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[Gustave Flaubert (Notizen) ... ]

Started by Link, December 04, 2025, 04:22:30 PM

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Quote[...] Gustave Flaubert (* 12. Dezember 1821 in Rouen, Normandie; † 8. Mai 1880 in Canteleu, Normandie) war ein französischer Schriftsteller, der vor allem als Romancier bekannt ist.

[...] Flaubert schrieb schon seit seiner Jugend unermüdlich, zunächst im Stil der Romantik. Er stellte aber so hohe Ansprüche an sich selbst, dass er lange Jahre alle Manuskripte unpubliziert ließ. Sein erstes gedrucktes Werk wurde schließlich der 1851 begonnene Roman Madame Bovary, der 1856 im Feuilleton der Revue de Paris erschien. Der Roman trug ihm sogleich einen Prozess wegen Verstoßes gegen die guten Sitten ein, doch wurden Flaubert und der Herausgeber der Zeitschrift dank des klugen Plädoyers ihres Anwalts am 7. Februar 1857 freigesprochen.

[...] Weniger erfolgreich, aber noch einflussreicher auf die Entwicklung des europäischen Romans war Flaubert mit L'Éducation sentimentale (1869).

Die Bovary und die Éducation gelten als epochemachend für die Entwicklung des europäischen Romans, und zwar aufgrund der Idee Flauberts, seine Protagonisten nicht mehr (wie Balzac dies tat) als Ausnahmepersonen zu konzipieren oder zu dämonisieren, sondern als gänzlich unheroische Durchschnittscharaktere darzustellen. Er vermeidet melodramatische Züge; sein Realismus ist unparteiisch und stark versachlicht. Madame Bovary ist keine tragische Heldin; ihre Lage wird sachlich gekennzeichnet, beim Leser werden keine Leidenschaften ausgelöst. Ihr Leben fließt ,,zäh und träge".

...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gustave_Flaubert


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Quote[...] Geboren am 12. Dezember 1821 in Rouen in der Normandie als Sohn eines Chirurgen, gibt es abgesehen von einem abgebrochenen Jura-Studium und ein paar Reisen, die ihn immerhin bis in den Orient führten, von seinem äußeren Lebensverlauf nicht viel zu berichten. 1846, Flaubert war 25 Jahre alt und der Vater gerade gestorben, zog er sich nach Croisset zurück, einem Weiler nahe Rouen, wo seine Familie ein, an der Sein gelegenes Landhaus besaß, und folgte seinem Schreibwunsch:
,,Ich lese oder schreibe regelmäßig acht bis zehn Stunden am Tag, und wenn man mich stört, bin ich davon ganz krank. Viele Tage vergehen, ohne dass ich bis ans Ende der Terrasse gehe. Das Boot ist nicht einmal zu Wasser gebracht."

Sein Flaggschiff, den Roman ,,Madame Bovary", erschuf er in knapp fünfjähriger Arbeit. Das Buch erzählt, vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Lebens in dem normannischen Provinzstädtchen Yonville, die Liebes-Träume der jungen schönen Emma Bovary:
,,Es war ihr Glaube, dass die Liebe mit einem Male da sein müsse, ... wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die Menschen packt und erschüttert ... und das ganze Herz in den Abgrund schwemmt."

Stattdessen erlebt Emma, wie sie an der Seite ihres biederen Ehemanns, des Landarztes Charles Bovary, emotional immer mehr zu ersticken droht. Als Revolte gegen alle gesellschaftlichen Konventionen und in der Gewissheit, welche Verführung sie für Männer darstellt, ist sie bereit, auch selbst der Verführung zu verfallen. Nach ihrem ersten Fremdgehen ein Blick in den Spiegel
,,Sie staunte über ihr Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! ... Unsagbares umfloss ihre Gestalt ..."

Neben den Verführungsszenen war es der kalte, anatomisch-sezierende Blick auf die Personen, der die Leser des 1857 erschienenen Romans erregte. Anspruch und Ziel dieses Blicks hatte der Autor in einem heimlichen Selbstporträt verraten, das sich in der Beschreibung des Chirurgen Professor Larivière fand: ,,Sein Blick war schärfer als seine Messer; er drang einem bis tief in die Seele, durch alle Heucheleien, Lügen und Ausflüchte ..."

