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[Themen der Moderne (Moderne als Thema)... ]

Started by Link, June 02, 2021, 03:05:59 PM

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Quote[...] Was war die Moderne – eine Epoche? Oder ist die Moderne so etwas wie eine ,,Haltung", ein ,,unvollendetes Projekt", das wir von der Aufklärung geerbt haben? Und sind daher nur die, die sich auf die Aufklärung beziehen, die rechtmässigen ,,Kinder der Moderne"?

... Die Verwirrung um den Begriff der Moderne – bzw. modernity oder modernité – beginnt schon damit, dass er einerseits zwar eine Selbstbeschreibung einer Gesellschaft zu sein scheint, die von ihrer eigenen ständigen ,,Neuheit" und Gegenwärtigkeit so sehr fasziniert ist, dass sie von sich selbst nichts anderes sagen kann, als eben ,,modern" zu sein – dass andrerseits aber die westlichen Gesellschaften diesen Begriff von sich selbst bis in die 1970er Jahre praktisch nicht verwendet haben. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: Selbst in der Soziologie, die als Wissenschaft der ,,modernen Gesellschaft" gleichsam mit dieser entstanden war, blieb der Begriff der ,,Moderne", der in den 1880er Jahren in einem Kreis von Literaten geprägt wurde, weitgehend ungebraucht. Max Weber etwa verwendete wohl das Adjektiv ,,modern", nie aber das generische Substantiv ,,die Moderne".

... Es war [ ] auf dem Höhepunkt der französischen temps modernes, als Charles Baudelaire in seinem Großessay ,,Le peintre de la vie moderne" (,,Der Maler des modernen Lebens", 1859/1862) die ,,moderne" Zeit- und Lebenserfahrung mit der Großstadt, der Mode und der Kunst in Verbindung brachte: Der Maler Constantin Guys, den Baudelaire porträtierte, finde eine neue, moderne ,,Haltung", einen neuen Stil genau darin, dass er auf kein traditionelles Muster der Lebensführung mehr zurückgreife, sondern sich ganz der Gegenwart, dem Wechsel der Moden und dem kurzwelligen Flimmern der Zeitläufte hingebe. Diese ,,Haltung", die die künstlerische Suche nach dem ,,Ewigen" keineswegs ausschließe, sei das, so Baudelaire, was ,,die Modernität zu nennen man mir erlauben möge; da es nun einmal [...] kein besseres Wort gibt für das, was mir vorschwebt".

Auch wenn Baudelaires Essay breit rezipiert wurde, hat sich die von ihm lancierte modernité als Begriff wie gesagt noch hundert Jahre lang nicht durchgesetzt. Vor allem aber war er für ihn keine Epochenbezeichnung, sondern die Kennzeichnung einer Lebensart, eines bestimmten Stils, oder eben einer ,,Haltung". An sie erinnerte in durchaus pathetischer Weise Michel Foucault, als er, sich gleichermaßen auf Kant wie auf Baudelaire beziehend, 1984 schrieb: ,,Die Baudelaire'sche Modernität ist eine Übung, in der die äußerste Aufmerksamkeit für das Wirkliche mit der Praxis einer Freiheit konfrontiert wird, die dieses Wirkliche zugleich achtet und ihm Gewalt antut." Das heißt: diese (moderne) ,,Praxis der Freiheit" achtet zwar, pragmatisch, das Wirkliche als Realität, tut ihm aber insofern auch ,,Gewalt" an, als das Subjekt sich selbst und die Welt verändern bzw. umgestalten kann und will. Die Modernität, so Foucault, nötige den Menschen ,,zu der Aufgabe, sich selbst auszuarbeiten"; dies sei ,,eine Arbeit von uns selbst an uns selbst, insofern wir freie Wesen sind".

Diese moderne Haltung, aus sich selbst und aus der ,,Welt" etwas Neues zu schaffen, ist, folgt man Foucault, ,,aufklärerisch". Sie entspricht dem, was Immanuel Kant ,,den Mut" nannte, ,,sich seines eigenen Verstandes zu bedienen"; sie geht von der ,,Freiheit" des Menschen aus und glaubt an die Möglichkeit, die Welt letztlich auch vernünftig einzurichten. Auf diesen Ausgangspunkt bezog sich auch Jürgen Habermas, der 1980 die ,,Moderne" ein ,,unvollendetes Projekt" nannte – unvollendet eben, weil die Welt noch immer nicht vernünftig eingerichtet ist.

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Aus: "Die Kinder der #Moderne" Philipp Sarasin (16. Januar 2019)
Quelle: https://geschichtedergegenwart.ch/die-kinder-der-moderne/

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Quote... Andreas Lebert und Katrin Zeug: Sie haben sich fast Ihr gesamtes Berufsleben mit Gewalt beschäftigt, dazu geforscht und sie selbst erlebt – was muss man als Erstes verstehen?

Reemtsma: Dass wir seit – sehr grob gesprochen – Ende des Dreißigjährigen Krieges in eine andere Zeit eingetreten sind. Zuvor war die Kultur gewaltgetränkt, sie ließ sich Gewalt als Amüsement und Volksschauspiel gefallen und kam nicht auf die Idee, etwas nur wegen seiner Brutalität anzuprangern. Unsere Moderne kennzeichnet, dass sie Gewalt als Anormalität betrachtet.

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Aus: "Jan Philipp Reemtsma: "Ich bin sehr für Rache, sie darf nur nicht sein""
Interview: Andreas Lebert und Katrin Zeug (7. Juni 2016)
Quelle: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/jan-philipp-reemtsma-gewalt-menschen-grenzen-waffen-krieg/komplettansicht

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Moderne bezeichnet historisch einen Umbruch in zahlreichen Lebensbereichen gegenüber der Tradition, bedingt durch Industrielle Revolution, Aufklärung und Säkularisierung. In der Philosophiegeschichte fällt der Beginn der Moderne mit dem Skeptizismus der Vordenker der Aufklärung (Montaigne, Descartes, Spinoza) zusammen. Die Moderne folgt als Teil der Neuzeit auf die Frühe Neuzeit und dauert bis in die Gegenwart an.
https://de.wikipedia.org/wiki/Moderne



"Dante als Vorbote der Moderne : Ein Vorspiel zum Fortschritt" Dietmar Dath (29.05.202)
Wer ins Vergangene will, muss abwärts. Die Geologie befiehlt es so; sie stapelt irdische Zeit in Schichten. ...
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/dantes-commedia/wie-dantes-dichterische-vision-der-neuzeit-die-staette-bereitete-17363128.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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#1
Quote[...] Das Ende der Illusionen wurde unter dem Eindruck der Zeitenwende geschrieben, die wir aktuell mit der Wahl Trumps, dem Brexit, der Flüchtlingskrise, dem Niedergang der Sozialdemokratie und dem Aufstieg des Rechtspopulismus erleben. Sie löst nach Reckwitz die Epoche der trente glorieuse des Neoliberalismus ab, der in eine tiefe Krise geraten sei.

Die aktuelle Krise manifestiere sich in dreifacher Hinsicht: sozioökonomisch in Gestalt verschärfter Ungleichheit als Folge von allgemeinen Vermarktlichungsprozessen und einer ,,Überdynamisierung"; soziokulturell in einer Tendenz zur ,,Singularisierung", die in einem verbreiteten ,,Egoismus der Einzelnen gegen die Institutionen" münde, aber auch einer neuen Sehnsucht nach homogenen und geschlossenen Gemeinschaften (,,Neogemeinschaften") Vorschub leiste; schließlich auf politischer Ebene als rapider Vertrauensverlust in die demokratischen Organe sowie im Aufstieg des antiliberalen Populismus.

