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[Der biografische Blick ... ]

Started by Textaris(txt*bot), March 10, 2021, 03:53:56 PM

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Textaris(txt*bot)

#35
... Lebensgeschichte und Geschichte sind wie zu einem Zopf verflochten ...

Quote[...] Jean-Paul Sartre ist den Wurzeln der Sensibilität des Gustave Flaubert in seiner fulminanten Flaubert-Biographie ,,Der Idiot der Familie", die zwischen 1977 und 1979 in der grandiosen Übersetzung von Traugott König auf Deutsch im Rowohlt-Verlag erschienen ist, nachgegangen.

Ich habe gerade mal die fünf Bände aus dem Regal gezogen, auf dem Balkon den Staub weggeblasen, der sich auf den dicken Bänden abgelagert hatte, und bei der Gelegenheit festgestellt, dass ich seinerzeit bis zu Band drei vorgestoßen bin. Dann habe ich vor der Sartre'schen Gelehrsamkeit und Weitschweifigkeit kapituliert und nur noch einzelne Passagen gelesen, die mir mein Freund Lothar bezeichnet hatte. Ich erinnere mich, dass ich phasenweise nichts verstanden habe, dann aber durch einzelne Sätze oder Passagen für meine Mühe reich entschädigt wurde. Sartres Versuch, herauszufinden, ,,was man über einen Menschen wissen kann", hat mir beim Versuch, die Rätsel meiner eigenen Biographie zu lösen und mich dem lebensgeschichtlichen Inkognito zu entreißen, sehr geholfen. Ich verdanke ihm und Peter Brückner die Erkenntnis, dass sich die Rätsel unserer Lebensgeschichten nur im Kontext der Geschichte unserer Gesellschaft lösen lassen. Lebensgeschichte und Geschichte sind wie zu einem Zopf verflochten.

...


Aus: "122 | Eine Ökonomie des Glücks" Götz Eisenberg (19. Juni 2025)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2025/06/19/122-eine-oekonomie-des-gluecks/

Textaris(txt*bot)

#36
Quote[...] Er war die Ikone der internationalen Linken: der griechische Sänger Mikis Theodorakis. Auch für die Gastarbeiter. Eine persönliche Erinnerung zum 100.

[Manuel Gogos, 1970 in Gummersbach geboren, hat in Literaturwissenschaft promoviert und arbeitet als freier Autor]

Ich liege mit meinem Onkel auf dem Boden unseres Wohnzimmers – in Gummersbach, im Jahr 1974 muss das gewesen sein – und wir hören Musik von Mikis Theodorakis. 1970, im Jahr meiner Geburt, kommt mein Onkel Antonios nach Deutschland, und er wohnt bei uns zu Hause – der kleine Bruder meines Vaters Leonidas ist wie ein großer Bruder für mich. Er trägt lange Haare, und das ist politisch, denn im Griechenland der Obristen sind lange Haare für Männer nicht erlaubt.

Der Plattenspieler spielt dieses Lied ,,To Sfagio", ,,Der Schlachthof", mit diesen berühmten Zeilen ,,Sie schlagen dich, sie schlagen mich" – nicht gerade kindgerecht. Den Inhalt des Lieds und die ganzen Hintergründe habe ich erst später verstanden, als ich mich mit der Geschichte meines Gastarbeitervaters beschäftigt habe, auch mit der politischen Geschichte, die sich mit der Geschichte der Gastarbeiter verbindet.

Mit dem Staatsstreich vom 21. April 1967 übernimmt in Griechenland eine faschistische Verschwörerclique um den Oberst Georgios Papadopoulos die Macht. Die Landesgrenzen werden geschlossen, alle Nachrichtenverbindungen unterbrochen, die Zeitungen gleichgeschaltet. Im Schutz der Nacht finden Verhaftungswellen statt, innerhalb kürzester Zeit verhaftet die Junta tausende Exponenten der Demokratie, kaserniert sie in Fußballstadien, verschleppt sie in Foltergefängnisse oder auf KZ-Inseln.

Theodorakis gilt den Putschisten als ,,Staatsfeind Nummer 1". Anfangs kann er untertauchen und aus der Illegalität heraus gegen die Junta kämpfen. Aber am Ende wird er doch aufgespürt und ins gefürchtete Foltergefängnis in Athen verbracht. Theodorakis ist sicher, getötet zu werden. Tatsächlich richtet man ihn zweimal zum Schein hin. Diese ,,weiße Folter" ist grausam. Theodorakis wird auf die Dachterrasse des gefürchteten Foltergefängnisses in der Bouboulinas-Straße von Athen verbracht und dort in einen Verschlag aus Blech gesperrt.

Die Luft darin erhitzt sich in der prallen Sonne auf annähernd 50 Grad. Und gleich daneben wird einer seiner engsten Freunde und Weggefährten, nämlich Andreas Lendakis, gefoltert. Theodorakis hört jeden Schlag und jeden Schrei und steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Da geben ihm seine Wächter Notenpapier – und tatsächlich beginnt er zu komponieren. ,,Um nicht verrückt zu werden", schreibt er später in seinen Erinnerungen: ,,Diesen meinen umgebrachten Freunden habe ich fast mein ganzes Werk gewidmet. Tausende Freunde, Verlorene, Hin- und Hergeworfene, Gefolterte, Geschlagene. Jeder von ihnen hält ein Ende des Stacheldrahts in der Hand."

