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[Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie, Mentalitätsgeschichte, etc., ...) ... ]

Started by Link, March 17, 2020, 03:00:05 PM

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Quote[...] Die Erkrankung: ME/CFS steht für Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom. Das ist eine neuroimmunologische Erkrankung, die nach einer Infektionskrankheit wie zum Beispiel Covid-19 beginnt.

Die Symptome reichen von Konzentrationsstörungen und Kopfschmerzen über Herzrasen, Blutdruckschwankungen bis zu ausgeprägter Muskelschwäche und Muskelkoordinationsstörungen. Dazu kommen Schlafstörungen, starke Krankheitsgefühle, schmerzhafte und geschwollene Lymphknoten, Atemwegsinfekte und eine erhöhte Infektanfälligkeit.

Charakteristisch für ME/CFS ist die Post-Exertionelle Malaise (PEM), eine anhaltende Verstärkung aller Symptome nach geringer körperlicher oder geistiger Anstrengung. Schon alltägliche Aktivitäten wie Zähneputzen oder Kochen können zur Tortur werden.

Vor der Coronapandemie war bundesweit von rund 250.000 ME/CFS-Erkrankten die Rede. Die Zahl hat sich seit Corona mindestens verdoppelt, es gibt auch Schätzungen, die von knapp 2,5 Millionen Betroffenen ausgehen. Die Dunkelziffer ist hoch.

Laut Fatigatio, einem Verein für Menschen, die ME/CFS erkrankt sind, wurden in Hamburg seit 2018 bei 42.000 Hamburger*innen ME/CFS und seit 2021 bei 65.000 Post-Covid gesichert neu diagnostiziert. Sie berufen sich auf Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg.


Fabian Fritz 38, Sozialpädagoge, hat an der Uni Hamburg über englische Sportvereine und deren Potenzial zur Demokratiebildung promoviert, war Lehrbeauftragter an der HAW Hamburg und Jugendbildungsreferent beim Museum für den FC St. Pauli. Er hatte kurz eine Professur an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen inne, erkrankte dann an Long Covid und zog im September 2024 zu seinem Bruder und dessen Familie nach Thüringen, ins Kinderzimmer seiner Nichte. Kürzlich ist er wieder nach Hamburg zurückgekommen. Er engagiert sich in der Hamburger Gruppe von Fatigatio, einer deutschen Patientenorganisation für Menschen, die an Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom, kurz ME/CFS, erkrankt sind.

Ilka Kreutzträger: Herr Fritz, Sie werden am Donnerstag im Hamburger Gesundheitsausschuss in einer öffentlichen Anhörung über die mangelhafte Versorgungslage von Menschen sprechen, die an Long Covid und ME/CFS erkrankt sind. Was wollen Sie dort erreichen?

Fabian Fritz: Ich spreche da für den Verband Fatigatio, der sich für ME/CFS-Erkrankte einsetzt. Wir haben entschieden, dass ich in den Ausschuss gehe, weil ich so ein Prototyp-Fall bin. Ich stehe für die Fehlbehandlungen, aber auch für die Erkenntnis, dass es mit medikamentöser Begleitung zwar keine Heilung, aber eine Verbesserung geben kann. In Hamburg gibt es nicht mal eine Anlaufstelle für postinfektiöse Erkrankungen. Hamburg ist die Hochburg der Psychosomatik.

Ilka Kreutzträger: Die Versorgung ist hier also aus Ihrer Sicht besonders schlecht?

Fabian Fritz: Hamburg gehört neben Bremen und Sachsen-Anhalt zu den einzigen Bundesländern ohne Long-Covid-Ambulanzen für Erwachsene. Es gibt in Hamburg nur BG-Kliniken für Fälle von Berufskrankheit. Und zu meiner Geschichte gehört, dass ich das Bundesland wechseln musste und nach Thüringen gegangen bin, weil mein Hausarzt in Hamburg gesagt hat: Gehen Sie weg, hier werden Sie nichts erwarten können.

Ilka Kreutzträger: Sie haben es auf der Plattform X mal so formuliert: ,,Ich bin 37, Single, wohne im Kinderzimmer meiner Familie. War kurz Professor. Lebe wieder in der alten Heimat. Bald in Rente. Mir ist nicht wurscht, was in fünf oder zehn Jahren in diesem Land abgeht. Ich bin aber jetzt schon raus und lebe dann vielleicht nicht mehr. Ich habe #longcovid." Wie geht's Ihnen heute?

