Author Topic: [Menschen in Schichten und Klassen... ]  (Read 220685 times)

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[Menschen in Schichten und Klassen... ]
« Reply #720 on: April 23, 2018, 04:37:49 PM »
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[...] Fünf Jahre nach dem Fabrikeinsturz des Rana Plaza hat sich einiges gebessert. Doch die Gehälter bleiben niedrig, Repressionen nehmen zu Vier Tage lang war Rubina Begum unter Trümmern begraben. Unter einer Maschine eingeklemmt, umgab sie ein "Geruch des Todes", wie sie der Thomson Reuters Foundation dieser Tage erzählt hat. Sie betete, noch einmal ihre Mutter sehen zu dürfen. Und die Rettung kam. Nun aber, fünf Jahre später, gibt es Tage, da wünscht sich die 35-Jährige, in der Ruine des Rana Plaza gestorben zu sein. Rana Plaza ist zum Synonym geworden für eine globale Textilindustrie, die in Billiglohnländern Arbeitskräfte ausbeutet. Zum Synonym für katastrophale und mitunter tödliche Arbeitsbedingungen. Als am 24. April 2013 das achtstöckige Gebäude nahe Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, einstürzte, befanden sich – neben anderen Menschen – mehr als 3000 Textilarbeiter darin. Sie wurden von den Fabrikbetreibern zur Arbeit gezwungen, obwohl einen Tag zuvor Risse am Gebäude festgestellt worden waren. Mehr als 1100 Menschen starben, fast 2500 wurden verletzt. Die Weltöffentlichkeit blickte auf das Land, das nach China der zweitgrößte Textilhersteller der Welt ist. Und es wurde reagiert.

"Es gab neue Gesetze und Initiativen. Vieles hat sich rasch gebessert", sagt Christie Miedema von Clean Clothes Campaign (CCC), einer NGO, die sich für Arbeiter in der Textilindustrie einsetzt. Zahlreiche Gewerkschaften wurden gegründet, auch ist kurz nach der Katastrophe der Mindestlohn in der Branche von 3000 auf 5000 bangladeschische Taka erhöht worden, rund 48 Euro. "Es musste die Denkweise im Land geändert werden, dass Sicherheit keine Last ist, sondern eine Investition", erklärt Anne-Laure Henry-Gréard vom Büro der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Bangladesch. Über 200 Marken, darunter H&M, Mango, Esprit und Benetton, einigten sich im Mai 2013 mit Gewerkschaften auf den Bangladesh Accord, ein rechtlich bindendes Abkommen, um die Sicherheit in jenen Fabriken zu verbessern, die für die betreffenden Marken Kleidung herstellen. Das betrifft etwas mehr als 2000 der geschätzt 4000 bis 5000 Textilfabriken im Land, sagt Joris Oldenziel, stellvertretender Direktor des Bangladesh Accord, für dessen Umsetzung ein von Textilunternehmen finanziertes 200-köpfiges Expertenteam arbeitet.

"Wir haben bei unseren Inspektionen mehr als 150.000 Sicherheitsprobleme identifiziert. Davon wurden 84 Prozent gelöst", erklärt der Niederländer. Vorwiegend ging es um blockierte Fluchtwege oder elektrische Risiken, die schon oft zu Bränden geführt haben. "Mehr als 50 Fabriken mussten 2014 evakuiert werden, weil die Gefahr eines Zusammenbruchs bestand", ergänzt Oldenziel. Mittlerweile seien sie alle saniert. Außerdem wurde in jeder Fabrik ein Sicherheitskomitee mit Vertretern aus Arbeitern und Management installiert, um Beschwerden nachzugehen. Hier, so Oldenziel, sei das Ziel eine "Kultur der Zusammenarbeit", in der beide Seiten einander vertrauen. Doch das sei nichts, was über Nacht geschehe. Das benötige Zeit. Bittet man die Textilmarken um Statements über ihre Bemühungen in Bangladesch, verweisen sie alle auf den Accord oder die Alliance for Bangladesh Worker Safety, in der vorwiegend nordamerikanische Marken vertreten sind. Und das zu Recht. "Besucht man eine Fabrik, hat sich die Sicherheit sehr verbessert", sagt Humaira Aziz von der NGO Care, die sich in Bangladesch für gerechte Arbeitsbedingungen und die Stärkung von Frauen einsetzt.

Doch damit ist nicht alles gut im Staate Bangladesch. Offen ist etwa, wie es in jenen Fabriken aussieht, die nicht von den Initiativen überprüft werden. Die Behörden haben nicht die Infrastruktur, um sich darum zu kümmern. Das zeigt sich am Beispiel des Bangladesh Accord. Der läuft nämlich im Mai nach fünf Jahren ab. Im vergangenen Oktober wurde ein Folgeabkommen beschlossen, der Transition Accord. Vereinbart wurde, so Joris Oldenziel, "dass wir unsere Arbeit fortsetzen, bis die Regierung sie übernehmen kann". Das sei aktuell nicht der Fall, es fehle an Inspektoren, an Sanktionsmechanismen, an Transparenz. Dabei "läge diese Verantwortung beim Staat", so Christie Miedema von CCC. Doch es gib noch andere Probleme, fernab der Sicherheit. Eines davon hat mit Rubina Begum zu tun, der Verletzten des Rana Plaza. Ad hoc gab es für die Opfer der Katastrophe Kompensationszahlungen und Trainingsprogramme. "Das meiste habe ich für die Behandlung meiner Verletzungen gebraucht. Jetzt habe ich keinen Job und kein Einkommen mehr", klagt sie. Bangladesch, moniert Miedema, sei eines der wenigen Länder, in denen Betroffene von Berufsunfällen nicht sozial abgesichert seien. Das führt zum nächsten Streitpunkt, dem der Gehälter. Der Mindestlohn blieb seit der Erhöhung 2013 unverändert, viele Textilarbeiter kommen mit ihrem Gehalt nicht aus. Im Dezember 2016 gingen deshalb tausende Textilarbeiter in Bangladesch für höhere Löhne auf die Straßen. Die Folge: Mindestens 1500 Arbeiter wurden entlassen und führende Gewerkschafter festgenommen. Zuletzt, klagt Miedema, "haben die Repressionen gegen Gewerkschaften wieder zugenommen". Dahinter steckt das grundlegende Problem in Bangladesch, dass die Textilindustrie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist. Fast 80 Prozent der Exporte des Landes kommen aus dieser Branche. Das will man sich nicht kaputtmachen, indem man den Arbeitern mehr Rechte oder Gehalt einräumt.

Das betrifft aber nicht nur Bangladesch, weshalb Christie Miedema einen grundlegenden Wandel in der internationalen Textilindustrie fordert. "Die Vergangenheit hat gezeigt, dass freiwillige Abkommen nichts bringen. Es müssen nun verbindliche Vereinbarungen getroffen werden, damit die Textilfirmen besser auf ihre Lieferkette schauen." Dabei erhofft sie sich mehr Engagement von der Europäischen Union, dem größten Handelspartner Bangladeschs. Bis diesbezüglich etwas passiert, müssen sich die Textilarbeiterinnen in Bangladesch noch um etwas anderes sorgen. "Es ist noch viel zu tun, bis sie in der Arbeit nicht mehr belästigt werden", sagt Humaira Aziz von Care, "bis sie von männlichen Kollegen mit Respekt und Würde behandelt werden." Deshalb engagiert sie sich auch dafür, dass in Fabriken Anlaufstellen für Opfer sexueller Belästigung eingerichtet werden. Denn viele der Frauen, so Aziz, hätten kaum eine Ausbildung genossen. "Sie wissen gar nicht, dass sie Rechte haben." (Kim Son Hoang, 23.4.2018)

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chemisch

wo kämen wir denn hin, wenn wir mehr als 3,9 für ein shirt zahlen müssten. sicher nicht! bald könnte man sich das iphone x nicht mehr leisten.


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Cam an Bär

... "Gehts der Wirtschaft gut, gehts uns allen gut"


...


Aus: "Ein Leben am seidenen Faden in Bangladeschs Textilfabriken" Kim Son Hoang (23.4.2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000078415681/Ein-Leben-am-seidenen-Faden-in-Bangladeschs-Textilfabriken

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« Reply #721 on: April 23, 2018, 05:08:43 PM »
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[...] Wien – Der ehemalige Bürgermeister von New York und Multimilliardär Michael Bloomberg will die Verpflichtungen der USA aus dem Pariser Klimaabkommen für das Jahr 2018 bezahlen. Medienberichten zufolgte kündigte Bloomberg am Sonntag an, 4,5 Millionen Dollar (3,7 Millionen Euro) an die zuständige UN-Organisation UNFCCC überweisen. "Amerika ist eine Verpflichtung eingegangen und als Amerikaner müssen wir alle Verantwortung übernehmen, wenn die Regierung das nicht tun wird", sagte er am Sonntag im Fernsehsender CBS.

Vergangenes Jahr hatte US-Präsident Donald Trump entschieden, aus dem Vertrag auszusteigen. Das Pariser Abkommen beinhaltet Klimaschutzmaßnahmen im eigenen Land vor und darüber hinaus finanzielle Unterstützung für Entwicklungsländer, um sie bei Klimaschutzmaßnahmen zu unterstützen. Hintergrund ist, dass die Industrieländer hinter ihren Klimaversprechen herhinken und zum Ausgleich Entwicklungsländern bei einer schadstoffärmeren Wirtschaftsentwicklung helfen sollen.

Das Magazin "Forbes" schätzt Bloombergs Vermögen auf 50 Milliarden Dollar. Gegenüber dem TV-Sender CBS sagte er, dass er sich nicht zu Zahlungen für weitere Jahre verpflichte. Er hoffe auf ein Umschwenken und eine Meinungsänderung Trumps. ...



Aus: "Multimilliardär Bloomberg zahlt Fehlbetrag bei US-Klimaabkommen" (23.4.2018)
Quelle: https://derstandard.at/2000078449770/Multimilliardaer-Bloomberg-zahlt-Fehlbetrag-bei-US-Klimaabkommen

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« Reply #722 on: April 24, 2018, 09:21:41 AM »
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[...] Auch Manager sind nur Menschen und brauchen Freunde. Das ist eine banale Feststellung, und sie trifft auf alle Berufsgattungen und Lebenssituationen zu. Für eine Führungskraft, die einem internationalen Grosskonzern vorsteht, ist das Thema Freundschaft besonders heikel, denn es gibt diverse Fallgruben. Mit den steigenden Ansprüchen an die Compliance – darunter fällt nicht nur die Befolgung von Gesetzen und Richtlinien, sondern auch die Einhaltung von mehr oder weniger «freiwilligen» Verhaltensgrundsätzen – wird die Pflege geschäftlicher und privater Freundschaften für eine Führungskraft zu einem potenziellen Minenfeld. Schnell ist ein kapitaler Fehltritt passiert. Die Toleranzschwelle für juristisch und gesellschaftlich akzeptables Verhalten ist in der Tendenz gesunken. Für ein gesundes Seelenleben eines Managers sind dies denkbar schlechte Voraussetzungen.

Für den an dieser Stelle zu porträtierenden Schweizer Gesprächspartner, der eine Bilderbuchkarriere hinter sich hat, ist das Thema Freundschaft allgegenwärtig. Es birgt das Risiko, gegen die besonders strengen Compliance-Vorschriften seines Arbeitgebers und diejenigen der durchregulierten Branche zu verstossen. Um trotzdem offen darüber sprechen zu können, will der befragte Topmanager – nennen wir ihn Hugo Kussmann – nicht namentlich erwähnt werden. Von öffentlichem Interesse muss auch nicht sein, wen genau und wie viele Personen er zu seinem Freundeskreis zählt.

... Um persönlich gar nie in eine ungemütliche Lage zu geraten, in der er eine Freundschaft für einen geschäftlichen Vorteil missbrauchen könnte, distanziert sich Kussmann im Voraus bewusst. Unter guten Geschäftskollegen sei zwar eine gegenseitige Sympathie sicher von Vorteil, aber am Schluss müsse die Leistung stimmen. Eine solide Geschäftsbeziehung beruhe auf Vertrauen. Auch seine Geschäftspartner verhielten sich professionell, auch sie trügen eine Verantwortung für korrektes ethisches Verhalten. «Wenn sie mich bevorteilen und es klappt nicht, dann haben auch sie ein Problem und stehen am Pranger», spinnt er den Faden weiter. In der Liga der kotierten Firmen gingen solche Klüngeleien heute auch gar nicht mehr, weil zu viele Leute bei Geschäften involviert seien.

Ist es denn in dieser Konstellation überhaupt noch möglich, mit geschäftlichen Bekannten auch privat enge Freundschaften zu pflegen, ohne sich ständig über Abhängigkeiten und allfällige ethische Misstritte den Kopf zerbrechen zu müssen? Kussmann geht dieses Problem mit einer äusserst restriktiven Einschätzung, wo für ihn Freundschaft beginnt, an. In seiner Definition ist jemand ein Freund, den er jederzeit anrufen und mit dem er über alles sprechen könne. In diese Kategorie fielen nur ganz wenige Leute, sagt er, konkret nur seine Geschwister und ein Kollege aus der Privatschule.

Wegen der beruflichen und familiären Beanspruchungen sieht er selbst seinen engsten Freund nur ein- oder zweimal im Jahr. Aus den vielen geschäftlichen Beziehungen, die sein Job mit sich bringe, habe sich noch nie eine wirkliche Freundschaft entwickelt, hält Kussmann fest. Diese Kontakte pflege er, weil er sie brauche, um seine Arbeit zu erledigen. Dass sich dabei manchmal Sympathien entwickelten, komme immer wieder vor. Deshalb treffe er sich mit Geschäftspartnern auch ab und zu privat und gehe mit ihnen gemeinsam an Veranstaltungen. «Aber wirkliche Freundschaften haben sich daraus selten entwickelt.»

Hingegen sind im Zeitalter der sozialen Netzwerke – ob wie früher rein analog oder wie heute zunehmend digital – die Pflege und der Ausbau des persönlichen Beziehungsnetzes für das berufliche Vorwärtskommen unerlässlich geworden. Je intensiver dieses gepflegt wird, desto eher kann es in berufliche Vorteile umgemünzt werden. Und je höher jemand die Karriereleiter hinaufsteigt, desto wertvoller werden die Kontakte, könnte man meinen, denn diese Seilschaften sind Gold wert, wenn die Luft dünner wird. Auch für Kussmann ist klar, dass nicht allein sein grosser Einsatz und Fleiss seine Karriere beförderten, sondern er ebenso auch das nötige Glück brauchte, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein und den richtigen Mentor gehabt zu haben. «Wer bei uns Karriere machen will, kann zwar eine Superleistung erbringen und perfekt sein, aber er braucht einen Mentor», meint er.

... Je höher man auf der Karriereleiter hinaufsteigt, desto grösser wird auch die Zahl der Menschen, die sich mit einem anfreunden möchten. Auch Kussmann musste feststellen, dass die Frequenz der Besuche in seinem Büro schlagartig zunahm, nachdem er zum Konzernchef befördert worden war. Anfällig dafür, auf opportunistische Freundschaften hereinzufallen, ist er offenbar nicht. Irgendwie spreche er nicht darauf an, er habe bei diesem Thema eine gewisse Hornhaut, meint er. Zudem sei es wohl normal, dass es immer wieder Leute gebe, die sich beim Chef anbiedern wollten.

...  «Hätte ich einen anderen Job, hätte ich vielleicht meine Freundschaften intensiver pflegen können», gibt Kussmann zu.  ...  «Ich stehe um 5 Uhr 15 auf, und um 6 Uhr steht das von mir zubereitete Frühstück auf dem Tisch», sagt er. Er nehme sich auch die Zeit, mit seinem Jüngsten regelmässig die Hausaufgaben zu machen. Dank geschickter Zeiteinteilung und seinem unermüdlichen Elan findet er sogar Zeitfenster in seiner reich befrachteten Agenda, um Flugstunden zu absolvieren oder noch vor der Arbeit eine Stunde auf dem Wasser zu verbringen. «Das tönt vielleicht alles etwas langweilig, aber es ist nun mal so», sagt er, Bilanz ziehend, schon fast entschuldigend.


Aus: "Freundschaft – ein Minenfeld für Manager" Giorgio V. Müller (20.4.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/freundschaft-ein-minenfeld-fuer-manager-ld.1379076

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« Reply #723 on: April 29, 2018, 03:19:34 PM »
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[...] Rund 3,7 Millionen Beschäftigte mit vollem Job verdienen weniger als 2000 Euro brutto im Monat. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor.

Nach den jüngsten Zahlen von Ende 2016, neuere Daten liegen nicht vor, waren dies 17,7 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten in Deutschland. Im Westen betrug der Anteil 14,7 Prozent, im Osten sogar 31,2 Prozent.

Für die einzelnen Bundesländer betrug den Daten zufolge der Anteil der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten, die unter 2000 Euro verdienten, an allen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten wie folgt:

Mecklenburg-Vorpommern 36,7 Prozent,
Thüringen 34,1 Prozent,
Sachsen 34,3 Prozent,
Sachsen-Anhalt 33,7 Prozent,
Brandenburg 33,6 Prozent,
Berlin 20,8 Prozent,
Schleswig-Holstein 19,2 Prozent,
Niedersachsen 18,1 Prozent,
Rheinland-Pfalz 16,5 Prozent,
Bremen 15,6 Prozent,
Saarland 15,5 Prozent,
Nordrhein-Westfalen 15,0 Prozent,
Bayern 14,0 Prozent,
Hessen 13,7 Prozent,
Hamburg 12,8 Prozent,
Baden-Württemberg 12,4 Prozent.

