Author Topic: [Seelische Verwundungen... (Psychotrauma)]  (Read 9324 times)

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[Seelische Verwundungen... (Psychotrauma)]
« on: May 23, 2007, 12:34:49 PM »
Quote
[...] Ein Psychotrauma ist eine seelische Wunde, die auf einzelne oder mehrere Ereignisse zurückgeht, bei denen im Zustand von extremer Angst und Hilflosigkeit die Verarbeitungsmöglichkeiten des Individuums überfordert waren. Fischer und Riedesser definieren in ihrem Lehrbuch der Psychotraumatologie" (München, 1998) den Begriff „Psychotrauma“ wie folgt: "... ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt" (S. 79). Solch ein traumatisierendes Ereignis führt bei etwa 20% der Betroffenen zu offensichtlichen posttraumatischen Belastungsstörungen. Posttraumatische Belastungsstörungen sind ein lange bekanntes und gut beschriebenes Krankheitsbild. Diagnostiziert wird die posttraumatische Belastungsstörung jedoch erst seit 1980, mit ihrer Aufnahme in die 3. Version des Diagnostischen und Statistischen Manuals psychischer Störungen (DSM - IV). Die drei diagnostischen Kriterien sind Einbrüche von Trauma-Material in den Alltag (Intrusionen), Vermeidung (Avoidance) und Übererregung (Hyperarousal). Bei den wesentlich häufigeren komplexen Posttraumatischen Belastungsstörungen kommen formal noch Dissoziative Störungen hinzu, die allerdings mit den genannten drei Kriterien in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Unter Intrusionen fallen auch die sogenannten "Flashbacks". Dabei kommt es u. U. noch Jahrzehnte nach dem Ereignis zu sich aufdrängenden extrem unangenehmen Wiedererinnerungen an das Ereignis, so als laufe es wie in einem Film noch mal ab. Auch in Träumen kann sich die intrusive Symptomatik widerspiegeln. Die Vermeidung ist gekennzeichnet dadurch, dass die Person Dinge, Situationen, Themen und sogar Gefühle, die an das Trauma erinnern bewusst und unbewusst vermeidet. Die psychovegetative Übererregung wie starke Angst, Beklemmung und Schreckhaftigkeit zusammen mit körperlichen Symptomen gehören zum Symptomenkomplex Hyperarousal.


Aus: "Psychotraumatologie" (05/2007)
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Psychotraumatologie
« Last Edit: September 25, 2007, 12:29:34 PM by Textaris(txt*bot) »

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[ob ihr überhaupt Ahnung habt was... (Psychotrauma)]
« Reply #1 on: May 23, 2007, 12:37:18 PM »
[...] zumal starker seelischer Schmerz durchaus geeignet sei...

[...] und denke jedesmal wenn ich solche Aussagen höre ob ihr überhaupt Ahnung habt was wirklicher seelischer Schmerz...

[...] Seelischer Schmerz wird im Ton sichtbar...

[...] Weniger Schmerz ist "in", ist leichter als produzieren und Eigenverantwortung zeigen...

[...] jemandem vorsätzlich starke körperliche oder geistig-seelische Schmerzen zugefügt...

[...] Soma - Psyche - Arbeitszimmer. Diese Menschen, die seit Monaten...

[...] Trauma, Schmerz und aktueller Krieg – Genozid und seelischer Schmerz...

[...] Raphael ist unglücklich und hat Kummer (seelischer Schmerz). Er nimmt "Valium"...

[...] Jetzt ist mien Seelischer schmerz körperlich und erträglich! - Kontaktlinsen preisgünstig...

[...] Ständiger seelischer Schmerz schlägt sicher irgendwann auf dem Körper durch...

[...] Auch die Erfahrung, dass Streicheln und Berührungen Schmerzen verursachen können...

[...] ein seelischer Schmerz und eine tiefe, in der Regel unbewusste Angst...

[...] Schmerz wegzudrücken ist keine Lösung...

[...] Er heißt dann seelischer Schmerz. Der Schmerz gilt als selbstpräsentierende Eigenschaft...

[...] Seelischer Schmerz ist der Weg der Erleuchtung - der Weg aus der Dunkelheit zum Licht...

[...] nicht körperlicher, sondern seelischer Schmerz, trotzdem er bis zu einem gewissen Grade auch auf den Körper gewirkt hat; süßeste Liebkosung...

[...] seelischer Schmerz und Schock - Innere Anwendung von Rose Antiseptisch...

[...] Die Psyche ist beteiligt, aber nicht die Ursache (929 Zeichen)...

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[PTSD und Vermeidungsverhalten... (Notizen)]
« Reply #2 on: August 19, 2007, 07:22:42 PM »
Quote
[...] Was heißt Traumatisierung im psychischen Sinne?
Nicht jede Belastung rechtfertigt die Bezeichnung Traumatisierung und nicht jede körperliche
Traumatisierung (z.B. die traumatische Amputation einer Gliedmaße) ist auch als psychisches
Trauma zu verstehen. Ein historischer Diskurs soll zur Begriffsbildung beitragen:
Die ersten Arbeiten zu kognitiven und (psycho-) somatischen Folgen von Unfällen gehen
zurück auf das Jahr 1866 und den Bau der Eisenbahnlinie Liverpool-Manchester („railwayspine“)
(9). Der deutsche Neurologe Herrmann Oppenheim prägte den Begriff der
traumatischen Neurose (24). Jean-Martin Charcot, ein bekannter Anatom und Neuropathologe
und Lehrstuhlinhaber für Nervenheilkunde an der Pariser Salpetrière untersuchte als erster
systematisch den Zusammenhang von Trauma und psychiatrischer Erkrankung (17). Im
weiteren beschäftigten sich insbesondere Freud und Janet, zwei Charcot Schüler mit diesem
Thema. 1896 veröffentlichte Freud seine Vorstellungen zur „Trauma-Ätiologie“ der Hysterie.
Mit weiteren Veröffentlichungen (1897) nahm er dann jedoch eine Akzentverschiebung in
Richtung Entwicklung seines Trieb-Abwehr-Konzeptes vor (11). U.a. die Diskussion um die
sog. „Kriegszitterer“ im ersten Weltkrieg (27,13), die schrecklichen Leiden sowohl der
Soldaten als auch der Zivilbevölkerung und insbesondere die Holocaust-Opfer im zweiten
Weltkrieg (8,19), der Vietnamkrieg und schließlich die Frauenbewegung in den 70’er Jahren
belebten die Diskussion um das Thema Traumatisierung und psychische Folgeerkrankungen
(26,33,31).

DIAGNOSTISCHE KRITERIEN DER PTSD
Mit dem Erscheinen der dritten Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Manuals
Psychischer Störungen (DSM-III) der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (28)
wurde die Diagnose PTSD eingeführt und unter den Angststörungen subsumiert. Nach dem
DSM ist das Vorliegen eines traumatischen Ereignisses in der Vergangenheit für die Diagnose
einer PTSD zwingend erforderlich. Die vierte Ausgabe des DSM (28) definiert Trauma wie
folgt:

A1. Die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem oder mehreren Ereignissen
konfrontiert, die tatsächlichen oder drohenden Tod oder ernsthafte Verletzung oder eine
Gefahr der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person oder anderer Personen
beinhalteten.