Seiner Prominenz wegen verbannt man Theodorakis ins Bergdorf Zatouna. Er wird streng bewacht, hat aber ein Klavier und lässt sich wieder nicht davon abbringen, zu komponieren. Um seine Lieder herauszuschmuggeln, wird er erfinderisch. Georgios, sein neunjähriger Sohn, wird krank und darf nach Athen zu einem Arzt. Da näht seine Mutter die kleinen Magnetofonbänder in die Knöpfe von Giorgos' Mantel ein. Die Bänder kommen zur Deutschen Welle in Köln, und die sendet die Lieder um die ganze Welt.

Eine internationale Solidaritätsbewegung formiert sich zur Freilassung des griechischen Komponisten, darunter der sowjetische Komponist Dmitri Schostakowitsch und US-amerikanische Autoren und Sänger wie Arthur Miller und Harry Belafonte. 1970 kann Theodorakis endlich ins Exil gehen, nach Paris. Bis zum Ende der Diktatur 1974 wird er über tausend Konzerte in der ganzen Welt dirigieren, viele davon auch in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland.

Mein Onkel hat ihn damals gesehen. Ich war noch zu klein, um ihn zu begleiten, aber Toni erinnert sich, wie das in Düsseldorf war. Lauter Griechen trafen sich dort in dem Theodorakis-Konzert, vor allem die linken, aber nicht nur. Und auch viele Deutsche, Philhellenen, die gern in griechischen Restaurants zu Abend aßen oder Nana Mouskouri hörten (die übrigens unter anderem mit Liedern von Theodorakis berühmt geworden ist). Daneben Griechenlandtouristen, Hippies, die ,,Alexis Sorbas" und den berühmten Sirtaki im Kino gesehen hatten und vom freien, authentischen Leben in den Höhlen des kretischen Matala träumten. Für mich als Kind eines Griechen und einer Deutschen ist diese Geschichte meines Onkels ein ganz besonderer Moment der ,,geteilten Erinnerung".

Toni erinnert sich, Theodorakis' Konzert hat bis in die Nacht gedauert. Aber aus Begeisterung über sein Publikum – und zur Begeisterung seines Publikums – sucht ,,unser Mikis" danach noch ein griechisches Lokal auf, um mit der Gitarre in der Hand und unter dem Mitsingen seines Publikums bis morgens um fünf Uhr weiter Musik zu machen.

Theodorakis wird in den 1970ern zu einer weltweiten Ikone der linken Bewegung, vor allem mit seiner berühmten Vertonung von Pablo Nerudas ,,Canto General". Einem breiteren Publikum wird er mit seiner Filmmusik bekannt. Er komponiert 40 Filmmusiken, darunter für ,,Alexis Sorbas" und den Politthriller ,,Z". Theodorakis gehört mit dem Italiener Ennio Morricone zu den produktivsten Filmkomponisten jener Ära, der deutsche Filmkomponist Hans Zimmer nennt ihn einen seiner Lehrmeister.

In Deutschland ist Theodorakis in den 1970er Jahren ein Megastar. Die griechisch-deutsche Sängerin Vicky Leandros fährt mit seinen Liedern über Jahrzehnte Riesenerfolge ein. Aber auch Herman van Veen oder Hannes Wader interpretieren seine Lieder.

1963 covern sogar die Beatles einen seiner Songs, den ,,Honeymoon Song" kann man sich heute auf Youtube anhören. Mit ,,Luna de Miel" wurde Theodorakis schon 1960/61 in Lateinamerika zum Megastar. Als er Anfang der 1960er Jahre nach Kuba fliegt, lädt ihn der Guerillaführer Che Guevara auf einen mehrtägigen Trip in die Berge ein.

Nach dem Ende der Diktatur 1974 kehrt Theodorakis nach Griechenland zurück. Im Athener Stadion entfesselt er einen Begeisterungstaumel. Ich kenne das nur von Videos aus dem Internet. Aber es war ungefähr zu der Zeit, als ich mit meinem Onkel in Gummersbach auf dem Teppichboden lag und Theodorakis' Platten hörte.

Und er bleibt politisch aktiv: Mit dem türkischen Sänger Zülfü Livaneli arbeitet Theodorakis an einer Aussöhnung zwischen Griechen und Türken – wofür er im Jahr 2000 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird. Gleichzeitig verurteilt er aber auch die Nato-Angriffe auf Serbien, spricht mit dem später wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagten Präsidenten Slobodan Milošević und veranstaltet in dessen Hauptstadt Belgrad ein Solidaritätskonzert.

Theodorakis hinterlässt 1.000 Lieder und Liedzyklen, auch musikalische Großformen wie Sinfonien und Opern über antike Stoffe. Die Verehrung, die ihm in seinen letzten Jahren international zuteilwurde, hat er genossen. Der Künstler Joseph Beuys nannte ihn einmal voller Bewunderung eine ,,soziale Skulptur". Im Juli 1995 tanzt der große Mann – auch körperlich eine herausragende Gestalt – bei einer konzertanten Aufführung der ,,Zorbas"-Ballettsuite auf dem Münchner Königsplatz mit Anthony Quinn seinen letzten öffentlichen Sirtaki.

2021 tritt Theodorakis ab, von der Weltmusik wie der Weltrevolution. 2025 wäre ,,unser Mikis" 100 Jahre alt geworden. Ich krame die alten Platten raus, lege mich auf den Boden meines Wohnzimmers und höre sie wieder. Und träume von jenem megautopischen Moment Mitte der 1970er Jahre, als es nach dem Abtreten der Obristen in Griechenland, von Franco in Spanien und Salazar in Portugal so aussah, als wären die faschistischen Diktaturen in Europa ein für alle Mal besiegt.


