Author Topic: Variationen zur Gretchenfrage...  (Read 8693 times)

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 2000
    • View Profile
Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #20 on: July 07, 2018, 11:13:59 PM »
Quote
[...] Evangelikale Christen sind nicht nur Gläubige, sie sind auch eine der mächtigsten gesellschaftlichen Bewegungen der Nachkriegszeit. Keine andere religiöse Gemeinschaft in Amerika hat wie sie nach politischem Einfluss gestrebt. Als Reaktion auf die kulturellen Gewitter der Sixties begannen vor allem weiße, konservative Menschen aus den wachsenden Vororten Amerikas sich politisch zu organisieren. Sie begriffen ihr politisches Engagement als einen antiliberalen Feldzug zur Rettung der Seele Amerikas. 1979 gründeten Jerry Falwell und Tim LaHaye die Moral Majority-Bewegung, andere Gruppierungen folgten und rollten mit ihrem Kampf für "Familienwerte" die amerikanische Politik auf.

Evangelical wurde zunehmend gleichbedeutend mit christian right, mit rechter Politik. Abtreibung, Homosexualität, Feminismus, Pornografie, Verhütung, die sexuelle und soziale Revolution der Sechzigerjahre kam seit den späten Siebzigern auf die Agenda der Wahlkämpfe. Evangelikale Prediger wie Billy Graham hatten nicht nur stets Zugang zu den amerikanischen Präsidenten, als Fernsehprediger hatten sie auch Zugang zu jedem amerikanischen Wohnzimmer. Zumindest Ronald Reagan und George W. Bush gaben konservativen Christen das Gefühl, einer von ihnen stehe an der Spitze des Staates.

Die Hinwendung der Evangelikalen zu Trump ist weniger selbstverständlich. "Die moralischen Überzeugungen vieler evangelikaler Führer sind nur noch geprägt von politischem Lagerdenken. Das ist nicht einmal mehr Leichtgläubigkeit; es ist die reine Korruptheit", schrieb etwa der konservative Politiker Michael Gerson in einem wütenden Essay für den Atlantic. Gerson wuchs selbst in einer evangelikalen Familie auf und hat lange für republikanische Regierungen gearbeitet. An den derzeitigen republikanischen Präsidenten hätten die evangelikalen Christen ihre Seele verkauft. Die Anführer der evangelikalen Bewegung seien geblendet vom Hass auf ihre politischen Gegner und sähen gar nicht mehr, welchen Schaden sie den Zielen zufügten, denen sie ihr Leben gewidmet hätten.

... Der linke Philosoph und Theologe Adam Kotsko, der selbst aus einem evangelikalen Umfeld stammt, erklärt die Doppelmoral vieler amerikanischer Christen mit ihrem verzweifelten Drang nach kultureller und politischer Anerkennung. Trump gebe ihnen das Gefühl, respektiert zu werden, und dass ein reicher, mächtiger Mann von außerhalb der evangelikalen Kultur ihre Forderungen ernst nehme, mache die Bindung zu ihm fast noch enger, sagt Kotsko. So konnte Trump gegen alle Wahrscheinlichkeit zur Führungsfigur des weißen, christlichen Amerikas werden, zum völligen Unverständnis aller Liberalen, die in ihm nur den obszönen, ganz und gar unchristlichen Unhold sehen. Für die einen ist er eine Heilsgestalt, für die anderen der Antichrist. Auch das spiegelt wieder, wie zerbrochen die amerikanische Öffentlichkeit ist. Mehr noch als andere Konservative haben die Evangelikalen eine dichte Blase, ja eine Parallelgesellschaft, geschaffen. Sie heiraten unter sich, schicken ihre Kinder auf gesonderte Schulen und Universitäten und haben ihre eigenen Medien, welche von Trump gezielt hofiert werden. Das Christian Broadcasting Network des Predigers Pat Robertson unterstützte Trump etwa bereits im Wahlkampf und bekommt seitdem immer wieder exklusive Interviews mit dem Präsidenten und hohen Regierungsmitgliedern.