Fabian Fritz: Das habe ich Ende letzten Jahres geschrieben, ich war ab Oktober 2024 zu 95 Prozent bettlägerig und hatte eigentlich keine Hoffnung mehr, dass es irgendwie besser wird. Und dann bin ich durch Glück in eine Studie gekommen, die Medikamente getestet hat, die bei mir auch noch angeschlagen haben. Das war ein großer Unterschied zu der Aktivierungstherapie, die ich vorher machen musste und die vielen ME/CFS-Betroffenen verschrieben wird.

Ilka Kreutzträger: Anstrengung ist beim ME/CFS eher schädlich?

Fabian Fritz: Genau, mir ging es bis zu meinem ersten Tagesklinik-Aufenthalt in der Psychosomatik gar nicht so schlecht. Dort habe ich mich darauf verlassen, dass es schon stimmen wird, wenn sie sagen: Sport tut gut. Aber diese Aktivierungstherapie hat mich erst mal bettlägerig gemacht. Seit ich die Medikamente nehme, bin ich wieder so bei 30 Prozent meiner Leistungsfähigkeit von vor der Erkrankung.

Ilka Kreutzträger: Das ist immer noch wenig.

Fabian Fritz: Und es geht ja auch um kognitive Einschränkungen. Manche können vom Bett aus arbeiten, ich kann das eher weniger, weil ich mich nicht länger als eine Stunde auf einen Text konzentrieren kann. Die meisten Menschen können sich gar nicht vorstellen, was diese Krankheit bedeutet.

Ilka Kreutzträger: Ist das der Grund, warum Sie auch mit Ihrer Erkrankung an die Öffentlichkeit gegangen sind?

Fabian Fritz: Das hat eher mit der Stigmatisierung zu tun, der ich zuvorkommen wollte. Als ich damals erkrankt bin, wurde in meinem kollegialen Umfeld gesagt: Ach, der hat bestimmt ein Burn-out, typisch junger Akademiker, der schafft seinen neuen Job nicht, dem wird das alles zu viel. Statt zu sagen: Oh, Mist, der hat jetzt Long Covid. Das hat mich extrem gestört, weil ich gemerkt habe, wie unsichtbar das Krankheitsbild gemacht wird. Dagegen wollte ich was unternehmen und ich hatte eine recht gute Reichweite damals.

Ilka Kreutzträger: Reichweite über den FC St. Pauli, dort haben Sie als Jugendbildungsreferent im Vereinsmuseum gearbeitet.

Fabian Fritz: Ja, wir haben eine Kampagne gestartet, mit dem Ziel, die Stadien als Plattform für ME/CFS zu nutzen. Da haben sich auch so schnell so viele andere Erkrankte gemeldet. Das ist immer der Effekt: Sobald man irgendeinen Bereich neu betritt, kommen mindestens gleich so fünf, sechs Betroffene aus ihrer Unsichtbarkeit heraus.

Ilka Kreutzträger: Welche Hilfe bräuchte es denn?

Fabian Fritz: Ich sehe drei Standbeine: Es braucht Differenzialdiagnostik, eine langfristige medizinische Versorgung und so eine Art, ja, wie soll man das nennen, so eine Begleitung in der gesellschaftlichen Bearbeitung der Stigmatisierung, die man erfährt. Und natürlich braucht es viel mehr Forschung zu den biologischen Ursachen.

Ilka Kreutzträger: Und wie sollte das aussehen: Stigmatisierung begleiten?

Fabian Fritz: Ich würde mir wünschen, dass man einfach einen Status bekommt wie jemand, der Krebs oder MS hat. Dann kann man offen reden. Und es fehlt eine öffentliche Kampagne, beispielsweise so, wie es sie damals für HIV/Aids gab, mit Plakaten an Bushaltestellen und so. Denn mit der Erkrankung, die wir haben, wird man doppelt stigmatisiert: Man kriegt die volle Ladung Ressentiments gegen psychisch Erkrankte ab, obwohl man gar nicht psychisch krank ist, und muss gleichzeitig dafür kämpfen, richtig diagnostiziert zu werden.

Ilka Kreutzträger: ME/CFS läuft ja immer noch auch unter dem Begriff ,,Erschöpfungserkrankung". Ist der Begriff ein Problem? Jeder ist ja mal erschöpft.

Fabian Fritz: Erschöpfung ist ja das geringste Problem, im Gegensatz zu den neurologischen Symptomen wie eben Dauerschwindel, Tinnitus, nicht aufstehen können, weil der Puls dann bis 220 hochgeht oder so was. Deswegen würde ich da zustimmen. Erschöpfung ist einfach ein Begriff, der ein bisschen niedlich ist und die Erkrankten in die Nähe von ,,Ich habe schlecht geschlafen und fühle mich heute nicht ganz so fit" rückt. Außerdem wird die Erkrankung historisch Frauen zugeschrieben, die gerne als hysterisch oder eben erschöpft stigmatisiert werden. Aber die Leute stehen nicht mehr auf, weil ihr Körper das gar nicht aushält.

