlamentarische Erfahrung und arbeite seit vielen Jahren als Berufspolitiker. Salvini war ein Studienabbrecher, der sich seit 1997 als Journalist versuchte, so als Redakteur beim Parteisender Radio Padania Libera, dem Sender der Lega Nord zur Propagierung eines "freien Padaniens", also einer Abspaltung des Nordens vom italienischen Süden. Hernach war er 20 Jahre Mitglied des Stadtrats von Mailand, 14 Jahre Abgeordneter im Europäischen Parlament, zwei Jahre Mitglied der italienischen Abgeordnetenkammer. Er hat sich die Führung der Lega Nord geschickt erkämpft und treibt nun den politischen Betrieb Roms vor sich her.

Salvini trat bereits als 17-Jähriger der Lega Nord bei und ließ sich als provinzieller Separatist beschimpfen und belächeln. Seine linken Lehrer provozierte er mit neo-konservativen Sprüchen, bis sie sich aufregten. Nach eigener Aussage empfinde er zeitlebens, "Lust dabei, von der etablierten Macht gefürchtet zu werden". Das motiviere ihn. Je mehr er kritisiert werde, desto stärker mache ihn das. Als man ihn als Populisten beschimpfte, ließ er sich ein T-Shirt drucken mit der Aufschrift: "Ich bin ein Populist".

Nicht nur in der Migrationsfrage dürfte Salvini Europa schockieren und neuer Held aller Rechtspopulisten werden. Er ist zugleich ein vehementer Gegner des Euro, den er als "kriminelle Währung" diffamiert. Außerdem will er eine Revision der Russland-Politik. Im vergangenen Jahr schloss er mit seiner Lega einen Kooperationspakt mit Wladimir Putins Partei "Einiges Russland". Nach einer Begegnung mit dem russischen Präsidenten schwärmte er: "Niemand hat mich je so beeindruckt. Seine Art, seine feste Stimme, sein Händedruck: All das zeigte mir, dass er ein echter Leader ist." Im Regierungsprogramm wird das Ende der Russlandsanktionen gefordert. Für Salvini ist die Abspaltung der Krim keine völkerrechtswidrige Invasion sondern die Folge eines "ganz normalen Referendums".

Eine einheitliche außenpolitische Linie der EU wird damit unmöglich. Salvini folgt klaren politischen Feindbildern - Islamisten, Wirtschaftsflüchtlinge, Banken, die EU und Deutschland stehen für alles Übel. Sein politisches Programm ist ebenso klar wie simpel wie brisant: rein mit Russland, raus mit den Flüchtlingen und raus aus dem Euro.

Quelle: n-tv.de


Aus: "Person der Woche: Matteo Salvini: Der neue Held der Rechtspopulisten" Wolfram Weimer (Dienstag, 05. Juni 2018)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/politik_person_der_woche/Der-neue-Held-der-Rechtspopulisten-article20464583.html

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« Reply #298 on: June 19, 2018, 12:03:06 PM »
Quote
[...] Rutte ... Niederländer ist Anführer einer Gruppe aus kleineren Staaten im Norden Europas, zu denen sich auch Irland gesellt hat und für die Kommentatoren schon viele Namen gefunden haben: "Rutte und die sieben Zwerge", die "hanseatische Liga", "Achter-Gang" oder die "Biertrinker" (im Gegensatz zu den "Weintrinkern" des Südens).

...


Aus: "Niederländischer Premier Rutte: Der ruhige Rebell aus dem Norden" Anna Giulia Fink (19. Juni 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000081809281/Niederlaendischer-Premier-Rutte-Der-ruhige-Rebell-aus-dem-Norden

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« Reply #299 on: July 06, 2018, 08:47:06 PM »
Quote
[...] NZZ-Chefredaktor Eric Gujer hielt den folgenden Text als Rede an der Generalversammlung der AG für die Neue Zürcher Zeitung am 14. April 2018. Zur 150-jährigen Geschichte

Wir erleben eine extreme Polarisierung der Meinungen. Die Linke wittert überall Fremdenfeindlichkeit, die Rechte fühlt sich von Denkverboten umstellt. Wer das Falsche sagt, wird exkommuniziert. ...

