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[Zur Ethik / Moral (Notizen)... ]

Started by Link, November 04, 2020, 02:03:15 PM

Link

QuoteFürchtet euch nicht!, 20. August 2023

Pragmatisch betrachtet könnte man sagen, Moral ist eine meist ungeschriebene soziale Übereinkunft, welche Handlungen, Worte und Haltungen im Sinne eines gedeihlichen Zusammenlebens erwünscht sind und bestärkt werden sollen.

So lange eine verbindliche religiös begründete Moral existiert hat, hat diese auch Zeiten politischer und gesellschaftlicher Unmoral übertauchen geholfen und sozusagen als ethisches Hintergrundrauschen die Kompasse der Bürger weiter kalibrierbar gemacht.

Das haben wir inzwischen größtenteils verloren.
Dazu kommt die starke Wandlung und Durchmischung der Gesellschaften, mit der Folge dass es nur mehr einen sehr geringen Konsens gibt, welche Handlungen als gut/richtig zu sehen sind und welche nicht.

Moral in der Krise.



Kommentar zu: https://www.derstandard.de/story/3000000183335/kann-die-moral-den-weg-in-eine-andere-zukunft-weisen

QuoteFranz Klug

Dass man sich als Mensch gegenseitig hilft und nicht ausbeutet bzw umbringt ist eigentlich eine moralische Konstante die sich durch die ganze Geschichte der Menschheit zieht.
Dass die Menschen auch ohne Religion schon vor Jahrtaus. moralisch gut leben konnten und heute gut leben ist Fakt.
Das Problem heute ist dass im Namen von Staaten/Religionen immer noch unmoralisch zu morden aufgerufen wird und die Menschen leider diesen Aufrufen folgen.
Daher bräuchte es eine welweite Resilienz gegen diesen Missbrauch des Bürgers durch Staat und Religion. Und durch die Pluralisierung der Gesellschaft braucht es einfach mehr Toleranz, damit unterschiedliche Moralvorstellungen ausgehalten werden und ein bisserl abgehen von der zu starken ICH Kultur.


Quotewrtlprmft

"Das haben wir inzwischen größtenteils verloren."

DAS (also die Behauptung einer verbindlichen Moral) kommt aber gerade durch alle Ritzen wieder über uns.
Wenn der WDR eigene alte Sendungen jetzt mit Warnhinweisen versieht (bei Otto, Schmidt-Einander, Schimanski), geschiehts mit dem Anspruch, allgemeingültig eine schlechte Moral benennen zu können. Der erläuternde Beisatz (diese Sendung sei Teil der Filmgeschichte und daher nicht zensiert, sondern nur mit Warnung versehen) macht klar: Nur deshalb dürfen die bösen Szenen (die leider ungenannt bleiben) vorerst bestehen bleiben. Anderen Sendungen steht dies nicht mehr zu. https://www.berliner-kurier.de/panorama/wdr-warnt-vor-witzen-von-harald-schmidt-und-otto-waalkes-li.380331

...


QuoteHaigha

Aktivismus mit Moral und Moral mit geheucheltem Moralisieren gleichzusetzen, ist ein praktischer Denkfehler. Damit schafft man es, Klimaaktivismus genauso zur schrillen Empörung zu erklären, wie Videospiel-Boykottaufrufe von Transaktivisten, Polizeiverbotsforderungen von BLM oder Wortschöpfungen wie "mehrgewichtig".
Damit geht vollkommen verloren, welche legitimen Interessen die Gruppen hinter den Aktivisten haben könnten.

Bei Gruppen wie Feministinnen im Iran würde uns nie einfallen, das so abzutun. Weil es uns selbst nicht betrifft? Oder weil am Ende doch jeder moralisch handeln möchte und überzeugt ist, ohnehin schon die perfekte Moral gefunden zu haben?



QuotePoste nur sehr selten

Zuerst kommt das Fressen dann die Moral

Dieser Satz war eigentlich noch nie gültiger als jetzt! Gerade Moral wird für die meisten Menschen immer unwichtiger. Und auch bei Politikern wird sie immer unwichtiger. Siehe zB Trump und seine Anhänger. Wer was anderes behauptet lebt immer noch in seiner wohlbehüteten Blase.