Tatsächlich hat vieles, was man heute mit dem Phänomen Trump in Verbindung bringt, eine Vorgeschichte in der evangelikalen Kultur. Nicht erst Trump brachte den evangelikalen Christen bei, dass man von Medien und Eliten verbreiteten Fakten auch ignorieren kann, wenn sie die eigene Identität bedrohen: Fast 70 Prozent aller Evangelikalen leugnen schließlich die wissenschaftliche Evolutionstheorie. Seit Jahrzehnten gehört es zur Grundstimmung der christlichen Rechten, sich vom gesellschaftlichen Mainstream entfremdet zu fühlen. Auch deshalb kämpfen Evangelikale so sehr um politische Macht und fühlen sich trotz ihres Einflusses gleichzeitig so unterlegen wie bedroht: Weil sie fürchten, den Kampf um die Seele Amerikas endgültig zu verlieren. Der Anteil der weißen Christen in der Bevölkerung liegt nur noch bei 43 Prozent. Dass in der amerikanischen Bevölkerung etwa Homosexualität zunehmend nicht mehr geächtet wird, erscheint vielen von ihnen als ein Zeichen definitiver Dekadenz. Mit diesem Untergangsgefühl, das leicht in eine Wagenburgmentalität und heftigen Aggressionen gegen den politischen Gegner mündet, trat der Trumpismus in Resonanz.

... Nicht alle folgen deshalb der Erzählung des konservativen Autors Michael Gerson, derzufolge die evangelikale Bewegung erst kürzlich und aus Opportunismus von ihrem reinen Weg abgekommen sei. Für viele ist Trump schlicht der authentische Ausdruck der antintellektuellen, nationalistischen und autoritären Kultur des evangelikalen Amerikas, die von der Angst durchsetzt ist, bald nicht mehr in einer christlich-weiß geprägten Nation zu leben. Das legt etwa die Forschung der Professorin Janelle Wong von der Universität von Maryland nahe. Nach der Wahl im November 2016 versuchte sie herauszufinden, warum Evangelikale für Trump gestimmt hatten. 50 Prozent der von ihr befragten weißen Evangelikalen seien der Ansicht, dass Einwanderer der Wirtschaft schadeten, schrieb sie in der Washington Post. Als konservative Christen fühlten sie sich angegriffen, als Weiße diskriminiert.

Der strukturelle Rassismus in der Geschichte der USA, die Vorstellung, das tiefe Amerika beruhe auf einer protestantisch-weißen Kultur und müsse gegen weitere Einwanderung oder gesellschaftliche Durchmischung mit anderen Kulturen, Religionen oder Hautfarben geschützt werden, war häufig religiös gefärbt. So rekrutierte der Ku-Klux-Klan, als er nach dem Ersten Weltkrieg im Zeichen des Kreuzes zu einer gewaltbereiten Millionenbewegung anwuchs, seine Mitglieder fast ausschließlich aus der protestantischen Mittelschicht. Die Agitation des Klans richtete sich gegen Migranten, Feminismus und alle Nichtweißen, aber auch gegen Katholiken und Juden. Er tat es auf eine Weise, die frappierend an die Anti-Islam-Agitation von heute erinnert.

"Evangelikalismus ist eine sehr weiße Bewegung", sagt auch Adam Kotsko. Was die Evangelikalen heute mit Trump eine, sei "das Gefühl, dass Amerika bedroht und umlagert ist. Dies sei die letzte Chance, um noch das, was sie für die authentischen amerikanischen Werte halten, zu bewahren."

...

Quote
DieZeitKommentieren #23

... Religionen sind waren schon immer gut für Krieg, Tod, Verfolgung und zum Geld verdienen. Jüngst kommt dann noch reichlich sexueller Missbrauch dazu...


