Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 221329 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #735 on: June 05, 2018, 10:06:36 AM »
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[...] Frankfurt - Es gab schon seit Jahren für Michael Hellbeck keinen Deutschlandurlaub mehr, ohne diese Frage seiner Tochter: „Papa, warum können wir hier nicht einfach bleiben – für immer?“ Der Standard-Charterted-Banker reagierte stets mit demselben Satz: Es gebe hier schlicht keinen Job für ihn.

Doch im Sommer 2017 bekam seine 14-jährige Tochter die Antwort, die sie hören wollte: Ja, man werde nach Frankfurt ziehen – schon bald. „Ich hatte zufällig einen Tag vorher über die Deutschlandpläne der Bank gelesen. Deshalb erkundigte ich mich, welche Stellen es da geben würde“, erzählt Hellbeck fast ein Jahr später, „innerhalb weniger Minuten erfuhr ich, dass ich mit meinem Profil genau auf eine der Positionen passen würde.“

Fast drei Jahrzehnte hat Hellbeck in Asien gearbeitet, erst für die Deutsche Bank, später für Standard Chartered, darunter in Singapur, Manila und Seoul. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung bekam er die Chance, ins Ausland zu gehen, und ist geblieben.

Jetzt ist es wieder die Politik, die ihm die Rückkehr beschert hat: Wegen des britischen EU-Austritts vergrößert Standard Chartered das Geschäft in Frankfurt, und Hellbeck baut die Abteilung auf, die sich um das Risikomanagement der wachsenden Einheit kümmern wird.Er ist Teil der Brexit-Vorhut, die knapp zwei Jahre nach dem Referendum der Briten jetzt nach und nach am Main ankommt. Wie bei einer ganzen Reihe von Geldhäusern besteht diese in erster Linie aus Deutschen, die lange für ihre Bank im Ausland gearbeitet haben und jetzt den Schritt nach Frankfurt machen.

Dieser ist in der Regel mit einer besseren Position verbunden, teilweise kommen – wie bei Hellbeck – private Gründe hinzu. Die Pioniere treiben die Brexit-Pläne voran und ebnen den Weg für die nächste Zuzugswelle, die voraussichtlich im zweiten Halbjahr folgen wird.

Weil die Finanzhäuser ihr Geschäft mit EU-Kunden nicht mehr so wie bisher aus London betreiben können, verlegen sie Teile davon auf den Kontinent. Tausende von Bankern dürften Experten zufolge in die Mainmetropole kommen.

Wie viele es wirklich werden, wird wesentlich von einem Faktor abhängen: von den Buchungsmodellen für die Tochtergesellschaften der Banken hier in Deutschland. Diese Modelle bestimmen, welche Produkte und Märkte von welcher rechtlichen Einheit aus bedient werden und wie viele Mitarbeiter dafür notwendig sind.

Finanzkreisen zufolge stehen die Buchungsmodelle derzeit im Zentrum der Gespräche, die vor allem US-Institute mit den Aufsichtsbehörden führen – ebenso wie die weiteren regulatorischen Voraussetzungen, um die Ableger am Main auf den Brexit vorzubereiten. Die neue Ära beginnt wohl 2021, wenn Großbritannien und alle EU-Mitgliedsländer die Übergangsfrist absegnen, die beide Seiten im Deal über den britischen EU-Austritt verankern wollen.

Noch hat sich Jürgen Feil eher provisorisch in Frankfurt eingerichtet. Es sei schwieriger als gedacht gewesen, eine passende Unterkunft zu finden, erzählt der 41-jährige Deutschbanker. Daher seien seine Frau und Tochter noch bei Verwandten in Süddeutschland, bis in ein paar Monaten die Wohnung frei werde, in die man gemeinsam einziehen werde.

Zehn Jahre mit Unterbrechungen hat er für Deutschlands größtes Geldhaus in London gearbeitet. „Als ich das Angebot bekam, wieder nach Deutschland zurückzugehen, hat die Familie nicht lange überlegen müssen“, erzählt Feil. Die Lebensqualität habe den Ausschlag gegeben. „Dazu gehören Dinge wie die ärztliche Versorgung. Im Notfall kann ich hier schnell und unkompliziert mit meiner Tochter zum Arzt, während wir in London erst einmal längere Fragebögen am Telefon beantworten mussten, bevor wir einen Termin in der Notaufnahme bekamen.“

Feil arbeitet in der Handelsabteilung der Deutschen Bank und ist dort für Zinsprodukte verantwortlich. Als Teil des Brexit-Spähtrupps arbeitet er aber auch an den Vorbereitungen, um Teile des Zinshandels von der Themse an den Main zu bringen. „Bei der Migration geht es unter anderem um die Sicherheiten, mit denen Derivate unterlegt sind“, erzählt Feil in seinem neuen, bisher eher noch spartanisch eingerichteten Büro, in dem zwei Tassen mit der britischen Flagge etwas Farbe hineinbringen. Das Geschenk eines Kunden, so der Banker.

Noch ist nicht klar, wann und wie viele seiner etwa zehn bis zwölf Mitarbeiter in London ihm nach Frankfurt folgen werden. Fest steht aber eines: Die Deutsche Bank verlegt ihr Buchungszentrum von London nach Frankfurt und hat bereits im Januar damit angefangen, ihre etwa 20.000 institutionellen Kunden im Wertpapierhandel, die bislang auf der Insel betreut wurden, zu ihren Computersystemen in Frankfurt zu dirigieren.

Andere Banken haben zunächst die rechtlichen Voraussetzungen für die Umsetzung ihrer Brexit-Pläne geschaffen. So hat die Citigroup Finanzkreisen zufolge ihre Einheit in Deutschland in Absprache mit den Regulierern so umorganisiert, dass sie das gesamte EU-Handelsgeschäft von Frankfurt aus steuern kann.

Wenn Jens Hofmann über seine neue alte Heimat spricht und wie sich Deutschland in den vergangenen Jahren verändert hat, dann ist es vor allem eines, das ihm auffällt: „Dass es der Wirtschaft hier gutgeht. Das ist ein ziemlicher Kontrast zu der durch den Brexit verursachten Unsicherheit in Großbritannien“, sagt der Goldman-Sachs-Banker.

13 Jahre hat er für die US-Investmentbank in London gearbeitet, seit Anfang April ist er am Main und baut hier ein Team von acht bis zehn Leuten auf, die sich um Finanzierungsprodukte für Unternehmen kümmern sollen – eine Folge der Regionalisierungsstrategie, die man sich verordnet habe. Die Bank bringe diese Teams näher an die Kunden und versuche gleichzeitig, neue Kunden anzusprechen, so erklärt Hoffmann seinen Umzug.

Das Wort Brexit nimmt er dabei nicht in den Mund. Doch Vorstandschef Lloyd Blankfein macht keinen Hehl daraus, dass Großbritanniens Scheidung von der EU diese Strategie verstärkt: „Der Brexit wird es nötig machen, dass wir eine stärkere Aufteilung an mehr Orten vornehmen werden, als wir es sonst täten“, sagte er in einem Interview.

Jens Hofmanns Team, das sich um Unternehmensfinanzierung kümmert, wird zunächst aus Deutschen bestehen, die diesen Job bisher aus London heraus gemacht haben. „Wir haben aber auch eine ganze Reihe von Anfragen von Nicht-Deutschen, die Interesse an einem Tapetenwechsel haben“, erzählt der Goldman-Sachs-Banker. Die kämen möglicherweise in einem zweiten Schritt.

Bei Michael Hellbeck von Standard Chartered ist schon klar, dass seine Abteilung von Anfang an international sein wird: Die „United Nations of Risk“ nennt er seine Truppe, zu der bereits ein Schotte, ein Chinese, eine Koreanerin und eine Serbin gehören – ebenso wie zwei Deutsche.

Um Kollegen von einem Umzug nach Frankfurt zu begeistern, hat Hellbeck sich etwas einfallen lassen: Er fährt mit Bewerbern ins Rheingau zum malerisch gelegenen Schloss Johannisberg – ein Essen und ein Riesling in der Schlossschänke sind bei diesem Ausflug eingeschlossen.

Die Charmeoffensive habe zwar durchaus Wirkung. Die meisten Mitarbeiter seines Teams, die aus London kämmen, seien aber ganz freiwillig da und hätten dafür vor allem einen Grund: „Sie haben Lust“, so Hellbeck, „am Aufbau von etwas Neuem beteiligt zu sein.“


Aus: "Deutsche Banker kehren aus dem Ausland zurück und bereiten anderen den Weg" Katharina Slodczyk (04.06.2018)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/finanzstandort-frankfurt-deutsche-banker-kehren-aus-dem-ausland-zurueck-und-bereiten-anderen-den-weg/22639922.html


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« Reply #736 on: June 07, 2018, 11:56:52 AM »
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[...] Los Angeles – Paris Hiltons jüngerer Bruder Conrad (24), Urenkel des Hotelgründers Conrad Hilton, kommt um eine Haftstrafe herum. Er habe sich schuldig bekannt, im May 2017 ein Auto entwendet und gegen ein gerichtlich verfügtes Kontaktverbot verstoßen zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft in Los Angeles am Mittwoch mit. Im Gegenzug für Hiltons Schuldeingeständnis sah der Richter von einer Haftstrafe ab. Er muss sich aber drei Jahre lang an Bewährungsauflagen halten und bei Kursen für Süchtige und psychisch Kranke mitmachen. Zudem muss er von seiner Ex-Freundin und deren Eltern Abstand halten. Hilton war im Mai 2017 in den Hollywood Hills festgenommen worden. Nach Polizeiangaben soll er dort auf dem Grundstück des Elternhauses seiner Ex-Freundin ein Auto entwendet haben. Nach früheren Vorwürfen von häuslicher Gewalt darf sich der Hotelerbe der jungen Frau nicht nähern. Ihm drohte eine Höchststrafe von knapp vier Jahren, nachdem er zuvor schon gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte. (APA, dpa, 7.6.2018)

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Schimäre

Was gibt es wichtigeres als über wohlstandsgeschädigte junge Menschen zu lesen?



Aus: "Autodiebstahl: Conrad Hilton kommt um Haftstrafe herum" (7. Juni 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000081124420/Autodiebstahl-Conrad-Hilton-kommt-um-Haftstrafe-herum

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« Reply #737 on: June 09, 2018, 01:14:41 AM »
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[...] Ganz in der Nähe der gläsernen Hochhäuser stehen kleine, selbst gezimmerte Hütten aus Holzbrettern. Abgedichtet sind sie mit alten Matratzen. Davor: Einkaufswagen gefüllt mit leeren Flaschen, kaputte Fahrräder, Metallschrott. Sanitäre Einrichtungen oder eine Wasserversorgung gibt es nicht. Auch das ist Frankfurt, die Bankenmetropole am Main. Was aussieht wie ein Stück brasilianische Favela, ist ein Hüttenlager auf einer Industriebrache unweit des Hauptbahnhofs von Frankfurt am Main.

Hier im Stadtteil Gutleut haben monatelang etwa 30 Menschen gewohnt, bis die Polizei das Lager räumte. Fast alle ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner sind Roma. In den letzten Jahren haben sie im Schatten der Frankfurter Skyline immer wieder kleine Slums gebaut. Viele kamen nur zum Schlafen, früh am Morgen brachen sie auf, sammelten Pfandflaschen, gingen betteln oder versuchten, sonst irgendwie ein bisschen Geld zu verdienen. So wie andere Obdachlose in anderen deutschen Städten.

In Düsseldorf schliefen etwa zehn Menschen bis Ende März in selbst gebauten Hütten neben Bahngleisen, in Hamburg bestand ihr Lager nur aus Matratzen unter einer Brücke. In Berlin lebten Dutzende Obdachlose vor einigen Jahren in verlassenen Gartenlauben und im Herbst machte ein Zeltdorf im Berliner Tiergarten Schlagzeilen. Lauter kleine Elendsviertel im reichen Deutschland.

Seit Jahren nimmt die Zahl der Wohnungslosen in der Bundesrepublik zu. Im vergangenen Herbst schätzte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW), dass neben den rund 440.000 wohnungslosen Flüchtlingen etwa 420.000 weitere Menschen über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügten. Die meisten leben in Notunterkünften, Wohnheimen oder bei Freunden. Geschätzte 52.000 schlafen auf der Straße. Vor zehn Jahren lag diese Zahl noch bei 20.000. Die wesentlichen Gründe für den Anstieg sind laut BAGW zunehmende Armut und Wohnungsnot.

Doch auch Zuwanderung spiele eine Rolle. Vor allem Migranten aus Osteuropa leben auf der Straße, in Großstädten liegt ihr Anteil laut BAGW inzwischen bei rund 50 Prozent. Das liegt daran, dass sie in vielen Fällen kein Recht auf Sozialleistungen haben. Noch Ende 2015 entschied das Bundessozialgericht, dass arbeitslose Europäerinnen spätestens nach einem Aufenthalt von sechs Monaten in Deutschland Anspruch auf Sozialhilfe haben. Seit Ende 2016 sind die Auflagen strenger. Die damalige Arbeitsministerin und heutige SPD-Chefin Andrea Nahles entschied, dass sie nur noch Hilfe bekommen, wenn sie fünf Jahre hier gelebt oder ein Jahr hier gearbeitet haben.

Gekoppelt an die Sozialleistungen ist auch der Anspruch auf eine längerfristige Unterbringung im Falle der Obdachlosigkeit. Wer sich aufgrund der EU-Freizügigkeit zwar legal hier aufhält, aber keine offizielle Arbeit findet, landet also schnell auf der Straße. Und so werden die informellen Hüttendörfer und Matratzenlager meist von obdachlos gewordenen Osteuropäern bewohnt, besonders häufig von Roma. Amtliche Zahlen gibt es zwar weder bei der BAGW noch bei der Bundesregierung, doch die öffentlich gewordenen Fälle deuten darauf hin. 

Laut einer Studie der Europäischen Grundrechteagentur sind Roma eine der am stärksten diskriminierten Minderheiten Europas. 80 Prozent der befragten Roma sind armutsgefährdet, jeder dritte lebt in einer Unterkunft ohne Leitungswasser. Vor allem in Osteuropa häufen sich zudem Berichte über gewaltsame Übergriffe. Chancen auf Asyl in Deutschland haben sie dennoch nicht, weil sie aus EU-Ländern oder vom Westbalkan kommen, also aus sogenannten sicheren Herkunftsstaaten.

"Roma erfahren Rassismus und Gewalt", sagt Joachim Brenner. Er leitet den Förderverein Roma, der in Frankfurt eine Beratungsstelle betreibt und Bildungsangebote zur Verfügung stellt. Die Geschichte des Antiziganismus, des Rassismus gegen Roma, ist lang, und reicht von Vertreibungen im Mittelalter über den nationalsozialistischen Genozid bis in die Gegenwart. "Wir erhalten oft Nachrichten mit üblen Beschimpfungen gegen Roma", sagt Brenner. Der Förderverein war auch im Gutleut präsent, um die Bewohnerinnen und Bewohner der Bretterverschläge zu unterstützen. 

Rund zehn bis zwölf Millionen Roma leben heute in Europa, die meisten im Osten und Südosten des Kontinents. Die Vorfahren der größten ethnischen Minderheit Europas kamen vor Hunderten Jahren aus Indien und Pakistan. Als Reaktion auf die jahrhundertelange Unterdrückung hätten sie einen größeren Zusammenhalt entwickelt und gelernt, sich selbst zu organisieren, sagt Brenner. 

Das Frankfurter Camp wurde letztlich wie all die anderen informellen Lager in deutschen Großstädten aufgelöst. Ende Mai rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an, nachdem der Eigentümer des Geländes, der Chemiekonzern Ferro, Anzeige erstattet hatte. Brenner kritisiert die Räumungen: "Flucht aus Armut, Pogrome und jegliche historische Verantwortung sind vollständig ausgeblendet." Diese Strategie stehe im Widerspruch zum Grundgesetz und zeige, dass die Anwesenheit von besonders armen Menschen "im öffentlichen Raum verhindert werden soll".

Nach der Räumung hat die Stadt den vertriebenen Roma vorübergehend Plätze in einer Obdachlosenunterkunft angeboten. Pro Nacht nutzten zwischen 16 und 19 Personen diese Schlafplätze, sagt eine Sprecherin des Sozialdezernats. 17 der ehemaligen Hüttenbewohner hätten bei der Stadt einen Antrag auf Prüfung ihrer Sozialleistungsansprüche gestellt. In neun Fällen wurde dieser jedoch bereits abgelehnt, bei acht weiteren werde er noch geprüft.

