• Welcome to LINK ACCUMULATOR. Please log in.

[Osteuropa auf der mentalen Landkarte (Notizen)... ]

Started by Link, August 05, 2025, 11:09:49 AM

Link

Quote[...] Fangen wir doch mal von unten an, da, wo die neue Zeit auch wirklich begann und zu beginnen noch immer nicht aufgehört hat. In ganz Osteuropa handelte es sich 1989 um basisdemokratisch auftretende und handelnde Bewegungen, die dem alten Staatsaufbau die Legitimität entzogen, ihn erstaunlich schnell auflösten und selbst versuchten, sich an seine Stelle zu setzen. Vorgänge, von denen mehrere Generationen bis dahin und in ihren je verschiedenen politischen Farben nur hatten träumen können. Jedem war klar, dass es sich unumkehrbar um den Untergang des Stalinismus handelte, doch mehr auch nicht. Was der gewesen war, welche Gesellschaft man jetzt selbst war, wo der Weg weiter verlaufen könnte, das war im Dunkel des gelebten Augenblicks verborgen.

Dem eigenen Aufbruch folgte bald ein ebenso großer Umbruch. 1991 zerbrach die Sowjetunion unter dem Druck ihrer internen Spannungen. Die Demokratisierung war hier von oben angestoßen worden, konnte sich auf politische Basisbewegungen aber nicht ausreichend stützen und lief daher in regionale und fraktionelle Separationen der Staatsapparate aus, bis hin zu Abspaltungen und Austritten ganzer Teilstaaten aus der Union. Auch diese Vorgänge waren Überwindung des Stalinismus, jedoch in ganz anderer politischer Gestalt als in Osteuropa.

In dieser zerklüfteten Landschaft leben wir seit 35 Jahren ...


Aus: "35 Jahre West" Klaus Wolfram (20. Februar 2025)
Klaus Wolfram studierte Philosophie und Ökonomie in Ost-Berlin. Er war Mitglied im Verfassungsausschuss des Zentralen Runden Tisches, in dem ein Verfassungsentwurf für die DDR erarbeitet wurde. Klaus Wolfram war Koordinator der Programmgruppe des Neuen Forum und Mitglied im Arbeitsausschuß des NF. 1990-1992 war er Herausgeber der Wochenzeitung ,,Die Andere" und Mitbegründer des BasisDruck Verlages.
Quelle: https://telegraph.cc/35-jahre-west/

-

Quote[...] 1966 reiste Schlögel erstmals in die Sowjetunion, 1968 erlebte er den Prager Frühling persönlich. Der junge Karl Schlögel hatte sich in seiner Dissertation zunächst mit Arbeiterkonflikten in der Sowjetunion auseinandergesetzt. Es folgten Aufenthalte in dem Riesenreich im Osten, woraus das Buch ,,Moskau lesen" hervorging. Ein ganz großer Wurf sollte dann mit dem Buch ,,Terror und Traum. Moskau 1937" im Jahr 2008 folgen, in dem er die Gleichzeitigkeit von Utopie und Gewalt in der Stalinzeit thematisierte. Eine Zeit, in die sich Putin zurückzusehnen scheint.

...


Aus: "Warner und Aufklärer" Michael Hesse (29.07.2025)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/der-osteuropa-historiker-karl-schloegel-wird-mit-dem-friedenspreis-des-deutschen-buchhandels-ausgezeichnet-warner-und-aufklaerer-93857869.html

-

Quote[...]  Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2008: Euphorisch begrüßt der Historiker Gerd Koenen Karl Schlögels "stereoskopischen Rundblick" durch das Moskau im stalinistischen Terrorjahr 1937 als beispielloses Panorama aus disparaten Perspektiven und Schicksalen. Besonders beeindruckt den Rezensenten, dass hier eben keine weitere Geschichte des "Großen Terrors" entstand, sondern das Projekt verfolgt worden sei, nachvollziehbar zu machen, wie dieser Massenterror in das "Bild einer stürmischen Industrialisierung, Mobilisierung und Urbanisierung" des Landes eingeordnet sei. Schlögel beginne mit der Schlussszene aus dem Schlüsselroman jener Zeit, Bulgakows "Meister und Margarita", was aus Sicht des Rezensenten ein Kunstgriff ist. Aber auch sonst feiert er Schlögel als "Meister" bei der Beschaffung anschaulichen Materials aus einer Zeit, die alles Material vernichtet und Demografen und Statistiker erschossen habe. Fasziniert beugt sich Koenen über das "irrisierende Gesamtpanorama", das Schlögel in vierzig Kapiteln aus Zeitungen, Reklamen, Publikumsfilmen und Monumentalgemälden gefiltert hat, aus Choreografien und Liedern der großen Aufmärsche, architektonischen Plänen, Privataufzeichnungen und Briefen jenes Jahres. Fasziniert auch deshalb, weil Schlögel ihm hier verdeutlichen kann, dass das Projekt vom Umbau Moskaus und der Gesellschaft den westlichen "Vorbildern einer avancierten Gesellschaft" ähnlicher gewesen sei, als man es später hätte wahrhaben wollen.

-

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2008: Tief eingedrungen ist Cord Aschenbrenner in das Moskau des verfluchten Jahres 1937 mit diesem Buch, in dem sich der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel des dunkelsten Kapitel der sowjetischen Geschichte annimmt. Dabei beleuchtet er, wie der Rezensent informiert, die Zeit des Großen Terrors nicht so sehr aus der Sicht der Exekutoren - Stalin und seine Handlanger - spielen nur am Rande eine Rolle. Worauf es Schlögel ankomme, sei, als eine "Geschichte der Gleichzeitigkeit" das alltägliche Leben der Moskauer darzustellen, die, während Hunderttausende erschossen und in die Lager verbannt wurden, mit Mühe und Not dem Schrecken standhielten, stundenlang nach einem Laib Brot anstanden oder aber "im Gorki-Park tanzen" gingen. Dass Schlögel mit keiner allumfassenden These aufwartet, vermerkt Rezensent Aschenbrenner, übel nimmt er es ihm nicht.

Zu: Karl Schlögel: Terror und Traum - Moskau 1937
Carl Hanser Verlag, München 2008, ISBN 9783446230811
811 Seiten, Gebunden



Aus: "Terror und Traum - Moskau 1937" (2008)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/karl-schloegel/terror-und-traum.html

-

Quote[...] In seiner allgemeinverständlichen wie tiefgehenden Analyse ,,Terror und Traum" aus dem Jahr 2008 rekonstruiert Schlögel das Leben in Moskau im Jahr 1937 unter der Schreckensherrschaft Stalins. Schlögel zeigt, dass es nicht nur von Willkür und Gewalt, sondern auch von utopischen Träumen von einer besseren Zukunft geprägt war – eine häufig übersehene Gleichzeitigkeit. Zuletzt erschien 2023 ,,American Matrix", eine Geschichte der USA durch die Augen eines Osteuropahistorikers in Amerika.

Beeindruckend ist nicht nur Schlögels Spagat zwischen Akademie und Publizistik. Er ist auch als entschiedene Stimme in der deutschen Öffentlichkeit präsent, die sich solidarisch zeigt mit all denjenigen in Ost- und Mitteleuropa, die für Freiheit und Menschenrechte einstehen. Und das lebt er. Im Jahr 2014 lehnte er die Puschkin-Medaille wegen der damals begonnenen russischen Besatzung ukrainischer Gebiete ab.

1948 als Bauernsohn im Allgäu geboren, kam er dort auf dem elterlichen Hof früh mit Flüchtlingen aus dem Osten in Berührung. In einem Benediktinerinternat in Bayern lernte er Russisch. Sein Lehrer war aus Ostpolen in den amerikanischen Sektor geflüchtet. Eine Klassenfahrt im Jahr 1966 führte ihn zum ersten Mal in die Sowjetunion. 1968 erlebte er den Prager Frühling vor seiner Niederschlagung durch die Truppen des Warschauer Pakts mit – eine Erfahrung, die ihn langfristig prägen sollte.

Es folgte ein Studium der osteuropäischen Geschichte, Philosophie, Soziologie und Slawistik an der Freien Universität Berlin. In seiner Dissertation setzte sich Schlögel mit Arbeiterkonflikten in der Sowjetunion auseinander. Zeitweise war er in der maoistischen KPD aktiv.

Vor seiner Emeritierung 2013 hatte Schlögel die Professur für die Geschichte Osteuropas an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) inne und forschte dort zur Kulturgeschichte Osteuropas, Geschichte der russischen Emigration und zu Stadtkulturen im mittleren und östlichen Europa. Er ist kein Gelehrter, der nur am Schreibtisch verharrt, sondern einer, der auch auf die Straße geht. Man sah ihn in den vergangenen Jahren bei zahlreichen Demonstrationen in Berlin – mit einer großen Ukraineflagge um die Schultern.

In seiner Rede anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Gerda-Henkel-Preis im vergangenen Herbst betonte Schlögel, der russische Überfall auf die Ukraine im Jahr 2014 sei für ihn ,,der Schock" gewesen: ,,Verstehen, dass man noch einmal ganz von vorne beginnen muss: In diesem Fall hieß das: endlich wahrzunehmen und anzuerkennen, dass es ein Land, einen Staat, eine Nation namens Ukraine gab, die in einem russozentrischen, ganz und gar auf die Hauptstadt der ehemaligen Sowjetunion fixierten Blick immer nur als Hinterland, Durchgangsland, Peripherie, Provinz wahrgenommen wurde, ohne eigene Geschichte, Kultur und Sprache. Man traut es sich kaum auszusprechen: Es bedurfte eines Krieges, um die Ukraine auf unsere mentale Landkarte zu bringen, aus dem Abseits ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken."

Der zweite Schock war die Vollinvasion im Februar 2022. Daraus zog Schlögel Konsequenzen, beschloss, ,,noch einmal auf die Schulbank zurückzugehen", wie er bescheiden und selbstkritisch zugibt.

Schlögel setzt sich für die Ukraine, aber auch unermüdlich für die russische Zivilgesellschaft ein, die sich gegen die Diktatur und den Krieg stellt. Der kürzlich erschienene Sammelband ,,Memorial. Erinnern ist Widerstand", herausgegeben von Mitgliedern der in Moskau gegründeten Menschenrechtsorganisation, enthält einen erhellenden Beitrag des Osteuropahistorikers.

Es übersteige die Macht selbst der ,,noch mächtigsten Diktatoren", individuelle und kollektive Gedächtnisse vollständig zu beherrschen, schreibt Schlögel darin. Es sei gerade die Gegenwartserfahrung sinnloser Gewalt, es seien die verbrecherischen Praktiken des Kremls, die in einer ,,eigentümlichen Dialektik der Aufklärung" die verlogenen Narrative der Staatsmacht wider Willen enttarnten und zerstörten. Dieser Dialektik gehöre die Zukunft.


Aus: "Dialektiker des Ostens" Yelizaveta Landenberger (29.7.2025)
Quelle: https://taz.de/Friedenspreis-an-Historiker-Schloegel/!6104006/

...

"Histoire totale mit Abstrichen" Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Ausgabe: 59 (2011) H. 3 - Verfasst von: Dietmar Neutatz
https://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/Rez/Neutatz_MR_Schloegel_Terror_und_Traum.html

-

Quote[...] Gerd Koenen ist Autor der Bücher ,,Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus" und ,,Im Widerschein des Krieges. Nachdenken über Russland" (2023). ... Der diesjährige Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird Karl Schlögel am 19. 10. in einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Die Laudatio hält Katja Petrowskaja. ...

Dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025 wird Karl Schlögel nicht ganz ohne Bangen entgegengeschaut haben. Denn er ist noch etwas anderes als die vielen Auszeichnungen, die der 77-Jährige für sein wissenschaftliches und literarisches Lebenswerk bereits bekommen hat. Der ,,Friedenspreis" gilt seit 1950 als Indikator und Katalysator der politischen und geistigen Entwicklung der Bundesrepublik, seit 1990 des wiedervereinigten Deutschlands. Es ist ein Preis mit internationaler Reichweite und Bedeutung. Jedenfalls liegt eine Verantwortung (ein Hauch von ,,Staatsraison") darauf, der Preisgeber wie Preisträger gerecht werden müssen.

Die Jury des Friedenspreises ist in den letzten Jahren ziemlich mutig vorangegangen. 2022, als der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, wählte sie 2022 Serhij Zhadan, den Dichter-Sänger-Kämpfer aus Charkiw, der jetzt die Uniform seines Landes trägt. Eine entschiedene Parteinahme, wie man sie der Bundesrepublik fast schon nicht mehr zugetraut hatte. Dass diese Wahl von einigen in Zweifel gezogen wurde – ein Friedenspreisträger, der zum bewaffneten Widerstand aufruft! –, war dabei ,,eingepreist". Ähnlich wie im Fall der amerikanisch-polnischen Historikerin Anne Appelbaum, die 2024 geehrt wurde.

Nun also Schlögel. Bei aller erwartbaren Kritik – was ist mit Gaza, Sudan, Klimawandel oder Migration? – ist diese Entscheidung für Karl Schlögel ein Zeichen zur richtigen Zeit. Putins Versuch, die Ukraine militärisch zu annektieren und die mühsam etablierte europäische Staatenordnung komplett einzureißen, ist noch immer der entscheidende Konflikt der Gegenwart. Er hat das Potenzial, einen Weltkrieg auszulösen. Ein Unterwerfungsfrieden, den Putin der demokratischen Ukraine (unter Assistenz der USA und Europas) diktierte, wäre ein Präzedenzfall für den weiteren Einsatz von kriegerischen Mitteln auf allen Gebieten.