Die Sozialexpertin der Linken, Sabine Zimmermann, die die Anfrage im Vorfeld des Tages der Arbeit gestellt hatte, forderte die Bundesregierung auf, sich mehr für eine weitere Angleichung der Löhne - vor allem zwischen Ost- und Westdeutschland - einzusetzen. Wegen der Inflation und vielerorts explodierender Mieten komme man mit unter 2000 Euro brutto nicht mehr weit. So müsse unter anderem der Mindestlohn von 8,84 Euro auf 12 Euro erhöht werden, forderte Zimmermann.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte am Freitag darauf hingewiesen, dass die unabhängige Mindestlohnkommission im Sommer Vorschläge für die Anfang kommenden Jahres geplante Erhöhung vorlege. Diese würde dann gesetzgeberisch umgesetzt.

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hatte in einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Untersuchung darauf hingewiesen, dass nicht mehr nur München oder Köln zu den Städten gehören, in denen der Mindestlohn nicht mehr ausreicht, um ohne Zusatzleistungen des Staates auszukommen. Auch in Duisburg oder Wuppertal ist das Leben laut der Studie dafür zu teuer.


Aus: "Trotz Vollzeit: 3,7 Millionen Beschäftigte verdienen weniger als 2000 Euro" (29.04.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/loehne-3-7-millionen-beschaeftigte-verdienen-weniger-als-2000-euro-a-1205386.html

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« Reply #724 on: May 03, 2018, 12:22:01 PM »
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[...] Zufällig hört man Musik, sie dringt in lauten, schweren Beats aus einem Radio oder gar aus dem Kinderzimmer. Es rappt einer auf Deutsch. Und kaum vernimmt man ein paar Wörter – «Bitch», «Schwanz», «Nutte», «Hurensohn» –, wird man konfus. Darf das wahr sein?, fragt man sich. Kaum zu glauben, dass so viel Misogynie und Brutalität, so viel Zynismus und blanker Hass erlaubt sein sollen in der Gegenwart des Pop. Wäre das nicht ein Fall für die Polizei? Müsste sie nicht zensurieren und verbieten, um wieder Ordnung zu schaffen in dieser prekären Welt?

... Westliche Gesellschaften werden seit Jahrzehnten durchgeschüttelt infolge der Anmassungen wechselnder Jugendkulturen. Die Lage hat sich verschärft, seit Rock, Punk und Hip-Hop die Provokation als poppige Allzweckwaffe der Agitation und Promotion entdeckt haben. Und wer sich tatsächlich provozieren lässt, wer auf die Barrikaden steigt und die Zensur einfordert, erfüllt quasi das ästhetische Programm der Provokateure.

... Mitte der achtziger Jahre etwa empörte sich Susan Baker, die Frau des damaligen amerikanischen Finanzministers James Baker, über sexuelle Anspielungen im Madonna-Song «Like a Virgin»; nichtsahnend hatte sie die Platte ihrer siebenjährigen Tochter geschenkt. Ähnliche Erfahrungen machte Tipper Gore, Al Gores Gattin, deren Tochter Prince zuhörte, wie er in «Darling Nikki» die Masturbation besang. Die aufgebrachten Mütter gründeten zum Schutz des amerikanischen Nachwuchses nun gemeinsam das Parents Music Resource Center. Die Organisation setzte im amerikanischen Senat 1985 die Kennzeichnung «jugendgefährdender» Musik durch. Fortan mussten einschlägige Alben einen «Parental Advisory»-Sticker tragen, der Eltern vor Obszönität warnte.

... Man mag den Initiantinnen zugutehalten, dass der Sticker die Auseinandersetzungen um Anstand, Moral und Werte in die Zonen von Elternhaus und Erziehung brachte, wo sie gewiss hingehören. Auch das Musik-Business konnte sich dank der Sticker-Pflicht nicht mehr seiner Verantwortung entziehen. Allerdings hat die Pop-Kultur den warnenden Aufkleber quasi umgedeutet zum Gütesiegel: Alben ohne «Parental Advisory»-Sticker wurden kaum noch ernst genommen.

... Mehr noch als obszönes Reden prägen den amerikanischen Rap die Erfahrungen in den Ghettos, in denen viele schwarze Rapper aufgewachsen sind. Die Wut über Zurücksetzung und Ausgrenzung entlädt sich immer wieder in Posen der Delinquenz und im Tonfall des Hasses. Der typische Gangsta-Rapper beschwört den Kampf gegen die Staatsmacht, die ihn drangsaliert. Und er zelebriert den Gesetzesbruch als Initiation einer Gegen-Souveränität. Deshalb handeln die Lyrics immer wieder von der Polizei. «Fuck Tha Police» (1988) von NWA sorgte für einen ersten Skandal. Das FBI meldete sich bei der Major-Plattenfirma Warner. Nachdem auch Senatoren Druck gemacht hatten bei der Plattenfirma, musste Doug Morris, der verantwortliche Manager, den Hut nehmen (er machte dann Karriere bei Universal).

Zur Staatsangelegenheit wurde 1992 auch «Cop Killer», ein Stück, in dem sich der Rapper Ice-T als Polizistenmörder inszenierte. Präsident George Bush kritisierte die Plattenfirma, die solchen Schund herausbringe. Ice-T selber machte geltend, es handle sich um ein Rollenspiel. Letztlich gab er aber klein bei und veröffentlichte sein Album «Body Count» neu ohne den inkriminierten Song.

Rappen erschöpft sich nicht im Sprechen über etwas. Es handelt sich um einen Sprechakt, der das Fluchen und Verfluchen kultiviert in einem Wettbewerb um Schlagfertigkeit und rhythmischen Drive. Im Streit stiften sich die Akteure zuweilen zu künstlerischen Höchstleistungen an. Doch entwickelt sich im Sport des Verhöhnens und Beleidigens manchmal eine gefährliche Dynamik, die zu Aggressionen führt. Ein Rapper-«Beef» kann in offene Gewalt ausarten (wie in den neunziger Jahren zwischen West- und East-Coast-Rappern).

Aber schon Hetze und Hassrede sind strafrechtlich relevant – hier darf der Staat keine Milde walten lassen. Beispielhaft dafür sind die jamaicanischen Rapper, die sogenannten Deejay des Dancehall, die in ritualisierten «Batty Boy»-Tunes die Erschiessung oder das Erschlagen von Homosexuellen fordern. Sobald nun aber zu Gewalt gegen Individuen oder Gruppen aufgerufen wird, bewegen sich die Musiker jenseits der Legalität und können sich nicht mehr hinter Kunst- oder Meinungsfreiheit verschanzen. Ihre Texte sind strafbar.

An den Battles des amerikanischen Gangsta-Rap orientieren sich auch die deutschen Gangsta-Rapper. In der von Immigranten dominierten Szene wird dabei ein Milieu-Chauvinismus zelebriert, der bei allen Jungs gut ankommt. Für Halbwüchsige erweist sich der Gangsta-Rap (ähnlich wohl wie Ego-Shooter-Games) als ein Medium und Ventil, das Frustrationen, Wut und Hass gleichzeitig zelebriert und abführt. Wer sich durch den Sündenpfuhl dieser Szene bewegt, trifft deshalb allenthalben auf faulige Stilblüten, Geschmacklosigkeit und die sprachlichen Aggressionen dauergestresster Typen. Es werden «Mütter gefickt» oder «Schwuchteln umgebracht». Auch religiöse oder ethnische Minderheiten sind vor Beleidigungen nicht sicher.

In der Sorge um den demokratischen Frieden könnte man deshalb leicht auf undemokratische Gedanken kommen. Doch Dummheit und Geschmacklosigkeit sind per se so wenig justiziabel wie Misogynie oder Homophobie. Und wer nach Polizei und Zensur ruft, ist vielleicht bloss träge oder zu feige, selber Stellung zu beziehen.

...


Aus: "Kommentar: Dummheit und Geschmacklosigkeit sind so wenig justiziabel wie Misogynie oder Homophobie" Ueli Bernays (3.5.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/gangsta-rap-verletzt-tabus-bricht-er-auch-gesetze-ld.1382383

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[...] Die gegenwärtig vor allem in Deutschland geführte Auseinandersetzung um politische Korrektheit in der Sprache verleitet dazu, sich zügig als Kritiker oder Verteidiger, politisch am linken oder rechten Rand, einer wahlweise «Tugendterror-geleiteten» oder Gender-sensiblen Sprache zu bekennen. In diese Falle sollte man als Liberaler nicht treten, zumal, wenn man sich von ideengeschichtlichen und philosophischen Grundsätzen leiten lässt.

Auch wenn es mindestens seit 1932, als Kurt Tucholsky die Vereinnahmung von Friedrich Nietzsche durch die Nazis zurückwies, recht deutlich ist, dass sich Nietzsche für alle möglichen – auch politischen – Positionen heranziehen lässt, so hat uns dieser scharfsinnige Diagnostiker seiner Zeit doch einen Fundus von idiomatisch präzisierten Topoi hinterlassen, der manches besser fasst, als unsere zeitgenössische Sprache es mitunter kann. Warum also nicht bei dieser aktuell bedeutenden Debatte um die politische Korrektheit in der Sprache bei Nietzsche nachlesen?

Der Blick fällt auf ein Diktum, das Nietzsche im Zusammenhang mit seiner Abrechnung mit dem einst so verehrten Komponisten in «Der Fall Wagner» formuliert hat: «er setzt ein Princip an, wo ihm ein Vermögen fehlt [. . .].» Gemeint war der Vorwurf, dass Richard Wagner letztlich handwerkliches kompositorisches Unvermögen zum «Stil überhaupt statuier[t]», also als «Princip verkleidet» habe.

Der Vorwurf, wie falsch oder zutreffend er gegenüber Richard Wagner auch sein mag, enthält einen Gedanken, der für die Diskussion, inwieweit eine politisch korrekte Sprache zulässig und notwendig oder aber schädlich bzw. allenfalls lächerlich sei, instruktiv sein kann.

«Political Correctness» ist keine deutschsprachige Spezialität. Abgesehen davon, dass es schon immer auch einen moralisch inspirierten Anspruch an eine «richtige Sprache» über Politik und Gesellschaft gegeben hat, beginnt die Kritik an überkommenen Modi des Sprechens, vor allem über Frauen und gesellschaftliche Minderheiten, in den USA Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre. Wie später in Deutschland auch hat man sich zunächst über Neuerungen lustig gemacht – in der klassischen Rhetorik als «Aptums-Verletzung» nachgerade als Standardfall von unbeabsichtigter Komik identifiziert. Diese Ebene der Diskussion ist in vielerlei Hinsicht unerheblich. Der Streit um den «Negerkuss», den «Wintermarkt», den «Traditionshasen», ja selbst der Eingriff in literarische Texte, wie etwa bei Otfried Preusslers «Klaubholzweibern», dienen lediglich dazu, den Protagonisten von Verteidigern und Gegnern neuer Idiome dabei zu helfen, das jeweils eigene Lager seiner selbst zu vergewissern. Liberale sollten sich darauf nicht einlassen.

Denn jenseits dieser Debatte um mehr oder weniger geglückte Sprachsubstitute sind sowohl das Phänomen als auch der Begriff der politischen Korrektheit zur politischen Waffe geworden. Die Hoheit über Begriffe hat den Bereich der politischen Auffassungen und ihrer Legitimität erreicht. Es stellt sich die Frage, in welchem Ausmass politische Äusserungen im öffentlichen Raum sanktioniert werden dürfen. Die Reaktionen etwa auf die sogenannte «Gemeinsame Erklärung 2018» zeigen, dass eine persönliche Positionierung im öffentlichen Raum nicht nur Gleichgültigkeit, Widerspruch oder Unterstützung erzeugt, sondern auch schneller, als dies vor zwanzig oder dreissig Jahren in Deutschland der Fall war, mit dem Vorwurf der Illegitimität konfrontiert wird. Man kann auch sagen: Die politische Positionierung im öffentlichen Raum ist zu einer Frage des Prinzips oder Stils im Sinne Nietzsches geworden.

Wenn einerseits in Zeitungen zur Ächtung von «Rechtsextremen» aufgerufen wird (wobei es offenbleibt, jenseits welcher Grenze nach Auffassung der Redaktionen Rechtsextremismus besteht), andererseits Bürgermeister, die öffentlich Position für Flüchtlinge beziehen, Hasstiraden im Netz ertragen und um ihre persönliche Sicherheit auf der Strasse fürchten müssen, dann sollte das nicht nur Liberale beunruhigen. Es geht nicht mehr um den Diskurs, um die Fähigkeit zur argumentativen Auseinandersetzung, sondern es geht ums Prinzip.

Der freie politische Diskurs, der nur an seinen äussersten Rändern begrenzt werden darf, um funktionieren zu können, ist am Ende des Tages die wichtigste Verteidigungslinie der Demokratie. Fragen der Grenzziehung sind dabei so alt, wie die Meinungsfreiheit Bestandteil moderner Verfassungsstaaten ist.

Doch heute hat sich etwas fundamental verändert: Es gilt nicht mehr, was Kurt Tucholsky den Journalisten einmal zugesprochen hat, nämlich dass ihre stärkste Waffe das Totschweigen sei. Debatten, die geführt werden wollen, werden geführt, die digitale Medienwelt hat den organisierten öffentlichen Diskurs des professionellen Journalismus entgrenzt. Konnten sich Herrscher früherer Zeiten darauf verlassen, dass erstens Ideen und Gedanken, die keine Sprache haben, auch keine Chance auf politische Durchsetzung beanspruchen können und dass zweitens der Lackmustest für die Sprachlosigkeit der öffentliche Raum und seine Medien sind, so lässt sich heute zwischen öffentlich und privat nur mit Mühe unterscheiden. Klassische Medien haben ihre Konsolidierungsfunktion für den öffentlichen Diskurs, mancher mag auch sagen: ihre Deutungsmacht, bereits weitgehend verloren. Der Versuch, auf diesem Wege den Korridor des politischen Konsenses unter Kontrolle zu halten, ist im 21. Jahrhundert zum Scheitern verurteilt.

Kritiker wie Verteidiger politischer Korrektheit bedrohen gleichermassen die Demokratie. Die Verteidiger trauen dem öffentlichen Diskurs in Wahrheit nicht und versuchen über eine Steuerung von Sprache den Korridor politischer Haltungen mitzubestimmen. Das ist aus liberaler Sicht töricht, denn auch die gesellschaftlichen Freiheiten, um die es einer wohlverstandenen politischen Korrektheit fraglos geht, lassen sich durch sanktionierte Sprach-Übungen letzten Endes nicht verteidigen. Es bedarf immer des substanziellen gesellschaftlichen Konsenses, der auf Dauer nur mit den besseren Argumenten, einem funktionierenden Rechtsstaat und einer dafür sensiblen politischen Elite sichergestellt werden kann.

Die Kritiker der politischen Korrektheit sind aus liberaler Sicht ebenfalls bedrohlich, weil sie denjenigen einen Schutzschirm der Toleranz leihen, denen es genau darum nicht geht, denen es in Wahrheit um eine konservative Revolution zu tun ist, die am Ende zur Ausgrenzung von Menschen führt. Beide Positionen sind für Liberale ein Greuel.

Für den Liberalismus ist eine sensible Sprache über die Dinge der Welt keine Frage des Prinzips, sondern eine des humanistischen Vermögens, eine Frage des Respekts vor anderen Menschen, kurz: eine Selbstverständlichkeit, die nicht verordnet werden muss. Systematische, abstrakte und letztlich auf reine Ideen bezogene Übungen der Sprache und Idiome über die Welt lehnt man als Liberale ab.

Die Fähigkeit, einen offenen Diskurs zu führen, der eine weit gefasste Toleranz für politische Meinungsäusserung hat und dennoch in der Sache argumentativ entgegentreten kann, ist eben das: ein Vermögen des Individuums und kein Prinzip. In Analogie zu Friedrich Nietzsche kann man sagen: Hinter dem Rekurs auf Prinzipien steht mitunter nicht mehr als ein Unvermögen in der Sache. Eine Schwäche der 68er war es denn auch, dass sie mit zunehmendem gesellschaftspolitischem Erfolg Prinzipien an die Stelle ihres unzweifelhaft bestehenden vitalen Vermögens gesetzt haben.

Werner Bruns und Markus Müller sind Honorarprofessoren an der Rheinischen Hochschule Köln bzw. der Zeppelin-Universität Friedrichshafen und waren Mitglieder von FDP-Grundsatzkommissionen.


Aus: "Gastkommentar: Politische Korrektheit ist oft nicht mehr als zum Prinzip erhobenes Unvermögen"
Werner Bruns und Markus Müller (3.5.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/politische-korrektheit-ist-oft-nicht-mehr-als-zum-prinzip-erhobenes-unvermoegen-ld.1371721



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« Reply #725 on: May 06, 2018, 08:38:22 PM »
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[...] Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat herausgefunden, dass der Gehaltsabstand zwischen Topmanagern und Arbeitnehmern in den 30 Dax-Konzernen weiter gestiegen ist. Verglichen mit dem Durchschnittsgehalt in ihrem Unternehmen verdienten die Vorstandsmitglieder im vergangenen Jahr 71-mal so viel. 2005 hatte dieser Wert noch bei 42 gelegen. Frank Appel, Vorstandschef der Deutschen Post, erreicht mit dem 232-fachen Jahreseinkommen den Spitzenplatz in der aktuellen Rangliste. ...