Quote
Something_is_rotten #25

Dieser Artikel hinterlässt bei mir eine große Gelassenheit.
Jesus sagt: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen Verfolgung erleiden, denn ihnen wird das Himmelreich zuteil! Selig seid ihr, wenn man euch um meinetwillen schmäht und verfolgt und euch lügnerisch alles Böse nachredet! Freuet euch darüber und jubelt, denn euer Lohn ist groß im Himmel! Ebenso hat man ja auch die Propheten vor euch verfolgt.“ (Jesus in Matthäus Kapitel 5, Verse 10-11)
... Im Übrigen: "DIE Evangelikalen" gibt es ebenso wenig wie "DIE Muslime".


Quote
atech #34.1

Religiöser Glaube ist nicht erblich. Moderne, naturwissenschaftliche Schulbildung ist ein wirksames Gegengift. Das wissen die Religiösen weltweit allerdings auch. Donald Trump setzte Betsy deVos als Bildungsministerin für evangelikale Privatschulförderung ein, Präsident Erdogan hat die Evolutionstheorie aus dem Lehrplan gestrichen...


Quote
MaryPoppinsky #88

Bildungsverachtung ist ebenfalls Teil des Problems:
"Most Republican voters believe that higher education is bad for the country."
"Republicans: College Is Ruining America"
“Republicans increasingly say colleges have negative impact on U.S. Republicans and Democrats offer starkly different assessments of the impact of several of the nation’s leading institutions – including the news media, colleges and universities and churches and religious organizations – and in some cases, the gap in these views is significantly wider today than it was just a year ago. While a majority of the public (55%) continues to say that colleges and universities have a positive effect on the way things are going in the country these days, Republicans express increasingly negative views. A majority of Republicans and Republican-leaning independents (58%) now say that colleges and universities have a negative effect on the country, up from 45% last year. By contrast, most Democrats and Democratic leaners (72%) say colleges and universities have a positive effect, which is little changed from recent years.”
-> https://www.youtube.com/watch?v=N22d_kqtYpA


Quote
Seemannsfrau #35

Deus vult !

Gott will es. Das hat schon vor unserer Zeit ganze Landstriche ins Chaos gestürzt.
Schauen wir mal, was noch alles auf uns zukommt.


Quote
der_pfälzer #36

Mir als bekennender Christ wird schlecht wenn ich dies lese. Das was die amerikanischen Evangelisten predigen hat nichts, aber auch gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun. Wenn ich - was ich per se meines evangelischen Glaubens nicht tue - an die Hölle glauben würde, wäre ich sicher dass diese Leute alle in der Hölle landen würden.


Quote
Jimmy III. #36.3

Aha...nach welcher Methodik entscheiden sie denn was "christlich" ist, und was nicht?
Meiner Erfahrung nach ist die Logik immer die Selbe:
Was mir persönlich nicht passt ist unchristlich, und jeder der meiner Meinung ist ist christlich...


Quote
tobias.x #37

> "Man kann Trumps Regierung sicherlich als eine der christlichsten der jüngeren Geschichte bezeichnen."

Bitte schreiben Sie lieber:
"... als eine der Regierungen mit dem größten Einfluss sich christlich nennender Gruppierungen".

So wie im Text verwendet wird das Wort "christlich" komplett entwertet.

Schreibe ich als überzeugter Atheist, der aber die grundlegenden christlichen Werte in weiten Bereichen schätzt. Wenn sich die als Christen bezeichnenden Menschen nur mehr daran halten würden..


Quote
Matze 83 #39

"Gott wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den USA Politik begründen kann."

Ein "Argument" mit dem man im Mittelalter auch schon die Kreuzzüge "begründet" hat. "Deus Vult"
Wenn eine Gesellschaft soweit ist das man ihr"Gottes Wille" als ausreichende Begründung für politische Entscheidungen verkaufen kann, kann man als Politiker alles machen, jede Grenze überschreiten (sprichwörtliche und reale) und jedes Verbrechen rechtfertigen.


Quote
Kohlenträgersohn #42

Klasse Zeitartikel, wann findet der erste analytische untersuchende gegen den Islam statt oder traut man sich nicht ?