Im Übrigen ist Schlögel nicht einfach jemand, der ,,Position bezieht". Der Friedenspreis des Buchhandels gilt, wie die Begründung klarstellt, einer Lebensleistung, die neue Dimensionen und Blickachsen eröffnet hat. Das betrifft auch die Bereitschaft des Osteuropa- und Russlandhistorikers zur schmerzlichen Selbstrevision, die er nach der Annexion von Krim und Beginn des Kriegs im Donbass 2014 bekundete. Mit unerschöpflicher Energie. Und zwar durch Hinfahren, Anschauen, Witterung Aufnehmen (zum Beispiel im umkämpften Donezk), um so frisch gewonnene Eindrücke mit früheren Beobachtungen zu vergleichen, die Schlögel in Reportagen, archäologischen Städtebildern und Geschichtspanoramen entfaltet hatte.

https://taz.de/Friedespreis-des-deutschen-Buchhandels/!6099498/

https://taz.de/Friedenspreis-an-Historiker-Schloegel/!6104006/

Durch seine bereits 2015 erschienene Essay- und Reportagensammlung ,,Entscheidung in Kiew", die viele erst im Jahr der russischen Invasion 2022 als ,,Buch der Stunde" entdeckten, hat er entscheidend daran mitgewirkt, den blinden Fleck, den die Ukraine in unserer ,,mental map" bis dahin bildete, mit Wissen zu füllen. Er hat uns diese sich formende und findende östliche Nation als vielgestaltiges ,,Europa im Kleinen" nähergebracht. Und er erinnerte daran, wie sehr die Wahrnehmung der Ukraine als gestalt- und herrenloser ,,Lebensraum", als Rohstoff- und Arbeitskraftreservoir den düstersten Erbschaften großdeutsch-imperialer Weltmachtansprüche entsprang. Durch die brennende Ukraine, vorbei an den Massengräbern ihrer jüdischen Bewohner und den verrottenden Leichen getöteter Rotarmisten und Zivilisten, sind viele unserer (Ur-)Großväter, Onkel und Väter im Zuge des ,,Russlandfeldzugs" der Wehrmacht nach Stalingrad und weiter in den Kaukasus marschiert – Schlögels Vater ebenso wie Verwandte von mir. Von vielen derer, die heute um eines angeblichen ,,Weltfriedens" oder ,,deutscher Interessen" willen Kyjiw lieber den großrussischen Ansprüchen Putins als ,,Reichsprotektorat" überlassen würden.

Diese Neujustierung des Blicks hat Schlögel aber keineswegs, wie der Staatssender Russia TV 2015 giftete, von einem anerkannten Russlandkenner in einen fanatischen Russlandverächter verwandelt. Es ist genau umgekehrt: Kaum jemand dürfte sich über vier Jahrzehnte hinweg mit solch lebensgeschichtlicher Energie und Leidenschaft in die russische und die sowjetische Welt vertieft und ihren zwischen ,,Traum und Terror" oszillierenden Faszinationen überlassen haben wie er.

Schlögel hat die im großstaatlich-imperialen Zwangsrahmen ausgebildeten Lebenswelten unermüdlich per Bahn, Bus, als Anhalter und zu Fuß erkundet, staunend betrachtet und eingehend beschrieben. Mit unerschöpflicher Wissbegierde hat er sich in Archivalien und Zeitungen, philosophische und literarische Texte, Kunstwerke und Alltagsgegenstände, architektonische Entwürfe und Hinterhofrealitäten, in Bilder und Musik, individuelle Schicksale oder administrative Strukturen vertieft und all dies miteinander verknüpft.

Durch ihn haben wir 1984 ,,Moskau lesen" gelernt. 1987 Sankt Petersburg als ,,Laboratorium der Moderne" entdeckt. 1998 Berlin als den einstigen ,,Ostbahnhof Europas" kennengelernt. Und 2007 das tragisch-pandämonische ,,Moskau 1937" durchmessen und (wie Bulgakows Margarita) aus der Vogelperspektive betrachtet.

Aber inmitten der Arbeiten an diesen Großpanoramen hat Schlögel immer auch die Gunst des historischen Augenblicks zu nutzen gesucht, um die Wege und Formen festzuhalten, in denen sich nach 1990 das zuvor geteilte Europa inmitten der Energieströme einer sich globalisierenden Welt neu organisierte.

Er forschte den von niemandem gelenkten sozialen Kriechströmen nach, die auf einem freien Feld im litauischen Marjampole Mitte der 1990er Jahre einen gigantischen transkontinentalen Autobasar schufen. Und im ,,Wunder von Nishnij" setzte er darauf, dass die Summe der kleingewerblichen Aktivitäten in den Städten an der Wolga auf deren Wiederbelebung als russischer Lebensader hinauslaufen könne, ja müsse.

War dies blauäugiger Enthusiasmus – oder ein Vorschein von Entwicklungen, die historisch sehr wohl möglich gewesen sind? Erst das Einschwenken Russlands unter der Ägide Putins und seiner kleptokratischen Machtkohorte auf den fatalen Weg devisenträchtiger Energie- und Rohstoffexporte, innerer Gleichschaltungen und äußerer Expansionen hat die Pfade in eine bessere Zukunft für Russland und seine unmittelbaren Nachbarn verschüttet.

Eben deshalb hat Karl Schlögel im Jahr 2017 die herkulische Anstrengung noch einmal auf sich genommen, ein Gesamtbild des unter tragischen Opfern und Verlusten geschaffenen und 1991 kollabierten Imperiums zu entwerfen, unter dem fast provokanten Titel ,,Das sowjetische Jahrhundert". Diese epische ,,Archäologie einer untergegangenen Welt" ist in vielem auch ein Requiem auf die katastrophal vernichteten Kulturleistungen, die – trotz oder sogar wegen aller Repressionen – in diesem Land der vielen Völker erbracht worden sind, auf die vernichteten Leben und Menschen, die das getan und getragen haben. Den Anstoß, dieses große Werk zu schreiben, hat Putins krimineller Feldzug gegen die Ukraine geliefert, der auch eine Selbstzerstörung Russlands und seiner eigenen Vielgestaltigkeit ist.

So kam es auch, dass ich im Frühsommer 2015 in Dnipropetrowsk (dem heutigen Dnipro) am Rande einer Tagung über den ,,Holocaust in der Ukraine" zwei Abende lang hinter Karl hergerannt bin, während er mit seinem Radarblick die ihm vertraute Stadtlandschaft noch einmal im Eilschritt einscannte und überprüfte. Er steuerte zielsicher die frühere ,,Insel der Jugend" an (eine Komsomol-Hinterlassenschaft), um an den Buden noch ein Bier zu trinken und auf die halb erleuchteten Hüttenwerke gegenüber zu schauen, über denen ein künstlicher Mond (ein Kunstwerk) hing.

Dort hinüber wollte er am nächsten Tag frühmorgens mit der Straßenbahn fahren, um zu schauen, was in diesem einstigen Zentrum der sowjetischen Schwer- und Rüstungsindustrie noch in Betrieb war und wo die Stadt in die Dörfer und Felder überging. Anhand seiner verstreuten Hinweise bekam ich zumindest eine Ahnung davon, wie viele Zeitschichten und Entwicklungsströme hier zusammengeflossen sind – die er in seinem Porträt einer ,,Rocket City am Dnjepr und Potjomkins Stadt" entfaltet hat.

Solche Ausgänge aus selbst verschuldeter Ahnungslosigkeit hat der Träger des diesjährigen Friedenspreises uns allen eröffnet.


Aus: "Die Zeichen der Zeiten lesen" Gerd Koenen (11.10.2025)
Quelle: https://taz.de/Friedenspreis-fuer-Osteuropa-Historiker/!6116256/



Link

#1
Die Jahrbücher für Geschichte Osteuropas (JGO) sind eine 1936 begründete wissenschaftliche Fachzeitschrift für die Osteuropäische Geschichte, die seit 1953 in Neuer Folge vierteljährlich erscheint. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Jahrb%C3%BCcher_f%C3%BCr_Geschichte_Osteuropas

https://www.steiner-verlag.de/brand/Jahrbuecher-fuer-Geschichte-Osteuropas

Jahrbücher für Geschichte Osteuropas: Inhaltsverzeichnisse
https://www.dokumente.ios-regensburg.de/JGO/contents/JGO_Inhaltsverzeichnisselist.php

...

-

Quote[...] [Andreas Petersen ist Dozent für Zeitgeschichte an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Leiter der Geschichtsagentur zeit&zeugen in Zürich und Berlin. Soeben ist sein Buch "Der Osten und das Unbewusste – Wie Freud im Kollektiv verschwand" (Klett-Cotta) erschienen.] In der DDR war die Tiefenpsychologie verpönt. Das blockierte die Aufarbeitung der NS-Geschichte, sagt der Historiker Andreas Petersen.

[...]

Dr. Peter Neumann: [...] In Ihrem jüngst erschienenen Buch Der Osten und das Unbewusste geht es um die fehlende Vergangenheitsbewältigung nicht nur in der Sowjetunion und Osteuropa, sondern auch in Ostdeutschland. Und Sie machen dafür vor allem auch den Umgang mit der Tiefenpsychologie verantwortlich. Warum?

Andreas Petersen: Der erste Band mit Schriften von Sigmund Freud, dem Gründungsvater der Psychoanalyse, erschien 1982 in der DDR. Man muss sich klarmachen, was das heißt: kein Theodor W. Adorno, kein Max Horkheimer, kein Erich Fromm, keine Frankfurter Schule, keine Studien zum autoritären Charakter, keine echte Gesellschaftskritik. Ich bin in Nordrhein-Westfalen, in Köln sozialisiert worden. Dort war alles völlig durchtränkt von tiefenpsychologischen Therapieangeboten und von Faschismusaufarbeitung: Wer waren unsere Väter eigentlich? Was haben die in der Wehrmacht gemacht? Warum waren sie zu solchen unvorstellbaren Verbrechen fähig gewesen? Was ist Gehorsam? Da gab es Filme, Buchhandlungen, die WGs. Ein ganz zentraler Text für uns war Bruder Eichmann von Heinar Kipphardt. Also die Frage: Was verbindet uns mit Adolf Eichmann, dem Mann, der die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Millionen Juden organisierte. Die Tiefenpsychologie war ungemein wichtig für den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg. 20 Millionen Zuschauer verfolgten 1969 im Fernsehen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, der mit seiner Frau Margarete zwei Jahre zuvor eines der einflussreichsten Bücher der deutschen Nachkriegsgeschichte geschrieben hatte: Die Unfähigkeit zu trauern. Im Osten hingegen, so formulierte es der DDR-Regisseur Achim Freyer erst kürzlich, war die Seele das Kitschwort aus dem Westen.

[...]

Dr. Peter Neumann: Sie meinen, dass das aus den USA nach Westdeutschland zurückgekehrte psychoanalytische Denken die Gesellschaft wieder zu sich selbst zurückbrachte?

Andreas Petersen: Ohne Freud und die Tiefenpsychologie wäre diese Öffnung nicht zu denken gewesen. Und dann gab es mit den Achtundsechzigern eine Generation, die wirklich wissen wollte, was mit ihren Eltern im Faschismus war. Diese junge Generation hatte Lektüreangebote, man konnte sich belesen und informieren. Ich erinnere nur an das Buch des Psychoanalytikers Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit, 1941 im amerikanischen Exil veröffentlicht. Fromm untersuchte, wie der Individualismus der Moderne auf unbewusste Weise zur Flucht ins Autoritäre, Destruktive und Konformistische geführt hatte.

Dr. Peter Neumann: Sie schreiben in Ihrem Buch aber auch, dass die therapeutische Nabelschau im Westen bald zu einer Art Mode wurde. Bewegungen wie das hinduistische Hare Krishna, der Zen-Buddhismus, Taoismus, Tai-Chi-Chuan und Tantra wurden populär. Plötzlich ging es nicht mehr um Faschismus und Aufarbeitung, sondern nur noch um persönliches Glück und Selbstoptimierung. Hat die Durchpsychologisierung der Gesellschaft auch zu einer Vereinzelung ihrer Individuen geführt?

Andreas Petersen: Heute ist vielfach das Argument zu hören: Für mich stimmt's, nach meinem Empfinden verhalten sich die Dinge so und so. Und das war's. Ich halte das in der Tat für eine völlige Fehlentwicklung. Wenn alle das eigene Befinden zum Maßstab erheben, ist das für eine Gesellschaft fatal, weil sie damit auseinanderfällt. Dann fragt sich: Was verbindet Gesellschaften überhaupt? Verbundenheit entsteht über gemeinsame Werte. Lange Zeit hat die Religion noch die Funktion übernommen, eine verlässliche Basis für viele zu schaffen. Aber dieser Wertekonsens ist heute aufgebrochen, was einerseits natürlich gut ist, weil es mit einer Pluralisierung der Lebensstile einhergeht. Gleichzeitig haben wir eben das Problem, dass wir im Zuge der Individualisierung nicht mehr genau wissen, was eine Gesellschaft noch zusammenhält. Und da hat diese Durchpsychologisierung eben zwei Seiten: Auf der einen Seite hat sie eine große Öffnung bewirkt, für die man dankbar sein kann. Auf der anderen Seite hat sie zu einer starken Singularisierung geführt, in der man vor allem auf sich selber fokussiert ist und nicht mehr auf die Gesellschaft als Ganzes.

Dr. Peter Neumann: Die Psychoanalyse fehlte im Osten nahezu vollständig. Freud galt als westlich, bourgeois, dekadent. So etwas wie das Unbewusste, Triebhafte durfte es im Sozialismus nicht geben. Man unterrichtete vielmehr den russischen Verhaltensforscher Iwan Pawlow, dessen Lehre von der klassischen Konditionierung besser ins Bild des neuen Sowjetmenschen passte. Wusste die DDR, wer sie war?

