Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 224565 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #750 on: July 06, 2018, 05:16:53 PM »
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[...] Herman Gordon putzt gerade einen Computerraum an der Universität Bristol, als ihn ein Student anspricht: "Wir haben hier ein kleines Geschenk für dich." Als Gordon den Umschlag öffnet, kann er es erst nicht glauben - und fängt dann an zu weinen.

"Du hast uns viele unserer Tage versüßt, und wir möchten, dass du weißt, dass wir dich lieben und schätzen", heißt es laut Nachrichtenportal "Bristol Live" in einem Anschreiben, das die Studenten in einen Umschlag gesteckt haben - zusammen mit insgesamt 1500 britischen Pfund.

Das Geld ist für eine Reise nach Jamaika bestimmt, Gordons Heimat. Seit zwölf Jahren arbeitet er als Reinigungskraft an der Universität im Süden Großbritanniens - und hatte selten das Geld, um seine Familie zu besuchen. Nun kann er gemeinsam mit seiner Frau in die alte Heimat reisen.

Gemeinsam mit seinen Kommilitonen hatte der Student, der das Video filmte, das Geld für Gordon gesammelt. Per Crowdfunding-Aktion hatten die Studenten auf Gordons Fall aufmerksam gemacht - mehr als 230 Menschen spendeten daraufhin für seinen Urlaub. Schon nach wenigen Tagen war die Zielsumme erreicht.

Gordon sei der "Inbegriff von Fröhlichkeit", hieß es auf der Crowdfunding-Plattform. Nun könnten sie endlich mal etwas zurückgeben. Student Matthew betreute die Aktion unter dem Motto "Send Herman to Jamaica" - schicken wir Herman nach Jamaika. "Studenten erzählten auf der Spendenplattform davon, wie Gordon ihnen vor der Prüfung Mut zusprach, sich einfach so mit ihnen unterhielt oder ihnen von Jamaika erzählte", sagte er ABC News.

Für Gordon kam die Unterstützung völlig überraschend. Er habe nie erwähnt, dass er gerne wegfahren würde, sagte Gordon der BBC. Seine Freude mindert das nicht. "Ich danke allen, die für mich gespendet haben. Das zeigt mir wirklich, dass ich geliebt werde", sagt er im Video unter Tränen. Dann trocknet er seine Augen - mit einem Putztuch.

lmd


Aus: "Studenten spendieren Reinigungskraft Urlaub" (28.06.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/grossbritannien-studenten-spenden-reinigungskraft-1500-pfund-a-1215577.html

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« Reply #751 on: July 17, 2018, 10:56:38 PM »
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Podunski #44

Hohe Kaufpreise und Mieten haben auch einen Vorteil, wenn man sie sich denn leisten kann. Sie halten ein Klientel fern, was man nicht unbedingt haben will. Klingt hart, ist aber so.


Kommentar zu: "Immobilienmarkt: Kaufpreise für Wohnungen in Berlin um mehr als 15 Prozent gestiegen" (17. Juli 2018)
Der Preisanstieg für Wohnimmobilien setzt sich unvermindert fort – vor allem in Metropolen. Niedrige Zinsen treiben die Nachfrage in die Höhe.
https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-07/immobilienmarkt-berlin-wohnungen-kaufpreise-anstieg?page=12#comments

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« Reply #752 on: July 25, 2018, 11:07:28 AM »
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[...] Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat Medienberichten zufolge erneut gegen den ehemaligen Topmanager Thomas Middelhoff Ermittlungen aufgenommen. Das berichten die Süddeutsche Zeitung und der Westdeutsche Rundfunk unter Berufung auf die Behörde.

Der frühere Arcandor-Chef Middelhoff war im November 2014 vom Landgericht Essen unter anderem wegen Veruntreuung von Konzernvermögen zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Er kam im November 2017 auf freien Fuß. Am 31. März 2015 stellte er laut dem Bericht Antrag auf ein Privatinsolvenzverfahren.

Unstrittig sei, dass in den Jahren vor der Privatinsolvenz immer mehr vom Middelhoff-Vermögen in Gesellschaften floss, die sein Anwalt Fromm kontrolliere, schrieb die Süddeutsche. Als Gegenleistung hätten diese Gesellschaften Middelhoff regelmäßig Geld überwiesen, damit er sein Privatleben sowie seine Gerichts- und Anwaltskosten finanzieren konnte.

Middelhoffs Insolvenzverwalter Thorsten Fuest habe dessen Rechtsanwalt Hartmut Fromm und seine Berliner Kanzlei beim Landgericht Bielefeld auf Zahlung von 5,1 Millionen Euro verklagt, berichtete die SZ. Der Inhalt dieser Klage habe auch die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen ausgelöst.

Die Klage fuße demnach auf einem Gutachten der Wirtschaftskanzlei Taylor-Wessing, berichtete. Sie habe im Auftrag des Insolvenzverwalters Middelhoffs Vermögenstransfers in den Jahren 2011 bis 2015 durchleuchtet. Die Gutachter seien zu dem Ergebnis gekommen, der Ex-Manager habe sein Privatvermögen systematisch auf Dritte übertragen, und das unter tatkräftiger Mithilfe von Fromm. Womöglich habe sich Middelhoff dabei einer Bankrott-Straftat schuldig gemacht und sein Freund der Beihilfe dazu.

Dem WDR gegenüber sagte Middelhoff, ein neues Verfahren sei ihm nicht bekannt. Der Vorwurf des Bankrotts sei bereits abschließend durch die Staatsanwaltschaft Bochum geprüft und eingestellt worden, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Bielefeld würden seines Erachtens zu demselben Ergebnis führen, berichtet der WDR. Der Sender zitiert Middelhoff mit den Worten: "Sollte ich trotz rechtlicher Beratung einen Beurteilungs- oder Ermessensfehler begangen haben – den ich wirklich nicht erkennen kann –, werde ich natürlich zu meiner Verantwortung stehen."

Quote
Hagen Richard Zeppelin 4 #1

Ich habe sein Interview im Handelsblatt vor einigen Monaten gelesen. Er ist demütig geworden. Ich wünsche ihm, dass er einmal einen Schlussstrich wird ziehen können. Die aktuellen Vorwürfe kenne ich nicht im Detail, aber schon die damaligen drei Jahre fand ich überhart. Wenn man, um einem Stau zu entgehen, einen Helikopter mietet, ist das zwar sehr protzig und unnötig, aber in meinen Augen keine Veruntreuung, die ausreicht, einen für Jahre in den Knast zu werfen.


Quote
jackterrier #1.2

Dieser so ehrliche, aufrechte und gesetzestreue Mann hat in den Jahren 2011 - 2015 ganz bestimmt nicht ahnen können, dass irgendwann jemand auf sein Privatvermögen im Rahmen von Haftung zugreifen möchte. Und warum sollte er wohl dann Teile dieser Brosamen verschieben, zu seiner Frau oder wohin auch immer. Und Zuhilfenahme seines Freundes, einem Anwalt.

Nein, nein. Das sind boshafte Vermutungen von Journalisten im Sommerloch.

Sarkasmus off


Quote
  Stan_Smith #5.4

Man sieht dieses Verhalten auch bei Menschen, die nicht der "Elite" entstammen.
Schauen Sie sich bitte diverse Sportler, Modelle, Schauspieler... an, die nie eine höherbildende Schule von innen gesehen haben. Davon gibt es einige.
Viele kommen auf ihrem Reichtum nicht klar.


Quote
Munters #15

Der ist weder demütig noch sieht er seine Fehler ein.  ...



Aus: "Offenbar neue Ermittlungen gegen Ex-Manager Middelhoff" (24. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2018-07/staatsanwaltschaft-bielefeld-thomas-middelhoff-verfahren-arcandor

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« Reply #753 on: July 26, 2018, 11:21:31 AM »
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[...] Pause im Festspielhaus - und eine gut gelaunte Kanzlerin. Im Anschluss an die Premiere wurde Merkel gefragt, wie ihr die Oper "Lohengrin" gefallen habe. Ihre Antwort: "Wunderbar." ...


Aus: "Bayreuther Festspiele: Die Prominenz versammelt sich" (26.07.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/fotostrecke/festspiele-bayreuth-2018-politiker-bei-der-premiere-fotostrecke-162665-11.html

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« Reply #754 on: July 28, 2018, 06:43:14 PM »
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[...] ZEIT Campus ONLINE: Auf Twitter schreiben Sie, dass es junge Erwachsene gibt, die ihren Studienplatz nicht annehmen können, weil ihnen 400 Euro fehlen. Was steckt dahinter?

Katja Urbatsch: Ich bezog mich auf den Fall einer jungen Frau. Sie soll bis zum 3. August den Semesterbeitrag von 400 Euro zahlen, um immatrikuliert zu werden. Obwohl sie vorher eine Ausbildung gemacht hat und arbeitet, um ihre Lebenskosten zu bestreiten, kann sie das Geld nicht bezahlen. Auch ihre Eltern können ihr nicht helfen.


ZEIT Campus ONLINE: Ist das ein Einzelfall?

Urbatsch: Nein, überhaupt nicht. Diese Art von Anfragen häuft sich bei uns. Allein gestern Vormittag haben sich bei unserer Mitarbeiterin in Niedersachen vier Personen in einer ähnlichen Situation gemeldet. Aus meiner Sicht handelt es sich hierbei um einen Systemfehler, den niemand im Blick hat. Wir reden immer über Bafög-Erhöhung, aber wir reden nicht darüber, dass es für unsere Zielgruppe eines der größten Probleme ist, vor dem Studium in Vorleistung zu gehen. Die Semestergebühren sind nur der Anfang: Als Nächstes kommen Fahrtkosten, Umzugskosten, Kosten für Lebensmittel, die Kaution für das WG-Zimmer, die erste Miete.   

ZEIT Campus ONLINE: Aber genau für diese bedürftige Gruppe gibt es doch Bafög, Stipendien und Kredite?

Urbatsch: Ja, aber in der speziellen Situation des Studienbeginns hilft das nicht. Bei Krediten braucht man eine Bürgschaft, aber wenn man eine Bürgschaft hätte, braucht man keinen Kredit. Die Stipendien kommen alle viel später und werden nur an einen kleinen Teil der Studierenden vergeben. Das Bafög kommt erst, wenn man immatrikuliert ist, und dann auch noch sehr spät.

ZEIT Campus ONLINE: Wie kommt es zu dem Betrag von 400 Euro?

Urbatsch: Die 400 Euro setzen sich aus dem Studentenschaftsbeitrag, dem Semesterticket und den Verwaltungskosten zusammen. Der Betrag unterscheidet sich aber zwischen den einzelnen Universitäten und Fachhochschulen sehr voneinander. Ich war auch ziemlich geschockt über die 400 Euro. Da ich selbst Promotionsstudentin bin, zahle ich semesterweise noch 300 Euro Rückmeldegebühren an meine Universität und habe festgestellt, dass das in den letzten Jahren enorm angestiegen ist. Das waren früher mal 75 Euro. In manchen Regionen ist es sehr teuer geworden.

ZEIT Campus ONLINE: Was ist aus Ihrer Sicht falschgelaufen, dass angehende Studierende nun in dieser Situation stecken?

