Author Topic: [Forschender Blick nach rechts... ]  (Read 67 times)

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[Forschender Blick nach rechts... ]
« on: February 28, 2019, 10:02:08 AM »
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[...] Trotz persönlicher Antipathie, die auf Gegenseitigkeit beruhte, ähneln sich die Gedanken, die sich Arendt und Adorno zum Phänomen des Faschismus machen, teilweise bis in die Formulierung hinein. Für beide spielt die konkrete Erfahrung des Faschismus die entscheidende biographische Rolle, ohne seine theoretische Verarbeitung ist für beide die Moderne nicht zu verstehen. Die Affinitäten werden ohne Anspruch auf Vollständigkeit an drei Komplexen eher schlaglichtartig und nur mit Berücksichtigung zweier Hauptschriften aufgezeigt: (1) das Scheitern des modernen Egalitarismus; (2) die Funktion totalitärer Propaganda; (3) die Rolle des Rituals. Nach einem präludierenden Rekurs auf Leo Löwenthals Aufsatz "Individuum und Terror" von 1949 wendet sich der Autor den beiden Hauptprotagonisten seiner Untersuchung zu. Beide, Arendt und Adorno interessierte nicht, ob und wie die Entwicklungslogik des Kapitalismus zum Nationalsozialismus führt, sondern es ging beiden um die sozialpsychologischen Aspekte des Faschismus. Beide bemühen sich intensiv um eine adäquate Analyse des Antisemitismus. Beide stellen fest: Der ursprünglich emanzipative Gedanke der Gleichheit ist in terroristische Nivellierung abgeglitten. Die Spitze dieser Nivellierung bildet für beide die "Technik der Konzentrationslager" (Adorno), welche "die eigentliche zentrale Institution des totalen Macht- und Organisationsapparates" (Arendt) sind. Der Kern dessen, was laut Arendt und Adorno die faschistische Propaganda betreibt, ist die Auflösung des Subjekts in ein sich am totalitären Status quo orientierendes Reaktionsbündel. Beide siedeln die faschistische Ideologie in der Nähe von Religion und Ritual an. (prn)


Zu: Ahrens, Jörn: "Aufsatz: Zur Faschismusanalyse Hannah Arendts und Theodor W. Adornos (1995) - Erkundungen in ungeklärten Verwandtschaftsverhältnissen - in: Leviathan, Band Jg. 23, Heft H. 1" | https://www.pollux-fid.de/r/sw-gesis-solis-00189380

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[...] Theweleit beschreibt die Energien, die zu Aufbau und Zerstörung des tausendjährigen Reiches (vieler Reiche) mobilisiert werden konnten, als Energien von Körpern, denen erst einmal etwas genommen wurde, damit sie es dann wieder haben wollten, über Umwege, versteht sich – des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Der Nicht-zu-Ende-Geborene ist ein Mensch, der sein Leben lang das sucht, was ihm genommen worden ist, und er sucht es auf die Weise, auf die es ihm genommen worden ist: durch Verbote oder durch Zerstörung. Rauben oder töten.

Was braucht die Welt (Welt – um nicht zu sagen: das patriarchalische Herrschaftssystem)? Männer. Produktive (in der Regel, das zeigt die Geschichte, sind das räuberische) Männer. Was brauchen Männer (Männer – um nicht zu sagen: die Herrschenden)? Ganze Kerle. Solche, die kämpfen können (kämpfen, das zeigt die Geschichte, heißt: zerstören können).

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Aus: "Heißt Liebe: Krieg? - Klaus Theweleit: „Männerkörper – Zur Psychoanalyse des Weißen Terrors“" Gisela Stelly (1978)
Quelle: https://www.zeit.de/1978/49/heisst-liebe-krieg/komplettansicht

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[...] Theweleits Arbeit befasst sich zunächst mit der Freikorps-Literatur der 1920er-Jahre; er untersucht die faschistischen Männlichkeits- und Gewaltphantasien dieser Soldateska in über 250 Romanen oder Erinnerungen. Dabei nimmt er Sprachstil wie Inhalt dieser Literatur auseinander und stellt Frauenbild, Körperverhältnis und Kampfberichte in das Zentrum seiner Analyse. ...

Der Faschismus war nach Theweleit so attraktiv, weil er eine nicht sanktionierte Erfüllung dieser jahrhundertealten Wünsche versprach. Der Faschismus übersetzte somit, wie Theweleit schreibt, „innere Zustände in riesige äußere Monumente“. Drei „Wahrnehmungsidentitäten“ und Körperaktionen standen hierbei im Zentrum: erstens der „entleerte Platz“, also die (gewaltsame) Herstellung von Klarheit, Ordnung, Sauberkeit und Übersichtlichkeit ohne das weibliche „Gewimmel“ der „ungeordneten“ und „schmutzigen“ Masse; zweitens der „blutige Brei“, womit der befreiende Schuss, Hieb oder eine Explosion gegen eine zu nahe kommende, verschlingende weibliche Bedrohung und Sexualität gemeint war; drittens der „black out“, welcher wiederum die Selbstqual, die körperliche Abhärtung und Straffung des eigenen Körpers meint - bis die Soldatenmänner das Fließen der eigenen Lust nicht mehr verspüren (Bd. 2, S. 268-279). Die Furcht vor dem Weiblichen (die im ersten Band thematisiert wird) ist somit letztlich eine Furcht vor der Ich-Auflösung, der durch die im zweiten Band geschilderten männlichen Gewaltakte begegnet wird. Der Krieg wurde zu einer Art Geburt, insoweit mit dem Schmerzprinzip ein eigenes soldatisches Selbst erschaffen wurde.

Für eine Lektüre aus heutiger Sicht, fast dreißig Jahre nach der Erstausgabe, ist das Buch vor allem als wichtiges Zeitdokument zu lesen und zeitgeschichtlich zu kontextualisieren. ...

Der französischen Koproduktion des Philosophen Deleuze mit dem Psychiater Guattari entlieh Theweleit das Konzept der „Wunsch-Maschine“, also des maschinell gedachten Unbewussten, welches nicht-sprachlich strukturierte und positive Wünsche enthalte. Die einfache Verurteilung der bösen Kleinbürger war mit diesem Versuch, ihre Wünsche zu verstehen, schwieriger geworden (Bd. 2, S. 404-410). Von der bekannten amerikanischen Psychoanalytikerin Margaret Mahler übernahm Theweleit die Erkenntnisse über die aggressiven „Erhaltungsmechanismen“ von psychotischen Kindern. Was in der Entwicklungs- und Ich-Psychologie Mahlers die Phase der „Individuation“ bezeichnet (Differenzierung des Körperschemas, Distanzierung und Abgrenzungskompetenz, vor allem gegenüber der Mutter), nannte Theweleit das „Ende der Geburt“, welches die Faschisten eben nicht erreicht hätten (Bd. 2, S. 210-246, bes. S. 211f.).

... Zudem schloss Theweleit an Walter Benjamin und Georges Bataille an, die beide den Begriff des „Ausdrucks“ als Leitmotiv ihrer Faschismusdeutungen benutzt haben. Für Benjamin war der Faschismus Ausdruck einer bestimmten Massenästhetik und für Bataille Ausdruck der symbolischen Rituale der Macht. Theweleit knüpfte hier an, wobei er die Interpretationen um die Geschlechterdimension wie auch um die subjektive Verarbeitung des Faschismus erweiterte.

... Männliche Gefühlskälte, ein bloß dressierendes Verhältnis zum Körper, soldatische Härte gegenüber sich und anderen, heroisierendes Beschützerverhalten gegenüber Frauen und ein männlicher Allversorger-Gestus wurden in der alternativen „scene“ zunehmend hinterfragt. Theweleit untermauerte dabei die Kritik der linksalternativen Männer an den herkömmlichen Männerbildern, weil er den soldatischen Mann als einen „Gefühlskrüppel im Charakterpanzer“ (Cora Stephan) schildert, der mit der NS-Zeit zwar seine Blüte erlebt habe, aber bis in die Gegenwart nachwirke: „Die Sorte Männer, die Gegenstand dieser Untersuchung ist, soll keineswegs prinzipiell von den übrigen Männern isoliert werden.

... Theweleit selbst schreibt im Jahr 2000, rückblickend auf die Rezeption seines Buches in Deutschland: „Die Historiker-Kaste [...] erwies sich als resistent besonders gegenüber der Psychoanalyse des weißen Terrors“. Auch wenn mit Lutz Niethammer ein prominenter Zeithistoriker das Buch 1979 als „the most fertile contribution to the study of fascism over the last decade“ bezeichnet hat, ist die Einschätzung des Autors sicher nicht ganz falsch. Dies hat jedoch nicht nur mit der Schreibweise, den Zitat-Collagen und dem zusammengewürfelten Bildmaterial vom Gemälde bis zum Comic zu tun - einer Form, die bei einer in solchen Dingen eher konservativ eingestellten Historikerzunft keine Gnade fand.

...


Aus: "Klaus Theweleits „Männerphantasien“ – ein Erfolgsbuch der 1970er-Jahre" Sven Reichardt (Heft 3/2006)
Quelle: https://zeithistorische-forschungen.de/3-2006/id%3D4650

Klaus Theweleit (* 7. Februar 1942 in Ebenrode, Ostpreußen)[1] ist ein deutscher Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und Schriftsteller.
https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Theweleit

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R. Müller

5,0 von 5 SternenVäter und Grossväter
10. Dezember 2012

Format: Taschenbuch
Das Buch kann einem helfen, Verhaltensweisen der Väter und Großväter im Kontext gesellschaftlicher Zusammenhänge zu erforschen, zu erkennen.
Manchmal ist es nur ein kurzer hingeworfener Satz, der erst einen Spot wirft auf tiefe, nicht aufgearbeitete Ereignisse im Leben dieser Generation, die den Faschismus
selbst mitgestaltet hat.
Nicht nur die streng protestantische Erziehung, auch das Verhältnis zur Sexualität, dem Fremden und dem eigenen Körper gegenüber - all diese Zusammenhänge hat Theweleit
hier vorbereitet für eine Diskussion, für die Aufarbeitung der Geschichte der eigenen Familie.
Erkennbar ist dann - irgendwann - auch der ""Schaden"", der an den Kindern angerichtet wurde. ...


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viel Lesearbeit für relativ wenig Aussage
18. Juli 2008
Format: Taschenbuch

Der Ansatz von Theweleit ist genial: Aus den Romanen und Ergüssen der rechtsradikalen Freikorpssoldaten heraus zu destillieren, was psychoanalytisch gesehen - hinter dieser Angst vor der roten Flut, die alle Dämme überschwemmt steckt. Die Umsetzung ist teilweise auch recht amüsant - insbesondere das Zusammenspiel von Text und Illustration. Ich habe allerdings - auch beim zweiten Lesen gut 25 Jahre später - Probleme mit der verschwurbelten Theoretisierei, mit der damals sicher sehr modischen Begeisterung für Deleuze und andere. Vieles ist dann doch sehr raunend, gewollt (?) schwer verständlich oder unverständlich und - hier gebe ich einem der Vorrezensenten recht: auch redundant!