Andreas Petersen: Nicht nur die DDR, sondern alle osteuropäischen Gesellschaften wussten nicht, wer sie waren. Wenn bestimmte Sachen gesellschaftlich nicht verhandelt werden können, wenn sie nicht in der Zeitung, nicht im Feuilleton, nicht in der öffentlichen Diskussion vorkommen, höchstens im privaten Kreis, in Kirchen oder Kliniknischen auftauchen, dann gibt es darüber auch keine Verständigung in der Gesellschaft. Es bleibt eine Lücke in der Kommunikation. Man darf sich die Kerngruppe der Achtundsechziger gar nicht so groß vorstellen. Das sind 2.000 Leute, und dann gibt es noch einen Sympathisantenkreis mit ein paar Tausend Unterstützern. Mehr sind es nicht. Aber im hinterletzten bayerischen Dorf erzählen die Leute zwanzig Jahre später, dass sie Achtundsechziger gewesen sind. Die haben das medial mitbekommen, haben sich identifiziert, haben an dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung teilgenommen. Im Osten brauchte es schon sehr viel Energie, um solche Gespräche praktisch von Mensch zu Mensch, von Görlitz nach Leipzig zu transportieren.

Dr. Peter Neumann: Für die DDR war klar, woher das Unheil kam. Man lagerte das Problem einfach aus und zeigte mit dem Finger über die Mauer: Die Faschisten sitzen drüben im kapitalistischen Westen. Man selbst war das "bessere Deutschland". So blieb auch in den Familien die Aufarbeitung meist aus.

Andreas Petersen: Die Achtundsechziger haben letztlich ihre Vergangenheit nicht am Familientisch verhandelt. Sie haben nicht ihre Eltern befragt, das war zu heiß. Sie haben es gesellschaftlich verhandelt, das ist das Besondere. Es wäre zum Beispiel sehr einfach gewesen, über die Wehrmachtauskunftstelle an Informationen zu kommen: Man konnte einen Antrag stellen und wusste zwei Monate später alles über den eigenen Onkel oder Vater: Wo haben die gedient, welche Einheit, sind sie verwundet gewesen? Anders gesagt: Wenn man wissen wollte, was die Männer damals im Krieg gemacht haben, dann gab es dafür öffentliche Stellen. Diese Stellen gab es in der DDR nicht, aber vor allem gab es keine gesamtgesellschaftliche Fragestellung. Dass die Aufarbeitung auch im Westen nicht lückenlos verlief, sehen wir heute im Umgang mit dem Ukraine-Krieg, den "Bloodlands", jenem Gebiet zwischen Zentralpolen und Westrussland, wo die Wehrmacht damals ihre Verbrechen verübt hat, neue Verbrechen geschehen, aber die notwendige Unterstützung ausbleibt.

Dr. Peter Neumann: Wie meinen Sie das?

Andreas Petersen: Es gibt Sätze, die inzwischen zu Plattitüden geworden sind: Man sagt "Nie wieder", und man fragt sich, was heißt das, jetzt, hier, konkret in dieser Situation. Wenn man dieses "Nie wieder" ernst nehmen würde, müsste man jetzt Waffen an die Ukraine liefern. Es gab die Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion, und einer der Hauptschauplätze war die Ukraine. Und wenn wir einen ehrlichen Umgang suchen, dann müssen wir auch eine Diskussion über die deutsche Schuld in der Ukraine führen.

Dr. Peter Neumann: Warum hat sich der Gefühlsstau nach 1989 im Osten nicht einfach entladen?

Andreas Petersen: Schon die Beschäftigung mit der NS-Diktatur im Westen war ja unheimlich schwierig. Und im Osten kam bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte nun noch die zweite Diktatur hinzu. Das wäre dann wirklich sehr viel gewesen. Das Ausbleiben einer nachholenden Bewegung nach 1989 hat aber auch mit der Entwicklung der Tiefenpsychologie selbst zu tun. Es sind nicht mehr die Siebziger-, Achtzigerjahre mit ihrem utopischen Aufbruchsgedanken. Es ist jetzt die integrierte Verhaltenstherapie, die Menschen im Burn-out auffängt. Die Fragen "Wer bin ich?", "Wer sind meine Eltern?", "Woher komme ich?", "Was bedeutet das für mein Leben?" rücken in den Hintergrund. Auch in den Therapien geht es jetzt vor allem um Effizienz und Selbstoptimierung. Es gibt heute nur noch zwei psychoanalytische Lehrstühle in Deutschland, alles andere ist Verhaltenstherapie.

Dr. Peter Neumann: Einerseits ist die deutsche Schuld heute so präsent wie lange nicht mehr. Nicht nur in der Ukraine, auch im Nahen Osten, wenn es um die deutsche Staatsräson und die Frage geht, wie viel deutsche Kritik an Israel zulässig ist. Andererseits gibt es gerade aus dem Globalen Süden Stimmen, die von dieser deutschen Schuld nichts wissen möchten. Die sie sogar verantwortlich machen für gegenwärtiges Unrecht in Gaza. Propalästinensische Aktivisten skandieren "Free Palestine from German Guilt" ("Befreit Palästina von deutscher Schuld"). Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus?

Andreas Petersen: Zur Aufarbeitungsdiskussion gehört das Wissen darum, was war. Es geht am Ende um die Fakten. Das gilt auch für den Vernichtungskrieg der Deutschen. Wo waren diese Wehrmachtssoldaten eigentlich? Ich habe neulich eine Veranstaltung mit dem Osteuropahistoriker Karl Schlögel gemacht, der sagte: Gehen Sie in Berlin in die Gedächtniskirche am Breitscheidplatz, im Keller gibt es im Rahmen einer Ausstellung eine Landkarte für deutsche Soldaten in Stalingrad, darauf alles Städte, die heute wieder Kampfgebiet sind: Sumy, Kramatorsk, Charkiw, Orte, an denen auch Schlögels Vater war. Diese Art von harter Erkenntnis meine ich, wenn ich von Aufarbeitung spreche. Meine Hoffnung ist, dass wir eine gemeinsame Basis finden. Die Interpretationen können dann immer noch unterschiedlich sein, aber wir sollten mindestens davon ausgehen können, dass wir über dieselben Fakten sprechen.


Aus: ""Nimmt man 'Nie wieder!' ernst, müsste man der Ukraine Waffen liefern"" (1. April 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2024-03/andreas-petersen-osten-freud-psychologie-ukraine

Link

Quote[...] "Die Wirklichkeit ist angekommen", sagte Karl Schlögel am 27. Februar 2022 in der sonntäglichen Gesprächsrunde bei Anne Will. Die Zeit sei vorbei, dass man uns Märchen erzählt. Gemeint war damit der unglaubliche »Russland- und Putin-Kitsch«, den Politiker:innen wie Sahra Wagenknecht, Gerhard Schröder oder Gregor Gysi bis heute verbreiten. Noch fünf Tage vor dem Beginn der Großinvasion am 24. Februar 2022 erklärte Schlögel, dieser exzellente und stets auf Verständigung bedachte Osteuropa-Historiker, auf den Angriffskrieg nicht gefasst gewesen zu sein.

Dies traf auf sehr viele Osteuropahistoriker:innen zu, auch wenn sie sich über das System Putin wenig Illusionen gemacht hatten. Dennoch war der russische Angriffskrieg ein Schlüsselerlebnis für die meisten, selbst für jene, die sich seit Jahren mit dieser Region beschäftigt haben. Allen voran natürlich für unsere ukrainischen Kolleg:innen, die sich nun zusammen mit ihren Familien und ihren Freunden unter Beschuss befanden. Viele mussten fliehen oder gingen an die Front. Sie waren im ganz wörtlichen Sinne im Kriegszustand.

... Nachdem in den letzten Jahren Osteuropa-Lehrstühle in Deutschland bis hin zu einzelnen kompletten »Abwicklungen« kaputtgespart wurden, stehen wir vor großen Wissenslücken in der breiten Öffentlichkeit. Vor allem gibt es kaum einen Bezug zur Ukraine, ihrer Geschichte und ihrer Entwicklung vor und nach dem Unabhängigkeitsreferendum im Dezember 1991 – und das trotz der erhöhten Aufmerksamkeit, die der Euromaidan 2013/14 und vor allem die Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 sowie der angeblich durch lokalen Volkswillen befeuerte Krieg in der Ostukraine generiert hatten.

Gleichzeitig werden zur Erklärung dieses Kriegs bis heute immer wieder historische Parallelen herangezogen: die Kubakrise von 1962, die Appeasement-Politik des Westens in den 1930er Jahren, die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands 1956. Die Liste ließe sich verlängern. Zudem kursieren seit dem 24. Februar 2022 (wieder) diverse Rechtfertigungserklärungen für den russischen Angriff in deutschen Debatten. Wie lässt sich das erklären?

»Die Russen« mit »den Sowjets« zu verwechseln hat Tradition – ganz so, als gäbe es keine anderen ethnischen Gruppen auf den Territorien, die einst die Union national definierter, de facto aber multiethnischer Sowjetrepubliken ausmachten. Zugleich tauchte wiederholt die Präventivkriegsthese auf, der zufolge sich Russland mit diesem völkerrechtswidrigen Krieg gegen eine Erweiterung der NATO gen Osten verteidige. Diese Entlastungserzählung ist ein beliebtes Argument in Talkshows und auf anderen populären Plattformen; und sie hält sich hartnäckig, als ob Russland das Opfer einer westlichen Verschwörung wäre und nicht der Aggressor in einem mit aller Grausamkeit geführten Angriffskrieg. Das politische Bemühen, Russland – trotz seiner brutalen Kriegsführung in Tschetschenien und Syrien, seines rechtswidrigen Einmarsches in Georgien im Jahr 2008, seiner gezielten Destabilisierungspolitik in Ossetien und Moldawien und sogar noch nach der Annexion der Krim – in eine internationale Staatengemeinschaft einzubinden, hatte keinen Erfolg.

Die Bestrebungen von Historiker:innen in den letzten Jahrzehnten, ein historisches Bewusstsein für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu vermitteln, das neben ostmittel- und südosteuropäischen auch die rund 27 Millionen sowjetischen Kriegsopfer stärker in das westeuropäische Blickfeld rückt, hat insofern zu wenig Aufmerksamkeit gefunden, als es den gesellschaftlichen Blick nach Osten nicht ausreichend hat differenzieren können. Denn das Argument, dass Deutschland mit Waffenlieferungen an die Ukraine nun wie im Zweiten Weltkrieg Waffen gegen »die Russen« einsetze, übersieht, dass die Kriegs- und Vernichtungspolitik des »Dritten Reiches« nicht allein »die« Russ:innen traf. Vielmehr hatte der deutsche Überfall auf die Sowjetunion seit dem Juni 1941 fatale Konsequenzen für alle sowjetischen Bürger:innen – an der Front, unter der Besatzung, im Hinterland: auch und vor allem für Juden und Jüdinnen, für Ukrainer:innen, für Belaruss:innen, für Tatar:innen, für Tschetschen:innen, für »Russlanddeutsche« und für Angehörige anderer Ethnien.

Ebenso bleibt unbeachtet, dass der »Holocaust by Bullets« sich auf die besetzten Gebiete der Ukraine, Belarus' sowie des Baltikums fokussierte, genauso wie der größte Teil der ca. 2,75 Millionen sogenannten Ostarbeiter:innen aus eben diesen Gebieten stammte. Und auch die Tatsache, dass es, neben den großen Schlachten wie jene um Stalingrad, vor allem die Besatzungspolitik der Wehrmacht war, die die Menschen tötete, ist nicht zu Allgemeinwissen geworden. Von den 20 Millionen Zivilist:innen, die durch den Krieg in der Sowjetunion umkamen, starben allein vier Millionen in der besetzten Ukraine. Doch die Gleichsetzung »der Sowjets« mit »den Russen« macht es offenbar schwer, sich mit Russlands gegenwärtiger Besatzungspolitik und ihren Parallelen auseinanderzusetzen.

Die Spezifik dieser Diskrepanz hat die Themen der im Dossier veröffentlichten Beiträge stark geprägt. Uns ging es vor allem darum, den Blick auf die Ukraine zu richten, die genauso wie andere Staaten durch die Sowjetzeit geprägt war, sich aber allein in den Jahren seit der Krim-Annexion rasant gewandelt hat. Es ging aber nicht nur um die Rolle des Zweiten Weltkriegs in der russischen Propaganda zur Großinvasion seit dem 24. Februar 2022, im deutschen Familiengedächtnis oder auch bei der sehr unterschiedlichen Bedeutung von Begriffen wie »Faschismus«, »Imperium« und »Totalitarismus«. Es galt zudem, den internationalen Kontext, darunter die Reaktionen der Nachbarstaaten, mit in den Blick zu nehmen, die Wahrnehmung verschiedener Gruppen zu thematisieren sowie die Rolle von Propaganda und Protest aufzuzeigen.

Das ist wenig angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die sich in der Ukraine seit über zwei Jahren abspielen. Die heftigen Diskussionen um die russische Invasion legen vor allem Lücken und Schräglagen in Bezug auf das Russlandbild unterschiedlicher Gruppen in Deutschland offen und fordern somit eine Widerlegung und Klarstellung von Historiker:innen geradezu  heraus. Dementsprechend ist Russland oft Thema der Einzelbeiträge. Das Bemühen, ukrainische Autor:innen für das Dossier zu gewinnen, war nicht immer erfolgreich. Hier mag eine Rolle gespielt haben, dass das Dossier von einer DDR- und einer Kaukasusexpertin herausgegeben wird, die beide eine entsprechend gelagerte Vernetzung haben in einer ohnehin traditionell auf Russland fokussierten Osteuropaforschung.