A2. Die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen.
(Beachte: Bei Kindern kann sich dies auch durch aufgelöstes oder agitiertes Verhalten
äußern). Ein wesentlicher Punkt ist hierbei die subjektive Bewertung der Situation durch die
Betroffenen.

Im Gegensatz zum DSM (27) wird die PTSD unter den Anpassungsstörungen im ICD-10 (35)
geführt:

F43.1:. Diese entsteht als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes
Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung
oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen
würde. Prädisponierende Faktoren wie bestimmte, z.B. zwanghafte oder asthenische
Persönlichkeitszüge oder neurotische Krankheiten in der Vorgeschichte können die Schwelle
für die Entwicklung dieses Syndroms senken und seinen Verlauf erschweren, aber die
letztgenannten Faktoren sind weder notwendig noch ausreichend, um das Auftreten der
Störung zu erklären. Typische Merkmale sind das wiederholte Erleben des Traumas in sich
aufdrängenden Erinnerungen (Nachhallerinnerungen, Flashbacks), Träumen oder Alpträumen,
die vor dem Hintergrund eines andauernden Gefühls von Betäubtsein und emotionaler
Stumpfheit auftreten. Ferner finden sich Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen,
Teilnahmslosigkeit der Umgebung gegenüber, Freudlosigkeit sowie Vermeidung von
Aktivitäten und Situationen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen könnten. Meist tritt
ein Zustand von vegetativer Übererregtheit mit Vigilanzsteigerung, einer übermäßigen
Schreckhaftigkeit und Schlafstörung auf. Angst und Depression sind häufig mit den
genannten Symptomen und Merkmalen assoziiert und Suizidgedanken sind nicht selten. Der
Beginn folgt dem Trauma mit einer Latenz, die wenige Wochen bis Monate dauern kann. Der
Verlauf ist wechselhaft, in der Mehrzahl der Fälle kann jedoch eine Heilung erwartet werden.
In wenigen Fällen nimmt die Störung über viele Jahre einen chronischen Verlauf und geht
dann in eine andauernde Persönlichkeitsänderung (F62.0) über.
Nicht berücksichtigt wurde u.a. die Bedeutung multipler, kurz- oder langdauernder Traumata.
Auch gibt es klinisch relevante Bilder, die als subsyndromale PTSD oder partielle PTSD
bezeichnet werden, im DSM-IV (28) oder ICD-10 (35) aber keinen Niederschlag finden.


Aus: "DIE POSTTRAUMATISCHE BELASTUNGSSTÖRUNG: MODEERSCHEINUNG ODER FÜR DEN ALLTAG HILFREICHE DIAGNOSE?" (Andrea Möllering, Stephan Herpertz Rheinische Kliniken Essen - Kliniken/Institut der Universität Duisburg-Essen - Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie), (Datum: ?)
Quelle: http://www.uni-essen.de/psychosomatik/assets/applets/PTSD.pdf

-.-

Quote
[...] Traumaerfahrungen, die im National Comorbidity Survey (NCS) 1990-1992 zur Erfassung
der PTSD herangezogen wurden (nach Kessler et al. 1995)

• Vergewaltigung
• sexuelle Belästigung
• körperlicher Angriff
• Beteiligung an einem Kampfgeschehen
• Schock, Zeuge eines der erwähnten Traumata zu sein
• Bedrohung mit einer Waffe
• Verwicklung in einen lebensbedrohlichen Unfall
• Vernachlässigung in der Kindheit
• körperlicher Missbrauch in der Kindheit
• andere Traumata


Aus: "Prof. Dr. Wolfgang Hiller - Stichworte aus den gezeigten Folien zur Vorlesung Klinische Psychologie
Thema: Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD)" ([Stand: WS 2006/07])
Quelle: http://www.klinische-psychologie-mainz.de/abteilung/downloads/materialien/PTSD.pdf

-.-

Quote
[...] Wichtig dabei, dass PatientIn die FUNKTION und WIRKPRINZIP von
Vermeidungsverhalten und Sicherheitsverhalten versteht!!!

Er/sie muss erkennen, dass genau dieses Verhalten, was vermeintlich (subjektiv) erst einmal Angst reduziert und schützt, das
bzw. ein Problem ist!


Aus: "PTSD" (Autor ?, Datum ?)
Quelle: http://www.klinische-psychologie-mainz.de/abteilung/downloads/materialien/Skript_PTSD.pdf

« Last Edit: August 19, 2007, 07:28:14 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Seelische Verwundungen... (Ins Hirn gebrannt)]
« Reply #3 on: May 15, 2008, 11:45:47 PM »
Quote
[...] Vernachlässigung und Missbrauch in der frühen Kindheit können die Hirnchemie der Opfer zeitlebens verändern. Auf welchem Wege die traumatischen Eindrücke ihre Spuren in den Neuronen hinterlassen, ist eines der großen Rätsel der Hirnforschung.



Aus: "Kindesmisshandlung - Ins Hirn gebrannt" Von Hanno Charisius (08.05.2008)
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wissen/artikel/188/173672/

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[Misshandlung und die Signalübertragung im Gehirn... ]
« Reply #4 on: February 23, 2009, 04:20:55 PM »
Quote
[...] Die Studie sorgt unter Experten für Aufsehen, die Ergebnisse sind glasklar formuliert: Psychische Folter hat bei Gefangenen ähnliche Langzeitfolgen wie eine körperliche Misshandlung. 279 Opfer von Folter und Gewalt aus den Bürgerkriegen im ehemaligen Jugoslawien hatte der Psychologe Metin Basoglu von der University of London befragt; die Auswertung der Interviews spricht für sich. Waren die Befragten gezielter Manipulation, Erniedrigungen oder extremem psychischen Stress ausgesetzt, litten sie noch Jahre später unter ähnlich starken Langzeitfolgen, wie sie von Opfern körperlicher Folter bekannt sind.

Das Fazit: Selbst vermeintlich harmlose Formen des Drucks, etwa Isolationshaft, müssten ähnlich beurteilt werden wie körperliche Folter, schreiben Basoglu und seine Kollegen im Fachblatt "Archives of General Psychiatry" (Bd. 64, S. 277). "Eine Unterscheidung zwischen Folter und erniedrigender Behandlung ist nicht nur nutzlos, sondern auch gefährlich", kommentierte der Psychologieprofessor Steven Miles von der Universität Minnesota in dem Magazin.

Auch bei psychischen Langzeitfolgen fanden die Wissenschaftler keine grundsätzlichen Unterschiede zwischen rein körperlicher und psychischer Folter. Vor allem die Beeinträchtigung des Wohlbefindens, wie Isolation oder Drohungen, hatten ähnliche Folgen wie körperliche Misshandlungen. Die Betroffenen leiden jahrelang unter sogenannten posttraumatischen Belastungsstörungen: Alpträume, Flashbacks und Schlafstörungen gehören zu ihrem Alltag. Selbst körperlicher Schmerz, Panik oder plötzliche Bewusstlosigkeit können auftreten.