"Wer keinen Sozialleistungsanspruch hat, wird von uns auch nicht weiter untergebracht", sagt die Sprecherin. Weil man aber keine Familien auseinanderreißen wolle, dürften die Menschen in der Notunterkunft bleiben, bis alle Fälle geprüft seien. Den Roma sei zudem eine Fahrkarte in ihr Herkunftsland angeboten worden. Zwölf Personen hätten dies angenommen.

Ob sie wirklich gehen, ist allerdings fraglich. Elf der Menschen, die jetzt in der Notunterkunft schlafen, wurden bereits im vergangenen Jahr von einer anderen Frankfurter Brache verwiesen. Und alle, die keinen Antrag auf Prüfung der Sozialleistungen gestellt haben, lebten ohnehin schon wieder auf der Straße, sagt Joachim Brenner vom Förderverein. Er hält den Kontakt zu ihnen. Mit der Presse wolle derzeit keiner sprechen, sagt er. "Sie haben Angst vor neuen Repressionen."

Seit Langem fordert der Förderverein ein Haus für Roma. Einen Ort, der dauerhaft Zuflucht und Schutz bieten würde. Doch die Stadt lehnt das ab. "Wir sehen es mit Blick auf den Gleichbehandlungsgrundsatz kritisch, für eine Personengruppe besondere Angebote zu schaffen", sagt die Sprecherin des Sozialdezernats.   

Die regierende Frankfurter CDU sagt es deutlicher: Sie nennt ein solches Angebot eine städtisch finanzierte "Unterkunft für Armutsmigranten". Man wolle keinesfalls zusätzliche Anreize schaffen, nach Frankfurt zu kommen, schrieb die Partei in einer Stellungnahme. Brenner hält dies für einen Vorwand. "Das wurde schon vor 30 Jahren behauptet, als es noch gar keine Freizügigkeit gab." Seiner Ansicht nach stecken hinter der Haltung der CDU doch eher Vorurteile und die Weigerung, helfen zu wollen.

 Viele Städte fürchten, auch wenn sie das nicht alle so offen zugeben würden wie Frankfurt, einen Zuwanderungssog, falls sie ihre Angebote ausweiteten. Die Folge ist eine Art Unterbietungswettbewerb, in dem EU-Bürgern immer häufiger sogar die Nothilfe verweigert wird. Dabei sei die Notunterbringung Obdachloser, egal woher sie kommen, rechtlich geboten, sagt Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAGW. Doch in der Praxis gilt: Wer keine Ansprüche auf Sozialleistungen hat, muss in den wärmeren Monaten draußen schlafen. In Städten wie Frankfurt auch im Winter.

Zudem versuchten einige Städte, die Obdachlosen zurück in ihre Herkunftsländer zu schicken, sagt Rosenke. Das heißt, ihnen soll die Freizügigkeit entzogen werden. In Hamburg etwa gehen die Behörden seit gut einem Jahr gezielt gegen osteuropäische Obdachlose vor. Seither wurden nach offiziellen Angaben 757 Personen zur Vorsprache bei der Ausländerbehörde aufgefordert, vereinzelt kam es zu Abschiebungen. 189 Menschen wurde die Freizügigkeit aberkannt.

Bundesweit gab es davon im Jahr 2017 2.594 Fälle, das sind 25 Prozent mehr als im Jahr 2015. Viele Menschen bleiben trotzdem. "So werden immer mehr versteckt in Armut leben und verelenden", sagt ein Sprecher der Hamburger Diakonie. 

Einen anderen Weg versucht die Stadt Köln zu gehen. Dort kam es wiederholt zu Beschwerden über betrunkene Obdachlose. Köln kontrolliert seitdem nicht nur stärker, sondern hat auch das Hilfsangebot ausgeweitet – auch für EU-Bürger ohne Sozialleistungsansprüche. Sie sollen nun ganzjährig in einem Notquartier untergebracht werden. Ziel des neuen Angebotes sei es, "die festgestellte Bedürftigkeit von Zuwanderern aus Bulgarien und Rumänien zu mindern sowie dieser entgegenzuwirken".

In Frankfurt hingegen dürfte es auch diesmal nicht allzu lange dauern, bis an anderer Stelle das nächste Camp aus Brettern entsteht. Abgedichtet mit alten Matratzen. Ein weiterer Slum auf Zeit, bis die Bagger wieder kommen.


Aus: "Bis die Bagger wieder kommen" Timo Reuter (8. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-06/roma-frankfurt-main-raeumung-gutleutviertel-leben-deutschland/komplettansicht

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« Reply #738 on: June 10, 2018, 11:51:09 AM »
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[...] Ende Juni tritt Ex-Präsident Barack Obama in Los Angeles als Star-Gast bei einem Spendendinner auf, um Geld für den Wahlkampf seiner Partei im Herbst zu sammeln. Kehrt also Obama zurück ins politische Rampenlicht? Und wird ihm das nutzen oder schaden?

Bei diesem Dinner werden allerdings nur sehr wenige Menschen Obama zu Gesicht bekommen. Denn schon die billigsten Plätze kosten 2.700 Dollar. Wer in der unmittelbaren Nähe des Ex-Präsidenten Platz nehmen möchte, muss 100.000 Dollar zahlen. Solche Spendendinner sind in den USA zwar üblich. Dass Barack Obama dabei mitmacht, jedoch nicht. ...


Aus: "Die Hoffnung kehrt zurück" Julian Heißler, Washington, D.C. (9. Juni 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-06/barack-obama-demokraten-wahlkampf/komplettansicht

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« Reply #739 on: June 13, 2018, 09:21:15 AM »
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[...] Sie schütteln Hände, gehen spazieren, bewundern Blumen: Donald Trump und Kim Jong Un inszenieren ihr Treffen als etwas Großes und sonnen sich in ihrem eigenen Glanz. US-Präsident Donald Trump interessierte sich plötzlich für die Blumenstauden im Garten des luxuriösen Capella Hotels auf der kleinen Insel Sentosa von Singapur. Kim Yong Un, der aus der Eigenisolierung in Nordkorea ausgebrochene Diktator, macht das Spiel mit und gerierte sich folgsam als Blumenfreund. ...


Aus: "Die Two-Men-Show von Trump und Kim" Willi Germund (13.06.2018)
Quelle: http://www.fr.de/politik/nordkorea-gipfel-die-two-men-show-von-trump-und-kim-a-1523538


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« Reply #740 on: June 13, 2018, 12:19:01 PM »
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[...] Nach der rabiaten Kritik von Amazon und anderer Firmen hat die US-Metropole Seattle die umstrittene neue Job-Steuer zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit schnell wieder abgeschafft. Nach der Entscheidung von Mitte Mai sollten größere Unternehmen eigentlich jedes Jahr 275 US-Dollar pro Mitarbeiter zahlen. Nun kippte der Stadtrat das Vorhaben am späten Dienstag mit einer Mehrheit von sieben zu zwei Stimmen nach einer leidenschaftlichen Debatte.

Die Steuer sollte für Unternehmen mit einem jährlichen Umsatz über 20 Millionen US-Dollar gelten. Bezahlt werden sollen auf jeden Beschäftigten, der mindestens 1920 Stunden pro Jahr arbeitet. Nach Schätzungen des Stadtrats wären rund 585 Arbeitgeber davon betroffen sein – rund drei Prozent aller Unternehmen in Seattle.

Die Steuer sollte ab 2019 rund 47 Millionen US-Dollar jährlich für Wohnungsbau bringen und war zunächst auf fünf Jahre angesetzt. In der Stadt war die Zahl der Obdachlosen zuletzt stetig gewachsen, als ein Grund dafür wird der Anstieg der Mietpreise gesehen, weil Seattle zunehmend zum Standort für Technik-Unternehmen wird.

Neben großen Arbeitgebern wie Amazon und Starbucks hatten mehrere Dutzend andere Unternehmen die Steuer verurteilt und vor negativen Folgen für den Wirtschaftsstandort Seattle. "Wir haben Sie gehört", erklärten Bürgermeisterin Jenny Durkan und sieben Mitglieder des Stadtrats in einer gemeinsamen Erklärung am Montag, die die Kehrtwende einleitete. Die sozialistische Stadträtin Kshama Sawant, eine treibende Kraft hinter der neuen Steuer, sprach auf Twitter von einem "Verrat im Hinterzimmer". Die Rücknahme des Vorhabens sei am Wochenende hinter ihrem Rücken eingefädelt worden.

Der ursprünglich beschlossene Betrag von 275 US-Dollar war bereits ein von Bürgermeisterin Durkan ausgehandelter Kompromissvorschlag statt der ursprünglich angepeilten 500 US-Dollar pro Mitarbeiter. Amazon wäre mit seinen rund 40.000 Mitarbeitern in der Stadt auf einen Betrag von elf Millionen US-Dollar pro Jahr gekommen. Der weltgrößte Online-Händler hatte wegen der Steuer die Ausbaupläne in seiner Heimatstadt in Frage gestellt. (mho)

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     botsucher, 13.06.2018 11:16

    57 Permalink Melden

So funktioniert Erpressung -  as fuer ein Kackladen. Keine Steuern zahlen, dann Gentrifizierung vorantreiben und hinterher auch nicht finden, an den Folgen beteiligt zu werden. Stattdessen setzen sie als ausgestreckten Mittelfinger noch nen kuenstlichen Regenwald vor ihre Zentrale. ...



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     Märchenprinz aus der Provinz, 13.06.2018 11:12

Die Wirtschaft regiert und die Gewählten gehorchen, Demokratie 2018

Ein Hoch auf die modernen Zeiten!


...


Aus: "Nach Kritik von Amazon: Seattle schafft Obdachlosen-Steuer wieder ab" Martin Holland (13.06.2018)
Quelle: https://www.heise.de/newsticker/meldung/Nach-Kritik-von-Amazon-Seattle-schafft-Obdachlosen-Steuer-wieder-ab-4077358.html


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[...] Schulen und Kindergärten, ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz, moderne Spitäler und eine gut ausgerüstete Polizei: Damit Staaten ihre vielfältigen Aufgaben wahrnehmen können, brauchen sie von ihren Bürgern und Unternehmen Steuergeld. Eine Reihe spektakulärer Enthüllungen in den vergangenen Monaten – etwa Panama Papers oder Lux Leaks – hat gezeigt, wie multinationale Konzerne und wohlhabende Privatleute mit aggressivsten Methoden darum kämpfen, Steuern zu sparen. Doch wie viel entgeht Gesellschaften weltweit durch solche Optimierungsstrategien? Der Ökonom Gabriel Zucman hat gemeinsam mit zwei Doktoranden von der Universität Kopenhagen einen neuen Anlauf unternommen, um das herauszufinden. Die drei haben dabei einige neue Erkenntnisse und imposantes Zahlenmaterial zutage gefördert.

Im Jahr 2015, auf das sich die Untersuchung bezieht, haben Multis wie Google, Amazon, Nike und Co insgesamt 620 Milliarden US-Dollar an Gewinnen in Steueroasen verlagert (570 Milliarden Euro). Das entspricht 40 Prozent der gesamten Gewinne, die multinationale Unternehmen weltweit in diesem Jahr erwirtschaftet haben. Durch diesen Vorgang entgehen Industrieländern, insbesondere in der EU, aber auch Schwellen- und Entwicklungsländern, Einnahmen im großen Stil.

In ihrem Paper "The Missing Profits of Nations" greifen die Autoren auf einen neuen Ansatz zurück. Bisherige Untersuchungen bauen auf Daten zu Einzelunternehmen auf. Forscher bedienen sich dabei privater Datenbanken wie Orbis, wo Unternehmensumsätze und Gewinne ausgewiesen werden. Auf Basis dieser Zahlen versuchen sie auszurechnen, wie viel Geld in Steueroasen verschoben wird. Die Unternehmensdatenbanken sind aber lückenhaft, viele Konzerne werden nur schlecht erfasst. Zucman, der in Berkley forscht und weltweit als Experte für Steuerfragen gilt, und seine Kollegen analysieren deshalb erstmals offizielle Statistiken. Sie greifen auf volkswirtschaftliche Daten des Internationalen Währungsfonds und der Industriestaatenorganisation OECD zurück, die erst seit kurzer Zeit verfügbar sind. Aus diesen Datensätzen wird für jedes Land ersichtlich, wie viel Gewinn Unternehmen dort erwirtschaften und wie viel Lohn sie bezahlen.

Dabei offenbarte sich den Ökonomen eine geteilte Welt: In Ländern wie Österreich, Deutschland, den USA oder Italien gilt, dass für jeden Cent an ausbezahlten Löhnen 30 bis 40 Cent an Vorsteuergewinn bei einem Konzern anfällt. Ob es sich dabei um einen in- oder ausländischen Konzern handelt, macht fast keinen Unterschied. In Steueroasen ist das völlig anders. Hier beschäftigen ausländische Unternehmen kaum Mitarbeiter, sie zahlen also fast keine Löhne. Bei multinationalen Unternehmen in Steueroasen entfallen auf jeden Cent an ausbezahltem Lohn mehrere Hundert Cent an Gewinn.

Ein klassisches Beispiel dafür ist Google. Den Löwenanteil seiner Gewinne erwirtschaftet der IT-Gigant in den USA und in Europa, aber ein großer Teil des Geldes, zuletzt fast 20 Milliarden US-Dollar, wird aus Steuergründen auf die Bermudas verschoben. Als Steueroasen werten Zucman und seine Kollegen nicht nur die Bermudas oder die Cayman Islands. Übereinstimmend mit früheren Arbeiten zum Thema gelten für die Studienautoren auch die Schweiz, die Niederlande, Singapur, Irland und Hongkong als Steueroasen. Rechnet man nun den exorbitanten Gewinnanteil der multinationalen Konzerne in den Oasen zusammen, ergibt das die erwähnten 620 Milliarden Dollar. Eine realwirtschaftliche Erklärung dafür, weshalb so viel Geld von ausländischen Konzernen in Steueroasen "verdient" wird, gibt es nicht. Unternehmen transferieren nicht im großen Stil Maschinen auf die Caymans oder investieren dort. Sie verschieben buchhalterisch ihre Gewinne, weil in den Oasen die Steuersätze deutlich niedriger oder gar bei null sind.

Multinationale Konzerne können sich verschiedener Strategien bedienen, um Gewinne aus einem Hochsteuerland wegzuschaffen. Beliebt ist etwa, mit hohen Lizenzgebühren zu arbeiten. Eine Konzerntochter zahlt Gebühren für die Nutzung von geistigem Eigentum an eine Schwestergesellschaft, die in einer Steueroase sitzt. Ist diese Gebühr entsprechend hoch, lässt sich damit ein guter Teil der Gewinne wegschaffen. Google hat zum Beispiel Patentrechte auf den Bermudas registriert, Google-Töchter weltweit zahlen also für die Nutzung ebendieser Rechte. Was ein angemessener Preis dafür ist, lässt sich objektiv kaum ermitteln. Auch der konzerninterne Verkauf von Produkten dient zur Verschiebung von Gewinnen. Dabei verkauft eine Gesellschaft in einer Steueroase anderen Konzerngesellschaften in Hochsteuerländern Produkte zu überhöhten Preisen. Damit bleibt der Spielraum für die Unternehmen bei der Bewertung groß.

Die Studienautoren ermittelten auch, aus welchen Ländern Konzerne wie viel Geld in Steueroasen verschieben. Im Falle Österreichs sind es 3,6 Milliarden Euro. Dem Staat entgehen demnach bis zu 900 Millionen Euro an Steuereinnahmen im Jahr, wenn man einen Körperschaftssteuersatz von 25 Prozent zugrunde legt. Die Steueroasen hinterlassen aber in vielen Industrieländern bleibende Spuren: Im Schnitt verlieren Länder ein Zehntel ihrer Einnahmen aus der Besteuerung von Unternehmensgewinnen. In der EU steigt dieser Wert sogar auf fast 20 Prozent. Auch die USA und Entwicklungsländer zählen zu den großen Verlierern. Die Studie ist, wie Co-Autor Ludvig Wier dem STANDARD sagt, bloß eine Annäherung an das Thema, er spricht von der "derzeit bestmöglichen Schätzung", weil selbst die verfügbaren öffentlichen Statistiken oft noch lückenhaft sind.

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Boarding

Da kriechen die Neider wieder hervor. ...


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moejoe187

Aber die Flüchtlinge und Sozialschmarotzer nehmen uns das Geld weg.