Der Krieg hat im Fach neben großem Entsetzen eine Grundsatzdiskussion ausgelöst über den Zuschnitt der Osteuropaforschung. Denn es stellt sich die Frage, wie der nahezu selbstverständliche Fokus auf Russland in der Historiografie wie in der institutionellen Aufstellung des Fachs dazu geführt hat, dass die russischen gegenüber den nicht-russischen Erfahrungen und Perspektiven überprivilegiert blieben und der imperiale Anspruch zu wenig reflektiert wurde.[3] Es bleibt abzuwarten, welche Einsichten sich mit der breiteren Nutzung der Archive an der vormaligen sowjetischen Peripherie ergeben werden, etwa in Tbilissi, Almaty, Riga oder eben der Ukraine. Bislang waren neben Expert:innen für die jeweiligen Peripherien nur wenige westliche Forscher:innen in diesen Archiven, um etwa übergeordnete Fragestellungen statt vom Machtzentrum in Moskau oder St. Petersburg nun grundsätzlich vom »Rande« her anzugehen. Vor allem aber wäre zu hoffen, dass die Einrichtung eines Ukraine-Zentrums an der Viadrina in Frankfurt (Oder) nur den Anfang einer weiteren institutionellen Diversifikation der Osteuropaforschung darstellt.

Die wenigen Ukraineexpert:innen sind seit Monaten vollkommen überlastet. Markant war und ist vor allem der Druck, den ukrainische Kolleg:innen spüren, wenn sie nun nicht nur um sich selbst, ihre Lieben und ihr Land bangen, sondern den Deutschen auch noch die Ukraine erklären müssen. Wir hoffen, dass sich das ändert. Auch wenn sich die Aufmerksamkeitsökonomien mit dem Andauern dieses Kriegs verschoben haben, brauchen wir weiterhin die historische Kontextualisierung des aktuellen Geschehens genauso wie eine Normalisierung des Interesses an der Spezifik, Diversität und Verflochtenheit der ukrainischen, der deutschen, der ost- und mitteleuropäischen Geschichte.

...


Aus: "»Die Wirklichkeit ist angekommen ...« - Von der Arbeit an der Lücke. Ein Vorwort"
Maike Lehmann/Annette Schuhmann (24. Februar 2022)
Quelle: https://www.zdbooks.de/dossier-ukraine-2024/lehmann-schuhmann-24-februar-2022
https://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/index/index/docId/2751

-

Quote[...] Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass Sahra Wagenknecht kurz vor dem russischen Angriff auf die Ukraine schon einmal bei "Anne Will" gesessen hatte. Ihre These damals: eine Invasion wird es nicht geben, weil das nicht in Wladimir Putins Interesse liege. Ihre Fehleinschätzung hat Wagenknecht schnell eingeräumt, sie tat das auch in der Sendung wieder.

Schnell zeigte sich allerdings, dass sich an Wagenknechts grundsätzlicher Haltung nichts geändert hat. In der Debatte kritisierte sie das Vorgehen Putins zwar durchaus. Zugleich benannte sie aber auch angebliche Gründe: "Das ist ein geostrategischer Krieg, Russland will nicht, dass in der Ukraine amerikanische Soldaten stationiert werden", sagte Wagenknecht.

Man kann vermuten, dass damit tatsächlich ein Teil von Putins Motivation beschrieben ist. Allerdings blendete Wagenknecht weitere wichtige Aspekte kurzerhand aus. "Es gibt Kräfte in Russland, die wollen nicht akzeptieren, dass andere Länder ihren Weg gehen", sagte der Historiker Karl Schlögel.

...


Aus: " "Anne Will": Sahra Wagenknecht hat in einem Punkt Recht" Paul Ritter (18.09.2023)
Quelle: https://www.morgenpost.de/kultur/tv/article239602889/anne-will-wagenknecht-ukraine-krieg-russland.html

-

Quote[...] In der Philosophie hat sich der Begriff des ,,Armchair"-Philosophen längst etabliert. Damit sind Denker und Denkerinnen gemeint, die aus dem Lehnstuhl heraus philosophieren, während andere in die Welt hinausgehen, um ihre abstrakten Theorien und Prinzipien an der harten Realität zu überprüfen. Auch der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat zu einer Teilung in jene im Lehnstuhl und den anderen geführt, die in dem Land gewesen sind und mit den vom Krieg Betroffenen gesprochen haben.

Wie unterschiedlich die Aussagen angesichts solcher empirischer Erfahrungen sein können, konnte man am Sonntagabend in der Sendung ,,Anne Will" (ARD) verfolgen. Darin trafen der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel und die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht aufeinander. Die weiteren Gäste Michael Roth (SPD), Roderich Kiesewetter (CDU) und Rieke Havertz (,,Die Zeit") wirkten angesichts des sich entfaltenden Disputs zwischen dem Historiker und der Politikerin wie Komparserie. Es war ein Lehrstück, wie sich Quellenkunde und graue Theorie zueinander verhalten können. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob der Ukraine weitere Waffen geliefert werden müssen. Und ob ,,legitime Sicherheitsinteressen" Russlands tatsächlich verletzt worden seien, wie es der russische Präsident Putin und auch Wagenknecht immer wieder insinuierten, das wollte die Moderatorin Will von Schlögel wissen.

Der Historiker widersprach dieser These vehement. Wagenknecht erzähle diese Geschichte seit Jahren, betonte er. Sie habe sich seit den ersten Tagen der Besetzung der Krim 2014 aber nie um die Situation dort gekümmert. Sie rede von der Diskriminierung des Russischen, das aber sei ,,alles Unsinn", so Schlögel. Er gab Wagenknecht den Rat, einfach einmal in die Ukraine zu fahren und mit den Menschen dort zu sprechen. ,,Sie haben von bestimmten Dingen eine Ahnung, von bestimmten Dingen haben Sie keine Ahnung!", so Schlögel. ,,Sie haben sich nie dort umgesehen!" Wagenknecht erklärte: ,,Herr Melnyk hat mich öffentlich mit einer Morddrohung überzogen. Ich fahr doch nicht in ein Land, in dem mir angedroht wird, dass ich umgebracht werde!"

Schlögel wiederholte, ,,es gibt kein Sprachproblem, das ist Ihre Version" und die Version Russlands. ,,Sie erzählen immer nur von der Reaktion der Nato. Sie haben sich nie damit beschäftigt, was Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion ist. Was bedeutet es für Russland, herauszutreten aus dem alten Imperium, dem sowjetischen. Sie haben sich nie für die Kräfte interessiert, die hinter diesem Entschluss von Putin stehen. Dass es Kräfte gibt in diesem zu Ende gegangenen Imperium, die sich nicht damit abfinden, dass andere Völker, andere Nationen ihren eigenen Weg gehen wollen", sagte Schlögel und unterstrich: ,,Die Ukraine will nichts anderes, als in Ruhe gelassen zu werden und ein ganz normales Land zu werden. Das interessiert Sie überhaupt nicht. Warum gehen Sie nicht in die Ukraine und fragen: Was wollt ihr eigentlich?"

Wagenknecht solle besser einmal analysieren, ,,was diesen Typen" antreibe, andere Völker zu überfallen, Kriegsverbrechen zu begehen und an der Auslöschung der Ukraine zu arbeiten. Der Historiker wurde nun noch deutlicher: ,,Sie können die Angst anderer Leute instrumentalisieren – das ist ihr Geschäft und offensichtlich auch die Geschäftsgrundlage für das, was sie zusammen mit der AfD planen!" Sie sei eine ,,Bewirtschafterin der Angst", sagte Schlögel. ,,Sie sind die putinsche Stimme in Deutschland zusammen mit der AfD."

Es wurde lauter, emotionaler, gereizter. ,,Jetzt verlieren Sie aber wirklich Ihr Niveau. Bis eben habe ich Sie noch ernst genommen!", raunzte Wagenknecht. Doch die Argumente waren auf der Seite des Historikers.


Aus: "Historiker über Wagenknecht: ,,Putinsche Stimme in Deutschland"" Michael Hesse (18.09.2023)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/tv-kino/historiker-ueber-wagenknecht-putinsche-stimme-in-deutschland-92527300.html


Link

#3
Quote[...] Er ist da: Trumps Sondergesandter Steve Witkoff ist in Moskau, begrüßt wurde er von Kirill Dmitrijew, dem Leiter des russischen Staatsfonds. Videobilder zeigen die beiden im Gespräch vertieft bei einem Spaziergang Park Sarjade, unweit des Kremls. Die beiden kennen und verstehen sich. Dmitriew kommt aus der Wirtschaft. Der 49jährige hat in den USA studiert, schloss sein Studium an der Stanford University mit Auszeichnung ab. Seine Karriere begann bei der Investmentbank Goldman Sachs in New York, später arbeitete er bei der Unternehmensberatung McKinsey. Das heißt: Mit Dmitrijew kann man Deals machen. Nach dem Vorgespräch ging Witkoff dann zu Wladimir Putin. Freundliches Händeschütteln war angesagt. Ausloten wollte Witkoff, ob es einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zwischen Donald Trump und Russlands Präsidenten gibt.

Das Gespräch sei ,,nützlich und konstruktiv" gewesen, so Putins Präsidentenberater Juri Uschakow vage. Über konkrete Ergebnisse ist nichts bekannt. Diskutiert habe man über die Lage in der Ukraine und über Verbesserungen in den Beziehungen zwischen den USA und Russland. Moskau habe ,,Signale" von Trump bekommen und hätte geantwortet.

Trump will den Krieg in der Ukraine zügig beenden. Doch seine wiederholten Forderungen nach einer Waffenruhe verhallten. Putin besteht auf den russischen Bedingungen: Keinen NATO-Beitritt der Ukraine, die eroberten Gebiete und die Halbinsel Krim müssten russisch bleiben. Trump hatte Putin eine Frist bis Freitag gesetzt. Kommt bis dahin keine Feuerpause, dann würden Strafzölle kommen, die vor allem auf das russische Ölgeschäft zielen. Zölle auch gegen Länder, die russisches Öl kaufen, darunter die beiden größten Abnehmer Indien und China.

Öl zählt zu den wichtigsten Einnahmequellen Russlands, der Export von Rohöl finanziert die hohen Kosten des Krieges, rund 40 Prozent des russischen Staatshaushalts fließen ins Militär. Allerdings ist zweifelhaft, ob Donald Trump weitreichende Sanktionen umsetzen wird – und ob er das überhaupt kann. Zölle und Gegenzölle mit China würden vor allem auch die US-Wirtschaft schädigen. Die indische Regierung hat bereits erklärt, man würde sich Trumps Drohungen nicht beugen. Diese seien ,,ungerechtfertigt und unangemessen".

Mit Ablauf des Ultimatums am Freitag hängt alles von Donald Trump ab. Die Chancen, dass Witkoff in Moskau einen für Russland und die USA gesichtswahrenden Kompromiss erreichen kann, werden von Insidern als gering eingeschätzt. Trumps ursprünglichen Plan hatte seinerzeit der eigentliche Ukraine-Sondergesandte erklärt, der Ex-General Keith Kellogg: ,,Wir sagen den Ukrainern: ,Ihr müsst an den Verhandlungstisch kommen. Sonst trocknet die Hilfe von den Vereinigten Staaten aus.' Und wir sagen Putin: ,Du musst an den Verhandlungstisch kommen. Sonst geben wir den Ukrainern alles, was sie brauchen, um dich auf dem Schlachtfeld zu erledigen'".

Am Verhandlungstisch sind beide Seiten, aber jenseits vom Austausch von Gefangenen sind dabei keine Ergebnisse herausgekommen. Zu unterschiedlich sind die Positionen. Der Krieg geht weiter – und Waffen kommen aus den USA nur spärlich. Die dürfen nun die Europäer kaufen und der Ukraine überlassen.


Aus: "Trump-Gesandter in Moskau pokert um die Waffenruhe" Jo Angerer (06.08.2025)
Quelle: https://www.morgenpost.de/politik/article409683744/trump-gesandter-in-moskau-poker-um-waffenruhe.html

"US-Sondergesandter soll Russen zum Umgang mit Trump gebrieft haben" (26. November 2025)
Ein Bericht vermittelt Einblicke in die Entstehung des Plans für ein Kriegsende in der Ukraine. Steve Witkoff gab demnach Putins Berater Tipps zum strategischen Vorgehen.
https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-11/usa-russland-ukraine-steve-witkoff-plan-entstehung-kriegsende

Link

#4
Quote[...] Seit dem Zerfall der Sowjetunion und der Etablierung eines unabhängigen belarussischen Staates im Jahre 1991 fanden fünf Präsidentschaftswahlen statt (Juni 1994, September 2001, März 2006, Dezember 2010 und Oktober 2015), aus denen stets Aljaksandr Lukaschenka, dem vorgeworfen wird, sein Land diktatorisch zu regieren, als Sieger hervorging. Mit Ausnahme der ersten entsprach keine davon demokratischen Standards. ...


Quelle: "Präsidentschaftswahl in Belarus 2020" | https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4sidentschaftswahl_in_Belarus_2020

-

Quote[...] Die Proteste in Belarus 2020–2021 waren die größten Massendemonstrationen seit Ausrufung der Republik Belarus im Jahr 1991. Die meisten Proteste richten sich gegen die Politik und Präsidentschaft von Aljaksandr Lukaschenka, der das Land seit 26 Jahren diktatorisch regiert; es kam aber auch zu staatlich organisierten Unterstützungskundgebungen für Lukaschenka. Die Demonstrierenden hatten insbesondere das Ziel, die Regentschaft Lukaschenkas zu beenden und Demokratie sowie grundlegende Menschenrechte in Belarus durchzusetzen, die durch die Regierung bedroht sind.

Anlass für die Proteste war insbesondere die Präsidentschaftswahl 2020, die am 9. August 2020 endete und die international weitgehend als Scheinwahl gilt, weil relevante Gegenkandidaten festgenommen wurden und Wahlmanipulationen nachgewiesen werden konnten.

...