Die neuen Erkenntnisse dürften jene in Erklärungsnot bringen, die etwa im Kampf gegen den Terrorismus die psychische Folter als vergleichsweise harmlose Verhörmethode eingesetzt sehen wollen. Zudem stellt sich die Frage, ob neben Erwachsenen in Kriegsgebieten auch Kinder in friedlichen Ländern von dieser Art der Folter betroffen sind. Zwar weist Basoglu darauf hin, dass sein Team keine Kinder befragt hat, doch ließen sich die Ergebnisse womöglich übertragen. "Jene psychischen Mechanismen, die bei Erwachsenen zu nachhaltigen traumatischen Erlebnissen führen, könnten bei Kindern ähnlich ablaufen", erklärt Basoglu im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Mit dieser Meinung steht er nicht allein. Dass der Entzug der Nestwärme, im Fachjargon als Deprivation bezeichnet, eine Form von Kindesmisshandlung darstellt, sehen viele Fachleute als Tatsache an. Die Ergebnisse von Basoglus Studie "lassen sich absolut auf Kinder übertragen", sagt Ernst Pfeiffer von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Berliner Charité. "Es gibt dazu ausreichende Belege auch anderer Forscherguppen." Diese Formen der Belastung "führen bei 30 bis 50 Prozent der Kinder zu kognitiven und psychiatrischen Langzeitschäden".

Wie sehr Deprivation die Entwicklung der Kinder beeinflusst, wollten auch Wissenschaftler an der New York University wissen. Gemeinsam mit britischen Kollegen verfolgten sie die Entwicklung von Kindern, die unter der Herrschaft des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu unter elenden Bedingungen in staatlichen Kinderheimen aufgewachsen waren.

Obwohl diese Kinder von westlichen Familien adoptiert wurden, zeigten sie mehr als sieben Jahre nach der Eingliederung in ein harmonischeres Umfeld erhebliche Mängel in der geistigen Entwicklung. Im Vergleich zu normal aufgewachsenen Altersgenossen fiel der Intelligenzquotient der Heimkinder rund 15 Punkte niedriger aus. Die im Fachblatt "Child Development" (Bd. 77, Ausgabe 3) bereits im Mai vergangenen Jahres publizierten Ergebnisse passen Pfeiffer zufolge ins Bild - weil sie die Schwere der Folgen bei Deprivation belegen. Dieser Effekt offenbarte sich bei all jenen, die im Alter zwischen 6 und 42 Monaten dem Stress der Diktator-Heime ausgesetzt waren.

Aus Sicht von Kinderpsychologen und Sozialwissenschaftlern ist das Gebiet der emotionalen und psychologischen Folter nahezu unerforscht, wie Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) betont: "Bei psychischen Misshandlung liegen mit Abstand die wenigsten Informationen über Folgen für betroffene Kinder vor, zumindest wenn Fälle betrachtet werden, in denen psychische Misshandlung als einzige Form auftritt oder stark im Vordergrund steht."

Wie schnell Eltern, oftmals ohne es zu ahnen, ihren Nachwuchs psychisch und emotional misshandeln, verdeutlicht der Blick auf die wissenschaftliche Definition des Begriffs. Schon die Wiederholung von Drohungen und Einschüchterungen, permanente Kritik oder Ablehnung gegenüber ihren Sprösslingen fallen in diese Kategorie. Auch die Bevorzugung von Geschwistern "gefährdet eine gesunde geistige und seelische Entwicklung", heißt es auf der Internetseite des DJI.

...



Aus: "STUDIE: Psychische Gewalt so verheerend wie körperliche Folter" Von Vlad Georgescu (06.03.2007)
Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,470220,00.html


-.-

Quote
[...] Kindesmisshandlung kann bei den Opfern noch Jahre später die Signalübertragung im Gehirn beeinflussen: Ein Protein, das auf Stresssignale reagiert, ist bei Opfern nur in deutlich geringeren Mengen vorhanden als bei Menschen, die als Kind nicht misshandelt wurden. Das haben Forscher jetzt mit einer ungewöhnlichen Methode festgestellt: Sie untersuchten Gehirnzellen in den Leichen von Selbstmördern.

Wenn der Mensch unter Stress steht, aktiviert der sogenannte Glucocorticoidrezeptor NR3C1 bestimmte Systeme im Gehirn, die auf den Stress reagieren. Die Forscher suchten nun in Zellen der Gehirnregion Hippocampus von Suizidopfern nach Kopien des genetischen Bauplans für das entsprechende Rezeptor-Protein, mRNAs genannt. Sie sind unverzichtbar für den Aufbau des Proteins. Das Ergebnis: Bei den Menschen, die als Kind Misshandlungen erlitten hatten, fanden sich deutlich weniger Rezeptor-mRNA-Kopien als bei denjenigen Suizidopfern, die nicht misshandelt worden waren. Die Forscher schließen daraus, dass im Gehirn der Misshandlungsopfer auch wesentlich weniger Rezeptoren gebildet wurden.

...


Patrick McGowan (McGill-Universität, Montreal) et al.:
Nature Neuroscience, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1038/nn.2270

ddp/wissenschaft.de – Martin Rötzschke


Aus: "Hirnforschung - Die Spuren des Traumas" (23.02.2009)
Quelle: http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/300756.html

-.-

Quote
[...] London - Es geschieht meist im Verborgenen. Wenn Eltern oder Erzieher Kinder misshandeln, dauert es oft lang, bis die Umgebung etwas davon mitbekommt - wenn überhaupt. Doch die psychischen Wunden sitzen tief, manchmal zerstören sie das ganze Leben der Betroffenen - und treiben sie sogar in den Selbstmord.

Um zu untersuchen, wie sich die Signalübertragung im Gehirn von Misshandlungsopfern verändert, haben kanadische Forscher jetzt Gehirnzellen von Suizidopfern untersucht. Dabei analysierten sie Gewebeproben von 24 Leichen: Zwölf waren als Kind Opfer von Gewalt geworden, zwölf hatten eine psychiatrische Erkrankung. Als Kontrollgruppe dienten den Wissenschaftlern zwölf Tote, die sich nicht umgebracht hatten, sondern ohne Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankungen plötzlich gestorben waren.

Ihren Untersuchungen zufolge kann Kindesmisshandlung bei den Opfern auch Jahre später noch die Signalübertragung im Gehirn beeinflussen. Das berichten Patrick McGowan von der McGill-Universität in Montreal und seine Kollegen im Fachmagazin "Nature Neuroscience". Ein Protein, das auf Stresssignale reagiert, ist bei Gewaltopfern demnach nur in deutlich geringeren Mengen vorhanden als bei Menschen, die als Kind nicht misshandelt wurden.

Die Forscher analysierten die Zellen des sogenannten Hippocampus, einer der evolutionär ältesten Strukturen im Gehirn, in dem kurzzeitige Erinnerungen ins Langzeitgedächtnis überführt werden. Wenn der Mensch unter Stress steht, aktiviert der sogenannte Glukokortikoid-Rezeptor NR3C1 bestimmte Signalketten im Gehirn, die auf die Anspannung reagieren.