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Scheibenwelt

Der Gesetzgeber hat wirklich sehr gut darauf geachtet, dass die Angestellten und Arbeiter ja nicht schummeln können, dafür dürfen die Konzerne sich umso leichter davor drücken.
Natürlich spielen da alle Regierungen mit. Scheinbar profitieren sie ja davon (spätestens nachdem sie in die Privatwirtschaft wechseln). Anders ist diese schon lange bekannte Ungerechtigkeit nicht zu erklären.


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Makro 24/7

Steuerosasen, das ist halt so kompliziert! - Über Flüchtlinge, Mindestsicherungsbezieher und zunehmend auch Arbeitssuchende kann man viel leichter herziehen! ... Und vor allem, man kann dann schöner mit der Legende "Wenn du fleißig bist und den Mund hälst, dann wirst du vielleicht auch mal reich." die Leute bei der Stange halten.


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ReductioAdAbsurdum

... Irland erhält ein Hilfspaket von 85 Milliarden € und dankt es der EU durch die Errichtung einer Steueroase. Gleichzeitig ist der Steuerdruck auf die eigene Bevölkerung exorbitant. Interessiert die EU anscheinend nicht.


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c00kiem00nster

Dafür haben wir Registrierkassen bei Eisverkäufern!


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Der fidele Castro

Wann schließt die Regierung endlich die Panamaroute gegen all die Steuerflüchtlinge?!


...


Aus: "Konzerngewinne landen zu 40 Prozent in Steueroasen" András Szigetvari (13.6.2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000081453728/Konzerngewinne-landen-zu-40-Prozent-in-Steueroasen

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« Reply #741 on: June 13, 2018, 03:21:46 PM »
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[...] Einer muss ein Ahorn gewesen sein, der andere eine Eiche. Nun ragen nur ihre Stümpfe aus dem Boden, die mächtigen Stämme sind gefallen und abtransportiert worden. Vor einem Jahr beschatteten ihre Kronen noch den Festplatz. Alles ist verschwunden, Fränkys Gasthaus und 152 Kleingärten. Stattdessen spärliche Gräser und eine 45 000-Quadratmeter-Brache gleich neben dem, was von der Kleingartenkolonie Oeynhausen heute noch übrig ist.

„Ich habe Leute weinen sehen“, sagt Wolfgang Mahnke und meint: Am Tag, als die Bagger kamen. Es muss viel Wut im Spiel gewesen sein. „Fuck SPD + Grüne“ hat einer mit gelber Farbe auf den Weg gemalt, der zum abgebaggerten Areal führt. Der Slogan passt so gar nicht zu den meist älteren Herrschaften, die man hier an einem Wochentag hinter Zäunen ihre Gärten pflegen sieht.

Aber da wurden nicht einfach nur 152 Hütten mit ein bisschen Grün eingeebnet. Das waren Orte, in denen Mahnkes Nachbarn ihre Äpfel reifen sahen und ihre Kinder aufwachsen, wo die laufen lernten, hinfielen und getröstet wurden, wo Familien tanzten, wenn der Berliner Boogie-Altmeister Manne Chicago auf der kleinen Zementfläche vor dem Vereinshaus sein Klavier aufbaute oder irgendeine Blaskapelle loslegte.

Mit seinem Jackett und dem weißen Hemd sieht der 72-Jährige gar nicht aus wie ein Gärtner. Dabei zählt er zu denen, die die Kolonie am längsten kennen. Er hat mehr Glück gehabt als die drüben hinter dem Zaun. Vorerst wenigstens.

 Die Öde, kaum 20 Meter von Mahnkes Gartentor entfernt, ist ein Zeichen des Fortschritts. Stumm steht ein gelber Bagger auf dem weiten Feld. Wenn alles kommt wie es soll, dann wird er loslegen, wird Gruben ausheben für die Fundamente der Häuser, die hier 700 Wohnungen aufnehmen sollen. Noch ist nicht absolut sicher, ob die Bagger wirklich vor Mahnkes Parzelle haltmachen werden. Denn es geht um die Zukunft der Stadt. Eine Stadt, die wächst, um 40 000 Neubürger im Jahr. Menschen, die untergebracht werden müssen, deren Kinder Schulen brauchen, die irgendwie zur Arbeit fahren müssen, Platz benötigen.

Es geht aber auch darum, wie diese Stadt aussehen wird – und ob man in ihr leben mag. Ob Traditionen noch zu Recht bestehen. Und um Geld geht es auch, um sehr viel sogar.

Der Mann mit dem grau gewellten Haar ist Jurist, sein Berufsleben hat er in einer Senatsverwaltung verbracht. Er müsste also wissen, wie die Dinge in dieser Stadt laufen. Als die Existenz seiner Kolonie auf der Kippe stand, ging Wolfgang Mahnke nicht vor Gericht, sondern auf die Barrikaden.

Er und seine Nachbarn verteilten Flugblätter und sammelten Unterschriften. Nicht nur hier in der Nachbarschaft, wo sich sowieso alle kennen. Auf dem Mierendorffplatz drüben in Charlottenburg stand er mit seinen Listen. Am Ende waren mehr als 70 000 Bürger der Meinung, Oeynhausen müsse gerettet werden.

Die Parzelle hier hat schon Mahnkes Oma gehört. Da war er vielleicht zehn oder zwölf. Ein hübsches Haus, mit spitzem Dach und hoher Decke, aus dicken Bohlen gefertigt. Vom Giebel herunter hängt ein mehrarmiger Kerzenleuchter. Strom hat Mahnke keinen, ein Wasserklosett auch nicht. Braucht er nicht. Der Blick von der Terrasse ist derselbe wie damals, als Wolfgang, der Stadtjunge, noch kurze Hosen trug: Knorrige Apfelbäume fügen sich zu einer kleinen Allee. Ein Geschenk jener Bauern, die vor über hundert Jahren dieses Feld am Rande der ausufernden Stadt abgaben.

 Auch die 70 000 Unterschriften konnten nicht verhindern, dass rund ein Drittel der Kolonie eingestampft wurde. Dass den Oeynhausern mit dem Vereinshaus ihre Mitte abhanden kam, ihr Mittelpunkt. Das Vereinshaus war mit der Gaststätte der Platz, wo alle zusammenkommen konnten. Wo sie ihre Feste feierten, wo der Vorstand tagte, wo sie sich berieten, wie man sich gegen die Bedrohung wehren könne.

Dabei bestand die Kolonie doch schon so lange. Gegründet wurde sie 1904, die Mehrheit des Geländes erwarb die Reichspost für irgendeinen Zweck, der sich nie einstellte. Eine Investition in die Zukunft gewissermaßen. Ähnlich hielten es andernorts die Kirche, die Bahn, auch die Stadt. Bauerwartungsland nannte man solche Flächen. So lange nichts zu erwarten war, überließ man sie den Kleingärtnern.

Es gab diese Grundstücke überall in der Stadt, im Westen und im Osten, an den Rändern und in der Mitte. Das ist das Besondere an Berlin: Andere Städte haben auch Gemeinschaftsgärten, aber sie wurden an die Ränder verbannt.

Und nirgends sind es so viele wie hier. Mehr als 70 000 Parzellen werden in der Stadt bewirtschaftet, rund doppelt so viele wie in Leipzig und Hamburg, die auf den Plätzen zwei und drei folgen. Kleingärten sind so berlinisch wie Currywurst, soll Eberhard Diepgen einmal gesagt haben.  ...

Bedroht waren die Kleingärten eigentlich immer. Viele hatten nur Glück, dass nicht alle großen Pläne realisiert wurden. Hitlers Rüstungsminister Albert Speer plante riesige Schneisen, die auch hunderte Kleingärten eingeebnet hätten. Eine seiner versuchsweise planierten, gigantischen Achsen endet als kurzer Stummel in Lichterfelde vor der Kleingartenkolonie Schweizerland.

... In der Mauerstadt gehörten die Gärten zur Grundversorgungsreserve. Im Ostteil reichten Kleingärtner ihre Kaninchen, ihr Obst und ihr Gemüse an die Einkäufer der Konsumgenossenschaften weiter. Das war so wichtig, dass 1977 der Ministerrat entschied, es dürfe keine Massenräumungen mehr geben, sogar neue Kleingärten müssten errichtet werden.

Dabei wuchs die Stadt schon an der Wende zum 20. Jahrhundert gewaltig – allein zwischen 1890 bis 1913 um ein Viertel. Familien mit bis zu zehn Mitgliedern waren gezwungen, sich ein Zimmer zu teilen. Und weil das alles nicht reichte, entstanden wilde Hüttenkolonien, auch am Kottbusser Tor. Kleingärtner beackerten ihre Parzelle aus materieller Not heraus. Wahrscheinlich wäre Deutschland im Ersten Weltkrieg viel früher kollabiert, wenn es in den Städten keine Kleingärten gegeben hätte. Dann kam noch revolutionärer Elan dazu. Die Novemberrevolution 1918 fegte nicht nur die Monarchie hinweg, auch die Kolonisten erhoben sich in rebellischer Absicht. Am Ende stand 1919 ein erstes Kleingärtnergesetz.

Die grünen Parzellen sind Refugien einer Privatheit, ließen ein Fürsichsein zu, wie es in den kleinen, überfüllten Wohnungen gar nicht möglich war. Und weil das nach dem Zweiten Weltkrieg wieder so wurde, ist es kein Wunder, dass in den Erinnerungen älterer Kleingärtner seltener von Riesenkürbissen die Rede ist, als vielmehr von Familienfesten, von Tante Frieda und Onkel Paul.

...


Aus: "Wachstumsprobleme: Was wird aus den Schrebergärten?" Andreas Austilat (30.04.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungsnot-in-berlin-wachstumsprobleme-was-wird-aus-den-schrebergaerten/20004536.html

---

Quote
[...] Wieso haben Kleingärten trotzdem so ein schlechtes Image?

Das negative Image resultiert aus der Vergangenheit. In Zeiten der Armen- und Rot-Kreuz-Gärten waren Laubenkolonien noch etwas für Arme und Kranke, heute werden Kleingärten oft als Hort des piefigen, spießigen, privatistischen Kleinbürgers abgetan. ...

Quote
joth 10:49 Uhr

Die Überschrift [Wohnungsbau in Berlin: "Viele Kleingärtner leben im Vorgestern"] ist doch aus dem Kontext des Zitats gerissen und passt gar nicht zu den inhaltlichen Aussagen von Klaus Neumann. Der hat sich doch positiv für den Verbleib der Kleingartenkolonien ausgesprochen. Das wird durch die getroffene Überschrift des Artikels überhaupt nicht vermittelt. Irgendwie merkwürdige Tsp-Aufbereitung. Die Überschrift müsste doch eher lauten:Kleingärten Öko--Soziale-Lebensfelder in der Großstadt.


...


Aus: "Wohnungsbau in Berlin: "Viele Kleingärtner leben im Vorgestern"" Constanze Nauhaus (13.06.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungsbau-in-berlin-viele-kleingaertner-leben-im-vorgestern/22667100.html
« Last Edit: June 13, 2018, 03:29:26 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #742 on: June 19, 2018, 10:22:16 AM »
Quote
[...] Eine neue Ausgabe des „Straßenfegers“ bekommt Cristinel Serban am Montag nicht mehr, obwohl sie eigentlich für diesen Tag angekündigt war. Der Verkäufer der Obdachlosenzeitung, die sich auf dem Titel „strassenfeger“ schreibt, ist wie so oft zur Abholstelle an der Storkower Straße in Prenzlauer Berg gekommen und greift nun einfach wieder bei der Nummer acht zu, die inzwischen drei Wochen alt ist. Und auch die letzte Ausgabe bleibt: Am Montagabend entschied eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Trägervereins über die Zukunft des Projekts. Laut der B.Z. stand um 22 Uhr das Ergebnis fest: 16 Mitglieder stimmten aus wirtschaftlichen Gründe für die Schließung des Magazins, neun Personen dagegen.

„Ich nehme 40 Zeitungen“, sagt Serban, der aus Rumänien stammt, am Montagmittag. „Der Straßenfeger ist bei den Leuten sehr beliebt. Eine andere Zeitung möchte ich gar nicht verkaufen.“ Seine Kunden zahlen 1,50 Euro pro Exemplar. Sein Gewinn beträgt 90 Cent pro Heft. Serban bestreitet so seit vielen Jahren einen Teil seines Lebensunterhalts, sagt er. „Mein Stammplatz ist vor einem Supermarkt in der Kastanienallee. Da läuft es gut.“ Dass der Straßenfeger nach 24 Jahren vor dem Aus steht, sei ihm noch nicht zu Ohren gekommen. Obwohl auch er es merkwürdig findet, dass es keine neue Ausgabe gibt. Die zweite Ausgabestelle am Ostbahnhof bleibt an diesem Tag sogar komplett geschlossen. Jemand habe die Schlösser manipuliert, heißt es von Ehrenamtlichen. Waren es wütende Zeitungsverkäufer, denen die Gerüchte zu Ohren gekommen sind? Schulterzucken.

 Dass der Straßenfeger, aktuell mit einer Auflage von etwa 12.000 Exemplaren, tatsächlich eingestellt werden könnte, wollte vor der Sitzung noch niemand bestätigen. Der Vorstand war nicht erreichbar, Ehrenamtliche des Vereins verweisen auf die Mitgliederversammlung am Abend. Dann sollen „die Zahlen auf den Tisch kommen und entschieden werden“, heißt es aus dem Umfeld. Dem Vernehmen nach soll die Zeitung sich nur durch die erzielten Verkaufserlöse finanzieren. Zitieren lassen möchte sich vorab niemand. Aber: Es soll noch mehr auf dem Spiel stehen. Laut der B.Z. soll auch das „Kaffee Bankrott“ an der Storkower Straße schließen. Dort erhalten Bedürftige eine warme Mahlzeit für 2 bis 2,50 Euro. Die Verkäufer der Obdachlosenzeitungen verschnaufen und versorgen sich wie Cristinel Serban mit Zeitungsnachschub. Außerdem gibt es Computer, an denen die Gäste kostenlos im Internet surfen. Der ebenfalls an der Storkower Straße ansässige Trödelpoint mit Ware aus zweiter Hand ist bereits seit März geschlossen.

Dagegen nicht zur Disposition stehen soll die Notübernachtung, ebenfalls auf dem Areal an der Storkower Straße. Wie es auf der Webseite des Vereins heißt, können pro Nacht bis zu 31 Personen aufgenommen werden. Für obdachlose Familien und Frauen mit Kindern gibt es ein separates Familienzimmer. Ziel sei es, Betroffene in den Wintermonaten nicht nur vor dem Kältetod zu bewahren, sondern ganzjährig mittel- bis langfristig Hilfe bei der Rückkehr in ein geregeltes Leben zu ermöglichen.

Beim Berliner Straßenmagazin „motz“, das ebenfalls von Obdachlosen verkauft wird und soziale Projekte unterstützt, möchte man auf die Gerüchte um den Mitstreiter nicht eingehen. Die „motz“ hat eine Auflage von rund 20.000 Exemplaren und erscheint ebenfalls alle drei Wochen, nur zur Fußball-WM gab es eine weitere Sonderausgabe. „Wir haben uns nie als Konkurrenten gesehen“, sagt Stefan Peter, „motz“-Vorstandsmitglied. „ Es ist gut, dass die Arbeit für Obdachlose auf mehrere Schultern verteilt ist. Völlig klar ist, dass eine Straßenzeitung sowieso keinen Gewinn abwerfen kann.“



Aus: "Berlin Obdachlosenzeitung "Straßenfeger" wird eingestellt" (18.06.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-obdachlosenzeitung-strassenfeger-wird-eingestellt/22706036.html

"Neue Hoffnung für den "Straßenfeger"" Christoph Stollowsky Claudia Braun (19.06.2018)
Die gemeinnützige „Karuna Sozialgenossenschaft“ für Kinder und Jugendliche in Not bietet der Zeitung Hilfe an, um die vor der Einstellung zu bewahren.
https://www.tagesspiegel.de/berlin/berliner-obdachlosenzeitung-neue-hoffnung-fuer-den-strassenfeger/22711446.html

« Last Edit: June 20, 2018, 09:53:25 AM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #743 on: June 19, 2018, 12:29:15 PM »
Quote
[...] Das Gesamtvermögen der Dollarmillionäre ist weltweit im vergangenen Jahr um 10,6% und zum ersten Mal auf mehr als 70 000 Mrd. $ gestiegen. Das stärkste Wachstum kam einmal mehr aus der Region Asien-Pazifik. Global gesehen legte die Zahl der Millionäre auf 18,1 Mio. zu, sie verfügen über 70 200 Mrd. $. Dies teilte die Unternehmensberatungsgesellschaft Capgemini in ihrem jährlich veröffentlichten World Wealth Report mit. Für diesen wurden 2600 Dollarmillionäre in 19 grossen Wealth-Management-Märkten befragt. Als solche Anleger, im Fachjargon als «high-net-worth individuals» (HNWI) bezeichnet, gelten Privatinvestoren mit einem frei verfügbaren Vermögen von mehr als 1 Mio. $.