,,Autopsie de Madame Bovary" hieß denn auch eine zeitgenössische Karikatur, die Flaubert mit einer Lupe in der rechten Hand zeigt, während er in der linken triumphierend Emma Bovarys auf einem Skalpell aufgespießtes Herz hochhält, aus dem das Blut in Strömen fließt. Was für ein Eisblock muss dieser Autor sein, werden viele gedacht haben. Das Gegenteil war der Fall.
Denn um Emma Bovarys Lebens- und Liebeswünsche zu verstehen, zugleich das dahinter lauernde Wahnsinns-Verhalten, das am Ende zu ihrem Selbstmord führt und zum wirtschaftlichen Ruin der Familie, musste Flaubert neben dem kalten Blick auch all' seine emotionalen Fähigkeiten entfalten. Ein Erlebnis, das er, trotz aller oft bekundeten Qualen bei der Suche nach den treffenden Wörtern, auch zu genießen wusste: ,,Schreiben ist etwas Köstliches, nicht mehr man selbst zu sein, sondern in der ganzen Schöpfung kreisen, von der man spricht. Heute zum Beispiel bin ich als Mann und Frau zugleich, als Liebhaber und Geliebte an einem Herbstnachmittag unter den gelben Blättern durch einen Wald geritten, und ich war die Pferde, die Blätter, der Wind, die gesprochenen Worte und die rote Sonne, die sie ihre von Liebe getränkten Augenlider halb schließen ließ."

In weiteren als abenteuerliche Expeditionen gestalteten Büchern wie ,,Salambo", ,,Lehrjahre des Gefühls" oder »Bouvard et Pécuchet« hat Flaubert durch seine Erfindung eines neuen Realismus nicht nur in der Literatur, sondern auch in den benachbarten Künsten tiefe Spuren hinterlassen, etwa in der Musik Erik Saties. Wenn er nicht an seiner Prosa feilte, füllte er die Seiten mit Aperçus, die er in einem »Wörterbuch der Gemeinplätze« sammelte. Zum Stichwort ,,Hieroglyphen" notierte er:

,,Geheimnisvolle Schrift, erfunden von den Priestern des alten Ägypten, um ihre Geheimnisse zu verschleiern."

Und wenn es doch Leute gebe, die die Zeichen lesen könnten? – "Leicht gesagt, vielleicht ist ja alles nur erfunden!"


Aus: "200. Geburtstag von Gustave Flaubert: Kalter Blick durch Empathie" Christian Linder (12.12.2021)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/200-geburtstag-von-gustave-flaubert-100.html


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Quote[...] Paul Jove erklärt, dass er nicht schreibt, wenn er nicht dafür bezahlt wird, und dass er im Autorenberuf lediglich ein Mittel zum Reichwerden sieht. Er verteilt seine Huldigungen oder spöttischen Seitenhiebe also je nachdem, ob er Wohltaten oder kalte Ablehnung zu spüren bekommen hat.

Dieses Kurzporträt eines karrieristischen Dienstleistungsschreibers findet sich in Daunous ,,Historischen Studien", das folgende Eingeständnis 1864 in einer kleinen französischen Zeitung:

Es wäre mir nie in den Kopf gekommen, jemandem seinen Meinungswandel vorzuwerfen. Man weiß, dass ich bereitwillig die meinen wechsle, und ich befinde mich bestens dabei.

Beide Zitate hielt Vielleser Gustave Flaubert, der zweifellos manischste Stil-Arbeiter der französischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts, für notierenswürdig. In seinem ,,Sottisier" – zu deutsch: seiner ,,Stilblüten- und Dummheitensammlung" – ordnete er das erste in der Sektion ,,Schönheiten der Literaten" ein, das zweite in der Sektion ,,Journalisten". Weiter kommentierte er sie nicht. Wie die anderen Zitate, die er im Laufe von 35 Jahren auf 3800 Seiten handschriftlich festhielt, mussten sie für sich sprechen.

Man darf Gustave Flaubert getrost zu den klassischen Workoholics mit der Moral eines Sisyphos zählen, ja, es liegt nahe, dass er – wie die Antihelden seines letzten Romans ,,Bouvard und Pécuchet" – im ,,materiellen Akt des Abschreibens" ,,Genuss" fand. Dafür spricht auch, dass seine Sammel- und Exzerpierwut erst in der letzten Jahren seines Lebens auf ein Ziel zulief. 1872, acht Jahre vor seinem Tod, schrieb Flaubert an einen Freund:

Ich verschlinge Druckseiten und mache mir Notizen für ein Buch, in dem ich meine Galle auf meine Zeitgenossen auszuspeien versuchen werde. Diese Kotzerei wird mich wohl mehrere Jahre in Anspruch nehmen.

Eine Kotzerei zum Tode – buchstäblich. Flaubert hatte die 50 überschritten, neigte zur Isolation. Ein Eigenbrötler, dessen großes Ziel die möglichst objektive literarische Erfassung jenes Ungetüms war, das sich hinter dem Wort ,,Realität" verbarg. Ein Ziel, dass ihn – so Jean-Paul Sartre in seiner monumentalen Flaubert-Biographie ,,Der Idiot der Familie" – zum ,,Schöpfer des modernen Romans" gemacht hatte. Dennoch wollte Flaubert ein Jahr nach Ende des deutsch-französischen Krieges mehr.