Johannes R. Becher war ein Mann, der sich nicht beirren liess. Er war Kommunist, er lobhudelte Gedichte auf Stalin, verfasste den Text der DDR-Nationalhymne und wurde der erste Kulturminister des Arbeiter- und Bauernstaates. Ein dichtender Dogmatiker, selbstgewiss und unerschütterlich, wie gemacht für das 20. Jahrhundert mit seinen blutigen Ideologien, die umso «wahrer» wurden, je mehr Menschenleben sie forderten. Doch dann liess sich Becher beirren, wenigstens ein einziges Mal. Er schrieb das Gedicht «Der Turm von Babel», dessen letzte Strophe lautet:

«Das Wort wird zur Vokabel / Um sinnlos zu verhallen / Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen».

Der biblische Turm stürzte bekanntlich nicht ein, er blieb nach der Sprachverwirrung einfach unvollendet. Bei Becher wurde der Turm jedoch zur Metapher des Zweifels an jeder Ideologie, die einen Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit erhebt.

Mir scheint, als lebten auch wir wieder in Zeiten einer Sprachverwirrung babylonischen Ausmasses. Die grossen Ideologien sind verhallt. Bechers Kommunismus ist untergegangen, der Kapitalismus wurde gezähmt durch den Wohlfahrtsstaat. Und doch herrscht eine Sprachverwirrung oder, um es präziser auszudrücken: eine extreme Polarisierung der Meinungen.

Die Linke wittert überall «rechtes» Gedankengut: Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, völkische Gesinnung. Die Rechte sieht Political Correctness mit Denk- und Sprechtabus am Werk; ferner «Gutmenschentum», das bedenkenlos die Grenzen öffnet und so eine Verdrängung oder mindestens Bedrängung der Einheimischen provoziert.

Schienen nach dem Fall der Berliner Mauer die Begriffe «rechts» und «links» an Bedeutung zu verlieren, bilden sich nun an den Rändern neue Lager. Sie haben mit dem traditionellen Rechts-links-Schema wenig zu tun, auch wenn wir sie der Einfachheit halber so nennen.

Wie alle Kulturkämpfe wird auch dieser besonders erbittert geführt. Beide Lager operieren mit autoritären Sprach-Codes und verlieren die Fähigkeit zur Differenzierung. Kritik ist nicht mehr Kritik, sondern «Bashing». Schreit die eine Seite «Lügenpresse», schallt es zurück: «Nazi». Wer das Falsche sagt, wird aus der Gemeinschaft der Demokraten exkommuniziert, und man verweigert jede Diskussion. So wird die pluralistische Gesellschaft nicht nur ein Stück weniger pluralistisch. In diesem Überbietungswettbewerb verkommt jedes Argument zur Beleidigung, Denunziation oder Stigmatisierung.

Man muss nicht den Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp zum Antidemokraten erklären, nur weil er über die Grenzen der Willkommenskultur nachdenkt. Aber man sollte auch nicht den Untergang des Abendlandes heraufziehen sehen, nur weil eine Doktorandin der Universität Basel fordert, sogenannten «Rechten» den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu verwehren.

Exkommunikation und Exorzismus überlassen wir besser der Kirche, beides hat im republikanischen Diskurs nichts verloren. Auf diese Weise degeneriert die demokratische Debatte nämlich zum Glaubenskrieg, in dem jeder den anderen durch Lautstärke zu übertrumpfen versucht. Das Wort wird zur Vokabel, um sinnlos zu verhallen.

