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[Geisteswissenschaft (Notizen) ... ]

Started by Link, November 22, 2025, 06:19:24 PM

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Quote[....] Zu den geisteswissenschaftlichen Disziplinen werden die Sprach- und Literaturwissenschaften, die Pädagogik, die Geschichtswissenschaften, die Ethnologie sowie die Medien-, Kunst-, Theater- und Musikwissenschaften gezählt. ...


Aus: "Deutlich weniger Studienanfänger bei Geisteswissenschaften" (25. März 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/news/2025-03/25/deutlich-weniger-studienanfaenger-bei-geisteswissenschaften

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Quote[...] Der Begriff Geisteswissenschaft ist in der deutschsprachigen Denktradition eine Sammelbezeichnung für unterschiedliche Einzelwissenschaften (,,Disziplinen").[1] Diese Geisteswissenschaften arbeiten, verwenden und untersuchen mit unterschiedlichen Methoden Bereiche, welche mit kulturellen, geistigen, medialen, teils auch sozialen bzw. soziologischen, historischen, politischen und religiösen sowie mystischen Phänomenen zusammenhängen. Die meisten Geisteswissenschaften betreiben dabei also auch in einem gewissen Maße Anthropologie, da in allen Disziplinen der Mensch und seine Werke im Mittelpunkt stehen ...

... Dilthey definierte die Geisteswissenschaften in scharfer Entgegensetzung zu den Naturwissenschaften durch die ihnen eigene Methode des Verstehens, wie sie als Hermeneutik seit Friedrich Schleiermacher auch außerhalb der Philologie gebräuchlich geworden war. Dilthey suchte sie als ,,Erfahrungswissenschaft der geistigen Erscheinungen" beziehungsweise als ,,Wissenschaft der geistigen Welt" zu begründen. Sie sollte eine ursprünglich konzipierte ,,Kritik der historischen Vernunft" empirisch erweitern.

... Wichtig für die frühe Konzeption der Geisteswissenschaften waren die Gegensatzpaare Geist–Natur, Geschichte–Naturwissenschaft, Verstehen-Erklären. Während die Naturwissenschaft versuchte, die Natur aufgrund ewiger Gesetze zu erklären, sah man es als Aufgabe einer historisch ausgerichteten Geisteswissenschaft, das Geistesleben vergangener Völker in ihrer Einmaligkeit zu verstehen.

Zu Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts orientieren sich außerdem viele Autoren an der kantischen Erkenntnistheorie und v. a. am sogenannten Psychologismus. So definiert etwa Wilhelm Wundt, dass die Geisteswissenschaften ansetzen, ,,wo der Mensch als wollendes und denkendes Subject ein wesentlicher Faktor der Erscheinungen ist".

... Ein [ ] wichtiger Faktor für die Entstehung der Geisteswissenschaften war das Verhältnis zwischen Universität und Staat: Im 19. Jahrhundert hatten sich die bürgerlichen Gelehrten, Künstler und Literaten einen Geistesadel und eine Hochkultur geschaffen, und diesen ,,Geist" galt es nicht zuletzt gegenüber der führenden Oberschicht zu behaupten. Der Adel dagegen benötigte keine Reputation durch künstlerische oder wissenschaftliche Betätigung. Er zog sich zurück und tendierte eher zur populären Unterhaltung.

Ob eine Geschichtlichkeit von ,,Seelenvorgängen" (Dilthey) etwas Kollektives sein kann, war nicht zuletzt eine politische Haltung. Georg Friedrich Hegel betrachtete den Geist als etwas Überindividuelles, nicht bloß Subjektives. Dies traf in einer Zeit der fehlenden staatlichen Einheit und der missglückten Emanzipation des Bürgertums von partikularisierenden Interessen des Adels auf breite Zustimmung. Mehr als in anderen Sprachgebieten ist im deutschen das Wollen und Handeln (,,Wirken") eines gemeinschaftlichen Geistes behauptet worden. Aus dieser Tradition heraus entstanden Allgemeinbegriffe wie Zeitgeist, ,,Geist einer Nation", ,,Geist einer Epoche". Max Weber sprach von einem ,,Geist" des Kapitalismus (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, 1904/05).