Was lag hinter ihm? Er hatte, wie Marcel Proust es später ausdrückte, die ,,Sehweise" im Roman verändert – so radikal, dass er in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die Vertreter des so genannten ,,Nouveau roman" entscheidend beeinflusste: Nathalie Sarraute, Michel Butor, Alain Robbe-Grillet. Neu war vor allem Flauberts Haltung gegenüber dem Leser. Er wollte ihn mit der bürgerlichen Wirklichkeit konfrontieren, ohne eine eindeutige Moral mitzuliefern. In seinen Romanen gab es deshalb keinen allwissenden Erzähler. Nein, erzählt wurde aus der beschränkten Perspektive seiner Protagonisten. Für die Moralhüter des Zweiten Kaiserreichs starker Tobak. So wurde Flaubert 1857 nach der Veröffentlichung seines berühmtesten Romans ,,Madame Bovary" wegen Verstoßes ,,gegen die guten Sitten" angeklagt. Denn er hatte – so die Begründung – seine Leser mit der Beurteilung von Ehebruch und Selbstmord allein gelassen.

Gustave Flaubert schockierte gerade deshalb, weil er die triviale, verlogene Wirklichkeit der Bürgerwelt kommentarlos darstellte – so wie er sie aus Croisset, seinem kleinen Dorf nahe der nordfranzösischen Stadt Rouen, bestens kannte. In jedem Fall, dem bürgerlichen Milieu galt seine ganze Verachtung:

Ich empfinde Hass auf die Dummheit meiner Epoche, ganze Fluten von Hass, die mich ersticken. Scheiße steigt in mir hoch wie bei einem eingeklemmten Bruch, bis in den Mund. Aber ich will sie bei mir behalten, sie eindicken und daraus einen Brei machen, mit dem ich das 19. Jahrhundert beschmieren werde.

Als Gustave Flaubert sein letztes großes Romanprojekt in Angriff nahm, hatte sich an dieser Zielsetzung nichts geändert. Gleichzeitig wagte er mit der Geschichte von ,,Bouvard und Pécuchet" einen weiteren großen Schritt in Richtung Moderne. Denn er arbeitete am Verschwinden des Autors. Im ersten Teil des Romans schrumpfte die Rahmenhandlung bereits auf ein Minimum zusammen: Bouvard und Pécuchet, kleine Angestellte in einer Behörde, verbringen die Zeit damit, gängige Redensarten zu notieren – bis ihnen eine Erbschaft die Möglichkeit gibt, ihren Traum zu verwirklichen: ein autarkes Leben auf dem Lande. Also kündigen sie und versuchen sich mit den gängigen landwirtschaftlichen Veröffentlichungen auf die Zukunft vorzubereiten. Doch trotz Totalidentifikation mit dem Neuen bleiben sie Dilettanten: ein Scheitern, das sich später in anderen Disziplinen wie Astronomie, Politik oder Philosophie wiederholen wird. Bei so viel – wenn auch stümperhaftem – Bildungselan, befüchtete auch Flaubert, sich zu übernehmen:

Man muss schon verdammt sein, um die Idee zu solchen Büchern zu fassen! Ich habe endlich das erste Kapitel beendet und bereite das zweite vor, das Chemie, Medizin und Geologie umfassen wird, und das alles auf 30 Seiten zusammengedrängt! Und mit Nebenpersonen, denn man braucht einen Schein von Handlung, eine Art fortlaufender Geschichte, damit die Sache nicht den Anflug einer philosophischen Dissertation bekommt.

Drei Monate vor seinem Tod klagte Flaubert in einem anderen Brief:

Wissen Sie, wie hoch die Zahl der Bände ist, die ich mir für meine beiden Biedermänner habe einverleiben müssen? Mehr als 1500!

Die Arbeit am ersten und zweiten Band von ,,Bouvard und Pécuchet" überschnitt sich zum Teil. Im zweiten Band wollte Flaubert Revolutionäres versuchen. Denn er sollte fast nur noch aus Zitaten bestehen. Kein einziges Wort sollte – so wörtlich – ,,auf meinem eigenen Mist gewachsen sein".

Das Werk, an dem ich arbeite, könnte den Untertitel ,,Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit" tragen. Das Unternehmen drückt mich förmlich nieder und das Thema reibt mich auf.

Zu viel des Guten offenbar. Als drei Viertel seiner ,,Stilblüten- und Dummheitensammlung" zusammengestellt waren, machte der Tod Gustave Flaubert am 8. Mai 1880 den berühmten Strich durch die Rechnung. Der Anti-Romantiker, der seine schriftstellerische Karriere mit Erzählungen im Stile der romantischen Bekenntnisliteratur eingeläutet hatte, starb in seinem Haus in Croisset. Mit seiner geplanten ,,Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit" blieb vielleicht eines der ambitioniertesten Projekte auf dem Weg in die Moderne unvollendet. Der Siegeszug des Materials über die Imagination war fürs erste gestoppt. Und der literarische Testamentsvollstrecker, der Schriftsteller, Schüler und Freund Guy de Maupassant, stand vor einem Problem:

Diese Aufzeichnungen sollten, Flauberts Plan gemäß, durch erzählerische Bruchstücke, die auch Bouvard und Pécuchet wieder in Szene setzten, und durch Dialogfragmente verbunden, gebündelt werden, die die Kommentare zu ihren Lektüren und Abschriften bildeten. Diese Teile kann ich mir nicht wiederherzustellen erlauben, und ohne sie ist das Buch unlesbar: Es bildet lediglich eine Anhäufung, einen Wirrwarr von Zitaten ohne Ordnung, deren Sinn dem Leser sehr häufig entgehen wird.