Warum es so weit gekommen ist, möchte ich mit drei Stichworten beleuchten. Sie lauten Globalisierung, Identität und Individualismus. Die üblichen Hauptverdächtigen – die digitale Filterblase und den neuen Beelzebub Mark Zuckerberg – klammere ich aus, weil das Internet den Effekt zwar verstärkt, hierfür aber nicht ursächlich ist.

Zur Globalisierung: Von 1988 bis 2008 hat die Mittelklasse in den asiatischen Schwellenländern, besonders in China, am meisten Wohlstand hinzugewonnen. Gut ging es auch den Wohlhabenden in der westlichen Welt. Die Einkommen der unteren Mittelklasse im Westen stagnierten hingegen. Die Mittelklasse ist die Verliererin der Globalisierung, auch wenn sich dieser Trend in einigen Ländern wie der Schweiz nicht beobachten lässt. Trumps Wähler aus der Arbeiterschaft fühlen sich zu Recht als Endmoräne der Industrialisierung.

Die globalisierte Welt stellt zugleich den Nationalstaat infrage, weil Kompetenzen an supranationale Körperschaften delegiert werden. Diese Zusammenschlüsse können vieles besser steuern als nationale Behörden, weil es zu spät ist für eine vorausschauende Politik, wenn afrikanische Migranten bei Chiasso gestrandet sind. Die Regulierung der Zuwanderung findet besser an der Aussengrenze Europas statt. So weit die Theorie, doch in der Praxis erleben die Bürger auch, wie sich das System durch mangelnden Informationsaustausch und nationale Egoismen schachmatt setzt.

Kein Wunder also, dass nicht nur die untere Mittelklasse die Globalisierung als Bedrohung ansieht. Mit ihr werden die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, Billigkonkurrenz und eine Zunahme der Einwanderung in Verbindung gebracht – kurzum das Verschwinden des Schutzraums, wie ihn der souveräne Nationalstaat einstmals markiert hat.

Damit einher geht das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Land zu verlieren. Nicht umsonst lautete das Motto der Brexit-Kampagne: «Take back control.» Rechtspopulisten haben das einst linke Thema Globalisierungskritik gekapert und gewinnen damit Wahlen. Die Gegenseite fühlt sich vom konservativen Zeitgeist provoziert und reagiert darauf mit Abwehrreflexen. So schaukelt man sich gegenseitig hoch.

Die Globalisierungsgegner befürchten nicht nur ein Fremdwerden im eigenen Land, sondern ebenso materielle Konkurrenz. In Wohlfahrtsstaaten bedeutet die Zuwanderung von niedrigqualifizierten Personen ohne Sprachkenntnisse eine längere Unterstützung durch die öffentliche Hand.

Die Wohlhabenderen mögen davon nicht viel verspüren. Alle anderen, für die staatliche Transferleistungen einen Teil des Lebensunterhalts bilden, sind sich des Wettbewerbs sehr wohl bewusst. Kommen dann noch Identität und Religion hinzu, ergibt dies einen explosiven Cocktail.

Der Soziologe Didier Eribon hat das am Beispiel seines eigenen Elternhauses, einer Arbeiterfamilie, beschrieben. Erst beklagten die französischen Arbeiter die Konkurrenz durch nordafrikanische Einwanderer am Arbeitsplatz, danach verdrängten die muslimischen Migranten die Einheimischen aus ihren angestammten Wohnquartieren. Spätestens dann schimpften die Arbeiter über die Islamisierung Frankreichs und wählten den Front national.

Dass die Eliten in Politik und Medien solche Zusammenhänge zunächst zu leugnen pflegen, verursacht zusätzliche Erbitterung. Diese löst sich irgendwann von der Migrationsfrage und mündet in eine allgemeine Elitenkritik – und zwar nicht wie 1968 von links, sondern von rechts. Die Meinungseliten, und das ist die Ironie dabei, die früher selbst die Systemfrage stellten und mit Jürgen Habermas die «Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus» beschworen, sehen sich nun ihrerseits durch Systemkritik herausgefordert.