Quote
atech #42.1

what about...


Quote
Matze 83 #42.3

Ich hatte mich schon gefragt wann hier der Erste mit "Aber der Islam..." um die Ecke kommt. :)


Quote
SchnellerDrehmoment #43

Wer glaubt, dass der "liebe Gott" in diesem, sich immer weiter ausdehnenden, unfassbar großen Universum, ganz intensiv um kleine Erde kümmert und jeden Einzelnen von uns genau beobachtet, aufpasst, dass wir auch immer ordentlich beten, ganz nebenbei noch so Sachen wie die unbefleckte Empfängnis erfindet, natürlich alle Geschicke dieses Planeten genau vorher geplant hat, der glaubt auch, dass Fruchtzwerge gesund sind oder mit anderen Worten, dem ist auch nicht mehr zu helfen.


Quote
SchnellerDrehmoment #43.3

... und wenn jemand was gegen Religionen sagt, werden seine Beiträge zensiert, weil man ja religiöse Gefühle verletzt.
Warum werden die anderen nicht davor geschützt, dass man ihren gesunden Menschenverstand beleidigt.


Quote
Matze 83 #43.4

"Warum werden die anderen nicht davor geschützt, dass man ihren gesunden Menschenverstand beleidigt."

Weil diejenigen, die dem gesunden Menschenverstand statt irgendwelchen überkommenen Aberglauben anhängen erwachsen genug sind mit derartigen "Beleidigungen" umzugehen ohne einen Tobsuchtsanfall zu bekommen.

;)


Quote
heined #47

Eines Tages platzte einer meiner Schüler mit muslimischer Herkunft in mein Büro und fragte: "Nicht wahr, Gott ist doch nur ein grosser Schwindel?"
Ich überlegte und antwortete: "Ich unterrichte Mathematik und nicht Religion. Schule ist neutral in solchen Fragen. Aber es ist doch so, dass wenn ich eine Wurst auf den Tisch lege und dem Hund verbiete sie zu essen, wird er gehorchen, so lange ich da bin. Was aber passiert, wenn ich hinausgehe?"
Schüler: Er schnappt sich die Wurst."
"Eben," fuhr ich fort," ein Mensch aber gehorcht auch dann, wenn ich weg bin. Denn man hat ihm beigebracht, dass Gott alles sieht."


Quote
wilsieb #56

Liebe Deutschen, wähnt euch nicht sicher vor evangelikalen, fundamentalistischen Christen in Deutschland. Einer meiner besten Freunde, inklusive der ganzen Familie, ist Mitglied in einer evangelikalen Freikirche. Das ist Gehirnwäsche pur, meiner Meinung nach. Pfadfinder-Vereine sind auch oft von evangelikalen Freikirchen (z.B. die Royal Rangers).
Mein Freund erzählt z.B. gerne was von Anzeichen für die Apokalypse. Bis vor kurzem hat er noch Theologie und Musik studiert, inzwischen hat er Theologie abgebrochen und ist auf Englisch gewechselt (gutes Zeichen!).
Er studiert im Raum Stuttgart - da gibt es leider viele Evangelikalen...

... Ach ja, zum Bibelkreis geht er übrigens auch.


Quote
freidenker80 #67

Ich finde es immer krass, wenn Leute meinen, den Willen eines übermenschlichen Wesens zu kennen. Jeder, der statt von Gott von anderen Fabelwesen wie Außerirdischen oder Kobolden faselt, ist reif für die Klapse. Aber wenn man sich einen Gott halluziniert und sich mit seinen Taten auf ihn beruft, wird das als normal akzeptiert.


Quote
Erstmal -zurücklehnen #83
Das sind die christlichen Kirchen wie sie immer waren und bleiben. Die Kooperation mit den Nazis war es bei uns. Aktive Gegenwehr gegen "das Böse" schlechthin kam nur von einzelnen und sehr wenigen.
Heute salbadern sie bei uns wieder von Menschlichkeit. Aber jetzt wieder die Nagelprobe: Wo ist die klare Kante gegen das Verhalten von Seehofer und Co gegenüber dem Leid der Geflüchtete?
Sie politisieren und taktieren wieder. Klar meine Herren Kardinäle. ...