... Für unsere Gegenwart, die postindustrielle Spätmoderne, unterscheidet Reckwitz, neben der kleinen Oberschicht, etwas unkonventionell drei soziale Klassen: die ,,alte Mittelschicht", die ,,neue Mittelschicht" sowie die ,,prekäre Klasse". Die alte Mittelschicht repräsentiert das konservative, räumlich verwurzelte und latent nationalistische Milieu. Es vertritt den traditionellen ,,materialistischen" Wertekanon, der vor allem Wohlstand, Ordnung und Disziplin hochschätzt. Diese Schicht, ehemals die Hauptträgerin der durchschnittlichen Moralnormen und das ökonomische Rückgrat des Nationalstaates, erfährt mit der Globalisierung und dem Übergang zur digitalen Wissensgesellschaft eine tendenzielle Entwertung und Marginalisierung. Deren Weltsicht und soziale Praktiken verlieren zunehmend an Bedeutung, was zu einem Prestigeverlust führe. Das treibe sie nach Reckwitz tendenziell in die Arme der Nationalisten und Populisten.

Ins Abseits gedrängt werde der alte Mittelstand paradoxerweise von seinen eigenen Nachfahren, den jüngeren Mittelschichtsgenerationen, die vor allem in den kreativen, akademischen und urbanen Dienstleistungs- und Wissenssektoren aktiv sind. Stilprägend für diese Leute sei ein auf maximaler Selbständigkeit, Internationalität, räumlicher Mobilität und Diversität ausgerichteter Lebensstil. Deren durchschnittliche Lebensentwürfe zielten auf materiellen Erfolg und individuelle Selbstverwirklichung, Autonomiegewinne und soziale Gleichheit, technische Perfektion und emotionale Empathie, berufliche Routine und expressive Selbstdarstellung – mithin auf hybride Balancen widersprüchlicher Anforderungen. Die neue Mittelschicht bilde das entscheidende Leitmilieu und die Avantgarde der Gesellschaft des ,,radikalisierten Individualismus" sowie des liberalen Kosmopolitismus. Deren wichtigste Bezugsebene sei nicht mehr der Nationalstaat, sondern der europäische Raum und die Weltgesellschaft.

Als ,,prekäre Klasse" bezeichnet der Autor dagegen die neuen Unterschichten, die sich im Wesentlichen aus dem sogenannten Dienstleistungsproletariat und den zahlreichen ,,Überflüssigen" der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie zusammensetzen. Das ,,Sichdurchschlagen" und ,,Sichdurchwursteln" unter strukturell unsicheren Lebensbedingungen sei das Los dieses Heeres von unfreiwilligen Außenseitern, von Entwurzelten und Deklassierten. Obwohl sie aufgrund ihrer wahllosen Zusammensetzung kein politisches Kollektivbewusstsein entwickeln könnten, würden sie leicht zum sozialen Substrat rechtsradikaler Protestbewegungen und des allgemeinen Volkszorns werden.

... Das mag so sein, jedenfalls aus der Vogelperspektive betrachtet. Man wüsste aber doch gerne mehr und Genaueres über die sozialen Mechanismen oder den Transmissionsriemen, die an der offensichtlichen Verlängerung der gesellschaftlichen Widersprüche in nationalistische Konflikte und entsprechende Polarisierungen auf politischen Ebenen beteiligt sind. Wie formieren und reproduzieren sich schichtspezifische Emotions-, Werte- und Einstellungsmuster? In welchen konkreten sozialen Kontexten geschieht das? Unter welchen Voraussetzungen kommt es zu Brüchen, Neuorientierungen oder gar Radikalisierungen in sozialen Milieus? Welche Rolle spielen dabei zum Beispiel intermediäre Institutionen wie politische Parteien, die Eigenlogik demokratischer Wahlen, die Massenmedien, die sozialen Bewegungen, das Machtstreben von Politikern und Politikerinnen usw.? Mit ein wenig buddhistisch angereicherter Küchenpsychologie, die bei der Genese von ,,negativen" Massenemotionen wie Aggressionen und Depressionen einen recht simplen Reiz-Reaktions-Mechanismus am Werke sieht und sie mit einer sozialstrukturellen ,,Enttäuschungsspirale" erklärt, kommt man dann doch über triviale Aussagen kaum hinaus.

...

Zu: Andreas Reckwitz: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019.
306 Seiten, ISBN-13: 9783518127353


Aus: "Illusionen im Räderwerk der spätmodernen Gesellschaft" Maurizio Bach (2020)
Quelle: https://literaturkritik.de/reckwitz-das-ende-der-illusionen-im-raederwerk-der-spaetmodernen-gesellschaft,26649.html

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"Theoriemodell der ästhetischen Moderne"
Harry Lehmann, Philosoph; studierte Physik und Philosophie, promovierte 2003 an der Universität Potsdam mit Die flüchtige Wahrheit der Kunst. Ästhetik nach Luhmann, W. Fink (2006).
"Vortrag auf den Reichenauer Künstlertagen am 8. Oktober 2012 auf der Insel Reichenau.
Ich habe den Titel des Vortrags nachträglich geändert, da der Vortrag doch primär das Theoriemodell entwickelt, das der These von der gehaltsästhetischen Wende zugrunde liegt.
Die zugrunde liegende Theorie ist veröffentlicht in: »Avantgarde heute. Ein Theoriemodell der ästhetischen Moderne«, in: Musik & Ästhetik, Heft 38/2006, S. 5-41. ..."
https://youtu.be/aLaviJmDGzg

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#2
"Der Maler Henri Rousseau oder Die Geburt der Moderne"
Doku F 2015 von Nicolas Autheman.
Aufnahme: ARTE 03.04.2016.
Die Dokumentation begibt sich auf die Spuren des Pariser Malers Henri Rousseau, genannt "Le Douanier", der Zöllner (1844-1910). Seine Gemälde, in denen es meist um Träume, Fantasie und Kindheit geht, spielten eine wichtige Rolle für die Entwicklung der modernen Kunst. Auf originelle Weise - mit Anlehnungen an das Schattentheater, die Laterna Magica sowie mit zeitgenössischen Briefwechseln und traumhaften Filmsequenzen - beschäftigt sich die Dokumentation mit den Inspirationsquellen, der Arbeitsweise und dem weitreichenden Einfluss des Autodidakten auf die moderne Malerei.  Henri "Le Douanier" Rousseau (1844-1910) zählt zu den überraschendsten und zugleich am schwierigsten zu ergründenden Künstlern des späten 19. Jahrhunderts. Der große französische Maler war - wie sein Spitzname "der Zöllner" verrät - in Wirklichkeit ein einfacher Angestellter bei der Pariser Zoll- und Steuerbehörde. Dennoch hat der Autodidakt ein beachtliches künstlerisches Werk geschaffen: Für seine üppigen und kindlich wirkenden Dschungeldarstellungen ist er mittlerweile weltweit berühmt. Die Dokumentation erkundet das wunderliche Leben und das vielgestaltige Werk Rousseaus, das im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstand. Erstmals wird der Zusammenhang zwischen seinen Gemälden und der Entstehung der modernen Kunst aufgezeigt. Denn auch wenn Henri Rousseau bei den meisten seiner Zeitgenossen nur Hohn und Spott erntete, erkannten einige Avantgardisten wie Guillaume Apollinaire, Pablo Picasso und Robert Delaunay in seinen Bildern ungekannte Abstraktionsmöglichkeiten, die vom Surrealismus bis zum Kubismus reichen. Bis heute ist es ein Rätsel, wie ein einfacher Autodidakt diese modernen Entwicklungen vorausahnen konnte. Auf originelle Weise - mit Anlehnungen an das Schattentheater und an die Urform des Kinos, die Laterna Magica, sowie mit zeitgenössischen Briefwechseln und traumhaften Filmsequenzen - begibt sich die Dokumentation Schritt für Schritt auf die Suche nach Hinweisen auf die Modernität des Malers.
https://youtu.be/4rf4vw7XtuQ


Stil Epochen 12 - Die Klassische Moderne (1900-1937) [BR 2009]
https://youtu.be/-HO32Aj_BWI

Stil Epochen 13 - Moderne, Postmoderne und zeitgenössische Kunst (1945 bis heute) [BR 2009]
https://youtu.be/5biU3tiILow


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Quote[...] Verifikationismus ist eine Position in der Sprachphilosophie, der zufolge der Sinn eines Satzes in der Methode seiner Verifikation besteht. Der Verifikationismus ist auf dem Hintergrund des Problems zu sehen, ein Sinnkriterium zu formulieren, das wissenschaftlich bedeutsame Aussagen von metaphysischen Aussagen zu unterscheiden erlaubt. Der Verifikationismus hat damit zur Absicht und Konsequenz, dass Sätze, die sich nicht verifizieren lassen, als sinnlos bezeichnet werden. Sinnlose Aussagen sind aus der empirischen Wissenschaft auszuscheiden. ...


Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Verifikationismus

Der Wiener Kreis des Logischen Empirismus war eine Gruppe Intellektueller aus den Bereichen der Philosophie, der Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, der Mathematik und Logik, die sich von 1924 bis 1936 unter der Leitung von Moritz Schlick regelmäßig in Wien trafen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Kreis

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Quote[...] Der ,,Wiener Kreis" war eine außergewöhnliche Gruppe von Philosophen, Mathematikern, Natur- und Geisteswissenschaftern, die sich von 1924 bis 1936 regelmäßig trafen, um eine wissenschaftliche Weltauffassung zu entwickeln und zu verbreiten. Diese suchten naturwissenschaftliche mit philosophischen Fragestellungen zu einer neuen, professionell eigenständigen Wissenschaftstheorie zu verbinden. Wien war im deutschsprachigen Raum zu ihrem Mittelpunkt geworden, da etwa mit Rudolf Carnap und Moritz Schlick, welcher als einer der ersten die eminente philosophische Bedeutung der Einstein'schen Relativitätstheorie erkannt hatte, auch einige ihrer bedeutendsten Vertreter aus Deutschland dort seit 1922 bzw. 1925 lehrten. Die in Wien versammelten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den Bereichen der Philosophie, Logik, Mathematik, Natur- und Sozialwissenschaften repräsentieren aus heutiger Rückschau eine der international wohl bedeutendsten philosophischen Strömungen im 20. Jahrhundert.

... Rasch wurde der Zirkel zur Hochburg des logischen Empirismus. Die Entwicklung des logischen Empirismus hatte mit den wissenschaftlichen Revolutionen um die Jahrhundertwende, insbesondere der Relativitätstheorie, begonnen. Er orientierte sich an Albert Einstein, Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein. Als antimetaphysische Einheitswissenschaft ist seine wissenschafts- und gesellschaftspolitische Zielrichtung unübersehbar.

...


Aus: "Der ,,Wiener Kreis" 1924–1936" Friedrich Stadler (02.07.2017)
Quelle: https://geschichte.univie.ac.at/de/artikel/der-wiener-kreis

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Quote[...] Edmonds betont, [es] sei der Kreis nie eine Runde Gleichgesinnter gewesen. Schließlich jedoch habe die anfängliche Zielsetzung, eine Erkenntnistheorie zu entwickeln, die die Metaphysik aus dem Weg räume, den Kreis gespalten. Sein Ende markiert die Ermordung Schlicks. Der Mörder Johann Nelböck, ein ehemaliger Student Schlicks, war geisteskrank. Doch lag in diesem Mord, der Hilde Spiel, die bei Schlick promoviert hatte, zu "tiefstem Schmerz" bewegte, auch die Krankheit der Zeit.

...


Aus: "Eine Fackel in dunklen Zeiten oder wie der Kreis zum Wiener Kreis wurde" Ruth Renée Reif (13.11.2021)
Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000131104678/eine-fackel-in-dunklen-zeiten-oder-wie-der-kreis-zum

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Quote[...] Schlick ist der Begründer und Mittelpunkt einer Gruppe von Philosophen, Mathematikern und Physikern, die in den vergangenen Jahren das philosophische Denken radikal revolutioniert und mit einer jahrtausendealten Tradition gebrochen haben. Sie nennen sich selbst der Wiener Kreis. In ihrem Manifest formulieren sie die wissenschaftliche Weltauffassung, der sie sich verschrieben haben. Sie vertreten eine entschlossene Modernität, ihre Aufgabe sei es, schreiben sie, "den metaphysischen und theologischen Schutt der Jahrtausende aus dem Weg zu räumen". Die antiken Griechen, Kant, Hegel, Schopenhauer – alles geistiger Müll. Während gleichzeitig Deutschland eine Renaissance des Mythischen erlebt (elektrisiert etwa durch das kaum zu durchdringende Gedankengebäude Martin Heideggers), trifft der kompromisslose Standpunkt des Wiener Kreises in seiner Heimatstadt natürlich auf den heftigen Widerstand des eingesessenen, konservativen und erzkatholischen akademischen Establishments.

... Genau genommen gibt es nicht nur einen Wiener Kreis, sondern mehrere intellektuelle Zirkel, die nebeneinander debattieren und einander gegenseitig befruchten – und das in einer Stadt, in der bittere Not herrscht, die hungert und friert. Die sozialen Probleme erscheinen unüberwindlich, und dennoch bricht eine Generation von Denkern und Wissenschaftern auf, lichte Höhen zu erklimmen. Vermutlich beflügelt sie auch das Bewusstsein, nichts zu verlieren zu haben. Sie stoßen deshalb auf die unerbittliche Feindschaft der Mehrheit der Wissensgesellschaft. Im giftigen Klima des Antisemitismus, der Wien seit Jahrzehnten eisern im Griff hält, werden die Neuerer als jüdische Fremdkörper stigmatisiert, und die wissenschaftliche Auseinandersetzung erhält eine zunehmend antisemitische Komponente, die rasch die Konfliktfelder dominiert.

... Der Wiener Kreis verehrt zwei Idole. Einmal den Physiker Albert Einstein, dessen Relativitätstheorie ein vollkommen neues Verständnis der Struktur von Raum und Zeit formuliert. Das zweite überlebensgroße Vorbild ist der Milliardärs-Spross Ludwig Wittgenstein, der selbst keinerlei Interesse an materiellen Annehmlichkeiten zu haben scheint. Schon zu Lebzeiten wird er in Philosophenzirkeln als Genie gefeiert. Seine schmale Abhandlung Tractatus logico-philosophicus, zum Teil noch in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs abgefasst, ist die Bibel der Neudenker.

...

Zu: David Edmonds: "Die Ermordung des Professor Schlick". C. H. Beck, München 2021; 352 S.


Aus: "Anschlag auf das freie Denken" Joachim Riedl (3. Januar 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/2022/01/moritz-schlick-philosophie-wien/komplettansicht

QuoteSW40 #2

"Mach vertrat die Ansicht, dass letztlich alle empirischen Behauptungen einer experimentellen Prüfung standhalten müssten und dass die Messungen grundlegend auf den Sinnen beruhten. Zu behaupten, dass Dinge außerhalb der menschlichen Sinneseindrücke existierten, also die metaphysischen Postulate von Religion, Moral oder Ethik, hielt Mach für eine Art "verlockenden Unsinn"."

Dem ersten Satz kann ich mich anschließen. Den zweiten Satz kann ich nicht verstehen. Es ist doch für mich ein Zeichen von Demut, wenn ich etwas über mich weiß, dass meine auf wenige Sinne begrenzte Wahrnehmung weit übersteigt. Es kann doch ein Reich der unendlichen Übersinnlichkeit geben! Der Rationalismus ist für mich eine Philosophie ohne Seele!