Ilka Kreutzträger: Sie beschreiben einen dauerhaften Mangel. Mangel an Lebensqualität, an gesundheitlicher Versorgung, an Unterstützung. Wie sieht es finanziell aus?

Fabian Fritz: Ich war vorher ganz gut situiert, aber noch zu jung, um richtig Rücklagen anlegen zu können und jetzt bin ich von Armut betroffen. Ich bekomme etwa 800 Euro Rente ausbezahlt und habe gerade einen Antrag auf Wohngeld gestellt. Gleichzeitig bin ich wegen der Erkrankung nicht so gut in der Lage, die ganzen Anträge zu stellen. Und selbst wenn ich jetzt zum Beispiel den Zugang zu so etwas wie der Tafel bekommen könnte, könnte ich da ja gar nicht hingehen, um mir die Lebensmittel abzuholen.

Ilka Kreutzträger: Wen trifft es noch?

Fabian Fritz: Am schlimmsten trifft die Krankheit alleinerziehende Mütter, die ihre Restenergie, wenn sie die noch haben, für die Kinder aufbringen müssen und vielleicht vorher schon prekär gelebt haben. Und natürlich diejenigen, die als Kinder und Jugendliche erkranken und zum Teil direkt in die Grundsicherung fallen werden. Wenn es jetzt diese politisch angekündigten Verschärfungen gibt, wie die Abschaffung der Pflegegrade und so etwas, wird es weite Teile der Betroffenen noch mehr in Armut stürzen. Denn viele bekommen noch Pflegegrad eins.

Ilka Kreutzträger: Was fordern Sie von der Politik?

Fabian Fritz: Jetzt ist erst mal diese Anhörung im Gesundheitsausschuss wirklich wichtig, um in Hamburg eine Diagnostik- und Versorgungsstruktur aufzubauen. Es geht ja nicht nur darum, Sachen zu erkämpfen, die nicht da sind, sondern etwas dagegen zu tun, dass Stigmatisierung als Waffe gegen die Erkrankten eingesetzt wird. Das hat mich am meisten schockiert, öffentlich von Ärzten als nicht zurechnungsfähig erklärt zu werden, nur weil man jetzt diese Krankheit hat und darüber redet.

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Aus: ",,Das Krankheitsbild macht unsichtbar"" Interview von Ilka Kreutzträger (20.11.2025)
Quelle: https://taz.de/!6130861/

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"Long Covid und SelbsttötungWenn nur der Suizid als Ausweg erscheint" Aus Berlin Barbara Dribbusch (27.11.2025)
Suizidhelfer verzeichnen mehr Anträge von jungen Menschen mit ME/CFS-Erkrankung, darunter auch Post Covid, die Hilfe zur Selbsttötung erbitten. ... Normalerweise ist die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) wegen geleisteter Suizidhilfen in den Medien. Doch am Donnerstag lud die Gesellschaft gemeinsam mit der Betroffeneninitiative PiEr für Post-Covid-Erkrankte in Berlin zu einer gemeinsamen Pressekonferenz. Der Grund: Die Gesellschaft erreichen immer mehr Anträge auf Suizidhilfe von jungen Menschen, die die sogenannte Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS) haben.
Die Erkrankung hat in ihrer schwersten Form zur Folge, dass die Betroffenen nur noch im Dunkeln liegen können, die Ohren mit Schallschützern abgeschirmt, von Schmerzen geplagt und manchmal sogar unfähig zu sprechen und selbstständig zu essen. Die schwere neuroimmunologische Erkrankung entsteht unter anderem auch als Folge einer Corona-Infektion und wird dann als Post Covid, manchmal auch als Long Covid bezeichnet. In sehr seltenen Fällen gilt die Erkrankung als Folge einer Corona-Impfung und heißt dann Post Vac. ...
Fünf der Antragssteller:innen seien inzwischen mithilfe der Suizidbegleiter verstorben, drei befänden sich noch im Antragsverfahren. Unter den acht Personen, die einen Antrag gestellt haben, seien fünf junge Frauen im Alter von 24 bis 29 Jahren gewesen. ... Das Hauptsymptom von ME/CFS sei die ,,postexertionelle Malaise" (PEM), sagte Ries am Donnerstag. Dies sei der ,,Schlüssel" zum Verständnis von ME/CFS. Die PEM, auch ,,Crash" genannt, ist eine oft verzögert eintretende deutliche Verschlimmerung nach auch nur leichter körperlicher, geistiger oder emotionaler Anstrengung. Diese Verschlimmerung kann länger anhalten und schon durch eine kurze Unterhaltung, eine Mahlzeit, sogar durch ein freudiges Ereignis getriggert werden. Deswegen gehen auch die wohlgemeinten Ratschläge ahnungsloser Ärzte ins Leere, die den Erkrankten raten, doch mal Sport zu treiben oder mehr vor die Türe zu gehen, um das Leiden zu bessern. ...
https://taz.de/Long-Covid-und-Selbsttoetung/!6133062/


