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REALITY.SERVICES [REALITAETS.DIENSTE] => Erweiterter Machtdiskurs (Politik) => Topic started by: Link on March 17, 2020, 03:00:05 PM

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on March 17, 2020, 03:00:05 PM
„Beinahe alle Katastrophenfilme der letzten Jahrzehnte“, sagte der Vorübergehende zu seinem Zeitgenossen, „beginnen damit, dass dumme und korrupte Politiker einfach ignorieren, was Wissenschaftler ihnen sagen“. (https://tamagothi.wordpress.com/2020/05/04/katastrophenfilme/, 4. Mai 2020)

Study Finds ‘Single Largest Driver’ of Coronavirus Misinformation: Trump (Sept. 30, 2020)
Cornell University researchers analyzing 38 million English-language articles about the pandemic found that President Trump was the largest driver of the “infodemic.” ...
https://www.nytimes.com/2020/09/30/us/politics/trump-coronavirus-misinformation.html (https://www.nytimes.com/2020/09/30/us/politics/trump-coronavirus-misinformation.html)
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Als Pandemie wird eine länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung einer Krankheit beim Menschen bezeichnet, im engeren Sinn die Ausbreitung einer Infektionskrankheit. Im Unterschied zur Epidemie ist eine Pandemie örtlich nicht beschränkt ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Pandemie (https://de.wikipedia.org/wiki/Pandemie)
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COVID-19-Pandemie
Die COVID-19-Pandemie (umgangssprachlich auch Coronavirus-Pandemie, Corona-Pandemie, Coronavirus-Krise oder Corona-Krise) ist ein Ausbruch der neuartigen Atemwegserkrankung COVID-19 (oder „Covid-19“, für engl. corona virus disease 2019). Diese Erkrankung war erstmals Ende Dezember 2019 in der Millionenstadt Wuhan der chinesischen Provinz Hubei auffällig geworden, entwickelte sich im Januar 2020 in der Volksrepublik China zur Epidemie und breitete sich schließlich weltweit aus. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Pandemie (https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Pandemie)

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Deutschland (https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Deutschland)

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:COVID-19-Pandemie_in_Deutschland (https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:COVID-19-Pandemie_in_Deutschland)

https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_während_der_COVID-19-Pandemie_in_Deutschland (https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_während_der_COVID-19-Pandemie_in_Deutschland)

Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie und zu SARS-CoV-2, in Teilen als Corona-Mythen oder Corona-Lügen bezeichnet, werden seit dem Ausbruch der Krankheit COVID-19 vor allem in sozialen Medien verbreitet. Sie umfassen Falschmeldungen, Fake News, pseudowissenschaftliche Gesundheitstipps, Desinformation und Verschwörungstheorien zu allen Aspekten der Krankheit. Sie werden durch das bisherige Fehlen eines wirksamen Gegenmittels und Coronavirusimpfstoffs begünstigt.
Zu ihren Verbreitern gehören verschiedene verschwörungstheoretisch orientierte Gruppen und Personen, Antisemiten, Rechtsextremisten, Esoteriker, Impfgegner, Geschäftemacher, einige Staatsregierungen und Staatsmedien, aber auch verunsicherte Einzelpersonen. Sie berufen sich zum Teil auch auf legitime wissenschaftliche Minderheitenmeinungen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Falschinformationen_zur_COVID-19-Pandemie

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https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Italien

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Frankreich

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-F%C3%A4lle_in_der_Schweiz_und_Liechtenstein

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-F%C3%A4lle_in_%C3%96sterreich

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_Spanien

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_S%C3%BCdkorea

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Epidemie_in_den_Vereinigten_Staaten

https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19

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https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Todesopfern_der_COVID-19-Pandemie

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COVID-19 Coronavirus Pandemic
https://www.worldometers.info/coronavirus/

Robert Koch-Institut: COVID-19-Dashboard
Auswertungen basierend auf den aus den Gesundheitsämtern gemäß IfSG übermittelten Meldedaten (Alle Bundesländer)
https://experience.arcgis.com/experience/478220a4c454480e823b17327b2bf1d4 (https://experience.arcgis.com/experience/478220a4c454480e823b17327b2bf1d4)

Coronavirus-Karte: Deutschlandweite Fallzahlen in Echtzeit | Tagesspiegel
https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/karte-sars-cov-2-in-deutschland-landkreise/

Für Schleswig-Holstein gemeldete Corona-Fälle
COVID-19 — Institut für Infektionsmedizin
https://www.infmed.uni-kiel.de/de/epidemiologie/covid-19

https://www.schleswig-holstein.de/DE/Schwerpunkte/Coronavirus/Zahlen/zahlen_node.html

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"Neue Erkenntnisse zu Covid-19 und Grippe im Vergleich"  Klaus-Dieter Kolenda (29. Dezember 2020)
Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin- Gastroenterologie, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin- Sozialmedizin, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Er ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Nikotin-Tabakforschung e.V. (DGNTF) und arbeitet in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung) mit. ...
https://www.heise.de/tp/features/Neue-Erkenntnisse-zu-Covid-19-und-Grippe-im-Vergleich-5000531.html?seite=all (https://www.heise.de/tp/features/Neue-Erkenntnisse-zu-Covid-19-und-Grippe-im-Vergleich-5000531.html?seite=all)

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Special: Coronavirus und Covid-19
Zahlen, Fakten und Hintergründe zur Pandemie
https://www.scinexx.de/schlagzeilen/coronavirus-epidemie/

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Wolfgang Michal @WolfgangMichal (9:34 nachm. · 21. Feb. 2021)
Nach dem Ende der Spanischen Grippe, so Laura Spinney in ihrem Buch "1918. Die Welt im Fieber" war die Skepsis gegenüber der Wissenschaft größer als zuvor. Zulauf hatten Evangelikale, Spiritisten, Geistheiler und sogenannte Lebensreformer. ...
https://twitter.com/WolfgangMichal/status/1363587833219399689?s=03 (https://twitter.com/WolfgangMichal/status/1363587833219399689?s=03)

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Aspekt: " ... Die Themenbereiche der Mentalitätsgeschichte sind sehr vielfältig und umfassen Sexualität und Liebe, Tod und Feste, Alphabetisierung und besonders die Einstellung von breiten Bevölkerungsschichten zu großen historischen Ereignissen, etwa zum Ersten Weltkrieg. In Deutschland hat die Mentalitätsgeschichte keine große Tradition, an den Universitäten hat sie bisher keinen wichtigen Vertreter.  ..." | https://de.wikipedia.org/wiki/Mentalit%C3%A4tsgeschichte (https://de.wikipedia.org/wiki/Mentalit%C3%A4tsgeschichte) (2020)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 17, 2020, 03:21:27 PM
Quote
James Loxley @oldnorthroad
How it started                 How it’s going
#EnglishVirus
4:03 nachm. · 29. Dez. 2020
https://twitter.com/oldnorthroad/status/1343935741680898049 (https://twitter.com/oldnorthroad/status/1343935741680898049)

Susan Sontag schrieb: Die Syphilis hieß „bei den Briten ‚Französische Pocken‘, ,Morbus Germanicus‘ bei den Parisern, ,Neapel-Krankheit‘ bei den Florentinern und ,Chinesische Krankheit‘ bei den Japanern“. ... Macht wirkt. Der Virologe Anthony Fauci und der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo sind sorgsam, professionell; beide glauben an Strategien und an die Disziplin, die es braucht, um eine Strategie durchzuhalten. Beide sind abhängig von Trump, dessen tägliche Pressekonferenzen 90 Minuten lang sind und voller Lügen.  ...(https://www.tagesspiegel.de/kultur/coronavirus-tagebuch-aus-new-york-trumps-pressekonferenzen-sind-eine-reality-show-und-stets-voller-luegen/25694310.html)
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"Corona in den USA - Donald Trump spricht von „China-Virus“" (17.03.2020)
17.03.2020,11.30 Uhr: Die chinesische Regierung hat mit „großer Empörung“ auf eine Twitter-Botschaft von US-Präsident Donald Trump reagiert, in der dieser das neuartige Coronavirus als „China-Virus“ bezeichnet hatte. Die Verknüpfung des Virus mit China sei eine „Art Stigmatisierung“, sagte der Sprecher des chinesischen Außenministeriums, Geng Shuang, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Peking.
Die Regierung in Peking sei „zutiefst empört“ und stelle sich gegen Trumps Äußerungen, betonte Geng. Die angespannten Beziehungen zwischen China und den USA haben sich im Zuge der Corona-Krise weiter verschlechtert. Bereits die US-Einreisebeschränkungen für Chinesen zu Beginn der Epidemie in der Volksrepublik hatten in Peking für Wut gesorgt. ...
https://www.fr.de/politik/coronavirus-curevac-sars-cov-2-donald-trump-getestet-leben-kommt-erliegen-zr-13599298.html
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"China gibt USA die Schuld am Ausbruch des Coronavirus Wie Desinformation in Zeiten von Corona funktioniert" Claudia von Salzen (16.03.2020)
US-Militärs könnten das Coronavirus nach Wuhan gebracht haben, behauptet Chinas Außenamtssprecher - und beruft sich auf eine Webseite mit Verschwörungstheorien. ... All das weckt Erinnerungen an die „Operation Infektion“ in den 80er Jahren: Damals streuten der sowjetische Geheimdienst KGB und die Stasi gezielt das Gerücht, die neue Krankheit Aids sei als Biowaffe in einem US-Labor entwickelt worden. Ein erster entsprechender Bericht erschien in einer Zeitung in Indien, die lange zuvor vom KGB gegründet worden war. Diese Aktion gilt als eine der bekanntesten Desinformationskampagnen – und zeigt, nach welchem Lehrbuch autoritär regierte Staaten wie Russland und China bis heute arbeiten. ...
https://www.tagesspiegel.de/politik/china-gibt-usa-die-schuld-am-ausbruch-des-coronavirus-wie-desinformation-in-zeiten-von-corona-funktioniert/25649432.html
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"Banken besorgen sich supergünstig Geld von der EZB" (17.03.2020)
.... Banken haben sich von der Europäischen Zentralbank (EZB) in einem ersten neuen Geschäft dieser Art Geldspritzen zu supergünstigen Zinskonditionen gesichert. Die Währungshüter wollen mit den Geldsalven angesichts der Coronavirus-Krise die Liquiditätsversorgung der Banken sicherstellen und den Kreditfluss an die Wirtschaft unterstützen. ...
https://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/coronavirus-krise-banken-bei-superguenstigem-geld-der-ezb-zu-a-1305500.html

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"Tafeln schließen wegen der Ausbreitung des Coronavirus" (14.03.2020)
... In den Tafeln kommen viele Menschen in teils engen Räumen zusammen. Besonders herausfordernd sei es für die Tafeln, dass rund 90 Prozent der 60.000 Ehrenamtlichen zu den älteren Menschen und damit zur besonders schützenswerten Gruppe gehören. Der Bundesvorsitzende des Hilfsorganisation, Jochen Brühl, sagte, "die Menschen, die zu uns kommen, brauchen die Unterstützung. Doch genau die kann jetzt auch zur Gefahr für die Gesundheit werden." Brühl appellierte an die jüngere Bevölkerung, kurzfristig ältere Helfer zu ersetzen. ... Für die Tafeln bedeuten Schließungen auch wirtschaftliche Probleme, denn sie finanzieren sich neben Spenden auch über die kleinen Beträge, die Nutzerinnen und Nutzer für die Lebensmittel zahlen. Auch wenn die Tafeln geschlossen haben, laufen Kosten wie Miete für Ausgabestellen und Lager, Versicherung für die Fahrzeuge weiter. "Wir erwarten, dass die Politik unsere gemeinnützige Organisation jetzt unterstützt, um langfristige Schließungen der Tafeln zu verhindern", sagte Jochen Brühl. ...
https://www.evangelisch.de/inhalte/167182/14-03-2020/tafeln-schliessen-wegen-der-ausbreitung-des-coronavirus

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"Robert-Koch-Institut setzt Risikostufe auf „hoch“" (17. März 2020)
Berlin Das Robert-Koch-Institut hat seine Risikoeinschätzung für das Coronavirus geändert. Durch den starken Anstieg der Fallzahlen wird die Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung jetzt als „hoch“ eingestuft. Wieler betonte, das Risiko für die Bevölkerung variiere von Region zu Region und könne regional auch "sehr hoch" sein wie im Landkreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen. Das ist die höchste Gefährdungsstufe in Deutschland. Bislang galt die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland durch Corona als insgesamt "mäßig".
Allerdings steigen die Fallzahlen derzeit rapide. Die Zahl der bestätigten Coronafälle in Deutschland lag am Montagabend laut RKI bei 6012 Infizierten - das waren mehr als 1100 Fälle mehr als am Vortag. Offiziell wurden bislang 13 Todesfälle durch Corona gemeldet. Die in der US-Stadt Baltimore ansässige Johns-Hopkins-Universität ging unterdessen am Dienstagmittag bereits von knapp 7600 bestätigten Infektionen in Deutschland aus.
Wieler räumte ein, es müsse davon ausgegangen werden, dass die Erkrankungszahlen wesentlich höher seien, als sie dem RKI übermittelt würden. Entscheidend für die Experten sei die "Dynamik", also die Geschwindigkeit, mit der sich die Fallzahlen entwickelten. Der RKI-Präsident bekräftigte zugleich, es müsse weiterhin alles getan werden, um die Ausbreitung einzudämmen, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet werde. ...
https://rp-online.de/panorama/coronavirus/coronavirus-robert-koch-institut-sieht-hohe-gesundheitsgefahr_aid-49596455

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"Kassiererin über den Corona-Lockdown „Heute war es so schlimm wie nie zuvor!“" (17.03.2020)
Abstand halten? Für Einzelhandelskauffrau Farina Kerekes keine Option. Statt Dank für ihren Job zu bekommen, wird sie von Kunden beschimpft. Ein Protokoll. Julia Prosinger
Farina Kerekes, 30, ist Einzelhandelskauffrau in einem Supermarkt im Ruhrgebiet. Auf Twitter hat sie am Wochenende ihrem Ärger über Kunden Luft gemacht, die in der Corona-Krise alle Manieren vergessen. Im Tagesspiegel spricht sie nun ausführlich über ihre Erfahrungen ...
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/kassiererin-ueber-den-corona-lockdown-heute-war-es-so-schlimm-wie-nie-zuvor/25651004.html

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 17, 2020, 03:25:26 PM
Quote
[...] Italien führt einen zunehmend verzweifelten Kampf gegen das Coronavirus. In den Krankenhäusern fehlen Betten, das medizinische Personal ist überlastet. Besonders in der norditalienischen Region Lombardei hat sich die Lage in den vergangenen Tagen zugespitzt: Die Region ist im Zentrum des Coronavirus-Ausbruchs, mit 15.000 Infizierten (Stand: Montag) ist sie weiterhin am heftigsten betroffen.

Besonders dramatisch ist die Situation in den Provinzen Bergamo und Brescia, die inzwischen als die beiden wichtigsten Infektionsherde des Landes gelten. Aus Bergamo werden täglich rund 300 neue Fälle gemeldet, in Brescia sind es etwa 250; etwa jeder zehnte von ihnen benötigt Intensivpflege oder muss zumindest mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden.

Doch dafür gibt es nicht genügend Intensivbetten. Die Ärzte müssen priorisieren. „Wenn jemand zwischen 80 und 95 Jahre alt ist und große Atemprobleme hat, reservieren wir die wenigen noch vorhandenen Plätze in den Intensivstationen für Patienten mit größeren Überlebenschancen. Das gleiche gilt, wenn eine mit dem Virus infizierte Person eine Insuffizienz in drei oder mehr lebenswichtigen Organen aufweist“, erklärte der Narkosearzt Christian Salaroli aus Bergamo schon vor einigen Tagen.

Diese Patienten kommen in der Regel direkt in die Palliativ-Medizin, also in die Abteilung der Sterbenden. In der Lombardei stirbt laut aktuellen Zahlen jeder zehnte Covid-19-Erkrankte an den Folgen des Virus. Damit ist die Sterberate rund dreimal so hoch wie im Rest Italiens. Allein die Lokalzeitung "L'Eco di Bergamo" veröffentlichte zuletzt zehn Seiten Todesanzeigen mit jeweils rund 150 Namen und musste ihren Seitenumfang deshalb erhöhen.

Laut einem leitenden Redakteur, den die "Washington Post" zitiert, haben die Todesanzeigen normalerweise einen Umfang von zwei oder drei Seiten. 90 Prozent der Sterbefälle seien auf das Virus zurückzuführen. Die meisten Toten sind 70 Jahre oder älter.

Durch das Versammlungsverbot sind normale Beerdigungen nicht mehr möglich – ohnehin sind die engsten Angehörigen meist selbst in Quarantäne und können nicht teilnehmen. Viele Menschen sterben in abgeschirmten Räumen. Die Särge reihen sich derweil in den Krematorien auf. Für die Beerdigungen gibt es Wartelisten.

In Italien rechnen viele Experten bald mit einem Höhepunkt der Ansteckungswelle. „Wir erwarten, dass es sich in den kommenden Tagen, bis Sonntag, zeigt, ob sich die Entwicklung verlangsamt“, sagte der für die Lombardei zuständige Koordinator Giulio Gallera am Dienstag nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa für seine Region.

Die Krankenhäuser versuchen derweil durch Reorganisation weitere Betten für COVID-19-Patienten zur Verfügung zu stellen. Ganze Abteilungen wurden geräumt und zu Stationen der Intensivtherapie umfunktioniert. Doch der Schließung bestehender Abteilungen sind Grenzen gesetzt: Die medizinische Betreuung der anderen Kranken muss ebenfalls sichergestellt werden.

Deshalb wird inzwischen auch die Einrichtung von Feldlazaretten erwogen. In Brescia soll auf dem Messegelände in den nächsten Tagen ein neues Lazarett für 200 Lungen-Patienten entstehen. Dasselbe plant auch Regionalpräsident Attilio Fontana in der "Fiera di Milano". Dort sollen 500 Betten für Covid-19-Patienten geschaffen werden.

Die Lombardei  ist weiterhin die am schwersten betroffene Region, gefolgt von der Emilia-Romagna, dem Veneto, den Marken, Piemont und der Toskana. Das ganze Land war am 11./12. März zum Sperrgebiet erklärt worden. Insgesamt sind rund 28 000 Fälle bisher registriert.


Aus: "Wo die Regionalzeitung zehn Seiten Todesanzeigen druckt" Jana Heigl (17.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/coronavirus-krise-in-norditalien-wo-die-regionalzeitung-zehn-seiten-todesanzeigen-druckt/25651970.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/coronavirus-krise-in-norditalien-wo-die-regionalzeitung-zehn-seiten-todesanzeigen-druckt/25651970.html)

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Quote
[...] Schon heute steht fest, dass der Coronakrise von 2020 in künftigen Geschichtsbüchern ein ausgedehnter Beitrag gewidmet werden wird. Unabhängig vom weiteren Verlauf ist ihre Einzigartigkeit unbestritten. Die rasche Ausbreitung des Virus, die Stilllegung des öffentlichen Lebens in vielen Teilen der Welt und die unablässige Nachrichten- und auch Spekulationsflut hat es in dieser Form noch nie gegeben. Pandemien jedoch schon. Eine der größten liegt etwas mehr als 100 Jahre zurück.

Zwischen 1918 und 1920 erfasste die Spanische Grippe den gesamten Erdball und forderte 50 Millionen Todesopfer, die im Schatten des Ersten Weltkriegs in der Erinnerungskultur vergleichsweise wenig Beachtung fanden. Gedenkstätten für die Grippeopfer gibt es nicht, obwohl die Zahlen eindrücklich sind: Allein in den USA starben 675.000 Zivilisten und damit mehr US-Amerikaner als auf den Schlachtfeldern in den beiden Weltkriegen. In Deutschland kamen 544.000 Menschen ums Leben. In Indien wurden sechs Prozent der gesamten Bevölkerung ausradiert, das entspricht 18,6 Millionen Menschen. In China waren es zwei Prozent (9,5 Millionen Menschen).

Seuchen dehnten sich früher nur so schnell aus, wie ein Reisender zu Fuß oder mit der Pferdekutsche ins nächste Dorf ziehen konnte. Die Welt von 1918 war aber schon wesentlich mobiler und stärker vernetzt. Über Schiffe, Züge und Automobile konnte sich das Virus rasant verbreiten. Kein Teil der Erde blieb dabei verschont - von den Stränden Brasiliens über die Häfen Südostasiens bis hin zu den großen Metropolen. "In den Zügen und Straßenbahnen war die Verzweiflung auf den Gesichtern der Reisenden abzulesen. Es wurde nur noch über die besonders traurigen Todesfälle gesprochen." Dieser Satz stammt nicht aus einer italienischen Tageszeitung der letzten Tage, sondern aus einem Tagebucheintrag von Caroline Playne, die ihre Eindrücke aus London im Jahr 1918 schilderte.

 Der Influenza-A-Virus H1N1, so die Fachbezeichnung für die Spanische Grippe, war statistisch gesehen vor allem für Menschen zwischen 18 und 40 Jahren tödlich. Jene mit einem besonders widerstandsfähigen Immunsystem raffte es dahin, weil das Virus einen Zytokinsturm - eine Überreaktion des Immunsystems - auslöste. Gerade deshalb hingen der Erste Weltkrieg und die Spanische Grippe unmittelbar miteinander zusammen. Viele Forscher gehen heute davon aus, dass die Grippe erstmals im Fort Riley, einem militärischen Stützpunkt im US-amerikanischen Bundesstaat Kansas, auftrat. Das war im März 1918, einige Wochen, bevor die Soldaten die Schlachtfelder in Frankreich erreichten und sich das Virus in Europa verbreitete.

Die Schützengräben waren ohnehin schon von Ratten bevölkert. Ein Geruch von Eiter und Exkrementen lag in der Luft. Die Spanische Grippe gab vielen Soldaten, also den jungen Männern mit eigentlich starkem Immunsystem, den Rest. Wenn die ersten Symptome sichtbar wurden, begannen sie unablässig zu niesen, zu husten und sich zu übergeben. "Ich war so fiebrig, dass ich Angst hatte, meine Kleidung würde zu brennen beginnen. Ich hatte einen so starken Husten, dass er meine Eingeweide nach außen brachte, wenn ich ihn nicht mehr unterdrücken konnte", schrieb der US-Soldat Franklin Martin. Neben der Hölle des Stellungskriegs kam die unsichtbare Gefahr der Grippe hinzu, von der auch die Mediziner wenig bis gar nichts verstanden. Die Influenzaviren wurden erst 1933 entdeckt.

 Dafür reagierten Verschwörungstheoretiker und Kriegspropagandisten. Die "New York Times" berichtete, dass die Grippe nur die Deutschen befallen habe und forderte, das Phänomen in "Deutsche Grippe" umzubenennen. Ansonsten aber waren die Einträge in den Notizbüchern der Kriegsberichterstatter nutzlos, denn sowohl die Alliierten als auch die Deutschen verhängten strenge Zensurregelungen und erlaubten keine Mitteilungen über die zahlreichen Grippekranken an der Front.

So kam auch der Name "Spanische Grippe" zustande. Die neutralen Iberer berichteten munter über die Zustände an der Front, während sich das Virus in Madrid im Mai 1918 ausbreitete und auch König Alfonso XIII. aufs Krankenbett zwang. Einige britische und französische Zeitungen umgingen die Zensur und druckten die Artikel der Spanier ab, während sich in der Öffentlichkeit langsam der Begriff der Spanischen Grippe etablierte, obwohl das Virus auf keinen Fall dort entstand. Die Spanier waren darüber keineswegs erfreut, sodass sie die Franzosen für den Ausbruch der Grippe verantwortlich machten. Eine Welle von Fake News und ein weit verbreiteter Trieb, andere als Auslöser einer Pandemie zu beschuldigen, sind insofern nicht nur Charakteristika der Coronakrise.

Ähnlich verhält es sich beim Rassismus, der gerade in den ersten zwei Monaten dieses Jahres vielfach zu beobachten war. Auf internationalen Messen oder selbst in den Innenstädten Europas wurden Chinesen und solche, die für Chinesen gehalten wurden, kritisch beäugt. Die Zeitgenossen von 1918 standen dem in nichts nach. Viele US-Amerikaner sahen die italienischen und jüdischen Einwandererviertel als "Brutstätten der Pandemie". Da unter Juden die Tuberkulose verbreitet war, urteilten einige Beobachter in New York, dass der "jüdische Körper minderwertiger als der christliche" wäre.

Auf dem afrikanischen Kontinent, der bis auf Äthiopien unter europäischer Kolonialherrschaft stand, wütete ebenfalls die Grippe und zog die Bevölkerung in Städten wie Lagos und Kapstadt erheblich in Mitleidenschaft. Eine solche Grippewelle war für die Ureinwohner etwas komplett Neues, weshalb sie rasch zu dem Urteil kamen, dass es sich um die "Grippe des weißen Mannes" handeln musste. Südafrikanische Zeitzeugen schrieben etwa, die Grippe wäre ein "Mittel der Europäer, um die einheimischen Rassen Südafrikas endgültig auszulöschen." Auf der anderen Seite sahen die Kolonialisten die mangelnde Hygiene der Schwarzen als Hauptgrund für die Verbreitung und erzwangen starke Segregation. Obwohl die Apartheid in Südafrika offiziell erst 1948 begann, hatte sie ihre Ursprünge in der Grippewelle von 1918.

Effektive Gegenmaßnahmen, um das Virus zu bekämpfen, gab es nicht. Albert Marrin urteilt etwa in seinem Buch "Very, Very, Very Dreadful" (zu Deutsch: "Sehr, sehr, sehr schrecklich"), dass beispielsweise die Vereinigten Staaten unter einer schwachen Führung zu leiden hatten. Rupert Blue, der Sanitätsinspekteur der USA, empfahl im Herbst 1918, alle öffentlichen Einrichtungen, in denen sich das Virus am leichtesten ausbreiten könnte, zu schließen. Es blieb bei einer Empfehlung. "Während der gesamten Pandemie gab es keine einheitlichen Regelungen für öffentliche Räume", schreibt Marrin. "Es existierte keine zentrale Autorität mit ausreichender Macht. Jede Stadt war auf sich gestellt und musste das befolgen, was gewählte Vertreter für das Beste hielten."

Nur wenige reagierten geistesgegenwärtig wie St. Louis' Bürgermeister Henry Kiel und insbesondere der städtische Gesundheitsbeauftragte Max Starkloff, der öffentliche Versammlungen verbot, Schulen und Kneipen schloss. Vielfach mussten sich die Menschen selbst helfen. Oder sie suchten in der Verzweiflung Hilfe bei Scharlatanen, baten bei Gottesdiensten um Vergebung oder probierten Drogen wie Heroin und Morphium aus. Derweil entwickelten sich weiße Schutzmasken aus Baumwolle, die eigentlich nur Chirurgen und Krankenschwester trugen, zu einer Art Modeaccessoire. Das Rote Kreuz verteilte Millionen dieser Masken. Sie wurden von Spielern beim Baseball ebenso wie von Sekretärinnen im Büro getragen, für Kettenraucher gab es ein eingebautes Loch. Der Bürgermeister von San Francisco sagte geradeheraus: "Jeder, der seine Maske vergisst, wird sterben." Aber durch die Straßen von San Francisco, New York oder London strömten weiterhin jeden Tag Menschenmassen und verbreiteten das Virus.

Im Umgang mit dem Virus waren die Reaktionen sehr ähnlich wie heute. Erst wurde das Problem heruntergespielt, dann wurden andere beschuldigt und irgendwann kam die Einsicht, dass die Pandemie nur schwer aufzuhalten war. Die politischen Führer reagierten viel zu spät oder überhaupt nicht, weil eine andere Angelegenheit - namentlich der Krieg - Vorrang hatte. Statt radikale Ausgangssperren für einen überschaubaren Zeitraum zu verhängen, blieb es bei halbherzigen Maßnahmen, sodass über zwei Jahre hinweg insgesamt drei Ausbreitungswellen auftraten, die viele Millionen Menschen das Leben kosteten und die Gesundheit vieler weiterer Millionen nachhaltig schädigten. Die moderne Medizin hat seitdem viele Fortschritte gemacht, aber die Fehler von einst wiederholen sich in diesen Tagen dennoch.


Aus: "Spanische Grippe und Corona: Wie sich Fehler wiederholen" Constantin Eckner (16. März 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Wie-sich-Fehler-wiederholen-article21644456.html (https://www.n-tv.de/panorama/Wie-sich-Fehler-wiederholen-article21644456.html)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 17, 2020, 04:59:43 PM
Quote
[...] Am 5. März fuhr ich zusammen mit fünf Freunden für drei Tage nach Ischgl zum Skifahren. Das Skigebiet ist traumhaft und auch für sein Après-Ski-Leben ist die Partyhochburg im Tiroler Paznauntal ja hinlänglich bekannt. Bevor wir abfahren, googelte ich sorgfältig: Könnte dort eine Corona-Gefahr drohen? Es fand sich nichts – die Region war offensichtlich sicher.

Heute wissen wir, dass die Realität eine völlig andere war: Wir fuhren direkt in den schlimmsten Corona-Hotspot außerhalb Italiens. In nur drei Tagen steckten sich alle sechs Mann aus unserer Gruppe dort mit dem Coronavirus an. Und wir sind nicht allein: Mehr als 130 Dänen haben sich laut dänischen Zeitungsberichten dort angesteckt, ähnlich viele Ischgl-Infizierte meldet Norwegen. Dutzende von Corona-Infizierten mit Ischgl-Hintergrund sind in Hamburg dokumentiert, in Deutschland insgesamt sind Ischgl-Opfer in rund 20 Landkreisen bekannt. Tendenz steigend. Viele davon haben vermutlich wieder andere Menschen angesteckt – ein kleiner Skiort verbreitet das Virus durch halb Europa.

Ischgl selbst gibt sich ratlos: "Wir haben gehandelt, wie die Behörden es uns vorgegeben haben", sagte Bürgermeister Werner Kurz. Die Frage ist aber: Hat man rechtzeitig gehandelt? Denn die Partyhochburg Ischgl lief noch tagelang auf Hochtouren weiter, als man längst gewarnt hätte sein sollen. Tanzen in der Menge, Biergläser, die von Hand zu Hand gehen.

Denn erste Hinweise gab es spätestens am 3. März, wie das österreichische Portal OE24 recherchierte. Diese aber seien "verschwiegen" worden. Am 29. Februar nämlich landete im isländischen Keflavik eine Maschine der Icelandair, an Bord eine Gruppe von 14 isländischen Ischgl-Urlaubern. Mehrere davon hatten den Corona-Erreger im Körper, wie Tests später ergaben. Doch Österreichs Behörden sahen von einer Warnung ab, die dem Urlaubsgeschäft in Ischgl natürlich einen schweren Dämpfer versetzt hätte.

Es sei aus medizinischer Sicht "wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist", befand Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber. Die Reisenden hätten sich wohl bei einem erkrankten Italien-Urlauber angesteckt, der ebenfalls in der Maschine saß.

Somit ging das Après-Ski-Treiben weiter, als ob nichts gewesen wäre. Viele Urlauber wechseln an den Abenden von einer der überfüllten Après-Kneipen in die nächste, vom "Trofana" ins "Schatzi" und weiter ins "Kitzloch". Das Virus, das wissen wir heute, dürfte mit dabei gewesen sein.

Im "Kitzloch" kam die angeblich heile Skiwelt ins Wanken. Es dauerte bis zum 7. März, da meldete der Skiort den ersten verbürgten Corona-Fall: Ein 36-jähriger deutscher Barkeeper im "Kitzloch" wurde positiv getestet. Wenig später wurde dann bekannt, dass sich 15 Personen aus seinem "direkten Arbeitsumfeld" ebenfalls angesteckt haben. Wenig beruhigend, wenn man weiß, dass Angestellte des "Kitzloch" sich regelmäßig mit Tabletts durch die Menge quetschten, die mit bis zu 100 Schnapsgläsern auf einmal gefüllt sind.

Selbst dann dauerte es noch, bis wirkungsvolle Konsequenzen eingeleitet wurden. Erst am 10. März verfügen die Behörden die Schließung aller Après-Lokale – bis dahin ging die Party weiter. Und möglicherweise Hunderte, Tausende infizierte Urlauber reisten völlig ungeprüft nach Hause zurück.

Dann aber rollte die Lawine – Skigebiet geschlossen, gesamte Region unter Quarantäne gestellt, alle Urlauber nach Hause. "Gier und Versagen in Tirol" – diesen Schluss zog jetzt der österreichische "Standard". Er spricht von einem "Versagen der regionalen Ebene", das auch von den Wiener Behörden nicht rechtzeitig korrigiert worden sei.

Womöglich war die Wegschau-Mentalität in Ischgl und Umgebung sogar noch ausgeprägter. Angestellte vor Ort berichten ntv.de vertraulich, es habe schon seit Wochen Erkrankte gegeben, bei denen ein Corona-Verdacht nahe gelegen habe: "Zwischendurch haben 50 Prozent gehustet und gerotzt". Doch niemand sei an Tests interessiert gewesen – nicht mal die Angestellten selbst. Viele davon stammen aus Osteuropa, insbesondere der Slowakei und seien auf ihr Einkommen angewiesen. Wer sich testen lassen wollte, heißt es vor Ort, dem sei gesagt worden, er müsse die Kosten dafür selbst tragen.

Diese Anschuldigungen sind weder bewiesen, noch lassen sie sich derzeit verifizieren. Aber sie würden erklären, warum Corona-Fälle in Ischgl und Umgebung derart explodierten.

ntv.de sprach auch mit einem Hotelier auf der anderen Seite der Grenze, in Südtirol. Dieser berichtet, es sei schon seit geraumer Zeit darüber gesprochen worden, dass in den Skiorten des Paznauntals offenbar wenig Interesse bestehe, Corona-Verdachtsfällen auf den Grund zu gehen. Während in Südtirol die Hotels auch in Gegenden schlossen, in denen es noch keinen Corona-Fall gab, lief in Ischgl das Programm weiter – er persönlich finde das einen "Wahnsinn", sagte uns der Hotelier.

Das löste einen Domino-Effekt aus. Carsten und Bellinda Willschrey zum Beispiel waren vom 29. Februar bis zum 7. März in Ischgl. Als sie sich am Montag zu Hause aufgrund von Corona-ähnlichen Beschwerden testen lassen wollten, war ihr Arzt skeptisch: Ischgl sei doch kein Risikogebiet, es stehe nicht auf der Liste des Robert-Koch-Instituts. Erst zwei Tage später fand der Test dann statt. Beide hatten sich angesteckt.

Wie viele solcher Fälle gibt es noch? Es hätte anders laufen können, ja müssen – wenn man im Paznauntal nicht so lange die Augen verschlossen und zugelassen hätte, sodass Ischgl zur Drehscheibe für das Coronavirus wurde.


Aus: "Wie das Coronavirus von Ischgl aus Europa infizierte" Christof Lang (17. März 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Wie-das-Coronavirus-von-Ischgl-aus-Europa-infizierte-article21648085.html (https://www.n-tv.de/panorama/Wie-das-Coronavirus-von-Ischgl-aus-Europa-infizierte-article21648085.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 19, 2020, 10:00:19 AM
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[...] Italien bleibt Hauptbetroffene des Virus. Am Mittwochabend veröffentlichte die Zivilschutzbehörde eine neue schockierende Zahl: In den 24 Stunden seit der letzten Bekanntmachung starben 475 Menschen an Covid-19. Italiens Medien wiesen darauf hin, dass selbst China solche Totenziffern nie an einem einzigen Tag hatte. ...


Aus: "Ein Drittel der Italiener ignoriert die Ausgangssperre" Andrea Dernbach (19.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/virus-todeszahlen-steigen-sprunghaft-ein-drittel-der-italiener-ignoriert-die-ausgangssperre/25657140.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/virus-todeszahlen-steigen-sprunghaft-ein-drittel-der-italiener-ignoriert-die-ausgangssperre/25657140.html)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 19, 2020, 10:36:15 AM
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[...] Sonst ist um diese Jahreszeit nicht viel los in den Hamptons, der New Yorker Goldküste, wo die reichen Menschen gerne ihre Sommer verbringen. Die Villen im Stil englischer Landhäuser, französischer Chateaus oder italienischer Renaissance-Paläste, gebaut mit den Erlösen aus erfolgreicher Hedgefonds-Spekulation und Private Equity Deals, sind noch eingemottet. Selbst die Sträucher und Bäume in den parkartigen Gärten drum herum sind sorgfältig mit Jutesäcken verpackt, um sie vor der harschen Atlantikwitterung zu schützen.

In den einstigen Fischer- und Bauerndörfern harren normalerweise nur wenige Einheimische in der kalten Jahreszeit aus. In den Schaufenstern von Boutiquen wie Intermix hängen im Sommer Designerstücke wie Kleider von Brock Collection mit Blumenmuster für 1.910 Dollar. Auf einem Schild steht, man freue sich, die erlesene Kundschaft in der neuen Saison 2020 begrüßen zu dürfen.

Doch am vergangenen Freitag waren alle Parkplätze entlang der Main Street in Southampton voll: Mercedes, Porsche, Jaguar – alle Luxusmarken der Welt aneinandergereiht. Im populären Laden Cheese Shoppe, der Sandwiches und Panini mit Namen wie "Firenze" oder "Mt. Fuji" für 11,95 Dollar anbietet, werden die Kunden mit Desinfektionsmittel empfangen. "Seit gestern herrscht Hochbetrieb, die Leute sind massenhaft aus der City gekommen", sagt Nicole, eine Mittzwanzigerin, die hier bedient und nur ihren Vornamen nennen will.

Die Menschen von der noblen Upper East Side in Manhattan haben ihre Koffer gepackt, nachdem Andrew Cuomo, Gouverneur von New York, Versammlungen von mehr als 500 Menschen untersagt hatte und die Theater am Broadway geschlossen wurden. Wohltätigkeits-Galas und Dinners wurden hastig abgesagt. Die Horace Mann School, wo ein Unterrichtsjahr 53.000 Dollar kostet, schickte alle Schüler nach Hause, nachdem dort ein Coronafall bestätigt wurde.

Skiurlaub in den Edel-Lodges von Aspen schien auch nicht mehr opportun, nachdem ein Gast aus Australien in dem Rocky-Mountain-Ort positiv getestet wurde. "Staycation in the Hamptons! Wie das Coronavirus Park Avenues Ferienpläne zerschießt", titelte Town & Country, die Postille der Ostküsten-Geldaristokratie.

In dem Bericht beschwert sich Jill Kargman, die als "Autorin, Schauspielerin und Upper East Side Mom" vorgestellt wird, über das selbstgewählte Corona-Exil: "Ich bin süchtig nach New York, ich würde lieber an Corona sterben, als an Langeweile einzugehen!" Krista Krieger, Vorsitzende des Non-Profit-Organisation Empowers Africa, die laut Webseite "menschliches Empowerment, Wildtier- und Umweltschutz in Sub-Saharah Afrika" fördert, klagt derweilen, dass ihre Tochter, eine Oberstufenschülerin, nun nicht den geplanten Schulausflug auf die Bahamas machen darf.

Eltern kleinerer Kinder sorgen sich wegen ihrer Nannys – oder besser gesagt wegen der Möglichkeit, dass die Kinderfrauen das Virus einschleppen. Sie sind oft Immigrantinnen, die in den Außenbezirken der Stadt wohnen. "Soll man sie noch mit der U-Bahn fahren lassen oder ist Uber besser?", lautet eine Frage auf Park Slope Parents, einem Onlineforum für das bei betuchteren Familien angesagte Viertel in Brooklyn.

Die Panik führt zu Hamsterkäufen auf hohem Niveau. Aus Morells Weinladen in East Hampton laufen die Kunden nun mit Kisten statt mit einzelnen Flaschen aus der Tür. Nebenan bei Citarella ist Verkäuferin Elidia noch immer fassungslos:  "Die Leute haben gekauft wie verrückt, egal, was!" Die drei Hamptons-Filialen des Delikatessentempels – zu den Spezialitäten gehört frischer Hummer – verzeichneten 50 Prozent mehr Umsatz.

"Statt eine Ecke von dem Käse zu ordern, nehmen die Leute gleich den ganzen Laib mit", sagte Helen Gurrera, die Geschäftsführerin des Einzelhändlers dem New York Magazine. Und Lobel's, ein New Yorker Traditionsmetzger, erhielt laut dem Magazin von einem offenbar von Angst geplagten Kunden eine Bestellung in Höhe von 10.000 Dollar für 100 Steaks, 100 Lammkoteletts, 100 Hühnerbrüsten und anderen Spezialitäten.

Doch auch die Wohlhabenden stoßen auf Beschränkungen in der neuen Zeit. So berichtete ein empörter New Yorker dem Finanznachrichtendienst Bloomberg, er habe 30.000 Dollar von seinem Konto bei der Chase-Bankfiliale in den Hamptons abheben wollen, doch der Angestellte habe ihm mitgeteilt, das Limit seien 10.000 Dollar. JPMorgan Chase, die größte Bank nach Bilanzsumme, erklärte auf Anfrage Bloombergs, die Filialen verfügten über genug Bargeld.

Die New York Times berichtete von einer Bank-of-America-Filiale in Manhattan, der die 100-Dollar-Scheine ausgingen, nachdem mehrere Kunden bis zu 50.000 Dollar abhoben. Charterunternehmen für Privatjets müssen ihrer Kundschaft sagen, dass auch sie den Reisebeschränkungen unterliegen. Auch wenn diese teilweise bis zu 150.000 Dollar für einen Platz an Bord bieten.

Und die Corona-Quarantäne könnte unerwartete Nebenwirkungen für das Jetset-Leben haben: "Die ganze Upper East Side wird sich danach scheiden lassen", erklärte eine Society Lady nur halb im Scherz. "Die Leute verbringen mehr Zeit mit der Familie, als die meisten es je erlebt haben."


Aus: "Hamsterkäufe auf hohem Niveau" Heike Buchter (18. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/quarantaene-coronavirus-wohlhabende-new-york/komplettansicht (https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-03/quarantaene-coronavirus-wohlhabende-new-york/komplettansicht)

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Ludwig van Wegen #1.5

Autofahrer, die andere mit ihrer (ziemlich sicher unterirdischen) Musikauswahl behelligen, sind deutlich unangenehmer als hedonistische Snobs.


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IPS Pflege #3

... Freut mich doch sehr für Sie das es genießen können. Als Prekarier (Fachpfleger für Intensivmedizin) ist es schön zu lesen das sich die Elite es sich gutgehen lässt.


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janipeki #3.1

Wie wär's mit einem Gefühl für feine Ironie?


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Studierendenvertretender #4

"Die Reichen decken sich mit edlen Weinen, Lammfilets und Bargeld ein."

Nachvollziehbar, eher als sich mit 10-Jahres-Vorräten an Klopapier "einzudecken".


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Etna #13

Ist doch nichts Neues. Auch früher sind Adlige in Seuchenzeiten aus den Städten auf ihre Landsitze geflohen und haben es sich dort gut gehen lassen. Bestes literarisches Beispiel: Das Decamerone.

[https://de.wikipedia.org/wiki/Decamerone (https://de.wikipedia.org/wiki/Decamerone)]


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zeisig #29

"Und die Corona-Quarantäne könnte unerwartete Nebenwirkungen für das Jetset-Leben haben". Wäre nicht das Schlechteste, wenn die Corona-Quarantäne Nebenwirkungen für das Leben der Anyways in den Hamptons, in Ischgl, Berlin und all den anderen Orten auf der Welt, wo es den Anyways gefällt, hätte. Vielleicht werden einige sogar darüber nachdenken, was ihre Lebensweise für alle anderen mit sich bringt. Das wäre schön.


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 19, 2020, 10:57:03 AM
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[...] Alexis Passadakis ist Politikwissenschaftler und im globalisierungskritischen Netzwerk Attac aktiv

... „Heute Abend haben wir einen 63-jährigen Patienten in der Notaufnahme aufgenommen. Er wollte mir von sich erzählen, aber er bekam keine Luft, weshalb wir ihn schnell auf die Intensivstation bringen und ihn an ein Beatmungsgerät anschließen mussten. Da schoss es mir durch den Kopf: Vielleicht war ich der letzte, den er gesehen und der mit ihm gesprochen hat.“ Giacomo ist Anästhesist. Als wir uns unterhalten, entschuldigt sich der 32-Jährige dafür, dass es ihm nach einer ermüdenden achtstündigen Nachtschicht in einem Mailänder Krankenhaus schwerfällt, die richtigen Worte zu finden.

Er ist einer von Tausenden von Ärzten und Pflegekräften, die im Kampf zur Eindämmung des COVID-19-Ausbruchs in Italien an vorderster Front stehen.

Zwischen Februar und Mitte März sind die Fallzahlen in weniger als zwei Wochen von ein paar hundert auf über 10.000 gestiegen. Hospitäler im Norden – dem Epizentrum der Epidemie – füllten sich schnell, da viele Patienten für bis zu drei Wochen auf Intensivpflege angewiesen sind. Das Bild einer Gesundheits- und Krankenpflegerin, die während einer Nachschicht mit angelegter Gesichtsmaske zusammenbrach, vor kurzem im Netz verbreitet, wurde zum Sinnbild für die Überforderung des medizinischen Personals.


... Seit Beginn des Ausbruchs haben sich bereits über 2.000 Ärzte und Pflegekräfte infiziert (das sind zehn Prozent der gesamten Fälle). Am Samstag ist in Bergamo ein 47-jähriger Rettungssanitäter gestorben. Er wurde zum Symbol für die Risiken, denen Beschäftigte wie er ausgesetzt sind. ...


Aus: "Epizentrum der Epidemie" Daniela Sala, Sara Manisera [Übersetzung: Holger Hutt] (16.03.2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/epizentrum-der-epidemie (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/epizentrum-der-epidemie)

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[...] Rom, August 2011: In das Postfach der italienischen Regierung flattert ein Brief der Europäischen Zentralbank. Was dem Brief folgen wird, ist eine drastische Kürzungswelle, die auch das Gesundheitswesen erfasst. Die EZB erklärt in ihrem Schreiben, dass Schutz vor steigenden Zinsen auf italienische Staatsanleihen nur unter der Bedingung harter Einschnitte gewährt würde. Sie hatte in der Troika die EU-Kommission und den Internationalen Währungsfonds hinter sich. Die italienische Regierung führte diese Einschnitte durch – in der Folge sank die Anzahl von Krankenhäusern im Land um 15 Prozent.

... Das traf nicht nur Italien; auch die spanische Regierung sah sich gezwungen, ein Kürzungsprogramm zu unterzeichnen. Daraufhin wurden die Ausgaben für das Gesundheitssystem allein im Jahr 2012 um 5,7 Prozent gedrückt. Aber am härtesten traf es bekanntlich Griechenland: Die staatlichen Mittel wurden zwischen 2009 und 2016 von 16,2 Milliarden auf 8,6 Milliarden fast halbiert. Mehr als 13.000 Ärzte und über 26.000 sonstige im Gesundheitswesen angestellte wurden entlassen. 54 der 137 Krankenhäuser wurden geschlossen und das Budget der übriggebliebenen um 40 Prozent gesenkt. Insgesamt fielen zwischen 2011 und 2016 bei etwa elf Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern mehr als drei Millionen Menschen völlig aus dem Schutz einer Krankenversicherung. Das griechische Gesundheitsministerium erklärte die gesunkenen Kosten „als eine Folge von Effizienzsteigerungen im Finanzmanagement“.

Die damalige CDU-SPD-Koalition in Berlin hörte das gerne. Schließlich war die Bundesregierung mit Hilfe der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) „Themenführer“ im Auftrag der Troika bei der Restrukturierung des griechischen Gesundheitswesens. Aus ihrer Perspektive stellte sich die weitgehende Zerstörung des griechischen Gesundheitssystems im Jahr 2012 so dar: „Die Bundesregierung geht davon aus, dass die vereinbarten Kooperationsvorhaben, die im originären Interesse der griechischen Regierung liegen, mit der gebotenen Intensität realisiert werden“.

... Unterdessen gelingt es der chinesischen Regierung, mit medizinischen Gütern und Personalentsendungen öffentlichkeitswirksam Unterstützung zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten. Auch Spanien und Serbien und weitere Länder erwarten Hilfslieferungen aus China.

Der von der Großen Koalition in Berlin mit durchgesetzte Kahlschlag sozialer Infrastruktur in der Eurozone während der letzen Dekade ist ein Faktor, der die Bekämpfung der Corona-Pandemie schwieriger macht und Leben kosten wird. „Austerity kills!“ war in Südeuropa der Slogan im Widerstand gegen die Kürzungspolitik der Troika, noch immer ist er an einer Hauswand im Athener Stadtzentrum zu lesen. Derzeit wird mehr als deutlich, was damit gemeint ist.


Aus: "Austerität ist tödlich" Alexis Passadakis (18.03.2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/austeritaet-ist-toedlich (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/austeritaet-ist-toedlich)

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Markou Spyros | Community

Das Beispiel von Italien zeigt deutlich, was "Germanisches Europa" heißt ! Denn wir leben im Germanischen Europa und es ist lächerlich, wenn Merkel von "Solidarität" in der EU spricht: Als Italien von wenigen Tagen die EU um Hilfe bat, wegen der Pandemie, bekam es :Nichts, wie richtig im Artikel steht. Aber China hat sofort Hilfe angeboten und man fragt sich, wozu braucht man eine solche EU ?

Die absurde und tödliche Austerität, welche in den letzten 12 Jahren von Merkel-Schäuble den europäischen Völkern aufgezwungen wurde, hat zur Verarmung breiter Massen geführt, auch in Deutschland selbst um 13%, in Italien um 27% und in Griechenland um 49%!

Das Griechische Gesundheitssystem steht noch -während der jetzigen Pandemie- aufrecht, dank seinem Personal, trozt des katastrophalen Schlags der Troika und war bis zur Krise eines der besten Gesundheitssysteme der Welt.

In den Jahren nach 1991, als das kommunistische Regime Albanies zusammenbrach und tausende Albaner nach Griechanland kamen, wurden sie jahrelang in den griechsichen Krankenhäsern im ganzen Lande GRATIS gepfegt, egal ob sie Versicherung hatten oder nicht. Das ist unvorstellbar in Deutschland oder in Amerika....

Zum Schluß: Eines der "Opfer" des Covid-19 ist eigentlich der : Neoliberalismus und seine ,,Theorien,, daß nämlich der Markt alles regelt und man keinen Staat braucht. Jetzt suchen aber alle, Groß-Konzerne u.ä. die Hilfe des Staates.

Ich war einst SPD-Mitglied in Deutschland und kannte persönlich den Alt-Bundeskanzler Gerh. Schröder, als er noch Minister-Präsident in Niedersachsen war.

Heute tut es mir weh, daß eine historische Partei, wie die SPD, Neoliberale Politik folgt, den "Sozialstaat" vergessen hat, die Arbeit als "Wert" verachtet und die großen Ideale, wie Gleichheit, Soziale Gerechtigkeit u.ä. vergessen hat....


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 20, 2020, 03:24:07 PM
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[...] Die Bilder, die Italiens Fernsehstationen senden – sie wirken von Tag zu Tag dramatischer. Da sind die Aufnahmen von den Intensivstationen. Man sieht Patienten, angeschlossen an Beatmungsgeräte. Bäuchlings liegen sie im Bett – was helfen soll, die Lungenfunktion aufrechtzuerhalten. Instinktiv denkt man an die Lage eines Babys, an Hilflosigkeit, an Schutzlosigkeit.

Da sind die Aufnahmen aus einer Kirche: Entlang des Hauptgangs reihen sich die Särge. Denn viele Leichenhallen haben keinen Platz mehr, zu viele Tote sind es schon, die immer noch nicht begraben werden konnten. Die Krematorien arbeiten am Limit ihrer Kapazitäten.

Da ist auch der Bericht aus Bergamo, aus einer der am stärksten von Covid-19 betroffenen Provinzen der Lombardei. Ein Konvoi von Lastern des italienischen Heers setzt sich in Bewegung: Geladen haben sie 60 Särge, die zum Einäschern in andere Städte und Regionen gebracht werden. Später wird man die Urnen zu den jeweiligen Friedhöfen zurückführen.

Solche Szenen gehören jetzt zum italienischen Alltag. In einem Interview mit der Zeitung Corriere della Sera erzählt die 54-jährige Krankenschwester Maria Cristina Settembrese, die auf der Intensivstation eines Mailänder Krankenhauses arbeitet, von der Hilflosigkeit, dem emotionalen Druck, den sie täglich auszuhalten hat: "Du hast all diese Augen vor dir, die dich ansehen, dich um Hilfe bitten." Freilich, viele Menschen überstünden die Krankheit. "Gott sei Dank. Die Älteren, die Menschen über 70, sind aber weiterhin die am meisten Gefährdeten." Bei denen, die schwere Vorerkrankungen mitbringen, stehe auf dem Einweisungsblatt mitunter bereits der Hinweis: "Kommt für die Intensivstation nicht infrage."

Während die Patienten isoliert um ihr Überleben kämpfen, bangen die Angehörigen zu Hause, warten ungeduldig auf einen Anruf aus dem Krankenhaus. Es sei ein zweifaches Drama, das hier vonstattengehe, sagt Michela Sfondrini vor laufender Kamera – eines der Kranken und eines ihrer Familien. Sfondrini stammt aus der Provinzhauptstadt Lodi, nicht weit vom ersten Quarantänegebiet in der Lombardei entfernt. Sie erzählt, dass ihr Vater an den Folgen der Viruserkrankung gestorben sei, dass ihre Mutter noch im Krankenhaus liege, zum Glück schwebe sie nicht in Lebensgefahr. Es sei erschreckend und qualvoll, dass sich die Schwerkranken nicht einmal mehr von ihren Liebsten verabschieden könnten. Unglaublich qualvoll sei es aber auch für sie, die Tochter, auf Nachrichten aus der Klinik warten zu müssen. Warum, fragt sie, habe bis jetzt niemand daran gedacht, einen Dienst einzurichten, der sich einzig und allein darum kümmert, die Angehörigen zu benachrichtigen? Würde man damit nicht auch die Ärzte und Sanitäterinnen entlasten?

Die Regeln für Angehörige Verstorbener sind streng geworden in den vergangenen Wochen: Niemand darf mehr in den Leichenschauraum. Niemand darf auch mehr in die Wohnung, in der die Mutter, der Vater, die Oma oder der Opa gestorben sind. Covid-19-Tote werden nicht mehr angezogen, sondern in eine isolierende Matratze eingehüllt und in einen verzinkten Sarg gelegt, der sofort verschlossen wird. Der Sarg wird unverzüglich zum Friedhof gebracht, wo ein Priester den letzten Segen erteilt. An dieser Zeremonie dürfen die engsten Angehörigen zwar teilnehmen – doch es wird nachdrücklich davon abgeraten. Die Zeit werde kommen, in der die Trauerfeiern nachgeholt werden, versichern die Priester ihren zunehmend verstörten Gemeinden.

Doch ganz ohne eine Geste christlicher Zuwendung will man die Patienten in den Intensivstationen nicht zurücklassen. So hat zum Beispiel der Bischof von Brescia, Pierantonio Tremolada, per Videobotschaft gläubige Ärztinnen und Sanitäter dazu aufgerufen, Kranken mit einem Händedruck oder einem Gebet Mut zu machen – und, sollte es für Patienten dem Ende zugehen, diesen ein symbolisches Kreuz auf die Stirn zu zeichnen.

Die Infektionszahlen steigen von Tag zu Tag. Die Zahl der Todesfälle hat am Donnerstagabend die 3.400 überschritten. Italien hat damit offiziell mehr Covid-19-Tote als China gemeldet. Wann werden die Infektionszahlen wieder sinken, in Wochen? Niemand kann es sagen. Am schwersten betroffen bleibt die Lombardei. Mailand ist in einer irrealen Stille versunken, die nur und immer öfter vom Heulen der Sirenen zerrissen wird und von den Propellergeräuschen der Rettungshubschrauber. Dabei ist Mailand mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern bis jetzt noch relativ glimpflich davongekommen: Rund 1.400 Corona-Infizierte sind derzeit registriert.

Weitaus dramatischer ist die Lage in den Provinzen Bergamo und Brescia. Letztere zählt 1,26 Millionen Einwohner. Am Dienstag wurden hier 3.301 Corona-Positive gemeldet, allein am Mittwoch kamen 484 neue Infektionen hinzu. Die lokale Tageszeitung L'Eco di Bergamo hatte vor ein paar Tagen ein Video ins Netz gestellt, in dem ein Mann die Todesanzeigen vom 13. März 2020 durchblätterte. Am Ende kam er auf zehn Seiten.


Aus: "Krankenversorgung in Italien: Stilles Sterben"  Andrea Affaticati
, Mailand (20. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-03/krankenversorgung-italien-totenversorgung-bestattung-mailand-lombardei (https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-03/krankenversorgung-italien-totenversorgung-bestattung-mailand-lombardei)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 20, 2020, 09:02:38 PM
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[...] Am späten Nachmittag neben dem Biergarten Golgatha, am westlichen Rand des Kreuzberger Viktoriaparks. Etwa 30 Kinder laufen noch über den Spielplatz, teilen sich Schaukeln, Wippe und Rutsche. Einige Erwachsene warten am Rand.

Der Mann, dessen Sohn gerade an der Seilbahn ansteht, sagt, er wolle sich nicht verrückt machen lassen von der allgemeinen Panik, er werde sicher auch in den kommenden Tagen herkommen. Denn: „Ich will nicht, dass die Übervorsicht der anderen auf dem Rücken meines Kindes ausgetragen wird.“

Dass alle hier zwangsläufig dieselben Schaukelketten und dieselben Rutschgeländer anfassen, stört ihn nicht.

Auf der anderen Seite des Platzes steht eine junge Frau, sie passt auf ihre Geschwister auf. Optimal sei es hier nicht, sagt sie. „Aber wir können nicht den ganzen Tag zuhause bleiben.“ Und in der eigenen Wohnung sei es ja auch gefährlich, zum Beispiel könnte man ausrutschen und mit dem Kopf gegen eine Wand krachen. Es gebe im Leben immer ein Restrisiko.

Was sie übrigens gar nicht abkönne, seien Leute, die Menschen auf Spielplätzen jetzt voreilig bewerteten, als Leichtsinnige abstempelten. Die Frau sagt: „Die sollen mal nicht so tun, als ob sie immer alles richtig machen würden.“

Es scheint, als hätten sich in diesen Tagen in Berlin zwei Lager gebildet, die sich unversöhnlich gegenüberstehen: die einen, deutlich in der Mehrheit, die alle Schließungen und Verbote begrüßen. Die auch bereit sind, ihren Alltag noch weiter einzuschränken, wenn es nur der Verflachung der Kurve dient.

Und die anderen, die sich dem widersetzen, weil sie die Sorgen der Mehrheit für übertrieben halten. Sie ziehen den Ärger der Vorsichtigen auf sich. Weil ihr Verhalten Leben gefährdet. Und weil ihre Rücksichtslosigkeit am Ende zu einer Ausgangssperre für alle führen könnte.

Die einen glauben, dass ein Virus grassiert. Die anderen glauben, das einzige, was grassiert, sei Panik.

Bestärkt fühlt sich die kleinere Gruppe durch vermeintliche Expertenmeinungen wie die des Internisten und Lungenfacharztes Wolfgang Wodarg, der lange Amtsarzt in Schleswig-Holstein war und für die SPD bis 2009 im Bundestag saß. Wodarg verbreitet seit Tagen die Botschaft, die Bundesregierung betreibe „unnötige, fahrlässige Panikmache“. Den Quarantänemaßnahmen und Verboten liege „keine außergewöhnliche medizinische Gefahr zugrunde“, die Situation in den Krankenhäusern sei schließlich vollkommen normal – und es spreche „überhaupt nichts dafür, dass da noch irgendetwas kommen könnte“.

Wodarg kritisiert die Absagen von Messen, die Einschränkung von Reisen, den Ausfall von Fußballspielen, und er weiß angeblich auch, warum die meisten Wissenschaftler und politischen Entscheidungsträger sie gutheißen: Es gehe um finanzielle Interessen!

Die überwältigende Mehrheit derer, die sich seit Wochen mit dem Coronavirus beschäftigen, ist über Wolfgang Wodargs Behauptungen entsetzt. Parteifreund Karl Lauterbach, selbst Epidemiologe, nennt sie „abwegig und wissenschaftlich nicht haltbar, eine echte Räuberpistole“. Auch Christian Drosten, Chefvirologe der Charité, weist sie zurück.

Zur Einordnung, wie ernst Wodargs Theorien zu nehmen sind, hilft womöglich ein Blick darauf, in welchem Umfeld er seine Meinungen verbreitet. Wolfgang Wodarg hat keine Berührungsängste, auf Plattformen berüchtigter Verschwörungstheoretiker aufzutreten. In der Vergangenheit war er etwa beim rechten Hetzer Alex Jones zu Gast, der glaubt, Barack Obama sei insgeheim ein radikaler Islamist, Amokläufe an Schulen seien bloß von Schauspielern inszeniert.

Diese Woche verbreitete Wodarg seine Corona-Thesen in einem Interview mit Ken Jebsen. Auch dieser ist für krude Verschwörungstheorien bekannt, behauptete etwa öffentlich, Israel begehe seit 40 Jahren Völkermord, Ziel des jüdischen Staats sei nichts weniger als die „Endlösung“. Gegenüber Jebsen versicherte Wodarg, es liege schlicht keine besondere Erkrankungswelle vor: „Es ist so wie in jedem Jahr.“ 250 000 Menschen haben das Video bereits gesehen.

Donnerstagnachmittag im Park am Gleisdreieck. Die Vernünftigen sind auch hier in der Überzahl. Spaziergänger machen Bögen umeinander, der Mindestabstand auf den Bänken beträgt geschätzte fünf Meter. Nur in der Ecke bei den Sportanlagen hält sich keiner an irgendwas. Die Skatebahn, beide Basketballfelder und der Bolzplatz sind voll. Die sechs Jugendlichen, die unter einem der Körbe spielen, wiegeln ab. „Wir sind alle gesund“, sagt einer. Woher er das weiß? „Na sieht man doch!“

Die Gespaltenheit der Deutschen zeigt sich auch in der Art, sich zu informieren. Einerseits scheint die Nachfrage nach verlässlichen, von etablierten Institutionen geprüften Nachrichten gestiegen zu sein. Davon konnte etwa der Öffentlich-rechtliche Rundfunk profitieren. Die Tagesschau erreicht mittlerweile 17 Millionen Zuschauer, sieben Millionen mehr als sonst, das entspricht einem Marktanteil von fast 60 Prozent.

Andererseits verbreiten sich auch die Sichtweisen von Esoterikern und Verschwörungsgläubigen. In Deutschland kursieren mittlerweile hunderte Mails und Videos, in denen Nutzer absurde Theorien verbreiten. Mal wird behauptet, statt dem Coronavirus sei in Wahrheit Strahlung durch das 5G-Mobilfunknetz für alle Symptome verantwortlich. Mal heißt es, das Toilettenpapier der Discounter sei systematisch mit dem Virus kontaminiert.

Über Whatsapp verbreitet sich auch die Nachricht eines spanischen Schamanen, der als bestes Mittel gegen Corona yogische Atemübungen empfiehlt. Zudem rät er, „dass Sie Ihre Lichthülle täglich aktivieren und sich mit Sätzen wie ,I Am Presence‘ stark machen, um die Perfektion unseres Körpers und die Verteidigung gegen negative oder räuberische Kräfte aufrechtzuerhalten.“

Manche Vertreter alternativer Wahrheiten trauen in diesen Tagen ihren eigenen Überzeugungen nicht. Eine für diesen Sonnabend in der Münchner Innenstadt geplante Großdemonstration von Impfgegnern – von denen einige die Existenz jeglicher Viren bestreiten – ist vorsichtshalber abgesagt worden.

Auch esoterisch orientierte Heilpraktiker halten sich derzeit bedeckt. Das müssen sie allerdings auch, ihnen ist es laut Infektionsschutzgesetz verboten, die Erkrankung durch das Coronavirus zu diagnostizieren oder gar zu behandeln – beides ist Ärzten vorbehalten. Wer es doch tut, begeht eine Straftat.

In den USA propagieren christliche Fundamentale absurde Mittel gegen Corona. Prediger wie der Evangelikale Rodney Howard-Browne laden zu Massengottesdiensten in Kirchen, fordern Gläubige auf, sich dem Rat der Mediziner zu widersetzen und einander die Hände zu reichen. Die Kirche, so Howard-Browne, sei schließlich der sicherste Ort auf Erden, unter Gottes Obhut könne nichts schlechtes geschehen. Ohnehin stecke hinter den Warnungen vor Corona bloß der Versuch, Menschen zu tödlichen Impfungen zu überreden, um so die Weltbevölkerung systematisch zu reduzieren.

Ein US-Fernsehprediger verteilte per Gedankenübertragung einen mentalen Impfstoff an alle Gläubigen. Diese, erklärte er, seien nun gleichermaßen vor Corona und Satan geschützt.

Im indischen Delhi trafen sich mehrere hundert Hindus, um gemeinsam ein Getränk einzunehmen, das im Wesentlichen aus Kuh-Urin bestand. Nur so könne eine Infektion jetzt noch verhindert werden.

Iranische und türkische Medien verbreiten, das Virus sei eine Erfindung von Juden. Auf dem populären türkischen Fernsehsender „A Haber“, der über Satellit auch in Deutschland empfangen werden kann, wird etwa behauptet, bei Corona handele es sich um eine Biowaffe, die gezielt gegen Kritiker Israels eingesetzt werde. So solle die Welt neu geordnet, die Erdenbevölkerung dezimiert werden.

Auch deutsche Rechtsextremisten sind sich sicher, dass Juden hinter dem Corona-Virus stecken. Als Beleg dafür wird etwa die Nachricht angesehen, israelische Wissenschaftler arbeiteten intensiv an einem Impfstoff. Na klar: Wer das Virus erfunden habe, könne jederzeit auch einen Impfstoff herbeizaubern.

In der AfD wollen sich einige ebenfalls nicht in Panik versetzen lassen. Der Berliner Abgeordnete Andreas Wild freute sich Dienstagabend über eine gut gefüllte Parteiveranstaltung in Lichterfelde. Dass die Gegendemonstranten ihren Protest coronabedingt absagten, kam ihm gelegen. Andreas Wild twitterte: „Antifa kniff feige.“



Aus: "Der Coronavirus-Kosmos der Unvernünftigen" Sebastian Leber (20.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/volle-parks-und-scharlatane-der-coronavirus-kosmos-der-unvernuenftigen/25663164.html (https://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/volle-parks-und-scharlatane-der-coronavirus-kosmos-der-unvernuenftigen/25663164.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 25, 2020, 09:19:49 AM
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[...] Die US-Regierung wird Produzenten bestimmter medizinischer Ausrüstung befehlen, ihre Produkte der öffentlichen Hand zur Verfügung zu stellen bevor andere Bestellungen erfüllt werden. Damit soll der Kampf um das Leben von COVID-19-Patienten unterstützt werden. Die Pflicht zur Herausgabe kann auch Besitzer von Ausgangsmaterial treffen. Zudem werden jedermann ungebührliche Lagerhaltung einschlägiger Produkte sowie deren Verkauf über "fairen Marktpreisen" verboten.

Entsprechende Schritte hat der Leiter der Bundeskatastrophenschutzbehörde FEMA, Peter Gaynor, am Dienstag angekündigt. Vorerst geht es um Dinge wie neue Beatmungsgeräte für Patienten sowie Schutzausrüstung für medizinisches Personal, darunter Masken, Handschuhe und Kittel. Konkret möchte die FEMA 60.000 Pakete für Coronavirus-Tests auftreiben, mit denen jeweils 300 bis 400 Personen untersucht werden können.

Hinzu kommen Anordnungen im Rahmen von Bestellungen für eine halbe Milliarde Gesichtsmasken. Grundlage ist ein Gesetz aus dem Koreakrieg, das im Interesse der Nationalen Sicherheit die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen unterstützen soll. Dieses Gesetz namens Defense Production Act of 1950 verleiht dem Präsidenten entsprechende Befugnisse.

Am 18. März hat US-Präsident Donald Trump Beatmungsgeräte und Schutzausrüstung als knappe und wichtige Güter festgestellt, die auf normalem Wege nicht besorgt werden können, ohne erhebliche Mühsal herbeizuführen (Executive Order 13909). Gleichzeitig übertrug er dem Gesundheitsminister die Kompetenz, weitere Dinge in diese Kategorie einzuordnen – und, besonders wichtig, die Hersteller einschlägiger Produkte zur deren Ablieferung zu zwingen.

Allerdings wollte Trump laut damaliger eigener Aussage nicht, dass der Minister diese Befugnis auch tatsächlich ausübt. Das sei nur für das "worst case scenario" (den schlimmsten Fall) gedacht. Dieser ist aus Sicht des Ministeriums nun offenbar eingetreten.

Am Montag legte Trump noch einen zweiten Präsidentenerlass für weitergehende Maßnahmen vor: Der Gesundheitsminister darf ab sofort Personen "mit herausragender Erfahrung oder Fähigkeiten" für öffentlichen Dienst heranziehen, wenn sich sonst niemand für die Stelle findet. Die betroffenen Personen müssen sich fügen und haben keinen Anspruch auf Entlohnung.

Außerdem darf der Gesundheitsminister die Durchsuchung von Räumlichkeiten und Unterlagen von Unternehmen und Personen sowie deren Einvernahme anordnen. Ein weiterer Paragraph erteilt weitreichende Handhabe für notwendige Vorkehrungen.

Verboten ist in den USA nun, die als wichtig und knapp bezeichneten Güter zu horten, das heißt, in größerer Menge als für "vernünftigen Bedarf" auf Vorrat zu legen, oder für den Verkauf zu höheren als "fairen Marktpreisen" bereitzuhalten. Zur Durchsetzung hat auch das Justizministerium berufen, zu dem unter anderem der Inlandsgeheimdienst FBI gehört. Ermittler sollen überdies mit hoher Priorität nach Betrug und Preistreiberei rund um medizinische Einsatzmittel suchen und entsprechende Strafverfolgungen einleiten.

Noch am Montag hat die Bundesstaatsanwaltschaft eine betrügerische Website offline nehmen lassen, die angebliche Gratis-Impfungen der Weltgesundheitsorganisation WHO gegen Coronaviren feilbot. Wer sich "gratis impfen" wollte, sollte auf der mit Bildern offizieller Amtsträger geschmückten Seite mittels Kreditkarte fünf Dollar Versandspesen zahlen.


Aus: "Coronavirus: USA nutzen Kriegsgesetz um Medizinmaterial zu beschaffen" Daniel AJ Sokolov (25.03.2020)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Coronavirus-USA-nutzen-Kriegsgesetz-um-Medizinmaterial-zu-beschaffen-4689727.html (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Coronavirus-USA-nutzen-Kriegsgesetz-um-Medizinmaterial-zu-beschaffen-4689727.html)

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     The Matrix has you, 25.03.2020 08:45

Zwangsarbeit im Land of the Free

Das sind die modernen Vereinigten Staaten von Amerika? Einst ein Leuchtturm der Freiheit auf dieser Welt. Ist es nun wirklich so weit gekommen, dass in die Wirtschaft 2.000.000.000.000 $ gepumpt werden, aber hochqualifiziertes Personal, das am dringendsten benötigt wird, soll ohne Anspruch auf Entlohnung arbeiten? ...


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         grumpf, 25.03.2020 05:44

Re: klingt aber arg kommunistisch

HätteHätteFahrradkette schrieb am 25.03.2020 04:52:

    Nein das klingt eher vernünftig und zeugt von der wichtigen regulierenden Verantwortung des Staates. ...

Richtig, aber das gleiche könnte man zu ObamaCare sagen, was aber in den Augen der Republikaner und auch Trumps eigenen Augen, als "kommunistisches Teufelszeug" rückgängig gemacht wurde.



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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 25, 2020, 12:50:37 PM
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[...] In the midst of this planetary pandemic, nobody wants to meet any more at the "Crossroads of the World". A city known for its infectious energy, a city that likes to boast it never even has to sleep, has been forced into hibernation. With more cases than any other American conurbation, this city is once again Ground Zero, a term no New Yorker ever wanted applied here again. With manic suddenness, our world has been turned upside down, just as it was on September 11th.

Nations, like individuals, reveal themselves at times of crisis. In emergencies of this immense magnitude, it soon becomes evident whether a sitting president is equal to the moment. So what have we learnt about the United States as it confronts this national and global catastrophe? Will lawmakers on Capitol Hill, who have been in a form of legislative lockdown for years now, a paralysis borne of partisanship, rise to the challenge? And what of the man who now sits behind the Resolute Desk in the Oval Office, who has cloaked himself in the mantle of "wartime president"?

Of the three questions, the last one is the least interesting, largely because Donald Trump's response has been so predictable. He has not changed. He has not grown. He has not admitted errors. He has shown little humility.

Instead, all the hallmarks of his presidency have been on agitated display. The ridiculous boasts - he has awarded himself a 10 out of 10 for his handling of the crisis. The politicisation of what should be the apolitical - he toured the Centers for Disease Control wearing a campaign cap emblazoned with the slogan "Keep America Great".

The mind-bending truth-twisting - he now claims to have fully appreciated the scale of the pandemic early on, despite dismissing and downplaying the threat for weeks. The attacks on the "fake news" media, including a particularly vicious assault on a White House reporter who asked what was his message to frightened Americans: "I tell them you are a terrible reporter." His pettiness and peevishness - mocking Senator Mitt Romney, the only Republican who voted at the end of the impeachment trial for his removal from office, for going into isolation.

His continued attacks on government institutions in the forefront of confronting the crisis - "the Deep State Department" is how he described the State Department from his presidential podium the morning after it issued its most extreme travel advisory urging Americans to refrain from all international travel. His obsession with ratings, or in this instance, confirmed case numbers - he stopped a cruise ship docking on the West Coast, noting: "I like the numbers where they are. I don't need to have the numbers double because of one ship that wasn't our fault." His compulsion for hype - declaring the combination of hydroxycholoroquine and azithromycin "one of the biggest game-changers in the history of medicine," even as medical officials warn against offering false hope.

His lack of empathy. Rather than soothing words for relatives of those who have died, or words of encouragement and appreciation for those in the medical trenches, Trump's daily White House briefings commonly start with a shower of self-congratulation. After Trump has spoken, Mike Pence, his loyal deputy, usually delivers a paean of praise to the president in that Pyongyang-on-the-Potomac style he has perfected over the past three years. Trump's narcissistic hunger for adoration seems impossible to sate. Instead of a wartime president, he has sounded at times like a sun king.

Then there is the xenophobia that has always been the sine qua non of his political business model - repeatedly he describes the disease as the "Chinese virus". Just as he scapegoated China and Mexican immigrants for decimating America's industrial heartland ahead of the 2016 presidential election, he is blaming Beijing for the coronavirus outbreak in an attempt to win re-election.

His attempt at economic stewardship has been more convincing than his mastery of public health. A lesson from financial shocks of the past, most notably the meltdown in 2008, is to "go big" early on. That he has tried to do. But here, as well, there are shades of his showman self. He seems to have rounded on the initial figure of a trillion dollars for the stimulus package because it sounds like such a gargantuan number - a fiscal eighth wonder of the world.

Trump, in common with all populists and demagogues, favours simple solutions to complex problems. He closed America's border to those who had travelled to China, a sensible move in hindsight. However, the coronavirus outbreak has required the kind of multi-pronged approach and long-term thinking that seems beyond him. This has always been a presidency of the here and now. It is not well equipped to deal with a public health and economic emergency that will dominate the rest of his presidency, whether he only gets to spend the next 10 months in the White House or another five years.

The Trump presidency has so often been about creating favourable optics even in the absence of real progress - his nuclear summitry with the North Korean despot Kim Jong-un offers a case in point. But the tricks of an illusionist, or the marketing skills of the sloganeer, do not work here. This is a national emergency, as countless others have pointed out, that can't be tweeted, nicknamed or hyped away. The facts are inescapable: the soaring numbers of the dead.

What have we learnt of the United States? First of all, we have seen the enduring goodness of this country. The Frenchman Alexis DeToqueville, whose observations in the early-19th Century did so much to demystify this rambunctious new republic, always told us: "America is great because she is good."

As with 9/11, we have marvelled at the selflessness and bravery of its first responders - the nurses, doctors, medical support staff and ambulance drivers who have turned up to the work with the same sense of public spiritedness shown by the firefighters who rushed towards the flaming Twin Towers. We've witnessed the ingenuity and creativity of schools that have transitioned to remote, online teaching without missing a beat. We've seen a can-do spirit that has kept stores open, shelves stocked and food being delivered. In other words, most Americans have shown precisely the same virtues we have seen in every country brought to a halt by the virus.

As for the American exceptionalism on display, much of it has been of the negative kind that makes it hard not to put head in hands. The lines outside gun stores. The spike in online sales of firearms - Ammo.com has seen a 70% increase in sales. The panic buying of AR-15s. Some Christian fundamentalists have rejected the epidemiology of this pandemic. To prove there was no virus, a pastor in Arkansas boasted his parishioners were prepared to lick the floor of his church.

Once again, those who live in developed nations have been left to ponder why the world's richest country does not have a system of universal healthcare. Ten years after the passage of Obamacare, more than 26 million Americans do not have health insurance.

Rather than a coming together, the crisis has demonstrated how for decades Americans have conducted a political version of social distancing: the herd-like clustering of conservatives and liberals into like-minded communities caused by the allergic reaction to compatriots holding opposing political views. Once again, we have seen the familiar two Americas divide, the usual knee-jerk tribalism. Republicans have been twice as likely as Democrats to view coronavirus coverage as exaggerated. Three-quarters of Republicans say they trust the information coming from the president, whereas the figure among Democrats is just 8%.

As the Reverend Josh King told the Washington Post despairingly: "In your more politically conservative regions, closing is not interpreted as caring for you. It's interpreted as liberalism." Even on 13 March, when the CDC projected that up to 214 millions could be infected, Sean Davis, the co-founder of the right-wing website, The Federalist, tweeted: "Corporate political media hate you, they hate the country, and they will stop at nothing to reclaim power to rule over you. If that means destroying the economy via a panic they helped incite, all while running interference for the communist country that started it, so be it."

The latest Gallup polling shows the split: 94% of Republicans approve of his handling of the crisis, compared with 27% of Democrats. But overall, six out of ten Americans approve, pushing his approval rating up again to 49%, matching the highest score of his presidency. As with previous crises, such as 9/11, Americans tend to rally around the presidency, although Donald Trump remains a deeply polarising figure. After the attacks of September 11th, George W Bush's approval rating was over 90.

The political geography of America, with its red and blue state separatism, has even affected how voters are being physically exposed to the virus. Democrats tend to congregate in the cities, whose dense populations have made them hotspots. Republicans tend to live in more sparsely populated rural areas, which so far have not been so badly hit. Thus, the polarisation continues amidst the pandemic.

Rather than to the Trump White House, much of "Blue America" has looked for leadership to its state capitals: Democratic governors such as Andrew Cuomo in New York (who Trump tweeted should "do more"), Gavin Newsom in California (whom Trump has praised) and Jay Inslee in Washington state (whom the president called a "snake" during his visit to the CDC).

For American liberals, Dr Anthony Fauci, the director of the National Institute of Allergy and Infectious Diseases, has become the subversive hero of the hour. Offering an antidote to this post-truth presidency, Fauci sticks to scientific facts. After repeatedly contradicting Donald Trump over the seriousness of the outbreak, he is on his way to being viewed with the same affection and reverence as the liberal Supreme Court jurist Ruth Bader Ginsburg.

Surely the coronavirus outbreak will eventually lead to an end momentarily to the gridlock on Capitol Hill. Legislators have no other choice but to legislate given the enormity of the economic crisis and the spectre of a 21st Century Great Depression.

However, the first two attempts to pass a stimulus package failed amidst the usual partisan acrimony and brinksmanship. Republicans and Democrats are arguing over whether to include expansions of paid leave and unemployment benefits, and what the Democrats are calling a slush fund for corporate America that could be open to abuse. Once again, Capitol Hill's dysfunction has been shown to be both systemic and endemic.

Given the scale of the public health and economic crisis, the hope would be of a return to the patriotic bipartisanship that prevailed during much of the Fifties and early Sixties, which produced some of the major post-war reforms such as the construction of the interstate highway system and the landmark civil rights acts. History, after all, shows that US politicians co-operate most effectively in the face of a common enemy, whether it was the Soviet Union during the Cold War or al-Qaeda in the initial months after 9/11.

But the early response of lawmakers on Capitol Hill is far from encouraging. And if there is cross-party co-operation - as there will surely be in the end - it will not be the product of patriotic bipartisanship but rather freak-out bipartisanship, the legislative equivalent of panic buying.

The paradox here, as lawmakers face-off, is that crises erase philosophical lines. As in 2008, ideological conservatives have overnight become operational liberals. Those who ordinarily detest government have come in this emergency to depend on it. Corporate America, which is generally phobic towards federal intervention, is now desperate for government bailouts.

Trickle-down supply siders have become Keynesian big spenders, such is their desire for government stimulus spending funded by the taxpayer. Even universal basic income, a fringe idea popularised by the Democratic presidential candidate Andrew Yang, has gone mainstream. The US government intends to give $1,200 payments to every American.

In this call to national action, we have been reminded of how the federal government has been run down over the past 40 years partly because of an anti-government onslaught that started with Ronald Reagan. In 2018, the team responsible for pandemic response on the National Security Council at the White House was disbanded. The failure to carry out adequate testing, the key to containing outbreaks early on, is linked to a funding shortfall at the Department of Health and Human Services.

As with the attacks of 11 September 2001, warnings within government were repeatedly ignored. In recent years, there have been numerous exercises to test the country's preparedness for a pandemic - one of which involved a respiratory virus originating from China - that identified exactly the areas of vulnerability now being exposed. As with Hurricane Katrina, the Federal Emergency Management Agency has struggled. As ever, there are tensions between federal agencies and the states. The institutional decline of government that led so many Americans to pin their faith in an individual, Donald Trump, is again plain to see, whether in the shortage of masks and protective gowns or the dearth of early testing.

Consequently, America's claim to global pre-eminence looks less convincing by the day. While in previous crises, the world's most powerful superpower might have mobilised a global response, nobody expects that of the United States anymore. The neo-isolationism of three years of America Firstism has created a geopolitical form of social distancing, and this crisis has reminded us of the oceanic divide that has opened up even with Washington's closest allies. Take the European travel ban, which Trump announced during his Oval Office address to the nation without warning the countries affected. The European Union complained, in an unusually robust public statement, the decision was "taken unilaterally and without consultation".

Nor has the United States offered a model for how to deal with this crisis. South Korea, with its massive testing programme, and Japan have been exemplars. China, too, has shown the advantages of its authoritarianism system in enforcing a strict lockdown, which is especially worrying when the western liberal order looks so wobbly. Hopefully, nobody will forget how officials in China tried to cover up the virus for weeks and silenced whistleblowers, showing the country's ugly autocratic side even as the outbreak was spreading. But whereas Beijing managed to build a new hospital in just 10 days, the Pentagon will take weeks to move a naval hospital ship from its port in Virginia to New York harbour.

Politically, there will be so many ramifications. It is worth remembering, for example, that the Tea Party was as much a reaction to what was called the "big government conservatism" of George W Bush in response to the financial crisis as it was to the pigmentation of Barack Obama. The official history of the Tea Party movement states it came into existence on 3 October, 2008, when Bush signed into law TARP, the Troubled Asset Relief Programme which saved the failing banks. Tea-Partiers viewed that as an unacceptable encroachment of government power.

Likewise, it is worth bearing in mind that the two major convulsions of the 21st Century, the destruction of the Twin Towers and the collapse of Lehman Brothers, both ended up having a polarising effect on US politics. The fragile bipartisan 9/11 consensus was shattered by the Bush administration's decision to invade Iraq. The financial crisis fuelled the rise of the Tea Party and further radicalised the Republican Party.

What will be the impact on the presidential election? Judging by the Lazarus-like revival of Joe Biden, the signs are that Democrats are voting for normal. Clearly, a significant majority is not in the mood for the political revolution promised by Bernie Sanders. A 78-year-old whose candidacy was almost derailed in its early stages because he was so tactile looks again like a strong candidate in these socially distant times.

Many Americans are yearning for precisely the kind of empathy and personal warmth that Biden offers. Even before the coronavirus took hold, he had made recovery his theme, a narrative in accord with his life story. Many also want a presidency they could have on in the background. A less histrionic figure in the Oval Office. Soft jazz rather than heavy metal. A return to some kind of normalcy. But who would make any predictions? Only a few weeks ago, when the chaos of the Iowa caucuses seemed like a major story, we were prophesying Biden's political demise.

Besides, normalcy is not something we can expect to see for months, maybe even for years. Rather, the coronavirus could dramatically reshape American politics, much like the other massive historical convulsions of the past 100 years.

The Great Depression led to the New Deal, and its massive extension of federal power, through welfare programmes such as Social Security. It also made the Democrats, the champions of government, politically dominant. From 1932 onwards, the party won five consecutive presidential elections. World War II, among other social changes, gave impetus to the struggle for black equality, as African-American infantrymen who fought fascism on the same battlefields as white GIs demanded the same menu of civil rights on their return home. The attacks of 11 September made many Americans more wary of mass immigration and religious pluralism. The Great Recession undermined faith in the American Dream.

How America changes as a result of coronavirus will be determined by how America responds.

Liberals may be hoping the outbreak will highlight the need for universal healthcare, a New Deal-style revival of government, the return of a more fact-based polity and a stronger response to global warming, another planetary crisis which has the potential to paralyse and overwhelm so much of the world.

Conservatives may conclude the private sector rather than government is better equipped to deal with crises, amplifying their anti-government rhetoric, that gun controls should be further relaxed so that Americans can better protect themselves, and that individual liberties should not be constrained by nanny states.

Every day on my way to work, I pass the 9/11 memorial where the Twin Towers once stood, and watch people laying their flowers and muttering their quiet prayers. Many is the time I have wondered whether I would ever cover a more world-altering event. As I look out of my window on a quiet and eerie city that feels more like Gotham than New York, I fear we may be confronting it now.


From: "Coronavirus: What this crisis reveals about US - and its president" Nick Bryant (24 March 2020)
Source: https://www.bbc.com/news/world-us-canada-52012049 (https://www.bbc.com/news/world-us-canada-52012049)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 25, 2020, 01:13:32 PM
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[...] Seit 2018 ist Christian Stichler Leiter des ARD-Studios in Stockholm. Sein Berichtsgebiet erstreckt sich von Grönland bis Estland, vom Nordkap bis Litauen.

Wer in diesen Tagen durch Stockholm geht, der merkt, dass es auch in der schwedischen Hauptstadt etwas ruhiger geworden ist. Die großen Kinos haben geschlossen. Viele Menschen arbeiten im Homeoffice. Die Restaurants sind zur Mittagszeit deutlich weniger besucht. Die Universitäten haben auf Fernunterricht umgestellt, ebenso die Oberstufen der schwedischen Gymnasien. Und trotzdem wirkt Schweden derzeit wie eine Insel der Glückseligen in einem Europa von Kontakt- und Ausgangssperren, in dem das öffentliche Leben fast vollständig zur Ruhe gekommen ist.

 Die Kindergärten und Schulen bis zur Klasse neun sind geöffnet, auf den Spielplätzen spielen Kinder, auf den Fußballfeldern wird gekickt. Vor dem Königlichen Theater sitzen die Leute mit einem Kaffeebecher in der Frühjahrssonne. Ab und an legt eine Fähre hinaus in die Schären ab. So, als sei nichts passiert. Ist Schweden vom Coronavirus verschont geblieben oder ignoriert die Regierung im größten skandinavischen Land die Wirklichkeit?

Der Mann, der das Land bisher so gelassen durch die Krise steuert, ist Anders Tegnell, der oberste staatliche Epidemiologe. Er gehört zur Behörde für Volksgesundheit. So lässt sich Folkhälsomyndigheten auf Deutsch übersetzten. Fast jeden Tag um 14 Uhr tritt der 63-Jährige vor die Presse und verkündet mit seinen Kollegen und Kolleginnen die neuesten Zahlen und die Empfehlungen seiner Behörde. Meist trägt er dabei einen etwas verwaschenen Pulli und Chino-Hosen. Wenn Tegnell sein Statement abgibt, schwankt er häufig hin und her. Wie eine nordische Kiefer im Wind. Tatsächlich bekommt Tegnell im Moment viel Widerstand.

Sein Kurs in dieser Krise ist in Schweden durchaus umstritten. Er wird einerseits bewundert, bekommt Blumen und Zuspruch, aber lauter sind die Kritiker – auch aus dem eigenen Fachgebiet. Schließlich hat das Coronavirus vor Schweden nicht Halt gemacht. Knapp 2.300 Infizierte zählen die Behörden bis Anfang dieser Woche. 36 Patienten sind bis diesen Dienstag an den Folgen von Covid-19 gestorben.

"Es ist blutiger Ernst", mahnt Fredrik Elgh, Professor für Klinische Mikrobiologie an der Universität von Umeå. In einer Mail hat er sich mit anderen Fachleuten des Landes an Tegnell gewandt, um sich Gehör zu verschaffen. In einem Interview mit dem schwedischen Fernsehen sagte der Mediziner: "Ich bin zutiefst beunruhigt angesichts der Entwicklung. Ich würde am liebsten ganz Stockholm unter Quarantäne stellen."

Schweden sei praktisch das einzige Land der Welt, das nicht alles unternehme, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Zusammen mit 13 anderen Wissenschaftlern hat Elgh in einem Beitrag für die schwedische Zeitung Dagens Nyheter am Mittwoch noch einmal nachgelegt und mehr Transparenz von der Behörde für Volksgesundheit gefordert. Tegnell und seine Kolleginnen und Kollegen sollten ihre Daten und Berechnungsmodelle offenlegen. Längst blicken auch die Nachbarstaaten Dänemark und Norwegen verwundert auf die Schweden. Von der Einigkeit der skandinavischen Länder in Krisenzeiten ist im Falle von Corona wenig zu spüren.

Warum bleiben in Schweden trotz steigender Infektionszahlen die Kindergärten und Grundschulen geöffnet? Warum gibt es keine Kontaktsperre wie in Deutschland? Tegnell antwortet auf diese wiederkehrenden Fragen fast immer gleich: der epidemiologische Nutzen von Schulschließungen im Falle des Coronavirus sei zweifelhaft. Weder in Italien noch in China hätten sich Schulen als Verbreitungs-Hotspots für das Virus erwiesen.

Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation WHO in China gebe es bisher keinen einzigen belegbaren Fall, bei dem sich ein Erwachsener bei einem Kind angesteckt habe. Wieso sollte man dann Zehntausende gesunde Kinder zu Hause behalten? Zumal sonst viele Eltern, die in wichtigen Berufen für die Krisenbekämpfung arbeiten, nicht mehr zur Arbeit gehen könnten? Tegnells Credo: "Alle Maßnahmen, die wir treffen, müssen auch über einen längeren Zeitraum durchführbar sein." Ansonsten verliere man in der Bevölkerung die Akzeptanz für die gesamte Corona-Strategie.

Der schwedische Weg lässt sich epidemiologisch auf zwei Grundregeln reduzieren. Ältere oder gesundheitlich vorbelastete Menschen sollen so gut es geht isoliert werden. Also keine Besuche der Kinder oder Enkel, keine Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn möglich auch keine Einkäufe. Das ist die eine Regel. Die andere lautet: Alle, die Symptome aufweisen, sollen sofort zu Hause bleiben, selbst beim geringsten Husten.

"Wenn man diese beiden Regeln befolgt, braucht man keine weiteren Maßnahmen, deren Effekt sowieso nur sehr marginal ist," wiederholt Tegnell. Das sagt er genau an jenem Abend, an dem in Deutschland die Kontaktsperre verkündet wird. Die schwedischen Gesundheitsbehörden verlassen sich bei ihrem Kurs auf eine Grundannahme, die in anderen Ländern durchaus umstritten ist. Menschen ohne Symptome gelten als nicht ansteckend. Mit diesem Hinweis ziehen auch alle schwedischen Ärztinnen und Krankenpfleger in den Kampf gegen das Virus.

Bisher jedenfalls ist die schwedische Politik, allen voran der sozialdemokratische Regierungschef Stefan Löfven, den Empfehlungen seiner Epidemiologen gefolgt. "Wir vertrauen auf unsere Behörden", sagt Löfven. Der große Ansturm auf die Krankenhäuser sei zumindest bisher ausgeblieben. Jeder Tag, der vergeht, könne ein Zeichen dafür sein, dass die Kurve doch etwas flacher ansteigen wird als befürchtet. Noch ein Umstand lässt die Schweden hoffen: Es ist die Altersverteilung bei den bisher Infizierten. Der größte Teil liegt in der Altersgruppe zwischen 40 und 59. Die meisten von ihnen haben sich das Virus beim Skifahren in Italien und Österreich geholt. Das Risiko, schwer zu erkranken, ist bei dieser Gruppe eher gering.

Dagegen ist die Zahl der Infizierten, die 70 Jahre und älter sind, noch relativ klein. Das könnte eine Erklärung sein, warum bisher die Krankheitsverläufe in Schweden weniger dramatisch sind als in anderen Ländern. Und noch eine Theorie macht die Runde. Anders als im Süden Europas lebten die Schweden doch eher in räumlicher Distanz zueinander. Mehrere Generationen seien nur selten unter einem Dach vereint. Und auch das südeuropäische Küsschen auf die Wange zur Begrüßung ist in Schweden eher unüblich.

Die relativ langsame Ausbreitung des Virus in Schweden könnte ein Beleg dafür sein, dass Anders Tegnell mit seiner defensiven Strategie nicht ganz falschliegt. Aber endgültig belegen lässt sich das erst nach dem Abflauen der Pandemie. Deshalb will auch Schweden vorsorgen und rüstet seine Krankenhäuser auf. Mithilfe des Militärs werden derzeit zwei Notlazarette für Corona-Infizierte errichtet. Eines davon entsteht in den Stockholmer Messehallen. Denn regulär gibt es in der schwedischen Hauptstadt nur 90 Intensivbetten. Im Ernstfall würde ein Vielfaches an Betten benötigt. Darauf will man vorbereitet sein.

Dass Schweden einen eigenen Weg geht, sieht man derzeit auch in den Wintersportgebieten des Landes. Fast überall in Europa ist der Skitourismus zum Erliegen gekommen. Auch im Nachbarland Norwegen wurde die Saison vorzeitig beendet. Doch in Schweden laufen die Liftanlagen weiter. Schließlich steht Ostern an. Da ist für viele der Urlaub in den Bergen fester Bestandteil. Nach den ersten Coronafällen im Wintersportort Åre stand nun aber auch ein vorzeitiges Saisonende in Schweden zur Diskussion. Aber so weit wollte die Gesundheitsbehörde dann doch nicht gehen. Gondelbahnen werden geschlossen. Die Skifahrer sollen beim Anstehen am Lift Abstand halten. In Restaurants und Hütten darf nur am Tisch gegessen oder getrunken werden. Aber ansonsten könne der Betrieb über Ostern weiterlaufen. Die Schweden gehen also weiter ihren eigenen Weg.


Aus: "Die Welt steht still. Nur Schweden nicht" Christian Stichler, Stockholm (24. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/coronavirus-schweden-stockholm-oeffentliches-leben/komplettansicht (https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/coronavirus-schweden-stockholm-oeffentliches-leben/komplettansicht)


"Schwedens Gelassenheit irritiert immer mehr"  (25.03.2020)
In Schweden herrscht trotz der Coronakrise fast Alltag. Die Regierung belässt es bei Appellen, Einschränkungen gibt es kaum. Das sorgt zunehmend für Kritik.
https://www.tagesspiegel.de/wissen/umgang-mit-der-coronavirus-pandemie-schwedens-gelassenheit-irritiert-immer-mehr/25681658.html

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tulum 25.03.2020, 18:38 Uhr

Die Schweden sind einfach realistischer als andere. Gerade die Deutschen neigen gerne dazu in Hysterie oder Panik zu verfallen. Der riesen Wirbel der hier politisch und medial gemacht wird ist Ausdruck dessen.


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KaiserVonChina 25.03.2020, 19:04 Uhr
Antwort auf den Beitrag von tulum 25.03.2020, 18:38 Uhr

    Die Schweden sind einfach realistischer als andere.

Genau. Nicht solche Memmen wie die Italiener oder Spanier.
Die machen ja nur, was die Medien wollen.


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[...] Diese Art der weltweiten Aufmerksamkeit schmeckt den eher zurückhaltenden Schweden so gar nicht. Das wird spätestens am Freitagmorgen deutlich, als in Stockholm hochrangige Mitglieder der Regierung vor die Presse treten. Eingeladen sind explizit ausländische Journalisten, denn die rot-grüne Minderheitsregierung von Premierminister Stefan Löfven möchte ein aus ihrer Sicht fehlerhaftes Bild korrigieren, das in anderen Staaten über Schweden in der Coronavirus-Krise entstanden ist.

Und so sagt Außenministerin Ann Linde: „Es ist ein Mythos, dass das Leben in Schweden so weitergeht wie gewöhnlich.“ Viele Bereiche der schwedischen Gesellschaft seien eingeschränkt und viele Unternehmen würden unter der aktuellen Situation leiden.

Und ihre sozialdemokratische Kollegin, Sozial- und Gesundheitsministerin Lena Hallengren, unterstreicht dies, wird aber zudem konkreter: „Ich muss feststellen, dass es das Bild gibt, dass Schweden in dieser Krise im Vergleich zu anderen Ländern radikal anders agiert. Ich teile diesen Eindruck nicht“, sagt sie.

Schweden habe in zwei Punkten anders gehandelt, sagt Hallengren: Zum einen seien die Schulen nicht geschlossen worden – Kindertagesstätten und Grundschulen sind geöffnet, an weiterführenden Schulen und Unis wird digital unterrichtet. Zum anderen, so die Ministerin, seien keine Regeln eingeführt worden, mit denen die Bürger gezwungen würden, zu Hause zu bleiben. Die Regierung habe sich mit Empfehlungen an die Bürger gewandt – und das sei erfolgreich gewesen.

Und dann, fast zeitgleich zu dem Moment, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in Berlin sagt, in Deutschland sei der Ausbruch „Stand heute - wieder beherrschbar und beherrschbarer geworden“, spricht der Chef der schwedischen Gesundheitsbehörde, Johan Carlson, indirekt den Punkt an, der vielleicht hinter der Irritation des Auslands über den „schwedischen Sonderweg“ steht.

Während zum Bespiel in allen anderen EU-Ländern das Alltagsleben weitgehend eingefroren ist – graduell mit Unterschieden wie in Deutschland, Frankreich oder Spanien – ist in Schweden auch im Gegensatz zu den Nachbarländern Dänemark und Norwegen eben doch noch einiges möglich. So sind beispielsweise Bars, Cafes und Restaurants unter Auflagen geöffnet und werden gut besucht, wie die ersten warmen Frühlingstage zeigten. Auch shoppen und Frisörbesuche sind weiter möglich, Versammlungen sind bis zu 50 Personen erlaubt. Carlson sagt dazu: „Während andere Länder den so genannten Lockdown gewählt haben und nun einen Weg finden müssen, wie die Gesellschaft wieder geöffnet wird, hat Schweden ein Modell, das über eine lange Zeit funktionieren kann.“ Und weiter: „Wir können so bis 2022 leben, wenn wir müssen.“ Ist Schweden am Ende vielleicht mindestens genauso erfolgreich bei der Bekämpfung des Coronavirus wie andere Länder, die schärfere Maßnahmen erlassen haben?

Dieser Ansicht sind längst nicht alle. In einem am Dienstag in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ (DN) veröffentlichten Artikel kritisierten 22 Forscher – darunter zehn Virologen und Epidemiologen – die Strategie der schwedischen Gesundheitsbehörden scharf. Sie kritisieren, die Fallsterblichkeit in Schweden sei deutlich höher als in den Nachbarländern Norwegen und Finnland, wo scharfe Restriktionen erlassen wurden, und bewege sich auf italienische Verhältnisse zu.

Zwischen dem 7. Und 9. April seien nach Angaben der Weltstatistikseite Worldometer in Schweden 10,2 Menschen pro eine Millionen Einwohner an den Folgen von Covid-19 verstorben. In Italien habe die Zahl bei 9,7, in Dänemark bei 2,9, in Norwegen bei 2,0 und in Finnland bei 0,9 gelegen. „In Schweden sterben also mehr als zehnmal so viele Menschen durch das Coronavirus wie in unserem Nachbarland Finnland“, schrieben die Wissenschaftler und Mediziner.

Sie riefen die Regierung daher dazu auf, mit „schnellen und radikalen Maßnahmen“ einzugreifen. Da auch Menschen ohne Symptome das Virus verbreiteten, müsse die soziale Distanzierung erhöht werden. „Schließt Schulen und Restaurants wie in Finnland“, lautete daher eine der Forderungen der Wissenschaftler. Auf die Kritik angesprochen, entgegnete Carlson am Freitag: „Haben Sie schon mal eine Frage erlebt, in der die Forschergemeinschaft vollständig einer Meinung ist?“ Und legte nach: „Es steht auch ein großer Teil Wissenschaftler hinter uns.“

Ein internationaler Vergleich der Zahlen ist, das ist inzwischen klar, nicht einfach und liefert mitunter ein verzerrtes Bild, da in den Ländern unterschiedlich viel getestet wird. Zudem werden Todesfälle international in den Statistiken anders erfasst.

Dies sind die Zahlen für Schweden: Am Freitagnachmittag gibt es in dem Land mit seinen 10,2 Millionen Einwohnern 13.216 bestätigte Infektionen. Ab Anfang März war die Zahl der neuen Infektionen stetig gestiegen; der vorläufige Höhepunkt wurde dann am 8. Und 9. April mit jeweils mehr als 700 neuen Fällen erreicht. Zuletzt gab es täglich weniger als 500 bestätigte Neuinfektionen.

Anders sieht es allerdings bei der Zahl der Toten aus, die deutlich angestiegen ist. Am Freitag wurden 1400 Todesfälle gemeldet, 67 mehr als am Vortag. Die meisten Toten gibt es in der Region der Hauptstadt Stockholm. Aber: Es gebe immer noch eine hohe Anzahl Verstorbener pro Tag, aber keine Steigerung mehr, eher eine Abnahme, teilte die Gesundheitsbehörde am Freitag mit, verwies aber auf noch mögliche Nachmeldungen von Fällen.

Beide Kennziffern, Neuinfektionen und Todesfälle, entwickeln sich parallel, aber zeitlich versetzt – wie der  „Spiegel“ berechnete um zehn Tage, weil an Covid-19 gestorbene Patienten im Schnitt nur zehn Tage vor ihrem Tod erstmals in die Infektions-Statistik aufgenommen wurden. Das bedeutet umgekehrt, dass der Höhepunkt der täglichen Coronavirus-Todesfälle in Schweden vielleicht an diesem Wochenende erreicht sein könnte.

Sollte sich der Trend fortsetzen und dies tatsächlich eintreffen, dürften sich Premier Löfven und der Staatsepidemiologe Anders Tegnell, der die Regierung berät, bestätigt fühlen. Tegnell zeigt sich bisher mit Blick auf die schwedische Kurve immer optimistisch. Das schwedische Gesundheitssystem und die besonders die Intensivstationen seien zwar stark belastet, aber nicht überlastet, betont er.

Auch Tegnell wehrt sich immer wieder gegen den Eindruck, Schweden gehe einen Sonderweg. Man habe agiert, wie andere Länder auch. Am 9. April sagte er: „Wir versuchen eigentlich, genau das Gleiche zu machen, haben aber akzeptiert, dass es nicht die Lösung ist, alles zu schließen. Wir schließen so viel wie möglich auf freiwilliger Basis und es sieht so aus, dass wir genauso weit gekommen sind, wie andere Länder.“

Fakt ist, die Regierung von Premier Löfven hat von Beginn an darauf gesetzt, dass die Schweden, die traditionell ein vergleichsweise großes Vertrauen in ihre Politiker haben, die Appelle von Regierung und Gesundheitsbehörde befolgen, die auch Tegnell in seinen täglichen Pressekonferenzen herunterbetet. Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Bürger den Kurs der Regierung stützt.

Folgende Empfehlungen und Einschränkungen gibt es unter anderem in Schweden:

    Die Bürger werden aufgefordert, soziale Kontakte zu minimieren
    Versammlungen mit mehr als 50 Personen sind seit Ende März verboten
    Unnötige Reisen sollen unterlassen werden
    Es gilt ein Einreiseverbot für Menschen aus Nicht-EU-Ländern
    Die international empfohlenen Abstandsregeln sollen eingehalten werden
    Regelmäßiges Händewaschen wird empfohlen
    Homeoffice wird dringend empfohlen. Wer Symptome verspürt, soll auf keinen Fall zur Arbeit gehen
    Ältere sollen besonders geschützt werden. Besuch in Alten- und Pflegeheimen ist seit Anfang April untersagt.
    Menschen, die älter als 70 sind, und Personen mit Vorerkrankungen sollen zu Hause bleiben

Zudem gilt ab Samstag ein neues Gesetz, mit dem die Regierung bei Bedarf umgehend scharfe Maßnahmen wie Ausgangssperren und die Schließung von Restaurants und Geschäften anordnen kann, ohne vorherige Zustimmung des Reichstags. Das Gesetz gilt zunächst bis Ende Juni.

Gesundheitsministerin Hallengren kündigte am Freitag zudem an, dass Schweden die Coronavirus-Testkapazitäten drastisch hochfahren werde. Angestellte in Schlüsselberufen wie Polizisten und Feuerwehrleute sowie Menschen mit starken Symptomen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen sollen in den kommenden Wochen vorrangig auf das Virus getestet werden.

Die Testkapazitäten sollten schon bald auf 50.000 bis 100.000 Tests pro Woche ausgeweitet werden, sagte Hallengren. Bislang wurden demnach landesweit 75.000 Menschen auf den Erreger Sars-Cov-2 getestet.

Die staatliche Gesundheitsbehörde erklärte, zur Erhöhung der Testkapazitäten sollten in den kommenden Wochen Arbeitgeber verpflichtet werden, Test-Kits an ihre Angestellten auszugeben und so Proben einzusammeln. Zudem sollten auch Privatunternehmen zur Auswertung der Tests herangezogen werden.

Auch Premier Löfven äußerte sich zum Wochenende noch einmal öffentlich. Er hatte seine Landsleute wiederholt aufgefordert, die Pandemie ernst zu nehmen, auch in einer für Schweden ungewöhnlichen Rede an die Nation im Fernsehen. Der Zeitung DN hatte er zudem gesagt, Schweden müsse mit Tausenden Toten rechnen. Da sei nun der Fall, sagte er am Freitag. „Das ist nicht überraschend, aber unglaublich traurig. Hinter jeder Zahl stecke ein Mensch", sagte der Premier.

Löfven, der zuletzt in einem Interview eingestanden hatte, dass sein Land wie andere auch nicht auf eine derartige Pandemie wie das Coronavirus vorbereitet gewesen sei, dankte allen Mitarbeitern im Gesundheitssystem und betonte, im Kampf gegen das Virus werde „Geld kein Problem sein“.

Dann ging er auf eines der größten Probleme Schwedens in der Coronavirus-Krise ein: die Alten- und Pflegeheime. Offiziellen Angaben zufolge werden ein Drittel aller Todesfälle aus solchen Einrichtungen gemeldet, wie die Zeitung DN schreibt.. An vielen Orten herrscht Personalmangel. „Die Anstrengungen unsere älteren Mitbürger zu schützen, müssen intensiviert werden“, sagte Löfven. Es sei entscheidend, dass sich Angehörige weiter an das Besuchsverbot hielten. „Ich verstehe, dass das schwer ist. Es ist natürlich frustrierend seine Lieben in so einer schweren Zeit nicht besuchen zu können. Aber es ist überlebenswichtig.“


Aus: "Liegt Schweden am Ende doch richtig?" Sven Lemkemeyer (18.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/kampf-gegen-das-coronavirus-liegt-schweden-am-ende-doch-richtig/25750526.html (https://www.tagesspiegel.de/wissen/kampf-gegen-das-coronavirus-liegt-schweden-am-ende-doch-richtig/25750526.html)

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betroffener72378 17.04.2020, 22:00 Uhr
Italien, New York usw. waren auch so selbstsicher wie Schweden jetzt noch ist. Allerdings ist Schweden in weiten Teilen sehr ländlich geprägt, so dass zumindest dort das Virus es bei Einhaltung der Warnungen schwer haben kann.

Das Problem sind Städte wie Stockholm.


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minimal 17.04.2020, 20:46 Uhr

Auch wenn Tegnell es abstreitet, an einer „Herdenimmunität“ zu arbeiten, wie es die britische Regierung tat, bevor sie ihren Kurs drastisch korrigierte, sagt er doch, eine etwaige Immunität möglichst großer Teile der Bevölkerung sei der Schlüssel im Kampf gegen das Coronavirus. Ein Lockdown kommt in Schweden weiter nicht infrage, auch wenn inzwischen einige Maßnahmen verschärft wurden.

Tegnell sagte am Donnerstag in einer Debatte im norwegischen Fernsehen, mathematischen Modellen zufolge sei es möglich, dass in Stockholm bereits im Mai Anzeichen für eine Herdenimmunität zu sehen sein könnten.
Die Infektionen in jedem dritten Altenheim und die hohe Sterblichkeit findet Tegnell „bedauerlich“.

Viele Schweden sind von den Argumenten des Staatsepidemiologen Tegnell überzeugt. Noch! Aber gleichzeitig wächst die Kritik von Wissenschaftlern an den umfassenden Kompetenzen, die die Volksgesundheitsbehörde innehabe. Es gebe keinen Minister, der die Behörde und somit auch
Staatsepidemiologe Tegnell kontrolliere.
Schwedische Ärzte beschwerten sich zudem öffentlich. So sollen langärmelige Kleidung und Gesichtsmasken nicht in allen
Phasen der Behandlung von Corona-Erkrankten Pflicht sein. „Es fühlt sich an, als würden wir geopfert“, zitierte die Zeitung Dagens Nyheter einen Stockholmer Arzt.

Die bisherige Vorgehensweise bedeutet, dass eigentlich niemand hier weiß, wie massiv und wie rasch die Ansteckung in Schweden vonstatten geht und wie viele Opfer sie noch kosten wird.. Gesundheitsministerin Lena Hallengren wollte zuletzt nicht
ausschließen, dass Schweden „auf eine medizinische Katastrophensituation zusteuern“ könnte.


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eismann872 17.04.2020, 20:29 Uhr

Ich finde den Ansatz, den Bürger für vernunftbegabt zu halten, besser als Verbote. Entspricht mehr meiner Denkweise.


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Genesis11 17.04.2020, 19:52 Uhr
Das schwedische Modell hat nur einen Haken: hinterher ist es zu spät!
Die Übertragbarkeit des schwedischen Modells hat einen anderen Haken: funktioniert das was in Schweden mit Schweden geht auch auf Mallorca, Ibiza oder Ischgl?


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[...] Schweden geht während der Corona-Krise einen Sonderweg. Anders als im Rest von Europa gibt es dort keine strikten Maßnahmen. Hat Schweden damit am Ende recht?

Bislang geht Schweden im Gegensatz zu seinen skandinavischen Nachbarn sowie dem Großteil Europas deutlich freizügiger mit den Beschränkungen im Kampf gegen die Corona-Krise um. Die Maßnahmen sind lockerer.

Zahlen der Corona-Infizierten und Toten in Schweden

In Schweden leben rund 10,2 Millionen Menschen. Nach Angaben der Johns Hopkins Universität, Stand 4. Mai, 7.25 Uhr Uhr, sind:

    22.318 Menschen an Covid-19 erkrankt.

    2.679 Menschen in Schweden bislang am Coronavirus gestorben.

    1.005 Menschen gelten, Stand 4. Mai, 7.25 Uhr, als geheilt.

Das geht aus Zahlen der Johns-Hopkins-University hervor, die im Internet in einer interaktiven Karte veröffentlicht werden.

Corona-Reproduktionszahl in Schweden unter 1,0 gesunken
Update vom 04.05.

Die Zahl neuer Corona-Ansteckungen geht nach Angaben der nationalen Gesundheitsbehörde in Schweden zurück. Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell bestätigte im Gespräch mit dem Sender SVT, dass die sogenannte Reproduktionszahl seit einigen Tagen unter 1,0 liege. Dies besagt, dass ein mit dem neuartigen Coronavirus infizierter Schwede durchschnittlich weniger als einen weiteren Schweden ansteckt. „Das bedeutet, dass die Pandemie allmählich abebben wird“, erklärte Tegnell.Eine Zusammenstellung der schwedischen Gesundheitsbehörde zeigt, dass die Reproduktionsrate im Land seit dem 10. April relativ stabil bei rund 1,0 lag. Am 1. April hatte sie demnach noch 1,40 betragen, am 25. April - dem letzten bislang veröffentlichten Wert - nach mehrtägigem Rückgang nur noch 0,85.

Vergleichsweise hohe Todesrate in Schweden
Update vom 03.05.

Schweden geht in der Corona-Krise seinen eigenen Weg. Allerdings ist die so genannte Corona-Inzidenz, also die Zahl der Virus-Infektionen oder der Covid-19-Todesfälle pro 100.000 Einwohner relativ hoch. Laut N-TV hat Schweden mit seinen 10,3 Millionen Einwohnern auf die Bevölkerungszahl gerechnet inzwischen zeitweise mehr registrierte Infektionsfälle als Deutschland. Bei den Todesfällen ist die Zahl pro Einwohner sogar mehr dreimal so hoch. In Skandinavien hat Schweden die höchste Opferzahl und auch auch die höchsten Fall- und Todesfall-Inzidenzen. In Schweden beträgt demnach der Todesfall-Anteil 12,3 Prozent der Infektionen. In Dänemark sind es dagegen nur rund 4,8 Prozent, und in Norwegen etwa 2,7 Prozent.

Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell gesteht Fehlprognosen ein
Update vom 30.04.

Anders Tegnell ist Schwedens Chef-Virologe. Im Gegensatz zu vielen anderen Virologen hatte er Schweden zu den lockeren Corona-Maßnahmen geraten, immer eine Herdenimmunität befürwortet und über strengere Maßnahmen im Rest der Welt regelmäßig den Kopf geschüttelt. Im schwedischen Fernsehen gab er jedoch nun zu, sich geirrt zu haben. In der Sendung „Aktuell“ konfrontierte man ihn mit seinen früheren Prognosen. Diese hatten sich sich später als falsch herausgestellt haben.

Tegnell hatte ncoh im Januar gesagt, dass das Virus sich niemals ausbreiten und in Wuhan nicht verlassen würde. Nun sagt er zu seiner Verteidigung: „Ich war nicht der einzige, der sich geirrt hat.“

Auf die Frage, ob er eine seiner Einschätzungen bereut, antwortete er: „Man hätte Senioren in Alten- und Pflegeheimen früher schützen müssen. Aber wir haben keine Kristallkugel, in der wir in die Zukunft schauen können.“

Update vom 29.04.

In Schweden sind inzwischen mehr als 20.000 Menschen an Covid-19 erkrankt. Mehr als die Hälfte ist in oder rund um die Hauptstadt Stockholm verzeichnet.

Update vom 29.04.

Der Fahrzeughersteller Volvo Cars will in seiner schwedischen Heimat über Tausend Stellen abbauen. Die Positionen von 1300 Angestellten werden gestrichen, wie der Autobauer am Mittwoch mitteilte. Darüber hinaus werde die Zahl der Berater um etwa 300 verringert, sagte Konzernchef Håkan Samuelsson im schwedischen Radio. Damit wolle man die Kosten senken und das Geschäft neu ausrichten, erklärte Volvo. Auch die Coronavirus-Pandemie habe zu dem Entschluss beigetragen. „Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft mehr als wir anfangs angenommen haben“, sagte Samuelsson.

... Update vom 26.04.

Bislang haben in Schweden Gaststätten geöffnet. Immer wieder kam es jedoch zur Missachtung der Empfehlungen im Kampf gegen das Coronavirus. Schwedens Regierung drohte den bislang geöffneten Gaststätten in Stockholm deshalb mit der Schließung. Restaurants und Straßencafés in der Hauptstadt sollten intensiver überprüft werden, ob sie die Empfehlungen der nationalen Gesundheitsbehörde einhielten, sagte Innenminister Mikael Damberg am Freitag auf einer Pressekonferenz.

Am Wochenende sind in Stockholm nun mehrere Bars und Restaurants wegen Verstößen gegen die Corona-Richtlinien vorübergehend von den Behörden geschlossen worden. In den fünf dicht gemachten Lokalen seien die Vorgaben für den Abstand zwischen den Gästen missachtet worden, begründete der Chef der Gesundheitsdienste der schwedischen Hauptstadt, Per Follin, am Sonntag die Maßnahme.Trotz vorheriger Inspektionen und der Möglichkeit zur Korrektur hätten die Betreiber der Lokale die Vorschriften und Empfehlungen der schwedischen Gesundheitsbehörde zum Kampf gegen die Corona-Verbreitung nicht erfüllt, teilte die Region Stockholm am Sonntagabend mit. Die Schließungen hätten vor allem mit dem Gedränge sowohl im Lokal als auch davor zu tun. Die Lage im Gesundheitswesen sei extrem angespannt, weshalb die Ausbreitung des Coronavirus abgebremst werden müsse.

