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[Das Unbewusste | Das kollektive Unbewusste (Notizen)]

Started by Link, November 18, 2024, 12:59:19 PM

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Quote[...] Als Unbewusstes wird das philosophische und humanwissenschaftliche Konstrukt bezeichnet, dass menschliches Denken, Fühlen und Handeln nicht nur von bewussten Entscheidungen und Vorgängen bestimmt wird, sondern ebenso von intuitiven Strebungen, Triebimpulsen, Strukturen oder Konflikten, die dem Bewusstsein, zeitweise oder grundsätzlich, verborgen sind und somit nicht von ihm kontrolliert werden können. Dieses um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert vor allem von der Psychoanalyse vertretene Paradigma wurde von Sigmund Freud nach den Paradigmenwechseln durch Kopernikus und Darwin als die dritte der Kränkungen der Menschheit bezeichnet.

... Für die Psychoanalyse, die Tiefenpsychologie und daran anknüpfende Wissenschaftsrichtungen gilt die Vorstellung, dass es wirksame und dennoch unbemerkt verlaufende psychische Prozesse gibt, als paradigmatische Grundannahme im Bereich des Individuellen wie in Kultur und Gesellschaft.

... Die Existenz unbewusster Prozesse ist eine der Grundannahmen Freuds, die kennzeichnend für seine Überlegungen und Untersuchungen in unterschiedlichen Bereichen waren. Mithilfe dieses Konstruktes suchte er Phänomene des Seelischen zu verstehen und zu erklären, die bislang als unsinnig, unverständlich oder wissenschaftlich nicht betrachtenswert angesehen wurden. Er exemplifizierte diese Grundannahme an Alltagsphänomenen wie den Fehlleistungen, zu dem auch der nach ihm benannte Freudsche Versprecher zählt, dem Witz, der Traumdeutung und an der Erforschung der neurotischen und anderen Störungen des Psychischen. In seiner 1900 veröffentlichten Traumdeutung definierte Freud:

    ,,Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Außenwelt und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane." (Die Traumdeutung. 1900a, GW II, S. 617 f)

... Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und Philosoph Erich Fromm prägte den Begriff des ,,gesellschaftlich Unbewussten". Damit machte er darauf aufmerksam, dass es nicht nur bewusste Gemeinsamkeiten sind, die die Menschen einer Gesellschaft miteinander verbinden.

    ,,Das andere Verbindungsglied ist die Tatsache, dass eine jede Gesellschaft bestimmt, welche Gedanken und Gefühle ins Bewusstsein gelangen dürfen und welche unbewusst bleiben müssen. Genauso wie es einen Gesellschafts-Charakter gibt, gibt es auch ein ,,gesellschaftliches Unbewusstes". Dieses bildet sich durch die gemeinsame Verdrängung etwa von Aggressivität, Aufbegehren, Abhängigkeit, Einsamkeit, Kummer und Langeweile, die dadurch als eigene Impulse unbewusst bleiben und durch Ideologien ersetzt werden."

... Lacan betonte, auch vor dem Hintergrund der Freud'schen Theorie der Fehlleistung und des Witzes, dass das Unbewusste ,,wie eine Sprache" strukturiert sei. Die Arbeit des Unbewussten erfolge nach linguistischen Gesetzen wie Metapher und Metonymie, Ersetzung und Verschiebung. Die entsprechenden Elemente des psychischen Geschehens nannte er Signifikanten, jedoch spiele neben dem sprachähnlich strukturierten Feld des Symbolischen auch das Imaginäre und das Reale eine zentrale Rolle im psychischen Apparat. Die eigentliche Strukturierungsleistung, und auch die psychoanalytische Kur, vollziehe sich aber auf dem Feld des Sprechens.

Er kritisierte, dass mit ,,Das Unbewußte" eine Eigenschaft (Adjektiv ,,unbewußt") zu einem Ding (Substantiv) gemacht werde, noch dazu zu einer ,,geheimnisvollen" Sache. So werde etwas ganz Alltägliches, wie etwa eine unbewusste Wahrnehmung oder eine unbewusste Reaktion, vom Psychoanalytiker in seiner Phantasie mit einem unheimlichen Apparat in Verbindung gebracht.

    ,,Der Begriff ,,das Unbewusste" ist tatsächlich irreführend, [...] Etwas wie das Unbewusste gibt es nicht; es gibt nur Erfahrungen, deren wir uns bewusst sind, und andere, deren wir uns nicht bewusst sind, das heißt, die uns unbewusst sind. Wenn ich einen Menschen hasse, weil ich vor ihm Angst habe, und wenn ich mir dann meines Hasses, aber nicht meiner Angst vor ihm bewusst bin, so können wir sagen, dass mein Hass bewusst und meine Angst unbewusst ist. Trotzdem aber ruht meine Angst nicht an jenem geheimnisvollen Ort: ,,dem" Unbewussten."

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbewusste (24. September 2024)


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#1
Quote[...] ,,Freud folgte Marx und Nietzsche, er ging dabei aber über die soziologischen, historischen und philosophischen Reflexionsbewegungen hinaus und schuf einen neuen Diskurs, die Psychoanalyse, welche es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Gesetze des Unbewussten zur Aufklärung zu bringen. Ein ungeheures Unterfangen, bei dem Freund vor allem auf einen unwissenschaftlichen Kooperationspartner vertraute: die Literatur.