Guy de Maupassants Vorbehalte gegenüber dem Torso wurden lange Zeit von der Nachwelt geteilt. Bis auf Stichproben und ein tabellarisches Gesamtverzeichnis der ,,Sektionen" drang von Flauberts ,,Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit" nichts an die Öffentlichkeit. Erst 1981 versuchten Alberto Cento und Lea Caminiti Pennarola ,,wieder eine Art Ordnung in das Ganze zu bringen". Doch hat sich der Herausgeber der jetzt erschienenen deutschen Ausgabe, Hans-Horst Henschen, nicht mit der Übersetzung dieser Ausgabe begnügt. Denn er hält sie für eine:

dem Zugang aller `Laien´ beinahe gänzlich entzogene akademische ´Notschlachtung´.

Und eben den Laien, zumindest den gebildeten, möchte Hans-Horst Henschen für die ,,Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit" begeistern. Deshalb hat er sich – ganz Sisyphosarbeiter wie Flaubert – selbst an die ,,editorische Arbeit" gemacht. Über Jahre sichtete und übersetzte er in Paris und Rouen das von Flaubert gesammelte Material. Für ihn war es:

gleichsam ein Versuch zweiten Grades, eine ,,Kopie" der Kopien, ein Meta-Essay.

Natürlich führt uns auch Henschens mehr als 700 Seiten umfassender Wälzer nicht sämtliches Text-Material vor. Doch mag er – anders als seine Vorgänger – von ,,völliger Willkür" bei der Auswahl nicht sprechen:

,,Völlig willkürlich" ... wäre sie nur bei Leugnung der Ordnungskategorien ...: nämlich der hier folgenden Sektionen ,,Große Männer", ,,Ästhetik und Kritik", ,,Geschichte und wissenschaftliche Ideen", ,,Literatur von Einfaltspinseln", ,,Philosophie" usw. ... Mag der Umfang dieser Sektionen auch von Herausgeber zu Herausgeber variieren, so führt doch keine noch so freie editorische Entscheidung hinter den herben Zwang zurück, jedes neu auftauchende editionswürdige Fragment eben diesem Raster einfügen zu müssen.

Auch wenn der Zugang zu Flauberts ,,Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit" allenfalls Romanisten und Historikern leicht fallen dürfte: Hans-Horst Henschen hat keine Mühe gescheut, dem Leser den Aufstieg auf den Zitate-Berg zu erleichtern: zum einen mit einem aufwändigen Anmerkungsapparat, der die Urheber der Zitate im jeweiligen historischen Kontext vorstellt; zum anderen mit seinem bemerkenswerten Nachwort ,,Sägespäne", das nichts mit akademischer Fliegenzählerprosa gemein hat. Ohne seine Pflichten als Philologe zu vernachlässigen, stellt Henschen hier seine essayistischen Qualitäten unter Beweis. Er beschreibt die Editionsarbeit in Sachen ,,Bouvard und Pécuchet" als Abenteuer: mit all ihren Risiken, Überraschungen und Zweifeln. Und er verbirgt uns nicht seine Begeisterung:

Es entsteht das Blätterbuch mit offener, nicht autorisierter, unverbindlicher Leserichtung, das kein bloßes Kuriosum ist, sondern der Kodex der Offenheit selbst: Zwischen ,,Inseln von Ordnung auf der Suppe von Unordnung" vermittelt kein ,,Geist der Geschichte", sondern die Zufallslenkung des Seiten wendenden Fingers. Und es ist Flauberts geradezu initiatorische Leistung, diese Offenheit wenn auch nicht von allem Anfang, so doch etwa von der Mitte des Produktionsprozesses an ins Auge gefasst zu haben.

Für Hans-Horst Henschen glich eine von Flauberts ,,Ordnungskategorien" dem ,,´Gründungsmanifest´ unserer Moderne":

Gleichheit von allem und jedem, des Guten und des Bösen, des Schönen und des Hässlichen, des Bedeutungslosen und des Charakteristischen. Wahr sind nur die Erscheinungen.