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Aus: "Corona Schweden aktuell: Corona-Reproduktionszahl in Schweden sinkt unter 1, Todesrate ist aber hoch - So ist die Lage" Diana Prutzer mit dpa/afp/sid (04. Mai 2020)
Quelle: https://www.swp.de/panorama/Schweden-Corona-Umgang-locker-Kindergaerten-Schulen-und-Restaurants-sind-offen-Einreise-Skigebiete-Infizierte-Altersheime-kein-Besuch-45079758.html (https://www.swp.de/panorama/Schweden-Corona-Umgang-locker-Kindergaerten-Schulen-und-Restaurants-sind-offen-Einreise-Skigebiete-Infizierte-Altersheime-kein-Besuch-45079758.html)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 25, 2020, 01:16:59 PM
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[...] Der brasilianische Präsident Bolsonaro hat die Gefahren durch das Coronavirus erneut heruntergespielt. In einer Fernsehansprache warf er den Medien vor, Panik zu verbreiten. Er kritisierte das Vorgehen einiger Provinzen, die aus seiner Sicht unnötigerweise Schulen und Geschäfte geschlossen und Ausgangssperren verhängt hätten. Man biete dem Virus die Stirn, und es werde schnell vorbei sein, sagte Bolsonaro. Das Leben müsse weitergehen, und die Arbeitsplätze müssten erhalten bleiben. Zugleich meinte er jedoch, die Brasilianer sollten darauf achten, dass sie Eltern oder Großeltern nicht mit dem Virus anstecken.

Er selbst müsste sich in diesem Fall wegen seiner Vergangenheit als Sportler keine Sorgen machen, meinte Bolsonaro. Er würde nichts spüren oder, wenn es ihn sehr schwer treffen würde, wäre es wie eine kleine Grippe. – In Brasilien gab es bis gestern 2.200 Infektionen mit dem Virus und 46 Tote.

... Weltweit verfolgen die Länder sehr unterschiedliche Strategien. Die zentrale Frage ist: Was hilft gegen das Coronavirus? „Herdenimmunität“ oder „Shutdown“?

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Aus: "Brasiliens Präsident Bolsonaro wirft Medien wegen Coronavirus Panikmache vor" (25. März 2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-brasiliens-praesident-bolsonaro-wirft-medien-wegen.1939.de.html?drn:news_id=1113965 (https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-brasiliens-praesident-bolsonaro-wirft-medien-wegen.1939.de.html?drn:news_id=1113965)

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[...] Lange hatte Brasiliens ultrarechter Präsident Jair Bolsonaro Warnungen vor dem Coronavirus als Hysterie abgetan und damit landesweite Proteste ausgelöst. Bolsonaro beschwichtigt immer noch. Trotzdem hat er inzwischen den Notstand erklärt. Vergangenen Freitag verabschiedete das Parlament ein Gesetzesdekret, das Finanzmittel zur Bekämpfung der Pandemie freigibt.

Die Regierung beschloss eine Quarantäne von sieben Tagen sowie Einschränkungen beim Flugverkehr, alle Grenzen sind dicht, Schulschließungen werden erwogen. Einigen Städten und Regionen geht das nicht weit genug, weshalb sie einen schärferen Kurs fahren und weitgehende Ausgangssperren verkündeten. Auch in den Armenvierteln des Landes haben Drogenbanden und Milizen aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus Ausländern den Zugang untersagt und Quarantäne über die Bewohner verhängt. Der Fußballbetrieb ist unterbrochen. Zwölf der 20 Klubs der ersten brasilianischen Liga haben ihre Stadien für die Behandlung von Covid-19-Patienten bereitgestellt.

Das Coronavirus ist in Lateinamerika im Vergleich zu Europa mit einem gewissen zeitlichen Abstand aufgetreten. Derweil haben aber alle Länder des Kontinents Infektionen bestätigt, zuletzt verkündete Haiti vergangenen Donnerstag die ersten beiden Fälle.

Brasilien traf es als Erstes – und bisher am stärksten: Die Zahl der Todesfälle ist dort laut den aktuellsten Zahlen der Regierung auf 46 gestiegen, jene der bestätigten Infektionen auf 2201. Doch Bolsonaro fürchtet vor allem die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen im Kampf gegen das Virus, das er wiederholt als "Fantasie" und "kleine Grippe" abgetan hat. In einer Ansprache an die Nation forderte er am Dienstag die Bürgermeister der abgeriegelten Städte Rio de Janeiro und São Paulo auf, "zur Normalität zurückzukehren". Doch Brasilien ist auf einen größeren Ausbruch nicht vorbereitet. Das Gesundheitsministerium fürchtet, dass das Gesundheitssystem Ende April unter dem Druck der Krankheitswelle zusammenbrechen könnte.

Auch in Mexiko, wo der linksgerichtete Präsident Andrés Manuel López Obrador die Corona-Krise ebenfalls nicht als solche einstuft, dürften die Krankenhäuser laut Berechnungen des Latin America Risk Report des Beratungsunternehmens Hxagon binnen vier Wochen kollabieren, wenn die Zahl der Infektionen weiter steigt. Der Präsident stellte deshalb landesweit zehn Spitäler unter militärische Kontrolle. Am Montag schlossen erstmals Kirchen, Kinos und Bars. Zehn von zwölf Autoherstellern in Mexiko, dem weltweit viertgrößten Autoexporteur, machten ihre Fabriken zu.

Die meisten lateinamerikanischen Länder setzen seit spätestens Ende vergangener Woche auf schärfere Aktionen. In Argentinien gilt seit Freitag eine allgemeine Ausgangssperre. In Chile wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Panama und Kolumbien setzten alle internationalen Flüge aus. Peru, Honduras, El Salvador veranlassten Direktzahlungen an die Ärmsten. Ecuador regelt Ausgangsgenehmigungen elektronisch und staffelt Ausgabetermine für Desinfektionsmittel.

Am schnellsten und rigorosesten reagierte Venezuela, wo das Gesundheitssystem schon mit der Normalsituation überfordert ist: In vielen Spitälern mangelt es selbst an Seife und fließendem Wasser. Es gilt daher eine Ausgangssperre, ohne Mundschutz darf niemand auf die Straße.

In der einen oder anderen Form verschärften also alle Staaten Lateinamerikas ihre Maßnahmen – bis auf Nicaragua: Der autoritär regierende Präsident Daniel Ortega hat weder Schulen noch Geschäfte schließen lassen, Fußballspiele finden weiterhin statt. Personen, die aus Ländern "mit aktiver Ansteckung" nach Nicaragua einreisen, wird eine zweiwöchige häusliche Quarantäne nahegelegt. (Anna Giulia Fink, 25.3.2020)


Aus: "Wie nun auch Lateinamerika die Maßnahmen gegen Corona verschärft" Anna Giulia Fink (25. März 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116162294/wie-nun-auchlateinamerika-die-massnahmen-gegen-corona-verschaerft (https://www.derstandard.at/story/2000116162294/wie-nun-auchlateinamerika-die-massnahmen-gegen-corona-verschaerft)

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"Brasilien: Corona bringt Bolsonaro in Bedrängnis" Michael Vosatka (1. April 2020)
Gerichte kassieren Entscheidungen von Brasiliens rechtem Präsidenten, Twitter und Facebook löschen seine Postings. Nun droht auch noch die Amtsenthebung. ... Er zweifelt den Sinn von Isolationsmaßnahmen an und gerät nun selbst immer mehr in Isolation: Brasiliens Präsident Jair Messias Bolsonaro sieht sich wegen seines wenig restriktiven Kurses in der Corona-Krise mit immer mehr Widerstand in Brasilien konfrontiert. Gouverneure rufen öffentlich zu seiner Missachtung auf, die Zustimmung für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren steigt, während Bolsonaros Umfragewerte sinken. Der Präsident kritisiert seit Beginn der Epidemie immer wieder die von Behörden gesetzten Maßnahmen. Dies sei eine Politik der "verbrannten Erde", erklärte er vor einigen Tagen, nachdem in der größten Stadt des Landes, São Paulo, eine Ausgangssperre verhängt worden war. Immer wieder bezeichnete Bolsonaro die Sorgen um die Ausbreitung des Virus als "Hysterie" und schalt die Medien wegen Panikmache vor der "gripezinha", der "kleine Grippe", die die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19 sei. Der Präsident befürchtet schwere Schäden für die Wirtschaft des Landes und sperrt sich daher gegen Ausgangsbeschränkungen. Vergangene Woche leitete die Regierung verschiedene milliardenschwere Maßnahmen zur Abfederung der Wirtschaftskrise in die Wege. Mehreren Gouverneuren, die in ihren Bundesstaaten Ausgangssperren verfügt hatten, warf Bolsonaro vor, Brasilien wirtschaftlich zu ruinieren und soziales Chaos zu verursachen. ...
https://www.derstandard.at/story/2000116359354/corona-bringt-bolsonaro-in-bedraengnis
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 25, 2020, 05:15:20 PM
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[...] In den USA haben sich der Kongress und das Weiße Haus auf das größte staatliche Rettungspaket für die Wirtschaft in der Geschichte der Vereinigten Staaten geeinigt. Mit zwei Billionen Dollar – in Zahlen: 2.000.000.000.000 Dollar – wollen Regierung und Parlament die ökonomischen Folgen der Coronavirus-Krise mildern und eine tiefe, langanhaltende Rezession verhindern.

Der Einigung ging allerdings ein tagelanger parteipolitischer Streit voraus, der die Börsen erst weltweit auf Talfahrt schickte. Und der dann wiederum ein signifikanter Sprung nach oben folgte, als sich ein Kompromiss zwischen den Republikanern um Präsident Donald Trump und den Demokraten abzeichnete. Ohne deren Zustimmung konnte das Parlament die Hilfe nicht beschließen. Die Abläufe führen zu unangenehmen Fragen und Erkenntnissen.

Die USA gelten, erstens, in weltwirtschaftlichen Fragen offenbar immer noch als die globale Führungsnation. Daran hat sich augenscheinlich wenig geändert, auch wenn China und die Europäische Union von ihrem BIP her ähnlich große Wirtschaftsblöcke sind. Weder der Ausbruch der Pandemie in China und ihr Verlauf dort haben solche Kurssprünge ausgelöst, noch der Schock, als das Virus nach Europa übersprang und mehrere EU-Staaten die Liste der am härtesten getroffenen Staaten anführten.

Zweitens stellt sich erneut die Frage nach der Krankheit des politischen Systems der USA mit aller Schärfe. Warum waren die politisch Verantwortlichen selbst in einer so existenziellen Bedrohung nicht in der Lage, ihre Lagerspaltung und ihre ideologischen Grabenkämpfe rascher zu überwinden? In vielen anderen Demokratien können und konnten sich Regierungs- und Oppositionsparteien zügiger auf einen gemeinsamen Kurs einigen.

Das hat gewiss auch mit dem irrlichternden Präsidenten zu tun, aber nicht allein. Die Unversöhnlichkeit war auch schon erschreckend, bevor Trump ins Weiße Haus einzog. Schon unter seinen Vorgängern wurden immer wieder Staatsausgaben blockiert, gab es Zwangsschließungen von Behörden und öffentlichen Einrichtungen, weil der Haushalt nicht rechtzeitig verabschiedet oder die Schuldengrenze nicht früh genug angehoben wurde.

Eine Differenzierung ist im aktuellen Streit freilich wichtig. Republikaner und Demokraten stritten diesmal nicht darum, ob das Rettungspaket richtig sei. Da waren sie sich einig. Das war in der globalen Finanzkrise noch anders, als es um die Rettung von Banken und Autokonzernen ging.

Sie stritten um das Wie: Wem soll die Hilfe in erster Linie zugute kommen? Und wer entscheidet über die Verteilung der Gelder? Drei bis vier Millionen Amerikaner haben bereits ihre Jobs verloren. Viele Millionen mehr werden ihre Arbeit in den kommenden Wochen verlieren.

Die Republikaner wollten den Schwerpunkt bei der Hilfe für die Airlines und andere Wirtschaftskonzerne setzen, wohl auch in der Hoffnung, dass die dann weniger Menschen entlassen. Die Demokraten forderten mehr Direkthilfe an Privathaushalte und an die Stellen und Firmen, die das Gesundheitssystem am Laufen halten.

Da zeigt sich erneut der tiefe ideologische Graben. In Europa besteht weitgehender Konsens über das Gesellschaftsmodell, die soziale Marktwirtschaft. Die wird rundum unterstützt, egal ob die Parteien sich konservativ, progressiv oder liberal nennen. In den USA wird der Streit um die Weltanschauung bis heute in aller Härte ausgetragen.

Die Demokraten wollen eher einen fürsorgenden Staat, wenn auch nicht so fürsorgend wie in Europa; das geht auch ihnen zu weit. Die meisten Republikaner setzen mehr auf die Eigenverantwortung der Bürger und einen kaum gebremsten Kapitalismus.

Der andere Streitpunkt betraf die simple Machtfrage. Wer entscheidet über die Verteilung der Staatsgelder: die Regierung oder das Parlament, dessen wichtigstes Instrument der Budgetvorbehalt ist, also die Bewilligung von Staatsausgaben? Die Regierung Trump wollte weitgehende Handlungsfreiheit. Das wäre aber wohl auch nicht anders gewesen, wenn jetzt ein Demokrat Präsident wäre.

Der Teil des Parlaments, der nicht zur Regierungsfraktion gehört, wollte der Exekutive enge Vorgaben machen. Derzeit sind das die Demokraten; doch auch dies wäre unter umgekehrten Vorzeichen wohl ganz ähnlich gewesen.

Die beiden Lager haben sich am Ende geeinigt. Dazu hat, drittens, auch beigetragen, dass sich die Wahrnehmung der Gefahren durch die Coronavirus-Krise verändert. Anfangs ging es vor allem um ein Ziel: eine exponentielle und damit nicht mehr beherrschbare Ausbreitung des Virus zu verhindern. Daher die Kontaktsperre.

Inzwischen warnen viele, dass die wirtschaftlichen Schäden mindestens so gravierend, wenn nicht größer seien als die medizinischen. Die Therapie – Herunterfahren der Wirtschaft durch Kontaktsperre – darf nicht schlimmer sein als die Krankheit selbst. Und dagegen helfen vorerst nur Rettungspakete. In den USA hat jedoch quälend lange gedauert bis zur Einigung auf das Hilfsprogramm Kein gutes Vorzeichen für den weiteren Umgang mit der Coronavirus-Krise. Und in deren Zentrum könnten die USA schon in den nächsten Wochen rücken, warnt die Weltgesundheitsorganisation WHO.


Aus: "Die Coronavirus-Krise zeigt die Krankheit des US-Systems" Christoph von Marschall (25.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/streit-um-rettungspaket-fuer-wirtschaft-die-coronavirus-krise-zeigt-die-krankheit-des-us-systems/25679608.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/streit-um-rettungspaket-fuer-wirtschaft-die-coronavirus-krise-zeigt-die-krankheit-des-us-systems/25679608.html)

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[...] Im zweiten Teil des „Faust“ wirft der Weimarer Finanzminister Goethe einen frühen Blick in die virtuelle Welt. Ihr Medium ist die Notenpresse, angeworfen von Mephistopheles und Faust mit dem Versprechen, die maroden Finanzen des Kaisers zu sanieren. Der ahnt Frevel, ungeheuren Trug. Doch so sehr’s ihn wundert, lässt er’s gelten. Bodenschätze sind der in Aussicht gestellte Gegenwert, und so wird dem liebenden Einsiedlerpaar Philemon und Baucis langsam der Boden unter den Füßen weggegraben. Geld ist für Goethe eine dynamische und teils irrationale Gewalt.

Die Zentralbanken wollen nun als Antwort auf das Coronavirus massiv neues Geld in die Märkte pumpen. Die amerikanische Notenbank hat den Kauf von Schuldpapieren von Unternehmen im Wert von bis zu einer Billion Euro angekündigt. Die Europäische Zentralbank will für 750 Milliarden Euro zusätzlich Staatsanleihen kaufen, was die angeschlagene Wirtschaft und die Staatsfinanzen etwa Italiens stabilisieren soll. Allgemein beraten die europäischen Zentralbanken darüber, wie sie Staatsanleihen für private Investoren attraktiv halten können. Denn nach Unionsrecht dürfen sie das Geld nicht direkt dem Staat leihen, der damit stärker in die Abhängigkeit von Investoren gerät.

Es sind heute wieder Summen im Spiel, wie man sie aus der Finanzkrise kennt. Damit verschärft sich ein spätestens seit der Finanzkrise wahrgenommenes Problem: der wachsende Abstand zwischen Real- und Finanzwirtschaft. Schon in den vergangenen zehn Jahren hat sich die von der Europäischen Zentralbank gemessene offizielle Geldmenge mehr als verdoppelt, ohne dass die Wirtschaft im gleichen Zug gewachsen wäre. Vielmehr hat sich das Verhältnis umgekehrt. Betrug die globale Geldmenge 1960 noch rund 51 Prozent der Wirtschaftsleistung, so waren es 2018 schon rund 125 Prozent, mit steigender Tendenz. Das Übermaß der Geldmenge ist ein Pfand auf die Zukunft. Es muss abgearbeitet werden durch weitere Investition und Produktion, die günstigenfalls naturfreundlich und klimaneutral sind.

Dass die Geldschöpfung eine untergeordnete Rolle in der Wirtschaftswissenschaft spielt, wie der Ökonom Mathias Binswanger kritisiert, hört man angesichts ihrer großen politischen und sozialen Folgen mit Erstaunen. In dem Portal Soziopolis nehmen sich jetzt die Sozialwissenschaftler Friedo Karth, Carolin Müller und Aaron Sahr der Geldschöpfung mit einer dreiteiligen Serie an. Leitmotiv ist die monetäre Souveränität: Hat der Staat noch die Kontrolle über die Geldmenge, die zu den Merkmalen seiner Souveränität gehört?

Für die Geldschöpfung braucht man heute keine Notenpresse mehr. Es reicht der Eintrag in der Bilanz. Welche Risiken damit einhergehen, wurde in der Finanzkrise schmerzhaft deutlich, die das Ergebnis eines Handels mit leeren Versprechen war, den toxischen Derivaten. Zur allgemeinen Überraschung erklärte die Wirtschaftswissenschaft damals, die Rolle der Bank kaum erforscht zu haben, da sie im neoklassischen Marktmodell, das Geld als neutralen Mittler versteht, nur eine Nebenrolle spiele.

Geld, lautet die Annahme, ist immer da und in erwünschter Menge. Faktisch ist das richtig, wie die Autoren zeigen, denn die Zentralbanken, die theoretisch über das Monopol der Geldschöpfung verfügen, haben kein Mandat, das Real-Geld zurückzuhalten, wenn Privatbanken es von ihr fordern. Illusionär ist damit die Annahme geworden, die Zentralbanken und der Staat würden die Geldschöpfung weiter kontrollieren und so lenken, dass sie in einem ausgewogenen Verhältnis zur Realwirtschaft steht. Die Menge des Bargelds, also des staatlich geschaffenen Geldes, liegt in Deutschland heute bei neun Prozent. Der Rest ist von Banken, also privat geschaffenes Geld.

Das alles ist kein Geheimnis, trotzdem hat sich weithin die Ansicht gehalten, der Staat habe die Geldschöpfung in der Hand. Als Facebook im vergangenen Jahr mit der Privatwährung Libra zum Angriff auf das staatliche Geldmonopol blies, versandte Olaf Scholz einen entrüsteten Tweet: „Die Herausgabe einer Währung gehört nicht in die Hände eines Privatunternehmens, denn sie ist ein Kernelement staatlicher Souveränität.“

Dem Finanzminister war entgangen, dass der überwiegende Teil der Geldschöpfung längst in der Hand privater Banken liegt. Mit diesem Irrtum steht er nicht allein. Die Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaften, so die Autoren, haben den Souveränitätsverlust der Staaten über die Geldschöpfung erst teilweise nachvollzogen. Souverän wären sie, wenn jede Kreditvergabe durch Zentralbankgeld gedeckt wäre, was den Autoren zufolge der Realität nicht entspricht.

Eine besondere Situation besteht in der Eurozone, in der die Mitgliedstaaten vertraglich zum Verzicht auf eigene Geldschöpfung verpflichtet sind. Die Staaten müssen ihre Zahlungsfähigkeit über den Privatmarkt sicherstellen, erst im zweiten Schritt darf die jeweilige Zentralbank die Schulden von den Investoren aufkaufen. Die Kompetenz zu eigener Geldschöpfung hat sie nicht. Im Normalbetrieb ist das unproblematisch, weil Staaten als sichere Schuldner gelten und ihre Anleihen ausreichend nachgefragt werden. Griechenland brachte diese Regelung dagegen in der Euro-Krise an den Rand der Insolvenz, was nur durch die Schaffung eines Rettungsschirms abgewendet werden konnte – jenseits demokratischer Verfahren.

Die von Olaf Scholz reklamierte geldpolitische Souveränität ist also auch im europäischen Maßstab eine Fiktion. Das mag sein Gutes haben, verbietet es den Staaten doch eine maßlose Schuldenwirtschaft über die Druckerpresse. Den Autoren nach hat es aber auch den Nachteil, dass sie bei Investitionen über das SteuerBudget hinaus zunächst der Profit-Logik des Marktes gehorchen müssen und dass eine kleine Gruppe von Kapitaleigentümern durch die privatwirtschaftliche Geldschöpfung überproportional belohnt werde. Mit dem Coronavirus zeichnet sich jetzt eine Wiederholung der Euro-Krisen-Erfahrung ab: dass staatliche Anleihen bestimmter Länder für den Privatmarkt nicht mehr attraktiv sind, diese Länder aber nicht aus eigener Kraft für ihre Solvenz sorgen können.

Wir fahren auf Sicht, lautete die Antwort der Bundesregierung auf die Finanzkrise. Damals wurde an den Parlamenten vorbei ein Schutzsystem aufgebaut, das politisch keinesfalls eine neutrale Rolle spielt. Zentraler Akteur ist die Europäische Zentralbank, die mit dem massiven Aufkauf von Staatsanleihen (bisher 2,6 Billionen Euro) und ihrer Niedrigzinspolitik ihr Mandat überdehnt und eine (wirtschafts-)politische Funktion übernimmt.

So basiert die Geldpolitik der Europäischen Union auf einer versteckten Umschuldung durch demokratisch nichtlegitimierte Akteure anstelle eines transparenten und geordneten Systems. Das bewirkt einen deutlichen Verlust an politischer Souveränität und demokratischer Legitimität für die Mitgliedstaaten, mit den bekannten Nebenwirkungen: Verlust von Sparguthaben, Immobilienkrise, Parlamentarismuskritik, EU-Kritik.

Mit der Finanzkrise ist die Bewegung der Vollgeldreformer entstanden, die das Monopol auf Geldschöpfung wieder in die Hände des Staates legen will. Ob auf diese Weise der unvorhersehbare und flexible Finanzbedarf in kapitalistischen Wirtschaften gedeckt werden kann, mag man bezweifeln. Die Alternative zur privaten Geldschöpfung wäre eine Stärkung der Zentralbanken und der Regierungen bei der Geldschöpfung, aber auch hier stellt sich die Frage, ob diese Entscheidung zentralisiert werden sollte. Die Forderung der Autoren nach einer offenen Debatte ist jedenfalls berechtigt, wenn Geldpolitik nicht im Krisenreaktionsmodus betrieben werden soll.


Aus: "Mechanismen der Geldschöpfung : Die stillen Regenten des Geldes" Thomas Thiel (25.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/hoersaal/geldschoepfung-in-der-corona-krise-wer-profitiert-davon-16693400.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 (https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/hoersaal/geldschoepfung-in-der-corona-krise-wer-profitiert-davon-16693400.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 25, 2020, 05:19:11 PM
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[...] Weil Ethanol zur Herstellung von Desinfektionsmitteln knapp wird, suchen die Produzenten nach zusätzlichen Bezugsquellen. Dabei sind auch die Spirituosenhersteller gefragt: Das Familienunternehmen Jägermeister stellt der Apotheke des Klinikums Braunschweig aus seinen Lager-Beständen 50000 Liter Alkohol zur Verfügung. Der Alkohol soll mit Unterstützung der Feuerwehr Braunschweig zur Apotheke des Städtischen Klinikums Braunschweig gebracht werden, heißt es in einer Mitteilung der Klinik. „Wir haben verstanden, dass es an der Stelle offensichtlich einen hohen Bedarf gibt“, sagt der Jägermeister-Mehrheitseigentümer Florian Rehm.

Auch im Ausland zeigen sich Spirituosenhersteller hilfsbereit: In Großbritannien spendet der Spirituosen-Konzern Diageo – bekannt für seine Marken Johnnie Walker, Smirnoff und Guinness-Bier – sogar zwei Millionen Liter reinen Alkohol für die Herstellung von Desinfektionsmitteln. Jeweils 500.000 Liter sollen Großbritannien/Irland, die Vereinigten Staaten und Indien bekommen. Italien und Australien bekommen jeweils 100.000 Liter, zudem bekommen auch Kenia und Brasilien größere Mengen Alkohol, wie das Unternehmen mitteilt. In Frankreich stellt Pernod Ricard 70000 Liter reinen Alkohol zu Verfügung. In Puerto Rico hilft der Rumbrenner Bacardi. Über eine halbe Million Flaschen Desinfektionsmittel werden an Gemeinden und gemeinnützige Organisationen geliefert.

Andere Unternehmen tun ebenfalls, was sie können: Die Bremer Beck’s Brauerei produziert selbst Desinfektionsmittel, teilte der weltgrößte Braukonzern AB Inbev mit, zu dem die Beck’s Brauerei seit dem Jahr 2004 gehört. Zum Einsatz komme dabei auch der überschüssige Alkohol aus der Entalkoholisierung der alkoholfreien Biere wie Beck‘s Blue und Jupiler 0,0. „Die Umstellung vom Brauen mit Hopfen und Gerste auf die Herstellung von Desinfektionsmitteln und Handdesinfektionsmitteln war eine Herausforderung, der wir uns aber angesichts der aktuellen Situation gerne gestellt haben“, sagt Jason Warner, Europa-Chef von AB Inbev.

Der Chemiekonzern BASF hatte am Montag erste Kliniken mit Desinfektionsmittel beliefert. Für die Herstellung hatte die BASF eine Ausnahmegenehmigung des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums erhalten. Der Kosmetik-Konzern Beiersdorf hat schon vergangenen Woche angekündigt, ab sofort Desinfektionsmittel zu produzieren.



Aus: "Jägermeister liefert Alkohol für Desinfektionsmittel"  Tillmann Neuscheler (23.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/corona-jaegermeister-liefert-alkohol-fuer-desinfektionsmittel-16692757.html (https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/corona-jaegermeister-liefert-alkohol-fuer-desinfektionsmittel-16692757.html)

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[...] Es ist ein trauriger Rekord: Mehr als 10.000 Menschen haben sich Stand Mittwoch in der Schweiz offiziell mit dem Coronavirus angesteckt. Das zeigen Zahlen der Johns Hopkins University. Die Schweiz hat damit die meisten bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus pro Kopf, mehr als 120 Fälle pro 100.000 Einwohner. Das ist mehr als in Italien. ...

... Die hohe Zahl der offiziell registrierten Infizierten kann auch daraus resultieren, dass in der Schweiz besonders viele Menschen auf das Coronavirus getestet werden. Am Dienstagabend berichtet Reuters von circa 8000 Menschen, die sich jeden Tag auf das Virus testen lassen. Insgesamt hätten bereits 80.000 Menschen einen solchen Test gemacht.

Patrick Mathys vom Schweizer Gesundheitsministerium sagte Reuters, die Regierung könne die Lage im Land durch die vielen Tests besser einschätzen.  "Ich glaube wir wissen ungefähr, was in der Schweiz passiert", sagte er. Er mahnte aber auch: Kein Land wisse, wie viele seiner Einwohner tatsächlich infiziert sind.

Länder ausgehend von den jeweils bestätigten Fällen pro 100.000 Einwohner zu vergleichen ist deshalb schwierig. Während Länder wie Norwegen, Südkorea oder eben die Schweiz viel testen, sieht das in den USA oder dem Iran ganz anders aus.


Aus: "Schweiz meldet mehr als 10.000 Infizierte" Jana Heigl (25.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/die-meisten-bestaetigten-coronavirus-faelle-pro-kopf-schweiz-meldet-mehr-als-10-000-infizierte/25681226.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/die-meisten-bestaetigten-coronavirus-faelle-pro-kopf-schweiz-meldet-mehr-als-10-000-infizierte/25681226.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 26, 2020, 09:25:58 AM
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[...] Wissenschaftliche Publikationen studieren, politische Maßnahmen analysieren und im Netz veröffentlichte Informationen kritisch einordnen – Journalisten nehmen in der Coronakrise eine Schlüsselrolle in der Aufklärung der Bevölkerung ein. Doch in vielen Ländern wird die unabhängige Arbeit von Medienschaffenden zunehmend eingeschränkt.

Die Nichtregierungsorganisation „Reporter ohne Grenzen“, die sich weltweit für Pressefreiheit einsetzt, ist alarmiert. „Wir stehen vor neuen Herausforderungen“, sagt Geschäftsführer Christian Mihr im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Ich bin selber überrascht, dass es fast auf der ganzen Welt Einschränkungen wegen der Coronavirus-Ausbreitung gibt.“

So wurde etwa in Honduras der Verfassungsartikel zur Pressefreiheit außer Kraft gesetzt. In Armenien dürfen Journalisten nur noch amtliche Informationen über die Corona-Pandemie veröffentlichen und in Ägypten wurden mehrere Nachrichten-Portale wegen der „Verbreitung falscher Nachrichten“ für sechs Monate gesperrt. Zudem entzog Kairo der „The Guardian“-Journalistin Ruth Michaelson die Akkreditierung, weil sie über eine Studie berichtet hatte, die von einer deutlich höheren Fallzahl in Ägypten ausgeht.

Innerhalb der EU wird insbesondere in Ungarn die Pressefreiheit zunehmend beschnitten. Die Regierung von Präsident Orban hat einen Entwurf für eine Notverordnung erarbeitet. Dieser sieht vor, dass Journalisten für bis zu fünf Jahre für „falsche“ oder „verzerrte“ Berichte zur Coronakrise inhaftiert werden können. „Das passt in das Muster, dass autoritäre Reflexe nun verschärft werden“, sagt Mihr.

Auch die Situation von inhaftierten Journalisten in der Türkei und im Iran bereitet dem Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen Sorge. Viele Insassen wurden in sogenannten „Hafturlaub“ entlassen. Im Iran gilt dies jedoch nicht für politische Häftlinge und in der Türkei wurden Terrordelikte von der Regelung ausgenommen – worunter so gut wie alle Journalisten fallen.

Für sie haben sich die Haftbedingungen dramatisch verschlechtert und der Zugang zu Anwälten und zur Familie wurde weiter eingeschränkt. „Journalisten werden explizit von den Maßnahmen ausgenommen und bewusst einer Gefahr ausgesetzt, sagt Mihr. Es zeige sich, dass die Pandemie zunehmend als „Vorwand“ genutzt werde.

Welchen Gefahren kritische Journalisten ausgesetzt sind, wird auch in China deutlich. In dem Ursprungsland des Covid-19-Ausbruchs sind bereits einige Journalisten verschwunden, die die Angaben der Regierung in Frage gestellt hatten. So auch der 25 Jahre alte Li Zehua. Der Journalist hatte seinen Job beim chinesischen Staatsfernsehen gekündigt, um als unabhängiger Journalist aus Wuhan zu berichten. In Aufnahmen hatte er unter anderem heimlich Eindrücke aus einem Krematorium festgehalten – und festgestellt, dass der Arbeitsaufwand dort nicht mit den offiziellen Covid-19-Todeszahlen übereinstimmen kann. 

Seine vorerst letzten Beiträge veröffentlichte er am 26. Februar. Li Zehua filmte sich in seinem Wagen, während er von der Staatssicherheit verfolgt wurde. Danach wandte er sich in einem Livestream in seiner Wohnung noch einmal an seine Hörerschaft. Seitdem fehlt von ihm jede Spur.

Laut Reporter ohne Grenzen wird die Kritik am chinesischen Krisenmanagement und an den Maßnahmen der Regierung zunehmend von den Behörden unterdrückt – auch weil das chinesische System als überlegen in der Krise dargestellt werden soll.

Dabei ist eine freie Berichterstattung auch für die Eindämmung des Coronavirus essentiell. Denn es gibt weltweit unterschiedliche Ansätze, welche Maßnahmen bei der Bekämpfung des Virus umgesetzt werden sollen – und noch kann nicht vollends eingeschätzt werden, welche Wege letztlich erfolgreich sein werden.

„In vielen Ländern werden die Sichtweisen eingeschränkt, die nicht dem Handeln der Regierung entsprechen“ sagt Mihr. Stattdessen soll die Regierungssicht durchgesetzt werden. Insbesondere in der Coronakrise gelte es deshalb die Pressefreiheit zu schützen. Denn: „Wer jetzt eine unabhängige Berichterstattung einschränkt, vergrößert nicht nur die Verunsicherung“, sagt Mihr. „Sondern Menschen werden auch ganz realen Gefahren ausgesetzt.“


Aus: "Wenn die Wahrheit zur Corona-Pandemie nicht ans Licht kommen soll" Gloria Geyer (26.03.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/journalisten-weltweit-unterdrueckt-wenn-die-wahrheit-zur-corona-pandemie-nicht-ans-licht-kommen-soll/25683454.html (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/journalisten-weltweit-unterdrueckt-wenn-die-wahrheit-zur-corona-pandemie-nicht-ans-licht-kommen-soll/25683454.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 26, 2020, 10:01:02 AM
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[...] Einen Gefallen hat Madonna sich und anderen wohlhabenden Amerikanern mit dem Badewanne-Rosenblätter-Video bestimmt nicht getan. „Das Besondere an Covid-19 ist, dass es der Krankheit egal ist, wie reich oder berühmt man ist. Bei ihr sind alle gleich“, hatte die Queen of Pop schwadroniert, als sie am Wochenende nackt und mit perfektem Makeup zu leiser Musik in der Wanne saß. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. In sozialen Medien beschimpften Tausende Amerikaner Madonna als dumm, selbstverliebt und abgehoben.

Tatsächlich scheint das „Material Girl“ mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 800 Millionen Dollar in den vergangenen Wochen eher selten aus den Fenstern ihres Stadthauses an Manhattans Upper East Side geblickt zu haben. Seit sich Corona auch zwischen New York und Los Angeles ausbreitet, surren über Manhattan die Motoren. Die Angst, sich bei einem Linienflug mit dem Virus zu infizieren, treibt Geschäftsleute und Prominente in Privatjets.

Flugunternehmen wie „Blade“ schicken derweil regelmäßig Hubschrauber in Küstenorte der Hamptons, wo sich viele wohlhabende New Yorker in ihren Ferienhäusern isoliert haben. Auf Bestellung versorgen sie die Stadtflüchtigen mit Medikamenten, Büchern und Computern. „Vieles, das man in New York einfach kaufen kann, ist dort nicht erhältlich. Wir durchleben gerade eine außergewöhnliche Zeit und sind bemüht zu helfen“, meint Firmensprecher Simon McLaren.

Computer per Hubschrauber sind nur eine Dienstleistung, um Amerikas Wohlhabenden die Corona-Krise zu erleichtern. Wegen Ausgangsbeschränkungen in Los Angeles und New York steigt auch die Nachfrage nach Hausangestellten, die mit ihren Arbeitgebern unter einem Dach wohnen. Die Vorzüge? Unterstützung beim Kochen, Putzen und Kinderhüten sowie ein geringeres Risiko, sich bei der Hausangestellten anzustecken, nachdem diese im Bus von Downtown Los Angeles nach Malibu gefahren ist.

Firmen wie „Lily Pond Services“, bei Prominenten wegen der Vermittlung diskreter Hilfe geschätzt, suchen in Pandemiezeiten aber auch medizinisches Personal. „Mich erreichen viele Anrufe von Klienten, die nach Ärzten oder Krankenschwestern fragen, die vorübergehend bei ihnen einziehen. Für den Fall, dass sie sich infizieren und getestet werden müssen“, sagte Melissa Psitos, die Inhaberin von „Lily Pond Services“, dem „Hollywood Reporter“.

Social Distancing treibt viele „One percenter“, wie Amerikas Großverdiener genannt werden, aufs Wasser. Obwohl die Saison noch nicht begonnen hat, ziehen sie sich auf Yachten zurück. Auch hier versucht Psitos zu helfen. „Plötzlich soll ich auch Boote mit Personal versorgen. Viele Leute machen sich so große Sorgen wegen des Virus, dass sie meinen, der sicherste Platz sei vor der Küste.“

Makler für Luxusimmobilien berichten zudem von Milliardären auf der Suche nach Privatinseln in der Karibik. Viele Technologieunternehmer soll es derweil aus dem Silicon Valley nach Neuseeland ziehen. Für den Notfall legte sich Peter Thiel, Mitgründer des Bezahldienstes Paypal, schon vor einigen Jahren einen Rückzugsort im entlegenen Queenstown zu, Panikraum inklusive.

Bei vielen Nicht-Millionären regt sich inzwischen Widerstand. Nach Medienberichten über Prominente wie Idris Elba und Kris Jenner, die einen der raren Coronatests bekamen, obwohl sie keine Symptome zeigten, lehnen immer mehr Gemeinden Pandemietouristen ab. Nobelorte wie die Hamptons, Nantucket und Martha’s Vineyard, Zweitwohnsitz der Obamas, klagen bereits über leere Regale in den Lebensmittelgeschäften. „In dieser Stadt ist kein Gemüse mehr zu finden. Das haben wir elitären Leuten zu verdanken, die meinen, dass sie über den Regeln stehen“, wetterte ein Bewohner East Hamptons in der „New York Post“.

Auch auf der Insel Nantucket, die eigentlich erst in den Sommermonaten wohlhabende Besucher aus New York, Washington und Philadelphia anzieht, gehen langsam Toilettenpapier, Konserven und Eier aus. Nach Rücksprache mit Massachusetts’ Katastrophenschutzbehörden haben die Stadtväter nun eine Ausgangssperre verhängt – und den Fährverkehr eingeschränkt.


Aus: "Amerikanische Oberklasse : Die Reichen fliehen aufs Wasser" Christiane Heil, Los Angeles (25.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/corona-krise-in-den-usa-die-reichen-fliehen-aus-den-grossstaedten-16694547.html (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/corona-krise-in-den-usa-die-reichen-fliehen-aus-den-grossstaedten-16694547.html)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 26, 2020, 02:40:00 PM
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[...] Ganz Italien ist eine Sperrzone. Schulen, Kindergärten, Universitäten sind geschlossen, Veranstaltungen abgesagt. Die Corona-Pandemie hat Italien schwer getroffen, viele Krankenhäuser sind überlastet, mehrere Tausend Menschen gestorben. ... Die Philosophin Donatella Di Cesare warnt vor Egoismen und kritisiert eine fehlende politische Präsenz. Den Glauben an die Europäische Union hat sie verloren. Die Italienerinnen und Italiener merkten, Europa existiere nicht mehr, sagt sie. ... Wir haben in Italien viele Krisen überlebt, und das auch, weil wir als optimistisch gelten, sagt die Philosophin Donatella Di Cesare. Aber diesmal sei alles anders.

Di Cesare: ... es gibt privilegierte Menschen, die zu Hause bleiben dürfen, und andere, die sich in dieser Krise exponieren müssen. Darüber wird die Politik nachdenken müssen. Wir sprechen gerade nicht über die Migranten. Und warum? Weil wir sie vergessen haben. Wir in Italien wissen nicht einmal, welche Maßnahmen gerade zum Beispiel in den Camps der Sinti und Roma hier in Rom gelten und in den Aufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete. Es interessiert absolut niemanden gerade. Die Italienerinnen und Italiener sorgen sich um ihre eigene Immunität, denn das interessiert sie wirklich. Was auf Lesbos passiert, ist egal.

Claudio Rizzello: Allein auf der griechischen Insel Lesbos leben rund 20.000 Migranten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Durch das Coronavirus droht ihnen nun auch noch eine medizinische Katastrophe. Warum lässt uns das kalt?

Di Cesare: Weil es immer erst um die eigene Immunität geht. Vor einigen Wochen noch wurden viele Chinesen in Italien stark diskriminiert. Sie wurden richtig angefeindet. Der Präsident der Region in Venetien, Luca Zaia, sagte im Fernsehen, Chinesen würden lebende Mäuse essen, daher käme das Virus. Das Video ging viral. Und Zaia, ein Vertreter der Lega-Partei, wollte damit natürlich Hass säen. Jetzt werden die Chinesen gefeiert, sind Helden, weil sie medizinische Versorgung nach Italien brachten. So funktioniert die immune Demokratie. Ich will meine Privilegien behalten und immun bleiben. Was draußen passiert, geht mich gar nichts an. Das ist das Spiel der Diskriminierung.

...


Aus: "Italien: "Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten"" Interview: Claudio Rizzello (26. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/italien-coronavirus-krise-konsequenzen-donatella-di-cesare/komplettansicht (https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/italien-coronavirus-krise-konsequenzen-donatella-di-cesare/komplettansicht)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 26, 2020, 04:58:52 PM
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[...] Am Mittwoch, den 18. März haben sich bereits in 386 von 401 deutschen Stadt- und Landkreisen Menschen mit dem neuen Coronavirus infiziert. Ein besonderer Schwerpunkte der Fallzahlen liegt – nehmen den Großstädten wie Berlin und München – in Heinsberg.

... Dabei fällt auf, dass besonders häufig nicht nur große Städte betroffen sind, sondern auch diejenigen Orte, die besonders früh eigene Ansteckungsketten hatten. Dazu kommen Faktoren wie die Bevölkerungsdichte. Je mehr gemeinsam genutzter Raum, je mehr Nähe, je mehr Gesellschaft, desto einfacher hat es SARS-CoV-2.

...


Aus: "SARS-CoV-2 in Deutschland: Alle 43.853 bestätigten Coronavirus-Infektionen nach Landkreisen und Bundesländern" (Stand: 26.3.2020)
Quelle: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/karte-sars-cov-2-in-deutschland-landkreise/ (https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/karte-sars-cov-2-in-deutschland-landkreise/)

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[....] 16:33   Manon Priebe: ... Der sicherste Sex-Partner bist du selbst! Coronavirus verbreitet sich nicht durch Masturbation: Hände und Sexspielzeug vor und nach dem Sex mit Seife und Wasser für mindestens 20 Sekunden waschen.

... 16:25   Gina Thomas

Ein Netzwerk junger britischer Architekten und Designer sammelt Unterschriften, um die Schließung von Baustellen zu erwirken. Premierminister Boris Johnson hat bisher dem wachsenden Druck stattgehalten, alle bis auf wesentliche Bauarbeiten einstellen zu lassen. Der Premierminister vertritt den Standpunkt, dass die Bauindustrie weiterlaufen könne, solange die Arbeiter den nötigen Abstand hielten. Dem halten Politiker wie der Labour-Parteiführer Jeremy Corbyn und der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan entgegen, dass das verstärkte Risiko der Verbreitung des Corona-Virus das Wohl der Arbeiter und der Öffentlichkeit gefährde.


Aus: "Mehr als 40.000 bestätigte Infektionen in Deutschland" (26.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/liveticker-zum-coronavirus-40-000-faelle-in-deutschland-16695585.html (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/liveticker-zum-coronavirus-40-000-faelle-in-deutschland-16695585.html)

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[...] Die aktuellen Ausgangsbeschränkungen und Betriebsschließungen aufgrund der Corona-Krise haben Auswirkungen auf die Zahl der Beschäftigten. Vom 15. bis 24. März ist die Arbeitslosigkeit in Österreich um rund 153.100 Personen gestiegen, bestätigte das Arbeitsmarktservice am Mittwoch.

Eine aktuelle Umfrage der Jobplattform Stepstone deutet nun darauf hin, dass jeder Zehnte hierzulande bereits wegen der Corona-Krise gekündigt wurde. Circa ein Drittel der Befragten gab an, Angst zu haben, demnächst den Job zu verlieren. Befragt wurden rund 3.500 Arbeitnehmer und Arbeitssuchende in Österreich.

Von den Auswirkungen auf das tägliche Arbeitsleben sind die meisten Umfrageteilnehmenden betroffen: Mehr als jedes vierte Unternehmen ist demnach ganz oder zeitweise geschlossen, in jedem fünften Unternehmen kommt es zu Kurzarbeit, heißt es in der Befragung. 16 Prozent aller Befragten berichten von Kündigungswellen im Unternehmen.

Neben Kündigungen und Kurzarbeit wird knapp jeder Fünfte auch dazu gedrängt, aufgesparte Urlaubstage oder Zeitausgleich zu nehmen. Ein Drittel aller untersuchten Unternehmen verschiebt Projekte oder Investitionen, was laut den Umfrageteilnehmenden zu "Stress und Frustration" führe. Viele seien verzweifelt, eine befragte Person schreibt: "Keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Der Arbeitgeber lässt mich hängen." Besonders unangenehm sei die Situation für jene, die Kinder haben, heißt es in der Aussendung. "Der Urlaub ist aufgebraucht und steht in den Ferien nicht mehr für die Kinderbetreuung zur Verfügung", gibt ein Teilnehmer an.

Zudem berichten Befragte von unbezahlten Überstunden, mentaler Belastung und ungleicher Behandlung. Und viele machen sich Sorgen, zeigt die Umfrage: 85 Prozent aller Befragten sorgen sich wegen des Virus, die Hälfte hat Angst, dass sich das Virus negativ auf den Unternehmenserfolg auswirkt. Und knapp ein Drittel befürchtet, sich selbst am Arbeitsplatz anzustecken. (red, 26.3.2020)


Aus: "Umfrage: Jeder Zehnte wegen Corona-Krise gekündigt" (26. März 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116190889/umfrage-jeder-zehnte-wegen-corona-krise-gekuendigt (https://www.derstandard.at/story/2000116190889/umfrage-jeder-zehnte-wegen-corona-krise-gekuendigt)

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[...] Die Faktoren, die unter normalen Umständen zu der schlechteren Gesundheitsversorgung der Armen führen, werden auch in der Corona-Krise eine Rolle spielen. Zur Zeit konzentriert sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf New York, weil hier durch die schiere Masse der Infizierten bereits Engpässe entstehen. An sich sind die Gesundheitssysteme der großen Städte aber oft besser aufgestellt als im ländlichen Raum, insbesondere für Patienten mit geringem Einkommen. Wer keine Krankenversicherung hat, kann etwa in New York in gemeinnützige Gesundheitszentren gehen, die von Spenden und staatlichen Zuschüssen finanziert werden. Auch manche Krankenhäuser bieten kostenlose oder stark reduzierte Behandlungen im Notfall an. An den Universitäten behandeln Ärzte in Ausbildung zu günstigeren Preisen. Doch für einen Massenansturm sind diese Angebote nicht gerüstet.

Fachleute befürchten, dass es auch auf dem Land bald zu Versorgungsengpässen kommen wird. Fünfzehn Prozent der Amerikaner leben dort. Sie sind älter als anderswo, nämlich im Durchschnitt 73,3 Jahre. Sie sind auch ärmer als in den Städten und haben öfter chronische Krankheiten wie Diabetes. In den urbanen Zentren Amerikas gibt es laut einer aktuellen Berechnung der Nachrichtenagentur AP 51.000 Betten auf Intensivstationen. Alle ländlichen Gemeinden zusammen haben nur 5600 solche Plätze. Insgesamt sind das etwas mehr als doppelt so viele Betten, wie in Deutschland zur Verfügung entstehen – allerdings für eine mehr als viermal so große Bevölkerung.

Zudem schlossen in den vergangenen Jahren vielerorts auf dem Land die Hospitäler. Auch dieses Problem betrifft überproportional den Süden. Zwischen 2005 und 2019 machten laut einer Studie 162 Krankenhäuser dicht, sechzig Prozent davon waren in Staaten, die Medicaid nicht ausweiten wollten. Laut der Universität von North Carolina lagen 94 dieser Häuser im Süden.

Die Zahl der Coronavirus-Fälle wird auch auf dem Land und im Süden exponentiell steigen, sagen Fachleute. Mississippi etwa liegt nur auf Platz 35, wenn es um die Größe der Bevölkerung in den Bundesstaaten geht, aber jetzt schon auf dem 12. Platz bei den Coronavirus-Fällen pro 100.000 Einwohner. Am Mittwoch wurden hier 377 Infizierte gemeldet. Wie andere Südstaaten ist Mississippi nicht nur gegen die Medicaid-Ausweitung. Es ist auch ein so genannter „Right to Work“-Staat, wo die Regierung die Rechte der Gewerkschaften ausgehöhlt hat und es nur schwache Arbeitnehmerrechte wie bezahlte Krankheitstage gibt.

So ist es auch in Tennessee. Bill Lee, der republikanische Gouverneur, musste in dieser Woche zugeben, dass er bislang keinen Plan für die Unversicherten und Armen hat, die an Covid-19 erkrankten. In seinem Bundesstaat gibt es zur Zeit 777 Fälle, zwei Menschen starben. Er sei bereit, eine Finanzierung durch das Medicaid-System zu erwägen, sagte Lee. Man evaluiere zur Zeit, wie man Unversicherten und Einkommensschwachen eine Behandlung im Fall einer Coronavirus-Infektion „anbieten“ könne, hieß es seitens der Gesundheitsbehörde. Gleichzeitig ließ der Gouverneur verkünden, er halte es nach wie vor für richtig, die Medicaid-Ausweitung für seinen Staat zurückzuweisen. Laut der Zeitung „The Tennessean“ sind deswegen mehrere Hunderttausend Bürger dort nicht versichert.

Es ist also längst nicht in allen Staaten klar, wer die Kosten für ärmere Patienten übernehmen wird. Und wenn die Bundesstaaten dafür eine Lösung finden, gibt es noch viele weitere Probleme. Die Versorgung der Krankenhäuser ist das dringendste. Zur Zeit will Donald Trump sich für den Nachschub an Atemschutzmasken und Beatmungsgeräten vor allem auf den freien Markt verlassen. Obwohl er es durch den „Defense Production Act“ könnte, will er die Unternehmen zu nichts verpflichten.

Die Verfechter des „small government“ applaudieren ihm, obwohl sie wissen, wie es in den ländlichen Gegenden ihrer Staaten aussieht. Die Bevölkerungsdichte ist zwar viel geringer als anderswo, dafür können die kleinen Krankenhäuser aber auch weniger Covid-19-Kranke versorgen. Insofern erhofft man sich von den Bewegungseinschränkungen in den größeren Städten nun wenigstens einen gewissen Schutz für die Landbevölkerung. Wer in den Metropolen dazu aufgefordert ist, im Haus zu bleiben, der reist wenigstens nicht.


Aus: "Unversicherte Amerikaner : In New York wird es schlimm – auf dem Land womöglich schlimmer" Frauke Steffens, New York (26.03.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/in-corona-zeiten-wird-armut-zum-risikofaktor-in-den-usa-16697277.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3 (https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/in-corona-zeiten-wird-armut-zum-risikofaktor-in-den-usa-16697277.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3)

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[...] +++ 13.50 Uhr: Die dramatischen Auswirkungen des Coronavirus auf die USA machen sich nun auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sind infolge der Zuspitzung der Coronavirus-Pandemie in den USA sprunghaft angestiegen. Ihre Zahl hat sich von 282.000 in der Vorwoche auf nunmehr rund 3,3 Millionen mehr als verzehnfacht, wie das US-Arbeitsministerium am Donnerstag (26.03.2020) mitteilte.

Die Zahl ist die höchste, die jemals gemeldet wurde, und übertrifft den bisherigen fast 40 Jahre alten Rekord von 695.000 eingereichten Anträgen auf Arbeitslosenhilfe von Oktober 1982, berichtet der „Guardian“. Die Veröffentlichung dieser schockierenden Zahlen ist ein weiteres Anzeichen für die gravierenden Folgen der Corona-Pandemie für die Wirtschaft der USA.

Die rasante Ausbreitung des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 hat das öffentliche Leben in weiten Teilen der USA zum Erliegen gebracht. Fast die Hälfte der rund 330 Millionen Amerikaner unterliegen nun von Bundesstaaten verhängten Ausgangsbeschränkungen. Viele Geschäfte sind geschlossen, Restaurants und Hotels bleiben leer, zahllose Reisen wurden abgesagt. Viele Mitarbeiter geschlossener Unternehmen müssen daher Arbeitslosenhilfe beantragen.

+++ 12.23 Uhr: In den USA soll ein 36 Jahre alter Mann einen Autobomben-Anschlag auf ein Krankenhaus geplant haben, das Corona-Patienten versorgt. Das teilte das FBI laut „New York Times“ am Mittwoch (25.03.2020) mit – der Verdächtige sei demnach bereits am Dienstag (24.03.2020) bei einem Schusswechsel mit FBI-Agenten in der Stadt Belton im Bundesstaat Missouri getötet worden. Zu den Schüssen sei es gekommen, als Einsatzkräfte den Mann im Zuge einer Anti-Terror-Ermittlung festnehmen wollten. Beim Verdächtigen soll es sich um Timothy W. handeln.

... Wie die „New York Times“ berichtet, sei W. mit „rassistischen und regierungskritischen“ Aussagen aufgefallen und habe seit September unter Beobachtung des FBI gestanden. Er soll Angriffe auf eine Schule sowie eine Moschee und eine Synagoge geplant haben. „W. hat verschiedene Ziele in Betracht gezogen und sich letztendlich auf ein örtliches Krankenhaus festgelegt, um viele Menschen zu verletzen. Ziel war eine Einrichtung, die in der aktuellen Lage kritische medizinische Versorgung bietet", heißt es in einem FBI-Bericht.

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Aus: "Coronavirus in den USA: Millionen Amerikaner melden sich arbeitslos" (26.03.2020)
Quelle: https://www.fr.de/politik/coronavirus-usa-senat-verabschiedet-billionen-konjunkturpaket-mehr-1000-tote-zr-13599298.html (https://www.fr.de/politik/coronavirus-usa-senat-verabschiedet-billionen-konjunkturpaket-mehr-1000-tote-zr-13599298.html)

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[...] +++ 12.05 Uhr: Großbritanniens staatlicher Gesundheitsdienst NHS beklagt eine zunehmende Überlastung der Londoner Krankenhäuser wegen der Coronavirus-Pandemie. Die Kliniken der britischen Hauptstadt seien mit einem „ständigen Tsunami“ schwer erkrankter Corona-Patienten konfrontiert, sagte der hochrangige NHS-Vertreter Chris Hopson am Donnerstag.

Nachdem die Krankenhäuser in den vergangenen Wochen ihre Kapazitäten für die intensivmedizinische Behandlung von Patienten „massiv“ ausgebaut hätten, gebe es nun eine „Explosion“ der Zahl schwerkranker Patienten. Die Lage werde zusätzlich dadurch verschärft, dass viele Krankenhausmitarbeiter derzeit selbst krank seien und deshalb fehlten. Der Krankenstand beim Klinikpersonal liege bei „30 Prozent, 40 Prozent und an manchen Orten sogar 50 Prozent“, sagte Hopson. Dieses Ausmaß sei „beispiellos“.

Nach Angaben vom Mittwoch wurden im Vereinigten Königreich bislang 9529 Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus nachgewiesen, 463 Infizierte starben. Vorige Woche kündigte die Regierung die Einrichtung eines provisorischen Krankenhauses mit 4000 Betten in einem Londoner Konferenzzentrum an.

+++10.40 Uhr: Sadiq Khan, der Bürgermeister von London, wurde in den letzten Tagen von den Ministern dafür kritisiert, dass er in seiner Stadt nicht mehr Dienste der U-Bahn anbietet. Dies führte dazu, dass einige Wagen überfüllt waren, was das Risiko einer Übertragung von Coronaviren erhöhe. Heute Morgen hat Khan darauf hingewiesen, dass er nicht mehr Kapazitäten anbieten kann, weil jeder Dritte der Bediensteten in Isolation ist oder krank sei.

... +++ 19.54 Uhr: Das britische Parlament in London hat ein Corona-Notstandsgesetz verabschiedet. Das Gesetz bevollmächtigt die Regierung und Behörden unter anderem, die Ausgangsbeschränkungen und Schließungen von Geschäften notfalls mit Zwangsmaßnahmen durchzusetzen.

Außerdem könne durch das Gesetz leichter auf private Daten der Bürger zugegriffen werden. Die Behörden erhalten auch das Recht, Corona-Infizierte und Verdachtsfälle zwangsweise in Quarantäne zu schicken. Das Unterhaus hat sich wegen der Coronavirus-Pandemie bereits am Mittwoch (25.03.2020) vorzeitig in die Osterpause verbaschiedet.

Zudem teilte Großbritanniens Premierminister Boris Johnson am Mittwoch vor Journalisten mit, dass sich mehr als 400.000 Freiwillige gemeldet haben, um den staatlichen Gesundheitsdienst NHS in der Coronakrise zu unterstützen.

Sie waren einem entsprechenden Aufruf der Regierung vom Vortag gefolgt. Außerdem hätten sich 12.000 ehemalige NHS-Mitarbeiter bereiterklärt, vorübergehend wieder ihren Beruf aufzunehmen.

+++ 14.20 Uhr:Wie „Sky News“ berichtet, ist eine 21-jährige Frau ohne diagnostizierten Vorerkrankung nach der Ansteckung mit Sars-CoV-2 an der Lungenkrankheit Covid-19 gestorben. Man geht davon aus, dass sie die jüngste Person ist, die nach der Ansteckung mit Coronavirus in Großbritannien stirbt.

+++ 14.10 Uhr:Die britische Regierung hat Paare mit getrennten Haushalten aufgefordert, ihre Beziehung wegen der Ausgangsbeschränkungen durch die Coronavirus-Epidemie auf Belastbarkeit zu testen. Die Paare sollten sich entscheiden, ob sie gemeinsam einen Haushalt bilden, oder Abstand voneinander halten wollten, sagte Jenny Harries, die stellvertretende Gesundheitsbeauftragte der britischen Regierung am Mittwoch vor Journalisten.

Verhindert werden solle aber, dass Personen zwischen verschiedenen Haushalten hin- und her wechseln. „Prüfen Sie die Stärke ihrer Gefühle sorgfältig und bleiben Sie in einem Haushalt, entweder zusammen oder getrennt, aber bleiben Sie dabei (...)“, so Harries.

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Aus: "Corona-Pandemie UK: Zahl der Toten steigt - Gesundheitsdienst schlägt Alarm" (26.03.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/corona-vereinigten-koenigreich-uk-prinz-charles-infiziert-corona-ueber-tote-grossbritannien-zr-13612009.html (https://www.fr.de/panorama/corona-vereinigten-koenigreich-uk-prinz-charles-infiziert-corona-ueber-tote-grossbritannien-zr-13612009.html)

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[...] +++ 13.40 Uhr: Katastrophenmediziner berichten angesichts der Corona-Pandemie über dramatische Zustände im Elsass. Demnach arbeiten Mediziner an der Universitätsklinik Straßburg auch dann weiter mit Corona-Patienten, wenn sie selbst infiziert sind.

Zudem würden über 80-jährige Patienten nicht mehr beatmet. Stattdessen erfolge „Sterbebegleitung mit Opiaten und Schlafmitteln“, schreiben Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin in Tübingen in einem Bericht an die baden-württembergische Landesregierung, der der Presse vorliegt.

+++ 12.30 Uhr: Die Zahl der Todesfälle durch Corona ist in Spanien nach offiziellen Angaben auf mehr als 4000 gestiegen. Innerhalb der vergangenen 24 Stunden seien 655 weitere Menschen an der durch das Virus verursachten Lungenkrankheit Covid-19 gestorben, teilte das spanische Gesundheitsministerium.

Damit stieg die Zahl der Todesfälle auf knapp 4090. Die Zahl der Infektionen stieg von Mittwoch auf Donnerstag um 19 Prozent auf 56.188 Fälle. Das Land verzeichnet einen schwächeren Anstieg als am Vortag, als er 27 Prozent betragen hatte.

+++ 9.20 Uhr: Mehrere Krankenwagen mit insgesamt 28 älteren Corona-Patienten sind in Spanien mit Steinen beworfen worden. Die Attacke habe sich bereits am Dienstag in La Línea de la Concepción im Süden des Landes ereignet, berichtete die spanische Polizei. Dutzende Menschen hätten damit verhindern wollen, dass die infizierten und zum Teil an Covid-19 erkrankten Rentner, die aus einer anderen Gemeinde stammen, in ein Heim der andalusischen Stadt verlegt und dort unter Quarantäne gesetzt werden.


Aus: "Internationale Lage - Corona-Pandemie im Elsass dramatisch: Über 80-Jährige werden nicht mehr beatmet, sondern beim Sterben begleitet" (26.03.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/corona-pandemie-spanien-frankreich-verheerend-dramatische-coronavirus-lage-elsass-zr-13597264.html (https://www.fr.de/panorama/corona-pandemie-spanien-frankreich-verheerend-dramatische-coronavirus-lage-elsass-zr-13597264.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 28, 2020, 10:21:03 AM
"Corona-Kredite kommen zu spät Verbände fordern Staatshaftungsquote von 100 Prozent" (28.03.2020)
Nur so könne das Geld schnell bei den Firmen ankommen. Andernfalls drohe eine Pleitewelle. Das aktuelle Programm sei "aktive Sterbehilfe für den Mittelstand". Albert Funk Thorsten Mumme Carla Neuhaus.
Geschlossene Geschäfte, fehlende Aufträge: Der finanzielle Druck, unter dem die deutschen Unternehmen aktuell stehen, ist enorm. Allein binnen zwei Tagen sind bei der Förderbank KfW Anträge für Hilfskredite in einem Volumen von 7,4 Milliarden Euro eingegangen. Und das ist erst der Anfang. Um diesen Ansturm bewältigen zu können, fordern Wirtschafts- und Bankenverbände deshalb nun Nachbesserungen von der Politik – die jedoch wiegelt ab.
Beantragt ein Unternehmen bei seiner Bank in diesen Tagen einen Corona-Hilfskredit, übernimmt die KfW je nach Größe des Betriebs 80 oder 90 Prozent des Risikos. Aus Sicht von Bankern und Unternehmensvertretern ist das aber immer noch zu wenig, „um eine schnelle und umfassende Kreditbereitstellung zu gewährleisten“. So steht es in einem Schreiben, das der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) zusammen mit den Bankenverbänden verfasst hat und das dem Tagesspiegel vorliegt. Die Haftungsgrenze müsse angehoben und vereinheitlicht werden, fordern sie von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU).
Auch der Mittelstandsverbund fordert eine komplette Haftung des Bundes. „Uns geht es hier nicht um die Verteilung des finanziellen Risikos, sondern um die Zeit“, sagte Günter Althaus, Leiter der Taskforce Liquidität beim Mittelstandsverbund. „Denn für die zehn Prozent Risiko, die bei der Hausbank verbleiben, muss diese ein ebenso umfangreiches Prüfverfahren erledigen, wie wenn sie 100 Prozent des Risikos tragen würde.“ Das verzögere die Auszahlung dramatisch. Die aktuelle Regelung sei eine „aktive Sterbehilfe für den Mittelstand“.
Im Bundeswirtschaftsministerium will man darauf aber nicht eingehen. Man habe nach „intensiven Gesprächen mit der Europäischen Kommission“ eine Genehmigung erhalten, die Haftung überhaupt auf 90 Prozent zu erhöhen. Weil die Förderung von Hilfskrediten eine Beihilfe ist, muss die EU in solchen Fragen mitziehen. Eine Risikoübernahme von 90 Prozent der Kreditsumme ist laut Ministerium „das EU-rechtlich maximal zulässige“. Mit anderen Worten: mehr geht nicht. „Selbst zu Zeiten der Finanzkrise wurden lediglich bis zu 60 Prozent des Risikos in der Betriebsmittelfinanzierung übernommen“, heißt es. Im Bundesfinanzministerium sieht man ebenfalls keinen Handlungsbedarf. „Wir haben auch nicht das Gefühl, dass das Programm nicht nachgefragt wird“, sagte ein Sprecher. ... Außerhalb der EU übernimmt etwa die Schweiz bei einigen Betrieben eine Haftung von 100 Prozent bei Notkrediten in der Coronakrise. „Dort fließt das Geld 30 Minuten nach dem Antrag“, so Althaus.
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/corona-kredite-kommen-zu-spaet-verbaende-fordern-staatshaftungsquote-von-100-prozent/25691488.html

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"Mieter, Arbeitnehmer, Eltern, Kreditnehmer So hilft der Staat den Bürgern in der Krise" (27.03.2020)
Kündigungsschutz, Kurzarbeitergeld, Kinderzuschlag, Kredite: Was Sie jetzt in der Coronakrise wissen müssen. Heike Jahberg
Bisher galt: Geraten Mieter mit ihrer Mietzahlung zwei Monate in Rückstand, kann ihnen der Vermieter fristlos kündigen. Das ist jetzt anders: Rutschen Mieter im Zuge der Corona-Pandemie in Zahlungsnot, dürfen Mietschulden aus dem Zeitraum vom 1. April bis zum 30. Juni nicht mehr zur Kündigung führen, haben Bundestag und Bundesrat beschlossen.
Jutta Hartmann vom Deutschen Mieterbund rät Betroffenen, den Vermieter sofort zu informieren. Um zu dokumentieren, dass die Zahlungsprobleme mit der Covid-19-Pandemie zusammen hängen, sollten die Mieter entsprechende Verdienstbescheinigungen vorlegen. ...
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/mieter-arbeitnehmer-eltern-kreditnehmer-so-hilft-der-staat-den-buergern-in-der-krise/25690750.html (https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/mieter-arbeitnehmer-eltern-kreditnehmer-so-hilft-der-staat-den-buergern-in-der-krise/25690750.html)

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Stephan Anpalagan @stephanpalagan
Tja, manche können ihre Miete nicht mehr zahlen. Andere „wollen“ ihre Miete nicht mehr zahlen.
1:28 AM · Mar 28, 2020
https://twitter.com/stephanpalagan/status/1243696374287421441?s=03 (https://twitter.com/stephanpalagan/status/1243696374287421441?s=03)


Deichmann, H&M und Adidas Immer mehr Händler stoppen Mietzahlung
27. März 2020, 17:20 Uhr•Essen
Immer mehr bekannte Handelsunternehmen stoppen wegen der im Kampf gegen das Coronavirus angeordneten Ladenschließungen die Mietzahlungen für ihre Filialen in Deutschland. Selbst große Handelsketten wie Deichmann oder H&M und bekannte Markenhersteller wie Adidas nutzen die im Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Covid-19-Pandemie vorgesehene Möglichkeit zur Aussetzung der Miet- und Nebenkostenzahlungen. Das ergab am Freitag eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. Beim Immobilienbesitzerverband Haus&Grund stieß das einseitige Vorgehen der Handelsketten auf scharfe Kritik. ...
https://www.lr-online.de/nachrichten/wirtschaft/management-stundet-gehaelter-adidas-will-keine-miete-mehr-zahlen-44982512.html (https://www.lr-online.de/nachrichten/wirtschaft/management-stundet-gehaelter-adidas-will-keine-miete-mehr-zahlen-44982512.html)

https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/corona-krise-h-and-m-adidas-und-deichmann-wollen-keine-miete-mehr-zahlen-a-427b3103-7b71-4dba-a4af-c7628a7a0421 (https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/corona-krise-h-and-m-adidas-und-deichmann-wollen-keine-miete-mehr-zahlen-a-427b3103-7b71-4dba-a4af-c7628a7a0421)

https://www.n-tv.de/wirtschaft/Viele-Firmen-zahlen-keine-Ladenmiete-mehr-article21674068.html (https://www.n-tv.de/wirtschaft/Viele-Firmen-zahlen-keine-Ladenmiete-mehr-article21674068.html)

linuzifer @Linuzifer
HAUSBESETZER!!
2:53 PM · Mar 27, 2020!
https://twitter.com/Linuzifer/status/1243536519048179719 (https://twitter.com/Linuzifer/status/1243536519048179719)

TyroneCa$hMuny
Gem stone @Geddo2k
Replying to @Linuzifer
gewinne privatisieren, verluste sozialisieren. wie immer.
https://twitter.com/Geddo2k/status/1243611229102510081 (https://twitter.com/Geddo2k/status/1243611229102510081)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on March 28, 2020, 11:10:49 AM
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[...] Seit Jahren war klar, dass das britische Gesundheitssystem einer Epidemie nicht gewachsen wäre. Und dann wählte die Regierung auch noch eine fatale Strategie. Boris Johnson führt die Regierungsgeschäft nun mit Fieber und Husten aus dem Homeoffice. Großbritanniens Premierminister hat sich mit Covid-19 angesteckt. Essen und Regierungsdokumente werden ihm vor die Tür der 11 Downing Street gelegt, im Notfall übernimmt Außenminister Dominic Raab die Geschäfte. Auch Gesundheitsminister Matt Hancock muss mit Symptomen zu Hause bleiben. Gleichzeitig hat sich der Thronfolger Prinz Charles mit Virus auf seinen Landsitz Birkhall in Schottland zurückgezogen.

Das Coronavirus greift in Großbritannien um sich. Die bisher bestätigten rund 14.500 Fälle sind eine Farce. Denn getestet werden nur Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern. Die Dunkelziffer liegt mit geschätzt 50.000 Infizierten viel höher. Die Zahl von 759 Toten zeigt eher, wie hart die Epidemie das britische Gesundheitssystem NHS (National Health Service) trifft. 

Im Oktober 2016 stellte eine Untersuchung der Regierung fest, dass das britische Gesundheitssystem einer Epidemie nicht gewachsen wäre. Der Bericht geriet in Vergessenheit. Das Augenmerk der Regierung lag auf dem Brexit. Jetzt herrscht Mangelwirtschaft. Zehn Jahre Sparpolitik und ein Brexit, der Ärztinnen und Krankenpfleger aus der EU davon abhält, sich in Großbritannien zu bewerben, rächen sich. Dem NHS fehlen 100.000 Fachkräfte. Es gibt nicht genug Betten, Beatmungsgeräte und Material. Was tun?

Zunächst versuchte Großbritannien, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO für Covid-19 empfohlene Strategie test-and-trace umzusetzen. Mit ihr haben Deutschland und asiatische Länder wie Südkorea großen Erfolg. Die Theorie: Mit umfangreichen Tests werden frühzeitig infizierte Personen herausgefischt, die sofort isoliert werden. Akribische Nachforschungen ermöglichen es dann, Kontaktpersonen ebenfalls zu isolieren, also die Kette der Infektionen zu unterbrechen.

"Wir haben die Strategie von Januar bis Mitte März verfolgt, dann aber damit aufgehört", räumte Yvonne Doyle, die Leiterin von Public Health England, am Donnerstag vor dem parlamentarischen Gesundheitsausschuss ein. Es habe an Personal gefehlt. Außerdem habe Großbritannien als liberale Demokratie nicht die Bevölkerungskontrolle verordnen können, wie sie Südkorea verfügt habe. Großbritannien hatte es in der Anfangsphase der Epidemie zudem versäumt, genug Antigentests zu ordern. Die Strategie, alle potenziell Infizierten zu testen, erwies sich insgesamt als illusorisch.

Auch jetzt, mehr als sechs Wochen nach den ersten Corona-Fällen im Land, werden in Großbritannien nur Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern getestet. Nicht einmal Krankenhauspersonal, das täglich mit Corona-Patienten zu tun hat, bekommt den Test. Das soll sich erst kommende Woche ändern, zunächst mit dem Personal der Intensivstationen. Der Rest der Bevölkerung muss weiter warten. Wer plötzlich mit Fieber und Husten im Bett liegt, muss ausharren und zu Hause bleiben. Erst, wenn die Atemnot gefährlich wird, ist man reif für das Krankenhaus.

Für den NHS ist die Situation brisant. Bis Mitte März noch glaubten Johnson und seine Berater, dass sie der Krankheit weitgehend freien Lauf lassen könnten und dass eine "Herdenimmunität" die Bevölkerung vor einer zweiten Infektionswelle im Winter bewahren könne. Die Realität: Wissenschaftler unter Leitung des Imperial College London rechneten der Regierung vor, dass diese Strategie Hunderttausende Tote bedeuten und den NHS völlig überfordern würde. Johnson und seine Berater schwenkten in wenigen Tagen um und verordneten immer härtere Vorschriften der Selbstisolation.

Die Vorgabe lautet: Sobald eine Person Husten und/oder Fieber bekommt, soll sie sieben Tage zu Hause bleiben, mit Familie gar 14 Tage. Das aber hat Konsequenzen für den NHS. Da Teile der Bevölkerung derzeit ohnehin an Erkältung oder Grippe leiden, haben sich schlagartig fast zehn Prozent des NHS-Personals krankgemeldet oder in Selbst-Isolation begeben. Um das zu kompensieren, werden fast 11.000 Ärztinnen, Ärzte und Krankenpfleger aus dem Ruhestand zurückgeholt. Zusätzlich haben sich nach einem Aufruf der Regierung mehr als 600.000 Freiwillige aus der Bevölkerung gemeldet, die dem NHS helfen wollen, als Fahrerin, Packer und Bote. Der Geist von Dünkirchen weht durchs Land.

Das aber löst das Grundproblem nicht. Da das Gesundheitssystem nicht auf eine Epidemie ausgelegt wurde, kann der NHS dem Personal in der Notaufnahme nicht die Schutzanzüge, den Augenschutz und die Qualitätsmasken liefern, die von der Weltgesundheitsorganisation für den Kontakt mit Corona-Patienten empfohlen werden. Der Vorsitzende des britischen Ärzteverbandes, Chaand Nagpaul, sagt: "Wir bekommen Plastikumhänge, die unsere Kleidung nicht abdecken, einfache Gesichtsmasken und keinerlei Augenschutz. Die Regierung verlangt von uns, dass wir unsere Leben aufs Spiel setzen. Das ist nicht haltbar."

Auch an Betten mit Beatmungsgeräten mangelt es. Insgesamt verfügt der NHS über etwa 8.100 solcher Plätze. Aber auf dem Höhepunkt der Epidemie wird das Land 30.000 brauchen. Noch vor wenigen Wochen hatte Großbritannien statistisch mit 6,2 Betten je 100.000 Bewohner gerade mal ein Viertel der Kapazität, die Deutschland vorhält. Jetzt verschafft sich der NHS weitere 10.000 Betten über die privaten Krankenhäuser.

Zudem soll im Osten Londons in der ExCel-Messehalle ein 4.000-Bettenhospital mit zunächst 500 Beatmungsgeräten eingerichtet werden. Die Halle ist einen Kilometer lang, das Militär hat im Hintergrund bereits die Organisation übernommen. Ähnliche Krankenhäuser sollen in Birmingham und Manchester aufgebaut werden.

Dann ist nur noch die Frage, woher die Beatmungsgeräte kommen sollen. Anstatt sich der Ausschreibung der EU anzuschließen, wozu Großbritannien in der Brexit-Übergangsphase ein Recht gehabt hätte, bestand Johnson auf Made in Britain. Der Staubsauberproduzent und Brexit-Verfechter Dyson behauptet, in Kürze 10.000 neu entwickelte Beatmungsgeräte produzieren und liefern zu können. Ob sie medizinischen Tests standhalten, weiß kein Mensch. Die Angst ist groß, dass Großbritannien bald italienische Verhältnisse erleben wird, dass in Intensivstationen entschieden werden muss, ob ältere Patienten überhaupt noch Beatmungsgeräte in Anspruch nehmen dürfen oder nicht.

Ärztinnen und Ärzte, die auf Intensivstationen den brutalen Ernst der Lage erleben, versuchen vergeblich, die Leute zu warnen, die immer noch sorglos shoppen gehen. "Als wir im Krieg den Feind bekämpfen mussten, wurden von der Bevölkerung Todesmut und Selbstaufopferung verlangt", meldet sich ein Arzt. "Jetzt wird nur verlangt, dass ihr einfach auf dem Sofa hocken bleibt. Und ihr schafft nicht mal das."


Aus: "Großbritannien: Völlig unvorbereitet in die Epidemie"  Bettina Schulz, London (28. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/grossbritannien-coronavirus-boris-johnson-prince-charles-gesundheitssystem-beatmungsgeraete/komplettansicht (https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/grossbritannien-coronavirus-boris-johnson-prince-charles-gesundheitssystem-beatmungsgeraete/komplettansicht)

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ich habe eine frage #6

und allen anderen westlichen Ländern war die Gesundheitsfürsorge im freien Markt überlassen und damit ein System geschaffen worden was eine hohe Rendite Abgaben musste. Das waren anderen westlichen Ländern nicht anders und besonders stark ausgeprägt in der USA ...


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Jan Reiter #6.2

Der NHS ist staatlich.


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Rudolf Rocker #6.5

+Gesundheitsfürsorge im freien Markt überlassen+

Das ist in UK nicht da Problem. Das Gesundheitswesen ist immer ein Ding von Labor gewesen, mit dem sich die Konservativen nie anfreunden konnten. Die Briten zahlen ja keine Krankenkassenbeiträge, sondern der National Health Service wird ganz vom Staat bezahlt. Daher war es für die Konservativen leicht, in den Jahren nach Blair das System ausbluten zu lassen. Für die reichen Briten gibt es natürlich auch noch Privatkrankenhäuser und wenn man sieht, dass durch die die Beatmungsplätze locker um 10000 ausgebaut werden können, sieht man schon, wie gut die im Gegensatz zu den öffentlichen sind. Eben das typisch britische Zweiklassensystem.


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southy #11

Die wenigsten Regierungen haben in dieser Krise keine Fehler gemacht. Was auch verständlich ist.

Aber es fällt schon irgendwie aus wie mit großem Abstand vor allem die populistischen nicht nur ein bisschen, sonst völlig versagen („keine Zusammenarbeit mit der EU“):
Trump, Johnson, Bolsonaro, ...)

Ich meine, klar, allen diesen unterstellt man sie seien ein bisschen, sagen wir, nicht die hellsten Kerzen auf dem Kuchen.
Aber eigentlich ist es doch gerade die Qualität von Autokraten, Gefahr für die eigene Person zu verstehen.
Trotzdem haben sie es sowas von verbockt.
Da sieht man halt was passiert wenn Wissenschaft verachtet wird.


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Verbaler Spaltpilz #11.3

Googlen Sie mal "Crimson Contagion" und die Reaktionen von Trump darauf. Die Katastrophe kommt mit Ansage, Anlauf und Vorschlaghammer in der Hand.

Popolisten versagen hauptsächlich aus einem Grund, denn reale Probleme lassen sich mit stumpfsinnigen Parolen nicht lösen. Die Anhänger einfacher Lösungen sind mit den Lösungen von realen Problemen völlig überfordert. ...

[ https://de.wikipedia.org/wiki/Crimson_Contagion (https://de.wikipedia.org/wiki/Crimson_Contagion) ... "Eine Recherche der "New York Times" zieht auch die Behauptung des Präsidenten in Zweifel, der am Mittwoch zu dem rasanten Anstieg der Infektionen meinte, "niemand hätte solche Zahlen für möglich gehalten". Tatsächlich führte seine eigene Regierung im vergangenen Jahr eine Übung mit dem Codenamen "Crimson Contagion" durch. ... Statt Konsequenzen aus "Crimson Contagion", der Schweine-Grippe und der Ebola-Krise zu ziehen, und mehr Schutzmasken, Beatmungsgeräte und andere Medizingüter zu beschaffen, setzte der US-Präsident einen anderen Schwerpunkt. Drei Wochen nach dem ersten "Corona"-Fall in den USA legte das Weiße Haus seinen Haushaltsentwurf vor. Darin kürzte Trump den Etat der Gesundheitsbehörde CDC um neun Prozent. Zwei Wochen später verkündet er, das Virus werde eines Tages "wie ein Wunder verschwinden". Thomas Spang (20.03.20 )" https://www.giessener-allgemeine.de/politik/kasse-gemacht-warnungen-ignoriert-13608499.html (https://www.giessener-allgemeine.de/politik/kasse-gemacht-warnungen-ignoriert-13608499.html)


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Nightrider #11.8

Ja, aber die strukturellen Probleme gehen noch viel weiter zurück. Das Zweiklassen-Gesundheitssystem in USA (und GB) gibt es nicht erst seit Trump.


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Verbaler Spaltpilz #11.10

Das Virus ist voll kommunistisch, das behandelt alle Menschen gleich.


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Fondermann #17

Waren wir etwa vorbereitet? Doch eher wohl auch nicht!


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Woody Guthrietis #20

Traurig, dass es erst einer schlimmen Notlage bedarf, damit die Leute merken, dass kleingeistige Nationalisten und Populisten nur ihr eigenes Wohlergehen im Sinn haben.


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teacher-1 #22

Ja, man kann sich natürlich über Großbritannien das Maul zerreißen, aber ich finde - mit Blick auf uns selbst - dass wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen sollten. Wie man den Medien entnehmen kann, so hat es schon vor geraumer Zeit massive Warnungen von Experten in Richtung Regierung gegeben, dass wir einer Epidemie und Pandemie nicht gewachsen wären, weil wir eben nicht genügend vorbereitet sind. Geschehen ist nichts. Wenn ich mir das bundesdeutsche Desaster so anschaue, was Schutzmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel angeht - und trotz aller politischen Lippenbekenntnisse und des ganzen politischen Aktionsmus ist das Problem noch immer nicht behoben - so gibt die Bundesrepublik Deutschland als eines der reichsten Länder der Welt diesbezüglich auch nicht gerade das beste Bild ab. Auch war es vollkommener Blödsinn die Schulen nach den Faschingsferien überhaupt noch einmal zu öffnen, auch hier hat man viel zu spät reagiert. Wenn ich dann in Stuttgart an das letzte Zweiliga-Fußballspiel mit Zuschauern denke, so muss man sich auch hier fragen, ob die Verantwortlichen noch alle Tassen im Schrank hatten, um das einmal salopp auszudrücken.

Es mag sein, dass das Ganze in anderen Ländern schlechter aussieht als in Deutschland, aber mit Ruhm bekleckert haben wir uns auch nicht gerade und ich finde es immer peinlich, wenn so ein wenig der Geruch entsteht die eigenen Unzulänglichkeiten mit dem Blick auf andere Länder kaschieren zu wollen.


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Instant Karma #25

Hier unten ist der Fall der 36jährigen Kayla Williams, die gestorben ist, weil die Ambulanz sie nicht mitnehmen konnte/wollte. Geschah in Peckham, Südlondon.
https://www.theguardian.com/world/2020/mar/25/london-woman-36-dies-of-suspected-covid-19-after-being-told-she-is-not-priority (https://www.theguardian.com/world/2020/mar/25/london-woman-36-dies-of-suspected-covid-19-after-being-told-she-is-not-priority)



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acm2010 #25.1

In den USA würde man sagen sie war ein bisschen zu schwarz um mitgenommen zu werden.


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Gefüllte Frikadelle #26

Hab mich schon vor ein paar Wochen gewundert, wie kuschlig die noch auf ihren grünen Bänken im Parlament zusammen saßen.

Selbst im Mittelalter wußte man schon, wie wichtig Abstand bei der Pest ist.

Übrigens, sehr interessant: Daniel Defoe, Die Pest zu London. Man findet die selben Abläufe wie jetzt - es beginnt mit Verdrängung der offensichtlichen Fakten, dann kommen Panikkäufe - Klopapier spielte dabei nicht die Rolle, aber Pferde (zur Flucht aus der Stadt) wurden knapp.


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123Stadtmusikant123 #26.1

Jawoll, und die deutschen Klugscheißer haben nicht nur schön kuschelig Karvevall und Fasching gefeiert, sondern saßen bis vor zwei , drei Wochen noch in einigen bayrischen Bierzelten zusammen.


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fussballplebs #28

Naja, wir bekleckern und aktuell auch nicht gerade mit Ruhm und als Vorbild taugen wir auch nicht unbedingt. Jedenfalls nicht als Positives. Wenn man mit Dreck wirft, sollte man zunächst einen Blick vor die eigene Türe werfen, ggf. dort kehren, falls da zu viel eigener Dreck rumliegt und einfach den Mund halten. Bei uns herrscht der gleiche Mangel wie auf der Insel.


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Bösemine #28.11

https://www.worldometers.info/coronavirus/ (https://www.worldometers.info/coronavirus/)

Sortieren Sie mal nach Tote (pro 1M population).
Zahlen lügen nicht, da kann man noch so viel poltern und schimpfen.


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fussballplebs #28.17

"worldofmeters kann nur das weitermelden, was ihnen von den Staaten gemeldet wird.

In Rußland sind die Zahlen angeblich auch niedrig - die Leute sterben nur merkwürdigerweise plötzlich massenhaft an Lungenentzündung...."
Da haben Sie ausnahmsweise mal recht. Mit lupenreinen bzw. quasi Diktaturen ist kaum ein Staat und noch viel weniger eine aussagekräftige Statistik zu machen.


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cwsuisse #33

Die Standards beim NHS sind sicher beklagenswert. Aber die Covid-19 Mortalität in England (5,15%) ist deutlich niedriger als beispielsweise in Spanien, Italien und den Niederlanden (6,32%).


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iguatemi #40

Immer wieder das Niederschreiben Grossbritanniens. Noch nicht mal der Versuch halbwegs objektiv zu berichten.
Die zentralisierte Struktur des NHS ist gut zur Pandämiebekämpfung ausgelegt (das bestätigt auch die Studie der John Hopkins University bezüglich Pandemie; einfach Googlen). Natürlich hat der im Vergleich zu D (Bzw. Fr) deutlich günstigere NHS zu wenig Betten, aber er kann sie schnell stark erhöhen (zB durch private Krankenhäuser), auch ist es schon eindrucksvoll dass innerhalb kürzester Zeit 3 full fuktionsfähige Krankenhäuser mit je bis zu 4000 Betten eingerichtet werden können (mit Beatmung, Logistik etc) in einer Zusammenarbeit von Armee und Gesundheitsdienst die es so in D nicht gibt (wie viele tatsächlich zusätzliche Betten hat Fr denn eingerichtet bekommen?). Ich weiß ja das gerade die Zeit nach einfachen Schemen schreibt (Breixt= dumm und schlimm deswegen UK=Chaos und Boris=Trump=Ganz schlimm) und das einzige Britische Medium das in der Redaktion gelesen wird scheint der Guardian zu sein. Das Problem ist lediglich das dies höchstens die halbe Wahrheit ist und das die Zeit nicht mehr ihrer Aufgabe der Berichterstattung nachkommt wenn nur das berichtet wird das ideologisch in den Kram passt.
Ach ja, es gibt zwei Konsortien die Beatmungsgeräte fur UK Produzieren, eines von Dyson und ein anderes unter der Führung von Airbus. Und die Alternative der EU Beschaffung ist ja wohl ein Witz. Oder gibt es diese ganzen Maschinen und man hält sie IT, FR und ES vor?


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medèn ágan #40.2

Es ist kein Geheimnis, dass der NHS über Jahrzehnte ausgeblutet wurde. Es gibt ähnliche Tendenzen in DE, aber wir reden hier wirklich um ganz unterschiedliche Niveaus, wenn es um die Leistungsfähigkeit der Versorgung der Gesamtbevölkerung geht.


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zachariaszorngiebel #40.5

Ich bin nun wirklich kein UK, Johnson oder Trump fan, aber wenn jemand etwas richtig macht sollte man das auch würdigen, unabhängig davon ob man sonst der gleichen Meinung ist: Natürlich kann man auch Beatmungsgeräte aus Europa ordern, aber da sind sie genauso knapp. Also macht es doch Sinn sie selbst herzustellen (man muss sie natürlich auch testen und im gegebenen Falle Lizenz Gebühr bezahlen). Wenn Airbus Rolls Royce und Dyson es schaffen können sie später vielleicht helfen den Mangel in Europa zu beseitigen.


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Schlaupilz #43

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich den amerikanischen "Defense production act" gut finde.Was sich in Deutschland mit der fehlenden Verfügbarkeit von Schutzmasken für das medizinische Personal abspielt, ist einfach erbärmlich.


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  Dombaumeister #50

Wie lässt sich das eigentlich psychologisch erklären, dass gerade die rechten Populisten so überfordert sind damit, die Existenz dieser Pandemie zu akzeptieren und erst einmal wertvolle Zeit verstreichen lassen, bevor sie gnädigerweise geneigt sind zu reagieren? Wenn man sich die Herren Trump, Johnson, Orban oder Bolsonaroa anschaut, regiert da doch überall die pure Hilflosigkeit.


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sh9 #50.1

Selbstüberschätzung und Realitätsverlust.
Typisch bei Narzissten.


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slyke07 #59  —  vor 2 Stunden

Einerseits habe ich solche schwarzseherischen Kommentare wie diesen hier langsam satt. Einfach zu oft ist der an die Wand gemalte Weltuntergang nicht eingetreten.

Andererseits wird Deutschland helfen müssen, wenn es soweit ist. Wenn es kann und im Rahmen der Möglichkeiten, die es hat. Genauso wie es Frankreich und Italien hilft. Es ist zwar ob der schier überwältigenden Zahlen nur eine Geste, aber trotzdem.

Allerdings fragt sich, ob einem so unterirdisch denkenden Charakter wie Johnson überhaupt noch zu helfen ist. Der Artikel liefert dafür hinreichende Belege:

"Bis Mitte März noch glaubten Johnson und seine Berater, dass sie der Krankheit weitgehend freien Lauf lassen könnten und dass eine "Herdenimmunität" die Bevölkerung vor einer zweiten Infektionswelle im Winter bewahren könne."

""Wir haben die Strategie von Januar bis Mitte März verfolgt, dann aber damit aufgehört", räumte Yvonne Doyle, die Leiterin von Public Health England, am Donnerstag vor dem parlamentarischen Gesundheitsausschuss ein. Es habe an Personal gefehlt. ... Großbritannien hatte es in der Anfangsphase der Epidemie zudem versäumt, genug Antigentests zu ordern. Die Strategie, alle potenziell Infizierten zu testen, erwies sich insgesamt als illusorisch."

"Anstatt sich der Ausschreibung der EU anzuschließen, wozu Großbritannien in der Brexit-Übergangsphase ein Recht gehabt hätte, bestand Johnson auf Made in Britain."

Was soll man dazu noch sagen?


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 01, 2020, 04:14:57 PM
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[...] Kommt nach Occupy Wall Street jetzt Occupy Homeoffice? Ein Anruf in London beim Anthropologen und Kapitalismuskritiker David Graeber – der hofft, dass unser Arbeitsleben und unser Wirtschaftssystem nie wieder sein werden wie vor der Corona-Krise.

ZEIT ONLINE: Herr Graeber, plötzlich ist Homeoffice doch möglich und Supermarktkassiererinnen sind systemrelevant. Stellt die Corona-Krise auch unsere Arbeitswelt für immer auf den Kopf?

David Graeber: Hier in Großbritannien hat die Regierung eine Liste zusammengestellt mit den systemrelevanten Berufen – wer in denen arbeitet, darf weiterhin seine Kinder in die Schule schicken, wo sie betreut werden. Die Liste besticht durch die erstaunliche Abwesenheit von Unternehmensberatern und Hedgefondsmanagern! Die, die am meisten verdienen, tauchen da nicht auf. Grundsätzlich gilt die Regel: Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt. Eine Ausnahme sind natürlich Ärzte. Aber selbst da könnte man argumentieren: Was die Gesundheit angeht, trägt das Reinigungspersonal in Krankenhäusern genauso viel bei wie die Mediziner, ein Großteil der Fortschritte in den letzten 150 Jahren kommt durch eine bessere Hygiene.

ZEIT ONLINE: In Frankreich erhalten die gerade besonders geforderten Supermarktangestellten jetzt eine Bonuszahlung – auf Drängen der Regierung. Von allein regelt der Markt das nicht.

David Graeber: Weil der Markt gar nicht so sehr auf Angebot und Nachfrage basiert, wie uns immer eingeredet wird – wer wie viel verdient, das ist eine politische Machtfrage. Durch die aktuelle Krise wird jetzt noch deutlicher: Mein Lohn hängt überhaupt nicht davon ab, wie sehr mein Beruf tatsächlich gebraucht wird.

ZEIT ONLINE: Um dieses Missverhältnis geht es in Ihrem aktuellen Buch Bullshit Jobs: Viele gesellschaftlich unverzichtbare Jobs werden schlecht bezahlt – während gut bezahlte Angestellte oft daran zweifeln, ob ihre Bürotätigkeit überhaupt irgendeinen Sinn erfüllt oder ob sie nur einen "Bullshit-Job" machen.

Graeber: Was mir wichtig ist: Ich würde niemals Menschen widersprechen, die das Gefühl haben, mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zu leisten. Ich habe für mein Buch aber Stimmen gesammelt von Leuten, die genau dieses Gefühl eben nicht haben: Sie sind teilweise tief frustriert, weil sie etwas zu unser aller Wohl beitragen wollen. Aber um genug Geld für ihre Familien zu verdienen, müssen sie genau die Jobs machen, die keinem was bringen. Leute haben zu mir gesagt: Ich habe als Kindergartenerzieher gearbeitet, das war toll und erfüllend und wichtige Arbeit, aber ich konnte meine Rechnungen nicht mehr zahlen. Und jetzt arbeite ich für irgendein Subunternehmen, das eine Krankenversicherung mit Informationen versorgt. Ich markiere den ganzen Tag irgendwelche Formulare, niemand liest meine Berichte, aber ich verdiene zwanzigmal so viel.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit diesen Büroangestellten, die ihre Bullshit-Jobs jetzt wegen des Coronavirus aus dem Homeoffice erledigen?

Graeber: Manche melden sich jetzt bei mir und sagen: Ich habe immer vermutet, dass ich meinen Job auch in zwei Stunden in der Woche erledigen könnte, aber jetzt weiß ich tatsächlich, dass es so ist. Denn sobald man das von zu Hause aus macht, fallen zum Beispiel oft die Meetings weg, die überhaupt nichts bringen.

ZEIT ONLINE: Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 waren Sie bei der Protestbewegung Occupy Wall Street engagiert, Aktivisten besetzten unter anderem einen Park in der Nähe der New Yorker Börse. Könnte die Corona-Krise eine ähnliche linke Bewegung hervorbringen? Ein Occupy Homeoffice?

Graeber: Wenn, dann ist das Motto eher: Occupy die Wohnung, in der du lebst, und zahle keine Miete mehr. Gerade wird viel über Mietstreiks gesprochen, weil die Menschen wegen der Corona-Krise ihre Miete nicht mehr zahlen können. Und dann geht es ganz konkret darum, die systemrelevanten Arbeiter zu unterstützen, denen nicht die Ausrüstung zur Verfügung gestellt wird, die sie brauchen, um ihren Job zu machen. Es ist doch in unser aller Interesse, dass medizinisches Personal und Lieferfahrer Schutzausrüstung haben.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig erfahren wir in dieser Krise sehr anschaulich, wie zentral Arbeit für unsere Gesellschaft ist: Egal, wie viele Orte die Menschen jetzt nicht mehr aufsuchen dürfen, an ihren Arbeitsplatz sollen sie häufig weiterhin gehen.

Graeber: Man sieht das bei Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr: Wenn man den zumacht, dann zuerst am Wochenende. Man kann nicht mehr in den Park. Aber Gott verbiete, dass man nicht mehr zur Arbeit gehen kann! Obwohl wir doch längst gemerkt haben, dass ein großer Teil der Arbeit überhaupt nicht im Büro erledigt werden muss.

ZEIT ONLINE: Das wäre tatsächlich ein Erkenntnisgewinn aus der gegenwärtigen Situation, oder?

Graeber: Ja. Die Frage ist bloß: Werden die Leute, wenn diese Krise vorbei ist, so tun, als sei das alles nur ein Traum gewesen? Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 konnte man Ähnliches beobachten: Einige Wochen lang haben alle gesagt: "Oh, alles, was wir für wahr gehalten haben, stimmt ja gar nicht!" Man hat endlich grundsätzliche Fragen gestellt: Was ist Geld? Was sind eigentlich Schulden? Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: "Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wir vorher!" Und die neoliberale Politik und die Finanzindustrie haben einfach weitergemacht. Darum ist es so wichtig, dass wir, was wir uns in Krisenzeiten endlich eingestehen, danach nicht wieder verdrängen – zum Beispiel, welche Jobs wirklich systemrelevant sind und welche nicht.

ZEIT ONLINE: In diesem Sinne hoffen viele schon jetzt: Wenn wir durch radikale gesellschaftliche Veränderungen die Corona-Katastrophe gemeinsam abwenden können, dann wird es uns danach auch gelingen, den Klimawandel aufzuhalten.

Graeber: Die Frage ich doch: Wie können wir die CO2-Emissionen massiv reduzieren, ohne dass wir damit wieder Belastungen für die Schwächsten schaffen? Wenn in Umfragen ein Drittel aller Menschen angibt, dass ihre Jobs nutzlos sind, dann ist das sehr viel Energie, die wir an dieser Stelle verbrauchen, obwohl wir das gar nicht müssten – allein schon für die klimatisierten Bürogebäude. Man könnte also Emissionen reduzieren und sogar das Leben der Menschen angenehmer machen, wenn man sie nicht mehr dazu zwingt, Jobs zu machen, die sogar sie selbst nutzlos finden.

ZEIT ONLINE: Um die Menschen von ihren Bullshit-Jobs zu befreien, schlagen Sie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens vor. Viele Aktivisten sprechen jetzt von einer anderen Welt, die plötzlich möglich scheint. Aber ist es nicht völlig illusorisch, dass wir ausgerechnet in solch einer Krise unser Wirtschaftssystem umbauen können? Während wir gleichzeitig eine weltweite Katastrophe bekämpfen?

Graeber: Es ist sogar viel einfacher, mitten in einer Krise solche Veränderungen durchzusetzen! Wir organisieren unsere Wirtschaft ja gerade sowieso um, ob es uns jetzt gefällt oder nicht. So viele grundsätzliche Fragen wurden lange nicht gestellt, weil man sie gar nicht formulieren konnte in der Sprache der neoliberalen Ökonomen. Die haben so getan, als wären sie im Besitz einer Wissenschaft, die sowieso schon alle Antworten kennt. Der Neoliberalismus ist in seinem Kern ein Mittel, um Leute davon abzuhalten, sich eine andere, abweichende Zukunft auszumalen – weil sowieso alles alternativlos ist. Aber vielleicht hängt die Zukunft in Wirklichkeit ja von uns ab! Genau das bemerken wir jetzt in dieser Krise. Die Frage ist nur: Was passiert danach?

ZEIT ONLINE: Viele Menschen werden sich gerade vor allem wünschen, dass sie gesund bleiben und irgendwann alles wieder so ist wie vorher. Sie wollen keine Veränderung, sondern einfach ihr normales, neoliberales Leben zurück. Verständlich, oder?

Graeber: Klar, das wünschen sich viele. Aber wir haben schon jetzt viele Illusionen verloren, die wir uns gemacht haben, auch über die Arbeitswelt und wer dort wie wichtig ist. Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten. Man muss wieder vergessen, wer wirklich die Arbeit macht und dafür viel zu wenig verdient. Außerdem steht uns die allergrößte Krise noch bevor, der Klimawandel. Wir standen die ganze Zeit auf den Gleisen und ein Zug kam uns direkt entgegen. Und jetzt hat uns jemand brutal von diesen Gleisen gestoßen, das tut weh und ist schrecklich. Aber das Dümmste, was wir tun könnten, wenn wir wieder auf die Beine kommen: Uns wieder zurück auf die Gleise stellen, wo der Zug auf uns zurast!


Aus: "David Graeber: "Werden wir danach so tun, als sei alles nur ein Traum gewesen?"" Lars Weisbrod (31. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2020-03/david-graebner-coronavirus-kapitalismus-bullshitjobs/komplettansicht (https://www.zeit.de/arbeit/2020-03/david-graebner-coronavirus-kapitalismus-bullshitjobs/komplettansicht)

https://twitter.com/larsweisbrod/status/1244917564167393282?s=03 (https://twitter.com/larsweisbrod/status/1244917564167393282?s=03)

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Robert Nozick #2

Zwar stimme ich mit Herrn Graeber grundsätzlich schon mal nie überein - vor allem was ein Grundeinkommen angeht - aber tatsächlich beleuchtet Corona das Missverhältnis zwischen gut bezahlter und systemwichtiger Tätigkeit schlaglichtartig.

Ich habe absolut nichts dagegen, wenn sich das in Zukunft mal ändert und etwas mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung eintritt, bin allerdings momentan hochzufrieden damit, einen zu 90% im Homeoffice zu erledigenden Bullshitjob zu haben, der mich maximal 30-50% der realen Arbeitszeit tatsächlich beschäftigt und der momentan in vollbezahltem Corona-Urlaub mit gelegentlichem E-Mail-checken besteht.

Augen auf bei der Berufswahl!
Jeder muss für sich entscheiden, ob ihm Sinnhaftigkeit oder Preis-Leistungs-Verhältnis seines Jobs wichtig ist.


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S1072 #2.1

Ihr Kommentar zeigt aber, dass sie realistisch betrachtet, morgen auf der Straße sitzen müssten, weil Sie viel zu viel Geld kosten, für das, was Sie tatsächlich "leisten". ...


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Robert Nozick #2.5

Das war eine reine Zustandsbeschreibung!

Kommen Sie nicht damit klar, wenn man Dinge beschreibt, die momentan ein paar Millionen Schreibtischtäter so gehen, auch wenn es die Wenigsten offen zugeben?

Oder geht das nur, wenn Herr Graeber das abstrakt beschreibt?

Es gibt nun mal Aufgaben, die haben in der gegenwärtigen Situation null Priorität.

Nehmen wir beispielsweise die regelmäßigen Prüfungen in Alten-und Pflegeheimen. Die machen unter normaler Umständen absolut Sinn. Momentan sind die ausgesetzt, weil die Heime weit wichtigere Probleme haben. Die Mitarbeiter bei den Prüfdiensten, die keine pflegerische Ausbildung haben, machen jetzt auch maximal Beschäftigungstherapie.

Oder würden Sie es für sinnvoll halten, dass zum Beispiel der Bundesrechnungshof jetzt Krankenkassen oder Krankenhäuser mit Wirtschaftlichkeitsprüfungen beschäftigt?
Ich arbeite nun einmal in einem (ähnlichen) Bereich, dessen Tätigkeit in normalem Zeiten Sinn macht, momentan aber komplett kontraproduktiv wäre.


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schibby #2.27

"Eins machen Sie sehr deutlich. Sie sind und ihr Job sind ganz bestimmt nicht systemrelevant."

In einem so komplexen System wie unserer/einer Gesellschaft ist es kaum zu überblicken wer alles systemrelevant ist.

Die Supermarkt Kassiererin ist system relevant oder?
Wie sieht es aus mit:

-dem Regalfüller?
-dem LKW-Fahrer der die Ware transportiert?
-dem Spediteur, der dessen Route plant?
-dem Mechaniker, der den LKW am laufen hält?
-dem Sachbearbeiter der die Löhne überweist?
-dem Bankangestellten der das Banking-Programm betreut?
-ich kann das ewig weitermachen xD


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Ring Road #5

Der Unterschied zur Finanzkrise 2008 ist jedoch, dass die jetzige Krise maßgeblich durch Corona verursacht wurde und folglich die Akzeptanz des aktuellen Wirtschaftsystems nicht generell in Frage gestellt wird, da kein Fehler des Systems vorliegt.

Leute wollen auch nach der Krise wieder kaufen, reisen, kurz gesagt konsumieren.

Außerdem wurde noch nie nach Systemrelevanz vergütet, sondern stets nach Qualifikation, Marktsituation, Tarif, Verantwortung/Führung und Wettbewerb.


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Nibbla #5.1

Vitamin B nicht vergessen. Und nach oben scheitern kann man in manchen Bereichen leider auch.


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Kreuzberger-10999 #8

Die Corona Krise sehe ich als große Chance, um Denkräume zu eröffnen.

Viele Menschen konnten sich nicht vorstellen das drastische Massnahmen zum Klimaschutz umsetzbar sind, die gerade zwangsweise umgesetzt werden. Zu Recht, denn jetzt sehen wir den ökonomischen Preis den wir dafür zahlen, auf Tourismus (Flüge, Kreuzfahrtschiffe, Hotels , Messen) zu verzichten. Millionen Menschen werden arbeitslos, Steuereinnahmen brechen ein.

Aber plötzlich wird eine Welt ohne überbordenden Tourismus vorstellbar. Die Frage ist, fahren wir nach der Krise wieder alles hoch auf Vorkrisen Niveau oder versorgen wir die Menschen mit einem Grundeinkommen und "belohnen" Sie dafür, das sie auf ihre "klimaschädliche" Arbeit verzichten.

Ich habe eine große Sympathie für das Grundeinkommen. Oft wurde gesagt, das dann keiner mehr die unangenehmen systemrelevanten Jobs machen wird. Aber gerade jetzt erleben wir, das gerade diese Jobs eine ungemeine respektvolle Anerkennung erfahren.

Zudem erleben die Menschen gerade an sich selbst, wie anstrengend es sein kann 2-3 Monate zu Hause zu sitzen, selbst wenn sie Corona Hilfe vom Staat bekommen und finanziell das nötigste abgesichert ist - die Menschen wollen etwas sinnvolles tun.


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Odinseidank #12

Zur Kapitalismuskritik: Als ich vor einigen Tagen durch die lediglich leicht gefledderten Gänge eines Supermarktes ging dachte ich: Was für ein Glück, dass Corona nicht in der DDR passiert ist. Und wie leistungsstark unsere sozialen Marktwirtschaft ist, dass am nächsten Tag fast alles wieder in Hülle und Fülle einsortiert in den Regalen liegt.

Dass man die Pflege- und Heilberufe besser bezahlen muss, ist für mich allerdings gleichfalls klar.


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Cleaude #13

"Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt"

Sorry, aber das ist reine Polemik. Da versucht jemand, diese Krise zu nutzen, um Propaganda zu betreiben. Alleine der Begriff "systemrelevant" ist irreführend. Der Landwirt und die Kassiererin sind systemrelevant, aber der Traktorhersteller nicht? Da sollte doch jedem klar sein, dass das nur kurzfristig zutreffen kann. Fast jeder Beruf ist legitimer Teil unseres Systems. Ja, sogar Hedgefondsmanager und Unternehmensberater.
Ich selber arbeite in der Forschung bezüglich Datenschutz. Ist das systemrelevant? Aktuell sicherlich nicht, aber ich denke, dass ich mit meiner Arbeit einen Anteil daran leiste, dass wir einen digitalen Fortschritt erleben, der nicht in einer Überwachungsdistopie endet. Das nutzt letztlich auch der Kassiererin und dem Arzt. ...


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Bullit #14

Ich kann dem Autor nicht zustimmen. Es gibt keine "Bullshit-Jobs". Es gibt nur Jobs, deren Bedeutung in bestimmten Situationen zunimmt, und welche, deren Bedeutung in bestimmten Situationen abnimmt. Jeder Beruf, mit dem sich auf Dauer Geld verdienen lässt und der die Wirtschaft am Laufen hält, hat seine Berechtigung, ganz einfach weil er nachgefragt wird, ansonsten würde dafür auf Dauer kein Geld bezahlt. Ich halte nichts von Leuten, die eine Krise zum Anlass nehmen um die Gesellschaft zu spalten.


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Kreuzberger-10999 #14.1

Ich kann ihre Argumentation gut nachvollziehen, sie steht unter der bisherigen kapitalistischen Prämisse:

"Wir produzieren alles, was sich irgendwie lohnt und verwerten lässt"

Die Frage ist, ob sich diese Prämisse in Zeiten des Klimawandels und des Ressourcenverbrauches nicht verändern sollte hin zu: "

"Wir produzieren das, was zum angenehmen Leben notwendig ist"

Und das mein nicht nur unbedingt notwendig und systemrelevan .
Ja, es soll Reisen, Kultur und Austausch geben. Aber vielleicht nur alle 3 Jahre eine große Reise für 6 Wochen, dazwischen kleinerer Reisen in die lokale Umgebung?
nur 3 Fernsehsender statt 20, in Berlin nur 1 Filmfestival statt 20?
Oder wir reparieren den Traktor, statt einen neuen zu produzieren?


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HH1960 #15

Der Mann spricht mir aus dem Herzen!

Ich kann meinen Job auch in 60-70% der Arbeitszeit und zum guten Teil auch im Home Office schaffen. Also reichen drei bis vier Tage Arbeit vollkommen.
Ein Weiter-so wie vorher, gibt es für mich nach der Krise nicht. Ich werde die Arbeitszeit reduzieren und soviel Home Office wie möglich machen. Das steigert die Lebensqualität erheblich, entlastet nebenbei die Straßen und schont die Umwelt.


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Joycastle #17

Ok, da hat also jemand nicht verstanden, worum es bei den "systemrelevanten" Jobs im Kontext der Coronakrise geht.

Zur Erinnerung: Eigentlich sollen wir ja alle zu Hause bleiben. Bei vielen Berufen geht das aber nicht. Und deshalb muss man bei den Berufen, *die nicht von zu Hause erledigt werden können*, sortieren zwischen "systemrelevant" und "nicht systemrelevant". Bei den Berufen, die von zu Hause erledigt werden können (z.B. Bundeskanzlerin), braucht man diese Unterscheidung nicht zu machen.

Wenn also Hegdefondsmanager nicht auf der Liste stehen, bedeutet das nicht, dass sie nicht systemrelevant sind, sondern nur, dass es egal ist, ob sie systemrelevant sind oder nicht.

Sind Anthropologieprofessoren eigentlich systemrelevant?


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Michael_Klane #21

Ich arbeite in so einem überflüssigen Job der sehr, sehr gut bezahlt wird. Wenn ich ehrlich bin, braucht es mich und meine ganzen Kollegen nicht.
Woher ich das weiß? Weil es diese Berufe und Tätigkeiten 1980 auch noch nicht gab und der Planet damals auch funktioniert hat. Ich bin mir zwar sicher, dass mir einige Kollegen widersprechen werden, aber das machen die nur, weil sie sich für wichtig und unersetzlich halten. In Wahrheit dürften ihnen auch klar sein, dass sie überflüssig sind.

Bricht man es noch weiter runter, dann kann man sagen, dass man nur Bauern, Lehrer und Ärzte brauchte. Der Rest ist Overhead bzw. ABM, damit sich der Grossteil der Bevölkerung nicht langweilt. :-)

...


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  Südvorstadt #21.1

Was machen Sie denn beruflich?


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Michael_Klane #21.2

Ich gehöre auch der in dem Artikel genannten "bösen" Berufsgruppe Unternehmensberater mit Schwerpunkt IT-Consulting an. Die Kunden die meine Kollegen und mich buchen sind zwar mit unserer Arbeit sehr zufrieden, weil wir deren Wünsche und Anforderungen entsprechend umsetzen und nachher in der Regel auch alles nach einer gewissen Zeit funktioniert, aber in meinen Augen braucht es diesen ganzen Quatsch den wir produzieren gar nicht. Das geht eher in die Richtung selbsterfüllende Prophezeiung. Weil alle anderen Unternehmen es machen, machen wir das jetzt auch. Und bricht man es rein auf Covid-19 runter, braucht man das alles noch weniger.


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Simma Wiedersoweit #22

Erinnert sich jemand an die Bewohner von Golgafrincham im Roman „Per Anhalter durch die Galaxies“ von Douglas Adams?

Achtung: SPOILER!

Die teilten sich in drei Klassen auf:
Klasse A waren die Wissenschaftler, geniale Führungspersönlichkeiten und bedeutende Künstler.
Klasse B waren die Filmproduzenten, Telefondesinfizierer, Frisöre, Unternehmensberater und Versicherungsvertreter.
In Klasse C kamen die Leute, die die ganze Arbeit machten.

Auf Golgafrincham wurde dann der nahe Weltuntergang erklärt, so dass alle Einwohner evakuiert werden mussten. Alle aus Klasse B wurden in einem Raumschiff los geschickt. Der Weltuntergang war aber ein Fake. Einige Zeit später starben schließlich alle restlichen Einwohner an einer Seuche, die durch ein nicht desinfiziertes Telefon verursacht wurde.


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klaurot #18

Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: "Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wir vorher!"
*
Das Problem ist, dass da nicht irgendwo ein Mufti sitzt, der sagt: So, ich leg' jetzt mal einen Schalter um, und dann läuft das so, wie ich es will. Tatsächlich passiert das nur wenig merklich in den Köpfen: der Politiker, der wieder anders redet als in der Krise, der Journalist, der anders darüber schreibt als unter dem Eindruck der Krise; der Banker, der seine Kunden anders berät als während der Krise; der Unternehmer, der bei seinen Entscheidungen wieder mehr auf Risiko setzt als auf Sicherheit uswusf. Der Kapitalismus wird auch diese Krise einfangen und die Party weitergehen lassen. Wo kämen wir sonst hin? Schließlich leben wir in diesem und keinem anderen System. Wenn wir uns nicht systemkonform verhalten, gehen wir ein.


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Gertrud. die Leiter #25

"Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten."

Genau das wird aber passieren. Seien wir ehrlich: Unsere Medien werden kräftig dabei helfen. ...


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APetri #20

Sein Wort in Gottes und des Kapitalismus' Ohr! Spätesten seit dem 11. September 2001 hieß es bei jeder Krise, die Welt werde danach eine andere. Sie blieb aber wie sie ist und der Turbokapitalismus nebst Globalisierung wurde nur noch schlimmer. Genaus so wird es such dieses Mal sein. In wenig mehr als einer Woche der Einschränkungen erhebt sich schon wieder das Gejammer insbesondere der besser gestellten Individuen und Unternehmen wegen der bevorstehenden Rezession, als ob wir krine andeten Sorgen hätten.
Leider stimmt nur eine der Vorhersagen über die Welt, die nicht mehr wie zuvor ist: seit besagtem 11. September ist der Höhepunkt von Demokratie und Freiheit überschritten, um zunehmend autoritären Tendenzen Platz zu machen. Auch insofern wird es auch nach Corona wieder weiter gehen wie bisher!


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Windei #34

Der Preis eines Gutes hängt nicht nur von seiner Nützlichkeit ab, sondern auch von seiner Verfügbarkeit. Deshalb kostet ein Diamant mehr, als ein Liter Wasser. Das Verhältnis kann sich ändern. In der Wüste wird das Wasser sehr wertvoll. Das ist böse menschliche Natur und Grundlagen-VWL. Schon möglich, dass momentan Finanztypen eher weniger gebraucht werden. Die Krise wird aber nicht ewig dauern und dann sind vermutlich auch wieder Zahlenjongleure gefragt oder sogar Ethnologen.


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villager18 #33

Ich denke, das groß angekündigte "In-sich-Gehen", das viele für die Zeit "nach Corona" beschwören, wird nach gewisser Zeit verblassen. ...


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 01, 2020, 10:33:33 PM
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[...] +++ 20.51 Uhr: In den USA hat die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle die Marke von 200.000 überschritten. Laut der Johns-Hopkins-Universität wurden bis Mittwoch mehr als 203.000 Infektionsfälle gemeldet - so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Die Zahl von 100.000 Corona-Infektionen war am vergangenen Freitag überschritten worden, damit hat sich die Zahl binnen fünf Tagen verdoppelt. ...


Aus: "Corona in den USA: Traurige Marke geknackt – Kritik an Donald Trump" (01.04.20)
Quelle: https://www.fr.de/politik/corona-trump-stehen-corona-krise-sehr-schmerzhaften-zwei-wochen-zr-13599298.html (https://www.fr.de/politik/corona-trump-stehen-corona-krise-sehr-schmerzhaften-zwei-wochen-zr-13599298.html)

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[...] Fünf Wochen ist es her, da hielt der amerikanische Präsident Covid-19 für eine Grippe, für mehr nicht. Jetzt hält er Covid-19 nicht mehr für eine Grippe, sondern für eine bösartige Krankheit. Angesichts dramatisch steigender Infektionen und Mortalität in den Vereinigten Staaten, beeindruckt und erkennbar bedrückt von Prognosen seiner eigenen Berater über zu erwartende Todeszahlen („wie in Weltkriegen“) schlägt auch Donald Trump einen ganz anderen Ton an. Jetzt stellt er die Amerikaner auf schmerzliche Wochen ein, die vor ihnen lägen. Nach den jüngsten Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt sind die Nachrichten vom Versuch, das Coronavirus einzudämmen, nicht dazu geeignet, auf einfältigen Optimismus zu machen. Die düstere Realität der Pandemie, mit erschreckenden „Spitzenwerten“ für Amerika, ist beim obersten Mann im Staate angekommen.