Die Vermögen sind damit zum sechsten Mal in Folge gestiegen. Darin spiegeln sich die gute Wirtschaftslage und die starke Entwicklung an den Börsen. Die Millionäre profitieren weiterhin von der Inflation der Vermögenspreise, hervorgerufen durch die laxe Geldpolitik der Zentralbanken. Die ultraniedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten haben in den vergangenen Jahren die Aktienkurse und Immobilienpreise nach oben getrieben, was sich auch am Zuwachs bei den Millionären zeigt. Im Jahr 2010 gab es weltweit noch 10,9 Mio. solcher wohlhabender Privatpersonen, die damals 42 700 Mrd. $ ihr Eigen nannten.

Besonders stark stieg die Zahl der Millionäre 2017 mit rund 12% in der Region Asien-Pazifik. Dort gab es im vergangenen Jahr 6,2 Mio. solcher wohlhabender Privatpersonen, diese nannten ein Vermögen von 21 600 Mrd. $ ihr Eigen. Starkes Wachstum war auch in Nordamerika zu beobachten. Dort legte die Zahl der Millionäre um knapp 10% auf 5,7 Mio. zu, ihre Vermögen wuchsen in einem ähnlichen Tempo auf 19 800 Mrd. $. In Europa war das Wachstum etwas geringer, aber ebenfalls gut. Die Zahl der Millionäre auf dem alten Kontinent legte im vergangenen Jahr um rund 7% auf 4,8 Mio. zu, ihre Vermögen stiegen um knapp 8% auf 15 900 Mrd. $.

Eine im Vergleich mit anderen Ländern sehr hohe «Millionärsdichte» hat die Schweiz. Hierzulande legte die Zahl der vermögenden Privatanleger im vergangenen Jahr um 7% auf 389 200 zu. Damit liegt die Schweiz auf Platz 7 der Länder mit den meisten Millionären, umgeben von lauter Staaten mit sehr viel höheren Einwohnerzahlen. Laut Capgemini stieg das Vermögen der hiesigen Millionäre im vergangenen Jahr von 1 116 Mrd. $ auf 1 204 Mrd. $, was einem Anstieg von knapp 8% entspricht.

Mit knapp 90% gehören die meisten Wohlhabenden weltweit zur Kategorie «Millionär von nebenan»; sie verfügen über Vermögen im Volumen zwischen 1 Mio. $ und 5 Mio. $. Rund 9% der Millionäre nennen Gelder zwischen 5 Mio. $ und 30 Mio. $ ihr Eigen, und nur 1% von ihnen haben mehr als 30 Mio. $. Diese letzte Kategorie von Privatpersonen wird auch als «ultra high-net-worth individuals» (UHNWI) bezeichnet. Die Zahl der UHNWI ist 2017 um 11%, ihre Vermögen sind um 12% gewachsen.

Wie Capgemini mitteilte, stellten die USA, Japan, Deutschland und China zusammen 61% der weltweiten Millionäre. Die mit Abstand meisten Millionäre leben in den Vereinigten Staaten, ihre Zahl beträgt 5,29 Mio. In Japan wohnen 3,16 Mio., in Deutschland sind es 1,37 Mio. und in China 1,26 Mio. Gemäss einer jüngst veröffentlichten Studie der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) verfügten die Bewohner Nordamerikas über mehr als zwei Fünftel der privaten Vermögen weltweit, vor den Einwohnern Westeuropas (22%). Das stärkste Wachstum im vergangenen Jahr sei mit 19% indessen in Asien zu beobachten gewesen.

Die Vermögen der wohlhabenden Privatanleger waren gemäss der Capgemini-Studie im ersten Quartal dieses Jahres zu knapp 31% in Aktien investiert, danach folgten Bargeld und bargeldähnliche Anlagen (27%). In Immobilien steckten knapp 17% der Vermögen, hier war 2017 ein Zuwachs bei der Allokation von knapp 3 Prozentpunkten zu beobachten.

Die Aufteilung scheint eine recht gute Diversifizierung der Gelder zu belegen. Laut der Studie hat das Interesse der Wohlhabenden an Investitionen in Kryptowährungen zugenommen. 29% der Befragten gaben an, grosses Interesse am Kauf solcher Anlagen zu haben, unter ihnen seien viele jüngere Millionäre gewesen. Die Vermögensverwalter der HNWI hätten sich indes zurückhaltend gegenüber solchen Investitionen gezeigt, nicht zuletzt wegen regulatorischer Unsicherheiten.



Aus: "389 200 Millionäre in der Schweiz" Michael Ferber (19.6.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/finanzen/389-200-millionaere-in-der-schweiz-ld.1396000


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« Reply #744 on: June 19, 2018, 02:04:06 PM »
Quote
[...] Nachdem ich mich an das Scheinwerferlicht gewöhnt hatte, habe ich es genossen. Das gebe ich zu. Ich war jung und hatte einen Mann, der mir die Welt zeigte, der sagte: Pack die Koffer, es geht nach New York, nach Paris. Ich sah die Welt. Welcher jungen Frau würde das nicht gefallen? Selbstverständlich gab es auch Momente, in denen ich lieber nicht in der Öffentlichkeit gestanden hätte. Beispielsweise jetzt gerade – dieses Interview und Ihre Fragen. Das würde ich lieber nur mit einer Freundin besprechen, aber ich weiß, dass es zu meinem öffentlichen Leben dazugehört. Ich habe damals live im Fernsehen verkündet, dass wir heiraten werden. Da ich damals A gesagt habe, muss ich jetzt auch B sagen. Und bisher war mein öffentliches Leben ja auch eines einer glücklichen Familie, mit einem Mann, den viele bewundert haben. Da spürt man die Nachteile nicht. Ich spüre sie jetzt, wenn ich von Fotografen gejagt werde, die nur ein trauriges Gesicht von mir einfangen wollen. Es ist meine erste öffentliche Krise, und den Umgang damit muss ich noch lernen. ...

Ihr Mann verließ Sie dann wieder, verlobte sich mit einer anderen, trennte sich, kam wieder zurück und so weiter. Wie und warum haben Sie das ausgehalten?

Eine Frau, die liebt, kann auch verzeihen. ...

Sie haben früh angefangen, als Model und Barkeeperin und als Croupier in einem Casino zu arbeiten. Haben Sie daraus gelernt, dass eine Frau nicht unbedingt auf einen Mann angewiesen ist?

Eine Frau ist heutzutage definitiv nicht mehr auf einen Mann angewiesen! Das sehen Sie an den erfolgreichen Frauen, deren Männer niemand kennt. Was im Umkehrschluss nicht heißt, dass ich es nicht genauso genießen kann, wenn ich mich als Frau an meinen Mann anlehnen kann.

...

Hatten Sie jemals das Gefühl, im Schatten Ihres Mannes eine Rolle spielen zu müssen?

An der Seite eines so bekannten Mannes brauchst du irgendwann das Gefühl, auch für etwas Eigenes zu stehen. Das ist jedoch schwer, und mir ist es, objektiv betrachtet, auch nur sehr bedingt gelungen. Bisher bin ich, zumindest für die Öffentlichkeit, die Frau von Boris Becker beziehungsweise jetzt die Ex-Frau. Mal sehen, wie sich das in Zukunft entwickelt.

...

Ihr bis dahin friedliches Leben mit Ihrem Sohn und Ihrem Mann hier in Wimbledon wurde im Sommer 2017 jäh durch die Mitteilung unterbrochen, dass Ihr Mann insolvent ist. Waren Sie darauf vorbereitet?

Nein, überhaupt nicht. Das hat mich aus heiterem Himmel getroffen. Wir hatten in unserer Ehe diese klare klassische Rollenverteilung: Boris war für das Wirtschaftliche zuständig und ich für die Familie.


Aus: "Lilly Becker über die gescheiterte Beziehung zu Boris: "Trennung ist die einzige Lösung"" Jochen Siemens (16. Juni 2018)
Quelle: https://www.stern.de/lifestyle/leute/lilly-becker-im-interview-ueber-die-gescheiterte-beziehung-zu-boris-8123000.html



-

Quote
[...] Boris Becker pocht im Insolvenzverfahren gegen ihn auf diplomatische Immunität. ... Diese Meldung sorgte vor einigen Wochen für Verwunderung: Ende April wurde bekannt, dass Boris Becker diplomatisch für die Zentralafrikanische Republik Kongo tätig wird, eines der ärmsten Länder der Welt. Der dreimalige Wimbledon-Gewinner wurde als Sonderattaché für Sport und kulturelle Angelegenheiten in der Europäischen Union ernannt. Geld soll Becker für diesen ehrenamtlichen Posten nicht bekommen. Was bezweckt der 50-Jährige also mit diesem Ehrenamt?

Darauf gibt es inzwischen eine Antwort: Die Anwälte des früheren Tennisstars berufen sich im laufenden Insolvenzverfahren gegen ihren Mandanten auf diplomatische Immunität. Becker war am 21. Juni 2017 durch eine Richterin am Londoner High Court für zahlungsunfähig erklärt worden. Boris Becker bestreitet bis heute, pleite zu sein.

Seither läuft ein Insolvenzverfahren gegen ihn, das nach britischem Recht nach einem Jahr abgeschlossen sein könnte. Das wäre in wenigen Tagen. Becker wäre ab der kommenden Woche seiner Schulden ledig und könnte wieder eigenes Geld verdienen. Warum kommt Becker nun kurz vor dem Ablauf dieses Verfahrens mit seiner Immunität um die Ecke?

Die Antwort könnte in einer bevorstehenden Entscheidung des High Court in London liegen. Denn es ist noch gar nicht ausgemacht, dass das Insolvenzverfahren gegen Becker kommende Woche abgeschlossen wird. Denn am 31. Mai beantragte Insolvenzverwalter Mark Ford eine Fristverlängerung. Becker habe ihm Informationen vorenthalten, hieß es in einem Statement.

Für Becker bedeutet das nichts Gutes. Dem gebürtigen Leimener könnten im schlimmsten Falle sogar strafrechtliche Konsequenzen drohen. Davor würde ihn der Diplomatenstatus schützen. Als Attaché soll er in Brüssel ein eigenes Büro in der Botschaft der Zentralafrikanischen Republik bekommen. Dort wäre er vor dem Zugriff der Ermittlungsbehörden geschützt.

...


Aus: "Warum sich Boris Becker auf diplomatische Immunität beruft" Carsten Heidböhmer (15. Juni 2018)
Quelle: https://www.stern.de/lifestyle/leute/warum-sich-boris-becker-auf-diplomatische-immunitaet-beruft-8126864.html

-

Quote
[...] Noch am Sonntag machte sich der Botschafter der Zentralafrikanischen Republik in Brüssel für die Tennislegende stark: Boris Becker besitze einen Diplomatenpass seines Landes und könne sich deshalb in seinem Insolvenzverfahren auf diplomatische Immunität berufen, teilte Daniel Emery Dede in einer Presseerklärung mit und verwies auf das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen. Doch nur einen Tag später sind diese Sätze Makulatur.

In der Posse um den Diplomatenstatus von Boris Becker schaltete sich am Montag der Außenminister der Zentralafrikanischen Republik ein. Becker sei kein offizieller Diplomat des Landes, sagte Charles Armel Doubane der Zeitung "Die Welt". Er widersprach damit seinem Botschafter und der Darstellung von Beckers Anwälten.

Doubane zeigte sich über die Vorgänge verärgert. "Wir wollen nicht, dass Boris Beckers inoffizielle Position für unser Land mit seinen finanziellen Problemen assoziiert wird. Wir sagen klar, dass unser Land bei jeglichen rechtlichen Verfahren gegen Boris Becker die Justiz in keinerlei Weise behindern wird", stellte Doubane klar. Sein Land trete für Rechtsstaatlichkeit ein, sagte der Außenminister. Deshalb könne "die Zentralafrikanische Republik Boris Becker vor einem Gericht nicht schützen".

Zugleich widersprach Doubane der Darstellung, dass Becker einen Diplomatenpass besitze und offiziell für sein Land tätig sei. Doubane erklärte, er habe nie eine Unterschrift unter eine Ernennung Beckers zum Diplomaten geleistet und der Präsident habe ihn auch nicht darum gebeten. Zwar sei es zu einem Treffen zwischen Becker und dem Zentralafrikanischen Präsidenten Faustin Archange Touadéra gekommen. Er bestätigte auch, dass es dabei darum ging, wie Becker dem Land Kontakte in Sachen Sportförderung vermitteln könne. Zum "offiziellen Diplomaten" sei Becker dadurch aber nicht geworden.

...


Aus: "Er ist es, er ist es nicht - Außenminister beendet Posse um Diplomaten-Status von Boris Becker" (18. Juni 2018)
Quelle: https://www.stern.de/lifestyle/leute/boris-becker---aussenminister-beendet-posse-um-diplomaten-status-8130492.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Becker

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« Reply #745 on: June 28, 2018, 05:27:08 PM »
Quote
[...] In Frankreich geht ein Verdacht um. Ein Verdacht, der für den Präsidenten fatale Folgen haben könnte. Denn wie die Geschichte lehrt: Je königlicher er sich gibt, desto revolutionärer wallt es im Volk. Die Wahlguillotine ist in Paris nie weit. Der Verdacht also lautet: Macron I. frönt wie seine erlauchten Vorfahren in Versailles dem schnöden Luxus. Kann das sein? Faktum Nummer eins: Brigitte Macron hat beschlossen, das feine Tafelgeschirr im Élysée-Palast rauszuwerfen und durch 1200 Teller und Schalen aus der illustren Sèvres-Porzellanmanufaktur zu ersetzen. Kostenpunkt: 50.000 Euro. Faktum Nummer zwei: Die Macrons wollen im Fort de Brégançon, der präsidialen Sommerresidenz westlich von Saint-Tropez (Côte d'Azur), für sich allein einen Swimmingpool errichten lassen. Kostenpunkt: 34.000 Euro.

Faktum Nummer drei: Vom westfranzösischen Städtchen Roche-sur-Yon ins 90 Kilometer entfernte Rochefort benutzte der Staatspräsident einen Falcon-Privatjet, obwohl seine Mitarbeiter mit einer Fahrzeugeskorte fast gleich schnell gewesen waren. Kostenpunkt: 3000 Euro. Nun ließe sich einwenden, diese Ausgaben seien doch gar nicht so extravagant. Das Tischgeschirr des Élysée ist buchstäblich ein tragendes Element der – in Frankreich sehr politischen – Esskultur. Zudem ist es teils so verblichen wie die Erinnerung an den Präsidenten Coty, der einzelne noch heute verwendete Sèvres-Teller schon vor 60 Jahren ins Sortiment aufgenommen hat. Was das Planschbecken in der imposanten Küstenfestung betrifft, soll es nicht mehr wie geplant in den Boden eingelassen werden, sondern demontierbar sein. Laut Macrons Entourage kostet dies kaum die Hälfte des Aufwands für elf Gendarmen und zwei Rettungsschwimmer (60.000 Euro pro Sommer). Die gingen bisher in Alarmstellung, wenn sich Monsieur le Président am Fuße von Fort Brégançon unter das biedere Volk am Sandstrand mischte. Der eigene Pool hingegen läge paparazzifrei hinter Mauern.

Der böse Verdacht hält sich dennoch. Schuld ist wieder einmal das Enthüllungsblatt "Le Canard enchaîné". Es berichtet, die teils handgemalten Élysée-Teller kosteten über 400 Euro pro Stück. Damit würden fast 500.000 Euro anfallen. In Sachen Swimmingpool heißt es ferner, mehrere Ex-Präsidenten hätten schon den Einbau eines solchen in Fort Brégançon geprüft, aber als zu kostspielig verworfen. Erst Macron wurde konkret; dafür verheimlichte er den Plan zuerst vor der Öffentlichkeit. Dem 40-jährigen Präsidenten, der in den Umfragen ohnehin auf Sinkflug ist, fliegen nun sarkastische Reaktionen um die Ohren. Um nicht zu sagen, die Teller: Aus dem Burgund schickte ein Ehepaar sein Geschirr den Macrons ins Élysée. Wütend sind die Franzosen nicht so sehr über die Höhe der Geldbeträge, sondern über das Gemisch von Ausreden, Vertuschungsversuchen und falschen Zahlenangaben. Das kennen sie von ihren Präsidenten nur zu gut. Auf diese Weise versuchte sich schon Nicolas Sarkozy herauszuwinden, als er im neuen Präsidenten-Airbus auch eine Badewanne und Sauna einrichten lassen wollte. Erst nach heftigen Publikumsreaktionen verzichtete er darauf.