Kein Zweifel: Mit seinem ,,Sottisier" wies Flaubert in die Zukunft der Textmaterial-Collagierer. Das war, auch wenn keiner seiner Zeitgenossen es begriff, wie schon gesagt: literarisch revolutionär. Dennoch kommen wir um die Kernfrage nicht herum: Hätte es, um uns das klarzumachen, nicht auch ein mit ausgesuchten Zitat-Perlen gespickter Essay getan? Natürlich liefert uns Hans-Horst Henschens Nachwort – selbst ohne ausgesuchte Zitate – die wesentlichen Informationen für ein von der Romanistik stiefmütterlich behandeltes Thema. Wer die rund 600 Seiten Zitate samt Anmerkungen jedoch ganz liest, bekommt einen vielstimmigeren, vor allem sinnlicheren Eindruck vom 19. Jahrhundert in Frankreich als die meisten historischen Werke ihn bieten können. Vielstimmig vor allem deshalb, weil Flaubert einen Riecher für Widersprüche hatte: ganz gleich ob nun wissenschaftliche oder ökonomische, politische oder pädagogische. Natürlich braucht es für den Laien einiges an Ausdauer oder besser: Dechiffrierungsgeduld, um sich im Ideendickicht des 19. Jahrhunderts zu orientieren. Universalenzyklopädie: das trifft nämlich insofern zu, als Flaubert sämtliche Wissensgebiete seiner Zeit aufs Korn nahm. Er, der Sohn eines Chirurgen, dem er als Kind heimlich bei Vivisektionen zuschaute, stellt in seinem ,,Sottisier" zeitgenössische Irrtümer der Medizin bloß, Peinlichkeiten ,,großer Männer", theologische Absurditäten. Liebstes Opfer seiner Zitierkunst waren jedoch die Opportunisten, die Wendehälse. Flauberts Entlarvungslust kommentierte der Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre 1971 in seiner Biographie ,,Der Idiot der Familie" wie folgt:

Flaubert ist ein Mensch des Ressentiments geblieben, der die großen Werke durchforstet, um darin Schwächen zu finden, die es einem erlauben, den Autor herunterzumachen.

Die Stilblüten, die Ausdrucksschwächen großer Schriftsteller bloßzustellen: das bereitete Flaubert ganz offensichtlich höchstes Vergnügen. Es entlohnte ihn zweifellos für die Qualen, die er sich am eigenen Schreibtisch zumutete. Auf der Suche nach der ,,expression juste", dem richtigen Ausdruck, hatte er sich nie Nachlässigkeiten gestattet. Er entwarf und verwarf, feilte bis zum Geht-nicht-mehr. Flaubert, der an seinem Roman ,,Madame Bovary" fünf Jahre gearbeitet hatte, schoss sich deshalb in seinem ,,Sottisier" bevorzugt auf Bestseller-Autoren ein, auf Viel- und Schnellschreiber. Zum Beispiel auf Alexandre Dumas, den Autor der ,,drei Musketiere". Um dessen Hang zu dass-Konstruktionen zu geißeln, exzerpierte er für seine Stilblüten-Sammlung aus dem Roman ,,Königin Margot" unter anderem folgende Passage:

Heinrich schien von diesem Ereignis offensichtlich so betroffen und diesem armen Diener, der nicht wieder auftauchte, so verbunden, dass er erklärte, dass er ihn nur in dem Falle ersetzen werde, dass er die Sicherheit gewonnen habe, dass er für immer verschwunden sei.

Oder er stellte die mal schmalztriefende, mal oberflächliche Prosa seines Lieblingsfeindes Xavier de Maistre bloß:

Ich säuberte sorgfältig meinen linken Stiefel, auf den ich eine Bußträne fallen ließ. ... In meine Einsiedelei zurückkehrend, durchlebte ich schwer zu beschreibende Empfindungen.

Doch nicht nur Stilfetischisten kommen bei der Lektüre der ,,Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit" auf ihre Kosten, sondern auch Liebhaber des Abstrusen, des Derb-Komischen. Da wird in einem Lehrbuch zur Medizin als Heilmittel gegen die Unfruchtbarkeit der gemeinsame Verzehr von geröstetem Eselsdung empfohlen. Oder es wird in einer ,,Naturgeschichte der Gesundheit und Krankheit" vorgeführt, wie die Natur sexuelle Ausschweifungen bestraft:

Der Ehegatte stirbt ganz plötzlich, weil seine Frau ihm in den Mund gefurzt hat.

Zeitgeisthörige Journalisten bekommen ihr Fett genauso weg wie Theologen, Historiker oder Politiker. So zitierte Flaubert den damaligen Innenminister mit dem zeitlos zynischen Satz:

Man stirbt an der Politik, leben tut man vom Geschäft.