Urbatsch: Der Fokus bei der Studienfinanzierung liegt immer auf der Bafög-Erhöhung. Aber die Grundproblematik der Vorausleistung für Menschen aus finanzschwachen Familien wird nicht bedacht. Das macht mich wütend. Es wird nicht gesehen, dass wir dadurch unsere Studienfinanzierung immer nur auf eine Mittelschicht ausrichten, die noch irgendwo Geld hat. Mir ist es wichtig, dass jeder in Deutschland die Chance hat, zu studieren – gerade diejenigen, die aus finanzschwachen Familien kommen. Ein Problem ist auch, dass viele Politiker Akademiker sind und keinen Kontakt zu Menschen haben, für die das ein Problem ist. Auf Facebook hatte ein Nutzer unter meinem Post geschrieben, dass das Problem schon vor 20 Jahren bestand und er erstaunt darüber sei, dass sich nichts getan habe. Es hat einfach niemand darauf aufmerksam gemacht. Es gibt an einigen Universitäten und Studierendenwerken schon erste Ansätze, zum Beispiel eigene Darlehen. Aber das ist noch keine Gesamtlösung. 

ZEIT Campus ONLINE: Warum gibt es diese Lücke?

Urbatsch: Es wird sich zu wenig in die Lage von jungen Menschen hineinversetzt. Wenn ich zum Beispiel auf dem Land lebe und mich in Berlin um einen Studienplatz beworben habe, muss ich auch überlegen, wie ich nach Berlin komme und woher ich das Geld dafür nehme. Man kann nebenbei jobben, aber wie lange muss man dafür arbeiten? Es geht hier um eine Gruppe, die ohnehin schon belastet ist und dann zusätzlich noch kämpfen muss. Am Ende studieren doch wieder diejenigen, die von ihren Eltern unterstützt werden können. Der Semesterbeitrag ist dafür nur die erste Hürde. Der kommt im nächsten Jahr wieder und bedeutet wieder eine neue Herausforderung.

ZEIT Campus ONLINE: Kann man diesem Problem entgegenwirken?

Urbatsch: Wir haben sehr viel darüber diskutiert. Wie soll jemand, der aus einer Hartz-4-Familie kommt, diesen Studienbeitrag im Voraus zahlen, wenn man nur 100 Euro zusätzlich verdienen darf und die Familie gar nicht mehr haben darf? Vielleicht müsste man die Gebühren für bestimmte Zielgruppen reduzieren oder erlassen. Wendet man sich nämlich an Institutionen, die einen Vorschuss bezahlen, bedeutet das auch gleich wieder Schulden. 

ZEIT Campus ONLINE: Sie begleiten nun schon seit zehn Jahren junge Studieninteressierte und Studierende. Was hat sich verändert?

Urbatsch: Ich finde, es hat sich viel zum Positiven verändert. Vor zehn Jahren hatten die Hochschulen das Thema gar nicht im Blick. Wir mussten die Probleme stärker erläutern und auf die Agenda setzen. Inzwischen sind wir in der Diskussion weiter. Jetzt gibt es Förderprogramme, eigene Angebote der Hochschulen und Stipendien. Aber angesichts anderer Themen wie dem Azubimangel habe ich manchmal den Eindruck, dass das Thema nach hinten gedrängt wird und dass sich nun eher auf andere Zielgruppen konzentriert wird.
ZEIT Campus ONLINE: Sie selbst sind in einem nicht akademischen Elternhaus groß geworden. Hatten Sie auch dieses Problem?

Urbatsch: Ich komme zwar aus einer nicht akademischen Familie, wir gehörten aber zur Mittelschicht. Meine Eltern konnten mich unterstützen. Viele meiner Freunde haben sich allein aufgrund der Angst vor Finanzierungsfragen gegen das Studium entschieden. Das ist häufig schon so abschreckend, dass man gar nicht erst anfängt, sich damit auseinanderzusetzen. Bei anderen Freunden in schwierigen sozialen Lagen habe ich gemerkt: Es war ein riesiger Kampf.

ZEIT Campus Online: Was muss sich bildungspolitisch in Deutschland verändern, damit Bildungsgerechtigkeit erreicht werden kann?

Urbatsch: Es muss eine Lobby oder ein Gremium aus der Hochschulverwaltung sowie Politikerinnen und Politikern geben, das sich damit befasst und Bewusstsein dafür schafft. Mithilfe eines konkreten Falls könnte man sich die Hürden genau anschauen und überlegen, wie man sie am besten abbauen könnte. Es tut sich wenig, weil es die Mehrheit nicht betrifft. Auch diejenigen, die in Führungspositionen und den Hochschulverwaltungen sitzen, sind nicht davon betroffen. Aber wir müssen den Diskurs nutzen und weiterführen, das bringt uns voran. 

Quote
Danke für dieses Geräusch #1.2

Meine Töchter studieren derzeit beide in England. Ich sehe monatlich auf dem Konto, was gute Bildung kostet.
In Deutschland kostet ein Studium nur einen Bruchteil, was ich durch üppige Steuerzahlungen mit ermögliche.
Ich finde das System gut, wie es ist.


Quote
roland_s #1.6

Für Sie vielleicht mal ein Beispiel:

Alleinerziehende mit Tochter.
Bruttowarmmiete 560 €.

Bis zum Abi wird alles über 100 € verrechnet.

Entfallen auf die Tochter nach dem Abi 280 € Mietanteil. Die Tochter muss sich voll selbst versorgen inklusive Anteil an Strom, Telefon etc. Rechnen wir dafür mal den ALG II-Satz rund 400 €. Alles was über 1080 € verdient wird, muss in die Haushaltsgemeinschaft gehen. Völlig egal, wie viel davon noch als Weg zur Arbeit etc. Gebraucht wird. Der Spielraum zu sparen für: Kaution, Studiengebühren für das erste Jahr = 2 Semester, Möbel, etc. Ist da verdammt gering.

... Und noch zum Dritten: Fakt ist, dass der Bafög-Antrag teilweise bis zu 6 Monate Bearbeitungszeit hat, bis das erste Geld fliesst. Dispo? Den kriegen Menschen mit dem Hintergrund oft nicht oder sehr teuer. Ergo müsste man eigentlich auch noch für bis zu ein halbes Jahr Noteinkommen bunkern. ...


Quote
Danke für dieses Geräusch #1.11

"Ich wünsche Ihnen vom Herzen, dass sich wenigstens eine Ihrer Töchter von Ihnen emotional und weltanschaulich entfernt und einen schwarzen, türkischen, russischen....wie auch immer nicht-Akademiker Freund mit nach Hause bringt." Meine Frau ist eingebürgerte Türkin, meine Töchter sind Deutsche mit türkischem Migrationshintergrund.
Ich selbst bin bei einer mehrfach persönlichkeitsgestörten, alleinerziehenden Mutter aus einer Fluchtfamilie (Ostpreußen) aufgewachsen. Als Kind trug ich Plastiktüten in den vom Bruder geerbten Winterstiefeln, um keine nassen Füße zu bekommen. Die Tüten versteckte ich vor meiner Mutter, damit sie kein schlechtes Gewissen bekommt.
Ich denke, ich würde mit einem nicht-Akademikerfreund von welcher Herkunft auch immer klarkommen.

"Danke für dieses Geräusch - leider am Thema vorbei, sechs, setzen!"

Dann haben Sie das Thema nicht verstanden. Die Autorin möchte, dass Geld locker gemacht wird. Das Geld ist aber schon sehr locker.
Ganz spezifisch geht es um diesen Absatz:
"Vielleicht müsste man die Gebühren für bestimmte Zielgruppen reduzieren oder erlassen. Wendet man sich nämlich an Institutionen, die einen Vorschuss bezahlen, bedeutet das auch gleich wieder Schulden. "
Damit Studienanfänger S keine 400 Euro Schulden aufnehmen muss, soll die Gemeinschaft bezahlen.

... „Wo soll das denn bitte sein, dass Eltern pro Monat 6000 Euro bezahlen? Das ist doch so was von Fake.“

In den USA gibt es Schulen für 100k USD jährlich.

Von Deutschland habe ich das aber noch nicht vernommen. Aber auch in D werden sich die Verhältnisse wohl ändern.




Quote
W Schaefer #6

In Zeiten von 1000 € Konsumkrediten zum Nullzins kann ein Studium eigentlich nicht an 400 € scheitern.


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bromfiets #6.1

Wer den Konsumkredit mangels Bonität nicht bekommt, hat ein Problem.


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Praxx #9

Unnötiges Klassenkampfvokabular! In den letzten 50 Jahren ist die Abi-Quote von 10% auf über 50% angestiegen und damit natürlich auch der Anteil von Studierenden aus "Nichtakademiker-Haushalten". Wenn man sieht, wieviel Geld für Abifahrten, Abibälle und Abiballklamotten ausgegeben wird, mag ich nicht glauben, dass für Wichtiges wie Semestergebühren dann kein Geld mehr da sein soll!


Quote
roland_s #9.2

Sie haben schon mitbekommen, dass es hier gerade nicht um das Klientel geht, dass 1000e Euro für einen Abiball ausgibt!
Hochnäsige Arroganz von Menschen, die nicht mal bereit sind, sich zu informieren, bevor sie bewerten.


Quote
vlavo #11

Mein Studium als Mensch mit Migrationshintergrund hat sich angefühlt wie ein Drahtseilakt im Zirkus ohne Absicherung. Man steht unter genauer Beobachtung. Manche haben Angst um dich, andere sidn neugierig und gucken wie du dich anstellt und fragen sich ob sie das auch könnten (billigen Plätze), andere kitzelt die Sensationslust an deinem möglichen Sturz, aber auch dissozierte Bewunderung erlebt man (die sitzen dann auf den Logenplätzen). Am Ende dann: Manche sind enttäuscht dass du nicht abgeschmiert bist, andere weil sie jetzt sehen, dass es doch möglich ist aber für sie jetzt zu spät. Wiederum andere sind sehr erleichtert, sehen dass die aus der Loge kommen und dich kennenlernen wollen und dir die Hand schütteln. ...


Quote
sx711 #11.2

Einfach nur Gelaber. Unglaublich was Sie hier für einrn Müll verzapfen. An der Uni Vaihingen sind zu 90% Menschen ausländischer Herkunft eingeschrieben in den Naturwissenschaften. Da wird NIEMAND dumm beäugt. Habe eher den Eindruck hier schreibt Erdoganbeauftragter spalter. Lächerlich!!!

Gruss ein polnisch-deutscher Ausländer


Quote
schwarzwaldtib #13

Wer es nicht auf die Reihe bekommt, solche Beträge mittelfristig einzuplanen, zu erwirtschaften und sich auf den Standpunkt zurückzieht, das Bafög käme zu spät und das sei ein Problem, hat in einem Studium nichts zu suchen. Ich hätte nicht gedacht, dass solche grundlegenden Dinge wie "so überlebe ich in einer Marktwirtschaft" quasi als Zugangsvoraussetzung für ein Studium herhalten müssen. Aber vielleicht ist das auch nicht Verkehr.


Quote
DerJoker1991 #13.1

Sie waren vermutlich auch schon in jungen Jahren absolut Reif und wissen worauf zu achten ist? Vermutlich haben Sie auch direkt im Studium gewusst worum es geht, wie man lernt und wie man alleine zurecht kommt. Falls ja, meinen Glückwunsch. Sie sind eine Seltenheit. Dennoch ist es für die meisten erst mal was völlig neues. Ein anderes Leben mit dem man zurecht kommen muss. Zum Glück entscheiden sie nicht wer in einem Studium etwas zu suchen hat.


...