Aus:"100. Geburtstag von Mikis Theodorakis: Unser Mikis" Manuel Gogos (29.7.2025)
Quelle: https://taz.de/100-Geburtstag-von-Mikis-Theodorakis/!6099206/

QuoteMartin Rees, 05:23 Uhr

Sehr schöner Text, der im Kopf Bilder erzeugt, die, von politischer Hoffnung und Sehnsucht geprägt, sich tief in das Gedächtnis eingegraben haben.


QuoteGalwayray, 22:41 Uhr

Er war einer von den Guten. Mit seiner Musik, seiner Poesie und seiner Überzeugung.

Letzteres mit einem gewissen Abstrich. Seine Unterstützung von Milosevic, und das nach den von diesem angezettelten 3. und 4. Balkankriegen im 20. Jahrhundert, den innergriechischen von 1945-49 dabei nicht mitgezählt. Man muss nicht alles verstehen, gerade auch und nicht zuletzt bei Genies, von denen er eins war.


QuotePhilippo1000, 18:27 Uhr

Danke für diese schöne Geschichte.


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Textaris(txt*bot)

... In Autobiografien stifte eine Art ,,magisches Denken Zusammenhänge", schreibt Lethen. ...

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Quote[...] Helmut Lethen ... hat [seine] Autobiografie veröffentlicht: ,,Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug". ...

Der Buchtitel ist eine Zeile des ,,Lieds von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens" aus der ,,Dreigroschenoper" Bertold Brechts. Diese Unzulänglichkeit ist den Erinnerungsspuren Lethens wie eine Art roter Faden eingewebt. Gleichgültig, was man im Leben anstrebt, zum Schluss kommt doch etwas anderes dabei heraus – diese List der Vernunft bedauert der Kulturwissenschaftler nicht nur nicht, sondern er geht ihr, soweit das eine Ich-Perspektive überhaupt zulässt, glaubwürdig nach.

Bestes Beispiel dafür ist die eigene linksradikale Herkunft. Lethen war einer der studentischen Aktivisten, die den deutschen Germanistentag 1968 störten; er durfte, wie er selbstironisch beschreibt, bei einer der vielen Demonstrationen in Berlin einmal sogar ein paar Minuten lang die auffällige Lederjacke des SDS-Anführers Rudi Dutschke tragen, um die Polizei zu täuschen; Anfang der 70er Jahre war er Mitglied einer maoistisch-kommunistischen K-Gruppe. Als solches versuchte er mit seinen Genossen und Genossinnen, das Proletariat Berlins vom Kampf gegen Kapitalismus und Imperialismus zu überzeugen – mit bescheidenem Erfolg.

Was subjektiv damals ein potenziell heißes, revolutionäres Ansinnen war, wird in Lethens Rückblick zu einem Abkühlmittel der Gesellschaft. ,,Die marxistisch-leninistischen Parteien hätten von der List der Vernunft erfunden sein können, um einen Ordnungsfaktor in die chaotische Zeit zu bringen", schreibt Lethen. Sie hätten die nach dem Zerfall der Studentenbewegung frei gewordenen destruktiven Kräfte gebunden, ihre objektive Funktion lasse sich erst im Rückblick erkennen. Lethens Beschäftigung mit den ,,Verhaltenslehren der Kälte", einer Art Kältereaktion von Individuen in aufgeheizten Zeiten, hat hier ihre Wurzeln.

Bei seinem Rückblick lässt der Literaturwissenschaftler einen über die Schultern schauen. Er kramt nicht nur in Erinnerungen, sondern auch buchstäblich in alten Tagebüchern, Fotoalben, Taschenkalendern und Briefen. Das geht natürlich nicht ohne Eitelkeiten ab, und wie bei intellektuellen Autobiografen häufig begründet auch dieser seine Autorität mit ungezählten gelesenen Büchern von und Begegnungen mit anderen Geistesgrößen. Das stete Namedropping gipfelt auf Seite 312, wo Lethen sage und schreibe 33 Kollegen und Kolleginnen aufzählt, die sein ,,Herz höher schlagen ließen" – geschenkt! Was Buch und Autor wirklich herausragen lässt, ist nicht das Zusammensetzen der Puzzlesteine eines bewegten Lebens, sondern der immer wieder eingestreute Versuch, auch genau darüber nachzudenken.

In Autobiografien stifte eine Art ,,magisches Denken Zusammenhänge", schreibt Lethen. In der Erinnerung bringt es ,,Lektüreerfahrungen, Hörerlebnisse, Straßenbündnisse, Tanzformen und sexuelle Freiheiten" zusammen, die per se nichts miteinander zu tun haben. Das magische Denken verknüpft ,,Constanze", die bevorzugte Frauenzeitschrift von Lethens Mutter in der Nachkriegszeit, mit ,,Constanze", einem viel später gelesenen Aphorismus von Adorno (,,Soll Liebe in der Gesellschaft eine bessere vorstellen, so vermag sie es nicht als friedliche Enklave, sondern nur im bewussten Widerstand", heißt es darin). Und es macht aus dem Massenauflauf rund um die Beatles im Juni 1963 in Amsterdam eine logische Etappe im Lebenslauf, Lethen ist bekennender ,,Twist and Shout"-Fan und zieht die Freiräume der Popmusik der Kulturkritik Adornos vor. Viele Jahre später adelt Diedrich Diederichsen den Versuch des angehenden Germanisten, in den Amsterdamer Grachten Teil einer Jugendkultur gewesen zu sein: ,,Popmusik stellt kleine Etappen des Aufbruchs dar, die nie über ihre langjährige Konsequenz Auskunft geben müssen."