Quelle: "Proteste in Belarus 2020–2021" | https://de.wikipedia.org/wiki/Proteste_in_Belarus_2020%E2%80%932021

-

Quote[...] Kseniya Lutskina ist eine belarussische Historikerin und Journalistin. Nach den Protesten 2020 saß sie vier Jahre im Gefängnis, heute lebt sie in Berlin. Sie nahm an einem Osteuropa-Workshop der taz Panter Stiftung teil. ... Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Große Veränderungen beginnen im Kleinen. Am 9. August 2020 fanden in Belarus Präsidentschaftswahlen statt, von denen niemand etwas erwartet hatte. Doch es kam anders: Die Wiederwahl des ewigen Alexander Lukaschenko bei einer wie eh und je undemokratischen Wahl führte zu beispiellosen Protesten: Hunderttausende gingen an vielen Tagen gegen die in ihren Augen stattgefundene Wahlfälschung auf die Straße. Doch auch die massenhaften Proteste konnten den Diktator nicht stürzen, Lukaschenko und sein Regime hingegen reagierten mit Repressionen beispiellosen Ausmaßes: Es marschierten bewaffnete Soldaten auf, die Polizei setzte Blendgranaten ein, es gab rund 6.700 Festnahmen, einen Toten und zahlreiche Verletzte, Inhaftierte berichteten von Folter. Webseiten, Messengerdienste, VPN-Server waren nicht mehr erreichbar, Straßenlaternen wurden abgeschaltet. Seitdem sind fünf Jahre vergangen und es ist höchste Zeit zu verstehen, was damals – und vor allem danach – passierte.

Im Zentrum der Proteste stand die Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja. Ihr Programm: faire Wahlen, Freiheit für politische Gefangene, Ende der Gewalt. Anschließend positionierte sie sich trotz ihres ,,offiziellen" Wahlergebnisses von nur knapp 10 Prozent als ,,Übergangspräsidentin" und versprach, ihr Amt aufzugeben, sobald echte Wahlen mit echten Präsidentschaftskandidaten stattfinden würden. Tichanowskaja wurde zur Lokomotive der Proteststimmung, ihr gelang, was 27 Jahre lang niemand aus der Opposition geschafft hatte: Sie vereinigte die Menschen. Lukaschenko selbst trug zu Tichanowskajas Prominenz bei, indem er eine Reihe schwerer Fehler machte. Er leugnete das Coronavirus und hatte offenbar nicht mitbekommen, dass die Gesellschaft im 21. Jahrhundert mit Internet lebte, es war unmöglich, etwas zu verbergen.

Sein zweiter Fehler war das gewaltsame Vorgehen gegen die Proteste vor den Wahlen. Zum ersten Mal erhob sich die belarussische Gesellschaft, alle kamen, um abzustimmen. Lukaschenko fälschte seinen Sieg mit beispielloser Dreistigkeit und schrieb sich ein Ergebnis von über 80 Prozent zu.

Sein dritter Fehler war das Abschalten des Internets. Das führte dazu, dass sich alle, selbst Rentner*innen in Kleinstädten, einen VPN-Tunnel installierten. Belarus*innen verstehen sich selbst als tolerant und duldsam, aber drei Tage nach den Wahlen und beispielloser Grausamkeit hatte die Geduld ein Ende und es entwickelte sich eine klassische revolutionäre Situation nach den Grundsätzen Lenins: Die Gesellschaft war ihrer Staatsmacht entwachsen und wollte nicht mehr leben wie bisher. Zuvor schien in Belarus ein unausgesprochener Konsens zu herrschen: Die Gesellschaft lebt ihr eigenes Leben, die Regierung ebenfalls. Solange die Regierung sich nicht einmischt, ist die Gesellschaft mit allem zufrieden, sogar mit Lukaschenko. Doch dann?

Die Gesellschaft mobilisierte und organisierte sich selbst. Die Behörden reagierten auf die Proteste mit den üblichen Methoden: Sie wiesen Tichanowskaja aus Belarus aus, nahmen andere Politiker*innen fest. Aber das war gar nicht mehr so wichtig, der Protest brauchte keine Anfürerin mehr. 2020 bezeichneten friedliche Demonstrant*innen die Ereignisse im Land als eine Evolution, ein nationales Erwachen, heute spricht die Mehrheit von einer Revolution – und das Regime von einem ,,Versuch einer Farbrevolution".

Womit haben wir es zu tun? Mit einer Revolution der Menschenwürde ganz sicher. Sie begann damit, dass Tausende von Belaruss*innen erkannten, wie grausam der Staat sein kann. Sie haben aus eigener Erfahrung gelernt: Wenn du dich nicht für Politik interessierst, wird sich die Politik früher oder später für dich interessieren. Die Menschen waren schockiert über die Gewalt, ihre Emotionen waren am Limit. Doch inmitten dieser Gewalt wurde das ethische Fundament der belarussischen Gesellschaft geboren, das auf der völligen Ablehnung von Gewalt beruht.

Daher konnte die Revolution vonseiten der Protestierenden nicht anders als friedlich verlaufen. Laut Schätzungen gingen damals 14 bis 20 Prozent der Bevölkerung des Landes auf die Straße. Denjenigen, die das nicht wollten, standen Hunderte andere Protestformen zur Verfügung. Das Wichtigste war und ist die Solidarität mit den Demonstrant*innen und den Festgenommenen. Sie ist eine der wichtigsten Errungenschaften der Belaruss*innen im Jahr 2020.

Diese Solidarität lebt weiter, und das trotz harter Repressionen, wie es sie seit Stalin nicht mehr gegeben hatte. Seit dem 1. November 2020 ist die Teilnahme an Protesten strafbar. Seitdem wurden nach Angaben von Menschenrechtsaktivist*innen rund 25.000 Menschen strafrechtlich verfolgt. Schätzungsweise 600.000 bis 1 Million Menschen mussten das Land aufgrund drohender politischer Verfolgung verlassen – 10 Prozent der Bevölkerung. Auch das Prinzip der Gewaltlosigkeit ist ein wichtiges Ergebnis des Jahres 2020. Hinzu kommen Solidarität, die Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstorganisation sowie das Selbstbewusstsein der Belaruss*innen, eine politische, kulturelle, nationale Gemeinschaft zu sein.

Die Menschen wollen Demokratie, Meinungsfreiheit, eine Zivilgesellschaft, dafür bauen sie im Ausland Institutionen auf. Denn in Belarus ist das unmöglich. Lukaschenko hat alle gemeinnützigen Organisationen verboten und deren Mitglieder entweder ins Gefängnis gesteckt oder aus Belarus vertrieben. Im Exil setzen sie ihre Aktivitäten fort, so wie Menschen in Belarus dies im Untergrund tun. Kurz: Belarus ist ein totalitärer Staat im Orwell'schen Sinne. Doch der Widerstand bleibt.

Die Regierung in Belarus ist von Russland abhängig. Lukaschenko hat sämtliche Zugeständnisse gemacht, die Putin seit Jahren fordert: Militärstützpunkte, Zugang zur belarussischen Wirtschaft für russisches Kapital, selbst ein Aufmarschgebiet für die russische Armee. 98 Prozent der belarussischen Exporte gehen heute nach Russland, 2020 lieferte Belarus 41 Prozent der Exporte in die EU. Die Abhängigkeit des Regimes von Russland wird durch Kredite, die Lukaschenko von Russland aufgenommen hat, verstärkt.

Heute beträgt die Staatsverschuldung von Belarus 35,17 Milliarden Dollar. Moskau refinanziert zwar regelmäßig Kredite. Doch wenn Minsk zahlen muss, wird das der letzte Tag von Lukaschenkos Wirtschaft sein. Die Beziehungen zwischen Russland und Belarus lassen sich auf eine einfache Formel reduzieren: Putin kontrolliert Lukaschenko und Lukaschenko kontrolliert Belarus. Aus diesem Teufelskreis versucht er auszubrechen, indem er sich durch Verhandlungen mit dem Westen legitimieren will. So lässt er politische Gefangene im Austausch für ,,Zugeständnisse" frei, die es noch gar nicht gibt. Das ist eine Sackgasse, aus der es für Lukaschenko keinen Ausweg gibt.

Das Beste für das Land und selbst für Lukaschenkos Umfeld wäre eine friedliche Machtübergabe. Das lehnt er, wen wundert es, ab. Eine ebenso wünschenswerte, aber äußerst unwahrscheinliche Option: eine Verschwörung der Eliten. Lukaschenko hat den Apparat buchstäblich von jeglichem freien Denken ,,gesäubert", alle haben Angst. Und sie haben allen Grund dazu, ab 2020 wurden Repressionen und totale Kontrolle zum Alltag. Diese Angst hält das System zusammen – aber sie könnte es auch zerstören. Angst zerfrisst wie Rost das Staatssystem von innen. Dieser Prozess hat bereits begonnen, langsam, aber jeden Tag ein wenig schneller. Auch Lukaschenkos Tod wird das Problem in Belarus nicht lösen. Dieses liegt wie immer in Russland, das Belarus' Souveränität von jeher bedroht. So hängt die weitere Entwicklung in Belarus direkt von der Lage in der Ukraine ab.

Trotz allem blicke ich optimistisch in die Zukunft. Alle totalitären Regime in der Geschichte sind irgendwann zusammengebrochen, meist unerwartet. Zudem nimmt Lukaschenko noch immer Rache an der Bevölkerung für das, was 2020 geschah. Damit versucht das Regime der Außenwelt zu zeigen, dass sich die Lage stabilisiert habe. Aber nichts davon ist wahr. Lukaschenkos Sieg war ein Pyrrhussieg. Die Belaruss*innen indes nutzen ihr Potenzial, das sie 2020 erkannt haben. Sie haben ihren Weg gewählt, den Weg nach Europa. Sie haben sich verändert und werden sich nie wieder mit dem Staat, der sie heute regiert, identifizieren können.

Diese Botschaft muss auch in Europa gehört werden. Denn die Prozesse in Belarus betreffen nicht nur die Sicherheit der EU, sondern des gesamten europäischen Kontinents. Die EU braucht weder ein russisches Belarus noch ein belarussisches Russland. Aber Belarus braucht die EU. Vielleicht waren wir 2020 noch nicht bereit, den ganzen Weg für die Freiheit zu gehen. Doch jetzt, wo die Existenz der belarussischen Nation durch den wachsenden Einfluss Russlands bedroht ist, verstehen alle Belaruss*innen den Wert von Unabhängigkeit, Demokratie, Meinungsfreiheit.

Ich bin sicher: Das Ausmaß und die Dauer des seit fünf Jahren andauernden Protests werden eines Tages der Existenz des Lukaschenko-Regimes ein Ende setzen. Große Veränderungen beginnen im Kleinen.

Aus dem Russischen Barbara Oertel


Aus: "5 Jahre Revolution in Belarus - Das System Lukaschenko hat sich überlebt" Aus einem Essay von Kseniya Lutskina (9.8.2025)
Quelle: https://taz.de/5-Jahre-Revolution-in-Belarus/!6102663/


Link

Quote[...] Jedes Jahr ist man hier in Frankfurt [ ] gewohnt, als Schlussakkord der Buchmesse einer klugen, oft eindrucksvollen Rede zu lauschen, die die jeweiligen Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels halten und die dann zugegebenermaßen nicht immer im Langzeitgedächtnis haften bleibt.

Diesmal sorgte ein deutscher Professor dort vorn am Pult dafür, dass das wohl anders sein wird. Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel hat in diesem Jahr die Auszeichnung erhalten, "als Wissenschaftler und Flaneur, als Archäologe der Moderne, als Seismograf gesellschaftlicher Veränderungen" im Osten Europas, wie es in der Preisurkunde hieß. Im 75. Jahr dieses Preises wurde damit jemand ausgezeichnet, der sich wie kaum jemand sonst hierzulande für die Freiheit der von Russland überfallenen Ukraine engagiert hat – und der sich ebenso wie kaum jemand sonst in Russland und Ostmitteleuropa auskennt, diese Weltgegend seit Jahrzehnten immer wieder erforscht und bereist hat.

Mit der Entscheidung für Schlögel waren im Vorfeld nicht alle glücklich, immerhin erhielt damit nach Serhij Zhadan 2022 und Anne Applebaum 2024 erneut ein Intellektueller den Preis, der seit 2022 laut und engagiert für die militärische Unterstützung der Ukraine plädiert hatte. Kann man damit Frieden stiften?

[...] Minutiös setzte sich Schlögel mit den russischen Propagandaattacken auf Europa auseinander, mit Russlands erneutem Weg in den Abgrund von Unterdrückung und Gewalt – sichtlich betroffen, denn er redete als jemand, der "seit seiner Jugend der Kultur verfallen ist". Die Erschütterung kennzeichnete Schlögel aber auch als Erfahrung seiner Generation, die in den letzten Jahrzehnten geglaubt hatte, alles sei auf einen einigermaßen friedlichen Weg gebracht. Stattdessen: "Es geschieht das Ungeheuerlichste" – Schlögel meinte damit neben dem Putinismus auch Trump, der sicher geglaubte Allianzen und checks and balances über den Haufen wirft, das "mörderische Pogrom" der Hamas ebenso wie das Schlachtfeld in Gaza mit Abertausenden Opfern. Selbst der sprachmächtige Schlögel bekannte so: "Es verschlägt einem die Sprache für das, was geschieht."

Es ist diese persönliche Betroffenheit des Diagnostikers, der im Paulskirchenrund die ganze Zeit zu spüren ist – und die ja die allermeisten Zeitgenossen betrifft, die Irrtümer und blinden Flecken, den fehlenden Willen, genau hinzuschauen. "Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden", schreibt er den Deutschen ins Stammbuch.  Und er plädiert dafür, sich trotz dieser Sprachlosigkeiten und Bedrohlichkeiten heute, "selber auf den Weg zu machen, um die Gefährlichkeit der heutigen Situation mit eigenen Worten zu erfassen" ...

... Vor allem [] war es die in Kyjiw geborene und seit 25 Jahren in Berlin lebende Schriftstellerin Katja Petrowskaja, die in ihrer bewegenden, verhalten vorgetragenen Laudatio Schlögels Geist auf den Begriff und auf das Gefühl brachte. "Erfahrungsbereitschaft" nannte sie den Modus dieses Intellektuellen ...