Und das Ergebnis dieser ,,unwissenschaftlichen Koalition", wie Just die von Freud angestrebte Liaison zwischen Seelenkunde und Literatur nennt, ist verblüffend. Denn ,,seit je träumte die Literatur" – so Just ,,....von der Erkenntnis des Traums, die Freuds Analyse ihr lieferte. Doch der Packt von Literatur und Psychoanalyse schillert auch ambivalent, da überall, wo große Begeisterung im Spiel ist, nicht nur Dank und Anerkennung folgen, sondern auch aggressive Konfrontations- und Abwehrmanöver."

... So ruft Rainer Just, der seit 2004 Literaturtheorie an der Universität Wien lehrt, im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit der literarischen Seite in Freuds Werk immer neue Fallbeispiele aus der Literaturgeschichte der vergangenen einhundert Jahre auf, um zu veranschaulichen, wie eng Freuds Literaturtheorie mit seiner Gesellschaftskritik verzahnt ist. Das führt von Analogien in Kafkas Roman ,,Das Urteil" bis hin zu Explorationen der Werke von Arthur Conan Doyle, Vladimir Nabokov oder Gustave Flaubert. Das ist höchst interessant – leider aber allzu oft in einem streng wissenschaftlichen Duktus abgefasst, was die Lektüre oft unnötig erschwert.

... So heißt es stellvertretend in den poetologischen Überlegungen des Schweizer Schriftstellers Paul Nizon, der er von Anfang an von einer unauflöslichen, sich wechselseitig bedingenden Beziehung zwischen dem Schreiber und seinem Unbewussten, ausging, über seinen Landsmann Robert Walser: ,,Er war ganz innerlich, lebte fast nur mit Geist und Gehirn. Alles Geschriebene diktierte ihm die Seele. Also das Unbewusste."
Und bei dem 1995 in Paris verstorbenen rumänischen Denker E. M. Cioran heißt es entsprechend: ,,Das ich ist das einzige Thema des Schriftstellers."
Über seine literarisch-psychoanalytische Untersuchungen hinaus ist Justs Buch aber vor allem das: Eine unverhohlene Empfehlung, den Begründer der modernen Psychoanalyse zu lesen oder wieder zu lesen! Denn – so fragt Just rhetorisch, um sich sogleich selbst die abschließende Antwort zu liefern: ,,Ist Freud tot? Nein, ist er nicht! Der positivistische Zeitgeist hat ihn nur für tot erklärt, um in Ruhe weiter herrschen zu können, doch sein skandalöses Werk bleibt anstößig, wirkt als monolithischer Denkanstoß weiter, auch wenn man es immer wieder zu verdrängen, ja zu verwerfen sucht. Es kehrt zurück. Es spukt – es zieht seine Stärke aus seinem Veralten."

Zu: Rainer Just: ,,Der Tod, die Liebe, das Wort. Zum literarischen Komplex der Psychoanalyse"
Klever Verlag, Wien, 522 Seiten



Aus: "Rainer Just: ,,Der Tod, die Liebe, das Wort"Freud spukt weiter" Peter Henning (05.04.2019)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/rainer-just-der-tod-die-liebe-das-wort-freud-spukt-weiter-100.html

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Quote[...] Sigmund Freuds (1856-1939) Psychoanalyse ist seit ihren Anfängen mit der Literatur verbunden. Wir alle — und das heißt bei Freud zunächst einmal alle Männer, alle Brüder der Urhorde — wollen unseren Vater töten und mit unserer Mutter schlafen: Voilà der Ödipuskomplex, der seinen Namen freilich aus der Literatur — Sophokles' König Ödipus — erhalten hat. Unabhängig davon, ob man sich nun gegen solche Thesen stellt oder sie mehr oder minder akzeptiert, Freud ist zweifelsohne Gründungsfigur des psychoanalytischen Diskurses, der auch Einzug in die Literaturwissenschaft gehalten hat. Je nach Perspektive (autorbezogen, textzentriert oder figurenpsychologisch) geht man davon aus, dass das Dichten als Phantasieren gewissermaßen eine Ersatzhandlung, eine Wunscherfüllung oder eine Sublimierungsleistung ist; dass in Texten sonach das Unbewusste (nicht das Unterbewusstsein!) zur Sprache kommt und Verdrängtes oder Traumatisches wiederkehrt.

Psychoanalytisch informierte Literaturwissenschaft, wie sie neben Freud vor allem der französische Analytiker und Psychiater Jacques Lacan (1901-1981) inspirierte, versucht in einer hineinhorchenden Lesart buchstäblich andere, ja unerhörte Stimmen im Text zu vernehmen. Bildverschiebungen (Metonymien) und Bildverdichtungen (Metaphern) eröffnen die Lektüre auf einen unabschließbaren Interpretationsprozess. Beispielsweise beschreibt Freud, dass sich das Verdrängte im Unbewussten in einem ,,Zustande der Latenz" befindet und dass die verdrängte Triebrepräsentanz nicht daran gehindert wird, im Unbewussten ,,Abkömmlinge zu bilden und Verbindungen anzuknüpfen". Sie ,,wuchert dann sozusagen im Dunkeln" bis zur Wiederkehr des Verdrängten. In Fehlleistungen wie in Versprechern (lapsus linguae) oder im Verschreiben (lapsus calami) zeichnet sich die Spur dieses Durchbruchs ab.


ZUM WEITERLESEN:

Sigmund Freud: ,,Die Traumdeutung"; ,,Das Unbewusste"; ,,Die Verdrängung"; ,,Das Unheimliche", in: Gesammelte Werke, hg. v. Anna Freud, London 1952; Jacques Lacan: Schriften I/II, Wien/Berlin 2015/2016.