Aus: "Arbeiterkind: "Die Studienfinanzierung ist nur auf die Mittelschicht ausgerichtet" " Interview: Friederike Hoppe (28. Juli 2018)
Quellle: https://www.zeit.de/campus/2018-07/arbeiterkind-studium-finanzierung-bewerbung-mittelschicht-gebuehren-immatrikulation/komplettansicht

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« Reply #755 on: July 28, 2018, 07:11:38 PM »
Quote
[...] Wohin mit dem Picasso? Zum Beispiel in eine Kammer im Le Freeport in Luxemburg. 2014 wurde das Lagerhaus am Flughafen eröffnet, es mutet an wie ein Museum. Vor allem Kunstsammler gehören zu den Kunden.

Damit die Werte unbeschädigt bleiben, werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit kontrolliert. 300 Überwachungskameras sichern den Speicher. Falls es brennt, wird nicht mit Wasser gelöscht, stattdessen entzieht eine Anlage der Raumluft den Sauerstoff, um das Feuer zu ersticken. Ebenso interessant dürfte für die Mieter sein, dass das Lagerhaus im internationalen Bereich des Flughafens liegt. Dinge, die dort aufbewahrt werden, sind quasi im Transit. Bei Verkäufen wird daher keine Mehrwertsteuer fällig, und auch der Zoll nimmt keine Gebühren. Einer der Eigentümer ist der Kunsthändler Yves Bouvier. Gegen ihn ermittelt gerade die Staatsanwaltschaft Genf. Ein russischer Kunde fühlt sich von ihm bei einem Kunstkauf betrogen. Bouvier streitet das ab.

Am internationalen Flughafen lagern in Kammern Gold, Gemälde, teure Weine und Schmuck. Es gibt auch Räume, in denen man für Privatgeschäfte Kunst ausstellen kann. Zu den Kunden gehören Auktionshäuser, Galerien, Banken und wohlhabende Sammler. Die Lagerkosten hängen von der Größe der Kammern ab. Niemand weiß, welche Werte in den Kammern aufbewahrt werden. Diskretion gehört zum Geschäft. Darin ähneln die Luxus-Lagerhäuser den Offshore-Finanzplätzen: Sie bieten Sicherheit und Diskretion, es werden nicht zu viele Fragen gestellt.

In der Schweiz gibt es derartige Speicher in Chiasso, Zürich und Genf. Die Lagerfläche in Genf hat die Ausmaße von rund 22 Fußballfeldern, wie der »Economist« berichtet. Laut der »New York Times« sollen dort 1000 Gemälde von Pablo Picasso aufbewahrt sein. Auch für Bankkunden, die nicht versteuertes Vermögen besitzen, könnten die Speicher praktisch sein. Im Zuge des Automatischen Informationsaustauschs (AIA) über Bankguthaben, zu dem sich rund 100 Länder weltweit verpflichtet haben, droht das Schwarzgeld entdeckt zu werden. Sicherer ist es daher, das Vermögen in Kunst oder Gold anzulegen und ineinem Lagerhaus aufzubewahren. Diese sind nicht vom AIA erfasst. ...



Aus: "Geldspeicher im Niemandsland" Ingo Malcher (2018)
Quelle: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/geld/geldspeicher-im-niemandsland

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« Reply #756 on: July 30, 2018, 03:57:16 PM »
Quote
[...] BERLIN dpa | Der Anwalt von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn prüft juristische Schritte gegen die Staatsanwaltschaft Braunschweig. „Wir erwägen, Strafanzeige wegen Verrats von Dienstgeheimnissen zu stellen“, sagte Rechtsanwalt Felix Dörr. Auslöser waren Berichte in der Bild am Sonntag.

Das Blatt hatte aus den Ermittlungsakten der Behörde zum Abgasskandal zitiert, wonach es Steuerermittlungen gegen Winterkorn gibt. Es geht unter anderem um die Überweisung von insgesamt rund zehn Millionen Euro auf Schweizer Konten. Laut Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht, dass fällige Steuern nicht bezahlt worden seien.

„Die Staatsanwaltschaft in Braunschweig muss mir den tieferen Sinn des Vorgehens erläutern“, sagte Dörr. Angaben über die persönlichen Vermögensverhältnisse und Steuerfragen hätten nichts in den Akten zu den Abgasermittlungen zu suchen.

Das Steuerverfahren begann im Jahr 2017 zunächst mit Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München wegen des Verdachts auf Geldwäsche. Da die Ermittler einen Zusammenhang mit dem VW-Dieselskandal vermuteten, übernahm die Staatsanwaltschaft Braunschweig den Vorgang und fügte die fünf Steueraktenordner zu den Dieselakten hinzu.

In den Dieselermittlungsakten ist nun zu lesen, dass Winterkorn 2016 und 2017 hohe Millionenbeträge auf ein Treuhandkonto seines Steuerberaters überwiesen hatte. Von dort floss das Geld in Depots nach Zürich. Eines dieser Depots wurde Winterkorns Ehefrau zugeordnet. Die Ermittler haben laut Bild am Sonntag den Verdacht, dass ein Teil der Überweisungen eine Schenkung gewesen sei, für die mehr als eine halbe Million Euro Schenkungssteuer angefallen wäre.

In einem Vermerk hat die Staatsanwaltschaft festgehalten, dass Winterkorn vermutlich Vermögenswerte in die Schweiz verschoben habe, um einen „Notgroschen“ zu haben. In der Dieselaffäre drohen hohe Schadensersatzansprüche von VW, sollten ihm Pflichtverletzungen nachgewiesen werden.

Zu den steuerrechtlichen Vorwürfen sagte Rechtsanwalt Dörr, es sei die höchstpersönliche Entscheidung von Winterkorn, wo und durch wen er sein Geld verwalten lasse. Ein Geldtransfer von einer deutschen Bank in die Schweiz sei rechtlich völlig in Ordnung.

Die Bank betonte am Sonntag, sie beachte alle gesetzlichen Regelungen. Die Schweizer Gesetze erlaubten es ihr nicht, bestehende oder auch nicht bestehende Kontoverbindungen zu kommentieren. „Darüber hinaus weisen wir auf den seit 2018 bestehenden automatischen Austausch von Informationen über Finanzkonten zwischen der Schweiz und Deutschland hin, mit dem vollständige Transparenz geschaffen wurde.“


Aus: "Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung: Winterkorn im Stress" (30.7.2018)
Quelle: https://www.taz.de/Ermittlungen-wegen-Steuerhinterziehung/!5520307/


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« Reply #757 on: July 31, 2018, 09:50:43 AM »
Quote
[...] Investigate Europe ist ein Team von zehn Journalisten aus neun europäischen Ländern. Sie recherchieren gemeinsam Themen, die für ganz Europa wichtig sind – und teilen die Ergebnisse. Unterstützt wird das Projekt durch die Hans-Böckler-Stiftung, die norwegische Stiftung Fritt Ord, die Stiftung Hübner & Kennedy, die GLS Treuhand, die Schöpflin-Stiftung, die Rudolf-Augstein-Stiftung und die Open Society Initiative for Europe. Das Team kooperiert mit den NGOs Journalismfund und N-Ost. Die Recherchen zu den Privatfliegern werden in ganz Europa veröffentlicht.

... Das Schwarzgeld überbrachte der Chef gern persönlich. Mehrmals pro Jahr steuerte er dafür mit seinem Privatjet den kleinen Flugplatz von Cascais an, einem Vorort an der Küste bei Lissabon. Sein Mitarbeiter übernahm die wertvolle Fracht dann gleich am Flugfeld, um sie später auf die Konten der Organisation bei verschiedenen Banken einzuzahlen.

Auf diesem Weg soll der Brasilianer Edir Macedo, Gründer und „Bischof“ der Sekte „Universalkirche des Gottesreiches“, über Jahre bis zu fünf Millionen Dollar jährlich von Angola nach Europa geschafft haben, um damit seine europäischen Unternehmungen zu finanzieren. Das berichtete im März 2018 sein früherer Statthalter in Europa.

 Macedo, 73, predigt eine „Theologie des Wohlstands“, wonach Reichtum Ausdruck eines gottgefälligen Lebens sei. Dafür kassiert seine „Universalkirche“ von mehr als sechs Millionen Anhängern hohe Tribute, das machte ihn zum Milliardär. Seine Organisation steht seit Jahren im Verdacht, illegale Geldgeschäfte zu betreiben. Macedos Anwälte bestreiten das, aber sowohl in Brasilien als auch in Portugal ermitteln die Behörden.

Für die Reisen des selbst ernannten Bischofs nach Europa war das kein Problem. Am Flughafen Cascais sind keine Grenzpolizisten stationiert. Passagiere, die mit dem eigenen Flieger kommen, können in der Regel unkontrolliert einreisen.

Keine Kontrollen? Einreisen ohne Prüfung des Gepäcks, Datenabgleich mit den Fahndungslisten und Eintrag ins Fluggastdatenregister? Das scheint in Zeiten der EU-weit geschürten Angst vor Terroristen, Mafiosi und illegalen Migranten bestenfalls ein Versehen.

Doch genau das ist in zahlreichen weiteren EU-Ländern gängige Praxis, auch in Deutschland. Für die gut betuchten Nutzer von privaten Flugzeugen, das ergeben Recherchen von „Investigate Europe“, gilt europaweit ein Sonderrecht: Nicht nur können sie mit ihren Business-Jets, Hubschraubern und Sportflugzeugen hunderte kleinere Flughäfen ansteuern, wo sie nur oberflächlich oder gar nicht kontrolliert werden. Zugleich werden auch – anders als bei gewöhnlichen Flugpassagieren – ihre persönlichen Daten nicht in den Datenbanken gespeichert, mit denen die EU-Staaten die Reisen aller übrigen Bürger überwachen.

 Dieser laxe Umgang mit den Privatfliegern sei „grob fahrlässig“ und berge „ein Sicherheitsrisiko“, warnt Arndt Krummen, Fachmann der für die Grenzsicherung zuständigen Bundespolizei bei der Gewerkschaft der Polizei.

Wie anfällig diese Praxis für kriminellen Missbrauch ist, belegt etwa der Drogen-Lieferdienst von vier Franzosen, der als „Air Cocaine“ Schlagzeilen machte. Sie brachten ihre Ware mit einem Jet vom Typ Dassault Falcon regelmäßig nach Frankreich und Belgien. ...

Derzeit sind in Deutschland 88 kleinere Flugplätze als Grenzübergangsstellen zugelassen. Dort reisten allein im Jahr 2017 mehr als 11 000 Passagiere aus Ländern ein, die nicht zur kontrollfreien Schengenzone der EU gehören.

Trotzdem wurden weder die Dokumente noch das Gepäck der meisten dieser Besucher von Zollbeamten kontrolliert. Stattdessen werden „Hilfspolizeibeamte“ bestellt, „wenn der Einsatz von Polizeivollzugsbeamten unwirtschaftlich wäre und eine Schließung der Grenzübergangsstelle nicht in Betracht kommt“, bestätigt die Bundespolizei.

Dabei handele es sich in der Regel um „Mitglieder der örtlichen Flugleitung“, die allerdings keinen Zugang zu den Fahndungsdatenbanken haben und lediglich einen Blick in die Pässe werfen können. „In Zweifelsfällen“ sei aber „stets Rücksprache mit der Grenzbehörde zu halten“.

So läuft es zum Beispiel in Schönhagen bei Trebbin. Der dortige Flugplatz, eine Autostunde von Berlin entfernt, „ist bei Geschäftsleuten sehr beliebt“, erzählt ein Grenzer, und „für Business Aviation optimal ausgebaut“, wie die Werbung der Flughafengesellschaft verspricht.