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"Wissenschaft ist Freiheit und Pflicht" (Rede von Christian Drosten zum Festakt 100 Jahre DIW Berlin), 27. Mai 2025
Anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin hielt Prof. Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie, Charité Berlin, am 27. Mai 2025 im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin Mitte eine vielbeachtete Rede über die Verantwortung von Wissenschaft, genauer von Wissenschaftler*innen. Wissenschaftsfreiheit meine nicht die Freiheit zu Schweigen und Sich-Herauszuhalten, sondern vielmehr eine Haltung, die sich der Meinungsmacht entgegenzustellen weiß. ,,Die wissenschaftliche Genauigkeit hilft der demokratischen Gesellschaft." Hier seine Rede im Wortlaut ...
https://www.diw.de/de/diw_01.c.932545.de/100_jahre_diw/wissenschaft_ist_freiheit_und_pflicht.html

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Quote[...] Der Sammelband ,,Die verdrängte Pandemie" liest die Gesundheitskrise als Labor. Die Coronapolitik zeigte demnach, wer im Zweifelsfall überflüssig ist.

Während der Coronapandemie konnte man die gesellschaftlichen Zusammenhänge und seine Mitmenschen noch einmal anders kennenlernen. Das war immer wieder überraschend. Die grellsten Auswüchse waren Aufgewühlte, die ihren Unwillen, sich und andere durch eine Gesichtsmaske zu schützen, laut auf Demos kundtaten. Verschwörungsirre, die das Virus für eine Erfindung hielten und so lange an den Statistiken herumrechneten, bis es passte, während auf den Intensivstationen Menschen am Beatmungsgerät hingen und erstickten.

Von heute aus betrachtet lässt sich sagen, dass während der Coronapandemie gesellschaftliche Kommunikation darüber erprobt wurde, wo die gesellschaftlichen Prioritäten liegen und wer im Zweifelsfall überflüssig ist. Entsprechende Ideen werden seither keineswegs nur am rechten Rand ventiliert, sondern kommen aus der Mitte.

Die an Corona Verstorbenen und das Leid, das die an Long Covid Erkrankten aktuell erfahren müssen, werden dagegen heute weitgehend verdrängt. Das ist die Ausgangsthese der Herausgeber des Bandes ,,Die verdrängte Pandemie". Sie diagnostizieren einen weitreichenden ,,Pandemierevisionismus". Revidiert werden soll demnach alles, was an die Notwendigkeit des Schutzes der Schwachen erinnert. ,,Rechte verteufeln weiter mit ungebrochenem Eifer die vergangenen Eindämmungsmaßnahmen und die Impfangebote", schreibt Paul Schuberth in seiner ,,sehr kurzen Geschichte der Coronapandemie".

Schon damals richteten sich Proteste gegen die Einschränkung der persönlichen Freiheit, während die Wirtschaftssphäre nicht berührt werden durfte. Dass man trotz geschlossener Schulen weiter in voll besetzten Bussen und U-Bahnen ins Büro fahren musste, versetzte kaum jemanden in Aufruhr. Auch hier war die Prioritätensetzung klar: Die Arbeitswelt bleibt weitgehend intakt, das Seuchengeschehen wird derweil über die Einschränkungen des Bewegungsradius von Kindern und Jugendlichen reguliert. Während die Maßgabe, beim Einkaufen eine Maske tragen zu müssen, hingegen Affektexplosionen hervorrief.

Der Publizist Thomas Ebermann erinnert daran, dass die Schulen und der Kulturbetrieb lahmgelegt waren, die Lieferketten aber intakt blieben. ,,Bei der Ware Arbeitskraft ist kein Mangel aufgetreten, keine Situation eingetreten, bei der gesagt werden musste, jetzt kann nicht produziert werden, weil zu viele Menschen gerade sterben."

Dass das eine – die Fahrt zur Arbeit – klaglos hingenommen, die Selbstbeschränkung zum Schutz der Schwächeren aber zu heftigen Protesten führte, erklärt Ebermann damit, dass ,,das Arbeitsethos in die Menschen eingewandert" und ,,Selbstverhärtung zur Tugend erklärt worden" sei.