Ähnlich handeln auch werdende Präsidenten – etwa François Fillon, der im Wahlkampf 2017 über den Scheinjob seiner Frau stolperte. Gewesene Präsidenten müssen gar nicht mehr mogeln, erhalten sie doch fürstliche Renten von bis zu 20.000 Euro im Monat; dazu verfügen sie über ein Großbüro, eine Limousine mit zwei Chauffeuren, ein Dutzend Angestellte sowie Gratisreisen mit der Staatsbahn oder Air France. Letzteres stets "in der besten Klasse", wie ein Dekret schon im Jahre 1985 bestimmte. Bekannt wurde die vierseitige Privilegienliste erst ein Vierteljahrhundert später. Macrons Vorgänger François Hollande limitierte einzelne Vorrechte der Ex-Präsidenten auf fünf Jahre nach Amtsende. Das Budget des Élysée von 109 Millionen Euro im Jahr bleibt trotzdem dreimal so hoch wie das des deutschen Kanzleramtes. Die meisten Ausgaben des französischen Präsidialamtes sind zudem in den Budgets anderer Ministerien versteckt. Niemand vermöchte deshalb zu sagen, wie viel Geld Frankreich für seine Präsidenten ausgibt. Und niemand glaubt den offiziellen Zahlen. Das Paradoxe ist, dass die französischen Präsidenten gar nicht wie ein Krösus leben. Oder zumindest weniger als die ehemaligen Präsidenten, von denen heute vier noch am Leben sind: Valéry Giscard d'Estaing, Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy und François Hollande. Zusammen fallen sie dem Staat jährlich mit insgesamt zehn Millionen Euro zur Last.

Der Präsident verdient 15.000 Euro im Monat, weniger als die deutsche Kanzlerin (18.000 Euro). Sein Wohnsitz, das Élysée, wird zwar von Eingeweihten "Château" genannt, bietet aber weder Ausmaße noch Komfort eines Schlosses. Als bloße Dependance des Königshofes beherbergte es im 18. Jahrhundert die königliche Mätresse, Madame de Pompadour. Heute vermag der schöne Schein der Kristalllüster und Gobelins nicht zu verbergen, dass das Gebäude ziemlich heruntergekommen ist. Während der Amtszeit Sarkozys verfehlte ein Stück eines Stuckengels nur knapp einen fremden Staatschef. Dessen Identität wurde diplomatisch verschwiegen. Auch die Macron-Berater sagen es: Der Staatschef lebt nicht im Überfluss, musste er doch sogar die überfällige Sanierung des Élysée aufschieben. Vorrang hat eben der Swimmingpool. (Stefan Brändle aus Paris, 28.6.2018)


Aus: "Kritik an extravagantem Lebensstil bringt Macron ins Schwimmen" Stefan Brändle aus Paris (28. Juni 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000082383756/Kritik-an-extravagantem-Lebensstil-bringt-Macron-ins-Schwimmen

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« Reply #746 on: July 02, 2018, 08:06:14 AM »
Quote
[...] In der Opposition hatten CDU und FDP im Düsseldorfer Landtag oft gegen den früheren SPD-Finanzminister Norbert Walter-Borjans gewettert, der im Kampf gegen Steuersünder immer wieder CDs mit Daten von Steuersündern kaufte. In den Koalitionsverhandlungen drängte FDP-Verhandlungsführer Christian Lindner, dass CDs nur noch unter ganz besonderen Bedingungen gekauft werden dürfen. Seit dem Regierungswechsel 2017 scheint sich die Haltung nun zu ändern.

Die schwarz-gelbe Landesregierung erwägt nun erstmals selbst den Ankauf einer Steuersünder-CD. Das Land prüfe derzeit ein entsprechendes Angebot, teilte das Düsseldorfer Finanzministerium der Nachrichtenagentur dpa mit. Weitere Details zum Zeitpunkt einer Entscheidung nannte die Behörde nicht. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Monika Düker, lobte laut dem Sender WDR aber den Schritt: "Die Ankäufe helfen, Steuerhinterzieher zu überführen."

Das Ministerium indes betont, das Prüfungsverfahren für den Ankauf von Steuersünder-CDs sei seit dem Regierungswechsel nicht geändert worden. Etwaige Ankäufe würden einzeln geprüft, "nach dem Abwägen von Chancen und Risiken" werde darüber entschieden. Das Land stelle weiterhin die nötigen Ressourcen zur Verfügung.

In den vergangenen acht Jahren hat Nordrhein-Westfalen im Kampf gegen Steuersünder insgesamt elf CDs gekauft, neun davon in der Amtszeit Walter-Borjans (2010-2017), zwei weitere noch unter Ex-CDU-Minister Helmut Linssen. Knapp 20 Millionen Euro gab die Landesregierung dafür aus. Im Gegenzug flossen etwa 353 Millionen Euro an Nachforderungen sowie weitere 888 Millionen Euro durch Geldstrafen und Geldbußen in die Landeskasse - sowie circa 1,2 Milliarden Euro durch Selbstanzeigen. Bundesweit belaufen sich die Mehreinnahmen sogar auf sieben Milliarden Euro.

Die jetzige Opposition hatte der Landesregierung Anfang des Jahres vorgeworfen, die erfolgreiche Steuerfahndung bewusst schwächen zu wollen. Ausgelöst worden war die Debatte durch den Wechsel von zwei Spitzenkräften aus dem Wuppertaler Finanzamt in eine Großkanzlei. Die Wuppertaler Behörde war mit spektakulären Ankäufen von Steuerdaten-CDs immer wieder in den Schlagzeilen.

apr/dpa

Quote
Airkraft gestern, 16:54 Uhr

Sollte die Schlagzeile nicht statt: "NRW prüft Angebot für Kauf von Steuersünder-CD" richtiger: "NRW prüft Angebot für Kauf von Steuerhinterzieher-CD" heißen?



Aus: "NRW prüft Angebot für Kauf von Steuersünder-CD" (01.07.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/steuersuender-cd-nrw-prueft-angebot-fuer-kauf-a-1216019.html

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« Reply #747 on: July 03, 2018, 07:41:22 AM »
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[...] Einen Tag vor Heiligabend war Sarah Jochmann psychisch am Ende. Für Deliveroo fuhr sie in Köln das Essen durch Sonne, Regen, Schnee und Hagel. Eine Winterjacke stellte ihr das Unternehmen nicht. Sie trug ihre eigene unter der völlig durchgeweichten Regenjacke von Deliveroo.

Als es zum Nervenzusammenbruch kam, wartete sie schon zwei Monate auf ihren Lohn. „Ich musste vom Trinkgeld leben“, sagt sie. Die Angst, die Miete nicht mehr zahlen zu können und auf der Straße zu enden, gaben ihr den Rest. Sie saß mit ihrem Fahrrad in der Straßenbahn, als ihr die Tränen kamen.

Heute arbeitet Sarah nicht mehr für Deliveroo. Das letzte Mal hat sie am 24. April ausgeliefert. Da lief ihr Arbeitsvertrag aus, der sachgrundlos befristet war. Dabei hatte sie an dem Job eigentlich großen Spaß. Dass sie nicht mehr für Deliveroo fährt, hat sie sich nicht ausgesucht. „Ich habe das gerne gemacht“, sagt sie. Das hat vor allem mit dem Fahrrad fahren zu tun. Wie wichtig ihr der Sport ist, verdeutlicht das Tattoo, dass sie auf ihrem linken Handgelenk trägt: Es zeigt ihr Fahrrad. Bei aller Freude gab es jedoch auch viele Probleme.

Zu Schaffen machte ihr beispielsweise der große Zeitdruck. „Man hat nur 20 Minuten Zeit, eine Lieferung zu machen“, sagt Sarah. In den Restaurants wartete sie lange auf das Essen, bis sie anschließend zu den Kund*innen durch den dichten Kölner Stadtverkehr rasen konnte. Sie brauchte im Schnitt 23 Minuten für eine Lieferung. „Der Stress war so groß, dass ich gegen Verkehrsregeln verstoßen und mich damit in Gefahr gebracht habe“, erzählt sie.

Wenn sie an ihrem Rad mal einen Schlauch tauschen musste oder das Smartphone endgültig das zeitliche segnete, zahlte sie selbst dafür. Handyakkus, Datenvolumen, Fahrradteile und Kleidung, das meiste müssen Deliveroo-Kurier*innen aus eigener Tasche finanzieren. Pro Stunde verdienen die angestellten Fahrer*innen neun Euro bei Deliveroo. Bei ständig laufenden Kosten, bleibt davon am Ende kaum etwas übrig. „So heben die Unternehmen den Mindestlohn aus“, sagt Sarah. Sie begann sich mit anderen Kurier*innen auszutauschen, am Restaurant, dem Loginpoint, aber meistens über Whatsapp. Wo Sarah sich von Deliveroo allein gelassen fühlte, fand sie Rückhalt bei ihren Kolleg*innen.

Etwas besser geht es Moses, der bei Foodora arbeitet. Das ist nicht sein richtiger Name. Er steckt in der Probezeit. Weil Foodora ihn deshalb ohne einen Grund zu nennen kündigen kann, will er anonym bleiben. Dass diese Angst nicht von ungefähr kommt, zeigt eine Aussage von Foodora gegenüber ze.tt: „Generell steht es jedem Mitarbeiter frei, sich in der Presse oder Öffentlickeit zu äußern, sofern dies sachlich einwandfrei und korrekt erfolgt.“

Den Job findet er super. „Das ist mein Ding. Wären die Arbeitsbedingungen etwas besser, würde es anderen sicher auch so viel Spaß machen“, sagt er. Die Flexibilität hat es ihm angetan. Es fühlt sich frei an, dass die Chef*innen weit weg von ihm sind. Dennoch gefällt Moses nicht alles. Meistens fährt er neben den Autos auf der Straße, ist dabei mit 30 Sachen unterwegs. An ein paar Stellen kommt er öfter vorbei. Manchmal muss er dann mittig auf der Straße fahren, weil zwischen Straßenbahnschiene und parkenden Autos kaum Platz ist.

Die Reaktionen der Autofahrer*innen machen ihn fassungslos. „Da rasten viele aus, hier eine Lichthupe, da ein aufheulender Motto. Die bremsen mich aus oder schneiden mich sogar“, erzählt Moses. „Die Angst fährt die ganze Zeit mit“, sagt er. Er wünscht sich deshalb mehr Rücksicht im Verkehr, die Straße ist schließlich sein Arbeitsplatz.

Bei Foodora bekommt Moses, im Gegensatz zu den Fahrer*innen bei Deliveroo, beispielsweise die Oberkleidung für jede Jahreszeit gestellt, doch seine laufenden Kosten fängt das trotzdem nicht auf. In vier Monaten gingen ihm zwei Hosen kaputt. Als er dort anfing, kaufte er erst mal neue Teile für sein Fahrrad: Reifen für 60 Euro und Bremsbelege für 16 Euro. Mittlerweile zahlt Foodora 25 Cent Verschleißkosten pro gefahrener Stunde. Die sind allerdings auf 42 Euro pro Monat gedeckelt und können nur bei einem extra für Foodora eingerichteten Onlineshop des Unternehmens LifeCycle genutzt werden.

Foodora verspricht außerdem: „Schäden, die auf den Arbeitsablauf bei foodora zurückzuführen sind, werden nach Nachweis von uns erstattet oder die Reparatur bezahlt.“ Einen solchen Nachweis zu erbringen, ist jedoch mit erheblichem Aufwand verbunden, wenn es sich nicht gerade um einen von einer Behörde dokumentierten Unfall handelt.

Moses steht unter Zeitdruck. Ist die Auftragslage dicht, kommen schon mal mehr Lieferungen rein, als Essen in den Rucksack passen. Und eigentlich müssen kalte und warme Speisen voneinander getrennt werden. So braucht er manchmal 45 Minuten, bis er auch das letzte Essen ausgeliefert hat. Das muss er dann vor den Kund*innen rechtfertigen, für ihn kein schönes Gefühl.

Als Sarah bei Deliveroo anfing, war eine wichtige Entscheidung bei den angestellten Kurier*innen schon gefallen. Sie wollten einen Betriebsrat gründen. Ihre Kolleg*innen von Foodora hatten den bereits im Sommer 2017 eingesetzt. „Wir hatten wirklich große Hoffnungen, dass wir dadurch etwas verändern können“, sagt Sarah.

Im Februar wurde der Betriebsrat eingesetzt, doch da war schon klar: Deliveroo hat darauf anscheinend keine Lust, trotz gegenteiliger Aussagen: „Wir haben unsere Fahrer bei der Gründung eines Betriebsrats unterstützt und werden weiterhin eng mit den Vertretern dieses Gremiums zusammenarbeiten“, hieß es beim Portal Ngin-Food. Eine Anfrage von ze.tt bleibt von Deliveroo unbeantwortet. Davon haben weder Sarah noch der Betriebsrat etwas gespürt, sagt sie. Im Gegenteil. Wirklich unterstützt wurden die Kurier*innen von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Sarah und ihre ehemaligen Kolleg*innen sind dort engagierte Mitglieder.

NGG-Gewerkschaftssekretärin Laura Schimmel begleitet Sarah und den Arbeitskampf der Fahrer*innen seit dem vergangenen Jahr. Einen klassischen Betrieb, in dem sie sich sehen und zusammen arbeiten wie bei Köch*innen in einem Restaurant, gibt es nicht. „Der Betrieb ist im Prinzip ganz Köln“, sagt Laura. Das hat auch ihre Arbeit verändert. „Wir müssen Orte schaffen, wo wir Solidarität herstellen. Das haben wir durch Flashmobs, Kuriermeetings und Grillen gemacht, wo wir uns dann austauschen und treffen“, sagt sie. Bei Foodora gibt es Checkpoints, wo die Kurier*innen ihre Schicht beginnen.

Deliveroo allerdings veränderte nach der Initiative zur Betriebsratsgründung alles. Checkpoints gab es keine mehr. Von den im November 120 angestellten Fahrer*innen ist heute niemand mehr übrig. Das Unternehmen ließ alle Verträge auslaufen und stieg komplett auf selbstständige Kurier*innen um. Der Betriebsrat mit dem Deliveroo behauptete zusammen arbeiten zu wollen, existiert nicht mehr. Laura kritisiert das. „Der Betriebsrat als Möglichkeit die eigenen Arbeitsbedingungen zu regeln, ist komplett eliminiert worden.“

Weil sich das bereits zu Beginn der Betriebsratsinitiative abzeichnete, gründeten Sarah und zwei Mitglieder des Deliveroo-Betriebsrates eine Facebookseite: Liefern am Limit. Sie posten diverse Probleme aus dem Arbeitsalltag der Branche. Dutzende Fahrer*innen meldeten sich bei ihnen mit Beschwerden über Foodora und Deliveroo. Sarah und ihre Mitstreiter anonymisieren sie, verpacken die Informationen in Share-Pics, aber warnen ihre Kolleg*innen dort beispielsweise auch vor anstehenden Unwettern.

Zur Zielgruppe der Seite gehören die selbstständigen Fahrer*innen bei Deliveroo, sogenannte Freelancer*innen. Foodora sagt, dass sie noch mit vier Freelancer*innen deutschlandweit zusammen arbeiten und seit Anfang 2015 nur sozialversicherungspflichtig einstellen. Die Selbstständigen sind für Liefern am Limit besonders schwer zu erreichen. Viele Freelancer*innen kommen aus dem Ausland. Es können Geflüchtete aus Syrien, aber auch Studierende aus beispielsweise Südamerika sein.

„Die Einstiegsbarriere ist sehr klein“, sagt Sarah. Darüber freut sie sich, da die meisten Migrant*innen sonst kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Sprachliche Barrieren erschweren es ihnen jedoch an die Freelancer*innen heranzukommen, vor allem wenn ihre Kolleg*innen kein Englisch sprechen. Dabei ist ihre Situation umso prekärer. Laura sagt, die selbstständigen Kurier*innen haben viele versteckte Kosten. „Wer krank ist, verdient auch kein Geld“, erklärt sie. Gleiches gilt, wenn das Fahrrad einen Platten hat, der Handyakku leer ist oder die Fahrer*innen in einen Unfall verwickelt sind.