Aus: "Wie bewusst lässt sich das Unbewusste in der Literatur(wissenschaft) machen?" (Gregor Specht)
Quelle: https://www.romliton.gwi.uni-muenchen.de/article/122


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Quote[...] Hochansehnliche Festversammlung! ... Das ,,Unbewußte" ... ist niemals eine Tatsache der Erfahrung, niemals der Inhalt eines Wahrnehmungserlebnisses: Das Unbewußte, von dem in der Psychologie die Rede ist, bedeutet immer die Annahme eines Tatsächlichen, das wir nicht selbst erfahren, also eine Hypothese, und zwar eine solche, die nicht in dem eigensten Sinne des Wortes verifizierbar ist ... [Was] sind unsere Erinnerungen in den Zeiten, wo wir nicht an sie denken? Die manchmal gewiß zu beklagende, aber im ganzen doch sehr glückliche Enge unseres Bewußtseins bewahrt uns davor, alles, was wir als erinnerbar besitzen, dauernd präsent zu haben. Die einzelnen Momente, welche den ,,Schatz" unseres Gedächtnisses ausmachen, sind ja nur selten im Bewußtsein, und es gehört zur Ökonomie unseres endlichen Geistes, daß wir, die wir das Ganze zusammen niemals bewältigen könnten, nur immer über einen ganz geringen Teil davon zu verfügen ...


Aus: ,,Die Hypothese des Unbewußten" von W. WINDELBAND, Festrede gehalten in der Gesamtsitzung der Akademie am 24. April 1914 (Heidelberg 1914)
Quelle: https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/17388/1/Windelband_Hypothese_des_Unbewussten.pdf
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Windelband



Quote[...] Aber die Unterscheidung zwischen vorbewußter und unbewußter Tätigkeit und die Erkenntnis der sie trennenden Schranke ist weder das letzte noch das bedeutungsvollste Resultat der psychoanalytischen Durchforschung des Seelenlebens. Es gibt ein psychisches Produkt, das bei den normalsten Personen anzutreffen ist und doch eine höchst auffallende Analogie zu den wildesten Erzeugnissen des Wahnsinns bietet und den Philosophen nicht verständlicher war als der Wahnsinn selbst. Ich meine die Träume. ...


Aus: "Sigmund Freud – Kleine Schriften II: ,,Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse"" (1912)
Quelle: https://www.projekt-gutenberg.org/freud/kleine2/Kapitel27.html


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Quote[...] Im Interview mit The Pioneer stellt Historiker Andreas Petersen sein Buch ,,Der Osten und das Unbewusste" vor. Er beleuchtet die Folgen der Abkehr von der Tiefenpsychologie in der Sowjetunion und Osteuropa und erklärt, wie das ganze Gesellschaften und die historische Aufarbeitung beeinflusst.

Alev Doğan: Ich freue mich sehr, dass Sie heute bei uns sind, Herr Petersen. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass die Tiefenpsychologie in den 1930ern in der Sowjetunion verworfen wurde. Welche Auswirkungen hatte das konkret auf die Gesellschaft? Was fehlte im Osten in diesem Zusammenhang?

Andreas Petersen: In der Russischen Revolution und dann in der Frühphase der jungen Sowjetunion spielte die Psyche eine unwahrscheinlich große Rolle in Bezug auf die Bildung des neuen Menschen. Der damalige Anspruch war die Herausbildung einer neuen Gesellschaft, eines neuen Menschen. Dafür sollte die moderne Wissenschaft, also die Psychoanalyse beziehungsweise die Tiefenpsychologie, dienen, getragen von Trotzki und seiner Gefolgschaft. Dieser Ansatz herrschte bis in die 1930er Jahre, bis zu dem Aufkommen der stalinistischen Auseinandersetzungen und Säuberungen. Nach diesem politischen Wendepunkt wurde die Psychoanalyse dann als pessimistische Wissenschaft und idealistischer Unfug betitelt und völlig verdammt. Der Begriff der Psyche existierte somit auch nicht mehr. Das wurde alles durch Pawlow ersetzt ...

Alev Doğan:  ... den viele von uns aus dem Schulunterricht unter dem Pawlowschen Reflex kennen.

Andreas Petersen: Genau, der Pawlowsche Reflex beschreibt eigentlich die Konditionierung von Tieren. Jedoch gab es auch Versuche, diese Methode auf Menschen zu übertragen. Diese Art von Konditionierung und alle psychischen Prozesse darüber hinaus wurden am Ende mit Pawlow erklärt. Die Ursache dafür ist die Politik in der Sowjetunion gewesen, die Freud und alles Tiefenpsychologische dementsprechend gänzlich verdammt hat. Dieser Ansatz galt nach 1945 in ganz Osteuropa, also vom Baltikum bis nach Albanien, sodass in diesem Raum auf keiner Ebene der Tiefenpsychologie eine Entwicklung stattfand. Mich hat in diesem Kontext vor allem das Nicht-Existieren der Tiefenpsychologie in Bezug auf die Gesellschaft interessiert. Also inwieweit die Psyche im gesellschaftlichen Diskurs überhaupt eine Kategorie ist. Folgendes Schlaglicht macht das sehr deutlich: Und zwar konnte man in der DDR erst im Jahr 1982 erstmals einen Text von Freud kaufen.

Alev Doğan: Davor waren diese unter Zensur oder wurden gar nicht erst verlegt?