QuoteNogod #2.1

Ja ja, dass Sie in allen Beiträgen Metaphysik verbreiten, ist nicht unbemerkt geblieben.
Es sei Ihnen unbenommen, belegt allerdings die bedauerliche Tatsache, dass abergläubisches, religlöses Denken, sich tarnend mit Begriffen wie 'Seele' und 'Spiritualität', in keiner Weise überwunden ist.


QuoteSW40 #2.2

Metaphysik und Spiritualität sind menschliche Grundbedürfnisse. Man lebt nicht vom Brot allein, sondern braucht Gott als Bezugspunkt zur jenseitigen Vollkommenheit. Und Aberglaube ist etwas anderes als Glaube, denn der Aberglaube hält wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand. Die Astrologie beispielsweise ist reine Esoterik, deren Wahrheitsgehalt naturwissenschaftlich angezweifelt werden kann.


QuoteLelo #2.3

Es ist Ihnen unbenommen, einen Mitforisten zu bedauern. Mitgefühl können wir doch alle gebrauchen ;-).
Aber die Trennung der beiden Aussagen von Ernst Mach ist doch treffend: Erster Satz: wissenschaftliche Methode -> ok. Zweiter Satz: strenger Physikalismus -> muss man nicht so sehen.


QuoteNogod #2.4

Gott hält natürlich einer wissenschaftlichen Überprüfung stand *hüstel*
Ich finde, 'verlockender Unsinn' ist eine ziemlich gute Formulierung, weil das darin steckende Bedürfnis bedacht wird.
Keineswegs originär das Bedürfnis nach "Metaphysik und Spiritualität" - Bedürfnisse fallen eben nicht vom Himmel, sondern werden produziert.
Ich erlaube mir den Hinweis, dass "Metaphysik und Spiritualität" von denen als Grundbedürfnisse apostrophiert werden, die in diesem Bereich ihr Auskommen haben - in sozialer wie materieller Hinsicht.


Quotesuchenwi #2.5

"Und Aberglaube ist etwas anderes als Glaube, denn der Aberglaube hält wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand."

Welcher Glaube hält welcher wissenschaftlichen Überprüfung (theologischer?) stand?


QuoteKurzVorKnapp #2.7

Metaphysik und Spiritualität sind *Ihre menschlichen Grundbedürfnisse. Warum gehen Sie davon aus, dass dies auch bei anderen der Fall sein muss? Außerdem sollte es Ihnen zu denken geben wenn Ihr Glaube in anderen Kulturen Aberglaube ist. Die Einteilung ist sehr willkürlich und subjektiv und hält einer objektiven Betrachtung nicht stand.


Quotejus-kenner #2.8

Auch der religiöse Glaube hält wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand. Sonst wäre er ja auch kein Glaube, sondern wissenschaftliche Erkenntnis. Dass Gott (was immer man sich hierunter vorstellt) und die Existenz dieses übernatürlichen Wesens (m/w/d) wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann, teilt die mit dieser Vokabel verbundene Vorstellung mit anderen Vorstellungen wie Poltergeistern, Dämonen, Engeln, Einhörnern oder den walking deads aus der gleichnamigen Fernsehserie. (Aus der Tatsache, dass die Existenz einer Person oder einer Sache wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann, kann übrigens entgegen mancher vulgären Aussage mitnichten die Existenz dieser Person oder dieser Sache logisch hergeleitet werden.) Wissenschaftlich untersucht werden kann aber die Frage, aus welchen Gründen Menschen solche Vorstellungen pflegen und sogar bereit sind, zugunsten dieser verschiedenen Glaubensvorstellungen ihre Freiheit und manchmal sogar ihr Leben auf- bzw. hinzugeben.


QuoteNikitaDerHund #2.9

"Es kann doch ein Reich der unendlichen Übersinnlichkeit geben! Der Rationalismus ist für mich eine Philosophie ohne Seele!"

Beides ist richtig: natürlich kann es einen Bereich jenseits des sinnlich (bzw. experimentell) erfassten geben. Genauer gesagt, zeigt die immer weiter sich entwickelnde experimentelle Wissenschaft, dass dem definitiv so ist. Nur macht es keinerlei Sinn, über (aktuell) den experimentellen Methoden nicht zugänglichem im Terminus von Wahrheit zu reden: das ist schlicht der Bereich reiner Fiktion und Phantasie. Hat beides in der menschlichen Kultur seine Berechtigung, nur muss man sich eben bewusst bleiben, dass dies reine Hirngespinste sind und bleiben, solange sie der experimentellen Methode unzugänglich sind (was insbesondere für Konstrukte gilt, die von vorn herein darauf angelegt wurden, daß sie nicht empirisch invalidiert werden können).

Und tatsächlich ist der Rationalismus eine Philosophie ohne Seele: das macht seine Stärke aus. Wem das nicht passt, muss sich halt mit Hirngespinsten zufrieden geben. Das sei jedem gegönnt, nur sollte er sich nicht entblöden, von Wahrheiten zu reden.


QuoteLuis Tränker #2.10

Metaphysik und Spiritualität sind menschliche Grundbedürfnisse.

Hier liegt wohl das Problem. Über Grundbedürfnisse, woher sie kommen, wie sie sich ausbilden etc. kann man ja durchaus diskutieren. ...


QuoteSW40 #2.12

"Warum gehen Sie davon aus, dass dies auch bei anderen der Fall sein muss?"

Wir wollen Antworten auf die Frage nach dem Leben im Jenseits. Unsere eigene Sterblichkeit zwingt uns dazu, darüber nachzudenken.

Im Übrigen ist für mich der Glaube im Unterschied zum Aberglauben eine religiöse Vorstellung, die nicht falsifiziert werden kann. Der Aberglaube, zum Beispiel die Wirkung von Homöopathie, lässt sich durch Untersuchungen von Begleitgruppen widerlegen.



QuoteLuis Tränker #2.13

Wir wollen Antworten auf die Frage nach dem Leben im Jenseits.
Warum sollten "wir" das wollen? ...


QuoteKarl Josef Schleidweiler #2.14

Welcher Glaube hält denn wissenschaftlicher Überprüfung stand?
Wenn ich etwas weiß weiß ich's und glauben erübrigt sich, oder?


QuoteSW40 #2.15

Der Glaube an einen vollkommenen, ungewordenen, unveränderlichen und unvergänglichen Weltgeist (Gott) im Sinne der Definition des vorchristlichen antiken Philosophen Parmenides ist nicht gegen wissenschaftliche Erkenntnisse gerichtet. Man kann dennoch die Evolutionstheorie und den menschengemachten Klimawandel anerkennen, ohne sich von diesem Gott lossagen zu müssen.


"Warum sollten "wir" das wollen? Letztendlich genau das, was vor "unserem" Leben war."

Geben Sie zu, dass Sie sich gerne eine gute Antwort wünschen.

... Nicht das Diesseits, sondern die unendliche Herrlichkeit im Jenseits ist relevant. Gott ist das gesamte Bewusstsein der unendlichen Übersinnlichkeit. Wir Menschen nehmen durch unsere Sinne nur einen winzigen Anteil dieses Reichs der Übersinnlichkeit wahr. Immerhin haben wir dadurch eine kleine, schmale Brücke zu Gott.



QuoteLeonia Bavariensis #2.20

Sie sind nicht "Wir", sondern sprechen für sich. Ich rede jetzt mal von mir: mich interessiert es null komma null, ob es ein Leben im "Jenseits" gibt, denn ich glaube nicht daran.
Für mich ist im Übrigen auch Glaube Aberglaube. Aber bitte jeder wie er mag. Nur möge man bitte seine eigenen Bedürfnisse nicht der gesamten Menschheit unterstellen.