Stöbern lohnt sich also in jedem Fall. Natürlich betrachten wir das 19. Jahrhundert hier mit Flauberts argwöhnischen Augen. Doch indem er nur zitiert, hatte er seinen Hass auf die Bourgeoisie, der er selbst angehörte, zumindest äußerlich gebändigt. Wie viel Selbsthass in seinem Hass steckte, darüber ist viel spekuliert worden. Jean-Paul Sartre kam zu dem Schluss:

Flaubert war ein kleiner Eigentümer, Intellektueller und Sohn eines Intellektuellen, künftiger Rentner, unproduktiver Arbeiter, absoluter Konsument; so besaß er nicht die wirksamen Mittel, um die Bourgeoisie in sich und außerhalb von sich als eine Ausbeuterklasse zu entdecken.

Gustave Flaubert hieß den einen Bourgeois, der – so wörtlich -,,niedrig denkt". Nicht die ökonomischen Ungleichheiten haben ihn interessiert, sondern die Funktionsweise dieses niedrigen Denkens mit seiner reglementierten Moral, seinem absurden Standesdünkel, seiner Sucht, den anderen zu ersticken, seiner infantilen Wissenschaftsgläubigkeit. Wenn die französische Essayistin Marie Balmary vor einigen Jahren richtig feststellte:

Menschlichkeit ist nicht erblich.

dann kann man sich da seiner Sache in puncto Dummheit nach der Flaubert-Lektüre nicht mehr so sicher sein.

Gustave Flaubert: Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit. Ein Sottisier.
Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und annotiert von Hans-Horst Henschen.
Eichborn Berlin Verlag, Frankfurt am Main 2004. 735 Seiten.



Aus: "Dummheit zwischen Buchdeckeln" Christoph Vormweg (30.05.2004)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/dummheit-zwischen-buchdeckeln-100.html

"Nicht alles ist dumm" Alexandra Pontzen (Nr. 5, Mai 2005)
Hans-Horst Henschens Übersetzung von Flauberts "Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit"
https://literaturkritik.de/id/8053

https://www.perlentaucher.de/buch/gustave-flaubert/universalenzyklopaedie-der-menschlichen-dummheit.html

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Quote[...] Jean-Paul Sartre: »L'Idiot de la famille«. Verlag Gallimard. Paris: 2 Bände, 2148 Seiten; 110 Franc.

Was kann man heute von einem Menschen wissen? Was wissen wir, zum Beispiel, von Gustave Flaubert?« fragte Jean-Paul Sartre, 66, und wartete mit einer grandiosen Antwort auf: in Paris erschienen jetzt in zwei Bänden die ersten 2148 Seiten seiner Flaubert-Studie »L'Idiot de la famille"*. Zwei weitere Bände sollen folgen.

Eine Biographie? Mehr. Dieser »Idiot der Familie«, seit drei Jahrzehnten geplant, seit 15 Jahren in Arbeit, ist Philosophie und Literatur, Fiktion und Wahrheit in einem. Er bildet die Fortsetzung zur marxistischen »Frage der Methode« (1957) -- der Einleitung zu Sartres »Kritik der dialektischen Vernunft I« -- und soll doch zugleich, so der Autor, »wie ein Roman gelesen« werden, wie der Bildungsroman eines Bürgers, wie ein »wahrer Roman«, der das Leben Flauberts mit einer Fülle von Hypothesen rekonstruiert.

Doch er will noch mehr. Sartres phänomenologische Beschreibung einer Autoren-Existenz. basierend auf einem minuziösen Studium der Flaubertschen Jugendschriften und Briefe sowie zum Teil unveröffentlichter zeitgenössischer Dokumente, angefüllt mit psychologischen, soziologischen und linguistischen Untersuchungen, mit einer Lawine von Details, zielt auf totale Menschenergründung ab. Sie versucht, aus der Verbindung von empirischer Wissenschaft und Spekulation eine neue Anthropologie zu entwickeln.

Der »Idiot«, rühmte der Pariser »Figaro Littéraire«, sei »die Summe des Sartreschen Denkens, eine Art monumentales Testament«; er sei zudem die »ungeheure Autobiographie eines Masochisten«, denn schließlich erzähle Sartre »vom Desaster eines jeglichen Schöpfers«.

»Ich wollte«, so erläutert Sartre, »eine Methode und einen Menschen zeigen«, und er erklärt auch, warum er ausgerechnet den Menschen Flaubert, dem er früher eine heftige Abneigung entgegengebracht hatte, zur Konkretisierung seiner Methode erwählte:

Flaubert schien ihm ein dankbares Forschungsobjekt, »das sich leicht und ohne es zu wissen ausliefert«; seine Jugendwerke sowie die 13 Bände seiner Korrespondenz, meint Sartre, seien so unschwer zu dechiffrieren, daß »man einem Neurotiker zuzuhören glaubt, der auf der Couch des Psychoanalytikers 'aufs Geratewohl' redet«. Und um jene »existentielle Psychoanalyse«, wie er sie in seinem existentialistischen Hauptwerk »Das Sein und das Nichts« (1943) eingeführt und in seinen Studien über Baudelaire (1947) und Genet (1949) erprobt hat, ist es Sartre auch im Fall Flaubert zu tun.