Andreas Petersen: Freud wurde nicht verlegt. Sie konnten im Jahr 1975 keinen einzigen Freud-Text kaufen. Und Freud meint natürlich nicht einfach nur Freud. Das bezieht natürlich auch die ganze Frankfurter Schule mit ein. Also kein Horkheimer, kein Adorno, kein Fromm, kein Mitscherlich. Diese ganzen Texte existieren im offiziellen Diskurs nicht.

Alev Doğan: ... Was kann das Fehlen der Tiefenpsychologie in einer Gesellschaft bewirken? Ohne Freud und das Unbewusste hätten viele Filme und Bücher, wie z. B. von Woody Allen, nicht existiert. Freud prägte auch die Kultur stark.

Andreas Petersen: Ich möchte vorausschicken, dass ich weder Psychologe noch Psychiater bin und auch nicht unbedingt aus der Richtung der Psychoanalyse komme. Also spreche ich hier nicht nur über Freud, sondern beispielsweise auch über Adler und grundsätzlich über die ganze humanistische Psychologie.

Aber Sie haben völlig recht, diesen Raum gab es in Osteuropa nicht. Der gesamte Westen war hingegen in extremer Art und Weise von der Psychologie beeinflusst. Ausgehend von Nordamerika der 1940er Jahre, mit einer fast ,,durchtherapeutisierten" Gesellschaft, wurde dann nach 1945 die Psyche auch in der Bundesrepublik ein großes Thema. Den Höhepunkt dieser Bewegung stellten dann die 1970er Jahre dar, in denen ein regelrechter ,,Psychoboom", der von politischen Utopie-Ideen gekennzeichnet war, auftauchte. Man wollte beispielsweise befreite Kinder großziehen. Sie befreien von der transgenerationalen Weitergabe eines autoritären Charakters, der im Preußentum und im Faschismus wurzelte, und hin zu einem anderen Menschen erziehen. In diesen Utopie-Prozessen spielte die Psyche einen enorm großen Faktor.

Alev Doğan: Zum einen braucht es den Einbezug der Psyche, um Utopien und Vorstellungen von Zukunft zu gestalten. Zum anderen dient sie aber auch der Aufarbeitung der Vergangenheit, nicht wahr? Dieser Prozess ist ebenfalls sehr eng verwandt mit tiefenpsychologischen Ansätzen.

Andreas Petersen: Ja, das spielte in Westdeutschland sicherlich eine unwahrscheinlich große Rolle. Meines Erachtens sogar die bestimmende Rolle. Sobald die Idee der Psyche ab dem Jahr 1945 immer mehr Raum einnahm, war jeder Schritt darin im Grunde genommen immer auch mit dem Prozess der Aufarbeitung verbunden.

Alev Doğan: Wie beurteilen Sie als Historiker, wenn Sie nun den Blick in die ehemalige DDR, in die ehemalige Sowjetunion werfen, den Zusammenhang zwischen einem fehlenden Umgang mit der Tiefenpsychologie und dem Thema der Aufarbeitung? Hat es eine Aufarbeitung der Geschichte in Osteuropa aufgrund eines fehlenden Einflusses der Tiefenpsychologie nicht gegeben beziehungsweise fand diese dementsprechend anders statt?

Andreas Petersen: Ich charakterisiere in meinem Buch zwei große Ströme. Der eine Strom geht von Wien aus nach Russland. Es folgte dort eine anfängliche Präferenz für die tiefenpsychologische Theorie, die jedoch dann von einer völligen Verneinung dessen abgelöst wurde. Das galt dann spätestens nach 1945 für fast alle osteuropäischen Länder. Das Prinzip der Psyche existierte dort überall nur in einem marginalisierten Raum.
Der andere Strom stellt die Entwicklung der Tiefenpsychologie von Wien aus in die Weimarer Zeit mit seinem Zentrum Berlin dar. Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus wurde die Psychoanalyse auch hier kurzzeitig zensiert und viele Vertreter der Theorie flüchteten in die USA. Dort wurde dann eine regelrecht boomende psychologische Kultur ausgelöst, die dann später in Westeuropa übernommen wurde. Diese beiden Ströme habe ich bis zum Jahr 1989 verfolgt. Und meine Erkenntnis ist, dass diese unterschiedlichen Entwicklungen einen gravierenden Einfluss auf den Sozialcharakter in den jeweiligen Gesellschaften haben.

Alev Doğan: Was genau ist denn dieser gravierende andere Sozialcharakter, von dem Sie sprechen?

Andreas Petersen: Mein Ansatz war es, erst einmal diese historische Binarität zwischen Ost und West in Bezug auf die Tiefenpsychologie ins Blickfeld zu nehmen. Dadurch, dass es zu dieser Thematik bisher fast keine Forschung gab, hat eine erstmalige Bestandsaufnahme dessen schon eine grundlegende Relevanz.
Aber lassen Sie uns gerne auch einen konkreten Bezug auf die Unterschiede zwischen der Aufarbeitungskultur in der DDR und der BRD nehmen. Es ist eindeutig, dass es in Westdeutschland eine ganze Generation gab, nämlich die Generation der Studentenbewegung und auch die Generation danach, die den Nationalsozialismus wirklich in einer psychologischen Art und Weise aufgearbeitet hat. Das hat in Ostdeutschland so nicht stattgefunden, zumindest nicht im öffentlichen Raum. Die Staatsdoktrin war, dass die Nationalsozialisten geflohen sind und dass der neue Orientierungsraum der heroische kommunistische Widerstandskämpfer sei. Ob es beispielsweise innerhalb der Familie einen Austausch gab, muss man individuell betrachten, aber öffentliche Institutionen wie zum Beispiel Schulen verfolgten mit Sicherheit nicht den Ansatz, dass man den Krieg und den Nationalsozialismus auf einer psychologischen Ebene reflektieren müsse.