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Odo Marquard vertrat 1986 die These, es sei die Aufgabe der Geisteswissenschaften, bei fortlaufender Umwälzung und Modernisierung der Lebensverhältnisse in der technisch-zivilisatorischen Gesellschaft ein Asyl für Kultur und Tradition zu bieten und so die Modernisierung erträglich zu machen:

    ,,Die Geisteswissenschaften helfen den Traditionen, damit die Menschen die Modernisierung aushalten können; sie sind [...] nicht modernisierungsfeindlich, sondern – als Kompensation der Modernisierungsschäden – gerade modernisierungsermöglichend. Dafür brauchen sie die Kunst der Wiedervertrautmachung fremd gewordener Herkunftswelten."

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Prominente Wissenschaftler wie Wolfgang Frühwald, Hans Robert Jauß und Reinhart Koselleck forderten Anfang der 1990er Jahre eine verstärkte Umorientierung der Geisteswissenschaften hin zu den Kulturwissenschaften. In ihrer Denkschrift ,,Geisteswissenschaften heute" als Ergebnis eines Forschungsprojektes des Wissenschaftsrates und der Westdeutschen Rektorenkonferenz bestimmten sie 1991 die Aufgabe und Zukunft der Geisteswissenschaften wie folgt:

    ,,Die Geisteswissenschaften sind der ‹Ort›, an dem sich moderne Gesellschaften ein Wissen von sich selbst in Wissenschaftsform verschaffen. [...] es ist ihre Aufgabe, dies in der Weise zu tun, daß ihre Optik auf das kulturelle Ganze, auf Kultur als Inbegriff aller menschlichen Arbeit und Lebensformen, auf die kulturelle Form der Welt geht, die Naturwissenschaften und sie selbst eingeschlossen."[23]

Auf die Frage nach der Zukunft der Geisteswissenschaften in einer zunehmend technisierten Umwelt antwortete Norbert Schneider, seinerzeit (2009) Vorsteher des von der Schließung bedrohten Instituts für Kunstgeschichte der Universität Karlsruhe:

    ,,Jedenfalls gab und gibt es eine große Fraktion innerhalb der technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen, die [...] die eminent wichtige Funktion der Geisteswissenschaften [übersieht], die zu großen Teilen das historisch-kulturelle Erbe bewahren, auch das von technisch-naturwissenschaftlichen Errungenschaften, z. B. in der Wissenschaftsgeschichte, an der unter anderem auch die Kunstgeschichte maßgeblich beteiligt ist. Darüber hinaus halten die Geisteswissenschaften institutionell auch eine Reflexion über die Selbstverständigung der Gesellschaft lebendig in Gang, die über reines Effizienzdenken hinausgeht."

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Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Geisteswissenschaft ( 11. November 2025)


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#1
Quote[...] Zu: Steffen Martus, Carlos Spoerhase: ,,Geistesarbeit. Eine Praxeologie der Geisteswissenschaften". Suhrkamp, Berlin 2022, 658 Seiten

Der Status der Geisteswissenschaften heute ist umstritten. Manche Politiker halten sie für unnötig und präferieren technische Fächer, statt Germanisten und Philosophinnen brauche man eher Physikerinnen, Ingenieurinnen oder Informatiker. Unserer Gesellschaft sieht man das an, mitunter scheint sie ihren ideellen Kompass verloren zu haben. Die Humanwissenschaften, die hier helfen könnten, haben augenscheinlich an Einfluss verloren.

Deshalb von einer ,,Krise der Geisteswissenschaften" zu sprechen, ist dennoch recht pauschal. Gemeint ist eine ganze Branche von Forschungsdisziplinen, die an einigen Universitäten tatsächlich von Abbauplänen bedroht sein mögen, an anderen jedoch hervorragend gedeihen mit hohen Studierenden- und Absolventenzahlen.

Die Germanisten Steffen Martus und Carlos Spoerhase konstatieren in ihrem Buch ,,Geistesarbeit", dass die Humanities sich heute stark ausdifferenziert haben und insgesamt ein ziemlich unübersichtliches Handlungsfeld darstellen. Ihr Ansatz ist daher, einmal grundlegend zu fragen, was Geisteswissenschaften eigentlich ausmacht, was Forschende in diesem Bereich eigentlich tun und wie die damit verbundenen Praxisformen und -prozeduren aussehen.

Ohne großartig zu werten, analysieren Martus/Spoerhase also erfrischend nüchtern, welche Regeln und Normen im akademischen Betrieb gelten, wie Wissenschaftler sich ihre Reputation erarbeiten oder wie Theoriebildung vor sich geht und den Transfer in die internationale Forschungsgemeinschaft schafft. Auch praktische Fragen des Verfassens von Seminararbeiten, der Kooperation in Teams, des Exzerpierens und Publizierens geraten systematisch in den Blick.