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Ebner Isabel
5,0 von 5 SternenPflichtlektüre für jedefrau/jedermann
10. Mai 2003

Format: Taschenbuch
Endlich ein Autor, der auf die psychischen Aspekte des 1. und 2. Weltkriegs eingeht. Eine Pflichtlektüre für jeden Kriegs- und Nachkriegsmuffel, die uns unterstützt, die verdrängten seelischen Herausforderungen und Handlungen der Generation unserer Großeltern nachvollziehen zu können. Wird auch Zeit, dass sich unsere Gesellschaft endlich mit diesen Dingen auseinandersetzt. Wer Verständnis lernen möchte für die oft eigenartigen Verhaltensweisen älterer Generationen (v.a. männlichen Geschlechts) sollte das Buch unbedingt lesen. Das gedrillte, soldatische Ich des Mannes von damals hat seinen Einfluss bis heute nicht verloren. Schade, dass der aktive Part bzw. Beitrag der Frau zum Nationalsozialismus und zum Krieg fast außer Acht gelassen wurde.
Ein Gustostück sowohl stilistisch, sprachlicher (bei einem Literaturwissenschaftler eh klar) als auch fachlich- psychologischer Natur. Wo Theweleit wohl sein analytisches Können gelernt hat? Freud hätte seine Freude! ...



Quelle: https://www.amazon.de/M%C3%A4nnerphantasien-Frauen-Fluten-K%C3%B6rper-Geschichte/product-reviews/3492230415/ref=cm_cr_dp_d_show_all_btm?ie=UTF8&reviewerType=all_reviews
« Last Edit: March 21, 2019, 08:08:49 PM by Link »

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[Forschender Blick nach rechts... ]
« Reply #1 on: February 28, 2019, 10:16:41 AM »
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[...] Seit dem Herbst 2017 stellt mit der AfD eine in Teilen rechtsextreme Partei die größte Oppositionsfraktion im deutschen Bundestag. Seit dem Herbst 2018 ist die gleiche Partei in allen Landtagen vertreten, neun von 16 Mal mit zweistelligem Wahlergebnis. Im Herbst 2019 nun könnten die von rassistischen und revisionistischen Hardlinern dominierten Landesverbände von Brandenburg, Thüringen und Sachsen der AfD drei Siege bei den Landtagswahlen sichern.

Der Einzug der parteipolitischen Rechten in die Parlamente wird von einer Verrohung des Diskurses und einer gestiegenen Anzahl rassistischer und rechtsextremer Gewalttaten begleitet. Der rechte Rand ist kein Randproblem mehr und dringt in die gesellschaftliche Mitte vor. Die zunehmenden Landgewinne demokratiefeindlicher Kräfte erscheinen als klare Zäsur. In Wissenschaft und Medien hat die rechte Renaissance nicht selten Vergleiche zu „Weimar“ und dem katastrophalen Scheitern der ersten deutschen Republik provoziert.

Aber muss man den vergleichenden Blick überhaupt so weit zurückwenden? Haben Pegida, AfD und Konsorten und die von ihnen ausgehende Hetze nicht auch eine bundesdeutsche Vorgeschichte – und eine in der DDR? Bei einem Workshop am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam versuchten sich Zeithistoriker und Zeithistorikerinnen nun an einer Art Bestandsaufnahme. Sie wollen ein langfristig angelegtes Netzwerk zur Rechtsextremismusforschung gründen. Man wolle sich stärker auf die Rechten aus Gegenwart und jüngerer Vergangenheit konzentrieren, die von der Forschung bislang vernachlässigt wurden, sagt Yves Müller, Zeithistoriker an der Uni Hamburg.

Mit der „Alternative für Deutschland“ sei bereits die vierte Welle äußerst rechter Parteien und eines „rechtsextremen Agenda-Settings“ auf mehreren politischen Feldern im Gange, erklärt Frank Bösch vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, der die Netzwerk-Initiative unterstützt. Nach der 1952 verbotenen Sozialistischen Reichspartei (SRP), der in den 60er-Jahren höchst erfolgreichen NPD und den von ehemaligen CSU-Mitgliedern gegründeten Republikanern in den 80er-Jahren hat sich seit 2015 nun also eine weitere Partei erfolgreich rechts der Union etabliert.

Sowohl was die Umstände ihres Entstehens als auch was ihre Inhalte angeht, gebe es bei den äußerst rechten Parteien sehr viele Gemeinsamkeiten, sagt Bösch. Neben einem übersteigerten Nationalismus und der Idee einer autoritären Staatsordnung sei die Vorstellung von ethnischer Homogenität ein prägendes Kriterium. „Schon die NPD greift in den 60er-Jahren intensiv das Thema der Gastarbeiter auf. Die Republikaner profilieren sich Anfang der 80er-Jahre im Zuge einer neuen Asyl-Debatte, nachdem die Flüchtlingszahlen seit den 70er-Jahren in die Höhe gingen“, sagt Bösch. Für die AfD nun sei die verstärkte Migration bekanntlich das Thema, das sie groß gemacht habe.

Eine weitere Gemeinsamkeit der äußerst rechten Parteien liege darin, dass sie als Fleisch vom Fleisch der Union begannen, sagt Bösch, der viel zur Geschichte der CDU und zum deutschen Konservatismus geforscht hat. „Über weite Phasen der bundesdeutschen Geschichte hat die CDU/CSU den rechten Rand erfolgreich integrieren können.“ Der Preis dafür sei gewesen, dass es auch in der Union mitunter rechtere Positionen gegeben habe als bei ihren Schwesterparteien in Westeuropa. Gleichzeitig aber sei die Sprachmacht von rechts-außen ob des Fehlens einer eigenen Plattform vergleichsweise eher gering gewesen.

Die Genese der AfD aber unterscheidet sich aber auch in manchen Punkten von der Entwicklung ihrer Vorgängerparteien. „Die äußere Rechte reüssierte immer dann, wenn es ernsthafte wirtschaftliche Widrigkeiten gab – von der großen Arbeitslosenwelle 1950 über die Konjunkturflaute 1965 und die strukturell hohe Arbeitslosigkeit Mitte der 80er bis zu den Problemen der Vereinigungskrise am Anfang der 90er-Jahre“, sagt Bösch. Das besondere der heutigen Situation sei, dass die reale wirtschaftliche Lage im Vergleich doch ziemlich komfortabel sei.

Warum aber sind die Rechten trotzdem im Aufwind? Folgt man Frank Bösch, paart sich eine diffuse Angst vor dem Fremden, die sich vor allem an der Globalisierung und einem ihrer Begleitphänomene, der transnationalen Migration, entzündet, mit der Furcht vor dem endgültigen Niedergang alter Identitätsmodelle. „Die AfD ist in erster Linie eine Reaktion auf den Wandel der Gesellschaft, auf mehr Spielräume, wachsende Gleichberechtigung und größere Partizipationsmöglichkeiten von Gruppen und Individuen.“

So sei es heute weniger die soziale als mehr die kulturelle Prekarisierung, die als Treibmittel rechter Denkfiguren wirke. „Die Wählerschaft der AfD kennzeichnet sich stark durch die 4 M’s: Das sind vornehmlich Leute mit mittlerem Einkommen, mittlerer Bildung und mittlerem Alter. Vor allem aber sind es Männer“, so Bösch.

Abgesehen von den Entstehungsbedingungen trenne die AfD aber noch etwas anderes von ihren unverhohlen rechtsextremen Vorgängern: Nach einem mehr oder weniger kurzen konservativen Geplänkel hätten sich alle Parteien rechts der Union schnellstens radikalisiert und damit zugleich an Einfluss verloren. Aber ist denn die AfD mit den Austritten ihrer ehemaligen Vorsitzenden Bernd Lucke und Frauke Petry rhetorisch und im Programm nicht ebenfalls immer extremer geworden? Hat sie nicht spätestens mit „Chemnitz 2018“ den offenen Schulterschluss mit Pegidisten, Identitären, Burschenschaftlern und anderen Straßennazis vollzogen?

Die Sache sei komplizierter, sagt Bösch. Grundsätzlich hätten die Rechtsaußenparteien stets aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt. Schon die NPD hatte mit Blick auf das Verbot der SRP zunächst keinen offenen Umsturz propagiert. Nicht von ungefähr sprach der Historiker Lutz Niethammer in seiner 1969 veröffentlichten NPD-Studie von „angepasstem Faschismus“.

Die AfD sei in Teilen natürlich deutlich moderater als NPD oder Republikaner. Zugleich aber sei sie auch in taktischer Hinsicht viel besser aufgestellt als diese. So fährt sie bekanntlich eine konsequente Doppelstrategie aus kalkulierten Tabubrüchen und halbherzigen Dementis, hält ihre Fahne in den rechtsextremen Wind und gibt sich anschließend bürgerlich. Die AfD moderiert auf geschickte Weise ihren eigenen Radikalisierungsprozess und beugt so, anders als die anderen Rechten, ihrer möglichen Marginalisierung vor.

Alles in allem ist es also wenig verwunderlich, dass sich die zeithistorische Forschung den modernen Rechtsextremismus in Zukunft stärker vorknöpfen möchte. Der Historiker Yves Müller erklärt, man müsse die Perspektive erweitern. Die historische Entwicklung der extremen Rechten in Deutschland dürfe nicht mehr bloß als Nach-Geschichte des Nationalsozialismus begriffen werde. Vielmehr müsse man sie ebenfalls als Vorgeschichte der Gegenwart sehen. Viele Phänomene, zum Beispiel die Einflussnahme der rechten Agenda auf Diskurse der Mitte und den politischen Prozess, harrten noch immer der Aufarbeitung.

Das wohl schwerwiegendste Phänomen aber, das dringend weiterer Erforschung bedarf, sind die rechtsextremen Gewaltexzesse, die den Aufschwung rechter Parteien und Bewegungen immer wieder begleitet haben, sagen Müller und Bösch. So sei im öffentlichen Bewusstsein fast vollständig verloren gegangen, dass die rechte Gewalt in Deutschland nicht erst im Fahrwasser der Wiedervereinigung mit dem Pogrom von Hoyerswerda beginnt. Bereits Ende der 70er-Jahre habe es in Westdeutschland Anschläge mit Toten auf Unterkünfte von Flüchtlingen gegeben.

Die NSU-Mörder hatten ihre Vorläufer. So kulminierte die damalige Radikalisierungswelle des rechten Milieus am 26. September 1980 im Anschlag auf Besucher des Oktoberfests. Bis heute ist das im Vergleich zum linken und islamistischen Terror hierzulande eher wenig rezipierte Oktoberfestattentat der Anschlag mit den meisten Toten in der Geschichte der Bundesrepublik.


Aus: "Forschender Blick nach rechts" Christoph David Piorkowski (27.02.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/zeitgeschichte-forschender-blick-nach-rechts/24044750.html

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karl-der-baer 27.02.2019, 15:48 Uhr

Dass „Zeithistoriker“ sich dem Aufschwung rechtsradikaler „Parteien“ in Europa endlich einmal wesentlich konsequenter stellen müssten, ist wohl angesichts einer Vielzahl nur oberflächlicher, meist rein phänomenologischer „Studien" mehr als deutlich. Ob mit diesem Artikel aber ein griffiger Auftragsrahmen formuliert ist, sei dahingestellt.

Erste Irritation ist es, nur auf die zeitweiligen Auftritte rechtsradikaler „Parteien“ zu „orientieren“, derweilen rechtspopulistische Ressentiments bis hin zu neofaschistischen Mentalitäten als endemisches Syndrom kurz einmal ausgeblendet werden. Dass nicht nur affektive Muster eine Rolle spielen, zeigt sich in Deutschland daran, dass massives Unwissen über den historischen deutschen Faschismus ein greifbares Bildungsproblem zutage bringt.
 
Wozu nochmals betont werden muss, dass – ganz vergleichbar mit dem historischen, nicht auf das Dritte Reich beschränkten Faschismus der 20er- bis 40er-Jahre – es um ein europäisches, heute evtl. sogar um ein globales Problem geht.
 