Im Hippocampus suchten die Wissenschaftler nach Kopien des genetischen Bauplans für NR3C1, den sogenannten messenager-RNAs (mRNAs). Sie sind unverzichtbar für die Herstellung des Proteins. Das Ergebnis: Bei den Menschen, die als Kind misshandelt worden waren, fanden sich deutlich weniger Kopien der Rezeptor-mRNA als bei jenen Suizidopfern, die keine Gewalt erfahren hatten. Die Forscher schließen daraus, dass im Gehirn der Misshandlungsopfer auch wesentlich weniger Rezeptoren gebildet wurden.

Bei Ratten beeinflussen Störungen des Mutter-Kind-Verhältnisses die Übersetzung des Rezeptor-Gens zum Protein in ähnlicher Weise, wie bereits frühere Studien gezeigt hatten. Die Forscher übertragen diese Ergebnisse nun auf den Menschen. Sie vermuten, dass Misshandlungsopfer aufgrund der verminderten Rezeptoranzahl schlechter auf Stress reagieren können und daher anfälliger für Depressionen sind. Die Wissenschaftler verfügen allerdings nicht über Vergleichsdaten von Misshandlungsopfern, die sich nicht umgebracht haben. Daher können sie keinen Zusammenhang mit der Selbstmordgefährdung nachweisen.

hei/ddp




Aus: "GEWALTOPFER - Kindesmisshandlung verändert die Stressgene" (23.02.2009)
Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,609215,00.html


-.-

Artikel im Fachmagazin "Nature Neuroscience" zu Nervenzellveränderungen nach Kindesmisshandlung
http://www.nature.com/neuro/journal/vaop/ncurrent/pdf/nn.2270.pdf


« Last Edit: February 23, 2009, 04:26:42 PM by Textaris(txt*bot) »

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[Angesichts der Forderungen nach Zucht und Ordnung... ]
« Reply #5 on: March 01, 2009, 08:13:15 PM »
Quote
[...] Werden Kinder und Jugendliche in der Öffentlichkeit zum Thema, so geschieht dies oft anhand von Debatten über Jugendgewalt oder neuerdings auch über Massenbesäufnisse im öffentlichen Raum. Im Klima der Diskussion über solche Extrem-Phänomene konnten die am Dienstag publizierten Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms (NFP) 52 zum Thema Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen als Beitrag zur Versachlichung der Diskussion erwartet werden. Während der Anfang August veröffentlichte erste Synthesebericht des NFP 52 den Generationenbeziehungen gewidmet war, fasst nun die jüngste Publikation unter dem Titel «Kindheit und Jugend in der Schweiz» Resultate von insgesamt 29, zwischen 2003 und 2007 realisierten Forschungsprojekten zusammen.

 Kernstück des Berichts der Berner Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello, des St. Galler Soziologieprofessors Franz Schultheis und des ebenfalls in St. Gallen lehrenden Soziologen Stephan Egger bildet eine repräsentative Umfrage, die bei insgesamt 3000 Jugendlichen im Alter von 15 und 21 Jahren und erstmals auch bei Kindern im Alter von 6 Jahren durchgeführt wurde. Grundsätzlich halten die Forscher fest, dass es dem Schweizer Nachwuchs im Vergleich mit 21 industrialisierten Ländern materiell, sozial und psychisch gut gehe. Als entscheidenden Faktor für die Entwicklung der Kinder nennen die Forscher wenig überraschend den familialen Hintergrund, der zu unterschiedlichen Startbedingungen im Leben führe. Auf den ersten Blick fällt dabei allerdings die hohe Homogenität auf: So wachsen 80 Prozent der gut 1,4 Millionen Kinder und Jugendlichen in der Schweiz in einer traditionellen Familie auf, das heisst in einem Haushalt, der von einem verheirateten Paar geführt wird.

Unterschiede für den Schul- und Lebenserfolg der Kinder orten die Forscher im Erziehungsstil der Eltern. Wie Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello vor den Medien in Bern darlegte, stellten die Forscher einen engen Zusammenhang zwischen einem autoritären Erziehungsstil, der sich durch relative Gleichgültigkeit gegenüber dem Kind und durch Verbote und Sanktionen auszeichnet, und dem späteren Risikoverhalten sowie der psychischen und physischen Gesundheit der Jugendlichen fest. So hegten autoritär erzogene Kinder später im Leben mehr Suizidgedanken oder konsumierten häufiger Cannabis und Tabak. 44 Prozent der 6-Jährigen und immer noch 20 Prozent der 15-Jährigen werden laut der Studie autoritär erzogen. Vorteilhafter für die Entwicklung der Kinder sei demgegenüber ein partizipativer Erziehungsstil, bei dem die Kinder eine enge emotionale Bindung zu den Eltern aufwiesen und unter der Führung der Eltern Entscheide mitgestalten könnten, betonte Perrig-Chiello weiter. Partizipativ erzogene Kinder zeigten in den Hauptfächern bessere Leistungen, seien sozial kompetenter und zudem aufmerksamer und weniger aggressiv.


Abgesehen von diesen – auch angesichts der Forderungen nach einer Rückkehr zu pädagogischer Zucht und Ordnung – bemerkenswerten Resultaten liefern die etwas unübersichtlich aufbereiteten Ergebnisse des 12 Millionen Franken teuren NFP 52 wenig bahnbrechende Erkenntnisse. Viel Beachtung schenken die Forscher den sozialen Ursachen für die ungleiche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.

Je nach Armutsdefinition leben in der Schweiz laut den Forschern 4, 10 oder gar 25 Prozent der Kinder in Armut oder zumindest in ökonomisch prekären Verhältnissen. Soziologisches Lieblingsthema und aus diversen Studien aus dem In- und Ausland bereits bekannt ist der Befund, dass Kinder aus bildungsfernen, einkommensschwachen und fremdsprachigen Haushalten in der Regel schlechtere schulische Leistungen zeigen und nach der Schule vielfach einer schlecht bezahlten Tätigkeit nachgehen. Bekannt und teilweise in der Umsetzung begriffen sind auch die Rezepte, welche die Forscher für die Durchbrechung dieser «Vererbung der sozialen Verhältnisse» vorschlagen. So verlangen die Soziologen von der Politik eine Senkung der Kosten für die externe Kinderbetreuung, eine spätere Selektion und eine verbesserte Durchlässigkeit im Schulsystem sowie eine Abfederung des Übergangs von der Schule ins Berufsleben.

Schliesslich verlangen die Forscher neue Mittel für sich selber. Mag die Forderung, der Bund solle bei der Erhebung von Daten die formalen Bedürfnisse der Sozialwissenschaften stärker berücksichtigen, noch verständlich sein, so schwingt im Ruf nach einem institutionalisierten Jugendbericht, der mindestens alle fünf Jahre erscheinen soll, das Eigeninteresse ziemlich unverblümt mit.