Lethen hingegen gibt Auskunft über die langjährigen Konsequenzen seines Denkens. An vermutlich keinem anderen Ort kann er sie besser deklinieren als in Wien, wo in den vergangenen 20 Jahren so einiges zusammengekommen ist. Zum einen beruflich: Nachdem der Germanist wegen seiner politischen Überzeugungen an den Hochschulen Deutschlands lange verfemt war, 20 Jahre Professor in Utrecht war und erst Mitte der 90er Jahre einen Lehrstuhl in Rostock erhielt, kam er 2007 nach Wien – als Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK). ,,Widrigkeiten" gab es dort anfangs, welche genau, verrät Lethen nicht, aber der Plan, sie zu bekämpfen, sei gut gewesen. Den ,,Deltaplan" habe er aus seiner zweiten oder dritten Heimat, den Niederlanden, mitgenommen, dabei handelt es sich um ein kompliziertes Schleusensystem, das Sturmfluten bekämpft. Statt starrer Abwehrmauern setzt es auf bewegliche Sperren, die heranfließendes Wasser, ,,ins Land lassen, kanalisieren und zur Umkehr bringen". Das klingt a) nach generell und b) besonders für Wien brauchbaren Diskursregeln, und mit ihnen gelang es auch fast, einen Adventkranz am IFK aufzuhängen.

Das war an einem Hort der Dekonstruktion sozialer Gepflogenheiten dann doch zu viel, als laizistischer Kompromiss wurde ein Topf mit einer Amaryllis im Empfangsraum aufgestellt, heißt es aus dem IFK. Erfolgreicher war Lethen aber bei dem Versuch, die Kulturwissenschaften mit Begriffen zu konfrontieren, die sie üblicherweise nur unter Anführungszeichen setzen. Namentlich: ,,Wirklichkeit", ,,Natur" und ,,Evidenz". Unter den vielen poststrukturell geprägten Kollegen und Kolleginnen löste das natürlich den ,,Alles ist konstruiert"-Reflex aus, mit Symposien und Forschungsschwerpunkten wie die ,,Kulturen der Evidenz" sorgte der ,,fremde Vogel" der Kulturwissenschaften aber zumindest für einen gepflegten Austausch.

Dass Privates und Politisches zusammenhängen, ist nicht nur eine Binsenweisheit der 68er Generation, sondern könnte auch der inoffizielle Titel Lethens Wiener Jahre sein. Das ,,Ehedrama Caroline Sommerfeld und Helmuth Lethen" hat vor einigen Jahren nicht nur die deutschsprachigen Feuilletons elektrisiert, die beiden schafften es sogar in die ,,New York Times". Über dieses Drama gibt der Germanist ziemlich schonungslos Auskunft, es hat vielleicht mit einem Buch begonnen, vielleicht auch mit Küchengesprächen in der Waldorfschule der Kinder. Die Buchversion: Während Lethen Jean Raspails ,,Das Heerlager der Heiligen", eine literarische Vorwegnahme des ,,Flüchtlingssommers 2015", als ,,abgründiges Bild einer wiederkehrenden Kolonialschuld Frankreichs" liest, überzeugt der Roman Gattin Sommerfeld von der rechtsradikalen Idee eines ,,Großen Austauschs". Innerhalb kurzer Zeit wendet sie sich den Identitären zu und wird zu deren Vorzeigephilosophin.

Die privat-politischen Diskussionen im Haus Sommerfeld-Lethen hat die nun nicht mehr ganz so Neurechte bereits in zahlreichen Blogbeiträgen und in Büchern beschrieben. Der Altlinke erinnert sich nun aus seiner Sicht, noch immer ziemlich fassungslos. Kurz zusammengefasst: Die Hauptthese der neuen alten Rechten, ,,die Deutschen" seien nach dem Zweiten Weltkrieg von den angelsächsischen Siegermächten zu einer ,,Schuldkultur" gebrainwashed worden, die letztlich zur Aufnahme der Flüchtlinge 2015 geführt habe, sei Mumpitz.

Lethen selbst habe erst 1957 als Gymnasiast durch den Film ,,Nacht und Nebel" von Alain Resnais vom Ausmaß der Schrecken des Holocaust erfahren. Zu diesem Zeitpunkt deckten sich die Funktionärseliten Deutschlands in einer nur wenig gestörten Kontinuität zwischen Drittem Reich und Bundesrepublik noch gegenseitig. Das Aufarbeiten des Zivilisationsbruchs im Nationalsozialismus wurde nicht von fremden Mächten oktroyiert, wie das die Neurechten gerne fantasieren, sondern war zentrales Selbstverständnis Lethens 68er.