Röntgenapparate und Metalldetektoren, wie sie an den großen Flughäfen üblich sind, gibt es hier nicht. Wer das kleine Terminal betritt, steht sofort am Schalter, der aussieht wie der Empfangstresen eines Hotels. Der freundliche Flugleiter ist gleichzeitig auch für die Abfertigung zuständig. Wenn eine Maschine aus einem Land ankommt, in dem das Schengen-Abkommen nicht gilt, ist er es, der die Pässe der Passagiere kontrolliert. Diese Art zu reisen werde vielfach als „Luxus abgestempelt“, erklärt Geschäftsführer Klaus-Jürgen Schwahn. Für viele Manager sei es „aber, vor dem Hintergrund der zunehmenden Globalisierung, die einzige Chance, einen engen Zeitplan an Terminen überall in Europa wahrzunehmen“.

... Immerhin ist man im deutschen Innenministerium nicht mehr ganz so sicher, ob das Laissez-faire an den Flugplätzen der Reichen nicht doch ein Risiko birgt. Es sei „nicht auszuschließen, dass Kriminelle versuchen, gegebenenfalls weniger umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen auf kleinen Flugplätzen für illegale Zwecke auszunutzen“, gab Seehofers Sprecherin zu.

... Da ist die belgische Regierung schon weiter. Ihr Gesetz schreibt die Erfassung sämtlicher Flugdaten vor. „Spätestens ab Ende 2019 werden wir die Informationen über die Passagiere aller Flüge bekommen“, versichert ein Sprecher des Innenministeriums, „ganz egal, ob sie mit dem Jumbojet oder ihrem Privatflugzeug anreisen.“

Quote
DerJoker 30.07.2018, 23:04 Uhr
Man will es nicht glauben, weil es nach "Verschwörungstheorien" klingt, aber die haben recht! Was mensch sich ausdenken kann, gibt es auch. In München wird ein halber Flughafen gesperrt und tausende Reisende in der Hitze warten  und auf Feldbetten schlafen lassen, weil eine harmlose Frau guten Glaubens durch eine unbewachte Sperre durchgelaufen ist. Aber Privatflugzeuge mit allerlei Schmuggelware an Bord, gut bezahlenden (auch Steuer-) Flüchtlingen, Mafiosi und sonstige Verbrecher dürfen unkontrolliert ins Land ...


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glaubich 30.07.2018, 21:47 Uhr
Früher in den 80 zigern wurde von Forchheim bei Karlsruhe ein Grossangelegter Goldschmuggel(Mehrwertsteuerhinterziehung) betrieben von Volksbank,Dresdner(mittlerweile geschluckt) und Anderen Banken betrieben und aufgedeckt! Es ging um good delivery Gold 12,5 kg  99,5 % Au Barren in Kleinflugzeugen aus der Schweiz.


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GBB 30.07.2018, 20:34 Uhr
keine Kontrolle
bei Landungen auf deutschen Kleinflughäfen wurde ich noch nie kontrolliert, weder Pass noch Gepäck. Meistens reichte dem Typen im Tower die Anzahl der Passagiere, Nachfragen gab es kaum.
Drogen, Waffen oder Menschen nach Deutschland zu schmuggeln ist relativ leicht und ungefährlich.


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jetbundle 30.07.2018, 18:42 Uhr
Schon allein die Schlagzeile ist ein Ding der Unmöglichkeit. Der Tagesspiegel stört sich an "Spaltung" der Gesellschaft? Und selber legt er einen Hammer drauf.

Im Übrigen, rational statt ideologisch-reisserisch (mit einer ordentlichen Vermischung unterschiedlicher Aspekte, damit es noch schwerer nachzuvollziehen ist) betrachtet ist es doch einfach:
1) Die private Luftfahrt unterliegt nicht überall den Sicherheitsregeln für Passagiere wie die Fluglinien, weil eben das Gefährdungspotenzial nicht besteht. Ein Anschlag auf eine 1-motorige Cessna? Von wem? Von der Eherfrau auf dem Copilotensitz? Beim Übergang vom GA Bereich in den Linienbereich muss man natürlich durch die Sicherheitskontrolle.
2) Genau so wenig wie es Datenbanken über Passagiere von PKW, Fahrrädern oder Ruderbooten gibt gibt es Datenbanken über Passagiere von Kleinflugzeugen.
3) Passagiere in der allgemeinen Luftfahrt unterliegen genau den gleichen Grenz- und Zollkontrollen wie Linienpassagiere. Wenn die Polizei meint dass die technischen Möglichkeiten auf den kleinen Flugplätzen nicht ausreichen sollen sie dort eine Abfragemöglichkeit der Datenbanken einrichten. Ach ja, ich wurde per Linie auch noch nie vom Zoll kontrolliert, auch wenn ich mit zwei dicken Koffern angekommen bin.

Und nur zur Infomation: Nicht jeder Passagier der allgemeinen Luftfahrt oder Privatpilot ist reich. Fliegen ist nicht gerade ein billiges Hobby, aber ich kenne durchaus Normal- bis Gutverdiener die im Flugverein sind. Ebenso fliegen auch mal Gutverdiener oder "normale" Berufstätige aus welchen Gründen auch immer privat. Ist vielleicht teurer als Ryanair aber auch kein Luxusprivileg und im Normalfall weniger komfortabel als Business Class.


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rowa1 30.07.2018, 19:21 Uhr
Antwort auf den Beitrag von jetbundle 30.07.2018, 18:42 Uhr
Es geht hier nicht um Hobbypiloten und Kleinflugzeuge. Es geht um die Einreise in den Schengen-Raum (bzw. den Zollraum). Und abgesehen von Großbritannien dürfte es kaum relevante Ziele außerhalb Schengens geben, die sich von hier mit der Cessna erreichen lassen. Zolltechnisch ist eigentlich nur die Schweiz problematisch.

Die Angelegenheit betrifft ja nur sehr wenige Leute, und da frage ich mich schon, warum man dafür über 80 Grenzübergänge braucht. Es täten ja auch eine Handvoll. Und da kann man dann für die Abfertigung auch eine kostendeckende Gebühr verlangen.

Der Vollständigkeit halber sollte man allerdings erwähnen, daß es diese Problematik auch in Yachthäfen gibt.


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Nordmann_berlin 30.07.2018, 13:42 Uhr

    Ohnehin werde „das Risiko, dass auf diesem Wege potenzielle Terroristen ins Land gelangen, derzeit als eher gering eingeschätzt“, erläuterte sie zur Begründung.

Nach 9/11 wäre es ja auch eine völlig neue Erkenntnis, dass Terroristen Fluglizenzen erwerben. ...


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Gipsy 30.07.2018, 13:41 Uhr
Na super! Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, - nur manche sind halt gleicher. Es könnte ein Witz sein, aber was sagt und das? ...
Kaum ein Hund beißt die Hand, die ihn füttert. - Warum sollten Politiker sich anders verhalten?


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Pressekritiker2 30.07.2018, 22:23 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Gipsy 30.07.2018, 13:32 Uhr

    Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, - nur manche sind halt gleicher.

Natürlich sind alle gleich. Es geht hier nicht um die Unterscheidung von Menschen, sondern um verschiedene Bereiche der Luftfahrt und verschiedene Unternehmensformen.

Die Anforderungen an einen professionellen LKW-Fahrer sind von Gesetzes wegen auch höher als die an einen privaten Sprinter-Fahrer, und trotzdem sind beide vor dem Gesetz gleich.


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gesundermenschenverstand 30.07.2018, 14:43 Uhr
vielen dank für diese investigative recherche

mal wieder mit haaresträubendem resultat. ...


...


Aus: "Sicherheitslücken an Flugplätzen: Reiche werden nicht kontrolliert"  Harald Schumann und Elisa Simantke  (30.07.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/sicherheitsluecken-an-flugplaetzen-reiche-werden-nicht-kontrolliert/22852408-all.html


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« Reply #758 on: July 31, 2018, 01:01:38 PM »
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[...] Es ist eine Geschichte, wie die bunten Blätter sie lieben – und erst recht deren Leser. Ein Unternehmer und Patriarch, Mitglied der Hamburger High Society, überwirft sich mit seinem Sohn und Erben – und beschließt, für Ersatz zu sorgen. Per Adoption. Allein dieser Plot wäre schon aufsehenerregend. Dass aber der ungnädige Vater der Chef der deutschen Kaffeerösterdynastie Darboven ist und der ausersehene Ersatzerbe der Spross der direkten Konkurrenz Jacobs aus Bremen: Das katapultiert den Stoff in den Rang einer Affäre. Und wer die Hamburger Kaufleute kennt, ahnt bereits: Der Skandal ist nicht weit. Ausgerechnet zum Hamburger Galopp-Derby Anfang Juli, einem Muss-Rendezvous der Reichen und Schönen, wurde der Plan von Albert Darboven (82) publik. Und zwischen Hüten und Hummer hechelten die Hanseaten das Haarsträubende durch. Der Zeitpunkt war umso pikanter, als J. J. Darboven mit seiner Traditionsmarke Idee Kaffee Hauptsponsor des Pferdeevents war und der Patriarch höchstpersönlich auf der Galopprennbahn die Honneurs machte und entgegennahm [bildungssprachlich, veraltet: bei einer Veranstaltung die Gäste begrüßen]. Auf Erkundigungen in der Familiensache reagierte er ungnädig: "Kein Thema."

Dabei war Albert Darboven natürlich klar, dass die Derby-Gesellschaft selbst den mit einer Idee-Kaffee-Decke geschmückten Sieger "Weltstar" nicht halb so spannend fand wie den Bruch zwischen ihm und seinem Sohn Arthur Ernesto (54). Von dessen Mutter Inés Alicia de Sola Oppenheimer, Tochter eines Kaffeebarons aus El Salvador, ließ Darboven sich nach zwölf Jahren Ehe 1973 scheiden. Er heiratete daraufhin im selben Jahr Edda, Prinzessin von Anhalt-Dessau. Gemeinsam mit ihr bestätigte er am Nach-Derby-Montag den Klatsch – per Pressemitteilung. "Meine Frau und ich", heißt es darin, "wünschen uns, Herrn Dr. Jacobs auch ganz offiziell in unsere Familie aufzunehmen." Und weiter: "Wir wünschen uns, dass er unser Lebenswerk in allen Bereichen fortsetzt." Die öffentliche Bestätigung der Darboven-Idee hat Sohn Arthur Ernesto zumindest indirekt erzwungen – gemeinsam mit seinen Cousins Arndt und Behrendt Darboven und deren Mutter Helga. Die vier veröffentlichten am Derby-Wochenende einen offenen Brief, in dem sie vor einem "Bruch mit den Werten des Unternehmens und der Familie" warnen – und weiter schreiben: "Es ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar, dass Albert Darboven, unser Vater beziehungsweise Onkel, die Führung des Familienunternehmens an Dr. Andreas Jacobs übertragen will."

Die Jacobs-Familie hat ihr Unternehmen in der Hamburger Konkurrenz-Hansestadt Bremen zunächst 1982 durch eine Fusion mit der Schweizer Interfood AG erweitert. Acht Jahre später wurde das Unternehmen als Jacobs Suchard an den US-Konzern Kraft Foods verkauft. Andreas Jacobs (54) leitete danach bis 2015 die Holding der Familie, die mit einem Milliardenvermögen zu den reichsten Deutschen gezählt wird. Inzwischen nennt er sich Investor und lebt in Hamburg. Aber nicht nur räumlich sind sich Darboven senior und sein Wunschsohn Jacobs sehr nahe. Sie teilen auch ihre Leidenschaft für schnelle Pferde. Darboven besitzt das Gestüt Idee und war selbst jahrzehntelang als Polospieler aktiv.