Quote
Peter Meier (27. August 2008, 06:34)
autoritären Erziehungsstil ?
Klare Verbote und Grenzen sind nebst Liebe für ein Kind lebenswichtig! Die Forscher haben offenbar nichts dazugelenrt.Es kommen wieder die alten überholten Denkmuster aus den 60-Jahren
Ich kann als Vater und Pädogoge vor einem anti-autoritären Erziehungsstil nur warnen. Wenn es einem Lehrer in einer Klasse nicht gelingt für Ordnung zu sorgen kann er einpacken.


Quote
Aurelius Robert Baier (27. August 2008, 08:32)
Widerspruch I
So viel ich gelernt habe, schliessen sich der von der Studie vorgeschlagene Erziehungsstil und klare Grenzen und Verbote nicht aus. Wichtig ist doch, ob die Grenzen und Verbote verständlich gemacht werden können oder ob es einfach heisst: "Es ist so, basta". Denn im zweiten Fall, lernt das Kind bloss, dass es Verbote gibt und dass Erwachsenwerden heisst, man kann über andere bestimmen (Kinder, allg. Schwächere...). Dies wiederum führt zu allg. aggressiverem Verhalten (bestimmen über schwächere "Freunde", sich auch mit Gewalt durchsetzen wollen).


Quote
Aurelius Robert Baier (27. August 2008, 08:32)
Widerspruch II
Kann das Kind hingegen die Gründe hinter Verboten verstehen (auch wenn es z.T. erst im Nachhinein geschieht), so lernt das Kind früh, dass Regeln und Verbote nicht einfach von den Erwachsenen "erfunden" werden, sondern dass sie gute Gründe haben.
Niemand sagt, der Erzeihungsstil sei einfach, es ist der schwerste, den es gibt. Aber er führt einfach am ehesten zu einem mündigen, verantwortungsbewussten und fairen Menschen, der sich selber auch schützen kann (vor anderen Menschen, die nicht dieselben Werte haben).
Indoktrination von Werten hat nie wirklich geholfen, führt dies doch weg von der Mündigkeit des Menschen und macht es Ereignisse wie das 3. Reich erst möglich.


Quote
Sebastian Wenz (27. August 2008, 23:44)
Anmerkungen zu den Kommentaren (Teil II)
3. P. Meier lese bitte ebenfalls Punkt 2 (oder lese -- er ist ja Pädagoge! -- nochmal in den Büchern in seinem Schrank unter "Erziehungsstil" nach).



Quote
Sebastian Wenz (27. August 2008, 21:12)
Anmerkungen zu den Kommentaren
1. A. R. Baier beschreibt in seinen Kommentaren "Widerspruch I" und "Widerspruch II" den sog, induktiven Erziehungsstil -- er hat sich bei der Vermittlung von Werten bzw. sozialen Normen in der Tat als günstig erwiesen.
2. M. Spreng scheint den von ihm kommentierten Artikel entweder nicht gelesen, oder aber nicht verstanden zu haben -- ich zitiere aus dem selben: "Vorteilhafter für die Entwicklung der Kinder sei demgegenüber ein partizipativer Erziehungsstil, bei dem die Kinder eine enge emotionale Bindung zu den Eltern aufwiesen und unter der Führung der Eltern Entscheide mitgestalten könnten" -- das klingt mir sehr nach dem gewünschten Mittelweg. Man nennt das auch den "autoritativen (nicht: autoritären) Erziehungsstil". Er zeichnet sich durch ein überdurchschnittliches Maß an Unterstützung/Partizipation UND Kontrolle/Anspruchsetzung aus.






Aus: "Nationalfondsstudie zur Lage der Kinder und Jugendlichen - Negative Spätfolgen autoritärer Erziehung"
Neue Zürcher Zeitung,  (27. August 2008)
Quelle: http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/negative_spaetfolgen_autoritaerer_erziehung_1.816658.html


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[Arbeitnehmer fehlen immer öfter wegen psychischer Erkrankungen... ]
« Reply #6 on: March 10, 2009, 12:17:53 PM »
Quote
... Psychische Störungen sind weit verbreitet. Nach einer Studie der WHO leidet weltweit jeder vierte Arztbesucher daran. Deutsche Studien sprechen von ca. 8 Millionen Deutschen mit behandlungsbedürftigen psychischen Störungen. Die meisten würden jedoch nach einiger Zeit abklingen. Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Beratungsanlässen in allgemeinmedizinischen Praxen ...

... Gerade für die Beurteilung psychischer Störungen sind die [ ] Begriffe „Norm“, „Objektivität“ und „Subjektivität“ besonders problematisch. ...


Aus: "Psychische Störung" (22. Februar 2009)
http://de.wikipedia.org/wiki/Psychische_St%C3%B6rung


-.-

Quote
[...] Arbeitnehmer fehlen immer öfter wegen psychischer Erkrankungen. Nach Muskel-Skelett-Erkrankungen sind sie inzwischen der zweitwichtigste Grund für krankheitsbedingte Fehltage, teilt die Barmer Krankenkasse in ihrem Gesundheitsreport 2009 mit. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Anteil an den Fehlzeiten in der Diagnosegruppe Psychische Störungen und Verhaltensstörungen bei den eigenen Krankenkassen-Mitgliedern von 11,1% im Jahr 2003 auf 16,8% im Jahr 2008 erhöht. Der Barmer zufolge erleiden mehr als ein Drittel der Frauen (37%) und ein Viertel der Männer (25%) innerhalb eines Jahres eine psychische Störung.

[...] Psychische Erkrankungen treffen bereits junge Leute und nehmen mit steigendem Alter zu: Die 20- bis 24-Jährigen sind deswegen durchschnittlich 23,7 Tage arbeitsunfähig, die 25- bis 29-Jährigen schon 29,7 Tage. In der Altersgruppe 55 bis 59 Jahre liegt der Wert bei 48,2 Tagen und bei den 60- bis 64-Jährigen sogar bei 53,7 Tagen.

Als Ursache für die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Berufstätigen nennt der Autor des Reports, Prof. Reiner Wieland von der Bergischen Universität Wuppertal, Termindruck, Arbeitstempo und die gestiegene Komplexität der Arbeitsprozesse. Auch die wirtschaftliche Situation, in der viele Unternehmen um ihr Überleben kämpfen, gefährdet seiner Ansicht nach die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Beschäftigten. Ausgewertet wurden 2,83 Millionen Fälle von Arbeitsunfähigkeit bei 1,4 Millionen erwerbstätigen Barmer-Mitgliedern im Jahr 2008.


Aus: "Immer mehr Arbeitnehmer erkranken psychisch" (09.03.2009)
Quelle: http://de.news.yahoo.com/29/20090309/thl-immer-mehr-arbeitnehmer-erkranken-ps-1b6a6cc.html


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[Zerschundene Seelen... (Suchmacheinen Textfraktale)]
« Reply #7 on: October 27, 2010, 02:50:08 PM »
Nur noch eine zerschundene Seele hinter einer kaputtgeschönten Oberfläche...


Ich möchte nur anmerken, dass es einfach unglaublich ist, wie sehr eine so zerschundene Seele dem Menschen immer noch vertraut ...


Es gab dann auch mal irgenwann Tränen und Einsicht auf ihrer Seite und das war Balsam für meine zerschundene Seele damals. ...