Um an diesem Selbstverständnis zu rütteln, braucht es, so erzählen es die Erinnerungen, keine alt-neurechte Identitätspolitik, die wieder vom ,,deutschen Volk" schwadroniert und sich trotz fehlender Empirie auf die schützenswerten Ursprünge desselben beruft, das macht schon der Autor selbst, und das adelt die Biografie. Lethen etwa erschrickt, als er 30 Jahre nach dem Verfassen eines Artikels über Walter Benjamin draufkommt, dass ihn ausgerechnet Carl Schmitt, der ,,Kronjurist des Dritten Reichs", sehr positiv kommentiert hat. Die Sprache der linksradikalen Studentenkreise erweist sich im Rückblick als erstaunlich anschlussfähig an die wilhelminischen Väter und die Vertreter der konservativen Revolution. Auch dass Lethen von seinen Idolen Benjamin, Adorno und Horkheimer nie ,,ein einziges Wort zum Schutz der parlamentarischen Demokratie der Weimarer Republik gehört hatte", fällt nun auf. Und auch den Vergleich von Hitlerjugend und studentischem Treiben in den 60er Jahren stellt er zumindest in den Raum.

Lethen ist mittlerweile 81 Jahre alt, sein letzter Doktorand forschte zu Fahnenflucht in Computerkriegsspielen. Die akademische Welt und die restliche haben sich weitergedreht, das magische Denken der Autobiografie bleibt bestehen. Zum Schluss erinnert Lethen an den Schrecken, den die Luftschutzalarmsirenen in der Kindheit ausgelöst haben – und befindet sich in einem Strandbad an der Wiener Alten Donau, wo Sirenen lange den Badeschluss verkündeten.



Aus: "Helmut Lethen ,,schlau genug"" Lukas Wieselberg (16. Oktober 2020)
Quelle: https://science.orf.at/stories/3202302/


Textaris(txt*bot)

Quote[...] In letzter Zeit denke ich öfter darüber nach, was aus den Zielen geworden ist, die ich mal verfolgt habe. Ich gehöre ja zu denen, die mal geglaubt haben, dass wir die Revolution machen und die Welt wirklich verändern können, und zwar noch zu unseren Lebzeiten. Die Ziele schrumpften im Laufe der Jahre, wurden bescheidener, schließlich drohen sie zu verdorren und abzusterben. Wenn es so weitergeht, werde ich bald keine mehr haben. Solche Ziele bedürfen, um sich am Leben halten zu können, eines Milieus, das sie stützt. ,,Gegenmilieu" haben wir das früher genannt. Wo gibt es so etwas noch? Mit vielen gegenwärtigen politischen Milieus habe ich nichts zu tun und will ich auch nichts zu tun haben. Aber was dann? Im Zustand der Passivität und Isolation droht die Dialektik von Affirmation und Emanzipation zu zerreißen und die Anpassung den Sieg davonzutragen. Politische Identität ist ohne Kontakt und Austausch mit Anderen auf Dauer schwer aufrechtzuerhalten. Aber mit welchen Anderen? Wo haben sie sich verborgen, die Anderen? Sie sind fortgegangen, ,,jeder zu seinen eigenen Fehlern", wie W.H. Auden es in einem Gedicht ausgedrückt hat. Ich sehe mich ein wenig in der Position jenes Offiziers der Titanic, der vor Gericht gefragt wurde, wann er das sinkende Schiff verlassen habe. Er antwortete: ,,Euer Ehren, nicht ich habe das Schiff verlassen, das Schiff hat mich verlassen." Leo Löwenthal hat im Gespräch mit Helmut Dubiel die Aussage des Titanic-Offiziers folgendermaßen abgeändert: ,,Im Grunde, wenn ich das arrogant ausdrücken darf, habe nicht ich die Politik und die Revolution verlassen, die Revolution hat mich verlassen." Das könnte ich zu meinen Gunsten vielleicht auch geltend machen. Aber das macht meine Lage nicht angenehmer.

***

Gestern war ich schon auf dem Rückweg von der Lahn, da bekam ich Lust auf eine Pizza und einen Besuch bei da Franco. Also drehte ich um. Es war ein sonniger, warmer Abend und ich fand einen wunderbaren Platz unter den Bäumen im Garten. Franco übertraf sich selbst, und seine Tochter servierte mir eine leckere Pizza-Margeritha: knuspriger Boden, nicht zu viel Käse, kaum Fett, frische Tomaten und frisches Basilikum drüber, dazu ein alkoholfreies Weizenbier. Was will man mehr? Von der Badestelle hatten mich zuvor vier Studi-Deppen vertrieben, die sich mit ,,Hey, Digger, was geht" begrüßten und sich dann lautstark darüber unterhielten, wer von ihnen am Vorabend auf dem Stadtfest am betrunkensten war.

***

Heute Morgen habe ich zwanzig Minuten darauf verwandt, zwei Wespen den Weg aus der Küche zu weisen. Früher wäre man da nicht so zimperlich gewesen, hätte eine Fliegenklatsche herbeigeholt und kurzen Prozess gemacht. Heute versuche ich, das anders anzugehen und die Tierchen geduldig in Richtung des geöffneten Fensters zu dirigieren. Mein Vater zerschlug aufdringliche Wespen zwischen seinen Handflächen. Dabei kam es darauf an, sie durch Nach-Hinten-Biegen der Finger ganz hart zumachen und blitzschnell zusammenzuschlagen und sofort wieder aufzumachen. Er beherrschte diese Technik perfekt, bei uns Kindern missglückten die Versuche häufig und führten zu schmerzhaften Stichen in die Handflächen. Im Unterschied zu den Bienen, die uns mit köstlichem Honig versorgen, sah mein Vater in Wespen nichts als lästiges Ungeziefer, das man bedenkenlos verfolgen und vernichten kann. Die Art und Weise, in der er über Wespen sprach, ähnelte seiner Rede über ,,die Juden", an deren Vernichtung er vor unserer Geburt mitgewirkt hatte. Das Einzige, was er daran bedauerte, war, dass man sie nicht mit der nötigen Gründlichkeit durchgeführt und zu Ende gebracht hatte.