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fürdieWahrheit #3

Reine Neiddebatte. ...


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  porrikles #3.18

"Ich als Eigentümer oder Aktionär möchte selbst entscheiden wem ich wieviel zahle."

Und ich möchte ein Pony. ...


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Mörre Nasenschein #3.19

Der Steuerzahler kommt sehr wohl für Managementfehler auf - zahlreich Unternehmen und Banken mussten ja bereits "gerettet" werden. Folge für Manager, wenn die alles in den Sand setzen: Millionenabfindung. Na gut, Leute für Entscheidungen zu bestrafen mag auch nicht so toll sein, das würde ja nur dazu führen, dass niemand mehr irgendwas riskiert, aber man kann doch erkennen, dass das Chance/Risiko Verhältnis fürs Management erheblich ungesund verschoben ist (denn wo ist denn deren Risiko?). Und ja, der Steuerzahler kommt gerade bei großen Unternehmen und Banken dann oft dran. ...


Quote
Jay87 #3.24

Wer hat denn die ganzen Banken gerettet indem diese verstaatlicht wurden? Welche Fluglinie wurde noch mit ein Paar Millionen Steuergeldern versucht zu retten und ist dann doch pleite gegangen?
Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wer das nicht erkennt und herleiten kann, hat entweder jeden Realitätsbezug in seiner neoliberalen Blase verloren oder lügt absichtlich, weil er von diesem System profitiert.


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Benjowi #3.26

Wenn dann allerdings Betrügereien auffliegen, wie das ganz offensichtlich bei der Deutschen Bank und VW der Fall war, gehören die Verantwortlichen -wie in den USA üblich, und an den dortigen Gehältern orientiert man sich ja- auch adäquat bestraft. Das Spiel hierzulande läuft auf Mitnahme des Besten aus zwei Welten hinaus, was durch offensichtlich merkwürdiges Verhalten -vorsichtig ausgedrückt- von Politikern ermöglicht wird. Man könnte durchaus auch auf die Idee kommen, dieses Land sei durch und durch korrupt.


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runner_64 #16

Der Staat und insbesondere die Gewerkschaft soll mal hier keine Neiddebatte entfachen. Das Finanzamt profitiert in starkem Maße von hohen Gehältern, schließlich müssen die zum pesönlichen Steuersatz von 42 + 3 % +Soli versteuert werden, während nur 25 % Körperschaftssteuer auf die Betriebsgewinne wegfallen. ...


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Henry C. Chinaski #3.30

Jaja, die gute alte Neiddebatte. Sie dient noch immer als Totschlagargument für diejenigen, die sich in der Debatte ansonsten nicht helfen können....


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Postis Plenus #28

Wäre mir völlig egal, wie viel der Postmann einsackt. Wenn er es wenigstens schaffen würde, die Aktie voranzubringen. ...


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eagle58 #42

Der Kapitalismus ist unmäßig. Niemand braucht so viel Geld, wie sog. Topmanager für sich vereinnahmen. Nach dem dritten Haus, dem x-ten Luxusschlitten, den Klunkern für die werte Gattin sind immer noch Millionen pro Jahr übrig. Wenn jemand allen Ernstes darüber verhandelt, ob er nun 30 oder 40 Mio bekommt, dann ist das einfach surreal und obszön. Leistung, Engagement und Verantwortung sollen honoriert werden, keine Frage. Man kann das aber sehr wohl begrenzen, da wo es einfach nur grotesk wird.


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Aus: "Wie viel ist zu viel?" Aus einem Kommentar von Marcus Rohwetter (DIE ZEIT Nr. 29/2018, 12. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/2018/29/managergehaelter-debatte-unternehmen-loesung

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[...] Die Deutsche Post macht die Entfristung von Arbeitsverträgen von den Krankheitstagen eines Mitarbeiters abhängig. Wie Bild am Sonntag berichtete, haben Niederlassungsleiter von der Konzernspitze ein sogenanntes Entfristungskonzept erhalten, an das sie sich halten sollen. Darin heißt es, dass Mitarbeiter in zwei Jahren nicht häufiger als sechsmal krank gewesen sein dürfen, beziehungsweise nicht mehr als 20 Krankheitstage angehäuft haben.

Weiter schreibe die Post vor, dass der Mitarbeiter "höchstens zwei selbstverschuldete Kfz-Unfälle mit einem maximalen Schaden von 5.000 Euro" verursachen darf. Zudem dürfen Postboten in drei Monaten nicht mehr als 30 Stunden länger für ihre Touren gebraucht haben als vorgesehen.

Ein Sprecher der Deutschen Post bestätigte die Konzernvorgaben, er sprach aber von einer "verantwortungsbewussten" Entfristungspolitik: "Die Kriterien berücksichtigen ausgewogen, nachvollziehbar und an objektiven Merkmalen orientiert die Interessen des Unternehmens, der Kunden und natürlich der Beschäftigten selbst und bewegen sich im Übrigen im geltenden rechtlichen Rahmen." Innerhalb des letzten Jahres habe die Post rund 9.000 befristete Arbeitsverhältnisse in unbefristete überführt. Wie viele Mitarbeiter insgesamt befristete Verträge haben, wollte der Konzern auf Anfrage nicht mitteilen.

"Diese Kriterien sind völlig menschenverachtend und ­sittenwidrig, und das bei einem Unternehmen, an dem die Bundesrepublik Deutschland beteiligt ist", sagt Beate Müller-Gemmeke, Grünen-Sprecherin für Arbeitnehmerrechte. Auch Peter Weiß (CDU), arbeitsmarktpolitischer Sprecher und Vorsitzender der Arbeitnehmergruppe der Union, kritisierte die Entfristungspolitik der Post: "So ein Kriterienkatalog, wie er vorliegt, ist ein Quatsch und der Personalabteilung eines Großunternehmens unwürdig."

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Filou Sophia #11

In der Callcenter-Branche läuft das genauso. Mehr als 10 Kranktage im Jahr und man wird nicht entfristet. So wird die Belastbarkeit, die qua hoher Intensität gegeben sein muss, abgeschätzt. Da die Arbeitsagentur ständig Nachschub an neuen Leuten für schlechte Arbeitsverhältnisse liefert, entsteht da auch kein Problemdruck. Trotz Niedriglöhnen.


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Simit #13

In unserem Depot sind mittlerweile fast 50% befristet, die Vorgaben des Konzerns sind auch nochmal in einem ganz anderen Licht zu betrachten wenn man die Tarifflucht im Hinterkopf behält. Die Post versucht ihre Haustarif Angestellten jetzt mit den DHL Töchtern als Gemeinschaftsbetrieb zusammen zu legen. Dort zahlen sie die im Norden und Osten erheblich schlechteren Regionaltarife für Logistiker und sie werden die örtlichen DHL Betriebsräte in 43 Standorten los. Die Abwertung des Berufs ist schon lange im Gange, dann gibt es mit Postlern, DHL Töchtern, Zeitarbeitern und Werksvertraglern eine 4 Klassen Gesellschaft mit zunehmend schlechter Bezahlung.
Eine Schande wenn man die riesigen Aktienanteile des deutschen Staates an der Post sieht. Der Konzern fährt jedes Jahr Rekordgewinne ein, Vorstandsgehälter werden immer frecher während die Zusteller immer härtere Bedingungen für weniger Geld machen sollen.


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bcool #16

Wir haben es hier mit Nedriglöhnern zu tun. Das sind die letzten in der Kette und müssen allen Anforderungen von ‚oben‘ standhalten. Zuviel Druck führt zu Krankentagen. Die Post sollte es mal mit einem neuen Führungsstil veruchen. Motivierte Mitarbeiter, die sichmit dem Unternehmen identifizieren werden seltener krank und leisten mehr. Die Post hält diese Leute anscheinend für Untermenschen. Man denke hier auch an die DHL-Fahrer, die zuküntig den Service ‚Abendzustellung‘ bringen müssen, ohnen einen Cent mehr zu verdienen. DHL will aber € 5,00 dafür kassieren. Sehr motivierend für die Mitarbeiter ...


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Schmalhans Küchenmeister #20

Postboten die sich schwer Krank zur Arbeit schleppen um ein Festvertrag zu bekommen .Herzlich Willkommen in der Marktkonformen Demokratie.


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drouiz #22

Befristete Arbeitsplätze dürfen meines Erachtens nur dort zum Einsatz kommen, wo befristet Arbeit anfällt, Saisonarbeit bei Erntehelfern, oder eine offenkundige Auftragsspitze, die nach einer definierten Zeit abgearbeitet ist. Die Post auszutragen ist aber weder saisonal noch in irgend einer anderen Perspektive von temporärem Aufwand. Das Unternehmen Post ist also schlicht asozial unterwegs, wenn es in derartigem Umfang befristet anstellt. Dies dient nur dazu Arbeitnehmer auszubeuten und zu entrechten. Ob dies durch Gesetze gedeckt ist oder nicht, bei einem derartigen Sozialverhalten kann man sich nur ekeln.


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klaboe #35

Es solltn Gewerkschaften und eine Sozialdemokratische Partei gegründet werden. Das wäre der Hit.


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Zivilisationswächter #42

Tja, so ist das halt. Die ganzen BWL-Krawatten machen die Planung und haben selber mit der Arbeit nichts zu tun. Irgendwelche theoretischen Modelle werden durchgerechnet und Kriterien festgelegt von Leuten, die im Leben nichts gehoben haben, was schwerer ist als ihr Laptop.

Im Ergebnis fährt mein Kollege dann in der Nachbarstraße rum, weil die nicht mehr zu meiner Tour gehört. Aber ich fahre dann zehn Minuten raus in den "grünen" Stadtteil, denn der gehört zu meiner Tour. Beide tragen wir Geraffel aus dem Internet zu Leuten, die überraschenderweise um halb Zehn gar nicht daheim sind. Die müssen ja alle arbeiten.

Wenn sich die Kollegin im Winter dann das Bein bricht, weil das verdammte Dienstfahrrad 160 Kilo wiegt den Berg rauf, ist sie länger als 20 Tage krank in zwei Jahren. Jede Wette. Aber die Krawatten haben eben was anderes ausgerechnet.

Und falls mal einer den ganzen Mist aufschreibt, kommt als Argument von oben immer nur "Das ist zu teuer". Also geht mehr Personal nicht, mehr Bezahlung auch nicht, also kommt auch keiner mehr nach. Und schon werden neue Touren geplant, von den Krawatten. Die Gewinnerwartung muß stimmen. "Feedback" ist nur dann willkommen, wenn es die eigene Traumwelt aus Zahlen bestätigt. Diejenigen, die massig Geld für ihre "Verantowrtung" kriegen, müssen mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung nicht leben. Wie so oft.

Die ganzen Paketschlepper sollten mal acht Wochen streiken. Aber das können sie sich nicht leisten.


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marcaurel1957 #42.1

So ist das Leben....wer in der Schule aufgepasst hat, muss nicht bei Wind und Wetter Pakete ausliefern.
Er könnte im geheizten Büro sitzen und als „Krawatte“ deutlich mehr verdienen.


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Adrian Pomerski #42.2

Wenn aber alle im geheizten Büro sitzen, wer soll Ihnen dann ihre Pakete liefern ?


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Aus: "Deutsche Post: Wer 21 Tage krank war, wird nicht entfristet" (6. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2018-05/deutsche-post-krankheitstage-arbeitsvertraege-entfristung

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[...] Der Versand von Briefen und Paketen über die Deutsche Post soll teurer werden. Der teilstaatliche Konzern kündigte am Dienstag teils deutliche Preiserhöhungen an. Was Verbraucher ärgern dürfte, freute die Anleger. Die Aktie ist am Dienstag deutlich geklettert, bis zum Nachmittag war es ein Plus von gut vier Prozent. Bei Börsianern machte sich Erleichterung breit, dass der Konzernvorstand die Gewinnprognose für dieses Jahr bestätigt hat und es nach dem mauen Frühjahr nicht noch schlimmer kommt: 3,2 Milliarden Euro will die Post am Jahresende als operativen Gewinn ausweisen können.

Was war passiert? Die Post, die noch zu gut einem Fünftel dem Staat gehört, hat im Wettbewerb um die Zustellung der Produkte der Online-Versender auf Expansion gesetzt. Der Sparte DHL ging es vor allem darum, UPS, Fedex, DPD und Co. Marktanteile abzuluchsen. Deshalb offerierten die Gelben Großkunden wie Amazon extrem günstige Konditionen. Sie wollten von dem wachsenden Markt profitieren, doch zugleich sind wegen des harten Konkurrenzkampfs die Einnahmen pro Sendung massiv gesunken – und zwar für alle Paketdienste.

Diese Entwicklung bedeutet, dass die Unternehmen ihre Kosten reduzieren müssen. Doch das wurde bei der Post nicht in ausreichendem Maß getan. Zumal es noch eine Gegenentwicklung gab. Der Konzern hat mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi einen Tarifvertrag ausgehandelt, der den Beschäftigten im vorigen Oktober 1,7 Prozent mehr Geld brachte. Diesen Oktober kommen noch einmal drei Prozent hinzu. Das ist gut für die Beschäftigten, doch es war auch ein Grund dafür, dass die Gewinnprognose um fast eine Milliarde auf 3,2 Milliarden Euro gesenkt wurde.

Die Aktie hat seit Jahresbeginn etwa ein Fünftel ihres Werts verloren. Der Chef der Brief- und Paketsparte, Jürgen Gerdes, wurde gefeuert. Konzernchef Frank Appel macht bis auf weiteres seinen Job mit. Er hat in der relativ kleinen Sparte mit Bücher- und Warensendungen bereits Aufschläge umgesetzt. Finanzchefin Melanie Kreis kündigte am Dienstag außerdem für das Paketgeschäft „überdurchschnittliche Preiserhöhungen“ an. Zudem sollen die Kosten mittels Vorruhestandsregelungen und mehr Effizienz unter anderem in den Verteilzentren spürbar gedrückt werden. Branchenkenner berichten, dass DHL auch stärker auf Paketstationen setzen will. Denn das Aufwendigste an der Zustellung sind die letzten Meter bis zur Wohnung des Adressaten.

Das gilt auch für das gute alte Briefgeschäft. Hier will die Post im nächsten Jahr das Porto erhöhen. Appel hat schon deutlich gemacht, dass es ein kräftiges Plus geben soll, wohl um beim leidigen Portothema für längere Zeit Ruhe zu schaffen. Laut Medienberichten soll sich der Standardbrief (bis 20 Gramm) von 70 Cent auf 80 Cent verteuern. Der Umfang der Erhöhung muss aber noch von der Bundesnetzagentur genehmigt werden. Denn die Post hat einen Sonderstatus: Sie ist von der Umsatzsteuer befreit, muss dafür aber die flächendeckende Zustellung garantieren. Für jeden Bürger muss eine Postagentur in 2000 Meter und ein Briefkasten in 1000 Meter Entfernung erreichbar sein. Die Post begründet die Aufschläge immer wieder mit steigenden Personalkosten und einem sinkenden Aufkommen bei den Briefen, beides verteuert den Transport pro Brief.

Die Bestätigung der Gewinnprognose bewerten die Branchenkenner als Hinweis darauf, dass Appel davon ausgeht, dass er seine Pläne in den nächsten Monaten erfolgreich durchziehen kann.

Das soll auch für das Vorzeigeprojekt Streetscooter gelten. Die Post baut den Elektrolieferwagen in Eigenregie. Man wolle die Produktion weiter hochfahren, um den Transporter verstärkt selbst zu nutzen und um mehr Fahrzeuge an Handwerker und andere Gewerbetreibende zu verkaufen, die sich verstärkt für das Fahrzeug interessieren. Es kursieren zudem Spekulationen, dass diese Sparte an die Börse gebracht werden soll. Die Bank Goldmann Sachs prüft offenbar diese und andere Optionen. Finanzchefin Kreis sagte aber, die nächsten zwei Jahre werde beim Streetscooter alles bleiben wie es ist.


Aus: "Die Post wird deutlich teurer" Frank-Thomas Wenzel (08.08.2018)
Quelle: http://www.fr.de/wirtschaft/porto-die-post-wird-deutlich-teurer-a-1558756
« Last Edit: August 08, 2018, 12:47:23 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #726 on: May 08, 2018, 01:20:59 PM »
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[...] Reichtumsporno? Armutsvoyeurismus? Zum Glück nicht. Der ARD-Film "Ungleichland - Wie aus Reichtum Macht wird" ist ein gelungenes Erklärstück zur Globalisierung. ...

Begleitet wird auch, stellvertretend für die Mittelschicht, eine Familie aus Leipzig. Zwei Kinder, Mutter nur Mutter, Vater mit "sicherem Job" bei Siemens. Zu Beginn wollen sie sich noch nach einer größeren Wohnung strecken, finanziell. Am Ende droht, weil der Job doch nicht so sicher ist, der soziale Abstieg. Unverschuldet in die Verschuldung?

Nicht, wenn es nach Gröner geht, der einfach "Gas gibt" und in seinem Leben nur dreimal krankheitsbedingt fehlte (und also einen guten Postboten abgeben würde). Er reißt sich eben, anders als andere, den Allerwertesten auf und zeigt ihn gerne her. Und auch nicht, wenn es nach Christian Freiherr von Bechtolsheim geht. Der Waldbesitzer und Nachfahre der Fugger beschreibt es als seine Aufgabe, das Vermögen vermögender Familien für kommende Generationen zu sichern. Die Frage hingegen, ob er das als Teil des Problems sieht, findet er "frech".