Quotethanks for all the fish!

"Das Fühlen rückt immer stärker ins apolitische Denken, die eigene Subjektivität gerät zum einzig anerkannten Maßstab"

Darf ich dies bei den nächsten aktivistischen Artikeln zu identitätspolitischen Themen in dieser Zeitung zitieren?



QuoteInara Serra

Kann die Moral den Weg in eine andere Zukunft weisen?
Nein. Kann sie nicht. Weil Moral subjektiv und nicht verbindlich ist.

Eine gesellschaftlich anerkannte und verbindliche "Moral" ist die Gesamtheit der Gesetze, an die sich alle halten müssen. Sonst hat jeder seine Moral, nach der er sich richtet. Aber die eines anderen kann schon wieder ganz anderes sein.


QuoteFragmichwas

Tja - die Verwirrung der Begriffe ...

Moral

Ethik

Konvention

Legalität

Das Gute

Das Gerechte

Die Tugend

Die Tugendethik

Die Regelethik

Die Normenethik

Die Nützlichkeitsethik

Die Metaethik

Die Begründung der Ethik

Methoden der Ethik

Warum lesen die Leute nicht einfach Lehrbücher zur Philosophie und zwar nicht einzelne Philosophen oder Epochen sondern

Themen und Methoden der Philosophie?

Sonst denken sich die Leute ja auch nicht, dass sie nicht einmal die Grundrechnungsarten beherrschen müssen um über Mathe mitzureden oder keine Grundkenntnisse der Anatomie besitzen zu müssen um über Medizin mitzureden.

Nur bei der Philosophie quatschen alle einfach drauf los :)


QuoteGeigererzähler

Moral muss man sich generell erst mal leisten können. ...


QuoteWarmduscher2022

Moral ist kein Massstab, da im Gegensatz zu Gesetzen nicht eindeutig definiert. Was für den einen moralisch vertretbar ist kann für den anderen unmoralisch sein.
Beispiel Fremdgehen, für A ist es eine schwere Verfehlung, eine Todsündeund ein Scheidungsgrund andere Ehepaare sehen das locker und gehen in den Swingerclub. Ohne das zu werten, wer bestimmt da was moralisch ist? ...


...

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Die Ethik ist jener Teilbereich der Philosophie, der sich mit den Voraussetzungen und der Bewertung menschlichen Handelns befasst und ist das methodische Nachdenken über die Moral.  ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Ethik

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Ethik

https://de.wikipedia.org/wiki/Ethisches_Dilemma

https://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_der_rationalen_Entscheidung

https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeitstheorien

https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeitsforschung

... Die zentrale Stellung der Idee des Guten in der Ideenlehre hat auch Konsequenzen für Platons Erkenntnistheorie. Dieser zufolge wird alles menschliche Wissen erst dadurch nützlich und vorteilhaft, dass ein korrekter Bezug zur Idee des Guten hergestellt wird. Nur dieser Bezug ermöglicht echtes Wissen, das nicht von ungeprüften Annahmen ausgeht, sondern von der Kenntnis der wahren Ursache all der Dinge, auf die es sich bezieht. Beispielsweise verleiht die Idee des Guten allen Tugenden Funktion und Zweck. Daher kann man eine Tugend nur dann völlig verstehen und infolgedessen auch wahren, wenn man weiß, inwiefern sie gut ist. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Gute

Höchstes Gut oder Ziel ist dasjenige Gut, dem unbedingter Wert beigelegt wird. Daher wird es in der philosophischen Ethik auch als letzter Zweck des moralischen Handelns angesehen, als höchster handlungsleitender Wert und höchstes Ziel. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6chstes_Gut