Quote
Saltatio #83.2

Es gab katholische Priester und evangelische Pfarrer, die sind in den KG der Nazis gestorben. In Dachau gab es zum Beispiel einen "Pfarrerblock". Bitte werfen Sie nicht alles in einen Topf.


Quote
Hartmann Ulrich #104

Die Unterstützung vieler Evangelikaler für Trump beweist, daß das, was sie für sich in Anspruch nehmen und was ihnen auch in diesem Artikel zugeschrieben wird, nämlich daß sie die Bibel wörtlich nehmen, in Wirklichkeit nicht zutrifft. Wenn man nämlich die Bibel wörtlich nimmt, und da ist es fast egal, welchen Teil, steht Trump fast durchweg für das Gegenteil. Demut, Wahrhaftigkeit, Friedenswille, Feindesliebe, Verzicht, Bußfertigkeit, Mäßigung... Nicht einmal seine Anhänger können ernsthaft behaupten, daß diese Werte, die in der Bibel hochgehalten werden, von Trump verkörpert werden. Daß sie ihn dennoch unterstützen, zeigt, daß es sich bei ihnen nicht um (wörtlich gemeint) christliche Fundamentalisten handelt, sondern um Nationalreligiöse.


Quote
O Quijano #105

Text und Kommentare überbieten sich ja an Spott und Verachtung über christliche Amerikaner. Keine Ahnung ob es begründet ist oder nicht, dafür kenne ich diese Amerikaner zu wenig.
Eines weis ich aber: diejenigen, die sich so höhnisch über Glauben und Religion anderer erhaben fühlen, sollten sich fragen, ob sie selber nicht in grotesker Verblendung den Balken im eigenen Auge, die Allgegenwart von Glauben in ihrem eigen Leben übersehen.
Man mache einen Versuch und ersetzte „USA“ durch „Deutschland“ und „Gott/Religion/christlich“ beispielsweise durch „Europa“. Voilá, man erhält das Bild einer Gesellschaft, die in identischem Ausmaß vom Glauben bestimmt ist wie die Gemeinschaft der gerade noch unflätig als hinterwäldlerisch und irrational beschimpften Evangelikalen in den USA:
„Die Anwendung des Gesetzes sei gut und moralisch, so habe Europa es gewollt. Europa wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den Deutschland Politik begründen kann. Wie sehr Europa und Politik in Deutschland verquickt sind, …… In seiner Rede stellte der Bundespräsident fest: Deutschland ist eine europäische Nation. Ohne Europa würde die deutsche Gesellschaft zugrunde gehen: Wenn unsere Nation sich von Europa abwendet, … usw …usw…usw“


Quote
Paul Benjamin #109

Erwachsene Menschen mit unsichtbaren Freunden sollten von politischer Verantwortung ferngehalten werden.


Quote
InXR #108

Pauschaler geht es nicht - solch ein Essay ist der "Zeit", die sonst so auf differenzierte Darstellung Wert legt, nicht würdig.
In Amerika steht "evangelical" für "evangelisch" und ist eine überkonfessionelle Bewegung, der auch ein Jimmy Carter angehört (nachzulesen bei Wikipedia "Evangelikalismus"). Dazu werden nur negative Attribute miteinander wild verknüpft und unter dem Strich kommen Trump-Mittelalter-Monster rüber. Dass unter diesen "Evangelikalen" auch Friedensaktivisten (z.B. Mennoniten) oder Ärzte (z.B. Mercy Ships) sind, die sich weltweit ehrenamtlich für die Ärmsten der Armen engagieren, wird bewusst weggelassen.
Solch ein Essay über DIE Atheisten geschrieben, die im 20. Jahrhundert mit Mao, Stalin, Hitler und Pol Pot über 100 Millionen Menschen abgeschlachtet haben, weil sie den Menschen und sich selbst damit in den Mittelpunkt des Universums gesetzt haben - oh, oh, da gäbe es einen Aufschrei. Zu Recht, denn natürlich ist nicht jeder Atheist ein Mao, Stalin, Hitler oder Pol Pot.
Genauso wenig wie "Evangelikale Christen" Trump-Mittelalter-Monster sind.
Von daher nur eine kleine Bitte, die aber dringlich: Differenzierter und weniger auf Beifall heischend! Denn Evangelikale abzuwatschen, da kann man sich dem Beifall in den Kommentarzeilen sicher sein.