... Zum einen an einen Talkshowauftritt des Historikers im Frühjahr 2022, während dessen er sich bei den deutschen Zuschauern dafür entschuldigte, als Experte diesen Krieg nicht vorhergesagt zu haben. "Auf eine solche Entschuldigung hatte man vergeblich gewartet von den Politikern, Sicherheitsexperten oder sonst wem, die uns mit ihrem 'Wandel durch Handel' den ewigen Frieden versprochen hatten." Beifall brandete da auf, und man ahnte auch sogleich, weshalb ein Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sich solcher Kritik lieber nicht aussetzt, indem er die Friedenspreisverleihung beehrt, als ehemaliger Außenminister maßgeblicher Architekt einer leisetreterischen deutschen Außenpolitik gegenüber Putin. Früher war die Friedenspreisverleihung ja oft genug Pflichttermin für ein Staatsoberhaupt im vermeintlichen Land der Dichter und Denker.

... Zum anderen erinnerte Katja Petrowskaja an einen ganz persönlichen Moment bei der allerersten Berliner Demo Anfang März 2022 gegen den Überfall Russlands. Zufällig habe sie Schlögel dort getroffen, der den Rednern zugehört und geweint habe. In Zeiten, in denen so viele billig und reflexhaft von "Haltung" schwadronieren, liegt in den Tränen des Historikers tatsächlich die Keimzelle für eine Verhaltenslehre.

...
 


Aus: "Die Tränen des Preisträgers" Alexander Cammann (19. Oktober 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2025-10/karl-schloegel-friedenspreis-des-deutschen-buchhandels-verleihung/komplettansicht

QuoteNeil65

Den Friedenspreis bekommen überwiegend Schriftsteller, die sich für die militärische Unterstützung der Ukraine engagieren. Andere ( Meinunungen ) haben da wohl keine Chance. Ich finde das schon etwas totalitär. Meinungsvielfalt sollte man gerade in so angespannten Zeiten, wo die Gefahr besteht, dass sich ein regionaler Krieg ausbreitet, durchaus auch faier beurteilen.


QuoteHatzerim

Sie sollten mittlerweile einsehen, dass es nicht um Meinungen geht, sondern um unsere Werte™ und unsere Art zu leben™.


Quotefriedelhierse

Habe ich Sie richtig verstanden? Sie fordern eine Meinungsvielfalt gegenüber einem Aggressor ein, der tagtäglich ein europäisches Land mit Drohnen- und Raketenterror überzieht?


QuoteKarl Gnau


Hier kann man sich die Reden als PDF downloaden:

" ... Es ist erstaunlich, wie lange es in Deutschland ge-dauert hat, gewahr zu werden, womit man es mit Pu-tins Russland zu tun hat. Was immer im Spiele war – historische Pfadabhängigkeit, kulturelle Affinitäten, Nostalgie und Sentimentalität, Wirtschaftsinte-ressen, auch Korruption –, es ist ein weites Feld für die historische Aufklärung und eine Aufarbeitung, die niemanden schont. Es gab viele Russlandverste-her, aber zu wenige, die etwas von Russland verstan-den. Sie hätten uns sonst erklärt, was auf uns zu-kommt und dass die Kategorien, mit denen man Pu-tins Reich zu fassen sucht, eher Ergebnis von Wunschdenken und Gutgläubigkeit waren, anstatt sich einzugestehen, dass man dieser Gestalt des Bö-sen – welcher Begriff auch immer dafür noch entwi-ckelt werden wird – nicht gewachsen war. Wieviel einfacher und bequemer war es doch, der Nato oder gleich dem kollektiven Westen die Schuld zu geben: Bis auf den heutigen Tag ist die Suche nach einem tieferen Sinn in der Putinschen Politik nicht zur Ruhe gekommen. Genannt werden: Demütigung der einstigen Supermacht, Einkreisungsängste, Sicher-heitsbedürfnis, Kampf um Anerkennung. Dem ent-spricht die Vorstellung, dass sich im argumentativen Diskurs mit ihm Missverständnisse ausräumen und Deals aushandeln lassen. Die Vorstellung, dass Putin sich an Argumente oder gar Verfahrensregeln halten würde, hat er jedoch von Anfang an widerlegt. Er hat den Tisch, an dem Verhandlungen und Gespräche nach bestimmten Spielregeln stattfinden sollten, einfach umgestoßen und mit Bravour die Regelverletzung zum System erklärt, lange bevor der Terminus der Disruption in Umlauf kam. Er war und ist der Meister der Eskalationsdominanz, der wohl kalkulierten Verschärfung von Konflikten, den kalkulierten Bruch des Nukleartabus eingeschlossen. Die Angst ist seine wichtigste Waffe, und in der Bewirtschaftung der Angst besteht sein wahres Talent. Er wähnt sich bis heute unangefochten als Herr des Verfahrens. ... ..."
https://www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de/fileadmin/user_upload/preistraeger/2020-2029/2025/Friedenspreis_Reden_2025.pdf



Quoteove.w

""Es gab viele Russlandversteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden", schreibt er den Deutschen ins Stammbuch."

Ist ja putzig - als ausgewiesener "Experte" sollte sich das auch Herr Schlögel in sein Stammnbuch schreiben.
In Deutschland gibt es viele, die etwas von Russland verstehen, nur man hörte ihnen nicht zu.

... Ich habe nix überlesen. Schlögel (wenn es denn stimmt) hat das nicht erkannt, weil er voreingenommen war und ist. Leute im fernen Amerika, namentlich H. Kissinger hat das vorausgesagt, andere Experten auch. Und wer Putin in München aufmersam zugehört hat, wusste was kommt.

"Rede Wladimir Putins auf der 43. Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik"
Die NATO-Osterweiterung kritisierte Russlands Präsident massiv, weil deren militärische Infrastruktur ,,bis an unsere Grenzen" heranreiche. Der russische Präsident warnte die NATO vor ,,ungezügelter Militäranwendung". Nordatlantik-Allianz und Europäische Union würden anderen Ländern ihren Willen aufzwingen.[4] Putin kritisierte: ,,Die Garantien, die uns gegeben wurden, wurden nicht eingehalten. Ist das normal?"
https://de.wikipedia.org/wiki/Rede_Wladimir_Putins_auf_der_43._M%C3%BCnchner_Konferenz_f%C3%BCr_Sicherheitspolitik

...


Quotewillmasosagen

In Deutschland gibt es viele, die etwas von Russland verstehen, nur man hörte ihnen nicht zu.

Sie denken da anscheinend an Frau Wagenknecht und Herrn Chrupalla, richtig?


Quotecelsiana

Ein Preisträger, der ganz auf Regierungslinie ist. Wenn er Recht hat, ist es bedeutsame Arbeit, wenn er Unrecht hat, ist es gefährlich, weil er, und nach Erringung des Preises nochmal mehr, prägend auf die Gesellschaft wirkt. ...


Quotesugarvision

Schlögel hat wahrscheinlich Recht. So wie Deutschland erst nach der bedingungslosen Kapitulation davon abließ, Frankreich als Erzfeind zu betrachten, so auch Russland, das Westeuropa als Erzfeind betrachtet.


QuoteDowntown62

Was wäre passiert, wenn Putin den Krieg nach einigen Monaten wieder beendet hätte? Vielleicht wären Deutschlands Geschäfte mit Russland in kürzester Zeit wieder wie vorher gewesen...


Quotematthiashartwig

Herr Schlögel hat zweifelsohne viele Verdienste, vor allem in der Geschichtswissenschaft und ihrer Vermittlung. Man könnte auch viele Gründe finden, ihm einen Preis zu verleihen, z.B. für sein Eintreten für Freiheit, staatliche Souveränität, die geltende Völkerrechtsordnung oder für seine Liebe zur Ukraine. Was allerdings sein spezifischer Beitrag zum Frieden ist, vermag ich nicht zu entdecken. Denn es bedarf doch einer erheblichen Dialektik, wenn der Ruf nach Waffenlieferungen in einem Krieg als Förderung des Friedens gewürdigt wird. Das ist, wie wenn das Essen der Wurst als die Beendigung des Tierleids bezeichnet wird. Und es bleibt zu wünschen, dass Herr Schlögel sich mit seinen Forderungen nach fortsetzter militärischer Unterstützung als Lösung des von Russland ausgelösten Konflikts zum Wohle der Ukraine nicht ein weiteres Mal irrt.


Quoteder Wiedergänger

Wie kann man nur die Russlandpolitik der NATO:Eu der letzten 20 Jahre als "Appeasement" mißverstehen?


QuoteAllesbelegt

Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/nc


QuoteAmüsierter Beobachter

Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.


...

Link

#6
Quote[...] Dieser Tage sah und hörte ich Pussy-Riot-Mitgründerin Maria Aljochina in der Sendung von Markus Lanz. Sie bildete den Widerpart von Sahra Wagenknecht, die ihre bekannten Thesen zur Genese des Krieges in der Ukraine vortrug: Russland reagiere nur auf die Ausdehnung der Nato nach Osten, von sich aus hege Wladimir Putin keinerlei imperiale Absichten. In ihrem starren Festhalten an alten Positionen machte sie eine ziemlich traurige und unglaubwürdige Figur. Gegen sie, die wie ihr eigener Avatar erschien, wirkte Maria Aljochina ausgesprochen lebendig. Schon rein äußerlich lagen zwischen den beiden Frauen Welten. Hier die Wagenknecht mit ihrem versteinerten Gesicht, die sich in ihre eigenes Kostüm und eine Fotografie von Rosa Luxemburg entfremdet hat, dort die Aljochina, deren ungebändigten wuscheligen Haare unter einer Wollmütze hervorquollen und aus deren Augen trotz all ihrer schmerzhaften Erfahrungen der Schalk und eine ungebrochene Lebendigkeit blitzten. Aljochina lebt nach einer abenteuerlichen Flucht aus Russland inzwischen in Island. Zuvor hatte sie zwei Jahre in einem russischen Straflager verbringen müssen, über das sie ausführlich und erschütternd berichtete. Am stalinistischen Straf- und Lagersystem hat sich im Kern nichts geändert, bis heute regieren die Nachfahren der einstigen Henker mit kaum veränderten Methoden und halten das ganz riesige Land in einem permanenten Überlebensmodus. Anders könne Putin nicht mehr regieren. Würde er tatsächlich Frieden schließen, würden die Menschen gewahr, dass die Opfer, die der Krieg verschlungen hat, umsonst gewesen sind und seine Herrschaft geriete in Wanken. Er kann also mit dem permanenten Krieg nicht aufhören. Auf Lanz' Frage: ,,Haben Sie Angst?", antwortete Maria Aljochina: ,,Ich habe noch nie Sicherheit gesucht." Eine eindrucksvolle, mutige Frau. In ein paar Tagen erscheint im Berlin-Verlag auf Deutsch ihr Buch ,,Political Girl: Pussy Riot – Leben und Schicksal in Putins Russland".

...


Aus: "131 | Die Obsession der Reinheit" Götz Eisenberg (9. November 2025)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2025/11/09/131-die-obsession-der-reinheit/

-

Quote[...] Buch in der Debatte

9punkt 12.11.2025

Die Pussy-Riot Aktivisten Maria Aljochina hat ein Buch über die Zeit nach ihrer Entlassung aus einer russischen Strafkolonie bis zu ihrer Flucht aus Russland 2022 geschrieben. Nach Russland kann sie nicht zurück, weil sie sofort verhaftet werden würde. Im SZ-Interview mit Alexander Menden betont sie, dass sich viele im Westen immer noch nicht klargemacht haben, wie schnell eine vermeintliche dystopische Wirklichkeit real werden kann: "Wenn Sie mir vor 15 Jahren gesagt hätte: Dein Land wird die Ukraine bombardieren und es eine 'militärische Spezialoperation' nennen, man wird für einen Instagram-Post inhaftiert werden, das Regime wird deine Freunde zusammenschlagen, vergewaltigen und umbringen, dann hätte ich gesagt, das ist Schwachsinn, so was gibt es nur noch in Geschichtsbüchern. Aber es wurde Realität. Deswegen liest sich mein Buch auch wie die Beschreibung einer sehr, sehr seltsamen Dystopie. Deshalb verstehe ich sogar, wenn im Westen manche sagen: Das ist alles übertrieben, das ist anti-russische Propaganda. Aber es ist die Wahrheit."


Aus: "Pussy Riot - Leben und Schicksal in Putins Russland" (2025)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/maria-aljochina/political-girl.html


Link

Quote[...] Während der AfD Co-Vorsitzende Timo Chrupalla in einer Talkshow betont, von Russland gehe keine Gefahr für Deutschland und Europa aus, drohen Propagandisten des Kreml unverhohlen mit einem Krieg, der die Existenz Europas beenden werde. Der Historiker Volker Weiß erblickt darin ein Beispiel für ein schlechtes, aber erhellendes Timing. (Fürchtet euch, Süddeutsche Zeitung vom 18. November 2025) Berater des Kreml machen keinen Hehl daraus, dass man darauf aus ist, den ,,entarteten" und ,,degenerierten" Liberalismus Westeuropas zu zerstören und durch eine ,,gelenkte Demokratie" nach russischem Vorbild zu ersetzen. In Europa setzt man dabei auf Ungarn, Tschechien und die Slowakei, die schon jetzt einen ,,antiwestlichen Block" innerhalb der EU bilden. Wenn nichts Gravierendes geschieht, werden in den nächsten Jahren auch größere EU-Staaten zu diesem Block hinzustoßen. Es steht wahrlich nicht gut um die sogenannten liberalen Demokratien. Einstweilen benutzt der Kreml befreundete Parteien und gewisse Onlineportale, um in der Bevölkerung die Angst vor einem Atomkrieg zu schüren und eine russlandfreundliche Stimmung zu erzeugen. Volker Weiß nennt in diesem Kontext eine gewisse Evá Péli, die in der Vergangenheit für das russische Nachrichtenportal ,,Sputnik" gearbeitet hat und nun seit einiger Zeit regelmäßige Autorin der ,,Nachdenkseiten" ist, die sich in den letzten Jahren zu einem Sprachrohr russischer Interessen in Deutschland entwickel haben.