Postludium: Alimente für die zerschundene Seele? (Bonus: Poesie für die geistige Unterschicht)

Eine so zerschundene Seele ist Hauptakteur dieser groteskkomischen Tragödie, wobei nie klar werden darf, ob es nicht doch wohl eher eine ...


... und einer zerschundenen Seele nach Hause, zu seiner Familie, deren Fotos ihm geholfen hatten, zu überleben. Er hatte sich Trost erhofft. ...

schrilles lachen aus meiner kehle wenn ich könnte würd lieber weinen schrei meiner zerschundenen seele ...

...zumindest bis heute, war er doch gerade dabei, seine zerschundene seele wieder zusammenzukitten, die polyphrenen teile seiner...

Ein Gefühl von Triumph ergreift sie, durchflutet ihren Körper und heilt ihre zerschundene Seele. Sie will Mats ins Gesicht sehen und ...


...Schütte mir nur Salz in meine zerschundene Seele, Marc Also ich kann nur sagen...

Ja, der Spott des gesamtes Tals ruhte auf meiner armen, zerschundenen Seele samt Körper aber von vorne… Was war passiert? ...

... dass sie plötzlich nach beispielsweise 40 Jahren "erwachen", ihre zerschundene Seele nicht mehr im Griff halten können und feststellen ...

Eine zerschundene Seele, die nichts mehr vom Leben erwartet und auch nicht mehr von sich selbst, trifft an einem Abend den Menschen, der...

... Zerschundene Haut - wunde Seele. Jede Narbe in Sarahs Unterarmen steht für einen Moment der Verzweiflung. Die Betroffenen...

... Gefühle und der Geschlechter, von allem also, was man in der Schwebe halten zu können glaubt, bis die Seele heillos zerschunden ist. ...

Die wahren Veränderungen in Europa vollziehen sich in der Seele der Menschen. ... grausamer Kriege an sich, in denen er zerschunden und entkräftet wurde. ...

ist uns're Seele zerschunden und völlig entsetzt. Penibel, wir sind so penibel, wir sind so sensibel, solang's um uns selber geht. ...

Doch Satire ist nur ein Mosaikstein, Liebe, einfühlsame Schilderung und tiefe Einblicke in die Seele einer zerschundenen Gesellschaft sind die anderen ...


Ich kann und will meinem Ex-Mann nicht vergeben, daß er uns völlig an Leib und Seele zerschunden zurückließ. Ich glaube, es ist Haß! ...


Und jeder ist halt selbst für seine Seele zuständig. ... engen, beschwerlichen Gänge ihrer Seele zu kriechen, teilweise auf allen Vieren, mit zerschundenen ...

Die Schulung letzte Woche ist anscheinend für meine ohnehin schon zerschundene Seele eine ziemlich starke psychische Belastung gewesen. ...

... mit Schmutz und Unrat, verspotteten ihn und gingen sogar so weit, daß er bisweilen blutend zerschunden und in seiner Seele tief gekränkt nach Hause kam. ...

Der zerrissene und zerschundene Mensch in Strichen, Formen und Gestalten zur letzten ...

... Es geht um die "moralische Seele" ... Eine zerschundene Nicaraguanerin, ein gefolterter Salvadorianer, ...

... Ihre Füße zerschunden, die Beine zerkratzt, ihre Haut nass und kalt, ..... Man sagt, die Seele eines Menschen würde nach seinem Tod in den Himmel aufsteigen ...

... Darauf erbittet sie von ihrem Vater, als zum Heil ihrer Seele, die Gefangenen baden und kleiden zu dürfen. Des Lichtes ungewohnt, zerschunden und ...

... Die menschliche Seele ist unsterblich.


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[Im Zeitraffer läuft ein Film... ]
« Reply #8 on: July 03, 2012, 04:28:07 PM »
Quote
[...] Im Zeitraffer läuft ein Film vor ihren Augen ab, von dem sie wünschte, sie hätte ihn nur geträumt.

Meike öffnet die Haustür, ruft in die Stille, schmeißt den Schulranzen neben ihre Turnschuhe im Flur. Sie schenkt sich in der Küche ein Glas Apfelsaft ein, trinkt, dann knallt es. Sie erschrickt, stürmt die Treppe hoch, auf den Fliesen im Badezimmer liegt die Mutter, überall Blut. Meikes Mutter hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Dann endet der Film in Meikes Kopf. Ihre Mutter hat überlebt.

Der Suizidversuch liegt vier Jahre zurück. "Diese Angst, dass ich sie noch einmal so finde, aber dann ist es zu spät, die kriege ich nicht in den Griff", sagt Meike. Sie ist 13 Jahre alt, ein großes, zerbrechliches Mädchen mit grünen Augen, blonden Haaren und Sommersprossen. Sie lebt mit ihren Eltern in einem Rotklinkerhaus in Dithmarschen, einer Region in Schleswig-Holstein.

... Meikes Mutter leidet an Depressionen. Zwischen drei und vier Millionen Kinder in Deutschland haben laut dem "Deutschen Ärzteblatt" (2010) psychisch erkrankte Eltern. Nach Angaben einer Forschungsgruppe der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2008 gibt es 740.000 Kinder, deren Eltern alkohol- oder drogenabhängig sind; 270.000 Mädchen und Jungen haben ein Elternteil, das an Schizophrenie erkrankt ist; 1,23 Millionen haben Mutter oder Vater mit sogenannten affektiven Störungen und bei 1,55 Millionen leidet ein Elternteil an Angststörungen.

Es ist ein anstrengendes Leben, in das Meike geboren wurde. Die Mutter war bereits vor ihrer Geburt ein schwermütiger, pessimistischer Mensch. Sie hoffte, die Gründung einer Familie würde sie aus ihrem trüben Gemütszustand zerren. Das Gegenteil war der Fall. Ärzte bestätigten: Meikes Mutter leidet an Depressionen, seit mehr als zehn Jahren ist sie nun in Behandlung.

... Kinder von psychisch kranken Eltern haben ein stark erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Störung zu entwickeln, berichtet das "Deutsche Ärzteblatt".

...


Aus: "Wenn Kinder zu Eltern werden" Von Julia Jüttner (03.07.2012)
Quelle: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/wie-kinder-psychisch-kranker-eltern-leiden-a-841687.html


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[Seelische Verwundungen... (Psychotrauma)]
« Reply #9 on: March 26, 2015, 04:26:29 PM »
Quote
[...] An Bord waren sechs Besatzungsmitglieder und 144 Passagiere, darunter Urlauber, Geschäftsreisende, zwei Babys sowie 16 Zehntklässler und zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern am See. Die Passagiere aus Haltern waren auf dem Rückflug von einem Schüleraustausch mit dem Institut Giola in Llinars del Vallès, Spanien. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Germanwings-Flug_9525

Quote
[...] Dass der Copilot die Maschiene mit Absicht abstürzen lies, könnte für die Angehörigen besonders schwer werden. "Das stößt die Angehörigen in ein unglaubliches Gefühlsgewitter", sagte die Traumaexpertin Isabella Heuser von der Berliner Charite.