Sohn Arthur, seine Vettern und deren Mutter, denen zusammen 42,5 Prozent des Unternehmens gehören, halten die Hippophilie für keine ausreichende Qualifikation. Den Verkauf von Jacobs-Kaffee wenden sie gegen den Konkurrenten ums Erbe. "Uns Darbovens liegt der Kaffee im Blut", schreiben sie, "was wir bei Dr. Jacobs bezweifeln müssen." Zudem hätten die Firmen Darboven und Jacobs sich schon vor Gericht treffen müssen. So weit ist es zwischen Darboven senior und junior bislang nicht gekommen. Sie trennten sich, zunächst geschäftlich, 2008, nach Streitigkeiten über die Unternehmensstrategie. Konkreter Anlass war der "Coffee Erotic", den Arthur Ernesto ins Sortiment aufnehmen wollte. Vater Albert fand das indiskutabel.

Ein spannender Aspekt am Rande ist zweifelsohne, wie Albert zum vierten Chef der Dynastie Darboven wurde: Sein kinderloser Großonkel Arthur Darboven beschied 1948 den zwölfjährigen Albert Hopusch aus Darmstadt: "Du wirst einmal mein Nachfolger." Und – adoptierte ihn.

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immer STANDFEST

Der NEG Virus
Hier wütet der NEG Virus = Neid,Eifersucht,Gier!

Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Familien sieht anders aus!
Passiert übrigens auch im Kleinen, ist der Nachteil von Familienunternehmen.


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alt-heli .

So hat jeder seine Sorgen.... ;-)


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Anonüm

Aber Ernesto, du hast gar kein Vermögen?
Nein, und ich heiße auch nicht Ernesto sondern Harald!


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Meister Sepp

Liest sich wie eine ganz schlechte Seifenoper


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DieNachtkerze

Philip Morris
Jacobs hat nicht an Kraft Foods verkauft. Das Unternehmen gab es damals noch gar nicht. Jacobs hat, um seine Geschwister auszahlen zu können, damals an Philip Morris verkauft, einen Zigaretten-Konzern. Später wurde die Nahrungsmittelsparte, auch aufgrund der Tabak-Prozessdrohungen in den USA, abgespalten und Kraft Foods gegründet. Dieses Unternehmen wurde später wiederum in Kraft Foods Group und Mondelez geteilt. Kraft Foods Group kurz danach von Heinz übernommen (jetzt Kraft-Heinz).


...


Aus: "Der Kaffeekrieg der Söhne" Cornelie Barthelme (31. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084422535/Der-Kaffeekrieg-der-Soehne
« Last Edit: July 31, 2018, 04:26:11 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #759 on: July 31, 2018, 04:01:36 PM »
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[...] Ich trinke einen Schluck Kaffee. Er ist wirklich gut. ... Schließlich kommen wir zu einem größeren Raum. Hier sitzen sieben Leute, die kein eigenes Büro, sondern einen Dedicated Desk gemietet haben, also einen festen Schreibtisch. Ob das alle Selbstständige seien, frage ich. Nein, es gebe noch weitere mit Hot-Desk-Mitgliedschaft, die hätten keinen eigenen Schreibtisch und würden vor allem in den Aufenthaltsräumen arbeiten, sagt Tatjana. ... Tatsächlich gehören laut Unternehmensangaben auch nur etwa fünf Prozent der rund 7.000 deutschen Wework-Mitglieder zu der Gruppe, die man sich klassischerweise unter Coworkern vorstellt, also Freelancer oder Einzelunternehmer. 75 Prozent machen Start-ups aus und die restlichen 20 Prozent sind Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern, die einzelne Abteilungen auslagern.

... Links und rechts werden wir flankiert von großflächigen Glasscheiben, dahinter arbeiten Start-up-Menschen fleißig an ihrem nächsten heißen Ding. ... Ist Wework also nur das domestizierte Abziehbild einer einst radikalen New-Work-Pose? Outgesourcte Hippness als zubuchbares Businessmodul?

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HeinerSelassi #17

Die Kaffeeautomatisierung des Lebens haben die Japaner schon Jahrzehnte. Nur war das noch realer im "echten" statt im virtuellen Leben angesiedelt. Alle Lebensentwürfe und ihre Erfüllung aus einer Hand. Die Firma, in der ich angestellt bin, richtet meine Hochzeit, Reise etc. aus. Eine grauenhafte Vorstellung. Der Tod der vielseitigen Kultur in der nivellierenden Gülle der Beliebigkeit. Vieles fängt mit einem revolutionärem Gedanken an und wird darauf von einem extrem flexiblen Kapitalismus "verwurstet", d. h. zu Geld gemacht u. entrevolutioniert. Ein hippes Imageetikett wird draufgeklebt und eine Mode wird damit geschaffen. Wenige verdienen u. das Gros fühlt sich dazugehörig, funktioniert u. wird ausgebeutet. Es ist das alte Lied, das heute im neoliberalen Mantel daherkommt. Jeder ist sein eigener Lebensunternehmer. Das Sklaventum ist internalisiert. Der perfekte Arbeiter u. Konsument. Als "Freiheit" etikettierte Gleichschaltung. Der Kapitalismus kauft alles. Selbst Ideologien u. Werte. Ja, er erschafft sie sogar. Die meisten Menschen sind mit der richtigen Public Relations manipulierbar. ...


...


Aus: "Die Kaffeeautomatisierung des Lebens" Michael Seemann (28. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/digital/internet/2018-07/wework-sharing-economy-service-software-netzwerk-plattform-coworking/komplettansicht

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« Reply #760 on: August 02, 2018, 09:18:30 AM »
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[...] „Das ist nichts Neues. Es gab Indizien, und jetzt haben wir Belege“, glaubt Alberto Garzón. In einem Radiointerview vor ein paar Tagen ließ der Vorsitzende der Vereinten Linken keine Zweifel daran, dass er die spanische Monarchie seit langem für korrupt hält. „Die Königsfamilie hat ihre privilegierte Lage der juristischen Unantastbarkeit für ihre Ausschweifungen genutzt. Die gehen uns nicht nur symbolisch etwas an, sie beinhalten Konten in Steueroasen und Insiderinformationen.“

Der Anlass für die starken Worte des Linkspolitikers ist die Veröffentlichung heimlicher Aufzeichnungen eines Gespräches, dessen Inhalt Garzón für „glaubwürdig“ und „wahr“ hält, weil es zahlreiche Elemente enthalte, „über die es ausreichende Hinweise gab“. Das kann so sein. Belegt ist im Moment aber noch gar nichts. Die Aufzeichnungen sind allerdings in der Welt. Vergangene Woche haben sie zwei spanische Netzzeitungen, El Español und Okdiario, veröffentlicht. Und niemand kann die Spanier daran hindern, eine Meinung darüber zu haben.

Die Protagonistin der offenbar heimlich aufgenommen Mitschnitte eines Gespräches aus dem Jahr 2015 ist Corinna zu Sayn-Wittgenstein. Die 53-jährige Deutsche mit dem beeindruckenden Nachnamen (dem Erbe einer lange geschiedenen Ehe) war nach ihren eigenen Worten lange Jahre eine „innige Freundin“ von Juan Carlos, dem 2014 abgedankten spanischen König. Ihr Name war den Spaniern nach einer gemeinsamen Elefantenjagd in Botswana bekannt geworden, bei dem sich der damalige Monarch 2012 eine Hüfte brach. Dass der König zum Höhepunkt der spanischen Wirtschaftskrise auf Großwildjagd ging, verübelten ihm viele. Der Ausflug nach Afrika war der Beginn eines rasanten Ansehensverfalls des lange überaus beliebten Juan Carlos. Zwei Jahre später dankte er dann zugunsten seines Sohnes Felipe ab.

Welche Rolle genau die deutsche Geschäftsfrau im Leben des Königs spielte, lässt sich nur erahnen. Wahrscheinlich gäbe ihre Beziehung Stoff für Romane her. Weil sich aber das meiste fern des Lichts der Öffentlichkeit ereignete, muss die Fantasie nachhelfen, wo belastbare Fakten fehlen. Ein wenig ist der Schleier nun allerdings gerissen. Ein Polizeikommissar traf sich vor drei Jahren in London mit zu Sayn-Wittgenstein und einem spanischen Geschäftsmann und nahm die Gespräche auf.

So erklären es die beiden Netzzeitungen, die an die Aufzeichnungen herankamen und sie jetzt veröffentlichten. Zu Sayn-Wittgenstein ist darüber nicht erfreut. Seit langem gebe es eine „politisch motivierte“ Kampagne, um sie in Verruf zu bringen, beklagte sie in der Klatschzeitschrift Hola. Dass die Aufnahmen gefälscht seien, behauptete sie allerdings nicht.

In den Londoner Gesprächen gibt zu Sayn-Wittgenstein zu verstehen, dass Juan Carlos sie als Strohfrau für illegale Geschäfte benutzt habe. „Er tat das nicht, weil er mich besonders liebte, sondern weil ich meinen Wohnsitz in Monaco habe“, erzählte sie. „Eines Morgens stehst du auf und besitzt ein Grundstück in Marrakesch. Und er sagt dir: Gib es mir! Aber wenn ich das tue, ist es Geldwäsche. Es ist ein vergiftetes Geschenk.“

Ob es stimmt, was zu Sayn-Wittgenstein, mit vielen weiteren Details, bei diesem Gespräch sagte, müsste die spanische Justiz verifizieren. Die Aufnahmen befinden sich offenbar in Händen der Polizei, seit der Kommissar José Manuel Villarejo, der das Gespräch damals heimlich mitschnitt, im November vergangenen Jahres seinerseits wegen illegaler Geschäfte verhaftet wurde. Dass die Aufzeichnungen nun ans Licht gekommen sind, könnte von Villarejo oder seinem Umfeld veranlasst worden sein, als Teil einer Vorwärtsverteidigung: Ich weiß so viel, dass ihr mich lieber in Ruhe lasst!

So oder so ist Juan Carlos in Not. Seit seiner Abdankung steht er juristisch nicht mehr unter besonderem Schutz. Die linkspopulistische Partei Podemos will lieber früher als später einen Untersuchungsausschuss über die Geschäfte des Exkönigs einsetzen, wofür allerdings die Regierung von Pedro Sánchez vorerst nicht zu haben ist.

Erstmal soll der Chef des spanischen Geheimdienstes hinter verschlossenen Türen zu der Sache aussagen. Was danach geschehen wird, ist offen. Der Stein ist gerade erst ins Rollen gekommen.


Aus: "Für illegale Geschäfte: König Juan Carlos soll deutsche Strohfrau gehabt haben" Martin Dahms (17.07.2018)
Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/panorama/fuer-illegale-geschaefte-koenig-juan-carlos-soll-deutsche-strohfrau-gehabt-haben-30975146

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« Reply #761 on: August 03, 2018, 10:19:17 AM »
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[...] Sein Zelt habe in der Nacht unter Wasser gestanden, "alles ist nass, kaum mehr zu gebrauchen", sagt der 24-jährige Omar, der aus Guelmim im Süden Marokkos kommt. Auf der aufgeweichten Flusswiese nahe der bosnischen Grenzstadt Velika Kladuša zimmern schwitzende Männer Lattenverschläge, die Plastikplanen halten sollen, damit ihre wenigen Habseligkeiten beim nächsten Mal besser geschützt sind. Aus den Überresten des Camps ziehen sie klatschnasse Decken, schlammgetränkte Kleidung und verdorbene Lebensmittel. Im überschwemmten Nachbarzelt habe das viermonatige Kleinkind eines Landsmannes übernachtet, sagt Omar. Anwohner und freiwillige Helfer würden das provisorische Lager zwar einmal am Tag mit Essen versorgen: "Aber es ist hier nichts organisiert. Bosnien ist ein armes Land. Hier gibt es nichts – und funktioniert nichts. Es ist einfach ein Chaos."