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#4
Quote[...] Ich glaube heute nicht mehr an Gott. Schon seit einiger Zeit. Ich lebe wie der Rest der Moderne in einer Welt, die ,,entzaubert" ist. Bei der künstlichen Intelligenz und den Informationstechnologien stößt man heute aber auf viele Fragen, die einst von Theologen und Philosophen bearbeitet wurden: die Beziehung des Geistes zum Körper, die Existenz des freien Willens, die Möglichkeit der Unsterblichkeit. Das sind alte Probleme – sie sind nur in neuem Gewand und unter anderen Namen Teil der heutigen Technologiedebatten, genauso wie die toten Metaphern noch immer Teil unserer Syntax sind. All die ewigen Fragen sind heute zu technischen Problemen geworden.

... Wir wissen zwar, dass mentale Phänomene irgendwie mit dem Gehirn verbunden sind, aber es ist überhaupt nicht klar, wie sie das sind und warum. Neurowissenschaftler haben mithilfe von MRTs und anderen Geräten Fortschritte beim Verständnis der grundlegenden Funktionen des Bewusstseins gemacht. Zum Beispiel wissen wir heute mehr über die Bereiche, die das Sehen, die Aufmerksamkeit oder das Gedächtnis ausmachen. Aber wenn es um die Frage der phänomenologischen Erfahrung geht – der ganz subjektiven Welt der Farben und Empfindungen, der Gedanken und Ideen und Überzeugungen – lässt sich nicht erklären, wie sie aus diesen neurologischen Prozessen entsteht. So wie ein Biologe im Labor durch das Studium der objektiven Fakten nie die Gefühle einer Fledermaus erfassen könnte, kann auch eine vollständige Beschreibung des Schmerzsystems des menschlichen Gehirns nie die subjektive Erfahrung von Schmerzen erfassen.

Der Philosoph David Chalmers nannte dies 1995 ,,das schwierige Problem" des Bewusstseins. Im Gegensatz zu den vergleichsweise ,,einfachen" Problemen, wie bestimmte Areale des Gehirns funktionieren, fragt das schwierige Problem danach, warum Gehirnprozesse überhaupt mit Ich-Erfahrungen verbunden sind. Wenn keine andere Materie der Welt mit mentalen Qualitäten verbunden ist, warum sollte dann ausgerechnet die Gehirnmasse anders sein? Computer können ihre beeindruckendsten Funktionen ohne Innerlichkeit erfüllen: Sie können Drohnen fliegen, Krebs diagnostizieren und den Weltmeister im Go schlagen, ohne sich bewusst zu sein, was sie tun. ,,Warum soll aus der körperlichen Verarbeitung überhaupt ein reiches Innenleben entstehen?", fragte Chalmers. ,,Es scheint objektiv unvernünftig, dass es so sein sollte, und doch ist es so." Fünfundzwanzig Jahre später sind wir dem Grund dafür nicht wirklich näher gekommen.

... Viele Menschen glauben heute, dass Computertheorien des Geistes bewiesen haben, dass das Gehirn ein Computer ist. Und dass sie erklären können, wie ein Bewusstsein funktioniert. Aber wie der Informatiker Seymour Papert einmal bemerkte, zeigt die Analogie nur, dass die Probleme, die Philosophen und Theologen lange überfordert haben, ,,im neuen Kontext in gleichwertiger Form auftauchen". Die Metapher hat unsere existenziellen Probleme nicht gelöst; sie hat sie lediglich in ein neues Substrat übertragen.

...

Dieser Text ist ein überarbeiteter Auszug aus dem auf Englisch erschienenen Buch ,,God, Human, Animal, Machine" von Meghan O'Gieblyn, erschienen bei Doubleday im August 2021. Übersetzung: Jan Pfaff


Aus: "Cyberphilosophie mit Haustier: Wann ist ein Hund ein Hund?" Meghan O'Gieblyn (9.1.2022)
Quelle: https://taz.de/Cyberphilosophie-mit-Haustier/!5823944/

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#5
Quote[...] Eine systematische Soziologie des Verlusts gibt es bisher nicht. Das ist seltsam und nachvollziehbar zugleich. Seltsam ist es, weil man die moderne Gesellschaft ohne ihre Verlustdynamiken, ohne die kollektiven Verlusterfahrungen und deren soziale und kulturelle Folgen gar nicht begreifen kann. ...

... man [sollte] auch nicht dem Vorurteil erliegen, Verlust sei ausschließlich ein Phänomen konservativer oder reaktionärer Provenienz. Natürlich, der klassische politische Konservatismus lebt seit Edmund Burke von Verlustschmerz. Aber zum einen kultiviert auch die politische Linke ihre Verlustwahrnehmungen: von Walter Benjamins Bemerkung hinsichtlich einer »linken Melancholie« bis zur Trauer über den verlorenen Wohlfahrtsstaat und die verlorene Industriearbeiterschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zum anderen sind viele Verlusterfahrungen politisch überhaupt nicht zuzuordnen oder grundsätzlich ambivalent: vom Umgang mit dem Tod bis zu den Folgen des Anthropozän.


Aus: "Verlust und Moderne – eine Kartierung" Andreas Reckwitz (3. Januar 2022)
Quelle: https://www.merkur-zeitschrift.de/2022/01/03/verlust-und-moderne-eine-kartierung/


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Quote[...] Lebensreform ist der Oberbegriff für verschiedene soziale Reform­bewegungen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts insbesondere von Deutschland und der Schweiz ausgingen. Gemeinsame Merkmale waren die Kritik an Industrialisierung, dem Materialismus und der Urbanisierung verbunden mit Streben nach dem Naturzustand. Als bedeutender Vorkämpfer der Lebensreform-Ideen gilt der Maler und Sozialreformer Karl Wilhelm Diefenbach. Eine übergreifende Organisation besaßen die verschiedenen Bewegungen nicht, dagegen bestanden zahlreiche Vereine. Ob die Reformbewegungen der Lebensreform eher als modern oder als anti-modern und reaktionär einzuordnen sind, ist umstritten. Beide Thesen werden vertreten. ...

Der Terminus Lebensreform zur Bezeichnung der sozialreformerischen Bewegung kam im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auf.[2] Die einzelnen Bewegungen entstanden als Reaktion auf Entwicklungen der Moderne und der Industrialisierung, die sie nicht als Fortschritt, sondern als Verfallserscheinungen ansahen. Wesentlich für ihre Entstehung war die Befürchtung, dass die moderne Gesellschaft beim Einzelnen zu ,,Zivilisationsschäden" und Zivilisationskrankheiten führe, die durch eine Rückkehr zu ,,naturgemäßer Lebensweise" vermieden und geheilt werden könnten. ,,Der Mensch in seiner zivilisationsbedingten Not sollte allerdings nicht im banalen Sinne geheilt werden. Die Lebensreform wollte sein Heil, seine Erlösung. [...] Die Weltanschauung der Lebensreform beinhaltet im Kern eine säkularisierte gnostisch-eschatologische Erlösungslehre." ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lebensreform (31. Dezember 2021)

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Lebensreform

Reformpädagogik
https://de.wikipedia.org/wiki/Reformp%C3%A4dagogik

Naturheilkunde
https://de.wikipedia.org/wiki/Naturheilkunde

Freikörperkultur
https://de.wikipedia.org/wiki/Freik%C3%B6rperkultur

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 ... "Modern zu sein", bringt es der Historiker Paul N. Edwards in seinem Essay Modernity and Infrastructure auf den Punkt, "bedeutet ein Leben innerhalb und mithilfe von Infrastrukturen."  Das Projekt der Moderne, was auch immer sonst es gewesen sein mag, war vor allem der radikale Ausbau nationaler, internationaler und globaler Infrastruktur. Und ein solcher Ausbau ist gewissermaßen ein Ausbau des Menschen. 