"Das ist nochmal schlimmer als ein Unglück, das durch menschliches oder technisches Versagen verursacht wurde", erklärte Heuser, die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit der Airbus am Dienstag auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf in den französischen Alpen abstürzte, stehen den Angehörigen Notfallseelsorger und Notfallpsychologen zur Seite.

Allerdings sei es für die Angehörigen der Opfer immer erleichternd zu wissen, was passiert ist, meint Heuser. "Es ist immer noch besser, einen schrecklichen Grund zu haben als gar keinen Grund." Für die Betroffenen könne es gut sein, wenn der erste Schock nach dem Absturz nun in Wut umschlage. "Wut richtet sich nach außen und nicht nach innen." ...


Aus: "Staatsanwaltschaft: Copilot brachte Flugzeug absichtlich zum Absturz" (26. März 2015)
Quelle: http://derstandard.at/2000013467613/Staatsanwaltschaft-Nur-Copilot-war-bei-Absturz-im-Cockpit-und-leitete


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[Seelische Verwundungen... ]
« Reply #10 on: November 02, 2015, 10:05:04 AM »
Quote
[...] Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer über traumatisierte Flüchtlinge, kulturspezifische Bewältigungsstrategien, Versorgungsneid und berechtigte Ängste, aber auch neurotische Fantasien, die auf die Fremden projiziert werden

STANDARD: In diesen Tagen ist oft die Rede davon, dass viele Flüchtlinge "traumatisiert" sind. Was ist unter "Trauma" zu verstehen?

Ottomeyer: Ein Trauma ist eine Verletzung, in unserem Fall vor allem der Seele, des seelischen Gleichgewichts – meistens verbunden mit einer großen Erschütterung des Vertrauens in die Welt, in sich selbst und manchmal auch in Gott. Das erleben Kinder so wie Erwachsene. Die Bewältigungsstrategien, die wir haben, funktionieren dann auf breiter Front nicht mehr, und es breitet sich eine ziemlich grundlegende Hilflosigkeit und Verzweiflung aus.

STANDARD: Gibt es Zahlen, wie viele Flüchtlinge traumatisiert sind?

Ottomeyer: Bei Flüchtlingen aus Tschetschenien liegt das sicherlich zwischen 40 und 60 Prozent. Aber das tritt nicht immer auf als ordentliche "posttraumatische Belastungstörung". Es können auch andere psychische Belastungen die Folge sein, schwere Depression, Suizidfantasien, Drogenabhängigkeit oder Alkoholismus. Und man muss auch sagen: Es gibt auch Menschen, die verfolgt wurden und so widerstandsfähig sind, dass sie kaum Symptome entwickeln – oder erst später. Darum wäre es schlimm, wenn man die sozusagen zur Strafe dafür, dass sie im Grunde überlebende Helden sind, auch noch bestrafen würde, indem man sagt: "Du hast keine posttraumatische Belastungsstörung, du kannst zurück."

STANDARD: Gibt es kulturspezifisch unterschiedliche Arten des Umgangs mit Traumatisierungen?

Ottomeyer: Wir haben festgestellt, dass unsere westliche Definition von Trauma nur teilweise die Störungsbilder und Leidenszustände von Menschen aus anderen Weltgegenden erfasst. Unser Traumakonzept hat ja zwei historische Ursprünge: die Störungen der Vietnamsoldaten und Gewalt gegen Kinder und Frauen in Familien.

STANDARD: Was zeichnet die westlichen Symptomgruppen aus?

Ottomeyer: Zuerst ein Erlebnis, wo die körperliche Integrität und das Leben von Menschen zerstört oder beeinträchtigt wurden – auch als Zeugenschaft. Es reicht, wenn jemand sieht, dass einem anderen die Gliedmaßen abgehackt wurden. Als Folge gibt es intrusive Symptome, das sind Albträume, schlimme Erinnerungen, die einen tagsüber überfallen, die berühmten Flashbacks, wo der Betroffene auf einmal so reagiert, als wäre er wieder in der alten Situation. Dazu kommen Vermeidungssymptome. Das geht so weit, dass manche gar nicht mehr fernsehen, weil immer Bilder von Gewalt und Krieg gesendet werden. Die dritte Symptomgruppe ist die Übererregung. Der Körper ist in einem dauernden Alarmzustand, so als würde man im Auto gleichzeitig auf Gaspedal und Bremse treten. Die Menschen sind übermäßig wachsam, können nicht einschlafen und werden auch leicht körperlich krank.

STANDARD: Welche Symptome kommen in anderen Kulturen dazu?

Ottomeyer: Man hat zum Beispiel lange etwas abfällig über das "Balkansyndrom" gesprochen, also dass sich Menschen dort sehr stark über die Körpersprache äußern. Da hat jemand vielleicht Herzschmerzen, der Internist findet nichts, ihm ist gewissermaßen das Herz gebrochen, deshalb spürt er, wie es unregelmäßig arbeitet. Oder dass Menschen an einer bestimmten Stelle ohnmächtig umfallen. Das passiert bei westlichen Patienten sehr selten. Manche Leute aus Westafrika fühlen sich verhext. Man muss das bei jeder Person neu ergründen. Dann sieht man oft einen szenischen Zusammenhang zwischen Symptomen und dem, was erlebt wurde.

STANDARD: Können Sie dafür ein konkretes Beispiel schildern?

Ottomeyer: Ein zehnjähriges Mädchen aus Afghanistan hatte Augenschmerzen, die Augen tränten auch, der Augenarzt untersucht, dann fragt man nach, wann hat das angefangen? Als der Hund der Unterkunftsbetreiberin das Kind – vermutlich spielerisch – angesprungen hat, ist es umgefallen und hatte wahnsinnige Angst. Auf die Nachfrage, was war auf der Flucht, zeigte sich in dem Fall, dass die Schlepper die Leute unterwegs in einem Lager eingesperrt haben, und um den Zaun lief ein großer, gefährlicher Hund herum, vor dem alle Angst hatten. Das Kind hat das irgendwie tapfer durchgestanden, und dann passiert so etwas, das diese traumatische Situation wieder lostritt.

STANDARD: Was ist das Wichtigste, das traumatisierte Flüchtlingskinder brauchen, um gut im neuen Leben, das ja trotzdem mit Unsicherheit verbunden ist, anzukommen?

Ottomeyer: Das Wichtigste ist, dass sie keine Trennungsangst erleben. Das hat schon Anna Freud herausgefunden. Die Kinder, die im Zweiten Weltkrieg in England bei den Bombardements durch die Deutschen bei ihren Müttern bleiben konnten, haben das viel besser durchgestanden als Kinder, die man sozusagen zu ihrer Schonung aufs Land verschickt hat. Wenn die Mütter zusammenbrechen oder ausfallen, wird es für die Kinder schlimm. Also niemals die Kinder von den Müttern trennen bzw. die Mütter so freundlich und gut behandeln, dass sie trotz allem eine gewisse Ruhe und Gelassenheit, ein entspanntes soziales Feld um das Kind herum pflegen. Und die Kinder brauchen sehr schnell einen strukturierten Alltag, also wenn möglich Schule oder auch Kindergarten.