Den ,,Sozialdarwinismus", der sich während der Pandemie Bahn gebrochen habe, interpretiert die Politologin Natascha Strobl als ,,Scharnier zwischen Faschismus und Marktradikalismus". Strobl erinnert an die Wortmeldungen, die damals in der Mitte wie am rechten Rand zu hören waren. Boris Palmer, zu jener Zeit noch bei den Grünen, schlug vor, nicht allzu viel Kosten und Mühen für Menschen aufzuwenden, die ohnehin bald sterben würden. Autoren der rechtsradikalen Zeitschrift Sezession spotteten über verwöhnte Menschen, die an Unverträglichkeiten litten und nichts mehr aushielten.

Stefan Dietl erinnert in seinem Beitrag an Nicolae Bahan, den ersten Erntehelfer, der in Deutschland an einer Covid-Infektion verstorben ist. Landwirtschaftliche Interessenverbände streuten im Verbund mit der damaligen Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner (CDU) das Gerücht, Bahan sei an einem Herzinfarkt gestorben, um die Spargelproduktion nicht zu gefährden, und erinnerten so unfreiwillig daran, dass die Produktion in der freien Marktwirtschaft eine Maschinerie ist, deren Funktionieren auf keinen Fall infrage gestellt werden darf.

Auch das zeigte sich unter Pandemiebedingungen klarer noch als sonst. ,,Mit Unterstützung der deutschen Bundesregierung konnten die landwirtschaftlichen Betriebe die Covid-19-Pandemie nutzen, um die Mechanismen zur Ausbeutung migrantischer Arbeitskraft weiter auszubauen", schreibt Dietl. ,,So wurden die Erntehelfer*innen zu ,systemrelevanten' Beschäftigten erklärt und mit dieser Begründung Teile des Arbeitszeitgesetzes außer Kraft gesetzt – und die bisher schon gängigen katastrophalen Arbeitsbedingungen und überlangen Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden am Tag damit legalisiert." Das alles war möglich, weil der kollektive Spargelkonsum auch in Pandemiezeiten zur nationalen Notwendigkeit erklärt und damit als ,,systemrelevant" klassifiziert wurde.

Die Gnadenlosigkeit, mit der über all diese Dinge gesprochen wurde, war damals noch überraschend. Heute fällt Hendrik Streeck, damals Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung, mit der Einlassung, man solle aus Kostengründen die Vergabe von teuren Medikamenten an hochbetagte Menschen überprüfen, nicht weiter auf.

Alles das sind keine gesundheitspolitischen Diskurse im engeren Sinne, sondern Ansagen. Ein gesellschaftlicher Diskurs, der klarmacht: Das Leben hat keinen Wert an sich, wer nicht mehr produziert, aber kostet, darf gerne sterben. Es sei wichtig zu betonen, schreibt Herausgeber Paul Schuberth, dass die ,,wohlfeile Abgrenzung gegen Querdenker*innen natürlich dabei half, die ,Barbarei im Demokratischen' (Thomas Ebermann) zu überdecken".

Die Verdrängung, von der die Herausgeber ausgehen, greift auch auf einer subjektiven Ebene. Der Bericht des Wiener Oberarztes Wolfgang Hagen, der von Beginn der Pandemie an auf einer Covid-19-Station gearbeitet hat, wirkt wie die Beschreibung eines Szenarios, das schon ewig her ist. Was damals omnipräsent war – die Bilder von nächtlichen Militärkonvois in Bergamo, die Särge abtransportierten, die Bilder von Pflegepersonal in Schutzanzügen –, wirkt heute fremd und irreal.

Allerdings ließe sich mit den Autor*innen von ,,Die verdrängte Pandemie" einwenden, dass die Pandemie keineswegs Geschichte ist, sondern bis in die Gegenwart ragt und die Zukunft vorbereitet. Der Abwehraffekt gegen das Schwache bestimmt demnach auch noch die Debatte um ME/CFS (Long Covid). Der Bremer Soziologe Wolfgang Hien hat sechs Fallgeschichten von Betroffenen zusammengefasst. Fast alle Patient*innen berichten davon, dass ihr Umfeld auf die Erkrankung verständnislos bis abwehrend reagiert hat. ,,Leistungsfähigkeit ist ein zentrales Kriterium, das die soziale Wertigkeit eines Menschen in der Gesellschaft bemisst", kommentiert Hien. Wer nicht mehr leistungsfähig ist, wird sozial abgestraft, im Kleinen wie im Großen.