Quote
Haschim Ibn Hakim #110

Religion war schon immer ein probates Mittel zur Unterdrückung und Verdummung. Glauben muss man, was die Herrschaften vorgeben, waren sie doch 'Herrscher von Gottes Gnaden'. Seinerzeit hat der Papst den Kaiser gekrönt. Heutzutage läuft es halt ein wenig anders, aber überall wo sich Herrscher (oder Regierende) auf Gott berufen, ist etwas faul, Iran, Saudi-Arabien, und nun auch auch die USA.
Wer nichts weiss , muss eben glauben. Wissen, Erkenntnisse, kritisches Denken sind verpönt. ...


...


Aus einem  Essay von Paul Simon "Weil Gott es will" (7. Juli 2018)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2018-07/evangelikale-donald-trump-religioeser-fundamentalismus-usa-migration/komplettansicht

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 2000
    • View Profile
Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #21 on: July 08, 2018, 11:16:07 AM »
Quote
Würden Sie sich als Atheisten bezeichnen?

Jan Assmann (Kulturtheoretiker): Nein. Gott ist für mich eine offene Frage; für die Atheisten ist sie gelöst. Ich würde meinen, dass alle Religionen Übersetzungen von etwas Verborgenem, aber irgendwie Spürbaren sind. Religionen finden im Sinne dieser „verborgenen Religion“ dann jeweils andere Bilder, andere Übersetzungen dieser Grunderfahrung. Das ist die Weisheit der Ringparabel, deren Varianten bis ins 8. Jahrhundert zurückgehen. Die Wahrheit ist verborgen, aber wir dürfen nicht aufhören, sie in unserem Tun und Denken anzuzielen.

...


Aus: "„Es gibt keine wahre Religion“" (2013)
Quelle: https://philomag.de/es-gibt-keine-wahre-religion/

---

"Christlich-jüdisches Verhältnis: Benedikts Aufsatz mit kirchenpolitischer Sprengkraft" Michael Hollenbach (16.08.2018)
Ein Text des früheren Papstes Benedikt XVI. polarisiert. Darin stellt der Emeritus die Frage, ob das Christentum das Judentum ersetzt. Ratzinger wolle mit dem Aufsatz die Diskussion "verdeutlichen, versachlichen und vertiefen", sagen die einen - andere sehen das Judentum abgewertet. ... Papst Johannes Paul II. legte großen Wert auf den aktuellen Dialog mit dem heutigen Judentum. Einen weiteren Schritt der Versöhnung unternahm der polnische Papst im März 2000, als er in einem Gebet um Verzeihung bat: "Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes."
Papst Benedikt setzt dagegen andere Akzente. Ihn beschäftigte das Schisma der Piusbruderschaft. Heftige Irritationen löste er aus, als er sich 2007 und 2008 um eine Versöhnung mit der Gemeinschaft, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht akzeptiert, bemühte. Benedikt erlaubte mit dem Erlass "Summorum pontificum" - auf Deutsch: Die Sorge der Päpste - die Messe nach vorkonziliarem Ritus. Wohlwollende Beobachter deuteten dies als Beitrag zur Einheit der Kirche und zur liturgischen Vielfalt, Kritiker als Zugeständnis an die Piusbruderschaft.
Zum Alten Ritus gehört die Karfreitagsfürbitte. Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil hatte der Priester in der Messe darum gebeten, dass Gott "den Schleier von den Herzen der Juden wegnehmen" möge, damit auch sie Jesus Christus erkennen würden. Die Juden sollten, wie es hieß, ihrer Finsternis entrissen werden. Davon hatte sich der Vatikan eigentlich längst distanziert. Benedikt XVI. veröffentlichte im Mai 2008 eine neue Fassung der Karfreitagsbitte. Die lautet:
"Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott, unser Herr, ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Retter aller Menschen."
Als Rückschritt in den Beziehungen zum Judentum wertet Hanspeter Heinz diese Aktionen des deutschen Papstes zehn Jahre später:
"Er ist sich selber treu, in dem er stehen bleibt, und das heißt: an Christus führt kein Weg vorbei. Er lässt beten für die Bekehrung der Juden, das hat für Riesenärger gesorgt, weil es im Grund die Kehrseite der alten Karfreitagsfürbitte ist, wo von den Juden gesagt wird: Sie leben in Finsternis, sie sind blind, und dass sie Jesus Christus, den Erlöser erkennen. Sie müssen zu Christus Ja sagen, und das bricht den Juden das Kreuz." ...
https://www.deutschlandfunk.de/christlich-juedisches-verhaeltnis-benedikts-aufsatz-mit.886.de.html
« Last Edit: August 16, 2018, 01:17:48 PM by Link »