Die Zurückweisung des Fremden, die Ablehnung der Institutionen und die Rückbesinnung auf eine verklärte Vergangenheit formieren sich zu einem veritablen Gegenmodell zu «1968».

Diese Bewegung ist weniger sprachgewaltig, ihre Protagonisten sind eher angegraute Wutbürger als aufrührerische Studenten. Aber sie formuliert genauso eine Unzufriedenheit wie jene vor fünfzig Jahren. Die Achtundsechziger verstanden sich als Revolutionäre, und jede Revolution gebiert nun einmal ihre Gegenrevolution.

Daher die wütende Kritik an Political Correctness und Denkverboten: In der Gegenrevolution geht es stets darum, die kulturelle Hegemonie der Eliten mit ihren Sprechweisen und Gesten der Überlegenheit zu erschüttern. Jede Gegenkultur versteht sich als Guerilla der Worte und Begriffe: Was früher das «Establishment» war, ist heute die «Lügenpresse».

Viele Journalisten reagieren darauf in einer Weise, die ihre Glaubwürdigkeit unterminiert. Sie machen sich mit ihren Gegnern gemein, indem sie ebenfalls mit Wortkeulen zuschlagen. Wenn sie nur lang genug eine hysterische Stimmung anheizen, sind die Medien irgendwann tatsächlich keine Organe der Aufklärung mehr, sondern Vehikel der Verdummung und Vernebelung.

Kulturkampf kann nicht Sache einer liberalen Zeitung sein. Dem Mummenschanz der selbsternannten Revolutionäre und Gegenrevolutionäre begegnet man am besten mit einer gehörigen Portion Gelassenheit.  ...

Wie halten wir es mit der Identität? Das rechte Milieu hat Angst, seine Identität und den vertrauten gesellschaftlichen Zusammenhang, kurz: die Heimat, zu verlieren. Das linke Milieu erhebt den Anspruch auf eine Identität, mit der es sich selbst vom Rest der Gesellschaft abgrenzt. So wurde in den USA aus dem eingängigen Kürzel LGB für Lesben, Schwule und Bisexuelle der Zungenbrecher LGBTQQIAAP, um jeder geschlechtlichen Identität gerecht zu werden. Das Akronym bedeutet Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Questioning, Intersex, Asexual, Allies und Pansexual.

Lautete die Lieblingsvokabel der Linken früher Inklusion, also die Einbeziehung aller Benachteiligten in die Gesellschaft, so geht es heute um selbstbestimmte Exklusion: Man will in seiner Differenz anerkannt werden. Jeder will anders sein, und das ist das Gegenteil von Gesellschaft, denn diese lebt vom Gemeinsinn.

Die neue Lifestyle-Linke versteht sich nicht mehr als Anwalt der Unterprivilegierten, denn diese haben für die luxurierende Identitätspolitik des akademischen Überbaus wenig übrig. Lieber mokiert sich die Linke über die Rückständigkeit dieser Bevölkerungsschicht. Hillary Clinton nannte sie «deplorables», also Bemitleidenswerte.

Kein Wunder, dass in den USA, Italien, Deutschland oder Frankreich Mitte-links-Parteien Niederlagen kassierten. Sie haben keinen Bezug mehr zur Lebenswirklichkeit ihrer früheren Stammwähler, die in der Fabrik arbeiten und ihre Männlichkeitsrituale pflegen. Sie richten sich lieber an den Hipster, der für eine NGO arbeitet und zur knöchellangen Hose farbige Socken trägt. Der Niedergang der traditionellen staatstragenden Linken hat den Aufstieg der Populisten aller Couleur wesentlich erleichtert.

Die Identitätspolitik von rechts arbeitet ebenfalls mit Exklusion, schliesst aber nicht sich selbst aus, sondern andere: Migranten, Muslime, Mexikaner – und alle anderen von Donald Trump benutzten Stereotype. Betonten die Präsidenten vor ihm das Gemeinsame des Schmelztiegels USA, unterstreicht Trump das Trennende.