Ein weiterer Komplex, der in ,,Die verdrängte Pandemie" eine Rolle spielt, ist die Genese von Viren, die nicht einfach als Naturereignisse oder -katastrophen erfasst werden, sondern eine Sozialgeschichte haben. Der Epidemiologe Rob Wallace sieht die Gefahr von Pandemien durch bestimmte Produktions- und Wirtschaftsweisen steigen. Die Zerstörung von Ökosystemen und die Eingriffe in Wälder und Lebensräume, die Wildtiere näher an den Menschen treiben, begünstigen die Übertragung von Viren von tierischen Wirten auf den Menschen.

Der genaue Ursprung des Sars-CoV-2-Erregers sei noch nicht abschließend erforscht, schreibt Herausgeber Schuberth, und auch die Laborthese, also der Verdacht, dass das Coronavirus in einem Labor in Wuhan entstanden ist, könne ,,nicht einwandfrei verworfen werden". Doch liege es sehr nahe, dass auch bei der Entstehung der Coronapandemie ,,die Industrialisierung und Kapitalisierung der konventionellen Fleischproduktion in Südchina (seit der Liberalisierung der chinesischen Wirtschaft) eine gewichtige Rolle spielte".

Jeder Aspekt der Pandemie und ihrer Verheerungen wird in ,,Die verdrängte Pandemie" sozial und politisch aufgefasst. Unter ihren Bedingungen zeigt sich der Normalbetrieb wie unter einem Brennglas: Wer ist entbehrlich, was muss laufen, was muss pausieren? Was verstehen die Menschen unter Freiheit, was wird verteidigt, was wird hingenommen?

In der Pandemie zeigte sich auch, wie Protestformen aussehen, die es erlauben, sich als Freiheitskämpfer aufzuführen und zugleich Untertan zu bleiben. Den Herausgebern ist es gelungen, ein zugleich multiperspektivisches wie umfassendes Bild der Verheerungen der Pandemie zu zeichnen. Und zwar nicht nur der gesundheitlichen, sondern vor allem der gesellschaftlichen. Die verschiedenen Perspektiven der Autor*innen schaffen so eine Gegenerzählung zur momentan laufenden Umdeutung und Neuschreibung von Corona.




Aus: "Die Pandemie von links gelesen: Das Leben hat einen Wert an sich" Benjamin Moldenhauer (29.12.2025)
Quelle: https://taz.de/Die-Pandemie-von-links-gelesen/!6138889/

QuoteFraMa

29.12.2025, 09:45 Uhr

Man kann das allerdings auch ganz anders sehen. Die Deutschen haben entschlossen und schnell auf die Pandemie reagiert, das Verhalten der allermeisten Menschen war vorbildlich. Durch die Maßnahmen der Regierung, wenn auch manche im Nachhinein übertrieben wirken, wurden viele Menschen vor schwerer Krankheit oder dem Tod bewahrt. Alles im allem haben wir im Vergleich zu anderen Ländern die Coronawelle gut gewuppt.


QuoteFrank N. Stein

Der gute Deutsche braucht halt jemanden, auf den herabblicken und seinen Schicksals-Unmut auslassen kann. Schwache, Arme, Kranke. Und jetzt auch Ausländer. ...


QuoteTodesfister

Was ich beobachtet habe: Für die reichen ging es normal weiter.

Zwang zu Tests und sinnlosen Impfungen. Ausbau der Überwachung im Internet, das holt uns irgendwann ein.
Der Regierung ist egal wie viele sterben, solange sie es genug billig tun.


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Quote[...] Der Virologe Hendrik Streeck hat den Umgang mit den Menschen während der Corona-Pandemie kritisiert. Er verlangt, aus Fehlern wie den Schulschließungen zu lernen.

Der Virologe Hendrik Streeck hat während der Coronapandemie geschehenes Unrecht beklagt. Im Corona-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags in Erfurt mahnte der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, aus den Erfahrungen zu lernen und zu verzeihen. "Wir sind mit Teilen der Bevölkerung nicht gut umgegangen in der Pandemie", sagte Streeck.

Er halte eine Aufarbeitung der Pandemie für entscheidend, fügte der Virologe hinzu. "Nur wenn wir lernen, können wir in der Zukunft Fehler vermeiden", sagt er und sprach davon, dass es viele Gründe für Wut bei einigen Menschen gebe. Streeck kritisierte beispielsweise Menschen, die Ungeimpfte ausgegrenzt hätten, sowie Schulschließungen, die zu einem Anstieg der psychischen Belastungen bei jungen Menschen geführt hätten.