...


Aus: "132 | Potemkinsche Schaufenster" Götz Eisenberg (24. November 2025)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2025/11/24/132-potemkinsche-schaufenster/

Link

"Repressionen gegen russische Opposition: Russland verurteilt mehr ,,Spione" als je zuvor" Mathias Brüggmann (4.1.2026)
Russland kehrt zu Justiz-Traditionen von Stalinismus und Faschismus zurück: Schauprozesse, Ausbürgerungen, Verurteilungen wegen ,,Spionage" und ,,Staatsverrats". ... Theatermacherinnen, die ein Stück gegen islamistische Propaganda inszenieren, das ihnen als Terrorismus-Propaganda ausgelegt wird. Ein Mensch, der ein leeres Blatt Papier vor einer Metro-Station hochhält, was als Anti-Kriegs-Protest gewertet wird. Ein 80-jähriger Physiker, der als leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Theoretische und Angewandte Mechanik in Nowosibirsk an der Entwicklung von Hyperschallraketen beteiligt war. Oder ein 14-Jähriger, der in der Schule gesagt hatte, ,,Russland ist keine Demokratie", und selbstgebastelte Schilder hochgehalten hatte mit ,,Ich bin gegen Putin" und ,,Freiheit für alle politischen Gefangenen".Letzterer ist das jüngste Mitglied von Russlands ,,Polit-Seky", wie russische Menschenrechtler:innen die vielen politischen Gefangenen im Land nennen – eine Anspielung an die ,,Seky" genannten Gulag-Insassen unter Stalin. ...
https://taz.de/Repressionen-gegen-russische-Opposition/!6142679/

Link

Quote[...] In der Doku ,,Ein Nobody gegen Putin" filmt ein Pädagoge den Alltag in einer russischen Schule. Er zeichnet ein düsteres Bild der Propaganda-Maschine. [90 Min, TV-Ausstrahlung am Dienstag, 20. Januar um 21:55 Uhr]

,,Kriege werden nicht von Feldherren gewonnen, sondern von Lehrern an den Schulen." Das sagt Russlands Präsident Wladimir Putin im hauseigenen Staatsfernsehen. Zu diesem Zeitpunkt tobt sein vollumfänglicher Angriffskrieg gegen die Ukraine, der ,,spezielle Militäroperation" (SWO) heißt, schon mehrere Monate: Angriffe mit Raketen und Drohnen, bevorzugt auch auf Wohnviertel, wehrlose Zivilist*innen und die kritische Infrastruktur, um das Nachbarland zu ,,denazifizieren", wie das Narrativ des Kreml lautet. Denn dort treibt angeblich ,,eine faschistische Junta" ihr Unwesen.

Einer, der ganz genau weiß, was die sogenannte SWO bedeutet und was sie mit ihm und seinen Schüler*innen macht, ist Pasha Talankin. Der junge Mann arbeitet als pädagogischer Projektleiter und Videograf an der Schule Nr. 1 in Karabasch, an der auch er einst seinen Abschluss gemacht hat.

Die 10.000-Einwohner*innen-Stadt im Uralgebirge gilt laut Unesco als ,,giftigster Ort der Welt" – offizielle Zahlen von Erkrankten und Krebstoten zeugen davon. Den Alltag an dieser Schule, pars pro toto für Bildungseinrichtungen heutzutage in Russland, hält Talankin akribisch über Monate mit seiner Kamera fest. Das Ergebnis ist der Dokumentarfilm ,,Ein Nobody gegen Putin", den der Sender Arte am 20. Januar ausstrahlt. Der Beitrag ist, um es gleich vorwegzunehmen, schwere Kost.

Talankin ist ein Freigeist. Schon als Kind fühlt er sich als Außenseiter, oft einsam und irgendwie anders. In der Schule hat der Pädagoge seinen eigenen Klassenraum, ein ,,Pfeiler der Demokratie", wie er ihn nennt. Dort sind alle jederzeit willkommen, um frei zu diskutieren, sich zu entfalten oder einfach nur Spaß zu haben.

Doch nach dem 24. Februar 2022 wird alles anders. Talankins Videos müssen an das Bildungsministerium geschickt werden, es gibt neue Pflichtstunden, seine Schützlinge müssen zu Fahnenappellen antreten und Schüler*innen der 11. Klasse den ,,Helden der SWO" huldigen.

Talankin fühlt sich vom Regime für Propagandazwecke missbraucht und in einem System gefangen, das er glaubt, nicht ändern zu können. Ende 2022 reicht er seine Kündigung ein. Diese nimmt er wieder zurück – nach einem Anruf aus dem Ausland mit der Bitte um mehr Material, um dieses öffentlich zu machen. Fortan filmt er auch Pro-Kriegsdemonstrationen in seiner Stadt, die er liebt, aber sich ihr zusehends entfremdet.

In den Klassenzimmern werden Filme gezeigt, in einem sagt jemand: ,,Wir dürfen sie (die Ukrainer*innen, Anm. d. Red.) nicht aus Hass töten. Wir müssen sie aus Liebe zu unseren Kindern töten." Ein Geschichtslehrer namens Pawel Abdulmanow, der für seine pädagogischen ,,Höchstleistungen" ausgezeichnet wird, diktiert den Schüler*innen in ihre Hefte: ,,Eine Nation, die ihre Geschichte vergisst, wird keine Zukunft haben."

Talankins Kommentar dazu lautet: ,,Vielleicht liebe ich Russland mehr als er. Vaterlandsliebe bedeutet nicht, eine Flagge zu hissen oder die Hymne zu singen. Sie bedeutet zu sagen, dass es Probleme gibt und man darüber spricht."

Von wegen. Die Luft zum Atmen wird für Talankin immer dünner. Ehemalige Schüler von ihm werden mobilisiert, einige kommen als Leichen zurück. Auch sein ehemaliger Klassenkamerad Artem fällt im ,,heldenhaften Kampf gegen die faschistische Ukraine". Von der Beerdigung im Mai 2024 macht Talankin nur Tonaufnahmen – aus Sicherheitsgründen.

Diese Sequenz mit den verzweifelten Schreien von Artems Mutter ist eine der eindrücklichsten des Dokumentarfilms. Derweil unterweisen Angehörige der Wagner-Truppe Schüler*innen in Trainingslagern im Handgranaten-Weitwurf.

Zu diesem Zeitpunkt ist Talankins Zeit in Karabasch schon abgelaufen. Seine Mutter, die in der Bibliothek der Schule Nr. 1 arbeitet, ahnt, was kommen wird. Als letzte ,,Amtshandlung" verpflanzt er seinen Lieblingsbaum – als ,,Symbol für einen neuen Anfang". Im Sommer 2024 verlässt Talankin Russland – schweren Herzens. Ach, gäbe es dort doch mehr Menschen wie ihn ...


Aus: "Propaganda in russischen Schulen: Schwere Kost" Barbara Oertel (16.1.2026)
Quelle: https://taz.de/Propaganda-in-russischen-Schulen/!6145969/

Ein Nobody gegen Putin (Originaltitel: Mr. Nobody mod Putin, internationaler Titel: Mr. Nobody Against Putin) ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2025 des Regisseurs David Borenstein und des russischen Videofilmers Pavel Ilyich Talankin. Der Film folgt Talankin während seiner Arbeit an einer Gesamtschule in Karabasch, eine Stadt in der Oblast Tscheljabinsk (Russland), die um ein Kupferbergwerk nah der Uralgebirge besiedelt ist und die von der UNESCO auf die Liste der stärksten verschmutzten Städte der Welt gesetzt wurde. ... Das Videomaterial für Mr. Nobody Against Putin wurde über einen Zeitraum von zwei Jahren vom Talankin aufgenommen, der als Videograf und Veranstaltungskoordinator an der Primary School #1 Karabasch, in der Oblast Tscheljabinsk, arbeitet. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Ein_Nobody_gegen_Putin

...

Link

"Postkommunismus ade. Warum Polen den Runden Tisch von 1989 ins Museum verbannt" Christhardt Henschel (4. Januar 2026)
Der Runde Tisch, an dem sich 1989 in Polen das sozialistische Regime und die demokratischen Opposition über einen schrittweisen friedlichen Systemwechsel verständigten, wurde vom aktuellen Präsidenten Karol Nawrocki aus dem Präsidentenpalast ins Museum entsorgt. Wenn Symbole von Widerstand, Opposition und Kompromiss aus der politischen Praxis verschwinden... ... Irgendwann muss dem neuen Hausherrn aufgefallen sein, dass einer der historischen Säle im Palast ein wahrhaft symbolträchtiges Möbelstück beherbergt: Jenen legendären kreisförmigen Tisch, an dem sich 1989 das sozialistische Regime mit der demokratischen Opposition zu einem schrittweisen friedlichen Systemwechsel verständigt hatte. Das in Polen erprobte Runde-Tisch-Verfahren wurde danach in anderen Volksdemokratien übernommen und war ein Meilenstein des weitgehend gewaltfreien Umbruchs der Jahre 1989/90 in Ostmitteleuropa. ... Der Runde Tisch stand ursprünglich für den Kompromiss zwischen einer abgewirtschafteten, gewalttätigen Diktatur und einer nach Freiheit, Selbst- und Mitbestimmung strebenden Zivilgesellschaft. Während das Regime überzeugt war, mit den Verhandlungsergebnissen seinen Fortbestand gesichert zu haben, geschah etwas völlig anderes: Die den Kommunisten abgerungenen Zugeständnisse erwiesen sich als friedlicher Aufbruch in ein neues System.  ...
https://geschichtedergegenwart.ch/postkommunismus-ade-warum-polen-den-runden-tisch-von-1989-ins-museum-verbannt/

Link

#11
Quote[...] Ob Studium, Kfz-Anmeldung oder Kontakt mit der Hausverwaltung – in Russland geht vieles nur noch mit der Kreml-App MAX. ... Der Kreml tut momentan alles dafür, über die Staats-App die Kontrolle über den digitalen Umgang der Bürger:innen zu bekommen. Es wird massiv in den zumeist staatlich kontrollierten Medien für MAX geworben. Das zeigt Wirkung: Die Kreml-App verzeichnete laut der russischen Medien-Monitoring-Firma ,,Mediascope" nur etwa 16,5 Millionen tägliche Nutzer:innen im April und etwa 50 Millionen Anfang Dezember. Ein extremer Anstieg. Und dennoch hinkt App deutlich hinter der teils ausländischen Konkurrenz her.
Whatsapp ist in Russland noch immer das am meisten genutzten Internetangebot mit 97 Millionen User*innen. Das russische Facebook-Pendant vKontakte (In Kontakt) kommt auf fast 94 Millionen, Telegram auf rund 90 Millionen Nutzende pro Tag.
Pikant: Der Whatsapp-Mutterkonzern, das US-Unternehmen Meta, zu dem auch Instagram gehört, wurde ebenso wie X (ehemals Twitter) in Russland als ,,extremistisch" verboten.
Hinter vKontakte hingegen steht der VK-Konzern, der auch MAX entwickelt hat und als Kreml-loyal gilt. Der Konzern gehört mehrheitlich Tochterfirmen des staatlich kontrollierten Gazprom-Konzerns und des St. Petersburger Weggefährten von Kremlherrscher Wladimir Putin, Jurij Kowaltschuk. ...


Aus: "Internetzensur in Russland: Putins ,,Daten-Gulag"" Mathias Brüggmann (21.1.2026)
Quelle: https://taz.de/Internetzensur-in-Russland/!6147387/

-

Quote[...] Medien in Russland (russisch Средства массовой информации Sredstwa massowoj informazij, abgekürzt СМИ) umfassen Kommunikationsmedien wie Zeitungen, Radio, Fernsehen und Internet. Sie stehen zunehmend unter Vorgaben der russischen Regierung und gelten mittlerweile als gleichgeschaltet.

... Die Medien in Russland werden seit ihren Anfängen in der Zarenzeit weitgehend vom Staat dominiert.

Viele überregionale Medien – beispielsweise die Nachrichtenagentur ITAR-TASS, die Zeitungen Iswestija oder Moskowskije Nowosti – haben ihre Wurzeln in der frühen Sowjetunion.[10] Andere, wie die Wirtschafts-Zeitung Kommersant, waren Neugründungen der Glasnost-Periode; sie sahen sich zum Teil in der Tradition vorrevolutionärer, im zaristischen Russland herausgegebener Blätter.

Die elektronischen Massenmedien Radio und Fernsehen wurden in der Sowjetunion und werden, nach einer kurzen Periode der Öffnung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im modernen Russland ebenfalls vom Staat dominiert.

...