Genau hier, bei der Anhäufung von aberwitzigem Kapital und dessen Sicherung für die Nachfahren, findet der Übergang von Reichtum zu Macht statt. Aus dem Fenster geworfene Millionen landen nämlich immer häufiger bei Vermögensverwaltern wie BlackRock, die über Beteiligungen wiederum Einfluss auf die "Realwirtschaft" und damit die Politik nehmen, ganze Gesellschaften in Schattenverwaltung halten.

Wer reich genug ist, in Köln ein neues Stadtviertel zu bauen, der hat auch die Macht, die Stadt zur termingerechten Erteilung der Baugenehmigungen zu nötigen. Der Reiche kann aber auch, wenn er mitfühlend ist wie Gröner, den goldenen Fußballschuh von Lionel Messi zugunsten "benachteiligter Kinder" versteigern lassen - und die Charity-Veranstaltung von der Steuer absetzen, also vom Staat finanzieren lassen.

"In einer freien Gesellschaft", so die grundsätzliche Fragestellung des Film, "ist es schwer, das Gleichgewicht zu finden zwischen dem Ziel, Anstrengungen Einzelner zu belohnen und dem Wunsch, alle teilhaben zu lassen. Was ist, wenn das nicht mehr gelingt?" Die Antwort liegt auf der Hand, wiegt aber schwerer, wenn Nobelpreisträger Stiglitz sie gibt: "Wenn es nicht gelingt, einen neuen sozialen Vertrag zu schließen, werden die, die verletzt worden sind, die vielen, vielen Menschen, die verletzt worden sind, rebellieren."

Dieser Gefährdung der Demokratie (von links durch Rebellion gegen das System und seine Profiteure, von rechts durch Umleitung des Hasses auf die Schwächeren) begegnen die Macher von "Ungleichland" weniger mit erkennbarer Tendenz in der Berichterstattung. Sie greifen, und das ist eine sympathische Pointe, zu basisdemokratischen Mitteln. Auf Facebook, Twitter oder Instagram ist die Öffentlichkeit aufgefordert, mitzureden und sich gewissermaßen selbst herzustellen.

Im Film kommt, neben der Familie aus Leipzig, auch ein Pförtner zu Wort, der auf einer von Christoph Gröners Baustellen arbeitet. Ein melancholischer und eloquenter Mann, der keinesfalls tauschen möchte mit dem Chef. 2000 Euro verdient er für seine Tätigkeit. Wenn er sie aus dem Fenster wirft, sind sie weg.



Aus: "Das Geld aus dem Fenster werfen" Arno Frank (07.05.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/tv/ungleichland-ard-ueber-globalismus-das-geld-aus-dem-fenster-werfen-a-1206562.html

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[...] Die Befunde der Reportage klingen ernüchternd. Mit 17.000 Euro angespartem Vermögen kann man in Frankfurt am Main 3,3 Quadratmeter Wohnung erwerben. Ein Bauingenieur verdient 1970 Euro netto, ein angestellter Facharzt kommt auf 2780 Euro. Die Einkommen der Mittelschicht stagnieren oder sinken. Die Vermögensverteilung in Deutschland zementiert Ungleichheit. Ein Nachfahre der Fugger betreibt heute ein Family Office für Vermögende und outet sich als Dagobertist: Was man liebt, müsse man auch besitzen, beruft er sich auf Marion Gräfin Dönhoff.

Seit 1990 hat sich das Verhältnis zwischen Finanzvermögen und Realwirtschaft immer weiter auseinander gespreizt. Heute stehen 300 Billionen Dollar Finanzvermögen 80 Billionen Realwirtschaft gegenüber. Der Vermögensverwalter Blackrock verwaltet heute sechs Billionen Dollar, mehr als die addierten Staatseinnahmen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Deutschlands zusammen.

92 Prozent der 1940 Geborenen haben später mehr verdient als ihre Eltern. 40 Jahre später trifft das nur noch auf weniger als 50 Prozent zu. Der Traum, das Kind werde es einmal besser haben, scheint ausgeträumt. Der Immobilienunternehmer Christoph Gröner redet in der Reportage über seine Kinder, als gehörten sie zu seinem Asset Management. In der Rigaer Straße in Berlin streitet er wie ein Straßenkämpfer mit protestierenden Anwohnern eines von ihm entwickelten Neubauvorhabens. Bald, erzählt er, werde er eine neue Partei gründen. Ihn zieht es in die Politik, sein Vorbild scheint Emmanuel Macron zu sein. Argumentativ aber wirkt er unaufgeräumt, von einer kaum gebändigten Aggressivität geprägt.

Gröners Ambitionen scheint entgegenzukommen, dass die unter 30-Jährigen Demokratie nicht mehr für wichtig halten. Zwei Ökonomen halten dagegen: Thomas Piketty resümiert, die Mehrheit der Bevölkerung habe das Gefühl, von den Oberschichten im Stich gelassen zu sein. Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz plädiert für einen neuen sozialen Vertrag.

...  Der Soziologe Michael Hartmann sagt, in Deutschland gebe es doppelt so viel Milliardäre wie in Frankreich und in Großbritannien. Die Steuerpolitik der letzten 20 Jahre habe die Ungleichheit erheblich befördert. Die Gewinne der Kapitalgesellschaften hätten sich verdreifacht, ihre Investitionsquote aber sei von 50 auf vier Prozent gesunken.

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     Christian Wrobel (luke123), 08.05.2018 - 09:55

Leider wurden einige Unwahrheiten in der Sendung nicht richtiggestellt

Die Steuerquote hat sich in den letzten 50 Jahren kaum verändert. Der Staat verfügt also im Verhältnis zum BIP heute nicht über höhere Einnahmen als damals. Was sich allerdings verändert hat, das ist die Steuerlast der Arbeitnehmer. Die ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. In Verbindung mit der ebenso deutlich gestiegenen Abgabenlast haben AN in Deutschland die höchste Belastung in allen Ländern der OECD! Und jetzt darf man dreimal raten, welche Steuersätze im Gegenzug gesunken ist? Richtig, die Gewerbe- und die Körperschaftsteuer, die Vermögen- und die Erbschaftssteuer. Diesen Hintergrund hat man leider nur gestreift. Chance vertan.


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     Anna Lena Maier (al_maier), 08.05.2018 - 09:10

Der narzisstische Besuch der alten Dame

Was treibt einen solchen Menschen an, sich in so eine Sendung zu setzen und Millionen zu zeigen, was für ein asozialer Schnösel man ist ?
Wer für das Psychologiestudium noch ein Anschauungsexemplar für die narzisstische Persönlichkeitsstörung sucht, findet in diesem Herrn Görner ein Musterexemplar.
Auch wenn der Mann baut wie ein Eichhörnchen, man hat solche selbstgekrönten Hobbykaiser schon von einen Tag auf den anderen in der Gosse oder im Knast gesehen, schon lange vor Jürgen Schneider.


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  Christian Borgelt (borgelt), 08.05.2018 - 07:04

Umverteilung: Geldpolitik und Cantillon-Effekt

Beim Thema Ungleichheit scheint wieder einmal allen nur staatliche Umverteilung von oben nach unten (von reich zu arm) einzufallen. Sinnvoller wäre, herauszufinden, wieso es denn in den vergangenen Jahren/Jahrzehnten zu einer fortschreitenden Umverteilung von unten nach oben (von arm zu reich) gekommen ist, damit man die Ursachen beheben kann. Ein wichtiger Ausgangspunkt hätte hier das Ungleichgewicht von Finanz- und Realwirtschaft sein können. Wesentlich ist nämlich der durch die Geldpolitik der Zentralbanken (Geldmengenausweitung durch Herabdrücken der Zinsen unter das Marktniveau) bewirkte Cantillon-Effekt (nach Richard Cantillon, 1680-1734), durch den diejenigen, die neu geschaffenes Geld zuerst erhalten (Banken, Großunternehmen, Staat), auf Kosten derjenigen profitieren, bei denen es zuletzt ankommt (Arbeitnehmer). Bekämpfen könnte man diesen Effekt durch eine Rückkehr zu "gesundem Geld" ("sound money"), das nicht staatlicherseits inflationierbar ist, z.B. ein Goldstandard.


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Aus: "Ungleich vor dem Gesetz?" Hans Hütt (08.05.2018)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik-hart-aber-fair-ungleich-vor-dem-gesetz-15579461.html

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[...] Gröner beklagt in seinem Brief bundesweite Attacken gegen sein Unternehmen "wegen unseres Engagements in der Rigaer Straße". Zitat: "Fahrzeuge von uns und unseren Partnern werden angezündet, ein Wachmann wurde krankenhausreif geschlagen, wir und unsere Partner sind regelmäßig das Ziel von Anschlägen, teilweise unter Inkaufnahme von Personenschäden."

Die Übergriffe setzt er in Zusammenhang mit der Situation vor Ort. Denn als Aufhänger für sein Schreiben verweist Gröner auf die Auseinandersetzungen Ende Mai in der Rigaer Straße, als mehrfach Polizisten massiv angegriffen wurden.

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Aus: "Der Brief des Investors: Christoph Gröner, die Rigaer Straße und der Rechtsstaat" Thomas Frey (09.06.2017)
Quelle: http://www.berliner-woche.de/friedrichshain/politik/der-brief-des-investors-christoph-groener-die-rigaer-strasse-und-der-rechtsstaat-d126764.html

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[...] „Ich bin ein Kerl, ich hab Eier“, sagt Bauunternehmer Christoph Gröner (49). Der 1,95-Meter-Mann (95 kg) ist einer, der noch höher hinauswill und dabei nicht klein beigibt. Den Steglitzer Kreisel kann er nach langem Ringen mit 330 Wohnungen bestücken. Aber sein Projekt im und ums frühere Postscheckamt am Landwehrkanal mit 711 Wohnungen, Kita, Hotel und Gewerbe hakt.

„Planungsverfahren werden mutwillig hinausgezögert“, wirft Gröner dem Bezirksamt Kreuzberg vor. „Vor dem Jahr 2020 werden wir da keine Wohnungen haben.“ Wenn überhaupt.

... Gröner kennt kein Pardon mehr, fühlt sich von der Politik nicht hinreichend unterstützt. Auf seiner Baustelle in der Autonomen-Hochburg Rigaer Straße (Friedrichshain) haben ihn schon Vermummte umringt, ein Wachmann wurde zusammengeschlagen, Firmenfahrzeuge abgefackelt – und kürzlich wurde sogar topfschlagend sein Büro in Wilmersdorf besetzt.

Gröner glaubt an einen Zusammenhang zwischen dem Widerstand in der Rigaer Straße und dem Schneckentempo bei der Bearbeitung des Post-Projektes. Er ist empört: „Warum interessiert niemanden, dass ich auf dem Postgelände statt 25 sogar 30 Prozent Sozialwohnungen baue? Warum interessiert nicht, dass ich die größte Erdwärmeanlage der Region baue? Es interessiert niemanden, dass wir alles übererfüllen, dass wir ökologisch bauen, kein Styropor an die Fassaden kleben.“

CDU-Fraktionschef Florian Graf (43): „Die Situation ist so verhakt – der Senat sollte das Projekt übernehmen und an sich ziehen.“


Aus: "Blockiert der Bezirk? - Dieser Investor plant eine Vier-Mio.-Euro-Klage gegen Kreuzberg" (21. August 2017)
Quelle: https://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/dieser-investor-plant-eine-vier-mio-euro-klage-gegen-kreuzberg

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[...] "Wenn Sie ein großes Vermögen haben, können Sie es durch Konsum nicht mehr zerstören. Sie schmeißen das Geld zum Fenster raus und es kommt zur Tür wieder hinein", sagt Christoph Gröner, einer der größten deutschen Immobilienentwickler. Er baut in nahezu allen Großstädten Deutschlands Mehrfamilienhäuser, verkauft Eigentumswohnungen und plant ganze Stadtviertel.

"Wir Unternehmer sind mächtiger als die Politik, weil wir unabhängiger sind." Der Film "Ungleichland" begleitet Christoph Gröner in seinem Alltag. Er ist durch harte Arbeit nach oben gekommen und sagt: "Wir leben in der geilsten Gesellschaft der Welt. Hier kann jeder werden, was er will." Aber solch ein Aufstieg gelingt nur wenigen.

In einem der reichsten Länder der Erde geht es ungleich zu. Die Reichen setzen sich ab, die Armen sind abgehängt. Die Mittelschicht kämpft, um den Status zu halten, statt wie früher durch Arbeit und Leistung den Aufstieg zu schaffen. Jüngere Menschen haben heute weniger verfügbares Einkommen als die Generationen davor.

Der Film bereist das "Ungleichland" Deutschland und liefert anschaulich Zahlen und Hintergründe. Die weltweit führenden Forscher und Experten zum Thema Ungleichheit kommen zu Wort, etwa der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, Ökonom Thomas Piketty, oder Brooke Harrington, die intensive Feldforschung bei den Anlegern der internationalen Finanz-Elite betrieben hat.

Branko Milanovic war Chef-Ökonom der Weltbank und zieht eine Bilanz der Globalisierung: Verlierer, sagt er, seien die unteren Mittelschichten der reichen Länder – wie Deutschland. "Diese Menschen verdienen heute das, was sie auch schon vor 20 Jahren verdient haben. Wie vor hundert Jahren", so fasst es Milanovic zusammen, "steht die Menschheit auch heute wieder an einer Kreuzung: Lässt sie zu, dass die wachsende Ungleichheit die Gesellschaften der reichen Länder zerreißt? Oder hält sie dagegen?"

...


Aus: "Ungleichland – Wie aus Reichtum Macht wird" (07.05.2019)
Quelle: https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/ungleichland-wie-aus-reichtum-macht-wird-folge-2-100.html

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[...]. Jetzt sollen sich sechs „Story“-Filme mit gesellschaftlich kontroversem Stoff beschäftigen. Zum Auftakt der Reihe „Was Deutschland bewegt“ geht es um Langzeitarbeitslose und prekär Beschäftigte. So berichten Knud Vetten und Florian Farken in „Die Schattenseiten des Booms“ von der gängigen Methode, wie der Mindestlohn in der Reinigungsbranche systematisch unterlaufen wird. Wenn die Arbeit nicht in der vorgegebenen Zeit geschafft werden kann, muss nachgearbeitet werden – freilich ohne Bezahlung. „In 70 Prozent der Fälle schafft man es nicht“, sagt die Bereichsleiterin einer Unternehmensgruppe, die 5000 Mitarbeiter beschäftigt. Das Thema wird sodann von Frank Plasbergs „hart aber fair“-Talk aufgegriffen, auch das ist Programm.

Zwei weitere Filme behandeln ebenfalls sozialpolitische Themen: „Ungleichland – Wie aus Reichtum Macht wird“ (7. Mai) beschäftigt sich unter anderem mit dem Unternehmer Christoph Gröner, dessen CG-Gruppe in Berlin etwa den Steglitzer Kreisel zum City-Tower umbaut.  ...


Aus: "Von Ausbeutung am Arbeitsplatz und Drogen in Berlin" (29.04.2018)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/medien/neue-ard-montagsreihen-von-ausbeutung-am-arbeitsplatz-und-drogen-in-berlin/21227164.html
« Last Edit: May 08, 2018, 01:29:02 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #727 on: May 09, 2018, 04:03:23 PM »
Quote
[...] Im politischen Sprachgebrauch nimmt der Begriff «bürgerlich» einen dominanten Raum ein. Die Parteien werden wie eh und je aufgeteilt nach bürgerlichen und nichtbürgerlichen. Ja gewisse Polit-Exponenten beanspruchen für sich, «echte» Bürgerliche zu sein, ohne dass jedoch stringent erläutert würde, worin sich denn Bürgerlichkeit oder gar eine sogenannt «echte» heute manifestiert.

Wie ist denn die Kategorie der Bürgerlichkeit oder der bürgerlichen Gesellschaft entstanden? Ausgangspunkt kann die von Jean-Jacques Rousseau eingeführte Unterscheidung von Citoyen und Bourgeois sein. Citoyen ist der Staatsbürger, der in der Tradition und im Geist der Aufklärung aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnimmt und dieses mitgestaltet.

Wie ist denn die Kategorie der Bürgerlichkeit oder der bürgerlichen Gesellschaft entstanden? Ausgangspunkt kann die von Jean-Jacques Rousseau eingeführte Unterscheidung von Citoyen und Bourgeois sein. Citoyen ist der Staatsbürger, der in der Tradition und im Geist der Aufklärung aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnimmt und dieses mitgestaltet.

Er entspricht also unserer Vorstellung vom politischen Bürger. Er setzt sich für das Gemeinwohl ein, partizipiert an der Bildung des Gemeinwillens und an der politischen Willensbildung. Sein Selbstverständnis basiert historisch auf den Werten der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Der Bourgeois stellt demgegenüber den Wirtschaftsbürger dar. Ihm geht es um Machtbegrenzung und Machtkontrolle, um Wohlfahrt und Wohlstand, um die Absicherung seiner individuellen Autonomie.