Die in Yale lehrende Professorin Amy Chua spricht von «tribalism»: Linke und Rechte bilden Stämme, die den anderen und seine Argumente nur deshalb ablehnen, weil er zu einem anderen Stamm gehört. Verständigung ist so nicht mehr möglich. Das Wort wird zur Vokabel, um sinnlos zu verhallen.

Ging es früher um Gleichheit, geht es heute um Ungleichheit. Das Trendwort in Unternehmen und an Universitäten lautet Diversität. Je mehr Vertreter unterschiedlicher Gruppen eine Institution umfasst, umso besser. Das klingt positiv, nach Toleranz und Vielfalt, hat aber einen Haken. Es kommt weniger darauf an, was wir können, als darauf, wer wir sind. Schwierig wird es dann, wenn man sich in der Mitte der Normalverteilungskurve befindet, also nichts Besonderes ist: etwa der sprichwörtliche weisse Mann aus der Babyboomer-Generation. Gehört er der Unterschicht in den USA an, muss er erleben, dass Förderprogramme die Position anderer Gruppen am Arbeitsmarkt verbesserten, sich an seiner Lage jedoch nichts ändert.

Auch die Ostdeutschen machten die Erfahrung, dass ihr DDR-Leben in den Augen vieler Westdeutscher überflüssig war, während der Westen definiert, was «richtiges» Leben ist. Wer keine ausgeprägte Identität besitzt, fürchtet umso stärker deren Verlust. Viele Ostdeutsche und weisse Amerikaner wählen deshalb die AfD und Trump.

Das Ideal der Aufklärung lautet, dass wir alle gleich sind und unsere Besonderheiten gerade nicht unseren Wert als Bürger bestimmen. Je weiter wir uns von diesem Ideal entfernen, umso tiefer werden die Gräben, umso mehr sitzt jeder in seiner Stammes-Ecke. Menschen sind immer versucht, andere Menschen einzuteilen in wir und sie, Freund und Feind. Das entspricht unserer Natur als Hordenwesen. Doch wir sollten der Natur nicht zu fest nachgeben. Eine pluralistische Gesellschaft ist keine steinzeitliche Horde.

Damit wären wir beim Individualismus. Er hat im 20. Jahrhundert einen Siegeszug erlebt, im Westen herrscht geradezu ein Kult der Selbstverwirklichung. Der Einzelne hat sich aus den Zwängen der Grossgruppen befreit. Weder Sippe und Grossfamilie noch deren moderne Surrogate hemmen die Entfaltung der Individuen, und diese machen von ihrer Freiheit weidlich Gebrauch: Gewerkschaften und Kirchen kämpfen mit Mitgliederschwund, während Fitness-Studios florieren.

Seine Selbstermächtigung bezahlt der Einzelne allerdings teuer. Im Reich der grenzenlosen Freiheit findet er keinen Halt und keine Stütze mehr. Die fraglose Zugehörigkeit zu einer Institution bot Entlastung. Jetzt sind wir für alles selbst verantwortlich.

Nicht einmal mehr die Makroideologien, denen sich Johannes Becher verschrieb, stiften noch Sinn. Rechtspopulisten polemisieren gegen die Marktwirtschaft, Linkspopulisten plädieren für eine restriktive Einwanderungspolitik. Alles verschwimmt, und es entsteht das Gefühl, dass alles immer schlimmer wird: Kriege und Handelskriege, Populismus und Polarisierung – nichts davon ist wirklich neu, dennoch glauben wir, wir befänden uns auf einer schiefen Ebene.

Stattdessen boomen die Mikroideologien rund um Gesundheit und Ernährung. Jeder wird zur Ich-AG der Selbstertüchtigung. ... Konnte man früher Karl Marx einen guten Mann sein lassen, Marxismus oder Kapitalismus über einem Feierabendbier vergessen, ist das mit den Mikroideologien schon schwerer. Zeigt das Armband eine zu geringe Schrittzahl an, meldet sich das schlechte Gewissen. Bei jeder Scheibe Brot droht die «Weizen-Wampe», wie der Titel eines Ernährungsratgebers lautet, der den Lesern erklärt, «warum Weizen krank und dick macht».