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 2000
    • View Profile
Variationen zur Gretchenfrage...
« Reply #22 on: August 23, 2018, 07:44:38 AM »
"Integration: Da musst du jetzt durch" Simone Schmollack (22. August 2018)
Was passiert, wenn eine junge Geflüchtete und eine Deutsche zusammenwohnen? Unsere Autorin erlebt es seit einigen Monaten mit Senait, die als 17-Jährige aus Eritrea kam. ... Wenn sie von ihrem Gott redet, tut sie es sehr leidenschaftlich. Ich höre zu, ich frage nach. Manchmal habe ich das Gefühl, sie möchte, dass ich ihrer Religion ebenfalls folge. Aber ich glaube nun mal nicht ans Jenseits und an ein Leben nach dem Tod, jede Form von Spiritualität ist mir suspekt. Das sage ich Senait nicht. Aber sie spürt es, runzelt die Stirn und sagt: "Das geht nicht. Jeder Mensch braucht einen Gott."  ... Wenn wir auf der Straße muslimische Frauen mit Kopftuch treffen, sagt sie: "Das ist nicht richtig." "Doch", sage ich: "Die Frauen, die es wollen, dürfen ein Kopftuch tragen." Senait ist kritisch gegenüber dem Islam und kritisch gegenüber anderen Glaubensrichtungen, die von ihrem Gottesbild abweichen. Sie versteht nicht, dass es in Asien viele verschiedene Religionen mit unzähligen Göttern gibt. Ich versuche, ihr das zu erklären und sage so etwas: "Jeder Mensch darf an das glauben, woran er und sie möchte." Ich verwende Begriffe wie Toleranz, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung. Sie versteht die Wörter, beharrt aber darauf, dass ihre Religion die einzig richtige ist. Im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass es egal ist, ob sie meinen Aussagen folgt oder nicht. Und sie hat verstanden, dass mein Leben ohne Gott nicht leer, richtungslos und unvollständig ist. ...
https://www.zeit.de/kultur/2018-08/integration-gefluechtete-zusammenleben-eritrea-naehe-10nach8/komplettansicht