Freelancer*innen verdienen fünf Euro pro ausgeliefertem Auftrag. Sie könnten so bis zu 20 Euro pro Stunde verdienen, sagt Deliveroo. Theoretisch stimmt das. Dazu müssen sie im Durchschnitt alle 15 Minuten einmal ausliefern. Aber was ist, wenn es keinen Auftrag gibt, das Wetter schlecht ist, die Wege lang sind oder das Datenvolumen aufgebraucht ist? 20 Euro pro Stunde wirken so wie eine nicht zu erreichende Utopie.

Es sind solche Anreize, die Laura große Sorgen machen, denn die Gesundheit der Freelancer*innen ist gefährdet. „Wir wissen, dass es häufig Unfälle in dem Beruf gibt. Du bist sechs Stunden draußen unterwegs. Dass da was passiert, ist logisch“, sagt sie. Der Zeitdruck in Zusammenspiel mit dem niedrigen Lohn erhöhen die Unfallgefahr. Freelancer*innen müssen ihre Unfallversicherung selbst abschließen, wenn sie es denn überhaupt tun. Wer nicht versichert ist, muss den Schaden selbst bezahlen, was im schlimmsten Fall Menschenleben sein können.

Gerade bei den Selbstständigen aus dem Ausland, vermutet Laura dass sie ihre Rechte nicht unbedingt kennen. Sarah und Laura wollen die Freelancer*innen genau deshalb aufklären und zusammenbringen. „Sie sollen nicht in die Situation kommen, dass sie vor dem existenziellen Aus stehen“, sagt Sarah. Dabei sind die Existenzfragen längst auch ein politischer Konflikt.

Moses, Sarah und Laura fordern höhere Löhne, eine Kilometerpauschale ohne Deckelung und dass Foodora und Deliveroo die gesamte Kleidung stellen, die sie brauchen. Erhöhungen des Lohns knüpft Foodora derzeit noch an Bedingungen. Fahrer*innen, die ihre Kolleg*innen koordinieren, sogenannte Rider Captains, erhalten zehn Euro pro Stunde; Senior Rider Captains, die Bürotätigkeiten und Schulungen übernehmen, elf Euro.

Einige Erfolge haben sie bereits gefeiert. Der Verschleißbonus bei Foodora kam erst, als die Medien darüber berichteten, wie Deliveroo mit dem Betriebsrat und den Kurier*innen umgeht. Das langfristige Ziel von Liefern am Limit und der NGG ist ein Tarifvertrag für die Branche inklusive Abschaffung der sachgrundlosen Befristung. „Wir sind keine Eintagsfliege“, sagt Sarah. Laura sieht in der Gründung von Betriebsräten in Köln und Hamburg erste Achtungserfolge. Was sie besonders freut, ist, dass die gewerkschaftlich organisierten Fahrer*innen den Konflikt nicht scheuen und sich Gehör verschafft haben. Beim DGB Bundeskongress etwa kündigte der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) an, die Kurier*innen unterstützen zu wollen. „Es ist unglaublich beeindruckend, wo die Kolleg*innen vor einem halben Jahr waren und wo sie jetzt sind“, resümiert Laura die Entwicklung. Auch sie lernt von den neuen, selbstbewussten Mitgliedern, die eine mutige und kreative Gewerkschaftsarbeit machen, sagt sie.

Sarah kann da nur beipflichten. „Umso größer die Masse ist, umso besser funktioniert das. Wenn nur ein Einzelner da ist, der kämpft, dann kann auch der schnell die Kraft wieder verlieren.“ Dass es trotzdem noch ein langer Weg zu einem Tarifvertrag und der Abschaffung der sachgrundlosen Befristung ist, wissen sie. Moses ärgert sich darüber. „Der Prozess ist zäh wie ein Kaugummi“, sagt er, obwohl doch eigentlich nur eine Unterschrift von den Unternehmen nötig wäre. Aber: „Wenn wir nichts fordern, wird sich auch nichts ändern.“




Aus: "So wehren sich Fahrradkurier*innen gegen Ausbeutung" Dennis Pesch (02. Juli 2018)
Quelle: https://ze.tt/so-wehren-sich-fahrradkurierinnen-gegen-ausbeutung/

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #748 on: July 05, 2018, 10:25:32 AM »
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[...] Als der Kieler Schriftsteller Feridun Zaimoglu an diesem  Mittwochabend im ORF-Studio seine Klagenfurter Rede zur Literatur zu halten beginnt, gibt es hie und da im Publikum ein gewisses Erstaunen: Wie spricht der denn? Ist das jetzt eine Rede? ... Zaimoglu hält eine Rede, die mehr Literatur ist als Rede, Feridun-Zaimoglu-Literatur: die Erzählung von einem Mädchen, das um seinen Vater trauert, das selbst ein Klagelied anstimmt und konstatiert: „Wir sind geworden Gegangene, ein Gruß den Gebliebenen“. Und so wie dem Mädchen niemand zuhört, so verleiht ihm nun Zaimoglu eine Stimme, „es soll durch meinen Mund sprechen, was sich dem Lärm entzogen hat“. Und: „Ich trat die Heimkehr zu den Verlassenen an“.

... Zaimoglu hält [ ...] eine explizit politische Klagenfurter Rede, nur eben mit dem ihm eigenen literarischen Vermögen. Um genau mit diesem den Verlassenen, wie er sie nennt, zur Seite zu springen, den Armen, den Obdachlosen, den Geflüchteten und den Fremden, die sich in ein Land wie Deutschland vor den Bürgerkriegen in ihrer Heimat gerettet haben und nun „im Spuckeregen der Verachtung“ stehen. Und er stellt sich auch an die Seite der Frauen, „die in der größten Lüge des Mannes“ leben müssen, nämlich der, „dass es seine Beherrschung sei, zu führen, zu lenken und zu herrschen.“

Zaimoglu rechnet mit irregeleiteten Patrioten und den Rechten ab und bringt es auf den Punkt: „Wer die Eigenen gegen die Anderen ausspielt und hetzt, ist rechts“. Rechten gehe es um „Fremdenabwehr, die Vaterländerei ist ihre Phrase der Stunde.“ Und: „Der Moslem, der Morgenländer, der Einwanderer, der Flüchtling: Sie sind in ihren Augen Geschöpfe dritten Ranges.“ Das kann man so sagen, das muss man auch einmal genau so sagen.

Aber auch für die manchmal so arg gescholtenen Klagenfurter Bachmann-Preis-Seelen hält Zaimoglu tröstende wie kämpferische Worte bereit, als er damit beendet, dass Klagenfurt nicht nur ein „Ort der vielen Geschichten“ sei, sondern einer der „Beseelung“. Denn: „Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen. Wir stehen bei den Verlassenen.“ Schöner kann man es nicht sagen, ...


Aus: "Feridun Zaimoglu hält kämpferische Eröffnungsrede in Klagenfurt" Gerrit Bartels (05.07.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/ingeborg-bachmann-wettbewerb-feridun-zaimoglu-haelt-kaempferische-eroeffnungsrede-in-klagenfurt/22769676.html

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[...]  Das Mädchen, das um den Vater trauerte, sang mit einem Faden Stimme, es sang leise ein islamisches Klagelied: Wir sind geworden Gegangene, ein Gruß den Gebliebenen. Ich lernte von dem Kind, das sich nicht allein zum Mund eines toten Mannes machte. Dies war der Gesang der Seelen, die mit der Zunge der Halbwaisen sprachen. Wer aus dem Leben der anderen scheidet, ungewollt und unfertig, muss nicht fürchten, dass er verstummt. Der Kummer des Mädchens war so groß wie seine Welt, es wollte aber mit der Stimme der gebannten Geister sprechen. Es würde später im Stillen den Vater beweinen, es würde heimlich riechen am Ärmel der Strickjacke des Vaters. Ich lernte: Es gibt kein Alleinsein, und nicht das Schweigen noch die Stille übertreffen die Worte. Die Anderen, die Abgekehrten, die Verschwundenen, die Gebannten, sie sollen klingen. Ich lernte: Es soll durch meinen Mund sprechen, was sich dem Lärm entzogen hat, und ich will auch den Mangel, den Makel, den Schwund und die schlechte Absonderlichkeit bezeichnen. Ich trat die Heimkehr zu den Verlassenen an.

Verlassen sind die Armen, verlassen sind die Frauen, verlassen sind die Fremden. Das böse Gerücht hat sie getötet. Sie, die wie die reife Gerste wuchsen, wurden mit der Sense gemäht.

Wer sagt denn, dass das Gerücht immer größer sei als die Wahrheit? Wer verkehrt die Verhältnisse, und wer beschimpft die Verkehrtheit? Wer glaubt, er wurzele in der Heimatscholle, und er sei für immer und ewig unentwurzelbar? Wer schwätzt von der Gegenwart als von einer Leere, und wer faucht und wispert böse Flüche in die Leere? Das ist der Armenhasser, das ist der Frauenhasser, das ist der Fremdenhasser. Sie fluchen, als ginge es darum, eine Sittenlockerung zu beschelten. Sie sagen: Wir geben acht auf unsere Hinterlassenschaft, auf unser großes Erbe! Sind ihre Ahnen Götzen? Und bringen sie den Götzen stumpfe Scherben als Opfer dar? Sie sagen: Im Namen der Ahnen und der Bräuche, die uns überliefert sind, wehren wir ab den Feind, der sich verhüllt. Uns ist jede fremde Art und jede neue Sitte Bedrohung! Sind die Alten, die sie preisen, kein wallender Nebel? Haben die Alten nicht Geschichte gemacht durch Mord und Gemetzel? Es sind doch fast nur steingewordene Männer, die sich auf Denkmalsockeln recken. Es ist nicht die Stunde, zu Füßen der toten Riesen Kranzgebinde abzulegen. Wer ist bestürzt, dass der Arme sich erfrecht, mit der Bettlerschale herumzugehen? Es sind die Gerüchtemacher, die die üble Botschaft bringen, dass alles verkauft und vermacht sei. Es sind die Herrenmänner, die uns einflüstern: Bald streunen wilde Hunde und wilde Hirten durch die Straßen unserer besetzten Städte. Wehrt euch gegen die invasiven Kräfte! Jeder Einflüsterer presst sich die Totenmaske seines Helden aufs Gesicht, er ist kein Zungenredner, er ist ein maskierter sprechender Schädel, und er spricht: Schluss mit den Artigkeiten, wir rüsten nun zum Rachekampf. Dem asiatischen Menschen, aber auch dem Slawen und dem Kaukasier, ihnen allen ist der Zugang zu unserem Kulturgut verwehrt. Wir bleiben auf ewig unverstanden, wir dulden es nicht länger. Wie oft habe ich das Gerücht vom Ende der Duldsamkeit gehört? Wie oft riefen die Tribunen nach einer strengen Ständeordnung, in der die Unteren als unterlegene Klasse gehalten werden sollen? Die Alten haben sich aber selber gerichtet, das Alte ist aber an Fäulnis eingegangen. Es träumt manch ein Schreiber, er möge erwachen in einer unverkeimten Gnadenwelt; er entwertet die Gegenwart als Ausdruck eines Lumpenregiments. Ich frage: Wer ist der Lump – der Schreiber oder sein Zeitgenosse? Ich frage: Soll ich mich von ihm anstiften lassen zum Gebrauch schadhafter Werkzeuge? Der Schreiber beseufzt das alte Blut, das die Neuen verdünnten. Der Dünkel macht ihn zum Reaktionär. Er wäre gerne groß, er würde gerne alle Zonen sprengen. Wer hindert ihn daran? Wer die Finger zwischen Tür und Angel steckt, der klemmt sich gern. Der schmerzgeplagte Reaktionär schreit Tür und Wände nieder, dann schreit er nach dem mächtigen Zimmermann, der grobe Klötze klieben soll. Er zieht, da ihm die Entrüstung wenig bringt, in die Einsiedelei: Dort steht sein Haus auf festem Grund; dort kann er die Fabel seiner Unbestechlichkeit fortschreiben. Der eingebildete Schreiber ist ein gebildeter Esel, denn er bläht sein Wissen auf zur Wissenschaft. Aus der Ferne besehen erscheinen ihm die Städter klein. Der moderne Zivilist gilt ihm geringer als eine huschende Fledermaus. Angespornt von den Knacklauten des Gebälks verfasst er Tränenheftchen. Er schreibt: Selig ist der treue Knecht, der die Mütze lüpft, wenn er des hohen Herrn ansichtig wird. Selig ist die Frau, die sich als Weib versteht und die niemals die Trennung vom Mann erwägt. Selig ist der ergebene Fremde, der uns sein Fleisch und seine Seele verkauft.

Es durchfährt den Schreiber eine Kraft, wenn er im Geiste die Schwächlinge niederknüppelt. Ich erkenne in seiner Klage keinen Schmerzensschrei, ich erkenne darin das Geschrei eines trotzigen Knaben. Der Schreiber geht in die Abgeschiedenheit, er nennt es Entrückung. Selten geschieht es, dass man ihn zu einem Auftritt bewegen kann. Denn nichts erzürnt ihn mehr als Widerspruch, als ein Gespräch unter Gleichen. Sitzt er denn vor Anverwandten, und erhofft er sich Beistand, ist der Reaktionär entflammt. Er spricht von dem Anfang der Wehen, als stünde eine Endzeitschlacht bevor. Er benennt die Missstände in seltsam verbrauchten Worten: Der Muttersprachler stammelt, er sprotzt ein unmögliches Deutsch, er stößt die falschen Laute der Missbilligung aus. Es muss alles nach seinem Willen gehen. Er bellt die Mängelrügen, er verbellt die Verräter, die er allüberall wirken sieht. Das Volk, ruft er, muss in einer schleunigen Erhebung alle Bande reißen. Das Volk, ruft er, soll die große Wende möglich machen. Der erboste Reaktionär begreift das Volk als meuternde Rotte. In der alten Welt, die er herbeisehnt, war er aber selten mehr als das Vieh, das man gefügig schlug. Was ist jedem rückschrittlichen Mann ein Gräuel? Die höfliche Anrede. Das Mitgefühl. Die gedankenvolle Ansprache. Ich will keinen Menschen eine Schwarzhaut nennen, weil er schwarzhäutig ist. Was ist damit gewonnen, dass ich mich als bleichen Weißen ausweise? Man kann seinem Wunsch, Mauldreck von sich zu geben, in einer Bierschänke entsprechen. Dann freuen sich die Gleichgesinnten wie die Affen im weißen Menschenkostüm. Der Prolet ist in allen Gesellschaftsschichten zu Hause. Er wallt auf in der vulgären Ausschreitung, er nennt sich mutig. Ich nenne ihn lumpig. Zeugt es von Mut, wenn ein Kerl auf zwei Beinen einen versehrten Mann als Krüppel beschimpft? Ein Lump, der wider die Weiberwirtschaft hetzt, wird nichts als nur seine eigene Gewöhnlichkeit belegen. Das Schandmaul triumphiert, wann immer es sich mit dem Mund verschnappt. Verlassen sind die Armen. Sie müssen nach vorne drängen, sie müssen allen Stolz vergessen, sie müssen sich ausweisen als Hungerleider, dass man ihnen den Kanten Brot und die Schüssel Erbsensuppe aufs Tablett stelle. Es leben viele Arme in meiner Straße und in den Nachbarstraßen. Die Witwe im letzten Haus am Rondell, noch vor den verbeulten Metallpollern, spricht vom Verlust ihrer Anstelligkeit: Dies ist ein Wort aus ihrer Zeit als junge Frau. Sie meint, dass sie nicht mehr geschickt darin sei, das Nötigste zu erschnappen. Sie geht hungrig zu Bett. Wäre es nicht gut und gerecht, der Dame ihr Los zu erleichtern? Vor dem Discounter, in einigem Abstand zum Eingang, kauern die Obdachlosen. Sie schwitzen im Sommer und sie frieren im Winter, sie haben das Wort Sozialromantik noch nie gehört, ihr Leid ist echt. Keiner von ihnen käme auf den Einfall, ihre Gleichheit im Elend zu rühmen. Würde man nicht das Böse von sich tun, hielte man sie nicht länger für Parasiten? Die sonderbare Russlanddeutsche, die im Kellerloch neben dem Altersheim haust, wird oft von Schülern mit Erdbrocken beworfen. Die bunt bedruckte Haarhülle knotet sie im Gehen am Nacken, den jungen Flegeln ist sie unheimlich. Sie putzt bei den Reichen: Sie hat noch kein Stuhlbein zerschrammt und keine einzige Vase zerschlagen. Wäre es von den Herren Spaziergängern zu viel verlangt, wenn sie sie freundlich grüßten?