 
„Faschismus“ hat nicht nur mit „umschriebener Zeitgeschichte“, politischen Winkelzügen oder den rein abstrakt „verstandenen“ ökonomischen Konditionen zu tun, sondern eben auch mit deren mentaler Verarbeitung. Und Letzteres ist sozialpsychologisch nicht zu fassen, ohne die individualgeschichtlichen Details zu berücksichtigen. ...


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[Forschender Blick nach rechts... ]
« Reply #2 on: March 04, 2019, 11:50:46 AM »
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[...]   Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler, Journalist, Musiker und Bodybuilder in Teilzeit. Er leitet den Bereich Theorie im Bachelor Kunst & Medien an der Zürcher Hochschule der Künste. Nebenbei ist er Sänger und Bassist des Metal-Duos Malmzeit.

Zu den geschichtspolitischen Strategien der AfD gehört die Selbstverlängerung in die Romantik. Kaum etwas könnte beim näheren Hinsehen absurder sein, denn in der Romantik sieht man alles, was die AfD gerne ausschliessen würde.

Aus den Reihen der AfD war in den letzten Jahren immer wieder zu hören, man solle in der Geschichts­schrei­bung nicht auf die Nazi-Herrschaft fokus­sieren, sondern öfter mal andere Kapitel der deut­schen Geschichte aufschlagen – Kapitel, in denen das Posi­tive zu Tage tritt. Als Beispiel wird gerne die Ära der deut­schen Romantik genannt. So sagte der AfD-Politiker Hans-Thomas Till­schneider 2017 im Landtag von Sachsen-Anhalt: „In der deut­schen Romantik finden wir Deut­schen zu uns selbst. Die deut­sche Romantik ist die Entde­ckung des Volks­geistes und die Entde­ckung der Natio­nal­kultur, was erklärt, weshalb sie an Schulen und Univer­si­täten heute kaum noch eine Rolle spielt. Umso wich­tiger sind Insti­tu­tionen außer­halb des staat­li­chen Bildungs­be­triebes, die sich der Romantik annehmen.“

Schon im Jahr 2016 hatte der völki­sche Flügel der AfD verlaut­bart: Was mit „Fug und Recht“ als deutsch gelten könne, das seien „die deut­sche Sprache, die deut­sche Romantik, der deut­sche Idea­lismus“. Jüngst steckte sich der mitt­ler­weile aus der AfD ausge­tre­tene rechts­ra­di­kale Poli­tiker André Poggen­burg eine blaue Korn­blume ans Revers – gemeint sei selbst­re­dend nicht das gleich­ar­tige Nazi-Symbol, sondern die blaue Blume der deut­schen Romantik, mithin ein Symbol, das der Dichter Novalis in seinem Roman­frag­ment Hein­rich von Ofter­dingen (1800) einführte.

Novalis ist es viel­leicht auch, den Till­schneider vor dem geis­tigen Auge hatte, als er die deut­sche Romantik mit Volks­geist und Natio­nal­kultur iden­ti­fi­zierte. Denn von Novalis stammt der wohl erste Versuch, die Deut­schen durch das massen­haft verbrei­tete Bild einer charis­ma­ti­schen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur als Volk und Nation zu einen. In seiner Schrift Glauben und Liebe oder Der König und die Königin (1798) schlägt der Adels­spross vor, das Porträt der Königin Luise von Mecklenburg-Strelitz in allen deut­schen Haus­halten aufzu­hängen, um für „ächte[n] Patrio­tism“ zu sorgen. Novalis’ ästhe­ti­scher Plura­lismus – Gedichte bezeich­nete er, die moder­nis­ti­sche Fragment-Ästhetik anti­zi­pie­rend, als „Bruch­stücke aus den verschie­den­ar­tigsten Dingen“ – wird somit begleitet von schwa­chen Vorzei­chen eines charis­ma­ti­schen Tota­li­ta­rismus. Aller­dings weiss man bei den formal schwer zu veror­tenden Text­frag­menten der Früh­ro­man­tiker nur selten, ob spezi­fi­sche Formu­lie­rungen als poli­ti­sche Äußerungen der Autoren oder als ästhe­ti­sche Capric­cios zu verstehen sind – es sei denn natür­lich, man heisst Till­schneider.

Würden die Deutsch­ro­man­tiker der AfD die deut­sche Romantik tatsäch­lich ernst nehmen, ja würden sie deren Empirie auch nur halb­wegs durch­drungen haben, so könnten sie in der glei­chen Ära genauso gut die Wegbe­rei­terin von Gender, Gleich­stel­lung, Trans­kul­tu­ra­lität, Rela­ti­vismus und Entgren­zung erkennen: Goethe lobte Amerika und verfasste den West-östlichen Divan („Und wer franzet oder britet, / Italie­nert oder teut­schet: / Einer will nur wie der Andre, / Was die Eigen­liebe heischet“), Schel­ling ehelichte die eman­zi­pierte, zwölf Jahre ältere Caro­line Schlegel, Heine pole­mi­sierte gegen deut­schen Natio­na­lismus und prophe­zeite „brutale germa­ni­sche Kampf­lust“, Fried­rich Schlegel schrieb „alle Wahr­heit ist relativ“ und behaup­tete: „Über­haupt über­trifft Asien Europa bei weitem an Reichtum und Größe.“

Die Vertreter der deut­schen Romantik waren, daran besteht kein Zweifel, ein hoch­gradig hybrider Haufen von poly­amou­rösen Vaga­bunden, reak­tio­nären Esote­ri­kern, reli­giösen Wende­hälsen, mysti­schen Frei­geis­tern, zarten Dich­ter­seelen, hippiesken Träu­mern, aufklä­re­ri­schen Progres­sisten, natio­nal­pa­trio­ti­schen Hard­li­nern und ulkigen Bohe­miens. Als Indi­vi­duen wie auch als Gruppe verkör­pern sie eine Hete­ro­ge­nität, wie sie die AfD heute ablehnt: Sie stehen für eine hybride, verwor­rene, komplexe Zeit, eine Zeit voller Ambi­va­lenz und Diver­sität, eine Zeit, die sich selbst gegen­über reflexiv und damit fremd wird.

Wenn Till­schneider dementgegen unter­stellt, dass eine Zu-sich-selbst-Findung der Deut­schen in der Romantik den Kern des heutigen Deutsch­seins bilden könne, so zeigt er aufs Vortreff­lichste, dass die AfD keine „Volks­partei“ ist und auch keine Volks­partei, also eine inte­gra­tive Partei, sein kann. Wie die Partei nur einen Teil der heutigen Deut­schen, nämlich ihre eigene Anhän­ger­schaft, zu „dem“ deut­schen Volk erklärt, so erklärt Till­schneider nur einen Teil der deut­schen Romantik zu „der“ deut­schen Romantik. Gemeint ist jene Romantik, die zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts eine natio­nale, konser­va­tive und tradi­tio­na­lis­ti­sche Wende erfuhr. Der Rest wird ausge­grenzt oder totge­schwiegen.

Die klien­te­lis­ti­schen Romantik-Exegeten der AfD fabri­zieren sich ihre tages­po­li­tik­ge­rechte Romantik und blenden aus, dass der natio­nale „Volks­geist“, der da in der Romantik erwacht, äusserst poly­phon war. Zwar war die Natio­nal­be­we­gung Mitglied dieses Chors, ihre Stimme war laut und kräftig – immerhin galt es, gegen den kriegs­lüs­ternen Napo­leon anzu­singen. Aber da waren noch andere Stimmen, die sie wie in einem Kanon beglei­teten und mitunter über­la­gerten.

Ausge­rechnet einer der wirk­mäch­tigsten Prot­ago­nisten der deut­schen Romantik, kein Gerin­gerer als Fried­rich Schlegel, tat sich als Gender­pro­gres­si­vist hervor. So schrieb er 1799 in einem Brief an seine Geliebte Doro­thea, der 1800 in der Zeit­schrift Athe­näum publi­ziert wurde: „In der Tat sind die Männ­lich­keit und die Weib­lich­keit, so wie sie gewöhn­lich genommen und getrieben werden, die gefähr­lichsten Hinder­nisse der Mensch­lich­keit.“

Ein solcher Satz aus dem Munde eines AfD-Politikers – undenkbar. Ebenso der folgende: „Die Frauen müssen wohl prüde bleiben, so lange Männer senti­mental, dumm und schlecht genug sind, ewige Unschuld und Mangel an Bildung von ihnen zu fordern.“ Oder dieser: „Bey dem jetzigen Verhältniß der Familie kann die Repu­blik gar nicht statt finden.“ Für Schlegel galt, dass Männer und Frauen zwar nicht dasselbe sind oder dasselbe werden sollen. Doch sie sollten „vonein­ander lernen, indem der männ­liche Part seine weib­li­chen Elemente, der weib­liche hingegen seine männ­li­chen entdeckt und stärker ausprägt“ (Birgit Rehme-Iffert, 2001).

Die AfD hingegen ist ange­treten, mit post­mo­dernem Rela­ti­vismus und „Gender-Gaga“ Schluss zu machen, denn: „Wo ,Gleich­stel­lung‛ steht, ist ‚Gleich­schal­tung‛ nicht weit“, so der AfD-Politiker und Geis­ter­wis­sen­schaftler Marc Jongen. Gemäss Partei­linie wirkt der postmodern-sozialkonstruktivistische Hokus­pokus des „Gende­rismus“ zerset­zend, ja er zerstört die tradi­tio­nelle Familie als Grund­ein­heit der guten Gesell­schaft und des guten Staates. Folg­lich verficht die AfD trotz spora­di­scher liber­tärer Anwand­lungen ein weitest­ge­hend essen­zia­lis­ti­sches, binäres Verständnis der Geschlechter.

Street Credi­bi­lity als Vorkämpfer für Gleich­be­rech­ti­gung hat ihr poli­ti­sches Personal, wenig über­ra­schend, nicht vorzu­weisen; Kritik an Gewalt gegen oder Diskri­mi­nie­rung von Frauen wird aus ihren Reihen meist nur dann laut, wenn sie gegen Nicht-Deutsche oder Deut­sche mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund gerichtet werden kann. Von Fried­rich Schlegel könnte die AfD indes lernen, dass Impulse für die spätere Gender­theorie bereits um 1800 von deut­schen Roman­ti­kern und Roma­ti­ke­rinnen ausgingen. Aber dafür gälte es eben, über­haupt erst denken und lernen zu wollen, anstatt zu meinen und zu ideo­lo­gi­sieren. Dass die AfD hinter Schlegel zurück­fällt, zeigt, dass sie keine konser­va­tive, sondern eine regres­sive Partei ist.

Auch der roman­ti­sche Autor Ludwig Tieck passt nicht ins Raster des nationalistisch-völkischen Zu-sich-selbst-Kommens. Tieck war zwar ein Patriot, aber ein kriti­scher und ambi­va­lenter. 1816 skiz­zierte er seine schwer greif­bare Posi­tion in einem Brief an Karl Wilhelm Ferdi­nand Solger: „Sie sehn hier meine Hypo­chon­drie, […] die mich seit zwanzig Jahren dahin bringt, den Veräch­tern der Deut­schen als ein Enthu­siast und fana­ti­scher German, und den leeren vater­län­di­schen Sangui­ni­kern und blinden Patrioten […] als ein kalter, unent­schlos­sener Mensch zu erscheinen, der nicht fähig ist, der guten Sache beizu­treten.“

Nicht nur hinsicht­lich seiner diffe­ren­zierten poli­ti­schen Posi­tion, auch hinsicht­lich seiner künst­le­ri­schen Hand­schrift dürfte Tieck nicht nach dem Geschmack der AfD sein. So verwandte sich Till­schneider mit Blick auf Thea­ter­stücke gegen eine „Form­lo­sig­keit, die keinen Begriff für Stil kennt“. Und aus Sicht seines Kollegen Gott­fried Back­haus dient Theater schlicht „der Natio­nal­bil­dung“. In Tiecks Werk sind dagegen so ziem­lich alle Stil­mittel, die die Partei als post­mo­derne Angriffe auf die hohe Kunst verun­glimpft hat, ange­legt.