Als Ausgangsbasis für ihre Untersuchungen und Befunde diente Martus/Spoerhase eine intensive Archivrecherche. In deren Zentrum standen vor allem zwei Protagonisten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: zum einen Peter Szondi, ehemaliger KZ-Insasse, genialischer Interpret, wegweisender Komparatist und trotz seines frühen Todes und daher schmalen Werkes bis heute international rezipierter Theoretiker, sein Nachlass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Zum anderen Friedrich Sengle, in der NS-Zeit Mitläufer, später Verfasser der dreibändigen, monumentalphilologischen ,,Biedermeierzeit", klassischer Ordinarius, versierter Netzwerker, Wissenschaftspolitiker und -organisator. Er war involviert in bedeutende germanistische Projekte, etwa die ,,Deutsche Vierteljahrsschrift" und das ,,Internationale Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur". Seinen Nachlass bewahrt das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf.

An Szondis Archivunterlagen zeichnen Martus/Spoerhase minutiös die Entwicklung seines Werks und seiner gedanklichen Entwicklung nach. Ohne auf inhaltliche Implikationen einzugehen, interessieren sie sich eher dafür, wie hier exemplarisch eine wissenschaftliche Persönlichkeit entsteht.

Sie zeigen, dass gedankliche Vorstufen im Entwicklungsgang durch verschiedene Publikationsformen (Vortrag, Essay, Buchveröffentlichung) prägnante Änderungen erfahren, und untersuchen, welche Lesefrüchte in der finalen Interpretation Berücksichtigung finden oder aber wegfallen.

Der umfangreichen institutionellen Korrespondenz Friedrich Sengles entnehmen Martus/Spoerhase dagegen Aspekte der akademischen Selbstorganisation. Gegenstandsbereiche wie ,,Delegieren" und ,,Zuarbeiten" lassen sich hier veranschaulichen, da Sengle häufig seine Assistenten mit spezifischen Leseaufträgen und Exzerpten betraute oder etwa Doktorandinnen und Doktoranden auf Themen ansetzte, die seiner Arbeit an der ,,Biedermeierzeit" zugutekamen.

Es bietet sich ein umfassendes, vorurteilsfreies Bild auf diverse Aspekte des geisteswissenschaftlichen Arbeitens. Nicht umsonst weisen Martus/Spoerhase ihr Werk im Untertitel als eine ,,Praxeologie" aus, die sich also auf Prozesse des bewussten oder unbewussten Handelns in diesem Rahmen erstreckt.

Die Zusammenschau verblüfft durch die Vielfalt der Prozeduren, die im geisteswissenschaftlichen Feld tagtäglich in Anwendung gelangen, über vieles, was die beiden Autoren luzide beschreiben, werden sich akademische Praktiker gar keine Gedanken machen. Umso erkenntnisstiftender erscheint dieser Zugriff, der generelle geisteswissenschaftliche Praktiken illustriert, die für Kunstgeschichte und Philosophie, Romanistik oder historische Forschung gleichermaßen Geltung besitzen.

Martus/Spoerhases Studie ist flüssig und lesbar geschrieben. Sie eröffnet damit nicht nur fertigen Akademikern, sondern auch Studierenden und allgemein Interessierten einen Einblick in die Welt humanwissenschaftlichen Arbeitens. Manche Erstsemester, die sich beim Eintritt in den Wissenschaftsbetrieb einem riesigen, undurchschaubaren Block gegenübersehen, finden hier die tatsächliche Praxis auf ein menschliches Maß zurückgestutzt.

Es sind alles beobachtbare Prozesse und Strukturen. Martus/Spoerhase haben in erfreulicher Weise zur Entmystizifizierung und Handhabbarkeit des Numinosums Geisteswissenschaft beigetragen.


Aus: "Buch über Geisteswissenschaften: Prozeduren verstehen" Enno Stahl (10.3.2023)
Quelle: https://taz.de/Buch-ueber-Geisteswissenschaften/!5920803/

Zeitgeschichte (nach 1945) S. Martus u.a.: Geistesarbeit
Désirée Schauz, Rezension zu: Martus, Steffen; Spoerhase, Carlos: Geistesarbeit. Eine Praxeologie der Geisteswissenschaften. Berlin 2022 , ISBN 978-3-518-29979-1, in: H-Soz-Kult, 10.02.2023
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-114991

https://www.perlentaucher.de/buch/steffen-martus-carlos-spoerhase/geistesarbeit.html

https://literaturkritik.de/wix-martus-spoerhase-geistesarbeit,29638.html