Alev Doğan: Die sozialistische Ideologie in der Sowjetunion hat sich also nur im gegenwärtigen Widerstand gesehen, aber nicht in der Pflicht, das Vergangene sozialpsychologisch aufzuarbeiten. Was sind mögliche Beweggründe dafür?

Andreas Petersen: Die Ideologie der Sowjetunion basierte auf der antifaschistischen Tradition. Gleichzeitig waren die führenden Positionen dieses Systems oft von Menschen besetzt, die wirklich im Widerstand gegen die Nationalsozialisten waren. Einige von ihnen sind sogar Gefangene in Konzentrationslagern gewesen. Die DDR hat sich im Vergleich zur BRD somit als das bessere Deutschland gesehen.

Alev Doğan: Die DDR sah sich in der Rolle des Antagonisten. Wohingegen die BRD in Anführungsstrichen die Täterrolle innehatte. Der Auftrag im Westen war also, die Auseinandersetzung mit sich selbst, um ,,besser" zu werden.

Andreas Petersen: [] Die westdeutsche Gesellschaft war alles andere als befreit von der Nazi-Problematik, siehe die ganzen staatlichen Ämter, die mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt waren. Hinzu kommt, dass viele hochrangige Nazis aus Ostdeutschland in den Westen geflohen sind. Im Osten galt diesbezüglich eine deutlich radikalere Doktrin, die den Staat vom Nationalsozialismus ,,säubern" wollte. Das bedeutete dann auch, dass die Menschen in ihrem privaten Umfeld nicht aufgefordert wurden, sich mit der eigenen nationalsozialistischen Biografie auseinanderzusetzen.
Worin besteht also der große Unterschied in Bezug auf die Aufarbeitung des Nationalsozialismus zwischen Ost- und Westdeutschen? Es gibt bestimmte Generationen im Westen, für die die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ein hoch-emotionaler Prozess ist. Gewisse Aussagen, die sich beispielsweise die AfD gerade leistet, wären damals innerhalb einer bestimmten westdeutschen Generation auf diese Art und Weise nicht möglich gewesen. Weil die Sensibilität und Emotionalität in Bezug auf solche Aussagen so hoch war.

Alev Doğan: Lassen Sie uns ein Gedankenexperiment wagen: Im Westen, geprägt von Freud, steht die Selbstreflexion im Vordergrund, was zum Individualismus führte, der teilweise problematisch geworden ist. Im Osten hingegen dominierte das Kollektiv. Betrachten wir dies auf individueller Ebene: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft den Einzelnen weniger priorisiert als das Kollektiv, und dann, etwa durch den Fall einer Mauer, das Kollektiv plötzlich wegfällt? Welche Auswirkungen hat das auf das Selbstwertgefühl und die Gesellschaft?

Andreas Petersen: Ja, ich glaube, dass da viel dran ist. Im Westen konnten, aufgrund des Wirtschaftswunders, auch ganz andere Fragestellungen entstehen. Denn monetäre Bedürfnisse, wie beispielsweise eine Waschmaschine oder ein Auto, waren für die meisten Menschen erfüllbar. Gewisse Fragen waren also geklärt. So gab es überhaupt erst einen Raum für die Frage nach dem Sinn des Lebens oder danach, was Glück überhaupt sei.

Alev Doğan: Das Streben nach Glück ...

Andreas Petersen: Genau, oder die zentrale Frage, was eigentlich ein erfülltes Leben sei. Die Antwort darauf ist die Ausbildung eines jeden selbst, hin zu der Höchstform der eigenen Individualität. Das ist das Ideal des Westens, was auch wieder auf einer gesellschaftlichen Ebene sehr problematisch werden kann.
In einer kollektiven Gesellschaft ist der voll ausgebildete Mensch einer, der im Kollektiv aufgeht. Das Ideal ist die kollektive Einigkeit in Bezug auf bestimmte Werte, wie Frieden oder der Wunsch nach einer besseren Gesellschaft. Durch die kollektive Kraft können diese Ideale dann umgesetzt werden und Themen wie Individualismus oder Abgrenzung sind dementsprechend ein hochrangiges Problem. Das war die offizielle Doktrin, die natürlich eine sehr andere gesellschaftliche Orientierung zur Folge hatte. Es herrschte eine ganz andere Norm, an der sich Leute orientierten und nach der sie leben mussten.

Alev Doğan: Und in die sie eingebettet waren. Das eine Modell, in das die Menschen eingebettet waren, propagierte eine Welt, in der das Individuum wahnsinnig wichtig war. Das andere kreierte eine Welt, in der der Mensch eigentlich nur einen Teil des Netzes darstellen sollte. Das Problem bei diesem Modell ist aber, dass sobald das Netz porös wird oder sich wie 1989 schlagartig ändert, jeder Einzelne des Kollektivs auf sich selbst zurückgeworfen wird. Aber nie in dem Maße kulturell gelernt hat, was es eigentlich bedeutet, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Andreas Petersen: ... Zudem sind die Menschen in dem ,,Kollektiv-Modell" regelrecht darauf konditioniert worden, dass nicht das ,,Ich" und die eigene Gestaltung des Lebens wichtig sei, sondern der Staat das Leben gestalten wird. Ich habe gerade vorgestern in Nordhausen, also in der ehemaligen DDR, mit einer bulgarischen Eisverkäuferin gesprochen, die mir erzählte, dass die Leute dort unzufrieden seien. Die Ursachen dafür kannte sie nicht, aber sie betonte, dass die Menschen an ihrer Unzufriedenheit nichts ändern würden. Das finde ich, im Sinne eines Psychogramms, sehr interessant. Denn die Menschen beklagen scheinbar irgendwas, aber werden selber nicht aktiv. Sie verharren viel mehr.