Seit über einem Jahr ist der schlaksige Student auf einem weiten Umweg über den Balkan in Richtung seines Wunschziels Spanien unterwegs. "Viele Grenzen, viele Probleme", berichtet er in einfachem Englisch. Erst flog er als Tourist in die Türkei, von dort gelangte er "meist zu Fuß" über Griechenland, Albanien und Montenegro in das Camp. Erst am Vortag habe er erneut versucht, in das nahe Kroatien zu gelangen, sagt der Marokkaner mit einem Achselzucken: "Aber es ist einfach zu viel Polizei an der Grenze. Wenn die Kroaten dich erwischen, schlagen sie dich, nehmen dir das Geld ab, zerbrechen deine SIM-Karte und bringen dich wieder nach Bosnien zurück."

... In einem offenen Brief an Bosniens Regierung, die EU und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnen lokale Hilfsorganisationen wie SOS Velika Kladuša oder Souls of Sarajevo vor einer humanitären Katastrophe. Der bosnische Staat sei keineswegs so arm, dass er einigen Tausend Menschen nicht helfen könnte. Doch die Verantwortung dafür bürde der Staat "seinen verarmten und ausgelaugten Bürgern" auf. Die UN-Hilfsorganisationen würden sich gleichzeitig jeglicher Verantwortung entziehen, obwohl sie ihr Mandat eigentlich zur Hilfe verpflichte. Der tatenlosen EU komme die Lage angesichts ihrer Politik der Abschreckung zupass.

Flüchtlingsleid in einem Flüchtlingsland, wo die Menschen die Folgen des Kriegs in den Neunzigern selbst noch nicht ganz hinter sich gelassen haben. ...


Aus: "In der Sackgasse der Balkanroute"  Thomas Roser, Velika Kladuša (24. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-07/bosnien-balkanroute-fluechtlinge-velika-kladusa-grenze/komplettansicht

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« Reply #762 on: August 06, 2018, 11:35:32 AM »
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[...] Es ist eine Sache von nationalem Prestige, in welcher Karosse die Mächtigen dieser Welt sich kutschieren lassen. Protzig sind die meisten, gepanzert auch, und eine allgemeine Beobachtung vorweg: Die weiteste Verbreitung in den Fuhrparks der Staatenlenker, Regierungschefs und gekrönten Häupter findet Mercedes, der deutsche Stern hat die mit Abstand größte Strahlkraft. Sehr gefragt ist dabei der Mercedes-Maybach S 600 Pullman Guard, 6,5 Meter lang, 5,1 Tonnen schwer, V12-Biturbo mit 530 PS, Schutzklasse VR9, die derzeit zweithöchste – die des US-Präsidentenautos ist Staatsgeheimnis.

...

Quote
Erich Rainer

Und dann treffen sich all diese klugen und mächtigen Leute
und rätseln warum in aller Welt die Eisberge sich verflüssigen.
Donald wird das aber egal sein. "The Beast" hat garantiert einen Kühlschrank mit Eiswürfler einbebaut.


...


Aus: "Staatskarossen: Wettrüsten mit Protzlimousinen" Andreas Stockinger (5.8.2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000084693166/Staatskarossen-Wettruesten-mit-Protzlimousinen

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« Reply #763 on: August 11, 2018, 11:25:10 AM »
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[...] DIE ZEIT: Herr Hartmann, so schick wie Sie wohnt nicht jeder. Gehören Sie zur Elite?

Michael Hartmann: Nein. Ich bin wohlhabend. Ob jemand zur Elite gehört, hängt aber von der Macht ab, die er besitzt. Als Wissenschaftler kann ich zwar mitunter auf die öffentliche Meinung einwirken. Aber ich habe keine Macht, gesellschaftliche Entwicklungen maßgeblich zu beeinflussen.

ZEIT: So klar, wie Sie es formulieren, scheint der Begriff nicht zu sein. Mancher, der heute von "Elite" spricht, meint "die Intellektuellen", "die Politiker", "die Reichen" – oder alle zusammen.

Hartmann: Als Elite gelten in der Öffentlichkeit oftmals schlicht "die da oben". In der Wissenschaft ist der Begriff aber unumstritten. Wenn jemand Millionär ist und sein Geld bloß auf dem Sparbuch liegen lässt, gehört er nicht zur Elite. Wenn er es nutzt, um Einfluss zu nehmen, dann schon. Natürlich kann man darüber streiten, wie mächtig man sein muss, um dazuzugehören. In unserer letzten Elitestudie untersuchten wir nur die wichtigsten Machtpositionen: Konzernmanager, Ministerpräsidenten, Bundesrichter, einige Journalisten. Andere zählen auch die Oberbürgermeisterin von Köln dazu. Aber egal wie man rechnet: In Deutschland umfasst die Elite im Kern etwa 1000, breiter gefasst maximal 4000 Leute.

ZEIT: Sie erforschen diese Menschen seit Jahrzehnten. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie nun, sie hätten sich zu weit vom Rest der Gesellschaft entfernt. Was meinen Sie damit?

Hartmann: Die Eliten in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, haben kaum noch eine Vorstellung vom Leben der breiten Bevölkerung. Sie leben in einer völlig anderen Welt: Viele wohnen in sozial homogenen Wohnvierteln. Sie haben einen anderen Alltag, andere Hobbys, andere Möglichkeiten.

ZEIT: War das nicht schon immer so?

Hartmann: Bei der Wirtschaftselite kann man das sagen. Zunehmend sieht man es aber auch in der wissenschaftlichen, der medialen und der politischen Elite. Die haben sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten weiter von der Masse entfernt.

ZEIT: Woran liegt das?

Hartmann: Es gibt unterschiedliche Faktoren: Einer ist der Immobilienmarkt. Die Preise sind so stark gestiegen, dass die Menschen heute viel getrennter leben. Vor allem hängt die Entwicklung mit den Einkommen und Vermögen zusammen, die sich zunehmend unterscheiden. Ein Vorstandsmitglied eines Dax-Konzerns verdiente bis Mitte der 1990er-Jahre im Schnitt das 14-Fache dessen, was ein Beschäftigter desselben Unternehmens verdiente. Heute ist es, je nach Studie, das 50- oder sogar 70-Fache.

ZEIT: Bei Managergehältern kommt oft das Argument: Wenn Konzerne bereit sind, ihnen so viel zu zahlen, wo liegt das Problem?

Hartmann: Das Problem ist, dass die Lebenswirklichkeit das Denken und Handeln beeinflusst. Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser sagte vor einiger Zeit auf einer Pressekonferenz über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich: "Das passiert im Wesentlichen deshalb, weil viele Arbeitnehmer nicht an der Vermögensbildung durch Aktien teilnehmen." Kaeser kann sich anscheinend nicht vorstellen, dass viele Menschen kein Geld übrig haben, das sie sparen können. Ähnliche Sichtweisen findet man bei führenden Politikern und Journalisten. Besonders überrascht hat mich in unserer letzten Studie aber eine Antwort der Wissenschaftselite.

... ZEIT: In Ihrem Buch werfen Sie den Politikern vor, Politik vor allem für die Bessergestellten zu machen. Haben Sie da ein Beispiel?

Hartmann: Ja, für die Reichen ist die Steuerbelastung seit Beginn des letzten Jahrzehnts gesenkt worden. Für das oberste Prozent liegt sie, verglichen mit 1998, heute um fünf Prozent niedriger, für das untere Zehntel dagegen um gut fünf Prozent höher. Auch von der weitgehenden Abschaffung der Erbschaftsteuer für Familienunternehmen profitieren vor allem die Reichen.

ZEIT: Aber es gab auch Reformen wie den Mindestlohn.

Hartmann: Der Mindestlohn ist eine der wenigen Maßnahmen für den unteren Teil der Bevölkerung. Er ist aber viel zu niedrig angesetzt und bietet viele Schlupflöcher für die Unternehmen.

ZEIT: Den Vorwurf der "abgehobenen Elite" hört man häufig von Rechtspopulisten. Haben die also recht?

Hartmann: Es stimmt, die rechtspopulistischen Parteien betreiben ein regelrechtes Elitenbashing. Der Front National spricht von "der arroganten Pariser Elite", Donald Trump vom "Establishment", wieder andere von der "politischen Kaste". Allerdings machen die Populisten es sich zunutze, dass der Begriff unscharf verwendet wird. Sie bezeichnen einfach alle als "Elite", die gegen sie antreten. Bei vielen Menschen, die sich nicht mehr repräsentiert fühlen, kommt das gut an.

ZEIT: Der Satz, dass Menschen sich nicht mehr repräsentiert "fühlen", fällt in der Debatte um Rechtspopulismus oft. Sie sagen nun, sie werden tatsächlich nicht mehr repräsentiert?

Hartmann: Beides stimmt: Sie fühlen sich nicht repräsentiert und sind es oft auch nicht mehr. Laut den aktuellsten Zahlen, die aus dem Jahr 2009 stammen, waren in der früheren Arbeiterpartei SPD nur noch 16 Prozent der Mitglieder Arbeiter. 1966 waren es noch 32 Prozent. Knapp 40 Prozent der Mitglieder im Jahr 2009 hatten studiert. In den anderen Parteien lag der Akademikeranteil noch höher, bei den Grünen sogar bei 68 Prozent.

ZEIT: Heute gibt es aber auch mehr Akademiker.

Hartmann: Das stimmt. In der Bevölkerung liegt der Akademikeranteil allerdings immer noch bei nur 15 Prozent.

ZEIT: Die Rechtspopulisten werden aber nicht nur von Arbeitern oder sogenannten Abgehängten gewählt. Wie passt das zu Ihrer These?

Hartmann: Das stimmt, aber Rechtspopulisten haben immer dort stark dazugewonnen, wo es um harte Verteilungsfragen geht: ob in ostdeutschen Städten wie Görlitz oder in den Industriearbeiter-Gegenden in Nordfrankreich. Mit ihren Reden gegen "die Elite" holen sie diejenigen ab, die das Gefühl haben: Die da oben schaufeln sich die Taschen voll und interessieren sich nicht für uns.

ZEIT: Wenn das bereits so ist – kann man die Entwicklung noch aufhalten?

Hartmann: Ja, Parteien wie die SPD müssen sich wieder öffnen, auch in ihren Top-Positionen. Ein Beispiel, bei dem das geklappt hat, ist die Labour-Partei in England. Die hat ihre gesamte Führungsriege ausgetauscht. Nur fünf von 25 Mitgliedern im Schattenkabinett stammen aus dem Bürgertum, jeder Zweite aus einer Arbeiterfamilie. Bei vielen kam das gut an. Auch weil es ein Zeichen setzte: Wir wollen Politik für die Masse machen, nicht nur für die Elite.

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Einfacher Bürger #3

"Ich bin wohlhabend. Ob jemand zur Elite gehört, hängt aber von der Macht ab, die er besitzt."

Ich erlaube mir, zu widersprechen.
Man muss keine Macht besitzen, um dennoch nicht mehr zu wissen was ein Liter Milch kostet, oder welche Probleme ein Durchschnitts- oder gar Geringverdiener hat.
Ignoranz ist nicht machtabhängig.


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Wann wird endlich wieder Winter #3.2

Aber erst die Verbindung aus Macht einerseits und Ignoranz andererseits führt zum Problem. Und das ist bei der deutschen Elite evident.