Im vierten Jahr seiner Amtszeit ist Trump mit einer Krise konfrontiert, auf die er so wenig vorbereitet war wie offenkundig das amerikanische Gesundheitswesen generell. Es fehlt an Testkapazitäten, an medizinischer Ausrüstung und an Personal. So groß ist der Bedarf hierfür, dass flehentlich nach Hilfe gerufen wird und in New York, wo das Virus besonders heftig wütet, Feldlazarette errichtet werden müssen. Unterschätzt hat die Regierung Trump die Gefährlichkeit des Coronavirus ganz gewiss, aber nicht nur sie, auch andere haben das getan – in Amerika, in Europa. Wertvolle Zeit wurde vertan, weil gezögert oder die tödliche Gefahr ignoriert wurde. 100.000 Amerikaner könnten sterben, vielleicht noch mehr, und zwar trotz der Maßnahmen, die zur Eindämmung ergriffen worden sind. Wenn medizinische Bilanz zu ziehen ist, wird man wissen, wie groß die Verluste, in jeder Hinsicht, sind; und dann werden die Leute auch das Urteil über das Krisenmanagement des Präsidenten fällen.

Jetzt ist es nicht die Zeit dafür. Jetzt müssen alle Verantwortlichen jedweden Dünkel und politische Kleinkariertheit zurückstellen und gemeinsam Covid-19 bekämpfen. Hilfeersuchen sollten erhört werden und nicht überhört. Wenn sich der Präsident schon einer Kriegsrhetorik bedient, dann müssen alle notwendigen Ressourcen mobilisiert werden. In Zeiten der Bedrängnis sind die Amerikaner zu großer Solidarität und heroischem Einsatz bereit und in der Lage. Dafür ist die Zeit jetzt gekommen.


Aus: "Schmerzliche Erkenntnis" Klaus-Dieter Frankenberger (01.04.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/trump-in-erklaerungsnot-corona-in-amerika-16707210.html (https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/trump-in-erklaerungsnot-corona-in-amerika-16707210.html)

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[...] "Das ist echt! Das ist echt!“ Der Mann in einem parkenden Auto hört nicht auf, ungläubig diesen Satz zu sagen. Mit seinem Handy filmt er eine Szene auf der anderen Straßenseite vor dem Brooklyn Hospital in New York. Ein Gabelstapler kommt aus der Einfahrt des Krankenhauses und fährt auf einen Sattelschlepper zu, nur ein weißes Tuch verhüllt, was er transportiert. „Sie bringen Leichname in einen Lastwagen“, spricht der Mann im Auto mit erregter Stimme in sein Handy und entschuldigt sich, dass seine Hand beim Filmen so zittert. Mehrere Personen mit Kitteln, Masken und Handschuhen stehen um den Gabelstapler herum und sehen zu, wie er seine Fracht ablädt. „Herr, erbarme dich“, sagt der Mann gegenüber.

Am Sonntag, als dieses Video entsteht, sterben in New York innerhalb von weniger als sieben Stunden 98 Menschen an Komplikationen rund um Covid-19, der Atemwegserkrankung, die vom neuartigen Coronavirus ausgelöst wird. Und von da an wird es noch schlimmer. Am Montag gibt es binnen sechs Stunden 124 Todesfälle, einen alle drei Minuten. Bis zum Dienstagabend steigt die Zahl der Corona-Toten in der amerikanischen Metropole auf 1096 an, und das Brooklyn Hospital ist nur eines von mehreren Krankenhäusern, die Kühllaster für Leichname herangeschafft haben. Mehr als 43.000 Menschen in der Stadt sind bis Mittwoch positiv auf das Virus getestet worden, im gesamten Bundesstaat New York gibt es jetzt mehr als 83.000 Infizierte und damit mehr als in ganz Deutschland.

Bürgermeister Bill de Blasio nennt New York das amerikanische „Epizentrum“ der Corona-Krise, und er warnt, das Gesundheitssystem der Stadt werde bald an seine Grenzen stoßen. An diesem Sonntag sei „D-Day“. Soll heißen, wenn bis dahin nicht mehr Kapazitäten geschaffen werden, werde es schwierig, alle Patienten zu versorgen. Vor allem medizinisches Personal und Beatmungsgeräte würden gebraucht, und die Stadt sei auf „konsistentere Hilfe der Bundesregierung“ angewiesen. „Es gibt die Gefahr, dass wir Leben zu verlieren beginnen, die man hätte retten können.“

In den vergangenen Tagen konnten New Yorker beobachten, mit welcher Verzweiflung die Stadt im Kampf gegen das Coronavirus aufrüstet. Das geschieht an sehr ungewöhnlichen Orten. Im Central Park hat eine christliche Organisation kurzerhand mehrere Zelte aufgebaut, die als behelfsmäßiges Lazarett für die Behandlung von Covid-19 dienen. Hier ist Platz für 68 Patienten, es gibt zehn Intensivbetten.

Eine ähnliche Krankenstation betreibt die Gruppe schon in Italien. Im riesigen Tenniskomplex im Stadtteil Queens, in dem jedes Jahr die „US Open“ stattfinden, soll ein provisorisches Krankenhaus mit 350 Betten entstehen. Es soll das nahe gelegene Elmhurst Hospital entlasten, das unter der großen Zahl von Covid-19-Patienten ächzt und in dem unlängst an einem einzigen Tag 13 Menschen an der Krankheit gestorben sind.

Und weil die Corona-Krise die Krankenhäuser so stark in Beschlag nimmt, versucht New York auch händeringend, Kapazitäten für Patienten mit anderen Erkrankungen zu schaffen. Dazu dient das Lazarettschiff „USNS Comfort“ mit tausend Betten und zwölf Operationssälen, das von der Regierung in Washington geschickt wurde und am Montag im New Yorker Hafen einlief. Es war zuletzt nach den Terroranschlägen im September 2001 in der Stadt. Am Montag wurde außerdem ein Lazarett im Javits Center eröffnet, in dem sonst große Messen stattfinden. Weitere behelfsmäßige Krankenhäuser an anderen Orten der Stadt sind in Planung.

Der Bedarf ist gewaltig. Im ganzen Bundesstaat New York sind nach Schätzung des Gouverneurs Andrew Cuomo 140.000 Krankenhausbetten nötig, mehr als das Doppelte der gewöhnlichen Kapazität. Cuomo schlägt in diesen Tagen auch unablässig Alarm, dass er mehr als 30.000 Beatmungsgeräte braucht, und er appelliert an die Bundesregierung, ihm dabei zu helfen. Auf einer Pressekonferenz in dieser Woche beklagte er, wie schwer und teuer es sei, an diese Maschinen heranzukommen.

Gerade habe er 17.000 Exemplare für jeweils 25.000 Dollar in China bestellt, aber ihm seien bislang nur 2500 davon fest in Aussicht gestellt worden. New York konkurriere mit anderen Bundesstaaten und auch der Regierung in Washington bei den gleichen Herstellern um die Geräte, und das treibe die Preise nach oben. „Es ist, als ob wir auf Ebay wären.“

Allgemein ist die Ausrüstung in den Krankenhäusern der Stadt knapp, auch Masken bleiben Mangelware. Die Menschen, die hier arbeiten, sind überlastet. „Sie sind körperlich erschöpft und sie sind emotional erschöpft“, sagt Gouverneur Cuomo, der mehrmals an Ärzte und Krankenpfleger in noch nicht so stark von der Corona-Krise betroffenen Regionen des Landes appelliert hat, nach New York zu kommen und auszuhelfen. Das medizinische Personal sieht sich auch einem besonders großen Ansteckungsrisiko gegenüber.

Ein Arzt nannte sein Krankenhaus gegenüber der „New York Times“ eine „Petrischale“ für das Virus, mehr als 200 Mitarbeiter seien erkrankt. Ein infizierter Krankenpfleger sagte: „Mir kommt es vor, als würden wir alle zur Schlachtung geschickt.“ Schon mehrere Beschäftigte von Krankenhäusern sind gestorben, darunter Freda Ocran, eine Krankenschwester aus der Bronx. Sie hatte noch am 20.März ihr Profilbild auf Facebook aktualisiert und dazu geschrieben: „Ich kann nicht zu Hause bleiben ... ich arbeite in der Gesundheitsversorgung.“

Jenseits von Krankenhäusern wütet das Virus auch unter anderen Einsatzkräften in der Stadt. Die New Yorker Feuerwehr hat mehr als 280 Corona-Infizierte in ihren Reihen, auch mehr als tausend Polizisten in der Stadt sind positiv auf das Virus getestet worden. Im Moment sind 15 Prozent aller Polizisten der NYPD krankgeschrieben, etwa fünfmal so viel wie sonst üblich. Hohe Zahlen von Infizierten werden auch unter Insassen von New Yorker Gefängnissen gemeldet. Auf Anweisung von Bürgermeister de Blasio wurden mehrere hundert Häftlinge, die wegen minderschwerer Vergehen eingesperrt waren, entlassen, um das Risiko für eine weitere Ausbreitung des Virus in Gefängnissen zu reduzieren.

Für die Menschen in New York ist der Gesundheitsnotstand nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Sirenen sind seit jeher Teil des Grundrauschens in der Stadt, aber im Moment heulen sie deutlich öfter als sonst. Notfalldienste hatten zuletzt 7000 Einsätze am Tag, in normalen Zeiten sind es 4000. Und die Corona-Krise ist noch nicht an ihrem Höhepunkt. Gouverneur Andrew Cuomo sagt, verschiedenen Modellrechnungen zufolge werde das in sieben bis 21 Tagen der Fall sein. Der Bedarf an medizinischer Versorgung werde dann am höchsten sein.

Bis dahin gelte es, die Kapazitäten aufzurüsten, gleichzeitig müssten aber auch alle New Yorker ihren Teil beitragen und so weit möglich zu Hause bleiben, um den Anstieg der Infektionszahlen zu bremsen. Cuomo zeigte sich in dieser Woche einmal mehr frustriert, dass manche Menschen sich noch immer nicht an die Ausgangsbeschränkungen halten. „Eure Dummheit trifft nicht nur euch selbst. Wenn ihr nach Hause kommt, könnt ihr andere infizieren.“

Wobei er auch zugab, dass die Krise die Geduld der Menschen auf eine schwere Probe stellt. „Wir sind alle ängstlich, wir sind alle müde, wir sind alle erschöpft. Wir hatten jetzt lange Zeit nur schlechte Nachrichten, und unsere ganze Art zu leben wurde unterbrochen. Jeder will nur wissen, wann das aufhört.“


Aus: "Corona-Hotspot New York: „Herr, erbarme Dich“" Roland Lindner, New York (01.04.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/new-york-zaehlt-mehr-corona-infizierte-als-deutschland-16707222.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 (https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/new-york-zaehlt-mehr-corona-infizierte-als-deutschland-16707222.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)

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[...] +++ 20.27 Uhr:  Italien hat mehr als 720 Tote innerhalb eines Tages im Zuge der Corona-Pandemie vermeldet - allerdings bleibt der Anstieg der Zahl der aktuell Infizierten stabil. Bis Mittwoch stieg die Zahl der derzeit erfassten Positiven um 2937 auf 80.572, teilte der Zivilschutz mit. Das war ein Anstieg um weniger als vier Prozent.

Eingerechnet der Toten und Geheilten lag die Summe der erkannten Corona-Infektionen in Italien bei insgesamt 110.574. Es kamen 727 Tote hinzu, insgesamt sind es nun 13.155. Der Druck auf die Kliniken scheint aber abzunehmen. Bei den Menschen auf der Intensivstation kamen nur 12 hinzu.

+++ 18.29 Uhr: Weil die Wirtschaft unter der Corona-Krise leidet, hat die Regierung Italiens mehrere milliardenschwere Hilfspakete beschlossen. Bei den vielen afrikanischen Erntehelfern, die in der italienischen Landwirtschaft für Hungerlöhne und oft ohne Papiere arbeiten, kommen die Hilfsgelder allerdings nicht an. Viele leben zudem in Hütten-Siedlungen, in denen es nicht immer fließend Wasser gibt.

In dieser Situation sei das Coronavirus eine riesige Gefahr für die Erntehelfer, warnt Antonio Bonanese von der Gewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) in einem Interview mit dem „Spiegel“. Die Hilfsarbeiter seien unsichtbare Arbeitskräfte, so Bonanese. „Als Schwarzarbeiter haben sie im Moment nicht einmal Anspruch auf die Maßnahmen, die für alle anderen Arbeitnehmer aus systemrelevanten Branchen gelten, etwa die Bereitstellung von Atemschutzmasken.“

Bislang seien die Arbeiter von dem Coronavirus verschont geblieben, aber schon wenige Infektionen hätten schwerwiegende Folgen nicht nur für die Gesundheit der Arbeiter, sondern auch für die europäische Landwirtschaft. „Die gesamte Lebensmittelproduktion könnte ins Stocken geraten. Sie ist ja in weiten Teilen auf diese Arbeiter angewiesen.“

+++ 01.04.2020, 11.44 Uhr: Italien befürchtet gravierende soziale Folgen aus der Corona-Krise, die laut Ministerpräsident Guiseppe Conte eine „schwerwiegende Wunde“ im Land hinterlassen werde. Während der Norden des Landes mit der besonders vom Coronavirus Sars-CoV-2 betroffenen Region der Lombardei tausende Covid-19-Tote zu beklagen hat, droht im ärmeren Süden des Landes droht ein anderes Problem: Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren und haben jetzt Mühe, sich und ihre Familien zu versorgen.

Ein Priester aus Neapel sagte dem „Guardian“ über den Stimmungswandel in Italien: „Sie singen oder tanzen nicht mehr auf den Balkonen. Jetzt haben die Menschen mehr Angst – nicht so sehr vor dem Virus, sondern vor der Armut. Viele sind arbeitslos und hungrig. Es gibt jetzt lange Warteschlangen bei Lebensmittelbanken.“ Grund dafür sei der Shutdown der Wirtschaft im Zuge der Corona-Krise.

    “#Italians are no longer singing on balconies. Now people are more afraid – not so much of #coronavirus, but of poverty.” 3 weeks on from start of #lockdown, Italians are seeing that everything is not all right. My latest with @GiuffridaA #COVID19 #Italy https://t.co/QmvbtFBZsC
    — Lorenzo Tondo (@lorenzo_tondo) April 1, 2020
https://twitter.com/lorenzo_tondo/status/1245277190415056896?ref_src=twsrc%5Etfw (https://twitter.com/lorenzo_tondo/status/1245277190415056896?ref_src=twsrc%5Etfw)

In den ärmsten Regionen Kampanien, Kalabrien, Sizilien und Apulien ganz im Süden von Italien kommt es zu Spannungen. Nach Berichten über Plünderungen wegen zunehmender Geldnöte aufgrund der Corona-Krise haben etwa auf Sizilien bewaffnete Polizisten vor Supermärkten Stellung bezogen. Ministerpräsident Conte sagte zu, dass die Regierung von Italien 4,3 Milliarden Euro aus einem Solidaritätsfonds sofort an alle Gemeinden überweisen würde, und weitere 400 Millionen Euro für Lebensmittelmarken. Viele Kommunen kritisieren jedoch, dass die Mittel zur Lösung der sozialen Probleme in Folge der Corona-Pandemie nicht ausreichten.

+++ 21.13 Uhr: Der Ministerpräsident von Italien Giuseppe Conte hat sich in einem Fernsehinterview in der ARD-Sendung zum Coronavirus Sars-CoV-2 „ARD EXTRA: Die - Corona-Lage“ direkt an die deutsche Bevölkerung gewandt. Er sagte, Italien sei noch immer in einer „akuten Notlage“, die Coronakrise hinterlasse eine „schwerwiegende Wunde“ im Land. Auf Twitter schrieb Conte: „Ich habe eine Nachricht an die deutschen Bürger gesendet und einige Überlegungen angestellt, um diesen europäischen Notfall wirksamer anzugehen.“

    "Die Deutschen müssen für den Wiederaufbau Italiens nicht einen #Euro für italienische Schulden zahlen“, so Italiens Ministerpräsident #Conte im Exklusiv-Interview in "ARD extra - Die #Corona-Lage", heute, 31.3.2020, 20.15, @DasErste @ARD_Presse #Eurobonds https://t.co/u1kvVKp1di
    — SWR (@SWRpresse) March 31, 2020

Im ARD-Interview sagte Conte zum Streit um sogenannte Corona-Bonds, die die deutsche Bundesregierung ablehnt und Italien fordert, er und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) haben unterschiedliche Ansichten. Wörtlich sagte er: „Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um den deutschen Bürgerinnen und Bürgern zu sagen, dass wir hier keine Seiten für ein Wirtschaftshandbuch schreiben, wir schreiben die Seiten eines Geschichtsbuchs.“ 

Deutschland stemmt sich seit Jahren gegen Forderungen nach Eurobonds zur Vergemeinschaftung von Schulden. Conte ist der Meinung, dass von solchen Eurobonds alle Mitgliedstaaten der EU profitieren könnten. Sie bedeuteten nicht, dass die Deutschen beim anstehenden Wiederaufbau Italiens „auch nur einen Euro für die italienischen Schulden bezahlen müssen“. Der Streit über Corona-Bonds - also gemeinsame europäische Anleihen - entzweit die EU-Staaten. Italien, Spanien, Frankreich und andere fordern sie vehement, unter anderen Deutschland ist dagegen.

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Aus: "Corona in Italien: Wieder viele Tote – Sorge um „unsichtbare Arbeitskräfte“" (01.04.20)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/coronavirus-pandemie-italien-verlaengert-ausgangsverbote-studie-macht-hoffnung-ende-hoelle-zr-13591649.html (https://www.fr.de/panorama/coronavirus-pandemie-italien-verlaengert-ausgangsverbote-studie-macht-hoffnung-ende-hoelle-zr-13591649.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 02, 2020, 11:30:23 AM
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[...] Der von der Politik empfohlene Einsatz von fachfremden Erntehelfern erweist sich in der Praxis als problematisch. "Wir sind dankbar für jede helfende Hand, weil wir dringend Unterstützung benötigen. Aber die Idee ist nicht so einfach umzusetzen, wie sich das manch einer denkt", sagte der Sprecher des Hessischen Bauernverbands, Bernd Weber, auf Anfrage in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis). Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte vorgeschlagen, dass etwa Beschäftigte aus der Gastronomie, dem Einzelhandel und anderen wegen der Corona-Krise Not leidenden Branchen auf den Feldern eingesetzt werden könnten.

In Hessen und im weiteren Bundesgebiet fehlen massenhaft Erntehelfer, weil Saisonkräfte wegen geschlossener Grenzen derzeit nicht mehr anreisen können. Diese Grenzregelung gilt für die Einreise aus Drittstaaten, aus Großbritannien, für EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien, die nicht alle Schengen-Regeln vollumfänglich anwenden, sowie für Staaten wie Österreich, zu denen Binnengrenzkontrollen vorübergehend wiedereingeführt worden sind. Der Hessische Bauernverband fürchtet wegen der ausbleibenden Saisonarbeitskräfte Ernteausfälle bei Obst und Gemüse. Derzeit seien Helfer - vor allem aus Osteuropa - bei der Ernte von Spargel und anderem Gemüse gefragt.

Nach Einschätzung des Bauernverbands besteht Bedarf in Höhe von 16 000 bis 17 000 Aushilfen. Die ersten fachfremden Erntehelfer seien zwar schon im Einsatz in Hessen. Doch wie viele es sind und wie viele noch fehlen - dazu konnte der Verband keine Angaben machen. In ganz Europa fehlen nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Berlin bis zu 300 000 Saisonkräfte.

Doch selbst wenn sich Erntehelfer melden, sei das Problem noch nicht gelöst, sagte Weber. "Es ist eine besondere Herausforderung, in der Landwirtschaft tätig zu sein. Das ist anstrengende Arbeit, derzeit die Spargelernte. Dafür braucht man Einarbeitung, eine gewisse Technik und Erfahrung. Das erledigen meist eingespielte Teams. Und wenn jetzt zum Beispiel ein Bulgare oder ein Rumäne beim Spargelstechen fehlt, der das seit zehn Jahren macht, dann braucht man drei Deutsche, um die Arbeit zu erledigen."

Die harte Feldarbeit sei nicht jedermanns Sache, sagte Weber. "Dafür braucht man einen langen Atem. Aber man kann es auch als sportliche Herausforderung begreifen und sich sagen: ›Ich ziehe das jetzt mal ein paar Wochen durch.‹" Die Produzenten müssten sich auf die Aushilfen verlassen können. "Das muss schließlich wie am Schnürchen laufen und ist kein Job, den man mal ein paar Stunden machen kann." Die Spargelsaison läuft traditionell bis zum 24. Juni, dem Johannistag. Verbandssprecher Weber hofft, dass sich das Konzept der fachfremden Erntehelfer bewährt. "Wir müssen das beobachten und können die Idee noch nicht bewer-ten." Wenige Wochen nach dem Beginn der Spargelernte beginnt die Erdbeerzeit. Auch dafür werden Erntehelfer gesucht.

Für den Spargelhof Merlau in Darmstadt funktioniert das Konzept mit fachfremden Erntehelfern nicht. "Fürs Sortieren der Stangen und alle Arbeiten in der Halle sowie fürs Ausfahren mag das ja klappen. Aber auf dem Feld überhaupt nicht. Und wenn es dort nicht klappt, haben wir bereits am Beginn der Kette ein Problem. Frau Klöckner soll mal herkommen und mir zeigen, wie das mit Kellnern, Studenten, Asylbewerbern und anderen Ungelernten gehen soll", kritisierte Georg Peter Merlau, der nach eigenen Angaben einen mittelständischen Betrieb mit 80 Hektar Anbaufläche für Spargel führt. Er brauche 150 Saisonkräfte, habe aber aktuell nur ein Drittel.

Merlau betonte, Außenstehende sollten sich bezüglich der Feldarbeit keine falschen Vorstellungen machen. "Es ist schwer, es ist kalt, es ist nass, es ist schmutzig - und ständig in gebückter Haltung. Diese Tätigkeit muss man gewohnt sein, um sie durchstehen zu können."


Aus: "Erntehelfer verzweifelt gesucht" (dpa, 01.04.20)
Quelle: https://www.giessener-allgemeine.de/hessen/erntehelfer-verzweifelt-gesucht-13637300.html (https://www.giessener-allgemeine.de/hessen/erntehelfer-verzweifelt-gesucht-13637300.html)


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[....] Der Spargelbauer Jörg Heuer hat schnell reagiert: Als die Bundesregierung vergangene Woche ankündigte, ausländischen Saisonarbeitern wegen des neuen Coronavirus die Einreise zu verweigern, charterte der 49-Jährige kurzerhand ein eigenes Flugzeug. Für eine fünfstellige Summe, wie er sagt, ließ er rund 120 Rumänen einfliegen, um seine Ernte - und damit sein Geschäft - zu retten.

 Auf mehr als 100 Hektar Land baut Heuer bei Burgwedel in Niedersachsen Spargel und Beeren an, in zweiter Generation, die Eltern des 49-Jährigen haben den Hof 1981 gegründet. Mit dem Flieger hat er einen Personalengpass bei der Ernte in diesem Jahr gerade noch abgewendet. "Wir kommen zurecht", sagt er. In der Branche allerdings gebe es dieses Jahr deutlich weniger Erntehelfer als sonst. Auch ihm hätten viele bewährte Helfer diesmal abgesagt.

Spargel ist ein Luxusgemüse, man kann auch ohne ihn gut leben, auch wenn das "weiße Gold" für viele zum Frühling dazugehört wie die Ostereier. Für Heuer aber ist der Spargel die wirtschaftliche Existenzgrundlage. "Wir leben von diesen drei Monaten", sagt Heuer über die Ernte. "Das können wir nicht verlegen wie die Messen oder ein Fußballspiel."

Der Einreisestopp treffe Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe, aber auch größere Betriebe in der Tierhaltung "sehr hart", sagt auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied. Die Einschränkungen müssten daher "so kurz wie möglich" gehalten werden. Einige Obst- und Gemüsesorten drohen Rukwied zufolge sogar knapp zu werden. "Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nicht gefährdet, dennoch kann es durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen."

... Das Einreiseverbot für Saisonarbeiter gilt auf Anordnung des Bundesinnenministeriums seit vergangenem Mittwoch. Und das sorgt auch innerhalb der Union für Zoff. Vergangene Woche wandten sich CDU-Agrarpolitiker aus den 15 Bundesländern außer Bayern in einem Brief an Innenminister Horst Seehofer (CSU). Darin heißt es, die Einreisebeschränkungen seien "kontraproduktiv" und stellten die Landwirtschaft "vor eine nicht lösbare Aufgabe". Neben der Obst- und Gemüsebranche würden auch Schlachtbetriebe darunter leiden.

... Spargelbauer Heuer sagt, er setze die Deutschen lieber im Verkauf und als Fahrer ein als auf dem Feld. Auch in Brandenburg, mit Beelitz ebenfalls eine Spargel-Hochburg, sind die ungelernten Helfer derzeit gefragt. Euphorie sei allerdings fehl am Platze, sagt Andreas Jende, Geschäftsführer des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg. "Die Arbeit in der Landwirtschaft ist nicht zu verwechseln mit der im heimischen Kleingarten", erklärt er und warnt: "Es kann körperlich hart werden."

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Aus: "Bauern fehlen Saisonarbeiter: Landwirt charterte Flugzeug für Erntehelfer" (Mittwoch, 01. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Landwirt-charterte-Flugzeug-fuer-Erntehelfer-article21684024.html (https://www.n-tv.de/wirtschaft/Landwirt-charterte-Flugzeug-fuer-Erntehelfer-article21684024.html)

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[...] Erntearbeit gehört in Österreich zu den Branchen mit einem der niedrigsten kollektivvertraglichen Lohnniveaus und wird seit Jahren großteils von Menschen aus Osteuropa verrichtet. Im Moment können viele Saisonarbeitskräfte nicht einreisen und die Landwirtschaft sucht händeringend nach Ersatz. Aktivistinnen der sezonieri-Kampagne [http://www.sezonieri.at/en/startseite_en/ (http://www.sezonieri.at/en/startseite_en/)] zeigen auf, wie das Corona-Virus ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft sichtbar macht.

Die harte Arbeit in der Landwirtschaft wird in Österreich, wie in den meisten Ländern weltweit, von migrantischen Saisonarbeiter*innen erbracht. Diese Arbeit verrichten zumeist osteuropäische Erntehelfer*innen aus Ungarn, Rumänien, Polen, der Slowakei, Bulgarien, der Ukraine oder den Balkanstaaten. Die Löhne sind niedrig, die Arbeitsbedingungen skandalös: Befristete Arbeitsverhältnisse mit Nettostundenlöhnen zwischen sechs und sieben Euro, Ignorieren der Höchstarbeitsgrenzen, überteuerte und miserable Unterkünfte.

Akkordlohn, unbezahlte Überstunden, keine und zu geringe Ausbezahlung der Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld etc.) und Verstöße gegen die Arbeitszeitregeln sind weit verbreitet. Da die Erntearbeiter*innen saisonal beschäftigt sind und nach der Saison in ihre Herkunftsländer zurückreisen, können sie den Anspruch auf Arbeitslosengeld in Österreich nicht geltend machen. Sie scheinen deshalb auch nicht in der Arbeitslosenstatistik auf.

Die Landwirt*innen rechtfertigen die niedrigen Löhne in ihrer Branche einerseits damit, dass sie bei Preisverhandlungen vom stark konzentrierten Handel unter Druck gesetzt werden. Andererseits verweisen sie auf die Konkurrenz zu billigen Importen, aus Ländern mit noch extremerem Lohndumping.

Durch die Corona-Krise und die Grenzschließungen von Nachbarstaaten wird nun plötzlich besonders deutlich, wie notwendig die Arbeit auf den Feldern für die Lebensmittelversorgung ist. Seit zwei Wochen berichten Medien über das Fehlen von mindestens 5.000 Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Bäuer*innen klagen, dass die Erträge ausfallen und die Versorgung bald gefährdet sein könnte.

Wirtschaftskammer, Landwirtschaftskammer sowie mehrere Ministerien haben daraufhin sehr schnell verschiedene Arbeitskräftevermittlungsplattformen ins Leben gerufen, etwa „Die Lebensmittelhelfer“. Mit dem Aufruf „Dein Land braucht dich!“ wird diese von patriotischen Appellen nach nationalem Schulterschluss und Solidarität mit österreichischen Betrieben begleitet. Das bringt nun sogar einige rechtsextreme Burschenschaften dazu, zur Erntehilfe aufzurufen. Gleichzeitig werden Forderungen laut, bestimmte Bevölkerungsgruppen wie arbeitslos gewordene Menschen und Asylsuchende direkt in die Feldarbeit zwangszuverpflichten. Student*innen werden indes mit ECTS-Punkten und der Anrechnung als Pflichtpraktika gelockt. Die sezonieri-Kampagne fordert: Niemand darf zur Erntearbeit gezwungen werden!

Der nun auftretende Arbeitskräftemangel kann auch eine Machtverschiebung hin zu den Arbeitnehmer*innen bedeuten. Eine solche Verschiebung lässt sich etwa daran erkennen, dass Saisonarbeiter*innen statt der bisher gängigen Bezeichnung als „unqualifizierte Erntehelfer*innen“ in den Medien aktuell als „unser Fachpersonal” bezeichnet werden.

Ironischerweise tritt jetzt sogar die FPÖ Burgenland öffentlich gegen schärfere Grenzübertrittsbestimmungen ein. So will sie sicherstellen, dass Beschäftigte weiterhin ihrer Arbeit in der Landwirtschaft und im Gesundheits- und Pflegebereich nachgehen können. Auffällig ist auch, dass bei den aktuellen Grenzregulierungen sowohl für ungarische, slowenische als auch tschechische Tagespendler*innen Ausnahmeregelungen bestehen. Heute wurde bekannt: Aus Rumänien und Bulgarien sollen Erntearbeiter*innen – ähnlich zu 24-Stunden-Pflegekräften – sogar mit Charterflügen eingeflogen werden. All diese Entwicklungen zeigen, wie sehr die österreichische Landwirtschaft von Arbeitskräften aus dem Ausland abhängig ist.

Die Klage über den Mangel an Arbeitskräften ist jedoch nichts Neues, ähnlich wie in der Gastronomie. Beide Branchen weisen besonders geringe Lohnniveaus auf. Die Anhebung der Löhne zur Lösung des vermeintlichen Arbeitskräftemangels steht nicht zur Debatte.
Was die Produzent*innen eigentlich meinen, wenn sie beklagen, es fehlen Erntearbeiter*innen: Es fehlen „billige“ Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern, die ihren Arbeitsvertrag auf Deutsch nicht lesen können, ihre Rechte nicht kennen und im Zweifel die schlechten Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, weil sie keine Alternativen haben.

Die Kollektivvertragsverhandlungen in der Landwirtschaft wurden kurz vor der Corona-Krise abgeschlossen. Die Nettostundenlöhne liegen zwischen 6,19 Euro in Oberösterreich und 7,41 Euro in Salzburg, die Nettomonatslöhne zwischen 1072,60 und 1283,59 Euro bei einer 40-Stunden-Woche – und damit in nur einem Bundesland knapp über der Armutsgefährdungsschwelle. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies eine Erhöhung zwischen zehn und 61 Cent je nach Bundesland. Der im Kollektivvertrag festgesetzte Lohn stellt freilich nur die gesetzliche Untergrenze dar. Jede*r Arbeitnehmer*in steht es frei, höhere Löhne zu fordern und jede*r Arbeitgeber*in kann diese bezahlen. Deshalb verfolgt die sezonieri-Kampagne das Ziel, Erntearbeiter*innen über ihre Rechte zu informieren und sie bei ihren Arbeitskämpfen zu unterstützen.

In der Corona-Krise wird sichtbar, dass rot-weiß-rote Regionalität zu Supermarktpreisen auf der Ausbeutung von ausländischen Arbeiter*innen in der Landwirtschaft basiert. Neoliberale Politik hat demokratische Teilhabe und öffentliche Verantwortung zugunsten profitorientierter Interessen für Ernährung (Agrar- und Förderpolitik), Gesundheit, aber auch Bildung und Wohnen abgebaut. Eine politische Kursänderung ist notwendig. Unsere Lebensmittelproduktion und -verteilung sowie die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten im Ernährungssektor sollen nicht weiter Ungleichheit fördernden Marktkräften und profitorientierten Privatkonzernen überlassen werden.


Aus: " Hauptsache billig: Was Corona über die Ausbeutung von Erntearbeiter*innen verrät" Sezonieri-Aktivistinnen (2. April 2020)
Quelle: https://mosaik-blog.at/hauptsache-billig-was-corona-ueber-die-ausbeutung-von-erntearbeiterinnen-verraet/ (https://mosaik-blog.at/hauptsache-billig-was-corona-ueber-die-ausbeutung-von-erntearbeiterinnen-verraet/)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 03, 2020, 04:52:51 PM
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[...] Eine vom Land Berlin in China wegen des Coronavirus bestellte Lieferung von Schutzausrüstung soll von den USA abgefangen und in die Vereinigten Staaten umgeleitet worden sein. Das erfuhr der Tagesspiegel aus Berliner Sicherheitskreisen.

Berlin hatte bei dem Hersteller Atemschutzmasken mit den Schutzklassen FFP2 und FFP3 bestellt, die Einsatzkräfte und Pflegepersonal vor Ansteckung mit dem Coronavirus schützen. Es soll sich um eine Lieferung von 200.000 Schutzmasken handeln.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) bestätigte am Nachmittag, das die Masken in Bangkok „konfisziert“ worden seien und deshalb nicht ihr eigentlich Ziel - Berlin - erreicht hätten. „Wir betrachten das als Akt moderner Piraterie. So geht man mit transatlantischen Partnern nicht um“, sagte der Innensenator.

Auch in globalen Krisenzeiten sollten keine Wildwest-Methoden herrschen, sagte Geisel: „Ich fordere die Bundesregierung auf, bei den USA auf die Einhaltung internationaler Regeln zu drängen.“

Nach Tagesspiegel-Informationen wurden sie von der Berliner Polizei beim Hersteller 3M bestellt. Produziert wurden die bestellten Masken in einem 3M-Werk der US-Firma in China. Auf dem Flughafen in Bangkok sollte die Ware umgeladen werden und per Luftfracht nach Deutschland geflogen werden. Stattdessen wurde die Lieferung von Bangkok direkt in die USA gebracht.

Am Freitagmorgen beschäftigte sich nach Tagesspiegel-Informationen auch der Krisenstab der Polizei mit dem Thema. Die Behörde bestätigte offiziell aber nur, dass eine „erwartete Lieferung ausgeblieben ist“.

Zwar versichern die Berliner Behörden, noch reiche die Schutzausrüstung. Aber die Feuerwehr musste bereits abgelaufene Atemschutzmasken aus dem Lager holen. Die Ausgabe der Masken und von Desinfektionsmitteln ist streng limitiert.

Zuvor hatte auch Frankreich die USA beschuldigt, Schutzmasken aus China weggekauft zu haben. "Die US-Regierung hat keine einzige Maske gekauft, die von China an Frankreich geliefert werden sollte", sagte ein US-Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur AFP.

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Aus: "Berlins Innensenator spricht von „moderner Piraterie“" Alexander Fröhlich (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/usa-fangen-200-000-schutzmasken-ab-berlins-innensenator-spricht-von-moderner-piraterie/25712976.html (https://www.tagesspiegel.de/wissen/usa-fangen-200-000-schutzmasken-ab-berlins-innensenator-spricht-von-moderner-piraterie/25712976.html)

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Koki_ 16:39 Uhr

"America first", hat Donny doch gesagt. In dem Punkt war er dann halt konsequent^^


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tizian2011 16:41 Uhr
Trump scheint StarTrek-Fan zu sein und handelt nach Ferengi-Erwerbsregel Nummer 17, die da lautet: Ein Vertrag ist ein Vertrag ist ein Vertrag, aber nur unter Ferengi.

Die Globalisierung wird ein Stück zurück gedreht werden durch solche Vorfälle. Wenn man in der Krise sich nicht auf seine Abhängigkeiten aus Warenketten verlassen kann, sondern im Regen stehen gelassen wird, müssen solche Güter national produziert werden, bzw. in unserem Fall auch gerne EU-intern.

Trump ist der Elefant im Porzellanladen, der viel Geschirr global zerbricht. ...


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Hanebutt 16:33 Uhr

Wie ist es den Franzosen ergangen? Deren bereits bezahlte Ware wurde von den Verbündeten aus den USA am Flughafen noch für ein Mehrfaches weggekauft. ...


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Schnelleser 16:27 Uhr

Was heißt Piraterie. Clever sind sie halt. Während andere von political correctness faseln, bieten die vor Ort den höheren Preis. Läuft auch unter dem Begriff Marktwirtschaft. ...


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der_vom_storch 16:23 Uhr

Die eigentliche Frage lautet doch eher, warum gibt es in Europa keinen einzigen Hersteller, der solche einfachen Masken in erforderlichen Stückzahlen herstellen und liefern kann? ...


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PTT 16:11 Uhr

Die gestohlenen Masken sollten in den USA mit der Aufschrift : "Ich bin ein Berliner!" versehen werden. ...


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[...] Die von der Berliner Polizei bestellten Atemschutzmasken sind nicht von den USA sichergestellt worden, sondern sollen einfach zu einem besseren Preis aufgekauft worden sein - von wem genau, ist noch unklar. Offiziell hieß es von der Polizei, es sei noch unklar, wie es dazu kommen konnte.

Zugleich korrigierte eine Sprecherin der Polizei am Samstag auf Anfrage die Angaben von Innensenator Andreas Geisel (SPD).

Am Freitag hatte Geisel noch erklärt, eine von der Berliner Polizei bestellte Lieferung von 200.000 Atemschutzmasken sei konfisziert worden. Zugleich warf Geisel den USA „Wildwest-Methoden“ und einen „Akt moderner Piraterie“ vor. „Wir gehen im Augenblick davon aus, dass dies im Zusammenhang mit dem Ausfuhrverbot für Masken der US- amerikanischen Regierung steht“, sagte der Innensenator.

Am Samstag erklärte die Polizei auf Anfrage, dass es wohl doch anders gewesen sein könnte. Von „Konfiszieren“, also von Staats wegen beschlagnahmen oder einziehen, kann also keine Rede sein. Die Polizeisprecherin sagte, bei dem langjährigen deutschen Vertragspartner der Polizei seien 400.000 Masken der Schutzklasse FFP2 eines amerikanischen Herstellers bestellt worden.

Dabei handelt es sich nach Tagesspiegel-Informationen um den US-Hersteller 3M, der auch in China produziert. Doch nun ist von „konfiszieren“ keine Rede mehr. Die neue Sprachregelung der Behörde lautet nun; „Die Lieferung ist nach Aussage unseres Vertragspartners in Thailand zurückgehalten und umgeleitet worden.“ Und die Sprecherin sagte: „Unser Vertragspartner sorgt für Ersatz.“

Geisels Sprecher sagte: "Der Händler hat die Polizei informiert, dass die Lieferung aufgrund einer US-Direktive storniert und das Frachtflugzeug mit der Lieferung nicht nach Deutschland, sondern in die USA geflogen ist."

Nach Tagesspiegel-Informationen ist die interne Sprachregelung der Polizei, dass die für die Berliner Polizei bestimmte Ware in Thailand aufgekauft wurde. Die verbindlich zugesagte Lieferung von 200.000 von insgesamt 400.000 FFP 2-Masken sei „im letzten Moment an einen anderen Käufer umgeleitet worden“.

Dabei bleibt aber vieles unklar. Intern ist unter Berufung auf den deutschen Händler und Vertragspartner auch die Rede davon, dass die Ware an die USA ging. Thailand könnte aber auch selbst den Verkauf an Berlin gestoppt haben. Oder ein gewiefter Zwischenhändler könnte auf einen größeren Profit aus gewesen sein.

Die Polizei versucht nun, den genauen Hergang aufzuarbeiten. „Wir sind dabei, die Details zu klären“, sagte der Sprecher der Innenverwaltung, Martin Pallgen, am Samstag. Momentan lägen noch keine Informationen vor, was genau auf dem Flughafen in der thailändischen Hauptstadt Bangkok passiert sei.

Es sei ein Herausforderungen, vertrauenswürdige Anbieter zu identifizieren und von den vielen unseriösen Akteuren zu unterscheiden, heißt es intern bei der Berliner Polizei. Dier Ausfall der Lieferung führt nun zu Engpässen. Die Polizeiführung mahnte die Beamten, „die uns noch zur Verfügung stehenden Schutzmasken verantwortungsbewusst und gezielt“ einzusetzen.   

Auch das Unternehmen 3M wies die Darstellung des Innensenators bereits am Freitagabend zurück. „Wir wissen nichts von einer Bestellung der Berliner Polizei für 3M-Masken, die aus China kommen“, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. „3M hat keine Beweise, die darauf hindeuten, dass 3M-Produkte beschlagnahmt worden sind“, hieß es. „3M hat keine Unterlagen über eine Bestellung von Atemschutzmasken aus China für die Berliner Polizei.“ Und das Weiße Haus erklärte dem Portal T-Online, die USA hätten keine Masken beschlagnahmt, die in ein anderes Land geliefert werden sollten.

US-Präsident Donald Trump kündigte am Freitagabend (Ortszeit) in Washington an, seine Regierung wolle den Export knapper medizinischer Schutzausrüstung wegen der Ausbreitung des Coronavirus verbieten. Verhindert werden solle etwa der Export von Atemschutzmasken, von Operationshandschuhen und anderen Produkten. Zudem soll 3M Bestellungen der US-Behörden für Schutzmasken, die in China hergestellt werden, mit Priorität bearbeiten.

Die Berliner CDU wirft Innensenator Geisel nun ein Ablenkungsmanöver vor. Der CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger, sagte: „Wenn Herr Geisel von ‚Konfiskation‘ von Schutzmasken durch die USA spricht, dann ist das eine bewusste Irreführung der Berliner. Die USA haben keine Möglichkeiten, Schutzausstattung auf fremdem Territorium zu beschlagnahmen.“

Der Senat suche nur einen Schuldigen, „um seine eigene Unfähigkeit bei der Beschaffung von Schutzausrüstungen zu verschleiern“. Der Senat habe für die Krise nicht vorgesorgt. „Und jetzt zeigt er sich nicht in der Lage, in der Krise Material zu beschaffen“, sagte Dregger. Der Senat müsse sich das Geschäftsgebaren anderer einstellen und direkt vor Ort die Beschaffungen durchführen.


Aus: "Lieferung für Berliner Polizei wurde in Thailand zu besserem Preis aufgekauft" Alexander Fröhlich (04.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/200-000-atemschutzmasken-doch-nicht-konfisziert-lieferung-fuer-berliner-polizei-wurde-in-thailand-zu-besserem-preis-aufgekauft/25715448.html (https://www.tagesspiegel.de/berlin/200-000-atemschutzmasken-doch-nicht-konfisziert-lieferung-fuer-berliner-polizei-wurde-in-thailand-zu-besserem-preis-aufgekauft/25715448.html)

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Dresden2 14:43 Uhr

Also doch kein Diebstahl sondern nur Marktwirtschaft???


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 03, 2020, 05:11:36 PM
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[...] Es sind existenzielle Fragen, die sich viele Menschen derzeit stellen: Verliere ich meinen Job? Wie lange kann ich meine Miete noch zahlen? Jeder fünfte Deutsche fürchtet aufgrund der Corona-Pandemie finanzielle Einbußen, zeigt eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos. Und glaubt man den Prognosen der Ökonomen, sind diese Ängste durchaus berechtigt.

Das Ifo-Institut geht davon aus, dass hierzulande 1,8 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Weitere sechs Millionen dürften von Kurzarbeit betroffen sein.

Sie müssen auf Teile ihres Lohns verzichten – im schlimmsten Fall mit 60 Prozent des früheren Gehalts auskommen. Besonders hart trifft das jene, die keine Ersparnisse haben. Bei denen trotz Vollzeitjob am Ende des Monats nichts mehr übrig bleibt.

Doch wie steht es um die Finanzen der Deutschen? Wie lange reichen die Rücklagen?

Wer die Statistiker fragt, bekommt darauf eine pauschale Antwort. Laut Bundesbank besitzt ein typischer deutscher Haushalt 70.800 Euro. Neben dem Geld auf dem Konto oder im Aktiendepot ist da auch der Wert des Eigenheims oder des Autos eingerechnet. Abgezogen worden sind die Schulden.

Dadurch spiegelt dieser Wert das wider, worüber ein Haushalt verfügen kann. Die Zahl gibt den Medianwert an: Das heißt, es gibt ebenso viele Menschen, die über mehr Geld verfügen wie solche, die weniger besitzen. Das durchschnittliche Vermögen der Deutschen liegt bei 232.800 Euro – dieser Wert ist aber durch die extrem hohen Vermögen einiger weniger verzerrt.

Zugute kommt Deutschland aktuell, dass hinter uns gerade ein ungewöhnlich langer Aufschwung liegt. Dadurch hat sich die finanzielle Situation vieler Bundesbürger verbessert. Allein von 2014 bis 2017 ist die Summe, über die Deutsche im Mittel verfügen können, um 17 Prozent gestiegen.

Die Bundesbank begründet das vor allem mit den gestiegenen Einkommen und zwar auch bei denjenigen, die sehr wenig verdienen. Forscher vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) schreiben ebenfalls, dass es „den Deutschen in der Mehrheit deutlich besser geht als noch vor einigen Jahren“.

Doch trotz wirtschaftlichem Aufschwung und niedriger Arbeitslosigkeit sind noch immer 16 Prozent der Deutschen von relativer Einkommensarmut bedroht. Davon spricht man, wenn jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.

Ebenso erschreckend sind die Zahlen über das Sparverhalten. Denn bei fast einem Drittel der Deutschen reicht das Geld am Ende des Monats nicht, um etwas zur Seite zu legen. Das zeigte im vergangenen Jahr eine Umfrage der Direktbank ING. Innerhalb der EU ist damit lediglich in Rumänien der Anteil derjenigen noch größer, die nicht sparen können.

Diese Selbsteinschätzung spiegelt sich auch in den Zahlen der Bundesbank. Schaut man rein auf das Finanzvermögen der Deutschen – also das, was auf dem Konto liegt oder in Versicherungen und Aktien steckt – zeigt sich: Die ärmsten 30 Prozent kommen nur auf 4900 Euro. Bei den ärmsten zehn Prozent sind es sogar nur 300 Euro. Geld, das schnell aufgebraucht ist, wenn das Gehalt ausfällt.

Diese niedrigen Rücklagen werden deshalb in der Coronakrise zum Problem. Denn sie trifft fast alle Branchen hart.

So auch die Dienstleistungen, den Einzelhandel, die Gastronomie: Bereiche, in denen es sehr viele Geringverdiener gibt. „Diese Beschäftigten leiden besonders unter Jobverlust oder Kurzarbeit, weil sie kaum Rücklagen haben“, sagt Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung.

Bundesweit zählt etwa jeder fünfte Beschäftigte zu den Geringverdienern. Darunter fällt, wer in einem Vollzeitjob weniger als 2203 Euro brutto verdient. Bei einem kinderlosen Single bleiben davon netto nur gut 1500 Euro. „Sparen kann man mit solch einem Einkommen nichts“, sagt Herzog-Stein. Forscher halten das erst ab 2000 Euro netto im Monat für realistisch.

Der Arbeitsmarktexperte sieht in der aktuellen Krise deshalb weiteren politischen Handlungsbedarf. „Wer ohnehin wenig verdient und durch Kurzarbeit jetzt nur noch 60 Prozent seines Gehalts bekommt, kann davon nicht leben“, sagt er.

Gewerkschaften haben sich deshalb für eine Erhöhung des Kurzarbeitergelds eingesetzt – die Bundesregierung lehnt das jedoch ab. Sie hat stattdessen den Zugang zur Grundsicherung erleichtert. Das soll Menschen helfen, die trotz Kurzarbeit auf Hilfe vom Amt angewiesen sind. Gleichzeitig erhöht es aber den Aufwand für die Jobcenter, die in den nächsten Wochen und Monaten ohnehin gut zu tun haben.

„Man muss sich fragen, ob man das nicht einfacher hätte regeln können“, sagt Herzog-Stein. Er kann sich eine Staffelung des Kurzarbeitergelds vorstellen: Wer wenig verdient, würde so einen höheren Anteil seines Nettogehalts bekommen als jemand, der vor der Krise ein hohes Gehalt bekommen hat.

Seiner Meinung nach orientiert sich die Politik derzeit noch zu stark an den Erfahrungen aus der letzten Krise. Damals haben in der Spitze 1,4 Millionen Menschen Kurzarbeitergeld erhalten. „Damals aber waren vor allem die Industriejobs betroffen, in denen die Bezahlung höher ist und wo sie noch eine starke Sozialpartnerschaft haben“, sagt Herzog-Stein.

Wer hingegen in einem Friseursalon arbeitet, der hat keinen Betriebsrat, der ihn vertritt. Für die Systemgastronomie immerhin haben sich Unternehmen und Arbeitnehmer mittlerweile auf eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds durch die Betriebe verständigt.

„Kleinunternehmer in anderen Dienstleistungsbranchen können sich das aber nicht immer leisten“, sagt Herzog-Stein. „Für viele ist schon ein Kraftakt, mit Hilfe von Kurzarbeitergeld die Angestellten an Bord zu halten statt sie zu entlassen.“


Aus: "Corona könnte Millionen Deutsche in die staatliche Grundsicherung treiben" Carla Neuhaus (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wie-lange-reicht-das-geld-corona-koennte-millionen-deutsche-in-die-staatliche-grundsicherung-treiben/25709404.html (https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wie-lange-reicht-das-geld-corona-koennte-millionen-deutsche-in-die-staatliche-grundsicherung-treiben/25709404.html)

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fairplay180 15:02 Uhr

An alle Zweifel und Gegner unseres Systems: Wäre unser System nicht so, wie es ist, könnten wir nicht hunderte von Milliarden jetzt als Unterstützung fürs Volk aufbringen. Wer kann das schon? Da können wir durchaus ein bisschen stolz drauf sein!


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Rastapopoulos 13:56 Uhr

Jetzt rächt sich das ganze billig zusammen konstruierte Exportwunder, mit seinen sogenannten Trickle-down Effekten. ...


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fairplay180 13:17 Uhr

Ja, es wird einige sehr hart treffen, das lässt sich leider nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, die Wirtschaft so schnell als möglich wieder hochzufahren. Mit der gebotenen Vorsicht natürlich.


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Rastapopoulos 14:30 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kohlenstoffeinheit 13:45 Uhr

    Wirtschaft muss wieder dem Menschen dienen.


LOL der war gut.


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BangJI 13:15 Uhr
Als ich 2008 im Statistischen Jahrbuch las "Im Jahre 2007 verfügten weniger als 25% aller deutschen Privathaushalte über mehr als 75% aller deutschen Privatvermögen", überlegte ich, wie das angesichts der "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" eigentlich sein konnte.

Als ich 2018 im Dez. in einem Wochenbericht des DIW las "Die Vermögens- und Einkommensverhältnisse in der Bundesrep. Deutschland im Jahre 2016 entsprachen nahezu vollständig den Vermögens- und Einkommensverhältnissen, die in der Zeit von 1910-1914 im Deutschen Kaiserrreich bestanden.", kratzte ich mir meine Kopfhaut und fragte mich "Komisch und keiner hat davon irgendetwas bemerkt?"

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fairplay180 13:25 Uhr

Antwort auf den Beitrag von BangJI 13:15 Uhr

In welchem Land würden Sie denn gerne leben?


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serdna 12:40 Uhr

Grade ein Fall, den ich am Wickel habe. Kleiner Laden, zahlt 4000 Euro Miete, hat jetzt Zuschuss bekommen 8000, kann also zwei Minote die Miete bezahlen. Das heißt der Vermieter, der nicht in existentieller Notlage ist, bekommt sein Geld, das zahlt der Steuerzahler. Die zwei Angestellten mussten gekündigt werden. Für solche Fälle wäre die Variante, dass der Mietvertrag sofort gekündigt werden kann, wesentlich sinnvoller. Es macht keinen  Sinn, dass der Steuerzahler das Einkommen der Vermieter absichert, aber die Leute, die existentiell bedroht sind leer ausgehen. Solidarität kann nicht heißen, dass eine Einkommensgruppe, die in den meisten Fällen nicht existentiell bedroht wird, vom Steuerzahler gegen alle Risiken abgesichert wird und die andere Gruppe, die Empfänger von Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit in eine absolute Notlage gerät.


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SIKOAlex 12:57 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Genau so funktioniert das System: Es wird denen gegeben, die eh schon alles haben.... Die, die noch für ihr Geld arbeiten müssen, sind, einmal mehr, die Verlierer.


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fairplay180 13:14 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Ich habe beruflich viel mit großen Assetmanagern zu tun, die derzeit natürlich insbesondere von Ladenbesitzern Anfragen bekommen, ob die Miete gesenkt, gestundet oder ausgesetzt werden kann.

Fast alle kommen entgegen. Weil die Vermieter natürlich auch wissen, dass sie jetzt in der Situation keine neuen Mieter mehr bekommen. Und schon gar nicht zu den alten Preisen.

Hängt natürlich auch immer vom Einzelfall ab, aber grundsätzlich hat man als Mieter ganz gute Chancen derzeit.


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Rotfahrer 13:25 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Aber auch der Vermieter hat vielleicht Verpflichtungen, für die er auf die Mieteinnahmen angewiesen ist. Bekommt ein Vermieter die Miete nicht mehr, kann auch er vor dem finanziellen Ruin stehen. Man kann das nicht generell so monokausal sehen.


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marla44 13:42 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mitte31 13:22 Uhr

     Der zurückbehaltene Mietbetrag muß bis 2022 zurückgezahlt werden.


Woher soll der den kommen?


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 03, 2020, 05:42:30 PM
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[...] Wegen der Coronavirus-Krise geraten auch in den USA viele Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Größere und kleinere Firmen im gesamten Land versuchen mit Geschäftspartnern, Vermietern und Kreditgebern Lösungen zu finden, die ihnen etwas Luft verschaffen.

Einem Bericht der "New York Times" zufolge zählt dazu auch das Familienunternehmen von US-Präsident Donald Trump.

Da wegen der aktuellen Lage einige der Hotels und Golfplätze geschlossen wurden, habe die Trump-Fima untersucht, ob sie Zahlungen für einige ihrer Kredite und andere finanzielle Verpflichtungen verzögern könne, berichtet die NYT, die sich auf Insider und Dokumente beruft, die sie überprüft habe.

Demnach hätten Vertreter des Trump-Unternehmens kürzlich mit der Deutschen Bank, dem größten Gläubiger des Präsidenten, über die Möglichkeit gesprochen, die Zahlungen zumindest für einige seiner Darlehen von der Bank zu verschieben.

Und in Florida habe die Trump-Firma beim Bezirk Palm Beach angefragt, ob erwartet werde, dass die Firma weiterhin monatliche Zahlungen für Land leistet, das sie für einen dort geplanten 27-Loch-Platz des Trump International Golf Club gepachtet hat.

Floridas Gouverneur Ron DeSantis hatte im vergangenen Monat unter anderem Restaurants, Bars und Golfplätze schließen lassen, da das Coronavirus auf den Bundesstaat übergegriffen hatte.

Niemand weiß, wie viel Geld Trump besitzt. Auch als Präsident versucht Trump weiter, so viel wie möglich zu verdienen. Er verzichtet zwar auf sein Staatssalär (400.000 Dollar) und trat die Konzernführung an seine Söhne ab, blieb aber weiter Inhaber.

Seine Holding, ein Mischkonzern mit Namen The Trump Organization, veröffentlicht keine Zahlen, seine Steuererklärungen hält er geheim.

Trump ist der erste Präsident seit 50 Jahren, der sich weigert, seine Unterlagen zu veröffentlichen. Normalerweise ist es schon bei Präsidentschaftsbewerbern üblich, dass sie über ihre Steuererklärungen den Wählern Einblick in ihre Finanzen geben. Eine Entscheidung soll nun der Oberste Gerichtshof fällen; wann das sein wird, dürfte in Zeiten des Coronavirus unsicher sein.

Nach Angaben der NYT sind die Gespräche der Trump Organisation mit der Deutschen Bank und dem Bezirk Palm Beach nicht abgeschlossen. Es sei unklar, ob dem Trump-Unternehmen gewährt werde, die Zahlungen auszusetzen oder zu reduzieren, schreibt das Blatt. Wie das "Handelsblatt" berichtet, lehnt die Deutsche Bank eine Stellungnahme ab.

Die NYT zitiert Eric Trump, den Sohn des Präsidenten, mit den Worten: "In diesen Tagen arbeiten alle zusammen." Eric Trump, der das Familienunternehmen mit leitet, sagte demnach weiter: "Die Mieter arbeiten mit den Vermietern zusammen, die Vermieter mit den Banken. Die ganze Welt arbeitet zusammen, während wir diese Pandemie bekämpfen." Das Trump-Unternehmen verfügt in den USA und weltweit über mehr als ein Dutzend Golfclubs und Luxushotels.

Das Blatt schreibt weiter, dass die Anfragen Kreditgeber und Vermieter in die unangenehme Lage bringen würden, dass sie entweder Trump unterstützen müssten - oder das Risiko eingehen, den Präsidenten zu verprellen.

In den vergangenen Wochen habe das Unternehmen sein Hotel mit Blick auf den Las Vegas Strip wegen des Coronavirus vorübergehend geschlossen, Personal und Dienstleistungen in seinen Hotels in New York und Washington reduziert und seine Golfclubs in Florida und New Jersey weitgehend geschlossen, schreibt die NYT.

Geschlossen wurde demnach auch der Mar-a-Lago-Club in Florida, der zu dieser Jahreszeit normalerweise als "Winter-Weißes Haus" dient, wie Trump es gerne nennt.

Wie die NYT weiter berichtet, könnten andere Unternehmen möglicherweise einen 500 Milliarden Dollar schweren Rettungsfonds in Anspruch nehmen, der vom Finanzministerium verwaltet wird. Aber das wirtschaftliche Rettungspaket, das Präsident Trump vergangene Woche unterzeichnete, verwehrt dem Präsidenten und seiner Familie Hilfsgelder daraus.

Wie die NYT weiter schreibt, hat die Deutsche Bank Trump und seinen Unternehmen seit 1998 etwa zwei Milliarden Dollar geliehen. Die Bank sei das einzige große Finanzinstitut, das bereit sei, mit den Trumps Geschäfte zu machen.

Zu dem Zeitpunkt, als er Präsident wurde, schuldete das Trump-Unternehmen der Deutschen Bank dem Bericht zufolge etwa 350 Millionen Dollar, einschließlich Darlehen für den Kauf und die Renovierung des Doral-Golf-Resorts in der Nähe von Miami und für die Entwicklung eines Luxushotels im Gebäude des Old Post Office in Washington.

Beide Projekte leiden unter dem wirtschaftlichen Stillstand, so die NYT. Als Reaktion auf die Vorschriften des Bezirks Miami-Dade habe das Doral Resort den Betrieb eingestellt, während das Hotel in Washington weiter betrieben werde, wenn auch mit wenigen Gästen und mit geschlossenem Restaurant und Bar.

Trumps Firma pachte das Washingtoner Grundstück von der Bundesregierung; und das Unternehmen habe Angebote von potentiellen Käufern eingeholt. Dieser Prozess liege nun auf Eis, schreibt das Blatt unter Berufung auf die "Washington Post".

Trumps Unternehmen habe die Darlehen für diese Grundstücke sowie ein weiteres, das mit seinem Wolkenkratzer in Chicago zusammenhänge, von 2012 bis 2015 erhalten, so die NYT.

Aufgrund einer Reihe von Zahlungsausfällen und Insolvenzen der Trumpschen Unternehmen, habe die Deutsche Bank darauf bestanden, dass Donald Trump persönliche Garantien für diese Kredite gewährte. Dies bedeute, dass die Bank auf sein persönliches Vermögen zurückgreifen könne, wenn er die Rückzahlung des Geldes einstellen sollte.

Seit Trumps Wahl zerbrächen sich die Führungskräfte der Deutschen Bank nach Angaben von Bankbeamten darüber den Kopf, was im Falle eines Zahlungsverzuges geschehen solle, heißt es in dem Bericht.

Die Beschlagnahme des persönlichen Vermögens des Präsidenten wäre ein unattraktiver Vorschlag. Aber die Entscheidung, die Gelder nicht zu einkassieren, wäre gleichbedeutend mit einem enormen finanziellen Geschenk an Trump, dessen Administration eine enorme Macht über die Bank ausübe, so die NYT.

Die Geschäfte der Deutschen Bank in den Vereinigten Staaten werden von Bundesaufsichtsbehörden überwacht, und das Justizministerium hat eine strafrechtliche Untersuchung der Bank durchgeführt.


Aus: "Trumps Familienunternehmen bittet Deutsche Bank um finanzielle Hilfe" Sven Lemkemeyer (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/geldnot-wegen-coronavirus-trumps-familienunternehmen-bittet-deutsche-bank-um-finanzielle-hilfe/25712188.html (https://www.tagesspiegel.de/wissen/geldnot-wegen-coronavirus-trumps-familienunternehmen-bittet-deutsche-bank-um-finanzielle-hilfe/25712188.html)

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geruempelsynchronisierer 15:30 Uhr

Eine  Lösung wäre  ja auch, wenn die Bank ihre Forderungen verkaufen würde, nach China zum Beispiel. Möglicherweise springt aber auch das saudische Königshaus ein. Bin mal gespannt, wie diese Geschichte weitergeht...


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 09, 2020, 04:09:22 PM
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[...]  Der Sportartikelhersteller Adidas hat nach viel öffentlicher Kritik nun doch seine April-Mieten bezahlt. Das erklärte das Unternehmen in einem offenen Brief, in dem es sich auch für sein Vorpreschen entschuldigte. "Die Entscheidung, von Vermieter(innen) unserer Läden die Stundung der Miete für April zu verlangen, wurde von vielen von Ihnen als unsolidarisch empfunden", heißt es in dem Schreiben. "Ihre Meinung ist uns wichtig, und Ihre Meinung ist eindeutig: Sie sind von adidas enttäuscht."

Man habe einen Fehler gemacht und damit viel Vertrauen verspielt, so der Konzern. "Es wird dauern, Ihr Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Aber wir werden alles dafür tun." Deshalb wolle man sich "in aller Form" entschuldigen. "Wir haben unseren Vermieter(innen) die Miete für April bezahlt. Fairness und Teamgeist sind seit jeher eng mit Adidas verknüpft und sollen es auch bleiben."

 Das Unternehmen hatte vor knapp einer Woche erklärt, die Miete für die geschlossenen Läden in Europa ab April nicht mehr zu bezahlen. Auch andere Handelsketten wie Deichmann oder H&M kündigten ähnliche Schritte an. Später präzisierte Adidas, dass es lediglich um eine Stundung der Mietzahlungen gehe.

Dennoch gab es aus Gesellschaft und Politik viel Kritik an dem Schritt. Prominente und Kunden riefen in den sozialen Medien zum Boykott des Unternehmens auf. Die Bundesregierung habe die gesetzliche Möglichkeit zu Mietstundungen in der Coronakrise nicht für Großkonzerne geschaffen, so die Kritik.

 In dem Brief mit dem Titel "Adidas sagt Entschuldigung" verwies das Unternehmen nun jedoch auch auf die großen Schwierigkeiten durch die Pandemie: Das Geschäft sei in der Corona-Krise eingebrochen. "Fast auf der gesamten Welt findet kein normales Geschäft mehr statt. Die Läden sind zu. Das hält selbst ein gesundes Unternehmen wie adidas nicht lange aus."

Um Geld zu sparen, habe man bereits Kurzarbeit angemeldet. Der Vorstand und die zweite Führungsebene lassen sich die Gehälter vorerst nur zum Teil auszahlen. Trotzdem werde Adidas Kredite brauchen.

 Zuvor war bekannt geworden, dass nun der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof die Mietzahlungen stoppen will. In einem Brief an die Vermieter schrieb das Unternehmen, wegen der staatlich angeordneten Schließung der Geschäfte bleibe "keine andere Wahl". Vor dem Hintergrund der Pandemie habe die Geschäftsführung der Galeria Karstadt Kaufhof GmbH entschieden, die Miete ab dem 1. April 2020 nicht zu zahlen. Zunächst solle dies bis Juni 2020 gelten.

Ein Schutzschirmverfahren soll das Überleben des Konzerns sichern. Dem Antrag des Unternehmens auf Einleitung des Verfahrens sei vom Amtsgericht Essen bereits stattgegeben worden, teilte der Konzern mit. Das Schutzschirmverfahren schützt in die Krise geratene Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne dass die Betriebe bereits Insolvenz anmelden müssen. Die Geschäftsführung kann das Unternehmen weiter verantwortlich lenken und selbstständig sanieren.

"Die harten wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise für den innerstädtischen Non-Food-Handel und die langwierige Umsetzung staatlicher Hilfe über die Hausbank haben diesen Schritt notwendig gemacht", betonte das Unternehmen, das bundesweit mehr als 28.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Nach eigenen Angaben verliert Galeria Karstadt Kaufhof durch die Schließung der Warenhäuser seit dem 18. März jede Woche mehr als 80 Millionen Euro Umsatz. Zwar bemühte sich der Konzern in den vergangenen Wochen bereits um staatliche Hilfsgelder. Doch erwies sich eine Einigung mit den Banken schwieriger als erhofft.


Aus: "Adidas entschuldigt sich - und zahlt" (01.04.202)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/adidas-entschuldigung-101.html (https://www.tagesschau.de/wirtschaft/adidas-entschuldigung-101.html)

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[...]  Trotz der massiven Reisebeschränkung in der Corona-Krise werden heute Erntehelfer nach Deutschland eingeflogen. Am Vormittag ist am Flughafen Berlin-Schönefeld das erste Flugzeug mit Erntehelfern aus Rumänien gelandet, weitere Maschinen folgten im Laufe des Tages. Insgesamt sollen heute rund 530 Arbeiter in Schönefeld ankommen.

Die Fluggesellschaft Eurowings bestätigte zudem zwei weitere Landungen am Flughafen Düsseldorf - ebenfalls aus Rumänien. Die Helfer würden am Flughafen zunächst medizinisch untersucht, sagte die Flughafensprecherin. In den kommenden Tagen werden auch Flüge in Hamburg, Karlsruhe, Leipzig, Nürnberg und Frankfurt-Hahn erwartet.

Die Helfer werden unter anderem dringend für die Spargelernte gebraucht. Die Haupterntezeit für das Stangengemüse startet Ende April. Insgesamt seien schon etwa 20.000 Erntehelfer für die Sonderflüge registriert, sagte eine Pressesprecherin von Eurowings. Sie kämen nicht nur aus Rumänien, sondern zum Beispiel auch aus Polen und Bulgarien.

 "Wir sind erleichtert: Durch diese Regelung bleiben unsere Betriebe arbeitsfähig", sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied dem BR. Er hoffe zwar, dass auch Erntehelfer aus Deutschland zum Einsatz kommen können. Allerdings hätten die ausländischen Saisonkräfte mehr Erfahrung, sagte Rukwied. "Ohne die wäre es nicht gegangen."

Die Einreise per Flugzeug führe allerdings zu höheren Kosten, sagte Rukwied. Höhere Preise für Agrarprodukte könne man daraus aber noch nicht ableiten. "Da müssen wir mal die nächsten Wochen abwarten, wohin die Reise geht."

 Auf die Einreise der Erntehelfer hatten sich Innenminister Horst Seehofer und Agrarministerin Julia Klöckner am vergangenen Donnerstag geeinigt. Demnach dürfen 80.000 ausländische Saisonkräfte unter strengen Auflagen nach Deutschland kommen.

Auch Rumänien musste die Ausreise der Arbeiter erlauben. Sie bezieht sich jedoch nur auf Erntehelfer. Dadurch wurde der Transfer nach Deutschland möglich. Denn eigentlich sind Flugverbindungen zwischen Rumänien und Corona-Risikoländern verboten. Auf dem Landweg sind Reisen Richtung Westen nicht möglich, weil Ungarn die Grenzen geschlossen hat.


Aus: "Erntehelfer kommen im Sonderflieger" (09.04.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/erntehelfer-einreise-101.html (https://www.tagesschau.de/wirtschaft/erntehelfer-einreise-101.html)

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[...] München Auf BMW ist Verlass. Während andere Dax-Konzerne ihre Aktionärstreffen infolge der Corona-Pandemie reihum verschieben mussten, hält BMW seine 100. Hauptversammlung wie geplant am 14. Mai ab. Auch in Krisenzeiten will der Autobauer aus München Kontinuität wahren.

Wie aus der Einladung zu der Veranstaltung hervorgeht, die das Unternehmen am Montag verschickt hat, werden die Eigentümer allerdings gebeten, nicht persönlich zu erscheinen. Sie sollen an der Hauptversammlung digital per Livestream teilnehmen. Der Schutz der Gesundheit gehe vor.

Das Aktionärstreffen von BMW erfolgt daher erstmals virtuell, also ohne physische Präsenz. Ansonsten ist aber alles wie immer. Vorstand und Aufsichtsrat schlagen so auch vor, den Aktionären eine Dividende von insgesamt 1,64 Milliarden Euro auszuschütten. Weil der Fahrzeughersteller gleichzeitig für gut 20.000 Mitarbeiter staatlich subventionierte Kurzarbeit beantragt hat, stehen die Bayern aber ebenso wie Daimler oder VW in der Kritik.

„Kurzarbeitergeld ist eine Staatshilfe. Wer auf Staatshilfe setzt, kann nicht gleichzeitig Gewinne an Aktionäre ausschütten. Das ist die hässliche Fratze des Kapitalismus. Ich bin deshalb in diesen Fällen für einen generellen Dividendenstopp“, twitterte Carsten Schneider, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, bereits vergangene Woche.

Auch Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Fraktion Die Linke, forderte jüngst in der „Financial Times“, Bonuszahlungen und Dividendenausschüttungen auszusetzen, falls deutsche Unternehmen Kurzarbeit oder andere staatliche Leistungen in der Krise in Anspruch nehmen.

Viele Konzerne haben ihre geplante Dividende ohnehin längst gestrichen. Die deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz rechnet damit, dass selbst im besten Fall die 160 börsennotierten Konzerne in Dax, MDax und SDax wegen der Coronakrise dieses Jahr nur 44 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner ausschütten werden.

Das wären 14 Prozent weniger als im Vorjahr. In der aktuellen Situation habe „die Sicherung der Liquidität zunächst Vorrang“, konstatiert Eric Frère, Direktor des Institute for Strategic Finance an der FOM Hochschule.

Dennoch gibt es durchaus triftige Gründe, warum etwa BMW an der Dividende festhält. Denn die Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter des Autobauers ist zum Teil an die Ausschüttung an die Aktionäre gekoppelt, heißt es in Konzernkreisen. Wird den Eigentümern die Gewinnbeteiligung gestrichen, schmälert dies automatisch auch die Prämie für die Beschäftigten.

Zudem sind Dividenden per se vergangenheitsgerichtet. Die Konzerne beteiligen ihre Aktionäre am wirtschaftlichen Erfolg für das Geschäftsjahr 2019. Für 2020, also jenes Jahr, in dem die Coronakrise tatsächlich zu Buche schlägt, dürften die Ausschüttungen vielfach komplett entfallen oder deutlich schrumpfen. Darüber hinaus wollen viele deutsche Unternehmen ihren Ruf als verlässliche Partner am Kapitalmarkt nicht verlieren.

Gerade für Konzerne wie Daimler ist das doppelt wichtig. Anders als BMW oder VW haben die Stuttgarter keinen schützenden Ankeraktionär. Weil der Aktienkurs von Daimler schon seit Jahren im Sinkflug ist, sehen viele Investoren in der Dividende das letzte Argument, warum sie überhaupt noch an den Schwaben beteiligt sind.

In solch einer Konstellation die bereits angekündigte Gewinnbeteiligung auszusetzen, dürfte große Dividendenfonds vergraulen, heißt es in Finanzkreisen. Die Folge: Der Börsenwert von Daimler könnte noch weiter absacken und der Konzern endgültig zum Übernahmeziel werden.


Aus: "Dividende trotz Staatshilfe – Autokonzerne stehen in der Kritik" Franz Hubik (06.04.2020)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/bmw-haelt-an-ausschuettung-fest-dividende-trotz-staatshilfe-autokonzerne-stehen-in-der-kritik/25720114.html (https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/bmw-haelt-an-ausschuettung-fest-dividende-trotz-staatshilfe-autokonzerne-stehen-in-der-kritik/25720114.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 12, 2020, 10:34:33 PM
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[...] An examination reveals the president was warned about the potential for a pandemic but that internal divisions, lack of planning and his faith in his own instincts led to a halting response.

WASHINGTON — “Any way you cut it, this is going to be bad,” a senior medical adviser at the Department of Veterans Affairs, Dr. Carter Mecher, wrote on the night of Jan. 28, in an email to a group of public health experts scattered around the government and universities. “The projected size of the outbreak already seems hard to believe.”

A week after the first coronavirus case had been identified in the United States, and six long weeks before President Trump finally took aggressive action to confront the danger the nation was facing — a pandemic that is now forecast to take tens of thousands of American lives — Dr. Mecher was urging the upper ranks of the nation’s public health bureaucracy to wake up and prepare for the possibility of far more drastic action.

“You guys made fun of me screaming to close the schools,” he wrote to the group, which called itself “Red Dawn,” an inside joke based on the 1984 movie about a band of Americans trying to save the country after a foreign invasion. “Now I’m screaming, close the colleges and universities.”

His was hardly a lone voice. Throughout January, as Mr. Trump repeatedly played down the seriousness of the virus and focused on other issues, an array of figures inside his government — from top White House advisers to experts deep in the cabinet departments and intelligence agencies — identified the threat, sounded alarms and made clear the need for aggressive action.

The president, though, was slow to absorb the scale of the risk and to act accordingly, focusing instead on controlling the message, protecting gains in the economy and batting away warnings from senior officials. It was a problem, he said, that had come out of nowhere and could not have been foreseen.

Even after Mr. Trump took his first concrete action at the end of January — limiting travel from China — public health often had to compete with economic and political considerations in internal debates, slowing the path toward belated decisions to seek more money from Congress, obtain necessary supplies, address shortfalls in testing and ultimately move to keep much of the nation at home.

Unfolding as it did in the wake of his impeachment by the House and in the midst of his Senate trial, Mr. Trump’s response was colored by his suspicion of and disdain for what he viewed as the “Deep State” — the very people in his government whose expertise and long experience might have guided him more quickly toward steps that would slow the virus, and likely save lives.

Decision-making was also complicated by a long-running dispute inside the administration over how to deal with China. The virus at first took a back seat to a desire not to upset Beijing during trade talks, but later the impulse to score points against Beijing left the world’s two leading powers further divided as they confronted one of the first truly global threats of the 21st century.

The shortcomings of Mr. Trump’s performance have played out with remarkable transparency as part of his daily effort to dominate television screens and the national conversation.

But dozens of interviews with current and former officials and a review of emails and other records revealed many previously unreported details and a fuller picture of the roots and extent of his halting response as the deadly virus spread:

    The National Security Council office responsible for tracking pandemics received intelligence reports in early January predicting the spread of the virus to the United States, and within weeks was raising options like keeping Americans home from work and shutting down cities the size of Chicago. Mr. Trump would avoid such steps until March.

    Despite Mr. Trump’s denial weeks later, he was told at the time about a Jan. 29 memo produced by his trade adviser, Peter Navarro, laying out in striking detail the potential risks of a coronavirus pandemic: as many as half a million deaths and trillions of dollars in economic losses.

    The health and human services secretary, Alex M. Azar II, directly warned Mr. Trump of the possibility of a pandemic during a call on Jan. 30, the second warning he delivered to the president about the virus in two weeks. The president, who was on Air Force One while traveling for appearances in the Midwest, responded that Mr. Azar was being alarmist.

    Mr. Azar publicly announced in February that the government was establishing a “surveillance” system in five American cities to measure the spread of the virus and enable experts to project the next hot spots. It was delayed for weeks. The slow start of that plan, on top of the well-documented failures to develop the nation’s testing capacity, left administration officials with almost no insight into how rapidly the virus was spreading. “We were flying the plane with no instruments,” one official said.

    By the third week in February, the administration’s top public health experts concluded they should recommend to Mr. Trump a new approach that would include warning the American people of the risks and urging steps like social distancing and staying home from work. But the White House focused instead on messaging and crucial additional weeks went by before their views were reluctantly accepted by the president — time when the virus spread largely unimpeded.

When Mr. Trump finally agreed in mid-March to recommend social distancing across the country, effectively bringing much of the economy to a halt, he seemed shellshocked and deflated to some of his closest associates. One described him as “subdued” and “baffled” by how the crisis had played out. An economy that he had wagered his re-election on was suddenly in shambles.

He only regained his swagger, the associate said, from conducting his daily White House briefings, at which he often seeks to rewrite the history of the past several months. He declared at one point that he “felt it was a pandemic long before it was called a pandemic,” and insisted at another that he had to be a “cheerleader for the country,” as if that explained why he failed to prepare the public for what was coming.

Mr. Trump’s allies and some administration officials say the criticism has been unfair. The Chinese government misled other governments, they say. And they insist that the president was either not getting proper information, or the people around him weren’t conveying the urgency of the threat. In some cases, they argue, the specific officials he was hearing from had been discredited in his eyes, but once the right information got to him through other channels, he made the right calls.

“While the media and Democrats refused to seriously acknowledge this virus in January and February, President Trump took bold action to protect Americans and unleash the full power of the federal government to curb the spread of the virus, expand testing capacities and expedite vaccine development even when we had no true idea the level of transmission or asymptomatic spread,” said Judd Deere, a White House spokesman.

There were key turning points along the way, opportunities for Mr. Trump to get ahead of the virus rather than just chase it. There were internal debates that presented him with stark choices, and moments when he could have chosen to ask deeper questions and learn more. How he handled them may shape his re-election campaign. They will certainly shape his legacy.

When Dr. Robert Kadlec, the top disaster response official at the Health and Human Services Department, convened the White House coronavirus task force on Feb. 21, his agenda was urgent. There were deep cracks in the administration’s strategy for keeping the virus out of the United States. They were going to have to lock down the country to prevent it from spreading. The question was: When?

There had already been an alarming spike in new cases around the world and the virus was spreading across the Middle East. It was becoming apparent that the administration had botched the rollout of testing to track the virus at home, and a smaller-scale surveillance program intended to piggyback on a federal flu tracking system had also been stillborn.

In Washington, the president was not worried, predicting that by April, “when it gets a little warmer, it miraculously goes away.” His White House had yet to ask Congress for additional funding to prepare for the potential cost of wide-scale infection across the country, and health care providers were growing increasingly nervous about the availability of masks, ventilators and other equipment.

What Mr. Trump decided to do next could dramatically shape the course of the pandemic — and how many people would get sick and die.

With that in mind, the task force had gathered for a tabletop exercise — a real-time version of a full-scale war gaming of a flu pandemic the administration had run the previous year. That earlier exercise, also conducted by Mr. Kadlec and called “Crimson Contagion,” predicted 110 million infections, 7.7 million hospitalizations and 586,000 deaths following a hypothetical outbreak that started in China.

Facing the likelihood of a real pandemic, the group needed to decide when to abandon “containment” — the effort to keep the virus outside the U.S. and to isolate anyone who gets infected — and embrace “mitigation” to thwart the spread of the virus inside the country until a vaccine becomes available.

Among the questions on the agenda, which was reviewed by The New York Times, was when the department’s secretary, Mr. Azar, should recommend that Mr. Trump take textbook mitigation measures “such as school dismissals and cancellations of mass gatherings,” which had been identified as the next appropriate step in a Bush-era pandemic plan.

The exercise was sobering. The group — including Dr. Anthony S. Fauci of the National Institutes of Health; Dr. Robert R. Redfield of the Centers for Disease Control and Prevention, and Mr. Azar, who at that stage was leading the White House Task Force — concluded they would soon need to move toward aggressive social distancing, even at the risk of severe disruption to the nation’s economy and the daily lives of millions of Americans.

If Dr. Kadlec had any doubts, they were erased two days later, when he stumbled upon an email from a researcher at the Georgia Institute of Technology, who was among the group of academics, government physicians and infectious diseases doctors who had spent weeks tracking the outbreak in the Red Dawn email chain.

A 20-year-old Chinese woman had infected five relatives with the virus even though she never displayed any symptoms herself. The implication was grave — apparently healthy people could be unknowingly spreading the virus — and supported the need to move quickly to mitigation.

“Is this true?!” Dr. Kadlec wrote back to the researcher. “If so we have a huge whole on our screening and quarantine effort,” including a typo where he meant hole. Her response was blunt: “People are carrying the virus everywhere.”

The following day, Dr. Kadlec and the others decided to present Mr. Trump with a plan titled “Four Steps to Mitigation,” telling the president that they needed to begin preparing Americans for a step rarely taken in United States history.

But over the next several days, a presidential blowup and internal turf fights would sidetrack such a move. The focus would shift to messaging and confident predictions of success rather than publicly calling for a shift to mitigation.

These final days of February, perhaps more than any other moment during his tenure in the White House, illustrated Mr. Trump’s inability or unwillingness to absorb warnings coming at him. He instead reverted to his traditional political playbook in the midst of a public health calamity, squandering vital time as the coronavirus spread silently across the country.

Dr. Kadlec’s group wanted to meet with the president right away, but Mr. Trump was on a trip to India, so they agreed to make the case to him in person as soon as he returned two days later. If they could convince him of the need to shift strategy, they could immediately begin a national education campaign aimed at preparing the public for the new reality.

A memo dated Feb. 14, prepared in coordination with the National Security Council and titled “U.S. Government Response to the 2019 Novel Coronavirus,” documented what more drastic measures would look like, including: “significantly limiting public gatherings and cancellation of almost all sporting events, performances, and public and private meetings that cannot be convened by phone. Consider school closures. Widespread ‘stay at home’ directives from public and private organizations with nearly 100% telework for some.”

The memo did not advocate an immediate national shutdown, but said the targeted use of “quarantine and isolation measures” could be used to slow the spread in places where “sustained human-to-human transmission” is evident.

Within 24 hours, before they got a chance to make their presentation to the president, the plan went awry.

Mr. Trump was walking up the steps of Air Force One to head home from India on Feb. 25 when Dr. Nancy Messonnier, the director of the National Center for Immunization and Respiratory Diseases, publicly issued the blunt warning they had all agreed was necessary.

But Dr. Messonnier had jumped the gun. They had not told the president yet, much less gotten his consent.

On the 18-hour plane ride home, Mr. Trump fumed as he watched the stock market crash after Dr. Messonnier’s comments. Furious, he called Mr. Azar when he landed at around 6 a.m. on Feb. 26, raging that Dr. Messonnier had scared people unnecessarily. Already on thin ice with the president over a variety of issues and having overseen the failure to quickly produce an effective and widely available test, Mr. Azar would soon find his authority reduced.

The meeting that evening with Mr. Trump to advocate social distancing was canceled, replaced by a news conference in which the president announced that the White House response would be put under the command of Vice President Mike Pence.

The push to convince Mr. Trump of the need for more assertive action stalled. With Mr. Pence and his staff in charge, the focus was clear: no more alarmist messages. Statements and media appearances by health officials like Dr. Fauci and Dr. Redfield would be coordinated through Mr. Pence’s office. It would be more than three weeks before Mr. Trump would announce serious social distancing efforts, a lost period during which the spread of the virus accelerated rapidly.

Over nearly three weeks from Feb. 26 to March 16, the number of confirmed coronavirus cases in the United States grew from 15 to 4,226. Since then, nearly half a million Americans have tested positive for the virus and authorities say hundreds of thousands more are likely infected.

It was early January, and the call with a Hong Kong epidemiologist left Matthew Pottinger rattled.

Mr. Pottinger, the deputy national security adviser and a hawk on China, took a blunt warning away from the call with the doctor, a longtime friend: A ferocious, new outbreak that on the surface appeared similar to the SARS epidemic of 2003 had emerged in China. It had spread far more quickly than the government was admitting to, and it wouldn’t be long before it reached other parts of the world.

Mr. Pottinger had worked as a Wall Street Journal correspondent in Hong Kong during the SARS epidemic, and was still scarred by his experience documenting the death spread by that highly contagious virus.

Now, seventeen years later, his friend had a blunt message: You need to be ready. The virus, he warned, which originated in the city of Wuhan, was being transmitted by people who were showing no symptoms — an insight that American health officials had not yet accepted. Mr. Pottinger declined through a spokesman to comment.

It was one of the earliest warnings to the White House, and it echoed the intelligence reports making their way to the National Security Council. While most of the early assessments from the C.I.A. had little more information than was available publicly, some of the more specialized corners of the intelligence world were producing sophisticated and chilling warnings.

In a report to the director of national intelligence, the State Department’s epidemiologist wrote in early January that the virus was likely to spread across the globe, and warned that the coronavirus could develop into a pandemic. Working independently, a small outpost of the Defense Intelligence Agency, the National Center for Medical Intelligence, came to the same conclusion. Within weeks after getting initial information about the virus early in the year, biodefense experts inside the National Security Council, looking at what was happening in Wuhan, started urging officials to think about what would be needed to quarantine a city the size of Chicago.

By mid-January there was growing evidence of the virus spreading outside China. Mr. Pottinger began convening daily meetings about the coronavirus. He alerted his boss, Robert C. O’Brien, the national security adviser.

The early alarms sounded by Mr. Pottinger and other China hawks were freighted with ideology — including a push to publicly blame China that critics in the administration say was a distraction as the coronavirus spread to Western Europe and eventually the United States.

And they ran into opposition from Mr. Trump’s economic advisers, who worried a tough approach toward China could scuttle a trade deal that was a pillar of Mr. Trump’s re-election campaign.

With his skeptical — some might even say conspiratorial — view of China’s ruling Communist Party, Mr. Pottinger initially suspected that President Xi Jinping’s government was keeping a dark secret: that the virus may have originated in one of the laboratories in Wuhan studying deadly pathogens. In his view, it might have even been a deadly accident unleashed on an unsuspecting Chinese population.

During meetings and telephone calls, Mr. Pottinger asked intelligence agencies — including officers at the C.I.A. working on Asia and on weapons of mass destruction — to search for evidence that might bolster his theory.

They didn’t have any evidence. Intelligence agencies did not detect any alarm inside the Chinese government that analysts presumed would accompany the accidental leak of a deadly virus from a government laboratory. But Mr. Pottinger continued to believe the coronavirus problem was far worse than the Chinese were acknowledging. Inside the West Wing, the director of the Domestic Policy Council, Joe Grogan, also tried to sound alarms that the threat from China was growing.

Mr. Pottinger, backed by Mr. O’Brien, became one of the driving forces of a campaign in the final weeks of January to convince Mr. Trump to impose limits on travel from China — the first substantive step taken to impede the spread of the virus and one that the president has repeatedly cited as evidence that he was on top of the problem.

In addition to the opposition from the economic team, Mr. Pottinger and his allies among the China hawks had to overcome initial skepticism from the administration’s public health experts.

Travel restrictions were usually counterproductive to managing biological outbreaks because they prevented doctors and other much-needed medical help from easily getting to the affected areas, the health officials said. And such bans often cause infected people to flee, spreading the disease further.

But on the morning of Jan. 30, Mr. Azar got a call from Dr. Fauci, Dr. Redfield and others saying they had changed their minds. The World Health Organization had declared a global public health emergency and American officials had discovered the first confirmed case of person-to-person transmission inside the United States.

The economic team, led by Treasury Secretary Steven Mnuchin, continued to argue that there were big risks in taking a provocative step toward China and moving to curb global travel. After a debate, Mr. Trump came down on the side of the hawks and the public health team. The limits on travel from China were publicly announced on Jan. 31.

Still, Mr. Trump and other senior officials were wary of further upsetting Beijing. Besides the concerns about the impact on the trade deal, they knew that an escalating confrontation was risky because the United States relies heavily on China for pharmaceuticals and the kinds of protective equipment most needed to combat the coronavirus.

But the hawks kept pushing in February to take a critical stance toward China amid the growing crisis. Mr. Pottinger and others — including aides to Secretary of State Mike Pompeo — pressed for government statements to use the term “Wuhan Virus.”

Mr. Pompeo tried to hammer the anti-China message at every turn, eventually even urging leaders of the Group of 7 industrialized countries to use “Wuhan virus” in a joint statement.

Others, including aides to Mr. Pence, resisted taking a hard public line, believing that angering Beijing might lead the Chinese government to withhold medical supplies, pharmaceuticals and any scientific research that might ultimately lead to a vaccine.

Mr. Trump took a conciliatory approach through the middle of March, praising the job Mr. Xi was doing.

That changed abruptly, when aides informed Mr. Trump that a Chinese Foreign Ministry spokesman had publicly spun a new conspiracy about the origins of Covid-19: that it was brought to China by U.S. Army personnel who visited the country last October.

Mr. Trump was furious, and he took to his favorite platform to broadcast a new message. On March 16, he wrote on Twitter that “the United States will be powerfully supporting those industries, like Airlines and others, that are particularly affected by the Chinese Virus.”

Mr. Trump’s decision to escalate the war of words undercut any remaining possibility of broad cooperation between the governments to address a global threat. It remains to be seen whether that mutual suspicion will spill over into efforts to develop treatments or vaccines, both areas where the two nations are now competing.

One immediate result was a free-for-all across the United States, with state and local governments and hospitals bidding on the open market for scarce but essential Chinese-made products. When the state of Massachusetts managed to procure 1.2 million masks, it fell to the owner of the New England Patriots, Robert K. Kraft, a Trump ally, to cut through extensive red tape on both sides of the Pacific to send his own plane to pick them up.

Inside the West Wing, Mr. Navarro, Mr. Trump’s trade adviser, was widely seen as quick-tempered, self-important and prone to butting in. He is among the most outspoken of China hawks and in late January was clashing with the administration’s health experts over limiting travel from China.

So it elicited eye rolls when, after initially being prevented from joining the coronavirus task force, he circulated a memo on Jan. 29 urging Mr. Trump to impose the travel limits, arguing that failing to confront the outbreak aggressively could be catastrophic, leading to hundreds of thousands of deaths and trillions of dollars in economic losses.

The uninvited message could not have conflicted more with the president’s approach at the time of playing down the severity of the threat. And when aides raised it with Mr. Trump, he responded that he was unhappy that Mr. Navarro had put his warning in writing.

From the time the virus was first identified as a concern, the administration’s response was plagued by the rivalries and factionalism that routinely swirl around Mr. Trump and, along with the president’s impulsiveness, undercut decision making and policy development.

Faced with the relentless march of a deadly pathogen, the disagreements and a lack of long-term planning had significant consequences. They slowed the president’s response and resulted in problems with execution and planning, including delays in seeking money from Capitol Hill and a failure to begin broad surveillance testing.

The efforts to shape Mr. Trump’s view of the virus began early in January, when his focus was elsewhere: the fallout from his decision to kill Maj. Gen. Qassim Suleimani, Iran’s security mastermind; his push for an initial trade deal with China; and his Senate impeachment trial, which was about to begin.

Even after Mr. Azar first briefed him about the potential seriousness of the virus during a phone call on Jan. 18 while the president was at his Mar-a-Lago resort in Florida, Mr. Trump projected confidence that it would be a passing problem.

“We have it totally under control,” he told an interviewer a few days later while attending the World Economic Forum in Switzerland. “It’s going to be just fine.”

Back in Washington, voices outside of the White House peppered Mr. Trump with competing assessments about what he should do and how quickly he should act.

The efforts to sort out policy behind closed doors were contentious and sometimes only loosely organized.

That was the case when the National Security Council convened a meeting on short notice on the afternoon of Jan. 27. The Situation Room was standing room only, packed with top White House advisers, low-level staffers, Mr. Trump’s social media guru, and several cabinet secretaries. There was no checklist about the preparations for a possible pandemic, which would require intensive testing, rapid acquisition of protective gear, and perhaps serious limitations on Americans’ movements.

Instead, after a 20-minute description by Mr. Azar of his department’s capabilities, the meeting was jolted when Stephen E. Biegun, the newly installed deputy secretary of state, announced plans to issue a “level four” travel warning, strongly discouraging Americans from traveling to China. The room erupted into bickering.

A few days later, on the evening of Jan. 30, Mick Mulvaney, the acting White House chief of staff at the time, and Mr. Azar called Air Force One as the president was making the final decision to go ahead with the restrictions on China travel. Mr. Azar was blunt, warning that the virus could develop into a pandemic and arguing that China should be criticized for failing to be transparent.

Mr. Trump rejected the idea of criticizing China, saying the country had enough to deal with. And if the president’s decision on the travel restrictions suggested that he fully grasped the seriousness of the situation, his response to Mr. Azar indicated otherwise.

Stop panicking, Mr. Trump told him.

That sentiment was present throughout February, as the president’s top aides reached for a consistent message but took few concrete steps to prepare for the possibility of a major public health crisis.

During a briefing on Capitol Hill on Feb. 5, senators urged administration officials to take the threat more seriously. Several asked if the administration needed additional money to help local and state health departments prepare.

Derek Kan, a senior official from the Office of Management and Budget, replied that the administration had all the money it needed, at least at that point, to stop the virus, two senators who attended the briefing said.

“Just left the Administration briefing on Coronavirus,” Senator Christopher S. Murphy, Democrat of Connecticut, wrote in a tweet shortly after. “Bottom line: they aren’t taking this seriously enough.”

The administration also struggled to carry out plans it did agree on. In mid-February, with the effort to roll out widespread testing stalled, Mr. Azar announced a plan to repurpose a flu-surveillance system in five major cities to help track the virus among the general population. The effort all but collapsed even before it got started as Mr. Azar struggled to win approval for $100 million in funding and the C.D.C. failed to make reliable tests available.

The number of infections in the United States started to surge through February and early March, but the Trump administration did not move to place large-scale orders for masks and other protective equipment, or critical hospital equipment, such as ventilators. The Pentagon sat on standby, awaiting any orders to help provide temporary hospitals or other assistance.

As February gave way to March, the president continued to be surrounded by divided factions even as it became clearer that avoiding more aggressive steps was not tenable.

Mr. Trump had agreed to give an Oval Office address on the evening of March 11 announcing restrictions on travel from Europe, where the virus was ravaging Italy. But responding to the views of his business friends and others, he continued to resist calls for social distancing, school closures and other steps that would imperil the economy.

But the virus was already multiplying across the country — and hospitals were at risk of buckling under the looming wave of severely ill people, lacking masks and other protective equipment, ventilators and sufficient intensive care beds. The question loomed over the president and his aides after weeks of stalling and inaction: What were they going to do?

The approach that Mr. Azar and others had planned to bring to him weeks earlier moved to the top of the agenda. Even then, and even by Trump White House standards, the debate over whether to shut down much of the country to slow the spread was especially fierce.

Always attuned to anything that could trigger a stock market decline or an economic slowdown that could hamper his re-election effort, Mr. Trump also reached out to prominent investors like Stephen A. Schwarzman, the chief executive of Blackstone Group, a private equity firm.

“Everybody questioned it for a while, not everybody, but a good portion questioned it,” Mr. Trump said earlier this month. “They said, let’s keep it open. Let’s ride it.”

In a tense Oval Office meeting, when Mr. Mnuchin again stressed that the economy would be ravaged, Mr. O’Brien, the national security adviser, who had been worried about the virus for weeks, sounded exasperated as he told Mr. Mnuchin that the economy would be destroyed regardless if officials did nothing.

Soon after the Oval Office address, Dr. Scott Gottlieb, the former commissioner of the Food and Drug Administration and a trusted sounding board inside the White House, visited Mr. Trump, partly at the urging of Jared Kushner, the president’s son-in-law. Dr. Gottlieb’s role was to impress upon the president how serious the crisis could become. Mr. Pence, by then in charge of the task force, also played a key role at that point in getting through to the president about the seriousness of the moment in a way that Mr. Azar had not.

But in the end, aides said, it was Dr. Deborah L. Birx, the veteran AIDS researcher who had joined the task force, who helped to persuade Mr. Trump. Soft-spoken and fond of the kind of charts and graphs Mr. Trump prefers, Dr. Birx did not have the rough edges that could irritate the president. He often told people he thought she was elegant.

On Monday, March 16, Mr. Trump announced new social distancing guidelines, saying they would be in place for two weeks. The subsequent economic disruptions were so severe that the president repeatedly suggested that he wanted to lift even those temporary restrictions. He frequently asked aides why his administration was still being blamed in news coverage for the widespread failures involving testing, insisting the responsibility had shifted to the states.

During the last week in March, Kellyanne Conway, a senior White House adviser involved in task force meetings, gave voice to concerns other aides had. She warned Mr. Trump that his wished-for date of Easter to reopen the country likely couldn’t be accomplished. Among other things, she told him, he would end up being blamed by critics for every subsequent death caused by the virus.

Within days, he watched images on television of a calamitous situation at Elmhurst Hospital Center, miles from his childhood home in Queens, N.Y., where 13 people had died from the coronavirus in 24 hours.





Aus: "He Could Have Seen What Was Coming: Behind Trump’s Failure on the Virus" Eric Lipton, David E. Sanger, Maggie Haberman, Michael D. Shear, Mark Mazzetti and Julian E. Barnes (April 11, 2020)
Source: https://www.nytimes.com/2020/04/11/us/politics/coronavirus-trump-response.html (https://www.nytimes.com/2020/04/11/us/politics/coronavirus-trump-response.html)

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Charles Smithson
Cincinnati, OH1h ago
Times Pick

The President could not have prevented the Coronavirus, this is true. However, as a leader, he made sure to dismantle or ignore every possible group or timeframe that would have mitigated the severity of this pandemic.
I do feel like he is a “wartime President”. He has successfully waged war against America as his failed policies cause thousands of deaths and the destruction of the U.S. economy.
Could any enemy of the United States have wrought this much devastation, on multiple levels, in such a short period of time?
No, only the President. He has been able to destroy us from within, sitting in the cozy bunker of the Oval Office.


Quote
NobodyOfConsequence
CT6h ago
Times Pick

I have said this before, and I will say this again. The defining quote of this presidency will be, "I take no responsibility."


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[...] Diesen Moment wird keiner der Beteiligten so schnell vergessen: In einer telefonischen Krisenkonferenz mit Gouverneuren der US-Bundesstaaten war Donald Trumps Stimme an jenem 16. März klar und deutlich zu vernehmen. "Beatmungsgeräte, die ganze Ausrüstung, versucht es selbst zu bekommen", riet der US-Präsident den Hilfe suchenden Regionalpolitikern, "das geht viel schneller".

Für viele US-Amerikaner gleicht Trumps Ratschlag einem politischen Offenbarungseid. Aus dem Weißen Haus, das musste spätestens jetzt allen Gouverneuren klar sein, ist unter diesem Präsidenten weder tatkräftige Hilfe noch klare Führung zu erwarten. Die einzelnen Staaten und die abgelegenen US-Außengebiete sind in der größten Katastrophe im öffentlichen Gesundheitswesen in der Geschichte der USA vorerst auf sich allein gestellt.

 Die Hoffnung auf den Staat, der die gemeinsame Gefahrenabwehr koordiniert und mit Blick aufs Gemeinwohl handelt, ist unter Trump vergebens. Im Kampf gegen einen unsichtbaren, in alle Bundesstaaten vordringenden Gegner ist die finanzielle und militärische Stärke der letzten verbleibenden Supermacht ohne Plan und Vernunft nicht viel nütze. Das Weiße Haus hat diese Herausforderung wochenlang unterschätzt - und dabei wertvolle Zeit verstreichen lassen, wie unter anderem das Beispiel Südkorea zeigt.

Das Coronavirus erreichte die asiatische Industrienation exakt am selben Tag wie die Vereinigten Staaten. Der jeweils erste Infektionsfall wurde am 20. Januar nachgewiesen und einen Tag später öffentlich bekannt. Doch die nachfolgende Ansteckungswelle verlief in beiden Staaten vollkommen unterschiedlich. In Südkorea ergriffen die Behörden rasch energische Maßnahmen und gingen schnell und entschieden gegen die Ausbreitung vor. Mittlerweile ist das Virus dort größtenteils unter Kontrolle. Die rund 50 Millionen Einwohner wurden seit Anfang Februar einem massiven Testprogramm unterzogen. Verdachtsfälle werden rigoros isoliert, alle Kontaktpersonen identifiziert und umgehend unter Quarantäne gestellt.

 In den USA dagegen beschränkte sich die Epidemieabwehr zunächst nur auf eine ebenso spektakuläre wie umstrittene Maßnahme. Anfang Februar verhängte Washington ein Einreiseverbot für Menschen aus den am schwersten betroffenen Regionen in China. "Wir haben es völlig unter Kontrolle", hatte US-Präsident Trump wenige Tage zuvor beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos erklärt. "Es wird alles gut werden."

Nach diesem Muster ging es im Weißen Haus noch wochenlang weiter. Trump leugnete, verharmloste und verdrehte die Fakten. Aber das Coronavirus ging nicht "einfach weg", wie er behauptete. Kein "Wunder" rettete das Land vor der schleichenden Ausbreitung des Erregers. Zum Zeitpunkt der Grenzschließungen - erst für Chinesen, später auch für Europäer - war Sars-CoV-2 schon längst im Land.

Wertvolle Zeit verstrich ungenutzt, mit offenen Augen liefen die USA in die Corona-Katastrophe. Ende März war nicht mehr zu leugnen, dass die Vereinigten Staaten sich zum globalen Epizentrum der Pandemie entwickelt hatten und bis heute sind. Was ist falsch gelaufen? In Stichworten: Kleinstaaterei, Bürokratiestau, eine folgenschwere Fehlentscheidung des Seuchenkontrollzentrums CDC - und, über allem, ein eklatanter Mangel an klarer politischer Führung auf Bundesebene. Trump selbst trägt eine nicht unerhebliche Mitschuld an der Entwicklung.

Geheimdienste und Experten hatten das Weiße Haus schon im Januar eindringlich vor den Gefahren des Virus gewarnt, blieben aber an entscheidender Stelle ungehört. Also trafen die 50 Bundesstaaten ohne Führung einen Flickenteppich an Entscheidungen. Zum Glück blieben sie nicht genauso untätig wie das Weiße Haus, so die einhellige Meinung mehrerer Experten, mit denen ntv.de gesprochen hat. "Es passiert eine Menge, obwohl der Präsident ein Komplettausfall ist", urteilte etwa Johannes Thimm von der Stiftung Wissenschaft und Politik Anfang April. Nur: Es geschieht zu spät.

Weil der erste Infizierte früh bekannt war, hatten die Vereinigten Staaten einen wochenlangen Vorsprung gegenüber den Europäern, nutzten ihn aber nicht. "Das ist zum großen Teil mangelnder Führung geschuldet, dass Trump die Situation nicht ernst genommen hat und die USA für unverwundbar gehalten hat", sagt Thimm. Andere Wissenschaftler äußerten sich gegenüber ntv.de ähnlich.

Seit der denkwürdigen Telefonkonferenz am 16. März hat sich die Lage in den USA dramatisch verschärft. Inzwischen sind rund 528.000 Infektionsfälle bekannt, die Zahl der Todesopfer liegt bei mehr als 20.500. Einer Studie zufolge muss die Dunkelziffer viel höher angesetzt werden. Alle 50 Bundesstaaten und vier US-Außengebiete kämpfen gegen lokale Ansteckungen. Nach Ansicht der Forscher könnten 94 Prozent der US-Bürger in Bezirken leben, in denen es zu bislang unentdeckten Übertragungen kommt. Die Szenarien für die kommenden Wochen sind düster. Selbst im besten Fall müssen sich die USA auf rund 100.000 Tote einstellen.

 Südkorea dagegen zählt bis heute weniger als 220 Tote. Die aus dem benachbarten China drohende Infektionswelle konnten die südkoreanischen Behörden beeindruckend rasch unter Kontrolle bringen. Kein Lockdown oder andere große Einschränkungen im öffentlichen Leben waren dafür nötig.

Am 18. März, als Trump sich erstmals einen Kriegszeitpräsidenten nannte und das neuartige Coronavirus den Feind, hatte er bereits allen Grund dazu. An diesem Tag war längst klar, dass die von dem Virus ausgelöste Atemwegserkrankung Covid-19 voraussichtlich mehr US-Amerikaner das Leben kosten wird als auf den Schlachtfeldern in Korea, Vietnam, Afghanistan und Irak zusammen.

Die ausbleibenden, im besten Fall unzureichenden Maßnahmen des Weißen Hauses versuchen Trump und sein Außenminister Mike Pompeo unter anderem mit Kritik an der Weltgesundheitsorganisation WHO zu verschleiern. Die WHO habe ihre Aufgabe nicht erfüllt, so Pompeo. Doch an jenem Tag, als die Organisation die Gefahrenstufe von Sars-CoV-2 auf die höchste Stufe anhob, nannte Trump das Virus eine Falschmeldung.

Südkorea hatte hingegen Erfolg, weil frühzeitig und entschlossen umfangreiche Maßnahmen in Kraft gesetzt wurden. Das Land hatte bereits im Jahr 2015 erlebt, wie verheerend zögerliche staatliche Reaktionen in Virus-Krisen wirken. Ein Geschäftsmann hatte damals den Mers-Erreger aus dem Nahen Osten mitgebracht. Als der Infektionsfall erkannt wurde, war der Erkrankte bereits an drei Orten des Landes behandelt worden und hatte so eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang gesetzt: 186 Menschen waren infiziert, 17.000 weitere Personen mussten in Quarantäne. Erst zwei Monaten und 36 Todesopfer später bekam Südkorea das Virus unter Kontrolle.

 Die Regierung in Seoul zog daraus wertvolle Schlüsse: Unter anderem sammelt der Staat inzwischen anonymisierte Handy-, Kreditkarten- und andere Daten, um damit Aufenthaltsorte von Infizierten zurückverfolgen zu können. Auf diese Weise können Kontaktpersonen schnell ermittelt und darüber informiert werden, dass sie dem Virus ausgesetzt waren und sich isolieren sollten.

Das ist jedoch längst nicht alles: Diesmal dauerte es nach dem ersten Infektionsfall im Land nur zweieinhalb Wochen, bis Südkorea einen eigenen Test entwickelt, geprüft und ab 7. Februar für den dezentralen Masseneinsatz freigegeben hatte. Dieses Vorgehen war entscheidend für effektive Abwehrmaßnahmen in der anstehenden Pandemie.

Auf der anderen Seite des Pazifiks vergeudeten die US-Behörden zugleich mehrere Wochen, weil die ersten Tests aus dem US-Seuchenkontrollzentrum CDC nicht zuverlässig funktionierten. In Washington wurde das tödliche Risiko dieses Fehlers nicht ernst genug genommen. Noch Mitte Februar drehten sich die Krisentreffen zu Sars-CoV-2 dort fast ausschließlich um das Thema Grenzschließungen, anstatt das grundlegende Testproblem zu beseitigen und das US-Gesundheitssystem auf die drohenden Belastungen vorzubereiten.

Obwohl die Bedeutung der Tests bekannt war, blieb ein folgenschwerer Flaschenhals an seinem Platz: Wochenlang durfte in den USA nur zentral vom CDC geprüft werden. Externen Labors war die Teilnahme untersagt, die leistungsfähige Pharmaindustrie war angehalten, keine eigenen Verfahren zu entwickeln. Diese fragwürdige Vorgabe fiel aufgrund Kompetenzgerangels erst am 29. Februar weg; die zentrale Überprüfung noch weitere zwei Wochen später. An diesem 13. März hatte Südkorea bereits weite Teile der Bevölkerung in den am schwersten betroffenen Regionen getestet. Zum Vergleich: Seoul konnte sich bis dahin bereits auf 5227 Tests pro Million Einwohner stützen. In den USA waren es 69.

 US-Experte Thimm ist überzeugt, dass Trumps Beratungsresistenz und nationaler Tunnelblick verhinderten, dass die USA aus internationalen Erfahrungen wie etwa vom Ansatz Südkoreas lernen konnten und entsprechend rechtzeitig handelten. Auch für Keith Jerome, Virologe an der Universität von Washington, waren es die so verlorenen Wochen, die zur derzeitigen Katastrophe geführt haben. "Als wir entschieden, dass alle Coronavirus-Tests von einer Instanz durchgeführt werden musste, haben wir unsere größte Stärke aufgegeben", zitiert ihn das US-Magazin "Technology Review".

Die unterschiedlichen Vorgehensweisen der beiden Länder sind in Daten deutlich zu erkennen. Am 12. April meldete das südkoreanische Seuchenkontrollzentrum nur noch 2930 aktuell Infizierte. Insgesamt verzeichnete das Land bis dahin lediglich 10.512 nachgewiesene Infektionsfälle. In den USA dagegen kommen derzeit pro Tag fast dreimal so viele neu entdeckte Ansteckungen hinzu. Die Gesamtzahl hat die Schwelle von 500.000 überschritten. Mehr als 20.000 Menschen sind in den USA nach einer Sars-CoV-2-Infektion bereits gestorben.

 Das bisherige Gesamturteil über die Krisenreaktion fällt eindeutig aus: Einer der Vorkämpfer gegen Ebola, Ron Klain, nannte das Verhalten der US-Regierung in der Corona-Krise bereits "ein Fiasko unglaublicher Ausmaße", das zukünftig "als Paradebeispiel für desaströses Scheitern staatlicher Bemühungen" betrachtet werden dürfte. Es gibt weitere Experten, die das ähnlich sehen. Voraussichtlich kein Land der Welt wird so von der Sars-CoV-2-Pandemie getroffen werden wie die USA. Sie wird in die Geschichte der Vereinigten Staaten eingehen als eines der großen nationalen Traumata: Pearl Harbor. Vietnam. Die 9/11-Anschläge. Und nun: Coronavirus.


Aus: ""Fiasko unglaublicher Ausmaße": Wie Trump die Virus-Krise anheizte" Roland Peters, Christoph Wolf und Martin Morcinek (Sonntag, 12. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Wie-Trump-die-Virus-Krise-anheizte-article21700448.html (https://www.n-tv.de/panorama/Wie-Trump-die-Virus-Krise-anheizte-article21700448.html)


"Der Kampf des Präsidenten gegen den populären Seuchenspezialisten" Frank Herrmann (13. April 2020)
Anthony Fauci ist oberster US-Virologe und die Stimme des Pragmatismus in der Pandemie – damit kommt Trump nur schwer zurecht ...
https://www.derstandard.at/story/2000116814749/der-kampf-des-praesidenten-gegen-den-populaeren-seuchenspezialisten
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 12, 2020, 10:40:53 PM
Quote
[...] Das Coronavirus erschüttert die USA so schwer wie kein anderes Land auf der Welt. Präsident Donald Trump zieht nun historische Konsequenzen.

Am Samstag hatten die USA mit 20.600 Todesfällen in Folge des Coronavirus den ersten Platz in dieser traurigen Statistik eingenommen. Schon bevor diese Zahlen verkündet wurden, griff Donald Trump in den USA zu einer drastischen Maßnahme.

Der Präsident der USA rief auch im Bundesstaat Wyoming den Notstand aus – ein historisches Ereignis. Denn es ist das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass ein Präsident in allen 50 Staaten gleichzeitig den Notstand ausruft.

Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich in den USA bisher mit dem Coronavirus infiziert. Experten vermuten allerdings, dass eine gewaltige Dunkelziffer hinzukommt, weil viele Menschen sich nicht zum Arzt trauen – aus Angst, sie müssten die Behandlungen bezahlen.

Denn während die Tests in den USA mittlerweile gratis sind, müssen die Menschen im Falle eines positiven Tests die Kosten zur weiteren Behandlung selbst tragen. Viele Amerikanerinnen und Amerikaner sind nicht krankenversichert und müssten je nach Art der Behandlung umgerechnet mehrere tausend Euro auf den Tisch legen.

Donald Trump muss sich im Kampf gegen das Coronavirus bisher heftige Kritik anhören. Zu Beginn des Ausbruchs hatte der Präsident der USA die Epidemie massiv unterschätzt. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge habe er bereits Ende Januar dramatische Prognosen von Experten ignoriert.

Auf seinen regelmäßigen Pressekonferenzen im Rahmen der Corona-Krise fiel Donald Trump wie so oft in den vergangenen Jahren dadurch auf, dass er Unwahrheiten unters Volk brachte. Der Präsident der USA spaltete sein Land mal wieder mehr, als dass er es vereinte.

Und dennoch genießt Donald Trump derzeit die besten Umfragewerte seit Beginn seiner Amtszeit. Wie in vielen anderen Ländern der Welt zeigt sich auch in den USA, dass ein Großteil der Bevölkerung sich in der Krise an die Figuren klammert, die aktuell Verantwortung tragen.


Aus: "Coronavirus: In den USA eskaliert die Lage! Trump mit drastischer Maßnahme – DAS hat es noch nie gegeben" David Herten (12.04.2020)
Quelle: https://www.derwesten.de/panorama/vermischtes/coronavirus-corona-usa-news-covid-19-donald-trump-id228894969.html (https://www.derwesten.de/panorama/vermischtes/coronavirus-corona-usa-news-covid-19-donald-trump-id228894969.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 12, 2020, 10:59:43 PM
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[...] Wenn es ernst wird, rü­cken die Por­tu­gie­sen zu­sam­men. Dann kann sich der so­zia­lis­ti­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent António Cos­ta so­gar auf die kon­ser­va­ti­ve Op­po­si­ti­on ver­las­sen. Er wün­sche ihm „Mut, Ner­ven aus Stahl und viel Glück. Denn Ihr Glück ist auch un­ser Glück“, sag­te der Vor­sit­zen­de der li­be­ral-kon­ser­va­ti­ve PSD-Par­tei Rui Rio im Par­la­ment in Lis­sa­bon. Der Op­po­si­ti­ons­füh­rer ver­sprach dem Re­gie­rungs­chef „vol­le Zu­sam­men­ar­beit“ im Kampf ge­gen die Co­ro­na-Pan­de­mie. Der spa­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Pe­dro Sánchez wirk­te nei­disch, als er im Ma­dri­der Par­la­ment Rui Ri­os „emo­tio­na­le Re­de“ als ein Vor­bild für sei­ne Op­po­si­ti­on er­wähn­te, die ihn im­mer schär­fer at­ta­ckiert.

Ef­fi­zi­ent und ge­eint setzt sich Por­tu­gal ge­gen das Co­ro­navi­rus zur Wehr. Im Ver­gleich zu an­de­ren Län­dern war die Re­gie­rung re­la­tiv früh ak­tiv ge­wor­den. Der Alarm­zu­stand wur­de schon aus­ge­ru­fen, als es nur hun­dert In­fi­zier­te und noch kei­nen To­ten gab. Zu­vor wa­ren schon Schu­len, Bars und Dis­ko­the­ken ge­schlos­sen und al­le Sport­ver­an­stal­tun­gen ab­ge­sagt wor­den. Die Lan­des­gren­zen zu Spa­ni­en wur­den ab­ge­rie­gelt. Dort re­gis­trier­te man am Sonntag zehn­mal so vie­le In­fi­zier­te wie in Por­tu­gal, wo die Zahl im Ver­gleich zum Vor­tag um gut zehn Pro­zent auf 16.585 nach­ge­wie­se­ne Fäl­le stieg. Bis­her star­ben 504 Men­schen in dem Land mit et­wa zehn Mil­lio­nen Ein­woh­nern an den Fol­gen des Co­ro­navi­rus. In Schweden, wo die Bevölkerung ähnlich groß ist, wurden am Osterwochenende fast 900 Tote registriert. Die Regierung in Stockholm hatte lange Zeit vor allem auf Appelle und Information gesetzt, weniger auf Verbote.

Am Sonntag ging für die Portugiesen ein karges Osterfest zu Ende. Die tra­di­tio­nel­len Fa­mi­li­en­be­su­che fie­len aus, denn die Aus­gangs­beschränkungen, die die Re­gie­rung am Frei­tag bis zum 1. Mai ver­län­ger­te, wur­de über die Fei­er­ta­ge noch ein­mal ver­schärft: Von Grün­don­ners­tag bis Mon­tag um null Uhr dür­fen die Por­tu­gie­sen ih­ren Wohn­ort und mög­lichst auch ih­re Woh­nung nicht mehr ver­las­sen. Der Flug­ver­kehr ruht weit­ge­hend, wie auch der in­län­di­sche Ver­kehr. „Wir müs­sen für den Rest des Aprils um zu­sätz­li­che An­stren­gun­gen bit­ten, um am En­de des Mo­nats das Blatt wen­den zu kön­nen“, sag­te Staats­prä­si­dent Re­be­lo de Sou­sa. Trotz des na­tio­na­len Not­stands, der mitt­ler­wei­le gilt, geht es in Por­tu­gal nicht so streng zu, wie ne­ben­an in Spa­ni­en. El­tern dür­fen mit ih­ren Kin­dern vor die Tü­re, die Parks sind ge­öff­net, Sport an der fri­schen Luft ist er­laubt. Re­stau­rants bie­ten Ge­rich­te zum Mit­neh­men an. Aber schon jetzt steht fest, dass der ge­wohn­te All­tag nur schritt­wei­se und lang­sam zu­rück­keh­ren wird. So wer­den die Schü­ler bis zur zehn­ten Klas­se nach den Os­ter­fe­ri­en vorerst nicht mehr in ih­re Klas­sen­zim­mer zu­rück­keh­ren. Sie wer­den das Schul­jahr vor dem Bild­schirm be­en­den, über den sie Fern­un­ter­richt er­hal­ten.