Ein Para­de­bei­spiel für einen Angriff auf jene „strenge“ Form, die Till­schneider sich wünschen würde, bietet Tiecks mit dama­ligen Mitteln unauf­führ­bares und selbst für heutige Begriffe bizarres Anti-Bühnenstück Prinz Zerbino. Ein deut­sches Lust­spiel in sechs Akten (1799). Unter anderem treten auf: „Ein Jäger“, „ein Andrer“, „Fremder Doktor“, „Simo­nides“, „Stall­meister / Der Hund“, „Satan“, „Einige Andere“, „Mario­netten (König und Königin)“, „die Genien“, „der Wald“, „Rosen“, „die Gebü­sche“, „das Himmel­blau“, „Dante“, „Hans Sachs“, „die Blumen“, „Sopho­kles“, „ein Schrank“, „der Braten“, „die Berg­geister“, „Natha­nael von Malsinski“, „Einige in der Nation“, „die Nation“ sowie „Alle“. Auf der Bühne wird über die Bühne gespro­chen und die „vierte Wand“ wird beständig durchbrochen. Typi­sche Dialoge verlaufen wie folgt:

    LEANDER. Ist es erlaubt, den Prinzen Zerbino zu besu­chen?

ARZT. Nein, mein Herr, er läßt sich jetzt nicht spre­chen.

LEANDER. Warum nicht?

ARZT. Ich habe ihn mit viel Mühe zum Schlafen gebracht.

LEANDER. Ich spräche ihn gar zu gern,

SICAMBER. Was haben Sie an ihn.

LEANDER. Ich habe hier ein Buch geschrieben, das ich ihm dezi­dieren und vorlesen möchte. Es ist ganz eigen für seinen Zustand einge­richtet.

CURIO. Wie heißt es denn?

LEANDER. GRUNDSÄTZE DER KRITIK und ist in zwei Bänden abge­faßt. Es soll dazu dienen, die gespannte Phan­tasie wieder etwas herab­zu­stimmen, den Verstand aufzu­klären, indem wir das Unförm­liche einsehn, und uns so in der Poesie unver­merkt zum Klas­si­schen und Voll­endeten führen.

CURIO. Nun, das ist ein wahr­lich christ­li­cher Vorsatz.

HANSWURST. Man soll den Prinzen schnell aufwe­cken, damit man ihn in den Schlaf lesen könnte, so kam‘ er doch zur Ruhe.


Man stelle sich vor, dieses durch und durch verspulte Stück würde heute, da endlich die erfor­der­li­chen tech­ni­schen Mittel zur Verfü­gung stehen, anonym oder unter Pseud­onym aufge­führt werden – ein Groß­teil der AfD-Kulturexperten würde sich vermut­lich über den Nieder­gang des Thea­ters infolge post­mo­derner Spie­le­reien, Frivo­lität, Albern­heit und Dekon­struk­tion echauf­fieren, würde nach mehr Ernst­haf­tig­keit, mehr Hero­ismus, nach mehr männ­li­cher Größe, kurz: nach weniger deut­scher Romantik, wie sie wirk­lich war, rufen.

Joseph Frei­herr von Eichen­dorff schliess­lich verfasste mit der Novelle Aus dem Leben eines Tauge­nichts (1826) die Blau­pause für jenen Lebens­stil, den AfDler gerne mit Voka­beln wie „verlot­tert“ oder „versifft“ bedenken. Ein anonymer Amazon-Rezensent schrieb 2017 tref­fend über das Buch: „Before Kerouac there was Eichen­dorff, the first classic on the road romantic story.“ Aber, so würden AfD-Nationalromantiker erwi­dern, es könne doch nicht bestritten werden, dass es Eichen­dorff immer auch um die Heimat zu tun war! Kämpfte er nicht tapfer im Lützower Frei­korps gegen Napo­leon? Man denke über­dies an sein Gedicht Die Heimat, wo das „geheime Singen“ der Heimat auf den fernen Wegen des lyri­schen Ichs niemals verstummt! Wohin es auch geht, das Heimweh folgt ihm. Genau so ist es. Heimweh ist nicht gleich Heimat.

Dazu schrieb ausge­rechnet Rüdiger Safranski, der zwar kein AfD-Mitglied ist, aber anschluss­fä­hige Posi­tionen an den liberal- wie auch natio­nal­kon­ser­va­tiven Flügel der Partei vertritt: „Die Hingabe ans unend­lich aufge­scho­bene Reise­ziel ist das Einver­ständnis mit der unend­lich aufge­scho­benen Sinn­erfül­lung. Eichen­dorff ist kein Dichter der Heimat, sondern des Heim­wehs, nicht des erfüllten Augen­blicks, sondern der Sehn­sucht, nicht des Ankom­mens, sondern der Abfahrt.“ Die AfD indes erträgt den Aufschub nicht. Sie will Erfül­lung. Klar­heit. Eindeu­tig­keit. Somit ist die Partei tatsäch­lich, wie Marc-Felix Serrao, auch er alles andere als ein linker Hyper­pro­gres­sist, einmal tref­fend in der Neuen Zürcher Zeitung schrieb, „inlän­der­feind­lich“. Sie betreibt eine zweite Teilung Deutsch­lands, indem sie eine Mauer durch die Romantik zieht. Die Romantik der AfD ist eine anti­deut­sche Romantik.


Aus: "Anti­deut­sche #Romantik. Wie die AfD die Romantik spaltet, um sie zu regieren" Jörg Scheller (3. März 2019)
Rubrik Reizwörter - AfD, Deutschland, Geschichte, Postmoderne, Rechtspopulismus, Romantik
Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/antideutsche-romantik-wie-die-afd-die-romantik-spaltet-um-sie-zu-regieren/

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« Reply #3 on: March 04, 2019, 12:19:06 PM »
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[...] Wie das WDR-Magazin „Westpol“ berichtet, tauschten die AfD-Mitglieder und Parteifunktionäre dort rechtsextreme Botschaften aus – und riefen zum Umsturz auf. Die Nachrichten und die Reaktionen darauf zeigen, wie tief die AfD in NRW gespalten ist.

„Warum sollte man nichts mit dem 3. Reich zu tun haben?? Es ist doch unsere Geschichte! Nur schämen muss man sich nicht dafür!!!“, bekennt sich ein AfD-Mitglied in einem Chat, dessen Protokolle dem WDR vorliegen, zum Nazi-Regime.

Grüße vom Führer werden verschickt und das Dritte Reich verteidigt. Andere rufen zum Aufstand auf: „Man mag mich dafür jetzt kritisieren, aber ohne massenhaften Volksaufstand geht unser Deutschland den Bach unter“, schreibt ein anderes AfD-Mitglied.

Theo Gottschalk, AfD-Mann aus dem Rhein-Erft-Kreis und Admin der Whatsapp-Gruppe, sagt, man werde die Mitglieder durchleuchten und herausfiltern. Auch der nordrhein-westfälische AfD-Chef Helmut Seifen wurde mit den Aussagen konfrontiert. „Hier gibt es nichts mehr zu relativieren“, kommentiert er gegenüber dem WDR die Chats. „Wir werden diese Partei von diesen Leuten befreien müssen, weil man mit diesen Leuten keine Politik machen kann.“

Auch der Chef des AfD-Bezirks Münster Steffen Christ wird durch die Veröffentlichung der Chats belastet. „Ohne Bürgerkrieg light wie bei Erdogan wird’s nicht laufen“, schreibt er in den Chats. Erst später relativiert er die Äußerung schriftlich.

Seifen kritisiert Christ hart: „Dieser Mensch hat als Funktionär in unserer Partei nichts zu suchen.“

Die AfD ist in NRW seit Monaten tief gespalten. Über die Ausrichtung der Partei sind sich die Landessprecher Seifen und Thomas Röckemann uneins. Ebenso uneins werden sie sich sein, wie mit den Mitglieder umgehen, die solch rechtsextreme Meinungen von sich geben.

Röckemann sagte noch Ende 2018, es gebe keine Nazis in der AfD. Die Whatsapp-Chats sprechen eine andere Sprache. (jg)



Aus: "AfD in NRW: Rechtsextreme Posts in Whatsapp-Chats aufgetaucht – „entsetzlich, unterirdisch, widerlich“" (03.03.2019)
Quelle: https://www.derwesten.de/politik/afd-rechtsextreme-posts-in-whatsapp-chats-aufgetaucht-entsetzlich-unterirdisch-widerlich-id216578107.html

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« Reply #4 on: March 14, 2019, 09:45:31 AM »
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[...] Seit mehreren Wochen gibt es nach Medienberichten eine bundesweite Serie mutmaßlich rechtsextremer Gewaltdrohungen gegen Politiker und andere öffentlich herausgehobene Personen. Es gehe um mehr als 100 verschickte E-Mails, die mit „Nationalsozialistische Offensive“, „NSU 2.0“ oder „Wehrmacht“ unterzeichnet worden seien, berichteten am Mittwochabend die „Süddeutsche Zeitung“ und der NDR. Darunter seien auch Bombendrohungen. Bei Durchsuchungen seien aber bisher keine Bomben gefunden worden.

Wegen entsprechender Drohungen seien am Montag der Hauptbahnhof Lübeck sowie am Dienstag das Finanzamt Gelsenkirchen vorsorglich geräumt worden, hieß es. Mindestens fünfzehn Mal sollen seit Dezember Bombendrohungen mit dem Absender „Nationalsozialistische Offensive“ auch bei Gerichten oder Justizzentren eingegangen sein, unter anderem beim Oberlandesgericht München, dem Oberlandesgericht Bamberg, der Staatsanwaltschaft in Frankfurt, aber auch beim Flughafen Hamburg.

Die Bundesanwaltschaft hat den Berichten zufolge einen Prüfvorgang angelegt. Ein Sprecher der Karlsruher Behörde wollte sich auf Anfrage dazu nicht näher äußern, verwies aber auf die örtlichen Staatsanwaltschaften. Den Berichten zufolge haben sich die Generalstaatsanwälte der Länder geeinigt, die Ermittlungen gebündelt bei der Berliner Staatsanwaltschaft zu führen (Aktenzeichen 231 UJs. 181/19). Von dort war inhaltlich zunächst keine Stellungnahme zu erhalten, ein Sprecher kündigte für Donnerstag eine Reaktion an. Ermittelt wird laut den Medien wegen des Vorwurfs der räuberischen Erpressung, der Volksverhetzung und der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten.

Die persönlich adressierten Schreiben seien von unterschiedlichen Mailkonten verschickt worden, in der Wortwahl aber so ähnlich, dass die Ermittler einen Zusammenhang vermuteten, meldeten die Medien. Es gehe gegen Politiker, Anwälte, Journalisten, den Zentralrat der Juden, aber auch die Sängerin Helene Fischer, die sich nach den Ausschreitungen in Chemnitz kritisch geäußert hatte. Ob dahinter jedoch stets dieselben Personen steckten oder auch Trittbrettfahrer, sei unklar.