Totale Zensur 2022

Als Folge des russischen Überfalls auf die Ukraine 2022 wurde eine militärische Zensur eingeführt und die Meinungsfreiheit weiter eingeschränkt; so wurde beispielsweise das Wort ,,Krieg" im Zusammenhang mit dem russischen Militäreinsatz in der Ukraine verboten[33]; die einzige unabhängige Radiostation Echo Moskwy wurde von den Behörden am 1. März vom Netz genommen,[34] das Internet-Fernsehen Doschd durch die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor gesperrt,[35] Lokalzeitungen, wie Глобус (Globus), welche in Serow mit einem Antikriegscover erscheinen sollte, sowie weitere Titel desselben Verlages, wurden von der Polizei Russlands beschlagnahmt.[36] Weiteren Informationsseiten, wie die Nowaja gaseta,[37] wurden ihre Lizenzen entzogen und westliche Medien, wie YouTube, Facebook und Twitter für russische Internetnutzer blockiert.[38] Laut dem Leiter von Echo Moskwy, Alexei Wenediktow hätten sich bis zum 24. Februar 2022 selbst Minister, Abgeordnete, Leiter von Agenturen noch durch Doschd, Nowaja und Echo informiert.[39] Die von der Zensur betroffenen Journalisten reagierten unterschiedlich; einige äußerten sich kritisch auf sozialen Medien oder flüchteten aus Russland, andere schwiegen oder übernahmen die offizielle Position der Regierung.[40][41][42]

Auch auf den staatlichen Fernsehkanälen gab es markante Veränderungen; selbst überaus populäre Komiker und Moderatoren, wie Maxim Galkin und Iwan Urgant, die sich vom Krieg distanziert hatten, wurden aus dem russischen Fernsehen verbannt, als ,,ausländische Agenten" eingestuft und diverse Fernsehsendungen ausgesetzt. Als die Einschaltquoten wegen der gehäuften propagandistischen Politik-Talkshows zum Thema ,,militärische Spezialoperation in der Ukraine" noch im selben Jahr sanken, wurden einstmals eingestellte Unterhaltungsprogramme, wie KVN und Comedy Club wieder aufgenommen.[40][41]

Auch unter den Bedingungen der militärischen Zensur und der unterdrückten Meinungsfreiheit wurden Medienkanäle neu eröffnet und oft vom russischen Staat gesperrt oder verboten, so zum Beispiel die von Redakteuren der Nowaja Gaseta gegründete Internetzeitung Nowaja gaseta. Europa. Sämtliche solche Medien publizierten auch Anleitungen zum Umgehen der Sperren, die Artikel wurden auch zum Ausdrucken empfohlen.[43] Der Anteil der russischen Bevölkerung, der weiß, wie er sich mittels VPN in Medien außerhalb Russlands informieren kann, stieg laut einer repräsentativen Umfrage des Lewada-Zentrums von Beginn des Krieges von 6 bis 8 Prozent bis Oktober 2022 auf 23 Prozent an. Es handelt sich nach Angaben des russischen Soziologen und Meinungsforschers Lew Gudkow (Chef des Lewada-Zentrums) zumeist um jüngere, gebildete Bewohner der größten Städte Russlands.[44]

Im Juni 2024 wurde der Zugang zu 81 europäischen Nachrichtenseiten und Rundfunkanstalten gesperrt.[45]
...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Medien_in_Russland (10. Januar 2026)

-

Quote... Nach Russlands Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 wurde nahezu alle unabhängigen Medien geschlossen und blockiert und zu ausländischen Agenten erklärt. Es herrscht Militärzensur. ... Seit Beginn des Großangriffs auf die Ukraine trifft Wladimir Putin alle politischen Entscheidungen allein. Nur ein sehr kleiner Kreis von Entscheidungsträgern hat noch Zugang zum Präsidenten. Kollektive Entscheidungsgremien funktionieren nicht mehr. Das Parlament nickt sämtliche Entscheidungen des Kremls ab und hat eine Reihe repressiver Gesetze beschlossen. Die staatliche Propaganda kreist um angebliche historische Kränkungen Russlands, antiwestliche Rhetorik und Verschwörungstheorien. ...
https://www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste/laender/158/russland (abgerufen am 21.01.2026)

-

https://de.wikipedia.org/wiki/Max_(App)

Link

Quote[...] Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder nennt den russischen Angriffskrieg in der Ukraine zwar völkerrechtswidrig, warnt aber vor einer "Dämonisierung" Russlands. "Natürlich ist der Krieg in der Ukraine nicht zu respektieren, auch nicht zu relativieren. Er ist völkerrechtswidrig, eine Verletzung der Menschenrechte", schreibt der 81 Jahre alte Altkanzler in einem Gastbeitrag für die Berliner Zeitung. Es müssten alle diplomatischen Mittel genutzt werden, um den Krieg zu stoppen.

"Ich bin aber auch gegen die Dämonisierung Russlands als ewiger Feind", schob der SPD-Politiker nach, der seit Jahren wegen seiner langjährigen Freundschaft zum russischen Präsidenten Wladimir Putin und Tätigkeiten für russische Öl- und Gaskonzerne in der Kritik steht. "Russland, das ist nicht das Land der Barbaren, sondern ein Land mit einer großen Kultur und vielfältigen historischen Verbindungen zu Deutschland", schreibt Schröder in dem Gastbeitrag. Es bleibe die "deutsche Schande", dass dieses Land in zwei Weltkriegen von deutschen Soldaten brutal überfallen wurde. 

Schröder wird aufgrund seiner Freundschaft mit Putin auch in der SPD hart kritisiert. Obwohl er den Krieg in der Ukraine eine "fatale Fehlentscheidung" nannte, distanzierte er sich bis heute nicht gänzlich vom russischen Präsidenten. Die SPD-Spitze grenzt ihn deshalb aus, ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn scheiterte aber. Gleich nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt im Jahr 2005 wurde er zu einem ebenso eifrigen wie hochbezahlten Lobbyisten für Russlands Energiewirtschaft.   

Er halte es weiterhin für richtig, schrieb er dazu im Gastbeitrag, was er in seiner Zeit als Bundeskanzler vorangetrieben habe: den sicheren und verlässlichen Import preiswerter Energie aus Russland. "Wir brauchen derartige Formen der Kooperation mit Russland." Heute sei viel von militärischen "Fähigkeiten" die Rede, doch Deutschland und Europa bräuchten in erster Linie "Friedensfähigkeit", meint Schröder.

Schröder warnte auch vor einem Machtverlust der EU, die mit ihrem derzeitigen Kurs international an Bedeutung verliere – unter anderem, weil Russland und die USA über den Kopf der EU hinweg über die Zukunft der Ukraine verhandelten, "aber wir die Kosten des Krieges bezahlen sollen". Die Politik von US-Präsident Donald Trump habe fatale Folgen für Europa. Tru
Ladeinfrastruktur
vor 49 Minuten

Dieser bösartige und rückgratlose Typ war mal unser Kanzler.

Putins Vernichtungskrieg gegen die Ukraine hat hunderttausende Menschen getötet und verkrüppelt, Millionen Menschen vertrieben und mehrere Billionen Euro an Schaden angerichtet und die Mehrzahl der Russen folgt ihm willentlich oder duckt sich weg.

Was zum f... gibt es da zu relativieren?mp versuche nicht nur, sich Grönland einzuverleiben, sondern die EU in neue Abhängigkeit von den USA zu bringen. "Die Welt wird neu geordnet, aber die EU reagiert nur, weil sie selbst nach dem gefeierten Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen Mercosur keine strategische Größe mehr zu sein scheint."


Aus: "Gerhard Schröder beklagt "Dämonisierung" Russlands" (24. Januar 2026)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-01/russland-gerhard-schroeder-wladimir-putin

QuoteLadeinfrastruktur

Dieser bösartige und rückgratlose Typ war mal unser Kanzler.

Putins Vernichtungskrieg gegen die Ukraine hat hunderttausende Menschen getötet und verkrüppelt, Millionen Menschen vertrieben und mehrere Billionen Euro an Schaden angerichtet und die Mehrzahl der Russen folgt ihm willentlich oder duckt sich weg.

Was zum f... gibt es da zu relativieren?


QuoteWeißnichrecht

Vielleicht verbringt er ja mal eine Woche in Kiev, um zeitgenössisches Wirken Russlands aus nächster Nähe und am eigenen Leib zu erfahren?

Im Lehnstuhl in Hannover mit 'nem Tolstoiroman auf dem Schoß ist das Lagebild womöglich ein wenig verzerrt.


QuoteIkarus95

Binsenweisheiten und Tageskalendersprüche eines Russlandlobbyisten, der die Gas-und Ölleitungen wieder frei bekommen möchte.


QuoteIch sag mal so

Wer fordert denn wirklich ,,ewige Feindschaft mit Russland"? Das ist eine Schimäre und eine versteckte Relativierung. Klar, billige Energie, damit uns Putin und Konsorten weiter erpressen können und in der Hand haben? Was für ein undurchdachter Mist.

Ich würde mich tatsächlich sehr freuen, wenn das russische Volk, die KGB-verseuchten Gestalten loswürde und ich das Land guten Gewissens besuchen könnte. ...


QuoteFelikx Krull

Russland kann jederzeit beweisen, dass es die Würde der anderen achtet. Sofort aufhören die Infrastruktur in der Ukraine zu bombardieren, aufhören ukrainische Kinder zu entführen usw. usf.

[Und] Nach ersten Erfahrungen in Empathie auch andere Schritte [ ] machen. ...


QuoteHeiko1972

Ich würde ja einen dreiwöchigen ,,Urlaub" in Kiew ohne Strom und Heizung, dafür aber mit ordentlich Bombenalarm empfehlen, aber das würde auch nicht viel helfen. Kein Volk ist grundsätzlich böse, das ist doch eine selten doofe Binse. Aber auf die Idee, das heutige Russland (oder Deutschland 1943) zu verteidigen, kann nur kommen, wer nicht sehr viel Moral hat.


QuoteHarveyDerHase

Entweder er glaubt diesen Mist wirklich oder er hat Angst aus dem Fenster zu stürzen.


QuoteDe_Hof

Wieso wird dem Typen überhaupt Raum eingeräumt?


QuoteHinter Frager

Lasst ihn doch, den alten weißen Mann. Der interessiert mich nicht.


QuoteAutofuchs

    "Warum bekommt der immer wieder eine Bühne hier?"

Weil wir nicht in Russland leben oder im Iran!


QuoteDornige Becherblume

Ich respektiere die Meinung des Altkanzlers. Und halte sie für diskussionswürdig.

Ich habe im Gegensatz zu vielen anderen hier als Abonnentin der "Berliner Zeitung" das Interview gelesen und muß mir nicht aus ein paar Brocken eine Meinung bilden. Wichtig war, daß Herr Schröder auf die Prozeßhaftigkeit der Entwicklung hingewiesen hat, eine Tatsache, die vielen hier fremd ist.


QuoteModernVampire

Wenn ich immer noch auf der Payroll von meinem Buddy Putin wäre, würde ich solche Sätze vielleicht auch ins Mikro diktieren.


QuoteThilo Herrmann

    "Russland, das ist nicht das Land der Barbaren, sondern ein Land mit einer großen Kultur und vielfältigen historischen Verbindungen zu Deutschland", schreibt Schröder

Ich empfehle Schröder zwei Wochen in Kiew in einer unbeheizten Wohnung zu verbringen mit dem Versorgungsstandard der anderen Bewohner dort.

Dann erkennt er vielleicht, dass Russland gerade von Barbaren regiert wird. Falls das zum Erkenntnisgewinn noch nicht reicht, bitte Verlängerung mit zwei Wochen Outdoorurlaub im Sanitätszeltlager an der Front .

Als ich 1989 in Moskau auf einer wissenschaftlichen Tagung war, habe ich auch keine Barbaren gesehen.


Quoteiij

"Die Dämonen/Böse Geister" - eine Kommilitonin empfahl mir den Roman von Dostojewski während des Studiums [https://de.wikipedia.org/wiki/Fjodor_Michailowitsch_Dostojewski | https://de.wikipedia.org/wiki/Die_D%C3%A4monen_(Dostojewski)]. Ich habe nie wieder ein Buch gelesen, das mich so geschlagen hat. Ein böses Buch. Ein Buch über das Böse. Man braucht moralische Standfestigkeit bei der Lektüre, denn es ist leider auch ein geniales Buch. Damals schon meinte ich, Putin darin wiederzufinden, ohne aber genau fixieren zu können wie und auf welcher Seite. Wie die teils aus dem europäischen Ausland zurückgekehrten russischen Nihilisten hier eine ganze Stadt mit verdeckten Agitationen ins Chaos und in den Untergang intrigieren, das hat allein vom Vorgehen her etwas Putineskes. Andererseits scheint es genau das zu sein, was er dem Vernehmen der politischen Berichterstatung nach so fürchtet: ein aus dem Westen ins Land gebrachter revolutionärer Gestus, der die etablierten Machtverhältnisse zersetzt und ins Wanken bringt. Also letztlich auch ein anti-westliches Buch, was bei entsprechender Auslegung gut in die heutige Propaganda des Kreml passt. Die Assoziation mit Putin könnte aber auch daher rühren, dass man manche Figuren schlecht fassen kann, weil sie politische Wandlungen vollziehen und innerlich extrem schwanken, insbesondere zwischen Modernismus und Traditionalismus. Ich will an der Stelle lieber aufhören, weil ich von Literatur nun echt wenig verstehe. Mir mangelt es auch an Hintergrundwissen bezüglich der Geschichte Russlands. Rein intuitiv scheint mir der Roman etwas über die Gegenwart zu erzählen.


Quoteel tomatillo con mordillo

Naja Wie steht er zur Führungskaste des Kremls, der Russland im Griff hat? Darum geht's doch. ...


QuoteExilpfälzer in Holstein

Schröder soll stille schweigen, solange er nichts sinnvolles beizutragen hat.

Immer dieser Vorwurf, man würde Russophobie treiben, wenn man sich klar zur Unterstützung der überfallenen Ukraine bekennt. Es gibt zwar Russophobie in diesem Kontext, aber doch deutlich weniger, als der ständige Vorwurf suggeriert. Die Feindschaft gilt dem derzeitigen russischen Regime (am allermeisten dem Diktator Putin) und seinen Unterstützern.

Das darf ich auch als Deutscher sagen, denn es ist eine Tatsache. Tatsachen darf man aussagen, egal wer man ist. Hat niemand dem Herrn Schröder beigebracht, dass man nicht ad hominem argumentiert?

Russland ist sicher kein Land voller Barbaren, nicht mehr als andere Länder auch, aber es wird von Barbaren regiert. Dieses Regime begeht und befiehlt Verbrechen. Diesem Regime wünsche ich keine Zukunft.

Und ja, Russland ist ein Land mit vielen faszinierenden Eigenheiten. Natur, Kultur... Aber das ist doch kein Argument, die Ukraine im Stich zu lassen. Nicht Russland, aber sein Regime, vor allem Putin hat Hass verdient.

Und mehr als das. ...


...