Er beurteilt den Autor der »Madame Bovary« nicht mehr wie einst im Essay »Was ist Literatur?« von 1947 nach moralischen und politischen Kriterien, er betrachtet ihn nicht mehr mit Antipathie, sondern mit »Empathie«, mit einer Verständnisbereitschaft, die es ihm ermöglichen soll, zu begreifen und begreiflich zu machen, wie aus dem kleinen Gustave der Begründer des modernen Romans, wie aus einem Idioten ein Genie werden konnte.

Denn zum Familien-Idioten, so lautet Sartres These der Thesen, war Flaubert gewissermaßen schon vor seiner Geburt bestimmt: Er kam 1821 in Rouen als zweitgeborener, deshalb überflüssiger und minderwertiger Sohn des Chirurgen und liberalen Bürgers Achille-Cléophas Flaubert zur Welt. Mutter Caroline brachte ihm wenig Zuneigung entgegen. Und weil er im Vergleich zum älteren Bruder Achille schlecht abschnitt, weil er außerdem »ein schlechtes Verhältnis zu den Wörtern« hatte und, sehr zum Verdruß des streberischen Vaters, mit sieben Jahren noch nicht lesen konnte, galt er in der Familie als dumm und zurückgeblieben.

Gustave war »prädestiniert«. »Auf gewisse Weise«, lehrt Sartre, »werden wir alle prädestiniert geboren. Von Anfang an sind wir durch die Situation, in der sich die Familie und die Gesellschaft im gegebenen Augenblick befindet, zu einer bestimmten Handlungsweise gezwungen ... Man verliert sich immer in der Kindheit: die Erziehungsmethoden, die Eltern-Kind-Beziehung, die Schule -- all dies ergibt ein Ich, aber ein verlorenes Ich.«

Auch Gustave ist verloren. Seine verhängnissvolle, seine alles entscheidende »Konstitution« sieht etwa so aus: Weil er mißachtet wird, verachtet er sich selbst und führt »ein Leben ohne Lebensberechtigung«. Er ist ein frustriertes Kind, ein stumpfer Träumer, verdammt zu einer fundamentalen Passivität. Er ist Gefangener und Feind der Familie und wird es auch bleiben: Gustave, der »seine Kindheit nie überwunden hat«, wird »sich vom Anfang bis zum Ende seines Lebens fur einen unwesentlichen Zufall halten; das Wesentliche wird für ihn zu jeder Zeit die Familie sein«. Folgerichtig »vereinigt er in sich die permanente Versuchung zu verschwinden und den Stolz, den düsteren und eifersüchtigen Ehrgeiz der Flauberts«.

Doch dieser kleine Don Quijote, der schon früh unbewußt »sein eigenes Leben wie ein anderes lebt«, der Rollen spielt, um sich gegen die Menschen zu schützen, versteht auch zu kompensieren. Mit sieben hat er noch nicht lesen können, mit neun beginnt er, auf der Suche nach imaginaren Lösungen für seine Konflikte, zu schreiben -- er »irrealisiert sich ins Irreale«. Mit 15 ist er, laut Sartre, »vollendet": »Er hat alle seine literarischen Themen gefunden -- das heißt den Ausdruck für alle seine Sorgen. seine heftigen Leidenschaften«. Sartre: »In jedem dieser ersten Werke findet man die gleichen Symbole, die gleichen Themen -- Langeweile, Schmerz, Bosheit, Ressentiment, Misanthropie, Alter und Tod.«

Dennoch, das »schlechte Verhältnis zu den Wörtern« bleibt und bestimmt Flauberts gesamte Sehrittsteller-Karriere. Es ist die Folge einer »unwahrscheinlichen pathologischen Leichtgläubigkeit«, die Gustave schon in seiner Kindheit bewies. Der Sechsjährige »glaubt in der Tat alles, was man ihm sagt -- aus Ehrfurcht vor dem verbalen Objekt, aus devoter Liebe zu den Erwachsenen«. Er »verwechselt Zeichen und Bedeutung dergestalt, daß ihm die materielle Präsenz des Zeichens den Beweis für die Wahrheit der Bedeutung garantiert«. Anders gesagt: »Flaubert betrachtet die Sprache als autonome Ordnung, die sich selbst genügt und ihr eigener Gegenstand ist.« Das Resultat heißt: L'art pour l'art.

Daß gerade Flaubert zu dieser neuen Ästhetik fand, die den modernen Roman begründete jenen unpersönlichen realistischen Roman, der die Abwesenheit des Autors, der eine »passive Aktivität« fordert -- ist für Sartre auch aus anderen Gründen nur allzu plausibel. Denn dieser Bourgeois Flaubert, der die Bourgeoisie und sieh selber haßt, der sich mit Hohngelächter an der Dummheit seiner Mitbürger weidet und selber dumm ist, der sich ständig seiner Lethargie und seinem Lebensüberdruß hingibt, hat die ihm in seiner Kindheit aufgezwungene Passivität akzeptiert -- er wählt sich als passive Existenz, er betrachtet das Leben aus der Perspektive des Todes, des Nichts.