Por­tu­gal muss­te auch aus Sor­ge um sein Ge­sund­heits­sys­tem schnell han­deln. Bis­her rei­chen die Bet­ten für die mehr als tau­send Co­ro­na-Pa­ti­en­ten aus, die sta­tio­när be­han­delt wer­den müs­sen. Zu­dem ste­hen zwei Not­la­za­ret­te be­reit. Die un­ter dem Druck der in­ter­na­tio­na­len Ge­ber wäh­rend der gro­ßen Wirt­schafts­kri­se vor mehr als zehn Jah­ren be­schlos­se­nen Kür­zun­gen stürz­ten die öf­fent­li­che Ge­sund­heits­ver­sor­gung in ei­ne schwe­re Kri­se. Bis­her kon­zen­trier­te sich die Re­gie­rung stär­ker dar­auf, ih­re Schul­den zu til­gen. Das hat zur Fol­ge, dass heu­te Ärz­te, Pfle­ger und mo­der­ne Tech­nik feh­len.

Wie in Spa­ni­en weckt die Pan­de­mie trau­ma­ti­sche Er­in­ne­run­gen an die gro­ße Kri­se, die ge­ra­de erst über­wun­den ist. Die Zu­kunft wirk­te hoff­nungs­voll: Noch An­fang März hat­te sich für Por­tu­gal ein neu­er Be­su­cher­re­kord ab­ge­zeich­net. Im ver­gan­ge­nen Jahr ga­ben 27 Mil­lio­nen Aus­län­der dort mehr als 16 Mil­li­ar­den Eu­ro aus. Zu ei­nem gro­ßen Teil tru­gen sie zum Auf­schwung Por­tu­gals bei, das vor ei­nem Jahr­zehnt kurz vor dem Bank­rott ge­stan­den hat­te. In die­sem Jahr woll­te die Re­gie­rung ei­nen Haus­halts­über­schuss er­zie­len. Doch die aus­län­di­schen Gäs­te ha­ben flucht­ar­tig das Land ver­las­sen, auch die In­ves­to­ren hal­ten sich zu­rück. Mit ei­nem Hilfs­pa­ket im Wert von mehr als neun Mil­li­ar­den Eu­ro ver­sucht die Re­gie­rung, aus ei­ge­ner Kraft zu ret­ten, was zu ret­ten ist.


Aus: "Warum Portugal im Kampf gegen Corona so erfolgreich ist"  Hans-Christian Rößler, Madrid (12.04.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/warum-portugal-im-kampf-gegen-corona-so-erfolgreich-ist-16720652.html (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/warum-portugal-im-kampf-gegen-corona-so-erfolgreich-ist-16720652.html)

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Konsequenz ist durch nichts zu ersetzen

    Rüdiger Bruss (rbruss), 12.04.2020 - 21:28

Eine großartige Reaktion der Regierung unterstützt durch eine undogmatische Opposition die den Ernst der Lage erkannt hat. ...


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Schnelle Reaktion zahlt sich aus

    Oliver Tausend (olivertausend), 12.04.2020 - 21:04

Bei bis zu zwei Wochen Inkubationszeit, in der man bereits ansteckend ist, aber evtl. noch keine Symptome verspürt, zahlt es sich aus, schnell zu reagieren, vor allem wenn die Mittel knapp sind. Außerdem hat man in Portugal anscheinend die Exponentialfunktion verstanden, was hierzulande nicht selbstverständlich gewesen zu sein scheint.


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 12, 2020, 11:21:19 PM
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[...]  Am Wochenende geisterten sogar schon Putsch-Gerüchte durch Südamerika: Jair Bolsonaro sei nur noch eine Art Marionette, die Fäden ziehe mittlerweile das Militär. Das war falsch und völlig übertrieben. Doch der wahre Kern der Geschichte ist: Durch seine wirre Corona-Politik verliert Brasiliens Präsident Macht.

"Vergesst nicht, dass ich der Präsident bin", betonte er vergangene Woche an seine Gegner gerichtet. Doch selbst in der eigenen Regierung ist zuletzt ein Machtkampf ausgebrochen, bei dem der Präsident den Kürzeren gezogen hat.

Es ging um Gesundheitsminister Luiz Mandetta. Der hatte sich für Ausgangssperren und Schließungen von Geschäften eingesetzt - im deutlichen Widerspruch zu Bolsonaros Linie, die immer noch lautet "Brasilien darf nicht stillstehen". So der Titel einer Kampagne, die letztlich gerichtlich verboten wurde.

 Gesundheitsminister Mandetta hatte in den letzten Tagen immer deutlicher gegen Bolsonaro und dessen Querschüsse Stellung bezogen. "Wir mögen konstruktive Kritik. Aber wir haben große Probleme damit, wenn die Kritik nicht konstruktiv ist, sondern uns nur die Arbeit erschweren soll", sagte Mandetta. "Das muss ich wohl nicht erklären. Sie alle wissen, dass das zuletzt ständig passiert ist."

Bolsonaro reagierte darauf ganz offen mit der Ankündigung, Mandetta zu feuern. Einige Medien meldeten am Dienstagabend schon die Entlassung des Ministers - auch der Nachfolger war schon bekannt: Die Medien hatten entsprechende Hinweise aus dem Präsidentenpalast bekommen.

Doch letztlich konnte Bolsonaro sich nicht durchsetzen. Spät in der Nacht dann die Kehrtwende: Mandetta selbst bestätigte, dass er im Amt bleibt. "Heute wurde schon mein Schreibtisch ausgeräumt und saubergemacht", berichtete er. "Aber wir machen weiter. Denn indem wir weitermachen, können wir dem Feind entgegentreten. Und der hat einen Namen: Covid-19."

 Eine ungeahnte Allianz hatte sich hinter Mandetta gestellt. Fast jeder vierte Minister ist Armeeoffizier - und die Militär-Fraktion hatte sich offenbar hinter Mandetta versammelt. Zudem drohte der Kongress, Bolsonaros Hilfspakete abzulehnen, falls Mandetta gehen muss.

"Diese Streitereien werden vom Kabinett des Hasses ausgelöst, angeführt durch Berater des Präsidenten", sagte Parlamentspräsident Rodrigo Maia. "Eigentlich sind das ja gar keine Berater, sondern Kriminelle. Die werden es nicht schaffen, das Parlament zu beeinflussen. Die Gesellschaft begreift inzwischen, dass es viele falsche Informationen gibt, viele Lügen - und mehr noch: weitere Unverantwortlichkeit, die leider oft vom Präsidenten selbst kommt."

Das Ergebnis: Mandetta bleibt nun doch Gesundheitsminister. Eine empfindliche Niederlage für den Präsidenten, so deutlich ist er noch nie vorgeführt worden. Das Hin und Her in der Corona-Politik kostet Bolsonaro auch Sympathien bei der Bevölkerung. Doch das heißt nicht, dass er keinen Rückhalt mehr hat. Seine treuen Anhänger halten nach wie vor zu ihm und beten demonstrativ darum, dass ihnen ihr "Mythos", wie sie Bolsonaro nennen, erhalten bleibt.


Aus: "Bolsonaro verliert an Macht" (Stand: 08.04.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/brasilien-corona-bolsonaro-101.html (https://www.tagesschau.de/ausland/brasilien-corona-bolsonaro-101.html)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 13, 2020, 06:02:58 PM
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[...] Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ verfasst er derzeit ein Coronavirus-Tagebuch mit kurzen Beobachtungen aus dem Alltag und Überlegungen zur Krise.

C, Freund, Arzt, freiwillig im Einsatz auf der Corona-Intensivstation, schreibt: „Der Moment der Hypoxie, wenn kurz vor der Ohnmacht der Sauerstoff fehlt, ist ein Überlebenskampf voller Angst. Stell dir einen Fisch am Haken vor, der aus dem Meer gezogen wird. Stell dir die Angst vor, wenn alle vertrauten Gesichter fehlen. Fuck it, kein Mensch in diesem Raum kennt auch nur deinen Namen.“

– Die vierte Quarantäne-Woche. Survival mood, Durchhalten, zugleich Müdigkeit, die Tage verschwimmen. Spaziergang: Kirschblüten, Magnolien, Krokusse, der New Yorker Frühling war leuchtendes Glück. Leer ist die Stadt, ich fürchte (und hasse) einen Obdachlosen, der bettelnd nahe kommt. Grundstimmung: Trauer.

– In der plötzlich fernen deutschen Heimat hört das Geschimpfe auf die Berliner „Diktatur“ nicht auf, die Gegenrede aber auch nicht. Schwätzer und Salonkritiker verhöhnten „Menschen, die tatsächlich unter einer Diktatur leiden“, schreibt Rainer Esser, „Zeit“-Geschäftsführer, auf Facebook. Ich finde eher, das snobistische Geplapper verhöhnt Ärztinnen, Pfleger, Kranke, Angehörige. Wer Rechthaben mit Twitter-„Likes“ sowie solidarische Disziplin in einer Demokratie mit Konformismus in Diktaturen verwechselt, hält sich selbst natürlich für den allein Mutigen unter 83 Millionen Feiglingen.

 – Corona-Sprache ist schief, aber wir alle verstehen sie: „Kurven abflachen“, „soziale Distanz“. Corona Porn ist Dramasucht: nach Massengräbern in New York; Krankenschwestern, die sich mit Mülltüte und Skimaske schützen; dem Mann, der zu seiner Frau und dem Neugeborenen will und deshalb sagt, dass er negativ getestet sei – nicht nur seine Frau ist danach krank.

– Oft hieß es, wir lebten in einer Übergangszeit, ist dies der Schritt durch die Tür? Wird das Leben im Westen von hier an so wackelig, wie es in anderen Gegenden lange schon war? In New York zu sein und zugleich New York zu vermissen, ist eines der verblüffendsten Gefühle, die ich je gefühlt habe.

– Lagerkoller. Deshalb Radfahren am Hudson. Vorher berechnen wir: Wie viel Abstand ist nötig, da Tröpfchen von Rad zu Rad weiter fliegen? Zehn Meter. Werden wir paranoid oder professionell? Atemnot nach 25 Blocks: Ich hasse auch meine Schutzmaske (von einer Freundin in Peking in die USA geschickt).

– Die Tochter Cora, Psychologin in München, berichtet von schwer Depressiven, die nach fünf Klinikjahren ohne Gespräch entlassen werden, da die Station gebraucht wird. Die Krise als Menschenexperiment: Was werden wir über Suizide erfahren? Über häusliche Gewalt?

– Die Weltgemeinschaft löst Probleme nicht gemeinsam, kann sich nicht verständigen. „Bestätigte Fälle“ meinen in China etwas anderes, da Menschen, die zwar positiv getestet waren, aber keine Symptome hatten, in Wuhan nicht mitgezählt wurden. Singapur soll Todesfälle mit anderen Ursachen versehen, um die Statistik erträglich zu halten. Die deutsche Todesrate ist niedrig, die Welt staunt. In Deutschland werden Menschen außerhalb von Krankenhäusern post mortem nicht auf das Virus getestet.

– C. schreibt: „Meine Mutter sagt, sie sei bereit zu sterben, genug sei genug. Wir drei Söhne können den Gedanken nicht ertragen, dass sie krank wird und allein im Krankenhaus stirbt. Unmöglich für mich, sie zu sehen, da ich täglich das Virus tragen könnte. Ich schrubbe meine Hände, mein Gesicht, alles und dann von vorn. Dann wieder bin ich so erschöpft, dass alles egal ist.“


Aus: "Corona-Tagebuch, New York (4) Durchhalten, Kirschblüten, Grundstimmung Trauer" Klaus Brinkbäumer (13.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/corona-tagebuch-new-york-4-durchhalten-kirschblueten-grundstimmung-trauer/25737144.html (https://www.tagesspiegel.de/kultur/corona-tagebuch-new-york-4-durchhalten-kirschblueten-grundstimmung-trauer/25737144.html)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 13, 2020, 06:23:19 PM
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[...] Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Die chinesische Regierung versucht mit großem Einsatz, ihre Rolle im Verlauf der Corona-Pandemie neu zu erzählen. Wir sollen vergessen, dass die anfänglichen Vertuschungsversuche des Covid-19-Ausbruchs durch China maßgeblich dazu beigetragen haben, dass sich dieser Virus zu einer Jahrhundertseuche entwickeln und über die ganze Welt verbreiten konnte. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums beschuldigte unterdessen gar die USA, das Virus nach China eingeschleppt zu haben. Die Führung in Beijing posiert nun in der Rolle des Retters, der die ganze Welt mit Schutzmasken beschenkt, medizinische Ausrüstung und gar Personal zur Verfügung stellt. Die demokratischen Staaten des Westens dagegen werden als egozentrisch, inkompetent und verlogen dargestellt. Die überdeutliche Message der chinesischen Regierung lautet: Die Welt schuldet dem unschuldigen und heroisch handelndem Land Dank; die Welt kann sich auf China – und nur auf China – verlassen.

[...] Im Jahr 2003 hat China auf den damaligen Sars-Ausbruch zunächst ähnlich wie nun auf die beginnende Covid-19-Epidemie mit Zensur und Vertuschung reagiert und damit bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Warum ist die staatliche Reaktion dann auf so erschreckende Weise gleich ausgefallen? Sprechverbote für Whistleblower, Medienzensur, eine festliche Fassade für die chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten, keine Transparenz gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO, Ablehnung von Hilfsangeboten der internationalen Gemeinschaft – in Europa hat dieses Verhalten viele verwirrt, weil sie davon ausgegangen sind, dass China die Lektionen der Sars-Epidemie gelernt haben musste. Was die Europäer nicht verstanden haben, ist, dass es der Kommunistischen Partei Chinas keineswegs an Seuchenpräventionswissen mangelt. Etwas anderes ist bedeutsamer: Die chinesische Führung hat die Epidemie von Beginn an vor allem unter dem Aspekt betrachtet, dass sie ihre Alleinherrschaft gefährden könnte.

Auch wenn ein Virus kein herkömmlicher politischer Gegner ist: Ein autoritäres Regime, das glaubt, sich im Krieg zu befinden, will nicht, dass seine angenommenen oder tatsächlichen Gegenspieler – seien es Dissidenten daheim oder westliche Demokratien – ein Zeichen der Schwäche an ihm entdecken. Um die Fassade der Stabilität aufrechtzuerhalten, ist ein Regime wie das in Beijing bereit, die Leben seiner Bürgerinnen und Bürger und sogar der eigenen Befehlsempfänger in den von einer Epidemie betroffenen Gebieten zu opfern, wie das in der Provinz Hubei geschehen ist. Auf gar keinen Fall zum Beispiel würde die Partei amerikanischen Freiwilligen erlauben, das Zentrum des Ausbruchs in Wuhan zu sehen, und sie würde auch WHO-Mitarbeitern keine Tour genehmigen, bevor nicht alles aufgeräumt ist und wieder so aussieht, als sei nie etwas geschehen.

Nur einzelne chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich diesmal anders verhalten, als das bislang üblich war. Sie haben die Ergebnisse ihrer virologischen Forschung in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht und ihre Kolleginnen und Kollegen im Ausland so schnell wie möglich informiert. Aber die Welt offen über freie Medien warnen: Das konnten sie nicht oder wagten es nicht. 

Die Welt hätte vermutlich ohnedies nicht auf sie gehört. Denn haben andererseits nicht viele mutige chinesische Journalistinnen und Journalisten bereits im Laufe des Februars enthüllt, was für Zustände im Zentrum der Epidemie in Hubei herrschten? Dennoch lobte die WHO weiter die Krankheitsbekämpfungsmaßnahmen der chinesischen Regierung und beglaubigte deren Daten, die schon da kein vernunftbegabter Mensch für bare Münze nehmen konnte. Die Nachrichten aus China wurden in vielen Teilen der Welt anfangs weitgehend ignoriert, insbesondere in den USA. Bis das Virus alle Staatsgrenzen überwunden hatte.

[...] Wie üblich führt China den Kampf um die öffentliche Meinung mit doppeltem Gesicht. Das eine, freundlich bis bestimmte, ist für den Austausch von Regierung zu Regierung gedacht; das andere zeigt die Führung in den sozialen und traditionellen Medien unter Regierungseinfluss. Zahllose Artikel berichteten dort über die medizinischen Einsatzkommandos aus der Provinz Zhejiang, die in den völlig überlasteten Krankenhäusern der Lombardei aushalfen. Das war eine wahre Geschichte. Weit verbreitet wurde auch ein Video von Italienern, die "Grazie, Cina!" riefen und die chinesische Nationalhymne sangen. Das war ein Fake. Andere Artikel verhießen, China habe Italien tonnenweise medizinische Hilfsgüter gespendet. Falsch, Italien hat dafür bezahlt.

Es ist schwer, etwas gegen die Abertausenden von Twitter-Bots zu tun, die Beijing mit Covid-19-Propaganda offenbar auf Italien losgelassen hat. Noch schwerer ist es, dem chinesischen Dauerbombardement mit Fake-News über den Westen etwas entgegenzusetzen. Sie sollen das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Und die Propaganda funktioniert.

Nun wird Dank erwartet: Sechs chinesische Ärzte helfen in Belgrad aus, und nun hat Serbien seine Hauptstadt in rotes Licht tauchen lassen und den Slogan "Danke, Bruder Xi" plakatiert.

Undank (oder was als solcher empfunden wird) hingegen wird bestraft: Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa erklärte in einem Meinungsbeitrag für El País das Offenkundige, nämlich dass die Pandemie in China entstanden sei. Die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus hätte verhindert werden können, wenn in China Meinungsfreiheit herrschen würde. Die chinesische Botschaft in Lima kritisierte ihn daraufhin scharf für seine "verantwortungslose Äußerung", und Vargas Llosas Werke verschwanden aus allen chinesischen Onlineshops.

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Aus: "Dieses Schlachtfeld hat keine Grenzen" (13. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-04/china-hilfe-coronavirus-pandemie-strategie-uneingeschraenkter-krieg (https://www.zeit.de/kultur/2020-04/china-hilfe-coronavirus-pandemie-strategie-uneingeschraenkter-krieg)

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TobyR #14

"Die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus hätte verhindert werden können, wenn in China Meinungsfreiheit herrschen würde."

Unwahrscheinlich.

Im Grunde genommen macht man doch der chinesischen Regierung gerade zum Vorwurf, dass sie ihr rigoroses und autoritäres Vorgehen zu spät eingesetzt hat. Denn was hätte das Übergreifen auf andere Länder verhindern können? Abriegelung von Wuhan schon im Dezember. Lockdown für das ganze Land sogleich. Ausreiseverbot für alle eigenen Staatsbürger. So etwas in der Art, nicht wahr?

Kann man sich eine liberale Demokratie vorstellen, die so gehandelt hätte? Die sich aufgrund einer öffentlichen Diskussion und einigen Expertenmeinungen bei zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise winzigen Fallzahlen schweren wirtschaftlichen Schaden zugefügt und massiv die Rechte der eigenen Bürger beschnitten hätte? Und das, um in der Hauptsache andere Länder, mit denen sie nicht gerade auf gutem Fuß steht, vor Schaden zu bewahren?

Ich nicht. Man muss sich nur die Reaktionen der westlichen Länder anschauen, um zu sehen, dass das so ist. In Deutschland z.B. wird ja jetzt noch darüber diskutiert, ob man das nicht alles sein lassen könne. Welcher Politiker hätte denn unser Land halb lahmgelegt und abgeriegelt, als es hier ~200 Fälle gab?

Nichts davon ist notabene eine Parteinahme für das sino-faschistische Regime. Nicht für seine Propaganda, nicht für die Brutalität seiner Maßnahmen. Aber die Erzählung "das hätte alles verhindert werden können, wenn nur der Chinese nicht..." führt in die Irre.


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IWNN #19

Eine abenteuerliche These: "Die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus hätte verhindert werden können, wenn in China Meinungsfreiheit herrschen würde."
Wie ist das nun in Deutschland, USA, Italien ... Hat sich der Virus bei uns und dort etwa kontrolliert ausgebreitet?


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Peter.Pippi #34

Klingt ja fast wie bei Donald Trump: The China-Virus oder Wuhan-Virus.
Das ist letztlich nur Rassismus.
Denn das Virus könnte aus jedem anderen Land kommen, wo Massentierhaltung und Naturzerstörung zu Hause sind. Also auch in Deutschland.

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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 13, 2020, 06:45:27 PM
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[...] Wilhelm Heitmeyer, 74, ist einer der bedeutendsten deutschen Soziologen. Er war Gründungsdirektor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld von 1996 bis 2013. Unter seiner Federführung entstand die Reihe "Deutsche Zustände", die von 2002 bis 2011 jährlich den Stand der Diskriminierung gegenüber Juden, Muslimen, Nichtweißen, Homosexuellen, Obdachlosen und anderen Gruppen untersuchte. Heitmeyer entwickelte den Begriff der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und gab der Öffentlichkeit damit ein wichtiges Erkenntnisinstrument in die Hand. Er arbeitet heute als Forschungsprofessor. Sein aktuelles Buch ist "Autoritäre Versuchungen". Im Herbst erscheint "Rechte Bedrohungsallianzen" bei Suhrkamp.

ZEIT ONLINE: Herr Heitmeyer, wie geht es Ihnen?

Wilhelm Heitmeyer: Ich bin zu Hause. Im Institut sind alle im Homeoffice. Mensen, Cafeteria und so weiter, das ist alles weitgehend dicht. Man kann bestenfalls seine Post abholen, und das war's.

ZEIT ONLINE: Sie wirken recht unbeeindruckt.

Heitmeyer: Naja, das sieht nur so aus. Außerdem bin ich privilegiert. Wir wohnen in einem Randbezirk von Bielefeld in einem Haus mit einem großen Garten in einem Waldgrundstück. Da kann man es schon aushalten.

ZEIT ONLINE: Dabei heißt es immer, diese Krise sei eine, die alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft.

Heitmeyer: Ja und nein. Eine Krise im soziologischen Sinne zeichnet sich dadurch aus, dass erstens die normalen Routinen nicht mehr funktionieren und zweitens die Zustände vor dem Eintritt der Ereignisse nicht wieder herstellbar sind. Ein solches Ereignis erzeugt massive Kontrollverluste.

ZEIT ONLINE: Was auf Corona zweifellos zutrifft.

Heitmeyer: Ja. Corona ist sogar eine besondere Krise, sie macht nicht Halt vor sozialen Klassen. Es gab vor Corona auch schon 9/11, Hartz IV, die Finanzkrise, die Ankunft der Geflüchteten, die aber jeweils für ganz unterschiedliche Milieus verunsichernd wirkten und in ihren Auswirkungen zeitlich begrenzt waren. Und doch gibt es auch in der Bewältigung dieser Pandemie schon jetzt massive Klassenunterschiede. Wir in unserem Haus am Wald erleben eine völlig andere Realität als eine Familie, die zum Beispiel in Berlin-Marzahn oder in Köln-Chorweiler mit drei Kindern in beengten Verhältnissen wohnt. Die soziale Ungleichheit wirkt sich massiv aus, ja, soziale Ungleichheit zerstört Gesellschaften.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der Nach-Corona-Zeit?

Heitmeyer: Corona ist ein Beschleuniger von sozialer Ungleichheit. Da sind einerseits die psychischen Beschädigungen, die das Virus hinterlässt und die erst nach der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen sichtbar sein werden. Und es sieht so aus, als würde eine tiefreichende wirtschaftliche Rezession mit weitreichender Arbeitslosigkeit auf uns zukommen. Die Folgen dürften soziale Desintegrationen und Statusverluste sein, also weitere Kontrollverluste.

ZEIT ONLINE: Auf welche Reaktionen der Menschen müssen wir uns einstellen?

Heitmeyer: Über die gegenwärtigen Verarbeitungsformen wissen wir noch zu wenig. Aus bisheriger Forschung kennen wir einige Formen. Im Negativen sind Vertrauensentzug gegenüber der Politik oder die Einforderung von Etabliertenvorrechten möglich, nach dem Motto: Wir zuerst! Dann ist es nicht weit bis zum "Deutsche zuerst". Herr Höcke von der AfD hat ja schon vor längerer Zeit von großen Remigrationsprojekten gesprochen, die mit "wohltemperierter Grausamkeit" vorangetrieben werden sollen. Denkbar ist auch die Immunisierung nach der Art eines "Weiter so", ohne dass man sich um die sozialen Folgen kümmert. Und es gibt natürlich quer über die Milieus Schuldverschiebungen, wie sie in Verschwörungstheorien erzählt werden.

ZEIT ONLINE: Kommt jetzt deren große Zeit?

Heitmeyer: Es gibt jedenfalls einen Zusammenhang zwischen Kontrollverlust und der Anfälligkeit für Verschwörungstheorien. Und da die Kontrollverluste dieser Tage nun wirklich breit gestreut sind, dürften sie größere Reichweite bekommen. Die Frage ist: Welchen sichtbaren Gruppen schiebt man die Schuld zu, wo der Virus doch unsichtbar ist? Man muss abwarten, welche Fantasien jetzt in Gang gesetzt werden. Im rechtsextremen Milieu ist schon einiges unterwegs.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch ermutigende Prozesse? Was ist mit den vielen Menschen, die gerade zum Beispiel Älteren helfen?

Heitmeyer: Auch das gehört zu den möglichen Verarbeitungsformen. Es ist ja jetzt auch eine spannende Frage, ob und wie sich möglicherweise eine neue gesellschaftliche Solidarität entwickelt – oder eben auch nicht.

ZEIT ONLINE: Was prognostizieren Sie?

Heitmeyer: Ich rate zur Nüchternheit. Man kann diese Solidaritäten, die jetzt häufig in beruflichen Leerlaufzeiten stattfinden, nicht einfach dauerhaft fortschreiben. Zumal, wenn die Zeit der Menschen bald wieder vollgefüllt sein wird mit Büroarbeit und anderen Tätigkeiten. Man hört und liest da zurzeit viel Gesellschaftsromantik, die schnell in große Enttäuschungen mit schlimmen Folgen einmünden kann. Ich erinnere an die anfängliche Euphorie zu Zeiten der Flüchtlingsbewegung im Herbst 2015 und das, was danach geschah. Die harten Fragen lauten: Werden sich ökonomische Strukturen ändern oder werden die bisherigen sich weiter verhärten? Und natürlich: Werden die aktuellen Einschränkungen unserer Freiheit vollständig wieder verschwinden oder werden neue Kontrollregime auf Dauer eingerichtet, nur mit anderer Begründung?

ZEIT ONLINE: In Europa zeichnet sich als Folge der Corona-Krise eine Stärkung des Nationalen ab.

Heitmeyer: Das konnte man schon länger vor Corona sehen. Da reicht ein Blick auf die politische Landkarte. Die Kraft dieses neuen Nationalismus zeigt sich auch daran, dass die EU-Staaten unabhängig voneinander ihre Grenzen geschlossen haben. So eine Dynamik kommt zweifelhaften Vorreitern wie Orbán in Ungarn sehr gelegen. Er nutzt das jetzt zu einer fast uneingeschränkten Ausdehnung seiner Macht zur autoritären Kontrolle der Gesellschaft. Die EU finanziert eine formaldemokratisch verbrämte Diktatur in Europa.

ZEIT ONLINE: Geht die Zeit der offenen Grenzen in Europa zu Ende?

Heitmeyer: Natürlich ist es ein Hoffnungsschimmer, dass diese Nationalismen auch durchbrochen werden, etwa wenn Corona-Patienten in andere Länder verlegt werden, um dort in Krankenhäusern gepflegt werden zu können. Aber dies sind keine systemischen Entscheidungen, sondern humanitäre Gesten. Ich bin insgesamt nicht optimistisch. Nicht nur zwischen Ost- und Westeuropa hat sich eine ungute Zweiteilung in den Vorstellungen von offener Gesellschaft und liberaler Demokratie entwickelt.

ZEIT ONLINE: Weil in Osteuropa ein autoritäres, nationalistisches Moment weiter verbreitet ist?

Heitmeyer: Ja. Es ist zu befürchten, dass sich dieser autoritäre Nationalradikalismus – Rechtspopulismus ist völlig ein irreführender Begriff – in den Ländern des Ostens weiter verfestigt. Bevor man darüber hinweg geht, sollte man bedenken, dass Orbán auch ein Vorbild für die deutsche Version dieses autoritär-nationalen Radikalismus ist, also die AfD.

ZEIT ONLINE: Rechtsextremismus und Rassismus sind mit Corona wahrscheinlich aus dem Fokus vieler Menschen verschwunden. Glauben Sie, diese Aufmerksamkeit, wie wir sie nach Halle und Hanau erlebten, kommt noch mal wieder?

Heitmeyer: Das ist alles nur zeitweise überdeckt. Die Rechten leiden am Aufmerksamkeitsverlust. Aber die Ursachen sind ja nicht verschwunden. Natürlich hängt es auch an den Medien und daran, ob sie die anderen Dramen in der Gesellschaft vergessen.

ZEIT ONLINE: Aber im Augenblick hat man den Eindruck, dass die deutschen Rechtsradikalen sich weitgehend zurückhalten.

Heitmeyer: Die AfD ist zur Zeit gelähmt von der Beobachtung durch den Verfassungsschutz und ihren inneren Konflikten. Außerdem hat in Krisen immer die Regierung die Deutungsmacht. Dagegen kann die AfD selbst mit Tabubrüchen nichts ausrichten. Zumal das wahrscheinlich in der heutigen Situation auch nicht gut ankommen würde.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet die Selbstauflösung des rechtsextremen Flügels?

Heitmeyer: Es wäre völlig falsch, davon irgendeine Art von Politikveränderung in der AfD zu erwarten. Nach meiner Einschätzung wird der Flügel daraus gestärkt hervorgehen und zugleich weniger greifbar sein.

ZEIT ONLINE: Erleben wir also gerade nur eine Ruhepause vor dem Rechtsradikalismus?

Heitmeyer: Nur wenn man sich allein auf die AfD bezieht. Wir haben es aber im rechten Spektrum mit einem Eskalationskontinuum zu tun. Die abwertenden Einstellungsmuster in der Bevölkerung gegenüber schwachen Gruppen sind ja nicht mit der Corona-Krise einfach weg.

ZEIT ONLINE: Würden Sie das genauer erklären?

Heitmeyer: Es gibt ein rechtes Eskalationskontinuum, das aus fünf Elementen besteht. Es beginnt mit der Abwertung und Diskriminierung von Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit – also Juden, Muslime, Homosexuelle, Obdachlose, Flüchtlinge. Diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung schafft Legitimation für die AfD, die das politisch in Parolen verdichtet und auf die Tagesordnung hebt. Die AfD schafft ihrerseits wiederum Legitimationen für rechtsextreme Milieus, indem sie Begriffe wie "Umvolkung" oder "der große Austausch" in die Welt setzt und mit Untergangsfantasien operiert. Diese systemfeindlichen Milieus operieren zum Teil schon mit Gewalt und geben wieder Legitimationen an militante Zellen, die konspirativ operieren – Gruppen wie "Revolution Chemnitz" oder "Freital 360". Die Gruppen werden immer kleiner und immer gewalttätiger, bis hin zu rechtsterroristischen Zellen oder Einzeltätern.

ZEIT ONLINE: Es gibt also eine Linie von der AfD zum Attentäter von Hanau?

Heitmeyer: Es ist viel problematischer durch dieses Eskalationskontinuum. Daraus entstehen – so nennen wir das – rechte Bedrohungsallianzen. Wenn man die Gefahren für die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie ansatzweise in den Griff bekommen will, muss man das ganze Kontinuum im Blick haben und darf sich nicht nur auf die AfD konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Legitimieren eigentlich auch Bürgerliche die Rechten, wenn sie von "Ökodiktatur" und Ähnlichem sprechen?

Heitmeyer: Ja, diese Leute gibt es zuhauf. Dabei gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Politiker diese Begriffe durch Übernahme entschärfen können. Im Gegenteil, das dient nur der Normalisierung in der breiten Bevölkerung. Und solche Normalisierungsprozesse sind gefährlich, denn alles, was als normal gilt, kann man nicht mehr problematisieren. Das ist genau die Taktik der AfD, an der ja auch Markus Söder bei seiner letzten Landtagswahl so grandios gescheitert ist, als er versuchte, die AfD rechts zu überholen.

ZEIT ONLINE: Aber warum machen es dann Politiker immer wieder?

Heitmeyer: Sie zielen auf die rohe Bürgerlichkeit in den Mittelschichten. Hinter einer glatten Fassade und geschliffenen Worten verbirgt sich bei manchen ein Jargon der tiefen Verachtung gegenüber schwachen Gruppen. Da verschwimmen auch Grenzlinien zwischen Parteien um der geschichtsvergessenen Macht willen, wie in Thüringen. Die AfD ist auf die Destabilisierung gesellschaftlicher Institutionen ausgerichtet. Sie will ihre Leute in der Polizei, in der Bundeswehr, in der Kultur, in der politischen Bildung, in Gewerkschaften platzieren. Das sie in Thüringen so schnell die Systemebene bei der Wahl des Ministerpräsidenten erreichte, hätte ich vor zwei Jahren nicht für möglich gehalten.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie von den Gründen für politische Radikalisierung sprechen, nennen Sie oft Anerkennungsverluste. Jetzt erleben wir, dass jeden Tag Menschen applaudiert wird, die bisher eine marginale Rolle gespielt haben.

Heitmeyer: Das ist in der Tat neu. Und der Respekt für diese Menschen ist natürlich verdient. Ich glaube aber, dass er mehr mit Angstreduktion der Klatschenden zu tun hat. Und er wird nicht flächendeckend die Anerkennungsverluste aufwiegen, die insbesondere in Ostdeutschland um sich gegriffen haben. Viele Menschen fühlen sich seit Jahrzehnten von der Politik nicht mehr wahrgenommen. Dieses Gefühl reicht tiefer. Und Geld und Applaus werden das kurzfristig nicht beheben.

ZEIT ONLINE: Ist es undenkbar, dass Corona einen ökonomischen und politischen Paradigmenwechsel auslösen wird, der die Rechtsradikalen schwächt?

Heitmeyer: Wer sollte denn der Treiber eines solchen Paradigmenwechsels sein? Aktionäre? Manager?

ZEIT ONLINE: Eine gesellschaftliche Mehrheit. Warum soll es nicht mehr Anerkennung und Zusammenhalt zwischen den sozialen Gruppen geben? Kontrollgewinne!

Heitmeyer: Das wäre wünschenswert, aber mindestens zwei Punkte sprechen dagegen. Erstens hat der globale, anonymisierte Finanzkapitalismus absolut kein Interesse an gesellschaftlicher Integration und damit an sozialen Anerkennungsprozessen. Solange sich da grundsätzlich nichts ändert, sehe ich auch keine sozialen Veränderungen kommen. Nach der Krise wird es doch eher ein brutales Aufholrennen für die verpassten Renditen geben. Dann dürften sehr schnell wieder umstandslos die Kriterien von Verwertbarkeit, Nützlichkeit und Effizienz gelten – nicht nur bei der Herstellung von Waschmaschinen, sondern auch in der Bewertung von Menschen.

ZEIT ONLINE: Aber sogar in Davos wird doch inzwischen gesagt, man muss wieder die Mittelschichten stärken, weil der Rechtsradikalismus auch den Finanzkapitalismus bedroht.

Heitmeyer: Das sind Absichtserklärungen auf Kongressen, aber ich sehe bisher keine Strukturveränderungen. Der zweite Punkt ist: Die Anerkennungsprozesse, die jetzt den Krankenschwestern und den Pflegern entgegengebracht werden, sind wunderbar. Sie sind bewundernswert und beruhigend. Aber erst das Langfristige ist strukturbildend. Und ich bezweifle, dass das lange anhalten wird. Wenn die Krise vorbei ist und Milliarden für die Stabilisierung der Wirtschaft ausgegeben sind, wird sich die Frage stellen, woher dann noch das Geld für die finanzielle Anerkennung der gerade gefeierten Helden und Heldinnen kommen soll. Ich bin sehr skeptisch. Aber ich hoffe die Skepsis irgendwann mal zu den Akten legen zu können.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Heitmeyer: Ich habe immer wieder erlebt, dass politische und ministerielle Institutionen kein Gedächtnis haben. Wie wenig und langsam sie lernen. Wie schnell hat man zum Beispiel die ganzen Bekundungen nach den Morden des NSU vergessen? Das ist ritualisiert worden und hat doch kaum Konsequenzen gehabt. Und man kann eine ganze Reihe von anderen Beispielen nennen. Ich würde mir wünschen, dass das anders würde, denn gerade von dieser sozialen Anerkennungsfrage, die Sie erwähnten, hängt unglaublich vieles ab für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Und ob sich autoritäre Versuchungen ausbreiten, die den Menschen die Wiederherstellung von Kontrolle durch Ausgrenzung der "anderen" versprechen. In der Krise wächst das Autoritäre.

ZEIT ONLINE: Institutionen bestehen aus Menschen.

Heitmeyer: Natürlich, aber auch aus Regeln und Mechanismen. Die politischen und staatlichen Institutionen haben ja ein Eigenleben, das vor allem auf Bestandserhaltung ausgerichtet ist. Da ist ja nicht nur der Politiker, der sagt, dass die Krankenschwestern ab jetzt viel mehr Geld haben müssen. Vieles, was jetzt von den führenden Personen als Lehre aus der Krise genannt wird, wird von den Mechanismen der Institutionen zermahlen werden.

ZEIT ONLINE: Täuscht das, oder wirken Sie immer noch ziemlich unbeeindruckt von der Krise?

Heitmeyer: Ich bin überhaupt nicht unbeeindruckt. Aber ich sehe den großen Paradigmenwechsel nicht. Ich fürchte, diese schwärmerische Gesellschaftsromantik dürfte an den verhärteten Strukturen des Finanzkapitalismus und dem Kontrollzuwachs der politischen Institutionen zerschellen.


Aus: "Wilhelm Heitmeyer: "In der Krise wächst das Autoritäre""  Interview: Christian Bangel (13. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-04/wilhelm-heitmeyer-coronavirus-verschwoerungstheorien-finanzmarkt-rechtsradikalismus/komplettansicht (https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-04/wilhelm-heitmeyer-coronavirus-verschwoerungstheorien-finanzmarkt-rechtsradikalismus/komplettansicht)

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TobyR #3

Eine pessimistische, aber vermutlich zutreffende Analyse. Schade, dass soviel Zeit auf die Schlange des liberal-intellektuellen deutschen Kaninchens verwendet wurde und weniger auf das Eingemachte:

"Erstens hat der globale, anonymisierte Finanzkapitalismus absolut kein Interesse an gesellschaftlicher Integration und damit an sozialen Anerkennungsprozessen. Solange sich da grundsätzlich nichts ändert, sehe ich auch keine sozialen Veränderungen kommen."

Das genannte Zweitens folgt eigentlich nur aus dem Erstens. Für Verkäuferinnen, Krankenpfleger, Lieferfahrerinnen, Erntehelfer... überhaupt für jeden wird die Anerkennung schnell verschwinden, wenn die Nutznießer des o.g. genannten Systems wieder Morgenluft wittern und ihre maßlosen Luxusexistenzen ungebrochen weiterführen wollen. Ohne in ihrer gewaltigen Mehrheit auch nur das Maß an Selbstreflektion zu besitzen, dass aus einer solchen Aussage spricht:

"Außerdem bin ich privilegiert. Wir wohnen in einem Randbezirk von Bielefeld in einem Haus mit einem großen Garten in einem Waldgrundstück. Da kann man es schon aushalten."


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Koga jebe #11

Klasse Interview. Danke

„Ich fürchte, diese schwärmerische Gesellschaftsromantik dürfte an den verhärteten Strukturen des Finanzkapitalismus und dem Kontrollzuwachs der politischen Institutionen zerschellen.“

Damit ist alles gesagt. Der Wirtschaft ist es auch egal, dass sie indirekt Orbán stärkt.


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rjmaris #11.4

Und, dazu passend: "Wie schnell hat man zum Beispiel die ganzen Bekundungen nach den Morden des NSU vergessen? Das ist ritualisiert worden und hat doch kaum Konsequenzen gehabt."

Stichwort Sonntagsreden, die keinen Taten folgen. Der relative Pessimismus Heitmeyers begründet sich wohl auch im Nachfolgenden:

"Die politischen und staatlichen Institutionen haben ja ein Eigenleben, das vor allem auf Bestandserhaltung ausgerichtet ist. Da ist ja nicht nur der Politiker, der sagt, dass die Krankenschwestern ab jetzt viel mehr Geld haben müssen. Vieles, was jetzt von den führenden Personen als Lehre aus der Krise genannt wird, wird von den Mechanismen der Institutionen zermahlen werden."

Ich bin - was gesellschaftliche Entwicklungen angeht - eigentlich seit langem Pessimist; habe aber in der Coronakrise etwas Hoffnung auf Änderungen geschöpft. Die Hoffnung scheint aber (gemäß Heitmeyer) kaum begründbar.


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Last but not least #12

Die Krise entblößt mehr als je wer die Gewinner und wer die Verlierer sind: Alt gegen Jung, Krank oder Gesund, Home Office gegen Muss-zur-Arbeit, Beamte versus Selbständige. Viele fühlen die Krise als Existenzbedrohend und viele andere merken es kaum. All das wird die Zersplitterung der Gesellschaft vorantreiben.


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Horror-Clown #19

ZEIT ONLINE: Dabei heißt es immer, diese Krise sei eine, die alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft.

Das habe ich in der eindimensionalen Form noch nirgends gehört.
Ja es trifft alle, aber sicher nicht alle gleich.
Das dürfte fast allen klar sein.


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Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 14, 2020, 11:31:01 AM
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[...] Keine Frage, die Corona-Pandemie lässt viele Akteure dumm dastehen. Ganze Milieus, Geschäftsmodelle und Ideologien zeigen sich in der Auseinandersetzung mit dem Virus unbewaffnet und ahnungslos, oder sie offenbaren ihre Natur als zynischer Zirkus.

Der Fußball in Stuttgart und in Mailand, der Karneval in Heinsberg und in New Orleans, der glorreiche "freie Markt" und seine Unfähigkeit, irgendwas vernünftig zu regeln, Populisten wie Trump [https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/28/trump-coronavirus-politics-us-health-disaster (https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/28/trump-coronavirus-politics-us-health-disaster)], Bolsonaro [https://www.dw.com/de/bolsonaro-und-corona-ein-gespenst-geht-um-in-brasilien/a-52960590 (https://www.dw.com/de/bolsonaro-und-corona-ein-gespenst-geht-um-in-brasilien/a-52960590)] und die AfD (natürlich) [https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_87571086/hoyerswerda-afd-gruppe-spaziert-trotz-corona-krise-mit-blumen-in-klinik.html (https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_87571086/hoyerswerda-afd-gruppe-spaziert-trotz-corona-krise-mit-blumen-in-klinik.html)], und viele andere Stützen der Gesellschaft sind da nur ein paar Beispiele. Lustig ist das allenfalls für Sadisten, die an ihre eigene Unverwundbarkeit glauben.

Ganz besonders nackt stehen aber die Religionen da. Ihre Unfähigkeit, sinnvoll auf die Krise zu reagieren, sollte keine Überraschung sein - was in sich sinnlos ist, kann in Krisensitutationen nicht sinnvoller werden. Aber die Nachhaltigkeit, mit der sich der Budenzauber gerade blamiert, ist schon spektakulär; der Weg von der Religion zur Selbstsatire war noch selten kürzer.

Als erstes positionierten sich natürlich wieder einmal die besonders schattigen Vertreter der religiösen Zunft, wie zum Beispiel die Mullahs im Iran, die erst durch komplette Passivität und Ahnungslosigkeit glänzten, indem sie vielbesuchte Pilgerstätten geöffnet ließen und dann, wie üblich, mit lächerlichen Verschwörungstheorien von ihrer eigenen Unfähigkeit ablenken wollten. Das Ergebnis war bereits Mitte März aus dem Weltraum zu beobachten: Massengräber [https://www.mena-watch.com/coronavirus-iran-hebt-massengraeber-aus/ (https://www.mena-watch.com/coronavirus-iran-hebt-massengraeber-aus/)].

Amerikanische Dudelprediger konnten natürlich auch nicht auf der faulen Haut liegen. Besonders bezeichnend in dieser Hinsicht mag das Schicksal von Landon Spradlin sein, der erst meinte, die Aufregung um Sars-CoV2 sei eine gegen Trump gerichtete politische Waffe der Medien und der dann an Covid-19 starb.

Teilweise riskierten seine Kollegen den offenen Konflikt mit der Staatsmacht [https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/31/florida-megachurch-pastor-arrested-for-breaching-covid-19-health-order (https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/31/florida-megachurch-pastor-arrested-for-breaching-covid-19-health-order)]. Rabbis, die den Virus als Zeichen für das Nahen des Messias begriffen, moslemische Prediger, die selbstverständlich den Ursprung des Virus in den USA oder in Israel verorteten, griechisch-orthodoxe Geistliche, die ihre Gemeindeschäfchen dazu aufriefen, Ausgangssperren zu umgehen - keiner wollte beim grausigen Festival der Dummheit fehlen. Ein konservativer katholischer Kardinal namens Raymond Burke, für den es anscheinend in Italien gar nicht genug Tote geben kann, machte bei der Narrenparade natürlich auch mit [https://www.ncronline.org/news/people/catholic-cardinal-burke-says-faithful-should-attend-mass-despite-coronavirus (https://www.ncronline.org/news/people/catholic-cardinal-burke-says-faithful-should-attend-mass-despite-coronavirus)].

Sein Chef ließ sich noch was Anderes einfallen. Am 15.3. ging er den kurzen Dienstweg und bat Gott umstandslos, die Pandemie zu beenden [https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-03/papst-erfleht-in-rom-ende-der-globalen-corona-pandemie.html (https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-03/papst-erfleht-in-rom-ende-der-globalen-corona-pandemie.html)]. Als Gott auf die Dringlichkeitsnote nicht hörte, richtete sich sein Stellvertreter wieder an das Kirchenvolk und spendete eine Extradosis Urbi et Orbi [https://www.tagesschau.de/inland/corona-papst-107.html (https://www.tagesschau.de/inland/corona-papst-107.html)]. Das "Expecto Patronum" des Katholizismus gibt es sonst nur zwei Mal im Jahr (und nach einer Papstwahl).

Immerhin war man nicht wahnsinnig genug, den Mummenschanz vor dem vollbesetzten Petersplatz aufzuführen, was Kardinal Burke wahrscheinlich wiederum begrüßt hätte. Das Geisterspiel ohne Publikum geriet dann unfreiwillig zu einem vernichtenden Kommentar über die ganze religiöse Pantomime. Erst auf der leeren Bühne, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, entfaltete sich die Nichtigkeit der Zaubersprüche mit allem Nachdruck. Wie der Autor und Journalist Günther Hack kann man vermuten, dass dieses Bild von der Corona-Krise bleiben wird [https://twitter.com/guenterhack/status/1243608635516899334 (https://twitter.com/guenterhack/status/1243608635516899334)].

Selbstverständlich macht es keinen Sinn, jetzt Virologen und Mediziner zu allwissenden Superhelden und quasireligiösen Ersatzautoritäten aufzubauen. Das erzeugt nur einen Erwartungsdruck, dem man sich als Wissenschaftler ja entziehen muss, um arbeitsfähig, ehrlich und nüchtern zu bleiben. Und selbstverständlich gibt es religiöse Menschen, die sich in allen möglichen Situationen und Positionen sinnvoll engagieren, genau wie nichtreligiöse.

Aber die Religionen als institutionalisierte und hierarchisierte Formen des magischen Denkens (und zumal ihre herausragenden Vertreter), geben das erwartbar jämmerliche Bild ab. Das törichte Herumgefuchtel mit Monstranzen, heiligen Texten und dummen Ideen ist im besten Fall nutzlos, im schlimmsten Fall kann es ungezählte Menschen das Leben kosten. Die Corona-Epidemie macht mit seltener Deutlichkeit klar: Die Religionen haben keine Probleme, sie sind ein Problem. (Marcus Hammerschmitt)


Aus: "Pandemie und Pantomime" Marcus Hammerschmitt (13. April 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Pandemie-und-Pantomime-4699684.html (https://www.heise.de/tp/features/Pandemie-und-Pantomime-4699684.html)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 14, 2020, 01:02:56 PM
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[...] In the third week of March, while most of our minds were fixed on surging coronavirus death rates and the apocalyptic scenes in hospital wards, global financial markets came as close to a collapse as they have since September 2008. The price of shares in the world’s major corporations plunged. The value of the dollar surged against every currency in the world, squeezing debtors everywhere from Indonesia to Mexico. Trillion-dollar markets for government debt, the basic foundation of the financial system, lurched up and down in terror-stricken cycles.

On the terminal screens, interest rates danced. Traders hunched over improvised home workstations – known in the new slang of March 2020 as “Rona rigs” – screaming with frustration as sluggish home wifi systems dragged behind the movement of the markets. At the low point on 23 March, $26tn had been wiped off the value of global equity markets, inflicting huge losses both on the fortunate few who own shares, and on the collective pools of savings held by pension and insurance funds.

What the markets were reacting to was an unthinkable turn of events. After a fatal period of hesitation, governments around the world were ordering comprehensive lockdowns to contain a lethal pandemic. Built for growth, the global economic machine was being brought to a screeching halt. In 2020, for the first time since the second world war, production around the world will contract. It is not only Europe and the US that have been shut down, but once-booming emerging market economies in Asia. Commodity exporters from Latin America and sub-Saharan Africa face collapsing markets.

It is now clear that we can, if circumstances demand, turn the economy off. But the consequences are catastrophic. Across the world, hundreds of millions of people have been thrown out of work. From the street hawkers of Delhi to the personal trainers of LA, the service sector – by far the most important employer in the modern economy – has been poleaxed. Never before has the global economy suffered a shock of this scale all at once. In the US alone, at least 17 million people have lost their jobs in the last three weeks. A severe global recession is now inevitable.

The crucial question is how much of the world economy will survive the lockdown, and this depends on the availability of credit. Business runs on credit. The bits of the economy that do continue to function – the warehouses, the mobile phone providers and internet firms – all need credit. Wage bills for those still working are financed through credit. Even greater is the need of those who are not working. If they can’t get loans, bills will go unpaid, which spreads the pain. To survive the lockdown, millions of families and firms around the world are relying on grants and loans from the state. But tax revenues have collapsed, so states need credit, too. Across the world we are witnessing the largest surge in deficits and government debt since the second world war.

But who do we borrow from? Banks, financial markets and money markets provide the financial fuel of the world economy. Normally, credit is sustained by the optimistic promise of growth. When that dissolves, you face a self-reinforcing cycle of collapsing confidence, contracting credit, unemployment and bankruptcy, which spreads a poison cloud of pessimism. Like an epidemic, if left uncontrolled, it will sweep all before it, destroying first the financially fragile and then much else besides. It is not for nothing that we speak of financial contagion.

What began with the lockdown in Wuhan in January is more intense and more fast-moving than any recession we have seen before. In a matter of weeks we have been confronted with an economic outlook that is as grim as at any moment since the 1930s. But it could have been even worse. Imagine a situation in which, on top of the pain of the lockdown and the hellish scenes in hospital wards, we also face calls for austerity because the government cannot safely finance extra spending. Imagine that interest rates were surging, and the terms for credit cards, car loans and mortgages were suddenly getting stiffer. All of this may still happen. It is already happening to the weaker economies around the world. But for now at least, it has not happened in Europe and the US – even after the turbulence of March 2020, when the pandemic hit with full force.

What Europe and the US have succeeded in doing is to flatten the curve of financial panic. They have maintained the all-important flow of credit. Without that, large parts of their economies would not be on life support – they would be stone dead. And our governments would be struggling with a financial crunch to boot. Maintaining the flow of credit has been the precondition for sustaining the lockdown. It is the precondition for a concerted public health response to the pandemic.

During major crises, we are reminded of the fact that at the heart of the profit-driven, private financial economy is a public institution, the central bank. When financial markets are functioning normally, it remains in the background. But when they threaten to break down, it has the option of stepping forward to act as a lender of last resort. It can make loans, or it can buy assets from banks, funds or other businesses that are desperate for cash. Because it is the ultimate backer of the currency, its budget is unlimited. That means it can decide who sinks and who swims. We learned this in 2008. But 2020 has driven home the point as never before.

The last six weeks have seen a bout of intervention without precedent. The results have been momentous. A giant public safety net has been stretched out across the financial system. We may never know what went on behind the closed doors of the US Federal Reserve, the European Central Bank and the Bank of England during those critical moments in March. So far, only muffled sounds of argument have reached the outside. But as the virus struck, the men and women in those three central banks held the economic survival of hundreds of millions of people and the fate of nations in their hands. This is the story of how global financial meltdown was averted by central banks taking decisions that, just a month earlier, they would have dismissed as utterly impossible.

The financial markets scan the world for risk. Even the slightest disruption in the vast networks of finance, production and trade offers the opportunity for profit or the threat of loss. So the news on 23 January, that the outbreak of an unknown virus was serious enough for the Chinese authorities to impose a gigantic quarantine, hit the traders on their Bloomberg terminals hard. Bank economists struggled to get a grip on the dimensions of the problem. Would this be a minor disruption like Sars in 2003? Or were we facing the nightmare scenario of the Hollywood film Contagion?

In late January, investors began to move more and more money out of things like commodities and shares in companies, and into the relative safety of government bonds. What comforted them was the idea that the virus was a problem contained in China. The day that illusion burst – the day that investors realised that Covid-19 was becoming a global pandemic – was Monday 24 February. Over the weekend the Italian government had announced that it was imposing a quarantine in parts of northern Italy. It was the first place in the west to do so.

Ever since the financial crisis of 2008, Italy’s economy had been stagnating. Both its banks and its public finances were in a precarious state. Italy’s debt levels were high enough to cause bond markets to periodically panic. Now the country would become the frontline in the virus fight. The coronavirus would test the solidarity of the eurozone at its weakest link.

At this point, not everyone was taking the threat seriously. The caseload in the US still looked tiny. Donald Trump dismissed the virus as a “scare”. But investors were now seriously worried. Over the week that began on 24 February, America’s main stock market index, the S&P 500, lost 10% of its value. The chair of the US Federal Reserve, Jerome Powell, was concerned enough to signal that he would soon be bringing forward a cut in interest rates, in order to stimulate consumption and investment. It was a conventional reaction, but Covid-19 was no longer looking like a conventional threat.

By early March, whatever complacency had prevailed was long gone. The death toll in northern Italy was rising into the hundreds and it was only a matter of time before the government in Rome would be forced to declare a nationwide lockdown.

Investors around the world started to panic. In times of uncertainty, they want safe-haven assets. What makes a government bond a safe investment is not only the financial standing of the borrower, but the depth of the market in which lenders can sell them if they want to get their money back sooner. There is no deeper market than that for US Treasuries, as US government bonds are known. The greater the demand for safety, the lower the interest rate the US government generally has to pay to borrow. In the first week of March, those rates were at record lows.

For the rest of the world economy, this run to safety was an alarming signal. One sector that knew it was heading for trouble was oil. When the global economy slows, so does the demand for energy. The oil industry of the 21st century consists, on the one hand, of large, state-controlled producers – above all the Opec group dominated by Saudi Arabia and Russia – and, on the other hand, of the US’s upstart fracking industry. To match falling demand for oil, the Saudis wanted to cut overall production and thus prop up the price. For this they needed the agreement of the other big producers, but Russia refused to go along with them. As Moscow saw it, cutting production with a view to propping up prices was an invitation to American shale producers to fill the gap. If the politics of climate change meant that the future really would bring a transition away from fossil fuel, winning the end game involved seizing as much of the market as possible for as long as oil was being pumped. So Russia decided not to cut production, but to launch a price war. Not wanting to be outdone, over the weekend of 7-8 March, Saudi Arabia took up the challenge. It announced that it would be maximising production and discounting its prices.

On Monday 9 March, as markets opened, oil prices plummeted. The benchmark Brent crude fell 24% by the end of trading. By the end of the month its value had halved. From the point of view of the financial markets, the ferocity of the competition in the oil industry was a harbinger of things to come. Falling demand would force industry after industry to either slash prices or contract production. Either way, it was bad news for profits.

When trading opened on Wall Street that morning, the situation was so dire that the circuit-breakers – automatic stops to trading that are triggered when prices fall by a certain amount – were soon activated. This was supposed to slow a wild selloff. But it sent a message of panic. As soon as trading resumed, everything sold.

A rout like the one that began on 9 March has a perverse logic. When fund managers face withdrawals from the people whose money they manage, they need cash and have to choose which assets to sell first. They might prefer to sell the riskiest investments, but those can be disposed of only for a large loss. So instead, they attempt to sell their most liquid and safe assets – government bonds. That means the prices of those bonds fall, dragging them into the maelstrom. This has the knock-on effect of unravelling a basic relationship on which many investors rely: typically, when shares go down, bonds go up, and vice versa. So to protect yourself against risk, you buy a portfolio made up of both. If everything works as it’s supposed to, the swings should balance each other out. But in the panic that began on 9 March, this was no longer happening: rather than balancing out, the price of shares and bonds were collapsing together. The only thing that anyone wanted to hold was cash, and what they wanted most of all were dollars. The surging US dollar in turn spread the pressure worldwide to everyone who owed money in that currency.

The Fed had desperately tried to halt the run. To signal its willingness to support the economy and ease the pressure on the world economy from the strong dollar, it had brought forward an interest rate cut that had been expected for the middle of the month. But with the darkening horizon, lower interest rates did little to help. Who would borrow or invest under such circumstances? Confidence was broken. Just how badly would become clear over the following two weeks.

It was a cruel twist of fate that Italy was the first European country struck by the virus. Italy has a sophisticated medical system; Lombardy, the region worst affected by the virus, is among the richest places in the world. The weakness lies in the country’s public finances. To fight the crisis, Italy needed to be spending money on public health and to support the economy during the lockdown. But would the corset of the euro give it the leeway?

The problem was that spending to meet the coronavirus crisis would raise Italy’s public debts. The more indebted you are, the higher the price you pay to borrow. For a European government, that premium is measured by the difference, or “spread”, between your interest rate and that paid by Germany, the highest-ranked borrower in Europe. With its pre-crisis debt at just under 135% of GDP, Italy was perilously close to the point at which rising spreads would drive up its deficit and thus, in a vicious circle, make its debts less and less sustainable.

To ensure that investors stay calm, it is the job of central banks to act as the buyer of last resort. But because Italy is a member of the eurozone, it no longer has an independent national central bank that can buy its debt. Its monetary policy is set by the European Central Bank, which is prohibited from directly buying a member country’s newly issued debt. That left the Italians exposed. As the coronavirus crisis intensified in late February and investors became concerned by the prospect of greater state spending, the spread to German interest rates increased. If they rose too far, Italy would face not only a public health disaster but a financial crisis, too. What could Europe do to help?

Italy already had reason to feel abandoned by its European partners: they had done little to help it tackle its chronic unemployment problem, or to take in the refugees arriving from north Africa. The coronavirus was a new test. The signs were not good: other member states were grudging in their reaction to Italy’s appeals for help. But what really mattered, for the country’s financial survival, was the stance taken by the ECB.

Under its former president, Mario Draghi, the ECB had emerged in the course of the last financial crisis as the pivot of the European economy. Draghi’s promise to do whatever it takes to hold the eurozone together, uttered at the height of the crisis in July 2012, has become a mantra of modern economic policy. Faced with a financial panic, restoring confidence is key – and because a central bank is in charge of issuing currency, it is the only crisis-fighter with truly unlimited firepower.

Northern European fiscal and monetary conservatives had always been suspicious of Draghi’s interventions, which they saw as a way to transfer Italy’s liabilities on to Europe’s balance sheet. And his final round of bond-buying, in 2019, proved particularly controversial. By the time he ended his stint at the ECB that autumn, it was all Angela Merkel’s government in Berlin could do to ensure that there were no unseemly scenes at his retirement party.

Christine Lagarde, the former finance minister of France and IMF boss, took over as head of the ECB in October 2019, and inherited Draghi’s extraordinarily difficult position. Now she would have to demonstrate that she could handle a major financial crisis. The ECB press conference on 12 March was the crucial test.

The ECB had good news for Europe’s banks: they would receive a huge amount of low-cost funding. It was also going to buy an additional €120bn in assets – although if that was spread across the members of the Eurozone, as the rules demanded, it would hardly give Italy the support it needed. But the critical moment came when Lagarde was asked a question about the ECB’s attitude to sovereign debt. Her response was remarkable. “We are not here to close spreads,” she said. “This is not the function or the mission of the ECB. There are other tools for that, and there are other actors to actually deal with those issues.”

“Spreads” meant Italy. And what Lagarde seemed to be saying was that it was somebody else’s problem. But if the ECB wasn’t going to help Italy, who would? Did it really expect the other member states of the eurozone to string together a fiscal safety net for Italy? Obviously, given the bad blood between Italy and the northern Europeans, Lagarde had to walk a fine line. But with hundreds of people dying every day, with global financial markets in a state of repressed panic, was the ECB seriously suggesting that it would wait for Berlin, Paris and Rome to settle their differences before putting out the fire? It was breathtaking.

For investors, Lagarde’s comment came like a bolt of lightning. And within minutes, she started to backtrack. She went in front of the cameras to promise that the ECB would use the flexibility of its €120bn programme to prevent the fragmentation of the euro area – code for helping Italy. But the damage was done. The markets slumped, and the price that Italy had to pay to borrow leaped: averaged out, the spread moved by 0.65%. That may not sound like a big difference, but when applied to a mountain of debt the size of Italy’s, it raises the interest bill by as much as €14bn for just one year. It was the last thing Italy needed. In a rare public rebuke, both Paris and Rome distanced themselves from the ECB. The crisis was pulling Europe further apart.

After five terrifying days of market turmoil, the weekend of 14-15 March was a moment for central banks around the world to coordinate their response. What everyone wanted was dollars, so it was above all the Federal Reserve that needed to take the lead. And as its chair, Powell did. He called an unscheduled press conference for the afternoon of 15 March. What he announced was remarkable.

With immediate effect, the Fed was cutting interest rates to zero – something it had done just once before, at the height of the crisis in 2008. To stabilise the US Treasury bonds market, it would be buying $700bn in a new round of so-called quantitative easing. And it would start big, buying $80bn by 17 March. In the space of just 48 hours, it would spend more on treasuries than the Fed spent in most months in the aftermath of 2008.

These were measures for the US economy. But the coronavirus was a global problem. The flight to safety and the ensuing rise in the dollar had put pressure on everyone who had borrowed in the US currency. So, to ensure that dollars could be piped to every financial institution in every major financial centre in the world, the Fed announced that it was improving the terms on the so-called liquidity swap lines – deals by which the major central banks agree to exchange dollars for sterling, euros, swiss francs and yen in unlimited amounts.

Powell was deploying the main weapons of the 2008 crisis with far greater speed than his predecessors ever had. But it was still not enough. When the markets opened the next day, 16 March, the fall was vertiginous. The circuit-breakers are supposed to come into effect if the market falls by more than 7%. That morning, the fall was so quick that the S&P 500 dropped by 8.1% before trading could be stopped. The so-called fear index, VIX – a measure of market volatility – surged to levels last seen in the dark days of November 2008.

The fear in the markets was now feeding on itself. If the Fed’s magic of 2008 no longer worked, then what would?

The foreign exchange market, where currencies are traded, is the biggest market in the world. And the place where the most transactions are booked is the City of London. On an average day, transactions back and forth total $6.6tn. But on Wednesday 18 March, there was only one trade: people wanted to sell everything. The only thing they wanted to buy were dollars. Every other currency was falling.

The central banks’ failure to calm the markets had set the stage for the worst days of the panic. Coronavirus cases were piling up in Europe more rapidly than at the peak of the crisis in Wuhan. Hedge funds were placing multi-billion-dollar bets that the recession in Europe would be protracted. Blue chip companies like Apple were facing stiff premiums to borrow for as little as three months ahead. Even gold, a classic safe haven, was selling.

That Wednesday, on his third day as governor of the Bank of England, Andrew Bailey organised a press conference in an effort at reassurance. But as he was speaking, sterling plunged by 5% to its lowest level since 1985. Meanwhile, the market for UK government bonds, also known as gilts – the oldest major asset market in the world – was witnessing unprecedented turmoil. It was, in Bailey’s understated phrasing, “bordering on the disorderly”.

In response, the Bank of England monetary policy committee met the next day in emergency session and announced that the Bank would be buying £200bn in gilts. Unlike in 2008, it would not be doing so on a prearranged schedule. As Bailey explained: “We will act in the markets promptly and rapidly as we see appropriate.” This was no time for timetables. The central bank was, by its own admission, flying by the seat of its pants.

On an emergency conference call on the evening of 18 March, the ECB executive board decided that it, too, needed to act. Under a pandemic emergency purchase programme, it announced that it would begin by buying €750bn of government and corporate debt. But the ECB was willing to go even further than that. It said that, if necessary, it would revise some of its “self-imposed limits”.

For an institution as hidebound as the ECB, this amounted to a revolution. Self-imposed limits – inflation targets, rules on which European government’s debt it could buy and in what quantities – are what the ECB lives by. It is clear that conservative members of the bank’s governing council continued to resist such a move. But in the end it was the turmoil in the markets that decided the issue. The ECB needed to send a signal of determination. If Lagarde had fluffed her “whatever it takes” moment, the ECB was now at least promising to do whatever was necessary.

By the end of the third week of March, 39 central banks around the world, from Mongolia to Trinidad, had lowered interest rates, eased banking regulations and set up special lending facilities. To ease the pressure on emerging markets, the Fed widened the network of liquidity swap lines to cover 14 major economies including Mexico, Brazil and South Korea. This was a remarkable wave of activism. But the pandemic itself was only beginning to bite. Central banks could cushion the financial shock, but not address the actual economic implosion, let alone the health crisis.

European governments had been quick to move. Germany had thrown aside its fiscal caution and was committed to a gigantic programme of government guarantees for business lending. But this made all the more glaring the gap to Italy and Spain, which were not only hardest hit by the virus, but also constrained by the financial legacy of the eurozone crisis. They did not want to risk sliding back into a debt crisis.

In the US, the Fed had leaped into action. But where were the politicians? Congress was distracted by the upcoming presidential election. What was needed was an unprecedented rescue package for an economy in freefall. How were Republicans and Democrats to reconcile fundamental differences over health care and unemployment insurance, or the notorious cronyism of the president and his clan? Since the Democrats had won control of the House of Representatives in 2018, legislation had been largely paralysed. Now, in the face of a tsunami of job losses, the two parties had to come to an agreement.

As trading began in Asia early on the morning of Monday 23 March, the news from Washington made it clear that there had been no deal on Capitol Hill. The futures markets plunged so violently that circuit breakers were activated again – by now this had happened an unprecedented five times in two weeks. If it wanted to avoid a meltdown when Wall Street opened, the Fed would have to make another move.

Until this point, Jerome Powell had been moving in the shadow of his predecessor, Ben Bernanke, who had been Fed chair in 2008. But by 23 March, Powell had activated all the basic elements of the 2008 repertoire – slashing interest rates, using quantitative easing, supporting money markets. But it had not worked, partly because it could not reach the source of the crisis itself – that is, the virus and the lockdown – and also because it was not reaching the bit of the credit system that was most vulnerable in 2020: the borrowing by big corporations.

The Fed has always steered clear of corporate debt, which it considered politically sensitive. If you bought debt from individual firms, you were vulnerable to accusations of favouritism. If you bought a cross-section of debt you ended up holding many very poor-quality loans. But by the early hours of 23 March, it was clear that something had to be done to stabilise the corporate debt market. Since 2008, bonds issued by non-financial corporations have surged from $3.3tn to more than $6.5tn. If their value fell too far, US corporations would not only face shutdowns and a complete loss of revenue, but also a crippling credit squeeze.

Ideally, the Fed would have made a grand announcement in conjunction with a Congressional stimulus package. But by the evening of 22 March, it was clear that the package being proposed by the Republicans was unacceptable to the Democrats. It might take days for them to square the difference. The financial markets would not wait.

On 23 March, 90 minutes before markets opened, Powell made his move. He announced that the Fed was setting up legal entities – off the books of the Fed, but guaranteed by it – that would have the capacity to buy highly rated corporate debt, or at least any debt that the ratings agencies were still willing to declare investment-grade. In effect, the Fed was establishing itself as the backstop to the trillion-dollar corporate bond market. The Fed ramped up its asset-purchase programme, to an astonishing $375bn in Treasury securities and $250bn in mortgage securities in a single week.

It was an extraordinary move to widen the scope of central bank intervention into the corporate economy. And it was understood as such by the markets. Since the start of the year, the S&P 500 and the Dow Jones, as well as the FTSE 100, had lost 30% of their value. That day, they began to recover.

Two days later, on 25 March, backing arrived from Congress when the Senate passed its giant package of $2tn – more than twice the size of the stimulus bill passed in 2009. It provided funds to top up unemployment insurance, to support small businesses and the US’s privatised hospital system. Crucially, it also set aside $454bn to cover Fed losses. Since most loans would not be expected to go bad, this would enable the Fed to make more than $4tn in loans, if necessary.

In the US, the public health campaign against the virus was still a shambles. But as far as economic policy was concerned, the full power of the American state was now being deployed behind the emergency programme. And the Fed was also acting as a provider of dollar liquidity to the world economy. In the UK, too, the Treasury and the Bank of England were working closely to link the huge increase in government spending to efforts to stabilise financial markets.

But in the eurozone, that kind of coordination was lacking. The ECB had managed to stop the immediate panic. Yet there was still the question of whether the member states could come up with a financial plan to support their hardest-hit neighbours, Italy and Spain. The obvious solution was to issue debt jointly to fight the crisis together – an idea raised repeatedly during the eurozone crisis, when it had been bitterly resisted by a conservative northern European coalition led by Germany. This would ensure that Italy was not constrained by its pre-existing financial weakness.

For a coalition of nine states led by France, Italy, Spain and Portugal, the case was obvious. On 25 March they called for a “common debt instrument” to fund a crisis response. The ECB threw itself energetically behind the proposal. But, once again, the Netherlands and Germany refused to budge. The issue was shoved off into the Eurogroup, a meeting of the eurozone’s finance ministers, where the outline of a deal did finally emerge two weeks later. By then the immediate panic had passed. As Lagarde and her central banking colleagues had feared from the outset, it was on their shoulders that the stability of the eurozone continued to rest.

Will the massive financial firewalls built by central banks on both sides of the Atlantic be enough to withstand the bad news that is headed our way over the coming weeks and months? It is too early to tell. But the first test came on Thursday 26 March, when the US Department of Labor announced that, in a single week, 3.3 million Americans had signed on for unemployment insurance. It was completely unprecedented. A graph stretching back half a century simply turns upwards in a vertical surge. In the next two weeks, another 13.5 million people would be added to the insurance rolls. And there was no end in sight. America is on pace for national unemployment to reach 30% by the summer – greater than during the Great Depression of the 1930s.

The shutdown spelled disaster for millions of American families, at least half of whom have no financial reserves to speak of, and for businesses up and down the land. How would the markets react? Astonishingly, they ended 26 March up 5%. The largest surge in unemployment ever recorded in history was met with a relaxed shrug.

Why weren’t investors more terrified? Because the scale of Congressional stimulus made clear that, no matter how divided American politics were, that wouldn’t stand in the way of a huge surge of spending. And the Fed, for its part, would make sure that the huge flow of new debt was absorbed, if necessary on to its own accounts. The private credit system, the government budget and the balance sheet of the Fed were welded together in a closed loop.

What the Fed, the Bank of England and the ECB managed to do in March was prevent the damage caused by the shutdown being made even worse by an immediate collapse of corporate credit. At the same time, by stabilising sovereign debt markets, they have enabled a huge surge in public spending to fight the crisis and cushion its social and economic side effects. To do this they have both widened the safety net to parts of the financial system never before protected, and intervened on a scale far greater even than in 2008.

In the final days of March, the Federal Reserve was buying Treasury bonds and mortgage-backed securities at the rate of $83bn per day, or just shy of $1m per second. On 9 April, at the same moment as the latest horrifying unemployment numbers were released, it announced another $2.3tn in support targeted specifically at municipal debt and lower-grade corporate debt. That same day, the Bank of England adopted an even more radical approach. Rather than going through the process of having the Treasury issue debt that would then be bought by the central bank, it announced that it would be offering direct monetary finance to the government, to provide it with whatever funding it needed. This would be temporary, but it was still a radical move. The government’s current account at the Bank of England would be repurposed to allow, if necessary, tens of billions of pounds in coronavirus spending. The last time the British government resorted to this mechanism was at the height of the crisis in 2008.

What we have seen in the financial system, over the past few weeks, is a victory of sorts – but it is a defensive one. Once again, we are propping up a fragile, profit-driven system to avoid something even worse. It is also a victory limited in scope.

By flattening the curve of financial panic, the central banks of advanced economies have managed to ensure that life under the lockdown is not made even more unbearable by the shutting off of credit to business and households. They have also ensured that the public health response to Covid-19 can proceed at any scale that is required. Within Europe, there are questions about the differences between eurozone members: Germany has been able to deliver a conspicuously larger fiscal response to the crisis than have Italy or Spain. But those inequalities pale next to the problems facing much of the rest of the world. There the crucial supply of credit is being cut off even before coronavirus cases begin to mount, meaning, once again we have confirmed that the global financial system is hierarchical. At the apex stands the US Federal Reserve. The ECB, the Bank of Japan, the Bank of England and their advanced-economy counterparts all enjoy the Fed’s direct support. Thanks in no small part to that support, the advanced-economy central banks enjoy great latitude in propping up their credit systems. They might face moderate movements in their currency’s exchange rate, but no devastating financial squeeze.

That is what the emerging-market economies have been suffering since February. Covid-19 is hitting every part of the world economy. The World Bank is warning of a devastating setback to the economies of Nigeria, Angola and South Africa, along with the rest of sub-Saharan Africa. Almost half the countries in the world – more than 90 so far – have been forced to apply to the IMF for financial assistance.

If flattening the curve in Europe and the US was the battle of March, the next challenge is to reduce the shockwaves radiating out to the rest of the world. The last few weeks have seen a remarkable display of technocratic energy and imagination in western financial centres. That same level of commitment now needs to be brought to bear in supporting the rest of the world. We cannot control the epidemic or restore the world economy without it.


From: "How coronavirus almost brought down the global financial system" Adam Tooze (Tue 14 Apr 2020 06.00 BST)
Source: https://www.theguardian.com/business/2020/apr/14/how-coronavirus-almost-brought-down-the-global-financial-system (https://www.theguardian.com/business/2020/apr/14/how-coronavirus-almost-brought-down-the-global-financial-system)
Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 14, 2020, 01:10:12 PM
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[...]  O tempora Corona! (3)

Meine Liste an Hassfiguren so far:

Selbstoptimierer
Sieh her, Welt, ich hänge nicht einfach in der Bude herum und sehe zu, wie ich den Tag herumkriege! Nein, ich sportele jeden Tag drei Stunden, lerne eine Fremdsprache, mache zwei Stunden superachtsames Yoga, knüpple Home Office, betreue dabei drei Kinder, denen ich niemals etwas anderes als bioveganes Überessen kochen würde. Nebenher schreibe ich, weil ich jetzt endlich mal Zeit habe ohne Ende, an meinem großen Gesellschaftsroman, der im Herbst erscheinen wird. Das alles dokumentiere ich natürlich lückenlos auf Instagram und meinem YouTube-Kanal, den ihr gefälligst abonniert, ihr Minderleister.

Oberchecker
Ach kommen Sie, hören Sie auf. Ist doch alles sonnenklar. Aber die ganzen Schlafschafe wollen das mal wieder nicht sehen. Corona ist komplett harmlos, nicht schlimmer als eine Grippe. Weltweit sterben jedes Jahr mehr Menschen, die beim Gardinenaufhängen von der Leiter fallen, als an dieset Korooona. Jaaa, da kiekste! Aber jetzt denken Sie doch mal nach: Cui bono, mein Lieber, cui bono? Ick sach nur: Faaarma! Die machen sich gerade die Taschen voll bis oben hin. Na, und da muss man dann halt mal nachhelfen. Der Bill Gates, der weiß schon, was er tut. Und die Politik? Hey, die Diktatur ist Realität, Mann. Die haben auf so was doch nur gewartet, uns endlich alle Rechte zu nehmen. Wenn die das nicht eh vorher längst wussten. Nee, nee, mein Lieber, ick lass ma nich verarschen. Weil… Moment, mein Aluhut ist gerade verrutscht...

Vom Leben gehärtete Babyboomer
Die Jugend wieder! Hat doch noch nie wirklich was mitmachen müssen im Leben. Jetzt sehen die verwöhnten Bälger mal wie das ist, wenn‘s ernst wird. Na ja, ich bin Jahrgang 62, aber mein Leben war kein Zuckerschlecken, kann ich Ihnen sagen. Mir wurde nichts geschenkt. Wir hatten damals kein Internet, keine Computer und keinen Essenslieferdienst. Wenn wir Hunger hatten, und den hatten wir, mussten wir uns ein Butterbrot schmieren. Ein Butterbrot! Erzählen Sie das mal den Wohlstandskindern heute. Und ewig diese Kriegsgeschichten anhören müssen von den Alten! Es war die Hölle. An der Uni habe ich ab dem ersten Semester keine einzige Vorlesung besucht. Aber diskutieren, das konnten wir. Nicht dieses Weltuntergangs-Mimimi wie heute. Kliiimawandel! Coroooona! Wir werden alle steeerbeeen! Tss! Und dann binden sie sich alle diese Lappen vor die Schnauze. Zu lustig. Na ja, ich bin bald in Rente, da geht mich das eh alles nix mehr an. Wenn die Lebensversicherung ausgezahlt wird, dann bestell ich mir erstmal einen SUV. Ich lasse mir doch nicht...

Feministinnen
Das ist doch nichts anderes als bloß ein weiterer Beweis dafür, dass Frauen die Hauptleidtragenden sind. Einmal, weil sie ganz oft in 'systemrelevanten Berufen' arbeiten wie Pflege und Einzelhandel und weil ja die Männer, die jetzt alle zu Hause herumhängen, viel mehr Zeit und Gelegenheit haben, ihre Frauen zu misshandeln. Also zumindest die, die auch zu Hause sind, weil sie nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten. Und dieses Argument, es könne kein Anstieg bei häuslicher Gewalt nachgewiesen werden, fand ich echt ärgerlich. Dass noch kein Anstieg nachgewiesen wurde, bedeutet ja nicht, dass es ihn nicht gibt. Oder geben könnte.

Dunning-Kruger-Opfer
Ach, gehnseweck mit diesem Drosten oder wie die Nille heißt! Sagt doch sowieso nur, was er sagen darf. Ich bin da in dieser nichtöffentlichen Facebook-Gruppe, wo nur Leute reinkommen, die richtig was auf der Pfanne haben. Einer hat zum Beispiel schon mal in der gleichen Schlange beim Bäcker gestanden mit einer, die mal mit einem geredet hat, der ein ganz hohes Tier ist im Gesundheitsministerium. Ganz weit oben, verstehense? Der hat Sachen erzählt, da kippste vomhocka. An solche Infos kommst du normal natürlich gar nicht dran.

Systemrelevanten-Beklatscher
Meine Nachbarin ist Krankenschwester/Kassiererin. Ich bewundere die ja total. Also, ich könnte das ja nicht. Ich sage ihr das auch jedes Mal. Na ja, die guckt dann immer so komisch, aber ich glaube, die sind so was einfach nicht gewohnt. Letztens habe ich mich mit anderen aus dem Büro, die auch gerade alle auf Kurzarbeit sind, vor dem Krankenhaus/Penny-Markt getroffen und einen Applaus-Flashmob veranstaltet. Das war total lustig und auch ein bisschen verrückt. Wir sind auch alle extra um sechs aufgestanden. Das waren wir diesen hart arbeitenden Leuten einfach schuldig, fanden wir. (In Wahrheit will ich mich einfach nur besser fühlen und bin heilfroh, dass andere diese schlecht bezahlten Jobs machen und ich auf einem doppelt so hoch dotierten Bullshit-Job sitze, der zu 80 Prozent aus Windmachen besteht. An den Verhältnissen soll sich übrigens nichts wirklich ändern.)

Gelangweilte
Keine Kinder, kein Homeoffice. Doof. Langweilig. Jeden Tag Sonntag. Laaangweilig. Weiß nichts mit mir anzufangen. Und weil mir so langweilig ist, muss ich das aller Welt andauernd erzählen. Habe ich schon erzählt, wie sehr ich mich langweile?

Geschrieben von Stefan Rose
Labels: Gesellschaft , Medien


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Anonym14. April 2020 um 10:32

Und mir gehen noch unheimlich auf die Nerven, solche, die irgendwo her irgendwelche Zahlen rauspoppeln und einem dann immer hochrechnen, wie viele dieses Jahr noch sterben werden, falls man auch nur einen Zentimeter von diesem social distancing abweicht. Und dann im Expertenmodus einem immer vorbeten, man solle jetzt auf jeden Fall eine Maske tragen, denn sonst, denn sonst (weiß ich auch nicht)...

Ganz furchtbar sind auch diese Z-Promis, die ihre Visage dafür missbrauchen, den Leuten zu erzählen, dass sie jetzt auf jeden Fall wirklich zu Hause bleiben müssen und dass das alles nicht so schlimm sei, wenn man jetzt total zusammenhalte und weitere lustige Durchhaltevideos auf Insta postet.

Dicht dahinter kommen auch schon die Balkonbeklatscher und die PR-Kampagnen von auf einmal auf super-sozial machende Großunternehmen, die allen, die jetzt und später ihren Arsch hinhalten, ein dickes #Danke sagen wollen. PR-Videos kann man wohl auch in Zeiten von #WirbleibenzuHause schnell mal auf die Beine stellen. Scheint aber sonst keinen wirklich zu stören. Sind ja schön anzusehen und was fürs Herz. 


Aus: "O tempora Corona! (3)" (Montag, 13. April 2020)
Quelle: https://fliegende-bretter.blogspot.com/2020/04/o-tempora-corona-3.html (https://fliegende-bretter.blogspot.com/2020/04/o-tempora-corona-3.html)

Title: Coronavirus Notizen (...)
Post by: Link on April 16, 2020, 10:19:19 AM
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[...]  79.400 Menschen in Deutschland sind in einer Substitutionsbehandlung. Mediziner:innen und Ambulanzen geraten an ihre Grenzen.

taz: Herr Lyonn, was hat sich in Ihrer Drogenambulanz seit der Coronakrise geändert?

Norbert Lyonn: Wir wurden über die Kassenärztlichen Vereinigungen informiert, dass wir Patientinnen und Patienten in einigen Fällen großzügigere Take-Home-Verordnungen ausstellen können. Das bedeutet, dass wir beispielsweise Menschen, denen wir bisher nur dreimal in der Woche eine Ration Methadon geben durften, nun ein Rezept für eine Woche ausstellen können. Das soll einerseits dazu führen, dass unsere Ambulanz entlastet wird, und andererseits dazu, dass sich nicht mehr so viele Patienten auf den Weg zu uns machen müssen. Viele Drogensüchtige haben nämlich durch den langjährigen Drogenkonsum ein geschwächtes Immunsystem und gehören zur Corona-Risikogruppe.

Was sich auch geändert hat: Die Obergrenzen für Patientinnen und Patienten sind aktuell weggefallen, wir dürfen also mehr Menschen in der Ambulanz aufnehmen. Außerdem haben wir unsere Dienstzeit zur Substitutionsvergabe verlängert, haben einen Security-Mann vor der Tür und lassen nur noch fünf Patientinnen und Patienten gleichzeitig in die Ambulanz.

taz: Wie entscheiden Sie darüber, wem Sie eine Take-Home-Verordnung geben können und wem nicht?

Norbert Lyonn: Wir sehen viele der Patientinnen und Patienten wöchentlich, manche sogar täglich, und versuchen einzuschätzen, wessen Situation stabil genug für eine größere Verordnung ist. Manche müssen weiterhin jeden Tag kommen, weil der Beikonsum mit Heroin, Kokain oder Alkohol einfach zu chaotisch ist. Aufgrund der aktuellen Situation geben wir aber auch manchen Patientinnen und Patienten mit geringem Beikonsum eine Take-Home-Verodnung, die normalerweise keine bekommen würden. Es ist also immer eine individuelle Entscheidung.

taz: Was bedeuten diese größeren Take-Home-Verordnungen für die Behandlung?

Norbert Lyonn: Ich befürchte, dass viele meiner Patientinnen und Patienten während der Krise wieder mehr konsumieren werden. Wir hatten, seit die neue Regelung aktiviert wurde, schon Menschen, die in die Ambulanz gekommen sind und gesagt haben: „Ich hatte die Nase so voll, ich musste mich zumachen!“ Eine Krisensituation kann Menschen dazu bringen, in alte Suchtmuster zu verfallen, die wir in der Behandlung mühsam versuchen zu verändern. Die Menschen haben Angst und sind unsicher, was dazu führt, dass sich ihr Konsumrisiko vergrößert.

taz: Können diese größeren Rationen auch andere negative Folgen mit sich bringen?

Norbert Lyonn: Ja, es besteht das Risiko, dass die Take-Home-Verordnungen nun in größerem Stil auf dem Schwarzmarkt landen und verkauft werden. Es sind seit Beginn der Krise schon einige Patientinnen und Patienten in die Ambulanz gekommen, die ihre Rationen angeblich verloren haben. Denen geben wir dann zwar ein Substitut vor Ort, die Take-Home-Verordnung ersetzen wir aber nicht. Ein Problem dabei ist, dass sich viele Menschen, die diese Substitutionsmittel illegal in der Szene kaufen, nicht mit der Dosierung auskennen – und das kann dann schlimme Folgen haben.

taz: Wie reagieren Ihre Patientinnen und Patienten auf die Veränderungen?

Norbert Lyonn: Die meisten von ihnen sind kooperativ und dankbar. Einige versuchen auch Druck auf uns auszuüben, um eine Take-Home-Verordnung zu bekommen, obwohl ihre Lebenssituation nicht stabil genug dafür ist. Viele der suchtkranken Menschen, die noch vor der Krise keine psychosoziale Behandlung wollten und alles getan haben, dieser zu entgehen, fragen in der jetzigen Situation nach unserem Betreuungsangebot. Wir können diesen Bedürfnissen aber gerade nicht gerecht werden.

Der Anspruch, unterstützt zu werden, wird von einigen deutlich formuliert – diese Patientinnen und Patienten reagieren mitunter wütend und beschimpfen uns sogar. Viele dieser Menschen leiden unter existenziellen Problemen und haben oft kein Handy, auf dem unsere Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sie erreichen können. Unsere Aufgabe besteht aktuell darin, den Patientinnen und Patienten zu sagen, was wir leisten können, oder besser gesagt: was wir gerade nicht leisten können. Manche Menschen sind dem System hilflos ausgeliefert.

taz:  Entlasten die vergrößerten Take-Home-Verordnungen Ihre Ambulanz?

Norbert Lyonn: Nein, wir haben gerade mehr Patientinnen und Patienten. Seit der Coronakrise haben manche Angst, sich beim Kontakt mit ihrem Dealer anzustecken, und kommen deshalb zu uns, um substituiert zu werden. Außerdem werden seit der Corona­krise viele Menschen frühzeitig aus ihrer Haft entlassen – und viele von denen brauchen Methadon oder ein anderes Substitutionsmittel.

Diese Menschen sind oft wohnungslos, ohne Versicherung und sozial nicht eingebunden. Sie haben also einen großen Bedarf für sozialarbeiterische Angebote, den wir nicht erfüllen können. Diese Angebote wurden nämlich stark reduziert und finden hauptsächlich telefonisch statt. Noch dazu kommt: Da unsere stabilen Patientinnen und Patienten zu Hause bleiben, ist der Anteil an Suchtkranken in unserer Ambulanz, die chaotische Lebensverhältnisse haben, aktuell viel größer als sonst.

taz: Wie schützen Sie und Ihr Team sich in der Ambulanz?

Norbert Lyonn: Wir geraten alle an unsere Grenzen und sind in einer prekären Situation, weil wir keine Schutzkleidung haben. Mein Team trägt seit zwei Wochen Gesichtsmasken, die eigentlich für einen Einsatz von vier bis fünf Stunden vorgesehen sind. Das ist dramatisch. Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit damit zu versuchen, Masken zu organisieren, und greife dabei auf all meine Ressourcen zurück. Menschen aus meinem Bekanntenkreis haben bereits angefangen, Masken für unsere Praxis zu nähen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber wir werden weder vom Gesundheitsamt noch von der Kassenärztlichen Vereinigung ausreichend unterstützt. Ich fühle mich im Stich gelassen.

Wir können nur hoffen, dass wir gesund bleiben. Das Team in unserer Ambulanz ist nicht groß genug, um zwei Gruppen zu bilden – damit im Notfall ein Team einspringen kann, falls das andere krank wird. Ich mache mir große Sorgen darüber, dass aufgrund eines Coronafalls eine größere Praxis in Berlin geschlossen werden muss – und alle Patientinnen und Patienten verteilt werden müssen. Ich weiß nämlich nicht, was dann mit diesen Menschen passieren soll.

taz: Was würde denn konkret passieren, wenn Ihre Ambulanz schließen müsste?

Norbert Lyonn: Wir würden entweder weiterarbeiten, ohne in Quarantäne zu gehen, oder versuchen, aus dem Homeoffice unsere 330 Patientinnen und Patienten an andere Praxen zu vermitteln. Das würde diese Praxen aber überfordern, denn viele sind aktuell schon an ihren Grenzen und haben keine ausreichenden Schutzmaterialien. Im schlimmsten Fall könnten die Patientinnen und Patienten nicht mehr mit ihrem Substitutionsmittel versorgt werden.

taz: Wie geht es Ihnen in dieser Ausnahmesituation während der Arbeit?

Norbert Lyonn: Es ist sehr deprimierend. Ich arbeite gerne mit meinen Patientinnen und Patienten und habe sonst immer lange Gespräche. Die Arbeit in einer Drogenambulanz ist auch sonst kein Job, bei dem man schnelle Erfolge sehen kann. Das hat sich nun verschlechtert. Wir können aktuell nur das Nötigste tun und deshalb keine richtigen therapeutischen Interventionen durchführen. Unsere Einrichtung ist für viele Patientinnen und Patienten oft die einzige Anlaufstelle. Es ist für die Gesundheit dieser Menschen nicht förderlich, wenn der Kontakt verringert wird. Wir sind aktuell fast wie eine Vergabemaschine und ich komme mir vor wie der Feldmarschall. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll.


Aus: "Suchtmediziner über Coronakrise: „Wie der Feldmarschall“" Interview Steven Meyer (16. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/Suchtmediziner-ueber-Coronakrise/!5676363/ (https://taz.de/Suchtmediziner-ueber-Coronakrise/!5676363/)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 16, 2020, 12:25:32 PM
Quote
Was wir lernen:

1) Wir haben gelernt, dass Fondsmanager, Bankiers und andere, trotz überraschend hoher Gehälter, nicht systemrelevant sind. Nicht mal ein bisschen. Also eigentlich gar nicht. Medizinisches Personal, Einzelhandel, Verkäufer*innen und so weiter, trotz schlechter Bezahlung, schon. Dass also Entlohnung und gesellschaftliche Bedeutung nicht proportional sind.

2) Dass man auch analog Briefe schreiben kann um Mitmenschen oder Familienmitglieder zu erfreuen. (Wirklich)

3) Dass unter dem Eindruck der Krise sehr viele Menschen, sehr schnell bereit sind auf ihre Grundrechte und den Rechtsstaat zu verzichten und noch fröhlich jauchzen wenn sie faktisch eingesperrt werden.

4) Wir lernen gerade, dass es vielleicht keine gute Idee war und ist, dass medizinische System einseitig auf Kostendeckung auszurichten.

5) Welche Bedeutung soziale Beziehungen und kulturelle Veranstaltungen für unser Leben wirklich haben und wie sehr sie fehlen, wenn es sie nicht mehr gibt.

6) Wir haben gelernt, dass der freie Markt doch nicht alles so gut regelt, wie allenthalben behauptet wird und dass auf einmal sogar Verstaatlichung möglich erscheinen, was ansonsten immer als Idee des „Sozialismus“ gebrandmarkt wurde.

7) Hände waschen. Keine Pointe.

Und jetzt stellt euch vor, wir würden dieses gelernte Wissen, wenn alles vorbei ist, anwenden und daraus gesellschaftliche Folgen ableiten: zum Beispiel medizinisches Personal besser bezahlen, soziale Kontakte stärker pflegen und so weiter… und so fort.

Dann und nur dann könnte aus der Krise wirklich ein Lerneffekt entstehen – durch erzwungenes Homeschooling. Das wäre doch was.


Aus: "Was wir gerade im Zeitraffer lernen" Juergen Kasek  (8. April 2020)
Katgeorien: Allgemein, Nach Denken, Schlagwörter Arbeit, Ausgangssprerre, Corona, Covid19, faire Bezahlung, Rechtsstaat
Quelle: https://juergenkasek.wordpress.com/2020/04/08/was-wir-gerade-im-zeitraffer-lernen/ (https://juergenkasek.wordpress.com/2020/04/08/was-wir-gerade-im-zeitraffer-lernen/)

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 16, 2020, 02:41:33 PM
Quote
[...] Katja Janssen ist Kassiererin in einem Supermarkt in Brandenburg. Sie hat viele freundliche Kunden. Doch oft hat sie es auch mit aggressivem Verhalten zu tun. Im Interview mit ntv.de findet sie klare Worte.

Verena Maria Dittrich: Frau Janssen, viele Verkäuferinnen sagen, dass erst ein Virus ausbrechen musste, bis sie zum ersten Mal so etwas wie Wertschätzung erfahren haben. Empfinden Sie das auch so?

Katja Janssen (* Echter Name liegt der Redaktion vor): Für viele Kunden sind wir unsichtbar. Ich arbeite in einer großen Discounter-Kette, vornehmlich an der Kasse. Was ich da alles in den vergangenen Wochen erlebt habe, lässt mich an meinen Mitmenschen zweifeln. Ich musste mir sehr schnell eine noch dickere Haut zulegen, damit mich das Verhalten mancher Kunden nicht persönlich kränkt. Aber es ist schon auch so, dass uns - meinen Kollegen/innen und mir - viel Wertschätzung zuteil wird. Man klopft uns jetzt öfter verbal auf die Schulter, gelegentlich erhalten wir sogar kleine Geschenke wie Pralinen. Applaus gibt es auch manchmal - wie im Theater. Das fühlt sich schön an, ist aber nur die eine Seite. Verständlich, dass darüber lieber gesprochen wird. Jedoch fühlt es sich für mich auch ein wenig illusorisch an, wenn berichtet wird, wie freundlich die Kunden in diesen Tagen doch sind. Die negativen Erfahrungen sind ja deshalb nicht weniger negativ, sondern bleiben genauso unangenehm.

Verena Maria Dittrich: Sprechen Sie auf die Hamsterkäufer an?

Katja Janssen: Unter anderem. Aber nicht nur auf die! Man gerät auch ständig mit Kunden aneinander, die auf die Einhaltung der Abstandsregeln quasi pfeifen. Die Markierungen, die wir an den Kassen extra vorgenommen haben, interessieren die einfach nicht. Manche mögen in Gedanken versunken sein, aber nicht alle. Bei vielen ist es, da bin ich sicher, einfach Ignoranz. Wenn man sie nett darauf hinweist, werden einige kiebig, andere fangen an, herumzudiskutieren. Auch nervig sind jene Kunden, die mit der kompletten Familie bei uns aufschlagen, obwohl das momentan gar nicht gestattet ist. Es gibt so viele Leute, die den Zweck dieser Regeln zum Wohle der Gemeinschaft einfach nicht kapieren wollen!


Verena Maria Dittrich: Stichwort: Abgabemengen. Werden die inzwischen eingehalten?

Katja Janssen: Von vielen Kunden ja, aber es sind auch nicht wenige, denen die Vorgaben egal sind; die trotzdem fünf Packungen Nudeln aufs Band legen. Wenn man sie dann zum Beispiel freundlich darauf hinweist, dass sie doch bitte nur drei Packungen pro Kunde mitnehmen mögen, fangen sie an, gnadenlos rumzumotzen. Ich weiß nicht, was es genau ist, aber manche haben so eine Grund-Aggressivität. Als würden sie nur darauf warten, dass man sie anspricht, um dann sofort aus der Haut zu fahren und sogar beleidigend zu werden. Bei einigen schaukelt sich die Angelegenheit bis zur Androhung eines Hausverbots hoch. Auch Mehl darf in diesen Tagen ja nur als Dreier-Packung pro Haushalt verkauft werden. Vor einigen Tagen gab es einen Kunden, der hatte den halben Wagen voll mit Mehl, ca. 20 Packungen. Nachdem ich ihn auf die Begrenzung von drei Packungen aufmerksam gemacht habe, wozu wir nun mal verpflichtet sind, zeigte dieser Kunde keinerlei Einsicht oder Verständnis. Beim Versuch das Mehl wieder aus dem Einkaufswagen zu nehmen, wurde er grob und schlug mir die Packungen wieder und wieder aus der Hand! Was folgte, waren wüste Beschimpfungen. Ihm musste das Hausrecht entzogen werden. Abends zu Hause, wenn ich allmählich zur Ruhe komme, merke ich: Das macht was mit einem.

Verena Maria Dittrich: Sprechen Sie im Team offen über derlei Vorkommnisse?

Katja Janssen: Gelegentlich. Wenn ich mal einen Tag nicht solche Kunden habe, dann hat sie eine Kollegin. Ich denke immer, man gewöhnt sich an alles, aber diese im Grunde lächerlichen Diskussionen nerven zusehends. Man fühlt sich wie im Kindergarten, muss immer wieder das Gleiche sagen, wo doch jeder mündige Bürger eigentlich selbst wissen müsste, wie er sich in dieser Krise verhalten sollte. Es ist immer wieder aufs Neue schockierend, wie viele Kunden wie Kleinkinder auf die simpelsten Einkaufs-Regeln hingewiesen werden müssen, die ja letzten Endes uns allen zugutekommen. Einhergehend mit dem Kontaktverbot kam es gleich zu neuen, unangenehmen Zwischenfällen.

Verena Maria Dittrich: Die da wären?

Katja Janssen: Ich wies ein Paar mit ihrem Sohn auf die Sachlage hin, dass nicht mehr als zwei Leute zusammen in unseren Laden kommen dürften. Prompt folgten lautstarke Beschimpfungen von der Mutter. Sie hat mich fortlaufend angebrüllt, schrie: "Dann holen Sie doch die Polizei!" Ihr eigener Mann stand kopfschüttelnd daneben und versuchte, sie zur Räson zu bringen. Aber sie wollte sich partout nicht beruhigen und tat, als würden die Regeln gern für alle anderen gelten, aber nicht für sie. Mir ist klar, dass die Krise für uns alle hart ist, aber bei manchen Kunden scheint sich Einiges angestaut zu haben, das sich in diesen Situationen dann entlädt. Diese Leute explodieren förmlich vor Wut und Aggressivität. Aber ich bin auch ein Mensch und habe Gefühle.

Verena Maria Dittrich: Wie schützen Sie sich, um sich derlei Vorfälle nicht zu Herzen zu nehmen?

Katja Janssen: Wie soll ich mich schon schützen? Ich kann nur versuchen, ruhig zu bleiben und mir immer wieder zu sagen, dass Leute, die gleich rumbrüllen oder ausrasten, mich nicht persönlich meinen, sondern dieses Verhalten wohl der momentanen Situation geschuldet ist. Man schottet sich emotional ab. Mich haben diese Erfahrungen aber zu folgendem Entschluss kommen lassen: Was die Kunden machen, ist mir mittlerweile egal. Ich werde sie, sobald ich spüre, dass es mehr als ungemütlich werden könnte, nicht mehr darauf hinweisen, wie viele Mengen sie eines jeweiligen Produkts mitnehmen dürfen. Es laugt mich aus, dieses Verhalten von Leuten, die nur an sich denken. Ich bin kein menschlicher Fußabtreter. Natürlich bitte ich sie nach wie vor freundlich, sich an die Markierungen auf dem Boden zu halten, aber das war's.

Seit Wochen weise ich Menschen in meiner Funktion als Verkäuferin auf die offenkundigen negativen Zusammenhänge ihres Kaufverhaltens in der Corona-Krise hin. Ich erkläre nahezu täglich immer wieder dieselben Dinge und Prozeduren, wieder und wieder und wieder. Ich bete es rauf und runter. Die Regeln gibt es, damit in unseren Geschäften für alle alles vorhanden ist und die Gesundheit der Kunden nicht gefährdet wird. Dafür machen wir das. Jedem, der das immer noch nicht kapiert hat, kann ich durch hundertfaches Diskutieren auch nicht mehr helfen. Ich bin nicht dafür zuständig, erwachsene Menschen zu erziehen.


Aus: "Corona-Alltag einer Kassiererin "Ich bin kein menschlicher Fußabtreter"" (Donnerstag, 16. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Ich-bin-kein-menschlicher-Fussabtreter-article21716491.html (https://www.n-tv.de/panorama/Ich-bin-kein-menschlicher-Fussabtreter-article21716491.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 18, 2020, 10:58:11 AM
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[...] Zweifel am Zahlenmaterial Chinas zur Corona-Pandemie hatte es immer gegeben – am Dienstag musste die Regierung eingestehen, dass sie berechtigt waren. 3.869 Menschen seien nach aktuellen Zahlen in der Provinz Hubei an der Krankheit Covid-19 gestorben. Sie ist das Zentrum des Ausbruchs, ihre Hauptstadt ist Wuhan. Dort sind 1.290 mehr als bisher bekannt ums Leben gekommen – ein Zuwachs zur bisherigen Zahl um die Hälfte.

Wie es zu dem "Irrtum" kommen konnte, versuchte ein Sprecher des Außenamtes mit dem Stress zu begründen, unter dem das medizinische Personal beim Ausbruch der Infektionen im Jänner und Februar gestanden sei. Dass dies auf Anweisung geschehen sei, stellte Zhao Lijian aber in Abrede: "Eine Vertuschung gab es nicht, denn unsere Regierung verbietet Vertuschungen" China komme seiner "Verantwortung vor der Geschichte, den Menschen und den Verstorbenen" nach.

Genau das aber steht als Verdacht weiter im Raum: spätestens seit Ende März das chinesische Magazin Caixin über lange Schlangen vor Bestattungsunternehmen in Wuhan berichtete sowie über die Bestellung zehntausender Urnen, deren Anzahl nicht mit den offiziellen Todeszahlen in Einklang zu bringen sei. Auch US-Präsident Donald Trump hatte vergangene Woche gesagt, das Zahlenmaterial aus China scheine ihm "etwas niedrig gegriffen" zu sein, es sei nicht glaubwürdig.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte Donnerstag in einem Interview mit der Financial Times angemerkt, es seien in China "gewiss Dinge passiert, die wir nicht wissen". Die britische Regierung wiederum hatte vor zwei Wochen über anonyme Quellen an Medien herangetragen, dass auch London nach der Krise eine "Abrechnung" mit China plane. Die fehlende Transparenz Pekings habe europäische Staaten ins Messer laufen lassen.

Peking selbst sieht sich hingegen weiter bestätigt. Das autoritäre Regierungsmodell habe seine Vorteile im Kampf gegen die Virusgefahr gezeigt, legen offizielle Medien – sehr zum Ärger europäischer Regierungen – immer deutlicher nahe. In den zensurierten sozialen Medien versuchte Peking am Freitag, auch die korrigierten Zahlen aus Wuhan schönzureden: Diese seien ein Zeichen für die hohe Transparenz, der sich Peking verschrieben habe.

Zudem zeigt Peking auch auf Europa – und findet dabei in der Tat ebenfalls Ungereimtheiten. So hatte die spanische Region Katalonien ihre Todesbilanz erst vergangenen Mittwoch um 3242 Personen erhöht, die in Altenwohnheimen gestorben waren. Ähnliches geschah mehrfach in Frankreich, auch in Italien ist von unvollständigen Zahlen die Rede. Österreich meldet in unterschiedlichen Statistiken verschieden hohe Todeszahlen – begründet auch durch die Unklarheit, ob jeder Tod eines Sars-CoV-2-Infizierten ursächlich mit der Krankheit in Zusammenhang steht. Und auch in Großbritannien steht die Regierung am Freitag erneut in der Kritik. Sie ließ in einer "Orientierungshilfe" an Ärzte mitteilen, auf Totenscheinen müsse nicht "Covid-19" vermerkt werden. "Lungenentzündung" sei ausreichend. (Manuel Escher, 17.4.2020)


Aus: "China korrigiert Todeszahlen für Wuhan um 50 Prozent nach oben, bestreitet Vertuschung" Manuel Escher (17. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116945609/china-korrigiert-todeszahlen-fuer-wuhan-um-50-prozent-nach-oben (https://www.derstandard.at/story/2000116945609/china-korrigiert-todeszahlen-fuer-wuhan-um-50-prozent-nach-oben)

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Andreas_Egger

Den Artikel fertig lesend stellt man fest, dass offensichtlich die Korrektur in China, warum auch immer sie nötig war oder gemacht wurde, auch nur ein von vielen auf der ganzen Welt war. Und dass Boris Johnson die Parole ausgibt, nicht Covid 19 sondern Lungenentzündung auf die Totenscheine zu schreiben, ist ja auch heftig.


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 18, 2020, 11:35:34 AM
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[...] "Ales zua, richtig still is’ es", bemerkt Josef Gaisberger. Und an diese Ruhe sollen sie sich gefälligst halten, die Zuagrasten, meint Josef Gaisberger. Er drückt es natürlich viel höflicher aus. Denn so ganz verschrecken, wie sein Bürgermeister es getan hat, will er die Touristen und Zweitwohnbesitzer ja auch nicht.

Immerhin ist er als Fischermeister am Altausseer See auch so etwas wie eine Respektsperson, und man lebt halt doch – und das gar nicht schlecht – vom Fremdenverkehr und den Zweitwohnbesitzern, die mittlerweile schon beinahe die Hälfte der Immobilien im Ort erworben haben.

Genau auf diese hatte es der Altausseer Bürgermeister – im Bunde mit seinen Kollegen der Nachbargemeinden – aber abgesehen, als er kürzlich in einem Schreiben an die steirische Landesregierung forderte, Besitzer eines Zweitdomizils müssten sich entscheiden, "ob sie diese Krise an ihrem Haupt- oder Zweitwohnsitz durchstehen wollen".

Es seien von Ordnungsorganen vermehrt "Autokennzeichen aus Graz, Wien und Linz" gesichtet worden, diese Gäste würden sich "den örtlichen Vorgaben und den Anordnungen der Bundesregierung widersetzen". Der Übertritt der Gemeindegrenzen müsse daher beschränkt werden. Auf grob Steirisch: Sie sollen dort bleiben, wo sie herkommen.

"Disziplinlos", seien sie, die Zweitwohnbesitzer, grollt der rüstige Über-80er Gaisbauer: "Wir müssen ja auch daheimbleiben." Nicht einmal zu seinen geliebten Fischen runter zum See könne er gehen.

Die Altausseer müssten sich an die Coronaregeln halten, aber "die" – da meint er die Städter – "halten sich nicht an die Bestimmungen. Sie kommen her zu ihren Zweitwohnsitzen, fahren in der Gegend rum, was weiß ich wohin, und dann bringen’s womöglich die Viren und Infektionen mit."

Die Zweitwohnbesitzer, und derer gibt es in Altaussee eben viele, fühlen sich jetzt, tief gekränkt, vor die Tür gesetzt. Plötzlich sind sie Fremde im eigenen Land und werden auch als solche behandelt. In Internetforen lassen sie Luft ab, ein mittlerer Orkan zieht gegen die Altausseer auf, denen vorgeworfen wird, jetzt trete deren Fremdenfeindlichkeit zutage.

"Unser Geld wollen sie schon", setzte ein überaus grantiger, gar nicht so unbekannter Wiener Bohemien einen Tweet ab. Ein Anderer aus der Twitter-Blase sieht die ganze Aufregung hingegen mit Augenzwinkern: "Da wollen Menschen aus Wien oder anderen Städten jahrelang nichts sehnlicher, als Teil der dort heimischen Subkultur zu werden. Sie mieten oder kaufen sich ein, kaufen sich neue Hüte und alte Lederhosen. Nehmen Sprache und Gebräuche an, um dann in der Krise festzustellen, dass all ihre Bemühungen vergebens waren und sie am Ende doch ,Die Wiener‘ geblieben sind, die sie von Anfang an waren."

Die Altausseerinnen und Altauseer sind aber eh noch milde. In Kritzendorf im Bezirk Tulln in Niederösterreich wurde den dortigen Zweitwohnbesitzern einfach das Wasser abgedreht. Die Stadt Klosterneuburg hatte beschlossen, das Wasser nicht aufzudrehen, um in Zeiten der Coronavirus-Krise "das Pendeln zwischen zwei Wohnsitzen einzudämmen", hieß es.

Apropos Wasser: Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil ließ jetzt anordnen, dass nur noch nahe wohnende Burgenländer das Neusiedlersee-Areal betreten dürfen. Burgenland den Burgenländern. Von draußen aus der Großstadt könnte ja das Virus kommen. Altausseer Weisheit.

Orte wie Altaussee oder Plätzchen am Neusiedlersee sind Synonyme für die Suche nach der Idylle, der Romantik alter Sommerfrische. Das Ländliche, Erdige, Ursprüngliche war immer schon – bereits in der Antike – ein "Sehnsuchtsort" wie es Friedrich Torberg 1942 im Exil für sein Altaussee formuliert hatte.

Musterbeispiel Altaussee: Es war in jüngerer Vergangenheit zuerst der Adel, der ab Mitte des 19. Jahrhunderts dem Kaiser in Bad Ischl nahe sein wollte und ins Salzkammergut nachreiste. 1847 ist der erste Zweitwohnsitz in Altaussee verbrieft.

Der Offizier und Schriftsteller Joseph Christian Freiherr von Zedlitz errichtete als erster Künstler "aus Liebe zur Natur und dem Entzücken über diese wunderbare Landschaft" sein "Seehaus". Später kamen Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal Arthur Schnitzler oder Friedrich Torberg, auch Sigmund Freud und Gustav Mahler nach.

Sie alle machten Altaussee durch ihre schiere Anwesenheit zur österreichischen Sommerfrische-Berühmtheit. Altaussee könnte als Prototyp eines Sehnsuchtsortes für Städter, wenn es der Zufall gewollt hätte, sicher auch ganz woanders liegen. Österreich verfügt ja über eine Vielzahl an idealtypischen Entschleunigungsorten.

Nicht nur Österreich hat Derartiges zu bieten. Man denke etwa an das schweizerische Sils Maria, das für Hermann Hesse und andere Künstler zur zweiten Heimat wurde. "Wir sind hier restlos begeistert und schlürfen die Luft der Gemsen wie französischen Champagner", schrieb der Komponist Richard Strauss 1947 aus dem Engadin.

Schriftsteller wie Max Frisch, Thomas Mann oder Kurt Tucholsky genossen hier diese Einschicht, Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein waren ebenso hier. Friedrich Nietzsche lebte karg in einem kleinen Engadiner Häuschen.

Diese damals geübte Bescheidenheit der Sommerfrischler ist längst aus der Mode gekommen. Die Natur, das Plätschern des Baches, das Läuten der Kuhglocken und die Heuernte wollen in einem doch eher luxuriösen Ambiente genossen und das tagsüber bei Spaziergängen Erlebte bei einem guten Tropfen und delikater Haubenküche am Abend reflektiert werden.

"Es ist ein Privat-Vergnügen – vor allem für Neu-Eliten, die sogenannten Raumpioniere, die dem Leben der Stadt entrinnen und es sich leisten können, auf das Land zu ziehen, um verödete und verlassene Räume neu zu besetzen.

Es sind Nomaden, die wie Außerirdische in der Provinz landen", formulierte es einmal der Kulturgeograf Marc Redepenning. Und da ist auch dieses erhabene Gefühl, zur Elite zu gehören, dort wo – wie in Altaussee – auch die Androschs und Mateschitz verweilen und dort mächtig ins Tourismusgeschäft investieren.

Man gehört dazu – aber plötzlich kommt dieses Virus daher und vermiest die schönLandromantik. Und nichts ist es mehr mit Stammtischsitzungen.

Die Einheimischen erlassen vielmehr eine rücksichtslose Regel des Social Distancings: Inländer raus. In ihnen keimt wieder etwas auf, das Sozialpsychologen als "soziale Identität" bezeichnen würden.

Bei einer Bedrohung von außen ist sie rasch gebildet, die einende und abwehrende "Gruppenidentität". Dann ist man Altausseer oder Burgenländer. Das Prinzip "Eigengruppe versus Fremdgruppe", funktioniert immer, wie in einer Vielzahl sozialpsychologischer Studien nachgewiesen wurde.

Es beginnt schon im gesellschaftlichen Mikrokosmos, wenn die ansässigen Speckgürtelbewohner gegen die "Zuwanderer" aus der Stadt schimpfen, wenn das obere Dorf gegen das untere Dorf polemisiert.

Im Fußballmatch der Bezirksliga ist das Dorf aber wieder geeint, wenn es gegen die Nachbargemeinde geht. Und natürlich fühlt man sich – wenn’s darauf ankommt – übergeordnet als Mühlviertler, Murtaler oder Wiener. Und irgendwann kommt der Zeitpunkt, sich als Tiroler, Steirer oder Kärnten zu outen, wenn die gemeinsame Identität der Geburtsregion gefragt ist.

Der Gruppenzusammenhalt reicht in Ausnahmefällen, wenn die Republik von außen kritisiert wird oder bei Länderspielen sogar für eine "Wir-sind-Österreicher"-Identität. Das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit hört spätestens bei Europa auf.

Das ist eine Dimension zu weit weg, da bleibt man lieber in der kleinen, aber sicheren Selbstbestimmtheit als Altausseer oder Burgenländer unter sich, mit dem Kirchturm als Horizont.

Da können die Städter kommen und noch so viele Lederhosen und Dirndln kaufen, in diese "lokale Identität" werden sie nicht integriert. Sie werden immer die "Zuagrasten" bleiben. Mit oder ohne Virus. (Walter Müller, 18.4.2020)


Aus: "Corona-Krise: Inländer raus" Walter Müller (18. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000116950860/inlaender-raus (https://www.derstandard.at/story/2000116950860/inlaender-raus)

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haslach

IMMER SO!

Die "Fremden" sind o.k., solange sie:
a) Geld bringen
b) eine Fussballmannschaft zum Sieg führen
c) als billige Hilfskräfte tätig sind (besonders in der Pflege ...)
d) als billige Erntehelfer kommen
e) in der Prostitution tätig sind (Exotik macht geil)
f) für bestimmte Kreise: ausländische Politiker als Wahlhelfer für die bevorzugte Ideologie

AMERKUNG: Die Punkte e und f stehen natürlich ohne Absicht nebeneinander


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Kara Mustafa

Hm. Ich fühle mich ehrlich gesagt zu Tirolern oder Steirern nicht überdurchschnittlich stark sexuell angezogen. Trotz der Exotik.


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bauernopfer

Ich schreibe es gerne nochmal: Das ist eine logische Fortsetzung des wachsenden Nationalismus. Aus unserem Land wird unser Bundesland, unser Bezirk, unser Ort, unsere Siedlung und am Ende dann mein Haus. Flugs den Stacheldraht aufgebaut, wer weiß schon, was dieser Nachbar im Schilde führt...


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haslach

CORONA

Was einem alles in der Corona-Krise so in den Sinn kommt: Pest, Lepra, Aussätzige, Strafe-Gottes-Theoretiker, Mia-san-mia-Philosophen, Krisengewinnler statt Kriegsgewinner, Verschwörungstheoretiker ... Und stets aufs Neue das Wort von G. B. Shaw: "Die Politik ist das Paradies der zungenfertigen Schwätzer!"


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Rohling

Wie Adolf Loos schon sagte:,Der Städter, der sich wie ein Bauer kleidet, ist ein Hanswurst.“ - Vor vielen Jahren auf der Loserhütte, August, Sonntagabend: Die Terrasse voll mit Wienern in Luxustrachten und Eingeborenen in Jeans. Unvergesslich.


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Hudson

Als Durchschnittsverdiener, der meilenweit davon entfernt ist irgendwo einen Zweitwohnsitz zu haben (es warad wegen der Kohle) und der im Moment ganz andere Sorgen und Themen hat, beobachte ich dieses Match irgendwie mit einem gewissen Grinser: Übersättig-reiche Städter/„Zweitwohnsitzer“ gegen hohle Bauernschädeln/„Bürgermeister“.

Hat was. Meine Prognose: Die Beppis vom Land werden irgendwann draufkommen, dass sie die Kommunalsteuern und Einnahme der Zweitwohnsitzer doch gern hätten, spätestens im Sommer wenn die Kasse dann komplett leer ist. Als Revanche könnte Wien nach der Wahl aber auch schon mit einer City-Maut nachgezogen haben....natürlich nur wegen dem Klimaschutz, was denn sonst....