...

Das Gespräch führte Alev Doğan. Mitarbeit: Johanna Brandenburg


Aus: ",,Die DDR hat sich im Vergleich zur BRD somit als das bessere Deutschland gesehen."" (06.09.2024)
Quelle: https://www.thepioneer.de/originals/der-achte-tag/articles/die-ddr-hat-sich-im-vergleich-zur-brd-somit-als-das-bessere-deutschland


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Quote[...] Das freudsche Unbewusste ... ist nicht schlicht ein anders Bewusstes, sondern das gänzlich Andere des Bewusstseins, das diesem ganz Fremde, ein Geheimnis und Rätsel, das sich nur als Spur dem Bewusstsein zeigt. Das Unbewusste ist mithin immer latent, verborgen, nie greifbar, immer entzogen. Es zeigt sich nur indirekt in seinen Effekten, negativ als Entstellung oder Verfälschung am Bewusstsein bzw. an dessen Gehalten. Es hinterläßt verfälschte, entstellte, getarnte Spuren, in denen es nur als Absenz präsent ist und welche wir in einer Psychoanalyse zu entziffern versuchen, ohne des Unbewussten selbst jemals gänzlich oder unverstellt ansichtig zu werden oder es gar zu begreifen oder zu wissen.

[...] Erweist sich so das freudsche Unbewusste im Grundsatz als das gänzlich Fremde, als Rätsel und Geheimnis, welches immer nur als verfälschte Spur an einem ihm Anderen erscheint, lassen sich gleichwohl in diesem Rahmen verschiedene Formen oder psychoanalytische Verständnisweisen dieses Unbewussten bzw. dieser Unbewusstheit oder dieses Nichtwissens unterscheiden.

Eine erste Verständnisweise des Unbewussten bzw. des Nichtwissens akzentuiert den negativen Charakter des Unbewussten, also, dass von diesem, wie es schon der Begriff des Unbewussten selbst ausspricht, nur gesagt werden kann, was es nicht ist. In dieser Perspektive erscheint das Unbewusste als das, was bleibt, wenn alles verneint wurde, was es nicht ist. Das Unbewusste wirkt so wie ein Nichts, eine Dunkelheit und Leere, aller Bestimmung entzogen. Es zeigt sich nur als Negativität oder Absenz am Positiven, Manifesten, etwa als Entstellung oder als Spur und Fährte, in der es nur in seiner Wirkung präsent ist und ansonsten gänzlich verborgen, latent bleibt.

[...] [Das] Nichtwissen bzw. das Unbewusste als ein Fehlen von Wissen, ein Nichtwissen von etwas, z.B. als Mangel von Wissen, [erscheint] als unaufgelöste Widersprüchlichkeit oder als Unverknüpftheit.

[...] Das Unbewusste ist für Freud eng mit dem Leiblichen verbunden, denn es existiert an der Schwelle zwischen Leib und Bewusstsein, und die leiblichen Triebe der Sexualität und der Aggression sind in Form der das Unbewusste bestimmenden Triebrepräsentanzen (etwa als unbewusster triebhaft-wunschhaft-dynamischer Phantasien) in diesem vertreten. Das Unbewusste Freuds ist ein leiblich-lebendig-triebhaftes Unbewusstes, voller Wunsch, Wille und lustvollem Begehren, aktiv, bewegt und unbewusst bewegend. Als ein solches wirkt das Unbewusste in das bewusste Leben des Menschen hinein und steuert dieses unbemerkt. ...

... Das Nichtwissen in Form des Unbewussten zeigt sich so mithin in der Psychoanalyse in vielfältigen Gestalten ...

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Hilmar Schmiedl-Neuburg ist Privatdozent am Philosophischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Lecturer am Philosophy Department der University of Massachusetts Boston, Dozent am John-Rittmeister-Institut für Psychoanalyse, Kiel, und Lehrbeauftragter im Studiengang Klinische Psychologie und Psychotherapie der MSH Medical School Hamburg.

Literatur

Der Babylonische Talmud (2002), 12 Bände, Hg. Lazarus Goldschmidt, Jüdischer Verlag im Suhrkamp.

Bion, Wilfred (1992a): Elemente der Psychoanalyse, Suhrkamp.

Bion, Wilfred (1992b): Lernen durch Erfahrung, Suhrkamp.

Klein, Melanie (2015): Das Seelenleben des Kleinkindes und andere Beiträge zur Psychoanalyse, Klett-Cotta.

Freud, Sigmund (2016): Das Unbewusste, Reclam.

Freud, Sigmund (1975ff.): Die Traumdeutung und Psychologie des Unbewussten. in: ders. Studienausgabe, 10 Bände, Band 2 und 3, Fischer.

Jung, Carl Gustav (1995): Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewussten (1928) sowie: Über die Psychologie des Unbewussten (1943). Beide in: Gesammelte Werke, Band 7: Zwei Schriften über Analytische Psychologie, Walter.

Platon (2004): Sämtliche Werke, Bände 1–3, Hg. Ursula Wolf, Rowohlt.