Die moderne bürgerliche Gesellschaft war von den Ideen der Aufklärung und einer säkularen Gesellschaft freier, mündiger Individuen jenseits des Staates und der Politik geprägt. Bürgerlich war nun eine neue Schicht oder Klasse innerhalb der Gesellschaft, die sich gegen den Absolutismus wandte, gegen den Adel, gegen Privilegien der Geburt, gegen die Macht der Kirche, auch gegen die Bauern. Damit verbunden war die Vorstellung einer sich selbst steuernden Gesellschaft freier und gleicher Bürger sowie einer vernunftgeprägten, räsonierenden Bürgerschaft. Daraus entwickelte sich einerseits die politische Idee der Volkssouveränität und anderseits das Ordnungsprinzip der Marktwirtschaft. Besitz und Bildung waren dafür konstituierend.

Essenziell für diese Bürgergesellschaft waren bürgerliche Tugenden wie Fleiss, Sparsamkeit, Ordnung und Pünktlichkeit, aber auch Respekt vor den Rechten anderer. Zu dieser sittlichen Kategorie der Bürgergesellschaft gehört auch eine bürgerliche Kultur, wie sie vom deutschen Philosophen Odo Marquard treffend wie folgt umschrieben wurde: «Die liberale Bürgerwelt bevorzugt das Mittlere gegenüber den Extremen, die kleinen Verbesserungen gegenüber der grossen Infragestellung, das Alltägliche gegenüber dem Moratorium des Alltags, das Geregelte gegenüber dem Erhabenen, die Ironie gegenüber dem Radikalismus, die Geschäftsordnung gegenüber dem Charisma, das Normale gegenüber dem Enormen.»

...

 

Aus: "Was heisst heute bürgerlich?" René Rhinow (3.2.2017)
Quelle: https://www.nzz.ch/meinung/citoyen-und-bourgeois-was-heisst-heute-buergerlich-ld.143345

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[...] Jägerzaun, Bratensauce und Wackeldackel auf der Rückbank des gepflegten Mittelklassewagens: der Bürger droht vom hehren historischen Begriff zur mitteleuropäischen Folklore abzusinken. Wenn man etwas mit dem Adjektiv „bürgerlich“ belegt, dann klingt das für viele fast schon satirisch, im besten Fall nach dem virtuosen Humor von Loriot und Walter Kempowski, im schlechtesten nach einer aussterbenden Spezies engstirniger Spießer.

Doch der Begriff ist noch nicht reif für das Heimatkundemuseum. Die digitale Revolution und die Globalisierung erzwingen geradezu eine Besinnung auf das Bürgertum und die dafür konstitutiven Tugenden. Das hat einmal mit den weltweit rasant anwachsenden Mittelschichten in den sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) zu tun, denn mit wachsendem Wohlstand streben immer mehr Menschen nach einem Lebensstil, der durch den Wunsch nach einer guten Bildung für die Kinder, einem sicheren Lebensumfeld und einer gewissen urbanen Lebensqualität, für die das europäische Bürgertum über Jahrhunderte gekämpft hat, gekennzeichnet ist. Was Werbeagenturen auf der ganzen Welt als typisch europäischen Lebensstil abbilden, um Mode, Autos, Kosmetik oder Parfüm zu verkaufen, das sind im Wesentlichen Genreszenen europäischer Bürgerlichkeit.

Was Besucher aus Russland, Brasilien oder den Golfstaaten im alten Europa verblüfft und auch anzieht, sind nicht die Glaspaläste oder die teuren Autohäuser, die Shoppingmalls oder Villenviertel, sondern zivilisatorische Errungenschaften, die mit Geld allein nicht herzustellen sind, zum Beispiel das kommunale Freibad. In den meisten Ländern baden die Reichen in ihren bewachten Countryclubs, die Armen hingegen im Trüben oder gar nicht. Oder der Besuch von Grünanlagen, Konzertsälen und Fußgängerzonen, Vereine und Bürgerinitiativen - für uns banal und selbstverständlich, aber eben auch voraussetzungsreich; es klappt am Ende nur durch das Einüben von bürgerlichen Rollen und Werten.

Was bürgerliche Werte eigentlich sind, dafür ist die beste Quelle immer noch Herodots Bericht von Krösus und dem weisen Solon. Der war einst in der Klemme: Krösus lud ihn, ganz Oligarch seiner Zeit, ein, zeigte ihm Paläste und sein ganzes Bling-Bling und fragte danach den weisen Mann, wen er denn wohl für den glücklichsten Menschen auf der Welt halte. Herodot bemerkte, dass natürlich der König erwartete, selbst genannt zu werden. Solon aber sagte: „Tellos von Athen“ - ein absoluter Normalo. Die Begründung: Tellos hatte in einer Stadt, in der Frieden herrschte und niemand Not litt, Kinder und durfte sehen, dass auch sie alle Kinder bekamen und am Leben blieben. Er hatte auch stets ein gutes Auskommen, vor allem aber sein Tod zeichnete ihn für den Weisen als glücklichen Menschen aus: Er gab sein Leben bei der Verteidigung Athens, bewirkte die Flucht der Feinde und wurde darum postum in Ehren gehalten.

Der bürgerliche Lebensentwurf ist also von Anfang an einer, dem es um das Glück geht - der Stadt, der Familie und natürlich auch des Einzelnen. Und dazu gehört, dass dem Bürger etwas abverlangt wird, es ist ein aktives, öffentliches Leben - auch wenn der Heldentod heute wegen Überbeanspruchung in zwei Weltkriegen als konstitutives Element europäischer Bürgerlichkeit ausgedient haben dürfte.

Diese aktive Komponente der Bürgerlichkeit ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verlangte der amerikanische Präsident George W. Bush von seinen Mitbürgern, als er von ihnen alles hätte haben können, nicht, für ihre Ideale auf die Straße zu gehen, sondern ermahnte sie, „wieder einkaufen zu gehen“. Dabei ist der Bürger gerade nicht nur der Verbraucher. Ein urbürgerliches Prinzip ist ja gerade das der aufgeschobenen Gratifikation: Wenn sich die Eltern im Konsum mäßigen, bleibt vielleicht noch etwas für die Zukunft der Kinder und der Enkel.

Die Verheißung der digitalen Warenhäuser, alles sofort und per Doppelklick bekommen zu können, selbst - „Kredit jetzt und ohne Schufa“ - das Geld, um für all den Kram zu zahlen, ist eigentlich regressiv und despotisch. Dazu passt die Klage von analogen Fachverkäuferinnen, dass die Geduldsfäden des weniger als König denn als Despot oder Kleinkind auftretenden Kunden immer kürzer, die Extrawünsche hingegen immer länger würden.

Eine weitere bürgerliche Errungenschaft ist die Trennung von privater und öffentlicher Sphäre, aber auch von Arbeits- und Freizeit. Die gibt es, historisch betrachtet, im Adel nicht; auch nicht in der Armee, nicht im Klerus, und die landwirtschaftlich beschäftigten Habenichtse hatten zumeist andere Sorgen und konnten sich auch nicht der Bildung oder der Kunst widmen, wenn die Ernte einzubringen war oder die Kuh kalbte.

Die Internetkonzerne und die staatlichen Dienste greifen diese historisch gewachsene Trennung an: die einen, weil sie suggerieren, das Hochladen intimer Inhalte in die digitale Wolke sei unbedingt erstrebenswert; die anderen, weil sie sich - und nie ist das nachzuprüfen - im Namen der Sicherheit um Dinge kümmern, die sie nichts angehen. Bürger lehnen beides ab. Diese Trennlinie muss übrigens auch habituell eingeübt werden: Zwar können wir die Inhalte dessen, was wir auch gerne abends auf dem Sofa ansehen, ständig abrufen; das in den privaten sozialen Kontext passende Verhalten, die Kleidung und die Gesten aber sollten nicht exportiert werden, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt.

Bürgerliche Prinzipien sind Übungssache, in ihrem Wesen aber geht es in ihnen um zentrale Werte. In einer bürgerlichen Gesellschaft übernimmt die Gemeinschaft existentielle Aufgaben wie Sicherheit, Gesundheit und Bildung, sie ist das Gegenmodell zu einer von Oligarchen dominierten Ordnung, in der gegen Bezahlung alles geht und ohne Geld alles erduldet werden muss. Darum sind allzu krasse soziale Unterschiede auch bald das Ende des bürgerlichen Miteinanders.

Die digitalen Unternehmen, die privaten wie die staatlichen Agenten der neuen Zeit bedrohen das bürgerliche Ideal, weil sie - Frank Schirrmacher hat es in seinem Buch „Ego“ dargelegt - einem unbürgerlichen Menschenbild anhängen. Dass sich die Welt in Gewinner und Verlierer teilt, in Genießer und Opfer, und dass es auch das Beste wäre, man könnte den Bürger zum Nutzer, den Nutzer zum Kunden und den Kunden zum ausgeforschten und ausrechenbaren Klickvieh machen - dieses Menschenbild widerspricht bürgerlichen Tugenden und Werten.

Es führt in eine Gesellschaft der Oligarchen, der großen Firmen und opaken staatlichen Agenturen auf der einen Seite und der vielen anderen, die mehr oder weniger hilflos im Netz zappeln. In vielen Ländern ist man auf dem besten Weg dahin, und das ist fatal: Die zahlreichen Emanzipationsbewegungen und Bürgerrechtsbewegungen in den sich entwickelnden Staaten scheitern nicht an falschen Ideen oder mangelndem Mut, sondern am Fehlen einer ausreichend großen, angemessen einflussreichen bürgerlichen Schicht. Die berühmten sozialen Netzwerke, also gewerbliche digitale Dienstleistungen, können solch eine bürgerliche Empörung optimieren, aber sie können nicht den komplizierten soziokulturellen Prozess ersetzen, der zur Ausbildung eines selbstbewussten Bürgertums nötig ist.

Durch das Prinzip der aufgeschobenen Bedürfnisbefriedigung, der Abstraktion von eigenen Interessen und privatem Nutzen im Namen von universellen Werten - man findet es richtig, Kunst, Wissenschaft, Sport- und Grünanlagen zu fördern, auch wenn man sie selbst gar nicht nutzt - , durch die Verbindung von privater Idiosynkrasie und öffentlicher Verantwortung und die Bereitschaft, unabhängig von Machtbeziehungen, Klientelismus und Korruption zu argumentieren und abzuwägen, ist das Bürgertum mit seinen mitunter drolligen Kleidungsstilen, Tischsitten und Benimmregeln, dessen diskreter Charme Luis Buñuel trotz allem faszinierte und dem er darum faszinierende Filme widmete, global gesehen, immer noch unsere beste Hoffnung.

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Walther Schmidt (silitoe), 29.11.2014 - 14:09

Die schmerzhafte Wahrheit...

Die Bürgergesellschaft, die der Autor beschreibt, gibt es nicht und gab es auch nie. Denn die Bürgergesellschaft des Autors, die in der Vergangenheit bestand, war auch eine Dienstmädchengesellschaft mit wenig wirtschaftlicher Umverteilung. Mit modernen Maßstäben betrachtet (die ich nicht teile) gehörte zu dieser Bürgergesellschaft auch ein erheblicher Anteil sozialer Ungerechtigkeit gegenüber den Nicht-Eigentümern. Wie die vergangene Bürgergesellschaft funktionierte, kann man heute noch an den städtischen Theatern sehen. Diese werden auch von der Mehrheit finanziert und nutzen der kleinen Gruppe der Bildungsbürger (und den Theaterleuten).

Der Autor malt ein Trugbild.

Wer an den Bürgerbegriff des 19. Jahrhunderts oder der Weimarer Republik anknüpft, der sollte nicht vergessen, dass die seinerzeitigen Bürger in Wahrheit nur eine kleine gesellschaftliche Minderheit stellten. Meine 1900 geborene Urgroßtante war als junges Mädchen Dienstmädchen in Köln bei "feinen Leuten". Die Gleichheitsgesellschaft, die sich in der BRD nach dem Krieg aufgebaut hat, kennt nur noch Kleinbürger. Wer als Lehrer mit A 14 im Frankfurter Speckgürtel lebt, fährt inzwischen sehr lange mit der S-Bahn in die Stadt. Und das muss auch so sein, weil wir nämlich nicht alle Bürger sein können, mit FAZ, Eigenheim und mittlerem Oberklassewagen, sondern wir können in der Realität im Durchschnitt nur alle Kleinbürger sein, mit kleinem Reihenhaus weitab, und Gebrauchtwagen. Dabei ist Lehrer noch ein überdurchschnittlicher Beruf. Das ist die Realität.


Quote
Alexander Mangold (12Bit), 26.11.2014 - 20:14

 Den Bürgerbegriff ist schon längst obsolet geworden.

Der Bürgerbegriff ist nur noch eine leere Hülle, denn es fehlen die Bürger darin, diejenigen, die diesen Begriff ausfüllen können. Es ist ein Mißverständnis, die digitalen Unternehmen der Herabwürdigung des Bürgers zum Konsumenten und "Klickvieh" zu bezichtigen - das tun wir nämlich selbst. Wir machen diese Unternehmen groß, wir hängen uns allzu leichtfertig an die moderne Technologie, ohne zu reflektieren. Wir haben uns schon längst selbst umgedeutet vom mündigen Bürger zum reinen Verbraucher auf Lebenszeit. Dies alles ist nicht einfach so von höherer Stelle über uns hereingebrochen (eine höchst unbürgerliche Sicht der Dinge), dafür sind wir schon selbst verantwortlich. Man muß sich nur auf Facebook und Co. umsehen: der moderne Mensch macht sich Tag für Tag freiwillig zum "Klickvieh" und hält das für Fortschritt. Bei den hier und da noch zu erkennenden Überresten der bürgerlichen Sphäre handelt es sich längst um reine Äußerlichkeiten.


...


Aus: "Neue Bürgerlichkeit : Bürger sein ist Übungssache" Nils Minkmar (25.11.2014)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/neue-buergerlichkeit-buerger-sein-ist-uebungssache-13285999.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0
« Last Edit: May 09, 2018, 04:05:57 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #728 on: May 09, 2018, 04:49:49 PM »
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[...] [2012] ... Die Grünen haben eine neues Zauberwort gefunden: „bürgerlich“. Ist „bürgerlich“ ein unverfängliches Wort? Meint es den Abschied von realitätsuntüchtigen Flausen, eine Orientierung am Gemeinwohl? Oder ein Anschmiegen an die selbst ernannten bürgerlichen Parteien Union und FDP?

Das Wort „bürgerlich“ schillert. Es hat im Deutschen mindestens zwei Bedeutungen. Es kann den Staatsbürger meinen, also in einem egalitären Sinne bedeuten, dass sich die Grünen als Partei aller verstehen und stets das Gemeinwohl im Sinn haben. Allerdings ist „bürgerlich“ auch eine Klassenbezeichnung und wäre somit eine Geste der Distinktion, die die Grünen als Partei einer Gruppe inszeniert, die sich über einen bestimmten Habitus definiert. Die Grünen werden von gut verdienenden Beamten und Selbstständigen gewählt, Niedrigverdiener gibt es in der Partei kaum. Nur die FDP ist sozial so exklusiv wie die Grünen.

Bei den Grünen nimmt die „neue Bürgerlichkeit“ eine seltsam changierende Gestalt an. Laut Cem Özdemir sind die Grünen konservativ, aber nicht im überkommenen Sinn. Andererseits wollen die Grünen auch links sein, wenngleich auch keine traditionelle Weltanschauungspartei. Die Grünen nähern sich mit ihrer Wertschätzung der Familie kirchlichen Positionen an, sind aber andererseits entschieden antikirchlich, was Abtreibungen und die Sexualmoral anlangt. Diese programmatischen Äußerungen sind gerade in ihrer Widersprüchlichkeit Ausdruck des postmaterialistisch-alternativen Milieus.

Was ist also neu an der „neuen Bürgerlichkeit“? In einer längst untergegangenen Welt firmierten Teile der akademisch gebildeten kleinbürgerlichen Schichten unter dem selbst gewählten Begriff des „Bildungsbürgertums“. Politisch abstinent, kompensierten sie ihre Machtlosigkeit durch den Anspruch, Bildungselite zu sein. Sie hatten Angst vor der Anonymität des modernen Kapitalismus und verachteten dessen Protagonisten. Gleichzeitig verabscheuten sie die „Plebejer“ und klammerten sich an ihre prekäre gesellschaftliche Stellung.

Manchmal hat man den Eindruck, dass in der „neuen Bürgerlichkeit“ das alte Bildungsbürgertum gleich Untoten sein Unwesen treibt. Es gibt kein Revival privater Dichterlesungen, wo Jünglinge an den Lippen verehrter Meister hängen. Dennoch ist die Rückbesinnung auf die angeblichen Tugenden des Bildungsbürgertums wie eben die Wertschätzung von Bildung im weiten Sinn, von Höflichkeit und Anstand wichtig für das Selbstverständnis des grün-alternativen Milieus.

Nicht als starre Tugendlehre, sondern eher im Sinn eines Werkzeugkastens, aus dem man sich nach Bedarf bedient. Für das grün-alternative Milieu steht Geborgenheit vor experimenteller Lebensführung. Es ist der ökonomische Druck, die Gefahr des Absturzes in die Unterklasse, die die Sehnsucht nach stabilen Verhältnissen befördert. Hier finden sich reale Anknüpfungspunkte an die Lage des „klassischen“ Bildungsbürgertums.