"Das ist echte Wut, das sind echte Schmerzen, das ist echter Groll", sagte Streeck. Zugleich räumte er ein, dass es in einer Krise keine perfekten Entscheidungen gebe. 


Aus: "Bevölkerung wurde laut Hendrik Streeck in der Pandemie Unrecht angetan" (20. Januar 2026)
Quele: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-01/virologe-hendrik-streeck-kritik-corona-pandemie-gxe

Quoteersiees nu wieder

Gilt das mit dem Unrecht auch für die, die von Ungeimpten angesteckt wurden, obwohl diese mit Impfung nicht mehr ansteckend gewesen wären.


QuotePriviligierte Langzeitstudentin diverser Geisteswissenschaften

Es war wirklich erschreckend, wie schnell essentielle Grundrechte einfach ausgesetzt werden konnten, und wie das von der Gesellschaft einfach hingenommen wurde. Die Zero Covid Gang wollte das sogar für immer.

Streeck war pragmatischer und hat nicht so sehr mit Ängsten und Emotionen der Leute gespielt.


QuoteSumselagrums

    Die Zero Covid Gang wollte das sogar für immer.

Das ist einfach eine kackendreiste Lüge.


Quotevisitor2016

Meine Frau infizierte sich mit Corona nach zwei Impfungen und einem Booster - natürlich infizierte ich mich auch. Der Verlauf war zum Glück mild, ein sehr guter Freund von mir infizierte sich kurz vor seinem zweiten Impftermin - er starb daran.

Ganz ehrlich: Die Impfverweigerer und deren Befindlichkeiten sind mir herzlich egal und ich bin sicher, mein Freund hätte gern weiter gelebt..


QuoteBCO

"Das ist echte Wut, das sind echte Schmerzen, das ist echter Groll"

Was ist mit den Menschen, die mit Corona-Langzeitfolgen zu kämpfen und/oder Angehörige / Freunde verloren haben und wütend sind, weil sich manche nicht haben Impfen lassen oder Schutzmaßnahmen verweigerten?


QuoteRunkel22

"Gilt das mit dem Unrecht auch für die, die von Ungeimpten angesteckt wurden, obwohl diese mit Impfung nicht mehr ansteckend gewesen wären."

Und was ist mit denen, die von Geimpften angesteckt wurden?


QuoteTaranis

Hendrik Steeek ist doch der Mann, der während der Pandemie ständig halbgare, nicht reviewte Studien selbst veröffentlicht hat und über deren mediale Ausbreitung auf die Politik einwirken wollte. Wundert mich nicht, dass er es als Fehler ansieht damals nicht selbst als Covidexperte berufen worden zu sein, sondern so ein Typ von der Charité.


QuoteNorthern

Bei solchen Diskussionen merkt man vor allem eines - es ist auch heute noch, wie zu (hoch)Coronazeiten. Da gibt es entweder nur die eine, heilige und unantastbare Mainstream-Meinung (bevorzugt meinst von selbsternannten Demokraten, die erstmal im Duden nachsehen sollten, was Demokratie (auch dessen aushalten) bedeutet. Während jegliche anderslautende Meinung (wie eben jene von Herrn Streek) sofort als unaushaltbar und weit nach rechts verortet wird.


QuotePutzhilfe

Stimmt, mit Teilen der Bevölkerung sind wir nicht gut umgegangen in der Pandemie. Etwa 190.000 Menschen sind an und wegen Corona gestorben. Entschuldigung dafür, dass man nicht alles daran gesetzt sich gegenseitig besser zu schützen. Aber andere Dinge waren eben wichtiger. Eines hat die Pandemie gezeigt, jeder ist sich selbst der nächste. Dass wird bei der nächsten nicht anders sein. Aus Kriegen lernt man ja auch nix.


QuoteFrank-Werner

Ein weitgehend unbekanntes Virus mit unbekannten Verbreitungsweg, welches theoretisch 100tausende Menschenleben bedroht. Ein Gesundheitssystem, welches vor dem Kollaps stehen könnte. Fehlende Informationen, dringender Handlungsbedarf.

Natürlich geschehen in einer solchen Situation Fehler. Und natürlich kann über verschiedene Entscheidungen diskutiert werden.

Jeder (nicht quer) denkende Mensch sollte jedoch in der Lage sein, die Schwierigkeiten und Herausforderungen einer solchen Situation nachvollziehen zu können. Ich hätte damals nicht in der Haut der Verantwortlichen (Verantwortlichkeie ist etwas anderes als herumzumosern) stecken möchten.

Und wenn ich dann Aussagen wie "Das ist echte Wut, das sind echte Schmerzen, das ist echter Groll" lese, vermag ich hierüber nur den Kopf zu schütteln.