Der alte Mann mit dem halben Gebiss geht die Bahnsteige nach Pfandflaschen ab, das bisschen Rente ist zur Monatsmitte aufgebraucht. Er nennt sich Überlebsel, ein lebendes Überbleibsel. In den Raucherzonen stehen die Kerle, die Bierbüchsen in vier Zügen leeren und sie in der Mitte mannhaft zerdrücken. Beim Anblick des alten Mannes erwacht in ihnen ein kranker Eifer, sie schlagen ihn mit ihrem Lärm in die Flucht. Ich lobe die Bürger, die zur Börse greifen und den Alten beschenken. Ist mein Hass auf die johlende Rotte eine ungesunde Regung? Die Armen erben den Besitz. Die Rechten verstehen sich als unbewaffnete Bürgerwehr. Sie möchten die Plätze säubern von unverträglichen Elementen in ihrer Idylle. Sie schützen ihren Besitz. Sie ertragen es nicht, dass die Niederen durch ihr Viertel streifen. Die Zähne werden ihnen vom Fluchen stumpf – sie fluchen: Man muss sie herausschaffen, man muss sie aus unserer Welt schaffen, die Herumtreiber, das arbeitsscheue Pack, das Gesindel. Jeder ist vom Glück begünstigt, jeder verdient den Wohlstand, den er hat. Wer nichts leistet, gehört ausgejätet, er gehört ausgemerzt! Wie oft hat man einen Obdachlosen zu Tode getreten und verbrannt? Wie lange sollen die Armen, die noch leben dürfen, die Demütigung erdulden und Demut zeigen? Wer den Armen sein Ohr verstopft, wer von lohnender Leistung schwätzt, hat kein Herz. Die Armen erben das Land. Der Reiche, der die Bettlerschale übersieht, der Lästerworte redet wider die Armen, ist verroht und verstockt. Auch wenn die Reichen viel auf Manieren und Etikette geben, eine feine Seele haben sie nicht. Verlassen sind die Frauen. Sie leben in der größten Lüge des Mannes, dass es seine Bestimmung sei, zu führen, zu lenken und zu herrschen. Im Krieg hat sie nicht von der Tugend zu weichen. In friedlichen Zeiten hat sie Zuversicht auszustrahlen. Ich kenne Frauen, die, geschürzt und geknebelt, dem dummen Orientalen hinterherlaufen. Ich kenne Mädchen, die sich den dummen Brüdern unterordnen. Ich kenne Frauen, die, gestöckelt und frisiert, für den dummen Europäer die Empfangsdame spielen. Ich kenne begabte Töchter, die sich dem Mittelmaß ergeben. Sie tun es, weil man sie dazu drängt. Sie werden belogen und gebrochen, sie werden belästigt und geschändet. Die Welt ist schlecht, weil die Männer nicht ohne Gewalt glauben leben zu können. Sie sind niederträchtig, weil sie die Schlechtigkeit im Fleisch der Frau vermuten. Ehre, Anstand, Vaterland, Moral: schmutzige Worte, des Mannes Machtbekundung, der wahre Dreck der Welt. Jede Tradition, die auf dem Vorrang des Mannes beharrt, ist verachtenswert. Die neuen alten Patrioten erzählen die neuen alten Märchen. Sie sprechen: Die Frau ist eine Meisterin der Betörung. Deshalb schützen wir sie vor Übergriffen! Sie sprechen: Unsere Frauen haben sich befreit. Sie machen sich nackt vor uns, das ist der schönste Aspekt der Befreiung. Es geht dann doch zu weit, wenn sie uns mit den Waffen ihrer Geschlechtlichkeit bekämpfen. Eine Frau als Kameradin schreckt uns nicht. Eine Frau als Furie hat die Natur nicht vorgesehen!

Der Jammer des Reaktionärs über die dreiste Frau findet seinen Niederschlag in tausenden Seiten Literatur. Es jammern die Potentaten und die Generäle, es jammern die alten Säcke in den Schreibstuben und die Peniskrieger in den Ghettos. Es jammert der Jüngling über das andere Geschlecht, es jammert der ganze Kerl auf der Baustelle. Sollte man ihnen allen Tränentüchlein reichen? Sollte man sich abwenden ob der elenden Heuchelei? Der romantische Mann, der gelobt werden will, weil er der Frau in den Mantel hilft; der aufgepumpte Rüpel, der den Benimm verrülpst; der wilde Mann, der in seinen Waldschratbart Locken dreht; der Bauer, dem in der Stadt die Verstädterung misslingt; der Städter, der nicht begreifen mag, dass seine Griffe und Kniffe untauglich geworden sind: Sie sind Barden einer falschen Bekümmerung. Insgeheim wünschen sie die Frau als folgsame Magd, als dienstbaren Geist. An der Seite der Patrioten kämpfen auch Frauen. Wollen sie beweisen, dass ihnen die Männlichkeit doppelt so gut gelingt wie einem Mann? Glaubte man daran, würde man sie der Puppenhaftigkeit beschuldigen. Sie wissen, was sie tun. Verlassen sind die Fremden. Sie müssen ertragen, dass man sie als Keimträger, als Wühler und Agenten, als unbrauchbaren Menschenmüll beschimpft. Die Rechten kennen keine Gnade, wenn es gilt, die Neuankömmlinge zu verfratzen. Sie rufen: Ihr gehört nicht zu uns, wir sind uns selbst genug, wir brauchen keine weitere Gesellschaft. Ihr seid hergeholt worden, um uns zu unterwandern. Fühlt euch hier bei uns nicht zu Hause, wir lassen euch niemals in Frieden!

In was für eine Welt sind die Fremden hineingeraten? In eine Welt ohne Tyrannen und Despoten, in den Frieden haben sie sich gerettet. Sie stehen aber plötzlich im Spuckeregen der Verachtung. Es hilft nichts, den Rechten edle Motive zu unterstellen, wie es mancher Feuilletonist tut. Es geht ihnen einzig und allein um die Fremdenabwehr, die Vaterländerei ist ihre Phrase der Stunde. Der Moslem, der Morgenländer, der Einwanderer, der Flüchtling: Sie sind in ihren Augen Geschöpfe dritten Ranges. Der Rechte ist kein Systemkritiker, kein Abweichler und kein Dissident, er ist vor allem kein besorgter Bürger. Wer die Eigenen gegen die Anderen ausspielt und hetzt, ist rechts. Punkt. Wer für das Recht der Armen streitet, ist ein Menschenfreund. Punkt. Es gibt keinen redlichen rechten Intellektuellen. Es gibt keinen redlichen rechten Schriftsteller. Mit wem reden? Die Patrioten können nur skandieren, als wären sie auf einer Kundgebung. In Deutschland, in Österreich, in der Schweiz haben sie sich in die Parlamente geblökt. Manch ein Schreiber oder Kulturredakteur, manch ein Bürgersohn mit einem reichen oder prominenten Vater, manch ein Philosoph und Jubeljahrbiograf sieht sich schon im Krieg als Frontberichterstatter. Sind sie erregt, weil sie über das Tamtam der unredlichen Empörer endlich von ihrer Langeweile wegkommen? Ich sage: Sie sollten die Spielchen lassen, sie sollten auf solche Sensationen wenig geben. Der wahre Skandal ist das Geschwätz vom großen Erwachen. Dies Wort hat keinen Wert. In diesem Wort verbirgt sich die böse Lust, Menschen Entartung anzudichten. Der Patriot ist ein wahnverstrickter Kleingeist mit einem auf- und niederwellenden Gemüt. Er ist ein Kraftprotz, der von einem Reich der Untertanen träumt. In diesem Traum herrschen Männer mit säuischer Natur. Aufgehoben wird dann sein das Erbarmen, aufgehoben der gute Friede, aufgehoben das Recht des Armen auf Salz und Brot. Die Ruhmesschlacht, von der die neuen alten Rechten träumen, bekommen sie nicht. Wir sind aus der Schrift geboren. Wir schreiben unsere kühnen, kühlen und wilden Geschichten. Wir lieben die leise Art und den lauten Hall. Niemals aber schreiben wir den Verzweifelten eine Abart zu. Diese Unterscheidung lässt sich nicht verwischen. Der feste Halt ist nicht das Volk, nicht die Sippschaft, nicht eine heilige Erde und nicht eine versunkene Welt. Ich finde festen Halt im Recht, dem Ausdruck des Gewissens. Daran glaube ich, davon rücke ich nicht ab. Auf den Glanz der Geschichte einer Nation gebe ich nichts. Es soll ein Menschengesicht glänzen. Klagenfurt ist ein Ort der vielen Geschichten. Es ist ein Ort der Beseelung. Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen. Wir stehen bei den Verlassenen. (Feridun Zaimoglu, 4.7.2018)


Aus: "Feridun Zaimoglu: Es gibt keinen redlichen rechten Intellektuellen" Feridun Zaimoglu (4. Juli 2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000082801180/Feridun-ZaimogluEs-gibt-keinen-redlichen-rechten-Intellektuellen

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[...] NZZ-Chefredaktor Eric Gujer hielt den folgenden Text als Rede an der Generalversammlung der AG für die Neue Zürcher Zeitung am 14. April 2018. Zur 150-jährigen Geschichte

Wir erleben eine extreme Polarisierung der Meinungen. Die Linke wittert überall Fremdenfeindlichkeit, die Rechte fühlt sich von Denkverboten umstellt. Wer das Falsche sagt, wird exkommuniziert. ...

Johannes R. Becher war ein Mann, der sich nicht beirren liess. Er war Kommunist, er lobhudelte Gedichte auf Stalin, verfasste den Text der DDR-Nationalhymne und wurde der erste Kulturminister des Arbeiter- und Bauernstaates. Ein dichtender Dogmatiker, selbstgewiss und unerschütterlich, wie gemacht für das 20. Jahrhundert mit seinen blutigen Ideologien, die umso «wahrer» wurden, je mehr Menschenleben sie forderten. Doch dann liess sich Becher beirren, wenigstens ein einziges Mal. Er schrieb das Gedicht «Der Turm von Babel», dessen letzte Strophe lautet:

«Das Wort wird zur Vokabel / Um sinnlos zu verhallen / Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen».

Der biblische Turm stürzte bekanntlich nicht ein, er blieb nach der Sprachverwirrung einfach unvollendet. Bei Becher wurde der Turm jedoch zur Metapher des Zweifels an jeder Ideologie, die einen Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit erhebt.

Mir scheint, als lebten auch wir wieder in Zeiten einer Sprachverwirrung babylonischen Ausmasses. Die grossen Ideologien sind verhallt. Bechers Kommunismus ist untergegangen, der Kapitalismus wurde gezähmt durch den Wohlfahrtsstaat. Und doch herrscht eine Sprachverwirrung oder, um es präziser auszudrücken: eine extreme Polarisierung der Meinungen.

Die Linke wittert überall «rechtes» Gedankengut: Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, völkische Gesinnung. Die Rechte sieht Political Correctness mit Denk- und Sprechtabus am Werk; ferner «Gutmenschentum», das bedenkenlos die Grenzen öffnet und so eine Verdrängung oder mindestens Bedrängung der Einheimischen provoziert.

Schienen nach dem Fall der Berliner Mauer die Begriffe «rechts» und «links» an Bedeutung zu verlieren, bilden sich nun an den Rändern neue Lager. Sie haben mit dem traditionellen Rechts-links-Schema wenig zu tun, auch wenn wir sie der Einfachheit halber so nennen.

Wie alle Kulturkämpfe wird auch dieser besonders erbittert geführt. Beide Lager operieren mit autoritären Sprach-Codes und verlieren die Fähigkeit zur Differenzierung. Kritik ist nicht mehr Kritik, sondern «Bashing». Schreit die eine Seite «Lügenpresse», schallt es zurück: «Nazi». Wer das Falsche sagt, wird aus der Gemeinschaft der Demokraten exkommuniziert, und man verweigert jede Diskussion. So wird die pluralistische Gesellschaft nicht nur ein Stück weniger pluralistisch. In diesem Überbietungswettbewerb verkommt jedes Argument zur Beleidigung, Denunziation oder Stigmatisierung.

Man muss nicht den Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp zum Antidemokraten erklären, nur weil er über die Grenzen der Willkommenskultur nachdenkt. Aber man sollte auch nicht den Untergang des Abendlandes heraufziehen sehen, nur weil eine Doktorandin der Universität Basel fordert, sogenannten «Rechten» den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln zu verwehren.

Exkommunikation und Exorzismus überlassen wir besser der Kirche, beides hat im republikanischen Diskurs nichts verloren. Auf diese Weise degeneriert die demokratische Debatte nämlich zum Glaubenskrieg, in dem jeder den anderen durch Lautstärke zu übertrumpfen versucht. Das Wort wird zur Vokabel, um sinnlos zu verhallen.

Warum es so weit gekommen ist, möchte ich mit drei Stichworten beleuchten. Sie lauten Globalisierung, Identität und Individualismus. Die üblichen Hauptverdächtigen – die digitale Filterblase und den neuen Beelzebub Mark Zuckerberg – klammere ich aus, weil das Internet den Effekt zwar verstärkt, hierfür aber nicht ursächlich ist.

Zur Globalisierung: Von 1988 bis 2008 hat die Mittelklasse in den asiatischen Schwellenländern, besonders in China, am meisten Wohlstand hinzugewonnen. Gut ging es auch den Wohlhabenden in der westlichen Welt. Die Einkommen der unteren Mittelklasse im Westen stagnierten hingegen. Die Mittelklasse ist die Verliererin der Globalisierung, auch wenn sich dieser Trend in einigen Ländern wie der Schweiz nicht beobachten lässt. Trumps Wähler aus der Arbeiterschaft fühlen sich zu Recht als Endmoräne der Industrialisierung.

Die globalisierte Welt stellt zugleich den Nationalstaat infrage, weil Kompetenzen an supranationale Körperschaften delegiert werden. Diese Zusammenschlüsse können vieles besser steuern als nationale Behörden, weil es zu spät ist für eine vorausschauende Politik, wenn afrikanische Migranten bei Chiasso gestrandet sind. Die Regulierung der Zuwanderung findet besser an der Aussengrenze Europas statt. So weit die Theorie, doch in der Praxis erleben die Bürger auch, wie sich das System durch mangelnden Informationsaustausch und nationale Egoismen schachmatt setzt.

Kein Wunder also, dass nicht nur die untere Mittelklasse die Globalisierung als Bedrohung ansieht. Mit ihr werden die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland, Billigkonkurrenz und eine Zunahme der Einwanderung in Verbindung gebracht – kurzum das Verschwinden des Schutzraums, wie ihn der souveräne Nationalstaat einstmals markiert hat.

Damit einher geht das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Land zu verlieren. Nicht umsonst lautete das Motto der Brexit-Kampagne: «Take back control.» Rechtspopulisten haben das einst linke Thema Globalisierungskritik gekapert und gewinnen damit Wahlen. Die Gegenseite fühlt sich vom konservativen Zeitgeist provoziert und reagiert darauf mit Abwehrreflexen. So schaukelt man sich gegenseitig hoch.

Die Globalisierungsgegner befürchten nicht nur ein Fremdwerden im eigenen Land, sondern ebenso materielle Konkurrenz. In Wohlfahrtsstaaten bedeutet die Zuwanderung von niedrigqualifizierten Personen ohne Sprachkenntnisse eine längere Unterstützung durch die öffentliche Hand.

Die Wohlhabenderen mögen davon nicht viel verspüren. Alle anderen, für die staatliche Transferleistungen einen Teil des Lebensunterhalts bilden, sind sich des Wettbewerbs sehr wohl bewusst. Kommen dann noch Identität und Religion hinzu, ergibt dies einen explosiven Cocktail.

Der Soziologe Didier Eribon hat das am Beispiel seines eigenen Elternhauses, einer Arbeiterfamilie, beschrieben. Erst beklagten die französischen Arbeiter die Konkurrenz durch nordafrikanische Einwanderer am Arbeitsplatz, danach verdrängten die muslimischen Migranten die Einheimischen aus ihren angestammten Wohnquartieren. Spätestens dann schimpften die Arbeiter über die Islamisierung Frankreichs und wählten den Front national.