Quote[...] Infrastruktur ist unsichtbar, bis sie ausfällt. ... Plötzlich funktioniert nichts mehr. Flüge können weltweit nicht starten, die Notfallversorgung bricht vielerorts zusammen. In den sozialen Medien sammeln sich Fotos des blue screen of death – eines leeren blauen Bildschirms an Selbstbedienungskassen im Supermarkt, in TV-Studios, Snackautomaten, Shopping-Malls und sogar einer MRT-Maschine. Ein Update der Cybersecurity-Firma CrowdStrike – das durch den Zusammenbruch gestern schlagartig zu einem der bekanntesten Unternehmen weltweit geworden ist – hat bei vielen Windows-Computern einen Crash ausgelöst. Einmal mehr legt ein Unfall offen, wie groß die Probleme unserer globalen Infrastruktur sind. Einmal mehr legt ein Unfall offen, dass es an der Zeit ist, Tech-Monopole zu brechen. Doch der Reihe nach.

Infrastruktur hat eine seltsame Eigenschaft: Sie wird immer erst dann sichtbar, wenn sie aufhört zu funktionieren. Man denkt nicht über die Straße nach, bis man in ein Schlagloch fährt. Die Rohre in den Wohnungswänden bemerkt man erst während des Wasserschadens, die Kabel während des Stromausfalls. Und erst wenn der Zug verspätet ist, bemerkt man das Schienennetz – Letzteres in Deutschland also ständig.

Hören unsere Infrastrukturen auf zu funktionieren, hören wir auf zu funktionieren. Wie noch den eigenen Job verrichten, wenn Windows weltweit nur blaue Bildschirme zeigt? Wie noch ein Sozialleben führen, wenn das Handynetz zusammenbricht oder, noch banaler, der Akku leer geht?
Wozu wir in der Lage sind, wird bestimmt durch die uns verfügbare Infrastruktur. Ein Mantra, das zum Beispiel von Aktivisten für Barrierefreiheit mit Recht immer wieder wiederholt wird. Denn was auch immer der moderne Mensch laut humanistischer Tradition alles sein mag, ohne seine Infrastruktur bleibt wenig übrig davon. "Modern zu sein", bringt es der Historiker Paul N. Edwards in seinem Essay Modernity and Infrastructure auf den Punkt, "bedeutet ein Leben innerhalb und mithilfe von Infrastrukturen."

Das Projekt der Moderne, was auch immer sonst es gewesen sein mag, war vor allem der radikale Ausbau nationaler, internationaler und globaler Infrastruktur. Und ein solcher Ausbau ist gewissermaßen ein Ausbau des Menschen. 

Ob etwas als Infrastruktur gilt oder nicht, ist fast immer eine Frage des Maßstabs. Um im Winter von A nach B zu kommen, ist ein warmes Paar Socken genauso wichtig wie die Straße selbst. Dennoch wird mit Infrastruktur meist ein großes, technisches Versorgungssystem bezeichnet.
Ihre Größe und Komplexität verleiht Infrastruktur bestimmt Eigenschaften. Ein Beispiel: Im Zweiten Weltkrieg bauten die Briten einen Flughafen nahe Reykjavik auf Island, weil der bisherige zu klein für ihre militärischen Zwecke war. Sie baten die Isländer um finanzielle Unterstützung, doch die – so erzählt es der Medienphilosoph John Durham Peters in seinem Buch The Marvelous Clouds – zuckten nur mit den Schultern: "Sorry, nein", lehnten sie eine Beteiligung ab, "Aber tut euch keinen Zwang an, den Flughafen mitzunehmen, wenn ihr wieder geht."
Infrastruktur ist unglaublich träge und hartnäckig. Sie ist viel langlebiger als politische Legislaturperioden, einzelne Menschen und manchmal ganze Weltreiche – das British Empire ging 1997 zu Ende, der Flughafen Reykjavíkurflugvöllur wird heute noch benutzt. Auch die römischen Aquädukte und die Chinesische Mauer haben ihre Baumeister lange überdauert.

Selbst nachdem Infrastruktur in ihrer ursprünglichen Form verschwindet, wirkt sie oft nach: Die Unterseekabel, die das globale Internet bilden, liegen die heute besonders unter jenen Schiffsrouten, auf denen früher Kolonialreiche Gewürze, Raubgüter und Sklaven um die Welt schifften: Wer global gutes Internet hatte, war lange Zeit eine Frage ehemaliger kolonialer Strukturen. Ein weiteres, teilweise umstrittenes Beispiel ist, dass die Standardspurbreite der US-Eisenbahn unhandliche vier Fuß und 8,5 Zoll beträgt (ca. 143 cm), da die Engländer sich dafür an den Spurrillen ihrer Straßen orientiert hatten. Diese waren wiederum ein Erbe des römischen Reichs, wo die übliche Wagenbreite knapp 143 cm betrug – ungefähr die Breite von zwei Pferdehintern.
Alles baut aufeinander auf. Die Prioritäten der Vergangenheit färben dabei die infrastrukturellen Möglichkeiten unserer Gegenwart und Zukunft. 

Diese Prinzipien und Anekdoten mögen abstrakt scheinen, bestimmen jedoch maßgeblich unser tägliches Leben. Denn Infrastruktur ist selbstverständlich politisch. Das sieht man zum Beispiel an Robert Moses, dem wohl einflussreichsten Stadtplaner in der Geschichte von New York City. Die Brücken, die er entlang des Long Island Park bauen ließ, waren zu niedrig, um Busse unter sich hindurchzulassen. Das bedeutete, dass ärmere Menschen ohne eigenes Auto, besonders schwarze und puerto-ricanische Familien, nur schwer zu den Jobs und Freizeitaktivitäten in der Stadt kamen. Bis heute wird heiß diskutiert, ob Moses' wohlbekannter Rassismus dafür verantwortlich ist oder nicht. So oder so, der Effekt war der gleiche: Infrastruktur als Werkzeug der Exklusion.
Ein bisschen heimatnäher ist die strukturelle Unterinvestition in die Deutsche Bahn durch eine Reihe von CSU-Verkehrsministern in den vergangenen 20 Jahren. Sowohl Union als auch FDP vermitteln zwar gerne das Bild der Deutschen als passionierte Autofahrer, mit Benzin im Blut und Asphalt im Herzen, aber das ist nicht ganz vollständig. Die Wahrheit ist schlicht, dass die Deutsche Bahn im internationalen Vergleich so kaputtgespart wurde, dass das Auto im Vergleich aufgewertet wurde. Fast 20 Prozent aller Gleise wurden zurückgebaut, die Anzahl der Weichen wurde praktisch halbiert und einige Städte werden vom Fernverkehr schlicht nicht mehr angesteuert. Beheben lässt sich das nicht von heute auf morgen: Der angestrebte "Deutschlandtakt" einer Deutschen Bahn, die so verlässlich werden soll wie die der Schweiz, wird nun erst für 2070 angestrebt. Bis dahin haben die Ex-Verkehrsminister Dobrindt, Scheuer und Ramsauer für viele Menschen die Notwendigkeit des Autos strukturell in der deutschen Mobilitätsinfrastruktur verankert. Und das obwohl die Union längst nicht mehr regiert.

Brücken, die ärmere Menschen aus der Stadt fernhalten. Schienen, die auch noch im Jahr 2024 zwei Pferdehintern breit sind. Die marode Deutsche Bahn. An diesen Beispielen sieht man: Infrastruktur bestimmt unsere Möglichkeiten; sie ist hartnäckig, träge und langlebig; und sie kann politische Programme weit über Legislaturperioden hinaustragen. Das bringt uns nun endlich zurück zu CrowdStrike, Microsoft und den Abermillionen blauen Bildschirmen am Freitag.