Mit den Ich-zentrierten Mikroideologien kreisen wir um uns selbst. Orientierung finden wir so nicht, es entsteht eher ein Klima der Gereiztheit. Nebenbei löst sich der Kitt der Gesellschaft auf. Sie atomisiert sich in Kleinstgruppen, weil «jetzt auch die bekennenden katholischen Nichtschwimmer mit einem Interesse an Hirschgeweihen ihre geschlossene Facebook-Gruppe gründen», wie der Medienforscher Bernhard Pörksen in einem Interview mit der NZZ spöttelte. Jedem sein Hirschgeweih, jedem seine weizenarme Diät.

Für Liberale ist Kritik am Individualismus ein heikles Geschäft, weil sich der Liberalismus die freie Entfaltung des Individuums zum Ziel gesetzt hat. Dennoch müssen wir uns fragen, ob wir mit der Selbstverwirklichung nicht übers Ziel hinausgeschossen sind und uns zu wenig dafür interessieren, was Gesellschaften zusammenhält.

Liberale als die vernünftige Mitte tun gut daran, die Gräben nicht noch zu vertiefen: etwa den zwischen Stadt und Land. Während in den Zentren die fortschrittliche Avantgarde regiert (oder das, was sich dafür hält), haben in der Peripherie die Volksversteher und echten Schweizer das Sagen (oder die, die sich dafür halten). Unser Land besteht aus sehr unterschiedlichen Biotopen, aber am Ende ist es immer eine Schweiz. Folglich muss man Politik für das ganze Land machen und nicht nur für Klientelgruppen, ob urbane Schickeria im Kreis 4 oder Bauern im Toggenburg.

In diesem Kontext muss eine liberale Zeitung wie die NZZ einen klaren Standpunkt vertreten, aber zugleich der Debatte eine Plattform bieten. Denn ohne den Meinungsstreit, in dem man dem Gegenüber mit Respekt begegnet, verkümmert die öffentliche Sache, die Res publica.

Wir lassen uns deshalb nicht einschüchtern von autoritären Sprach-Codes, dem «Rechtsrutsch»- oder «Lügenpresse»-Geschrei, das besonders laut wird, wenn wir einer pointierten Stimme aus einem der beiden Lager das Wort geben.

Für die Bibel ist der Turmbau zu Babel die Metapher für eine Gesellschaft, die Gott herausfordert. Man kann das Gleichnis aber auch ins Positive wenden. Jede moderne Gesellschaft ist ein Turm, der sich immer weiter gen Himmel schraubt; ein Bau, der nie stillsteht, und eine fragile Konstruktion, wie alles, was Menschenhand hervorbringt. Wo die Bauarbeiten aufhören, endet die Weiterentwicklung, und der Verfall beginnt.

«Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen.»

Nimmt die Sprachverwirrung überhand, verhalten wir uns wie Horden, die glauben, jede andere Horde habe prinzipiell unrecht, dann werden die westlichen Demokratien zwar nicht einstürzen, aber ihre Dynamik und Attraktivität verlieren. Die liberale Demokratie hat viele Gegner. Doch der einzige Gegner, der ihr wirklich etwas anhaben kann, sind wir selbst, wenn wir ihre Grundlagen zerstören.

Deshalb müssen wir den Turm gemeinsam weiterbauen. Wir müssen zur Verständigung über Gräben hinweg fähig bleiben und die polarisierenden Kräfte mit ihren Feindbildern in die Schranken weisen.


Aus: "Kommentar: Der eine schreit «Lügenpresse», der andere «Nazi»" Eric Gujer (18.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/der-eine-schreit-luegenpresse-der-andere-nazi-ld.1377703