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Gumbalaya #3.4

Es kommt immer darauf an wie Macht wirkt.
Mächtige Menschen können auch Gutes bewirken.
Manchmal sogar ausschliesslich.


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Riccati #3.6

Natürich ist Ignoranz machtunabhängig. Aber wenn kein Einfluss auf die Politik genommen wird, das Leben anderer dadurch nicht beeinflusst wird, dann ist das relativ irrelevant. Eine Millionärin, die Jahrzehnte in einem Hotel gewohnt hat, ihr Zimmer kaum verlassen hat, hat vom Leben schlicht keine Ahnung, aber sie nimmt auch auf nichts Einfluss. Sie ist im Prinzip irrelevant.
Elite bedeutet Einfluss zu nehmen, die Politik, die Wirtschaft, das Leben beinflussen zu können.
Ein gewisses Geldvermögen oder Einkommen ist eine Voraussetzung, aber Einfluss nehmen können Sie nur, wenn Sie Macht haben. Geld alleine reicht nicht.


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Flavius Ricimer #3.11

Ja, und diese Machtelite trifft sich regelmäßig in ihren Zirkeln, Think Tanks, Konferenzen, um die Zeitläufte in ihrem Sinn zu beeinflussen.
Und wundert sich dann, wenn sie als abgehoben gilt.

"Auch das Weltwirtschaftsforum in Davos ist ein privat organisiertes Treffen, genau so wie die Atlantikbrücke, die Münchner Sicherheitskonferenz oder auch die Treffen der Trilateralen Kommission. Sie wurde von David Rockefeller gegründet und wird von ihm finanziert, sie widmet sich dem Verhältnis USA-Europa-Japan. Oder auch Henry Kissingers Council on Foreign Relations oder Joschka Fischers European Council on Foreign Relations, als dessen Hauptsponsor George Soros auftritt. Auch hier bestimmen private Veranstalter, wer eingeladen wird, welche Journalisten akkreditiert werden."
aus:
Re-Feudalisierung und Privatisierung der Macht?
https://www.deutschlandfunk.de/re-feudalisierung-und-privatisierung-der-macht.724.de.html?dram:article_id=99848


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de arte venandi cum avibus #3.14

"Linker Sozialpopulismus" aka die nach der Kohl-Ära durchgeführten Steuerreformen, die u.a. den Spitzensteuersatz, die Erbschaftssteuer, die Kapitalertragssteuer etc.pp. signifikant nach unten setzten und wohlhabende Menschen massiv begünstigten, während die Masse HartzIV vorgesetzt bekam.

Nur weil Steuern gezahlt werden und am meisten den von den Wohlhabenden (oh Wunder) ist das noch lange keine Umverteilung nach unten, wenn sie seit 20 Jahren deutlich weniger Abgaben leisten müssen. Das die "Elite" für sich selbst sorgen kann ist wirklich eine sehr luzide Bemerkung.

Von ihrer Seite aus ist das wohl eher der übliche reaktionäre FDP-Sprech.


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Favete_linguis #3.19

Geldbesitz alleine verleiht keine Macht. Sie müssen Geld schon zielgerichtet verwenden um Macht auszuüben. Schneller & wesentlich direkter kommen sie über Ämter & Positionen an Macht. Bleibt sicherlich die Frage offen, inwieweit Deutschland bereits korrumpiert ist. Dieser Korruptionsansatz wird vom Soziologe Hartmann brav ausgespart. In Deutschland ist eben niemand korrupt.


Quote
Filetteufel #5

Nachdem Artikel verspüre ich eine leichte Übelkeit, so treffend die Analyse des Hr. Hartmann.
Ein kluger Schachzug der Labour-Partei in England, undenkbar bei uns. ...


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ohdochnein #12

Niemand Einflussreiches in Politik, Wirtschaft und Medien wohnt bzw.lebt in den sozialen Brennpunkten oder Problemvierteln bzw.hat einen Freundes- und Bekanntenkreis in oder aus diesen Vierteln, selbst Arbeiterviertel sind doch meist Fremdgebiete für diese Eliten. Da ist es doch völlig klar, dass Einstellungen und Forderungen sich nicht mit den Nöten und Notwendigkeiten der Bewohner dieser Gegenden decken. Häufig wird die Lebenswirklichkeit in Hipstergegenden oder Villen- bzw.gehobenen Altbauvierteln als Normalzustand verstanden und Erfahrungen aus anderen Lebenswelten kleingeredet, relativiert oder gleich ganz als falsch angesehen. Die Spaltung Deutschlands geht so immer weiter.


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ohdochnein #12.3

Stimmt, niemand aus den Problemvierteln hat einen Freundes- oder Bekanntenkreis unter den Eliten und versteht daher die Sorgen und Nöte der oberen Zehntausend. Das spaltet Deutschland natürlich auch ;-)


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Aus: "Michael Hartmann: "Sie leben in einer völlig anderen Welt""  Laura Cwiertnia (8. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/33/michael-hartmann-eliten-soziologie-soziale-gerechtigkeit

Offline Textaris(txt*bot)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #764 on: August 14, 2018, 11:47:51 AM »
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[...] Als Tomasz Gajewski* im April sein Zimmer in einem Container in Brandenburg bezog, war eigentlich alles wie immer: vier Mann in einem Raum, Stockbetten. Zwischen 5 und 6 Uhr in der Früh standen sie auf, ein Transporter fuhr sie auf der Ladepritsche zum Spargelfeld, um 10 Uhr war Zeit für eine kurze Frühstückspause, 20 Minuten. Ein Fahrer holte die Boxen mit dem Spargel vom Feld ab, am nächsten Tag bekam jeder einen Zettel mit der abgerechneten Menge. Genauso wie in den vergangenen Jahren.

Gajewski ist einer von knapp 300.000 Saisonkräften, die Jahr für Jahr nach Deutschland kommen, um bei der Ernte zu helfen. Im Frühjahr Spargel, im Sommer Tomaten und Gurken und im Herbst Äpfel und Birnen.

Gajewski ist 53 Jahre alt, er hat eine Frau und zwei erwachsene Kinder und betreibt einen kleinen Bauernhof in einem Dorf nahe Toruń in Zentralpolen. Früher hat er Tabak angebaut, inzwischen nur noch Getreide. Nebenbei arbeitet er als Lagerarbeiter und kommt so auf ein Gehalt von 1.700 Złoty im Monat, knapp 400 Euro. Das reicht nur, weil Gajewski jedes Jahr im Frühsommer nach Deutschland kommt, seit 18 Jahren zum selben Hof im Spreewald. Dieses Jahr wird für ihn das letzte Mal gewesen sein. 

Nach zwei Wochen auf dem Hof, erzählt Gajewski, sei ihm aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. "Ich weiß doch genau, wie viel Spargel in eine Kiste geht", sagt er, zwischen 16 und 20 Kilo, an guten Tagen sei er auf bis zu 40 Kilo gekommen. Nun standen auf seiner Abrechnung viel niedrigere Kilowerte, teils nur die Hälfte von dem, was er auf dem Feld gestochen hatte. Im Vertrag mit den Arbeitern hatte der Betrieb notiert, die 50 Cent pro Kilo würden nur für "vermarktungsfähigen Spargel" bezahlt. "Das ist doch Betrug am helllichten Tage", schimpft Gajewski auf Polnisch.

Der Landwirt vom Spargelhof verteidigt sein Vorgehen: Er könne nur bezahlen, was er auch verkaufen könne – und im vergangenen Jahr hätten Erntehelfer versucht, Steine in die Kisten zu legen, um auf einen höheren Lohn zu kommen. Daher entscheide er in diesem Jahr erst an der Sortiermaschine, wie viele Kilo abgerechnet werden. Die Berater der Fachstelle Migration und Gute Arbeit in Brandenburg, die Verträge der Arbeiter eingesehen haben, halten die Praxis für rechtswidrig. Das unternehmerische Risiko wird den Erntehelfern aufgebürdet.

Vier Monate später auf einem Feld in Nordrhein-Westfalen: Alexandru Mihai*, 18 Jahre alt, wohnt in einem Dorf in Siebenbürgen. Anfang Juni sind er, sein älterer Bruder und andere Bewohner als Saisonkräfte nach Bad Salzuflen in Nordrhein-Westfalen gekommen, wo sie auf einem Hof Erdbeeren ernten wollten. Als Mihai bei seinem Chef für die Vertragsausfertigung im Büro saß, behielt der direkt den Pass ein. Er habe nach dem Grund gefragt, berichtet Mihai. Eine Erklärung habe ihm der Hofbesitzer nicht gegeben.

Die Ausweise einzubehalten ist gravierend. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sieht darin ein Indiz für Zwangsarbeit. Denn ohne ihre Dokumente können die Arbeiter nicht weg. Sie sind gewissermaßen gefangen.

In der Saisonarbeit ist es offenbar nicht unüblich, die Ausweise der Beschäftigten einzubehalten. Eine Arbeitnehmerberaterin aus Baden-Württemberg sagt ZEIT ONLINE, ihr hätten in diesem Jahr Arbeiter aus drei Betrieben berichtet, dass sie ihre Ausweise abgeben mussten. Eine andere Beraterin weiß von einem Fall in Hessen, wo eine Landwirtin die Ausweise aller Helfer im Schrank eingeschlossen hatte. Die Saisonkräfte, so die Begründung dieser Landwirtin, würden sie sonst verlieren.

Auch der Arbeitgeber von Mihai verweist darauf, dass er sich an eine gängige Praxis halte. Er habe die Kosten für die Anreise vorgestreckt und verwahre die Pässe, bis die Saisonkräfte sie abgearbeitet hätten – sozusagen als Pfand. Die Sorge des Bauers: Ließe er ihnen die Pässe, würden viele Saisonkräfte nach wenigen Tagen zum nächsten Betrieb wechseln – und er bliebe auf seinen Kosten sitzen. Mihai wollte bis zum Ende der Saison Ende Juli in Bad Salzuflen bleiben – bis alle Erdbeeren gepflückt sind und er genug verdient hat für sich und seine Familie in Rumänien.

Irgendwann, sagt Mihai, seien auf dem Hof allerdings Gerüchte aufgekommen, der Bauer bezahle nicht so, wie er es versprochen habe. Als die Arbeiter aus dem rumänischen Dorf sich erkundigten, habe der Bauer allen 14 Saisonkräften gekündigt. Gegenüber ZEIT ONLINE bestreitet der Landwirt diese Darstellung und gibt den Rumänen die Verantwortung. Sie hätten Unruhe verbreitet. Gekündigt hätten sie am Ende von sich aus.

Mit dem Job verloren die Arbeiter auch die Unterkunft – auch so geraten viele Erntehelfer in Abhängigkeit. Und Geld bekamen die Rumänen für ihren zehntägigen Einsatz nur wenig. ZEIT ONLINE liegen die Endabrechnungen von zwei Saisonarbeitern aus der Gruppe vor. Einer verdiente demnach in der knappen Woche in der Erdbeerernte nach Abzügen etwa 70 Euro, ein anderer hatte sogar ein Minus von 2 Cent. Sie hätten nun einmal kaum gearbeitet, verteidigt sich der Bauer. Seine übrigen Saisonkräfte kämen auf Stundenlöhne von zehn Euro und mehr. 