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 19, 2020, 09:58:37 PM
"„Von Hongkong lernen“: Wo die Coronavirus-Pandemie ohne Lockdown bewältigt wird" (18.04.2020)
7,5 Millionen Einwohner, etwas mehr als 1000 bestätigte Infektionen und „nur“ vier Tote: Experten empfehlen anderen Regierungen Hongkong als Vorbild. ... Hongkong ist auch ohne einen kompletten Lockdown bislang glimpflich durch die Coronavirus-Pandemie gekommen. Eine am Samstag veröffentlichte Studie legt nahe, dass Tests und Kontaktverfolgungen sowie Änderungen des Bevölkerungsverhaltens – Maßnahmen, die weitaus weniger störende soziale und wirtschaftliche Auswirkungen haben als eine vollständige Ausgangssperre – den Kampf gegen das Coronavirus sinnvoll steuern können. "Durch die rasche Umsetzung von Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit hat Hongkong gezeigt, dass die Übertragung von Covid-19 wirksam eingedämmt werden kann, ohne auf die äußerst störende vollständige Sperrung zurückzugreifen, die von China, den USA und westeuropäischen Ländern eingeführt wurde", urteilt der Wissenschaftler Benjamin Cowling von der Universität von Hongkong. Er leitete die im renommierten Fachmagazin "Lancet Public Health" veröffentlichte Studie.
Bis Ende März habe Hongkong einen größeren Ausbruch der durch das Coronavirus ausgelösten Erkrankung Covid-19 mit einer Kombination aus Grenzeintrittsbeschränkungen, Quarantäne und Isolierung von Infizierten sowie mit einem gewissen Grad von Kontaktbeschränkungen abwenden können. ...
https://www.tagesspiegel.de/wissen/von-hongkong-lernen-wo-die-coronavirus-pandemie-ohne-lockdown-bewaeltigt-wird/25752346.html

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 19, 2020, 10:51:12 PM
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[...] Als Querfront werden zum einen anti-demokratische Strategien in der Weimarer Republik bezeichnet, die gegensätzlichen Ideologien des Nationalismus und des Sozialismus zu verbinden, um die politische Macht zu erringen. Solche Bündnisse strebten Vertreter der Konservativen Revolution seit etwa 1920 theoretisch, der damalige Reichskanzler Kurt von Schleicher 1932 praktisch an.

Als Querfront im weiteren Sinn bezeichnet man die Zusammenarbeit oder Vermischung linker und rechter Positionen, um die Zustimmung zu anti-emanzipatorischen Positionen zu vergrößern und Lager-übergreifende Aktionsbündnisse „quer“ zu bestehenden links- und rechtsgerichteten politischen Standpunkten herzustellen. ...

... Heute werden Querfront-Bestrebungen besonders im deutschen Rechtspopulismus sichtbar. Dazu zählt der Sozialwissenschaftler Wolfgang Storz die Zeitschrift Compact von Jürgen Elsässer seit 2010, das Internetportal KenFM von Ken Jebsen seit 2011, die Partei Alternative für Deutschland seit 2013, die Mahnwachen für den Frieden, das islamfeindliche Demonstrationsbündnis Pegida und dessen regionale Ableger (wie z. B. Legida in Leipzig) seit 2014. Kennzeichnend für diese neue Querfront seien eine leistungsfähige eigenständige Gegenöffentlichkeit und einfache populistische Fronten: „Volk gegen Eliten, Wahrheit gegen Lügenpresse“. Die Anhänger dieses Netzwerks bejahen laut Umfragen zwar die Idee der Demokratie, schenken den demokratischen Institutionen jedoch fast gar kein Vertrauen. Zu diesem Netzwerk gehört auch der ehemalige Sprecher für die Deutsche Burschenschaft Michael Vogt, der mit eigenen Internetmedien und Kongressen unter dem Motto Quer-Denken Verschwörungstheorien verbreitet. Er behauptet etwa, die USA hätten die Massenflucht aus Kriegsgebieten gezielt zur Zerstörung des als Blutsgemeinschaft verstandenen deutschen Volkes in Gang gesetzt.

Die Ziele dieser „Querfront“ formulierte Jürgen Elsässer in der Erstausgabe von Compact wie folgt: Man wolle eine „Volksfront“ aus der Gesamtbevölkerung aufbauen, damit diese die fehlende Souveränität erkämpfe. Die Linke müsse mit der Rechten einen „offenen Dialog“ führen und umgekehrt, um „Dogmen“ zu überwinden und „Tabus“ zu brechen und so einen gemeinsamen „Widerstand“ gegen jene Mächte zu ermöglichen, die das deutsche Volk beherrschten. Als Beispiel für einen solchen Tabubruch verwies Elsässer auf den Sozialdemokraten Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“). Die herrschenden Fremdmächte verortete er im Sinne des sekundären Antisemitismus bei den angeblich vom Zionismus bestimmten USA und dem dort beheimateten, angeblich von wenigen Personen gelenkten Kapital der „Ostküste“. Damit versuchte er Compact als wesentliches „alternatives Medium“ für den deutschen Rechtspopulismus und gegen die Mainstreammedien zu etablieren.

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Aus: "Querfront" (9. April 2020)
Quelle: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Querfront&oldid=198689869 (https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Querfront&oldid=198689869)

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[...] Mit dem Begriff Querfront wird heute die Übernahme traditionell linker Themen und Symbole durch Rechtsextreme bezeichnet. Dabei geht es der rechten Szene um zwei Hauptziele: Zum einen soll es durch die Angleichung an den linksautonomen Kleidungsstils und die Übernahme erfolgreicher Aktionsformen wie etwa des „schwarzen Blocks“ bei Demonstrationen Behörden und zivilgesellschaftlichen Akteuren erschwert werden, rechtsextreme Einstellungen und Verhaltensweisen zu erkennen und zu bekämpfen.

Zum anderen stellt die Übernahme traditionell linker Themen ein Kooperationsangebot an Linksextreme dar. Gemeinsame Bezugspunkte würden sich aus rechtsextremer Sicht dabei aus dem Kampf gegen Globalisierung, Imperialismus und Kapitalismus ergeben. In den letzten Jahren zeichnen sich besonders die Autonomen Nationalisten durch das Anwenden der Querfrontstrategie aus.

Der Begriff Querfront stammt aus der Zeit der Weimarer Präsidialkabinette (1930-1933) als die Zusammenarbeit des Reichskanzlers Kurt von Schleicher mit dem traditionell sozialdemokratischen Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) und der Nationalsozialistischen Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) debattiert wurde. Der historische Begriff ist somit nicht auf das heutige Phänomen der Übernahme des linken Erscheinungsbildes durch Rechtsextremisten anwendbar, weil hier die Zugehörigkeit zur rechten Szene verschleiert werden soll. Er trifft aber durchaus auf die Betonung ideologischer Gemeinsamkeiten zu. ...


Aus: "Querfront" (kb, Mai 2013)
https://www.politische-bildung-brandenburg.de/lexikon/querfront (https://www.politische-bildung-brandenburg.de/lexikon/querfront)

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[...] In mehreren amerikanischen Bundesstaaten demonstrieren Menschen gegen die Corona-Auflagen – befeuert von US-Präsident Donald Trump und Verschwörungstheoretikern. Manche tragen rote Trump-Kappen und -T-Shirts, viele halten amerikanische Flaggen, andere „Freiheit statt Angst“- und „Ich muss arbeiten!“-Schilder oder Kopien der Verfassung hoch. Dutzende Pickup-Trucks umkreisen immer wieder das State Capitol im Küstenstädtchen Annapolis, dem Landesparlament von Maryland. Sie hupen und brüllen sich ihre Wut aus dem Leib.

Im texanischen Austin rufen eng beieinander stehende Demonstranten „Schmeiß Fauci raus!“, was sich auf Anthony Fauci bezieht, den Top-Virologen in der Coronavirus-Taskforce von US-Präsident Donald Trump. In Concord, der Hauptstadt des Bundesstaats New Hampshire, versammeln sich rund 400 Demonstranten, darunter Bewaffnete in paramilitärischen Uniformen und mit vermummten Gesichtern, vor dem Kapitol.

Die Fernsehbilder zeigen ein Land in Aufruhr, oder zumindest Teile davon. Menschen in New Jersey, Texas, Maryland, aber auch in Indiana, Nevada, Wisconsin, Kentucky, in Kalifornien, Michigan und Ohio begehrten in den vergangenen Tagen gegen die strengen Ausgangsbeschränkungen auf, die in mehr als 90 Prozent aller Bundesstaaten verhängt wurden. Mit diesen soll die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt und den überlasteten Krankenhäusern mehr Zeit gegeben werden, mit der Krise fertig zu werden.

Die Demonstranten empfinden dies zunehmend als Tyrannei und Einschränkung ihrer Freiheitsrechte, sie sprechen von einer Überreaktion und fürchten um ihre Jobs – letzteres ist angesichts von 22 Millionen Arbeitslosen in nur vier Wochen und vielen Geschäften, deren Existenz bedroht ist, durchaus nachvollziehbar.

Andererseits ist der Protest häufig nicht nur spontaner Volkszorn, sondern aus rechten Kreisen befeuert und in Teilen finanziert. So wurden die Demonstrationen in Austin von der für Verschwörungstheorien bekannten Internetseite „Infowars“ organisiert. Deren Gründer Alex Jones, der auch bei den Protesten gesehen wurde, nennt das Virus wahlweise einen „Hoax“, eine Erfindung der Medien, oder einen von Chinas Kommunistischer Partei durchgeführten Angriff mit Biowaffen.

Jones nutzte seine Seite beispielsweise auch dafür, zu behaupten, dass der Amoklauf an der Grundschule Sandy Hook im Jahr 2012 ein „Hoax“ war oder von der Regierung inszeniert wurde, um den Amerikanern ihre Waffen wegzunehmen.

Empörung löste auch der umstrittene Wirtschaftsberater des Weißen Hauses Stephen Moore aus, der die Demonstranten mit einer amerikanischen Bürgerrechtsikone verglich. „Ich nenne diese Menschen die Rosa Parks’ unserer Zeit – sie stehen gegen Ungerechtigkeit und den Verlust ihrer Freiheitsrechte auf“, sagte Moore der „Washington Post“ vor wenigen Tagen.

Ein absurder Vergleich: Rosa Parks weigerte sich in Zeiten der Rassentrennung in einem Bus in Montgomery (Alabama), ihren Platz für einen weißen Mann freizugeben und wurde daraufhin festgenommen.

Die Demonstranten können sich aber auch von alleroberster Stelle legitimiert fühlen. So hatte Präsident Trump am Freitag auf Twitter sie sogar dazu aufgerufen. „Befreit Minnesota!“ und „Befreit Michigan!“, twitterte er, und: „Befreit Virginia, und rettet euren großartigen zweiten Verfassungszusatz. Er ist bedroht!“ Der zweite Zusatz zur US-Verfassung garantiert das Recht auf Waffentragen.

In allen drei von Trump genannten Bundesstaaten hatte es da bereits Demonstrationen gegeben – und in allen drei Staaten haben die Demokraten die Mehrheit.

Am Samstag erklärte Trump bei seinem täglichen Corona-Briefing, manche Staaten würden bei den Vorsichtsmaßnahmen übertreiben. „Ich glaube wirklich, dass sie unvernünftig sind“, sagte er mit Blick auf die demokratischen Gouverneure von Michigan und Virginia, Gretchen Whitmer und Ralph Northam. „Es gibt viel Protest da draußen. Manche Gouverneure haben sich meiner Ansicht nach mitreißen lassen.“

Dabei hatte Whitmer nichts anderes getan, als den von Trumps eigener Regierung herausgegebenen Richtlinien zu Geschäftsschließungen und „Social Distancing“ zu folgen. Und Northam hatte vor mehr als einer Woche ein schärferes Waffengesetz unterzeichnet, das nichts mit dem Coronavirus zu tun hat.

Aber das Waffenrecht ist eines der Themen, mit denen sich die republikanische Basis mobilisieren lässt. Kritiker werfen dem Präsidenten vor, mit Blick auf die Wahl im November Stimmung zu machen.

Allerdings sind die Demonstranten zwar laut und werden auf allen Sendern gezeigt. Aber sie sind offenbar nicht in der Mehrheit. Einer Studie des Washingtoner Pew-Instituts zufolge sind 66 Prozent der Amerikaner in Sorge, dass die Beschränkungen zu früh wieder aufgehoben werden. Nur 32 Prozent sagen, dies geschehe nicht schnell genug.

Die USA sind das Land mit der höchsten Zahl nachgewiesener Corona-Infektionen und Todesfälle weltweit: Die Zahl der Infizierten stieg am Samstag auf 734.000, mehr als 38.800 Menschen starben. Präsident Trump hat am Donnerstag neue Richtlinien erlassen, nach denen die Gouverneure selbst entscheiden können, wann sie Schutzauflagen lockern.


Aus: "Das steckt hinter den US-Protesten gegen Corona-Auflagen" Juliane Schäuble (19.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/-inszenierter-volkszorn-das-steckt-hinter-den-us-protesten-gegen-corona-auflagen/25754136.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/-inszenierter-volkszorn-das-steckt-hinter-den-us-protesten-gegen-corona-auflagen/25754136.html)

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MahNaMahNa 19:41 Uhr
Es scheint ganz so, als wollten die amerikanischen Demonstranten der schwedischen Linie folgen, die Tote als unvermeidlichen Kollateralschaden einkalkuliert. Auch in Berlin und hier im Forum gab und gibt es ja Proteste gegen die hiesigen -- vergleichsweise harmlosen -- Beschränkungen.

Anzahl der Corona-Toten pro 1 Mio. Einwohner:
- Minnesota: 24
- New Hampshire: 28
- Virginia: 33
- Deutschland: 54
- Schweden: 152.

In New York, wo die Zahl bei 473 liegt, gibt es verständlicherweise keine Proteste gegen die Ausgangsbeschränkungen.
Quelle für die Zahlen: https://www.worldometers.info/coronavirus/#countries (https://www.worldometers.info/coronavirus/#countries)


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[...] Die Sonne scheint, die Menschen rufen „Wir sind das Volk“. Immer dann besonders laut, wenn die Ansagen der Polizei über den Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte schallen. „Lüge“ brüllen sie den Beamten entgegen. Die versuchen, das Kontaktverbot durchzusetzen. Eine Frau hat auf ihrem Pullover den Slogan „Trump 2020“ stehen, ein anderer mit gelber Weste und Mundschutz gibt sich als Anhänger von „QAnon“ zu erkennen. Ein wirres, rechtsextremistisches Netzwerk von Verschwörungstheoretikern.

Das rechtsoffene Portal „KenFM“ ist mit einem Videoteam gekommen, der ehemalige Journalist und Erdogan-Unterstützer Martin Lejeune und der Rechtsextremist Nikolai Nerling, der sich „Volkslehrer“ nennt, drehen auch Videos.

Es ist eine wilde Mischung, die sich am Samstagnachmittag vor der Volksbühne zur „Hygiene-Demo“ versammelt hat. Laut Polizei etwas mehr als 500 Menschen. Die Versammlung ist illegal.

Seit vier Wochen treffen sie sich samstags um 15.30 Uhr. Die Zahl der Teilnehmer wächst, ihre Zusammensetzung geht von weit links bis rechtsextremistisch. Organisiert wird die Demonstration von der „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“. Seit vergangenen Donnerstag vertreibt die Gruppe auch eine eigene Zeitung, Plakate hängen an Berliner U-Bahnhöfen.

Ihr Slogan: „Wir sind die Opposition“. Hinter dem Verein stehen der Autor und Journalist (u.a. „taz“ und „Welt“) Anselm Lenz, der Autor und ehemalige Volksbühnenbesetzer Hendrik Sodenkamp und die Aktivistin Batseba N’Diaye. Die drei gehörten zum sogenannten „Haus Bartleby“.

Dieser lose Zusammenschluss von Künstlern und Autoren wurde 2014 als kapitalismuskritisches Projekt gegründet, sie veranstalteten Kunstaktionen wie ein Tribunal gegen den Kapitalismus. Jetzt distanziert sich „Haus Bartleby“ von der Demonstration.

Die Weltsicht von Lenz, Sodenkamp und Co wird auf der Website der „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“ deutlich: „Der deutsche Bundestag beschließt sein Ermächtigungsgesetz. Wir sollen ein Jahr lang in einer de-facto-Diktatur leben. Deren System ist derweil am Ende.“

Offiziell rufen sie bei ihren Demos dazu auf, Abstand zu halten und Mundschutz zu tragen. Kaum jemand hält sich daran.

Auf der Website versuchen die Aktivisten auch den Suizid des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer (CDU) zu instrumentalisieren. Er habe „sich bereits das Leben genommen. Viele andere Tragödien spielen sich ab.“ Auf der Website wird ein Foto des konservativen Politikers gezeigt.

Nach Aussage einer Polizei-Sprecherin waren am Samstag 260 Beamte notwendig, um die Demonstration aufzulösen. Einige Teilnehmer widersetzten sich. Eine Frau wurde von Polizisten auf den Boden gerungen, Menschen abgeführt, Personalien wurden aufgenommen.

Nach Tagesspiegel-Informationen wurden zwei Personen vorläufig festgenommen, bei 79 Teilnehmern wurden die Personalien festgestellt. Die Polizisten nahmen mehrere Anzeigen wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz auf.

Eineinhalb Stunden dauert es, bis der Platz vor der Volksbühne weitgehend geräumt ist. Unter Johlen und Pfeifen werden die Demonstranten in die Nebenstraßen abgedrängt, viele halten ein Grundgesetz in der Hand. Videos zeigen, dass die Demonstranten dicht an dicht stehen, nur wenige tragen Schutzmasken.

Seit einigen Tagen wird in Berlin auch die Zeitung „Demokratischer Widerstand“ verteilt. Laut eigener Aussage in einer Auflage von mehr als 20 000 Stück. Im Impressum taucht die Adresse der Volksbühne als Sitz der Redaktion und eines in Gründung befindlichen Vereins auf.

In einem Glaskasten am Theaterhaus ist am Samstag ein Symbol zu sehen, das auch einige Demonstranten tragen: Das rote V auf schwarzem Grund. Laut einer Sprecherin der Volksbühne steht es für den Anfangsbuchstaben der Bühne, einige Demonstranten interpretieren es am Samstag als Beweis, dass das Theater auf ihrer Seite steht: V - für Vendetta.

Auf Anfrage des Tagesspiegel erklärte eine Sprecherin der staatlichen Kultureinrichtung am Samstag: „Wir wurden gestern Nachmittag durch einen Hinweis darauf aufmerksam gemacht, dass der Verein „Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand“ die Adresse der Volksbühne auf Drucksachen sowie in der Impressumsangabe seiner Website nennt.“

Das Haus stehe in „keinerlei Verbindung“ zu den Herausgebern der Zeitung. „Die Adresse der Volksbühne wird ohne unsere Zustimmung verwendet“, schreibt die Sprecherin. Man prüfe jetzt rechtliche Schritte. Eine Anfrage des Tagesspiegel an die Senatsverwaltung für Kultur blieb am Samstag unbeantwortet.

Die Demonstration vor der Volksbühne ist eine von mehreren in Berlin, die sich zurzeit gegen die Eindämmungsmaßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus richten. Ein Demonstrant bezeichnete die Pandemie in einem Video-Interview als „leichte Grippe“, eine andere zeigte ein Schild mit der Aufschrift „Impfterrorismus“.

Nach der aktuellen Verordnung zur Eindämmung des Coronavirus sind in Berlin Versammlungen unter freiem Himmel von bis zu 20 Teilnehmern erlaubt. Voraussetzung ist, dass sie aus infektionsschutzrechtlicher Sicht vertretbar sind, wie es in der Verordnung heißt.

Gegen diese temporären Einschränkungen hat sich eine Front von ganz links bis ganz rechts gebildet - vor der Volksbühne demonstrieren sie gemeinsam.


Aus: "Kritik an Corona-Maßnahmen: Das steckt hinter der Querfrontdemonstration in Berlin"  Julius Betschka, Christoph Kluge  (18.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/kritik-an-corona-massnahmen-das-steckt-hinter-der-querfrontdemonstration-in-berlin/25752958.html (https://www.tagesspiegel.de/berlin/kritik-an-corona-massnahmen-das-steckt-hinter-der-querfrontdemonstration-in-berlin/25752958.html)

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Armsel 18:33 Uhr
Ich finde es langsam sehr unangenehm, was sich für eine Stimmung in der Bevölkerung durchsetzt. Getrieben von stündlich aktualisierten Zahlen über Tote und Infizierte, Mundschutz, Einschränkungen, Maßnahmen etc. entwickelt sich in einer breiten Schicht der Bevölkerung eine Blindheit gegenüber aller entgegengesetzten Meinungen. Ja vielmehr werden alle Menschen,die diese Pandemie hinterfragen, in irgendwelchen politischen Ecken getrieben oder als Verschwörungstheoretiker abgestempelt. Unsere Meinungsfreiheit ist seit Wochen eingeschränkt.In allen Medien werden nur noch Coronakonforme Unterhaltungen und Berichte gesendet. Grenzen sind geschlossen, menschliche Kontakte sind verboten die Wirtschaft und die Zukunft der nachfolgenden Generationen liegen in Trümmern. Nun demonstrieren Menschen dagegen, ein paar hundert und werden gleich negativ abgewertet. Ich glaube das Virus hat größere Schäden bei uns angerichtet als wir alle denken. Das "dicke" Ende steht uns noch bevor.


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Zweites_Ich 19:08 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Armsel 18:33 Uhr

    alle Menschen, die diese Pandemie hinterfragen

Was muß da "hinterfragt" werden, sie ist da.
Das ist zur Kenntnis zu nehmen. Punkt!


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prokrastes 20:34 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Armsel 18:33 Uhr

Eine Pandemie ist keine Meinung.


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Anarc 18:30 Uhr

Nicht weniger verschwörungstheoretisch wie die Denke einiger Spinner auf der Demo ist auch der Umgang damit. Da wird fleißig im Trüben gefischt, im Nebel gestanden oder sonstwie spekuliert - ganz wie's beliebt. Es ist schockierend wie sich eine rudimentäre Presseberichterstattung nun hier mit einem großteils völlig ungerechtfertigten Shitstorm gegen Lieblingsfeinde auswächst.

Von der Facebook-Seite des Haus Bartleby:

"An alle JournalistInnen oder sonstwie eilig Publizierenden da draußen (taz, tip Berlin z.B.): Das Haus Bartleby ist seit Sommer 2017 in der Großen Pause. Wir leben alle noch, es gibt jedoch kein gemeinsames aktives Schaffen und so geht jeder seiner Wege. Mit "Hygienedemos" und dazugehörigen Vereinen, Verschwörern und Verlassenen hat das Haus Bartleby, als der Zusammenschluss, der es einmal war, nix zu tun."

Und selbst wenn das alles so stimmen würde wie im Bericht behauptet: eine Demokratie muß auch Spinner implementieren. Sogar respektieren, denn nicht wenige wichtige Entwicklungen der Menschheit - sei es technologisch, medizinisch oder politisch - wurden anfangs als Spinnerei abgetan. Die im Forum auftauchenden Auslöschungsphantasien einiger Leser sollte der Tagesspiegel nun wirklich nicht füttern.


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Einheitsbrei 15:17 Uhr

"In Berlin-Mitte sammeln sich am Samstag Verschwörungstheoretiker, linke und rechte Aktivisten."

Ich sehe hier einen gefährlichen Trend zur Diffamierung. Habe mir die Teilnehmer auf Youtube angeschaut und sehe und höre da viele ganz normale Bürger die für ihre Rechte auf die Straße gehen. Von ein paar einzelnen Spinnern abgesehen die gibt es aber immer und überall.


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mogberlin 16:43 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Einheitsbrei 15:17 Uhr
Auf Ihre Anregung hin habe ich bei YouTube den Suchbegriff "Hygienedemo Berlin" eingegeben, den ersten Treffer (von einem - siehe Artikel - "rechtsoffenen" Herrn) angeklickt und dort mal reingeschaut: Und - siehe da, Bingo! - prompt springt mir der rechtsextremistische "Volkslehrer" ins Auge, natürlich ohne jede Einordnung, ihm wurde das Wort überlassen als wäre er tatsächlich ein "ganz normaler Bürger", wie Sie sich ausdrücken, lieber Einheitsbrei.

Sorry, da muss man schon ein bisschen unter die Oberfläche schauen und ein Mindestmaß an politischer Bildung mitbringen, um solche Videos richtig einordnen zu können.

mog


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Gophi 14:21 Uhr
Wir leben in einem freien Land und Meinungsfreiheit gehört zu unseren Werten.

Was mich stört ist das zunehmend Ordinäre, Prollhafte, mit dem Meinungen vorgetragen werden. Es ist nicht mehr der Sinn einer Demonstration, auf andere Meinungen oder Perspektiven aufmerksam zu machen, ein Gehör dafür zu schaffen, sondern es geht darum, die eigene Meinung absolutistisch durchzusetzen. Als bedeutete Meinungsfreiheit das Recht, immer Recht zu haben.

Das gewählte Bild zu dem Artikel veranschaulicht dies sehr überzeugend. Beim Betrachter entsteht nicht der Eindruck, hier wolle jemand auf eine andere Sichtweise aufmerksam machen, sondern lediglich, hier haben sich wieder mal ein paar Idioten zusammengefunden, nur um Krawall zu machen.

https://www.tagesspiegel.de/images/55000824/25753136/2-format43.jpg (https://www.tagesspiegel.de/images/55000824/25753136/2-format43.jpg)


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provinzler 13:43 Uhr

Und was hat das mit Querfront zu tun? Welcher Linke unterstützt diesen Mist bzw. wer, der das unterstützt meint ernsthaft, links zu sein?


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klausk 13:20 Uhr
Die Teilnehmer an der Initiative und vor allem an der Versammlung sind einfach nur asozial und rücksichtslos. Sie blenden vollständig aus, dass sämtliche Einschränkungen zu einer übergroßen Mehrheit von der Bevölkerung akzeptiert, mitgetragen und für überlebensnotwendig gehalten werden. Was in den Ländern geschieht, in denen man das Problem weggeredet hat, kann man gerade im Trumpland sehen. Tote in Prozent bedeutet aber immer noch, das tausende sterben und gestorben sind. Das für ein paar kleine Freiheiten in Kauf zu nehmen, ist extrem asozial und verantwortungslos. In solchen Situationen ist Solidarität vor allem mit den Schwächsten gefordert!!  Menschen, die rücksichts- und gewissenslos das Leben anderer gefährden sind eine Gefahr für die Gesellschaft. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung diese Massnahmen nicht einsehen würden, wären sie sowieso nicht durchsetzbar. Manchmal fragt man sich wirklich, wie verblendet man noch sein kann!!


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jetbundle 12:48 Uhr

Klar, sind natürlich alles Aluhutträger und Extremisten.

Jegliche seriöse wissenschaftliche Evidenz die ich bisher gesehen habe spricht gegen die Corona-Maßnahmen:

1) Die Letalität des Virus liegt lt. Daten aus Island, Dänemark, Gangelt und Anderen im Bereich von 0,1 bis 0,3%, nicht viel mehr als bei der Influenza.

2) Daten aus Deutschland und der Schweiz beweisen dass die Lockdown-Maßnahmen keinen Effekt haben. Schweden und Island zeigen dass es auch ohne Lockdown geht.

3) Die Vorersagen des "Modells" vom Imperial College, was gerne heran gezogen wird um den Nutzen der "Maßnahmen" zu belegen stimmen nicht mit den realen Daten überein. Das Modell ist also falsch.

4) Jegliche Modelle die die angebliche Überlastung des deutschen Gesundheitssystems belegen wollen verwenden absurde Annahmen zum Anteil intensivpflichtiger Infizierter, z.B. 6% bei der DGEpi verglichen zu 0,6% abgeschätzt aus derzeitigen Daten, unter Einbezug der 80% Dunkelziffer auf die die Gangelt-Studie hinweist (und andere Studien aus dem Ausland).


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mitte31 12:32 Uhr

Man muss halt einsehen, dass es gerade in Berlin immer wieder auch ein paar Leute gibt, die grundsätzlich gegen Alles und Jeden sind und es en vogue finden, immer genau das Gegenteil von der Mehrheit zu machen.

Wenn jemand der Meinung ist, China hätte das Virus bewußt freigesetzt, oder die USA, oder Muslime, oder die Pandemie sei durch 5G-Sendemasten verursacht...lasst ihm einfach seine kruden Gedanken. Solange solche Behauptungen nicht bewiesen und belegt sind, braucht man ihnen kein Gehör zu schenken.

Nahezu lustig ist es allerdings, dass viele Demonstranten das Grundgesetz dabei haben. Gerade bei Links- und Rechtsextremen ist zu normalen Zeiten die Würde des Menschen durchaus antastbar. Andere Zeiten, andere Sitten.

Und wenn Links- und Rechtsextreme nun zusammen "demonstrieren", hat Corona schon wieder was Gutesm weil das Virus verfeindete Gruppen zusammenbringt :-)

Lasst diesen Spinnern einfach ihren Spaß, wenn sie nichts Wichtigeres zu tun haben. Man sollte der Sache nur nicht zuviel Aufmerksamkeit schenken und z.B. auf mediale Berichterstattung dazu komplett verzichten. Dann erledigt sich der wöchentliche Auflauf ganz schnell von alleine.


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Hufeisensiedler 11:36 Uhr
Mehr Presseverteter als Teilnehmende. Na hoffentlich haben sie ihre Bilder und Aufnahmen bekommen. Man sollte aber auch Verständnis für die Journalisten haben. Ist ja schließlich nicht viel los in Berlin.


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Robert_Rostock 09:51 Uhr

Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht, was ich nun gruseliger finde:

- Die auf der Demo (zumindest mitlaufenden) Spinner und Extremisten
- Die Berichterstattung, die mich teilweise an das „Neue Deutschland“ von Anfang Oktober 1989 erinnert („In den Abendstunden des 7. Oktober versuchten in Berlin Randalierer, die Volksfeste zum 40. Jahrestag der DDR zu stören. Im Zusammenspiel mit westlichen Medien rotteten sie sich am Alexanderplatz und Umgebung zusammen und riefen republikfeindliche Parolen. Der Besonnenheit der Schutzund Sicherheitsorgane sowie der Teilnehmer an den Volksfesten ist es zu verdanken, daß beabsichtigte Provokationen nicht zur Entfaltung kamen“)
- Die Reaktionen vieler Foristen hier. („Wegsperren!“,“Einkesseln und 14 Tage Zwangsquarantäne auf dem Luxemburgplatz“) So ähnlich muss das auch 1968 oder zu RAF-Zeiten gewesen sein. Fehlt eigentlich nur noch der Spruch „Unter Adolf hätte man...“

Man bekommt den Eindruck, dass jeglicher Ansatz von Kritik an den Corona-Maßnahmen in die Ecke Extremismus und Verschwörungstheorie gedrückt werden soll.


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Berlineratze 09:28 Uhr
Auch unter fast vier Millionen Einwohnern gibt es auch immer ein paar Kumpels, die zum großen Wellemachen einladen. So is dit halt.

Nur, dit Volk ist nicht so bescheuert, und marschiert mit diesen Kumpels, die die Gefährlichkeit von Sars-Cov-2 absolut leugnen, weil das Volk auch Oma, Opa und ein paar Kinder zu Hause hat, weil das Volk auch kapiert, was Pflege bedeutet, wie die Krankenhäuser aussehen und auch versteht, dass es aktuell keine Immunität und keinen Impfstoff gibt, und dieses Virus den gesamten Körper (Herz, Lunge, Blutgefäße und das neuronale Netzwerk des Menschen) angreift.

Das Volk kapiert auch, dass Spazierengehen eben nicht verboten ist und das überall auf der Welt von politisch grün - bis dunkellila Einschränkungen vorgenommen wurden und das nicht, weil alle  politischen Staatschefs sich weltweiten zum Big Bang und dem Roboteraufstand verschworen haben.


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Motoko 08:38 Uhr
Ich habe ehrlich gesagt nicht sooo viel Lust mich mit solche durchgeknallten Ereignissen zu beschäftigen - dazu gibt es leider heutzutage viel zu viel andere wirklich wichtige Dinge und Geschehnisse hier und in der Welt.

Leider gibt es kein Copyright auf das was man gewöhnlich für "linke Politik" so kennt und nennt.
Und so muss man auch solche Spinner und Irre (die es nebenbei in jedem politischen Spektrum - mal mehr mal weniger - gibt) zähneknirschend ertragen, die unter diesem Motto agieren.
Andererseits gibt es schon Indizien für Seriösität und man kann an dieser Stelle sagen: Verschwörungstheorien gehören nicht dazu.
Natürlich gibt es auch Linke, die abdriven und dann bei solchen Sekten landen; nur dann man solle man diese nicht weiter als "Linke" bezeichnen, sondern als das was sie sind: durchgeknallte Freaks.
Dem Autoren kann man  vorwerfen, dass sie das was ist nicht wirklich benannt haben; nämlich im Kern eine spezielle Form von Corona-Reichsbürgern - egal woher diese einst mal angesiedelt waren von "TAZ" bis "Welt".

Abgesehen von dieser hoffentlich sich nicht als zuu oft widerholenden Freak-Show bin ich der Ansicht, dass die EXekutive in Bund und Länder bis jetzt einen guten Job getan haben; und dieses greift - sofern man den Meinungsinstituten glauben schenken will - weit weit Partei übergreifend; außer natürlich der AfD.
So betrachtet bleibt das bisherige wühlen und ätzen der Rechten an allenorten sehr begrenzt und bescheiden - und das ist gut so.

Allerdings bin ich auch der Ansicht, dass Bund und Länder bei ihrem letzten Beschluß einen großen Fehler begangen haben.
Demonstrationsfreiheit und Religionsfreiheit sind die größten und wichtigsten Grundrechte hier im Land - und dazu hätte sich wesentlich mehr Gedanken und praktische Konzepte gemacht werden sollen!

Ich geh davon aus, dass dieser Fehler ende April korrigiert und eindeutig behoben wird.


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margard 18.04.2020, 22:56 Uhr

Es ist halt superschwierig fuer Menschen die nur von den Likes ihrer Mitbuerger leben, mal ein paar Tage alleine zu sein und die nie erreichbaren Ziele ihrer Traeume weit weit weg zu sehen. Die Demonstranten zeigen eigentlich nur in Unvermoegen ihr Leben mit sich selber im klaren zu fuehren. Traurig eigentlich...


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Kaiservondeutschland 18.04.2020, 22:40 Uhr
Die sind nicht das Volk, sondern Kriminelle. Sie verstoßen nicht nur gegen das Infektionsschutzgesetz, sondern begehen auch versuchten Totschlag. Sie begehen nämlich Handlungen, die potenziell tödlich enden können und nehmen dabei die tödliche Folge billigend in Kauf. Genauso wie übrigens Spahn, Braun und Bouffier im Fahrstuhl. Da Merkel Spahn und Braun weder entlassen noch öffentlich angezählt hat, ist Merkel mitverantwortlich, dass die Disziplin zunehmend abnimmt. Die Berliner Politik traut sich auch nicht, hier hart durchzugreifen. Der Anfang vom Ende des Abstandhaltens ist eingeläutet.


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controlX 18.04.2020, 22:22 Uhr
Was läuft eigentlich in Berlin für ein gruseliger Mop herum, dass die nicht die Polizisten angespuckt haben und Corona geschrien haben ist ein Wunder. Kann man die nicht alle Dingfest machen und mit hohen Strafen belegen z. B. 1000,- Euro aufwärts, dass muss so richtig weh tun, oder ab in den Knast!


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MarkusAurelius 18.04.2020, 21:08 Uhr

Keine Toleranz für Staatsfeinde: Verfolgen, verhaften, verurteilen!


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torrez 11:36 Uhr

... Also, ich bin schon erstaunt, wie schnell Menschen sich hier ein Urteil bilden, ohne hinter die Kulissen zu schauen. Allen voran der TSP. Bin heute mal hingefahren um mit den Leuten dort zu sprechen und mal zu sehen, ob das alles solche "Spinner" sind.
Was ich gesehen haben und gehört habe, sind das Menschen die sich (wie ich finde) zurecht Sorgen machen, daß die ausgehebelten Grundrechte als Einlasstor dienen Überwachung zu verschärfen (ich erinnere an Spahns Vorstoß zum bekanntermassen nutzlosen Handytracking oder Laschets Vorstoß zur Zwangsverpflichtung von ehemaligen Pflegekräften...ja, das Gesetz war schon geschrieben).  Und über ein Demonstrationsverbot lässt sich streiten, wie das BVG heute bestätigt hat. Viele Demonstranten hatten noch Erfahrung mit der DDR gemacht und sind natürlich wachsam. Tenor meiner Befragung war, Wachsamkeit zu demonstrieren. Demokratie ist nicht selbstverständlich. Tenor war auch einer Forderung nach sinnvoller Begründung der Massnahmen. Dies ist teilweise immer noch nicht so (wir wurden von Polizisten von einer Parkbank verscheucht...ohne Begründung, obwohl dies eigentlich erlaubt ist, oder?) Selbstverständlich hängen sich dort Rechts- wie Linksextreme ran. Das erfordert aber um so mehr eine Differenzierung durch die Artikel schreibenden. Das erfordert von gutem Journalismus mit den Menschen vor Ort zu sprechen um diese Hoheit nicht den rechts- oder Linksextremen zu lassen. Hier fim Forum schreiben viele über Menschen mit denen sie nie gesprochen haben. Und zu guter Letzt: Wäre der Platz nicht geräumt worden, wäre mit dieser Anzahl von Menschen ohne Probleme eine Demo möglich gewesen, bei der alle Sicherheitabstände hätten eingehalten werden können. Mit einer Auflage einen Mundschutz zu tragen hätte so Sicherheit gewährleistet werden können. Das Grundrecht zu demonstrieren ist zu zentral um nicht alles zu versuchen, öffentliche Meinungsäusserung zu gewährleisten. Dieser Meinung ist auch das Bundesverfassungsgericht.


...


"Coronavirus-Querfront: Keine Abgrenzung nach rechtsaußen" Stefan Lauerl (16. April 2020)
Die Coronavirus-Krise hat fast auf der ganzen Welt dazu geführt, dass Grundrechte eingeschränkt werden. Und zwar sehr schnell. Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus betreffen fast jeden. Dagegen regt sich auch Protest. Seit drei Wochen wird hauptsächlich in Berlin von einer nach Eigenangaben „antifaschistischen“ Gruppe dagegen protestiert. Hand in Hand mit russischen Staatstrollen, Verschwörungideolog*innen, Rechtsaußen-Akteur*innen und Q-Gläubigen. ...
https://www.belltower.news/coronavirus-querfront-keine-abgrenzung-nach-rechtsaussen-98345/

...


"Propagandaschlacht zwischen China und USA über Ursprung des Coronavirus" (19. April 2020)
US-Präsident Donald Trump und seine Berater bringen immer öfter die Labortheorie ins Spiel. China wehrt sich vehement, die Beweislage ist schwierig ... Die Debatte um den genauen Ursprung des Coronavirus entwickelt sich allmählich zu einer wahren Propagandaschlacht zwischen den USA und China. Neuerdings betont auch die Beraterin von US-Präsident Donald Trump, die Ärztin Deborah Birx, dass sie nicht ausschließe, was niemand derzeit gesichert ausschließen kann: nämlich, woher das Virus genau stammt. ...
https://www.derstandard.at/story/2000116975258/trump-beraterin-schtrump-beraterin-keine-klarheit-ueber-ursprung
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 20, 2020, 10:12:21 AM
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[...] Ein Liberaler, der glaubte, Märkte seien unbesiegbar, muss nun die komplette Wirtschaft lahmlegen. In seiner Vorstellung sind es die "Leistungsträger", die eine Gesellschaft ausmachen, die Schrittmacher, die Unternehmer. "Vorsteiger" nannte er sie. Es bräuchte mehr junge Franzosen, die davon träumten, Milliardär zu werden. Jetzt, in der Pandemie, ist es andersherum: Der überdiplomierte Präsident dankt Hobbynäherinnen für ihre geblümten Stoffmasken und anderen, die im Leben nach weniger strebten und gerade die Versorgung Frankreichs aufrechterhalten. Es herrscht eine Art Kriegssozialismus. Die Maßnahmen gegen die Pandemie sind vorübergehend, aber ironischerweise hat kein Präsident der 5. Republik jemals so tief in die Märkte eingegriffen oder sich größere Sorgen machen müssen, ob die Grundversorgung der Bevölkerung gedeckt ist.

... Das Misstrauen der Französinnen und Franzosen in ihn rührt ganz sicher daher, dass er schlicht Fehler gemacht hat. Noch Mitte März lehnte er das Angebot ab, Schutzkleidung und Atemmasken aus China zu bestellen. Er ließ mitten in der Pandemie Regionalwahlen abhalten. Dazu aber kommt eine Art des Sprechens, ein Tonfall, eine Metaphorik, die ihn immer weiter in strategische Schwierigkeiten brachte.

... Natürlich hat Macron sehr wenig mit Donald Trump gemein. Und doch fiel beiden als Erstes ein, dass es sich bei dem Virus um einen "Feind" handele, um fortan entweder Drohungen in dessen Richtung auszusprechen oder die eigene Bevölkerung zu mobilisieren. Macron rief den Geist der Résistance an, aus dem heraus die Franzosen letztlich die Nazis besiegt hätten. Sars-CoV-19 zeigte sich unbeeindruckt.

Bestimmt ist die Kriegsmetaphorik auch ein Ersatz für Macrons liberale Erzählung, die ihm in der Pandemie abhandengekommen ist. Macron spricht von der Front, von der neuen Ordnung des Krieges, von vordersten Kampflinien, an der das Personal der Kliniken steht, dahinter kommen Busfahrer, Bauern, Verkäuferinnen. In Wirklichkeit stehen dort keine Soldaten, sondern die Gilets jaunes, auf die Macron jetzt bauen muss. Jene Menschen also, die zu Hunderttausenden gegen seine "Politik für die Reichen" auf die Straße gingen. Noch eine Ironie: Die Bewegung wurde von einer Krankenschwester gegründet.

... Rund 18.000 Menschen waren bis Freitag in Frankreich bislang an Covid-19 gestorben, nicht mitgerechnet diejenigen, die zu Hause sterben oder nicht getestet werden konnten. Weil Schutzkleidung und Masken fehlten, konnte sich das Virus in Altenheimen fast ungehindert ausbreiten. 62 Prozent der Franzosen haben in einer Umfrage gesagt, sie fürchteten um ihr Leben. Inzwischen, so erzählt die Krankenschwester Elodie Caillon-Royer, kommen die Menschen schon mit angstgeweiteten Augen in die Notaufnahme. Ein junger Mann in seinen Dreißigern, mit fast 42 Grad Fieber und schlechten Blutwerten, ist ihr in Erinnerung geblieben. "Haben Sie noch einen Platz für mich?", flüsterte er. "Ich habe Kinder."

Das Virus trifft eine sozial aufgewühlte Gesellschaft. Hier werden die Corona-Infizierten von Ärztinnen und Ärzten, von Pflegern und Krankenschwestern betreut, die seit Monaten für mehr Personal streikten, für eine höhere Bezahlung und besser ausgestattete Krankenhäuser. Ihr zählt das Geld, wir zählen die Toten, so lautete einer ihrer Demosprüche. Inzwischen werden eben tatsächlich jeden Abend die Totenzahlen gemeldet.

... Doch große Krisen haben ein Vorher und ein Nachher. Wird Macron sein Gesellschaftsbild und seine Politik ändern? Die Pandemie führt recht nüchtern vor, wie viel körperliche, schmutzige, harte, repetitive Arbeit notwendig ist, damit andere ihre Freiheit leben können und Wahlmöglichkeiten haben. Wenn man wollte, könnte man daraus schließen, dass nicht das Unten auf das Oben angewiesen ist, sondern es andersherum genauso ist.

Manches deutet darauf hin, dass Macron eine Wende vollziehen will. In seiner Ansprache am Montagabend schlug er einen weicheren Ton an. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Pandemie ließ der Präsident so etwas wie Betroffenheit erkennen. Das Wort Krieg nahm er nicht mehr in den Mund. Dafür war seine Rede der Versuch, alle in den Blick zu nehmen, auch diejenigen, die er sonst manchmal vergisst: die Kinder der armen Familien, die Menschen aus den Vorstädten, die in engen Wohnungen leben und Gewalt fürchten müssen. In der Rede kündigte er an, dass Familien, die von Sozialhilfe leben, 150 Euro pro Haushalt und 100 Euro pro Kind sofort erhalten sollen.

Und ein paar Tage später sagte Macron in der Financial Times: "Wir hatten das Gefühl, dass es keine Grenzen mehr gebe. Es ging darum, schneller und schneller zu sein, um mehr Wachstum. Aber in den vergangenen Jahren ist die Ungleichheit in den westlichen Ländern gewachsen. Und es war klar, dass diese Art von Globalisierung an ein Ende gekommen ist, dass sie die Demokratie unterwandert." Macron, der Globalisierungskritiker.

Seine Rentenreform hat er vorübergehend ad acta gelegt, ein Projekt, das im Winter von Anwältinnen bis zu Lehrern und Zugführern nahezu jede Berufsgruppe auf die Straße brachte, weil die meisten länger arbeiten müssten und ihre Bezüge sänken. Macron aber hielt daran fest. Jetzt sagt der Fraktionsvorsitzende von Macrons Partei, Gilles Le Gendre, die Reform spalte die Gesellschaft, man solle ganz darauf verzichten.

Auch Matthieu Orphelin, der die Fraktion der Macron-Partei im Streit über die Klima- und Sozialpolitik des Präsidenten verlassen hat und seither ein bekannter Kritiker ist, sagt: "Ich glaube schon, dass Macron jetzt anders regieren wird." Seit einigen Tagen jedenfalls antworte der Präsident wieder auf seine SMS.

Einfach wird es aber nicht für den linken Macron. Der französische Arbeitgeberverband schlug gerade vor, die Pandemie sei die Gelegenheit, endlich die 35-Stunden-Woche abzuschaffen und Urlaubstage zu streichen, um die Kosten der Krise zu finanzieren. Eine Argumentation, die sich durchaus durchsetzen könnte, sobald der erste Schrecken vorbei sein sollte.


Aus: "Wird aus dem Marktliberalen jetzt ein Sozialist?"  Elisabeth Raether und Annika Joeres (18. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/emmanuel-macron-frankreich-krisenpolitik-liberalismus-sozialismus/komplettansicht (https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/emmanuel-macron-frankreich-krisenpolitik-liberalismus-sozialismus/komplettansicht)

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Tertius #6

Wird der Wolf zum Lamm?
Kann sein.
Aber nur im Märchen.
Und im Traum.


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Dankbarkeit #21

Deutschland steht auch so gut da weil es ein foederales System hat . D


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Augenspray #21.1

Stimmt: Aldi Süd und Aldi-Nord.


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Dankbarkeit #21.2

Ich habe ueber Ihre Antwort echt lachen muessen. Tut gut in Coronazeiten. ...


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Tobsse #29

Ich kann jedem nur das längere Interview Macrons von der Financial Times ans Herzen legen: "Emmanuel Macron tells the FT coronavirus is Europe's 'moment of truth', 16.04.2020" https://youtu.be/DPGfKhCICC0 (https://youtu.be/DPGfKhCICC0)
Macron scheint mir durchaus selbstreflektierter und weitsichtiger als es oft in den Nachrichten den Eindruck macht. Letztlich halte ich seine Bewertung der Folgen der Coronakrise und die Schlüsse die wir daraus für Europa und die globale Wirtschaftsordnung ziehen müssen im Kern zu treffend.


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NaDaSchauHer #31

„ Emmanuel Macron muss nicht nur das Virus in den Griff bekommen: Er muss sich politisch neu erfinden.“

Wenn ich dieses „sich neu erfinden schon höre“ - bedeutet, was ich vorher links rum gemacht habe, mache ich jetzt rechts rum. Was ich gestern gemacht habe war alles Mist, ab heute mach ich alles viel, viel besser.

Marcon war nie ein „Wunschpräsident“ - er war und ist nichts anderes als die einzig wählbare Alternative zu Le Pen gewesen. „Den“ oder gar nichts - das war die damalige Wahl. Stellen wir es hier bei uns vor; nur die Wahl zwischen Söder und Hoecke: Nur die Reduzierung auf das kleinere Übel. Nichts anderes.

Und dieses „kleinere Übel“ Macron merkt selber inzwischen, das er seine Landleute wohl nie wirklich erreichen wird. ...


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[...] Obwohl das Coronavirus selbst nicht diskriminiert und keinen Unterschied zwischen Rassen und Klassen macht, trifft es vor allem Arme, Schwarze und Latinos. Es offenbart, was eigentlich schon lange klar ist: Die Postleitzahl entscheidet über die Gesundheit. Wer Not leidet und in ärmeren Landstrichen oder Stadtvierteln lebt, ist einerseits gar nicht oder nur äußerst eingeschränkt krankenversichert. Er wird andererseits auch sehr viel schlechter ärztlich versorgt.

In Amerika stehen die weltbesten Krankenhäuser, arbeiten hervorragende Ärztinnen und Forscher. Doch profitieren davon in der Regel nur die Betuchten, die sich Privatkliniken leisten können. In der Breite fehlt es derzeit an fast allem, an Ärzten und Pflegern, an Hospitälern, an Intensivbetten, an Beatmungsmaschinen und anderem medizinischen Gerät. Die staatlichen Krankenhäuser sind völlig überfordert und werden von den privaten kaum entlastet. Erste und dritte Welt treffen hier hart aufeinander, oft nur wenige Kilometer voneinander getrennt.

Allgemeine Statistiken über die Ungleichheit in der Corona-Krise gibt es nicht. Aber am 7. April veröffentlichte die Washington Post erste Zahlen ihrer eigenen Recherche. Im Bezirk Milwaukee, Heimat der größten Stadt des nördlichen Bundesstaats Wisconsin, waren zu diesem Zeitpunkt sieben von zehn Corona-Toten Afroamerikaner, obwohl sie nur jeden vierten Einwohner stellen. Im Bundesstaat Louisiana waren ebenfalls 70 Prozent der Corona-Toten Schwarze, dort machen sie aber nur 32 Prozent der Bevölkerung aus. In Chicago liegt die Todesrate der Schwarzen den Zahlen der Washington Post zufolge sechs Mal so hoch wie die der Weißen.

Auch die Sterblichkeit von Latinos ist im Vergleich zur weißen Bevölkerung fast überall höher. Gründe dafür gibt es viele. Afroamerikaner wie Latinos haben oft Vorerkrankungen, die lebensbedrohlich sein können, wenn man sich mit dem Coronavirus ansteckt. Gerade schwarze Menschen leiden besonders häufig an Diabetes, Bluthochdruck und Asthma.

Neben Armut und der daraus folgenden schlechteren ärztlichen Versorgung eint Afroamerikanerinnen und Latinos außerdem ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat, schreibt die New York Times in einem Leitartikel. Weil sie sich von Behörden oft im Stich gelassen fühlten, schenkten sie den Informationen und Verhaltensgeboten auch in der aktuellen Situation wenig Glauben.

Hinzu komme, dass Angehörige der Minderheiten besonders oft in systemrelevanten Berufen arbeiteten. Dazu zähle nicht nur die Gesundheitsversorgung, wo sie meist mit Gesichtsmasken und Handschuhen versorgt würden, sondern auch Tätigkeiten als Boten und Reinigungskräfte, als Kassierer in Supermärkten, als Busfahrerinnen und U-Bahn-Angestellte. Dort erhielten sie keine Schutzkleidung.

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Aus: "Das Coronavirus offenbart ein gespaltenes Land" Eine Kolumne von Martin Klingst (20. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/us-gesundheitssytem-joe-biden-coronavirus-armut-obamacare (https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/us-gesundheitssytem-joe-biden-coronavirus-armut-obamacare)

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USER678 #9

„Die Folgen von Covid-19 legen in aller Brutalität die grundsätzlichen Fehler, Versäumnisse und Schwächen des amerikanischen Gesundheitssystems offen. Sie zeigen auch die tiefen gesellschaftlichen Friktionen, die krasse Spaltung zwischen Armen und Reichen, zwischen Minderheiten und weißen Amerikanern.“

Ich glaube nicht dass die krasse Spaltung zwischen Armen und Reichen, zwischen Minderheiten und weißen Amerikanern erst seit Corona bekannt ist. Dieses Wissen wurde bei uns eher mit „Zurückhaltung“ weiter gegeben. ...


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 21, 2020, 11:18:55 AM
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[...] Das Land hätte vorbereitet sein können, allemal gewarnt. Seit drei Jahren starren die USA nun gleichermaßen hypnotisiert wie hysterisch auf ihren Präsidenten, und jedes Wort dieses Mannes wird gedreht und gedeutet, jeder Tweet zitiert. Dass der Präsident wüst und sprunghaft ist, kleingeistig und eitel, rachsüchtig und fremdenfeindlich, das weiß das Land längst, das wusste es ja bereits, ehe es ihn wählte. Dass er eine rohe, etwas plumpe Sprache spricht, dass er Wissenschaft verachtet, sogar Politik verachtet: Alles keine Überraschung mehr, genau deshalb ist Donald Trump gewählt worden.

Aber das Land ist verblüfft. Schockiert. Ist dies nun der Moment, der in der Rückschau das Scheitern der USA in der Corona-Krise markieren wird? Das Ende aller Strategien? Die Kapitulation?

Der Präsident schrieb am frühen Freitag, von 8.21 Uhr bis 8.25 Uhr, drei Tweets, allesamt in Versalien: "Befreit Minnesota!", "Befreit Michigan!", "Befreit Virginia, und rettet unseren großartigen zweiten Verfassungszusatz, der attackiert wird!" Trump rief damit zum Widerstand gegen die eigene Politik auf, vor allem aber natürlich gegen die Gouverneure, gegen deren Regeln, gegen die Schließung von Geschäften, Parks, Restaurants; und dass ausgerechnet der Präsident jenes 2nd amendment ins Spiel brachte, welches das Recht garantiert, Waffen zu tragen, ließ nicht wenige Menschen in den USA an einen Bürgerkrieg denken.

Es ist zu früh dafür, bereits heute ein Scheitern der gesamten Vereinigten Staaten in dieser Krise zu diagnostizieren. Glücklicherweise. Es gibt viele Pflegekräfte, Ärzte, Forscher, auch Politiker in den USA und sowieso Bürgerinnen und Bürger, die mit größter Ernsthaftigkeit gegen Covid-19 kämpfen; das Land ist so riesig wie vielschichtig, es war immer schon mehr als seine Regierung.

Aber noch immer gibt es nur 100.000 Corona-Tests pro Tag  in den USA, und das Vierfache wäre nötig, um heute die Ausbreitung zu verstehen und irgendwann präventiv handeln zu können. 745.134 Infizierte und 35.462 Tote waren es am Sonntagabend um 19 Uhr, offiziell. Die Tweets des Präsidenten werden fraglos dafür sorgen, dass viele Millionen Menschen nun die soziale Distanz, die Schutzmasken und vor allem die Selbstisolierung aufgeben werden, ehe ein funktionierendes Test- und Behandlungssystem aufgebaut wurde.

Das Scheitern ist darum realistisch geworden: Möglich ist inzwischen, dass die USA durch ihre permanenten Kurswechsel diesmal tatsächlich entgleisen; dass nämlich SARS-CoV-2 immer wieder neue Heimaten und dann Verbreitung findet, Welle auf Welle.

Möglich auch, dass die USA aus der Ferne erleben müssen, mutmaßlich beschämt, wie Deutschland, Frankreich, Österreich und die Schweiz, natürlich Südkorea (das zeitgleich mit den USA ereilt wurde, aber schnell reagierte), auch Spanien und Italien mit stringenter Politik und disziplinierter Solidarität Monate des Ausnahmezustands durchstehen – und danach, vielleicht zaghaft, gewiss fehlerhaft, wieder so etwas wie ein gesellschaftliches Leben in Gang bringen, inklusive spätsommerlich lebendiger Städte.

Möglich ist schließlich, dass die Rechten in den USA selbst daraus nicht lernen werden, sondern lediglich weitermachen werden mit ihrer geradezu manischen Suche nach Schuldigen. Dies nämlich scheinen sie obsessiv zu benötigen: einen Täter, dem sie die alleinige Schuld geben und den sie folglich mit Wucht verdammen können. Die Weltgesundheitsorganisation! China! Die Demokraten! Ein Wanted-Plakat am Saloon, Täter wird gejagt, Täter wird zur Strecke gebracht … Problem gelöst?

Das Land ist auch in dieser Krise wieder so gespalten wie zuletzt während des Amtsenthebungsverfahrens gegen Trump. Es gibt in den USA keine nationale Einheit mehr, auch nicht in diesen so gewichtigen, zutiefst ernsten Monaten. Es gibt ja auch keine amerikanische Strategie (von amerikanischer Führung redet in dieser Weltkrise sowieso niemand). Joe Biden, die Hoffnung der Demokraten, sitzt seit Wochen in seinem Keller in Wilmington, Delaware, und versucht, irgendwie aufzufallen, was als hilflos auffällt. Die Menschen in den USA wissen: Sie sind auf sich gestellt, auf die Regierung können sie nicht bauen. Es ist ein Experiment, ein Menschenversuch: Wer wird durchkommen? 

Das Scheitern der amerikanischen Politik ist nunmehr tatsächlich herbeigeführt, das Scheitern der Regierung Trump sowieso. Donald Trump und seine Republikaner haben sich in den eigenen Widersprüchen verstrickt, und sie zeigen, noch immer, keinerlei Wärme, kein Mitgefühl mit trauernden Familien; und im inzwischen vierten Monat dieses Dramas wird das alles von Tag zu Tag immer noch ein bisschen schlimmer.

Am 13. März sagt Trump, er übernehme keinerlei Verantwortung.

Am 10. April sagt er, die Entscheidung, wann und wie er das Land wieder öffne, werde die schwierigste seines Lebens.

Am 13. April sagt er, er allein mache die Ansagen, er habe die "totale Autorität".

Am 15. April paddelt er zurück und sagt, nicht er, sondern die Gouverneure seien zuständig für die Wiedereröffnung des Landes, für Tests, eigentlich für alles. Dass eine Regierung in Washington, D.C., auf eine nationale Notlage mit Dezentralisierung und Deregulierung antwortet, ist wie so vieles in dieser Präsidentschaft eine amerikanische Premiere.

Am 17. April aber sagt Trump eben jenen Gouverneuren, vor allem den drei demokratischen in Minnesota, Michigan und Virginia, wieder den Kampf an, stellt sich mit seinen "Liberate!"-Tweets auf die Seite rechter Demonstranten, zerstört den Rest des Zusammenhalts und sowieso jegliche kommunikative Klarheit.

Und auch dies ist Amerika: In Florida werden Profi-Ringkämpfe zum "essentiellen Geschäft" erklärt, dürfen also weitergehen (Trump und Gouverneur Ron De Santis haben hohe Spenden vom Wrestling-Verband erhalten). Dann öffnen in Florida auch manche Strände wieder und sind sofort bevölkert: #FloridaMorons wird zum Twitter-Trend. Dann versammeln sich in Minnesota, Michigan, Virginia große und immer größere Gruppen und demonstrieren. Dann bringen sie Maschinengewehre mit. Dann Hakenkreuze. Es folgen Demonstrationen in Texas, Kalifornien, bald im ganzen Land, und die meisten Demonstrierenden tragen natürlich keine Masken, gehen und stehen nahe beieinander, schleifen die eigenen Kinder durch das Menschengewühl, rufen in die Kameras: "Ich bin stärker als das verdammte Virus."

So nämlich können die USA, dieses Land freier Denkerinnen und Denker, mutiger Universitäten, findiger Konzerne, mitunter leider auch sein: so dumm.

Sie können so dumm sein, weil sie die Wissenschaften nicht ernst nehmen und seit Jahrzehnten daran gewöhnt sind, Studien zu verdrehen und zu politisieren: So war es beim Ozonloch und bei der Entdeckung von Quecksilber in Fischen, so war und ist es beim Klimawandel, so ist es jetzt bei Corona.

Sie können deshalb so dumm sein, weil sie sich im Wahlkampf befinden: Trump hat zwar im Januar und im Februar gesagt, das Virus sei bald wieder weg und sowieso im Griff, und Peking sei transparent und tatkräftig. Aber heute will und muss er aus taktischen Gründen damals das Gegenteil gesagt haben und gibt sich selbst "10 von 10" möglichen Punkten; "wir haben keinerlei Fehler gemacht", das sagt er auch. FOX News und Breitbart und die meisten konservativen Plattformen stützen dieses Narrativ, verstärken also, mutmaßlich wissentlich, die Unwahrheiten. "Tyrannei der 'Experten'", twittert die FOX-Moderatorin Laura Ingraham.

Das ganze Spektakel der Trump-Show, dieser täglichen Pressekonferenzen und ihrer Interpretationen in allen Sendern, ist vor allem zweierlei: viel zu laut und ganz und gar durcheinander. Knappe, klare Botschaften und Regeln, welche die Bevölkerung verstehen und 14 Tage lang befolgen könnte, um dann zu sehen, ob sie einen Effekt haben, erleben die USA schon lange nicht mehr und jetzt, in der Krise, noch immer nicht. Stattdessen erleben sie die Herren Jones und Kirk.

Alex Jones, ein bulliger Typ mit Glatze, Bart und dicken Oberarmen, ist Amerikas führender Konspirationstheoretiker. Seine Firma heißt "Infowars", Jones macht Radio und schreibt; immer wieder mal ist Alex Jones auf Facebook und Twitter gesperrt, aber einen echten Konspirationstheoretiker bestärken solche Strafen nur in seinen Theorien.

Sein zynisches Meisterstück lieferte Alex Jones 2012, nach dem Massaker an der Sandy Hook-Grundschule von Newtown, bei dem 26 Menschen, darunter 20 Kinder zwischen sechs und acht Jahren, ermordet worden waren. "Keiner ist gestorben", sagte Jones damals, "das waren Kinderschauspieler." Man mag kaum glauben, dass irgendwer irgendwo mit solch einer Geschichte Erfolg haben kann, aber in Amerika geht das. Jones sagte, dass liberale Demokraten das Schulmassaker, dieses angebliche, erfunden hätten, um gegen das Recht auf Schusswaffen und die National Rifle Association zu agitieren. Das Echo war gewaltig. Jones trieb seine Geschichte so weit, dass Eltern der ermordeten Kinder angepöbelt wurden und beweisen mussten, dass ihr Sohn oder ihre Tochter tatsächlich tot sei. Dann zogen sie weg, die armen Eltern.

Und nun, an diesem Wochenende, führt Alex Jones Demonstrationen in Austin, Texas, an, verlangt die Wiedereröffnung Amerikas und "den Kampf gegen die Tyrannen"; er nennt das Virus via Megaphon einen Schwindel, lässt sich umarmen, schüttelt Hände. "Fire Fauci", ruft Jones schließlich, denn der Epidemiologe Anthony Fauci, der das Land noch immer um Vorsicht und soziale Distanz bittet, ist das Feindbild der texanischen Freiheitskämpfer geworden.

Und da ist Charlie Kirk, erst 26 Jahre alt, Gründer der Website Turning Point USA und längst ein Star der rechten Szene. "Mehr denn je brauchen wir die Mauer. Wenn das China-Virus um die Erde wandert, haben die USA nur eine Chance, wenn sie ihre Grenzen schützen", twitterte Kirk am Freitag, "Präsident Trump sorgt dafür, dass es geschieht."

Kirk tauchte nach der Wahl von 2016 im politischen Amerika auf, zunächst als konservativer Kommentator, dann mit Denunziationen und glatten Lügen über Nancy Pelosi oder Hillary Clinton. Er reiste mit Donald Trump Jr., dem Sohn, durchs Land, trug dessen Koffer, buchte dessen Flüge.

Am Freitag, spät am Abend, las der Präsident das Tageswerk des jungen Charlie Kirk. So schlimm ist das Virus nicht! Trump ist ein großer Präsident! "Öffnet Amerika wieder!" Gleich elfmal klickte Donald Trump auf "Retweet", Trump hat inzwischen 77 Millionen Follower.

Falls, in einigen Monaten, die USA großes Glück gehabt haben sollten, wird diese Krise irgendwie zu Ende gegangen sein, nicht ganz so desaströs wie befürchtet. Es kann allerdings, und unwahrscheinlich ist das mittlerweile nicht mehr, auch ganz und gar desaströs kommen und endlos lang dauern.

Und wenn es, irgendwann, dann doch ein Ende gibt, werden sehr viel mehr Menschen gestorben sein, als hätten sterben müssen.


Aus: "Coronavirus in den USA: Ein amerikanischer Menschenversuch" Ein Kommentar von Klaus Brinkbäumer, New York (20. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/coronavirus-usa-donald-trump-massnahmen-regierung-bevoelkerung/komplettansicht (https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/coronavirus-usa-donald-trump-massnahmen-regierung-bevoelkerung/komplettansicht)

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Daedalus. #2.25 

"Tut mir leid, aber Sie haben da auf's falsche Pferd gesetzt. Trump ist das Gegenteil von guter rationaler Politik"

Ich habe nie auf Trump gesetzt und darum geht es auch nicht, es geht darum, dass ich nicht gut finde wenn im Stil eines schwarzen Kanals über das Ausland berichtet wird, die Tonalität, die Aufmachung, düstere Bilder, ...

"Die Trump-Regierung will sie nicht retten, sie sind allein",
"Afroamerikaner sterben weit häufiger als Weiße. Aber Donald Trump hat sich für sie noch nie interessiert",
"Der Präsident gefährdet Menschenleben, nur um seine Wiederwahl zu sichern",
"Für Donald Trump ist Geld etwas, das die Banken zaubern",

dagegen

"Angela Merkel: Krisen kann sie"
"Beim Kampf gegen die Pandemie trifft die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern den richtigen Ton [...] Die effektivste weibliche Führerin der Welt"
"Ursula von der Leyen: Sie handelt [...] Etwas Großspurigkeit sei da erlaubt"
"Cuomo: Der Held, der auf Fakten hört"

Alles nur Headlines zu diesem Thema ...

["Ich halte einen Großteil der Amis für geistig unterentwickelt"

Was soll ich dazu sagen.
An der deutschen geistigen Entwicklung soll die Welt genesen... [https://de.wikipedia.org/wiki/Am_deutschen_Wesen_mag_die_Welt_genesen (https://de.wikipedia.org/wiki/Am_deutschen_Wesen_mag_die_Welt_genesen)]]


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polarapfel #2.40

Da die Amerikaner keinerlei Bezug zu deutschen Medien haben, können deutsche Medien schreiben, was sie wollen, denn das liest in den USA niemand. Im Gegensatz zu den deutschen Medien, die eine wahre Faszination mit den USA haben, interessiert man sich in den USA nur am Rande für andere Länder wie Deutschland.


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sitzplatzaus #2.44

"Vielleicht beweisen uns "die Amerikaner" aber auch bald, dass wir nur mal wieder "German Angst" hatten und Corona nichts anderes als eine heftige Grippewelle war?"

Genau! Oder eigentlich doch eher nein: es war eigentlich eine Angriff des "Deep State" dem der Potus Donald einen anderen Spin gegeben hat und Corona nun als Ablenkungsmanöver zum Sturz des "Deep State" umfunktioniert hat, der gerissene Retter der Welt.

Zur "German Angst": herrscht die nun auch in Italien, Spanien, England, Singapur, China, Russland, Schweiz, Österreich, Australien, Neuseeland, Frankreich, Holland und eigentlich dem Rest der Welt (incl. USA) - ist sie ein "deutscher Virus", an dem sich die Welt angesteckt hat, bevor wir hier den ersten infizierten im Lande hatten?

...


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oLii96x #14

Viele Amerikaner wollen (!) auch gar nicht gerettet werden. Nur führt maximale Freiheit in extremsituationen zu maximalem sterben..


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James Holden #14.1

Das ist der Punkt.


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Vielreisender Zeitungsl3ser #21

Ich bin mal gespannt, ob die Presse sich diesmal wieder so irrt, wie bei der letzte Trump Wahl, mein Gefühl sagt entgegen den meisten Kommentaren ja. Ich glaube, der nächste US President heißt leider Trump


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metua #27

Das ist die USA. Gespalten wie selten zuvor. An die Vorredner: Die deutschen Medien erteilen keine Ratschläge, sondern berichten oder kommentieren. Das dürfte den Freunden der Trumpschen Pressefreiheit natürlich seltsam vorkommen.

Trump und seine Regierung machen alles richtig, aus Sicht Trumps und seiner Regierung. Trump ist der Geisterfahrer, der die 100en entgegen kommenden Autos für die Geisterfahrer hält.


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Daniel_R #46

Die US-Amerikaner sind es gewöhnt ihre Probleme selbst lösen zu müssen. Außerdem akzeptieren sie (mehr als wir), dass der Stärkere überleben darf. ...


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Runkelstoss #48.5

Warum gibt es nicht den gleichen Artikel über Frankreich oder Belgien, Spanien oder Italien?

Weil sich in keinem dieser Länder die Regierungschefs hinstellen und nach Schuldigen fahnden und sich nicht entscheiden können und wollen.
Weil sich in keinem dieser Länder Teile der Medien versuchen das Ganze als Erfindung hinstellen.


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Stein der Weisen #68

Und ich bin immer noch der Meinung der Autor irrt.
Ein gut geschriebener Artikel, intelligent und spannend.

Jedoch macht er sich zu sehr an Trump fest. Wenn jemand wie Trump Präsident werden kann und 2020 realistische Aussichten hat wiedergewählt zu werden, zeigt das doch ganz knallhart an, das etwas zu Bruch gegangen ist.

Trump ist nur ein Symptom. Selbst seine Wähler wissen das er offenbar ein Idiot ist. Und nein, die Amerikaner die ihn wählen sind nicht dumm.
Sie wollen nur das Land brennen sehen und wenn Trump es ihnen nicht bieten werden kann, dann eben jemand anderes!

Trump ist nur die Witzfigur, die trotz besseren Wissens gewählt worden ist um den Demokraten ins Gesicht zu spucken.


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Augenspray #68.1

Zu hart formuliert - aber im Kern ist es so.


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Drehstuhl #68.2

Sorry, aber das ist Nonsens!
Die Wähler haben mit Trump ein Sinnbild für die Politikverdrossenheit der Bevölkerung geschaffen und sich den übelsten Vertreter dafür ausgesucht. Auch wenn es manchen Redneck gab, der sein Gebaren toll fand. Die Ernüchterung am nächsten Tag war auch für die groß, die ihm als Denkzettel, als Ohrfeige für die Politikerriegen eine Stimme gegeben haben. ...


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LexLegis #70

Die Ergebnisse der Coronabekämpfung in den USA sind nicht schlechter als in Italien, Spanien und anderen Ländern auch.

Man muss Trump nicht mögen. Er ist kein guter Politiker. Es ist aber ermüdend, wenn jeder Vorwand genutzt wird, um auf den Mann einzudreschen, ganz unabhängig davon, ob er nun wirklich wesentlich schlechter agiert als andere Politiker.

Bei Obama war es genau umgekehrt. Der Mann sah gut aus, konnte reden und hatte eine nette Familie. Er hatte immer gute Presse, selbst dann, wenn er Feinde der USA ohne Gerichtsverfahren exekutieren liess (siehe etwa Osama Bin Laden, Predatordrohnen).

Etwas mehr Ausgewogenheit in der Berichterstattung wäre schon schön.


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shambhalashen #71

"Ein amerikanischer Menscherversuch"

Alle westlich zivilisierten Ländern führen gerade einen Menschenversuch durch.
Jedes auf seine Art.


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BKBrackel #76

Trump und die meisten seiner Anhänger, und darüber hinaus, sind im Kern Darwinisten - survival of the fittest. Ein anderes Mantra der Konservativen und Rechten war schon immer: society does not owe you a living. Wer arm ist, der ist selbst daran schuld, und wer sich keine gute Krankenversicherung leisten kann, der hat eben Pech gehabt. Neben allen Absurditäten, die es auf vielfältige Weise in den wunderbar verrückten Land gibt, scheint mir der Strang für einen darwinistischen Individualismus am stärksten zu sein.


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DocWho #89

Dieser Artikel gibt eine Meinung wieder. Diese Meinung entspricht dem Mainstream der Demokraten und einiger Linken hier. Mehr nicht.  ...


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eve online #93

"Sie können so dumm sein, weil sie die Wissenschaften nicht ernst nehmen und seit Jahrzehnten daran gewöhnt sind, Studien zu verdrehen und zu politisieren"

Wohl eher wegen einer 70 jahre dauernden Gehirnwaesche durch Dauerwerbesendungen, Spielshows und Evangelikale.


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invoker #116

Zur Wahrheit gehört auch, dass vor allem die dicht gedrängten Städter der Demokraten sterben werden. Zudem Leute, die einfach Pech hatten und selbst schuld sind, wenn sie sich unter Leute mischen. Survival of the fittest.

Einen waschechten Republikaner schockiert so etwas schon länger nicht mehr.


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lgraewe #119

... Die USA sind anfällig für eine Pandemie mit massiven Todesraten. So stand es 2019 im Bericht des Geheimdienstkoordinators. Trump feuerte ihn. Ein Gastbeitrag. Kent Harrington (18.04.2020)
https://www.tagesspiegel.de/politik/warnung-vor-einer-pandemie-in-den-usa-haette-trump-mal-den-bedrohungsbericht-gelesen/25751336.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/warnung-vor-einer-pandemie-in-den-usa-haette-trump-mal-den-bedrohungsbericht-gelesen/25751336.html)



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ReSc #124

Trump ist der Präsident, den sich die Bürger der USA ausgewählt haben. Wenn diejenigen, die anderer Meinung sind, nicht durchsetzen können, dann sollten sie die Covid-19 Leugner doch mal gewähren lassen. Das Problem klärt sich dann vermutlich ziemlich schnell von alleine. Ich frage mich nur, was dann Trumps Anhänger in Minnesota, Michigan oder Virginia sagen. Vermutlich aber wie immer: Schuld waren die Anderen!


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Dombaumeister #124.1

Leider unterscheidet das Virus nicht zwischen Pro-Trump und Contra-Trump.


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  Weinstädter #130

Ich bin ein großer USA-Fan, gleichwohl habe ich bei meinen vielen Reisen dorthin den Eindruck gewonnen, dass sich vieles verschlechtert hat. Besonders schockierend ist die Anzahl obdachloser junger drogenabhängiger Menschen. Das Problem der USA mit den schmerzstillendem süchtig machenden Medikamenten ist in Europa kaum bekannt, aber die Folgen sind massiv. Hiermit verbunden ist bei vielen Amerikanern der Wunsch nach einer umfassenden Fürsorge des Staates, der wiederum bei Teilen der Bevölkerung auf massiven Widerstand trifft. Das Coronavirus wird gerade die vielen Medikamentenabhängigen gnadenlos treffen und allein deshalb wird es dort massiv höhere Todeszahlen geben als etwa in Deutschland. Was wir jetzt sehen ist nur die Spitze des Eisbergs. In Städten wie San Francisco, Portland oder Seattle gibt es leider tausende obdachlose Drogenabhängige. Schon zu „normalen“ Zeiten sterben pro Jahr aufgrund dessen Tausende Menschen.



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Awel da #130.1

Ehrliche Frage: hat es sich seit 2017 verschlechtert oder schon davor?
Im konservativ-intellektuellen amerikanischen Diskurs (doch, den gibt es) wird dafür gerade die (sozial)demokratische Politik des Vorgängers bzw. der bundesstaatlichen Demkraten verantwortlich gemacht. Ich würde gern erfahren, wo man die Ursachen veorten kann Ihrer Meinung nach.


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Weinstädter #130.3

Oxycontin etwa war schon 2010 auf Platz 5 der umsatzstärksten Medikamente der USA. Damals gab es keinen Präsidenten namens Trump. Letztes Jahr meldete Purdue, der Konzern, der das Medikament aggressiv vermarktet hatte, aufgrund massiver Schadenersatzforderungen Insolvenz an. Die Entwicklung verlief bei vielen Süchtigen vom rezeptpflichtigen Medikament zum leichter zu beschaffenden Heroin. Die letzten Jahre war - gleichgültig wann die Ursache gesetzt wurde - die republikanische Regierung in der Pflicht sich mit diesem massiven und offensichtlichen Problem zu befassen. Außer Schuldzuweisungen an die Demokraten und insbesondere in Kalifornien an die dortige Regierung wurde nichts unternommen. Ich meine daher schon, dass hier grobe Versäumnisse der Republikaner vorliegen. Die Verhältnisse sind inzwischen mehr als schockierend.


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Leonia Bavariensis #130.8

Im Falle Oxycontin hat die einschlägige Pharmaindustrie ähnlich der Tabaklobby ihre Profite über alle ethisch gebotene Zurückhaltung gestellt und Gutachten einschlägig beeinflusst. Die hinter Purdue stehende Eigentümerfamilie hat ihre Schäfchen im Trockenen und die USA eine exorbitant hohe Anzahl an Schmerzmittelsüchtigen in allen Schichten. Die reicheren können sich sicherlich eine Entziehung erlauben, alle anderen nicht. Denn wenn die Krankenversicherung an den Job geknüpft ist, so wie meistens in den USA, dann dürfte es sehr selten sein, dass ein Schmerzmittelsüchtiger in bezahlter Arbeit ist und krankenversichert und zudem in der Lage, sich zum Entzug ohne Arbeitsverlust anzumelden.


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William S. Christ #127

Beim Umgang der Trump-Regierung und seiner rechtsradikalen Supporter muss ich immer an zwei South Park-Folgen denken ...


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Blauschlitz #133

Niemand kann derzeit wissen, wie die Lage am Ende der Pandemie aussehen wird.
Auch Journalisten nicht, die meinen, Trump oder Putin oder Al-Sisi wiedermal niederschreiben zu müssen.


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GPK #133.1

Fehlt da nicht dieser Bolzo Dings aus Brasilien in dieser "hochangesehenen" Runde?


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Mutte #133.2

Duterte?


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Tee4U #136

Ich bezweifel, ob es mit oder ohne Trump auch nur einen Toten mehr oder weniger gäbe. Das tägliche Spektakel seiner Pressekonferenzen ist lediglich Futter für die Sensationsgier der Medien und Zuschauer in Wahlkampfzeiten. Und die Demokraten - allen voran Nancy Pelosi - steuern das Ihre zur konfrontativen Stimmung bei. Das verschweigt Brinkbäumer geflissentlich, obwohl es zum Verständnis der Ausraster von Trump unerlässlich ist. Auch sucht er Länder-Vergleiche, die willkürlich sind. Warum bezichtigt er nicht die schwedische Regierung des fahrlässigen Mordes? Ganz einfach: Weil etwas gegen Trump immer geht beim kuscheligen ZEIT-Leser/in, gegen Schweden nicht so. Auch die Belgier werden medial überaus grosszügig geschont, obwohl die höchsten Zahlen im negativen Sinn.

Ich bin mir darüber hinaus nicht wirklich sicher, ob die shutdowns allerorten mit sinkenden Zahlen nur korrelieren, oder es da eine Kausalität gibt. Wenn man im nennenswerten Umfang Antikörper-Tests starten würde, wäre man schlauer. Je weniger Menschen mit Antikörper = shutdown wirkt. Je mehr, desto wahrscheinlicher ist die Wirkung der Herdenimunität. Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Letztlich scheint mir die Leistungsfähigkeit und die Reserven (materiell, personell) der jeweiligen Gesundheitssysteme ausschlaggebend zu sein. Deutschland ist und war da z.B. in allen jetzt notwendigen Indizes in Europa führend (Intensivbetten, Beatmungsgeräte, persönliche Schutzausrüstungen, verfügbare Test-Kits).


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Jupp_Zupp #136.1

„ Warum bezichtigt er nicht die schwedische Regierung des fahrlässigen Mordes? Ganz einfach: Weil etwas gegen Trump immer geht beim kuscheligen ZEIT-Leser/in, gegen Schweden nicht so.“

"Honni soit qui mal y pense" ;-)
Jeder bedient seine Klientel, so gut er kann.


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Dantespricht #140

Soweit ich weiß ist jedem Amerikaner ein Scheck über 1200 Dollar ins Haus geflattert, außerdem wurden Farmern, Arbeitern etc. großzügige Finanzpakete versprochen, die sicherlich auch kommen, da sie Trumps Kernwähler sind. ... Gerettet werden wollen die meisten Amerikaner ohnehin nicht, "Freiheit" zählt dort mehr. Die Mentalität ist eine andere, sollte der Autor, der regelmäßig Trump kritische Artikel verfasst und sich als USA-Experte versteht, eigentlich wissen.


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qualia #150

Man muss Trump nicht mögen (wer tut das schon), aber fairerweise ist das alles weltweit ein großangelegter Menschenversuch. Erst in einigen Jahren wird man wirklich wissen, welche Strategie die beste gewesen ist.

Heute lässt sich dazu nichts sagen. Ob nun das koreanische Modell, das deutsche, das französische, das schwedische, das weißrussische oder das amerikanische das beste für alle ist. Momentan führt Belgien bei den Toten nach Bevölkerungsgröße - Ein relativ wohlhabendes Land, das sehr strikte Maßnahmen eingeleitet hat. ...


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Carolus E #153

Tja, dann ist wohl bald Schluss mit Trump. Wer wählt den schon noch nach diesem Artikel in der Zeit? Ist doch jetzt alles klar, oder sind da noch Fragen?
Solche netten Artikel lese ich hier und da schon seit Jahren. Bestätigen höchsten unsere eigene Meinung. In den USA denkt die große Mehrheit völlig anders. In Krisenzeiten schart man sich um seinen Präsidenten und hält ihm den Rücken frei. Trump wird mit ganz großer Sicherheit und erdrutschmäßig wiedergewählt. Je dreckiger es dem Land geht, umso mehr Stimmen für ihn. ...

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Cele #155

Diese "News" von Jones und vielen anderen "alternativen Medien" schlagen ziemlich ein.
Einige meiner Bekannten sind durch ihre "Recherche" der Auffassung, das Virus wäre in Wirklichkeit harmlos und wird zweckentfremdet um uns weiter auszubeuten und zu überwachen.

Ich denke mittlerweile dass solche Thesen im Endeffekt eines sind: Staatszersetzend.
Und dabei las ich früher sehr gerne News im VT Umfeld, nur so aus Infotainment und um das Spektrum der Möglichkeiten offen zu halten.
Helfen tun Fakenews dieser Art hauptsächlich denen, die eine Alternative zur derzeitigen gesellschaftlichen Ordnung anbieten.

Kann mir durchaus vorstellen, dass in extremistischen Kreisen diese Fakenews gefeiert werden. Dort wartet man nur auf den Moment wenn das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierungen komplett unterwandert wurde.


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manfredkaese #164

Das ist einfach teilweise wohl ein grundsätzlich anderes Staatsverständnis als bei uns: Viele Amerikaner sehen es einfach grundsätzlich nicht als Aufgabe des Staates sie vor so etwas zu schützen. Und deswegen werden sie das auch nicht als Versagen interpretieren.


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Pattersson #165

Trump bekämpft die Pandemie indem er nach Schuldigen sucht. In der Welt der Bekloppten und Bescheuerten ist ihm mit dieser Maßnahme ein Ehrenplatz sicher. ...


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Iceteamango #177

Ein bisschen differenzerter hätte das USA Bild an der Stelle schon sein dürfen! - Wenn die Europäer alle eine Sprache sprechen würden, dann würden sich auch hier die Dummen aller Länder vereinigen. ...


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Weitgedacht #178

Was für ein Land. Als ich Kind und Jugendlicher war (zugegeben, schon ein Weilchen her) war Amerika das Land, das zum Mond flog, Hippies und Flowerpower heranzog, mit der besten Musik ever die Welt eroberte und die Fackel der Freiheit und des Fortschritts hell erstrahlen ließ. Ein Sehnsuchtsort. Vielleicht alles nur ein idealisiertes Bild und gar nicht so real, aber zumindest schafften es die USA, dieses Bild von sich zu erzeugen.

Und heute? Es scheint, das Land habe sich komplett ins Gegenteil verkehrt. Scheint! Vielleicht ist dieses Horrorbild genauso wenig wahr, wie das Märchenland meiner Kindheit.
Es ist wohl so, dass es nach wie vor beide Seiten gibt, und sich mal die eine, mal die andere mehr Gehör verschafft.
Vielleicht kommen nach Trump und seinen durchgeknallten Republikanern auch die Hippies und Flowerpower zurück. Und dann wird sofort ein Flug nach LA gebucht.


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 21, 2020, 12:40:40 PM
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[...] BRÜSSEL taz | Wenn US-Präsident Donald Trump über die erschreckend hohe Zahl amerikanischer Todesopfer in der Coronakrise spricht, verweist er gern auf Belgien. Das kleine EU-Land habe weltweit die höchste Sterberate, behauptet Trump – was beweisen soll, dass die USA die Krise immer noch besser im Griff hätten als Europa.

Tatsächlich sehen Belgiens Zahlen nicht gut aus. Wenn man die neuesten Daten der EU-Präventionsbehörde ECDC zugrunde legt, dann verzeichnet das westeuropäische Königreich mit 47,7 Todesfällen pro 100.000 Einwohner mehr Covid-19-Opfer als Italien (38,4) oder Spanien (42,9).

Belgien hat mit mehr als 5.000 Toten sogar mehr Tote zu beklagen, als das viel größere Deutschland. Dabei gibt es hier keine überlasteten Krankenhäuser oder überfüllte Leichenhäuser wie anderswo. Das belgische Drama scheint sich im Verborgenen abzuspielen – oder eine statistische Täuschung zu sein.

Das ist zumindest die offizielle Erklärung, die Regierungschefin Sophie Wilmès und ihre Berater verbreiten. „Die belgischen Zahlen sind beeindruckend“, räumt der Virologe ­Emmanuel André ein. Das liege daran, dass man „ein genaueres Modell“ benutze. Damit meint André die Alten- und Pflegeheime, die Belgien in die tägliche Zählung einbezieht. In ­diesen Heimen hat es besonders viele Todesfälle gegeben, neuerdings sind es sogar mehr als in den Krankenhäusern. Zudem nehmen die belgischen Experten auch bloße Covid-19-Verdachtsfälle in ihre Statistik auf.

Das tun längst nicht alle Länder. Manche zählen nur die Todesfälle in den Krankenhäusern, andere melden nur eindeutig nachgewiesene Corona-Opfer. In Brüssel spricht man es nicht offen aus, aber vor allem Deutschland zählt man zu den Schönfärbern. Anders, so heißt es, sei die extrem niedrige Zahl der Toten nicht zu erklären.

André nennt aber noch ein anderes Argument: In Belgien habe die Pandemie früher und heftiger begonnen als anderswo. Auch dies beeinflusst die Sterbequote – denn sie steigt oft mit der Dauer der Krise. Nun sei aber das Schlimmste überstanden: „Es gibt zahlreiche Indikatoren dafür, dass es in die richtige Richtung geht.“

So ist die Zahl der neuen Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern am Sonntag „nur noch“ um 232 gestiegen – und damit so wenig wie seit dem 19. März nicht mehr. Die Reproduktionszahl liegt auch in Belgien unter eins. Das heißt: Die Ausbreitung des Virus scheint eingedämmt.

Von Entspannung kann aber keine Rede sein. Am Wochenende durften zwar Baumärkte und Gartencenter wieder öffnen; fast alle anderen Geschäfte sind aber noch geschlossen. Die Lage in vielen Heimen ist weiter katastrophal; einige Experten sprechen von einer „zweiten Epidemie“. Erst am Freitag soll der nationale Sicherheitsrat über eine Lockerung der Beschränkungen beraten. Sie könnten am 4. Mai in Kraft treten – wenn es bis dahin keine neuen Hiobsbotschaften gibt.


Aus: "Hohe Corona-Sterberate in Belgien: Regierung verteidigt sich" Eric Bonse (20. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/Hohe-Corona-Sterberate-in-Belgien/!5677172/ (https://taz.de/Hohe-Corona-Sterberate-in-Belgien/!5677172/)

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 22, 2020, 09:41:08 AM
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[...] Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen über die Einschränkungen der Pressefreiheit in China nach dem Corona-Ausbruch und kreative Wege, die Zensur zu umgehen.

 Herr Mihr, China hat die Pressefreiheit nach Ausbruch der Corona-Krise weiter eingeschränkt, dabei sogar die Zensur über den Gesundheitsschutz gestellt, kritisiert die Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“. Wie sieht das konkret aus?

Mihr: Man sieht in China gerade traurigerweise, wie die Corona-Pandemie das ohnehin Repressive und Diktatorische im Brennglas bündelt. In China gibt es faktisch ein staatliches Medienmonopol mit einer absoluten Zensur. Abweichende Meinungen werden im Land nicht geduldet.

Können Sie das an Beispielen festmachen?

Mihr: Da sind zum einen journalistische Quellen wie jene Ärzte, die wesentliche Kritiker am Umgang Chinas mit dem Corona-Ausbruch waren, verschwunden, nachdem sie sich in der Öffentlichkeit kritisch mit den Zuständen in Krankenhäusern in Wuhan geäußert haben. Das betrifft auch einige Bürgerjournalisten und andere Journalisten, die über die Krankenhauszustände vor allem in Wuhan und der Region Hubei berichtet haben.

Wie es um die Pressefreiheit in China bestellt ist, sieht man auch daran, dass das Land auf der viertletzten Stellen beim Ranking der Pressefreiheit weltweit steht. Was hat sich durch den Corona-Ausbruch mit Blick auf die Arbeit von Journalisten noch verändert?

Mihr: Wir sehen eine Verschärfung beim Instrument der Direktiven der Kommunistischen Partei Chinas. Bei den Direktiven handelt es sich um Vorgaben, wie Chinas Medien zu berichten haben. Auf den Webseiten, auf denen diese Vorgaben liegen, kann man dies – teilweise auch übersetzt – nachlesen. Dazu zählt das Narrativ, wie man in China die Pandemie erfolgreich bekämpft hat. Und dass man den Zahlen zu Corona mindestens eine gewisse Skepsis entgegen bringen kann, zeigt die jüngste Korrektur der Zahlen. Man sieht in China, wie der Kampf gegen die Corona-Pandemie missbraucht wird, um die üblichen diktatorischen Reflexe auszuleben.

Unlängst wurde über einen chinesischen Videoblogger berichtet, der nach Veröffentlichung eines Handy-Videos über die Situation in China verschwunden ist. Gibt es ungefähre Zahlen, auf wie viele Blogger oder Journalisten das aktuell wegen ihrer Corona-Berichte zutrifft und wie viele im Gefängnis gelandet sind?

Mihr: Und sind derzeit drei Fälle von Journalisten und Bürgerjournalisten plus mindestens zwei Fälle von Quellen bekannt, die in den vergangenen zwei Monaten verschwunden sind. Generell ist China das Land, das am meisten Journalisten inhaftiert. Oft verschwinden Journalisten wie andere politische Dissidenten zunächst, um dann später in Schauprozessen angeklagt und verurteilt zu werden.

Die Corona-Einschränkungen wurden in China zum Teil wieder gelockert. Kann auch wieder offener journalistisch berichtet werden?

Mihr: China hat ja gerade erst mit den Öffnungen begonnen, darum muss man erst einmal abwarten. Zudem war ja China vor der Corona-Pandemie kein offenes Land im Sinne der Pressefreiheit. Insofern ist das so kurzfristig nicht zu beurteilen.

Aber interessant ist doch auch, dass es in China trotz aller Restriktionen immer wieder Ansätze von Bürgerjournalismus gibt.

Mihr: Tatsächlich gibt es immer wieder Versuche, die Zensur zu umgehen. Ein Beispiel: Zunächst hatte eine Ärztin Informationen auf WeChat gepostet, die dann über das Internet geteilt wurden. Daraus entstand ein Interview in „China Daily“, das aber später zensiert wurde. Dann setzte die kreative Zensurumgehung ein, wie wir das oft beobachten. Auf WeChat und Weibo und auf verschiedenen Webseiten wurde das Interview weiterverbreitet und auch in verschiedene Sprachen übersetzt, sogar in Blindenschrift, als Emojis oder als Tonaufnahmen und hinter QR-Code versteckt. Mit diesem Katz-und-Maus-Spiel wird immer wieder versucht, die Zensur zu umgehen. Allerdings setzen sich diejenigen, die das machen, enormen Risiken aus.

In Europa sind Italien, Spanien und Frankreich besonders von Corona betroffen. Wird auch dort versucht, Einfluss auf die Presse zu nehmen?

Mihr: Eine massive Verschärfung Richtung Zensur ist nicht festzustellen. In Spanien hat allerdings in den vergangenen Wochen in der Corona-Pandemie eine Unsitte eingesetzt, das Fragen von Journalisten bei öffentlichen Pressekonferenzen nur noch zugelassen werden, wenn sie zuvor angemeldet werden. Ähnliche Berichte gibt es auch aus Italien. Ein anderes Problem für die Pressefreiheit wird es geben, wenn die privaten Medien den Journalismus wegen der Einbrüche am Werbemarkt nicht mehr finanzieren können.

Das könnte auch auf Deutschland zutreffen. Sehen Sie hierzulande ansonsten Auswirkungen der Coronakrise auf die Situation der Pressefreiheit?

Mihr: Jedenfalls nicht in dem Maße, dass es Zensur oder Angriffe auf die Pressefreiheit gibt. Es gab ganz vereinzelt Berichte, wonach auch bei uns Fragen zuvor angemeldet werden mussten. Aber dahinter steckte keine Systematik. Es gab einen Vorfall in Frankfurt, bei der die Berichterstattung eingeschränkt wurde. Die Polizei wurde in ihrer Berichterstattung von Demonstration behindert. Die Demonstration war wegen der Auflagen des Infektionsschutzes zwar illegal, aber es war der Auftrag der Journalistin. Und zu berichten ist der originäre Auftrag von Journalisten. Das stimmt zwar bedenklich, war jedoch ein Einzelfall.

Was nicht heißt, dass sonst keine Gefahren bestehen.

Mihr: Was wir mit Sorge beobachten, ist die Diskussion über die Einführung einer Corona-Tracing-App. Eine solche App kann absolut sinnvoll sein. Wir haben dafür Mindestanforderungen für den Datenschutz definiert, und am Ende, was dafür auch für den Journalismus wichtig ist – weil Journalisten auch auf digitalen Quellenschutz angewiesen sind. Wir sind für eine solche App, wenn sie zu mehr gesellschaftlicher Freiheit führt. Aber nicht zu dem Preis, dass journalistische Quellen digital ausgespäht werden.


Aus: "Eingeschränkte Pressefreiheit in China: „Corona bündelt das Repressive und Diktatorische im Brennglas"" Kurt Sagatz (21.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/eingeschraenkte-pressefreiheit-in-china-corona-buendelt-das-repressive-und-diktatorische-im-brennglas/25759240.html (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/eingeschraenkte-pressefreiheit-in-china-corona-buendelt-das-repressive-und-diktatorische-im-brennglas/25759240.html)

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 22, 2020, 10:31:00 AM
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Sabine Beck @sabine_beck, 12:45 nachm. · 21. Apr. 2020
Hatte heute einen Handwerker im Haus. Er meinte, die ganze Coronahysterie ginge ihm auf den Nerv. Weil was wäre denn das größte Problem auf der Welt? Die Überbevölkerung und da wäre es doch nich falsch, wenn die Kranken, Armen u Schwachen schneller sterben.
Ich weine immer noch.



https://twitter.com/sabine_beck/status/1252548941113065478 (https://twitter.com/sabine_beck/status/1252548941113065478)

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Sabine Beck @sabine_beck, 1:06 nachm. · 21. Apr. 2020
Ich befürchte, es gibt viele Leute, die so denken.
Ein netter, freundlicher Familienvater.... Ich sags nur.
Und das ist an der Sache für mich das Beängstigendste.


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GrrrBrrr @Die_Papierkugel Antwort an  @sabine_beck

Wenn das Virus nur die Dummen angreifen würde, wäre heute ein anderer Handwerker zu dir gekommen.


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Anna Rosa Brito @AnnarosaBrito Antwort an  @sabine_beck

Solch dummen Menschen begegne ich ständig. Sie müssen zuerst ein Kind, einen Ehepartner, einen geliebten Menschen, eine Mutter, einen Vater, eine Omi, einen Opa, einen Onkel, eine Tante ... verlieren.


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[...] Als im zweiten Jahr des Peloponnesischen Krieges die Pest ausbrach, war für Thukydides der Erreger selbst kaum der Rede wert. Den Geschichtsschreiber interessierte nicht das Biologische, sondern das Historische. Welche Wirkungen hinterlässt die Seuche im Denken und Handeln? Was löst sie aus?

In der Corona-Pandemie ist das kaum anders. Klar, man redet ausgiebig über die Natur des Virus, doch die wahre Lektion, die uns das toxische Nichts erteilt, ist eine soziale – eine Lektion über uns selbst. Mit der Pandemie, so der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl in der Zeitschrift monopol, "ist die Welt in ein Entwicklerbad gefallen". Schon bald werde man "genau sehen, welche Kontraste und Konturen sich herausprägen werden".

Einige Konturen zeigen sich schon jetzt. Die Corona-Krise bringt tabuisierte Dunkelzonen ans Licht, und plötzlich bekommen Zeitungsleser und Fernsehzuschauer Bilder zu Gesicht, die eben noch als Quotenkiller galten – Bilder von Hungerleidenden und Obdachlosen, von Bettelarmen und Prekären, die von keiner Mitleidstafel mehr restversorgt werden und nun dankbar sind für jeden Krumen, der vom Tisch des Herrn für sie abfällt. Solche Aufnahmen stammen nicht aus den Elendsvierteln von Bengaluru, sondern aus den Premiumbezirken westlicher Wohlstandsgesellschaften 30 Jahre nach ihrem Sieg über den Kommunismus. Und wie bereits in der Finanzkrise 2008 kommt das ikonische Foto auch diesmal aus dem "großartigsten Land der Menschheitsgeschichte" (Donald Trump). Wegen Ansteckungsgefahr hatten Wohnungslose in Las Vegas eine Notunterkunft räumen und auf dem Parkplatz eines Fußballstadions übernachten müssen. Mit weißen Linien, wie in einem Setzkasten, hatte die Polizei winzige "Wohnflächen" markiert, auf denen sie ihre Körper ablegen durften, während die Luxushotels ringsum leer standen. "Keep safe distance!"

Man sollte diese Bilder aus dem real existierenden Liberalismus im Hinterkopf behalten, wenn man nachschaut, was noch so alles im Entwicklerbad der Pandemie sichtbar wird. Scharf belichtet werden nämlich nicht nur die neuen Armutszonen, sondern auch intellektuelle Diskurslinien treten nun deutlicher hervor. Theorien, die bislang frei über der Empirie schwebten, feiern ihren konkreten Anwendungsfall oder werden unter Echtzeitbedingungen nachgeschärft. Zutiefst bestätigt fühlt sich zum Beispiel der italienische Philosoph Giorgio Agamben: In seinen Augen beweisen die hysterischen Reaktionen auf die "erfundene" Bedrohung durch das Virus, erst recht aber die drastischen Ausgehverbote der römischen Regierung, dass der Liberalismus an nichts mehr glaube, an keine Gemeinschaft, nur noch an die Macht und das nackte Leben. Italien führe es der Welt vor Augen: Weil sich in der sinnentleerten modernen Gesellschaft das menschliche Leben aufs Überleben reduziere, ziele alles Handeln darauf ab, die reine biologische Existenz zu retten. Getrieben von der panischen Angst, auch noch das letzte ihnen Verbliebene zu verlieren, das nackte Leben, flüchteten die epidemisch einsamen Bürger in die Arme des autoritären "monströsen Leviathan mit dem gezückten Schwert" und opferten ihm ihre Freiheit.

Keinen hat die Beschreibung der italienischen "Biopolitik" so empört wie den französischen Philosophen Alain Finkielkraut; Agamben verharmlose menschliches Leid und sei ebenso "unerträglich arrogant" wie der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk, der in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Le Point das Virus zu einer stinknormalen Grippe bagatellisiert und ebenfalls den Teufel des drohenden Sicherheitsstaates an die Wand gemalt habe. Finkielkraut dagegen ist überzeugt, dass in den staatlichen Reaktionen auf die Pandemie zivilisatorische Standards auf dem Spiel stehen. "Das Leben eines Greises ist so viel wert wie jenes eines Menschen im Vollbesitz seiner Kräfte. Solange wir dieses Prinzip hochhalten, hat der zeitgenössische Nihilismus nicht endgültig triumphiert, und wir bleiben eine Zivilisation." 

Aber es ist nicht nur Giorgio Agamben, der in der Art und Weise, wie die Behörden auf die Pandemie reagieren, die Eiseskälte der Moderne zu spüren glaubt. Auch der gern zitierte Kulturphilosoph Charles Eisenstein, ein Vordenker der Occupy-Bewegung, fragt sich, ob der intensivmedizinische Aufschub des Todes nicht in Wahrheit eine Entfremdung vom Leben ist: Ist die Technizität der Lebensrettung, das verzweifelte Anschließen der Infizierten an Beatmungsgeräte, nicht der Beweis dafür, dass die liberale Gesellschaft den kulturell eingebetteten Tod beseitigt und die familiäre Geborgenheit durch Apparate ersetzt hat? In der Logik des medizinischen Systems sei der Tod das Schlimmstmögliche, und doch wüssten wir alle, dass "der Tod ungeachtet dessen auf uns wartet. Ein gerettetes Leben bedeutet eigentlich einen aufgeschobenen Tod." Würden sich, fragt Eisenstein rhetorisch, peruanische Ureinwohner intubieren lassen? Nein, sie würden den Schamanen bitten, ihnen zu helfen, gut zu sterben. Einige Sätze später räumt Eisenstein immerhin ein, dass man Corona-Opfern helfen müsse – mit allen Mitteln. 

Es ist furchtbar, wenn todkranke Infizierte in Krankenhäuser eingesperrt, wenn sie isoliert werden und es nicht einmal den nächsten Angehörigen gestattet ist, von ihnen Abschied zu nehmen. Und doch muss man die Kritik an der Apparatemedizin scharf und unmissverständlich von einer Behauptung unterscheiden, die dieser Tage ebenfalls die Runde macht: Von der Behauptung, die vom Egoismus korrumpierte Gesellschaft weigere sich, in der Stunde der Not dem Gemeinwesen ein Opfer zu bringen. Oder um die Katze aus dem Sack zu lassen: Sie weigere sich, die Alten zu opfern, um den schleichenden Tod der Wirtschaft zu verhindern. 

Absurd? Nein, der texanische Vizegouverneur Dan Patrick, ein Republikaner, war der erste, der darüber streiten wollte, ob sich die älteren Amerikaner nicht für die heimische Wirtschaft opfern sollten. "Es gibt da draußen viele Großeltern wie mich. Ich habe sechs Enkel. Ich will nicht, dass das ganze Land geopfert wird." Auch der englische Journalist Jeremy Warner (Telegraph) ist der Auffassung, die gesundheitliche Gefährdung der Älteren sei ernsthaft kein Grund, die komplette Wirtschaft abzuwürgen. Im Gegenteil, stürben die Alten, verjünge sich die Wirtschaft, und auch das Rentensystem werde wohltätig entlastet: "Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, könnte sich das Covid-19 langfristig sogar als leicht vorteilhaft erweisen, indem es unverhältnismäßig viele ältere Angehörige aus dem System stößt." Mit seiner Ökonomie des Lebens ist Warner nicht allein. Der Brexit-Stratege Dominic Cummings, mittlerweile Boris Johnsons Chefberater, wird mit den Worten zitiert, Vorrang müsse "dem Schutz der Wirtschaft" zukommen – es sei "halt Pech, wenn das bedeutet, dass ein paar Rentner dabei draufgehen". Später dementierte er diese Sätze.

Auch die aufrichtig marktliberale Neue Zürcher Zeitung veröffentlicht Wortmeldungen, deren Autoren keine Rücksicht mehr auf die Alten nehmen möchten und deshalb mit der Gleichheitsmoral der "Roten" und "Grünen" abrechnen. "Wir wählen", so sarraziniert dort ein Schweizer Unternehmer vor sich hin, "den wirtschaftlichen Suizid, um zu verhindern, dass einzelne betagte Menschen das Zeitliche einige Jahre früher segnen, als es unter normalen Umständen zu erwarten wäre (…). Akzeptieren wir, dass der Mensch sterblich ist, ein langes Leben nicht per se Ziel sein kann." Und eine betörend schlichte Ökonomin und "Influenzerin" zwitschert ihm hinterher: "Kurzfristig wird uns der Verlust vieler Menschenleben schmerzen (…), aber mittel- und langfristig dürfte uns das soziale und ökonomische Chaos stärker beschäftigen, in das wir uns vom Virus haben stürzen lassen. (...) Das Leben geht weiter (…). Darum muss auch der Kapitalismus überleben. Er schafft Wohlstand (…) und stärkt die Menschenrechte."

Auch der emeritierte, in Stanford ansässige Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat sich vom rechten Opfervirus anstecken lassen. Seinen erwartbar nietzscheanischen Refrain kennt man schon auswendig, doch diesmal klingt er besonders erbarmungslos: Gumbrecht fürchtet, dass die Gleichheitsmoral – also die ethische Maxime, alle Menschen vor Covid-19 retten zu wollen – das Überleben des Kapitalismus, mehr noch: das Überleben der Menschheit gefährdet. Willfährig haben sich die Regierungen dem lebensrettenden Moralismus der Massen ergeben und einen "populistischen Notstands-Staat" hervorgebracht, der deshalb so drakonisch durchgreife, weil er beim "Durchhalten des Gleichheitsprinzips" niemanden opfern wolle. Doch die (verständliche) Tragikvermeidung rufe eine viel gewaltigere Tragödie hervor und fordere möglicherweise ein noch viel größeres Opfer: das Opfer der Weltwirtschaft. Deshalb müsse man die "skandalös wirkende und gewiss schmerzhafte Frage" stellen, ob die Moral, alle Bürger nach dem Gleichheitsprinzip "maximal gegen eine Todesgefahr zu schützen", nicht das "Überleben der Menschheit aufs Spiel" setzte. "Wie tief können die Börsenkurse sinken, ohne eine Erholung unmöglich werden zu lassen?" Todesmutig bricht Gumbrecht in seinem Bocksgesang ein Tabu und stellt sich "eine bisher ganz und gar ungewohnte Entscheidungssituation" vor, "in der es tatsächlich darum ginge, ob man bewusst die Überlebenschancen der ältesten Generation zugunsten der Zukunftsmöglichkeiten ihrer jüngeren Zeitgenossen verringert".

Das Leben der Alten gegen das "Leben" des globalen Kapitalismus? Solche Zynismen kann nur unterbreiten, wer ernsthaft glaubt, die Wirtschaft sei ein herrischer Willkürgott, der immer wieder und zu Recht tragische Entscheidungen verlangt – man muss ihm opfern, damit er den Endverbrauchern des irdischen Lebens gewogen bleibt. Im Up and Down der Konjunkturen und Börsenkurse tritt der Gott der Ökonomie aus dem Dunkel seiner Unerkennbarkeit ins Licht der Welt, und niemals wird das menschliche Wissen ausreichen, um das Mysterium des Marktes zu verstehen. Das Einzige, was der Gegenwartsmensch noch tun kann, ist es, den Allmächtigen nach antikem Muster gnädig zu stimmen. So wäre dann das Opfer der Alten, Unproduktiven und Unnützen, das Opfer der systemisch Irrelevanten, die sich weder für Leistungsanreize noch für Preissignale empfänglich zeigen, jene fällige Gegengabe, die den wankelmütigen kapitalistischen Gott bei Laune und seinen numinosen Markt am Laufen hält. Für alle reicht es nicht.

Eine ähnliche Mythenbildung gab es bereits im Gilded Age, im amerikanischen Hochkapitalismus Ende des 19. Jahrhunderts, und nicht zufällig paktierte sie mit einem Sozialdarwinismus, der über Leichen ging. Das sollte wissen, wer darüber klagt, die Gesellschaft habe unter der Tyrannei eines maschinisierten Gesundheitssystems das Sterben verlernt, den menschlichen Tod in einer familiären "Kultur der Sorge". Diese berechtigte Klage ist nämlich Musik in den Ohren jener, die ein Menschenopfer für den Markt verlangen und nun die historische Gelegenheit beim Schopf fassen wollen, um den Geburtsfehler der Demokratie zu korrigieren, die Gleichheit aller Bürger. Man sollte, mit anderen Worten, höllisch aufpassen, dass Agambens und Foucaults Kritik am "biopolitischen Regime" nicht in die falschen Hände gerät – in die Hände derer, die uns weismachen wollen, "ein langes Leben" könne "nicht per se ein Ziel sein", weshalb man bitte schön ein Opfer nicht für das Vaterland, wohl aber für die vaterländische Wirtschaft zu bringen habe.

Die Vereinigten Staaten haben der Welt bewiesen, wie sehr es die "ökonomische Ungleichheit, Vermögensverteilung, Einkommensdifferenzen sind, die nicht nur über die Erträglichkeit von Ausnahmesituationen, sondern über Leben und Tod entscheiden". Das Gesundheitssystem, so der erwähnte Joseph Vogl, "ist zu einem Lackmustest für Marktlogiken geworden, die sich im Wettbewerb der Schwerkranken um Intensivbetten und Restlebenszeiten fortsetzen". Donald Trump, der menschgewordene kapitalistische Geist, schlug alle Warnungen vor der Pandemie in den Wind, und einige seiner Parteifreunde verkauften heimlich ihre Aktienpakete, bevor das Sterben einsetzte und das Virus sie um ihren leistungslosen Gewinn brachte.

Der Markt ist ein intelligentes, wenngleich hochgradig störanfälliges Steuerungsinstrument, und wer nun fordert, man müsse ihm Menschenopfer bringen, der verklärt ihn zum barbarischen mythischen Kult. Die kapitalistische Kultreligion feiert die blinde Akkumulation, sie feiert die Selbstbereicherung der bereits unendlich Reichen und die Verwandlung von Geld in noch mehr Geld. Im kapitalistischen Kult besteht der Sinn des Lebens in der Anpassung ans Tote.


Aus: "Menschenopfer für den Kapitalismus" Ein Essay von Thomas Assheuer (21. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-04/corona-pandemie-kapitalismus-oekonomie-menschenleben/komplettansicht (https://www.zeit.de/kultur/2020-04/corona-pandemie-kapitalismus-oekonomie-menschenleben/komplettansicht)

Quote
[...] Thomas Assheuer (* 1955 in Arnsberg) ist ein deutscher Journalist.

Von 1975 bis 1982 studierte Assheuer an den Universitäten Münster und Hamburg Germanistik und Philosophie; 1983 absolvierte er ein Volontariat beim Hessischen Rundfunk und war anschließend Redakteur im „Kulturellen Wort“. 1991 wechselte er ins Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Seit 1997 ist er Feuilleton-Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“.  ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Assheuer (https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Assheuer) (18. April 2020)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 22, 2020, 12:50:01 PM
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[...] In Deutschland wächst angesichts des Lockdowns wegen der Corona-Krise das Heer der Kurzarbeiter. Gastronomie und Tourismus sind seit Wochen heruntergefahren und werden dies voraussichtlich noch längere Zeit sein. Die großen Autohersteller haben reihenweise die Bänder angehalten. In ihrem Sog können auch Zulieferer nicht arbeiten oder sind selbst von der Versorgung abgeschnitten. Einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge summiert die Zahl der von Kurzarbeit betroffenen inzwischen auf rund vier Millionen.

 Grundlage der Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Stiftung ist eine Online-Befragung von rund 7600 abhängig Beschäftigten. Von ihnen gaben Anfang April rund 14 Prozent an, momentan in Kurzarbeit zu sein, wie die Böckler-Stiftung mitteilte. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Beschäftigten entspreche dies rund vier Millionen Menschen. In rund einem Drittel der Fälle werde das Kurzarbeitergeld vom Arbeitgeber aufgestockt. Gut die Hälfte habe berichtet, es gebe in ihrem Betrieb keine Aufstockung.

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit hat rund jedes dritte dazu berechtigte Unternehmen in Deutschland Kurzarbeit beantragt. Zur Zahl der betroffenen Beschäftigten macht die BA keine Angaben. Sie geht aber wie die Bundesregierung davon aus, dass der Rekord von knapp 1,5 Millionen Kurzarbeitern vom Frühjahr 2009 zu Zeiten der globalen Finanzkrise bei Weitem übertroffen wird. Allein in der Metall- und Elektrobranche rechnen die Arbeitgeber bis Ende des Monats mit über zwei Millionen Kurzarbeitern.

 Generell seien Beschäftigte mit niedrigeren Einkommen, in Betrieben ohne Tarifvertrag oder Betriebsrat sowie Frauen derzeit überproportional belastet, heißt es in der Mitteilung weiter. Befragte, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von weniger als 1500 Euro verfügten, arbeiteten zudem nur knapp halb so oft in Betrieben, in denen das Kurzarbeitergeld vom Unternehmen aufgestockt werde, wie Personen, die über ein Haushaltsnettoeinkommen von über 4500 Euro verfügten.

Von den Befragten, die in Kurzarbeit seien und keine Aufstockung erhielten, hätten 40 Prozent angegeben, so maximal drei Monate finanziell durchhalten zu können. Insgesamt sorgten sich 70 Prozent der Arbeitnehmer um ihre finanzielle Sicherheit, wie die Erhebung weiter ergab. "Die Corona-Krise verstärkt die soziale Ungleichheit im Land weiter", sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann. "Wir brauchen ein klares Signal an die Menschen, dass auch sie jetzt über diese schwierige Zeit gebracht werden und nicht in der Sozialhilfe landen."

DGB und SPD wollen daher, dass das Kurzarbeitergeld von 60 beziehungsweise 67 auf 80 Prozent der Nettoeinbußen (87 Prozent bei Arbeitnehmern mit Kindern) für die Monate Mai, Juni und Juli aufgestockt wird. Das Thema steht am Nachmittag auch auf der Tagesordnung des Koalitionsausschusses. Aus der Union gibt es massive Vorbehalte gegen eine Erhöhung.

Quelle: ntv.de, jwu/dpa/rts/DJ


Aus: "Schon vier Millionen sind in Kurzarbeit" (Dienstag, 21. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Schon-vier-Millionen-sind-in-Kurzarbeit-article21729007.html (https://www.n-tv.de/wirtschaft/Schon-vier-Millionen-sind-in-Kurzarbeit-article21729007.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 22, 2020, 03:22:33 PM
Tschetschenien ist eine im Nordkaukasus gelegene autonome Republik in Russland. Die Region hat etwa 1,5 Millionen Einwohner und ist Heimat der Tschetschenen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Tschetschenien (https://de.wikipedia.org/wiki/Tschetschenien)

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[...] Die investigative russische Zeitung „Nowaja Gaseta“ hat auf Weisung der Staatsanwaltschaft einen Bericht über die Lage Corona-Kranker in Tschetschenien geblockt. Dabei handelt es sich um einen Artikel der auf den Nordkaukasus spezialisierten Korrespondentin Jelena Milaschina, worin es hieß, der Republikchef von Tschetschenien, Ramsan Kadyrow, habe öffentlich Corona-Infizierte mit Terroristen gleichgesetzt und dazu aufgerufen, sie mit entsprechenden Methoden zu bekämpfen. Milaschina hatte insbesondere Massenverhaftungen von Tschetschenen erwähnt, die gegen die Pflicht zur Selbstisolation verstoßen hätten. Mehrere Tschetschenen, die sich in zwangsweiser Quarantäne befinden, hatten Journalisten erklärt, sie würden niemals den Behörden von Krankheitssymptomen wie erhöhter Temperatur oder Husten Meldung machen, weil sie Repressionen fürchteten. Sie sagten, sie würden lieber am Coronavirus sterben, als von den Machthabern stigmatisiert zu werden.

Zuvor hatte der Sprecher des tschetschenischen Parlaments, Magomed Daudow, erzählt, wie er den schwerkranken Corona-Patienten Abdulla Garajew im Krankenhaus verhört hatte. Er habe Ärzte in Schutzanzügen mit seinem Telefon an Garajews Klinikbett geschickt und von ihm verlangt, ihm die Namen aller seiner Kontaktpersonen zu nennen, sagte Daudow. Doch der Kranke habe ihm nur den Namen eines Hadsch-Pilgers genannt. Garajew habe kein Gramm Gewissen, lautete Daudows Verdikt.

Laut Milaschinas Bericht soll das tschetschenische Gesundheitssystem für die Pandemie nicht gerüstet sein. Viele Ärzte hätten keine Schutzausrüstung, hatte die Journalistin geschrieben. Deswegen hätten Beamte in einigen Regionen alle Krankenhäuser und sogar notärztliche Ambulanzen aus Quarantänegründen geschlossen. Nur einige Kliniken in der Hauptstadt Grosnyj seien in der Lage, Corona-Patienten zu versorgen.

Republikchef Kadyrow bezeichnete den Bericht als „Schwachsinn“ und erklärte auf seinem Telegram-Kanal, die „Nowaja Gaseta“ versuche, mittels verlogener Mythen den Tschetschenen wieder einmal das Etikett unverbesserlicher Verbrecher, mittelalterlicher Dunkelmänner und Freiheitsberauber anzuhängen. Zornig fragte Kadyrow, wie lange sich die provokative „antitschetschenische“ Kampagne der gewissenlosen „Nowaja Gaseta“ wohl noch fortsetzen würde.