Das Übel (ahd.: abel, ibel, ubil) ist in der Philosophie ein Begriff, der alles bezeichnet, was dem Guten entgegengesetzt ist. Es ist vom Bösen zu unterscheiden, mit dem es häufig verwechselt wird. Übel ist der allgemeinere Begriff, der das Böse umfasst. Alles Böse gehört zum Übel, aber nicht jedes Übel gehört zum Bösen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_%C3%9Cbel

Unter Amoralismus (lat. amoralis ,unsittlich') versteht man die Lehren der praktischen Philosophie, die moralisch hergeleitete Normen überhaupt ablehnen, in neuerer Zeit auch die, die ein Leben überhaupt losgelöst von Moralvorstellungen postulieren. Es gibt auch den Begriff Immoralismus, der manchmal ähnlich wie Amoralismus, manchmal in abweichender Bedeutung gebraucht wird. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Amoralismus

Das Wort Tugend (von mittelhochdeutsch tugent ,Kraft, Macht, [gute] Eigenschaft, Fertigkeit, Vorzüglichkeit'; lateinisch virtus, altgriechisch ἀρετή aretḗ) ist abgeleitet von taugen; die ursprüngliche Grundbedeutung ist die Tauglichkeit (Tüchtigkeit, Vorzüglichkeit) einer Person. Allgemein versteht man unter Tugend eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung. Im weitesten Sinne kann jede Fähigkeit zu einem Handeln, das als wertvoll betrachtet wird, als Tugend bezeichnet werden. In der Ethik bezeichnet der Begriff eine als wichtig und erstrebenswert geltende Charaktereigenschaft, die eine Person befähigt, das sittlich Gute zu verwirklichen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Tugend

Der Begriff der Gerechtigkeit (griechisch: δικαιοσύνη dikaiosýne, lateinisch: iustitia, englisch und französisch: justice) bezeichnet seit der antiken Philosophie in ihrem Kern eine menschliche Tugend, siehe Gerechtigkeitstheorien. Gerechtigkeit ist nach dieser klassischen Auffassung ein Maßstab für ein individuelles menschliches Verhalten.
Die Grundbedingung dafür, dass ein menschliches Verhalten als gerecht gilt, ist, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird. Wobei in dieser Grunddefinition offen bleibt, nach welchen Wertmaßstäben zwei Einzelfälle als zueinander gleich oder ungleich zu gelten haben.
In der Erkenntnis, dass kein Mensch für sich beanspruchen kann, stets und unter allen Gesichtspunkten gerecht zu handeln, setzte sich im Mittelalter die Auffassung durch, wonach Gerechtigkeit keine menschliche, sondern eine göttliche Größe sei. Gerechtigkeit konnte es nach dieser Auffassung nur im Himmel und nicht auf Erden geben. In der Renaissance wurde die Göttlichkeit der Gerechtigkeit durch die Idee eines Naturrechts ersetzt. Die Gerechtigkeit sei im Prinzip in der Natur schon angelegt und der Mensch müsse danach streben, diese Gerechtigkeit zu erkennen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeit

Metaethik oder Fundamentalethik versucht die Natur der Moral im Allgemeinen zu bestimmen und arbeitet dabei beispielsweise semantische Analysen moralischer Urteile aus. Inhaltliche Aussagen bezüglich der moralischen Bewertung einzelner Handlungen werden dagegen nicht gemacht. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Metaethik

Die Gesinnungsethik ist eine der moralischer Theorien, die Handlungen nach der Handlungsabsicht und der Realisierung eigener Werte und Prinzipien bewerten, und zwar ungeachtet der nach erfolgter Handlung eingetretenen Handlungsfolgen. ... Ein Beispiel für die Gesinnungsethik ist die Haltung der Zeugen Jehovas, die Bluttransfusionen ablehnen und den Kriegsdienst kategorisch verweigern, selbst wenn sie dadurch ihr eigenes Leben gefährden. Ein Gegensatz zu einer Ethik, die sich vorrangig an den Konsequenzen der Handlungen orientiert – diese wird als konsequentialistische Ethik, Verantwortungsethik oder Erfolgsethik bezeichnet – entsteht in Entscheidungssituationen, in denen ein moralisches Dilemma vorliegt. So ist es in Deutschland grundsätzlich untersagt, Menschenleben gegeneinander aufzuwiegen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Gesinnungsethik