Neu an der „neuen Bürgerlichkeit“ ist, dass die Konzentration auf Familie und Freundeskreis nicht gleichbedeutend ist mit dem Rückzug ins Private. Offenheit gegenüber der Welt und ihren ungelösten Problemen gehört zur Grundausstattung. Insofern gibt es einen universalistischen Grundzug im Denken. Neu ist auch das politische Selbstverständnis als Bürger. In ihm steckt der Anspruch, verantwortungsvoll dem Gemeinwohl verpflichtet zu sein.

Vorbild ist der „Citoyen“ der neuzeitlichen demokratischen Revolutionen. Wir bewegen uns hier im Bereich hoher Normativität. Aber auch der Citoyen von heute ist in die Lebenswirklichkeit verwickelt. Als Angehöriger des grün-alternativen Milieus teilt er die Interessen und Befürchtungen seiner Schicht, er ist bürgerlich.

Einiges spricht dafür, dass im neubürgerlichen Selbstverständnis der Grünen dieser Subtext stark mitschwingt. Als vor zehn Jahren in den Feuilletons und Soziologieseminaren das Neubürgerliche entdeckt wurde, ging dies nicht zufällig mit der Debatte über die Unterschicht einher. Die Hartz-IV-Klientel, so das Bild, zeigte sich resistent gegen alle pädagogischen Aufforderungen, sich aus dem Fernsehsessel zu erheben und Aufstiegswillen zu demonstrieren.

Der leicht angeekelte Blick des Neobürgertums auf das RTL2 -Publikum war auch ein Abwehrreflex: die Selbstversicherung einer verunsicherten Mittelschicht, die ahnt, dass es auf der Rutsche Richtung Hartz IV ganz schnell gehen kann. Die grüne Bürgerlichkeit meint Werte und Gemeinwohl. Doch dabei schwingt etwas anderes mit: der Wunsch, Distanz zum sozialen Unten zu markieren.

Die Frage ist, ob die Grünen in der Lage sind, über ihre eigenen Schichteninteressen hinaus für die Interessen der „Unterklasse“ einzutreten. Kann die Partei ihre eigene Interessenlage transzendieren? „Ideen“, schrieb Karl Marx, „blamieren sich stets vor Interessen“. Aber was, wenn mittelständische Interessengruppen so stark von der universalistischen Sendung ihrer Politik ausgehen, dass sie sich über die schichtenmäßige Begrenzung ihres politischen Horizonts wenigstens zeitweilig überheben? Das wäre eine produktive Selbsttäuschung, die sehr starke Überzeugungen voraussetzt.

Die Grünen treten mit einem moderaten Umverteilungsprogramm an: Sie wollen den Spitzensteuersatz auf 49 Prozent heben und eine zeitlich begrenzte Vermögensabgabe für sehr Reiche einführen; dafür soll Hartz IV auf 420 Euro steigen. Diese Forderungen belasten zielgenau die eigene Klientel: die obere Mittelschicht. Werden die Grünen an der Regierung dem ökoorientierten Hochschullehrer und der grünen Rechtsanwältin wirklich ein paar tausend Euro im Jahr abknöpfen? Dies wird die Probe aufs Exempel, was die Grünen mit „Bürgerlichkeit“ meinen: soziale Abgrenzung nach unten oder Gemeinwohlorientierung.



Aus: "Debatte Neue Bürgerlichkeit: Bürgerliche Zombies" S. Reinecke, C. Semler (27. 11. 2012)
Quelle: https://www.taz.de/!5078544/

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Quote
[...] Mit ihren Steuerplänen belasten die Grünen vor allem ihre eigenen Wähler. Würden die Einkommensteuertarife so verwirklicht, wie es im Wahlprogramm steht, müsste die Wählerklientel der Grünen durchschnittlich auf rund zwei Prozent ihres Nettoeinkommens verzichten, rund 500 Euro im Jahr. Das geht aus einer Analyse des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit hervor, die der F.A.Z. vorliegt und inzwischen auch online abrufbar ist. Die Konzepte von Union und FDP dagegen entlasten die Bevölkerung, somit auch ihre eigenen Wähler. Die Linkspartei verteilt Geld von einkommensstarken Schichten hin zu ihren Wählern um. Nur die SPD will ihre Wähler ebenfalls belasten, allerdings in geringerem Maß als die Grünen.

...


Aus: "Steuerkonzept: Die Grünen belasten ihre Wähler" Patrick Bernau (22.08.2013)
Quelle: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/steuerkonzept-die-gruenen-belasten-ihre-waehler-12541538.html

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Quote
[...] Bei der letzten Bundestagswahl schnitten die Grünen mies ab, unter anderem wegen ihres Rufs nach Steuererhöhungen. Jetzt will die Partei alles anders machen - doch das ist ziemlich mühsam. ...

Die Steuerpläne der Grünen für die Bundestagswahl 2017 werden konkreter. Gut ein Jahr vor Beginn des Wahlkampfs haben führende Grüne ein erstes Konzept vorgestellt, das aus Sicht der Partei mehr Steuergerechtigkeit schaffen und Familien besser als bislang fördern soll. Es hält aber an entscheidenden Stellen mehrere Optionen offen. Damit lässt es viel Raum für einen Richtungsstreit.

Das 14-seitige Papier ist das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit einer internen Steuerkommission. Der Bericht soll eine "soziale, ökologische, generationengerechte Gesellschaft" beschreiben, wie Parteichefin Simone Peter am Montag sagte.

Zentrale Fragen sind bislang ungeklärt. So ist sich die Partei uneins darüber, inwiefern Vermögende in Deutschland stärker in Verantwortung genommen werden sollen. Selbst die eigene Doppelspitze ist gespalten: Parteichefin Peter vom linken Flügel hätte gern eine Vermögensteuer. Parteichef Cem Özdemir vom Realo-Flügel hält eine Erbschaftsteuer für gerechter. Außerdem können sich die Grünen bislang nicht zu einem klaren Modell zur Abschaffung des Ehegattensplittings durchringen.

Fest steht bislang aber: Man nimmt Superreiche ins Visier, außerdem will man die Familienförderung auf ein neues Fundament stellen. ...

Das Konzept soll das Wahlprogramm für 2017 vorbereiten. Parteichefin Peter hob hervor, ihre Partei wolle darin die Steuerpolitik nicht so stark in den Mittelpunkt stellen wie 2013. Statt "detaillistischer Modelle" solle das Grünen-Programm nur große Linien vorgeben, sagte sie.

Damals hatten die Grünen, unter anderem wegen ihres Rufs nach Steuererhöhungen für Verdiener im oberen Durchschnitt, viele Anhänger verprellt. Sie erreichten magere 8,4 Prozent, derzeit stellen sie die kleinste Fraktion im Bundestag. Nun wollen die Grünen offenbar ein Signal der Versöhnung an ihre Kernklientel senden - und rücken Superreiche in den Fokus. "Wir wollen, dass starke Schultern mehr tragen als schwache", so Peter.

Bis das neue Steuerprogramm endgültig steht, wird aber noch eine Menge Zeit vergehen. Spätestens ein Parteitag im November soll über den Steuerkurs abstimmen. Bis Januar 2017 will die Partei außerdem ihr Spitzenduo für den Wahlkampf küren.


Aus: "Neues Grünen-Konzept: Ran an die Millionäre, raus aus dem Ehegattensplitting" (11.07.2016)
Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steuerkonzept-der-gruenen-es-ist-kompliziert-a-1102502.html


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« Reply #729 on: May 17, 2018, 10:47:32 AM »
Quote
[...] Anfang Juli 2009 hatte Fischer einen zunächst bis Ende 2010 befristeten Beratervertrag mit den Energiekonzernen RWE Supply & Trading und OMV Gas & Power (Österreich) abgeschlossen, für die er in den beteiligten Ländern das private Pipeline-Projekt "Nabucco" vorantrieb. [7] Beide Unternehmen sind zusammen mit etwa 33 % an dem Projekt beteiligt und setzen dabei auf Fischers energie- und außenpolitische Erfahrungen, um politische Barrieren gegen das Projekt zu überwinden bzw. im Vorfeld zu vermeiden. [8] Dass Fischer als ehemaliger Spitzenpolitiker der Grünen, der Partei die aus der Anti-Atomkraftbewegung hervorging, sich nun für den Betreiber von Atomkraftwerken RWE einsetzte, steht für ihn scheinbar in keinem Widerspruch.[9]

Im Oktober 2009 verkündete Siemens, die Hilfe von Joschka Fischer (und Madeleine Albright) in Anspruch zu nehmen. Sie sollten den Konzern mit ihren "einzigartigen Erfahrungsprofilen und Netzwerken" zu "gesellschaftlichen und geopolitischen Fragestellungen sowie Gewichtsverlagerungen in der Weltwirtschaft" beraten. ...

[7] ↑ Pressemitteilung RWE, 06. Juli 2009, abgerufen am 19. März 2010
[8] ↑ "Energie-Lobbyist Fischer fordert Hilfe der EU", Welt.de vom 11. September 2009, abgerufen am 19. März 2010
[9] ↑ "Lobbying für das Nabucco-Projekt", taz.de vom 08. September 2009, abgerufen am 19. März 2010
[10] ↑ Pressemitteilung Siemens, 23. Oktober 2009, abgerufen am 19. März 2010

...


Quelle: https://lobbypedia.de/wiki/Joschka_Fischer (Stand 17.05.2018)

https://de.wikipedia.org/wiki/Joschka_Fischer

https://lobbypedia.de/wiki/Portal_Seitenwechsel

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[...] Der ehemalige Wirtschafts- und Außenminister Sigmar Gabriel soll in den Verwaltungsrat des geplanten Zugkonzerns Siemens Alstom einziehen. Doch sein Wechsel in die Wirtschaft sorgt vor allem in der Opposition für Kritik.

Sigmar Gabriel habe "aus Schröder nichts gelernt", sagte der Vorsitzende der Linken, Bernd Riexinger. "Gabriel geht in den Verwaltungsrat von Siemens und Alstom und hatte den Deal selbst mit eingefädelt". Damit verwies Riexinger auf den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der nach seiner Amtszeit in den Aufsichtsrat von Nord Stream und dem russischen Staatskonzern Rosneft gewechselt war.

Auch die Organisation Lobbycontrol kritisierte den schnellen Wechsel in die Wirtschaft – obwohl Gabriel sich nach eigenen Angaben "strikt an die neu geschaffenen gesetzlichen Vorgaben" hält und seine neue Tätigkeit mit der Bundesregierung abgesprochen habe. Doch der Sprecher von Lobbycontrol, Timo Lange, verlangte eine längere Karenzzeit. "Wir fordern eine Abkühlphase von drei Jahren, wenn ein Minister mit den Angelegenheiten eines Unternehmens direkt befasst war."

Als Wirtschaftsminister war Gabriel 2014 in einen anderen Übernahmeversuch zwischen Siemens und Alstom eingebunden, damals ging es um den Kraftwerksbereich. Am Ende bekam der US-Konzern General Electric den Zuschlag für die Übernahme eines Teils des Alstom-Geschäfts, und nicht – wie von Gabriel gewünscht – Siemens.

Die Konzernseite von Siemens Alstom will vor allem von Gabriels Erfahrungen profitieren. "Ich habe viel Respekt vor Sigmar Gabriel", sagte Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge. Der Ex-Minister kenne die internationalen Märkte und sei kompetent. Auch im Umfeld von Siemens wurde auf die große internationale Erfahrung Gabriels verwiesen.   

...

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CedrIL #1

Wir lachen ja immer über die Vetternwirtschaft und Geschäfte russischer Oligarchen und Politiker. ...


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voldir #11

Warum die Aufregung? Und warum eigentlich immer Gehard Schröder und nicht Roland koch, Ronald Poffala, Eckhard von Klaeden oder der Herr Wissmann? Allesamt von der CDU. Oder Philipp Rösler, Daniel Bahr oder Dirk Niebel? Von der FDP. Alle keinen Deut besser als Schröder. Der jetzige Aufschrei kommt doch Jahre zu spät.

In einer Demokratie werden politische Ämter und Mandate nur auf Zeit vergeben. Hierdurch kommt es nach dem Ende der Amtszeit regelmäßig zu einem Wechsel zwischen Politik und Wirtschaft. Stehen die neuen Tätigkeiten dabei im Zusammenhang mit den früheren politischen Zielen, sind Interessenkonflikte denkbar.
https://de.wikipedia.org/wiki/Wechsel_zwischen_Politik_und_Wirtschaft


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zeitlooper #11.2

Es hat System, sie haben vollkommen recht.


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777 #1.5

Vor zwei Monaten hat Herr Gabriel noch erklärt, für Lobbyarbeit nicht zur Verfügung zu stehen.

"Der frühere Außenminister Sigmar Gabriel sieht seine berufliche Zukunft nicht als Lobbyist. "Man soll nicht an Türen klopfen, hinter denen man selbst mal gesessen hat", sagte der SPD-Politiker der "Bild"-Zeitung."
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/sigmar-gabriel-ex-aussenminister-schliesst-arbeit-als-lobbyist-aus-a-1198719.html

Da war ich naiv genug, meine Meinung über diesen Politiker noch mal zu überdenken. Jetzt ist klar: Er weiß, was Anstand bedeutet, aber er hat keinen. ...


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  FremdeWelt #2.6

>>Er hält sich an die - erst neulich verlängerten - Fristen. Wo ist das Problem?<<

Das selbst diese verlängerten Fristen nichts anderes als ein Feigenblatt sind. Korruption läuft heute über Posten, Beraterverträge und ähnlichem ab. Nur weil dazwischen eine gewisse Zeit liegt, ändert das nichts daran.


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rickliestdiezeit #3

Unglaublich! Und sich dann bei der nächsten Wahl über das schlechte Wahlergebnis wundern ... Das ist Verarsche mit Ansage auf höchstem Niveau. Auch darin ist Gabriel brilliant. ...


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zeitlooper #10

Es ist immer lustig, wenn Politiker vor den Wahlen um das Vertrauen der Wähler bitten.


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marian0 #35

Na, jetzt sollte jedem endlich klar sein, warum führende - und auch nachrangige - Politiker immer zunächst die Interessen der Industrie notfalls auch gegen die Interessen der Bevölkerung, durchsetzen, bevor sie das Gemeinwohl evtl. auch noch in Betracht ziehen. Siehe den Dieselskandal.
Es wird klar, warum Gabriel sich als Wirtschaftsminister so vehement für CETA und TTIP eingesetzt hat und eine reine Namensänderung der Investor-Schiedsgerichte (Etikettenschwindel) als Erfolg verkaufen wollte oder warum er erfolgreich die Laufzeitverlängerung der unendlich schmutzigen Braunkohlekraftwerke durchgesetzt hat.
Die Industrie hat doch so viele schöne und gut bezahlte Posten zu vergeben. Da verhält man sich als Minister an Besten so, dass man für so einen gut dotierten Posten auch in Frage kommt.


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Pervoye Glavnoye Upravlenye #44

Natürlich hat man was daraus gelernt. Nämlich das es möglich und sehr lukrativ ist, wenn man nach dem öffentlichen Amt bei einer multinationalen Firma tätig wird. Selbstverständlich hat diese Aussicht auf den grossen Reibach keinen Einfluss auf die Amstführung.


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IrgendsoenTyp #36

Das einzige was mich dabei verwundert ist die Verwunderung. Na ja, die nächste Wahlfarce wird kommen und dann machen viele Verwunderte wieder ihr Kreuz und leben einen Moment ihre Illusion von Demokratie aus, während sie von ihren "Vertretern" geradezu verhöhnt werden.


...


Aus: "Siemens Alstom: "Aus Schröder nichts gelernt"" (16. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-05/siemens-alstom-wechsel-sigmar-gabriel-verwaltungsrat-reaktionen

« Last Edit: May 17, 2018, 10:59:37 AM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #730 on: May 17, 2018, 04:34:09 PM »
Quote
[...] Die Deutsche Post will nicht von ihrem Konzept zur Entfristung von Arbeitsverträgen abrücken. Der Süddeutschen Zeitung sagte Personalvorstand Thomas Ogilvie: "Wir werden an den Eckpunkten festhalten, denn sie haben sich in der Praxis bewährt und sind arbeitsrechtlich nicht zu beanstanden."

Das Unternehmen mit Sitz in Bonn stellt seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nur unter bestimmten Bedingungen einen unbefristeten Vertrag aus: Innerhalb von zwei Jahren dürfen Angestellte nicht mehr als 20 Krankheitstage angehäuft und nicht mehr als zwei selbst verschuldete Unfälle mit konzerneigenen Fahrzeugen verursacht haben. Die Post begründet diese Richtlinien mit dem Argument, dass eine gute körperliche Verfassung für den Job unumgänglich sei: "Unsere Mitarbeiter, die auch bei Wind und Wetter rausmüssen, brauchen eine gewisse körperliche Fitness", sagte Ogilvie der Zeitung.

Zudem betrachte das Unternehmen die Kriterien zur Entfristung als Anhaltspunkte: Über jede einzelne Entfristung werde individuell entschieden und dabei würden Entscheidungsspielräume auch genutzt, sagte Vorstandsmitglied Ogilvie: "Wenn es eine Grippewelle gab oder jemand einen Sportunfall mit langer Ausfallzeit hatte, kann von den Eckpunkten durchaus abgewichen werden." Grundsätzlich benötige die Post "wie jeder andere Arbeitgeber auch" bestimmte Kriterien, um über die Beschäftigung von Angestellten zu entscheiden. Man wolle "nicht willkürlich allein nach Bauchgefühl über die Entfristung von Verträgen entscheiden", sagte Ogilvie.