Die russische Staatsanwaltschaft hatte ganz allgemein befunden, der Artikel von Milaschewa enthalte „zweifelhafte“, dabei aber für die Gesellschaft wichtige Informationen, die für das Leben und die Gesundheit von Bürgern sowie für die öffentliche Ordnung eine Bedrohung darstellten. Was konkret sie als Falschnachricht ansah, verriet die Behörde nicht. Die „Nowaja Gaseta“ verlangte in einer offiziellen Eingabe, die Vorwürfe zu begründen.

Milaschina hat mehrfach über Morddrohungen gegen sie aus dem Umkreis von Kadyrow berichtet. Im Februar waren sie und eine Anwältin in Grosnyj von einer Gruppe von ungefähr fünfzehn jungen Männern und Frauen überfallen und verprügelt worden, worüber sie ebenfalls berichtete. Kadyrow erklärte jetzt, er glaube nicht daran, und fragte nach Zeugen und Beweisen.

Zugleich appellierte der Republikchef an den russischen Inlandsgeheimdienst FSB, er solle die „Nichtmenschen“ von der „Nowaja Gaseta“, die das tschetschenische Volk provozierten, stoppen. Er habe es satt, sagte Kadyrow; „wenn ihr wollt, dass wir ein Verbrechen verüben, sagt das doch gleich“, fügte er drohend hinzu. „Dann nimmt einer die Verantwortung und die gesetzliche Strafe auf sich. Sitzt im Gefängnis und kommt wieder raus. Bemüht euch nicht, Banditen und Mörder aus uns zu machen“, warnte Kadyrow.


Aus: "Ramsan Kadyrow hält Corona-Patienten für „Terroristen“" Kerstin Holm (17.04.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/ramsan-kadyrow-haelt-corona-patienten-fuer-terroristen-16728412.html (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/ramsan-kadyrow-haelt-corona-patienten-fuer-terroristen-16728412.html)

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[...] Deutschland und Frankreich haben Russland zum Schutz einer bedrohten Journalistin in der Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus aufgerufen. „Drohungen seitens staatlicher Funktionsträger sind völlig inakzeptabel und widersprechen jeder Rechtsstaatlichkeit“, sagte die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler, an diesem Mittwoch in Berlin. Die Erklärung wurde gemeinsam mit dem französischen Kollegen, François Croquette, veröffentlicht.

Hintergrund sind Äußerungen des tschetschenischen Republikchefs Ramsan Kadyrow, die sich gegen die russische Investigativjournalistin Jelena Milaschina richten. Sie hatte in einem Artikel über den brutalen Umgang mit der Bevölkerung in der Corona-Pandemie in Tschetschenien berichtet. Kadyrow sagte daraufhin unter anderem: „Es reicht! Wenn ihr wollt, dass wir ein Verbrechen begehen und Verbrecher werden, sagt es ganz offen!“ Die Nordkaukasus-Expertin hatte 2017 den deutsch-französischen Preis für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit erhalten.

Moskau müsse den Drohungen nachgehen, hieß es in der Erklärung weiter. „Wir fordern die Russische Föderation dazu auf, die von ihr eingegangenen internationalen und europäischen Verpflichtungen einzuhalten, um die Pressefreiheit und den Schutz von Journalisten zu gewährleisten.“

Kadyrow führt die islamisch geprägte Republik im Nordkaukasus mit harter Hand. Bürgerrechtler beklagen immer wieder schwerste Menschenrechtsverstöße, darunter Folter und Verfolgung. Die 41 Jahre alte Journalistin hatte bereits zuvor mehrfach über Morddrohungen aus Kadyrows Umfeld berichtet.


Aus: "Berlin fordert Moskau zum Schutz von Journalistin auf" (22.04.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/berlin-fordert-moskau-zum-schutz-von-journalistin-auf-16736697.html (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/berlin-fordert-moskau-zum-schutz-von-journalistin-auf-16736697.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 22, 2020, 03:51:54 PM
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[...] In der Schweiz sind bis anhin fast 17 Menschen pro 100 000 Einwohner im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. In anderen Ländern wie Belgien oder Spanien sieht es dramatischer aus, dort sind es derzeit 50 beziehungsweise 44 Menschen. Für diese Unterschiede gibt es zahlreiche Gründe, zum Beispiel die Geschwindigkeit, mit der sich die Epidemie ausbreitet, die Altersverteilung der Bevölkerung oder das Gesundheitssystem.

Vor allem muss man bei solchen Vergleichen aber bedenken, dass kleine Länder zu Beginn einer Epidemie besonders schlecht dastehen, wenn man die Todesfälle auf die Einwohnerzahl bezieht. Denn das Virus verbreitet sich in einem kleinen Land gleich schnell wie in einem grossen, 1000 Tote fallen bei 8 Millionen Einwohnern aber stärker ins Gewicht als bei 80 Millionen.

Dieser Umstand könnte erklären, warum die Schweiz im Vergleich zu Deutschland derzeit schlechter abschneidet: Hierzulande sind bis anhin dreimal so viele Menschen pro 100 000 Einwohner an Covid-19 gestorben.

Allerdings gilt der gleiche Unterschied zu Österreich, das ähnlich viele Einwohner zählt wie die Schweiz. Hier dürften also noch andere Unterschiede zum Tragen kommen.

Um die Tödlichkeit oder Letalität einer Krankheit zu bestimmen, wird normalerweise die Anzahl der Verstorbenen durch die Anzahl der Infizierten geteilt. So kommt man für Österreich und Deutschland auf drei Prozent und in der Schweiz auf fünf Prozent. Wenn man es so betrachtet, ist der Unterschied nicht mehr ganz so gross.

Die wahre Letalität dürfte in Wirklichkeit aber noch viel tiefer sein, weil die Zahl der Infizierten in allen Ländern höher ist. Derzeit geht man davon aus, dass die Letalität von Sars-CoV-2 unter einem Prozent liegt.

Es wäre also möglich, dass die Dunkelziffer in der Schweiz höher ist, weil hier weniger Menschen getestet werden. Allerdings hat die Schweiz von allen drei Ländern die meisten Tests pro Einwohner durchgeführt. Getestet wurden mehrheitlich die Personen, die schwere Symptome aufweisen oder die zu einer Risikogruppe gehören. Diese Kriterien waren in den drei Ländern nicht immer gleich, aber relativ ähnlich.

Allerdings hat die Schweiz anteilsmässig nicht nur mehr Menschen getestet, es waren hierzulande auch mehr Getestete positiv auf Sars-CoV-2: zwölf Prozent im Vergleich zu acht Prozent in Österreich und in Deutschland.

Die tatsächliche Durchseuchung der Bevölkerung ist dabei viel tiefer. Es bedeutet nur, dass ungefähr 12 Prozent der Personen mit Verdacht auf Covid-19 tatsächlich diese Krankheit haben. Und auch das ist mit Vorsicht zu geniessen, da viele Patienten mehrfach getestet werden, beispielsweise im Spital, um den Krankheitsverlauf zu verfolgen. Dennoch kann man die Zahl als einen Anhaltspunkt verwenden.

Ein höherer Anteil positiver Testergebnisse bei gleichzeitig mehr durchgeführten Tests kann aber darauf hindeuten, dass die Durchseuchung in der Schweiz höher ist als in den beiden Nachbarländern. Dies zeigt sich auch, wenn man die Zahl der positiv gemeldeten Covid-19-Fälle pro Einwohner anschaut. Die Zahl ist in der Schweiz mit 327 pro 100 000 Einwohner fast doppelt so hoch wie in Deutschland mit 169 und in Österreich mit 167.

Das spricht also dafür, dass die Epidemie in der Schweiz schon weiter fortgeschritten ist. Eine Erklärung dafür könnten die Nähe zu Italien und die vielen Grenzgänger im Tessin sein, die von Anfang an zu einem regen Austausch mit dem stark betroffenen Nachbarland führten. Und je weiter die Epidemie vorangeschritten ist, desto mehr Todesfälle gibt es.

In allen drei Ländern erfolgten landesweite einschränkende Massnahmen mit Schul- und Ladenschliessungen am 16. März. Zu diesem Zeitpunkt waren in Deutschland 7255 Sars-CoV-2-Infektionen gemeldet, in Österreich 1015 und in der Schweiz 1135.

Bezogen auf 100 000 Einwohner war die Schweiz dabei wieder am stärksten betroffen. Aber der Unterschied zu Österreich ist dabei nicht besonders gross. Entweder hat Österreich die Ausbreitung des Virus danach besser in den Griff bekommen. Oder die Dunkelziffer war am 16. März in der Schweiz höher als in Österreich, so dass sich das Virus hier zu Lande schneller ausgebreitet hat. Tatsächlich war man in der Schweiz in den zwei Wochen vor dem «Lockdown» sehr zurückhaltend mit Testen, weil es nicht genügend Kapazitäten dafür gab.

Die unsichere Datenlage zur Anzahl der Infizierten macht den Vergleich zwischen den Ländern extrem kompliziert. Da aber in keinem Land das Gesundheitssystem an seine Grenzen gekommen ist, kann man davon ausgehen, dass die Letalität ähnlich hoch sein dürfte, es sei denn, die Schweizer wären aus irgendeinem Grund vulnerabler für das Virus.

Möglich wäre zum Beispiel, dass in der Schweiz in dieser Phase der Epidemie mehr alte Menschen erkrankt sind als in Österreich und in Deutschland. Die Alten haben bekannterweise ein höheres Sterberisiko. Bezogen auf die Gesamtzahl der bestätigten Fälle waren in der Schweiz 35 Prozent der Infizierten über 60 Jahre alt, während es in Deutschland nur 30 Prozent waren. Inwiefern das ins Gewicht fällt, ist schwer zu sagen.

Die Zahl der Todesfälle pro Einwohner ist aber immer eine Momentaufnahme. Sie taugt dazu, den Verlauf einer Epidemie in einem Land zu beobachten, für Ländervergleiche ist sie nur bedingt geeignet. Wenn in Deutschland und Österreich die Fallzahlen steigen, wird es voraussichtlich auch mehr Todesfälle geben. Und damit steigt unweigerlich auch die Zahl der Toten pro Einwohner – bis es wirkungsvolle Medikamente oder eine Impfung gibt.


Aus: "In der Schweiz sind pro Kopf dreimal so viele Menschen gestorben wie in Deutschland oder Österreich. Das sind die Gründe dafür" Lena Stallmach, Barnaby Skinner (22.04.2020)
Quelle: https://www.nzz.ch/wissenschaft/in-der-schweiz-sind-pro-kopf-dreimal-mehr-menschen-gestorben-als-in-deutschland-oder-oesterreich-das-sind-die-gruende-dafuer-ld.1552736 (https://www.nzz.ch/wissenschaft/in-der-schweiz-sind-pro-kopf-dreimal-mehr-menschen-gestorben-als-in-deutschland-oder-oesterreich-das-sind-die-gruende-dafuer-ld.1552736)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 24, 2020, 12:14:50 PM
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[...] Alles Panikmache?" – so lautet eine Folge der Sendung „Der fehlende Part“ von RT Deutsch, der deutschen online-Version des russischen Auslandsfernsehens RT. Sie ist mit 875.000 Abrufen der Hit von RT Deutsch auf YouTube.

Darin gibt es ein Interview mit einem Mediziner unter dem Titel „Die Epidemie, die nie da war“. In alarmierendem Tonfall spricht die Moderatorin Jasmin Kosubek von „dystopischen Maßnahmen“ und kritisiert „bisher nie dagewesenen Einschränkungen der Grundrechte in Deutschland“ und anderen Ländern.

Im Film wird gezeigt, wie die Polizei in Frankreich handgreiflich gegen Passanten auf der Straße vorgeht.

In Israel bekomme man „schnell die Handschellen“ angelegt, zwei Personen in Schutzanzügen fesseln einen auf den Boden gedrückten Bürger. Es geht weiter mit dem „Supergau für die deutsche Wirtschaft“ und dem „Tod der Restaurants“.

Diese Beispiele sind typisch für die Berichterstattung der russischen Staatsmedien in Deutschland, insbesondere von RT Deutsch und dem Nachrichtenportal Sputnik. Es wird suggeriert, dass die deutsche Regierung und die EU Krisen nicht bewältigen können. Und dass der Kollaps des Systems kurz bevorstehe.

Das war in der Flüchtlingskrise der Fall, im Fall Lisa – der angeblichen Entführung einer jungen Russlanddeutschen –, in der Brexit-Debatte. Die Corona-Pandemie wird nun ebenfalls genutzt, um mit tendenziöser und teils falscher Berichterstattung zu polarisieren.

Denn die russischen Staatsmedien in Deutschland haben eine Mission. Sie verstehen sich selbst als Waffe im Informationskrieg. Die Grundlagen dazu wurden von russischen Militärtheoretikern entworfen, als Ergänzung zu anderen Aktivitäten wie Cyberattacken und Spionage. Wie bei den „aktiven Maßnahmen“ zur Sowjetzeit soll der Gegner so beeinflusst werden, dass er seine Niederlage selbst herbeiführt.

Die Bundesregierung, insbesondere Kanzlerin Merkel, und die EU stehen wegen der Russland-Sanktionen im Zentrum der Berichterstattung der russischen Staatsmedien. Auch die Östliche Partnerschaft der EU mit der Ukraine, Georgien und andere Staaten ist dem Kreml ein Dorn im Auge.

Moskau beansprucht den postsowjetischen Raum als Sphäre privilegierter Interessen und will eine Westbindung dieser Staaten verhindern. Kein Zufall, dass die Maidan-Ereignisse in der Ukraine und deren Assoziierung mit der EU den Informationskrieg auslösten.

Wirtschaftlich erfolgreiche, demokratische Staaten in der direkten Nachbarschaft könnten in Russland einen Dominoeffekt auslösen – einen Regimewandel will Moskau deshalb verhindern.

In Deutschland will die russische Führung ihren Einfluss ausdehnen. RT Deutsch hat aktuell bei Facebook 469.000 Abonnenten, Sputnik 238.000. RT Deutsch hat damit das deutsche Portal der Deutschen Welle mit 450.000 Abonnenten überholt. Doch auch der englisch-, spanisch- und arabischsprachige Dienst von RT wird in Deutschland konsumiert. RT international in englischer Sprache ist bei fast jedem Kabel-Anbieter im Paket.

Neben Deutschland gehört die EU zu den Lieblingszielen der Kreml-Sprachrohre RT und Sputnik. So wurde ein Video der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, in dem sie zeigt, wie man sich in Corona-Zeiten richtig die Hände wäscht, als „Ausdruck der Hilflosigkeit“ und des „Versagens der EU“ beschrieben. RT Deutschs Beitrag trug den Titel „Uschis Hände – sauberes Krisenmanagement à la von der Leyen“.

Auf der anderen Seite wird bei den Sendern betont, dass Russland und China „tatkräftig“ an Italiens Seite stünden. Ausführlich wurde über die Aktion „From Russia with Love“ berichtet, als neun Militärflugzeuge Ausrüstung und Spezialisten nach Italien lieferten.

Zwar berichtete die italienische Zeitung „La Stampa“, dass 80 Prozent der Lieferung für den Kampf gegen die Corona-Pandemie unbrauchbar seien. Aber die Botschaft kam an: Russland hat die Krise im Griff und leistet sogar dem Ausland Hilfe.

Sputnik brachte beispielsweise eine Fotoreihe, wie Präsident Putin im Schutzanzug den von Corona infizierten Landsleuten zur Hilfe eilt.

Diese für die russische Führung sehr vorteilhafte Darstellung verkauft RT auf seiner Webseite als „alternative Informationsquelle jenseits des Mainstreams“ und als „Part, der sonst verschwiegen wird“. Auch Sputnik führt das Motto „Telling the Untold“ in seinem Logo.

Zweifel an dem erfolgreichen Krisenmanagement in Russland sind indes angebracht. Bis Ende März wurde die Krise in Russland offiziell geleugnet. Noch am 27. März betonte ein Kreml-Sprecher nach Angaben von BBC, dass es in Russland mit etwa 1000 Fällen „de facto keine Epidemie“ gebe.

Der Druck wuchs jedoch, selbst systemtreue Kräfte wie der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin kritisierten, dass zu wenig getestet werde. „Das reale Bild kennt keiner“, sagte Sobjanin nach einem Bericht der russischen Zeitung „Novoe Vremja“.

Als die offizielle Leugnung der Epidemie unhaltbar wurde, wandte sich Putin Ende März mit einer Videobotschaft an das Volk. Er ordnete eine arbeitsfreie Woche bei voller Lohnfortzahlung an und verlängerte diese eine Woche später bis Ende April. Unklar blieb, wer die Löhne zahlen sollte, denn die Unternehmen erhalten bislang keine finanzielle Unterstützung.

Das Verkünden unangenehmer Maßnahmen überließ Putin den Verwaltungschefs der Regionen. Ein überraschender Schritt, denn in den 21 Jahren seiner Herrschaft hat Putin ein streng zentralisiertes System geschaffen und zu selbstständige Regional-Politiker entmachtet.

So war es Moskaus Bürgermeister Sobjanin, der für die Hauptstadt eine strenge Ausgangssperre anordnete. Bis zum 17.April schnellte die Zahl der getesteten Infizierten nach Angaben von Statista auf 32000 Fälle – das ist 32-mal mehr als Ende März.

An der Darstellung von RT Deutsch und Sputnik, dass Russland die Krise im Griff hat, sind also Zweifel angebracht. Da wird dann gerne auf den rhetorischen Trick des Whataboutism zurückgegriffen, also der Ablenkung von einem Missstand mit der Frage nach Missständen auf der anderen Seite.

So werden Deutschland und andere Staaten in der Corona-Krise als repressive Regime dargestellt. Während in Russland regelmäßig Demonstranten von der Polizei niedergeknüppelt und Bürger wegen kremlkritischer Posts im Internet zu mehreren Jahren Haft wegen verurteilt werden, zeigen RT und Sputnik mit dem Finger auf Deutschland und kritisieren die Einschränkung der Rechte.

Das deutsche System wird kollabieren, so die Botschaft, während Russlands autoritärer Herrscher alles unter Kontrolle hat.

Eine Botschaft, die insbesondere bei deutschen Rechtspopulisten, Linksextremen und anderen Systemgegnern gut ankommt. Auch in der Corona Krise zeigt sich: Die Medien sind eine Waffe im Informationskrieg.




Aus: "Russische Auslandsmedien zeigen Deutschland und die EU als hilflos und repressiv" Susanne Spahn (23.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/informationskrieg-in-der-corona-krise-russische-auslandsmedien-zeigen-deutschland-und-die-eu-als-hilflos-und-repressiv/25767588.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/informationskrieg-in-der-corona-krise-russische-auslandsmedien-zeigen-deutschland-und-die-eu-als-hilflos-und-repressiv/25767588.html)

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Zweibein 09:27 Uhr
Ja, ja, Russland hat RT etc. und Deutschland hat die Deutsche Welle. Beide hetzen im jeweils anderen Land nach Kräften. Natürlich ist es etwas völlig anderes, wenn die DW Unfug verbreitet, denn die gehört ja schließlich zu den Guten (TM). ...


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679 10:26 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Zweibein 09:27 Uhr

    Ja, ja, Russland hat RT etc. und Deutschland hat die Deutsche Welle.


Die DW berichtet neutral und kritisiert auch die deutsche Regierung oder Verhältnisse Hierzulande wenn angebracht. Den Journalismus der DW mit dem schwachsinnigen Gehetze des Propagandakanal RT zu vergleichen ist daher absolut lächerlich. ...


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Zweibein 11:09 Uhr
Antwort auf den Beitrag von 679 10:26 Uhr

    Die DW berichtet neutral und kritisiert auch die deutsche Regierung oder Verhältnisse Hierzulande wenn angebracht.

Das behauptet RT sicherlich auch von sich mit entsprechend umgekehrtem Vorzeichen. ...


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ach 23.04.2020, 18:00 Uhr

Immer diese rätselhaften Gastbeiträge.
Gibt doch 3 oder 4 Redakteure, die einen Beitrag imit ähnlicher analytischer Durchdringung und politischer  Bewertung abliefern könnten.


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a.fink 23.04.2020, 21:46 Uhr

Antwort auf den Beitrag von ach 23.04.2020, 18:00 Uhr
Warum halten Sie diesen Gastbeitrag für rätselhaft? Weil er über klar ersichtliche russische Manipulations- und Zersetzungsversuche informiert?


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ach 08:52 Uhr
Antwort auf den Beitrag von a.fink 23.04.2020, 21:46 Uhr

Die Antwort auf Ihre 1. Frage stand in meinem 2. Satz.


...
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 27, 2020, 09:37:34 AM
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[...] Wien – In einem Park im 15. Bezirk in Wien spielen vier Kinder auf dem Rasen miteinander Ball. Einem Passanten missfällt das. Er bleibt stehen und wirft der daneben stehenden Frau – sie trägt Kopftuch – böse Blicke zu. Die Frau dreht sich weg. "Wenn die alle zsammwohnen fress ich einen Besen", murmelt der Mann.

Der herrschende Ton auf den Straßen und Plätzen der Städte, in den Supermärkten und Geschäften in Zeiten des Coronavirus ist manchmal scharf. Seit der öffentliche Raum zu einem potenziell gesundheitsgefährdenden Ort geworden ist, schränken die gegen das Infektionsrisiko eingeführten Regeln des sogenannten Social Distancing die individuelle Freiheit stark ein. Das mag nötig sein, doch es fördert Unsicherheit und Stigmatisierung.

In der Stadt treffe das vor allem junge Migranten und kinderreiche, sozial schwache Familien, die Parks und freien Flächen schon in Vor-Corona-Zeiten "als verlängertes Wohnzimmer genutzt haben", sagt die Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin Irmtraud Voglmayr. Um den Distanzierungsvorgaben zu entsprechen, müssten sie ihr Verhalten besonders stark ändern.

Denn unterschiedliche Milieus haben unterschiedliche Zugänge zum öffentlichen Raum: Für Jugendliche aus der Arbeiterschaft, oftmals mit Migrationshintergrund, sei der öffentliche Raum einerseits Ort der Erholung von der Enge in der Wohnung zuhause, sagt der Soziologe Christoph Reinprecht. Andererseits sei er aber auch Ort der Aneignung und Sozialisation.

"Familien in kleinen Wohnungen werden weiterhin rausgehen – müssen", sagt Reinprecht. Ihr Problem sei dann weniger die Furcht vor sozialer Nähe und die Angst vor dem Virus, sondern das Überschreiten von Regeln, die von den Sicherheitsbehörden eingemahnt werden.

Andere wiederum würden nun die Orte der Zerstreuung vermissen. Ihnen fehlten die soziale Vernetzung in Beisln und Lokalen – während die Angst vor polizeilichem Eingreifen für sie nicht im Fokus stehe. Wie Geselligkeit im öffentlichen Raum erlebt werde, unterscheide sich milieubezogen eben sehr stark, sagt Reinprecht. Diesen Schichten, die sich das Ausgehen und Einkehren ökonomisch leisten können, gehe es nicht um einen Platz, an dem man der engen Wohnung ausweichen kann. Sondern, so Reinprecht, etwa um den Genuss beim Café Latte am samstäglichen Wochenmarkt.

Dort jedoch hat die Gastroszene seit Wochen geschlossen, nur mehr die Lebensmittelstandeln dürfen offen halten. Niemand kommt mehr, um ausgedehnt zu brunchen. Daher hat sich auch die Atmosphäre verändert. Der Großteil der Anwesenden trägt Maske, Eltern sind damit beschäftigt, ihre Kinder möglichst nahe bei sich zu halten.

Verunsicherung und Angst enstünden in diesem Zusammenhang immer dann, wenn eigentlich erwartet werde, dass der öffentliche Raum eine entspannende Atmosphäre ausstrahlen soll, sagt Reinprecht. Das betreffe vor allem Gruppen mit einem "erlebnisorientierten Zugang". "Wir bewegen uns jetzt anders in der Stadt – etwa so, wie wenn wir sonst in Stadtviertel kommen, die wir nicht kennen und wo wir uns sozial nicht ganz sicher fühlen. Wo wir uns als Eindringlinge vorkommen: Dort passt man auf, man beobachtet, wie andere reagieren oder ob man schief angeschaut wird."

Und es gibt Gruppen, die tatsächlich verstärkt kritisch beäugt werden. Eine Szene aus einem Geschäft in der Linzer Innenstadt: Eine ältere Dame wartet darauf, bedient zu werden. Sie trägt Mundschutz und achtet aufs Distanzhalten – doch jemandem in der Schlange reicht das nicht: "Jetzt san die Alten schon wieder am Nachmittag statt in der Früh einkaufen!", beschwert sich eine Frau halblaut.

Die aktuelle Stimmung treffe die gesamte ältere Generation in einer davor ungeahnten Radikalität, sagt Soziologin Voglmayr. Auch ohne altersspezifische Ausgangsverbote würden in der Öffentlichkeit sichtbare ältere Menschen nun von vielen als Skandal empfunden.

Vorbei die Zeiten, in denen man gesund gebliebene sogenannte "junge Alte" – aktive Menschen zwischen 60 und 75 Jahren – umwarb: Das laut Medizinern vor allem ab 65 Jahren stark steigende Risiko, an Covid-19 zu sterben führe zu einer uniformen Sichtweise und einem "tendenziellen Verschwinden der Alten aus dem Stadtraum", sagt Voglmayr. Dasselbe gelte für behinderte Menschen.

Das aber führe zu einer sozialen Spaltung zwischen Alt und Jung und blende die Potenziale der Alten aus. Alte Menschen seien auf diesen Bewegungsraum angewiesen, grobe Mobilitätsinschränkungen bedeuteten Passivität, Isolation und Verfall. Mit dem Wiederaufflammen der Altenfeindlichkeit würden so alle Diversittsbemühungen zunichte gemacht.

Auch laut Reinprecht ist eine der Schlüsselfragen, wie verhindert werden kann, dass durch das Social Distancing Vereinsamung und Vereinzelung entstehen. Der Rückzug von Risikogruppen berge große Gefahren,denn im öffentlichen Raum baue man normalerweise soziale Beziehungen auf, auch wenn diese zufällig zustande kommen. Dass derzeit kaum über Begleitmaßnahmen zum Social Distancing diskutiert werde, sei ein großes Problem.

Denn die Qualität des öffentlichen Raums liege in seiner Heterogenität. Ahnlich wie in der Schule treffen dort Menschen aufeinander, die ansonsten kaum zusammenkommen. "Das ermöglicht Begegnungen, die in einem Dorf oder einer Gated Community nicht möglich wären", sagt Reinprecht.

Insofern sei der öffentliche Raum zwangsläufig mit vielfältigem, städtischem Leben verbunden. Doch das produktive Chaos, das urbane Gebiete vor Corona trotz fortschreitender Kommerzialisierung an vielen Stellen auszeichnete, ist nun für längere Zeit dahin. Wer sich draußen aufhalten darf und wer nicht wird derzeit in aller Strenge neu ausverhandelt. (Irene Brickner, Vanessa Gaigg, 26.4.2020)


Aus: "Corona: Für Arme und Alte ist die Stadt ein verbotener Ort" Vanessa Gaigg, Irene Brickner (27. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117050689/fuer-arme-und-alte-ist-die-stadt-ein-verbotener-ort (https://www.derstandard.at/story/2000117050689/fuer-arme-und-alte-ist-die-stadt-ein-verbotener-ort)

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msk_at

Diese Stimmung in der Gesellschaft darf sich die Regierung mit ihrer Panikmache auf die Fahnen schreiben.
In einer Stadt von über 2 Millionen gibt es 450 Infizierte und die Menschen fürchten sich vor Buslenker und vor Joggern. Da kannst echt nur noch den Kopf schütteln.


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DerAllesWisser

Ich erlebe schon Anfeindungen, weil ich mich an die Maßnahmen halte! Leute, die unmittelbar vor der Haustüre tratschen und mir sagen, ich soll mich nicht so anstellen und gefälligst vorbeizwängen ... Wir haben durch die Einschränkungen mehr Freiheiten als wenn uns die Pandemie ungebremst getroffen hätte. Dann würde sich nämlich aus Angst vor Ansteckung niemand mehr raus trauen - ganz besonders die Senioren nicht. Diese Einsicht vermisse ich in all diesen Diskussionen.


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ReinerAlex

Mein Fazit: Lasst euch nicht unterkriegen! - Sonnenschein, Bewegung, Freude sind ganz wichtige Stützen für das Immunsystem. Und das braucht es eben auch, um ein solches Virus zu bekämpfen.
Das - nicht wenige - versuchen, im Zuge dessen, Freiheitsrechte einzuschränken, muss man sich ja nicht gefallen lassen.


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DerAllesWisser

Also, wenn ich schau, was bei uns in Favoriten in den Parks los ist, kann ich das absolut nicht nachvollziehen. Da war in den ersten Tagen noch etwas Zurückhaltung aber jetzt ist an jedem schönen Tag so viel los wie früher an einem Sonntag.
Gestern eine Gruppe von 5 Paaren mit Kindern eng zusammen, haben sogar noch Gruppenfotos gemacht. Eine andere Partie, 4 Paare plus Kinder, hat Blinde Kuh und Bockspringen gespielt, anschließende Umarmungen inklusive.


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Mein Sohn heißt ebenfalls BORT

Gleich anzeigen gell? ....


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submarino

Ein Skandal!!! Da haben welche "Blinde Kuh" gespielt.


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Schweinsbratenfan

Hier ist leider das Land der durchgedrehten Blockwarte.


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AndiSt

Sollte öfter sein, dass sich Leute unsicher fühlen. Die Leute sollten sich im öffentlichen Raum öfter unsicher fühlen. Dann würden sie sich dort nicht so aufführen was Lärm, Verschmutzung un Zerstörung betrifft. Bei uns sind sehr auffällig seit Corona diese Schmierereien an den Wänden zurückgegangen.


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veit.hell

Das mit den Schmierereien glaube ich sofort, da ja die älteren Herrschaften zwischenzeitlich mehr zu Hause sind und nicht mehr in den Parks herumlungern.


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 27, 2020, 03:45:19 PM
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[...] Ist das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ein absoluter Wert? Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble verneint das. Im Gespräch mit dem  Tagesspiegel sagt er: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig. Grundrechte beschränken sich gegenseitig.“

Aus seiner These, der Schutz von Leben sei nur ein relativer Wert, leitet Schäuble eine nur relative Pflicht des Staates ab, Leben zu retten und zu schützen. Das gelte aktuell vor allem in der Corona-Eindämmungspolitik.

Schäubles Argumentation erinnert an seine vehemente Kritik, damals als Bundesinnenminister, an einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Dabei ging es, im Nachgang zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001, um die Frage, ob ein Passagierflugzeug abgeschossen werden darf, das Terroristen entführt haben und auf ein ziviles Ziel lenken. Haben die an Bord befindlichen Passagiere ihr Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit verwirkt?

Das Bundesverfassungsgericht sagte klar: Nein! Dieses Recht könne den Passagieren bis zu ihrem Tode nicht genommen werden. Eine Abwägung „Leben gegen Leben“ verstoße gegen das Grundgesetz. Der Staat dürfe niemanden ermächtigen, Menschen zu opfern, um möglicherweise mehr Menschen zu retten.

Schäuble dagegen berief sich auf das Genfer Abkommen über den Schutz der Opfer bewaffneter Konflikte. Das verbiete nur Angriffe, die in keinem vertretbaren Verhältnis zu den erwarteten militärischen Vorteilen stünden. Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit bleibe aber gewahrt, wenn zur Vermeidung einer noch größeren Katastrophe wie bei einem Terroranschlag durch ein Flugzeug die entführte Passagiermaschine abgeschossen würde. Der Tod unschuldiger Menschen sei in einem solchen Fall zu akzeptieren.

Leidenschaftlich und ausdauernd setzte sich Schäuble – wegen des eindeutigen Urteils des Bundesverfassungsgerichts – für eine Grundgesetzänderung ein, die den Abschuss entführter Passagierflugzeuge doch noch erlauben würde.

Schließlich griff der damalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, in die Debatte ein und warnte Schäuble, seine Pläne weiter zu verfolgen. Die „Menschenwürdegarantie“ könne „selbst durch eine Verfassungsänderung nicht eingeschränkt werden“, sagte Papier.

Es gibt Extremsituationen, in denen Menschen nicht handeln können, ohne sich schuldig zu machen. Bestimmte Dinge, wie Folter und Mord, sollen unter allen Umständen verboten sein, die physische Unversehrtheit immer gewahrt werden. Aber manchmal kollidiert die Rettungspflicht gegenüber den einen mit der Schutzpflicht für die anderen.

Im September 2002 entführte Magnus Gäfgen den damals elfjährigen Jakob von Metzler. Er lockte ihn in seine Wohnung und erwürgte ihn. Gäfgen wurde gefasst, schwieg aber.

Am Abend des dritten Tages nach der Entführung wurde dem dringend Tatverdächtigen von Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner Gewalt angedroht, damit er den Aufenthaltsort des Kindes nennt. Für diese Drohung wurde Daschner später verurteilt. Vertreter des Staates dürfen weder foltern noch Folter androhen.

Ein Gemeinwesen muss an der absolut geltenden Schutzpflicht für Menschen ebenso festhalten wie am absolut geltenden Folter- und Tötungsverbot. Das schließt nicht aus, dass in Extremsituationen in Abwägung von Prinzip und Konsequenz Entscheidungen getroffen werden, die gegen die Prinzipien verstoßen. Dann müssen die Handelnden Verantwortung übernehmen, ohne auf Absolution spekulieren zu dürfen.

Um es paradox zu formulieren: Wenn ein Verteidigungsminister fragt, ob er ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug äußerstenfalls abschießen darf, muss die Antwort der Öffentlichkeit „Nein“ lauten. Wenn er es trotzdem tut – und dafür einsteht -, zollen ihm viele womöglich Respekt.

Wenn ein Polizeibeamter fragt, ob er in einer verzweifelten Lage durch Androhung von Folter herausfinden darf, wo ein entführtes Kind versteckt gehalten wird, muss die Antwort „Nein“ lauten. Wenn er es trotzdem tut – und dafür einsteht -, kann er zum Helden werden.

Auch in der Coronakrise muss abgewogen werden. Nur ein Narr würde das bestreiten. Aber die Diskussion muss geführt werden, ohne dass die absolute Geltung von Grundrechten infrage gestellt wird. Wie viele gerettete Covid-19-Erkrankte rechtfertigen eine Maskenpflicht? Wie viele rechtfertigen eine Zunahme der Arbeitslosigkeit? Solche Debatten erzeugen mehr Verletzungen, als sie an Klarheit produzieren.

Eine große Zumutung der Coronakrise besteht darin, dass sie die Verantwortlichen in moralische Dilemmata stürzt. Keiner von ihnen will mutwillig die Wirtschaft ruinieren, damit ein paar mehr Intensivbetreuungsbetten frei werden. Aber es ist ein Unterschied, ob in die Abwägungen bestimmte Gewichtungsaspekte einfließen, oder ob öffentlich Werte relativiert werden, um Gewichtungen vornehmen zu können.

Wenn Wolfgang Schäuble fragt, ob der Schutz des Lebens ein absoluter Wert ist, muss die Antwort „Ja“ lauten. Wenn er in Abwägungsdebatten in sein Urteil auch andere Grundrechte einbezieht, tut er das aus eigener Verantwortung. Er darf auf Absolution dafür hoffen, er darf sie aber nicht einfordern.


Aus: "Wolfgang Schäuble meint das Richtige, sagt aber das Falsche" Malte Lehming (27.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/ist-der-schutz-des-lebens-ein-absoluter-wert-wolfgang-schaeuble-meint-das-richtige-sagt-aber-das-falsche-/25777154.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/ist-der-schutz-des-lebens-ein-absoluter-wert-wolfgang-schaeuble-meint-das-richtige-sagt-aber-das-falsche-/25777154.html)

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Malafide 15:23 Uhr

Du gute Güte!

Ich bin mir sicher, dass Lehming nicht erst darauf hingewiesen werden muss, dass das, was er da "zusammengeschrieben" hat - mit Verlaub - Stuss ist. Es entbehrt jeder vernünftigen Grundlage.

Nicht von Ungefähr versucht Lehming einen kläglichen Rettungsversuch auf dem Feld von Terror, Krieg und vorsätzlicher Tötungsabsicht, um sowohl Schäubles moralisch-ethische Entgleisung, als auch dessen Relativierung unseres Grundgesetzes schönzureden.

Der Fall Schäuble hat mich sofort an die "Jenniger-Rede" erinnert. Und, tut mir leid, aber der hilflose Versuch Lehmings aus Schäubles Entgleisung ein positives Narrativ zu konstruieren, macht die Sache wirklich icht besser - ganz im Gegenteil wirkt es problemverstärkend, da beim Llesen durch alle Ritzen, respektive Zeilen seines Kommentars ein eiskalter und ungemütlicher Wind durchpfeift und eine Grundwärme sich einfach nicht einstellen will, nicht einstellen kann, weil man Fakten nicht beliebig umdeuten kann.


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eismann872 15:19 Uhr

Ich denke,mit körperlicher Unversehrtheit kann die Ansteckung mit Viruskrankheiten nur äußerst bedingt gemeint sein.
Sonst könnte ich bei jeder Grippe oder jeder anderen beliebigen Viruserkrankung den Staat auf Schadensersatz verklagen, da er mich nicht vor einer Ansteckung geschützt hat.
Sollte er mich nur ab einer bestimmten Todesrate schützen müssen, wäre diese noch festzulegen. Eine Diskussion, die meiner Meinung nach geführt werden muss.


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Pedro_Garcia 14:59 Uhr

... Wer den absoluten Schutz des Lebens befürwortet, muss auch Auto fahren verbieten, denn auch da sterben Menschen und jeder weiß das. Das selbe gilt mit Luftgrenzwerten und vileen anderen Dingen die direkt oder indirekt Menschenleben kosten, aber zu Gunsten von anderen Dingen akzeptiert werden. Grippe tötet, Masern töten und auch Corona wird weiterhin töten, wahrscheinlich selbst dann noch, wenn es schon einen Impfstoff gibt.


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 28, 2020, 09:23:46 AM
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[...] Der in der Corona-Krise viel in den Medien präsente Virologe Christian Drosten wird nach eigenen Angaben mit dem Tod bedroht. Für viele Deutsche sei er "der Böse, der die Wirtschaft lahmlege", sagte der Berliner Wissenschaftler in einem Interview der britischen Zeitung The Guardian. Er leite die Drohungen an die Polizei weiter. Nachts wach hielten ihn allerdings vielmehr die E-Mails von Eltern, die ihm von ihren Sorgen vor der Zukunft berichteten.

 Der Experte für Coronaviren hatte schon vor einiger Zeit in seinem NDR-Podcast berichtet, dass er Hassbotschaften bekomme. In dem Guardian-Interview spricht er von einem "Präventionsparadox" in Deutschland: Die Menschen sähen, dass die Krankenhäuser die Lage bewältigen können und hätten daher kein Verständnis für die Geschäftsschließungen. Der Blick auf die Lage in stark von Sars-CoV-2 betroffenen Regionen wie New York oder Spanien fehle.

Aus Sicht Drostens sind es gerade die frühzeitig getroffenen Maßnahmen, die hierzulande Schlimmeres verhindert haben. Er warnte zuletzt vor Rückschlägen im Kampf gegen das neue Virus bei einem zu sorglosen Umgang mit dem Erreger: Es drohe eine zweite, schlimmere Infektionswelle.


Aus: "Morddrohungen gegen Virologe Christian Drosten" (27. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wissen/2020-04/corona-krise-christian-drosten-morddrohungen (https://www.zeit.de/wissen/2020-04/corona-krise-christian-drosten-morddrohungen)

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Der_Puderant #5

Welche Psychopathen machen so etwas bitte? Erschütternd. ...


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polarapfel #4

Dieser Sachverhalt ist ein mahnendes Beispiel dafür, dass sich die Menschheit immer noch nicht ausreichend an die Aufklärung angenähert hat. Handeln, abgeleitet aus Vernunft und Vernunft, abgeleitet aus Wissenschaft sollten 2020 eine Selbstverständlichkeit sein - tatsächlich ist das nicht der Fall. ...


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Make Techno great again #4.4

Wenn weiterhin so viele Internetnutzer zu Anhängern der abstrusen Verschwörungstheorien werden und sich dann als "Querdenker" bezeichnen, die "den Mut haben", anders als der "Mainstream" zu denken und sich "ihres eigenen Verstandes zu bedienen" (obwohl sie gerade das eben nicht tun), und sich als Erleuchtete unter den "schlafenden Schäfchen" fühlen, wird das mit der Aufklärung der Menschheit auch in Zukunft nichts.


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Moutzel #15

Es ist ganz klar. Erst müssen die Todeszahlen hoch gehen, dann kapiert auch der Dümmste den Zusammenhang. Was man nicht sehen kann, verstehen viele eben nicht.


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Klaviermann #15.1

Das möchte ich leider bezweifeln. Die USA sind das erschreckende Beispiel dafür, und hierzulande können viele aus einem Vergleich zwischen Deutschland und den USA nicht die richtigen Schlüsse ableiten. ...


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Frau. Huber #17

Das ist wieder mal der klassische Reflex, zu hoffen, dass man die Botschaft los wird, wenn man den Boten los wird. Also eine Unfähigkeit, die Botschaft vom Boten zu abstrahieren. Normalerweise können Menschen das spätestens mit 12 Jahren, aber es gibt immer auch Leute, die diese Fähigkeit nicht entwickeln. ...


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 28, 2020, 04:10:47 PM
Quote
[...] Der Grünen-Politiker Boris Palmer hat den weltweiten Lockdown der Wirtschaft wegen der Corona-Krise erneut scharf kritisiert. „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“, sagte der Tübinger Oberbürgermeister am Dienstag im Sat.1-Frühstücksfernsehen.

Der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringe nach Einschätzung der Vereinten Nationen hingegen Millionen Kinder ums Leben.

„Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben - und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann“, sagte Palmer. Er empfahl in der Fernsehsendung darüber hinaus, alle verfügbaren Testkapazitäten einzusetzen, und sprach sich - anders als seine Partei - für eine verpflichtende Handyapp aus, die Infektionen nachverfolgt.

Palmer hatte schon früher die Politik zur Corona-Eindämmung kritisiert und für strenge Quarantänemaßnahmen für Risikogruppen sowie eine rasche Öffnung der restlichen Gesellschaft plädiert. „Es wäre ein neuer Generationenvertrag, bei dem die Jüngeren arbeiten gehen, die Infektion auf sich nehmen, während die Älteren und Kranken auf soziale Kontakte verzichten“, sagte der Grünen-Politiker der „tageszeitung“ Anfang April.

Für alle, die nicht zur Risikogruppe gehörten, könnte man dann schrittweise die Ausgangsbeschränkungen wieder lockern. „Natürlich nicht zurück zur völligen Normalität mit Bundesligaspielen und verschwitzten Disco-Partys“, sagte Palmer. Das Ziel wäre, das Wirtschaftsleben halbwegs zu normalisieren, so dass die Leute wieder arbeiten gehen können, aber keinen ungeschützten Kontakt mehr mit der Risikogruppe haben.

Er wüsste nicht, warum die Isolation von mindestens 16 Millionen Seniorinnen und Senioren schwieriger sein sollte „als drei Monate Shutdown für alle“, sagte der Tübinger Oberbürgermeister: „Wenn die Regierung es für denkbar hält, 700 Milliarden Euro zu verbrennen, weil die Wirtschaft ruht, ist es dann nicht vorstellbar, für vielleicht zehn Prozent der Kosten eine optimale Versorgung der Alten und Kranken auf die Beine zu stellen?“

Auch ethisch sei sein Konzept vertretbar, selbst wenn auch einzelne Gesunde durch eine Infektion in Lebensgefahr geraten könnten, sagte Palmer. Man müsse jetzt die richtigen Konsequenzen aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ziehen. „Sich streng an Daten und Fakten zu halten, rettet mehr Leben, als wenn man die eigene Moralität hochhält“, sagte der Grünen-Politiker. (AFP, epd)


Aus: "Boris Palmer zur Coronakrise „Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“" (28.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/boris-palmer-zur-coronakrise-wir-retten-moeglicherweise-menschen-die-in-einem-halben-jahr-sowieso-tot-waeren/25782926.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/boris-palmer-zur-coronakrise-wir-retten-moeglicherweise-menschen-die-in-einem-halben-jahr-sowieso-tot-waeren/25782926.html)

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Seriamente 15:27 Uhr

Als Grüner schäme ich mich einmal für Herrn Palmer und seine unsägliche Auslassungen. Ich verstehe nicht, warum dieser Mensch noch Teil unserer Partei ist und nicht längst zur AfD gewechselt ist, wo er ideologisch meiner Ansicht nach hingehört. ...


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minimal 15:23 Uhr
Der baden-württembergische FDP-Vorsitzende Michael Theurer reagierte empört auf Palmers Äußerung: «Ich rate Boris Palmer dringend, sich zu entschuldigen und diese Äußerung zurückzunehmen. Er ist nicht nur wie sonst manchmal über das Ziel hinausgeschossen, sondern erheblich entgleist.»

Und der Direktor des Instituts für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Universität Ulm, Dietrich Rothenbacher, betonte, dass es auch bei jüngeren Erwachsenen schwere Verläufe einer
Covid-19-Erkrankung gebe. Laut einer Studie aus China starben in einer Patientengruppe von 35- bis 58-Jährigen 8,1 Prozent. «Die Gefährlichkeit einer Erkrankung kann auch nicht nur an der Zahl der absoluten Todesfälle festgemacht werden, sondern in der Tat sollte die Anzahl der verlorenen Lebensjahre benannt werden», teilte Rothenbacher mit. Diese Zahlen gebe es für Covid-19 noch nicht.


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elg 15:40 Uhr

Antwort auf den Beitrag von minimal 15:23 Uhr - Das kann gar nicht oft genug gesagt werden wird viel zu wenig behypt: Es geht nicht nur um die Alten, die sterben, es geht um schwere Verläufe und übrigens offenbar auch schwere Folgeschäden auch bei vielen jungen Menschen!

Die Äußerungen von Palmer sind unsachlich und nicht fundiert und nicht konstruktiv, im Gegenteil: Solche Äußerungen sind nicht nur unsensibel, unverschämt sonder hoch gefährlich, denn: Ddas gibt dem nun wieder zunehmenden leichtsinnigen Verhalten  und damit der nächste Welle an Infektionen Vorschub!  ...


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Oblomow 15:11 Uhr
Corona ist ein Virus. Und Ideologie ist auch eines. In meinem Heimatdorf hat die SS im April 45 noch zwei Brücken gesprengt, um zu verhindern, dass amerikanische Panzer mal darüber fahren. Meinen Kindern habe ich immer erklärt, dass sie sich vor Ideologen  hüten müssen. Palmer ist ein Ideologe.


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herjeh 15:08 Uhr
Herr Palmer, Sie sind OB für ALLE in Ihrer Stadt, nicht nur für die Jungen.
Wieso wollen Sie bestimmen, wann gestorben werden soll, wer sterben soll ? Wieso sind Sie so anmaßend.
Übrigens: Auch der Markt hat nicht zu bestimmen wann ich sterbe!


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MarkusAurelius 14:59 Uhr
Wolfgang Schäuble, Boris Palmer - empathielose Gesellen, deren hanebüchene Ansichten eine Perversion des Weber’schen Konzepts des Verantwortungspolitikers darstellen.

Um mal Oskar Lafontaine zu paraphrasieren: Die Fähigkeit auch das menschliche Sein einer Kosten- Nutzen Analyse zu unterwerfen, ist eine Sekundärtugend mit der man auch ein Konzentrationslager leiten könnte.


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DasIstNurIhreMeinung 15:32 Uhr
Antwort auf den Beitrag von MarkusAurelius 14:59 Uhr

... Verantwortung übernehmen heißt nun mal das Abwägen von mögliche Konsequenzen.


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gehirnstein 14:44 Uhr

Herr Palmer, warum nicht schon Leute ab 65? Das ist viel besser für den Generationenvertrag, jedenfalls für die jüngeren um die sie sich sorgen.


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Andy12207 14:43 Uhr

Herr Palmer bringt mal wieder neuen Schwung in die Diskussion. Und alle, die jetzt als Politiker sagen, wir müssen an die anderen denken, Leben retten. Wo sind alle diese Politiker (europaweit), als es darum ging Flüchtlngsleben zu retten. Oder Kinder auf der Welt vor dem Hungertod zu retten ? Da hat keiner in seinem Land (Europa) laut geschrien oder laut genug gerufen, wir müssen Leben retten.



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Eunike 14:36 Uhr

    „Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären -
    aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“

Dann könnte man auch ganz allgemein fragen: Warum kümmern wir uns überhaupt noch um Kranke, Behinderte, Alte? Es wäre doch viel weitsichtiger und billiger, wir würden die Menschen mit Zukunft unterstützen: die Jungen, Starken, Gesunden, Erfolgreichen. Das wäre auch das Gesetz der Natur: der Stärkere setzt sich durch. Zum Glück lebe ich in einem Land, in dem die christlichen Wurzeln noch nicht ganz in Vergessenheit geraten sind. Denn sich um die Schwachen kümmern, das ist ja ein wichtiger Teil der christlichen Botschaft.

"Der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringe nach Einschätzung der Vereinten Nationen hingegen Millionen Kinder ums Leben."

Jeder verantwortungsbewusste Politiker will und MUSS natürlich gerade in Notzeiten erst einmal für sein eigenes Land sorgen - dazu wurde er schließlich gewählt! In dieser Verantwortung stehen übrigens auch die Politiker in den ärmeren Teilen der Welt.


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klaus27 15:20 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Eunike 14:36 Uhr

Gegen den weltweiten Armutsschock in weiten Teilen von Asien, Südamerika und Afrika und teilweise sogar im eigenen Land mit steigender Obdachlosigkeit, den wir seit Jahrzehnten mit dem Neoliberalismus erleben, kümmern wir uns einen Dreck, aber jetzt wird er in Stellung gebracht gegen eine einzelne Bevölkerungsgruppe, heute die Senioren über 80 und morgen dann, na gegen wen wohl. Zur Zeit laufen Dokumentationen über die Vernichtung sogenannten unwerten Lebens in der Nazizeit. ...


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asgeyr 15:29 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Eunike 14:36 Uhr

Ihr Kommentar ist Satire, oder? Sie erfreuen sich an dem Mitgefühl und den christlichen Werten Ihres Landes, wischen dann das Argument von Palmer bzgl. der mglw. Millionen von Kindern die in Folge der unzweifelhaft sich verschärfenden Armut sterben werden, mit Argument weg, dass man nur auf sein eigenes Land schauen sollte? Genau mein Humor!


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guyana07 14:24 Uhr

Entspricht zu 100% dem Klischee vom Schwaben in Reinkultur - widerlich.


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crossoverhill 14:03 Uhr

Palmers Populismus führt ihn an das Ende des Hufeisens, wo es leicht ist, seine Hand nach den anderen Ende auszustrecken, das von der AfD besetzt ist.
Die Grünen täten gut daran, ihm den Austritt aus der Partei nahezulegen oder ihn - bei zu erwartender Aufsässigkeit - rauszuwerfen.
Er kann dann ja mit Lucke. Petry, Fiechtner, Naidoo und Dittfurth eine populistische Sammlungspartei gründen.
Aus der Kategorie "linksgrünversifft" fällt er schon mal raus!


...
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 10:52:12 AM
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[...] Wolfgang Schäuble hat dem Tagesspiegel ein weithin beachtetes Interview gegeben, in dem er eine verfassungsrechtliche Betrachtung der Corona-Politik mit einer sehr persönlichen Sicht verbindet. [https://www.tagesspiegel.de/politik/bundestagspraesident-zur-corona-krise-schaeuble-will-dem-schutz-des-lebens-nicht-alles-unterordnen/25770466.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/bundestagspraesident-zur-corona-krise-schaeuble-will-dem-schutz-des-lebens-nicht-alles-unterordnen/25770466.html)]

... Angesichts vorerst leer gebliebener Krankenhausbetten und wechselnder wissenschaftlicher Einsichten wird der Ruf nach mehr Freiheit und Rückkehr in den Alltag lauter.

Menschen verlieren ihre Existenzgrundlagen, Firmen rutschen in die Pleite; die Situation in Familien einschließlich Alleinerziehender ist mitunter desolat. Zugleich werden mit Erfolg rechtsstaatliche Prinzipien eingefordert. Gut gemeint genügt nicht mehr, wie der gerichtliche Streit um die willkürlich gezogene Grenze für Geschäftsflächen im Einzelhandel belegt.

Eine gefährliche Situation? Unbedingt. Sie ereignet sich im Vordergrund eines Pandemieverlaufs, den derzeit niemand abschätzen kann. Der nächste erzwungene Stillstand könnte noch viel teurer werden als der erste. Gefährlich ist aber auch eine andere Situation: Der Lockdown spaltet.

Rentner oder Beschäftigte im Staatsdienst können gelassener sein, während andere um ihr Einkommen kämpfen; viele Ärmere werden ärmer, während nur die allerwenigsten reicher werden. Die Kosten einer globalen Rezession sind nicht annähernd eingepreist. Kommt es schlecht, wird es katastrophal.

Schäuble, das deuten seine Worte an, sieht die deutsche Debatte auf dem Weg in die Correctness-Falle. Wie in der Flüchtlingskrise, als anfangs kaum eine Ansicht akzeptiert war außer der humanitären, stellt sich auch jetzt eine bisher ungern ausgesprochene Frage: Welches Maß an Menschlichkeit können wir, welches wollen wir uns leisten?

Und zwar nicht nur gegenüber potenziell gesundheitlich besonders Betroffenen, sondern auch gegenüber jenen, die unter den gegenwärtigen Bedingungen anders leiden als Corona-Patienten im Krankenhaus?

Szenen wie in Bergamo darf es nicht geben. Doch wenn sie unwahrscheinlich werden, sind Mittel zu erwägen und in Relation zu stellen, die mit einem Fortdauern oder sogar einem möglichen Wiederanstieg des Infektionsgeschehens kalkulieren. Einschließlich der gesundheitlichen Folgen für alle.

Das erscheint kaltherzig, doch solche Positionen möchte ein Politiker wie Schäuble vernünftigerweise anklingen lassen, bevor andere sie besetzen.

Namentlich die AfD, deren Chef Gauland fordert, das Corona-Management schon jetzt den Bürgern zu überlassen. Das ist Irrsinn. Doch wahr bleibt: Für Gefährdete wird es wieder gefährlicher werden in den kommenden Monaten. Es geht nicht anders.


Aus: "Schäubles Einlassungen zu Corona: Einer muss es mal sagen" Ein Kommentar von Jost Müller-Neuhof (29.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/schaeubles-einlassungen-zu-corona-einer-muss-es-mal-sagen/25784932.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/schaeubles-einlassungen-zu-corona-einer-muss-es-mal-sagen/25784932.html)

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ach 09:21 Uhr

    Einer muss es mal sagen

Hat doch Boris Palmer gemacht.


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MaerkerinderMark 08:12 Uhr

Herr Schäuble spricht einen extrem wunden Punkt der deutschen Politik an - nämlich das Beziehen absoluter Standpunkte und deren Verteidigung hin bis zur Starrsinnigkeit.


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derdasowo 07:57 Uhr

Wolfgang Schäuble ist ein schönes Kontrastprogramm zu Boris Palmer. Das liegt wohl an dem Unterschied Bundespolitiker vs. Lokalpolitiker
Die Politik hat doch schon längst entschieden, dass wir weder auf Herdenimmunität, noch auf Virusaustrocknung setzen.

Heute klagen die, deren Grundrechte zu sehr eingeschränkt wurden. Morgen werden es die Risikogruppen sein, weil der Staat ihr Leben nicht angemessen schützt.
Diese Diskussion wird uns noch lange beschäftigen.


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WOLF-L 07:42 Uhr

Um einen kleinen Teil der Bevölkerung (mich eingeschlossen) zu retten, wird ein großer Teil der Bevölkerung (wirtschaftlich) vernichtet! Ist das gerecht????
Merkels Popularität wächst (enorm), mal  sehen, wie es ausschaut, wenn in Monaten das Volk aus der Starre, in einer Wirtschaftswüste, erwacht.....


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thoughts 10:05 Uhr
Antwort auf den Beitrag von WOLF-L 07:42 Uhr

Der Unterschied zwischen Leben und Geld ist Ihnen aber bewusst?


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Paul_Kalbautzke 07:39 Uhr

Die "Correctness-Falle" und "Einer muss es mal sagen".
Klingt jetzt schon etwas nach, "wird man ja noch sagen dürfen".  ...


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Prenzlbaer 07:30 Uhr

Ich bin sehr froh, dass mit Herrn Schäuble endlich einmal ein hochrangiger Politiker etwas gegen die hypermoralische Hysterie gesagt hat, die uns alle wirtschaftlich vernichten kann und die jeden Tag neue Trittbrettfahrer bekommt.


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thoughts 09:59 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Prenzlbaer 07:30 Uhr

Als (hyper)moralisch kann man Koffer-Schäuble wirklich nicht bezeichnen.

Aber eigentlich habe ich eine andere Frage. Alle sagen, der Lockdown schadet der Wirtschaft (das ist sicher auch richtig) und das kann ja auch Menschenleben kosten.
Was ist denn mit dem Argument, dass mehr Corona-Tote ja auch eine erhöhte Belastung für die Wirtschaft bedeuten kann? Dann hat man erst mehr Tote, dann trotzdem eine schlechte Wirtschaft und daraus (wenn das erste Argument stimmt) nochmals mehr Tote. Was ist dann gewonnen?


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Zweiglein 07:22 Uhr

Herr Schäuble spricht den jammernden Deutschen aus der Seele! Wenn man bedenkt, wie streng die Auflagen in unseren Nachbarländern waren, Italien, Spanien, Frankreich, war das doch hier ein Spaziergang dagegen! Und es waren nur ein paar Wochen, nicht Monate...!


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Adur 07:20 Uhr

Mich ärgert das seit Wochen, dass die Diskussion eigentlich nur nach dem Motto geführt wurde "Wenn du die Oma retten willst, dann hältst du gefälligst die Klappe und machst alles mit".
Wir kommen endlich langsam dahin, dass die negativen Folgen eines Lockdowns auch bedacht und abgeschätzt werden. Und zwar auch nicht nur im Hinblick auf wirtschaftliche Probleme, sondern beispielsweise auch in Bezug auf verschobene Operationen (Krebs, Herz etc.), auf verpasste Vorsorgeuntersuchungen, natürlich auch auf mögliche Suizide wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Und neuerdings auch die möglichen Folgen der Vereinsamung alter Menschen.
Eine eingeengte Debatte, die hier immer nur das einseitige Recht auf Leben der Coronagefährdeten sieht, wie das zum Beispiel in dem äußerst platten Spruch von Herrn Kretschmann zum Ausdruck kam (sinngemäß: Die anderen Grundrechte müssen im Vergleich zum Recht auf Leben zurücktreten), hilft da auf Dauer nicht weiter. Mal abgesehen davon, dass er sich da die Messlatte auch bei anderen Sachen ziemlich hoch legt und dann auch mit massivsten Mitteln und Einschränkungen dafür sorgen müsste, dass wir keine 20.000 Toten durch Krankenhauskeime, keine 100.000 Toten durch Alkohol, keine 70.000 Toten durch Rauchen usw, haben.
Herr Schäuble hat richtigerweise erkannt, dass wir alle irgendwann sterben müssen. Der Staat hat die Pflicht, den Menschen die bestmögliche Versorgung zu bieten und sie zu schützen (z.B. mit besserer Ausstattung des Pflegepersonals in Seniorenheimen, mehr Tests bei Risikopatienten, besseren Konzepten für Quarantänemaßnahmen in diesem Bereich). Aber er wird immer beim Versuch scheitern, den Tod zu verhindern.


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derdasowo 09:49 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Devid 08:49 Uhr

    mit welcher Vehemenz das "argumentiert" wird

Leider ist das so … von beiden Richtungen aus.

Ihren Vergleich teile ich allerdings nicht. Die Risikogruppe kann sich momentan nicht in Eigenverantwortung schützen. Das können aber Raucher und Säufer.
Wobei der Raucher NICHT zur Risikogruppe zählen darf.


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Garzauer 28.04.2020, 22:06 Uhr

Niemand anderes als Schäuble hätte dieses Thema anreissen dürfen, auch nicht Merkel oder Steinmeier. Nur bei ihm wirkt es nicht pietätlos.
Im übrigen erleben wir gerade einen Gesundheitspopulismus ohne Maß. Jeder Depp ist plötzlich Epidemiologe, kippt aber sofort aus den Latschen über die unvermuteten Zumutungen medizinischer Fachberufe. Dabei ist z.B. die vieldiskutierte Triage etwas vollkommen Reguläres für jeden Not- und Intensivmediziner. Dafür ist er ausgebildet, im Gegensatz zu einem der "was mit Medien macht", und naiv die Barbarei heraufziehen sieht. So wie man jedem Fleischkonsumenten mal ein Praktikum im Schlachthof  nahelegen müßte, so sollten ein paar Wochen Krankenhausdienst in keiner Politiker- und Journalistenbiographie fehlen.


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 11:26:25 AM
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[...] Armin Laschet hat sich dieser Tage ein paar neue Freunde im Volk gemacht, allerdings aus zweifelhaften Gründen. Der NRW-Ministerpräsident schimpfte auf die Virologen: Dauernd neue Zahlen und neue Ziele, statt sich mal festzulegen – das verstehe kein Mensch, und da müsse die Politik „dagegenhalten“!

... Christian Drosten, ein besonnener Vertreter seiner Zunft, formuliert sie so: Es sei sinnlos, mit Virologen aushandeln zu wollen, ob man Maßnahmen zurücknimmt oder verschärft: „Wenn überhaupt, dann verhandelt man da mit der Natur.“

Man muss den Satz drei Mal lesen, um seine fundamentale Wucht zu erkennen. Viren und Gletscher schließen keine Kompromisse. Das Grundgesetz ist ihnen schnuppe. Sie verzeihen keine Fehler. Sie unterwerfen uns einfach nur blind ihren Naturgesetzen.

Wissenschaftler versuchen, diese Gesetze zu verstehen. Manche können das besser, auch besser erläutern, andere schlechter. Es gibt Kluge und Eitle, Irrtümer und Wissenslücken.

Politiker haben bisher wenig Sensorium für diese Szene. Sie tun sich schwer, ihr eigenes Urteil zu bilden. Bei manchen wird man den Eindruck nicht los, sie wollten es gar nicht.

Es schimpft sich ja so viel leichter auf die Wortwahl der Kanzlerin! Es kämpft sich so viel lockerer für die Rechte des Küchenhandels! Aber mit Bequemlichkeit und Ignoranz ist der Kampf mit dem Virus nicht zu gewinnen. Er fordert neues Denken, tägliches Lernen, auch Demut.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Naturwissenschaftler im Bundestag parteiübergreifend für Vorsicht beim Lockermachen plädieren – die Physikerin Merkel, der Biologe Hofreiter, der Epidemiologe Lauterbach. Sie wissen: Mit einer Naturgewalt verhandelt man nicht. Man begegnet ihr besser mit Respekt.


Aus: "Laschets Ungeduld bei Corona-Maßnahmen: Mit einer Naturgewalt verhandelt man nicht" Robert Birnbaum (28.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/laschets-ungeduld-bei-corona-massnahmen-mit-einer-naturgewalt-verhandelt-man-nicht/25782932.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/laschets-ungeduld-bei-corona-massnahmen-mit-einer-naturgewalt-verhandelt-man-nicht/25782932.html)

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Malafide 09:49 Uhr
Beeindruckend
einige der nicht nur jüngeren Kommentare hier zeigen, dass es definitiv keine Gleichverteilung von Intelligenz gibt und das Unvermögen Ursache und Wirkung richtig auseinander zu halten und richtig einzuordnen noch größer als akzeptabel ist.

Könnte dieser Umstand eventuell ein Fall für Schäuble, Laschet und Palmer sein, die ja aktuell offen darüber "nachdenken" welches Menschenleben für einen "gesunden Volkswirtschaftskörper" noch hinnehmbar ist und welches ausgefällt werden kann/soll/muss, damit der wieder" richtig funktioniert"?

Schließlich brauchen die ja Kriterien, um die "richtigen" Entscheidungen zu treffen.


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cz284 28.04.2020, 21:09 Uhr
Bei all dem Getöse kann ich beim besten Willen nicht verstehen, warum Kinderspielplätze leer sein müssen.
Wenn eine Mutter mit ihrem Kind zur Schaukel kommt, dann lasst das Kind doch schaukeln. Eine weitere Mutter wird gerne einige Minuten im gebührendem Abstand warten, bis ihr Kind an der Reihe ist.

Was beim Einzelhändler geht, ist auch auf dem Spielplatz möglich!

Und sage mir keiner dass die Mütter auf dem Spielplatz weniger Verantwortungsbewußtsein haben, als die Leute im Supermarkt.


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guyana07 28.04.2020, 20:36 Uhr
Ich kann bis heute nicht verstehen wie man allen Ernstes in D Lockerungen fordert und einführt.
Wir haben ca. 50.000 Infizierte die noch nicht geheilt sind. Dann sichre noch mal 100.000 die unerkannt infiziert sind. Das Virus hat eine vergleichsweise hohe Letalität.
Wie kann man nur glauben, dass unter diesen Bedingungen die umfassenden Lockerungen in D NICHT zu einer zweiten, massiven Welle führen? Banaler gehts doch kaum.


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Schnelleser 28.04.2020, 18:24 Uhr
Der gesamte Bohai, der aktuell durch die Medien und Foren geistert, resultiert aus dem Irrtum, der Mensch hätte sich über die Natur erhoben. Zu begreifen, dass man in der Natur nur Nahrung für eine andere Spezies (in unserem Falle die Würmer) ist, erfordert das, was die Kirchgänger versuchen, mit dem Beten zu vermeiden, Realitätssinn. Jetzt kommt ein Virus und sorgt dafür, dass die Schwächsten vor der medizinisch verordneten Zeit dem Kreislauf der Natur zugeführt wird und alle erschrecken. Die Angst davor, doch nicht über der Natur zu stehen, verleitet uns, das Recht auf Leben von anderen einzufordern und diese zu Beschimpfen, wenn Sie uns das nicht garantieren wollen. So sind die zornigen Kommentare gegen Laschet, Schäuble und Lindner für mich zu verstehen. Es sind Kommentare der Angst gegen diejenigen, die man gern als Schuldige ausgemacht hat.


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Dabljuh 28.04.2020, 19:32 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Schnelleser 28.04.2020, 18:24 Uhr

     Es sind Kommentare der Angst gegen diejenigen, die man gern als Schuldige ausgemacht hat.

nein, es sind Kommentare, die denen entgegentreten wollen, die zu früh die Maßnahmen zurückdrehen wollen. Ihre Motive kennen wir einigermaßen. Es ist nicht Angst, sondern Empörung und wenn ich mir die Aussage von Boris Palmer zu Gemüte führe

    Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankung

Das ist ethisch gesehen einfach nur völlig daneben.


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Schnelleser 28.04.2020, 21:37 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Dabljuh 28.04.2020, 19:32 Uhr

Das ist das, was mich im Forum stört, das permanente Gewimmer der Jammerlappen, die noch jeden Quatsch mitmachen, wenn man Ihnen genügend Angst einjagt und bereit sind, alle zu beschimpfen und zu diffamieren, die nicht in die Jammerei einstimmen.


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scopa 28.04.2020, 22:26 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Schnelleser 28.04.2020, 18:24 Uhr

Ich persönlich möchte lieber eingeäschert werden, als zu den Würmern. Und wenn die Zeit gekommen ist, dann ist die Zeit gekommen. Aber ganz so aussichtslos ist unsere Situation nicht. Wir können mit ca. 10%igen Einschränkungen 99% der Leben retten - andere Länder wie SüdKorea und Taiwan machen uns vor wie es geht.
Das Leben ist nicht nur Schicksal und man kann so eine Krise meistern oder aber total versagen. Laschet ist ein Versager: Kein Plan, keine Vorbereitung, keine Maskenvorräte, keine Ahnung. Um den 20. Januar herum  war klar dass uns eine pandemische Katastrophe droht (Cordon sanitaire und Bilder von auf der Strasse sterbenden Menschen in Wuhan sowie ein paar Tage später zwei in Windeseile von den Chinesen aus dem Boden gestampften Krankenhäuser). Ab dem 26.Februar war klar dass sich das Virus unnachvollziehbar in NRW verbreitet. Um den 9. März wurde in NRW noch Bundesliga gespielt. Die erste wirkliche Maßnahme erfolgte dann um den 15.März mit den Schulschließungen. Keine Grenzschließungen, keine Masken, fast 2 Monate gepennt und vergeudet! Ohne die Horror-Meldungen Anfang/Mitte März aus Italien hätte Laschet es nicht kapiert und NRW zum nächsten Wuhan gemacht. Wenn wir irgendwann im Februar vernünftig und entschieden reagiert hätten, wir hätten  niemals einen Lockdown gebraucht. Der Lockdown in NRW geht auf Laschets Konto. Umso lächerliche wie er jetzt versucht sich darzustellen.


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Ferdinand-Georg 28.04.2020, 17:46 Uhr
Um nachhaltigen Erfolg zu haben, muss man sich anstrengen!

Stichworte: Fleiß, Geduld, Disziplin, Beharrlichkeit, Ausdauer, Bescheidenheit, Nicht-Nachlassen, Warten-Können, ...

Das gilt z.B. für ein naturwissenschaftliche Studium. Wer 3 Tage vor der Prüfung anfängt sich vorzubereiten, kann sich damit keine dauerhaften nachhaltigen Fähigkeiten aneignen. (Durch die Prüfung kommt man heutzutage mit dieser Methode leider dennoch häufig - das nur nebenbei.)

Es gilt auch sinngemäß für die körperliche Fitness oder für sportliche Erfolge. Ohne stetiges anhaltendes sich Bemühen geht es nicht. Mal eben eine Woche ins Fitnessstudio gehen führt nicht zum Ziel (z.B. desr Fettreduktion)

So verhält es sich auch beim "Kampf" gegen das Virus auch.

Neuseeland hat es vorgemacht, wie es geht.


Quote
NoSi 28.04.2020, 17:04 Uhr

"Politiker fragen oft die Experten, deren Meinung sie teilen." Hierfür bietet Laschet den besten Beleg. Mann/Frau schaue sich nur mal die Zusammensetzung seines 12köpfigen Experten*innenrat NRW an: völlig einseitig konservativ-wirtschaftsnah. Kein Vertreter+innen  der Arbeitnehmer*innenseite, keine Vertreter*innen aus der Wohlfahrt, die ja schwerpunktmäßig im Bereich Kinder, Jugend,Alte tätig ist, um deren psycho-soziales Wohlergehen bei zu langem Lockdown "Lusche Laschet" sich scheinbar so sorgt und deshalb lockern will. Die Zusammensetzung seines Gremiums verrät aber sein eigentliches Ziel, das er mit weichen Themen dem Volke genehmer machen möchte: Befriedigung der Wirtschaftslobbyisten*innen, deren Wertschöpfung aber von Arbeitnehmer*innen erarbeitet wird, die er in seinem Gremium nicht hören will. Laschet ist ein rechter Wolf, der sich im sozialliberalen Schafspelz argumentierend präsentiert, um so gesamtgesellschaftliche Zustimmung für seine letztlich einseitige  Wirtschaftsnähe zu generieren. Je weniger ihm das gelingt desto unkontrollierter tritt er auf. Bestes Beispiel dafür war Sonntagabend sein Gezeter bei Anne Will. Er spielt Verantwortungsethik mit dem Ziel, seine konservative Gesinnung ausschließlicher Wirtschaftsnähe durchzusetzen.

Norbert Sinofzik, Rheinstadt Uerdingen


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DNC 28.04.2020, 17:51 Uhr
Antwort auf den Beitrag von NoSi 28.04.2020, 17:04 Uhr

Sie haben völlig recht, obwohl es schwer vorstellbar erscheint, dass jemand die viele Kreide um seinen Mund nicht wahrnimmt. ...


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McSchreck 28.04.2020, 16:50 Uhr
Herrn Laschets Kritik war ja nur zum Teil an die Experten gerichtet - und da berechtigt.

Wenn Tausende von Toten für Ostern prognostiziert wurden oder eine Überforderung des Gesundheitssystems angeblich fast unvermeidlich war - zu Zeiten, wo das exponentielle Wachstum schon beeendet war und die Zahlen stagnierten oder schon fielen, dann musste man kein Experte sein, um Zweifel zu haben. Ein bisschen Statistik genügte das schon - gut dass wir in Deutschland gute Schulen haben, Wo so etwas gelehrt wird und einige Leute mitgerechnet haben.

Die schlimmste Fehleinschätzung wurde in der Woche vor der Sendung mit Laschet bei Frau Will geäußert, die gesunkenen Zahlen seien nur ein "Artefakt der Osterwoche" mit geringeren Meldezahlen. Daran war NICHTS richtig. In den Tagen nach Ostern wurden die Zahlen ja nachgemeldet (was zu dem ach so schlimmen Anstieg führte, nicht etwas der angebliche Leichtsinn, nennt man "Nachholeffekt") - sie waren im Wochenschnitt dennoch niedriger als die Woche davor - und die Woche danach noch niedriger und diese Woche noch niedriger.....

Die Frage ist, warum ein Laschet so hart kritisiert wird, während ich noch kein Wort der Kritik zu dieser völlig falschen Behauptung eines "Experten" gelesen habe - und von ihm meines Wissens auch keine Worte der Entschuldigung für seine krasse Fehleinschätzung.


Quote
Dabljuh 28.04.2020, 17:01 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 28.04.2020, 16:50 Uhr

Sie mögen ja irgendwie recht haben, aber bei mir kommt bei solchen Meinungsäußerungen immer der Verdacht auf, dass Sie eine Ausrede suchen, um jetzt die Position des "Streikbrechers" einzunehmen. In letzter Zeit häufen sich diese Ausreden. Wahrscheinlich halten manche Menschen die Kontaktsperre einfach schlecht aus.


Quote
PeterHLorenz 28.04.2020, 17:12 Uhr
Antwort auf den Beitrag von McSchreck 28.04.2020, 16:50 Uhr

"Ein bisschen Statistik genügte das schon - gut dass wir in Deutschland gute Schulen haben, Wo so etwas gelehrt wird und einige Leute mitgerechnet haben."

Deutschunterricht wäre auch angebracht.


Quote
GEO65 28.04.2020, 16:50 Uhr
Ich bin mittlerweile hoffnungslos, was das Volk(c) angeht - die meisten Kommentare beweisen das auch hier. Ich halte mich an die Naturwissenschaftler. Deren Branche hat nachweislich schon tausende von Jahren überlebt, und ist in den letzten 100 Jahren immer besser geworden, sonst könnte nicht ein kleiner Bürgermeister die ganze Bundesrepublik erschrecken, und ich nicht diesen Kommentar schreiben.
Herr Laschet, Palmer und die FDP möchten die Alten, ganz jungen und die Kranken sterben lassen - ok, wenn das Volk es so will. Wir können ja dann später wieder ganz entsetzt tun, Denkmäler aufstellen und eine Dokumentation nach der anderen im Fernsehen senden.
Der Laschet schielt eh nur auf den Posten des Bundeskanzlers und übersieht dabei, dass er gerade die Letztwähler der CDU dafür opfert, denn die können dann nicht mehr wählen...


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 12:41:16 PM
Quote
[...] Der Mechaniker geht nun freiwillig auf zwei Meter Abstand: "Corona? Entschuldigung. Aber für mich ist das ganze Thema vollkommen drüber." Kurzes Schweigen. Keine neue Frage des Reporters. Der Monteur verschränkt die Arme vor der Brust. Und Satz für Satz drückt er ein tiefes Unverständnis über die Maßnahmen der Regierung aus:

"Wegen einer Grippe die ganze Welt anhalten?"

"Da werden ja mehr Leute an den Wirtschaftsbeschränkungen draufgehen als an dem Virus."

Politik und Gesellschaft, so sieht er es, hätten leider kollektiv den Verstand verloren. "Und sie wollen den Unsinn ja noch weiter durchziehen bis sonst wohin." Der Mechaniker Gordon bringt das unter Lockdown-Skeptikern populäre Beispiel von der Krankenschwester, die jetzt auf Kurzarbeit gesetzt sei, und guckt, ob seine Ratlosigkeit und seine Empörung angekommen sind. Sind sie. Er: "Mir leuchtet es einfach null ein."

... Er zählt nun Begriffe auf, die ihm in den letzten Wochen immer wieder begegnet seien: Reproduktionsrate, Infektionskurve, Verdopplungszeit, Kontaktsperre, Hygieneregeln, Systemrelevanz, Social Distancing – ein abstraktes Gedicht in der Autowerkstatt. Grinsender Mechaniker: "Weeßte?" Nein, offen gestanden noch nicht ganz: Was sagen ihm diese Begriffe? "Na, da kommt keiner mit! Da kann ich nur grinsen!"

Auf eine Art wirkt seine Empörung gänzlich undepressiv und ja, erfrischend. Der Bundespräsident warnte kürzlich in einem Interview davor, die Stimmung könne in der Bevölkerung kippen. Hier, in der Autowerkstatt in Weißensee, ist sie längst gekippt. Dieser Gordon spricht mit einer schönen Unverdruckstheit: als wären alle, die die Dinge anders sähen als er, leider ein bisschen dumm.

Kurz ablenken von der Krise. Als Schrauber habe er das Problem, dass er vergleichsweise selten amerikanische Straßenkreuzer oder andere spektakuläre Autos reinbekomme: "Alltagsgegenstände, Kratzer hier, Kratzer da." Unter den technischen Problemen mache ihm der Motorfehler, also die Fehlersuche beim kaputten Motor, am meisten Spaß. Die neueste Generation Autos denke ihm zu viel mit: "Ein E-Auto tut so, als ob es klüger sei als der Monteur. Nicht schön." Der Monteur mit freier Werkstatt, das wisse doch jeder, sei eine aussterbende Spezies: "In spätestens zwanzig Jahren wird es keine offenen Werkstätten mehr geben."

Man möchte es noch ein bisschen genauer wissen. Wie informiert er sich? Was bedeuten ihm Politik, Demokratie, Parlamentarismus?

Er outet sich als Nichtwähler, und das klingt dann leider ziemlich niederschmetternd: Geld regiere die Welt, da mache er sich keine Illusionen. "Eine Angela Merkel? Die liest doch auch nur das vor, was man ihr hinlegt." Der Automechaniker ohne Illusionen guckt gerne mal in die BZ, auch mal auf Facebook und auf die YouTube-Kanäle KenFm und SchallundRauchTV. Und distanziert sich – typisch für diese Generation von Medienkonsumentinnen – gleichzeitig vom paranoiden Unsinn dieser Verschwörungstheoretiker: "Da fasse ich mir auch immer nur an den Kopf."

Und der Reporter hört sich selbst beim hilflosen Versuch zu, den so undumm und aufgeweckt wirkenden Automechaniker als Konsument der Qualitätsmedien zu gewinnen. Anders als bei sogenannten Truthern und ihren YouTube-Kanälen bestehe deren Existenzberechtigung ja genau darin, gegen die Interessen von Politik, Wirtschaft und Lobbyismus anzurecherchieren. Höflich interessierter Mechaniker: "Ist gut, ja. Ich gucke mir das mal an."

Ein Moment der Sprachlosigkeit im Hof der Autowerkstatt.

Fußball? Frühzeitige Wiedereröffnung der Bundesliga? Auf dem Gebiet könne er null Leidenschaft entwickeln. Das Feierabendbierchen? Gebe es bei ihm sowieso nicht. Den Alkohol habe er, obwohl er nie große Probleme damit gehabt habe, ganz aufgegeben. Sei besser so.


Aus: "Automechaniker: Der Lockdown-Skeptiker" Moritz von Uslar (28. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-04/automechaniker-coronavirus-massnahmen-skepsis/komplettansicht (https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-04/automechaniker-coronavirus-massnahmen-skepsis/komplettansicht)

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Runkelstoss #43

Verstehe. Alle doof und hysterisch nur ich nicht.


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  Simplicio #39

Ein Bett auf der Intensivstation würde er aber schon haben wollen, wenn es ihn träfe?


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dof #1.1

Bei uns herrscht Meinungsfreiheit. Darum darf man auch Stuss daher reden, ohne Begründung dafür.


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Tom Richter #1.4

Wieso ist das in ihren Augen "Stuss"?

Ich darf daran erinnern, als das letzte Mal ökonomische Verwerfungen in den zu erwartenden Größenordnungen auftraten, haben "die Deutschen" kurze Zeit später Hitler und seine Schergen gewählt. Bzw. halb zog er sie, halb sanken sie dahin.

Daher ist ein Satz wie "Da werden ja mehr Leute an den Wirtschaftsbeschränkungen draufgehen als an dem Virus" vielleicht nicht akademisch verschwurbelt genug, aber mit Sicherheit kein "Stuss".


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Grauselhurz #1.2

Die Meinungsfreiheit garantiert allerdings nicht, dass man seinen Stuss äußern darf ohne dafür (heftigen) Widerspruch zu erhalten.


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offeneAugen #1.3

Grandioser Text ;-). Journalismus vom Feinsten. ...


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Dunkles Ahnen #3

Uns was soll der Nährwert dieses Textes sein ?


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Eldorado.2016 #3.1

Bleib du lieber klug, denn Spinner gibt es genug.


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King Slatfass #4

Bemerkenswert ..... wenig Information gibt wenig Kopfschmerz. ... Erfrischend aber wenig zukunftssicher.


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Unlock #4.1

Ähnliches begegnet Ihnen auch im höheren Management oder der Politik. Dort müssen ganze Manuskripte in drei Wörtern wiedergegeben werden, damit es überhaupt zu Entscheidungen kommen kann. Jede Information zu viel verwirrt nur. Die Corona-Krise ist ein gutes Beispiel. Im Grunde wissen wir ja nichts.


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PersephoneHB #4.3

No brain, no pain. Wobei ich ihm nicht Dummheit unterstellen mag. Vielleicht ist es auch bloß eine Art von Resignation der Politik und des Weltgeschehens gegenüber.


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Robert Nozick #4.5

"Die Corona-Krise ist ein gutes Beispiel. Im Grunde wissen wir ja nichts."

Sehr treffend zusammengefasst. Im Grunde wissen wir nichts darüber, was die beste Strategie gegen Corona angeht.
Bestenfalls können wir zuverlässig sagen, dass gar nichts tun wohl kein gutes Ende genommen hätte. Und dass es einen Haufen dämlicher Verschwörungstheorien gibt, die man nicht glauben sollte.
Bei allem anderen könnte es so oder so sein. Und Bewertungen, was richtig sein könnte, hängen meistens nicht von Fakten ab, sondern von den eigenen Präferenzen.
Glaube ich, dass alles getan werden muss, um jede einzelne Neuinfektion zu vermeiden oder möchte ich so schnell wie möglich so viele Einschränkungen wie möglich wieder los werden und bin bereit zu akzeptieren, dass eine Corona-Erkrankung so lange ein normales Lebensrisiko is, wie eine angemessene Behandlung im Krankenhaus möglich ist?

Oder ist es mir scheißegal, Hauptsache keine Kopfschmerzen beim drüber nachdenken und ich will einfach mein Leben leben? Dann sind wir bei Gordon. Und ich bin nicht sicher, ob das nicht der richtige Standpunkt ist. Sollen sich andere den Kopf zerbrechen, ich nehme es wie es kommt.


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AGB akzeptiert #5

Solange noch ein wenig Respekt für Andere in ihm ist, dann ist es noch in Ordnung, Eigentlich geht es wie sooft nur Egoismus. "Ich kapiere es nicht also lasst mich in Ruhe mein Ding machen."


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ovadinho #6

„ Und der Reporter hört sich selbst beim hilflosen Versuch zu, den so undumm und aufgeweckt wirkenden Automechaniker als Konsument der Qualitätsmedien zu gewinnen. Anders als bei sogenannten Truthern und ihren YouTube-Kanälen bestehe deren Existenzberechtigung ja genau darin, gegen die Interessen von Politik, Wirtschaft und Lobbyismus anzurecherchieren.“

Lieber Moritz, ich lese wirklich gerne ihre Texte. Und auch dieses Interview lässt Gordon auch Mensch mit eigener Meinung sein. Sehr sympathisch.
Aber beim oben zitierten Satz musste ich zweimal hingucken. Gerade nach der Berichterstattung der letzten Wochen: Glaubst du da wirklich dran?


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Cranston #10

Ein wenig Berliner Lokalkollorit in Form von "Gordon" gepaart mit komplettem Unverständnis bezüglich der aktuellen Lage.

Wenn ich grade vor Kurzem einen handwerklichen Kleinbetrieb als one-man-show auf die Beine gestellt hätte, ziemlich auf Kante genäht, würde ich das ggf ähnlich sehen. Ist alles verständlich.

Das hier Herr Von Uslar aber so tief beeindruckt scheint von der "Autentizität" des seines Protagonisten, und diese so bejubelt, sagt aus meiner Sicht mehr über die gewisse "Abgehobenheit" Herrn Von Uslars aus, als über den im Artikel skizzierten Menschen.

Andererseits: Wer will es Von Uslar verdenken. Woher auch soll der Realitätsbezug kommen. Alles ok für mich. jeder wie er mag.


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JuliusU995 #12

"undumm und aufgeweckt wirkenden Automechaniker als Konsument der Qualitätsmedien zu gewinnen"

Der Satz ist missglückt wie ich finde obwohl ich genau die selben Gedanken habe wie Reporter Moritz von Uslar.
Da trifft man grund-symphatische Typen, nicht doof, ehrliche Haut und genau die fallen auf diese ganzen Truther bzw. Kenfm und Konsorten rein.

Obwohl mit dem Grippe-Vergleich hat Mechaniker Gordon Gomoll nicht so ganz unrecht auch wenn dieser total hinkt.

Naja, an mein Auto würde ich Gordon ranlassen ;-)
Schöner Artikel.


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Torrente #14

Jeder kann ja seine Meinung haben und vertreten, aber ich persönlich halte mich bei der Einschätzung virologischer Belange eher an...nun ja, Virologen und Epidemiologen. Ich würde gleichsam auch nicht Herrn Drosten oder das RKI bei Problemen an der Zylinderkopfdichtung zu Rate ziehen.


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sternenklar #18

"Da werden ja mehr Leute an den Wirtschaftsbeschränkungen draufgehen als an dem Virus." - Die Befürchtung teile ich vollkommen, auch wenn ich Angela Merkel nicht für eine Marionette irgendwelcher dunklen Verschwörer halte. Ich glaube, die Politik reagiert auf die Stimmung in der Bevölkerung, auf die Gutachten der Wissenschaftler und natürlich auch von Interessensverbänden und versucht irgendwie abzuwägen und einen gesunden Mittelweg zu finden. Ich bin auch dankbar, dass das in Deutschland mit deutlich mehr Augenmaß geschieht als in vielen anderen Ländern. Solange man mir nicht verbietet, rauszugehen (wie z.B. in Spanien) kann ich persönlich auch mit allerhand Einschränkungen leben, wenn auch manchmal zähneknirschend. Ich habe auch Vertrauen in unsere Gerichte, die die Teile der Eindämmungsverordnungen, die unverhältnismäßig oder verfassungswidrig sind (leider meist erst rückwirkend) außer Kraft setzen werden.

Es macht mich traurig, dass die Verschwörungstheoretiker die Kritik an den Eindämmungsmaßnahmen teilweise kapern. Auch ohne Verschwörungsfantasien sollte man den drastischen Eingriff in Grundrechte kritisch hinterfragen. Und vor allem sollten uns auch ohne irgendwelche herbeifantasierten Strippenzieher die wirtschaftlichen Folgen der Eindämmungsmaßnahmen größte Sorgen bereiten! Jede Wirtschaftskrise fordert Todesopfer. Auch gibt es einen engen Zusammenhang zwischen Armut und geringerer Lebenserwartung. Wirtschaft sind eben nicht nur "die da oben". Leiden tun die Armen.

[Noch eine kleine Ergänzung: Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen Armut und niedrigerer Lebenserwartung. Auch in Deutschland sterben Arme im Durchschnitt etwa 10 Jahre früher als Reiche. https://www.zeit.de/gesellschaft/2016-03/lebenserwartung-deutschland-arm-und-reich (https://www.zeit.de/gesellschaft/2016-03/lebenserwartung-deutschland-arm-und-reich) (Sie können sich selbst ausmalen, wie das in Ländern ohne soziale Sicherungssysteme aussieht)]


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leidervergessen #19

"Der Mechaniker Gordon Gomoll aus Berlin-Weißensee gehört zu den Gegnern der Corona-Politik. Er sagt: "Mir leuchtet das null ein."

Er ist nicht alleine, aber leider kommen erst jetzt diese Meinungen zu Wort. ...


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Malparte #26

Das ist ein schöner Text - es kommt meine Meinung nach - viel zu selten vor, dass man mal zeigt, welche Gruppen von Merkel Tagesschau und Co gar nicht erreicht werden. Hier der Malocher, aber auch Esoteriker. Und er ist mir mit seiner Ignoranz sympathischer als all die selbstgewissen Personen, die auch kaum mehr wirklich wissen, dafür aber zu 100 Prozent sicher sind welcher Weg der Richtige ist.


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Der_Puderant #29

Ihm leuchtet das „null ein“? Vielleicht liegt‘s an der mangelnden Bildung. Und verharmlosend von einer „Grippe“ zu schwadronieren spricht auch nicht gerade für einen hohen IQ


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Frenchhornplayer85 #30

Deswegen ist der Herr wahrscheinlich auch nicht Virologe, sondern Automechaniker.


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Riam #42

Ich stimme dem Automechaniker zu. Meiner Meinung nach sind die Massnahmen massiv unverhältnismässig. Die Mortalität des C-Virus liegt gerade einmal bei 6% dafür die Wirtschaft und persönliche Freiheiten zu Opfern ist für mich nicht logisch begründbar.


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polygraphos #42.1

Ganz so hoch liegt die Mortalität wohl nicht. Aber selbst wenn Sie 4% betragen würde, würden das bei einer ungezügelten Ausbreitung bis hin zur vermeintlichen "Herdenimmunität" von 50% der Bevölkerung alleine 1,6 Millionen Tote bedeuten! Diese 1,6 Millionen wären vor ihrem Ableben erst noch eine Zeitlang schwerkranke und intensivpflichtige Patienten, und das nicht schön nacheinander, sondern in relativ kurzer Zeit. Kein Gesundheitssystem der Welt könnte das verkraften. Es geht schlicht darum, genau diese Katastrophe zu vermeiden. Warum kann das nicht einfach jeder begreifen?


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Minimaxprinzip #44

Ich finde es reichlich gemein von der Zeit, einfach gestrickte Menschen hier so vorzuführen.
Auch wenn er als "Stimme aus dem Volk" herhalten soll und freiwillig mitgemacht hat, ist es unterirdisch.


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PinkFloyd #44.2

Aber Minimaxprinzip, der Autor hat lediglich das gemacht, was man umgangssprachlich mit "Dem Volk aufs Maul schauen" benennt. So von seiner Warte (also weiter oben) aus. Originell und lebendig authentisch formuliert (Relotius läßt grüßen) aber mit gewisser angemessen-wohlwollender Überheblichkeit. ...


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Zoegereister #47

Man hätte ihn auch über die Globale Erwärmung interviewen können. Das Ergebnis wäre dasselbe gewesen.


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seven times #56

Mag ja sein, dass ihm was auch immer "null einleuchtet". Mag aber auch sein, dass das an ihm liegt. Manche verstehen eben nicht alles. Die meisten sogar. Das ist nichts besonderes und bedarf nicht der Erwähnung. Jedenfalls nicht in der Zeitung. ...


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Berlin Wedding #58

Endlich auch mal ein Artikel über jemand, der nicht die "Wir-werden-alle-sterben-wenn wir-nicht-noch-mindestens-18-Monate-zuhause-bleiben"-Theorie nachbetet.


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HAH #58.1

Wieso "Endlich"? Das ganze Internet ist doch voll von Verharmlosungen von Leuten die nicht wirklich vom Fach sind.


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K.Rosenhoff #67

Mich beschleicht das Gefühl, dass je deutlicher die Überzogenheit und Sinnlosigkeit der Maßnahmen zutage tritt, desto vehementer und aggressiver werden selbige hier in den Kommentaren verteidigt -- wie ein Hund, der knurrt und schnappt, wenn man ihn in die Enge getrieben hat.

Weiters ist die Arroganz, mit der manche den "einfachen" Automechaniker hier aburteilen, unerträglich. Dass der Automechaniker dieselbe Sicht auf die Dinge hat wie viele Wissenschaftler und Intellektuelle, scheint manche hier bei ihrer Verächtlichmachung nicht zu stören. ...


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Tordenskjold #69

Gordon irrlichtert ein bisschen durch die Medien, BZ und Facebook, hört sich KenFM an, glaubt ihm seinen Verschwörungsquatsch aber nicht.
Argumente hat er keine, Meinung dafür umso mehr.

Natürlich Nichtwähler, grinsend, fröhlich, unbelastet - alle doof, Merkel doof, icke nicht doof, wa?!

"Da werden ja mehr Leute an den Wirtschaftsbeschränkungen draufgehen als an dem Virus…“ sagt er, er hat es wohl irgendwo aufgeschnappt, wo eigentlich?
Egal, vom Feeling her ein schlechtes Gefühl, Argumente Fehlanzeige.

Ein Moment der Selbsterkenntnis: „- "Na, da kommt keiner mit! Da kann ich nur grinsen!" Übersetzt: Ich verstehe nix, is mir auch wurscht.

Demokratie lebt vom sich breit informieren, diskutieren, mitdenken, mitmachen, widersprechen, sich zu einer Position durchringen, wählen.
Gordon hat sich leider ausgeklinkt. Man kann nur froh sein, dass er Nichtwähler ist.
Gordon muss bei unserer Demokratie nicht mitmachen, die Freiheit hat er.

Er muss nicht wählen gehen und er muss sich nicht umfassend informieren. Aber wenn „die da oben“ Scheiße bauen und er drunter leidet, dann werde ich sein Gejammer nicht ernstnehmen können.


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D. Oswald Heist #69.1

"Demokratie lebt vom sich breit informieren, diskutieren, mitdenken, mitmachen, widersprechen, sich zu einer Position durchringen, wählen."

Das sind allerdings auch alles Prozesse die man erst einmal erlernen muss. Das soziale Umfeld spielt da eine große Rolle. Und wer den ganzen Tag am Auto schraubt wird ausser übers Radio kaum informiert. Die Muße sich Abends noch übers Tagesgeschehen zu informieren, wenn man noch sonstige Verpflichtungen wie Famillie/Hobbies/Sport hat, ist wahrscheinlich überschaubar.


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OstertaJ #75

Wie Gottfried Benn schon sagte: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück."


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rosu #82

Recht hat er! - Und sie werden von nahezu jedem BIP erwirtschaftendem die gleiche Meinung hören, egal ob Auto- Gastro- oder gar Veranstaltungsbranche.
Viele haben es noch nicht bemerkt, aber die Meinungskluft verläuft zwischen Produktiven und denen, die aus deren Steuern ihren "Lohn" generieren.
Zu denen ja bekanntlich auch unsere allwissende Politikerkaste gehört....


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hidrogenado #82.1

...und genau deswegen treffen "die Politiker" die Entscheidungen und nicht die "BIP Erwirtschafter". Den sonst hätten wir die 52 Stunden Woche, mit 12 Tagen Urlaub und jeder Menge menschlicher Corona Kolateralschäden.....


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Paul Freiburger #83

"Den Alkohol habe er, obwohl er nie große Probleme damit gehabt habe, ganz aufgegeben. Sei besser so."

Na, das ist doch wenigstens vernünftig. ...


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1Bln47 #89

So so, der Autoschlosser ist also ein dummer Prolet.
Nicht wenige der hiesigen Kommentatoren sind wohl länger zur Schule gegangen, gelernt haben sie ganz offensichtlich nichts, jedenfalls nichts was tatsächlich wichtig ist.
Weshalb gibt es denn "Typen" wie diesen Schrauber? ...


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M.Aurelius #92

"Mir leuchtet das null ein." Manchen Zeitgenossen leugnet auch der Dreisatz nicht ein. Sollen wir deshalb über die Arithmetik abstimmen oder die Mathematik umschreiben?


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bertbert #92.1

Nein. Aber den Menschen ihre Meinung lassen wäre schon schön, ohne sie als dümmlich abzustempeln.


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das_freie_wort #92.2

"Aber den Menschen ihre Meinung lassen wäre schon schön, ohne sie als dümmlich abzustempeln."

Damit muss aber jeder leben, der seine Meinung exponiert zum Ausdruck bringt. Und ich unterstelle mal, dass Gordon zu diesen Aussagen nicht gezwungen wurde und der Veröffentlichung zugestimmt hat.


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Fisematente #95

Ich finde es nicht in Ordung, daß dieser Mann von der ZEIT der Lächerlichkeit und Verächtlichmachung preisgegeben wird.

Es wird wohl nur wenige geben, die die medizinischen, wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen überhaupt beurteilen können, noch viele weniger hätten den Mut und die Position, diese durchzusetzen.

Natürlich versucht jeder, die Dinge mit seinem gesunden Menschenverstand zu beurteilen und sich einen Weg zu suchen und das steht auch jedem zu.
Viel wichtiger wäre, über den mächtigsten Mann der Welt solche Artikel zu verfassen, der ohne gesunden Verstand ist.


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bertbert #95.1

"mächtigsten Mann der Welt"

Chuck Norris?


...
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 01:58:18 PM
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[...]  Nicht zuletzt seit seiner Kritik an US-Präsident Donald Trump steht Bill Gates im Zentrum von Verschwörungstheorien rund um die Verbreitung von SARS-CoV-2.

"It’s easy to predict the future when you are creating it." So lautet ein Kommentar eines Youtube-Nutzers unter einem Video, in dem vor fünf Jahren Bill Gates vor einer Pandemie warnte. Der in den jüngsten Jahren philantropisch insbesondere auf dem Gebiet der Behandlung und Bekämpfung von Krankheiten tätige Milliardär ist spätestens seit seiner Kritik an der Politik der US-Regierung unter Donald Trump Ziel von Verschwörungstheorien geworden.

Trump hatte kürzlich die Zahlungen an die WHO eingestellt mit dem Vorwurf an die Weltgesundheitsorganisation, Missmanagement zu betreiben und mit dem Vertrauen auf Angaben aus China die Coronavirus-Epidemie dramatisch verschlimmert zu haben. Gates meinte daraufhin über Twitter, der Schritt der USA sei gefährlich, denn die Welt brauche die WHO, die die Verbreitung von SARS-CoV-2 verlangsame.

Gates hatte im April 2015 geschildert, dass die Welt nicht so sehr von einem nuklearen Krieg bedroht sei, sondern viel mehr von dem globalen Ausbruch eines Virus. Das Video ist laut einem Bericht der New York Times in den vergangenen Wochen 25 Millionen Mal angeklickt worden. Viele Menschen lobten dabei aber nicht Gates' Weitsicht, vielmehr sehen sie das Video als einen Beleg dafür, dass der Milliardär mithilfe einer Pandemie die Kontrolle über die Gesundheitssysteme der Welt erlangen wolle.

In Beiträgen auf Youtube, Facebook und Twitter gehen die Nutzer so weit zu behaupten, Gates höchstselbst habe SARS-CoV-2 in die Welt gesetzt, um von der Entwicklung eines Impfstoffes zu profitieren. Andere meinen, Gates habe sich mitverschworen, mithilfe von Covid-19 die Weltbevölkerung zu selektieren oder zu überwachen.

Gates selbst hatte vor kurzem unter anderem angekündigt, dass die von ihm mitgeführte Bill and Melinda Gates Foundation für alle sieben der erfolgversprechendsten Impfansätze Fabriken finanzieren werde. Die Stiftung hat nun ihre Mittel für den Kampf gegen SARS-CoV-2 um 150 Millionen US-Dollar erhöht. Im Internet hat die Gates-Stiftung unter #solidaritypledge zur Solidarität in der Coronavirus-Krise aufgerufen. Die Kampagne fand auch in Deutschland ihren Niederschlag, darunter auch bei Impfgegnern, die mit der Losung "Gib Gates keine Chance" antworteten, angelehnt an eine Kampagne der BZgA aus den 80er-Jahren.

Mit seinen Appellen in den vergangenen Wochen an die Menschen, möglichst zu Hause zu bleiben, Testverfahren und die Entwicklung von Impfstoffen voranzubringen hat sich Gates zu einer Art Gegentrump in Sachen Corona entwickelt, zumal der derzeitige US-Präsident die Gefahren durch das Virus zunächst heruntergespielt hatte. Ende März schrieb Gates in der Washington Post, die USA hätten die Chance vertan, dem Virus einen Schritt voraus zu sein.

Trumpbefürworter und Impfgegner scheinen nun Hand in Hand Gates als Zielscheibe ihrer Angriffe auserkoren zu haben. Die Medienanalyse-Firma Zignal Labs hat Fehlinformationen über den Microsoft-Mitgründer als jene mit dem größten Anteil an Fake News im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgemacht. Die zehn auf Youtube beliebtesten Videos im März und April, in denen Lügen über Bill Gates verbreitet werden, wurden rund fünf Millionen Mal angeklickt, schreibt die New York Times.

Die Zeitung führt die Verschwörungstheorie um Bill Gates und SARS-CoV-2 auf den 21. Januar 2020 zurück, als sie das erste Mal auf Twitter aufgekommen sei. Dabei sei die Rede von einem "Patent für Covid-19" des britischen Pirbright Institute die Rede gewesen, das von der Gates Foundation finanziert werde. In Wahrheit ging es in dem Patent um ein anderes Coronavirus, das Geflügel gefährlich werden kann. Die Website Infowars habe hingegen die Behauptung verbreitet, in dem Patent gehe es um das "tödliche Virus". Diese Falschinformationen seien von Februar bis April in sozialen Medien 1,2 Millionen Mal erwähnt worden und damit ein Drittel häufiger als die zweitmeist erwähnte Verschwörungstheorie, 5G-Funk begünstige die Verbreitung von SARS-CoV-2. (anw)


Aus: "Bill Gates im Fadenkreuz von Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern" Andreas Wilkens (17.04.2020)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Bill-Gates-im-Fadenkreuz-von-Impfgegnern-und-Verschwoerungstheoretikern-4704369.html (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Bill-Gates-im-Fadenkreuz-von-Impfgegnern-und-Verschwoerungstheoretikern-4704369.html)

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     cookieray, 17.04.2020 13:50

Die Welt teilt sich nicht nur in arm und reich
Leider betrifft das auch die Bildung.

Die Welt wird immer komplizierter und immer wenige verstehen die Zusammenhänge. Das ist ein idealer Nährboden für Verschwörungstheorien, die mit einfachsten (Feind-)bildern und zurechtgebogenen Aussagen/Videoclips eine vermeintliche Erklärung bieten.

Leider wird man mit Hinweis auf Fakten oder gar den Original-Quellen auch sehr schnell aus den Blasen herausgeworfen oder per Filter geblockt. Ein Raum für offene Diskussion und Kritik wird oft nicht zugelassen.


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     Lochkarte, 17.04.2020 13:05

Hätte mir vor 25 Jahren jemand erzählt, dass mir Gates noch mal sympathisch wird, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Damals war ich SUN-User, und Gates war unser Feindbild.
Wie sich die Zeiten doch ändern.


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     Underbreak, 17.04.2020 13:29

Impfgegner, Verschwörungstheroretiker und Trump-Anhänger...

Das passt wirklich zusammen. ...


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     Navid Khaled, 17.04.2020 14:34

Gates hat das Virus nicht geschaffen, die Katastrophe vielleicht schon
Das Virus ist nicht die Katastrophe, sondern der Umgang damit.

Und der wird noch eine langwierige Aufarbeitung benötigen.
Dann wird man sehen, inwieweit Bill Gates beteiligt war, Strukturen zu schaffen, die dann in erzwungene Panikreaktionen von Regierungen auf der ganzen Welt mündeten.

Es wird sicher versucht werden, diese Aufarbeitung zu verhindern oder Ergebnisse zu vertuschen.
Dann werden daraus eben "Verschwörungstheorien" gemacht. Ist doch bequem, denn einmal so bezeichnet, glauben fast alle daran, hinterfragen nichts und lassen sich manipulieren.


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     Gently__ , 17.04.2020 14:42

Re: Gates hat das Virus nicht geschaffen, die Katastrophe vielleicht schon

Navid Khaled schrieb am 17.04.2020 14:34:

    Das Virus ist nicht die Katastrophe, sondern der Umgang damit.
    Und der wird noch eine langwierige Aufarbeitung benötigen.
    Dann wird man sehen, inwieweit Bill Gates beteiligt war, Strukturen zu schaffen, die dann in erzwungene Panikreaktionen von Regierungen auf der ganzen Welt mündeten.
    Es wird sicher versucht werden, diese Aufarbeitung zu verhindern oder Ergebnisse zu vertuschen.
    Dann werden daraus eben "Verschwörungstheorien" gemacht. Ist doch bequem, denn einmal so bezeichnet, glauben fast alle daran, hinterfragen nichts und lassen sich manipulieren.


Dann frage ich mal:

Welchen Zweck verfolgst Du mit diesem Beitrag?
Wirst Du bezahlt?
Cui Bono? Die gebeutelte Wirtschaft. Der sind die Toten ja egal? Wer sind denn Deine Hintermänner?
Warum hast Du Dich mitten in der Corona-Krise hier angemeldet (11.4.)?
Bezieh doch mal Stellung!


Quote
     Quadratschädel, 17.04.2020 15:01

Re: Gates hat das Virus nicht geschaffen, die Katastrophe vielleicht schon

es sind schon zwei verschiedene dinge, gesellschaftliche mißstände anzuprangern, die zu einer verschlimmerung der situation massiv beitragen, z.b. kostendruck und monetarisierung im gesundheitssystem, zwei-klassen-medizin, fehlen von krankenversicherungen bei großen bevölkerungsanteilen in wohlhabenden gesellschaften (in ärmeren sowieso), mangelnde solidarität ggü. marginalisierten wie armen, schwarzen oder flüchtlingen, und die dafür schuldigen zu benennen, nämlich konservative und neoliberale politiker, wirtschaftsverbände und profitgierige investoren, oder jemandem vorzuwerfen, er würde einen krankheitserreger erschaffen, um die ganze welt in eine krise zu stürzen, aus der er als einziger als gewinner hervorgehen könnte. es ist nicht bill gates, der uns vorschreibt, wie wir zu leben haben. es ist nicht bill gates, der uns verpflichtet, windows zu nutzen und unsere krankenhäuser angreifbar zu machen. merke: wir leben in einem system, wo effizienz in profit gemessen wird. das trifft uns alle, daran sind wir alle gleichermaßen beteiligt, solange wir nichts ändern. und noch etwas: zum korrumpieren gehören immer zwei: einer, der bezahlt, und ein anderer, der sich bezahlen läßt.

auch wenn es noch so wichtig erscheinen mag, sich auf die suche nach schuldigen zu machen, ist doch viel wichtiger, die gesellschaftliche realität zu ändern und aus dieser krise zu lernen. die schuldigen sitzen auch in den eigenen reihen, mitten unter uns, und ich kann ihr höhnisches grinsen kaum mehr ertragen, wenn sie sich dafür loben, wieder einmal etwas verstanden zu haben und krankenschwestern und -pflegern einmalig 1500 euro zu bezahlen, ohne etwas an deren situation tatsächlich zu verbessern. DAS ist wirklich schlimm. diese verschwörungstheorien sind bloße ablenkungen, die zu nichts anderem nützen, als die verantwortung weiterzuschieben.


Quote
     Harry_W, 17.04.2020 15:23

Natürlich ist Bill Gates an der weltweiten Verbreitung von Viren schuld ...

Wir reden hier im heise Forum doch über Computer, oder?


Quote
     kohorte, 17.04.2020 15:08

Ich liebe eigentlich YouTube

Das größte Manko ist aber leider, dass da fast jeder Trottel seinen eigenen Müll labern kann.
Dazu kommt das kritische oder unangenehme Kommentare vom Verfasser gelöscht werden können.
Leute die diese „Wahrheiten“ oder Meinungen dann wiederum glauben, kommen nicht mehr aus Ihrer Blase heraus.


Quote
     Hörnchenkrümmer, 17.04.2020 19:09

Bildungsversäumnisse von Jahrzehnten können nicht in Wochen geheilt werden.
Exponentialfunktionen hat schon immer nur eine Minderheit verstanden. ...


Quote
     axmueller, 18.04.2020 14:17

Schlimmste Bedrohung Verschwörungs Paranoiker

Da man als Verschwörungs Paranoiker Vorstellungen anhängt die fernab jeder Überprüfbarkeit oder gar Beweisbarkeit liegen (das ist ja wesentlich), sind sie für mich Seelenverwandte religiöser Fanatiker. ...


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     TOP61, 18.04.2020 13:39

Seit nur noch wenige Flugzeuge über uns fliegen konnte natürlich auch das Beruhigungsmittel über die Chemtrails nicht mehr so weit versprüht werden. Jetzt sind halt alle am Durchdrehen!


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     bazzo, 18.04.2020 22:28

Das sind alles keine Verschwörungstheoretiker sondern Wirrologen.


...

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[...] Bereits vor der Corona-Krise gab viele Gerüchte rund um diesen neuen Mobilfunkstandard 5G – erst seit ein paar Wochen kursiert die These, dieser würde angeblich die Erkrankung auslösen, wofür es laut WHO keine Belege gibt. Auch spricht gegen diese Behauptung, dass Covid-19 in einigen Ländern verbreitet ist, die beim 5G-Ausbau hinterherhinken – wie etwa Frankreich. In Großbritannien und den Niederlanden wurden deswegen bereits Mobilfunkmasten angezündet.

Eine Demo-Teilnehmerin bezeichnete sich und andere als "die Juden, weil wir wieder im Faschismus angelangt seien". Damals ging "man auf die los", nun seien Bürger, wie sie, an der Reihe. Eine Verharmlosung des NS-Terrors. Eine andere Dame wiederum vermutete die "Israeliten" hinter dem Virus. Die so Geld machen wollen. Zwischen den Antisemiten und Verschwörungstheoretikern waren auch Menschen zu finden, die die Wiederherstellung der Grundrechte, wie Versammlungsfreiheit, forderten.

Die Kundgebung wurde nach über zwei Stunden von der Polizei aufgelöst, die mit einigen Dutzend Beamten und Beamtinnen vor Ort war. Ein Mann wurde festgenommen, da er sich weigerte seinen Ausweis zu zeigen.

Am darauffolgenden Tag versammelten sich am Nachmittag rund 30 Menschen bei der Schwedenbrücke am Wiener Donaukanal, um erneut gegen die Maßnahmen der Regierung zu demonstrieren. Neben Aktivisten und Aktivistinnen, die schon am Vortrag dabei waren, gesellte sich auch eine Frau mit einem Aluhut zu der Gruppe. Sie "glaube nicht an das Coronavirus", erklärte sie. Dieses sei eine Erfindung der Medien und der Mächtigen. Den Aluhut, eigentlich eine um den Kopf gewickelte Alufolie, trage sie, damit sie "frei denken" könne.

Andere Teilnehmer warnten vor dem Impfen und der Einschränkung der Meinungsfreiheit. Allen war gemeinsam, dass sie die Maßnahmen der Regierung für überbordend halten. "Wo sind die tausenden Toten, von denen Herr Kurz gesprochen hat", fragte eine Frau. Sie betonte auch, dass Händewaschen ausreiche, um sich zu schützen.

Nach einer Stunde war auch dieser Aufzug vorbei. Auch in Deutschland sind in den vergangenen Wochen Verschwörungstheoretiker und Rechtsextremisten auf die Straße gegangen. (Markus Sulzbacher, 26.4. 2020)


Aus: "Mit Aluhut gegen Corona und die Regierung" Markus Sulzbacher (26. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117120131/mit-aluhut-gegen-corona-und-die-regierung?ref=article (https://www.derstandard.at/story/2000117120131/mit-aluhut-gegen-corona-und-die-regierung?ref=article)

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arambol

Noch nicht alles verloren. Was klar ist dass offenbar die Meinungsfreiheit noch immer besteht. Aluhut und Maske ist eine geile Kombination.


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Rotes Käppchen

Jo mei, lasst's es spinnen. 200 Leute, von der Kerzschluckerin über den besorgten Verfassungsrechtler, den realitätsfern Paranoiden und den Kellernazi bis hin zum kompletten Hirnschüssler, haben demonstriert. Zwielichtige Gestalten mit Freunden im Mördermilieu haben zwielichtigen Medien Interviews gegeben.

Ich weiß nicht, warum mich das aufregen soll. Das ist doch eh der ganz normale Wahnsinn, und den muss unsere Demokratie aushalten.


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sum ergo cogito

Ich glaube felsenfest, dieser Corona-Wahn ist eine perfide Werbekampagne einer mexikanischen Biermarke. Corona ist in aller Munde - und das weltweit. Trumps Werbeversuch für ein Bleichmittel ist hingegen kläglich gescheitert. Lag es am schlechten Geschmack?


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piet06

Aha, jeder der an einer Demonstration für Verfassung (!) und Bürgerrechte teilnimmt, oder sonstwie die Regierung kritisiert ist also ein Staatsverweigerer, ein Aluhut-Träger oder gar ein Rechter (=Nazi). Lieber Hr. Sulzbacher, das was sie im Bericht vorwerfen, tun sie selbst auch, nämlich Verharmlosung des Nationalsozialismus, weil bei ihnen jeder Andersdenkende gleich ein Nazi ist. Das was sie aber machen ist Faschismus in Reinkultur. Mit ihren Unterstellungen und Diskreditierungen Andersdenker unterscheiden sie sich jedoch auch kaum von den unseligen Gestalten aus dem vorigen Jahrhundert. Und das ist keine Verharmlosung, sondern die Wahrheit. 1938 wäre ich gerne und mit Stolz ein "Staatsverweigerer" gewesen.

... Bei jeder Demo werden mehr oder wenige einfach gestrickte Parolen geplärrt und bei jeder Demo erscheinen auch Typen, die man nicht so gerne dabei haben will. Deswegen wird die Demo nicht automatisch eine Anti 5G oder Impfgegner Demo. Man muss eine Demo nach ihrem Thema bewerten, in diesem Fall Verfassungsrechte. Dass bei solchen Demos immer ein paar Spinner dabei sind ändert daran nichts.


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[...] Nach wie vor sorgen Fake-News, die vor allem auf Social Media, über Whatsapp und auf einschlägigen Websites veröffentlicht werden, für Verwirrung. Neben Gerüchten über eine verstorbene Impfstoff-Testperson oder andere Regeln für Muslime mehren sich auch Aktionen, die aufgrund von Falschnachrichten im realen Leben gesetzt werden.

Die Faktencheck-Plattform "Mimikama" ortet aktuell eine neue Eskalationsstufe bei Fake-News: "Angestachelt von Falschmeldungen und Mythen auf Social Media beginnt eine Welle der realen Gewalt, deren Rechtfertigung nicht evidenzbasiert ist", heißt es dort in einem kürzlich veröffentlichten Artikel. Die Plattform hatte in einer Analyse bereits Anfang April gewarnt: "In einer möglichen weiteren Stufe könnte eine Konkretisierung der Feindbilder stattfinden." Dies zeichne sich nun tatsächlich ab, wie es heißt.

Laut "Mimikama" häufen sich derzeit sowohl Sachbeschädigungen als auch Drohungen. So wurden in einigen Ländern nach Falschnachrichten zur Gefahr durch das 5G-Netz, das auf Social Media als Auslöser des Coronavirus gehandelt wurde, Brandanschläge auf Sendemasten verübt. Die britische BBC berichtete gar von Morddrohungen gegen Telekomtechniker.

Von 5G-Gegnern und Verschwörungstheoretikern wird behauptet, die chinesische Stadt Wuhan sei schon vor der Ausbreitung von Covid-19 mit 5G vollversorgt gewesen. Was nicht stimmt. Zwar gibt es 5G-Mobilfunkmasten in der Stadt, von einem Vollausbau ist sie jedoch weit entfernt. Dazu kommt, dass Viren sich nicht über Mobilfunk verbreiten können. Dazu hat sich nun sogar die Weltgesundheitsorganisation explizit geäußert: "Viruses cannot travel on radio waves/mobile networks. Covid-19 is spreading in many countries that do not have 5G mobile networks." Zudem spricht gegen diese Behauptung, dass Covid-19 auch in einigen Ländern verbreitet ist, die beim 5G-Ausbau hinterherhinken – etwa Frankreich oder der Iran.

Auch mehren sich in zahlreichen Ländern Demonstrationen gegen die Maßnahmen, wie zuletzt auch in Wien, wo eine Kundgebung von der Polizei aufgelöst wurde. "Mimikama" zitiert in Zusammenhang mit den Protesten die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die von einer Versammlung von Rechtsextremen, Reichsbürgern und Antisemiten berichtet, die gegen die Corona-"Lüge" protestieren. In Wien hatten sich vergangenen Freitag bis zu 200 Personen auf dem Helmut-Zilk-Platz hinter der Albertina versammelt, um gegen das Corona-Maßnahmenpaket der Bundesregierung zu demonstrieren. Zuvor hatte die Polizei die Kundgebung untersagt. Unter den Demonstranten waren unter anderem auch Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme.