...


Aus: "127 | Neoliberale Brutalisierungsmaschinen" Götz Eisenberg (7. September 2025)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2025/09/07/127-neoliberale-brutalisierungsmaschinen/

Textaris(txt*bot)

Quote[...] [Martyna Linartas:] Meine Familie kommt aus Polen. Die Schwester meines Opas war in einer polnischen Musikgruppe, die nach dem Zweiten Weltkrieg international auftreten durfte. Meine Großtante hat den Enkel des ersten demokratisch gewählten Präsidenten Mexikos geheiratet und ist vor mehr als 60 Jahren nach Mexiko ausgewandert. Meine Familie ist ein Grund, warum mich Ungleichheit interessiert.

... Ich habe die Extreme kennengelernt. Meine Eltern sind 1992 von Polen nach Deutschland ausgewandert. Meine Mutter war Physikerin, mein Vater studierte Philosophie, sie mussten aber in Deutschland bei null anfangen. Wir waren arm. Das erste Jahr haben wir im Obdachlosenheim gelebt. Ich erinnere mich nicht an die Zeit im Obdachlosenheim, aber daran, dass wir immer extrem gespart haben. Meine Großtante hat uns dann nach Mexiko eingeladen.

Es war eine andere Welt. Ein riesiges Anwesen mit Salon, Kamin, meterhohen Räumen, Kunst an den Wänden. Ich habe mich als Achtjährige gefühlt wie eine Prinzessin in ihrem Schloss. Und ich habe die Armut auf den Straßen gesehen und mich als Kind und Jugendliche gefragt: Warum sind die einen so reich, die anderen so arm? Deshalb habe ich Politikwissenschaften studiert. Ich wollte Ungleichheit verstehen.

...


Aus: ",,Ich habe die Extreme kennengelernt"" (6.12.2025)
Quelle: https://taz.de/Politologin-ueber-soziale-Ungleichheit/!6127261/

Textaris(txt*bot)

Lars Reyer, geboren 1977 in Werdau bei Zwickau. Studium der Philosophie, Anglistik und Ethnologie in Münster. Danach Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sein Debüt ,,Der lange Fußmarsch durch die Stadt bei Nacht" erschien 2006. 2013 veröffentlichte er den Gedichtband ,,Magische Maschinen", 2023 den Gedichtband ,,Falsche Kathedralen".

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Zu einer  "Ikonografie der Orientierungslosigkeit"

"Die DDR: Irgendwann kommt was" Lars Reyer (24.2.2026)
Eine große Müdigkeit prägte die letzten Jahre der DDR. Die kollektive Erschöpfung ist bis heute zu spüren – und hat auch politische Folgen.
https://taz.de/Die-DDR/!6152741/

Textaris(txt*bot)

Quote[...] Ich fühle mich jedenfalls nicht ignoriert und aufgegeben. Ich bin 24 Jahre alt, habe Musik und Politikwissenschaft studiert und vertraue unserem Sozialstaat. In meinem kostenlosen Studium haben mir Nebenjobs und 250 Euro Kindergeld von meinen Eltern geholfen, um mir meine Miete und sogar ein paar Urlaube leisten zu können. Wenn ich morgen arbeitslos würde, bekäme ich Arbeitslosengeld. Es gibt ein Netz, das mich auffängt, wie viele andere auch. ...


Aus: "Dem Staat ist die Jugend egal? Stimmt doch gar nicht!" Ein Kommentar von Faris Babikir (21. Juli 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/campus/2026-07/generationenkonflikt-junge-menschen-gen-z-staat-krise/komplettansicht

QuoteM.Aurelius

Selbstverständlich ist nicht jeder junge Mensch vergessen, verarmt oder verzweifelt. Wer kostenlos studiert, von den Eltern Kindergeld erhält, Nebenjobs findet und sich davon sogar Urlaube leisten kann, darf dem Sozialstaat mit aufrichtiger Dankbarkeit begegnen. Nur wird aus der eigenen erfreulichen Biografie noch keine belastbare Zustandsbeschreibung einer ganzen Generation. Das ist, als erklärte ein Passagier aus der ersten Klasse, der Untergang des Schiffes werde übertrieben dargestellt, weil an seinem Platz das Büfett noch geöffnet sei.

Wenn es lediglich um zu hohe Mieten, ein unzureichendes Bafög und die Aussicht ginge, möglicherweise in einen Krieg geschickt zu werden, könnte man tatsächlich darüber streiten, ob der Begriff »vergessene Generation« zu pathetisch geraten ist. Aber die Reihe setzt sich problemlos fort: marodes Gesundheitswesen, ungelöste Rentenfinanzierung, wirtschaftliche Stagnation, verfallende Infrastruktur, verschleppte Digitalisierung, eskalierende Klimafolgen – und als besondere deutsche Zugabe die Wechselwirkungen dieser Krisen, die sich gegenseitig verstärken, während die Politik noch prüft, welches Ministerium für das Protokoll des Zusammenbruchs zuständig ist. Und nein, diese Krisen werden nicht in wenigen Jahren verschwunden sein.