Eine Mail sei am Dienstag der Bundestagsabgeordneten Martina Renner (Linke) zugegangen, hieß es. Sie sei mit „Nationalsozialistische Offensive“ unterzeichnet gewesen und habe angekündigt, künftig Briefbomben zu verschicken und Bürger auf offener Straße zu exekutieren. Man verfüge über Sturmgewehre, Pistolen und biologische Kampfstoffe.

Bekannt ist, dass unter dem Kürzel „NSU 2.0“ in den vergangenen Monaten auch Drohschreiben an eine Frankfurter Rechtsanwältin geschickt worden waren. NSU ist das Kürzel des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds, der zehn Menschen erschossen hatte, wofür die einzige Überlebende Beate Zschäpe in einem noch nicht rechtskräftigen Urteil als Mittäterin verurteilt worden war. Bei den Schreiben an die Frankfurter Anwältin war Hintergrundwissen aus dem Informationssystem der Polizei offenbart worden, weshalb nun gegen hessische Polizisten ermittelt wird. Dieser Fall sei eine Ausnahme in der Serie, hieß es in den Medienberichten. In den übrigen Fällen hätten die E-Mails nur öffentlich zugängliche Informationen enthalten. (dpa)


Aus: "Behörden verfolgen bundesweite Serie rechtsextremer Drohmails" (14.03.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/nationalsozialistische-offensive-behoerden-verfolgen-bundesweite-serie-rechtsextremer-drohmails/24100848.html

Quote
Babsack 07:44 Uhr

Das Bundesinnenministerium teilt auf Nachfrage unserer Redaktion mit, dass es in diesem Jahr bereits über 200 Angriffe „gegen Amts- und Mandatsträger in Verbindung mit der Asylthematik“ gegeben habe, die polizeilich registriert wurden. Vergleichszahlen aus den Vorjahren gibt es nicht, bislang wurde die Kategorie Angriffe „gegen Politiker“ nicht gesondert beim Kriminalpolizeilichen Meldedienst erfasst. Das soll sich von diesem Jahr an ändern.
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund hat mit dem Magazin „Kommunal“ eine Umfrage unter 1000 Bürgermeistern durchgeführt. Das Ergebnis: Jeder Zweite von ihnen wurde schon wegen seiner Flüchtlingspolitik beschimpft und beleidigt. Das Spektrum reicht dabei von fiesen Mails über tote Ratten vor der Haustür und eingeschlagenen Fensterscheiben. ... Erich Pipa erhält weiterhin Briefe. In einem der letzten heißt es: Der „Heimatschutz Kinzigtal“ sei froh, dass Pipa aufhöre. Und gibt dem Landrat noch einen Auftrag mit: Er solle im Bundestag eine Petition einreichen, dass man keine Flüchtlinge mehr aus dem Mittelmeer rette. Wenn er das nicht mache, so die Schreiber, passiert was. ...
(Diana Zinkler, 04.09.2016) | https://www.morgenpost.de/politik/article208178841/Eine-Drohung-zu-viel-dieser-Landrat-will-aufgeben.html

Solche Drohungen von rechts sind nicht neu und sie zeigen Wirkung,wie man unter dem obigen Link nachlesen kann.
Die Bedrohung von rechts in der Bundesrepublik ist weitaus massiver und kontinuierlicher,als jeder anderartig motivierte Terror.


...
« Last Edit: March 14, 2019, 09:47:20 AM by Link »

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« Reply #5 on: March 14, 2019, 11:12:57 AM »
Quote
[...] Es gibt sie noch: Die Journalisten, die wirklich recherchieren dürfen, deren Zeitungen stark genug sind, sie nicht nur für Recherchen freizustellen, sondern ihnen auch den Rücken freihalten und am Ende auch noch Zeit geben, die Recherchen in ein dickes Buch zu packen. Und wenn man das Buch in der Hand hat, ahnt man, was drei Jahre Recherche im Netzwerk der Neuen Rechten bedeuten.  ...

Je mehr Facetten die beiden Autoren zeigen, umso deutlicher wird, dass diese Überschneidungen mit den Rechtsextremisten kein Zufall sind, sondern Teil einer durchdachten Strategie, zu der die Aktionen in den „social media“ (samt Shitstorms, Memes und Trollen) genauso gehören wie die Übernahme originär linker Protestformen, die die Auftritte der Rechten auf einmal hipp, unkonventionell und jung aussehen ließen. Obwohl selbst die medialen Produkte, die sie im Netz offerieren, geradezu gespenstisch kleinkariert wirken.

Denn am Weltmodell, das sie vertreten, hat sich ja seit 100 Jahren nichts geändert. Auch wenn an die Stelle des Rasse-Begriffs die „Identität“ getreten ist, manchmal auch „Kultur“ oder „christliches Abendland“. Schon Heinrich Heine hat sich ja über diese Spätromantiker bitter lustig gemacht, die das Heil der Welt in der Rückkehr in als idyllisch beschriebene Vorstellungen von Heimat, Familie, Kirche und strenger Hierarchie sahen. Das geht jetzt über das Buch hinaus, denn genau dieses Problem kann so eine Recherche ja nur antippen, denn irgendetwas an diesen mittelalterlichen Vorstellungen muss ja auch die Wähler ansprechen, ihnen wie eine heile Welt vorkommen in einer Moderne, die sie als heillos empfinden.

Und die augenscheinlich ansprechbar sind mit simplen Erklärmustern, die all ihre Überforderung mit einer kulturellen Überwältigung erklären, gar „Überfremdung“ oder gar „Volksaustausch“. Erklärungen, die umso wirksamer sind, wenn sie auch noch in allen Medien thematisiert werden und ein ganzes Land statt über die Lösungen der Gegenwart über Ausländer und „Masseneinwanderung“ debattiert.

Das Buch macht sehr schön sichtbar, wie die intellektuellen Strategien hinter all dem funktionieren, wie sich die Köpfe dieses Netzwerks gegenseitig die Bälle zuspielen und wie sie systematisch auch daran arbeiten, sich mit nationalistischen Bewegungen in anderen Ländern zu vernetzen. Und zur Konsequenz dieser Strategie gehört natürlich auch, unsere Demokratie selbst wie eine Diktatur erscheinen zu lassen, zu suggerieren, da gäbe es eine „politische Elite“ aus „Altparteien“, die es zu vertreiben gelte. Politik ist zum größten Teil immer Psychologie, ein Spiel mit Bildern. Die Phrase „Lügenpresse“ und die Diskreditierung kritischer Medien gehören genauso dazu, verbunden mit der Selbstinszenierung als echter „Widerstandskämpfer“.

Wenn man diese grauhaarigen „Widerstandskämpfer“ dann in den Parlamenten sitzen sieht, wird einem schon mulmig im Bauch. Erst recht, wenn Fuchs und Middelhoff sehr akribisch aufarbeiten, wie eng die Verbandelungen mit alten und nicht ganz so alten Kadern aus rechtsextremen Parteien und Kameradschaften sind.

Das Buch ist gespickt mit Geschichten, Namen, aufgedeckten Querverbindungen. Es zeichnet eine fast überwältigende Fülle von Vereinen, Magazinen, Agenturen und Netzwerkern auf, die alle an ein und demselben Projekt arbeiten: Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit wieder hoffähig zu machen und ihre Vorstellungen einer „geschützten Heimat“ in die Köpfe zu bekommen. Einer Gesellschaft, die all die liberalen Errungenschaften seit 1968 wieder einkassiert und durch Wertevorstellungen ersetzt, die aus Kaisers Zeiten stammen.

Und die vor allem – so besonders von Götz Kubitschek formuliert – den Riss vertiefen will, der durch die Gesellschaft geht, also das Gegenteil einer offenen Debatte erreichen will, sondern genau das, was auch die Weimarer Republik zerrissen hat. Wenn nämlich nur noch die Extreme aufeinander einprügeln, bleibt vom offenen und respektvollen Gespräch, von dem eine Demokratie lebt, nichts mehr übrig.

Und so verzeichnet selbst das Bundestagsprotokoll seit Einzug der AfD immer öfter ein hämisches Lachen genau aus dieser Fraktion, mit dem sie auch ihre Verachtung für alles zum Ausdruck bringt, was die anderen sagen. Diese Verachtung kennen wir schon. Es ist die alte Weise, die sich nur wieder neu lackiert hat. Das Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt und es beantwortet viele Fragen zum Zustand unserer Gesellschaft und dazu, wer davon profitiert.

Christian Fuchs; Paul Middelhoff Das Netzwerk der Neuen Rechten, Rowohlt Polaris, Reinbek bei Hamburg 2019


Aus: "Das Netzwerk der Neuen Rechten: Drei Jahre Recherche kompakt in einem Buch" Ralf Julke (14. März 2019)
Quelle: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2019/03/Das-Netzwerk-der-Neuen-Rechten-Drei-Jahre-Recherche-kompakt-in-einem-Buch-263860


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« Reply #6 on: March 16, 2019, 05:52:19 PM »
Bei einem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland) sind am 15. März 2019 mindestens 49 Menschen getötet und weitere 40 Menschen verletzt worden. Die Tat ist nach Zahl der Todesopfer das schwerste Verbrechen in der Geschichte Neuseelands. ... (Stand: 16.03.2019)
https://de.wikipedia.org/wiki/Anschlag_auf_zwei_Moscheen_in_Christchurch

Quote
[...] Als in den Jahren 2016 und 2017 eine Welle islamistischen Terrors über Westeuropa schwappte, waren sie blitzschnell: AfD-Politiker wie Beatrix von Storch, Alice Weidel, Jörg Meuthen oder Stephan Brandner reagierten oft innerhalb von Minuten. Mit einer Mischung aus Betroffenheit und Wut auf jene, die aus ihrer Sicht mit ihrer Politik dem Terror den Weg bereitet haben, kommentierten führende Köpfe der Partei die ersten Eilmeldungen. Teilweise wurde die Betroffenheit auch übersprungen. Etwa, als der damalige NRW-Chef Marcus Pretzell noch am Abend des Anschlags vom Breitscheidplatz schrieb, es seien "Merkels Tote". Oder, als Beatrix von Storch, kurz nachdem ein Mann in Münster mehrere Menschen überfahren hatte, in Anspielung auf das berühmte Zitat von Kanzlerin Angela Merkel twitterte, "Wir schaffen das!" Inzwischen steht fest: Münster war eine Amokfahrt. Was umso deutlicher zeigt, wie übereilig AfD-Politiker Gewalttaten dieser Größenordnung kommentieren und einordnen.

 Als am Freitag mehrere vermutlich rechtsextreme Angreifer 49 Menschen in zwei Moscheen in Neuseeland erschossen haben - darunter mehrere Kinder - hüllte sich nahezu die komplette AfD über Stunden in vielsagendes Schweigen. Ist es aus Sicht der Partei, der gesamten neurechten Szene weniger verabscheuungswürdig, wenn ein weißer Attentäter Muslime tötet?

Zweifel an dieser These lassen sich beim Blick in AfD-nahe Niederungen kurz nach dem Anschlag nicht ausräumen, in Facebook-Gruppen und den Kommentarspalten der Medien, in denen die Partei üblicherweise viel Zuspruch bekommt. "Rein zahlenmäßig" sei der Anschlag ja "Peanuts verglichen damit, was Moslems Andersgläubigen angetan haben", schreibt einer. Ein anderer antwortet: "Weniger ist mehr". In einer anderen Gruppe wird ein Foto des Attentäters mit "Unser Held" überschrieben. Garniert mit einem Zwinker-Smiley schreibt einer: "Nicht jeder Moslem wird gepudert und verwöhnt, manche kriegen das Gesetz auch eingeprügelt." Unter einem Artikel der AfD-nahen Wochenzeitung "Junge Freiheit" schreibt ein Leser: "Wo Islam ist, dort existiert Hass und der gebiert Gegenhass" - die kleine muslimische Minderheit in Neuseeland sei also selbst schuld. Leser des rechten Hetzportals "PI News", dem AfD-Politiker immer wieder gerne ausführliche Interviews geben, schreiben "mir egal", "was soll's" oder "die eigene Medizin schmecken, ist eben bitter".