Von einem Tag auf den anderen, an einem Abend Mitte Juni, sollten die Rumänen ihre Zimmer räumen. Die Nacht verbrachten Mihai und die übrigen aus der Gruppe draußen, das Gepäck auf den Boden am Feldrand gelegt, unter Bäumen. Geschlafen, sagt er, hätten sie kaum, zu groß sei ihre Panik gewesen. Am nächsten Tag zahlte der Bauer einen Bus, der die Gruppe zurück nach Rumänien bringen sollte. Eine Nacht und zwei Tage brauchten sie für die Rückfahrt, ohne Essen und Trinken, sagt Mihai, mit einer Pause alle vier Stunden.

Am Ende habe jeder dem Fahrer 40 Euro geben müssen, offenbar waren noch nicht alle Reisekosten beglichen; der Bauer sagt ZEIT ONLINE, er habe den Fahrer in Deutschland nach den Transportkosten gefragt und ihm das Geld gegeben, von weiteren Kosten für die Saisonkräfte wisse er nichts. Mihai lieh sich das Geld bei Nachbarn und einem Lebensmittelhändler im Ort. Zurück vom Einsatz bei der Erdbeerernte in Ostwestfalen bleiben ihm in seinem Dorf in Rumänien: Schulden. Auch er wird wohl nicht mehr wiederkommen.

Eigentlich ist es kein schlechtes Jahr für die Obst- und Gemüsebauern in Deutschland. Während die Getreidebauern wegen der Hitze über die schlechteste Ernte des Jahrhunderts klagen, über vertrockneten Mais und zu kleine Kartoffeln, haben die Obst- und Gemüsebauern eigentlich Grund zur Freude. Den Pflaumen, Äpfeln und den Weintrauben hat der warme und lange Sommer nicht geschadet. Im Gegenteil: Es wird eine überdurchschnittlich üppige Pflaumenernte erwartet und die Weinlese beginnt dieses Jahr nicht nur deutlich früher, sondern wird vermutlich auch mehr Ertrag bringen als in den kühleren Jahren zuvor. Auch die Spargelernte in Brandenburg war dieses Jahr so gut wie seit über 20 Jahren nicht mehr, das zeigt ein aktueller Bericht.

Doch damit diese Ernte auch in die Läden kommt, sind die Landwirte auf die Arbeitskraft der Erntehelfer angewiesen. Ohne sie wäre die Landwirtschaft nicht vorstellbar: Rund 30 Prozent aller Beschäftigten im Agrarbereich sind kurzzeitige Aushilfen. Lässt man die Bauern und ihre Familienangehörigen außen vor und betrachtet nur die Angestellten in der Landwirtschaft, liegt der Anteil der Saisonkräfte sogar bei 58 Prozent. Es ist eine Schattenarmee, ohne die Landwirte kaum so billig produzieren könnten. Trotzdem behandeln die Landwirte ihre Helfer so schlecht, dass sie nicht mehr wiederkommen wollen. Warum? 

Viele Bauern, die man fragt, beteuern, sie hätten keine andere Wahl. Seit der Mindestlohn gilt, haben sich für viele Landwirte die Herstellungskosten stark erhöht. Die Produktion von Äpfeln, Erdbeeren und Spargel etwa ist für die Betriebe 2015 im Vergleich zum Vorjahr zwischen zwei und fünf Prozent teurer geworden. Das geht aus einer Modellrechnung hervor, die das Bundeslandwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat. Für dieses Jahr wird ein weiterer Anstieg um bis zu 16 Prozent erwartet – vorausgesetzt natürlich, sie halten den Mindestlohn ein.

Der Kostensprung ist groß: Bleiben die Preise, die die Bauern für ihre Ernte erhalten, auf dem Niveau der letzten zehn Jahre, würden ihre Gewinne etwa im Apfelanbau der Modellrechnung zufolge unter das Mindestlohnniveau sinken. Die Landwirte würden weniger verdienen als ihre Helfer. Ein Bauer, mit dem ZEIT ONLINE gesprochen hat, fordert: "Wenn wir den Mindestlohn bezahlen sollen, bräuchten wir auch einen Mindestabnahmepreis beim Handel."

Einer Untersuchung des Bundeskartellamtes von 2014 zufolge haben die vier großen Handelsketten beim Einkauf ihrer Lebensmittel einen Marktanteil von 84 Prozent. Das heißt: Es gibt für die Landwirte, Zwischenhändler und Nahrungsmittelproduzenten kaum Alternativen zu den Giganten Rewe, Edeka, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland. Sie diktieren die Preise – bis ganz ans Ende der Lieferkette, wo die Landwirte stehen. Dahinter stehen nur noch die Erntehelfer.

Eine, die weiß, wie verbreitet Fälle wie die von Gajewski und Mihai sind, ist Katharina Varelmann. Sie arbeitet beim Peco-Institut, einer gewerkschaftsnahen Beratungseinrichtung, die Betriebe auf Arbeitsstandards kontrolliert. Keine einfache Aufgabe, denn oft scheuen sich die Erntehelfer, über ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen.

Auf der Motorhaube eines schwarzen Fiat 500 auf einem Feldweg irgendwo in Brandenburg faltet Varelmann eine Landkarte auf. Varelmann hat die Äcker mit gelbem Textmarker auf der Landkarte markiert und mit Post-its versehen: grüne für Betriebe, auf denen die Arbeitsbedingungen in Ordnung sind. Pinke für Höfe, bei denen sie weniger in Ordnung sind. Die pinken überwiegen.

Als Varelmann und ihre Kolleginnen – zwei sprechen Polnisch, eine Rumänisch – an diesem heißen Frühsommertag die Gegend rund um die Spargelstadt Beelitz abfahren, scheint es ruhig auf den Äckern zu sein. Um trotzdem ein paar Arbeiter zu erreichen, hinterlegen sie Flyer auf den Dixieklos am Feldrand.

Dann, auf einem staubigen Feldweg, kommt ihnen eine Gruppe Erntehelfer entgegen, 50, vielleicht 60 Männer. Sie schieben übermannsgroße Erntemaschinen heran. Damit heben sie die Plane an, unter der der Spargel in kleinen Erdwällen wächst.

Auf solche Situationen, in denen sie die Arbeiter ohne Bauern oder Security-Mitglieder antreffen, warten die Beraterinnen: Eine von ihnen geht den Männern mit einem Stapel Flyer in der Hand entgegen. Ob sie Rumänisch sprechen? Die Männer nicken. "Da, da." Ja, tun sie. Skeptische Blicke.

Keine Sorge, erklärt die Frau, sie seien nicht von der Polizei, auch nicht vom Zoll. "Keine Kontrolle, nur Information", sagt sie und drückt den Männern reihum die Flyer in die Hand. Mit dem Kugelschreiber unterstreicht sie ihre Nummer auf der Rückseite: "Wenn ihr Probleme mit eurem Chef habt, meldet euch bei mir." Die Berater bieten ihre Hilfe an, wenn es Probleme mit dem Lohn gibt. Im Notfall schalten sie auch einen Anwalt ein.

Auf den blauen Spargelkisten am Feldrand kleben Barcodes, jeder Arbeiter hat seinen eigenen. In den Abpackhallen erfasst ein Scanner kilogrammgenau, wie viel jeder Helfer aus der Erde gezogen hat. Danach richtet sich die Bezahlung. Trotzdem gilt: Auch die Saisonkräfte müssen auf den Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde kommen.

Varelmann lässt sich von ihrer Kollegin, die Rumänisch spricht, erzählen, was sie erfahren hat. Einer der Männer habe geklagt, er fühle sich wie ein Sklave, erzählt sie. Die Polen, die in dem Betrieb arbeiten, würden besser behandelt. "Sie sagen, sie bekommen 6,50 Euro pro Stunde, aber so genau wissen sie es nicht", sagt die Beraterin. "Letztes Jahr war der Zoll da und sie waren gezwungen zu lügen. Die wissen, dass sie dann 8,84 Euro sagen müssen." Der Zoll ist unter anderem dafür zuständig, die Einhaltung des Mindestlohns in Deutschland zu überwachen. Der Hofbesitzer beteuert auf eine Anfrage von ZEIT ONLINE, sich an die gesetzlich vorgesehene Bezahlung zu halten.

Erntehelfer zu finden, die für wenig Geld und unter fragwürdigen Bedingungen arbeiten wollen, wird schwieriger. 2010 halfen noch 330.500 Menschen als Saisonkräfte in der Landwirtschaft aus. Bei der letzten offiziellen Zählung des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2016 waren es nur noch 286.300. Dieses Jahr hat sich das Problem einer Umfrage des Verbandes Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer zufolge verschärft. Von den 354 deutschlandweit befragten Betrieben sagten 90 Prozent, sie hätten Schwierigkeiten, genügend Saisonkräfte zu finden. Ein weiterer Grund dafür ist, dass sich die wirtschaftliche Lage in Polen und Rumänien in den vergangenen Jahren verbessert hat. Viele blieben daher lieber zu Hause, statt sich auf deutschen Feldern den Rücken zu ruinieren.

Die Verbände werben daher derzeit für ein Anwerbeabkommen mit Drittstaaten. Auf ein Land hoffen sie besonders: die Ukraine. Dort ist die Armut noch größer als in Rumänien oder Polen.

Schon jetzt kommen ukrainische Helfer zur Ernte nach Deutschland – über eine Lücke im Gesetz: Studierende aus dem Ausland dürfen als Ferienjobber nach Deutschland kommen – auch aus Ländern außerhalb der EU. Eine spezielle Genehmigung brauchen sie dafür nicht. Einzige Bedingung für die Anwerbung: Die Arbeitsagentur muss den Job offiziell vermittelt haben. Aber auch das lässt sich umgehen: Haben die Betriebe bereits einen Ferienjobber im Auge, reicht es auch, der Arbeitsagentur den Namen mitzuteilen. Im vergangenen Jahr kamen 18.300 studentische Ferienjobber, um in Hotels, Gaststätten oder eben in der Ernte zu helfen. Schätzungsweise ein Drittel davon kommt aus der Ukraine.

Mit den Erntehelfern aus den Nicht-EU-Staaten kommen noch weitere Akteure dazu, die am Erntegeschäft mitverdienen wollen. In der Ukraine gibt es längst Firmen, die ihr Geschäft wittern und Studierende den Weg in die deutsche Landwirtschaft lotsen: junge Menschen wie Veronica*, 22, Informatikstudentin aus Kiew. Bevor sie zur Heidelbeerernte nach Niedersachsen kommen konnte, musste sie erst einmal bezahlen: 150 Euro für die Vermittlungsagentur, 20 Euro für eine Auslandskrankenversicherung, 110 Euro für die Fahrt nach Deutschland.

Was die ukrainische Vermittlungsagentur im Internet angepriesen hatte, hat sich für Veronica nicht erfüllt. Bis zu neun Euro könnten Studierende als Beerenpflücker auf deutschen Feldern verdienen, steht da. Veronica sagt hingegen, bei ihr seien es allenfalls drei bis vier Euro in der Stunde gewesen, bei langen Arbeitstagen von zehn, manchmal 14 Stunden. Am Ende habe der Landwirt ihr noch rund 300 Euro abziehen wollen. Kosten, so sagt Veronica, von denen vorher nie die Rede gewesen sei.

Vermutlich wird auch Veronica nicht mehr zur Beerenernte nach Deutschland kommen. In Belgien und den Niederlanden liegt der Mindestlohn etwas höher als in Deutschland. So lautet zumindest das Versprechen.

* Namen von der Redaktion geändert

Die Recherchen für diesen Artikel wurden mit dem Recherchestipendium der Otto-Brenner-Stiftung (OBS) ermöglicht.



Aus: "Sie wollen hier nicht mehr arbeiten" Bernd Kramer (14. August 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2018-07/erntehelfer-saisonkraefte-mangel-landwirtschaft-agrarbereich/komplettansicht