Die »aktive Passivität Flauberts, vergleichbar mit der Technik des Segelflugs -- man läßt sich einfach von den Winden tragen --, weist auf eine weibliche Sexualität hin: Flaubert, Masochist und Masturbant, träumt sich als Frau, er empfindet (dies bekunden seine Jugendschriften) »den perversen Wunsch, von einer Frau beherrscht zu werden«. Kurz: Gustave ist lesbisch.

Und die Schriftstellerin Louise Colet, mit der er acht Jahre lang liiert war und die er sich um seiner Arbeit willen immer gern vom Hals hielt, kam dieser Neigung entgegen. Wenn er sie nach Wochen oder Monaten zum Rendezvous bat, so illustriert Sartre, »mußte die lange Enthaltsamkeit, zu der er sie verurteilt hatte, seine Mätresse verrückt gemacht haben; sie warf sich auf ihn: Vergewaltigung? Das war die Erfüllung seiner Träume«.

Aus der gleichen konstitutionellen Passivität entwickelt Flaubert auch seine Strategie des Leidens; seine Spielregel heißt: »Wer verliert, gewinnt.« »Mit 15, mit 20 Jahren«, schreibt Sartre, »hat sich Flaubert seine Meinung gebildet: Er wird mitleidlos verdammt sein. Nur hat er die bittere Genugtuung zu wissen, daß er der Auserwählte des Teufels ist: Schließlich sind es die größten Seelen, die am strengsten bestraft werden. Das versteht sich von selbst, denn die Qualität eines Menschen ist nichts anderes als seine Kraft zu leiden.«

Mit dieser Gewißheit hätte sich Flaubert schon getrost auf den Familiensitz von Croisset zurückziehen können, um als großer Einsamer, als zerquälter Diener am Roman sein eigenes Psychodrama zu spielen. Doch eine Voraussetzung fehlte ihm noch: die große Nervenkrise von 1844, die ihn »zwang«, sein Jura-Studium aufzugeben.

Flauberts Krankheit ist bisher gewöhnlich als Epilepsie diagnostiziert worden. Sartre jedoch sieht in ihr eine hysterische Neurose, die Flaubert »gewählt« hat, um die Wege der Freiheit einschlagen zu können. »Die Krise als präzises Resultat, als Tod durch das Denken«, spekuliert Sartre, »wird von Gustave ausdrücklich als der Augen blick ergriffen, in dem ein Leben sich totalisiert und das Schicksal verwirklicht, das in ihm angelegt war.«

Mit anderen Worten: Die Neurose bedeutet die Lösung eines Problems. Aus ihr wird Flaubert, der Idiot von ehedem, als der größte französische Romancier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorgehen -- als jenes Genie, das in sechsjähriger Mühsal »Madame Bovary« zur Welt bringt.

Aber bis dahin ist Sartres Studie noch nicht gediehen. Die ersten zwei Bände analysieren lediglich Flauberts »Konstitution«, seine »Personalisierung«, seine große Krise. Ein dritter Band, zum Teil bereits geschrieben, soll aus der Sicht des historischen Materialismus eine marxistische Analyse der bürgerlichen Ideologie im 19. Jahrhundert liefern, das Milieu, die Klassenkonflikte und die soziale Situation des Künstlers im Frankreich von 1850 illuminieren und aufzeigen, daß Flauberts L'art pour l'art nicht nur Resultat eines persönlichen Konfliktes, sondern vor allem Ausdruck des objektiven Geistes ist.

Im abschließenden vierten Band endlich möchte Sartre eine Textanalyse der »Madame Bovary« nach strukturalistischen Techniken vorlegen. Das wird, nach Sartres Schätzung, in drei, vier oder auch fünf Jahren geschehen, aber geschehen soll es auf jeden Fall.

Denn allzuoft schon, so klagt der Autor gerade jetzt wieder, als Herausgeber mehrerer linker Kampfblätter in Paris, tief ins politische Engagement verstrickt -, allzuoft schon, klagt Sartre, habe er seine Arbeiten bisher abgebrochen: »'Das Sein und das Nichts' kündigt eine Ethik an, die nie geschrieben wurde; von der 'Kritik der dialektischen Vernunft' existiert allein der erste Band; die Studie über Tintoretto ist nur bis zur Hälfte gediehen.«

Diesmal, mit dem »Idioten der Familie«, will Jean-Paul Sartre »bis zum Ende gehen«. Er sagt: »Eines Tages muß ich einfach irgend etwas in meinem Leben zum Abschluß bringen.«


Aus: "Idiot und Genie" DER SPIEGEL 27/1971 (27.06.1971)
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/idiot-und-genie-a-749559a4-0002-0001-0000-000043243084