---

"EuGH-Urteil: Halleluja, Gleichheit ist der EU heiliger als die Kirche" Ein Kommentar von Luisa Jacobs (11. September 2018)
Die Kündigung eines wieder verheirateten katholischen Chefarztes kann Diskriminierung sein, befand das EuGH. Ein wichtiges europäisches Signal für die Gleichheit. ... Eine Ärztin ist keine weniger gute Ärztin, weil sie eine Frau ist. Ein Pfleger ist kein weniger guter Pfleger, weil er Männer liebt. Und eine Krankenschwester macht ihre Arbeit nicht schlechter, weil sie eine nicht weiße Hautfarbe hat. In Deutschland regelt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, dass Menschen nicht aus Gründen der Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung benachteiligt werden dürfen. Diskriminierung ist laut deutschem Arbeitsrecht verboten. Eigentlich.
Die katholische Kirche aber tut genau das. Sie diskriminiert. Wenn beispielsweise ein katholischer Arzt gegen katholische Moralvorstellungen verstößt, dann soll er auch nicht mehr in einem katholischen Krankenhaus arbeiten. ... Konkret geht es um folgenden Fall: Ein katholischer Chefarzt, der die Abteilung für Innere Medizin an einem katholischen Krankenhaus in Düsseldorf leitet, lässt sich von seiner ersten Ehefrau, mit der er nach katholischem Ritus verheiratet war, scheiden und heiratet erneut standesamtlich, ohne seine erste Ehe für nichtig zu erklären. Weil das gegen die Moralvorstellungen der katholischen Kirche verstößt, kündigt ihm das katholische Krankenhaus. Der Chefarzt klagt gegen die Kündigung. Denn: Einem evangelischen oder konfessionslosen Chefarzt wäre bei Wiederheirat nicht gekündigt worden.
Seit neun Jahren streiten deutsche Gerichte nun darüber, ob die katholische Kirche ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kündigen darf oder nicht. Drei Arbeitsgerichte gaben dem Chefarzt recht. Die Kirche aber gab nicht auf und zog vor das Bundesverfassungsgericht, und das befand im Jahr 2014, die Arbeitsgerichte hätten sich zu tief in innerkirchliche Angelegenheiten eingemischt. 
Heute, endlich, hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden, dass das Privatleben des Chefarztes keine Auswirkung auf seine Tätigkeit, "nämlich die Beratung und medizinische Pflege in einem Krankenhaus und Leitung der Abteilung Innere Medizin", hat, so drückt es der EuGH in seinem Urteil aus. Kurz: Ein mehrfach geschiedener Chefarzt kann sich um kranke Patienten ebenso gut kümmern wie ein nach katholischem Ritus verheirateter Chefarzt.
Dafür spricht auch die Tatsache, dass an katholisch geleiteten Krankenhäusern eben nicht ausschließlich katholisches Personal arbeitet, sondern ebenso konfessionslose oder anders gläubige Mitarbeiterinnen. Dass ein nicht katholischer und ein mit den moralischen Vorstellungen brechender Katholik unterschiedlich behandelt werden können, ist ein Fall von Diskriminierung.
Mit dieser Entscheidung weist der Europäische Gerichtshof den deutschen, traditionell kirchenfreundlichen Gerichten die richtige Richtung: Gleichheit muss vor kirchlicher Selbstbestimmung kommen. In Deutschland haben Gerichte in der Vergangenheit im Zweifel eher für die Kirche entschieden." Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheit selbständig innerhalb des für alle geltenden Gesetzes", so steht es im Grundgesetz und so wurde der Passus oft kirchenfreundlich interpretiert.
Der Europäische Gerichtshof muss sich dieser Tradition nicht unterordnen. Der EU ist die Gleichstellung heiliger als die Kirche. ...
https://www.zeit.de/arbeit/2018-09/eugh-urteil-katholische-kirche-gleichheit-arbeitnehmerrechte/komplettansicht

Quote
Renfrew #2

Ein wichtiges Urteil. Es muss Schluss damit sein, dass sich die Kirchenoberen wie Stammesfürsten verhalten, die mit dem Personal nach Gutsherrenart umgehen.


Quote
Heiliger Römischer Reis #4

Mit dieser Entscheidung weist der Europäische Gerichtshof den deutschen, traditionell kirchenfreundlichen Gerichten die richtige Richtung: Gleichheit muss vor kirchlicher Selbstbestimmung kommen

Halleluja!

Wurde aber auch Zeit...


...
« Last Edit: September 12, 2018, 07:37:09 AM by Link »