Eine Falschmeldung, die behauptet, dass nur Deutsche bei Verstößen gegen die Ausgangsbeschränkungen Bußgelder zu zahlen haben, thematisiert die Plattform "Correctiv": Demnach wurde aber genau das auf der Webseite www.einreich.de behauptet. Als angeblicher Beleg wurde ein Fall in Berlin geschildert, ohne den Kontext zu liefern. Behauptet wird zu einem Screenshot, auf dem mehrere Männer zu sehen sind, dass diese "straffrei" davongekommen seien und hier andere Regeln als für Deutsche gelten würden. Hintergrund: In Berlin hatten sich laut Polizei am 3. April während Gebetsrufen vor einer Moschee tatsächlich rund 300 Menschen versammelt. Dem Imam, dem Ordnungsamt und den Beamten "gelang es nur zum Teil, die Anwesenden zum Abstandhalten zu bewegen. Das Gebet wurde im Einvernehmen mit dem Imam vorzeitig beendet", schrieb die Polizei auf Twitter. Der Artikel von "Ein Reich" stellt den Vorfall jedoch als angeblich gezielten Aufruf zur Versammlung dar.

Auf "Correctiv"-Nachfrage schrieb die Polizei Berlin in einer E-Mail am 21. April, dass es sich nicht um eine geplante Versammlung gehandelt habe.

Auf Social Media verbreitete sich in den vergangenen Tagen das von der Website "News NT" stammende Gerücht, dass eine Testperson nach einer Impfung gegen das Coronavirus verstorben sei. "Mimikama" verweist auf einen Faktencheck von "Full Fact", der die Fake-News widerlegen konnte. Als Beweis veröffentlichte die Plattform ein Video eines BBC-Journalisten, das die angeblich verstorbene (und von "News NT" namentlich genannte) Testperson quicklebendig zeigt. "Bei den Webseiten und den Behauptungen zu dem Tod aufgrund des Impfstoffs handelt es sich um nichtseriöse Inhalte, die Falschmeldungen streuen und damit auf der Fake-Welle zum Coronavirus mitschwimmen", analysiert "Mimikama". (APA, sum, 29.4.2020)


Aus: "Fake-News und Verschwörungstheorien: Corona sorgt für neue Eskalationsstufe" (29. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117181555/neue-eskalationsstufefake-bericht-ueber-verstorbene-impfstoff-testperson (https://www.derstandard.at/story/2000117181555/neue-eskalationsstufefake-bericht-ueber-verstorbene-impfstoff-testperson)

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tablespace65

Aber es schaut leider schon so aus, dass sich Dummheit über Mobilfunkmasten verbreitet...


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warp.faktor

Die Haupt-Verschwörungs-Theorie fehlt!
Nämlich, dass durch den Lock-Down in Österreich mehr Menschen sterben würden, als durch den Virus selbst.


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Duffman__

Aus meiner Erfahrung sind die Unterstützer und Anhänger solcher Informationen aber zu 100% immun gegen Richtigstellungen und Faktenchecks. Im Gegenteil jeder einzelne Faktencheck befeuert noch das Gesamtbild der Weltverschwörung. Insofern leere Kilometer für Fake-news Widerleger.


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peterker

Ich wohne am Land. Bei uns sind's vor allem die esoterisch Hörigen, die dann mit diesen Verschwörungstheorien hausieren gehen. Ich glaube, vor allem in diesen ganzen esoterischen Weiterbildungsveranstaltungen werden die neuen Jünger so richtig indoktriniert. Die meisten sind dann Energetiker und es ist niemals nur eine singuläre VT:
Mit 5G können einen die Regierungen gezielt krank machen aber auch heilen. Impfungen sind sowieso superböse, wegen Nebenwirkungen, oder weil sie Föten brauchen um Impfstoffe zu erzeugen. Chemtrails kommen auch jetzt auch mehr und mehr. Natürlich will BigPharma uns das Geld aus der Tasche ziehen und nur deshalb werden sie alle mundtot gemacht. Sie selbst halten sich für die einzig wahren kritischen Leute, usw.


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encino

Mir sind diese Verschörungstheoretiker 1000 mal lieber als unsere verlogenen Regierung. Über die kann man wenigstens lachen.


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samron

Das paradoxe daran, diese Menschen halten sich für besonders kritisch und hinterfragen angeblich alles. Ihren Quellen, die haarsträubende Theorien aufstellen, glauben sie jedoch alles, ohne auch nur einen Hauch von Zweifel. Wie willst du dann mit solchen Menschen diskutieren und mit wissenschaftlichen Fakten kommen? Sinnlos...


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CoroNew

Der Film "Idiocracy" ist schon lange nicht mehr Science Fiction...


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Gefrierflügelverpacker

Proteste und kritische Gedanken zum Thema Corona
durch die Blume als vornehmlich "rechtsextremes" Gedankengut von Spinnern abzuqualifizieren ist Propaganda der übelsten Sorte.
Dazu parallel in anderen Artikel die Regierungsmaßnahmen (zurecht) zu hinterfragen ist demnach ein Privileg, das nur "Leitmedien" zustehen darf wie es scheint.


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Demokratie noch möglich?

Hier im DerStandard Forum waren nicht wenige anzutreffen, die noch Mitte Feber laut und sehr selbstbewusst "achgeh, das ist nur a Erkältungs-Virus... schau mal auf die Statistik der Influenza-Toten".

Dieselbe Gruppe ist gar nicht so weit weg von der Ideologie der Verschwörungstheoretikern. z.B. die gutgebildeten Impfgegner (meistens Hippster- und Bobo-Eltern).
Sobald die Lage derzeit einigermaßen überschaubar ist und die Corona-Infizierten in der Statistik nun recht niedrig aufscheint, kommen diese nun aus allen Löchern gekrochen mit Argumenten: "Was für eine Frechheit diese Regierung....und wollen uns sehr bald einen Überwachungsstaat ala China installieren".

...


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Gentigan

Es ist für Unbedarfte im Moment gar nicht mehr so einfach zwischen Fake News / Verschwörungstheorien und der Wahrheit zu unterscheiden. Vieles was uns als Wahrheit von offiziellen Stellen verkauft wird, ist oft schon Tage danach wieder obsolet, oder war schlicht und ergreifend gelogen. Außerdem werden Tatsachen oft erst als Fake News abgetan, nur um dann Tage später, als Wahrheit präsentiert zu werden. Da verwundert es mich nicht, dass einige Menschen nun irgendwelchen Bauernfängern auf den Leim gehen.


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Das Gras wird gebeten, über die Sache zu wachsen!

Nur um einen Punkt völlig wertfrei richtig zu stellen:
Die 5G-Gegner glauben nicht, wie im Artikel (bewußt?) falsch behauptet, dass sich Viren über das 5G-Netz verbreiten, sondern dass die 5G-Strahlung das Immunsystem/die Zellen oder ähnliches im menschlichen Körper schwächt und ihn somit leichter empfänglich für Infektionen macht.
Ich selbst habe dazu keine Meinung.


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Helmut Wolff

"Unter den Demonstranten waren unter anderem auch Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme."

Und?

Soll man also nicht mehr gegen die Maßnahmen der Regierung demonstrieren dürfen, weil es ein paar Verwirrte auch tun?
Motto: "Nur keine Kritik, denn Rechte, Imfpgegner und Verschwörungstheoretiker kritisieren ja auch."

Es gibt übrigens auch genügend Virologen, Epidemiologen, Juristen und andere Experten, die manche Maßnahme mittlerweile für überzogen bzw. verfassungswidrig halten.
Alles Impfgegner? Oder will man weiterhin jede Diskussion darüber durch den Vorwurf der Kontaktschuld unterbinden?


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Wahrsagesalbei

Natürlich darf man (also ich hoffe, Demonstrationsrecht ftw!). Aber die Zeitung darf auch berichten, dass da halt 90% Volldeppen dabei sind. Wenn die 10%, die durchaus vernünftige Gründe haben, sich zu den Idioten stellen, sind sie selber Schuld, wenn die Idioten dann erwähnt werden. Es gäbe sicher Mittel und Wege, die Verschwörungsmenschen draussen zu halten. Ein vernünftiger Protest muss halt geplant und organisiert werden.


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lord_helmchen86

"Unter den Demonstranten waren unter anderem auch Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Rechtsextreme."
UND LINKE!!!!!! das wird hier immer ganz gerne weggelassen wobei es schon ein seltsames bild ergibt wenn rechte u. linke gegen das selbe demonstrieren...


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Stefan4321

Ich sage schon seit 15 Jahren, dass wir ein Schulfach "Neue Medien" brauchen

Inhalt: Umgang mit neuen Medien
Das beinhaltet auch besonders, wie ich als kritischer Konsument zwischen seriösen und unseriösen Inhalten unterscheiden kann. Plötzlich wird so getan, als ob man nicht mehr fähig wäre, zwischen Fakten und blankem Unsinn zu unterscheiden. Als ob wir dumme, unmündige Affen wären.  ...


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Joachim Adamek

Hass und Gewalt erreichen in Krisenzeiten Spitzenwerte. Die Erkenntnis ist weder neu, noch sind die heftigen Reaktionen ein ganz neues Phänomen. Alle kennen den klassischen Sager "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf". Extreme Krisen erzeugen extreme Ängste. Die Instinkte dominieren die Vernunft. Plötzlich ist das Vertrauen Futsch. Das Vertrauen in das schöne grosse Bild, das der Einzelne und die Gesellschaft in guten Zeiten von sich besitzt. Plötzlich werden sich die meisten bewusst, wie verletzlich das Leben ist. In guten Zeiten können wir sehr gut damit leben, dass unser Wissen sehr beschränkt ist. In der Krise macht das fuchsteufelswild. Am Ende wird dem Arzt der Tod des Patienten angelastet. Das ist, was wir gegenwärtig erleben.


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einerseits/andererseits

Wieso sind plötzlich alle, die gegen die Maßnahmen sind Verschwörungstheoretiker?

Es gibt genug Virologen, Epidemologen, Ärzte, etc., die nicht abstreiten, dass es ein neuwertiges Corona Virus gibt, nicht abstreiten, dass es (insbesondere für Risikogruppen) auch tödlich verlaufen kann und nichts mit Verschwörungstheorien am Hut haben, sondern ausschließlich einen sachlichen Umgang mit dem Thema fordern und eine angemessene Einschränkung unter Einbeziehung aller (verfügbaren) Daten. Wieso werden diese Leute gleichgesetzt mit Aluhutträger, die Mobilfunkmasten zerstören oder seit jeher rassistische Ideen verbreiten? ...


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Franz Freiherr von Sommaruga

Weil es leichter geht, einen Menschen zu diskreditieren als sachlich zu argumentieren ;)


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Sound Police

Ich kannte Bibelfanatiker (darunter waren studierte Physiker!) , die behaupten, die Welt wäre vor 10.000 Jahren in 7 Tagen entstanden. Wenn man sie auf C14 Methode und Skelettfunde hinweist, sagen sie, die wären vom Teufel eingegraben worden, damit wir in Versuchung kommen und vom Glauben abkommen.

Genauso ticken Verschwörungstheoretiker. Das, was ich als "Wahrheit" bezeichne, ist für sie eine Nebelgranate der Mainstream-Medien, die verbreitet wird, damit wir eigentlichen Wahrheit abgelenkt werden und leichter zu steuern sind.


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AltFreak

In den letzten Wochen hat sich die Freundesliste in meinem facebook-Profil deutlich reduziert. Irgendwie outen sich da Leute als Vollkoffer, von denen ich es vorher nie geglaubt hätte..und mir fehlt mittlerweile völlig die Geduld für Diskussionen, die eh nie was bringen. Ein wenig erinnert mich das an die Zeit der letzten Regierung. Und ich bin immer wieder erstaunt, daß sich bei den Verschwörungstheorien irgendwann früher oder später gewisse rechts/links/Esoterikfreaks treffen bzw. linke Bekannte verschwörungstheoriebedingt nach rechts abdriften und es nichtmal bemerken. Es scheint da einen gemeinsamen Idiotenpool zu geben.


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Lui.

So geht's mir schon seit 2015.


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sinnreich

Die Menschen sind wütend und nicht weil kolportiert wird, dass die erste Impftestperson verstorben ist, sondern weil viele ihre Arbeitsstelle verloren haben, weil sie vor dem finanziellen Ruin stehen,weil sie einsam sind, weil viele nicht wissen wie´s weiter gehn soll. Diesen Menschen in Bausch und Bogen zu unterstellen sie wären intellektuell minderbemittelt (Aluhutträger) oder rechtsextrem ist ebenso kleingeistig wie jeden Hysteriker als Denunziant zu bezeichnen. Die Bevölkerung hat genug davon von den Medien oder der Politik ständig in eine Gesinnungsschublade gesteckt zu werden. Menschen sind Menschen und sie sind vielfältig, Todesangst haben sie alle.


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UncleHo

Wie man's macht ist es falsch.
Quarantäne aufrechterhalten und Geschäfte zu lange geschlossen: mimimimi Bürgerrechte,. Mimimimi Frechheit
Dann werdens das lockern: mimimimi zu früh, mimimimi warum haben sich tausende nach der Lockerung neu angesteckt, die Regierung ist schuld mimimimimi

...


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Seltsamer Attraktor

Wenn die Menschen über mediale Regierungspropaganda wie Kleinkinder behandelt werden, dann verhalten Sie sich auch so.


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Only idiots and dictators hate liberalism.

Wissenschaft ist nicht demokratisch. Die Lichtgeschwindigkeit wird nicht im Parlament bestimmt. ...


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der-für-seine-Familie-kämpft

Auch wenn die Regierungen alles offenlegen würden, es gäbe genug Dumme und Rechte, die trotzdem Fakenews produzieren/glauben.
Wieder einmal gilt: wer nichts weiß, muss alles glauben!


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Chr. Hoc.

In diesen Zeiten muss man gut abwägen, wo für einen selbst die richtige Mitte liegt zwischen
Panikmache der selbstherrlichen Regierung auf der einen Seite und den verschwörungsaffinen geltungssüchtigen Querulanten auf der anderen Seite.


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mr. z

Ich finde die Thematik schwierig. Einerseits sind da schon viele Falschinformationen und "Aluhutträger" in Umlauf, andererseits finde ich es problematisch Demonstrationen und Kundgebungen zu verbieten. Wir müssen uns einen Umgang mit diesen Menschen abseits von Verboten überlegen, sonst wird sich dieser Graben der zwischen ihnen und der Restgesellschaft steht nur noch weiter vergrößern.


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MareTranquil

Wissenschaftler, 90er Jahre: "Wir haben ein Schaf geklont und einen Roboter auf dem Mars gelandet."
Wissenschaftler, heute: "Zum letzten mal, die Erde ist RUND!"


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Chromat

dieser artikel missrepresentiert denke ich die ansicht der meisten "verschwörungstheoretiker". dass viren nicht über elektromag. wellen übertragen werden kann ist den meisten klar. die bedenken richten sich dagegen, dass 5g das immunsystem des menschen derweit schwächen soll, dass der mensch anfälliger gegenüber viren wie covid ist. ich finde diese bedenken sind ernst zu nehmen, und gerade in einer gesundheitskrise sollte darauf verzichtet werden, eine potentielle neue gefahr für den mensch zu etablieren.
Dass in den meisten seriösen medien-plattformen alle kritische stimmen in den topf verschwörungstheoretiker geworfen werden ohne sich dann ernsthaft mit der ausgesprochenen kritik auseinander zu setzen schürt nur weitere verwirrung.


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Sflany

manche personen sind einfach so dermaßen dumm. wie kann man z.b. als einigermaßen vernünftig denkender mensch glauben, dass der virus über 5g übertragen wird. ich mein, da muss doch einiges im stübchen nicht passen.


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Chr. Hoc.

Das geht ganz leicht, nämlich wenn man keine Ahnung hat, wie das eine oder das andere funktioniert, und dann auch noch zu logischen Fehlschlüssen neigt. Das geht dann so.

Funktionsweise von Viren = Magic?
Funktionsweise von 5G = Magic?

Magic = Magic.

Viren = 5G.


...
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 02:51:39 PM
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[...] Deutschland, Berlin, Samstag, der 25. April 2020, 15 Uhr 30 nachmittags. In Deutschland, Europa und der Welt herrscht die Pandemie und nicht mehr Politik, Wirtschaft, Reptilienwesen oder die internationale Hochfinanz. Oder doch und jetzt erst recht?

Schulen, Kitas, Restaurants, Theater, Kinos, Bars und auch sonst alles wurden geschlossen und werden langsam wieder geöffnet, der Sommerurlaub wurde verboten, ab Montag herrscht Maskenpflicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln Berlins. Ich gehe die Schönhauser Allee hinunter. Da vorn, am Rosa-Luxemburg-Platz, sieht und hört man sie schon, die Menschenmenge. Ich bin unterwegs zur „Nicht ohne uns“- Demo, die sich gegen die Einschränkung bürgerlicher Freiheitsrechte im Namen von Corona richtet und sich auf das Grundgesetz beruft.

Das erste Gefühl ist Angst. Ich gehe zu einer ungenehmigten Demo, zu einer Menschenansammlung, ich begebe mich in einen Infektionsherd, ich werde das Gesetz brechen. Was, wenn ich mich anstecke? Was, wenn ich jemanden anstecke? Was, wenn jemand mich erkennt? Was, wenn sie mich verhaften? Aber ich bin Vertreterin der Presse, ich bin die vierte Gewalt. Ich darf dorthin, ich muss dorthin, es ist meine Pflicht.

Ich spüre nicht nur Angst, sondern auch dieses Kribbeln. Wie damals in den 90ern, als es „Heraus zum revolutionären Ersten Mai!“ in Kreuzberg ging. Dieses diffuse Dagegensein, diese diffuse Wut. Aber auch Jungsein, Freunde treffen, Bier trinken. Und darauf warten, dass sie irgendwann Tränengas schießen und man rennen muss.

Aber ich bin nicht mehr jung, ich bin alt, oder höflich gesagt: erwachsen. Solche Assoziationen schicken sich nicht. Auf den letzten Metern setze ich mir die Atemschutzmaske und die Sonnenbrille auf. Ich will auf keinen Fall gegen das Infektionsschutzgesetz verstoßen, ich will auf keinen Fall erkannt werden, denn ich begehre, nicht schuld zu sein. Dann bin ich da. Die Rosa- Luxemburg- Straße ist mit rot-weißen Gittern versperrt. Davor treten sich Menschen auf die Füße. Ich gehe mittenrein. Fühle mich seltsam, so komplett verschleiert, mit Mundschutz und Brille, bin aber dadurch unsichtbar. Ich schwebe so hindurch, bemüht, nirgendwo anzustoßen, aber auch: niemandem zu nahe zu kommen.

Das sei eine Querfront-Demo, habe ich gehört. Linke Linke und rechte Rechte würden sich hier mischen, angeblich für das Grundgesetz, aber in Wirklichkeit für Verschwörungstheorien und gegen die Regierung, und eigentlich seien das antidemokratische Nazis und so weiter. Ja, die Rechten. Auch wie ein Virus. Unsichtbar, unberechenbar, gefährlich, ansteckend. Ich schwebe herum, von hier nach da nach dort, und sehe, es sind alle da. Jung, alt, Punk, Normalo, welche mit Kindern, Männer, Frauen jeden Alters. Hippies und Spießer, schwarzer Block und tätowierte Lichtenberg-Hools. Sie alle stehen irgendwie ratlos, um die Polizeibarrieren herum. Der Platz vor der Volksbühne ist ringsherum abgesperrt.

„Wenn wir nicht auf den Rosa-Luxemburg-Platz dürfen, demonstrieren wir eben hier“, sagt eine Frau. Stimmt. Ich verstehe den Sinn der Absperrungen auch nicht ganz. Ich laufe durch die Nebenstraßen, suche einen Zugang; bin, wie alle eigentlich, auf der Suche nach einem Kondensationspunkt. Manchmal bildet sich einer, manchmal passiert was. Dann fängt einer laut an zu reden und man schart sich um ihn. So sind die Menschen, denke ich, man kann es hier genau beobachten, sie wollen hören und folgen. Ich könnte jetzt laut irgendwas reden und hätte sofort Zuhörer.

Ich könnte jetzt und hier eine Bewegung gründen. Aber was denn für eine?

Vor der geschlossenen Bar 3 steht die Antifa und jemand wettert durchs Megaphon gegen die Demoveranstalter. Sie hätten sich bisher überhaupt nicht von Ken Jebsen und der AfD distanziert. „Doch!“, ruft einer dazwischen. „Alerta alerta, Antifaschista!“ wird in Sprechchören gerufen. Eine blondierte Frau mit Handy auf Selfiestick filmt die Szenerie und wird verscheucht. Als ich mich entferne, um wieder Richtung Rosa-Luxemburg-Platz zu gehen, spricht mich ein Mann an. Er mag um die 50 sein, seine Augen sind weich und verletzlich. Er hätte erst gestern Nacht von der Demo erfahren. Ich solle mir die KenFM Folge auf YouTube über Meditation ansehen. Besonders den zweiten Teil. Es sei sehr sehr wichtig.

„Ja, mache ich, auf jeden Fall“, antworte ich und wünsche ihm alles Gute. Wozu sollte ich mich mit ihm streiten? Ich will, dass er klar kommt, dass er heil aus der Sache rauskommt. Er tut mir leid, mit seinen sanften, manischen Augen.

Dann sehe ich die Blondierte am Absperrgitter am Ende der Linienstraße zur Rosa-Luxemburg-Straße hin wieder. Sie sagt im Gespräch zu Umstehenden: „Die Antifas werden bezahlt, mit kostenlos Bier, und überall hingekarrt. Das war in der Flüchtlingskrise schon so.“

„Jaja“, antwortet ihr einer. „Wer nicht dem Mainstream folgt, ist rechtsextrem.“

Am Rande der Linienstraße und an vielen anderen Orten in der Gegend sitzen Menschen mit geschlossenen Augen auf dem Boden. Im Schneidersitz, oft mit Kopfhörern auf und die Hände meditativ gefaltet. Vor oder neben sich das Grundgesetz, oder ihren Pass, oder nur eine kleine Kerze. Sie nehmen teil an der „Mahnwache für das Grundgesetz“, welche als friedlicher Protest auf der „Nicht ohne uns“-Webseite propagiert wird.

Die mag ich irgendwie. Überhaupt bin ich plötzlich so gerührt. Sie und all die anderen hier, ob links, ob rechts, ob wirr, ob mit Durchblick. Sie demonstrieren gegen ein Virus! Gegen die Natur! Ich kann sie so gut verstehen. Aber es ist auch irgendwie kindlich. Obwohl, wenn wir ALLE zusammen aufstehen und die Regierung stürzen, vielleicht wird Corona davon verschwinden? Ich will mir das schöne Gefühl bewahren und lese lieber nicht so genau, was auf den Transparenten steht. Oder doch. Ich muss ja, es ist meine Pflicht.

„Gebt Gates keine Chance“, „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, „Frau Merkel, was geht hier vor? Frau Merkel, Corona ist es nicht!“

Ich würde lieber nicht so genau hinhören, was die Leute miteinander reden. Aber deswegen bin ich schließlich hier und ich darf meine Gesundheit doch nicht umsonst aufs Spiel setzen. Was soll schon passieren? Die Stimmung ist freundlich. Menschen kommen miteinander ins Gespräch.

„Jetzt kommen sie hier an, mit ‚Schweden hat die höchste Sterblichkeitsrate‘. Übrigens, ich bin der Johannes.“ Ein Rentner mit Fahrrad steht mit einem jüngeren Mann zusammen. „99 hamse Aluminium jesprüht“, sagt der Rentner. Von der Torstraße her kommen plötzlich Rufe: „Wir sind das Volk!“ Ist da was los? Ich eile hin. Eine Gruppe intoniert: „Die Gedanken sind frei.“

Wer hat denn was anderes behauptet, um Gottes Willen?

„Wir brauchen nur bis an die Membranen ran, wir müssen nicht eskalieren“, sagt ein schwarz gekleideter Typ, der mit weißer Kreide ein Viereck um sich herum auf den Boden gemalt hat, und der genau an der Ampel steht, da wo sich alle drängen, die über die Torstraße gehen möchten. „Abstand!“, ruft er jedem zu, der aus Versehen in das weiße Geviert tritt.

Oh, wie dünn ist das Eis heutzutage! Das sind nicht alles Rechte oder Linke. Das sind Verwirrte, Ängstliche, die ein Ventil brauchen und deswegen hier sind. Geht es uns nicht allen so, in diesen Zeiten? Aber jetzt brauche ich auch ein Ventil. Ich muss hier raus. Schnell weg, ab ums Eck. Ich reiße mir den Mundschutz vom Gesicht, schiebe mir die Brille ins Haar und werde wieder zum Menschen.

In der Neuen Schönhauser Straße wartet die Freiheit auf mich. Alle Läden haben geöffnet. Dicht an dicht stehen sie auch hier. Nicht um zu demonstrieren, sondern um zu shoppen. Ich reihe mich vor dem Szenebäcker ein und hole mir das Hausbrot und einen Latte Macchiato im Pappbecher. Shopping ist Leben. „Ich will kein Corona mehr, ich will den Klimawandel zurück!“, möchte ich laut rufen. Ich will das alles nicht mehr. Ich will Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und nie wieder Pandemie! Vielen Dank, bitte bleiben Sie krank.


Aus: "Bitte bleiben Sie krank!" Ruth Herzberg (27.04.2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bitte-bleiben-sie-krank (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/bitte-bleiben-sie-krank)

Hier schreibt Ruth Herzberg
https://frauruth.de/

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"Budjonnys unhygienische Reiterarmee - Beobachtungen während der letzten „Hygiene-Demos“ vor der Volksbühne in Berlin"
von Gerhard Hanloser
https://wolfwetzel.de/index.php/2020/05/02/budjonnys-unhygienische-reiterfarmee-beobachtungen-waehrend-der-letzten-hygiene-demos-vor-der-volksbuehne/


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"Jenseits von Gesundheitsnotstand und Verschwörungswahnsinn" 25. April 2020 (Peter Nowak)
Die Entwicklung eines Künstlerprotests am Rosa-Luxemburg-Platz zeigt, dass verbale Abgrenzung nicht ausreicht, um Rechte von Protesten gegen den autoritären Staat fernzuhalten
"Es herrscht Willkür in Schland. Die Polizei versucht mit massiver Präsenz weniger das Kontaktverbot zu kontrollieren, als den öffentlichen Raum zu leeren", so beschrieb Thomas Moser an dieser Stelle (Wenn Demonstranten zu "Gefährdern" erklärt werden) die staatliche Reaktion auf die erste "Hygienedemonstration" der Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand am 28. März. Vier Wochen später heißt es in dem antifaschistischen Online-Magazin Blick nach rechts:
   " ...  Eine Allianz aus Rechtsextremisten, Verschwörungsgläubigen, Rechtsesoterikern, "Reichsbürgern" und Impfgegnern geht angesichts der Corona-Krise auf die Straße, angeblich um für den Erhalt des Grundgesetzes zu demonstrieren. Vieles erinnert an Querfront-Bestrebungen zu Zeiten der "Mahnwachen-Bewegung" 2014. Epizentrum der neuen Proteste aus dem unübersichtlichen Spektrum zwischen Links- und Rechtsaußen ist der Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Hier versammeln sich seit vier Samstagen immer hunderte Menschen. ..."
    Michael Klarmann, Blick nach rechts
Wie konnte es passieren, dass innerhalb weniger Wochen aus einer Kundgebung gegen autoritäre Staatlichkeit eine rechtsoffene Veranstaltung geworden ist? ...
https://www.heise.de/tp/features/Jenseits-von-Gesundheitsnotstand-und-Verschwoerungswahnsinn-4709749.html?seite=all

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[...] Der Trick ist so alt wie wirksam. Wer sich mit seinen Argumenten in einer Minderheit befindet, verdächtigt oft finstere, unsichtbare Mächte, die Mehrheitsposition mit unlauteren Methoden zu unterstützen.

Zu diesen finsteren Mächten zählen angeblich gleichgeschaltete Medien, die eine unkritische Öffentlichkeit systematisch manipulieren. Die Meinungen Andersdenkender würden verschwiegen. Dies vorausgesetzt wird das Vortragen der eigenen Meinung als mutiger Widerstandsakt gegen eine allgegenwärtige „Political Correctness“ geadelt.

Denn die Pose des Tabubrechers, der allein der Wahrheit und dem Recht auf Redefreiheit verpflichtet ist, verheißt Prestigegewinn. Nach diversen Mottos: Allein gegen alle. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Viel Feind‘, viel Ehr‘. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Als der Historiker Ernst Nolte im Juni 1986 den Historikerstreit vom Zaun brach, sagte er: „Wahrheiten willentlich auszusparen, mag moralische Gründe haben, aber es verstößt gegen das Ethos der Wissenschaft.“

Als Martin Walser im Oktober 1998 seinen Widerwillen gegen die Erinnerung an Auschwitz vortrug, leitete er das mit der Formulierung ein „sage ich vor Kühnheit zitternd“.

Auch Eva Hermann (2007) und Thilo Sarrazin (2010) inszenierten sich nach Veröffentlichung ihrer antifeministischen und antimuslimischen Bücher als Opfer von partei- und medienübergreifenden Inquisitionen.

Umfassend hat diese Dynamik die Germanistin Melani Schröter in ihrem 2015 erschienenen Essay „Sagen oder nicht sagen? – Der Tabu-Vorwurf als strategische Ressource im öffentlichen Diskurs“ analysiert.

Kurze Zeit nach dieser Publikation, während der von Angela Merkel verantworteten Flüchtlingspolitik, entfaltete das Geraune über Einschränkungen der Meinungsfreiheit und eine manipulative „Lügenpresse“ neue Wucht.

Davon profitierten sowohl Pegida als auch AfD. Deren These: Eine „linksgrünversiffte Presse“, zusammen mit dem „staatshörigen“ Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, verhindere eine breite, kritische Debatte.

[Mehr zum Thema: Es braucht Raum für Rede und Widerrede - Zweifler an den Corona-Maßnahmen sind noch keine Verschwörungstheoretiker]

Nun wird der Vorwurf erneut laut, diesmal im Zusammenhang mit der deutschen Coronapolitik. Bei sogenannten Hygienedemos steht auf Plakaten: „Coronalüge – informiert euch!!!“

Der Staat habe sich mit Pharma- und Digitalkonzernen verbündet, um die Demokratie abzuschaffen, heißt es. Die „Maskenpflicht“ sei der Beginn einer „Neuen Weltordnung“. Bill Gates wolle die gesamte Menschheit impfen lassen.

Das ist die offensive Variante der Das-muss-mal-gesagt-werden-Pose. Die defensive Variante kommt subtiler daher. Ihre Vertreter eint ein diffuses Unbehagen über die massiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Coronapolitik.

Aber sie scheuen sich, konkrete Alternativen vorzuschlagen. Stattdessen fordern sei eine breite Debatte über Alternativen, was suggerieren soll, dass es eine solche Debatte nicht gibt. „Das ist keine Debatte. Das ist Manipulation!“, schrieb ein Kommentator in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Doch natürlich gibt es die Debatte. Es kennzeichnet die Coronapolitik, dass über alles diskutiert wird. Über deren Folgen, den Wert des Lebens, die Dauer eines Lockdowns, die Freiheitsrechte, das Modell Schweden, das Modell Südkorea, die drohende Rezession. Nichts wird ausgespart.

Auf Talkshow folgt Talkshow. Politiker, Ökonomen, Virologen, Sänger und Schauspielerinnen kommen zu Wort. Und wenn die Bundeskanzlerin vor „Öffnungsdiskussionsorgien“ warnt, dann ist auch das nur eine Meinung unter vielen, die gehört oder ignoriert werden kann. Mehrere Ministerpräsidenten gehen bereits eigene Wege.

Daher ist es ganz einfach: Wer auch immer eine offene und ehrliche Debatte über die deutsche Coronapolitik vermisst, soll sie gefälligst führen. Niemand hindert sie oder ihn daran. Keine Autorität, keine Zensur. Die Presse ist frei und unabhängig, die Volksvertreter sind ihrem Gewissen verpflichtet. Eine Neuauflage der Tabubruchs-Rhetorik braucht keiner.


Aus: "„Das wird man ja wohl mal sagen dürfen“: Der fehlgeleitete Furor der Corona-Kritiker" Malte Lehming (04.05.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/das-wird-man-ja-wohl-mal-sagen-duerfen-der-fehlgeleitete-furor-der-corona-kritiker/25797158.html (https://www.tagesspiegel.de/politik/das-wird-man-ja-wohl-mal-sagen-duerfen-der-fehlgeleitete-furor-der-corona-kritiker/25797158.html)

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nobuddy 15:53 Uhr
Das Problem bei solchen Debatten ist ja, dass sie von seiten derer, die sie vehement fordern, nicht gelingen kann.
Sehr viele die eine solche offene Debatte mit Vehemenz fordern, wollen nur eine Bestätigung ihrer Meinung. Ob sie abwegig ist oder nicht, ob sie auf Fakten Basiert oder nicht.
Jeder, der eine andere Meinung vertritt oder diesen Menschen mit Fakten gegeüber tritt, ist Teil eine universellen Weltverschwörung und will nur die armen wahrheitsliebenden Menschen unterdrücken.
Auf dieser Grundlage ist ein produktiver Disput gar nicht möglich. Denn alle Argumente, welche die eigene Ansicht nicht bestätigt, gehöhren ja zur Weltverschwörung. Schon die einfache Frage: "Wem nutzt es?" wird mit kruden Theorien begegnet, die mit der Realität nicht konform gehen.
Beispiel: Weltuntergang zum Ende des Mayakalenders. Nun ist die Welt doch nicht untergegangen, also haben sich die Weltunterganler eben einen neuen Termin auserkohren. ... Man muß natürlich bereit sein, Argumente zuzulassen, sie zu verarbeiten und, wenn für gut befunden, auch in die eigene Anscheuung und Argumentation zu integrieren. Ich dachte auch, Corona ist wie eine normale Grippe, Bis es in anderen Ländern total ausartete. Der Unterschied zwischen denen, die das miteinrechnen und jenen die das verweigern ist nur der Realitätsbezug. Wenn der Gegenüber die Realität verweigert, kann man erzählen was man will. Bringt nichts!


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MrDoe 15:14 Uhr

Es ist jetzt anscheinend der Punkt gekommen, vor dem einige bereits zu Beginn der Coronakrise gewarnt hatten:
Diejenigen, die den Kurs bisher vorgegeben haben, können sagen: Seht her unsere Maßnahmen funktionieren, es ist nicht so schlimm gekommen.
Und die Zweifler sagen: Seht her so schlimm ist es doch gar nicht gekommen, die Maßnahmen waren unnötig.
Ich bin auf jeden Fall froh, dass wir an diesem Punkt sind und es nicht auf Italienische oder New Yorker Verhältnisse herausgelaufen ist. ...


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pipeline 15:02 Uhr

    Wer auch immer eine offene und ehrliche Debatte über die deutsche Coronapolitik vermisst, soll sie gefälligst führen. Niemand hindert sie oder ihn daran. Keine Autorität, keine Zensur. Die Presse ist frei und unabhängig, die Volksvertreter sind ihrem Gewissen verpflichtet. Eine Neuauflage der Tabubruchs-Rhetorik braucht keiner.

Oh oh. Sämtliche Demonstranten als Hygienekritiker oder Verschwörungstheoretiker abzustempeln, finde ich wenig hilfreich. ...


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derdasowo 14:39 Uhr

Leider zeichnet sich die öffentliche Debatte darin aus, nur die Statistiken und Quellen zu bemühen, welche den eigenen Standpunkt stärken.
Das trifft sowohl auf die Seite der "Freiheitsrechtler", als auch auf die Befürworter der "Virusaustrocknung" zu.
Und jeder, der sich dazwischen aufhält, wird entweder in die eine, oder andere Richtung gedrängt.
Zwischendrin ist auch die Presse mit ihren provokanten Schlagzeilen. Mal bekommt das eine Lager Futter, mal das andere Lager.
Oder wohin wollte uns heute eine andere TS-Schlagzeile leiten ?
"25.100 Tote bei Grippewelle 2017/18 Die ignorierte Katastrophe"

Das ist doch genau das Futter für die Teilnehmer von Hygiene-Demos.


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Adur 14:28 Uhr

Na ja, ich zähle mich jetzt ganz bestimmt nicht zum Lager derjenigen, die eine große Verschwörung unter Abschaffung fast aller Rechte und der totalen Auslieferung an den Impfstoff von Bill Gates wittern.
Aber es mutet schon bedenklich an, wenn ausgerechnet eine Kanzlerin "Öffnungsdiskussionsorgien" vermeiden will statt solche Diskussionen von sich aus zu begrüßen und zu fördern. Oder wenn ihr Kanzleramtsminister mal eben sinngemäß raushaut, dass die Gerichte gefälligst so entscheiden sollen, wie es ihm in den Kram passt. Und ich ahne schon heute, dass der Herr Söder sich am Mittwoch wieder hinstellen wird und erklärt, dass ihm alle Lockerungen schon zu weit gehen und dass aber trotzdem alle nach Bayern in den Urlaub kommen sollen.
Ich glaube, es ist extrem wichtig, dass (sachlich) über EInschränkungen und Lockerungen gestritten wird. Und ehrlich gesagt finde ich manche panischen Forderungen nach erweiterung oder sogar Verschärfung von Maßnahmen dann mindestens genauso dämlich wie einige Argumente der "Corona-Verschwörer".


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Saebelzahnbiber 13:47 Uhr

Ich bin noch unschlüssig

Was bin ich denn, wenn ich die Existenz des Coronavirus nicht leugne und auch eine Pandemie nicht leugne, aber der Meinung bin, dass die getroffenen Maßnahmen weit über das Ziel hinausschießen und das herbeigeschrieene Bedrohungsszenario für stark übertrieben halte. Insbesondere bei Betrachtung anderer "alltäglicherer" Gefahren, die wir in der Vergangenheit billigend in Kauf genommen haben. Außerdem befürchte ich, dass die aktuellen "there is no alternative"-Maßnahmen eine wunderbare Blaupause darstellen für verfassungsfeindliche Elemente, ihre Ziele maskiert als "Gesundheitsmaßnahmen" durchzusetzen. Nicht nur jetzt, sondern auch in Zukunft.


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Dragonfighter 14:17 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Saebelzahnbiber 13:47 Uhr
Sie formulieren Ihre Zweifel einigermaßen sachlich und ohne Anklang von Verschwörungstheorien.

Das "herbeigeschrieene Bedrohungsszenario" ist allerdings eines, das alle namhaften Wissenschaftler/innen (insbesondere Virologen und Epidemiologen) für sehr realistisch halten. Von daher stellen Sie sich mit ihren Zweifeln ein Stück abseits vom Stand der Wissenschaft.

Sie begründen Ihre Zweifel am Bedrohungsszenario auch nicht, sondern begründen nur, warum Sie die Konsequenzen für gefährlich halten, was aber ja leider nichts am Bedrohungsszenario an sich ändert. Vermutlich können Sie ihre Zweifel auch gar nicht mit Argumenten untermauern, dann dafür fehlen Ihnen (wie auch mir) schlicht das Fachwissen für die Beurteilung der Pandemie.


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Dragonfighter 14:17 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Saebelzahnbiber 13:47 Uhr
Sie formulieren Ihre Zweifel einigermaßen sachlich und ohne Anklang von Verschwörungstheorien.

Das "herbeigeschrieene Bedrohungsszenario" ist allerdings eines, das alle namhaften Wissenschaftler/innen (insbesondere Virologen und Epidemiologen) für sehr realistisch halten. Von daher stellen Sie sich mit ihren Zweifeln ein Stück abseits vom Stand der Wissenschaft.

Sie begründen Ihre Zweifel am Bedrohungsszenario auch nicht, sondern begründen nur, warum Sie die Konsequenzen für gefährlich halten, was aber ja leider nichts am Bedrohungsszenario an sich ändert. Vermutlich können Sie ihre Zweifel auch gar nicht mit Argumenten untermauern, dann dafür fehlen Ihnen (wie auch mir) schlicht das Fachwissen für die Beurteilung der Pandemie.
Berlin-Marc 14:20 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Saebelzahnbiber 13:47 Uhr
Dann sind Sie lediglich bzw. zum Glück ein kritisch-denkender Bürger. So wie es uns im Bachelor und Masterstudium immer und immer wieder von den Profs eingetrichtert wurde. "Denken Sie kritisch".
Kritisch denken heißt aber nicht krude Verschwörungstheorien zu streuen. Ich halte viele Leute auf der z.B. Hygienedemo für so "intelligent", dass sie ganz genau wissen was für einen gefährlichen Mumpitz sie ins Volk streuen. Warum tun sie das? Diese Frage kann ich nicht beantworten.


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eismann872 13:33 Uhr
Schön, dass der Tagesspiegel wieder verschiedene Meinungsansätze darstellt.

Vor fünf Wochen sah das allerdings anders aus und die Regierungspolitik war vor lauter Panik auch hier alternativlos. Aber wen interessiert schon sein Geschwätz von gestern.


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Deutschertroll 13:00 Uhr

Menschen sind immer undankbare Wesen; anstatt zu feiern, dass wir nicht solche Bilder erleben und ertragen mussten, wie z.B. die Italiener, die Spanier, die Bürger von New York, ziehen wir erstmal über diejenigen her, die uns so straff bei den Zügeln nahmen, dass wir das nicht erleben mussten. Schon zu Beginn der Krise erwähnten viele, es wird die Zeit kommen, wo es nur noch um Schuldige geht. Nun geht's los. Die Netzwerke voller Schlaumeier, die vorher ja auch an Marsmännchen glaubten, wir haben Millionen Hobby-Virologen - es gibt ja kaum noch jemanden, der nicht schlauer ist. Unser Glück dürfte aber auch sein, dass solche geistigen Tiefflieger nicht in unserer Regierung sitzen. Und die Opposition, na, die traut sich jetzt auch aus der Deckung, Verantwortung musste sie ja nicht tragen und kann ihre Klugscheißerei nun auch verkünden. Das ist in einer Demokratie so und geht's vielleicht im Herbst so richtig an die Wand, weil die Grippewelle dazu kommt - tauchen die Klugscheißer erstmal wieder ab ...


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harmuth192 12:54 Uhr

Alle die der Meinung sind, die Maßnahmen der Regierung sind gerechtfertig können ja gerne zuhause bleiben.
Ich für meinen Teil bestehe(!) kompromisslos auf meinen Grundrechten.
Niemand darf mir sagen wo, wann und was ich zu sagen habe. Ich lasse mich auch in meiner Freizügigkeit nicht beschränken. Wo sind wir denn? Hatten wir nicht genug davon in den Zeiten von 33-45 und 49-89?
Wenn die Polizei Menschen verhaftet, weil Sie das Grundgesetz herzeigen oder einfach nur Ihr Recht auf visuellen Protest wahrnehmen, dann ist hier etwas gewaltig falsch im Land.
Man kann über die Aussagen der Demonstranten geteilter Meinung sein, aber was da an Bildern seitens Polizei produziert wird, steht einem Rechtsstaat in keinster Weise gut zu Gesicht.
Ich hoffe, dass jeder einzelne Polizist der sich an solchen Aktionen beteiligt im Rahmen seiner persönlichen Verantwortung als Beamter für seine individuallen Handlungen voll umfänglich zu Rechenschaft gezogen wird. Jeder Bürger hat das Recht, die individuelle Polizei-ID des jeweiligen Beamten ausgehändigt zu bekommen. Nicht zu verwechseln mit der Rückenummer, sondern die ID als Visitenkarte.
§63 Bundesbeamtengesetz gilt.
Punkt!


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yoda 13:18 Uhr

Antwort auf den Beitrag von harmuth192 12:54 Uhr

Sie machen hier einen auf Trotzkopf. Das ist bestimmt die Sprache, die das Virus versteht. ...


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NancyAyram 14:21 Uhr

Antwort auf den Beitrag von harmuth192 12:54 Uhr

Solche Jungs wie Sie machen mir wirklich Angst. Da spricht eine Selbstgerechtigkeit und ein Narzissmus aus Ihren Worten, echt gruselig. ...


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Zweites_Ich 15:32 Uhr

Antwort auf den Beitrag von harmuth192 12:54 Uhr

    Niemand darf mir sagen wo, wann und was ich zu sagen habe.

In welcher Branche arbeiten Sie?


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ReinhardtGutsche 12:45 Uhr

Der Topos "Corona-Kritiker" ist ebenso sinnvoll wie "Wetter-Kritiker"


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Boandlgramer 12:25 Uhr

Mir scheint das Problem eher zu sein, dass einem erheblicher Teil schlichtweg naturwissenschaftliche Bildung fehlt - da offenbaren sich die Schwächen des Bildungssystems.
Die wahrscheinlichste Annahme ist nicht deswegen weniger wahrscheinlich, weil andere Annahmen denkbar sind. So werden Restunsicherheiten eines Befundes als Falsifikation desselben missbraucht. Ockhams Rasiermesser...
Klima, Migration, Corona... stets das gleiche Spiel.


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siggi2016 12:16 Uhr

Am Ende bleibt, dass jeder kritisch denkender Mensch mit irgendwelchen Vögeln, da werden dann Hermann und Sarrazin  ausgegraben um das zu rechtfertigen, gleichgesetzt wird. Das übliche Vermengen.

Und was ist denn überhaupt ein "Corona-Kritiker"? Ein selten, sorry, dämlicher Begriff.
Und es gibt eben keine ehrliche Debatte. in den angesprochenen Talkshows sehen wir immer die selben, die seit zwei Monaten immer dasselbe sagen.

Gibt es eine Debatte darüber, dass in Deutschland gerade einmal 82 von 1.000.000 Einwohnern in Zusammenhang mit Corona verstorben sind?
Wird nach der tatsächlichen Todesursache wirklich "gefahndet", danach gefragt?

Wird endlich gefordert ALLE Verstorbenen zu obduzieren?
Wie viele sterben durch falsche Beatmung, zu frühe Intubation, an Infektionen dadurch?

Ungefähr jeder achte Patient auf den Intensivstationen sowie über 10.000 COPD Patienten jährlich sterben hierzulande unnötigerweise, weil sie nicht optimal beatmet werden.
Wie hoch sind in den Ländern die aktuellen Todeszahlen bei Krankenhauskeimen generell?

EU 33.000 Tote pro Jahr durch resistente Keime

Welche Rolle spielt das Wetter (auch interessant wg Russland, wo der Frühling erst jetzt beginnt).

Habe keine Lust alle meine Fragen, die ich von Anbeginn hatte zu wiederholen. Es gibt die Antworten nicht. Alles wird auf Beschränkungen und Maßnahmen, willkürlich festgesetzte Faktoren und Berechnungen (die auf Schätzungen basieren) heruntergebrochen - Todschlagargumentation pur und immer wieder.

Und genau dadurch werden die Verschwörungstheoretiker und andere Durchgeknallte langsam mehr, aber auch "normal" denkende Menschen, die bei diesen geringen Fall- und speziell Todeszahlen ins Zweifeln kommen und die Corona-Politik, nicht Coronas, kritisieren.


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UrbanJazz 12:45 Uhr

Antwort auf den Beitrag von siggi2016 12:16 Uhr
Ihre Argumente sind bekannt, Sie sehen, es wird auch gelesen.
Jetzt würde mich aber Ihr Vorgehen, Ihre Strategie interessieren. Haben Sie außer Zweifel zu schüren etwas zur Lösung beizutragen?
Und im Nachgang den Lockdown als Fehler darzustellen, funktioniert nicht. Mindestens die gleiche Plausibilität hat es nämlich, die Tatsache, dass Deutschland bisher gut durchgekommen ist, als Erfolg des Lockdown zu sehen.
So und wie soll es jetzt weitergehen? Wie soll die "Corona-Politik" ab heute aussehen?


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Eispickel 12:55 Uhr
Antwort auf den Beitrag von siggi2016 12:16 Uhr

    Und es gibt eben keine ehrliche Debatte. in den angesprochenen Talkshows sehen wir immer die selben, die seit zwei Monaten immer dasselbe sagen.

... und alle anderen nur bei YouTube, wie z.B. Prof. Dr, med. Sucharit Bhakdi, Facharzt für Infektionsepidemiologie. Wurde von Mimikama dafür gescholten, dass er - was Italien betrifft - einen möglichen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und COVID-19 hergestellt hat (oh...doch nicht so abwegig. https://www.spektrum.de/news/warum-luftverschmutzung-covid-19-toedlicher-macht/1725948). Und natürlich dafür, dass er KenFM für ein Interview zur Verfügung stand.


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coroner 12:14 Uhr

Die Gefährlichkeit dieses Corona-Virus wurde doch anfangs vor allem von unserer Regierung und unseren Behörden verharmlost!
Noch während in China eine Region mit ca. 50 Millionen Menschen komplett abgesperrt wurde und asiatische Länder den Weltmarkt für Schutzmasken, Schutzkleidung, ... leerkauften, wurde der hiesigen Bevölkerung erzählt: Für Deutschland bestehe keinerlei Gefahr. Trotz dringender Mahnungen von Händlern wurden hierzulande z.B. keine Schutzmasken bevorratet ....

Während dieser Zeit stand der Großteil unserer Presse hinter dieser Fehleinschätzung unserer Regierung. Es wurde angeprangert, dass China eine Krankheit ausnutze um seine Bevölkerung weiter grundlos zu drangsalieren.

Zum Glück hat sich die Meinung unserer Regierung bald geändert, als die Fallzahlen hier dann begannen exponentiell anzusteigen. Es war aber bereits zu spät, das Virus hier zu stoppen. Man hatte viel zu lange auf die gesundheitliche Kontrolle Einreisender verzichtet. Dies und mangelnde Vorsorge machte den Lockdown notwendig. Die Mehrheit der Presse folgte auch hier der Regierungseinschätzung und unterstützte die Lockdown-Maßnahmen, die damals richtig und absolut notwendig waren.

Heute geht es um eine kontrollierte Rückkehr und ein Wiederhochfahren der Wirttschaft und dafür Regeln zu finden, die ein Wiederaufflammen der Epidemie verhindern.
Die Corona-Verharmloser können in dieser Situation auf zwei Dinge verweisen:
1. Es gibt in Deutschland inzwischen deutlich weniger aktive Fälle und insgesamt im europäischen Vergleich relativ wenige Tote. Einige wollen dies aber nicht auf den erfolgreichen Lockdown zurückführen, sondern behaupten (irriger Weise), die ganze Epidemie sei bereits vorüber.
2. Anfangs hielten unsere Regierung und ihre Behörden ja selbst das Virus für ungefährlich, Das schlägt nun zurück. Unsere Regierung bekommt nun die gleichen Vorhaltungen zu hören, die sie selbst noch Januar/Februar den chinesischen Behörden gemacht hatte.


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siggi2016 12:47 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Robert_Rostock 12:34 Uhr

    Oder anders gefragt: Wenn es in (fast) ganz Europa einen Lockdown gibt, aber gerade in den Ländern mit dem schärfsten Lockdown die meisten
    Toten: Ist es dann wirklich einzig der Lockdown, der den Erfolg bringt?


Darauf bekommen Sie keine vernünftige Antwort, habe ich x-Mal gefragt.

Alles liegt an unseren Beschränkungen und Maßnahmen. Punkt, fertig und aus. ...


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UrbanJazz 12:55 Uhr
Antwort auf den Beitrag von coroner 12:14 Uhr
Gute Zusammenfassung. Bei allem Lob für die zwischenzeitlich erzielten Erfolge darf auch nicht vergessen werden, dass am Anfang, zu Beginn der Pandemie, geschlafen, verharmlost und verdrängt wurde. Hoffentlich gibt es daraus einen nachhaltigen Lerneffekt.

Eine gute Würdigung findet sich hier:

    Gemessen daran ist das deutsche Gesundheitswesen ziemlich unvorbereitet in die Krise gestolpert. Zahlreiche Ärzte, Schwestern und Altenpfleger erfüllten ihre Pflicht ohne Schutzkleidung. In manchem Seniorenheim herrschen schlimme Zustände.
    Deutschland ließ verblüffend lange Leute aus Ländern mit hohen Infektionsraten ungetestet einreisen. Es hatte Glück, dass sich zuerst überwiegend junge Leute infiziert hatten, bei
    denen das Mortalitätsrisiko niedriger ist. Die Horrorbilder aus Italien hinterließen einen starken Eindruck und erleichterten der Politik das
    Verhängen von Ausgangsbeschränkungen. Italien hat Deutschland zwei Wochen für die Vorbereitung geschenkt, die das Land genutzt hat,
    Infizierte zu identifizieren. Die schnelle Verfügbarkeit von Labortests half. Merkel fand günstige Bedingungen vor.

    Link: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/usa-in-der-corona-krise-so-uebel-ist-donald-trump-nicht-16751384.html (https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/usa-in-der-corona-krise-so-uebel-ist-donald-trump-nicht-16751384.html)

Der Grundaussage des zitierten Artikels stimme ich im übrigen nicht zu: Trump hat es schlechter gemacht. Er hat die Zeit noch weniger bis gar nicht genutzt, sein Land angemessen vorzubereiten.

Nichtsdestotrotz bleibt zu hoffen, dass die Politik nicht wieder zurückfällt und erreichte Fortschritte verspielt. Wird ein zweiter, noch härterer Lockdown nötig, war vielleicht alles umsonst. Die Schreier und Drängler werden dann abtauchen und ihre Hände in Unschuld waschen.


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Tiog 12:00 Uhr

Aber merkwürdig ist es schon, dass fast alle Medien, die SZ ausdrücklich ausgenommen, die Merkel-Ansichten verbreiten.


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yoda 12:15 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Tiog 12:00 Uhr

Ähhh, mir würde was fehlen, wenn z.B. der Tagesspiegel das Thema diskutiert, die Ansichten der Bundeskanzlerin dazu jedoch ausspart. ...


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Motoko 12:19 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Tiog 12:00 Uhr
Vielleicht sind es nicht "Merkel"-Ansichten, sondern die Meinungen von der CSU und der CDU und der SPD und -zumindest teilweise - FDP (gewesen) und der GRÜNEN und (teilweise) die LINKE . außer eben wie gewohnt die AFD.
Mit anderen Worten es besteht bzw bestand ein breiter Konsenz, die sich dann entsprechend in den Medien wiederfindet.
Man kann natürlich das ganze umdrehen und einen Konsenz als Einheitsbreit denunzieren; Zustimmeungraten in der Bevölkerung von 90% - 70 % als Diktatur diffamieren.
Demokratische Parlamentsbeschlüsse als gar nicht stattgefunden retourschieren -

Da muss jeder für sich herausfinden, wie er/sie/es gestrickt ist.
Meine Meinung nach leben wir in sehr ungesunde Zeiten,
und das nicht nur primär wegen Corona, sondern ganz offenkundig ist die psychische Belastung für manche Mitmenschen so groß, dass ihr Hirn durch die Decke knallt.
Ich vermute, während und vor allem nach der Corona-Krise werden viele Psychologen und wohl auch Psychiater ne Menge zu tun haben, das eine oder andere gerade zu biegen.
Sei es Sänger oder Köche und sonstige Gestalten.

Ansonsten
Ist das Glas halbvoll oder ist das Glas halbleer?
Prost


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feihung 12:26 Uhr

Antwort auf den Beitrag von Tiog 12:00 Uhr
Welt und Faz sind ständig voll mit anderen Ansichten und erst vor zwei Tagen hat hier Casdorff im Tagesspiegel eine völlig konträre Meinung  vertreten. Auffällig ist hier also ausschließlich das Hinbiegen der Wahrheit Ihrerseits - bzw. das Verbiegen.
Aber all diesen Leuten ist eines gemeinsam, was im Artikel auch angesprochen wird: Sie bieten keine Alternative und wenn (das ist dann die sofortige Lockerung bzw. Aufhebung der Maßnahmen) sind sie nicht bereit, dann auch Verantwortung für eventuell schlimme Folgen zu übernehmen. DAS ist auffällig.


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Hans-J. 11:24 Uhr

Auch "Vollidioten" gehören zu Deutschland - wie überall. Siehe z.B. die USA. Das muss eine Demokratie nicht nur aushalten - damit muss sie sich auseinandersetzen, und zwar offensiv.


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FidFugUhlHei 11:11 Uhr
Wieder einmal wird alles in einen Topf geworfen, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit der Leser zu bekommen.

Gibt es Corona? Ja.
Gibt es Leute, die daran zweifel? Ja.
Gibt es Leute, die Corona für den Teil einer Verschwörung halten? Ja.
Gibt es Leute, die kritisch sind, ob alle Maßnahmen (immer noch) richtig sind? Ja.

Und gerade mit der letzten Gruppe kann man normal umgehen. Sie mit Aluhutträgern in Verbindung zu bringen, ist Unsinn.


...
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 02:58:24 PM
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[...] BERLIN taz | Der Verband der Automobilindustrie (VDA) verteidigt, dass die Autohersteller in der Coronakrise Dividenden an Aktionäre zahlen und gleichzeitig Hilfen vom Staat verlangen. Ausschüttungen seien wichtig, um die Aktionäre an Bord zu halten und Unternehmen vor Übernahmen aus dem Ausland zu schützen, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller im Deutschlandfunk. Einen Widerspruch zu den vom Staat geforderten Hilfen für die Autobauer sieht die ehemalige Staatsministerin im Bundeskanzleramt nicht.

Die Autohersteller leiden unter der Coronakrise, weil sie die Produktion gestoppt hatten und der Absatz eingebrochen ist. Trotzdem hat Daimler für das erste Quartal 2020 einen Gewinn von mehr als 600 Millionen Euro gemeldet, Volkswagen von 400 Millionen Euro. BMW legt am Mittwoch Zahlen vor. Weil die Branche mit einem harten zweiten Quartal rechnet, werden die Rufe nach Kaufanreizen für Autos aus Politik, Unternehmen und Gewerkschaften lauter. Bereits nach der Finanzkrise 2009 hatte der Staat der Branche mit einer Abwrackprämie geholfen. ...

Am 5. Mai wird im Kanzleramt auf dem „Autogipfel“ über Hilfen für die Branche beraten. Die Organisation LobbyControl kritisiert die Zusammensetzung des Treffens, an dem Vertreter von Unternehmen und Gewerkschaften teilnehmen, aber keine von Umwelt- oder Verbraucherverbänden. „Exklusive Runden wie der Autogipfel sind der falsche Rahmen, um die Verteilung von Corona-Hilfen zu verhandeln“, sagte LobbyControl-Sprecherin Christina Deckwirth.

Ursprünglich wollen die Ministerpräsidenten der Auto-Länder Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen am Mittwochmittag über Hilfen für die Branche beraten. Das Treffen von Markus Söder (CSU), Winfried Kretschmann (Grüne) und Stephan Weil (SPD) wurde kurzfristig verschoben. Wegen Terminschwierigkeiten, hieß es. Die Verschiebung ist ein Hinweis darauf, dass sich die Landeschefs noch nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnten.


Aus: "Autobranche will Staatshilfe: Hersteller schonen Aktionäre" Anja Krüger (29.4.2020)
Quelle: https://taz.de/Autobranche-will-Staatshilfe/!5680231/ (https://taz.de/Autobranche-will-Staatshilfe/!5680231/)

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[...] Wer heute über die Zukunft spricht, tut dies aufgrund zweier stark divergierender Annahmen: Wir lebten vor Ausbruch der Pandemie entweder in einer funktionierenden, zufriedenstellenden Normalität oder in zerrütteten Verhältnissen. Von dieser grundsätzlichen Haltung hängt die Reaktion auf die brüchige Gegenwart ab. Entweder erwarten wir das Schlimmste oder wir schöpfen neue Hoffnung. Selten waren Dystopie und Utopie so nahe beieinander, genau gesagt 1,5 Meter voneinander entfernt.

... Die Apologeten des freien Markts sind verstummt, denn wir haben im Belastungstest sein Versagen erlebt. Länder oder Regionen, die ihr Gesundheitssystem nach profitorientierten Kategorien umgebaut haben (Beispiel Lombardei), haben sich tödlich umstrukturiert. Und obwohl Pandemien regelmäßig auftreten, haben sie für diesen Fall nicht angemessen vorgesorgt, weil Gemeinwohl nicht profitabel ist. Dem freien Markt gelingt es nicht einmal, selbst Monate nach dem Ausbruch, Masken in ausreichender Zahl zu produzieren.

Schon wenige Tage nachdem das Virus Teile der Wirtschaft unvermeidlich zum Erliegen gebracht hat, ertönten Kassandrarufe, weil eine Rezession von 3 Prozent (neuerlich korrigiert auf 6 Prozent) abzusehen ist. Wie soll man einen Organismus bezeichnen, der in seiner Existenz bedroht ist, weil er um 3 oder 6 Prozent schrumpft?

Als Lösung wird mit nicht existierendem Geld gegossen, keineswegs nach dem Gießkannenprinzip – weltweit geben die Staaten Milliarden aus zur „Rettung“ jener Wirtschaftsteilnehmer, in deren Händen Vermögen ohnehin bereits stark konzentriert ist. Die folgende Verschuldung wird nur durch starkes Wirtschaftswachstum zu überwinden sein, was wiederum zu weiterer Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit führen wird.

Kaum war die Epidemie zur Pandemie ausgewachsen, wurden weltweit dirigistische Instrumente eingesetzt, die öffentliche Hand war gefordert, die Konzerne verkrochen sich (oder versuchten sich à la Adidas mit erhöhter Asozialität durchzumogeln). Allerorten wurde staatliche Unterstützung oder Verstaatlichung gefordert. Was einen doch sehr erstaunen muss, waren doch diese Instrumente zuvor allesamt als ineffektiv und schädlich abgetan worden.

Verblüffend ist, dass jene Menschen, die eine höhere Steuer auf SUVs als unerträglichen Eingriff in ihre Freiheit ablehnten, nun bereit sind, ordnungspolitische Einschnitte zu akzeptieren, etwa, dass sie ohne zwingenden Grund gar nicht Auto fahren dürfen. Was passiert wohl, möchte man so einem Homo Eintagsfliege zurufen, wenn uns ein ökologisches Desaster ereilt? Es wird mit Einschränkungen reagiert werden, gegen die kaum jemand protestieren wird, weil es sich schlecht gegen die Faktizität der Katastrophe argumentieren lässt. Abgesehen von solchen politischen Ironien haben die Ereignisse der letzten Wochen klar aufgezeigt, wieso Gefährdung (die heutige Bedeutung von „Krise“) zur Wendung führen muss.

Wir müssen die Grundlagen unseres Systems infrage stellen. Wir waren nicht so gesund, wie viele von uns sich eingebildet haben. Wir haben das menschliche Leben unter- und Waren überbewertet. Nun sehen wir uns einer gesamtgesellschaftlichen Triage gegenüber, bei der wir entweder Gesundheit oder Wohlergehen opfern müssen. So wie die Menschen im Globalen Süden, die täglich zwischen Überleben und Leben hin und her geworfen werden.

Wir werden diese Misere ohne eine mutige Neugestaltung der Weltwirtschaft nicht mit Würde überstehen. Wir müssen uns vom Diktat des Wirtschaftswachstums befreien, wir müssen alles, was lebenswichtig ist, in Gemeinschaftsvermögen überführen. Und wir benötigen einen globalen Lastenausgleich, eine weltweite Sozial- und Gesundheitsversorgung, denn hinter der gegenwärtigen Krise lauern viele andere, etwa die drohende Hungersnot in Ostafrika.

Fangen wir an mit dem hoffentlich bald entwickelten Impfstoff gegen Covid-19. Er sollte nicht der Pharmaindustrie überlassen werden. Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus und Masern sind von der öffentlichen Hand hergestellt und verteilt worden. Als Jonas Salk, der Erfinder des Polio-Impfstoffs, gefragt wurde, wer das Patent besitze, antwortete er: „Alle Menschen. Es gibt kein Patent. Können Sie die Sonne patentieren?“ Leider leben wir in einem System, das sich bislang anmaßt, die Wunder der Natur zu privatisieren, während es diese gleichzeitig zerstört. Höchste Zeit zu erkennen, wie krank das ist!


Aus: "Lehren aus der Coronakrise: Virus frisst Ideologie" Kommentar von Ilija Trojanow (29. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/Lehren-aus-der-Coronakrise/!5678805/ (https://taz.de/Lehren-aus-der-Coronakrise/!5678805/)

Quote
tomás zerolo
heute, 11:07

Danke für diese flammende, packende Rede.


Quote
Berndt Fischer
heute, 12:01

Berndt Fischer

... Warum hat sich eigentlich bei den Grünen keine(r) gefunden, der, ähnlich argumentierend, die Debatten um Corona politisiert hätte. Stattdessen ein paar Lockerungsübungen oder Boris Palmer!


...
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 09:10:06 PM
Quote
[...] Wer in diesen Tagen besonders fehlt, ist die große Silke Burmester. „Beruhigt Euch!“ hat sie schon 2012 der mild-hysterisierten Gesellschaft freudig entgegengerufen, als die mal wieder dabei war, sich wohlig im dräuenden „Alles wird immer schlimmer“ zu suhlen.

Und es ist wieder so weit. Lockdown-Woche neun – und jetzt müssen wir auch noch Maske tragen. Also manchmal. Länderspezifisch höchst unterschiedlich. Aber in Bus und Bahn schon. Klarer Fall von Untergang des Abendlandes.

Es ist immerhin tröstlich, dass es mal wieder überwiegend nur wir Männer sind, die nörgeln. Uns wird es offenbar im Homeoffice allmählich so langweilig, dass wir uns den Verfall aller Dinge herbei­schreiben oder -podcasten.

Also: Es geht zu Ende, und sage keiner, er*sie sei nicht gewarnt worden. „Die Stimmung wird kippen“, heißt ein Kommentar von Berliner-Zeitung-Herausgeber Michael Maier. „Die Politik hat jedes Maß verloren. Ihre Verordnungen greifen tief in unser Leben ein. Vieles wird zerstört. Die Masken sind erst der Anfang. Es wird keine schöne, neue Welt“, geht es weiter.

Maier ist ja vermutlich auch so was wie der heimliche Chefredakteur der Berliner Zeitung. Und er gefiel sich schon bei anderen Projekten als großer Rauner. „In der Stadt merkt man nichts von Corona. Doch es ist eine trügerische Stille. Die Stimmung kann jederzeit kippen – und sie wird kippen“, schreibt Maier und dass es „noch sehr ruhig ist auf den Straßen Berlins“.

Amumumu, würde das Känguru dazu sagen. Man hört förmlich dieses Flehen nach der Revolution, nach den Mutigen, die es Mutti und ihren Ex­per­t*in­nen im ­Kanzleramt endlich mal zeigen. Jakob Augstein und Jan Fleischhauer sind mit ihrem Podcast „The Curve“ powered by Focus nicht viel besser. Da werden auch bedeutungsschwanger Fragen gestellt, auf die niemand eine Antwort hat. „Kalkulierte Ignoranz“, hat Übermedien das zutreffend genannt.

Es ist ja jedem unbenommen, Maßnahmen jetzt in der Pandemie explizit scheiße zu finden. Zum demokratischen Miteinander gehört aber auch, sich trotzdem dran zu halten, wenn sie denn auf ordnungsgemäßem Wege zustande gekommen sind. Erst recht, wenn sie sogar was nützen.

Journalist*innen haben die verdammte Pflicht, dieses politische Handeln und natürlich auch die Rolle der Ex­per­t*in­nen und ihre Ansagen immer wieder zu hinterfragen. Aber bitte auf Tatsachenbasis. Nicht durch raunendes Argwöhnen und so eine milde panikverströmende Mystik, da seien neue Stahlgewitter für die Menschheit im Anmarsch. Das konnte Ernst Jünger sowieso schöner.

Gegen solch latente Hysterie im Alltag hilft, sich an das zu erinnern, worum es eigentlich geht: Liebe, Nahrung, Miteinander. Ist nicht von mir, ist von Silke Burmester. Komm zurück, wir brauchen dich!


Aus: "Kritik an Corona-Maßnahmen: Panikverströmende Mystik" Steffen Grimberg (29.4.2020)
Quelle: https://taz.de/Kritik-an-Corona-Massnahmen/!5678843/ (https://taz.de/Kritik-an-Corona-Massnahmen/!5678843/)

Quote
warum_denkt_keiner_nach?

"Aber bitte auf Tatsachenbasis."

Damit macht man keine Schlagzeilen.

Danke Herr Grimberg. Schön, eine Stimme der Vernunft zu hören.


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MinoZheros

Welche Tatsachen denn genau?


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 09:58:24 PM
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[...] Jeder kennt intellektuell ehrliche "Corona"-Skeptiker. Jeder kennt auch durchgeknallte Corona-Leugner und -Verschwörungstheoretiker (meist aus dem Internet). Und fast jeder fragt sich bei den Maßnahmen der Regierung, ob das jetzt wirklich hat so sein müssen. Die Schwierigkeit ist, das alles auseinanderzuhalten.

Es gibt zum Beispiel Mediziner, die mit einem gewissen Recht nach der genauen Datenbasis der Covid-19-Fälle fragen und warum die Regierung sie nicht in vollem Umfang veröffentlicht. Denen muss man zugestehen, dass ihre Fragen berechtigt sind. Das heißt aber immer noch nicht, dass Corona ein einziger, riesiger Hoax sei beziehungsweise eh nur eine saisonale Grippe und dass die Sterbedaten ganz normal seien.

Das behaupten nämlich andere Mediziner, die eine gar nicht geringe Anhängerschaft finden. Eine Anhängerschaft, die auch dadurch wenig zu irritieren ist, dass diese Mediziner schon Aids als Erfindung der Freimaurer, Bilderberger und Illuminaten bezeichnet haben und sich oft im Kreise von Rechtsextremen, Impfgegnern und Paranoikern bewegen.

Und schließlich gibt es Mediziner wie den Berliner Virologen Christian Drosten, die luzide und für Laien logisch erklären können, dass es sich wirklich um eine hochgefährliche Pandemie handelt, die in einer Reihe von Staaten mangels zeitgerechter Gegenmaßnahmen schwere gesundheitliche Folgen hatte und die vor allem längst noch nicht vorbei ist. Dazu passen Statistiken, die zeigen, dass die sogenannte "Übersterblichkeit" , also eine höhere als die durchschnittliche Sterberate, bei Corona in etlichen Ländern signifikant höher ist als die in schweren Grippejahren.

Soll heißen, es gibt ein gesundes Misstrauen und ein eher ungesundes.

Berechtigt ist im Falle Österreichs sicher ein gewisses Misstrauen gegenüber manchen Motiven der Regierung. Der Lockdown war richtig. Der Geist, in dem er erfolgt ist, zeigte Anzeichen von Bevormundung und Manipulation. Private Treffen in der Wohnung sind verboten, sagte die Regierung, stimmte aber nicht.

Die Kommunikation hat mit dem Normeninhalt nicht Schritt gehalten", formuliert es der Verfassungsrechtler Heinz Mayer nobel. Anders herum: Die Regierung, Grün inklusive, hat uns einen paternalistischen Schmäh erzählt. Sebastian Kurz liebt die Krise, weil sich die Herde ängstlich um ihn schart, schreiben eine Kommunikationsexpertin und ein Gesundheitsexperte im STANDARD. Man kann ergänzen: Kurz hat grosso modo das Richtige getan, aber man kann nicht sicher sein, ob nicht eine Hidden Agenda dabei ist.

Wie zum Beispiel die verpflichtende Corona-Tracking-App, wie die Opposition argwöhnt. Oder das Differenzieren – manche sagen "Selektieren" – nach schutzwürdigen Gruppen, die halt stärker eingeschränkt bleiben. Oder was wurde aus dem Plan von Innenminister Karl Nehammer, Corona "wegzuflexen", indem Polizei in Schutzkleidung bei Virus-Verdächtigen auftaucht?

Es bleibt eine Balance auf schmalem Grat – die Beschränkungen für richtig zu halten, aber wachsam gegenüber staatlicher Bevormundung zu bleiben. Und zwar auf noch kaum absehbare Zeit. (Hans Rauscher, 29.4.2020)


Aus: "Corona – gesundes und ungesundes Misstrauen" Hans Rauscher (29. April 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000117172423/corona-gesundes-und-ungesundes-misstrauen (https://www.derstandard.at/story/2000117172423/corona-gesundes-und-ungesundes-misstrauen)

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MichaelMoore

Sogar FOX News zeigte Ärzte, die Covid19 als Todesursache angeben mussten um die Anzahl zu erhöhen
https://youtu.be/sPrbGU0Wyh4 (https://youtu.be/sPrbGU0Wyh4)

Es geht um totale Kontrolle mittels Angstmacherei und Kontrolle der Message Control mit Hilfe von Google und Facebook, oder so wird es dargestellt.


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Cmd. Ed Straker

Ahhh! FOX "News"! Interessant. ...


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Leafman

Hinterfragen, nicht misstrauen!
Vertrauen oder Misstrauen ist nötig, wenn mir Fakten und Nachweise fehlen. Wissen erfordert kein Ver- oder Misstrauen.

Und genau hier kommt Dr. Drosten ins Spiel. Ich empfehle seine Podcasts und Interviews einmal kritisch nachzuhören und sich ein Bild davon zu machen, wann Drosten jemals fixe, belastbare Aussagen macht. Er ist ein wahrer Künstler darin, seine Aussagen einzuschränken, mit Möglichkeit aber nie mit Sicherheit zu versehen.

Und genau hier muss unser Hinterfragen ansetzen: Wenn etwas noch nicht fix belegbar ist, gibt es mehrere mögliche Szenarien. Momentan wird uns aber gezielt nur ein möglicher Ausgang geliefert und jede kritisch Anmerkung wird unterdrückt.
Das ist wissenschaftlich unseriös und gesellschaftlich kritisch!


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Lord Chandos

"Seine Aussagen einzuschränken aber nie mit Sicherheit zu versehen." Tja, sowas nennt man Wissenschaft!
...bis heute (29. April 2020) weiß niemand genau, was die Spanische Grippe von 1918 ausgelöst hat. Was Sie wollen ist Religion. Papst Franziskus und Kardinal Schönborn wissen ganz genau, "mit Sicherheit versehen", dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. Erwarten Sie, dass das Coronavirus ein schriftliches Geständnis ablegt, à la: "Ja ich hab' es getan!" Das wäre ein Fakt. Ein Nachweis. Christian Drosten spricht und schreibt als Fachmediziner. Das Nova Corona-Virus ist seit einem halben Jahr bekannt! Das Wissen darüber ändert sich wöchentlich. Drosten äußert Vermutungen auf der Basis der aktuellsten Kenntnisse. Niemand ist verpflichtet, ihm zuzuhören. Wenn Sie mehr wissen, wenden Sie sich doch an den ORF. Wir sind alle gespannt...


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leo_nardo

drosten ist wissenschaftler,
und kein künstler.
und wenn er wo sicher ist, dann sagt er es auch so.
nachdem sars-2 neu ist, gibt es eben viele unsicherheiten.
und da ist mir seine vorsicht in den aussagen 10x lieber als jemand der glaubt, die weisheit mit dem löffel gefressen zu haben.


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Auch ich habe eine Meinung

Das Gesundheitssystem steht auch in Schweden nicht kurz vor dem Zusammenbruch, obwohl Schweden zu den EU-Staaten mit den wenigsten Intensivstation-Betten pro 100.000 EW zählt.

In Italien wurden kranke alte Menschen in die Altersheime "ausgelagert", um Krankenhausbetten freizumachen. In Spanien dachte man die längste Zeit nicht daran, Altersheime zu isolieren. In NY dürfen Altersheime laut einer Executive Order von Gouverneur Andrew Cuomo an Covid-19 erkrankte Insassen nicht abweisen:

"No resident shall be denied re-admission or admission to the NH solely based on a confirmed or suspected diagnosis of COVID-19."

In Italien, Spanien und vielen anderen Staaten stammen rund 50% der "Corona-Toten" aus Altersheimen.


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abraxas57

Wenn man sich die Kommentare durch liest faellt vor allem auf, dass sich jetzt langsam ein ordentlicher Lagerkoller einschleicht, der sich bei einigen Postern aber schon sehr heftig bemerkbar macht...Eine gute Seite hat Corona aber doch: Noch nie hatte Oesterreich - und wahrscheinlich auch alle anderen betroffenen Laender (also Turkmenistan und Weissrussland lasse ich aussen vor) - so viele Spezialisten fuer ungefaehr fast genau eh alles...Saaagenhaft!


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Mortimenia

Das Fazit

Wir alle wissen noch viel zu wenig. Und niemand weiß mit Bestimmtheit ob die Maßnahmen zuwenig, zuviel, oder doch einigermaßen angemessen waren. So oder so, Aufmerksamkeit auf ziemlich alles rundherum ist nach wie vor wichtig und angebracht. Falsch ist auf jeden Fall dabei alles entweder nur zu verteufeln wie auch alles kritiklos runterschlucken. Es bleibt der Glaube und die Hoffnung, dass diese Zeit in dieser Art bald Vergangenheit sein wird.


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 10:57:53 PM
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[...] Health care workers in North Carolina on Tuesday held a counterprotest against yet another “ReOpen NC” rally in the state capital.

About a dozen nurses, doctors and other health care workers, wearing scrubs and masks, stood outside the State Archives of North Carolina in Raleigh with their arms crossed. Some carried signs reading “Stay Home For ME” and “I Can’t Believe I Have to Show Up Here Too.”

They stood in a formation that allowed them to practice social distancing, which the Centers for Disease Control and Prevention recommends.

Across the street, hundreds of ReOpen NC protesters crowded together for the third time in as many weeks, once again demanding that Gov. Roy Cooper (D) reopen the state’s economy during the coronavirus pandemic ― the dire warnings of public health officials be damned. Cooper announced last week that the state’s stay-at-home order had been extended into May.

These protesters carried signs promoting debunked conspiracy theories about COVID-19, which has already infected over 1 million people and killed over 57,000 in the U.S. alone. There have been over 9,500 reported cases of COVID-19 in North Carolina, according to state health officials, resulting in over 340 deaths.

One of ReOpen NC’s lead organizers, Audrey Whitlock, revealed this week that she had tested positive for the coronavirus.

The protesters also heckled and harassed the health care workers ― front-line workers in the fight against both COVID-19 and a right-wing campaign to downplay the dangers of the virus ― who remained silent and stoic.

“My grandma taught me not to argue with a fool because onlookers can’t tell who’s who,” Amber Brown, a nurse from Kernersville who attended the protest, told HuffPost over the phone Tuesday.

“They’re putting me and my family at risk,” Sekia Royall, who works in nutrition services at O’Berry Hospital in Goldsboro, said in a press release.

“My daughter and I both have pre-existing conditions, and if someone gets the virus at our facility, it will spread like wildfire,” she said. “For some of our patients it could be fatal.”

Carrie Shropshire, a medical student at Campbell University in Raleigh, joined the health care workers protesting Tuesday.

“We take an oath to ‘do no harm,’ and these protesters are literally causing harm,” she said in the press release.

Shropshire also tweeted that some anti-lockdown protesters yelled at her and her fellow health workers Tuesday, asking if they are citizens.

“The people who are trying to reopen our state to infection and death want to know if we are American,” Shropshire tweeted.

The ReOpen NC protests are just a few of the many “reopen” demonstrations that have taken place across the country in recent weeks. They’re often attended by heavily armed militias and other extremists, and many are organized, in part, by groups with ties to right-wing billionaires including Charles Koch and Robert Mercer.

The anti-lockdown protesters — who are largely supportive of President Donald Trump and who view the economic impact of the pandemic as worse than the pandemic itself — are not representative of the majority of the country. A recent Yahoo News/YouGov poll found that only 22% of Americans support the anti-lockdown protests. Most Americans support stay-at-home orders and the continued closure of nonessential businesses.

The poll found that a majority of Republicans also oppose the protests, even though Trump and Fox News have expressed support for them.

Brown, the nurse from Kernersville, stood in opposition to the anti-lockdown protest in Raleigh last week too, where she was heckled over her weight.

“I am, and will always be, a nurse,” Brown tweeted from the demonstration Tuesday. “I carry each patient with me in my heart and it is for them that I take a stand. It’s why I was out here last week to speak out against reopening North Carolina. It’s why I’m out here again today.”

She also posted a video showing anti-lockdown protesters marching around without wearing masks.

“A thing about this virus: Many who die from it can’t have their loved ones hold their hands in their last moments,” Brown tweeted. “I’ve held people’s hands while they’ve passed because no one should die alone. The more these reckless protests happen, the more people will.”


From: "Health Care Workers Stand Up To Anti-Lockdown Protesters In North Carolina" Christopher Mathias (04/28/2020)
Source: https://www.huffpost.com/entry/healthcare-workers-reopen-north-carolina-protesters_n_5ea87e8cc5b6e50adaf4b160 (https://www.huffpost.com/entry/healthcare-workers-reopen-north-carolina-protesters_n_5ea87e8cc5b6e50adaf4b160)

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[...] Nachdem er sich zwischenzeitlich in der Rolle des edlen Beatmungsgeräte-Spenders gefallen hat, ist Elon Musk (48) jetzt wieder zu seiner ursprünglichen Haltung eines Corona-Leugners zurückgekehrt. Er will jetzt unbedingt, dass der Lockdown in den USA beendet wird, egal wie viele Neuinfektionen das Land noch täglich meldet. Kurz hintereinander verlinkte er erst auf einen Kommentar im "Wall Street Journal" und forderte "Gebt den Menschen ihre Freiheit zurück!", lobte, dass in Texas ab Freitag Restaurants und Geschäfte wieder öffnen und verlangte schließlich in Versalien, Amerika sofort zu befreien.

 Da die Tweets laut "Gizmodo" in der Nacht abgesetzt wurden, könnte man spekulieren, dass Musk vielleicht nicht ganz nüchtern war. Schließlich stimmte er auch noch einem Tweet einer Verschwörungstheoretikerin zu, die schrieb, das beängstigende an der Pandemie sei nicht das Virus selbst, sondern dass sich Amerika so einfach beuge und seine mit Blut erkaufte Freiheit für korrupte Politiker aufgäbe, die ihnen Sicherheit versprachen. Aber der Tech-Milliardär beurteilte die Pandemie eigentlich von Anfang an ziemlich wirr.

So twitterte er am 6. März, die Coronavirus-Panik sei dumm und legte am 19. März mit den Tweets nach, den aktuellen Trends nach gäbe es Ende April in den USA nahezu keine Covid-19-Fälle und Kinder seien im Wesentlichen immun.

 Tatsächlich melden die USA aktuell täglich mehr als 20.000 neue Fälle, insgesamt zählt das Land bereits über eine Millionen bestätigte Infektionen, mindestens 53.000 Menschen sind dort bisher an Covid-19 gestorben. Und der Berliner Virologe Christian Drosten sagte in seinem jüngsten Podcast, Kinder würden sich wahrscheinlich genauso leicht anstecken wie Erwachsene. Möglicherweise seien sie weniger infektiös, aber das sei noch nicht geklärt.

Vielleicht glaubt Musk tatsächlich, was er da zuletzt getwittert hat. Vielleicht sind ihm seine Unternehmen aber auch einfach nur wichtiger als die vielen Menschenleben, die durch vorschnelle Lockerungen in den USA auf dem Spiel stehen. Man weiß es nicht, Erklärungen zu seinen oft irren Tweets liefert der Milliardär selten. Sein Einfluss auf Twitter ist mit 33,3 Millionen Followern jedenfalls groß und nicht wenige von ihnen teilen offenbar seine Meinung. Die Forderung, Amerika sofort zu befreien, erhielt bisher fast 200.000 Likes und mehr als 31.000 Retweets.

Quelle: ntv.de, kwe


Aus: "Elon Musk fordert Freiheit für Amerika" (Mittwoch, 29. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Elon-Musk-fordert-Freiheit-fuer-Amerika-article21749335.html (https://www.n-tv.de/panorama/Elon-Musk-fordert-Freiheit-fuer-Amerika-article21749335.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 11:09:54 PM
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[...] Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und Max-Planck- Gesellschaft haben sich zusammengeschlossen, um aufgrund der vorhandenen Datenlage gemeinsam eine Strategie zu erarbeiten, mit der die Covid-19-Pandemie effektiv eingedämmt werden kann.

Die Wissenschaftler sind sich einig, dass der Rückgang der Neuinfektionen zwar ein Erfolg, aber noch nicht ausreichend ist. Die Situation sei nicht stabil, selbst eine nur kleine Erhöhung der Reproduktionszahl würde zurück in eine Phase des exponentiellen Wachstums führen. Daher müsse die Reproduktionszahl bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs unter 1 gehalten werden, schreiben die Forscher.

Eine mögliche "Herdenimmunität" würde nach den bisher vorliegenden Daten einen Zeitraum von einigen Jahren erfordern, wenn das Gesundheitssystem nicht überlastet werden soll, heißt es in der Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft. Einschränkende Maßnahmen müssten bei einer solchen Strategie über den gesamten Zeitraum aufrechterhalten werden.

Aufgrund dieser Vorgabe erscheint den Wissenschaftlern eine zweiphasige Strategie sinnvoll zu sein: In der ersten Phase werden die Neuinfektionen weiter reduziert, bis eine effektive Kontaktverfolgung möglich ist. In der zweiten Phase schließt sich eine adaptive Strategie auf der Basis niedriger Zahlen von Neuinfektionen an.

Das bedeutet, dass die derzeitigen Kontaktbeschränkungen "soweit tragbar" - erstmal weitergeführt werden sollen. Dazu sieht die Strategie der Forschungsorganisationen hygienische Maßnahmen wie eine Mundschutz-Pflicht in Geschäften und auf offenen Plätzen oder Desinfektionsstationen vor. Gleichzeitig sollen immer mehr Tests durchgeführt und nach Wegen gesucht werden, Infektionsketten zurückzuverfolgen. Dazu wäre beispielsweise die vom Robert-Koch-Institut in Auftrag gegebene Tracing-App geeignet.

Die zweite Phase soll beginnen, wenn eine effektive Kontaktnachverfolgung möglich ist. Indem die Infektionsketten unterbrochen würden, könnte das Tracing die Kontakteinschränkungen nach und nach ersetzen und durch diese nur noch adaptiv flankiert werden, erklären die Forscher.

Quelle: ntv.de, kwe


Aus: "Deutsche Forscher stellen Corona-Strategie vor" (Mittwoch, 29. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Deutsche-Forscher-stellen-Corona-Strategie-vor-article21749564.html (https://www.n-tv.de/panorama/Deutsche-Forscher-stellen-Corona-Strategie-vor-article21749564.html)

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 29, 2020, 11:17:15 PM
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[...] Um die Coronavirus-Pandemie in den Griff zu bekommen, sind seit Wochen die Kitas in Deutschland zu. Lediglich eine Notbetreuung wird gewährleistet. Viele Familien mit kleinen Kindern müssen eine völlig neue Form des Zusammenlebens erlernen: Arbeit und Kinderbetreuung gleichzeitig bewältigen. Was macht das mit Familien? Forscher der Universität Bamberg haben sich das mal genauer angeschaut.

Wenig überraschend: Zwei Drittel der Eltern sind nach eigenen Angaben oft am Ende ihrer Kräfte, berichtet die Universität. Vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf finden viele herausfordernd. Fast drei Viertel der Befragten gaben an, sich häufig gestresst zu fühlen.

Mehr als 3000 Eltern aus allen Bundesländern nahmen an der Familien-Studie teil. Fast alle hatten vor der Corona-Krise ihre Kinder betreuen lassen, und 81 Prozent waren erwerbstätig. Mittlerweile arbeiten noch 66 Prozent in Voll- oder Teilzeit, rund zwei Drittel davon im Homeoffice. Etwa jede zehnte Familie nimmt die Notbetreuung in Anspruch, überwiegend Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen.

Allerdings stellten die Forscher auch positive Effekte fest: Eine überwiegende Mehrheit der Eltern finden es positiv, dass sie mehr Zeit für ihre Kinder und ihre Familie haben. "Auffällig ist, dass Eltern die positiven Auswirkungen unabhängig von Erwerbstätigkeit, finanziellen Problemen oder Familienstand berichten", sagte Co-Projektleiterin Yvonne Anders laut Mittelung der Universität. Bei den negativen Auswirkungen sei das nicht so: Erwerbstätige Eltern im Homeoffice und Eltern mit Geldsorgen hatten häufiger der Aussage zugestimmt, oft am Ende ihrer Kräfte zu sein.

Aus Sicht der Forscher ist das Ergebnis der Untersuchung keine Überraschung: "Fehlende Strukturen im Alltag und kaum vorhandene Ausweichmöglichkeiten können das Konfliktpotential in der Familie erhöhen", sagte Anders. Dies bringe für Familien ein hohes Belastungspotential mit sich und sei für alle Familien ein ernstzunehmendes Problem. Es bestehe zum einen die Gefahr, dass Eltern von ihrer Arbeit abgehalten werden und so in finanzielle Schwierigkeiten kommen. Zum anderen könnten sie sich nicht mit gleicher Kraft und Konzentration Arbeit und Kindern widmen.

Aber es gibt auch Tipps von den Pädagogen: "Eltern sollten sich Zustände von Überlastung eingestehen und versuchen, Unterstützungsmöglichkeiten und Beratungsangebote zu nutzen", rät Anders. Hilfreich sei etwa, dass viele Kitas Kontakt zu den Familien halten. Denn die Fachkräfte seien wichtige Ansprechpartner und Vertrauenspersonen von Familien und Kindern und würden "in dieser schwierigen Zeit" unterstützen. "Viele Familien wünschen sich Tipps und Anregungen für Aktivitäten zu Hause."

Aber nicht nur die Eltern sind gestresst, auch die Kinder leiden unter geschlossenen Kitas: Für die meisten Kinder sei es "sehr schrecklich", ihre gesamten sozialen Kontakte aufgeben zu müssen, kritisierte Jakob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte im "Frühstart" bei ntv. Und zwar nicht nur zu den Freunden, sondern auch zu den Erziehern. Es seien "ja enge Bindungen, die da aufgebaut werden". Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte befürwortet eine Rückkehr aller Kinder in Schulen und Kitas unter Einhaltung von Hygieneregeln.

Und die von Familien sicher ersehnte Linderung zeichnet sich ab: Bund und Länder haben sich auf eine schrittweise Öffnung der Kitas geeinigt. Ein konkretes Datum für den Wiedereinstieg wurde allerdings noch nicht genannt.

Quelle: ntv.de, kst


Aus: "Studie: Viele Eltern am Ende ihrer Kräfte" (Mittwoch, 29. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wissen/Studie-Viele-Eltern-am-Ende-ihrer-Kraefte-article21747530.html (https://www.n-tv.de/wissen/Studie-Viele-Eltern-am-Ende-ihrer-Kraefte-article21747530.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 30, 2020, 11:43:53 AM
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[...] Daniela Dahn ist Schriftstellerin und Publizistin. Zuletzt erschien ihr Buch Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute (Rowohlt 2019)

Wir entscheiden uns jetzt für Menschenleben, gegen die Wirtschaft, heißt es allenthalben stolz in Politik und Medien. Das ist das eigentlich Atemberaubende an dieser Corona-Situation, denn in der bisherigen Menschheitsgeschichte und bis vorgestern lief es immer umgekehrt. Wie war es mit einem Mal möglich, im Namen der Humanität alle bisher geltenden Spielregeln außer Kraft zu setzen? Selbst die des Profits und die der Ignoranz? Auch die Freiheitsrechte, weil sie jetzt angeblich eine tödliche Gefahr sein können? Woher die plötzliche und, ja, löbliche Ehrfurcht vor dem Leben? Man hatte sie bisher in der Politik, der Wirtschaft, selbst in Teilen der Medizin schmerzlich vermisst. Für dieses Phänomen hat es noch keine plausible Erklärung gegeben, nur Staunen. Und Angst.

Es geht hier also um anhaltende Wahrnehmungsprobleme von uns Verunsicherten, nicht um Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Medizin. Obwohl wir plötzlich herausgefordert werden, uns mit kausalen Zusammenhängen von Krankheit und Tod zu beschäftigen, sie zum Verständnis statistisch einzuordnen. Dabei wird man oft ganz schwindlig von Zahlen, zu denen jedes Koordinatensystem fehlt. Die hehre Absicht, sich für Menschenleben und gegen die Wirtschaft zu entscheiden, begann mit dem Lockdown im chinesischen Wuhan. Einem Riesenreich, in dem die normale tägliche Sterbezahl schon bei über 42.000 liegt. Die Sorge, die von Mensch zu Mensch übertragbare Epidemie hätte Millionen dahinraffen können, musste ernst genommen werden, bei diesem aggressiven Virus. Anfang Januar gaben chinesische Wissenschaftler das vollständig diagnostizierte Genom an die WHO, damit global Maßnahmen ergriffen werden können. Seither hat ein Staat nach dem anderen das Primat der Politik zurückerobert und im Namen der Humanität dirigistisch durchgegriffen.

Erstaunlich bleibt, dass seit Jahr und Tag, von der Gesellschaft ignoriert und unbetrauert, Millionen sterben, die mit ähnlich konsequenten Zugriffen zu retten gewesen wären. Da meine ich nicht mal die Krankheiten, die von der westlichen Medizin unzureichend erforscht werden, weil sie hauptsächlich die Entwicklungsländer betreffen. Ich meine uns. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sowohl 2013 wie auch 2018 übereinstimmende Studien veröffentlicht, nach denen pro Jahr sieben Millionen Tote allein durch verschmutzte Luft zu beklagen sind. Die Medien haben es unaufgeregt gemeldet: Die Menschen sterben an giftigen Partikeln in der Luft, an Sulfat, Nitrat, Ruß, Feinstaub – den Hinterlassenschaften der Wirtschaft und des Auto- und Flugverkehrs. Diese Stoffe sind für einen Großteil aller chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen und Lungenkrebs verantwortlich, aber auch für ein Viertel der Todesfälle durch Herzkrankheiten und Hirnschlag. „Luftverschmutzung bedroht uns alle“, wurde WHO-Chef Ghebreyesus zitiert. In Europa sterben an verdreckter Luft jährlich 550.000 Menschen – das wurde schon seltener erwähnt. In keiner Zeitung fand ich den Hinweis, dass die Lebenserwartung jedes Europäers durch verschmutzte Luft im Schnitt mindestens um ein Jahr gesenkt wird. Könnte, wenn man selbst unmittelbar betroffen ist, nicht endlich Erschrecken einsetzen? Keine Zeitung vermerkte die Todesopfer in Deutschland.

Man kann aber in Bonn, beim WHO-Regionalbüro für Europa, nachfragen. Die zuletzt veröffentlichte Studie geht davon aus, dass in Deutschland jährlich über 37.000 Menschen an den Folgen vergifteter Luft versterben. Ist Wundern noch erlaubt? Bei solchen Angaben ist man jetzt hellhörig geworden. Ich will von den Experten wissen, ob die Betroffenen an oder mit vergifteter Luft gestorben sind, ob die Kausalitäten so eindeutig feststellbar sind. Mir wird versichert, dass zwar nicht Individualfälle ausgewertet wurden, dass aber über längere Zeiträume repräsentative Rückmeldungen und ein besseres Verständnis der biologischen Mechanismen, die einsetzen, wenn man verschmutzter Luft ausgesetzt ist, ein nachweisbares Quantifizieren ermöglichen. Meine illustrierende Nachfrage, ob man davon ausgehen könne, dass diese verfrühten Todesfälle nicht eingetreten wären, wenn die Menschen in einem Luftkurort gelebt hätten, wurde eindeutig bejaht.

Jetzt hat der Lockdown aus dem ganzen Land einen Luftkurort gemacht. Doch die Ehrfurcht vor dem Leben galt nicht den 37.000 Klima-Opfern des Jahres 2020. Auch wurde dem Robert-Koch-Institut im vorigen Jahr kaum Beachtung geschenkt, als es seine Studie vorstellte, nach der in Deutschland jährlich bis zu 20.000 Menschen an Infektionen sterben, die sie nicht bekommen hätten, wenn sie nicht ins Krankenhaus gekommen wären. Die Gesellschaft für Krankenhaushygiene geht von weit höheren Zahlen aus. Eine Freundin wurde bei der Entbindung mit Salmonellen infiziert und hat seither ein chronisches Darmleiden. Ungezählte kommen krank aus Krankenhäusern zurück. Muss im 21. Jahrhundert wirklich noch an Krankenhauskeimen gelitten und gestorben werden? Dort, wo Infektionsschutz den Kliniken kein Geld bringt und deshalb an Hygienepersonal und Laboren gespart wird, allemal. In den Niederlanden hat der Kampf gegen Keime einen ganz anderen Stellenwert – dort gibt es dieses Problem kaum.

Halten wir fest: Wir haben in Deutschland durch versiffte Luft und versiffte Krankenhäuser, also durch von Menschen verursachte Übel, etwa 60.000 Todesfälle im Jahr. Da haben wir noch nicht über die überschrittenen Grenzwerte von Nitrat im Grundwasser gesprochen, für die Deutschland vom Europäischen Gerichtshof verurteilt wurde, oder das undurchsetzbare Tempolimit. All das wird hingenommen, ohne sich für das Leben, gegen die Wirtschaft zu entscheiden. Keine Katastrophe des Humanitären? „How dare you?“ wurde zur Anklageformel gegen die Verantwortlichen in Politik und Konzernen.

Sicher, immer schon haben neue, ansteckende Epidemien mehr Aufmerksamkeit erfahren als die nicht übertragbaren schweren Gesundheitsschäden durch verseuchte Umwelt. Dabei fängt mit dem Begriff Umwelt die Verharmlosung schon an. Als seien wir der unangreifbare Fels, der zusieht, wie die Welt um ihn herum Schaden nimmt. Als seien vor allem Bäume, Bienen und Korallen gefährdet. Nein, Umweltschaden ist ein Euphemismus, der unterschlägt, dass wir Teil des Geschehens sind. Der Mensch selbst ist der personifizierte Umweltschaden. Mit unseren entzündeten Atem- und Verdauungstrakten, den geschwächten Immunsystemen, sind wir die perfekten Wirte für Keime und Viren aller Art. Eine vorbeugende Impfung gegen Klimaschäden wird es nie geben. Eine Pille auch nicht. Und Intensivtherapie kommt erst, wenn intensive Prävention versäumt wurde.

Die WHO bemüht sich seit Jahren, ein Bewusstsein für diese Zusammenhänge zu schaffen. Doch die Betroffenen waren bisher ohnmächtig gegen eine Wirtschaft, die ein Geschäft aus dem Leid macht. Allein die Kosten zur Behandlung derjenigen, die noch nicht an vergifteter Luft gestorben sind, schätzen die WHO-Experten in ihrem Bericht zur Klimakonferenz in Kattowitz auf mehr als fünf Milliarden Dollar im Jahr. Der Preis des Klimawandels schlägt sich in den Hospitälern nieder. Wenn EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen fordert, man müsse nun den Unternehmen helfen, „angesichts der von ihnen unverschuldeten Corona-Krise“, übersieht sie, dass den Bürgern schon immer die Rechnung für den Naturverschleiß der Wirtschaft auferlegt wurde. Die Staaten mit dem höchsten Ausstoß an krankmachenden Gasen müssen etwa vier Prozent ihrer Wirtschaftsleistung aufbringen, um die Schäden ihrer Unternehmen einzudämmen. Dabei würde es nur ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung kosten, den Pariser Klimavertrag zu erfüllen. Und so auf Dauer Millionen Menschen vor dem Tod zu bewahren. Warum greifen hier die humanistischen Werte nicht?

Die WHO ist nicht erst jetzt ins Gerede gekommen, wo der oberste Welt-Sündenbock-Finder ihr ausgerechnet in größter Not die US-Beiträge streicht. Zwar konnte sie die Pocken ausrotten und durch Aufklärung den Verbrauch von Nikotin stark senken. Und die Lebenserwartung ist in den meisten Ländern trotz allem gestiegen, auch wenn die gewonnenen Jahre oft mit Einschränkungen verbunden sind. Aber angesichts ihrer auf das Überleben der Menschheit gerichteten Aufgabe, war die WHO immer unterfinanziert. Letztlich ist diese UN-Organisation in Forschung und Betreuung nicht leistungsfähiger, als es der Wille ihrer 194 Mitgliedstaaten zulässt. Das macht sie abhängig von privaten Sponsoren, die inzwischen zum Hauptgeldgeber geworden sind. Man muss einem Bill Gates nicht jeglichen Altruismus absprechen. Aber Unternehmer verbinden ihren Edelmut am liebsten mit Geschäftemacherei. Die Gates-Stiftung hat Kinder und Frauen insbesondere aus Afrika zur Feldforschung benutzt, ihre Impfungen haben geholfen und geschadet. Jetzt wartet alle Welt auf den Messias, der Erlösung durch Corona-Impfung bringt. Also nicht nur eine vorübergehende, sondern die ultimative Lösung. Wieso sollte es gelingen, einen Stoff zu entwickeln, der schneller da ist als die Mutation von Covid-19? Wir kennen das Hase-und-Igel-Rennen von den Grippeimpfungen. Heilsversprechen ist zu misstrauen, erst recht, wenn sie von Privatfirmen kommen.

Der Machtkampf in der WHO spielt sich nur vordergründig zwischen den USA und China ab. Der eigentliche Konflikt besteht zwischen denjenigen, die das Übel an der Wurzel packen wollen, also an der Armut, den maroden privatwirtschaftlichen Gesundheitssystemen und der vergifteten Natur, deren Teil wir Menschen sind. Und denjenigen, die gegen das Gift vor allem ein Gegengift verkaufen wollen. Medikamente, Impfungen, Intensivtherapien, Apps. Diese Wirtschaft tötet, hat Papst Franziskus angeklagt, ohne dass sich etwas verändert hätte. Erst als das tödliche Virus kam und mit ihm die tägliche Katastrophen-Berichterstattung ein intransparentes Gefährdungsgefühl verbreitete, bebildert auf den Smartphones der Welt erstmals mit als Marsmenschen verkleideten Medizinern, mit überfüllten Leichenhallen, Särgen und gespenstisch leeren Städten, musste und durfte die große Wirtschaft vorübergehend aufhören zu töten. Während die kleine mitgeopfert wurde.

Der Autor der Pest, Albert Camus, wusste: „Es ist die natürliche Neigung des Menschen, sich und alle Welt mit sich zu ruinieren.“ Ist, was wir gerade erleben, mit der Logik des Absurden besser zu beschreiben als mit der des Rationalen? Denn die würde die Ursache als Prämisse nehmen und die Folge in Relation zu vergleichbaren Folgen setzen. Wer die Ängste und Entbehrungen der letzten Wochen mit der Hoffnung entschädigt, so bald wie möglich zu seinem gewohnten Leben zurückzukehren, hat die Botschaft des Virus nicht verstanden..


Aus: "Verrückte Maßstäbe" Daniela Dahn (Ausgabe 17/2020)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/daniela-dahn/verrueckte-massstaebe (https://www.freitag.de/autoren/daniela-dahn/verrueckte-massstaebe)

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gsyme | Community

Schöner Artikel. Für mich ist das aber überhaupt kein Rätsel, warum beispielsweise beim Theme Luftverschmutzung nichts passiert, obwohl mehr Menschen jährlich daran sterben.
An der Luftverschmutzung leiden ja nicht alle gleich. Wer an einer Hauptstraße zur Miete wohnt, oder die Autobahn repariert leidet um ein vielfaches mehr. Selbst in der dreckigen Autostadt Stuttgart kann man saubere Luft atmen, wenn man in eines der Villenviertel geht. Ach ja, die CDU/SPD Regierung ist der Autolobby hörig, noch fragen?

Wenn im Krankenhaus Menschen an Keimen sterben, juckt das die Menschen nicht, die sich ohnehin in Privatkliniken behandeln lassen, wo ganz andere Standards gelten. Wen wählen die noch gleich?

Beim Virus ist es aber nicht so leicht sich zu schützen. Es kann jeden treffen, egal wie dick der Geldbeutel ist. Auch vor der Villa muss jemand das Gras mähen und bei dem kann man sich anstecken, oder beim Lieferservice. Die eingenen Kinder sind in der Privatschule ebenfals nicht mehr sicher.

Deshalb wird etwas dagegen unternommen und dabei was von "Menschlichkeit vor Wirtschaft" gefaselt. Wie weit man dem glauben kann wird schön in dem Artikel erläutert.

Ach ja, und wer stirbt an dem Virus noch mal am leichtesten? Etwa der Teil der Bevölkerung der noch CDU wählt?! Gibt es da vielleicht auch einen Zusammenhang?


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eichardt-29221celle | Community

Liebe Daniela Dahn, Sie fragen in Ihrem Artikel: "Wie war es mit einem Mal möglich, im Namen der Humanität alle bisher geltenden Spielregeln außer Kraft zu setzen? Selbst die des Profits und die der Ignoranz?" Und letztlich "Warum greifen hier die humanistischen Werte nicht?" Und verbleiben ohne Antwort. Vielleicht darf ich unternehmen, Ihnen einen Antwortansatz vorzuschlagen: Meine Freunde und ich haben uns diese Fragen regelrecht baff bereits Mitte März gestellt und sind, um mein großes Vorbild Käpt'n zu zitieren, durch "bloßes Nachdenken" auf folgenden Erklärungsansatz gekommen: Würden sich die Corona-Opfer übers Jahr verteilen, würde dies kein Lockdown, keine Schutzmasken, keine Absage von Veranstaltungen nach sich ziehen - es würde, so wie viele andere Todes- und Leidensursachen (die ökonomische Gründe haben) billigend in Kauf genommen werden. Das exponentielle Wachstum zeitigt ungebremst aber die Folge, dass sich der Peak der Sterberate in einem relativ kurzen Zeitraum ereignet. Sprich, jedes Gesundheitssystem, auch unser durch das DRG-System zusammengespartes Gesundheitssystem, wäre mit solch einer Rate überlastet. Es geht bei dem Ganzen um das Sichtbare, das nicht mehr "unter den Tisch zu kehrende" . Daher, sagen z. B. auch alle Ministerpräsidenten, die bei Markus Lanz eingeladen sind, dass es im Kern um die Anzahl der Intensivbetten geht und dass die Zahl der Infizierten so gering zu halten ist, dass ausreichend Intensivbetten zur Verfügung. Es also vor allem um eins geht: eine Triage unter allen Umständen zu vermeiden. Denn das wird m. E. als Bankrotterklärung des Staates, der Regierung und damit des Systems verstanden. Denn der Deal zwischen Staat und Bürger wird so gesehen: Der Bürger tritt alle möglichen Rechte an den Staat ab und der Staat garantiert dafür im Gegenzug bestimmte Infrastrukturleistungen im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge, bestimmter öffentlicher Güter und Rechtssicherheit. Sprich, es geht im Kern um die Legitimation der Macht. So, ist mein Blick auf die Sache in der von Ihnen gestellten Frage. Ich denke aber, dass das den meisten Politikern nicht bewusst ist, respektive von denen nicht so gesehen wird. Angela Merkel, so mein Gefühl, hat dafür aber einen ausgesprochenen "Riecher", welche Bilder sie in der öffentlichen Wahrnehmung zulassen darf und welche nicht. So sehe ich z. B. auch ihr zeitweiliges Handeln in der Flüchtlingspolitik ("Willkommenskultur) motiviert - und nicht als ethisch motiviert.

Mit Ihren letzten Absatz mag ich mich gar nicht anfreunden. Ich habe alle Bücher von Camus gelesen, eine "Logik des Absurden" gibt es bei Camus nicht. Im "Mythos von Sisyphos" geht es um andere existentielle Kategorien, und vor allem sollte man "Der Mensch in der Revolte" und dessen essenziellen Ansatz rezipiert haben, wenn man sich zu Camus äußert. Eine Analogie von Camus Roman "Die Pest" (in meinen Augen sein literarisch schlechtester Text) zur jetzigen Pandemie finde ich wohlfeil. Camus "Pest" sollte zudem immer auch als Allegorie auf totalitäre Systeme gelesen werden. Und ob es eine Botschaft eines Virus gibt, habe ich bereits bei HIV und damit einhergehenden Konnotationen bezweifelt.

Viele GrüßeStefan Eichardt29221 Celle


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Hjoburg | Community

Diese Heuchelei ist einfach unerträglich. Ich könnte hier unendliche Artikel aus den vergangenen Jahren zitieren, die genau das Gegenteil ausgesagt haben. Hier nur ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

Was für unerbittliche Spaltungsversuche wurden in der Rentenfrage unternommen, um Jung und Alt zum Nachteil der Alten auseinanderzudividieren? Oder wie war es mit den unerträglichen Debatten, ob man Älteren über 80 Jahre noch ein neues Hüftgelenk implantieren sollte? Oder die Armutsrenten, die täglich zigtausende zur Suppenküchen, Flaschensammeln motivieren?

Auch stellte sich Fridays for Future die Frage, warum denn die Großeltern immer noch jedes Jahr reinreden würden? Schließlich seien sie eh bald nicht mehr dabei. Oder war das nur wieder ... Satire?

Halten wir fest: In weiten Teilen der medialen Darstellung und der öffentlichen Wahrnehmung galten alte Menschen zunehmend als jene gesellschaftlichen Störfaktoren, die keinen wirtschaftlichen Mehrwert erbringen, die dem jungen Steuerzahler sowieso nur auf der Tasche liegen würden und zu guter Letzt auch noch die Welt versaut hätten, in der die heute jungen Menschen nun leben müssten.

Und jetzt auf einmal stellen wir dieser langjährigen Aversion zum Trotz das öffentliche Leben ein, um diese — Vorsicht! Ironie! — alten Säcke zu schützen? Dies passt nicht zusammen!


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gelse | Community

>>In Europa sterben an verdreckter Luft jährlich 550.000 Menschen…<<

Im Alltag verliert das Grauen seine Grausamkeit eben durch die Alltäglichkeit. Schon drängen allerlei Kapitallobbyisten, allen voran der Automobilindustrie auf Wiederherstellung des tödlichen Alltages. Dass der Strassenunfall, mit ca. 3500 Toten und ca. 60 000 Schwerverletzten jährlich auch elektrisch herstellbar ist: Fast vergessen, denn zuerst muss der kranke Atemluftstandard wiederhergestellt werden. ...


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qbz | Community

Ihr Beitrag hat mich angeregt, über Ihre Fragestellung nachzudenken.

Die Infektionsschutzmassnahmen ergeben sich zwingend (!) aus dem § 2 des Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ Träger dieses Rechtes ist jeder Mensch und es verpflichtet die staatliche Gewalt, es zu schützen. So muss z.B. jede Tuberkulose dem Gesundheitsamt gemeldet werden, das dafür sorgt, notfalls mit Zwangsmitteln wie psychiatrische Einweisung, dass ein Erkrankter sich behandeln lässt und keine anderen Menschen durch Ansteckung gefährdet. Jeder hat das Recht, vor einer möglicherweise tödlichen Infektionskrankheit durch die staatliche Gewalt geschützt werden. In den Ländern, wo das nicht der Fall ist, sterben weltweit ca. 1,4 Millionen an Tuberkulose und es werden dort auch Millionen wegen Covid-19 sterben.

Wie nun die staatliche Gewalt die körperliche Unversehrtheit garantiert, muss in der Demokratie ausgehandelt werden, was natürlich auch eine Frage der Machtverhältnisse zwischen den sozialen Klassen ist. So existieren für die Luftverschmutzung und viele Umweltgifte, an die alle irgendwie direkt oder indirekt beteiligt sind, eben zwischen den Klassen ausgehandelte Grenzwerte, welche der Staat einhalten muss. Und für eine möglichweise neue tödliche Infektionskrankheit müssen die Erkrankten und Kontaktpersonen in Quarantäne, damit das Recht der anderen auf Unversehrtheit gewahrt bleibt.

Der von Ihnen aufgestellte Hauptkonflikt:

"Der eigentliche Konflikt besteht zwischen denjenigen, die das Übel an der Wurzel packen wollen, also an der Armut, den maroden privatwirtschaftlichen Gesundheitssystemen und der vergifteten Natur, deren Teil wir Menschen sind. Und denjenigen, die gegen das Gift vor allem ein Gegengift verkaufen wollen. Medikamente, Impfungen, Intensivtherapien, Apps."

teile ich so nicht. Medikamente, Impfungen, Intensivtherapien pauschal als Gift zu bezeichnen, ist doch absurd. Überall da, wo diese "Gifte" fehlen, sterben die Menschen viel früher als in den Ländern, wo sie für alle verfügbar. Dass nun die medizinischen Güter ebenfalls der Profitmaximierung dienen, heisst jetzt nicht, sich gegen diese Güter zu wenden. Das wäre Maschinenstürmerei.


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Lacrima | Community

"Wahrnehmungsprobleme von uns Verunsicherten"

... von euch Verunsicherten, wer immer sich darunter subsummieren lassen mag; ich bin nicht verunsichert.

Eine interessante Frage, wie man sich das Leben von derzeit etwa 7 Milliarden Menschen ohne Wirtschaftskreisläufe und Lieferketten vorstellt. Es steht zu befürchten, dass die Fragestellung des Blogs darauf hinweist, dass der Autorin der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und schierem Überleben von Milliarden nicht klar ist.


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Insel-Banker | Community

Herzlichen Dank für die im Detail absolut zutreffende Analyse der humanitären Verirrungen des Homo sapiens, dem gnadenlosen systemischen Manipulator des eigentlich Natürlichen! Ich schätze Ihre Arbeit sehr und möchte ausdrücklich anerkennen, dass Sie den Finger in verschiedene Wunden legen, von denen es aber noch so unglaublich viele mehr gibt.

Allerdings ist Ihr Text auf der anderen Seite (augenscheinlich völlig unbewusst) ein leibhaftiger Ausdruck dessen, warum die Menschen permanent daran scheitern, „Humanität“ angemessen zu leben: Wie fast alle Menschen heutzutage bringen Sie Ursache und Wirkung durcheinander. In Ihrer Frage wird dieses deutlich:

Dahn: „Wie war es mit einem Mal möglich, im Namen der Humanität alle bisher geltenden Spielregeln außer Kraft zu setzen? Selbst die des Profits und die der Ignoranz? … Woher die plötzliche und, ja, löbliche Ehrfurcht vor dem Leben?“

Orientiert man sich allerdings an der historischen Wirklichkeit, dass der Mensch aus evolutionärer Sicht der Meister der Kooperation und damit (wie so viele wissenschaftliche Erkenntnisse nahelegen) ein höchstgradig soziales Wesen ist, und nicht an der eingeredeten Illusion, also an dem extrem manipulativen ökonomischen Mantra, dass der Mensch von Natur aus ein völliger Egoist sei und schon immer das Gesetz des Stärkeren gelte, dann müsste diese Frage genau andersherum lauten:

Wie konnte es in der Entwicklung der Menschen geschehen, dass ökonomisch bedingte Ignoranz und allumfassendes Profitstreben die tief im Menschen verwurzelte Humanität verdrängt hat?

Achtung: An dieser Stelle geht es in erster Linie um ökonomische Zusammenhänge und nicht um Machtmissbrauch und Unterdrückung anderer und der damit verbundenen barbarischen Gewalt.

Durch die Industrialisierung (ab etwa dem 18. Jh.) und die Ökonomisierung des Lebensalltags erfuhren die Lebensart und die geistige Haltung der Menschen einen tiefen Wandel. Hiezu die Darstellung des Soziologen Gerhard Vowinkel (geb. 1946). Er beschreibt im Folgenden – mit Verweis auf das Werk »Der moderne Kapitalismus« von Werner Sombart (1931, S. 258f) – die gesellschaftlichen Veränderungen, die die neue Wirtschaftsordnung mit sich brachte:

"Im Mittelalter war wirtschaftliche Tätigkeit personal orientiert gewesen. Menschen wuchsen – nicht als wirtschaftliche Funktionsträger, sondern als individuelle, durch ihre Abstammung in soziale Beziehungsnetze eingebundene Personen – in Lebenszusammenhänge hinein, in denen die unterschiedlichen menschlichen Lebenstätigkeiten noch nicht voneinander differenziert waren. Das heißt, ihr wirtschaftliches Handeln konnte sich niemals nach vorwiegend wirtschaftlichen Gesichtspunkten richten. Es wurde dominiert durch die verwandtschaftlich-ständischen Bindungen. Die mit ihnen verbundenen Solidaritätspflichten waren wichtiger als Gewinn und Verlust. Mehr noch, alles Handeln nach Gesichtspunkten rein wirtschaftlicher Rationalität wurde als asozial und unmoralisch angesehen. Mit der Entstehung des Kapitalismus spalteten sich die Handel und Gewerbe treibenden Personen innerlich auf in Geschäfts- und Privatleute. Der Geschäftsmann nahm nicht mehr länger Rücksicht auf die Verpflichtungen des Privatmannes. Er kannte Verwandte und Freunde nicht mehr und orientierte sein Verhalten nur noch am wirtschaftlichen Erfolg, am Gewinn. Er nahm als Geschäftsmann keine Rücksicht auf andere Leute und erwartete keine von ihnen. … Der Geschäftsmann, der seine private Person nicht aus dem Geschäft heraushalten kann, der bei Freunden kauft, statt beim billigsten Anbieter, der statt eines leistungsfähigen Fachmannes seinen Sohn zum Geschäftsführer macht, gefährdet das Unternehmen. Unternehmen, die solche Gefahren abwehren können, überleben diejenigen, die es nicht können." („Verwandtschaft und was Kultur daraus macht“, Gerhard Vowinkel, aus: „Zwischen Natur und Kultur“, Stuttgart 1994, S. 60:)

Fazit: Es sind die Menschen selber, die sich Inhumanität aus ökonomischen Gründen permanent einreden. Im Grunde ist der ökonomisch infizierte Mensch schlimmer als der „schlimmste“ Junkie, der sich eine andere Realität erst gar nicht mehr vorstellen kann. Und dann plötzlich bahnt sich das Humane völlig unverhofft doch seinen Weg: vor allem in Extremsituationen, in denen nicht der eingeredete Schwachsinn, sondern die tiefste Prägungen, ja sogar genetisch Verankertes abgerufen werden. Das sollte die entscheidende Erkenntnis in diesen Zeiten sein.