Dass die Eliten in Politik und Medien solche Zusammenhänge zunächst zu leugnen pflegen, verursacht zusätzliche Erbitterung. Diese löst sich irgendwann von der Migrationsfrage und mündet in eine allgemeine Elitenkritik – und zwar nicht wie 1968 von links, sondern von rechts. Die Meinungseliten, und das ist die Ironie dabei, die früher selbst die Systemfrage stellten und mit Jürgen Habermas die «Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus» beschworen, sehen sich nun ihrerseits durch Systemkritik herausgefordert.

Die Zurückweisung des Fremden, die Ablehnung der Institutionen und die Rückbesinnung auf eine verklärte Vergangenheit formieren sich zu einem veritablen Gegenmodell zu «1968».

Diese Bewegung ist weniger sprachgewaltig, ihre Protagonisten sind eher angegraute Wutbürger als aufrührerische Studenten. Aber sie formuliert genauso eine Unzufriedenheit wie jene vor fünfzig Jahren. Die Achtundsechziger verstanden sich als Revolutionäre, und jede Revolution gebiert nun einmal ihre Gegenrevolution.

Daher die wütende Kritik an Political Correctness und Denkverboten: In der Gegenrevolution geht es stets darum, die kulturelle Hegemonie der Eliten mit ihren Sprechweisen und Gesten der Überlegenheit zu erschüttern. Jede Gegenkultur versteht sich als Guerilla der Worte und Begriffe: Was früher das «Establishment» war, ist heute die «Lügenpresse».

Viele Journalisten reagieren darauf in einer Weise, die ihre Glaubwürdigkeit unterminiert. Sie machen sich mit ihren Gegnern gemein, indem sie ebenfalls mit Wortkeulen zuschlagen. Wenn sie nur lang genug eine hysterische Stimmung anheizen, sind die Medien irgendwann tatsächlich keine Organe der Aufklärung mehr, sondern Vehikel der Verdummung und Vernebelung.

Kulturkampf kann nicht Sache einer liberalen Zeitung sein. Dem Mummenschanz der selbsternannten Revolutionäre und Gegenrevolutionäre begegnet man am besten mit einer gehörigen Portion Gelassenheit.  ...

Wie halten wir es mit der Identität? Das rechte Milieu hat Angst, seine Identität und den vertrauten gesellschaftlichen Zusammenhang, kurz: die Heimat, zu verlieren. Das linke Milieu erhebt den Anspruch auf eine Identität, mit der es sich selbst vom Rest der Gesellschaft abgrenzt. So wurde in den USA aus dem eingängigen Kürzel LGB für Lesben, Schwule und Bisexuelle der Zungenbrecher LGBTQQIAAP, um jeder geschlechtlichen Identität gerecht zu werden. Das Akronym bedeutet Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender, Queer, Questioning, Intersex, Asexual, Allies und Pansexual.

Lautete die Lieblingsvokabel der Linken früher Inklusion, also die Einbeziehung aller Benachteiligten in die Gesellschaft, so geht es heute um selbstbestimmte Exklusion: Man will in seiner Differenz anerkannt werden. Jeder will anders sein, und das ist das Gegenteil von Gesellschaft, denn diese lebt vom Gemeinsinn.

Die neue Lifestyle-Linke versteht sich nicht mehr als Anwalt der Unterprivilegierten, denn diese haben für die luxurierende Identitätspolitik des akademischen Überbaus wenig übrig. Lieber mokiert sich die Linke über die Rückständigkeit dieser Bevölkerungsschicht. Hillary Clinton nannte sie «deplorables», also Bemitleidenswerte.

Kein Wunder, dass in den USA, Italien, Deutschland oder Frankreich Mitte-links-Parteien Niederlagen kassierten. Sie haben keinen Bezug mehr zur Lebenswirklichkeit ihrer früheren Stammwähler, die in der Fabrik arbeiten und ihre Männlichkeitsrituale pflegen. Sie richten sich lieber an den Hipster, der für eine NGO arbeitet und zur knöchellangen Hose farbige Socken trägt. Der Niedergang der traditionellen staatstragenden Linken hat den Aufstieg der Populisten aller Couleur wesentlich erleichtert.

Die Identitätspolitik von rechts arbeitet ebenfalls mit Exklusion, schliesst aber nicht sich selbst aus, sondern andere: Migranten, Muslime, Mexikaner – und alle anderen von Donald Trump benutzten Stereotype. Betonten die Präsidenten vor ihm das Gemeinsame des Schmelztiegels USA, unterstreicht Trump das Trennende.

Die in Yale lehrende Professorin Amy Chua spricht von «tribalism»: Linke und Rechte bilden Stämme, die den anderen und seine Argumente nur deshalb ablehnen, weil er zu einem anderen Stamm gehört. Verständigung ist so nicht mehr möglich. Das Wort wird zur Vokabel, um sinnlos zu verhallen.

Ging es früher um Gleichheit, geht es heute um Ungleichheit. Das Trendwort in Unternehmen und an Universitäten lautet Diversität. Je mehr Vertreter unterschiedlicher Gruppen eine Institution umfasst, umso besser. Das klingt positiv, nach Toleranz und Vielfalt, hat aber einen Haken. Es kommt weniger darauf an, was wir können, als darauf, wer wir sind. Schwierig wird es dann, wenn man sich in der Mitte der Normalverteilungskurve befindet, also nichts Besonderes ist: etwa der sprichwörtliche weisse Mann aus der Babyboomer-Generation. Gehört er der Unterschicht in den USA an, muss er erleben, dass Förderprogramme die Position anderer Gruppen am Arbeitsmarkt verbesserten, sich an seiner Lage jedoch nichts ändert.

Auch die Ostdeutschen machten die Erfahrung, dass ihr DDR-Leben in den Augen vieler Westdeutscher überflüssig war, während der Westen definiert, was «richtiges» Leben ist. Wer keine ausgeprägte Identität besitzt, fürchtet umso stärker deren Verlust. Viele Ostdeutsche und weisse Amerikaner wählen deshalb die AfD und Trump.

Das Ideal der Aufklärung lautet, dass wir alle gleich sind und unsere Besonderheiten gerade nicht unseren Wert als Bürger bestimmen. Je weiter wir uns von diesem Ideal entfernen, umso tiefer werden die Gräben, umso mehr sitzt jeder in seiner Stammes-Ecke. Menschen sind immer versucht, andere Menschen einzuteilen in wir und sie, Freund und Feind. Das entspricht unserer Natur als Hordenwesen. Doch wir sollten der Natur nicht zu fest nachgeben. Eine pluralistische Gesellschaft ist keine steinzeitliche Horde.

Damit wären wir beim Individualismus. Er hat im 20. Jahrhundert einen Siegeszug erlebt, im Westen herrscht geradezu ein Kult der Selbstverwirklichung. Der Einzelne hat sich aus den Zwängen der Grossgruppen befreit. Weder Sippe und Grossfamilie noch deren moderne Surrogate hemmen die Entfaltung der Individuen, und diese machen von ihrer Freiheit weidlich Gebrauch: Gewerkschaften und Kirchen kämpfen mit Mitgliederschwund, während Fitness-Studios florieren.

Seine Selbstermächtigung bezahlt der Einzelne allerdings teuer. Im Reich der grenzenlosen Freiheit findet er keinen Halt und keine Stütze mehr. Die fraglose Zugehörigkeit zu einer Institution bot Entlastung. Jetzt sind wir für alles selbst verantwortlich.

Nicht einmal mehr die Makroideologien, denen sich Johannes Becher verschrieb, stiften noch Sinn. Rechtspopulisten polemisieren gegen die Marktwirtschaft, Linkspopulisten plädieren für eine restriktive Einwanderungspolitik. Alles verschwimmt, und es entsteht das Gefühl, dass alles immer schlimmer wird: Kriege und Handelskriege, Populismus und Polarisierung – nichts davon ist wirklich neu, dennoch glauben wir, wir befänden uns auf einer schiefen Ebene.

Stattdessen boomen die Mikroideologien rund um Gesundheit und Ernährung. Jeder wird zur Ich-AG der Selbstertüchtigung. ... Konnte man früher Karl Marx einen guten Mann sein lassen, Marxismus oder Kapitalismus über einem Feierabendbier vergessen, ist das mit den Mikroideologien schon schwerer. Zeigt das Armband eine zu geringe Schrittzahl an, meldet sich das schlechte Gewissen. Bei jeder Scheibe Brot droht die «Weizen-Wampe», wie der Titel eines Ernährungsratgebers lautet, der den Lesern erklärt, «warum Weizen krank und dick macht».

Mit den Ich-zentrierten Mikroideologien kreisen wir um uns selbst. Orientierung finden wir so nicht, es entsteht eher ein Klima der Gereiztheit. Nebenbei löst sich der Kitt der Gesellschaft auf. Sie atomisiert sich in Kleinstgruppen, weil «jetzt auch die bekennenden katholischen Nichtschwimmer mit einem Interesse an Hirschgeweihen ihre geschlossene Facebook-Gruppe gründen», wie der Medienforscher Bernhard Pörksen in einem Interview mit der NZZ spöttelte. Jedem sein Hirschgeweih, jedem seine weizenarme Diät.

Für Liberale ist Kritik am Individualismus ein heikles Geschäft, weil sich der Liberalismus die freie Entfaltung des Individuums zum Ziel gesetzt hat. Dennoch müssen wir uns fragen, ob wir mit der Selbstverwirklichung nicht übers Ziel hinausgeschossen sind und uns zu wenig dafür interessieren, was Gesellschaften zusammenhält.

Liberale als die vernünftige Mitte tun gut daran, die Gräben nicht noch zu vertiefen: etwa den zwischen Stadt und Land. Während in den Zentren die fortschrittliche Avantgarde regiert (oder das, was sich dafür hält), haben in der Peripherie die Volksversteher und echten Schweizer das Sagen (oder die, die sich dafür halten). Unser Land besteht aus sehr unterschiedlichen Biotopen, aber am Ende ist es immer eine Schweiz. Folglich muss man Politik für das ganze Land machen und nicht nur für Klientelgruppen, ob urbane Schickeria im Kreis 4 oder Bauern im Toggenburg.

In diesem Kontext muss eine liberale Zeitung wie die NZZ einen klaren Standpunkt vertreten, aber zugleich der Debatte eine Plattform bieten. Denn ohne den Meinungsstreit, in dem man dem Gegenüber mit Respekt begegnet, verkümmert die öffentliche Sache, die Res publica.

Wir lassen uns deshalb nicht einschüchtern von autoritären Sprach-Codes, dem «Rechtsrutsch»- oder «Lügenpresse»-Geschrei, das besonders laut wird, wenn wir einer pointierten Stimme aus einem der beiden Lager das Wort geben.

Für die Bibel ist der Turmbau zu Babel die Metapher für eine Gesellschaft, die Gott herausfordert. Man kann das Gleichnis aber auch ins Positive wenden. Jede moderne Gesellschaft ist ein Turm, der sich immer weiter gen Himmel schraubt; ein Bau, der nie stillsteht, und eine fragile Konstruktion, wie alles, was Menschenhand hervorbringt. Wo die Bauarbeiten aufhören, endet die Weiterentwicklung, und der Verfall beginnt.

«Es wird der Turm zu Babel / Im Sturz zu nichts zerfallen.»

Nimmt die Sprachverwirrung überhand, verhalten wir uns wie Horden, die glauben, jede andere Horde habe prinzipiell unrecht, dann werden die westlichen Demokratien zwar nicht einstürzen, aber ihre Dynamik und Attraktivität verlieren. Die liberale Demokratie hat viele Gegner. Doch der einzige Gegner, der ihr wirklich etwas anhaben kann, sind wir selbst, wenn wir ihre Grundlagen zerstören.

Deshalb müssen wir den Turm gemeinsam weiterbauen. Wir müssen zur Verständigung über Gräben hinweg fähig bleiben und die polarisierenden Kräfte mit ihren Feindbildern in die Schranken weisen.


Aus: "Kommentar: Der eine schreit «Lügenpresse», der andere «Nazi»" Eric Gujer (18.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/der-eine-schreit-luegenpresse-der-andere-nazi-ld.1377703
« Last Edit: July 06, 2018, 08:47:51 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #749 on: July 06, 2018, 04:01:19 PM »
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[...] BERLIN taz | Die Wirtschaft boomt. Von den steigenden Gewinnen profitieren aber vor allem die Vorstandsmitglieder und deren Vorsitzende, weniger die MitarbeiterInnen. Der Abstand zwischen den Vorstandsvergütungen und den Entgelten für die Beschäftigten in den 30 deutschen Dax-Konzernen ist im vergangenen Jahr deutlich gewachsen.

Die Vorstände von Dax-Unternehmen verdienten im vergangenen Jahr im Schnitt 71 Mal so viel wie durchschnittlich bezahlte Beschäftigte in ihren Firmen, so das Ergebnis einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. 2014 war es demnach „nur“ das 57-fache, was Vorstandsmitglieder bekamen.

„Die Schere öffnet sich weiter“, erklärte Marion Weckes, Studienautorin am Institut für Mitbestimmung und Unternehmensführung (IMU) der Hans-Böckler-Stiftung. Das Beratungsunternehmen hkp-Group hatte bereits darauf hingewiesen, dass die Gesamtvergütungen der Vorstandsvorsitzenden in Dax-Unternehmen im vergangenen Jahr auf im Schnitt 7,4 Millionen Euro gestiegen sind. Spitzenreiter ist SAP-Chef Bill McDermott mit einer Gesamtvergütung von 21,15 Millionen Euro. Aber auch Daimler-Chef Dieter Zetsche (13,04 Millionen) und BASF-Chef Kurt Bock (10,27 Millionen)verdienen recht ordentlich.

Die Vergütungsregelungen seien im Laufe der Jahre weiterentwickelt worden und nun auch transparenter, sagt Dominik Enste, Verhaltensökonom am arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), der taz. „Die Steigerungen sind zum einen auf wirtschaftliche Erfolge zurückzuführen, zum anderen spielt bei der Steigerung vermutlich auch eine Rolle, dass durch die höhere Transparenz der Topgehälter die DAX-Vorstände sich untereinander vergleichen und damit der gewünschte Effekt der besseren Kontrolle durch mehr Transparenz konterkariert wurde.“

Mit anderen Worten: Wenn ein Vorstandsmitglied eines Automobilkonzerns mit drei Millionen Euro Gesamtvergütung im Jahr durch die neuen Transparenzregeln erfährt, dass ein Kollege in einem gleichwertigen anderen Automobilunternehmen mit allen Boni und Sonderzahlungen auf vier Millionen Euro kommt, könnte er dem Aufsichtsrat gegenüber Steigerungen auch für sich selbst beanspruchen.

Die sogenannte Pay Ratio, also das Verhältnis von Vorstandsgehältern zu den Löhnen, aus Gerechtigkeitsgründen pauschal zu deckeln, hält Studienautorin Weckes für problematisch. Denn es werden immer die Gehälter aller Beschäftigten, auch derjenigen im Ausland, ermittelt. Ein Unternehmen wie Adidas mit vielen Belegschaften im Ausland weist daher in der Studie eine tiefere Kluft zwischen den Durchschnittsentgelten der Beschäftigten und der Vergütung für den Vorstand in Deutschland auf als ein Konzern mit Personal hauptsächlich in Deutschland.

Man müsse sich aber in jedem Unternehmen fragen, „ob die Vorstandsvergütung angemessen ist“, sagt Weckes. Auch hier sind die Erfolgsmaßstäbe problematisch: Ein Konzern kann tausende von Arbeitsplätzen abbauen, den Gewinn steigern und damit auch die Boni und Bezüge für die Vorstandsmitglieder. Die Belegschaft hat nichts davon, im Gegenteil.

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wirklich?

warum spricht denn das gegen eine Deckelung von sagen wir mal dem 20-fachen des schlechtesten Gehalts im Konzern, vielleicht bestände dann ja tatsächlich sogar ein Interesse daran, die Löhne am unteren Ende zu erhöhen, ja sogar im Ausland. Ausreden, Ausreden. Genauso dass man dann kein gutes Führungspersonal bekommt, alles Ausreden, zudem möchte doch kaum einer behaupten dass das Führungspersonal jetzt gut wäre...


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jhwh

@wirklich? Seit wann bestimmen die Marionetten das Gehalt für den Puppenspieler?

...



Aus: "Die Bosse verdienen immer mehr" Barbara Dribbusch (6. 7. 2018)
Quelle: http://www.taz.de/Studie-zu-Vorstandsgehaeltern-und-Loehnen/!5519154/