Man müsste schon jene bewusstseinserweiternden Mittel einnehmen, mit denen sich die Bundesregierung ihre eigene Leistungsbilanz offenbar schönhalluziniert, um darin eine halbwegs erstrebenswerte Zukunft zu erkennen.

Die junge Generation erbt kein fertiges Haus mit einigen renovierungsbedürftigen Zimmern. Sie erbt eine Baustelle, deren Dach undicht, deren Heizung veraltet, deren Leitungen marode und deren Hypotheken von den Vorbesitzern vorsorglich verlängert wurden.

Und dann tritt meine Generation vor die Trümmer, klopft sich den Staub vom Anzug und erklärt den Jungen, sie sollten weniger klagen und endlich selbst aktiv werden. Das ist die eigentliche Chuzpe: jahrzehntelang auf Kosten der Zukunft zu leben, notwendige Reformen zu vertagen, Infrastruktur und Klima zu vernutzen – und anschließend den Erben mangelnden Aufbruchswillen vorzuwerfen.

Gewiss, frühere Generationen hatten ebenfalls Krisen. Aber dieser historische Hinweis ist kein Gegenargument. Ein Hausbrand wird nicht harmloser, nur weil die Großeltern einst einen Krieg überlebt haben.

Meine Generation hinterlässt den Jungen einen Scherbenhaufen. Und besitzt noch die Stirn, ihnen vorzuwerfen, sie sähen darin zu wenig Zukunft.


QuoteNichtNochmalSo
Antwort auf @M.Aurelius

Blödsinn! Die meisten Häuser, die demnächst vererbt werden, sind in Top Zustand. Ihr Bild passt hinten und vorne nicht.
Die heutige Infrastruktur mag renovierungsbedürftig sein, aber sie ist. Wer hat den ganzen Kram denn geschaffen?


QuoteTinsen

Antwort auf @NichtNochmalSo

,,Wer hat den ganzen Kram denn geschaffen?" Bevor sie sich selber auf die Schultern klopfen: Die Amerikaner mit ihrem Marshallplan.


Quotedesillusionierter Beobachter
Antwort auf @M.Aurelius

Ich bin da auch bei Ihnen und finde den Ansatz des Artikels eher rührend naiv. Mir graut vor der Zukunft meiner Kinder!


QuoteOzeanriese

Antwort auf @M.Aurelius

Muß eine junge Generation denn ein fertiges Haus erben, um einmal bei diesem Bild zu bleiben? Das haben viele aus unserer Generation doch auch nicht bekommen.

Ganz im Gegenteil, ein künftiges Haus müßte kein renoviertes Haus sein. Wir alle brauchen ein ganz anders gestaltetes Haus. Daran zusammen mitzugestalten wäre die gemeinsame Aufgabe von Jung und Alt.

Natürlich hat unsere Generation das gemeinsame Haus auf Verschleiß bewohnt, aber in diesem Haus müssen ja nicht nur die Jungen leben. Es ist nicht so, daß es kein Geld für eine Umgestaltung gäbe, das Geld wäre sogar da, nur müßte man es dort auch abgreifen.

Ich finde es fantasielos, wenn den Kritikern an unserer Generation nur die einfallen, die eine Durchschnittsrente, oder eine kurz darüber beziehen.


QuoteM.Aurelius
gestern
Antwort auf @NichtNochmalSo

Die Häuser sind also in einem Top-Zustand.

Sehr schön.

Da verwechselt jemand das geerbte Einfamilienhaus mit dem Zustand der Republik. Das ist ungefähr so, als stünde einer im brennenden Rathaus und sagte: ,,Blödsinn, mein Carport ist frisch gestrichen."

Natürlich hat die ältere Generation vieles aufgebaut. Straßen, Schulen, Kliniken, Wohlstand, Institutionen. Das bestreitet doch niemand.Aber die Frage ist nicht, ob früher gearbeitet wurde.

Die Frage ist, was heute übrig bleibt und was übrig bleiben wird.

Und da sieht die Bilanz weniger nach stolzer Lebensleistung aus als nach Übergabeprotokoll mit verschwiegenen Mängeln: Rentenfinanzierung offen, Pflege überlastet, Schulen marode, Bahn im Delirium, Digitalisierung im Faxmodus, Klima auf Kippe, Infrastruktur auf Verschleiß gefahren.

Das ist keine private Immobilienbewertung.

Das ist eine Systemdiagnose.

Sie zeigen auf Ihr Wohnzimmer und rufen: ,,Alles bestens!"

Während im Keller das Fundament absackt.

Ja, der Wohlstand wurde geschaffen. Aber er wurde auch finanziert durch das Vertagen unbequemer Entscheidungen, durch billige Energie, ökologische Schulden, demografisches Wegsehen und politische Beruhigungspillen.

Die junge Generation erbt nicht nur Häuser.

Sie erbt Folgekosten. Und eine Erbschaft beurteilt man nicht daran, wie stolz der Erblasser auf den Bau war, sondern daran, ob die Erben darin noch wohnen können, ohne dass ihnen Dach, Heizung und Hypothek gleichzeitig auf den Kopf fallen.


QuoteBrainStew

Liebe Foristen, im Metaphern- und Analogie-Dschungel der letzten Beiträge velor ich den Überblick. Kann und will nicht mehr folgen.