Microsoft ist ein Marktführer, sagenhafte 70 Prozent aller Desktopcomputer weltweit nutzen Windows. Jedes technische System geht früher oder später mal kaputt, das liegt schlicht in der Natur der Sache. Niemand drückte das schöner aus als der französische Philosoph Paul Virilio in seinem Buch Der eigentliche Unfall, wo er schreibt: "Das Segel- oder Dampfschiff zu erfinden, bedeutet, den Schiffbruch zu erfinden. Die Eisenbahn zu erfinden, bedeutet, das Eisenbahnunglück des Entgleisens zu erfinden. Das private Automobil zu erfinden, bedeutet die Produktion der Massenkarambolage auf der Autobahn." Es hat eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet CrowdStrike den IT-Unfall ausgelöst hat, also ein Cybersecurity-Unternehmen, das eigentlich vor Unfällen bewahren soll. Doch wer Gefahren auf der einen Ebene beseitigt, schafft immer Gefahren auf einer neuen – das ist das Paradox der Infrastruktur.

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Aus: "Erst wenn der Bildschirm blau wird, wachen wir auf" Titus Blome (20. Juli 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2024-07/it-stoerung-microsoft-update-infrastruktur-monopol

QuoteTheTaiPan

Letztendlich hat Crowdstrike nur das Gebot der FDP umgesetzt: Digitalisierung first, Bedenken second.


QuoteKlunkerkranich

,,......wenn der Akku leer geht."

Diese Ausdrucksweise tut fast körperlich weh.


QuoteJogi311

Meiner Meinung nach treffend analysiert. Es ist nicht die Digitalisierung, die so etwas verursacht, wie uns so mancher Querdulli weismachen will, sondern Monopole in der Infrastruktur...


Quoteyagi

Alles hat seinen Preis in dieser Moderne, dieser Vor-KI-Infrastruktur, doch schon heißt es wieder, der Mensch sei Schuld wie damals bei Tschernobyl!


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Quote[...] Thomas Mann bescheinigte der Psychoanalyse 1929 in seiner ersten großen Rede über Sigmund Freud die Bedeutung einer ,,Weltbewegung", von der ,,alle möglichen Gebiete des Geistes und der Wissenschaft sich ergriffen zeigten". Die Psychoanalyse sei ,,einer der wichtigsten Bausteine, die beigetragen worden sind zum Fundament der Zukunft, der Wohnung einer befreiten und wissenden Menschheit." Solche Lobreden auf Freud und die Psychoanalyse finden sich bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zuhauf. Höchst umstritten war die Psychoanalyse unter ihnen gleichwohl.

Die literarische Moderne zeigte sich an der Psychoanalyse interessiert, seit diese existierte, zuerst in Wien, spätestens seit 1910 in allen anderen deutschsprachigen Zentren des literarischen Lebens, seit den zwanziger Jahren in ganz Europa und in den USA. Viele Autoren der Moderne waren durch ihre psychologische, medizinische oder psychiatrische Ausbildung für die Rezeption der Psychoanalyse geradezu prädestiniert: Robert Musil, Alfred Döblin (der sich selbst zeitweilig als einen ,,Psychoanalytiker" bezeichnete) und vor allem Arthur Schnitzler. Andere kamen als Patienten mit der Psychoanalyse in engste Berührung: Hugo von Hofmannsthal, Hermann Hesse, Arnold Zweig, Hermann Broch oder Robert Musil.

Als 1930 in Frankfurt hinter den Kulissen heftig darum gestritten wurde, wer den Goethe-Preis erhalten sollte, war es vor allem den Repräsentanten der literarischen Moderne, namentlich Alfred Döblin, zu verdanken, dass Freud die Auszeichnung erhielt. Von erheblicher Bedeutung war, dass in der zweiten Sitzung der Jury ein Antrag auf Verleihung des Nobelpreises an Sigmund Freud verlesen wurde. Dreißig Schriftsteller hatten ihn unterzeichnet, auch Thomas Mann, obwohl seine persönlichen und literarischen Beziehungen zu Freud durchaus ambivalent waren. Die Lektüre von Freuds Essays Zeitgemäßes über Krieg und Tod hatte Spuren in der während des Krieges begonnenen Arbeit am Roman Der Zauberberg hinterlassen. Sogar jener Schlüsselsatz, der als einziger im Druck hervorgehoben ist, greift die Essays zum Teil wörtlich auf. ,,Wäre es nicht besser, dem Tode den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt", hatte Freud geschrieben. Thomas Mann modifizierte den Satz im Zauberberg-Roman so: ,,Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken."

Es geht hier um Herrschaftsansprüche und um deren Zurückweisung. ...

Im Zauberberg reagiert Hans Castorp auf die Konfrontationen mit Krokowski mit Symptomen unkontrollierte Emotionen, die zu zentralen Gegenständen der Psychoanalyse gehören, zunächst mit Lachen und Tränen: ,,Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!", ruft er laut nach den Informationen seines Vetters. Und ,,nun nahm seine Heiterkeit überhand. Er war ihrer gar nicht mehr Herr, nach allem andern hatte die Seelenzergliederung es ihm vollends angetan, und er lachte so sehr, daß die Tränen ihm unter der Hand hervorliefen, mit der er, sich vorbeugend, die Augen bedeckte." Literarisch vorgeführt werden hier Bestandteile von Freuds Lachtheorie, die das Lachen als abrupte Freisetzung libidinöser Energien begreift, die sich der Kontrolle durch das Bewusstsein entziehen. ,,Er war ihrer gar nicht mehr Herr" ist vermutlich eine Anspielung auf die berühmt gewordene Formulierung in Freuds Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17) mit der Beschreibung der Kränkung, dass das Ich ,,nicht einmal Herr ist im eigenen Hause". Wenn von den Tränen die Rede ist, die ,,ihm unter der Hand hervorliefen", operiert der Autor weiterhin mit psychonalytischem Wissen über Symbolisierungen sexueller Inhalte. Mit Castorps Wort ,,widerlich" liefert der Text darüber hinaus eine Illustration dessen, was Freud als ,,Widerstand" gegen die Psychoanalyse beschrieben hat. Die Schilderung von Castorps unkontrollierbarem Lachen bestätigt die Annahmen jener Disziplin, gegen die Castorp sich zunächst wehrt.

... Die sich in der Psyche abspielenden Kämpfe, deren Darstellung in der damaligen literarischen Moderne weit verbreitet war, betreffen nicht nur Krokowski und Castorp, sondern die ganze Zauberberg-Gesellschaft und auch die Konflikte zwischen den Personen in ihr. Antagonisten sind vor allem Settembrini als Repräsentant aktiver Aufgeklärtheit und der gegenaufklärerische Naphta, der ihn als Zivilisationsliteraten verspottet. Settembrini wiederum hat gegenüber Krokowski und der Psychoanalyse eine zwiespältige Einschätzung. Auf die Frage ,,Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?" antwortet Settembrini: ,,Sehr schlecht und sehr gut, beides abwechselnd". Die Psychoanalyse sei gut als ein ,,Werkzeug der Aufklärung und der Zivilisation", das ,,dumme Überzeugungen erschüttert", ,,die Autorität unterwühlt" und ,,Knechte reif macht zur Freiheit". Sie sei schlecht, ,,insofern sie die Tat verhindert, das Leben an den Wurzeln schädigt, unfähig, es zu gestalten". Weniger ambivalent ist Thomas Manns Einschätzung der Psychoanalyse und ihres Repräsentanten im eigenen Roman. Dr. Krokowski sei zwar ,,ein bißchen komisch", erklärte er 1925 über Mein Verhältnis zur Psychoanalyse. ,,Aber seine Komik ist vielleicht nur eine Schadloshaltung für tiefere Zugeständnisse, die der Autor im Inneren seiner Werke der Psychoanalyse macht."