 Die Parteispitze der AfD müsste darüber eigentlich bestens Bescheid wissen. Eine klare Positionierung hätte schnell zumindest eine formale Distanz zu dem menschenverachtenden Gerede herstellen können, es hätte den Versuch geben können, diesen Diskussionen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch die Parteichefs Meuthen und Gauland, sowie Fraktionschefin Weidel ziehen es vor abzuwarten.

Andere Akteure der Partei schweigen nicht und verbreiten ihre eigene Interpretation der Ereignisse. Harald Laatsch etwa, der für die AfD im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, hat sich offenbar von einer Schlagzeile von "PI News" inspirieren lassen und schreibt bei Twitter, der Mörder habe seine Tat mit "Überbevölkerung und Klimaschutz" gerechtfertigt und gibt im gleichen Atemzug "Klimapanikverbreitern" wie der 16-jährigen Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg eine Mitschuld. Diverse Kreisverbände der AfD verbreiten die Theorie, der Täter sei eigentlich ein "Linksextremer", ein "grüner Öko-Terrorist". Andre Poggenburg, bis vor kurzem noch Landeschef der AfD in Sachsen-Anhalt, jetzt aber mit neuer Partei unterwegs, sieht keinen Anlass für Mitgefühl. Er kommentiert: "Klar ist aber auch: Muslime, die deutsche Frauen angreifen, greifen auch uns alle an und das schon seit Jahren mittlerweile."

 Über vier Stunden nach den ersten Meldungen, nachdem sich alle anderen Parteien und Politiker rund um den Globus zu dem schrecklichen Anschlag geäußert haben, schreibt dann Parteichef Jörg Meuthen ein paar Zeilen und verurteilt die Tat. Rund zwei Stunden später tritt AfD-Außenexperte Armin-Paul Hampel vor die Kamera, drückt den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und fordert einen Diskurs über die Verrohung der Gesellschaft. Auch Alice Weidel schreibt mehr als 24 Stunden später einen kurzen Beitrag bei Facebook, bekundet Beileid. Und zwei, die üblicherweise zu den schnellsten gehören, wenn es darum geht, Nachrichten, die das Narrativ der AfD erfüllen, zu verbreiten, halten beim Anschlag in Neuseeland bis jetzt an ihrem Schweigen fest: Beatrix von Storch und Stephan Brandner. Und auch vom Chefideologen des ultrarechten Flügels, Björn Höcke, gibt es bis jetzt keinen Kommentar.

Das Schweigen der AfD im Anschluss an das Blutbad von Christchurch war keineswegs ein Zufall und die darin liegende Botschaft ist nicht zu überhören. Das wirft Fragen nach dem Menschenbild der Rechtspopulisten auf. Es ist kein Geheimnis, dass der Islam zu den größten Feindbildern der Partei gehört. Jetzt jedoch müssen sich Vertreter der Partei, und jeder, der ihr seine Stimme gibt, auch die Frage gefallen lassen müssen, ob Moslems in den Augen der AfD minderwertige Menschen sind, die weniger Mitgefühl verdient haben.


Aus: "Kommentar: Klare Botschaft zu Christchurch Das Schweigen der AfD ist nicht zu überhören" Ein Kommentar von Benjamin Konietzny (16. März 2019)
Quelle: https://www.n-tv.de/politik/politik_kommentare/Das-Schweigen-der-AfD-ist-nicht-zu-ueberhoeren-article20911085.html

« Last Edit: March 16, 2019, 05:55:19 PM by Link »

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« Reply #7 on: March 16, 2019, 06:21:55 PM »
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[...] ZEIT ONLINE: Herr Neumann, was wissen wir über die Motivation des Attentäters von Christchurch?

Peter Neumann: Das Manifest des Täters, das er offensichtlich vor der Tat geschrieben und veröffentlicht hat, legt nahe: Das war ein rassistischer, rechtsextrem motivierter Anschlag. Er speist sich aus einer Kombination von neuer und alter rechter Ideologie. In dem Manifest stehen krude rassistische Dinge, die ich eher der Neonaziszene zurechnen würde, aber auch viele neurechte Elemente, die man eher bei Identitären finden würde. Der Titel des Manifests lautet: "Der große Austausch". Dieser angebliche Bevölkerungsaustausch ist die bekannteste Verschwörungstheorie der Neuen Rechten.

ZEIT ONLINE: In seinem Manifest nimmt der Täter auch Bezug auf Anders Breivik, den rechtsextremen Attentäter aus Norwegen. Er behauptet sogar, er habe den Segen von Breivik erhalten und mit ihm in Kontakt gestanden. Glauben Sie ihm?

Neumann: Das sollte man mit Vorsicht genießen. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass der Täter mit Breivik Kontakt hatte. Vielleicht hat er ihm einen Brief geschrieben. Mehr nicht. Aber dass er das schreibt, zeigt, wie sehr er sich in der Tradition von Breivik und seinem Anschlag von 2011 sieht. Sowohl in der Ausführung als auch ideologisch hat sich der Attentäter als Nachfolger von Anders Breivik gesehen. Das sieht man auch im Format des Manifests. Das ist zum Teil ein Interview mit sich selbst. Wie bei Breivik. Es ist auch ähnlich geschrieben, ähnlich aufbereitet. Und wenn er seine Vorbereitungen beschreibt, die angeblich zwei Jahre gedauert haben, dann ist das auch ähnlich wie bei Breivik, der sich angeblich auch zwei Jahre auf seinen Anschlag vorbereitet hat. Breivik hat diese ganze Ideologie der Kreuzritter geschaffen und ihr mit seiner Tat die Strahlkraft verliehen. Der Täter von Christchurch sah sich in der Tradition dieser Idee und war dadurch nicht nur irgendein Loser, sondern Teil einer großen historischen Bewegung. Das ist für Terroristen immer wichtig. Denn niemand will ein einzelner Loser sein. Jeder will etwas sein, das groß ist und bedeutend. Der Kreuzritter-Mythos, den Breivik geschaffen hat, das ist für solche Terroristen wie in Christchurch entscheidend.

ZEIT ONLINE: War der Attentäter also gar nicht der Einzeltäter, zu dem er nun gemacht wird?

Neumann: Doch, es sieht so aus, als sei er ein Einzeltäter gewesen. Doch es gibt einen Unterschied, der sich in den nächsten Tagen noch klären wird: Breivik war wirklich ein einsamer Wolf, der relativ wenig mit anderen Leuten kommuniziert hat. Bei diesem Täter kann ich mir gut vorstellen, dass er ziemlich intensiv in virtuellen Subkulturen unterwegs war, in Internetforen wie Reddit oder 8Chan, wo er sich mit anderen Leuten ausgetauscht hat.

ZEIT ONLINE: Der Täter hat die Tat dort sogar angekündigt und sie dann auf Facebook live übertragen.

Neumann: Er hat alle medialen Mittel genutzt, die ihm zur Verfügung stehen. Er hat das Manifest online gestellt, versucht, die Tat live zu übertragen, einen Mythos um die eigene Person zu schaffen. Und so andere zu ähnlichen Taten anzustiften.

ZEIT ONLINE: Der Täter hatte offenbar sogar eine GoPro-Kamera am Helm.

Neumann: Das passierte nicht zum ersten Mal. Der Erste, der das versucht hat, war Mohamed Merah, der 2011 in Toulouse sieben Menschen erschossen hat und sich dabei auch eine GoPro an den Helm schnallte, um seine Taten live zu übertragen. Da hat es technisch aber nicht funktioniert. Aber seit dem Anschlag haben viele Leute immer wieder davor gewarnt, dass das irgendwann passieren wird.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Mittel der Inszenierung werden von Islamisten wie von Rechtextremen gleichermaßen verwendet?

Neumann: Das halte ich für einen wichtigen Punkt. Was Taktik angeht, Inszenierung angeht, befruchten sich die verschiedenen extremistischen Bewegungen gegenseitig. Dschihadisten und Rechtsextreme haben überhaupt kein Problem damit, voneinander zu kopieren. Breivik selbst hat in seinem Manifest zugegeben, dass er sich die Taktik von Al-Kaida abgeschaut hat. Es ist also nicht überraschend, dass der Täter sich auch hier gewissermaßen vom eigenen Feind inspirieren ließ.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet diese neue Art der Inszenierung von Terrorismus für die Sicherheitsbehörden?

Neumann: Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Staaten, beobachten die Sicherheitsbehörden die offen rechtsextreme Szene ziemlich genau und wissen, was da vor sich geht. Wenn man aber in die virtuellen Subkulturen geht, in 8chan oder in Reddit, dann sind die Behörden da noch nicht wirklich präsent. Ich glaube, sie haben noch nicht verstanden, wie wichtig diese Subkulturen für die rechte Szene sind. Dieser Anschlag ist ein Hinweis darauf, dass man sich damit genau so beschäftigen muss wie mit einer Kneipe im Erzgebirge oder einer Kameradschaft bei einem Aufmarsch.


Aus: "Christchurch: "Der Kreuzritter-Mythos ist für solche Terroristen entscheidend"" Interview: Fritz Zimmermann (15. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-03/christchurch-terroranschlag-rechtsextremismus-nachfolger-anders-breivik-kreuzritter/komplettansicht

Quote
spiegelwechsler #1

Werden bei einem islamistischen Anschlag auch so viele Artikel über die angeblichen Gründe geschrieben?


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Dundoril #1.16

... Bei muslimischen anschlaegen endet das fuer viele halt leider meist bei "so sind die Muslime wir sollten die alle loswerden"...


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Elitezigeuner #2

Es ist letztlich müßig, darüber die Zeitungen vollzuschreiben. Spinner, Wahnsinnige, Psychopathen, Rassisten und Gewaltverbrecher wird es immer geben. Und zwar unter den Angehörigen jeder Religion, Rasse, Nationalität, Hautfarbe. Hass und Gewalt sterben nie aus, face reality, wir stammen letztlich alle von Gewaltverbrechern ab, man muss in der Evolution einfach nur weit genug zurückgehen ....


Quote
Mumblik #2.2

Billige Relativierungsversuche hat es in diesem Forum schon immer gegeben.


Quote
wush #11

Gutes Interview. Hier noch einige Fakten:

Der Täter filmte vom Einstieg in sein Auto an und kommentierte dabei in lakonischem, leicht ironischem Ton. Er hörte, laut hörbar für seine Opfer, mehrere Musikstücke, je eines davon mit Bezug zur Wehrmacht und zur britischen Armee, ein islamophobes Lied aus dem Umfeld des Jugoslawienkrieges sowie eine Art Technolied ohne Text.

Bei der Tat selbst ging er auffällig ruhig, berechnend und kaltblütig vor. Er legte Wert darauf zielsicher zu feuern, auch bereits verletzte Opfer mit gezielten Schüssen zu töten und dies geradezu cineastisch zu inszenieren.

Er wollte ganz offensichtlich den Eindruck eines professionellen, von seiner Sache patriotisch überzeugten Soldaten erwecken, welcher sich auf einer gut geplanten und zielgerichtet ausgeführten Operation befindet. Bei seinen Opfern wollte er u.a. durch die Musik sowie sein geradezu ruhiges, methodisches Vorgehen maximale Angst erzeugen. ...