... Personalvorstand Ogilvie äußerte gegenüber der Süddeutschen Zeitung seine Verwunderung über die öffentlichen Reaktionen auf die Entfristungspraxis der Post: "Das Ausmaß der öffentlichen Diskussion und die meist verkürzte Behandlung dieses Themas hat mich durchaus überrascht." Die Deutsche-Post-DHL-Gruppe sei sich als einer der größten privaten Arbeitgeber weltweit der sozialen Verantwortung "sehr bewusst".

Der Logistikkonzern beschäftigt international rund 520.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 200.000 in Deutschland. Davon arbeiten wiederum 108.000 Personen als Zusteller.

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xaenders #8

"Die Deutsche-Post-DHL-Gruppe sei sich als einer der größten privaten Arbeitgeber weltweit der sozialen Verantwortung "sehr bewusst"."

Was für ein Witz. Die Post ist wahrscheinlich einer der unsozialsten Arbeitgeber des Landes. Die Leute, um die es hier geht, sind direkt bei der Post angestellt - denen geht es noch vergleichsweise gut. Fragen Sie mal einen von den extrem prekär bei Subunternehmen Beschäftigten, die die Post massenhaft einsetzt...



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Gladiola #9

Wir haben zur Zeit einen weitgehend leergefegten Arbeitsmarkt, das personalintensive Logistikgewerbe boomt nach wie vor und sucht ständig neue Mitarbeiter. Die Post hat ein hohes Interesse daran, gute und zuverlässige Mitarbeiter zu binden, zB durch unbefristete Verträge.

Umgekehrt möchte man Mitarbeiter mit hohen Ausfallzeiten nur wenn es nicht anders geht, und das wird auch noch oft genug der Fall sein. Die Post muss vielfach nehmen wen sie kriegt.

Man sollte aber auch mal ehrlich sein: Dauerkranke Mitarbeiter sind ein enormer Kostenfaktor für den Betrieb und eine Bürde für die Kollegen, die die Arbeit ja mitmachen müssen.
Ich finde es gut, dass sich die Post von der Stimmungsmache nicht beeinflussen lässt. Wenn jemand schon mit "unmoralisch" und "menschenverachtend" argumentiert kann man sich sicher sein, dass danach nur noch irrationaler Unsinn kommt.


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hans37 #9.1

"Man sollte aber auch mal ehrlich sein: Dauerkranke Mitarbeiter sind ein enormer Kostenfaktor für den Betrieb und eine Bürde für die Kollegen, die die Arbeit ja mitmachen müssen."

Sie haben sich lediglich die Definition von "Human Ressources" anstelle von "Menschen" zueigen gemacht.

Wenn ich so über meinen Sohn denken würde, wie Sie das offensichtlich grundsätzlich über Menschen mittlerweile tun, könnte ich ihn eigentlich gleich verkaufen. Aber vorher nochmal über die Bücher gehen, wieviel Zeit ich für ihn aufgewendet habe, was ich für Kleidung, Essen, Wohnraum etc für ihn ausgegeben habe - den entsprechenden finanziellen Aufwand errechnen und dann möglichst gewinnbringend verkaufen.

Ganz im Sinne der Verwertung einer Humanressource.

Ich weiss, dass das überspitzt formuliert ist, aber ich hoffe, dass Sie den Kern der Aussage wiedererkennen.


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Gladiola #9.4

Ich hab kein Problem mit überspitzten Formulierungen, finde aber trotzdem, dass der Vergleich hinkt:

Zu ihrem Sohn haben Sie ein höchstpersönliches Verhältnis, dass in keiner Weise von Kosten-Nutzen-Erwägungen geprägt sein sollte.

Zu einem Mitarbeiter haben sie so ein Verhältnis nicht, da gibt es - abhängig von der Dauer der Betriebszugehörigkeit - zwar auch soziale Aspekte, aber im Kern ist es doch eine reine Vertragsbeziehung, die man wegen wechselseitiger wirtschaftlicher Vorteile eingeht. Und die sollte ausgewogen sein, dh wenn die eine oder andere Seite arg schlecht abschneidet wird man die Beziehung beenden.

Bei einer familiären Beziehung ist das undenkbar.

"Ausbeuter" ist dann der nächste polemische Kampfbegriff. Auf die anderen gehe ich lieber nicht ein.


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frahmredder #14

Wird der Vorstand auch entlassen, wenn er öfter als 2 x krank war?


...


Aus: "Post will Regeln zur Entfristung beibehalten" (17. Mai 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2018-05/deutsche-post-befristung-arbeitsvertraege-fehltage

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[...] Die Paketboten in Deutschland sammeln viele Rekorde. Keine andere Berufsgruppe steigt wohl mehr Treppen am Tag. Oder schleppt mehr Kartons – außer vielleicht Möbelpacker und Umzugshelfer. Die Arbeit der Zusteller ist anstrengend. Eine Studie der Berufskrankenkassen zeigt: Sie belastet auch ihre Gesundheit.

In der Studie aus dem vergangenen Jahr vergleichen die Krankenkassen ihre Daten über Krankheitstage, Medikamenteneinnahme und auch Krankenhausaufenthalte von verschiedenen Berufsgruppen. Demnach nehmen die Beschäftigten der Postdienste in allen Kategorien Spitzenplätze ein.

Die Gesundheit der Paketboten rückt durch interne Vorgaben bei der Deutschen Post in den Mittelpunkt. Dort sieht ein sogenanntes „Entfristungskonzept“ vor, dass nur Mitarbeiter, die weniger als zwanzig Tage in zwei Jahren krankheitsbedingt aussetzen mussten, ohne Rücksprache von Niederlassungsleitern entfristet werden sollen. Zusteller sollten nicht mehr als sechs Mal in zwei Jahren krankgeschrieben worden sein, und nicht mehr als 30 Überstunden in drei Monaten auf ihren Touren sammeln. Das berichtete die "Bild am Sonntag", der Konzern bestätigte die Angaben offiziell.

Die Studie der Berufskrankenkassen zeigt die Realität in dem Beruf: 30,6 Krankheitstage sammelten die Zusteller und Zustellerinnen im vergangenen Jahr im Durchschnitt an. Deutschlandweit lag der Durchschnitt der Versicherten bei den Berufskrankenkassen nur bei 17,4 Fehltagen. Dazu zählen Krankheitstage, Ausfälle wegen Arbeitsunfällen und auch Abwesenheiten wegen Reha-Maßnahmen.

... Besonders häufig leiden die Zusteller unter Muskel- und Skeletterkrankungen. Mehr als ein Drittel aller Fehltage auf Rückenprobleme, Muskelzerrungen und ähnliche Beschwerden zurück. Bei den über 50-Jährigen Zustellern und Zustellerinnen sind über 90 Prozent der Versicherten wegen Muskel- und Skelettbeschwerden in Behandlung.

Auch bei Krankenhausaufenthalten sind die Beschäftigten der Postunternehmen Spitzenreiter: Keine andere Berufsgruppe muss öfter stationär behandelt werden. Insgesamt 1,2 Tage verbringt jeder Zusteller im Schnitt im Krankenhaus. Und auch wenn man statistische Effekte durch das Alter und das Geschlecht der Beschäftigten herausrechnet, zählen die Zusteller weiter zu den Berufsgruppen mit den häufigsten Krankenhausbesuchen.

Sie nehmen auch die meisten Medikamente. Insbesondere die Zustellerinnen nehmen die höchsten Tagesdosen an Arzneimitteln im Vergleich zu anderen Berufsgruppen. Darunter sind auch viele Antidepressiva.

Die Studie warnt auch vor den Auswirkungen von befristeten Verträgen auf die Gesundheit: „Befristet Beschäftigte sind seltener bei Ärzten oder Therapeuten als unbefristet Tätige“, heißt es.

Immerhin hat sich auch bei der Deutschen Post ein Umdenken eingestellt. 9000 Mitarbeiter seien laut Unternehmensangaben alleine im vergangenen Jahr entfristet worden. Mittlerweile würden Paketboten schon nach einem Jahr entfristet, sagt ein Sprecher. Und das „Entfristungskonzept“ sei ohnehin nie starr angewendet worden. Das sei gar nicht möglich, bei dem Mangel an Arbeitskräften in diesem Bereich.



Aus: "Deutsche Post So krank macht der Job als Paketbote wirklich" Jacqueline Goebel (10. Mai 2018 )
Quelle: https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/deutsche-post-so-krank-macht-der-job-als-paketbote-wirklich/21262456.html
« Last Edit: May 19, 2018, 03:17:24 PM by Textaris(txt*bot) »

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« Reply #731 on: May 18, 2018, 11:43:00 AM »
Quote
[...] KÖLN epd | Die Bundesregierung hat laut einem Bericht des TV-Magazins „Monitor“ in den vergangenen Jahren den Regelsatz für Hartz- IV-Empfänger systematisch nach unten gerechnet. Auf diese Weise spare sie jährlich rund zehn Milliarden Euro, teilte der Westdeutsche Rundfunk am Donnerstag mit. Lege man eine andere Berechnung zugrunde, dann müssten statt 416 Euro 571 Euro im Monat als Regelsatz für Bedürftige bezahlt werden.

Grund für den zu niedrigen Regelsatz seien fragwürdige Berechnungen des Existenzminimums, die bestimmte Ausgaben wie etwa für Alkohol, Tabak, Verkehrsmittel oder Reisen nicht vollständig berücksichtigten, hieß es. Außerdem gelten als Referenzgruppe seit 2011 nicht mehr die einkommensschwächsten 20 Prozent der Bevölkerung, sondern nur noch 15 Prozent.

Der Regelsatz soll „ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben“ ermöglichen, wie es das Bundesverfassungsgericht fordert. „Das ist mit den Regelsätzen, die wir jetzt haben, mit Sicherheit nicht mehr der Fall“, sagt der ehemalige Vorsitzende am Landessozialgericht Hessen, Jürgen Borchert, in dem „Monitor“-Beitrag, der am Donnerstagabend in der ARD ausgestrahlt werden sollte. Viele Sozialexperten in Deutschland sehen das genauso.

Irene Becker, Expertin für Verteilungsforschung, nennt das Vorgehen der Regierung „methodisch unsauber“. Das Ziel, das Existenzminimum zu errechnen, werde durch die Kürzungen systematisch unterlaufen. Auch weil sogenannte „verdeckt Arme“ bei den Berechnungen nicht herausgerechnet werden.

Insgesamt belaufen sich die Einbußen für Hartz-IV-Empfänger und Rentner auf rund zehn Milliarden Euro jährlich, wenn man den Betrag von 571 Euro mit dem derzeit gültigen Satz von derzeit 416 Euro monatlich vergleicht, wie es weiter hieß. Die Bundesregierung räumte dazu den Angaben nach ein, die Frage der Höhe des Regelbedarfs und des soziokulturellen Existenzminimums sei „nicht vorrangig eine Frage des Berechnungsverfahrens, sie muss politisch beantwortet werden.“

Quote
Mustardman
gestern, 16:21

Natürlich ist das eine politische Frage. Entweder man sieht H4 als Drohung, die Leute dazu bringen soll, auch die beschissenste Arbeit samt Umzug fern des sozialen Umfelds noch vorzuziehen oder eben nicht.



Aus: "Sätze systematisch heruntergerechnet" (17. 5. 2018)
Quelle: http://www.taz.de/Leistungen-fuer-Hartz-IV-Empfaenger/!5506714/

-

Quote
[...] Ursprünglich galten als Grundlage für die Hartz-IV-Sätze die Ausgaben der unteren 20 Prozent der Gesellschaft - eine Zahl, auf die sich auch die Bundeskanzlerin noch in diesem Jahr öffentlich bezog. Würde man davon ausgehen, käme man allerdings auf einen Regelsatz von 571 Euro monatlich, also deutlich mehr als die derzeitigen 416 Euro.

Was die Kanzlerin verschweigt: Unter ihrer Regierung wurde die Berechnungsgrundlage schon 2011 verändert. Statt der unteren 20 Prozent gelten jetzt nur noch die Ausgaben der unteren 15 Prozent der Bevölkerung als Grundlage für die Berechnung des Regelsatzes für Erwachsene.

... rene Becker ist Expertin für Verteilungsforschung. Wahrscheinlich gibt es niemanden in Deutschland, der sich mit den Berechnungen der Regelbedarfe besser auskennt als sie. Becker nennt das Vorgehen der Bundesregierung "methodisch unsauber". Das Ziel, das Existenzminimum zu errechnen, werde durch die Kürzungen systematisch unterlaufen - auch weil "verdeckt Arme" bei den Berechnungen nicht herausgerechnet werden.

 "Verdeckt Arme" sind Menschen, die eigentlich ein Anrecht auf Sozialleistungen haben, aber keine beantragen. Das sind immerhin 40 Prozent aller Menschen, die derartige Ansprüche geltend machen könnten. Durch solche Rechentricks werde der Regelbedarf weiter abgesenkt.

... Experten wie Sell vermuten hinter dem Vorgehen der Bundesregierung vor allem die drohenden Einbußen bei der Einkommensteuer. Da das Bundesverfassungsgericht entschieden hat, dass der Grundfreibetrag sich direkt aus dem Hartz-IV-Satz-ableitet, würde sich der Freibetrag bei jedem Einkommensteuerpflichtigen schlagartig deutlich erhöhen.

155 Euro monatlich mehr Hartz IV hießen 1860 Euro mehr Freibetrag für jeden Steuerzahler pro Jahr. Der Fiskus würde nach Monitor-Berechnungen so automatisch 15 Milliarden Euro jährlich verlieren. Sell hält dies für den zentralen Grund, "warum die Politik eine Anhebung der Hartz-IV-Sätze scheut wie der Teufel das Weihwasser."

...


Aus: "Wie die Bundesregierung die Hartz-IV-Sätze kleinrechnet" Jan Schmitt, WDR (17. Mai 2018)
Quelle: https://meta.tagesschau.de/id/134269/wie-die-bundesregierung-die-hartz-iv-saetze-kleinrechnet

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« Reply #732 on: May 20, 2018, 06:24:02 PM »
Quote
[...] Viele Menschen in Zentral- und Osteuropa fühlen sich ausgebeutet. Auch drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verdienen sie viel weniger als die Westeuropäer. Dieses Lohngefälle wirft Fragen auf.

«Skoda gewinnt als Autobauer fortwährend die Goldmedaille. Aber wir Arbeitnehmer sollen uns bei den Löhnen mit der Bronzemedaille zufriedengeben? Das ist inakzeptabel.» Jaroslav Povsik, der oberste Gewerkschafter bei Skoda, ist sichtlich ungehalten. «Die Löhne hier sollten deutlich höher sein.»

Der Gewerkschaftschef hat durchaus gute Argumente auf seiner Seite. Die traditionsreiche tschechische Automarke Skoda gehört seit bald drei Jahrzehnten zum deutschen Volkswagen-Konzern. Aber von Löhnen wie in Deutschland können die Tschechen nur träumen. So verdienen die 23 000 Skoda-Mitarbeiter am böhmischen Stammsitz in Mlada Boleslav durchschnittlich rund 12 € pro Stunde. Ihre Kollegen in den deutschen VW-Werken hingegen erhalten mindestens das Dreifache. «Dabei ist klar, dass die Produktivität der Skoda-Mitarbeiter vergleichbar ist mit derjenigen der VW-Beschäftigten – bei uns liegt sie wegen der längeren Wochenarbeitszeit wohl noch etwas höher», erklärt Povsik.

Der Fall Skoda steht beispielhaft für eine Debatte, die die östlichen EU-Länder stark beschäftigt. Zwar haben die Transformationsstaaten des ehemaligen Ostblocks seit der Wende wirtschaftlich enorm aufgeholt. Dennoch herrscht bei vielen Menschen Unzufriedenheit über das Erreichte. Man fühlt sich etwa von westlichen Konzernen ausgebeutet: einerseits, weil diese hohe Gewinne aus Ländern wie Tschechien, Polen oder Ungarn abziehen, anderseits, weil die Löhne immer noch viel niedriger sind als im Westen. In Tschechien sorgt dies für besonders viel Unmut: Gewerkschafter sprechen von einem «Eisernen Vorhang bei den Löhnen», die Sozialdemokraten forderten im jüngsten Wahlkampf ein «Ende der billigen Arbeit».

Sogar liberale Ökonomen bringen Verständnis auf für die Unzufriedenheit: Wenn man für die gleiche Produktivität nur einen Drittel des Lohnes erhalte, sei dies schwer zu akzeptieren, erklärt im Gespräch Jan Svejnar. Der gebürtige Tscheche lehrt als Professor in den USA und gehört zu den führenden Experten für die Ökonomie von Transformationsländern. «Es ist verständlich, wenn die Tschechen sagen: ‹Wir haben jetzt fast 30 Jahre seit der Wende gewartet, wir sind gut ausgebildet und arbeiten hart. Weshalb haben wir noch nicht aufgeholt?›»

Tatsächlich stellt das hartnäckige Lohngefälle zwischen Ost- und Westeuropa Ökonomen vor ein Rätsel. Zwar lässt sich gut erklären, warum ein Coiffeur in Prag deutlich weniger verdient als ein Kollege in Frankfurt oder Zürich. Weil solche Dienstleistungen nicht über die Grenzen handelbar sind, orientiert sich der Lohn an der Produktivität in der lokalen Wirtschaft. Und die gesamtwirtschaftliche Produktivität ist – gemessen am Bruttoinlandprodukt pro Kopf – in Tschechien eben immer noch deutlich niedriger als etwa in Deutschland. Sie erreicht in Wechselkursen gerechnet lediglich rund 50% des deutschen Niveaus.