... Nach der Veröffentlichung des Romans hat ebenfalls Thomas Manns Umgang mit Freud eine Wendung genommen. Motiviert wohl auch durch die abgeschlossene Arbeit am Zauberberg, beginnt Thomas Mann danach eine intensivere Lektüre von Freuds Schriften, schreibt über ihn immer mehr, wechselt mit ihm Briefe und gehört, wie schon erwähnt, 1930 zu den dreißig Schriftstellern, die einen Antrag auf Verleihung des Nobelpreises an Sigmund Freud unterschreiben. Freuds Position bei der Analyse der Kämpfe in der Psyche der Menschen entwickelt das Konzept eines integrativen, selbstreflexiven Ich, das die Ansprüche des Es, der Realität und des Über-Ich gleichsam pazifistisch auszugleichen versucht. Dem schließen sich Thomas Manns Aufsätze über ihn weitgehend an. Und auch schon Der Zauberberg steht ihm darin nah.

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Aus: "Der Seelenzergliederer Dr. Krokowski in dem vor 100 Jahren erschienenen Roman ,,Der Zauberberg" - Thomas Manns Auseinandersetzungen mit der Psychoanalyse" Thomas Anz (2024)
Archiv / Frühere Ausgaben / Nr. 11, November 2024 / Schwerpunkt: 100 Jahre "Der Zauberberg"
Quelle: https://literaturkritik.de/dr-krokowski-in-dem-vor-100-jahren-erschienenen-zauberberg-von-thomas-mann,30936.html

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Quote[...] Vor 150 Jahren kam der Schriftsteller Thomas Mann in Lübeck zur Welt. Zum Jubiläum spürt das St. Annen Museumsquartier in seiner Heimatstadt den Motiven des berühmten Romans ,,Der Zauberberg" in Vergangenheit und Gegenwart nach.

... die Kuratorinnen, Barbara Eschenburg und Buddenbrookhaus-Direktorin Caren Heuer, wagen ein Experiment: Sie destillieren und dampfen Manns Meisterwerk radikal ein, um es für ein breites Publikum mit Bezügen zur Gegenwart lesbar zu machen.

Wie eine Epoche in der kollektiven Missachtung der Realitäten in einen Krieg rauscht. Wie sich Moderne, Todessehnsucht und zahllose Ressentiments zu einer tödlichen Mischung verbinden, während ,,Zauberberg"-Protagonist Hans Castorp weltflüchtige Nabelschau betreibt, steht im Zentrum dieser immersiven Schau.

... Der Trend zum Okkulten als Gegenbewegung zur physischen Durchleuchtung ist ebenso Thema wie Castorps Affäre mit Madame Chauchat oder seine Gespräche mit anderen Patienten über Politik, Psyche und das eigene Ende.

Inmitten einer kränkelnden Gesellschaft, die im Sanatorium umsorgt und zugleich auf vielfältige Art diszipliniert wird, relativiert sich jedoch vor allem die Zeit.

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Aus: "Lübecker Ausstellungen umkreisen Thomas Manns ,,Zauberberg": Krähen im Sanatorium" Christiane Meixner (11.02.2025)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/lubecker-ausstellungen-umkreisen-thomas-manns-zauberberg-krahen-im-sanatorium-13169698.html

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Eva Illouz (* 30. April 1961 in Fès, Marokko) ist eine französisch-israelische Soziologin. Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität Jerusalem sowie an der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris und außerdem an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Sie hat umfangreiche Beiträge zur Soziologie der Emotionen, zur Kultur und zum Kapitalismus geleistet. Sie war die erste Frau, die als Präsidentin der Bezalel Academy of Arts and Design diente. Ihre Werke, darunter das Buch Der Konsum der Romantik, haben bedeutenden Einfluss in der soziologischen Forschung und sind in viele Sprachen übersetzt worden. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Eva_Illouz

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Quote[...] Wut gegen Eliten, Angst vor der Zukunft, Neid auf Bessergestellte: Gefühle haben politische Sprengkraft. Die israelisch-französische Soziologin Eva Illouz untersucht in ihrem neuen Buch "Explosive Moderne" den Gefühlshaushalt einer Epoche.

Mit soziologischen Abhandlungen auf die Bestseller-Liste kommen? Eva Illouz kann das. Sie ist eine der bekanntesten Vertreterinnen ihres Faches, ihr wichtigstes Thema: Gefühle. Zu ihren viel gelesenen Büchern gehören die Bände "Warum Liebe weh tut" und "Warum Liebe endet" – Illouz hat untersucht, wie Gefühle in der Konsumkultur zur Ware werden und wie Populisten gezielt mit "undemokratischen Emotionen" arbeiten.

"Explosive Moderne" nun, das neue Buch von Eva Illouz, will die inneren Widersprüche einer ganzen Epoche sichtbar machen – an Gefühlen wie Zorn, Neid, Furcht, Nostalgie, Scham oder Stolz. Unter "Moderne" versteht Illouz dabei mehr als einen Zeitraum, es geht ihr um eine "historische Dynamik" unterschiedlicher Entwicklungen. Dazu gehören der Bruch mit Tradition und Religion, die Idee, alle Menschen seien grundsätzlich gleich, außerdem eine "technologiegestützte Kultur mit ihrem endlosen Strom von Bildern des guten Lebens".

Auf die Einzelnen also kommt es an, sie haben ein Recht auf Freiheit und Entfaltung, sind aber für ihr Glück auch selbst verantwortlich. Dafür steht der "amerikanische Traum", ein klassisches Motiv der Moderne, verbundenen mit den großen Gefühlen Hoffnung, Enttäuschung und Neid. Das Versprechen, jede und jeder könne es schaffen, wird fast nie erfüllt, der Kapitalismus hat den Neid, der in der christlichen Tradition zu den Todsünden zählte, als Treiber des ökonomischen Fortschritts entdeckt. Gut fühlt er sich dennoch nicht an.

Das ist eine der vielen Spannungen im emotionalen Haushalt der Moderne, die Illouz beschreibt. Ein anderes Beispiel: Furcht. Der neuzeitliche Staat, auch der liberale, zieht seine Legitimation aus der Zusage, Bürgerinnen und Bürger vor Gewalt zu schützen, innerer wie äußerer. Genau das aber habe, so Illouz, zu einer Vervielfachung öffentlicher Ängste geführt, zu Ängsten vor Terrorismus, Straßengewalt, der Macht Chinas oder dem Klimawandel.

Illouz betrachtet Politik und Geschichte, zieht Theorie heran – und immer wieder Literatur. Homer, Proust und Jane Austen kommen vor, an "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist verhandelt das Buch unbändigen Zorn gegen Ungerechtigkeit, an Flauberts "Madame Bovary" eine Unzufriedenheit bürgerlichen Lebens, die sich in schwelgerische Fantasien flüchtet. Gefühle sind etwas Innerliches und zugleich gesellschaftlich geformt, sie sind, schreibt Illouz, "der Dialog, den wir sotto voce mit der Welt führen". Und dafür interessieren sich Literatur und Soziologie gleichermaßen.

Eva Illouz spannt in ihrem lesenswerten und gut lesbaren Buch weite kulturgeschichtliche Bögen auf. Das kann sehr erhellend sein – ist zugleich aber auch ein Problem. Wenn Illouz etwa im Zusammenhang mit radikalem Zorn innerhalb weniger Absätze von Kleists Kohlhaas über den Arabischen Frühling, Black Lives Matter, Osama Bin Laden und wieder zurück zu Kohlhaas führt, dann wird zwar das Vergleichbare in der Emotion und ihrer Mobilisierung sichtbar. Die historischen und politischen Kontexte aber bleiben vage.

Mit der Arbeit an einer "Grammatik der Gefühle" bekommt man die Misere der Moderne noch nicht zu fassen. Es käme darauf an, Machtverhältnisse und Überzeugungssysteme genauer zu verstehen, die dem Gefühl ihren Stempel aufdrücken.

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Aus: ""Explosive Moderne" von Eva Illouz: Gefühle sind nicht privat" Beate Meierfrankenfeld (28.10.2024)
Quelle: https://www.br.de/nachrichten/kultur/explosive-moderne-von-eva-illouz-gefuehle-sind-nicht-privat,USUUTWv