STANDARD: Kann man auch zu viel machen? Die Kinder also zu offensiv mit ihrem Trauma ansprechen?

Ottomeyer: Ja, man kann das Kind durch eine Traumadiagnose herausstanzen oder herausetikettieren aus seiner Umgebung und wie ein exotisches Wesen behandeln. Das ist eher schädlich, weil man das Kind isoliert. Das führt vor allem dazu, dass die anderen Kinder eifersüchtig werden. Da sind sie wie die Erwachsenen. Die schimpfen: "Frau Lehrerin, du hast die ja viel lieber als uns." Dann wird der Betreffende dafür traktiert.

STANDARD: Was sind Trauma-Hauptsymptome bei Kindern?

Ottomeyer: Kinder zeigen oft repetitives Spielverhalten. Sie spielen immer wieder dasselbe in Anlehnung an die traumatische Szene in der unbewussten Hoffnung, dass eine Lösung gefunden wird. Buben malen dann möglicherweise immer wieder Panzer und zerfetzte Leiber. Das ist Teil der Selbstheilung. Manche Kinder spielen auch gar nicht mehr vor lauter Verzweiflung oder Lähmung. Oft tritt ein Verlust der Unbefangenheit und Lebensfreude ein. Oder Kinder werden parentifiziert, müssen für die Eltern übersetzen, fühlen sich zuständig für deren Seelenzustand. Das kann sie überfordern. Sie sind dann manchmal so kleine Familientherapeuten.

STANDARD: Apropos Ängste: Die gibt es auch dergestalt, dass viele Menschen jetzt sagen: "Ich habe Angst – so viele fremde Menschen, fremde Kulturen, fremde Religion" etc. Und sie haben das Gefühl, ihre Angst würde diskreditiert und von der Politik nicht ernstgenommen. Haben Sie Verständnis für diese Menschen bzw. diese Ängste?

Ottomeyer: Ja, wir haben manchmal auch Inländer in Psychotherapie, die vielleicht arbeitslos sind und selbst unter dem Verdacht stehen, sie seien Drückeberger und Sozialschmarotzer. Da platzt es manchmal heraus: "Die kriegen alles, und wir kriegen nichts. Die kriegen alles sofort, und wir müssen hart dafür arbeiten." Dieses Gefühl der Benachteiligung kann ich teilweise verstehen bei Leuten, denen es selbst nicht so gut geht. Da kommt Versorgungsneid auf. Neid ist da ein ganz wichtiges Thema. Neid gibt es übrigens auch zwischen Flüchtlingsgruppen. Die sind ja auch keine besseren Menschen als wir. Manche Ängste sind ja berechtigt. Es gibt eine Besorgnis, die man verstehen muss ...

STANDARD: Ich höre da schon ein "aber ..." folgen.

Ottomeyer: Ja, es gibt auch Ängste, die geschürt werden, wenn etwa Gerüchte über Vergewaltigungen oder Plünderungen unter die Menschen gebracht werden, die in Wirklichkeit nie passiert sind. Das ist etwas sehr Gefährliches, weil damit Angstfantasien gefördert werden, die in eine neurotische Angst führen, die Angst vor einem Phantasma. Das sind eigentlich innere Konflikte, die auf Flüchtlinge projiziert werden.

STANDARD: Ein Beispiel für so eine Angst scheint jene vor dem "testosterongesteuerten" muslimisch-arabischen Mann zu sein, der als Angstfigur jetzt nicht nur in diversen Online-Foren herumgeistert. Nun sind ja auch die österreichischen Männer nicht ganz frei von Testosteron ... Woher kommen solche Bilder?

Ottomeyer: Das ist ja wie aus dem psychoanalytischen Lehrbuch für den Maturajahrgang. Es schürt eine ödipale Unterlegenheitsangst gegenüber dem sexuellen Rivalen. Man hat die Fantasie: Diese jungen Männer nehmen mir nicht nur die Wohnung, den Arbeitsplatz weg, sondern auch noch die Frauen. Dieser sexuelle Neid verbindet sich dann mit der Fertilitätsfantasie, dass die ja viel fruchtbarer sind als wir, und wir sterben dann aus. Und dann gibt es noch den analsadistischen Komplex, indem man die Flüchtlinge mit dem in vielen Menschen offenbar unbewältigten Problem des Schmutzes und der Sauberkeit in Verbindung bringt. Sie werden als schmutzig fantasiert, auch dass sie Seuchen einschleppen usw. Dann geht's nur noch um Hygienemaßnahmen, das Hinausreinigen oder Hinausräuchern dieses Schmutzes. Eine gefährliche Rhetorik. (INTERVIEW: Lisa Nimmervoll, 31.10.2015)

Klaus Ottomeyer (66) leitete bis 2013 die Abteilung für Sozialpsychologie, Ethnopsychoanalyse und Psychotraumatologie an der Uni Klagenfurt. Seine Schwerpunkte sind Arbeit mit ausländischen und inländischen Opfern von Gewalt sowie Psychologie des Rechtsextremismus. Er ist Vorstand des Vereins Aspis, eines Forschungs- und Beratungszentrums für Opfer von Gewalt in Klagenfurt.

...


Aus: "Wir und die Flüchtlinge: "Neid ist ein ganz wichtiges Thema"" Interview Lisa Nimmervoll (31. Oktober 2015)
Quelle: http://derstandard.at/2000024816297/Wir-und-die-Fluechtlinge-Neid-ist-ein-ganz-wichtiges-Thema


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[Seelische Verwundungen... (Psychotrauma)]
« Reply #11 on: January 23, 2016, 09:52:02 PM »
Quote
... wie leben Opfer sexueller Übergriffe mit den Folgen? Unsere Autorin, selbst betroffen, hat mehr als ein Jahr lang Tagebuch geführt. Sie möchte anonym bleiben. ...

Quote
stiip #20  —  vor 2 Stunden

Liebe unbekannte Autorin, danke, dass Sie den Mut fanden, über diesen traumatischen Übergriff zu schreiben. Ich glaube zwar nicht, dass es irgendetwas am Verhalten der Täter ändern wird. Aber es könnten den Blick der anderen schärfen. Da ich selbst als Jugendlicher von einer Gruppe überfallen und krankenhausreif geprügelt und getreten wurde, weiß ich, wie schrecklich es sich anfühlt, hilflos und Opfer zu sein, und wie lange es dauert, bis man darüber reden und sich wieder unbefangen bewegen kann. Dabei konnte ich mir wenigstens sagen: Immerhin waren sie nicht in meinem Körper. Selbst dieser schwache Trost bleibt Frauen (und missbrauchten Kindern) versagt.

Eins noch: Sie sind nicht dazu verurteilt, sich auf ewig als Opfer zu fühlen. Glauben Sie mir. Es gibt etwas in uns, das kein Gewalttäter anrühren oder verletzen kann, und dieses Etwas kämpft sich auch wieder durch. Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft und Stärke.


...


Aus einem Kommentar zu: "Angefasst" (23. Januar 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/2016/04/sexuelle-gewalt-opfer-missbrauch-bewaeltigung?cid=5950427#cid-5950427