Aber bei international handelbaren Gütern sollte das Bild anders aussehen. Weil ein Austausch über die Grenzen hinweg möglich ist, müssten sich die Löhne deutlich stärker an der tatsächlichen Produktivität orientieren. Der Fall Skoda bietet dafür ein gutes Anschauungsbeispiel. Autos stellen ein Exportgut par excellence dar. Die von Skoda in Tschechien hergestellten Fahrzeuge werden grösstenteils ausgeführt und vorwiegend in Europa zu den international üblichen Preisen verkauft.

Bei solchen Gütern sollten Unterschiede bei den Löhnen über die Zeit eigentlich verschwinden. So könnte Skoda ja einen Teil der Fertigung von den teureren deutschen Volkswagen-Werken übernehmen, was in Tschechien die Löhne nach oben triebe. Umgekehrt könnten die produktiven Skoda-Mitarbeiter leicht im nahe gelegenen Deutschland Arbeit suchen, was ebenfalls für eine gewisse Angleichung der Löhne sorgte. In Europa ist das keine graue Theorie. Dank dem EU-Binnenmarkt – dem auch Tschechien seit 2004 angehört – sind die Märkte für Güter, Investitionen und Arbeitskräfte grundsätzlich offen. Es erstaunt deshalb, dass selbst bei Branchen mit gleicher Produktivität ein so grosses Lohngefälle zwischen Ost- und Westeuropa bestehen bleibt.

Gibt es dennoch Ansätze, wie das Rätsel der niedrigen Löhne in Zentral- und Osteuropa erklärt werden kann? Eine ökonomische Spurensuche führt zu folgenden Antworten:

Ein erstes Argument liegt in der unterschiedlichen Kaufkraft. Wenn man sich ansieht, welche Güter und Dienstleistungen sich die Tschechen mit ihren Löhnen leisten können, fällt die Differenz zum Westen nicht mehr so dramatisch aus. Tschechien erreicht bei den kaufkraftbereinigten Löhnen derzeit einen Wert von 62% des deutschen Niveaus. Das ist deutlich mehr als die 40% bei den unbereinigten, auf Wechselkursen basierenden Gehältern (vgl. Grafik). Mithin kann man sich mit einem verdienten Euro in Tschechien mehr kaufen als in Deutschland.

Dennoch spendet das nur teilweise Trost. Zum einen klafft auch bei der Kaufkraft immer noch eine grosse Lücke zu Deutschland. Zum andern sagt diese Betrachtung wenig darüber aus, was sich die Tschechen im Ausland kaufen können – denn dafür muss der Vergleich zu Wechselkursen herangezogen werden. Dies ist von Bedeutung, weil sich auch die Ostmitteleuropäer gerne westliche Güter wie iPhones, italienischen Wein oder deutsche Autos leisten. Für diese Waren müssen sie im Wesentlichen Weltmarktpreise zahlen. In der Region heisst es deshalb oft: «Wir bekommen östliche Löhne, zahlen aber westliche Preise.»

 Dieser Zusammenhang mag auch die grosse Empfindlichkeit der Menschen gegenüber dem angeblichen «Nutella-Graben» erklären. Seit längerem wird beklagt, dass die westlichen Nahrungsmittelkonzerne in den östlichen EU-Ländern minderwertige Markenprodukte verkauften. In Studien lässt sich dies aber kaum erhärten. Offenbar werden selbst kleinste Differenzen von den Ostmitteleuropäern als grosse Ungerechtigkeit wahrgenommen.

Zum Zweiten lässt sich damit argumentieren, dass viele Länder in Zentral- und Osteuropa noch lange mit dem Erbe des Sozialismus gerungen haben. So kam es in Polen, Ungarn oder in der Slowakei beim Übergang von der maroden Planwirtschaft hin zur Marktwirtschaft zu einer hohen Arbeitslosigkeit. Die Unternehmen konnten also lange Zeit aus einem grossen Pool an verfügbaren Arbeitskräften auswählen, was den Lohnanstieg beschränkte. Dies mag erklären, warum die Löhne in Polen oder Ungarn immer noch weit hinter dem westlichen Niveau zurückliegen. Allerdings greift das Argument weniger für Tschechien, weil hier die Arbeitslosigkeit stets ziemlich niedrig war.

Als dritter Erklärungsansatz lässt sich anführen, dass die Arbeitsmärkte in Europa trotz Personenfreizügigkeit immer noch stark segmentiert sind. Zwar geniessen die Visegrad-Länder Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn prinzipiell seit ihrem EU-Beitritt im Jahr 2004 die vier Grundfreiheiten des EU-Binnenmarktes. Das führte etwa zur berühmten Emigration von einer Million Polen nach Grossbritannien (und mutmasslich zum späteren Brexit-Entscheid). Aber wichtige Nachbarländer wie Deutschland und Österreich schränkten die Personenfreizügigkeit bis 2011 erheblich ein.

Deshalb haben die Arbeitsmärkte in Mitteleuropa erst mit der vollständigen Öffnung ab 2011 begonnen, sich richtig zu integrieren. Dies allerdings mit grosser Wucht: Hunderttausende Ungarn, Slowaken oder Polen suchten ihr Glück im Westen. Als Folge ist die Arbeitslosigkeit in allen Visegrad-Ländern auf historische Tiefstände gesunken, und es hat sich ein Fachkräftemangel breitgemacht, der viele Unternehmen händeringend nach Personal suchen lässt. Wegen der Knappheit steigen nun auch überall die Löhne kräftig. Die Ungarn konnten sich jüngst über Reallohnzuwächse von über 10% freuen, die Tschechen erhielten durchschnittlich immerhin rund 5% mehr.

Lassen sich die niedrigen Löhne, viertens, mit der vielbeklagten Ausbeutung durch westliche Konzerne erklären? Zwar stimmt es, dass die Investoren in Zentral- und Osteuropa stattliche Gewinne erzielen. In Tschechien ist die Rendite auf ausländischen Direktinvestitionen mit mehr als 12% besonders hoch, während sie etwa in Polen bei – im internationalen Vergleich gut erklärbaren – 8% rangiert. Dennoch ist der Vorwurf der Ausbeutung kaum stichhaltig. So zeigen Studien, dass westliche Konzerne deutlich höhere Löhne in der Region zahlen als einheimische Firmen. Auch bei Skoda verdienen die Arbeiter mit 45 000 tKr. (1750 €) pro Monat klar besser als bei anderen lokalen Industriebetrieben. Im regionalen Vergleich scheinen die Menschen also von westlichen Konzernen gut behandelt zu werden.

Eine fünfte Erklärung mag in der unterschiedlichen Macht der Gewerkschaften liegen. Bei Volkswagen in Deutschland sind die Arbeitnehmervertretungen besonders einflussreich, was zu stark geschützten Arbeitsplätzen und zu im internationalen Vergleich eher überhöhten Löhnen führt. Demgegenüber haben die Gewerkschaften in Zentral- und Osteuropa nach der Wende eine untergeordnete Rolle gespielt. Selbst die gut organisierte Skoda-Gewerkschaft kann es nicht mit dem mächtigen Volkswagen-Betriebsrat aufnehmen. Schliesslich ist, sechstens, zu beachten, dass die eigentliche Konkurrenz der Ostmitteleuropäer oft nicht in Deutschland, sondern in Schwellenländern wie China oder Indien sitzt. So erwägt die Skoda-Führung derzeit wegen Personalengpässen, die Produktion stärker nach Asien zu verlagern. Dies beschränkt das Potenzial für Lohnsteigerungen in Zentral- und Osteuropa.

Was bleibt am Ende der Spurensuche? Zwar lassen sich Argumente finden, warum die niedrigen Löhne in Zentral- und Osteuropa nichts mit Ausbeutung zu tun haben, sondern ökonomischen Gesetzmässigkeiten entsprechen. Dennoch bleibt das enorme Lohngefälle zum Westen, das auch nach fast drei Jahrzehnten der Transformation besteht, einigermassen rätselhaft.

...


Aus: "Gleiche Arbeit für einen Drittel des Lohnes: Wie lässt sich das enorme Lohngefälle zwischen Ost- und Westeuropa erklären?"
Matthias Benz, Mlada Boleslav (16.5.2018)
Quelle: https://www.nzz.ch/wirtschaft/gleiche-arbeit-fuer-einen-drittel-des-lohnes-wie-laesst-sich-das-enorme-lohngefaelle-zwischen-ost-und-westeuropa-erklaeren-ld.1386108

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« Reply #733 on: May 24, 2018, 12:37:02 PM »
Quote
[...] Arme und Reiche leben in deutschen Städten immer seltener Tür an Tür. Besonders ausgeprägt ist die soziale Spaltung in Ostdeutschland, das zeigt eine Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung.

Für ihre Studie haben die Autoren die soziale Durchmischung in 74 deutschen Städten für die Jahre 2005 bis 2014 untersucht. In rund 80 Prozent dieser Kommunen habe die räumliche Ballung von Menschen zugenommen, die von staatlichen Sozialleistungen wie Hartz IV lebten. In Ostdeutschland sei die Entwicklung mit 23 Prozent deutlich spürbarer als in westdeutschen Städten mit rund acht Prozent.

Die höchsten Werte sozialer Ungleichheit beim Wohnen ermittelten die Forscher im Osten für Rostock, Schwerin, Potsdam, Erfurt, Halle und Weimar. Stark betroffen waren aber auch einige Städte in Westdeutschland, darunter Kiel, Saarbrücken und Köln.

"Dieses Niveau kennen wir bisher nur von amerikanischen Städten", sagte Forscher Marcel Helbig. Die Dynamik der Veränderung sei vor allem im Osten "historisch beispiellos".

Das habe auch gesellschaftliche Folgen: Wer die Probleme des Nachbarn mit wenig Geld nicht mehr hautnah erlebe, könne ein Stück Lebenswirklichkeit leichter ausblenden. Und wer im "Armen-Getto" lebt, könnte demnach weniger Aufstiegswillen entwickeln, warnen die Autoren.

In 36 deutschen Städten gibt es nach der Analyse inzwischen Quartiere, in denen mehr als die Hälfte der Kinder von staatlichen Leistungen abhängig ist. "Diese Entwicklung kann sich negativ auf die Lebenschancen armer Kinder ausweiten", sagte Autorin Stefanie Jähnen. "Aus der Forschung wissen wir, dass die Nachbarschaft den Bildungserfolg beeinflusst."

Eine Überraschung für die Forscher war, dass viele Sozialwohnungen die räumliche Ungleichheit in einer Stadt sogar noch verstärkten. Denn Sozialwohnungen seien heute vor allem in Stadtteilen zu finden, in denen ohnehin schon die Armen wohnen, erläuterte Jähnen. In begehrteren Lagen wie Altbauvierteln seien sie hingegen oft aus der sozialen Bindung herausgefallen.

Als langfristigen Ausweg für die Kommunen empfehlen die Autoren, Neubauten in besseren Wohnlagen immer mit strikten Auflagen für einen Anteil von Sozialwohnungen zu versehen. Das Beispiel München zeige, dass trotzdem gebaut werde.

hej/dpa


Aus: "Sozialforschung: In deutschen Städten wachsen die Gettos" (23.05.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ghetto-bildung-nimmt-in-deutschlands-staedten-zu-a-1209141.html

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« Reply #734 on: May 27, 2018, 05:41:33 PM »
Quote
[...] Die Wirtschaft in Deutschland wächst seit Jahren beständig. Doch der anhaltende Aufschwung kommt einer Studie zufolge bei Weitem nicht bei allen Bürgern an. Demnach sind zwischen 1991 und 2015 die realen verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte im Schnitt um 15 Prozent gestiegen. Davon haben laut Untersuchung die meisten Einkommensgruppen profitiert - aber nicht die untersten. Das geht aus einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor, die am Donnerstag veröffentlicht wird. Basis sind die aktuellsten verfügbaren Daten der Längsschnittstudie Sozioökonomisches Panel.

Die deutsche Wirtschaft wächst im neunten Jahr in Folge. Bundesregierung und führende Forschungsinstitute erwarten einen fortgesetzten wirtschaftlichen Aufschwung. Die Arbeitslosigkeit soll Prognosen zufolge weiter zurückgehen. Zwischen 1991 und 2015 allerdings waren bei den zehn Prozent der Personen mit den niedrigsten Einkommen, die monatlich im Durchschnitt über rund 640 Euro verfügen, laut Studie die Haushaltseinkommen rückläufig. Demgegenüber stiegen die realen Einkommen der Top-Verdiener zwischen 1991 und 2015 im Schnitt um 30 Prozent.
Das bedeute aber nicht zwangsläufig, dass die Menschen, die in den 1990er Jahren niedrige Einkommen erzielten, heute individuell schlechter gestellt seien, erläuterte Studienautor Markus Grabka. Denn sie könnten sich mittlerweile in einer anderen Einkommensgruppe befinden.

"Aber es zeigt, dass bei Weitem nicht alle von der positiven Einkommensentwicklung, die in den letzten Jahren im Wesentlichen dank der boomenden Wirtschaft und dem Rückgang der Arbeitslosigkeit stattgefunden hat, profitiert haben."

Das habe mehrere Gründe: zum einen die Ausweitung des Niedriglohnsektors, zum anderen der wachsende Bevölkerungsanteil älterer Menschen - deren Alterseinkommen sei im Schnitt geringer als das Erwerbseinkommen. Eine Rolle spiele außerdem die Zuwanderung, die seit 2007 zugenommen habe. "Diese neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger haben aber in der ersten Zeit nach ihrer Ankunft in der Regel niedrige Einkommen", erläuterte Co-Studienautor Jan Goebel.

Das zeige sich auch daran, dass der Anteil der Personen mit direktem Migrationshintergrund, die also selbst nach Deutschland zugewandert seien, an den niedrigen Einkommensgruppen zunehme. Allerdings zeigten die verfügbaren Daten, dass sich die Einkommensposition der Migranten verbessere, je länger sie sich im Land aufhalten.

Die Studie legt außerdem dar, dass in den vergangenen Jahren das Armutsrisiko gestiegen sei. Die Schwelle liegt laut Definition bei einem verfügbaren Nettohaushaltseinkommen von 1090 Euro für einen Einpersonenhaushalt. Die Armutsrisikoquote, also der Anteil der Bevölkerung, deren Einkommen unter dieser Schwelle liegt, lag demnach im Jahr 2015 bei 16,8 Prozent. In den 1990er Jahren habe diese Quote noch elf Prozent betragen, im Jahr 2014 knapp 16 Prozent.

Ein relevanter Teil des Anstiegs sei auf die Zuwanderung zurückzuführen. Menschen mit direktem Migrationshintergrund hätten im Jahr 2015 eine Armutsrisikoquote von 29 Prozent, Personen mit indirektem Migrationshintergrund - von denen mindestens ein Elternteil zugewandert ist - von 25 Prozent.

In diesen Zahlen seien die Menschen, die erst im Jahr 2015 und später nach Deutschland zugewandert sind, noch nicht enthalten. Eine wesentliche Aufgabe für die Gesellschaft als Ganzes und insbesondere für die Politik sei es, die neu zugezogenen Migranten schnell und zielgenau zu unterstützen, damit ihre Integration rasch erfolge und sie schnell höhere Einkommen erzielen können, sagte Goebel.

brt/dpa


Aus: "Der Aufschwung kommt nicht überall an" (24.05.2018)
Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/einkommen-der-aufschwung-kommt-nicht-ueberall-an-a-1209212.html

Quote
joG 24.05.2018

Es gibt halt Arbeit die wenig werthaltig ist und wenig hohe Qualifikationen braucht. Solche Arbeit wird wenig teuer entgolten. Das ist eigentlich selbstverständlich.


Quote
karl-felix 24.05.2018
122. Das

[Zitat von joG] ....die wenig werthaltig ist und wenig hohe Qualifikationen braucht. Solche Arbeit wird wenig teuer entgolten. Das ist eigentlich selbstverständlich.

denke ich eher nicht. Mir fällt da nur als Beispiel Spon vom Januar 2010 ein . Danach verloren Lehrer von 1990 - 2008 inflationsbereinigt 21% ihres Realeinkommens, Köche dagegen gewannen 29% hinzu . Erst seit 2007 steigen die Einkommen real insgesamt wieder, 2012 hatten sie im Schnitt den Stand von 1992 wieder erreicht. Wobei die unteren Einkommen deutlich benachteiligt waren . Ich würde mir z.B. nicht zutrauen , die Qualifikation der Ärzte ( - die grössten Verlierer ) als geringer zu erachten als die der Werbegraphiker die die höchsten Zuwächse hatten . Der Mut würde mir sogar in der Relation Wissenschaftler (Verlierer) zu Häusermakler ( Gewinner) fehlen . Wieso ist der Beruf der OP-Schwester bei lebenslanger Qualifikation und Weiterbildung weniger werthaltig , als der des Häusermaklers ohne berufliche Voraussetzung ?. Ich erinner mich einer Show-Masterin im deutschen Fernsehen , die verdiente genausoviel, wie alle Krankenschwestern unseres Krankenhauses gemeinsam : 7 Millionen /anno. Das kann nichts mit Qualifikation und Werthaltigkeit zu tun haben .


...