Quote
CarlitoJ #11.5

... Das Video wurde vom Täter zu eine, bestimmten Zweck gedreht: Propaganda für potenzielle Nachahmer.


Quote
Schnitzel mit Bratwurst und Schweinsbraten #11.12

Es ist die ''Wahrheit'' aus der Perspektive des Täters.

Ein Video aus der Opferperspektive, die auch zur ''Wahrheit'' gehört, würde wohl deutlich weniger konsumiert werden.


Quote
Max Pe #18

Vor diesem Anschlag hat kein Mensch grossartig über 'weisses Kreuzritterdenken' von Breivik gesprochen. Der feuchte Traum eines kranken Mörders.
Desweiteren wieso Manifest und nicht Bekennerschreiben wie bei anderen Terroristen auch?

Sicher, dass hier nicht versucht wird etwas künstlich zu erschaffen/aufzublähen was gut klingt und sich gut verkauft?
Zumindest wird hier viel zur sogenannten 'Mythosbildung' beigetragen.


Quote
DingoEurope #31

Ich finde es doch immer wieder erstaunlich, wie unsere Gesellschaft immer atheistischer wird, und sich dennoch hier immer mehr Leute (gefühlt) das christliche Abendland auf die Fahne schreiben.


...


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« Reply #8 on: March 16, 2019, 06:35:20 PM »
Quote
[...] In seinem 87-seitigen Manifest spottet der möglicherweise gleiche Täter: Spyro, ein kleiner violetter Videospieldrache, habe ihn zum Ethnonationalismus konvertiert. Er bedroht auch Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Tod. Sie sei "die Mutter aller anti-weißen und anti-germanischen Dinge, ganz oben auf der Liste". Wenige hätten so viel getan, um Europa zu schädigen. Die Passage endet mit den Worten: "KILL ANGELA MERKEL, KILL ERDOGAN, KILL SADIQ KHAN."

Mit Ironie und bewusster Provokation will er offenbar emotionale Reaktionen beim Publikum auslösen. So wird es fast unmöglich, sein Weltbild aus seinem Pamphlet zu rekonstruieren. Darüber hinaus will sich T. keiner bestimmten rechtsextremen Gruppe zuordnen. Lediglich gegenüber anderen Attentätern, darunter Dylann Roof und Anders Breivik, empfindet er eine Art ideologische Verbundenheit. Das Manifest des norwegischen Massenschützen sei seine "wahre Inspiration" gewesen.


Aus: "Rechtsextremismus: Was trieb den Attentäter von Christchurch an?" Patricia Zhubi (15. März 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-03/rechtsextremismus-terrorattentat-christchurch-pewdiepie-youtuber

Quote
spiegelwechsler #4

Was trieb ihn an?
Der Attentäter ist nicht richtig im Kopf.
Für sowas gibt es keine Rechtfertigungen.


Quote
ah-jun #4.1

"Der Attentäter ist nicht richtig im Kopf"

Also straffrei ab in die Klappse?


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Best Friend Tabitha #4.5

Ach die Rechten sind ja nie richtig im Kopf, wenn sie Leute umbringen. Alle anderen natürlich schon. ...


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Der freundliche Waran #4.16

Weil vom Standpunkt eines normalen Menschen aus "schlicht und einfach irre" zu sein keine geeignete Kategorisierung ist, um schwerste Verbrechen richtig einordnen zu können. Gut ein Drittel der Bevölkerung erkrankt irgendwann im Laufe des Lebens psychisch, kaum jemand begeht deswegen dann Straftaten. Umgekehrt gibts kaum Mordfälle, in denen eine psychische Erkrankung juristisch relevant ist - das ist sie nur dann, wenn jemand durch die Erkrankung die Fähigkeit verliert, seine Taten steuern zu können. Das passiert nur durch schwerste Wahnvorstellungen, "die Stimmen haben es befohlen" usw.
Bei den meisten Mördern ist das nicht der Fall und auch hier gingen die Täter wohl zu planvoll und systematisch vor, um davon auszugehen, dass es zutreffen könnte.

Was machen wir dann mit der Mehrheit der Mörder, die zwar irgendwie nicht mehr ganz sauber ticken, deren Taten sich aber nicht durch einen Verlust ihrer Steuerungsfähigkeit erklären lassen? Nun, wir sehen uns an, was sie sonst noch für Motive haben. Denn nur so finden wir heraus, warum sie nicht z.B. wie andere narzisstisch Gestörte ein unauffälliges Leben führen, in dem sie nur gelegentlich mal rumbrüllen, wenn man sie kränkt.

Nur außerhalb des pathologischen Teils ihrer Persönlichkeit finden wir den wahren Grund, warum sie Täter geworden sind. Am Ende steht bei einem steuerungsfähigen Menschen immer die Entscheidung, Täter zu werden. Die Frage ist, was zu dieser Entscheidung führt.

In diesem Fall ist es übrigens Faschismus.


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mineyanoor #4.24

Der ist genau so wenig verrückt wie alle anderen Fanatiker. ...


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vincentvision #9

Menschen wurden bewusst getötet und verletzt, nur weil sie eine andere Religion leben - damit unterscheiden sich solche Taten nicht im Mindesten von denen islamistischer Attentäter, die angeblich Ungläubige töten wollen.

Und damit geht einmal mehr die Saat derjenigen auf, die täglich gegen Menschen hetzen und sie ausgrenzen.

Und deren Hetze man größtenteils unwidersprochen lässt.

Dass es dann zu solchen Taten führt, ist keine Überraschung.

Denn seit den alltäglichen Salonrassisten ist aber genau diese Hetze unter bürgerlich-braunem Mäntelchen normal und intelligente Differenzierung bei gewissen Mitbürgern nicht mehr en vogue. ...


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AH-JA #19

Dummheit, abgrundtiefer Hass, politische Verblendung, Selbstüberschätzung und Gewaltbereitschaft werden zusammengerührt und führen zu diesen terroristischen Mordexzessen. Ein unheilvolles Gebräu von Menschenverachtung.


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GrosMorse #24

Habe das Manifest gelesen. Das ist so ein Haufen Mist, da weiß man gar nicht wo man anfangen soll. Der Mann feiert darin andere Massenmörder wie den Quebec Mosque Shooter oder den Killer von Charleston. Er schreibt außerdem, dass er Europa mit der Tat einen Gefallen getan hat und tut dies im Namen von Millionen Europäern. Er ist überzeugt, er sollte außerdem für den Friedensnobelpreis nominiert werden.
Im Manifest sind außerdem Bilder von Blonden Frauen und Kindern enthalten, die völlig verquert mit Bildern von martialischen Soldaten gemischt sind. Nordische Mythologie ist natürlich auch mit dabei.

Er nutzt die gleiche Rhetorik die die Identitäre Bewegung, Front National, Britain First und andere Rechte Bewegungen in Europa nutzen. Außerdem redet er von einem Völkermord in Europa an der weissen Bevölkerung durch die niedrigen Geburtenraten. Daher ruft er zum Mord an allen Nicht-Europäern in Australien, Europa, Argentinien, Nordamerika und Neuseeland auf. Das sind ihm zu Folge nach Bruderländer.
Die Kapitalisten sollen außerdem Millionen billig Arbeitskräfte importieren um die Kultur zu zerstören und Gewinn zu machen.
Außerdem müssen wir die Umwelt schützen um unseren ethnisch reinen Staat zu bewahren und die Kultur, die mit der Natur verbunden ist, mehr schätzen.

Das ganze Manifest ist so unfassbar rassistisch, menschenverachtend und lehnt alle Werte und Normen der westlichen Zivilisation ab.


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HelloDarknessMyOldFriend #30

Hat sich der Autor mit dem "Manifest" eigentlich überhaupt beschäftigt? Es ist wirklich eckelhaft das so vor diesen Hintergrund zu schreiben, aber das meiste davon ist ein Witz. Was aber daraus klar wird sind die Intentionen des Mörderers. Er will den "Culture War" beschleunigen. ...


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[Forschender Blick nach rechts... ]
« Reply #9 on: March 21, 2019, 07:55:22 PM »
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[...] Am Wochenende tauchten rechtsextremistische Morddrohungen in Wohnhäusern von Aktivisten in Neukölln auf. "9 mm für ..." stand in roter Sprühfarbe an zwei Hauswänden, gefolgt von den Klarnamen der Bedrohten. In zwei weiteren Fällen wurden Menschen mit Klarnamen beleidigt. Bei den Opfern handelt es sich nach Informationen des Tagesspiegels um Engagierte, darunter auch einen Mitarbeiter der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR). "Das sind Menschen, die die Rechtsextremen offenbar als ihre politischen Feinde betrachten", sagte Bianca Klose von der MBR.

Die gesprühten Morddrohungen waren am Donnerstag auch Thema in der Fragestunde des Abgeordnetenhauses. „Wir haben eine Ermittlungsgruppe eingesetzt und treffen uns mit Opfern dieser Anschläge. Aus Sicht des Landes handelt es sich um Anschläge, die durchaus als Terrorismus eingeschätzt werden können“, sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD) auf die Frage der Linkspolitikerin Anne Helm, was dem Senat zu den Morddrohungen bekannt sei. 

Auf die Frage, ob dem Staatsschutz bekannt sei, dass Opfer monatelang von Neonazis ausgespäht worden seien, antwortete Geisel: „Da laufen die Ermittlungen noch. Aus ermittlungstaktischen Gründen darf ich darüber öffentlich nicht sprechen.“ Die Berliner Ermittlungsbehörden haben mit der Generalbundesanwaltschaft Kontakt aufgenommen. Ob diese die Ermittlungen übernimmt, ist laut Geisel „noch offen“.

Die Drohungen in roter Sprühfarbe seien bereits aus früheren Fällen bekannt, erklärte Klose. So sei bei den Anschlägen der rechtsextremen Vereinigung "Nationaler Widerstand" zwischen 2010 und 2012 bereits die Formulierung "9 Millimeter für..." aufgetaucht. "Auch im Rahmen der aktuellen Anschlagsserie seit 2016 erkennen wir buchstäblich die gleiche Handschrift", sagte Klose.

Der Täterkreis sei vermutlich klein, erklärte sie. Dafür spreche auch die Art der Angriffe: Die Schmierereien an private Hauswände verbreiten Angst und sind hoch wirksam, brauchen aber gleichzeitig nicht viele Täter. Das interessante sei vor allem die Frage, wie die Täter an die Privatadressen kommen würden, sagte Klose.

Es sei unbegreiflich, "dass die Täter nach wie vor so selbstbewusst und ungestört agieren können", sagte sie. Dies deute daraufhin, dass die Täter sich sicher fühlen und keine Strafverfolgung befürchten würden. "Wir fordern endlich eine wirkliche Aufklärung der Taten", sagte Klose.

Seit 2010 kommt es in Neukölln immer wieder zu Anschlägen – auf Autos, auf Cafés, auf Wohnungen und auf Buchhandlungen. Seit 2016 wurden laut Bezirksamt 51 rechtsmotivierte Angriffe in Neukölln verübt, davon 16 Brandschläge. Allen Opfern gemein ist ihr Engagement gegen Rechtsextremismus.

Mehrfach wurden Menschenleben gefährdet, die Polizei vermutet die Täter in der Neonaziszene. Im Verdacht für mindestens einen der Anschläge auf das Auto des Linken-Politikers Ferat Kocak stehen ein ehemaliger NPD-Politiker sowie ein ehemaliges Mitglied des AfD-Kreisvorstandes, der die Partei mittlerweile verlassen hat.