Wenn wir Menschen daraus wirklich lernen wollen, dann müssen wir erkennen, dass wir so schnell wie möglich tabulos Inhumanität fördernde Systeme verlassen und Humanität fördernde installieren.

Wenn in tausend Jahren auf uns zurückgeblickt wird, dann dürfte wohl an erster Stelle die erstaunte Belustigung darüber stehen, wie wir uns einerseits ein absolut asoziales, alles dominierendes Wirtschaftssystem geleistet und uns andererseits in humanistischen Sonntagsreden darüber empört haben, wie egoistisch und inhuman sich viele Einzelne denn verhielten.

Wer also jetzt wirklich dazu lernen möchte, dem bleibt genau nichts anderes übrig, als von jetzt an die Neuinstallation eines wesentlich klügeren Systems lautstark kompromisslos einzufordern, denn innerhalb eines auf falschen Voraussetzungen basierenden Systems, kann es auf Dauer keine „richtigen“ Maßnahmen geben.

Wir brauchen den Systemwechsel jetzt. Solidarität und Kooperation müssen das Fundament der künftigen Gesellschaft sein, in der Eigen-, Fremd-, Gemein- und Universalwohl gleichermaßen ernsthaft und je nach Situation abgewogen berücksichtigt werden müssen! Und natürlich soll die Demokratie dadurch gestärkt und nicht geschwächt werden, und natürlich geht es um ein funktionstüchtiges System und kein „sozialistisches Wolkenkuckucksheim“.

Dahin kommt man allerdings nur, wenn man die richtigen Fragen stellt und die Antworten dann auch zu Kenntnis nimmt.


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reziplikativ | Community

„In der Krise gehen Menschenleben vor Wirtschaft.“

Ist dem so? Wer zynischen und gleichermaßen profilierungsgeilen Politikerdarstellern wie Lindner oder Palmer zuhört, den Bundestagspräsidenten aufmerksam liest, sich journalistische Kommentare und Tweets reinzieht, der könnte in einigen Bereichen durchaus zu einem anderen Urteil kommen. Es sind aktuell ja gerade Teile der Eliten und der Meinungsmacher, die verbal mit dem Leben anderer Vabanque spielen, dabei "eindrucksvoll" zeigen, wie wenig bis nichts sie z. B. für Alte und Schwache übrig haben. Es kommt halt eben auch weiterhin zuerst das Fressen, erst dann kommt die Moral. Daran wird selbst das Virus nichts ändern.


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on April 30, 2020, 05:06:46 PM
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[...] Der Journalist und Philosoph Gert Scobel sieht die Gefahr, dass Moderatorinnen und Moderatoren in der Corona-Krise „als Ersatzpolitiker agieren wollen“. Journalisten könnten die Komplexität der Welt nicht allein lösen und auch virologische Debatten kommunikativ nicht allein so aufbereiten, „dass die Politik nur noch dem zu folgen braucht, was in Talkshows verhandelt wird“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Das grundlegend Neue an der Corona-Krise sei, dass Milliarden von Menschen derzeit „sehr hautnah emotional“ erfahren, wie komplex die Alltagswelt ist, sagte der Moderator der Sendung „Scobel“: „Sie haben direkt erfahren, wie eng zum Beispiel Gesundheit mit Wirtschaft verknüpft ist.“

Journalisten seien nicht die Einzigen, die die Komplexität der Geschehnisse für ihre Berichterstattung einordnen müssten, sagte der Journalist. Auch Virologen versuchten auf ihre Art, die Komplexität von Daten und Befunden zu reduzieren. Aufgabe von Journalisten sei es, „möglichst viele dieser Teilantworten und Perspektiven erstens sachgemäß und zweitens verständlich möglichst objektiv zu kommunizieren“. Dazu gehöre auch zu sagen, dass sie bestimmte Dinge nicht wissen, weil sie sie gar nicht wissen könnten.

Insgesamt spiegele der Journalismus seiner Beobachtung nach derzeit viele unterschiedliche Perspektiven wider, sagte Scobel. Die wichtigste Aufgabe sei es, „neue Wege zu finden, gemeinsam mit unterschiedlichen Perspektiven und Komplexität umzugehen“. Journalistinnen und Journalisten müssten auch weiterhin kritisch nachfragen, um „klug und freundlich auszuloten, was das klügste, im Idealfall sogar weise Verhalten ist“.
Die Medien könnten nach Ansicht von Scobel aus der Corona-Krise lernen, dass sie „eine größere Verantwortung haben als gedacht“. Ein Teil des Fernsehens könne lernen, „dass unsere erste Aufgabe nicht die Bespaßung der Republik ist, sondern dass wir gemeinsam versuchen müssen, neue Öffentlichkeiten herzustellen, um damit Freiheit und Gemeinwohl zu fördern“, sagte er.

Jetzt sei eine gute Zeit, Dinge zu verändern: „Lieber mal einen Gast weniger in eine Talkshow einladen und dafür ein intensiveres Gespräch führen. Ein Gespräch, das auch nicht nur dem einen die Kritik des anderen um die Ohren haut, sondern lösungsorientiert ist.“

Scobel, 60, studierte Philosophie und Theologie in Frankfurt am Main und im kalifornischen Berkeley. Seit April 2008 leitet und moderiert er die Sendung „Scobel“ bei 3sat. Seit Mai 2016 ist er Professor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. (epd)


Aus: "Medien in der Corona-Krise Gert Scobel warnt vor Moderatoren als „Ersatzpolitiker“" (30.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/medien-in-der-corona-krise-gert-scobel-warnt-vor-moderatoren-als-ersatzpolitiker/25791094.html (https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/medien-in-der-corona-krise-gert-scobel-warnt-vor-moderatoren-als-ersatzpolitiker/25791094.html)

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babilas-2020 13:52 Uhr

    Die Medien könnten nach Ansicht von Scobel aus der Corona-Krise lernen, dass sie „eine größere Verantwortung haben als gedacht“.

Genau diese Verantwortung sind die Medien und speziell das Fernsehen nicht bereit zu übernehmen, denn es zählt nach wie vor nur die Quote!!

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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 11:41:54 AM
Natascha Strobl (* 25. Februar 1985 in Wien) ist eine österreichische Politikwissenschaftlerin und Skandinavistin.
https://de.wikipedia.org/wiki/Natascha_Strobl (https://de.wikipedia.org/wiki/Natascha_Strobl)

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[...] Natascha Strobl @Natascha_Strobl 5:58 PM · Apr 6, 2020

Ich habe mich in d letzten Tagen wieder sehr viel auf rechtsextremen Seiten in aller Welt herumgetrieben. Es gibt verschiedene Ansätze zu Corona, auf die ich andernorts länger eingehen werde. Was auffällt: Unkontrollierte Durchseuchung ist der präferierte Ansatz- ich sag euch warum.

Alle sind sich einig, dass es eine hysterische, panische und völlig überzogene Reaktion war und die sinnbildlich für d (post)moderne Welt (und damit im Gegensatz zu ihnen) steht. Verweichlichte, kopflose Politiker_innen ohne Führungsqualität stehen für eine ebensolche Gesellschaft.

Und genau hier bekommen wir schon eines der wichtigsten Elemente faschistischer Ideologie mit: Die Schwachen und alle Synonyme für schwach. Eine dekadente, verweichlichte, unmännliche, hysterische, panische, angstvolle, verweiblichte Gesellschaft ist das Problem.

Das ist nicht neu und stand auch mit dem Durchbruch der Moderne als ein zentrales Narrativ des aufkommenden Faschismus: Männer sind keine Männer mehr, sondern nervöse, städtische, verintellektualisierte u (jetzt kommts) kranke Schwächlinge. Die Idee von krank als schwach ist wichtig.

und genau in diese Kerbe wird jetzt wieder geschlagen: Wegen so eines Virus so einen Aufstand machen entspricht nicht männlichen oder nationalen Werten. Hier wird mit allerlei moralischen Bewertungen aufgefahren: Es verletzt die Würde, das Ansehen, den Geist usw des Volkes.

Denn selbst, wenn der Virus schlimm ist (worüber Uneinigkeit besteht), so ist es doch einerseits individuell besser ihn anzunehmen und daran zu sterben und andererseits "gesellschaftlich" (sie denken nicht in Gesellschaft) sich eben nicht an den Schwachen auszurichten.

Das ist interessant, weil man ja auch vermuten könnte der extremen Rechten wäre daran gelegen große Teile des eigenen Volkes zu schützen. Aber das stimmt eben nicht, wenn es schwache Teile sind. Das Schwache ist nie schützenswert und muss raus und weg. Das ist Faschismus.

Dementsprechend kommen jetzt in der intellektuellen Aufbereitung keine treuherzigen Aufrufe Oma und Opa zu schützen (wie wir es aus rassistischen Diskursen kennen), sondern, dass die Schwachen eben Pech gehabt haben. Man möge es in Würde ertragen.

Damit wird ideologisch auch kein Unterschied zwischen Krieg und Virus gemacht, denn dieses Prinzip des "Aushaltens" und des Sterbens ohne Murren für das große Ganze sind eigentlich Prinzipien der faschistischen Herorisierung von Krieg. Krieg und Heldentod als Wert an sich.

Das wird jetzt auf den Virus übertragen auf einer individuellen Ebene. Protagonisten verlautbaren in großem Pathos, dass wenn es sie trifft sie sich dem gefasst und dem Tod direkt in d Augen blickend stellen werden. Selbstherorisierung gegen einen Virus. (dem das völlig egal ist)

Und als gesamtgesellschaftliche Strategie wird eben gefordert alles normal weiterlaufen zu lassen, einerseits um die Wirtschaft nicht zu ruinieren und andererseits weil Lockdown eine ängstliche u somit unmännliche Strategie ist und der Maßstab die Starken nicht die Schwachen sind.

Es wird also von den Menschen der Risikogruppe gefordert nicht schwach, sondern stark zu sein und stark zu sein heißt ohne Murren sterben. Wenn sie das nicht tun sind sie schwach und Schwache ziehen Alle runter und müssen deswegen sowieso raus.

Es gäbe dazu noch sehr viel zu sagen - diese Idee von Schwäche und Stärke und wer zentral ist und nach wem sich Gesellschaft bzw. Volk auszurichten haben ist zentral im Faschismus und findet sich zum Beispiel im Antisemitismus, der völkischen Eugenik, im Antziganismus usw wieder.

Ihr seht in dieser Art der Debatte aber auch die Anknüpfungspunkte für etwa Marktfanatiker_innen, die ausrechnen möchten wieviel ein Menschenleben wert ist, oder ob es nicht besser wäre keine Anstrengungen in das Retten von Leben zu investieren.

Deswegen bitte extra Vorsicht, wenn Menschenleben als nicht wert oder ohnehin bereit beendet zu werden verhandelt werden. Die Sache ist: Das hört danach nicht aus. Jetzt sind es die Alten und Vorerkrankten. Nach Corona geht dann weiter mit Suchtkranken, Obdachlosen usw.

Diesen Pfad Menschenleben zu bewerten und als nicht rettenswert (und das ist die sanfte Variante) einzustufen, weil ihre Rettung eine zu große Belastung für die Starken in der Gemeinschaft sind, zu begehen ist sehr gefährlich.


Quelle: https://twitter.com/Natascha_Strobl/status/1247191849422458880 (https://twitter.com/Natascha_Strobl/status/1247191849422458880)

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Thorsten Bischoff @thobi75 Apr 8 Replying to
@Natascha_Strobl

Hinzu kommt der Ansatz, dass der Virus immer „vom Ausland kommt“, also über das eigentlich unschuldige eigene Volk hereingebrochen sei, weshalb die Konsequenz daraus für rechte Ideologen in der üblichen Rhetorik aus Abschattung und Abgrenzung besteht.


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Natascha Strobl
@Natascha_Strobl
·
Apr 8

Ja „Wuhan-Virus“ in der deutschsprachigen Extremen Rechten „China-Virus“ im angloamerikanischen Raum.


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Peter Bern @Pbern12 Apr 6 Replying to @Natascha_Strobl

Ich glaub, dass es simpler ist. Die Rechten sind immer anderer Meinung als Wissenschaft und gesunde Menschenverstand.
Sie bestreiten den Klimawandel, leugnen Darwin und sind Impfgegner. Das stärkt Zusammengehörigkeitsgefühl. ...


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socially distant since spring of '79 @chupavaca Apr 6

Nein. Faschos haben kein Problem mit Wissenschaft, solange diese den eigenen Interessen dient, siehe Rüstung und Medizin. Das Leitbild ist hier auch, dass die überleben, die wertvoll sind.


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 01:05:38 PM
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[...] Angesichts des Konjunktureinbruchs dringen Wirtschaftsverbände auf einen schnellen Ausstieg aus den Anti-Corona-Maßnahmen. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) fordert, die Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie noch im Mai zu beenden. "Heben Sie den Lockdown auf, bevor es zu spät ist!", heißt es nach Verbandsangaben in einem Offenen Brief der Spitze um BVMW-Präsident Mario Ohoven an Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Es sei verantwortungslos, dass die Politik keinen Ausstiegsfahrplan vorgelegt habe.

Der Industrieverband BDI fordert die Vorlage eines klaren Exitplans am kommenden Mittwoch. "Unsere Unternehmen wollen und müssen wissen, in welchen Stufen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder anlaufen soll – und zwar nach dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten am 6. Mai", sagte BDI-Präsident Dieter Kempf den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Jede Woche eines Shutdowns kostet die deutsche Volkswirtschaft einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag an Wertschöpfung."

Die Bundesregierung rechnet für das gesamte Jahr 2020 mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 6,3 Prozent und damit mit dem stärksten Einbruch seit Gründung der Bundesrepublik. 

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble warnte davor, die Hilfsmöglichkeiten des Staates in der Wirtschaftskrise zu überschätzen. Er habe die Sorge, dass die Menschen den Eindruck gewinnen, der Staat könne jetzt für alles aufkommen, sagte Schäuble der Mittelbadischen Presse. "Am Ende können wir aber für Hilfen und Sozialleistungen nur so viel aufwenden, wie erwirtschaftet wird." Deshalb müsse man gemeinsam entscheiden, wie sich eine intensive Erholung der Wirtschaft in Deutschland und Europa zustande bringen lasse.

Die ersten Lockerungen – etwa die teilweise Öffnung von Geschäften – hatte es am 20. April gegeben. Am vergangenen Mittwoch hatten die Regierungschefs dann vereinbart, Spielplätze, Zoos, Museen und Ausstellungen zu öffnen und Gottesdienste wieder zu erlauben – allerdings gibt es keinen bundesweit einheitlichen Zeitpunkt.


Aus: "Wirtschaftsverbände fordern Ende der Corona-Beschränkungen" (2. Mai 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-05/corona-wirtschaftskrise-bvmw-beschraenkungen-ausstieg (https://www.zeit.de/wirtschaft/2020-05/corona-wirtschaftskrise-bvmw-beschraenkungen-ausstieg)

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  Friedlicher Kampfradler #5

1720 lag ein Pestschiff aus Zypern vor Marseille. Es wurde die übliche Quarantäne verhängt. Aber die Händler wollten ihren Gewinn und drängten die Verantwortlichen, das Schiff löschen zu lassen. Zwei Jahre später war die Hälte der Bevölkerung an der Beulenpest gestorben.

Aber hey, aus der Geschichte lernen ist was für Nerds. hier geht's um CASH MONEY LEUTE YO!

https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Pest_von_Marseille (https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Pest_von_Marseille)


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Adam der Alte #5.1

"1720 lag ein Pestschiff aus Zypern vor Marseille. Zwei Jahre später war die Hälte der Bevölkerung an der Beulenpest gestorben."

Wann stirb die Hälfte der Bevölkerung an Corona?


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over_the_line #5.2

Da wir gerade bei Geschichte sind: Uns droht die größte Wirtschaftskrise seit den 1920er. Da haben die Menschen am Ende dann Hitler gewählt.
Aber hey, sind ja nur wirtschaftliche Existenzen, die zerstört werden. What could possibly go wrong?


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rob_ert #5.4

"Wann stirb die Hälfte der Bevölkerung an Corona?"

Nonkognitivismus?
Keine Ahnung, vllt. dann wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden?

Btw., die Pest könnte man heute mit Antibiotika bekämpfen.
Haben Sie schon ein Medikament, was Corona bekämpft?


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lindenstamm #5.7

Kühllaster mit Toten in New York, die Laster mit Toten in Italien, das reicht auch. Die Triage-Situation. Schwere Krankheitsverläufe und mögliche Langzeitschäden. Und das auch ab 50 Jahren. Dazu Menschen mit Vorerkrankungen.
So genau kennt man das Virus noch nicht, auch wenn die Virologen dieser Welt an der Arbeit ist.

Die Hälfte der Bevölkerung wie bei der Pest wird es nicht sein. Aber wirklich harmlos ist das Virus nicht und es geht nicht nur um die Hochbetagten, die tatsächlich das höchste Risiko haben.


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lindenstamm #5.10

Das Virus wurde am Anfang stark unterschätzt, wahrscheinlich auch in China. Wer alles aufmachen will und das normale Leben zurück unterschätzt das Virus noch heute oder nimmt Tote, schwere Krankheitsverläufe, eine Triage-Situation und Spätschäden als Kollateralschaden in Kauf. Allgemeines Lebensrisiko - die Kühllaster mit Toten in New York.

Auf der anderen Seite hat Schäuble recht. Die Leistungsfähigkeit des Staates ist begrenzt. Die Solidargemeinschaft kann auch heute nicht alles reparieren. Hartz IV für alle wird nicht funktionieren. Dazu die Frage der Wohnung...
Der Staat, die Solidargemeinschaft kann nicht alles. Zu massiven Verteilungskämpfen wird es in jedem Fall kommen.
Es müssen unterschiedliche Risiken gegeneinander abgewogen werden. Das macht es so schwierig.


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Mekud #7

Kann mir mal jemand erklären, inwiefern z.B. die Industrie massiv von Beschränkungen betroffen ist? Es gab hier ja keine Zwangsschließungen wie in Italien. Abstandsregeln etc. muss man zwar umsetzen, aber die Kosten dafür sollten doch überschaubar sein. Einige Betriebe arbeiten halt im Schichtbetrieb oder nutzen homeoffice etc. .Aber das sind doch keine massiven Ketten, die den Betrieben da angelegt sind. Verminderte Auftragseingänge sind auch zu erwarten wenn es in Deutschland keine Beschränkungen gäbe. In der Forderung der Verbände kommt das aber so rüber. Kann mich mal jemand aufklären?


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dth #7.1

Sie ist es praktisch gar nicht. Sie ist minimal davon betroffen, dass ein paar mehr Arbeitnehmer ausfallen durch Kinderbetreuung. Aber aufgrund der internationalen Wirtschaftskrise können die Industrieunternehmen ihrer Arbeitskräfte eh nicht auslasten.
Vermutlich will man halt mehr Geld.


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immer noch sprachliche vertuschung #9

Die Wirtschaftsverbände fordern einen verbindlichen Termin für das Ende der Corona-Beschränkungen.

Was die Wirtschaftsbosse übersehen: Das Coronavirus hält sich weder an Terminabsprachen noch interessiert es sich für die wirtschaftlichen Interessen von Industriebossen oder Shareholder. Da können die noch so drängeln und toben.

Diese Herren scheinen wohl zu denken, wenn sie sich nur heftig genug aufplustern wird das Coronavirus wohl Muffensausen kriegen und sich schnellstens verdünnisieren.
Oder sind sie in Wirklichkeit ganz und gar nicht so doof und muss man ihnen vielmehr unterstellen, dass ihnen einige Zehntausende Tote sowieso schnurzegal sind, solange die Kasse klingelt?


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JBle #16

Die Industrie zeigt deutlich, dass sie die aktuelle Krise immer noch nicht verstanden hat. Es geht nicht mehr um planen und darum bestehende Kapazitäten um jeden Preis wieder auszulasten. Es geht um leben mit Unsicherheit und flexibel darauf zu reagieren Das ist leben, und das ist nicht planbar - Gott sei Dank!
Vielleicht wird die alte Form von Industrie diesen Anforderungen nicht gewachsen sein - wie es die Dinosaurier eines Tages auch nicht mehr waren. Dann wird etwas neues kommen und das ist eine Chance. Die bestehende Industrie tut den Menschen weltweit und der Umwelt ja unbestritten nicht ausnahmslos gut... ganz im Gegenteil.


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runner_64 #17

Es wird nun allerhöchste Zeit endlich die Bunkermentalität abzulegen. Man kann hier nicht nur auf die Meinung von Rentnern, Beamten und Arbeitslosen hören. Andere Staaten machen vor, dass es auch ohne Holzhammer-Lockdown funktioniert. Meine Tochter hat gerade vorhin aus Atlanta angerufen, dass Georgia den lockdown bis auf kleine Ausnahmen aufgehoben hat, Restaurants, Fitnessstudios, Friseure - alles wieder auf. Ihre Häme gegenüber uns in Bayern war leider sehr deutlich :-(. Es muss viel mehr gedrängelt werden, damit sich Frau Merkel und insbesondere Söder aus der Aussitzposition bewegen. Prof. Drosten mag ein guter Virologe sein, als Bundeskanzler wäre er jedoch völlig ungeeignet. Da hieße es dann "Operation gelungen - Patient tot. "


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 01:27:18 PM
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[...]  Eine selbst ernannte "Reichsbewegung" will die Maßnahmen zum Schutz vor dem Coronavirus boykottieren und droht im Netz Virologen sowie Politikern mit Gefängnis. Anlass sei die "Inszenierung des unglaublich dreisten Corona-'Virus'-Theaters", das die unbekannten Urheber als "Vernichtungskrieg gegen die europäischen Völker und besonders gegen uns Deutsche" bezeichnen.

Gegen die Corona-Maßnahmen sollten die Menschen nun Widerstand leisten, heißt es in einem Aufruf der "Reichsbewegung", der auch über E-Mail-Verteiler verbreitet wird: durch "Boykott" sowie zivilen Ungehorsam. Ab dem 1. Mai sollten überall "Corona-Panikmacher, Impf-Propagandisten und Denunzianten, ebenso aber auch Befürworter von Tracking-Apps und der Bargeld-Abschaffung ganz energisch in die Schranken" gewiesen werden. 

Zudem wollen die "Reichsbürger" Politiker, Staatsbeamte und Vertreter der Medien strafrechtlich verfolgen lassen. "Alle führenden Vertreter des Robert-Koch-Instituts, der Virologie- und Impfstoff-Lobbies sind für immer hinter Gitter zu bringen!" Noch in diesem Jahr würden sie "ihre gerechte Strafe erhalten".

Bei den "Reichsbürgern" handelt es sich um eine diffuse politische Bewegung, die glaubt, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht existieren würde. Daher rufen "Reichsbürger" eigene Kleinstaaten aus, verkaufen Fantasiedokumente und weigern sich, Steuern zu zahlen. Lange war das Milieu unterschätzt worden, seit dem Mord an einem Polizisten in Bayern wird die Bewegung aber deutlich ernster genommen. Sicherheitsbehörden gehen mittlerweile von vielen tausend Anhängern aus. Wissenschaftler stellten zudem in einer Studie fest, dass bei "Reichsbürgern" - im Gegensatz zu anderen politischen Fanatikern - die Gewaltbereitschaft im Alter nicht abnehme.

 Die "Reichsbewegung" ist in den vergangenen Jahren durch Hassinhalte und Verschwörungslegenden aufgefallen, zudem war sie mutmaßlich für verschiedene Drohbriefe verantwortlich. Auf ihren Internet-Seiten hetzen die Rechtsextremen massiv gegen Juden und berichten von angeblichen Machenschaften Bill Gates sowie "Chemtrails".

Als Verbündete führt die "Reichsbewegung" unter anderem die "Russisch nationale Befreiungsbewegung" sowie, die Sekte der "Germanischen Heilskunde" auf und verweist auf diverse rechtsextreme und verschwörungstheoretische Medien.

Die "Reichsbewegung" rief ähnlich wie rechtsextreme Prepper-Gruppen dazu auf, sich für einen Umsturz am "Tag X" vorzubereiten. Auch wenn die Gruppe allein keinen großen Einfluss hat, zeigen die Aufrufe zum "Widerstand" gegen die Corona-Maßnahmen beispielhaft, wie einige Milieus derzeit die Gerüchte zur Pandemie mit bekannten Verschwörungslegenden verbinden und für Aufrufe zum politischen Umsturz nutzen.

Was diese Mythen verbindet, ist ihr antisemitischer Charakter: Klassische judenfeindliche Legenden wie die "Protokollen der Weisen von Zion" basieren immer auf der Grundidee, es gebe eine kleine verschworene Gemeinschaft von Strippenziehern, die Politiker, Medien und Wirtschaft lenkten. Nach diesem Muster funktionieren auch viele Legenden über einen angeblichen "Corona-Schwindel". Forscher sprechen daher davon, dass sie eine antisemitische Struktur hätten, auch wenn sich diese Mythen nicht direkt gegen Juden richten.

Die Vereinten Nationen warnen in diesem Kontext vor einer "gefährlichen Epidemie der Desinformation". Obwohl derzeit ein Moment der "Wissenschaft und Solidarität" sein sollte, gebe es viele Fehlinformationen, kritisierte UN-Generalsekretär Antonio Guterres. "Lügen verbreiten sich im Netz, Verschwörungstheorien infizieren das Internet" und "Hass geht viral, stigmatisiert und diffamiert Menschen und Gruppen".


Aus: "Corona-Maßnahmen "Reichsbürger" drohen Virologen" Patrick Gensing, tagesschau.de (16.04.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/investigativ/reichsbewegung-corona-101.html (https://www.tagesschau.de/investigativ/reichsbewegung-corona-101.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 01:46:17 PM
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[...] „Herzlich Willkommen, liebe Zuschauer, zu ‚Bewusst aktuell‘. Es ist der 12. Oktober 2019, viele Themen natürlich, die Spaltung der Gesellschaft, jetzt auch mit dem Attentat in Halle.“

Vor einer Bücherwand sitzt ein Mann Anfang 60, graue Haare, kantiges Gesicht, blau-weißes Poloshirt. Sein Name: Jo Conrad. Früher war er Taxifahrer. Heute betreibt er einen YouTube-Kanal namens „Bewusst.TV“. Das Logo: ein golden glitzernder Schriftzug, daneben ein kleiner Schmetterling. Die Themen seiner Beiträge: Intuitive Medizin, schamanische Rituale und die Kraft von Heilkräutern. Aber nicht nur, wie das Video am Wochenende nach dem Attentat in Halle zeigt.

„Aber es gibt eben sehr viele Stellen, die von Fake-Anschlag reden. Veterans Today.com, die sagen, es ist sogar ein Mossad-Anschlag. Jetzt sind natürlich alle in Sorge um die Juden, obwohl überhaupt gar kein Jude getötet wurde. Aber alle Politiker sind sich einig, dass der Kampf gegen Rechts schärfer geführt werden muss.“

Der Angriff auf die Synagoge in Halle – ein Fake-Angriff des israelischen Geheimdienstes, der dazu dienen soll, die deutsche Gesellschaft zu spalten und härter gegen rechte Gesinnung vorzugehen?

Das ist nicht die einzige haltlose These, die Jo Conrad auf seinem Kanal mit fast 44.000 Abonnenten verbreitet. Und: Jo Conrad ist nicht der Einzige im Internet, der mit solchen Thesen Klicks sammelt. Neben „Bewusst.TV“ gibt es Kanäle mit Namen wie „Quer-Denken.TV“, „Schrang.TV“ oder „NuoViso.TV“.

Die Sender haben jeweils mehr als Hunderttausend Abonnenten und eine Gemeinsamkeit: Sie mischen Esoterik, Verschwörungstheorien und rechtsextremes Gedankengut. Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung:

„Es ist nicht immer einfach voneinander zu trennen, inwiefern Esoterik und Verschwörungstheorien geschieden sind. Denn beide verbindet eigentlich mehr miteinander, als dass es etwas gibt, was sie trennt. Beide gehen letztlich davon aus, dass die Welt eingeteilt wird in die Mächte des Bösen und die Mächte des Guten, ob man das jetzt metaphysisch noch mit Licht-Dunkelheit, mit Dämonen und Engeln versehen möchte oder wie im Nationalsozialismus mit den Deutschen und den Juden, letztlich ist es die Zweiteilung der Welt.“

Dazu komme typischerweise das sehnsüchtige Warten auf einen Tag X, auf die Apokalypse, so Rathje. An diesem Tag, so die Vorstellung, zerbricht das alte System und ein neues, besseres beginnt.

Dass der Resonanzraum für solcherlei Thesen in Deutschland zumindest theoretisch groß ist, legen die Ergebnisse einer Studie nahe, die die Friedrich-Ebert-Stiftung Anfang des Jahres veröffentlicht hat: Jeder zweite glaubt demnach, es gebe geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Fast jeder Dritte glaubt, Politiker und andere Führungspersönlichkeiten seien Marionetten in den Händen von klandestinen Kräften.

Hier setzen rechts-esoterische Internetkanäle und Plattformen an. Hunderttausende Klicks für einzelne Videos sind keine Seltenheit. Wie aber landen die Menschen auf diesen Seiten? Und was suchen sie dort?

Kla.TV: „Weltweite Epidemie: Chronische Erkrankungen durch Impfungen?“

NuoViso.TV: „Reduziert die Strahlung von diesen Dingern, ernsthaft, werdet euch dessen bewusst und erkennt die Gefahr für euch und für eure Kinder.“

Schrang.TV: „Man muss sich überlegen, dass man ohne eine Einwilligung von uns, dass man uns fragt oder nicht ein Organ entnehmen kann!“

Kla.TV: „Dies geschieht gegenwärtig auch durch die unbegrenzte Zuwanderung, die von vielen Aufklärern als Migrationswaffe bezeichnet wird!“

Impfungen, Internet, Organspende, Migration. Überall auf rechts-esoterischen Plattformen wird Kontrollverlust vorgespiegelt. Stark nachgefragt sind Videos, die Angst machen. Besonders beliebt sind Videos, wenn die darin angesprochenen Ängste das Privatleben der Zuschauer betreffen.

Diese Beobachtung macht Ulrike Schiesser seit Jahren. Sie ist Psychologin der Bundesstelle für Sektenfragen in Wien. Immer wieder ist sie dabei, wenn Aussteiger erzählen, wie sie in diese Welt abgedriftet sind.

„Entweder stehen die in einer Phase im Leben, wo sie nicht wissen, wo es hingehen soll. Oder sie haben Schulden, sie haben das Gefühl in mancher Hinsicht versagt zu haben oder draußen zu sein aus der Gesellschaft. Und diese Verschwörungstheorien, die liefern ihnen so eine Erklärung: ‚Das stimmt: Ja, genau, du bist wirklich betrogen worden um etwas, du hättest eigentlich viel mehr verdient, mehr Aufmerksamkeit, mehr Anerkennung, mehr Geld. Aber da gibt es eine böse Macht, die hat es dir genommen‘.“

Wer einer Verschwörungstheorie glaubt, sei versucht noch einer weiteren zu glauben, so Schiesser. Diese Menschen suchten dann Gleichgesinnte. Langsam findet so eine Abkapslung statt.

„Ein ganzes Weltbild entsteht da. Sie sehen dann nur mehr Menschen, die genau diese Philosophie teilen. Dadurch wird es dann immer wahrscheinlicher, dass das stimmt. Je öfter sie etwas hören, desto mehr glauben sie an das.“

Sucht man im Internet zum Beispiel nach Infos zum Impfen, landet man leicht auf Seiten, die vermeintliche Verschwörungen der Pharmaindustrie mit bösen Mächten bezeugen. Auf einer dieser Seiten angelangt, führt der Algorithmus gleich zur nächsten. Denn die Portale sind untereinander bestens vernetzt. So laden sich die jeweiligen Betreiber und Protagonisten immer wieder gegenseitig ein und verweisen aufeinander als Informationsquelle. Auf Seminaren und in Messen treffen sich Gleichgesinnte, die sich gegenseitig in ihrem Weltbild bestärken.

„Fake-News und Gegenstimmen ausgelassen, darauf kannst du dich beim Mainstream verlassen. Globalstrategen steuern unser Verhalten, ist nur Verschwörung sagen diese Gestalten.“

17. November 2018, die Markthalle in Sargans in der Schweiz. Im Publikum etwa zweitausend Menschen. Sie sehen bürgerlich aus. Halbglatzen, Trekking-Schuhe, Sakkos. Einige haben sich schick gemacht. Auf der Bühne ein Mann mit grauem Anzug und breiter weißer Krawatte. Er eröffnet die Gala, die er „Anti-Zensur-Koalition“ nennt, kurz: „AZK“. Hier sind all jene als Referenten willkommen, die Esoterik oder Verschwörungstheorien oder beides zusammen verbreiten.

„Es braucht diese AZK, weil die Völker in einer Informationsmatrix, ich nenne es mal, weil die Völker buchstäblich in einer Informationsmatrix gefangen sind, und dies von skrupellosen Mächten. Diese Mächte beherrschen die Völker!“

Der Mann, der spricht, heißt Ivo Sasek. Er ist der Organisator der „AZK“. Vor allem jedoch ist er Sektenführer der OCG, der Organischen Christus Generation. Mithilfe seiner Sekten-Mitglieder betreibt er eine eigene Zeitung, den Internet-Kanal „Klagemauer.TV“ und eben diese „AZK“.

2008 hat er die „Anti-Zensur-Koalition“ als Vernetzungstreffen geschaffen. Seither lädt er in unregelmäßigen Abständen Klimawandelleugner und Impfgegner ein, Wunderheiler und selbsternannte Experten, die vor der „Migrationswaffe“ warnen.

„Ich darf jetzt Jo Conrad auf die Bühne bitten. Er hat sich 15 Jahre lang mit dieser Thematik auseinandergesetzt.“

Und natürlich war auch Jo Conrad schon dabei und sprach über die Illuminaten und die angeblich gefälschte Mondlandung. Jörg Mayerhofer kennt all das aus nächster Nähe. Er hat die „AZK“ einst mitorganisiert und Ivo Saseks Kanal Klagemauer.TV mit aufgebaut. Mayerhofer war über zehn Jahre lang Teil der Sekte. Vor vier Jahren stieg er aus. Früher glaubte er, dass Saseks Lehre das Wort Gottes sei. Heute hält er Ivo Sasek für einen gefährlichen Ideologen und seine Anhänger für Fanatiker. Das ist der Grund, warum er seinen wahren Namen nicht nennen will und seine Stimme für diese Sendung nachgesprochen wurde. Über Ivo Sasek sagt er:

„Er denkt wirklich, man muss dieses ganze Staatssystem abschaffen, weil wenn alles zusammengebrochen ist, kann eine neue Herrschaft beginnen. Sasek hat immer betont: nicht mit Waffengewalt, sondern durch das Wort. Er hat diese Vorstellung vom hundertsten Affen, also wenn eine gewisse kritische Masse erreicht ist, dann kippt das System sowieso. Deswegen ist er dermaßen aktiv mit seinen Medien, mit Vernetzung, um die Menschen in ihrem Denken umzupolen.“

Ivo Saseks Sekte ist eigentlich eine christliche. Laut Mayerhofer wurde sie über die Jahre jedoch zunehmend esoterisch. Reinkarnation ist inzwischen Bestandteil der Lehre, Sasek lässt seine Anhänger Mantras singen. Der sekten-eigene Sender Klagemauer.TV greift mitunter klassische Angstthemen der Esoterik auf, warnt vor der Bestrahlung durch 5G und vor dem Impfen. Generell gilt: Klagemauer.TV, kurz: Kla.TV, sendet alles, was gegen das sogenannte „System“ ist. Jörg Mayerhofer sagt:

„Sinn und Zweck von kla.TV ist Zerstörung, Zerstörung des System, und dazu beschreibe ich eben: alles ist schlecht. Das soll dem Zusammenbruch dienen. Die Leute, die ihm glauben, die folgen ihm da. Die haben wirklich irgendwann im Blick: Alles ist schlecht! Weil man so ideologisiert ist, so gehirngewaschen, das glaubt man unbesehen. Die Leute sind wie in einem Verfolgungswahn.“

Grenzen des Sagbaren gibt es für Sektenführer Ivo Sasek quasi nicht. Das zeigt der Fall Sylvia Stolz. 2012 lud Ivo Sasek sie zur „AZK“. Dort leugnete sie auf der Bühne den Holocaust.

Folge war eine anderthalbjährige Haftstrafe für Stolz, wegen antisemitischer Äußerungen. Auch Ivo Sasek kam aus diesem Grund vor Gericht – wurde jedoch in zweiter Instanz freigesprochen.

In einer Predigt, die dem Deutschlandfunk vorliegt, sagt Sasek, er stelle fest, dass derzeit heimlich eine jüdische Weltmacht aufgebaut würde. Dabei bezieht er sich auf die Protokolle der Weisen von Zion. Eine gefälschte Schriftensammlung, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts zirkuliert und angeblich eine jüdische Weltverschwörung beweisen soll.

„Diese Protokolle gehen aufs Letzte. Ich habe sie schon angesprochen. Wir müssen uns nichts darüber streiten, haben das die Juden geschrieben oder setzen es die Juden um? Wir müssen feststellen: Es wurde geschrieben und es wird umgesetzt. Jetzt müssen wir nur noch schauen: Wer setzt es denn um? Und wir können dir reihenweise Namen zeigen, die das umsetzen – ohne zu streiten ist das ein Jude oder ein Nicht-Jude. Versteht ihr das? Diese Protokolle werden umgesetzt.“

Antisemitismus, ein weiteres Charakteristikum der Szene. Nicht alle drücken sich so deutlich aus wie Ivo Sasek. Auf anderen Kanälen wird die jüdische Weltverschwörung umschrieben oder angedeutet. Auf NuoViso:

„Die neue Weltordnung, wie sie lange angekündigt wurde, scheint jetzt langsam Formen anzunehmen und scheint sich tatsächlich im Eiltempo auf uns zuzubewegen.“

Oder bei Jo Conrads bewusst.TV:

„Eine kleine selbsternannte Elite von Superreichen wird aber auch euch hinwegfegen, wenn ihr ihren Plänen der Orwellschen Neuen Weltordnung den Weg geebnet habt.“

Tobias Ginsburg ist jüdischer Theaterregisseur und Autor. Für sein Buch „Reise ins Reich“ hat er acht Monate verdeckt im Milieu der rechten Esoteriker und Verschwörungstheoretiker recherchiert. Er kennt die verschiedenen Code-Wörter für Juden oder jüdische Weltverschwörung. Sie würden benutzt, um die vermeintliche Dunkle Macht hinter der Verschwörung konkret zu benennen.

„Dann geht es um die NWO, der Neuen Weltordnung, oder man spricht von Hochfinanz oder von Satanisten oder so. Aber defacto basiert das aber alles ganz konkret auf alten antisemitischen Vorstellungen, der Vorstellung der jüdischen Weltverschwörung, die uns klein halten will oder zerstören, die haben wir auch seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Klar, nach 1945 ist es schwieriger geworden in der Öffentlichkeit über die jüdische Weltverschwörung zu sprechen, und genau deswegen entwickelten sich dann diese ganzen Codes und Chiffren: Aber wenn du dich länger unter solchen Menschen aufhältst, dann wird das Reden über die ganz explizit jüdische Gefahr auch immer wieder konkret.“

Ein prominentes Podium auch für rechts-esoterische Thesen bot vor einigen Monaten die AfD. Im Mai lud die Partei zur „1. Konferenz der Freien Medien im Deutschen Bundestag“. Mit dabei: Ivo Saseks Klagemauer.TV und seine „Anti-Zensur-Koalition“. Ins Bild passt darüber hinaus, dass Alice Weidel, die AfD-Fraktionsvorsitzende, selbst zumindest früher kaum Berührungsängste gegenüber derlei Ansichten kannte. Das offenbarte sich 2017 in der so genannten Email-Affäre. Nach Recherchen der Tageszeitung DIE WELT schrieb sie 2013 in einer Mail an Vertraute über die deutsche Bundesregierung:

„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und haben die Aufgabe, das deutsche Volk klein zu halten, indem molekulare Bürgerkriege in den Ballungszentren durch Überfremdung induziert werden sollen. Lies doch mal diesen Link durch zur „Souveränität“ Deutschlands.“

Unter diesem Text verlinkt: die Seite terra-kurier.de. Ein rechtsesoterischer Blog, der einerseits Neonazi-Propaganda verbreitet und sich andererseits mit der Macht von Engeln und dunklen Energiefeldern befasst.

Dass wiederum Kontakte aus der rechts-esoterischen Youtuber-Szene in die offen rechtsextreme Szene bestehen, ist bildlich belegt: Zuletzt posierten die Szene-Stars Jo Conrad und Heiko Schrang zusammen mit Martin Sellner, einem der Köpfe der rechtsextremen Identitären Bewegung, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Wie die österreichische Tageszeitung Der Standard recherchierte, soll Sellner Spendengelder vom späteren Christchurch-Terroristen erhalten haben.

Fragt sich: Wie gefährlich ist dieses Gemisch aus rechtem, esoterischem und verschwörungstheoretischem Gedankengut?

Tobias Ginsburg, der erlebt hat, wie sich Esoteriker in ihrer Verschwörungswelt selbst radikalisieren, glaubt, dass Anhänger der rechten Esoterik besonders dann gefährlich werden können, wenn sie einsam sind.

„Und dann hast du Leute die selber immer tiefer in diese Logik einsteigen, und in diese Logik der Selbstverteidigung. Die gruseligsten Erfahrungen waren die mit so Leuten, die dann plötzlich vollkommen vereinsamt waren und wenn dir dann jemand, von dem du weißt, dass er Waffen im Keller hortet, zuflüstert: „Und irgendwann, muss ich mich doch wehren können, gegen all das Unrecht das mir passiert“ – dann wird dir kalt.“

Ginsburg sieht in der rechten Esoterik und in Verschwörungstheorien eine nicht zu unterschätzende Gefahr.

„Denken wir an die Terroranschläge, allein in den letzten Jahren, von Anders Breivik mit seinem grausigen Manifest, bis zu den jüngsten, vielen versuchten Attacken in den USA oder dem Massenmord von Christchurch. Die Verschwörungstheorien und die antisemitischen Narrative ähneln sich da immens. Das ist eine kohärente Ideologie. Und der Mörder von Halle, der reiht sich da nahtlos ein. Der entstammt ganz exakt dieser Wahnwelt.“

Die Ideologien, die die genannten Täter in den von ihnen verbreiteten Texten oder Live-Videos verbreiten, ähneln sich stark. Da ist vom „Großen Austausch“ die Rede. Demnach sind Migranten Invasoren, die die „Weiße Rasse“ in Europa und in den USA ausrotten wollen. Nahezu identische Formulierungen finden sich auch auf rechts-esoterischen Kanälen.


Und dennoch tauchen rechte Esoteriker bislang kaum auf dem Radar der Sicherheitsbehörden auf. In den Verfassungsschutzberichten des Bunds und der Länder kommt Esoterik ausschließlich im Zusammenhang mit Reichsbürgern vor. Also Menschen, die wie etwa Jo Conrad, die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland und auch Deutschland als Staat nicht anerkennen. Überwacht werden derzeit lediglich Einzelpersonen der rechtsesoterischen Szene. Sie ist zu gemischt, zu schwer definierbar, zu unterschiedlich in ihrer Radikalität.

Im Gewand der Esoterik gedeiht so eine bunt anmutende Medienlandschaft, die braunen Hass propagiert. Viele der rechts-esoterischen Angebote sind im Ausland angesiedelt. Insbesondere deshalb sei den Kanälen und Portalen rechtlich kaum beizukommen, sagt Caroline Volkmann, Professorin für Informationsrecht an der Hochschule Darmstadt.

Darüber hinaus ist das Verbot eines ganzen Online-Angebots beinahe unmöglich. Ähnlich wie bei Partei- oder Vereinsverboten sind hier die Hürden extrem hoch – das Angebot müsste faktisch als unvereinbar mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung eingeschätzt werden, so Volkmann:

„Das bedeutet, es müsste hier schon ein Angebot vorliegen, was im Ganzen Menschenwürde verachtend, verfassungsfeindlich, klar aggressiv ist, um wirklich Angebote als Ganzes verbieten zu können. Das hat natürlich mit der Meinungsfreiheit zu tun und damit, dass der Staat ganz spezielle Meinungen so aus Zensur-Gründen nicht verbieten kann und will.“

Und so erreichen Menschen wie der Verschwörungstheoretiker Jo Conrad über ihre Kanäle Tausende Menschen, wenn sie Politikern und Journalisten drohen:

„Ihr öffnet die Grenzen für alle und jeden. Ihr habt ein Klima des Hasses geschaffen, der Angst, der Unterwerfung vor eurer Political Correctness und seht bei der Zerstörung sämtlicher geordneter Strukturen zu. Betreibt sie sogar, als würdet ihr dafür bezahlt. Aber was für ein Karma erschafft ihr euch? Ist euch nicht bewusst, dass ihr vor den Folgen eurer Handlungen oder Unterlassungen nicht davonlaufen könnt?“

Fast 300.000 Abrufe hat das Video, 28.000 Personen gefällt das. Einer mit dem Pseudonym „Der Deutsche“ hat darunter kommentiert:

„Alles eine Schweinebande ohne Skrupel. Sie gehören alle mit Ketten ins Zuchthaus.“

Einer von vielen Kommentaren dieser Art. So krude ihre Ansichten auch erscheinen mögen, die Verfasser dieser Texte sollte man ernst nehmen – und auf keinen Fall unterschätzen.


Aus: "Rechte Esoteriker im Krieg gegen 5G und das Impfen" (19.10.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/rechtsextreme-online-angebote-rechte-esoteriker-im-krieg.724.de.html?dram:article_id=461384 (https://www.deutschlandfunk.de/rechtsextreme-online-angebote-rechte-esoteriker-im-krieg.724.de.html?dram:article_id=461384)

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[...] Offenlegung: Die Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt das SPIEGEL-Projekt Globale Gesellschaft über drei Jahre mit einer Gesamtsumme von rund 2,3 Mio. Euro. Unter dem Titel Globale Gesellschaft berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa, die Beiträge erscheinen im Auslandsressort des SPIEGEL. Die Stiftung hat keinerlei inhaltlichen Einfluss. Die Beiträge entstehen redaktionell unabhängig.

Wenn man jahrelang zu Verschwörungstheorien im Netz recherchiert, meint man, dass einen eigentlich kaum ein Irrsinn mehr schocken kann. Vor einigen Tagen jedoch tauchten in meinem Stadtviertel Graffiti-Slogans auf, in denen Bill Gates auf eine Weise zum Sündenbock der Coronakrise gemacht wird, die ich sonst nur aus abseitigen Onlineforen kenne.

In den gesprühten Sprüchen, die ich beim Spazierengehen gesehen habe, wird gefordert, den Microsoft-Gründer einzusperren. Die Intention der Urheber kann ich nicht beurteilen. Klar ist aber, dass in Onlineforen, die für rechtsextreme und verschwörungstheoretische Parolen sowie Falschinformationen bekannt sind, gerade massiv gegen Gates gehetzt wird. Mal wird dort behauptet, er habe das Coronavirus erschaffen, mal, dass er die Bevölkerung mit implantierten Mikrochips kontrollieren wolle, und mal, dass er nichts Geringeres als der Antichrist sei.

Von allen momentan kursierenden Falschinformationen über Covid-19 haben jene über Bill Gates die größte Reichweite. Das geht aus einer Medienanalyse hervor, über die die "New York Times" berichtet. Die Zeitung hat das ganze Ausmaß der Desinformationskampagne hier [https://www.nytimes.com/2020/04/17/technology/bill-gates-virus-conspiracy-theories.html (https://www.nytimes.com/2020/04/17/technology/bill-gates-virus-conspiracy-theories.html)] nachgezeichnet. Viele der Falschinformationen werden auf Englisch verbreitet, doch es finden sich auch deutschsprachige Beiträge.

Die Hetze gegen Gates wird von einer wilden Mischung aus Impfgegnern, Rechtsextremen und Verschwörungstheoretikern gestreut. Immer wieder taucht dabei auch die sogenannte QAnon-Verschwörungstheorie [https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/coronakrise-und-rechtspopulismus-wahnsinn-prallt-auf-virus-a-0c13395e-c2e4-41fa-8eb9-e91bde0dd16b (https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/coronakrise-und-rechtspopulismus-wahnsinn-prallt-auf-virus-a-0c13395e-c2e4-41fa-8eb9-e91bde0dd16b)] auf. Deren Anhänger warnen vor einer angeblichen Geheimregierung, bestehend aus Reichen und Mächtigen, die angeblich die Welt beherrschen.

Falschmeldungen über Bill Gates' angebliche Rolle bei der Verbreitung des Coronavirus fügen sich da offenbar gut ein. Versatzstücke dieser Theorie fanden sich auch in dem Pamphlet des Attentäters von Hanau. Das Q als Erkennungssymbol der Kampagne tauchte am Wochenende auch auf einer Demonstration vor der Berliner Volksbühne auf [https://www.tagesspiegel.de/berlin/kritik-an-corona-massnahmen-das-steckt-hinter-der-querfrontdemonstration-in-berlin/25752958.html (https://www.tagesspiegel.de/berlin/kritik-an-corona-massnahmen-das-steckt-hinter-der-querfrontdemonstration-in-berlin/25752958.html)].

Die Falschinformationen werden in sozialen Netzwerken wie YouTube, Twitter oder Facebook, aber auch in abseitigen Onlineforen wie 4chan und in verschwörungstheoretischen Chatkanälen geteilt. In Letzteren werden hetzerische Beiträge nicht moderiert, während YouTube, Google und Facebook neben Desinformationen über das Coronavirus oft wenigstens einen Hinweis auf die Website der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder den Wikipedia-Eintrag zum Virus einblenden [https://en.wikipedia.org/wiki/Misinformation_related_to_the_2019%E2%80%9320_coronavirus_pandemic (https://en.wikipedia.org/wiki/Misinformation_related_to_the_2019%E2%80%9320_coronavirus_pandemic)].

Faktenchecker warnen vor den Gefahren der Falschinformationen. Insbesondere weil sich die Desinformation auch in etablierten sozialen Netzwerken verbreitet, besteht das Risiko von sehr realen Auswirkungen auf die Eindämmung des Coronavirus. Claire Wardle, Leiterin der Faktencheck-Organisation First Draft, fürchtet, dass die Hetze gegen Gates zum Beispiel dazu beitragen könne, dass das Vertrauen in Impfungen sinke. Diese dürften jedoch eines der wichtigsten Mittel sein, um die Verbreitung des Virus langfristig einzudämmen. Manche Experten rechnen damit, dass ein solcher Impfstoff frühestens Ende des Jahres verfügbar sein wird, die meisten glauben, dass es noch länger dauern wird. 18 Monate gelten als realistisch.


Aus: "Verschwörungstheoretiker hetzen gegen Bill Gates" Ein Netzwelt-Newsletter von Max Hoppenstedt (20.04.2020)
Quelle: https://www.spiegel.de/netzwelt/web/corona-krise-verschwoerungstheoretiker-hetzen-gegen-bill-gates-a-0a6cbe14-22a7-40de-a149-8e8c0ddfef1a (https://www.spiegel.de/netzwelt/web/corona-krise-verschwoerungstheoretiker-hetzen-gegen-bill-gates-a-0a6cbe14-22a7-40de-a149-8e8c0ddfef1a)

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[...] Sie nennen sich "Corona-Rebellen": populistische YouTuber schimpfen im Internet über die Macht der Virologen, sehen hinter den staatlichen Maßnahmen eine Verschwörung, eine "Corona-Diktatur", die den Bürger entmündigen soll. Mit Falsch-Nachrichten und dubiosen Lungen-Experten sammeln sie Millionen-Klicks.

Auch der AfD-Politiker Hansjörg Müller hat sich dieser Methode angeschlossen: In Videos prophezeit er eine Massenverarmung in Deutschland und Selbstmorde unter Firmeninhabern. Er äußert Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen und Statistiken, etwa zu den Corona-Toten in Italien.

"88 Prozent der Corona-Toten, die aus Italien gemeldet sind, sind keine Corona-Toten. Da werden andere Tote untergeschoben, um die Statistik nach oben zu jubeln. Und selbst von den zwölf Prozent, die dann noch übrigleiben, sind die meisten nicht an Corona gestorben, sondern mit Corona gestorben." Hansjörg Müller, AfD-Politiker

Hansjörg Müller ist kein einfaches Parteimitglied, sondern Bundestagsabgeordneter und Vizechef der Bayern-AfD, außerdem Anhänger des sich auflösenden rechtsextremen Flügels. Seine Kritik erstreckt sich auf die Bundesregierung und das Robert-Koch-Institut.

Virologen wie die Leiterin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München Ulrike Protzer kennen die Fake-News und Verunglimpfungen, die im Internet zirkulieren. Den Zweiflern sagt sie:

"Letztendlich führt diese Corona-Virus-Infektion dazu, dass man eine Lungenentzündung kriegt, im schlimmsten Fall ein Lungenversagen und darauf basierend an Herzversagen stirbt. Aber die Ursache ist ganz klar die Infektion mit dem Coronavirus." Ulrike Protzer, TU München

Auch der von Populisten häufig genannte Vorwurf, Corona sei nicht tödlicher als eine normale Grippe, ist in den Augen der Virologin eben nur die halbe Wahrheit. "Ein Grippevirus hat durchaus eine ähnliche Letalität wie das Coronavirus", so Protzer weiter. Aber der Anteil der Bevölkerung, die empfänglich sei für das Corona-Virus, der sei einfach viel höher als der, der empfänglich sei für das Grippevirus. "Für das neue Coronavirus ist keiner geschützt, es gibt keine Impfung."

Auch die AfD-Landeschefin Corinna Miazga scheint auf das Thema aufzuspringen. In einem jüngst veröffentlichten Video spricht sie von "Polizeipatrouillen" und "Passierscheinen". Sie warnt vor "Zwangsimpfungen" und einer "drohenden Währungsreform". Der deutschen Wirtschaft würde "der Garaus gemacht", so Miazga. Auf ihrem Youtube-Kanal sagt sie: "Dann wird es wirklich zappenduster. Wir könnten uns unserer gesamten wirtschaftlichen Existenzgrundlage berauben."

Für Politikwissenschaftlerin Ursula Münch sind die AfD-Videos unlauter und ein Beispiel von absichtlich gestreuter Falsch-Information. "Da wird Unsinn verbreitet, der durch nichts empirisch nachweisbar und belegbar ist. Da wird schlicht und ergreifend Panik verbreitet", so Münch. Für das fragwürdige Vorgehen sieht sie klare Gründe. "Die AfD steht zurzeit als Oppositionspartei - wie auch die anderen Oppositionsparteien - einfach nicht im öffentlichen Fokus. Und jetzt versucht die Partei aus der Not eine Tugend zu machen und völlig übertrieben Ängste zu schüren und an Regierungspolitikern Zweifel zu säen und damit auch am ganzen politischen System", meint die Politikwissenschaftlerin.

Die aktuellen Maßnahmen gegen Corona gingen sehr weit, sagt Münch. Darum sei Kritik durch die Opposition gewünscht, die Kritik aber müsse fundiert sein.

"Diese Freiheitsbeschränkungen sind sehr weitgehend. So etwas Weitgehendes hatten wir noch nie in der Bundesrepublik. Damit soll und muss sich Opposition auseinandersetzen. Aber eben in einer faktenbasierten Diskussion und nicht mit dem Bedienen von Verschwörungstheorien." Ursula Münch, Politikwissenschaftlerin

Der Kampf gegen Corona, so scheint es, wird nun auch ein politischer Kampf mit fragwürdigen Informationen.

In der Landtagsfraktion der AfD gehen die Meinungen zu den Corona-Maßnahmen auseinander. Abgeordnete wie Franz Bergmüller aus Oberbayern, fordern eine baldige Aufhebung der Beschränkungen. Ginge es nach Bergmüller, so hätte Deutschland ohnehin dem schwedischen Modell folgen sollen. "Schweden setzt auf Herdenimmunität", so Bergmüller, "Risikogruppen werden selbstverständlich isoliert und geschützt, allerdings kommt das öffentliche Leben dabei nicht zum Erliegen".

Für den oberpfälzischen AfDler Roland Magerl hingegen haben die aktuellen Maßnahmen ihre Berechtigung. Magerl sitzt für die AfD im Gesundheitsausschuss und spricht von einer ernsthaften Situation. "Jetzt hat der Schutz der Bürger oberste Priorität", sagt er. Laut Magerl müsse man in Krisenzeiten die "knüppelharte Oppositionsarbeit" über den Haufen werfen und für die Leute einstehen. Auch diene das Coronavirus in seinen Augen nicht als Thema, bei dem sich die AfD "in den Vordergrund drängen will".


Aus: "AfD verbreitet Fake News zu Corona" Johannes Reichart (04.04.2020)
Quelle: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/afd-verbreitet-fake-news-zu-corona,Rv7jler (https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/afd-verbreitet-fake-news-zu-corona,Rv7jler)

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bazi

Heute im DLF - intern Presseschau - wurde die NZZ zitiert. Ich halte die Analyse der NZZ stimmig. Sie behauptet, dass am Ende der Krise die Populisten Oberwasser bekommen. Die Coronakrise verstärkte die soziale Spaltung. Die, die in der Regel gut bezahlten Job mit HomeOfficeMöglichkeit haben und in großzügigen Wohnung leben, ggf. Zweiwohnsitz im Grünen. Und die, die mit Billigjobs an der virenverseuchten Front arbeiten, in einer kleinen Wohnung, wo sich die Eltern mit 2 Kinder auf die Füße steigen.


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Squareman

Wenn man sieht wie sich zur Zeit die Populisten blamieren glaube ich das kaum. Die AfD hat so viel mit sich selbst zu tun, die können nicht auch noch Politik machen. Und wann jemals kam eine Lösung eines Problems von der AfD?


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Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 02:01:43 PM
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[...] Stephan Grünewald ist Psychologe, Marktforscher und gehört dem Corona-Expertenrat von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet an. Er sagte im Deutschlandfunk, dass im Zuge der Coronakrise mittlerweile weitere Bedrohungsszenarien wie Arbeitslosigkeit und die Vernichtung von Existenzen in den Vordergrund rücken. Momentan bestehe auch die Gefahr, dass die gesellschaftliche Polarisierung stark zunehme, es mehren sich die Zweifel, sagte er. Zudem spalte sich die Gesellschaft stark auf: Einige Bürger würden die Corona-Einschränkungen als Drangsal beschreiben, andere hätten sich wunderbar zu Hause eingerichtet. Die Lebenswirklichkeit der Menschen würde sich dadurch sehr stark aufspalten, in Personen, die den Alltag mit Corona als eine Art Vorhölle erleben und andere, die der Entschleunigung durchaus etwas abgewinnen könnten.

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Aus: "Coronakrise „Die Existenzangst vieler Menschen wird immer größer“" Stephan Grünewald im Gespräch mit Rainer Brandes (02.05.2020)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/coronakrise-die-existenzangst-vieler-menschen-wird-immer.694.de.html?dram:article_id=475886 (https://www.deutschlandfunk.de/coronakrise-die-existenzangst-vieler-menschen-wird-immer.694.de.html?dram:article_id=475886)

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 02:12:57 PM
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[...] Der Mensch sehnt sich nach Sicherheit. Eine Sicherheit, die auch eine Steuerbarkeit bedeutet, die aktuell verloren gegangen ist. Eine Sicherheit, die darüber hinaus ohnehin nur eine Ilusion war und sein konnte.

Wir schauen auf Zahlen, die wir kaum interpretieren können. Hören gebannt jeden Tag Analysen, lesen neue Nachrichten, hören andere Meinungen und sind mehr und mehr von der Menge an unterschiedlichen Daten, Fakten, Meinungen überfordert.

Der derzeitige Zustand führt zu Stress. Zukunftsängste nehmen zu. Kaum verwunderlich, dass die Warnungen vor sozialen Spannungen lauter werden und die Zustimmung zu autoritären Einstellungen steigt.

Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress. Einige lassen sich zu Äußerungen verleiten, die sie vielleicht besser nicht getätigt hätten (Grüße gehen raus nach Tübingen).
Andere verfallen in Depressionen, konsumieren mehr Alkohol oder entdecken gerade den Sportler in sich, jenseits der Vernunft, und anderes. Die Forderung gerade jetzt achtsam miteinander umzugehen, sich zu unterstützen, muss deswegen immer wieder betont und gelebt werden.

Und in diesem ganzen Prozess, der ganzen Normalisierungsdiskussion schauen wir primär auf die Wirtschaft, auf ökonomische Erwägungen. Ganz so, als hängt unsere Lebenszufriedenheit, die Gesundheit, die Zukunft primär an ökonomischen Kennzahlen. Dass diese Überlegung kaum haltbar ist, beweist auch die Klimakrise, immer wieder aufs Neue. Auch wenn einige, dass nicht hören wollen.

Eine ökonomische Grundlage zu haben, bedeutet eben nicht, ökonomischen Überlegungen, die erste und einzige Priorität einzuräumen.
Dieser Umstand erklärt aber auch, dass die Perspektive von Familien und die SIcht von Kindern bislang in den Debatten eher eine untergeordnete Rolle spielt. Die Familie, egal wie sie beschaffen ist, ist kaum ökonomisierbar. Die Überlegung die Notbetreuung auszuweiten und die Schulen wieder hochzufahren, damit Eltern wieder arbeiten können, ist die eigentliche Motivation.

Vielleicht müssten wir daher neu miteinander aushandeln, was es braucht, was wichtig ist und uns von den Gedanken lösen, dass es primär um die Verwertung des Humankapitals gehen kann.
Wann wenn nicht jetzt, ist der Zeitpunkt, uns kritisch zu befragen, ob unser derzeitiges Gesellschaftsmodell krisenfest und zukunftssicher ist?

Wer, wenn nicht wir, muss diese Fragen stellen und neu austarieren, wie wir miteinander zusammenleben wollen und ob der Indikator für das eigene Glück zuerst die eigenen Finanzen sein sollen und ob es gesund ist, in einer Gesellschaft miteinander zu leben, die auf einem Prozess der fortwährenden Konkurrenz aufgebaut ist und Aufstiegschancen primär nach sozialer Herkunft beurteilt?

Selbst wenn wir die Situation jetzt wieder unter Kontrolle bekommen, eine scheinbare Kontrolle, wird es neue Krisen geben. Krisen, die anhalten, sich verstärken, und neue Einschnitte bedeuten.

Dass es so weitergeht wie bisher. dass wäre die eigentliche Katastrophe und führt am Ende zu einer im Minimum moralisch bankrotten Gesellschaft.


Aus: "Jenseits der Steuerbarkeit." juergen kasek (Veröffentlicht am 1. Mai 2020- Katgeorien Nach Denken, PolitikSchlagwörter Corona, Coronakrise, Covid19, Nach der Krise, Sicherheit, Veränderung)
Quelle: https://juergenkasek.wordpress.com/2020/05/01/jenseits-der-steuerbarkeit/ (https://juergenkasek.wordpress.com/2020/05/01/jenseits-der-steuerbarkeit/)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 04:44:43 PM
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[...] It had come to the outer suburbs of New York. There were cases in the Bronx, Brooklyn, Queens and Manhattan.

By now, the news was coming word of mouth. Someone had tested positive in our downtown office complex. A tenant in a neighbouring apartment building had been laid low. Our school was shutting. All the schools were shutting. The whole of New York was soon in lockdown.

Back then I remember thinking how different this was to stories of the past. Whether it was war or disaster, there was always a plane to take you away to safety; always a refuge at the end of a harrowing ordeal. With Covid-19, however, there was no plane; there was no refuge. In this planetary pandemic, the entire world was a trouble-spot.

Also this was the first time my family was living the same story of disaster that I had to cover. They were subject to the same risks and dangers. They felt the same tensions and concerns. And for us there was an extra layer of anxiety. My wife, Fleur, is seven months pregnant.

So some of those headlines now came like thunderbolts.

A top New York hospital was barring partners from being present at the birth. Other maternity wards were following suit. Delivery rooms were being placed in Covid isolation: women sequestered from their partners, partners sequestered from their newborns.

New life in the time of coronavirus. The magical realism of birth was becoming something altogether more dystopian.

In pre-pandemic times - how quickly we've adopted the language of the before and the after - many New Yorkers suffered from a paranoia known as FOMO. The fear of missing out. Those who can afford it want to dine in the most fashionable new restaurants. Go see the hottest new Broadway show. Attend the latest gallery opening.

But the virus was something that everyone wanted to miss out on - the talk of the town that nobody wanted to speak of from firsthand experience.

As the skies emptied of planes and we got used to seeing avenues without yellow cabs, the sound of the city changed. First we could hear the birds. Then they were drowned out by the sirens. Morning, noon and night. A ceaseless din. An unnerving din.

The city that never sleeps became the city that couldn't sleep. And the fear was the ambulance outside your window would become an ambulance outside your door. To a city known for its bravado and life abundant, the coronavirus brought an overriding sense of fear.

Just as people became scared of paramedics, people became frightened of hospitals - especially those with the white refrigerated trailers ranked outside, the city's mobile morgues that we hadn't seen on the streets since the days after 9/11.

Then, in this home of New World modernity, we witnessed something that seemed grotesquely medieval. The bodies of the unclaimed, those who had no next of kin, placed in plain wooden boxes, ferried across to an island near the Bronx and buried in a mass grave.

There was something inevitable about the world's most global city becoming the epicentre of a worldwide contagion. But few expected death on such an immense scale.

Once again, this city has become Ground Zero: that haunting phrase from the attacks of 11 September that New Yorkers hoped would never be applied here again. That was surely the city's most awful day. This surely has been its most awful season.

My first symptoms came on a Friday night, a weariness I put down to weeks of covering the outbreak, and the new parental juggle of helping to home school our kids. Then came the muscle pain, the cough, the numbing of my taste buds. Much more worryingly, Fleur was developing a fever. Then she had the cough, what felt like a weather system on her lungs, the chronic fatigue and the tell-tale shortness of breath.

New York attracts optimists. We both believed we'd be among those who only experienced mild symptoms. But Fleur's condition was deteriorating. Those sirens outside sounded even more threatening than before.

The symptoms got worse in the evening. With the coronavirus, darkness brought more menace. And late one night, when Fleur was struggling to breathe properly, we feared we would have to reach for the phone to call that much-feared number, 911.

Fewer things are more frightening than watching a loved one struggle to finish a sentence for lack of breath, and especially when that sentence is a matter of life and death.

Sleep usually brought some comfort, and did so again. Thankfully Fleur rallied. Her breathing improved. We could see that her blood oxygen levels were okay. She avoided hospitalisation.

Slowly, over the next few days, the clouds began to part. And eventually came the brilliant sunshine of full recovery. We could be counted amongst the fortunate, and we became even more mindful of the dead, and the loved ones they left behind.

Even in the midst of so much mourning, there have been uplifting New York moments.

The coronavirus has not crushed the charismatic personality of this city. We've seen firefighters pulling up outside hospitals then standing to applaud the nurses and doctors - the heroes of 9/11 saluting the new superheroes of Covid-19.

There's been the cheering and pot-banging every evening at seven, reverberating off the glass cliff-faces of Manhattan's skyscrapers and echoing through the outer boroughs. There have even been communal sing-alongs. One night it was Bill Withers Lean on Me. On another it was Frank Sinatra's rousing Big Apple anthem, New York, New York.

But for those who have suffered not just from the virus, but the economic contagion that has ravaged this city, the famous line from that song - If I can make it there, I'll make it anywhere - must now sound like a taunt.

How can you make it when your workplace is shutdown? How can you make it when there are no tables to clear or plates to scrub? When your shop is boarded up with plywood, as if a hurricane is about to rip through - which, economically, it has. Every single shutdown day.

In this hub of immigrant ambition and American abundance, we have witnessed scenes that look like they belong more in the days of the Great Depression. One of the neighbourhoods worst affected is a place called Corona in Queens. And there we have seen queues outside a food bank that stretched more than 200 yards, the length of the line a measure of the desperation.

Cleaners, restaurant workers, labourers. The economic victims of Covid-19. People who only six weeks ago had full-time jobs, now forced to rely on welfare to feed their families. Here they lined up for hours for the most meagre of provisions. A sandwich, some sweet corn, a small carton of milk, a pot of apple sauce, in this the land of plenty.

In low-income immigrant communities, American dreams are being crushed by this global scourge.

Many rich New Yorkers, the city's one per cent, have simply left town, and headed for their country getaways in the Hudson Valley or coastal retreats in the Hamptons. That is not an option for the poor, many of whom live in multi-generational family dwellings, sometimes in one-bedroom apartments shared by 10 people.

So the coronavirus has been a tale of two cities, with Hispanics and African Americans being killed at twice the rate of white New Yorkers. Poverty has been a propagator of the pandemic. Hardship has been a super-spreader.

We're living through another time of "Buddy can you spare me a dime". Let's hope it doesn't become an era.

When Covid hit, the United States was also among the vulnerable, and the virus has exposed so many of its long-term ailments - its income disparities, racial inequality, democratic sickliness, inoperative government, toxic polarisation, decline of reason, the downgrading of science, the lessening of its global influence, the absence of its global leadership.


From: "Coronavirus: New York becomes Ground Zero again" Nick Bryant New York correspondent (1 May 2020)
Source: https://www.bbc.com/news/world-us-canada-52495746 (https://www.bbc.com/news/world-us-canada-52495746)

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 05:06:22 PM
Quote
[....] Der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell bestätigte im Gespräch mit dem Sender SVT, dass die sogenannte Reproduktionszahl seit einigen Tagen unter 1,0 liege.

Dies besagt, dass ein mit dem neuartigen Coronavirus infizierter Schwede durchschnittlich weniger als einen weiteren Schweden ansteckt. „Das bedeutet, dass die Pandemie allmählich abebben wird“, erklärte Tegnell am späten Freitagabend in dem Sender.

Eine Zusammenstellung der schwedischen Gesundheitsbehörde zeigt, dass die Reproduktionsrate im Land seit dem 10. April relativ stabil bei rund 1,0 lag. Am 1. April hatte sie demnach noch 1,40 betragen, am 25. April – dem letzten bislang veröffentlichten Wert – nach mehrtägigem Rückgang nur noch 0,85.

Schweden geht im Kampf gegen die Corona-Krise einen international beachteten Sonderweg.

Im Vergleich zu den meisten anderen Ländern hat das skandinavische Land mit lockereren Maßnahmen auf die Pandemie reagiert, Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen wurden zum Beispiel niemals geschlossen.

Vielmehr appelliert es an die Vernunft der Bürger, damit diese Abstand halten und die Corona-Verbreitung somit abgebremst werden kann.

Verglichen mit dem Rest Skandinaviens haben die Schweden jedoch relativ viele Infektions- und Todesfälle: Bis Samstagvormittag wurden mehr als 22.000 Infektionen und mehr als 2650 Tote mit Covid-19-Erkrankung erfasst.


Aus: "Corona-Reproduktionszahl in Schweden unter 1,0 gesunken" (Samstag, 02. Mai 2020)
Quelle: https://www.stol.it/artikel/chronik/corona-reproduktionszahl-in-schweden-unter-10-gesunken (https://www.stol.it/artikel/chronik/corona-reproduktionszahl-in-schweden-unter-10-gesunken)

Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 02, 2020, 06:22:57 PM
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[...] In den Vereinigten Staaten sind Wissenschaftlern zufolge seit Beginn der Corona-Pandemie mehr als 65.000 Menschen durch eine Infektion mit dem Virus ums Leben gekommen. Das ging am Samstagvormittag (Ortszeit) aus den Daten der Universität Johns Hopkins in Baltimore hervor. Die Zahl der bestätigten Infektionen in Amerika lag demnach bei mehr als 1,1 Millionen – etwa ein Drittel der weltweit mehr als 3,3 Millionen Fälle.

Präsident Donald Trump hatte noch am 17. April gesagt, seine Regierung rechne mit 60.000 bis 65.000 Toten infolge der Coronavirus-Epidemie in den Vereinigten Staaten. Diese Schwelle ist nun überschritten. Frühere Modelle, die das Weiße Haus vorgestellt hatte, hatten mindestens 100.000 Tote in Amerika vorhergesagt.

Am Freitag hatte Trump bei einer Veranstaltung im Weißen Haus gesagt, er hoffe auf weniger als 100.000 Tote durch das neuartige Coronavirus in Amerika. Das sei deutlich unter den Opferzahlen von bis zu 2,2 Millionen, die eine Studie ohne Eindämmungsmaßnahmen befürchtet hatte. Es sei dennoch „eine schreckliche Zahl“. Der Präsident sagte, durch die Maßnahmen seiner Regierung seien „vielleicht Millionen Menschenleben“ gerettet worden. Kritiker werfen Trump vor, die Gefahr durch das Virus zunächst kleingeredet zu haben.

Die Webseite der Forscher Johns-Hopkins-Universität wird regelmäßig mit eingehenden Daten aktualisiert und zeigt daher einen höheren Stand bestätigter Infektionen als die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC. In manchen Fällen wurden die Zahlen der Universität zuletzt allerdings auch wieder nach unten korrigiert.


Aus: "Johns-Hopkins-Universität : Mehr als 65.000 Corona-Tote in den Vereinigten Staaten" (02.05.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/mehr-als-65-000-corona-tote-in-den-vereinigten-staaten-16751238.html (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/mehr-als-65-000-corona-tote-in-den-vereinigten-staaten-16751238.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 04, 2020, 12:22:55 PM
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[...] In Russland steigt die Zahl der neu mit dem Coronavirus Infizierten weiter rasant an. Mit 10.633 neuen Fällen innerhalb eines Tages sei nun ein neuer Höchststand erreicht worden, teilten die Behörden in Moskau mit. Damit gibt es nun landesweit mehr als 134.600 nachgewiesene Infektionen. Bisher starben 1280 Menschen in Zusammenhang mit dem Virus. 16.600 erholten sich aber bereits wieder.

Allein in Moskau, dem Brennpunkt der Corona-Epidemie in Russland, gibt es mehr als 5900 neue Fälle. Insgesamt haben sich damit in der Hauptstadt nach offizieller Zählung mehr als 68.600 Menschen seit Beginn des Ausbruchs angesteckt. Bürgermeister Sergej Sobjanin warnte, seine Stadt habe den Höhepunkt wohl noch nicht erreicht. Womöglich könnten sogar mehr als 250.000 Menschen infiziert sein. Präsident Wladimir Putin bezeichnete die Situation zuletzt als "sehr schwierig".

 Im größten Land der Erde blieb die Zahl der Corona-Patienten lange niedrig. Seit Tagen nimmt sie aber so rasant zu wie in keinem anderen Land - obwohl Ausgangssperren gelten, mit denen eine weitere Ausbreitung des Erregers verhindert werden sollte. In den vergangenen Wochen wurden die Corona-Tests deutlich ausgeweitet. Experten zufolge sind deshalb deutlich mehr Fälle nachgewiesen worden. Trotz der steigenden Zahlen stellte der Kreml eine schrittweise Lockerung der Ausgangsbeschränkungen ab dem 12. Mai in Aussicht. Dies werde aber je nach Region unterschiedlich gehandhabt.

Der Gesundheitszustand des mit dem Coronavirus infizierten Regierungschefs Michail Mischustin hat sich derweil nicht verschlechtert. Er werde in einem Krankenhaus behandelt und stehe unter der Aufsicht von Spezialisten, sagte ein Regierungssprecher der Agentur Interfax zufolge. Sein Wohlbefinden sei normal. Seine Erkrankung war am Donnerstag bekannt geworden.

Das russische Verteidigungsministerium nannte das hochansteckende Virus eine "große Bedrohung". "Diese Infektion kennt keine Grenzen", sagte Vize-Verteidigungsminister Alexander Fomin in einem Fernsehinterview. In der russischen Armee gibt es dem Ministerium zufolge mittlerweile fast 3000 Infektionsfälle.

Quelle: ntv.de, tno/dpa/AFP


Aus: "In Russland steigt Zahl der Infizierten rasant" (Sonntag, 03. Mai 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/In-Russland-steigt-Zahl-der-Infizierten-rasant-article21755696.html (https://www.n-tv.de/panorama/In-Russland-steigt-Zahl-der-Infizierten-rasant-article21755696.html)

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[...] Chinesische Staatsmedien haben die Vorwürfe der US-Regierung über eine Vertuschung in der Corona-Krise und den Ursprung des Virus als "grundlose Beschuldigungen" zurückgewiesen. Es sei eine Strategie, von der eigenen "Unfähigkeit" im Kampf gegen die Pandemie abzulenken, kommentierte beispielsweise die Zeitung "Global Times", die vom kommunistischen Parteiorgan "Volkszeitung" herausgegeben wird.

 Die Äußerungen des US-amerikanischen Außenministers Mike Pompeo, Geheimdienste gingen "signifikanten" Belegen nach, dass das Virus aus einem Labor in der chinesischen Stadt Wuhan stamme, nannte das Blatt einen "Bluff". "Die Wahrheit ist, dass Pompeo keinerlei Beweise hat." Wenn es sie gäbe, sollten die USA die Belege Forschungsinstituten und Wissenschaftlern geben, damit diese sie prüfen könnten.

Ziel der US-Regierung sei es, China nun die Schuld für die Pandemie zu geben, um die öffentliche Meinung so zu manipulieren und "Klagen wegen Amtspflichtverletzung" hinsichtlich der eigenen Reaktion auf die Pandemie zu entgehen. "Das ultimative Ziel ist es jetzt, die Wahl zu gewinnen", schrieb der Kommentator zu den Anstrengungen von Präsident Donald Trump, im November eine zweite Amtszeit zu erreichen.

Zu der Theorie, dass das Virus aus dem Labor in Wuhan stammen könnte, sagte Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau nach Angaben nationaler Medien, es sei "zu früh, um feste Schlüsse zu ziehen". Kanada ist Mitglied der Geheimdienstallianz "Five Eyes" mit den USA, Großbritannien, Australien und Neuseeland.


Aus: "China fordert "Labor"-Beweis von den USA" (Montag, 04. Mai 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/China-fordert-Labor-Beweis-von-den-USA-article21756630.html (https://www.n-tv.de/politik/China-fordert-Labor-Beweis-von-den-USA-article21756630.html)

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[...] In Brasilien haben sich nach offiziellen Angaben bereits mehr als 100.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Wie das Gesundheitsministerium in Brasília erklärte, lag die Zahl der Infizierten bei 101.147. Mindestens 7025 Menschen sind im Zusammenhang mit dem Virus bislang gestorben.

 Den Daten der Johns-Hopkins-Universität zufolge liegt Brasilien in absoluten Zahlen damit auf Platz neun der am schwersten betroffenen Länder weltweit. Die Dunkelziffer der Infizierten dürfte noch weit höher liegen, weil kaum getestet wird und viele Laborergebnisse nicht ausgewertet werden können. Brasilien ist mit mehr als 200 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land in Lateinamerika.

Am 26. Februar war in Brasilien erstmals in der Region ein Mensch positiv auf das Virus getestet worden. Angesichts der steigenden Infektionszahlen und von Misswirtschaft sind Krankenhäuser und Friedhöfe in verschiedenen Städten und Bundesstaaten inzwischen an ihre Grenzen geraten, das System ist kollabiert.

Präsident Jair Bolsonaro verharmlost das Coronavirus dennoch weiter. Er hält nichts von Einschränkungen des öffentlichen Lebens und fordert eine Rückkehr zur Normalität. Die von den Gouverneuren der Bundesstaaten verhängten Ausgangsbeschränkungen lehnt er weiterhin ab. Am Sonntag bezeichnete Bolsonaro die Maßnahmen mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen als "unverantwortlich und unzulässig".

Das Land werde dafür einen "hohen Preis zahlen" müssen, sagte der rechtsradikale Staatschef vor tausenden Anhängern in der Hauptstadt Brasília. Im Streit über den Umgang mit dem Virus entließ er Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta, der eine strenge Linie vertreten hatte. Bolsonaro missachtet die Abstandsempfehlungen selbst immer wieder.

Quelle: ntv.de, tno/dpa


Aus: "Brasilien meldet über 100.000 Infizierte" (Montag, 04. Mai 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Brasilien-meldet-ueber-100-000-Infizierte-article21756422.html (https://www.n-tv.de/panorama/Brasilien-meldet-ueber-100-000-Infizierte-article21756422.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 04, 2020, 12:24:36 PM
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[...] Menschen aus armen und benachteiligten Regionen sterben in Großbritannien doppelt so häufig an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus wie Bessergestellte. Dies geht aus einer veröffentlichten Studie der nationalen Statistikbehörde hervor. Eine weitere Studie des Londoner Institute of Fiscal Studies kommt zudem zu dem Ergebnis, dass die Erkrankung für Angehörige ethnischer Minderheiten häufiger tödlich verläuft als für Weiße.

Die nationale Statistikbehörde hat rund 20.000 Covid-19-Todesfälle zwischen dem 1. März und dem 17. April untersucht und dabei festgestellt, dass die Sterblichkeitsrate in den am stärksten benachteiligten Gebieten des Landes besonders hoch ist. Dort liegt sie demnach bei 55,1 Toten pro 100.000 Einwohnern. Zum Vergleich: In den am wenigsten benachteiligten Gebieten lag sie lediglich bei 25,3 Toten pro 100.000 Einwohnern.

Als benachteiligt gelten Regionen, die eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate aufweisen, und in denen der Zugang zur Gesundheitsversorgung eingeschränkt ist. Die Sterblichkeitsrate sei in diesen Gebieten auch in normalen Zeiten höher als andernorts, "aber Covid-19 scheint dies noch zu verstärken", sagte Nick Stripe, Analyst der Statistikbehörde.

Unter den am stärksten betroffenen Gebieten ist auch die Hauptstadt London mit 85,7 Todesfällen pro 100.000 Einwohner. Am wenigsten betroffen ist der Südwesten Großbritanniens.

Einer Studie des Institute of Fiscal Studies zufolge sterben zudem Angehörige ethnischer Minderheiten in Großbritannien häufiger an den Folgen einer Coronavirus-Infektion als Weiße. Sie arbeiten demnach häufiger als andere in Berufen, in denen sie dem Risiko einer Infektion stärker ausgesetzt sind. "Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass 63 Prozent des am Coronavirus verstorbenen Gesundheitspersonals schwarz waren oder einer ethnischen Minderheit angehörten", sagte Tim Cook, Honorarprofessor an der Universität von Bristol.

 In den USA ist man zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Die US-Regierung hat eingeräumt, dass das Coronavirus Afroamerikaner besonders stark trifft. "Wir sehen starke Anhaltspunkte dafür, dass Afroamerikaner in weitaus größerem Umfang betroffen sind als andere Bürger unseres Landes", sagte US-Präsident Donald Trump während einer Pressekonferenz Anfang April. Die "Washington Post" berichtete unter Berufung auf Daten einiger lokaler Behörden, dass mehrheitlich afroamerikanische Landkreise teils dreimal so viele Infektionen und fast sechsmal so viele Todesfälle vermeldeten wie Landkreise, in denen weiße Amerikaner in der Mehrheit seien.

Afroamerikaner hätten "eher einen niedrigen sozioökonomischen Status, was es schwieriger macht, soziale Distanz zu wahren", sagte der oberste Gesundheitsbeamte der US-Regierung, Vize-Admiral Jerome Adams, dem Sender CBS. Afroamerikaner leben laut Experten im Schnitt häufiger in dichter bevölkerten urbanen Gebieten und dort wegen niedriger Einkommen möglicherweise häufiger in überfüllten Wohnsituationen. Weitere strukturelle Ungleichheiten wie fehlende Absicherung durch eine Krankenversicherung tragen wahrscheinlich zum höheren Risiko einer Erkrankung bei.

Quelle: ntv.de, vmi/AFP


Aus: "Benachteiligte Menschen sterben häufiger" (Freitag, 01. Mai 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Benachteiligte-Menschen-sterben-haeufiger-article21753434.html (https://www.n-tv.de/panorama/Benachteiligte-Menschen-sterben-haeufiger-article21753434.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 05, 2020, 09:41:39 AM
Quote
[...] +++ 16.45 Uhr: Das italienische Statistikamt hat im Zuge der Corona-Pandemie von Ende Februar bis März wesentlich mehr Tote gemeldet als in den Vorjahren. Vom 20. Februar bis zum 31. März seien mehr als 90.000 Menschen gestorben - fast 38,7 Prozent mehr als durchschnittlich zu dieser Zeit in den Jahren 2015 bis 2019, teilte die nationale Statistikbehörde Istat am Montag mit. Der Corona-Ausbruch wurde in Italien am 20. Februar in der Lombardei und in Venetien entdeckt. Vor allem der stark betroffene Norden meldete erheblich mehr Tote in diesen Wochen.

Das bedeute in der Periode eine „Übersterblichkeit“ von 25 354 Fällen, davon seien 13 710 diagnostizierte Covid-Fälle, teilte Istat mit. Istat legte nahe, dass es sich bei den zusätzlichen Toten um nicht diagnostizierte Covid-19-Todesfälle handeln könnte oder auch um Menschen, die wegen der Krise in den Krankenhäusern nicht in die Klinik gingen oder nicht behandelt werden konnten.

...


Aus: "Fast 38,7 Prozent mehr Tote in Italien als durchschnittlich in den Vorjahren" (04.05.2020)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/corona-pandemie-italien-ausgangssperren-werden-gelockert-zr-13591649.html (https://www.fr.de/panorama/corona-pandemie-italien-ausgangssperren-werden-gelockert-zr-13591649.html)
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 05, 2020, 11:02:32 AM
Quote
[...] Inkompetenz an der Macht, Verschwörungstheorien und Wunderheilmittel: Wie die Corona-Pandemie den Amerikanern zeigt, dass sie einem korrupten Regime ausgeliefert sind.  ... Aus einem Essay von George Packer - Aus dem Englischen von Bettina Röhricht  zuerst veröffentlicht in "The Atlantic Magazine" [We Are Living in a Failed State - The coronavirus didn’t break America. It revealed what was already broken. June 2020 Issue George Packer, Staff writer for The Atlantic: https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2020/06/underlying-conditions/610261/ (https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2020/06/underlying-conditions/610261/)]

... Durch parteipolitisches Kalkül und katastrophale politische Entscheidungen, insbesondere zum Irakkrieg, wurde das Gefühl der nationalen Einheit ausgelöscht und eine Verbitterung gegenüber der politischen Klasse gefördert, die nie ganz abgeklungen ist. Durch die zweite Krise – den Zusammenbruch des Finanzsystems im Jahr 2008 – wurde sie noch verstärkt. Von ganz oben konnte man es fast als Erfolg betrachten. Der US-Kongress verabschiedete ein von Republikanern und Demokraten unterstütztes Bail-out-Gesetz, mit dem das Finanzsystem gerettet wurde. Mitglieder der scheidenden Regierung Bush arbeiteten mit Mitgliedern der nachfolgenden Regierung Obama zusammen. Die Experten von US-Notenbank und US-Finanzministerium setzten geld- und finanzpolitische Maßnahmen um, um eine zweite Weltwirtschaftskrise zu verhindern. Die verantwortlichen Spitzenbanker wurden öffentlich angeprangert, aber nicht strafrechtlich verfolgt. Die meisten konnten ihr Vermögen behalten, einige auch ihre Stelle. Schon bald waren sie wieder voll dabei. Laut einem Wall-Street-Händler, mit dem ich sprach, war die Finanzkrise lediglich ein Dämpfer gewesen.

All das dauerhafte Leid bekamen Amerikaner in der Mitte und am unteren Rand der Gesellschaft zu spüren. Sie verloren ihre Arbeit, ihr Zuhause und ihre Altersvorsorge. Viele erholten sich nie davon wieder. Junge Menschen, die während der Großen Rezession erwachsen wurden, sind dazu verdammt, ärmer zu sein als ihre Eltern. Die Ungleichheit – die das Leben in Amerika seit Ende der 1970er Jahre so grundlegend und erbarmungslos prägt – verschärfte sich weiter.

Diese zweite Krise trieb einen tiefen Keil zwischen die Amerikaner: zwischen Ober- und Unterschicht, Republikaner und Demokraten, Städter und Landbewohner, gebürtige Amerikaner und Einwanderer, gewöhnliche Bürger und politische Führungskräfte. Schon seit Jahrzehnten waren die sozialen Bindungen einer immer stärkeren Belastung ausgesetzt, und nun begannen sie sich aufzulösen. Die Reformen aus der Regierungszeit Obamas, so wichtig sie waren – in den Bereichen Gesundheitswesen, Regulierung des Finanzsektors, erneuerbare Energie, hatten lediglich eine palliative Wirkung. Durch den langen Wiederaufschwung im vergangenen Jahrzehnt wurden Unternehmen und Investoren reich, die gebildete Mittelschicht in Sicherheit gewiegt und die Arbeiterschicht noch weiter abgehängt. Nachhaltige Auswirkungen der lahmenden Konjunktur waren eine zunehmende Polarisierung und eine Diskreditierung der Obrigkeit, besonders in Bezug auf die Regierung.

Beide Parteien begriffen erst langsam, wie stark sie an Glaubwürdigkeit eingebüßt hatten. Politik würde von nun an populistisch sein. Die Vorreiterin dieser Entwicklung war Sarah Palin, die absurd unvorbereitete Vizepräsidentschaftskandidatin, die für Fachwissen nur Verachtung übrig hatte und sich am Prominentsein berauschte. Sie war Donald Trumps Johannes der Täufer.

Trumps Sieg war eine Verschmähung des republikanischen Establishments. Doch schon bald wurden sich die konservative politische Klasse und der neue Mann an der Spitze einig. Ungeachtet ihrer Meinungsverschiedenheiten bei Themen wie Handel und Zuwanderung verfolgten sie ein gemeinsames Ziel: öffentliche Finanzen und Vermögen zugunsten privater Interessen auszubeuten. Geldgeber und Politiker der Republikaner, die wollten, dass die Regierung so wenig wie möglich für das Gemeinwohl tat, konnten gut mit einer Führung leben, die vom Regieren kaum eine Ahnung hatte. Und sie machten sich zu Trumps Lakaien.

Wie ein ungezogener Junge, der brennende Streichhölzer auf eine ausgetrocknete Wiese wirft, begann Trump, das zu opfern, was vom staatsbürgerlichen Leben im Lande noch übrig war. Er hat nie auch nur so getan, als wäre er der Präsident des ganzen Landes. Stattdessen hat er uns entlang der Grenzen von ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Religion, Bildungsgrad, Region und – spürbar an jedem Tag seiner Präsidentschaft – parteipolitischer Präferenz gegeneinander ausgespielt. Sein wichtigstes Werkzeug beim Regieren war die Lüge. Ein Drittel des Landes schloss sich in einem Spiegelkabinett ein, das es für die Realität hielt. Ein Drittel verlor bei dem Versuch, an der Vorstellung einer erfassbaren Wahrheit festzuhalten, fast den Verstand; und ein Drittel gab sogar diesen Versuch auf.

Trump übernahm eine Regierung, die nach jahrelangen rechtsgerichteten ideologischen Angriffen, Politisierung durch beide Parteien und stetigem Zusammenstreichen der Mittel gelähmt war. Er machte sich daran, die Sache zu Ende zu bringen und den Staatsapparat vollends zu zerstören. Er verjagte einige der erfahrensten Beamten, ließ entscheidende Stellen unbesetzt und setzte den eingeschüchterten Überlebenden loyale Anhänger vor die Nase – mit einem einzigen Ziel: seinen eigenen Interessen zu dienen. Durch seine legislative Hauptleistung, eine der größten Steuersenkungen in der Geschichte des Landes, flossen Unternehmen und Reichen Hunderte Milliarden Dollar zu. Die Nutznießer strömten in Scharen in seine Ferienanlagen und ließen ihm Geld zukommen, um seine Wiederwahl zu sichern. War Lügen sein Mittel bei der Machtausübung, so war Korruption sein Zweck.

Das war die Landschaft, die das Virus in den USA vorfand: In reichen Städten eine Schicht weltweit vernetzter, in Büros arbeitender Menschen, angewiesen auf eine prekäre Klasse unsichtbarer Arbeitskräfte im Dienstleistungsbereich. Auf dem Land zugrunde gehende Gemeinden, die sich gegen die moderne Welt auflehnten. In den sozialen Medien gegenseitiger Hass und endlose Beschimpfungen der verschiedenen Lager. In der Wirtschaft trotz Vollbeschäftigung eine große, wachsende Kluft zwischen triumphierendem Kapital und Not leidenden Arbeitern. In Washington eine leere Regierung unter Führung eines Hochstaplers und seiner geistig bankrotten Partei – und im ganzen Land eine von Zynismus und Erschöpfung geprägte Stimmung, ohne jegliche Vision einer gemeinsamen Identität oder Zukunft.

Wenn es sich bei der Pandemie tatsächlich um eine Art Krieg handelt, dann ist es der erste, der seit anderthalb Jahrhunderten auf diesem Boden ausgetragen wird. Invasion und Besetzung bringen die Bruchlinien einer Gesellschaft zum Vorschein und verstärken das, was in Friedenszeiten unbemerkt bleibt oder hingenommen wird. Sie verdeutlichen grundlegende Wahrheiten und lassen aus der Tiefe den Gestank von Verwesung aufsteigen.

Eigentlich hätte das Virus bewirken müssen, dass sich die Amerikaner gegen die gemeinsame Bedrohung zusammenschließen. Und vielleicht wäre das unter einer anderen politischen Führung auch passiert. Stattdessen teilte sich die öffentliche Meinung entlang der bekannten parteipolitischen Fronten, als das Virus sich von Demokraten- auf Republikaner-Terrain ausbreitete. Auch hätte das Virus ein starker Gleichmacher sein müssen, doch von Anfang an wurden seine Auswirkungen durch die Ungleichheit verzerrt, die wir schon so lange hinnehmen. Als keine Tests für das Virus aufzutreiben waren, gelang es den Reichen und gut Vernetzten – Model und Reality-TV-Moderatorin Heidi Klum, sämtlichen Spielern der Basketball-Mannschaft Brooklyn Nets, den konservativen Verbündeten des Präsidenten – irgendwie dennoch, sich testen zu lassen – und das, obwohl viele von ihnen gar keine Symptome hatten. Diese vereinzelten Test-Ergebnisse trugen nicht zum Schutz der öffentlichen Gesundheit bei. Zur gleichen Zeit mussten normale Bürger mit Fieber und Schüttelfrost in langen, möglicherweise ansteckungsgefährlichen Schlangen warten – um dann abgewiesen zu werden, weil sie nicht zu Ersticken drohten. Im Internet kursierte der Witz, man könne nur auf eine Weise herausfinden, ob man an dem Virus erkrankt sei: indem man einem reichen Menschen ins Gesicht niese.

Auf diese himmelschreiende Ungerechtigkeit angesprochen, brachte Trump seine Missbilligung zum Ausdruck, fügte jedoch hinzu: "Vielleicht ist das im Leben immer so gewesen." In normalen Zeiten fällt den meisten Amerikanern diese Art Privileg kaum auf, doch in den ersten Wochen der Pandemie löste sie Empörung aus – so als dürften sich die Reichen während einer allgemeinen Mobilmachung aus dem Militärdienst freikaufen und Gasmasken horten. Die Wahrscheinlichkeit, dem Virus zum Opfer zu fallen, ist für arme Menschen sowie Menschen dunklerer Hautfarbe ungleich größer. Die krasse Ungleichheit unseres Gesundheitssystems trat angesichts der Leichen-Kühlwagen deutlich zutage, die vor staatlichen Krankenhäusern warteten.

Bei uns gibt es jetzt zwei Arten von Arbeit: unverzichtbare und verzichtbare. Und wer sind die Arbeitskräfte, die sich als unverzichtbar erwiesen haben? Größtenteils Menschen in schlecht bezahlten Berufen, in denen sie vor Ort sein müssen und dabei ihre Gesundheit unmittelbar aufs Spiel setzen: Lagerarbeiter, Regalauffüller, Mitarbeiter von Lebensmittel-Lieferdiensten, Auslieferungsfahrer, Angestellte der Gemeinden, Krankenhauspersonal, Haushalts- und Pflegehelfer, Fernfahrer. Ärzte und Pflegekräfte sind die Helden der Schlacht gegen die Pandemie, doch die Kassiererin im Supermarkt mit ihrem Desinfektionsmittel und der UPS-Fahrer mit seinen Latex-Handschuhen sind die Logistiktruppe, die die Frontkämpfer versorgen. In einer Smartphone-Wirtschaft, in der ganze Bevölkerungsgruppen unseren Augen verborgen sind, erfahren wir nun, wo unser Essen und unsere Güter herkommen, wer uns am Leben hält. Dass bei AmazonFresh bestellter junger Rucola billig ist und am nächsten Tag geliefert wird, liegt unter anderem daran, dass die Menschen, die ihn anpflanzen, sortieren, verpacken und ausliefern, auch im Krankheitsfall weiterarbeiten müssen. Für die meisten Arbeitskräfte im Dienstleistungsbereich sind bezahlte Krankentage ein völlig unerreichbarer Luxus. Sollten wir uns nicht fragen, ob wir einen höheren Preis und längere Lieferzeiten in Kauf nehmen sollten, damit diese Arbeiter im Krankheitsfall zu Hause bleiben könnten?

Durch die Pandemie wurde auch klar, was verzichtbare Arbeitskräfte sind. Ein Beispiel hierfür wäre etwa Kelly Loeffler, die republikanische Junior-Senatorin von Georgia, die sich einzig und allein durch ihren immensen Reichtum für den unbesetzten Posten qualifizierte, den sie im Januar erhielt. Nicht einmal drei Wochen später wurde sie nach einem düsteren privaten Briefing zum Virus noch reicher, weil sie Aktien verkaufte. Dann warf sie den Demokraten vor, sie würden die Gefahr aufbauschen, und beschwichtigte ihre Wähler mit falschen Beteuerungen, die diese durchaus das Leben gekostet haben können. Loefflers Ausübung ihres Amtes ist von Antrieben geprägt, die an einen gefährlichen Parasiten erinnern. In einem Staatswesen, in dem so eine Person ein so hohes Amt erhält, ist der Zerfall schon ziemlich weit fortgeschritten.

Am unverfälschtesten verkörpert den politischen Nihilismus nicht Trump selbst, sondern sein Schwiegersohn und Berater Jared Kushner. In seinem noch jungen Leben wurde Kushner bereits fälschlicherweise sowohl als Meritokrat als auch als Populist gepriesen. 1981 kam er in einer wohlhabenden Familie mit Immobilienimperium zur Welt – genau in dem Monat, in dem Ronald Reagan das Präsidentenamt antrat. Kushner ist ein Prinzling des zweiten Gilded Age ("Vergoldeten Zeitalters"). Trotz seiner mäßigen schulischen Leistungen bekam er einen Studienplatz in Harvard, nachdem sein Vater Charles der Universität eine Spende in Höhe von 2,5 Millionen US-Dollar zugesagt hatte. Dieser half seinem Sohn auch beim Einstieg in das Familienunternehmen mit Darlehen in Höhe von zehn Millionen Dollar. Später setzte Kushner seine elitäre Ausbildung an der New York University in den Bereichen Jura und Betriebswirtschaft fort. Sein Vater hatte der Hochschule drei Millionen Dollar zukommen lassen.

2005 revanchierte sich Kushner mit unerschütterlicher Loyalität, als Charles Kushner zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil er versucht haben soll, einen Rechtsstreit in der Familie beizulegen, indem er den Mann seiner Schwester mit einer Prostituierten in die Falle lockte und das Ganze filmte.

Jared Kushner ist als Wolkenkratzer-Besitzer und als Zeitungsverleger gescheitert, hat aber immer jemanden gefunden, der ihn rettete. Sein Selbstbewusstsein wuchs dabei sogar noch. In American Oligarchs schildert Andrea Bernstein, wie er sich die Einstellung eines risikofreudigen Unternehmers zu eigen machte, eines "Disruptors" der New Economy. Unter dem Einfluss seines Mentors Rupert Murdoch fand er Mittel und Wege, finanzielle, politische und journalistische Betätigung miteinander zu verknüpfen. Interessenkonflikte machte er zu seinem Geschäftsmodell.

Als sein Schwiegervater Präsident wurde, erlangte Kushner schnell Macht in einer Regierung, die Dilettantismus, Vetternwirtschaft und Korruption zu Leitprinzipien erhob. Solange er sich nur mit dem Frieden im Nahen Osten befasste, konnte den meisten Amerikanern sein überflüssiges Hineinpfuschen egal sein. Doch seit er ein einflussreicher Berater des Präsidenten in der Coronavirus-Pandemie ist, ist das Resultat ein Massensterben.

In der ersten Woche in dieser neuen Funktion war Kushner Mitverfasser der schlechtesten Oval-Office-Rede, an die man sich erinnert, unterbrach die wichtige Arbeit anderer Amtsträger, verletzte das Sicherheitsprotokoll, liebäugelte mit Interessenkonflikten und Verstößen gegen US-Bundesrecht und machte törichte Versprechungen, die sich schon kurz darauf in nichts auflösten. "Die US-Regierung ist nicht dafür da, all unsere Probleme zu lösen", sagte er und erklärte, er werde seine wirtschaftlichen Beziehungen nutzen, um Drive-through-Teststationen zu schaffen. Dazu kam es nie. Unternehmensleitungen überzeugten ihn davon, dass Trump seine Macht als Präsident nicht dafür nutzen sollte, die Industrie zur Produktion von Beatmungsgeräten zu bewegen. Dann scheiterte Kushners Versuch, eine Vereinbarung mit General Motors auszuhandeln. Sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wurde dadurch jedoch nicht geschmälert: Er machte inkompetente Gouverneure für den Mangel der benötigten Ausrüstung und Schutzkleidung verantwortlich.

Das Hereinschneien dieses blassen Dilettanten im knapp sitzenden Anzug mitten in eine tödliche Krise signalisiert den Zusammenbruch eines ganzen Regierungsmodus – mag Kushner auch noch so mit Ausdrücken aus dem BWL-Studium um sich werfen, um das eklatante Versagen der Regierung seines Schwiegervaters zu verschleiern. Wie sich zeigt, sind wissenschaftliche Sachverständige und andere Staatsbeamte keine verräterischen Mitglieder eines deep state, sondern unverzichtbare Arbeitskräfte. Werden sie zugunsten von Ideologen und Hofierern ausgegrenzt, gefährdet das die Gesundheit der Bevölkerung. Wie sich zeigt, sind agile Unternehmen nicht in der Lage, sich auf eine Katastrophe vorzubereiten oder lebensrettende Güter zu verteilen – das schafft nur eine kompetente Regierung. Wie sich zeigt, hat alles seinen Preis, und die jahrelangen Attacken auf den Staatsapparat, der ausgehöhlt und in seiner Moral geschwächt wurde, bezahlt die Bevölkerung nun mit Menschenleben. All die Programme, deren Finanzierung gestrichen wurde, die aufgebrauchten Vorräte und aufgegebenen Pläne hatten dazu geführt, dass wir zu einer Nation zweiten Ranges geworden waren. Dann kamen das Virus und die seltsame Niederlage.

Der Kampf zur Bewältigung der Pandemie muss auch ein Kampf dafür sein, dass die Gesundheit unseres Landes wiederhergestellt und es neu aufgebaut wird. Andernfalls können wir all das Elend und das Leid, das wir jetzt ertragen müssen, niemals wieder gutmachen. Unter der jetzigen politischen Führung wird sich nichts ändern. So wie sich durch den 11. September und das Jahr 2008 das Vertrauen in die alte politische Klasse abgenutzt hat, so wird das Jahr 2020 der Vorstellung endgültig ein Ende setzen, Anti-Politik sei unsere Rettung. Doch einen Schlussstrich unter dieses Regime zu ziehen, so notwendig und verdient er auch sein mag, wäre erst der Anfang.

Die Krise macht unausweichlich klar, dass wir vor einer Wahl stehen. Entweder verbarrikadieren wir uns weiter in der Selbstisolation, meiden einander angstvoll und lassen zu, dass das, was uns verbindet, vollends verschwindet. Oder wir lernen aus diesen furchtbaren Tagen: richten unsere Aufmerksamkeit auf die Krankenhausmitarbeiter, die Handys hochhalten, damit Patienten sich von ihren Angehörigen verabschieden können, auf das medizinische Personal, das mit dem Flugzeug von Atlanta nach New York anreist, um dort zu helfen, auf die Mitarbeiter eines Luftfahrtunternehmens in Massachusetts, die fordern, ihr Werk solle künftig Beatmungsgeräte bauen, auf die Menschen in Florida, die in langen Schlangen anstehen, weil sie per Telefon das völlig unterbesetzte Arbeitsamt nicht erreichen können, auf die Bewohner von Milwaukee, die endlose Wartezeiten, Hagel und Ansteckungsgefahr in Kauf nehmen, um bei einer Wahl abzustimmen, die ihnen von parteiischen Richtern aufgezwungen wurde. Und sehen, dass Dummheit und Ungerechtigkeit lebensgefährlich sind, dass Bürger zu sein, Arbeit bedeutet, die für eine Demokratie wesentlich ist; und dass die Alternative zur Solidarität der Tod ist. Wenn wir alle wieder aus unseren Verstecken aufgetaucht sind und die Schutzmasken abgenommen haben, sollten wir nicht vergessen, wie es sich anfühlte, allein zu sein.


Aus: "Wir leben in einem gescheiterten Staat" Aus einem Essay von George Packer (5. Mai 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/corona-krise-usa-donald-trump-pandemie-ungleichheit/komplettansicht (https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/corona-krise-usa-donald-trump-pandemie-ungleichheit/komplettansicht)

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Ishmael Sorrows #1

"Chronische Leiden – eine korrupte politische Klasse, eine erstarrte Bürokratie, eine herzlose Wirtschaft, eine gespaltene, abgelenkte Bevölkerung "

Belege? Oder nur antiamerikanische Vorurteile?


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mirinord #1.6

Artikel gelesen?


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arnolsi #1.7

Ist Ihnen aufgefallen, dass dies eine Übersetzung aus "The Atlantic Magazine" ist?
Sind jetzt auch schon Amerikaner antiamerikanisch?


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Legalize it #1.1

Diese Punkte könnte man auf jedes Land auf der Welt anwenden.


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Andox #1.2

Also hat der Artikel recht.


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matius2 #1.3

Geldadelpolitik, Vetternwirtschaft, Justiz die einem trump Steuererlichterungen ermöglicht hat, Wahlerfolge durch Geldeinsatz. Ladenöffnung von Waffengeschäften während der Corona Beschränkungen usw. Die liste kann man beliebig verlängern.


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HomeOffice #2

Qualitätsjournalismus?

Eher nicht. Ich habe mal in den USA gelebt. Das ist eher eine Polemik als eine politische Analyse. Eine schlechte noch dazu.


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Amakuni #2.2

Man braucht keine deutschen Zeitungen um sich ein Bild über Trump zu machen. Dazu reicht ein Blick auf seine Pressekonferenzen, Twitter Nachrichten und Interviews. Und das Bild ist mehr als gruselig. ...


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osilliso #13

Leider eine sehr zutreffende Beschreibung der Situation in den USA. Das politische System ist bankrott und die Gesellschaft gespalten, nicht nur in zwei Gruppen, sondern einen ganzen Flickenteppich. ...


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Hebenstritz #15

Das ganze ist eher eine Beschreibung der Politik an sich in den westlichen Industriestaaten. Genau genommen könnte man die Namen die hier genannt werden, gegen beliebige europäische Politiker austauschen, es würde keinen großen Unterschied machen.

Was momentan in den USA sichtbar ist, ist eher die Unfähigkeit von Trump und vielen seiner Adlaten, alles wie Obama weg zu lächeln und mit schönen Worten zu umschreiben. Stattdessen scheint die amerikanische Politik momentan daraus zu bestehen, wer in der Challenge der peinlichsten Auftritte gewinnt.

Egal wo auf der Welt, politische Führungen werden daran gemessen, wie sie Probleme und krisensprachlich und argumentativ verpacken. Das sieht man jetzt momentan ja hervorragend in Deutschland.

Die Regierung Trump ist schlichtweg extrem extrovertiert und mitteilungsbedürftig, was den politischen Gegnern massenweise Aufmerksamkeit für Kritik gibt. Würde ein Präsident Trump mit gemessenen Worten und ohne Twitter Kanal ansonsten genau gleich handeln wie bisher - man wäre sicherlich sehr angetan von der Handlungspolitik.

Mit anderen Worten, die Leute wollen eingelullt werden, eine schöne Realität und eine positive Zukunft versprochen bekommen. Auch die Regierung Obama hat weder die grundsätzlichen Zustände in den USA verbessert, oder das Versprechen Guantanamo zu schließen, umgesetzt.

Aber genau genommen ist das für das Seelenheil der Normalbevölkerung auch nicht unbedingt erforderlich.


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Wark Mupke #15.3

"Würde ein Präsident Trump mit gemessenen Worten und ohne Twitter Kanal ansonsten genau gleich handeln wie bisher - man wäre sicherlich sehr angetan von der Handlungspolitik."

Ich glaube sie haben sich das wort Handlungspolitik ausgedacht, aber trotzdem konnte ich herzlich lachen.


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Tomtell #17

Nachvollziehbarer Text. Aber im Wesentlichen auch Gejammer. Was bringt Gejammer? Ich hätte mir stattdessen einen Text gewünscht, der Lösungen aufzeigt.


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Plotzhotzen #17.1

Wenn sie mal genau lesen und verstehen, würden sie die Lösung erkennen.
Und das ist kein Gejammer sondern eine Analyse.


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tuscany #17.2

"Lösungen" erfordern zunächst Einsicht in einen lösungsbedürftigen Zustand. Solange Polarisierung hilft, eigennützige Bedürfnisse zu erfüllen, gibt's keine Einsicht (zumindest keine Konsequenzen) und keine Hoffnung.

Zweck und Hoffnung dieses (von Ihnen als "Gejammer" diffamierten) Textes ist es, die Einsicht zu befördern, wie stark in den USA über den Eigennutz der Gemeinnutz vor die Hunde gegangen ist.


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sysgin #19

Die Amerikaner haben Trump zum Präsidenten gewählt, freiwillig. Ob sie mehrheitlich erkennen, in was sie sich damit hineinmanövriert haben, wage ich zu bezweifeln. Trump konnte ein Verfahren zur Amtsenthebung überstehen und auch jetzt finden keine Demonstrationen gegen ihn statt. Ich fürchte, auch eine Pandemie richtet da nichts aus.


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HomeOffice #20

Wieso sind die USA eigentlich der beliebteste Sehnsuchtsort der Menschen weltweit?


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RideOn #20.5

Weil man dort vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. lol


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HomeOffice #25

Die USA haben seit 1776 eine funktionstüchtige Demokratie auf Grundlage EINER Verfassung. Ohne Staatsstreiche. Putsch. Freiheitsberaubung. Eine Kette von Präsidenten, die demokratisch gewählt wurden. Keiner hat sich durch Manipulation länger im Amt gehalten als rechtens war. Es gab und gibt eine unabhängige Justiz.

Davor muss man Respekt haben. Überlegen wir mal, welche Irrungen und Wirrungen es in Deutschland in dieser Zeitspanne gab.

Die amerikanische Demokratie wird auch Trump überleben.


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Sommerrolle #35

Als ich vor ca. 25 Jahren sehr häufig in New York war, schlug mir das Auseinanderfallen der Gesellschaft förmlich ins Gesicht.
Als ich diesen Punkt gegenüber einem Amerikaner ansprach und meiner Befürchtung, dass dies früher oder später zu einem Kollaps führen könnte, wurde ich freundlich ausgelacht.
Der Zustand, den wir heute in den USA haben, ist nicht erst in den letzten 4 Jahren entstanden. Gleich, wer an der Regierung war - die ergriffenen Maßnahmen waren letztendlich nur "palliativ", so wie es der Autor auch beschreibt. Der Tellerwäscher-Mythos hat das Land über die Jahrzehnte (wenn nicht gar Jahrhunderte) hinweg ausgehöhlt.


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HomeOffice #39

Diejenigen, die die USA hier als failed state bezeichnen, tun das wahrscheinlich von einem iPhone. Sie kaufen bei Amazon. Nutzen Microsoft-Systeme. Posten auf Facebook. Konsumieren US-amerikanische Netflix-Serien. ...


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pero-2 #50

Auch die deutsche Regierung brauchte fast 3 Monate um auf Corona zu reagieren, auch bei uns gibt es nicht genügend Schutzkleidung und offenbar war es der deutschen Regierung auch nicht möglich sich an die Szenarieren der Risikobewertung des RKI aus dem Jahr 2013 zu erinnern.
Auch bei uns werden die (gleichen) Fakten aus der Wissenschaft jeden Tag anders bewertet, so werden Masken die im März falsch waren heute vorgeschrieben.
Und auch bei uns fordert die Autoindustrie massive Steuergeschenke während gleichzeitig Millionen Dividenden ausgezahlt werden sollen. Die Kultur geht durch die restriktiven Schutzmassnahmen den Bach runter, genauso wie Hotels, Gaststätten und Restaurants. Auch bei uns gibt es keine wirklich offenen Diskussionen um die Massnahmen. Spielplätze werden gesperrt während tausende um die Alster joggen, dabei nachweisslich Viren in der Luft hinterlassen und damit die anderen Fussgänger gefährden. Wo ist da der gesunde Menschenverstand?

Das einzige was wir nicht haben ist ein "Fake-News" verbreitender Präsident, wobei die deutsche Regierung bisher auch nicht über das eigene Versagen spricht.

Also ich sehe da schon erhebliche Parallelen, ...


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Frau. Huber #50.2

Was Deutschland auch nicht hat, sind zehntausende Tote, überlastete Krankenhäuser und Verwandte von Frau Merkel in zentralen politischen Ämtern.


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genrik #58

Ungeheuerlich: Todesurteil, Vollstreckung und Obduktion zugleich. Es hat mich erschreckt, in dieser expliziten Form über den Kollaps des eigenen Jugendtraums "USA" zu lesen. Ich habe (Jahrgang 1939) das Ende des 2. Weltkrieges schon bewußt erlebt, und alle neue Hoffnung schien damals "von drüben", jenseits des Atlantik, zu kommen.
Wir Deutschen müssen uns, vor allen anderen, zurückhalten, wenn es darum geht, Unverständnis zu äußern für die momentane Führung und den Zustand der USA.
Haben wir doch der Welt vor 90 Jahren gezeigt, daß und wie es möglich ist, ein von einem Psychopathen geführtes System zu betreiben. Schließlich waren mit Stalin, Mao, Pol Pot und anderen auch weitere Massenmörder und Egomanen am Werk.
Erstaunlich und erschreckend ist in der Gegenwart, daß alle diese Verbrecher noch beziehungsweise wieder Anhänger haben und finden. Welche Forscher- oder Wissenschaftler-Zunft wird wohl einmal zu klären versuchen, aus welchen toxischen Quellen solche Gefolgschaft strömt?


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CarlitoJ #89

Danke für diese präzise Analyse der sozialen und politischen Verhältnisse in den USA, die einem die Tränen in die Augen treiben. Das Beste, was ich in deutschen Medien in letzter Zeit gelesen habe.


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123Stadtmusikant123 #92

Was beklagt der Autor sich, hat er nicht mitbekommen, dass dieses Amerika keine andere Politik will? ...


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Oh Yeah Goodie Goodie #92.1

Der Autor beklagt nicht, er analysiert. Eigentlich kein allzu feiner Unterschied ...


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sictransitgloria #93

Hier wettert ein linksliberaler Autor gegen eine Regierung, die er schon immer gehasst hat. Also nichts neues.


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Oh Yeah Goodie Goodie #93.1

Genau. Schlafen sie weiter.


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HBausOS #99

„500000 Menschen protestieren in Washington gegen die Politik von Präsident Trump“

Warum eigentlich habe ich nie diese Schlagzeile gelesen? Ein Volk von 330 Millionen sediert?


...
Title: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
Post by: Link on May 05, 2020, 11:57:50 AM
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[...] Patrick Wildermann: Nur werden Kinder plötzlich nicht nur als Krachmacher, sondern als Gefahr gesehen. In den vergangenen Wochen konnte man etliche Fälle erleben, in denen wegen spielender Kinder die Polizei gerufen wurde. Ist das die Rückkehr der Hausmeister-Republik?

Volker Ludwig: Diese Haltung von vielen Erwachsenen, sofort denunziatorisch einzuschreiten, die erinnert mich tatsächlich an die alten Zeiten. Das ist offenbar nicht auszurotten. Da kommt di