QuoteGeography

Ich war und bin nach wie vor im Team Drosten. Als wir die Lockdownentscheidung getroffen waren hatten wir die Situation, das es in Italien und zunehmend auch in Frankreich massenhaft Tote gab und die dortigen Ärzte erstmals seit Ende des Zweiten Weltkrieges regelrecht selektieren mussten, wen sie überhaupt noch behandeln können. Wir hatten da das Glück , das uns die Welle erst etwas später ereilte.

Ich denke auch das der Strenge Lockdown verhindert hat , das hier mehr Menschen sterben. Wir hatten im direkten Vergleich pro 100 Einwohner deutlich weniger Tote als Frankreich , Italien und UK. Das ist besonders im Vergleich mit Frankreich überraschend, da die dortige Bevölkerung deutlich jünger ist.

Insofern verstehe ich warum die Verantwortlichen damals so gehandelt haben und ich denke das war auch im Anbetracht der Gesamtsituation sinnvoll.

Jedoch ist man mit den Lockdownkritikern aus meiner Sicht zu harsch umgegangen. Man hat halt zeitweilig Medial , alle Kritiker mit den rechts oder Vtheoretischen Teil weitestgehend gleich gesetzt und wenig Empathie für die Leute gezeigt die Angst umd ihre wirtschaftliche/soziale Existenz hatten. Man erinnere scih mal alleine an die Zeitkommentare in denen zeitweilig jeder Lockdownkritiker wahlweise als Nazi oder fahrlässiger / absichtlicher Mörder verunglimpft wurde.

Aber dennoch , hinter dem Lockdown selbst stehe ich bis Heute.


QuoteFeiHung

Auch wenn ich in Teilen anderer Ansicht bin, so finde ich Ihren Kommentar ganz hervorragend. Das wäre eine perfekte Grundlage für eine erwachsene Diskussion mit gegenseitigem Verständnis.


QuoteLeonia Bavariensis

Ohne Schulschließungen hatte die Bilanz gruselig ausgesehen, weil die meisten (wenn auch nicht alle) Kinder zwar vielleicht einigermaßen davon gekommen wären, aber sie hätten die Infektionen in die Familien getragen und damit die gefährdet, deren Gesundheit nicht so robust ist.


QuoteSteuerverschwender

Die Familien waren größtenteils geimpft, und vermutlich auch die Oma und der Opa in der Seniorenresidenz.
Die Kinder hätten niemanden gefährdet.


QuoteKöln-Kalk Verbot

Gemessen an den Posts mancher hier, die gerne die (moralische) Deutungshoheit für sich reklamieren, denke ich, dass wir genau dieselben Fehler wie vor 5 Jahren wieder und wieder und wieder machen würden.


QuoteKlickes

Problem ist doch das in entsprechenden Fachgremien die die Pandemie aufarbeiten sollen auch AfDler sitzen die statt hier wirkliche Learnings mit zu nehmen extrem dumme Fragen stellen, illegal Werbung machen und auch sonst aufführen wie es die Faschisten eben tuen. Dann sieht man Experten die Antworten geben wollen und sich stattdessen den BS von den AfDlern anhören und beantworten müssen damit diejenigen, die gerne den Faschisten mit Hang zur Pädophile in den USA besuchen, Tiktok Videos über ihre angeblich so brillanten Fragen machen können.


QuoteZamoscz20

Ja, es ist schon ärgerlich zu sehen, dass die autoritären Kräfte eben nicht in der AfD sitzen, sondern bei den Maßnahmebefürwortern, bei denen leider wenig "learnings" stattgefunden haben.


QuoteKlickes

Antwort auf @Zamoscz20

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/ch


QuoteJoséLuisTorrente

"Streeck kritisierte beispielsweise Menschen, die Ungeimpfte ausgegrenzt hätten"

Ist der noch bei Sinnen? Allmählich frage ich mich ob Herr Streeck dem gleichen Wurmbefall ausgesetzt war wie RFK jr. ...


QuotevonDü

"Er halte eine Aufarbeitung der Pandemie für entscheidend"

Es war schwierig bis unmöglich während der Pandemie vernünftig zu diskutieren und die Kommentare hier zeigen, dass das auch mit Abstand kein einfaches Unterfangen ist.

Es wird in einer Krise keine perfekten Entscheidungen geben. Es muss aber auch nicht erneut zu einem Totalausfall des gesunden Menschenverstandes führen.

Die angstgetriebene mittelalterliche Stimmung, die nicht von der Wissenschaft, sondern politisch und hpts. medial erzeugt wurde war mindestens so schlimm wie die Ignoranz vieler Zeitgenossen.


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