Laut Informationen von taz und RBB sollen sowohl der Verfassungsschutz als auch das Berliner Landeskriminalamt bereits im Vorfeld von den Anschlägsplänen auf Kocak gewusst. Offenbar hatten die Behörden die Täter abgehört. Dennoch wurden keine Maßnahmen unternommen, um ihn und seine Familie zu schützen.

Wie berichtet, hat die Generalbundesanwaltschaft (GBA) die rechtsextreme Anschlagsserie zum "Gegenstand eines Beobachtungsvorgangs" erklärt. Zuvor hatten Betroffene und Bezirkspolitiker im Dezember die Behörde in Karlsruhe aufgefordert, die Serie von Brandanschlägen als rechten Terror einzustufen und die Ermittlungen zu übernehmen.

...


Aus: "Rechte Attacken in Neukölln: Geisel schätzt Anschläge "als Terrorismus" ein" (21.03.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/rechte-attacken-in-neukoelln-geisel-schaetzt-anschlaege-als-terrorismus-ein/24129404.html

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[Forschender Blick nach rechts... ]
« Reply #10 on: March 25, 2019, 12:27:18 PM »
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[...] Die Ideologie des Rassismus funktioniert noch immer nach der alten Logik der Entmenschlichung: Die radikale Rechte besetzt Begriffe wie Identität, Kultur, Religion und Ethnie als kämpferische Kategorien, die in ihren Augen über Daseinsberechtigung und die gesellschaftliche Rangordnung bestimmen. Sie erklärt Einwanderer kurzerhand zu „Invasoren“, Migrationsbewegungen und demografische Entwicklungen werden als „großer Austausch“, als „Umvolkung“, „Volkstod“ oder „Genozid an den Weißen“ etikettiert. So steht es im Pamphlet des neurechten Massenmörders von Christchurch, so steht es in den Büchern der Neuen Rechten, so hört man es im hippen Onlinesprech der „Identitären“, der amerikanischen Alt-Right-Bewegung. Und so klingt es auch in der AfD.

... NSU-Terrorist Uwe Mundlos beklagte, dass die „weiße Bevölkerung“ durch „Multikultur und Mischehen“ abnehme. Zum „Erhalt der deutschen Nation“ tötete der NSU neun integrierte Menschen aus Einwandererfamilien und eine Polizistin.

Um die angebliche Islamisierung zu stoppen, ermordete der norwegische Rechtsterrorist Breivik 77 Menschen – vor allem jugendliche Sozialdemokraten. Am fünften Jahrestag der Anschläge in Norwegen erschoss ein rassistischer Attentäter in München gezielt neun Menschen, die ethnischen Minderheiten angehörten. Der Täter bewunderte Breivik und die AfD und behauptete, Einwanderer und Flüchtlinge würden die Zukunft des Landes zerstören.

Der Rechtsterrorist aus Christchurch bewunderte ebenso Breivik und erklärte, nationalistische und populistische Bewegungen unterstützen zu wollen. „Es sind die Geburtsraten“, schrieb er mehrfach, um zur massenhaften Tötung von Muslimen aufzuwiegeln, die angeblich die „weiße Rasse“ ersetzen würden.

Die Behauptung des „Volkstods“ und „Genozids an den Weißen“ gehört schon sehr lange zum ideologischen Fundament der radikalen Rechten in aller Welt. Gerede vom „Bevölkerungsaustausch“ oder „Umvolkung“ ist nicht bloß eine Verschwörungstheorie oder populistisches Gewäsch von wenigen rechten Wirrköpfen. Es ist der Kern der globalen Erneuerung der rassistischen Ideologie.

Hierzulande hat der ehemalige SPD-Politiker Thilo Sarrazin die Tore zum Gomorra völkischer Demografie wieder geöffnet, die eine Klassifizierung der Bevölkerungssubstanz nach „Quantität“ und „Qualität“ vornimmt und dabei stets von apokalyptischen Zukunftsszenarien ausgeht. Auch AfD-Mann Björn Höcke steht mit seinen rassistischen Tiraden über den „afrikanischen Ausbreitungstyp“ in der Tradition der nationalsozialistischen Rassenlehre.

Der Bevölkerungswissenschaftler und Nazi Friedrich Burgdörfer warnte in den 1930er-Jahren vor dem „Volkstod“ durch „Unterbevölkerung“ der weißen Bevölkerung und der angeblich höheren Fertilität der als minderwertig bezeichneten schwarzen Bevölkerung. Mit Geburtsraten haben die Nazis den Zweiten Weltkrieg, die Shoa und das Euthanasie-Programm gerechtfertigt. Individualismus, Liberalismus und Materialismus, hervorgerufen durch die „destruktiven geistig-seelischen Einflüsse“ der Juden, seien, so Burgdörfer, Schuld am drohenden „Rassenselbstmord“ der Weißen. Hier schließt der Christchurch-Attentäter an: Er verdammt die Demokratie, dankt Gott für den „Tod des Konservatismus“ und macht „Kulturmarxisten“, Egalität, Individualismus und Globalisierung für den vermeintlichen gesellschaftlichen Niedergang verantwortlich.

Dass unter den in Neuseeland ermordeten Muslimen auch Kinder sind, ist kein Zufall. Denn der Täter hat sich mit diesem Szenario beschäftigt – nicht wie ein Wahnsinniger, sondern in eiskalter Logik: Kinder, die in seinen Augen keine europäische Identität besitzen, sind qua Geburt schuldig. Weil sie erwachsen werden, eigene Kinder bekommen und somit mehr „Invasoren“ schaffen, die das „Volk“ ersetzen. Darum ist das Töten von Kindern nichts anderes als das Töten zukünftiger Feinde. Deswegen ermordete Breivik Jugendliche. Deswegen ermordeten Nationalsozialisten Kinder und Babys.

Die Möglichkeit extremer Gewaltanwendung – vor oder nach einer Machtergreifung – ist in jeder ethnozentristischen Ideologie angelegt. Hannah Arendt hat das ideologische Denken als prinzipiell von Erfahrungen und der Realität unbelehrbar beschrieben. Hitler sprach positiv von der „Eiskälte“ menschlicher Logik, was in den Worten Arendts bedeutet: „Macht man damit ernst, daß es im Leben der Völker ebenso wie im Leben der Natur ’Parasiten’ gibt, so folgt daraus, daß man mit ihnen so umspringen darf wie mit Wanzen und Läusen, die man bekanntlich mit Giftgas ausrottet.“

Christchurch hat gezeigt, was es bedeutet, wenn jemand ernst macht mit der rassistischen Paranoia, dass der „Volkstod“ (Höcke), die „Umvolkung“ (Pirinçci), durch einen „großen Austausch“, einen „Geburten-Dschihad“ (Gottfried Curio) oder eine „feindliche Übernahme“ (Sarrazin) durch die „Invasoren“ (Gauland) drohe.

Die neue radikale Rechte provoziert mit der Bildsprache der Unmenschlichkeit. Damit versucht sie unterschwellig, die Bereitschaft für jene Gewalt zu schaffen, die eines Tages zur Durchsetzung ihrer Ziele notwendig wird. Die Empörung soll der Routine weichen, die Menschen abstumpfen und an grausame Bilder gewöhnen – auch an tote Kinder.

Sicher, nur eine Minderheit derjenigen, die der völkischen Untergangsparanoia verfallen sind, wird zu Vollstreckern physischer Gewalt. Die Herren und Damen, die die Stichworte und den Handlungsdruck erzeugen, verfügen schließlich über Möglichkeiten, mit demokratischen Mitteln für ihre undemokratischen Ziele zu kämpfen. Ob von Zellen, einzelnen Terroristen oder, wie der Politikwissenschaftler Steffen Kailitz zu den Plänen der NPD schrieb, als „rassistisch motivierte Staatsverbrechen“: Die angestrebte Segregation von Menschen wegen ihrer Abstammung, Herkunft, Kultur oder Religion ist in letzter Konsequenz ohne ungeheuerliche Gewalt nicht denkbar.


Aus: "Globale Rechte formiert sich: Die Eiskälte der völkischen Ideologie" Matthias Quent (24.03.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/globale-rechte-formiert-sich-die-eiskaelte-der-voelkischen-ideologie/24139158.html

Quote
2010ff 10:26 Uhr

Ich vermisse bei dem Beitrag von Herrn Quent wesentliche Gründe, warum man sich Rassisten und Nazis anschließt. Man bekommt "Nestwärme", man wertet sich auf, indem man andere abwertet, man erlebt soziale Gemeinschaft, Anerkennung, Respekt. Etwas, was vielen Rassisten und Nazis in der "normalen" Welt nicht widerfährt.


Quote
Babsack 07:51 Uhr

    Die neue radikale Rechte provoziert mit der Bildsprache der Unmenschlichkeit. Damit versucht sie unterschwellig, die Bereitschaft für jene Gewalt zu schaffen, die eines Tages zur Durchsetzung ihrer Ziele notwendig wird. Die Empörung soll der Routine weichen, die Menschen abstumpfen und an grausame Bilder gewöhnen – auch an tote Kinder.

Ich kann nur jedem raten diese Worte ernstzunehmen,denn sie sind die Quintessenz der Warnung vor der rechten Gewaltherrschaft.
Die Neurechten wollen die Gesellschaft nicht ein wenig auf einen anderen Weg bringen,sondern sie arbeiten an einer Machtübernahme.Sie glauben,dass Hitler durchaus auf dem richtigen Weg war,er jedoch ein paar Fehler gemacht habe,die man sich heute sparen würde.
Ich warne nochmals: Wer in der Demokratie schläft,wird in der Diktatur aufwachen.


Quote
KaiserVonChina 24.03.2019, 22:57 Uhr

    Der Bevölkerungswissenschaftler und Nazi Friedrich Burgdörfer warnte in den 1930er-Jahren vor dem „Volkstod“ durch „Unterbevölkerung“ der weißen Bevölkerung und der angeblich höheren Fertilität der als minderwertig bezeichneten schwarzen Bevölkerung.

Interessanterweise wurde aber für die "arische" Bevölkerung gleichzeitig Lebensraum im Osten gefordert...und geraubt.


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Tobias_Johst 24.03.2019, 19:11 Uhr

... Letztlich handelt es sich bei derartigen Mördern stets um junge Männer, die geistig oder emotional unzureichend entwickelt sind und ihre persönliche Frustration in Gewalt ausleben. Offenbar auch nie in der Lage gewesen, sich ein eigenes, erfülltes Leben aufzubauen.
Die kennen die Opfer gar nicht, können sie daher auch gar nicht beurteilen. Sie neiden ihnen nur ihr erfülltes Leben und ihre Kinder.
Wenn "Weiß sein" allein genügt, sich angesichts von Straftaten als "Held" zu fühlen, dann wird eine solche Ideologie gerne angenommen.

Entsprechende Ideologien für Psychopathen gibt es.
Damit sich Vertreter und Anhänger als die "Wertvollen" betrachten können.

'Hierzulande hat der ehemalige SPD-Politiker Thilo Sarrazin die Tore zum Gomorra völkischer Demografie wieder geöffnet, die eine Klassifizierung der Bevölkerungssubstanz nach „Quantität“ und „Qualität“ vornimmt und dabei stets von apokalyptischen Zukunftsszenarien ausgeht.'

Auch so ein überheblicher Brandstifter, dank dem die allgemein wenig Gebildeten, Frustrierten und Ängstlichen nicht mehr heimlich auf "Mein Kampf" als ideologische heilige Schrift zurückgreifen müssen. Fühlte sich ja doch irgendwie komisch an.

Für ihn hat sich das in jedem Fall gelohnt.


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