Aus: "Das Nichtwissen und das Unbewusste – psychoanalytisch-philosophische Betrachtungen"
Hilmar Schmiedl-Neuburg (Kiel) (30. Juli 2020)
Quelle: https://praefaktisch.de/nichtwissen/das-nichtwissen-und-das-unbewusste-psychoanalytisch-philosophische-betrachtungen/

Link

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    ,,2016 habe ich erklärt, dass ich eure Stimme bin. Heute füge ich hinzu, dass ich euer Krieger bin. Ich bin eure Gerechtigkeit. Und für diejenigen, die benachteiligt und betrogen wurden, bin ich eure Rache." (Donald Trump im März 2023)

Gestern Abend sah ich auf ,,Arte" die Dokumentation ,,Harris oder Trump? Amerika hat die Wahl". Am 5. November ist es so weit. Wenn man diesen Film gesehen hat, fragt man sich, wie man auch nur einen Augenblick in Erwägung ziehen kann, Donald Trump zu wählen. Was mich noch einmal in Staunen versetzte, war der Umstand, dass Trump alles ungefiltert rauslässt. Da muss man nichts mühsam entschlüsseln und deuten, er sagt es offen und unverblümt. Wie bei einem Psychotiker oder Kleinkind fehlen bei ihm die Mechanismen, die bei ,,normalen" Erwachsenen dafür sorgen, dass peinliche Aussagen verschwiegen oder umformuliert werden. Wir schalten zwischen einen aufsteigenden spontanen Impuls und dessen Umsetzung eine Pause der Besinnung ein, die oft dazu führt, dass die Realisierung eines Vorhabens oder die Äußerung eines Gedankens unterbleibt. Es ist, als würde das Unbewusste Donald Trumps sich direkt in Sprache umsetzen und artikulieren. Die Psychoanalytiker würden arbeitslos, wenn das bei allen Menschen so funktionieren würde. Trump plappert los, lässt alles raus, was ihm in den Sinn kommt, lässt pausenlos Klöpse los, bei deren Artikulation ,,normale" Menschen vor Scham im Boden versinken würden. ,,Die Migranten sind samt und sonders Vergewaltiger und Diebe und schlachten die Hunde und Katzen ihrer anständigen amerikanischen Nachbarn." Vielleicht liegt hier das Geheimnis seines Erfolges: Durch seinen Mund artikuliert sich das kollektive Unbewusste der Leute, er drückt aus, was sie fühlen, aber nicht zu sagen wagen. Das hat Leo Löwenthal im Sinn gehabt, als er davon sprach, die faschistische Propaganda betreibe ,,umgekehrte Psychoanalyse". Sie nimmt die Menschen einfach als das, was sie sind und redet ihnen nach dem Mund. Unbewusste Regungen, Neigungen und Tendenzen werden verstärkt und manipuliert, anstatt sie ins Bewusstsein zu heben und über sich aufzuklären. Die Zurückhaltung ,,normaler" bürgerlicher Politiker sorgt dafür, dass zwischen unbewusste Regungen und deren Artikulation Unterbrechungen und Filter eingebaut werden, sodass man gezwungen ist, den Subtext ihrer Aussagen, das heißt das, was sie eigentlich meinen, mühsam zu dechiffrieren.