QuoteShazia Geist

Typischer weltfremder Zeit-Journalist (in Ausbildung). Wir haben noch ~5 Jahre Zeit die Klimakatastrophe zu stoppen bevor wir das 2°C Ziel reissen. Stattdessen heißt es was von "mehr Shareholder Value" und "mehr Technologieoffenheit" damit die Boomer noch mal richtig Gewinne abschöpfen können, die für die nachfolgenden Generationen Ernteausfälle, Hunger, Zerstörung etlicher Lebensräume und einem Kollaps der Zivilisation bedeuten. Hauptsache die Hauptverantwortlichen können ihren Ruhestand oder ihre Rente noch genießen und in den letzten Sonnenuntergang segeln.
Aber glaub du mal an den Kapitalismus und Wachstum, während wir normalerweise im Frühjahr des Jahres bereits den Erdüberlastungstag "feiern".

Ich wünsche jedenfalls viel Spaß im Hitzesommer von 2050, wo man am Oberrheingraben das erste mal die 50°C knackt ...


QuoteNichtNochmalSo

Was Sie so alles wissen! Das Problem mit der Zukunft ist die schwierige Prognoselage. Eins ist aber sicher : Wir werden alle sterben! Irgendwann...


QuoteShazia Geist
Antwort auf @NichtNochmalSo

Ja, die Daten lügen nicht. Wenn dir das zu komplex ist. Das Thema wird meines Wissens in der 8. oder 9.Klasse aller Schulformen in Deutschland ausführlich behandelt. Und die Prognoselage beim Klima ist nicht nur ungefähr, sondern sehr eindeutig. Sogar so eindeutig, dass wir ein vom Verfassungsgericht gültiges Urteil zur Problematik haben, dazu ein weltweit gültiges Abkommen zum Klimaschutz und eben eine sehr gute Datenlage.


QuoteAnthropomorph

Ich empfehle der jüngeren Generation, die Anzahl ihrer Fernreisen zu überdenken, sowie den brettlbreiten ökologischen Fußabdruck, den sie selbst verursacht. Aber gell, YOLO.


QuoteShazia Geist
Antwort auf @Anthropomorph

Die können gar nicht so viel CO2 ausstoßen, wie die Boomer über Jahrzehnte. Das ist technisch gar nicht möglich und sie sind auch nicht in Regierungsverantwortung um eventuelle Weichen in dem Bereich so zu stellen, dass sie langfristig Chancen haben, denn die Boomer alleine machen über 40% der Wahlberechtigten aus und wählen zu extrem großen Teilen (über 70%) Union, SPD und AfD.

Damit ist die einzige Chance, die junge Leute (und alle u40) noch haben zu streiken und diesen Staat lahm zu legen damit diese Änderungen möglich werden. Denn ohne Staat gibt es auch keine Rente.


QuoteBilds

Ich lebe als Boomer über 40 Jahre fleischlos, hatte nur wenige Jahre ein Auto und habe dieses aus Umweltgründen abgeschafft. Ich bin selten in Urlaub geflogen. Für mich gehören Umweltschutz zum TOP 1 Thema. Leider ist es nicht so bei den Politikern, die sich in ihren Entscheidungen gerne von den Lobbyisten beeinflussen lassen. Dafür gibt es dann Posten in Aufsichtsräten und Vorständen oder großzügige Parteispenden.

Die Ängste der junge Menschen nehme ich sehr ernst.

Nur sollte man nicht alle Boomer als oberflächlich betrachten.


QuoteShazia Geist
gestern
Antwort auf @Anthropomorph


Ja, das schuldhafte Verhalten hat mehrere Ebenen. Die Wahlentscheidungen seit 1980, wo die Klimakatastrophe bereits bekannt war, davor gewarnt wurde und wo trotzdem die Mehrheit weiter so gewählt hat. Dazu das eigene Verhalten, CO2-Fußabdruck und die absolute Unwilligkeit einzusehen, dass man jetzt versucht die Folgen auf den u40 abzuladen. So nach dem Motto "nach uns die Sintflut, aber ihr bezahlt".

Gekürzt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion


QuoteAnthropomorph
Antwort auf @Shazia Geist

Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/SC


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Textaris(txt*bot)

"Solidarität mit Palästina in der BRD: Warum ich die Vorsilbe ,,Deutsch" wieder ablegte" Mohamed Ibrahim [Mohamed Ibrahim ist Politologe und organisiert seit vielen Jahren Dialog- und Bildungsprojekte.] (4.8.2026)
"... Während meine Geschwister auf dem Hof spielten, lauschte ich gebannt den Geschichten der alten Männer, von denen viele den Einmarsch der israelischen Armee in den Libanon 1982 hautnah miterlebt hatten. Viele dieser Menschen litten unter Kriegstraumata und hätten eigentlich eine psychosoziale Betreuung benötigt, um über ihre Kriegserfahrungen zu sprechen. Aber die meisten waren schon froh, wenn sie nicht abgeschoben wurden. Als ich diesen alten Männern zuhörte, wurde ich wütend und begann, einen Hass auf Juden zu entwickeln. Mein Vater wies mich scharf zurecht. Er erklärte mir, dass Jüdinnen und Juden religiös gesehen ,,unsere Cousins und Cousinen" seien und dass der Konflikt um Palästina ein politischer Konflikt sei. Er erklärte mir auch, dass Adolf Hitler alle Juden habe vernichten wollen, weil sie Juden waren, während die meisten Deutschen nur zugeschaut hätten. Die Aussage meines Vaters beeindruckte mich damals sehr. ..."
https://taz.de/Solidaritaet-mit-Palaestina-in-der-BRD/!6201028/

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