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,,Das große Unbehagen der kleinen Leute" heißt ein Essay von mir aus dem Jahr 2017. Er beschäftigt sich mit dem Aufstieg des rechten Populismus, der Frage, über welche Fähigkeiten und Eigenschaften ein Demokrat verfügen sollte und müsste, welchen Anteil die Linke am Erfolg des Populismus hat und ob es einen linken Populismus geben könnte. Der Text ist aktueller denn je und er erscheint mir auch sieben Jahre nach seinem Erscheinen noch des Lesens wert: https://www.magazin-auswege.de/data/2015/01/Eisenberg_Das_grosse_Unbehagen_print.pdf Ich halte diesen Essay für einen meiner besten. Es heißt dort unter anderem: ,,Demokratische Einstellungen und Haltungen wird man eher bei Menschen finden, die unter hinreichend guten Bedingungen aufgewachsen und mit sich befreundet sind. Wer das Verschiedene in sich selbst akzeptiert, wird es auch draußen akzeptieren können. Demokratie ist keine Gesinnungsgemeinschaft von Gleichen, sondern eine Gesellschafts- und Lebensform, die die Entfaltung von Verschiedenheit und den geregelten Austrag von Konflikten ermöglichen soll. Die psychischen Voraussetzungen der Demokratie bestehen in einer, wenn nicht bei allen, aber doch bei einer Mehrheit anzutreffenden Ich-Stärke, die vor allem die Fähigkeit beinhaltet, mit Ambivalenzen, Schwebezuständen, offenen Fragen und Konflikten umgehen zu können. Diese reifen, dialektischen Ich-Funktionen, die Menschen befähigen, unlösbare Widersprüche prüfend in der Schwebe zu belassen, Dissens und Verschiedenheit zu ertragen, nach Kompromiss und vernünftigem Ausgleich zu suchen, stehen auf dem Spiel, wenn Massen von Menschen unter dem Druck von Angst und aufkeimender Wut auf einfachere Mechanismen der psychischen Regulation regredieren." Ich beschreibe in diesem Text, dass und wie Verlusterfahrungen dem Populismus in die Hände spielen. Verlust von alten Gewissheiten, Gewohnheiten und Sicherheiten, Verlust von Status, Wohlstand und Arbeitsplätzen. Vielen Menschen wurden und werden die Grundlagen ihrer Lebensentwürfe unter den Füßen weggezogen. Sie machen die Erfahrung von ,,Sinnentzug", den Alexander Kluge einmal so beschrieben hat: ,,Eine gesellschaftliche Situation, in der das kollektive Lebensprogramm von Menschen schneller zerfällt, als die Menschen neue Lebensprogramme produzieren können." Dieser Satz, mit dem Alexander Kluge sein Buch ,,Lernprozesse mit tödlichem Ausgang" aus dem Jahr 1973 eröffnet, hat mir einen verstehenden Zugang von weit verbreiteten gegenwärtigen Leidenserfahrungen eröffnet. Das Kapital ist schnell und dynamisch, die Menschen sind eher langsam. Ihre Fähigkeit, innerhalb ihrer Lebenszeit und auf der Basis einer erworbenen Identitätsstruktur und charakterlicher Prägungen Veränderungen zu verarbeiten, ist begrenzt. Immer mehr Menschen machen angesichts des forcierten gesellschaftlichen Wandels die Erfahrung von ,,Sinnentzug": Was sie in Kindheit und Jugend gelernt und verinnerlicht haben, passt irgendwann auf kein Lebensgelände mehr so richtig. Der forcierte gesellschaftliche Wandel erzeugt eine fortschreitende Desynchronisation von Identitäts- und Realitätsstruktur und lässt Menschen orientierungs- und heimatlos werden. Sie büßen das Gefühl der Kohärenz ein, das für die Lebensführung der Menschen elementar ist. Oskar Negt hat im Anschluss an den Medizinsoziologen Antonovsky Kohärenz wie folgt bestimmt: ,,Zur Kohärenz gehören drei Aspekte: die Fähigkeit, die Situation, in der man sich befindet, und die Zusammenhänge zu verstehen – also das Gefühl der Verstehbarkeit; weiterhin die Überzeugung, dass man das eigene Leben gestalten kann – das Gefühl der Handhabbarkeit; sowie schließlich der Glaube, dass das Leben einen Sinn hat – das Gefühl der Sinnhaftigkeit." Das Erleben vieler Menschen ist gegenwärtig vom Gegenteil bestimmt. Sie erleben die Gegenwart als Zugleich von Unverständlichkeit, mangelnder Handhabbarkeit und Sinnlosigkeit. Das ist nicht nur eine Quelle von Krankheiten und seelischen Nöten der verschiedensten Art, sondern auch der Nährboden von regressiven Sehnsüchten, die den Populismus speisen. Die Menschen sehnen sich nach einer äußeren Welt, die zu den inneren Texten passt, die sie kommentierend und interpretierend zu ihr sprechen. Sie wünschen sich, das das, was aus der Zukunft auf sie zukommt, sich ihrer Verarbeitungslogik fügt. Das ist eigentlich auch nicht zu viel verlangt. ,,Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren; es ist die Zeit der Monster", hat Antonio Gramsci zwischen den beiden Weltkriegen in seinen ,,Briefen aus dem Kerker" geschrieben. Wenn die Synchronisierung von Realitätsstruktur und Identitätsstruktur in absehbarer Zeit nicht gelingt und sich die Beunruhigung der Menschen nicht legt, treten wir ein in eine Epoche, in der, mit Gramsci gesprochen, die ,,Monster" den Ton angeben und den Stil der politischen Auseinandersetzung bestimmen.

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Aus: "108 | Der Racheengel des ,,kleinen (weißen) Mannes"" Götz Eisenberg (15. November 2024 von admoin)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2024/11/15/108-der-racheengel-des-kleinen-weissen-mannes/

Link

Das kollektive Unbewusste ist ein von Carl Gustav Jung geprägter Begriff für eine unbewusste psychische ,,Grundstruktur" des Menschen und ein Basiskonzept der Analytischen Psychologie. ... C.G. Jung definierte das kollektive Unbewusste als den überpersönlichen Bereich des Unbewussten: Es sei der ,,Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbewussten dadurch negativ unterschieden werden kann, daß er seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist". ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektives_Unbewusstes

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Walter Bühl: Das kollektive Unbewusste in der postmodernen Gesellschaft.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2000.
314 Seiten, ISBN-10: 3879407053

"Unzeitgemäße Betrachtungen"
W. L. Bühl über das kollektive Unbewusste in der postmodernen Gesellschaft
Von Thomas KrummRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Krumm
Die Rede vom kollektiven Unbewussten hat im Zeitalter von Neuro-, System- und Cognitive Science keinen leichten Stand. Das Begriffsinstrumentarium des kollektiven Unbewussten wurde von C. G. Jung zu einer Zeit geprägt, in der man noch annahm, Soziologie als Kollektivpsychologie, sogar als kollektive Tiefenpsychologie betreiben zu können. Die Rede vom kollektiven Unbewussten indiziert aber auch eine Psychologie, die an den Grenzen ihrer eigenen individualpsychologischen Methoden laborierte. Manches Phänomen, das man in der Gründerzeit der Tiefenpsychologie dem kollektiven Unbewussten zuschrieb, würde man heute eher als soziale Formatierung des Psychischen oder als psychischen Differenzierungsprozess beschreiben. Bühl nimmt diese Tendenz auf, indem er Bewusstsein und Unbewusstes als sozialen Prozess beschreibt. Umso mutiger erscheint das Unternehmen, die moderne Gesellschaft mit den Begriffsinstrumenten des kollektiven Unbewussten zu beobachten und zu beschreiben. Das Ergebnis zeigt, wie strapazierfähig diese Begrifflichkeiten sind, aber auch, wie dünn ihre erkenntnistheoretische Fundierung ist. ....
https://literaturkritik.de/id/4737