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Quote[...] EU-Staaten dürfen nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs auch für rituelle Schlachtungen eine Betäubung des Tieres vorschreiben. Rituelle Schlachtungen als solche würden nicht verboten und damit werde die Religionsfreiheit geachtet, befanden die Richter des höchsten EU-Gerichts am Donnerstag. Das Urteil kommt überraschend, da ein EuGH-Gutachter kürzlich noch zu dem Schluss gekommen war, derartige Vorschriften widersprächen dem Recht auf Religionsfreiheit. Religionsvertreter kritisierten das Urteil scharf, Tierschützer begrüßten es.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sprach von einem Angriff auf die Religionsfreiheit. Man hoffe, dass es keine Nachahmer in Europa finde und andere EU-Staaten die religiöse Schlachtung weiterhin ermöglichten. Bini Guttmann, Präsident der Europäischen Union jüdischer Studenten, warnte gar, die Ermöglichung eines Schächt-Verbots ,,könnte jüdisches Leben, so wie wir es kennen, langfristig unmöglich machen".

Verhandelt wurde ein Rechtsstreit aus Belgien. Dort hatte die Region Flandern die Schlachtung ohne Betäubung 2017 aus Tierschutzgründen verboten. Jüdische und muslimische Verbände klagten dagegen. In beiden Religionen gibt es Vorschriften zum Schlachten ohne Betäubung – dem Schächten, um Fleisch koscher beziehungsweise halal herzustellen. Den Tieren wird dabei mit einem Schnitt Speiseröhre, Luftröhre und Halsschlagader durchtrennt; sie bluten dann aus.

Der Deutsche Tierschutzbund begrüßte das EuGH-Urteil: Es sei gut, dass daraus hervorgehe, dass es Wege gebe, sowohl der Religionsfreiheit als auch dem Tierschutz gerecht zu werden. Oftmals werde es so dargestellt, ,,dass beides nicht in Einklang zu bringen ist". In ihrem Statement verwiesen die Tierschützer auf Betäubungsarten, die bereits von vielen Muslimen akzeptiert würden.

Dem Urteil vom Donnerstag zufolge lässt das EU-Recht zwar in Ausnahmefällen und im Sinne der Religionsfreiheit die rituelle Schlachtung ohne vorherige Betäubung zu. Die EU-Staaten könnten aber dennoch dazu verpflichten, die Tiere zu betäuben.

Die Konferenz der Europäischen Rabbiner (CER) zeigte sich empört über die Entscheidung. Ihr Präsident, Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt, teilte mit, die Entscheidung stehe ,,im Widerspruch zu den jüngsten Erklärungen der europäischen Institutionen, dass jüdisches Leben geschützt werden soll". Der Versuch der Richter, das religiöse Schlachten zu definieren, sei ,,absurd". Das Verbot werde ,,nachhaltige Auswirkungen auf die jüdische Gemeinde in Europa haben".

In anderen EU-Staaten wie Schweden oder Dänemark ist es hingegen verboten. In Deutschland können aus religiösen Gründen zwar Ausnahmen erteilt werden. Dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) zufolge seien solche Ausnahmeregelungen in einigen Teilen der Bundesrepublik aber schon nahezu unmöglich. Grund sei eine Zunahme an Auflagen, da hierzulande Tierschutz schon länger stärker berücksichtigt werde.

ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek beobachte deswegen, dass einerseits immer mehr geschächtetes Fleisch importiert und andererseits immer wieder inoffiziell geschächtet werde. ,,Und das wollen wir eigentlich nicht." Dass ein Urteil bewerte, was als Teil eines religiösen Ritus möglich ist oder nicht, sei ,,der falsche Weg", kritisierte Mazyek. Veränderungen sollten durch die Religionsgemeinschaften selbst und nicht von außen erfolgen. ,,Der Ritus ist jahrtausendalter Teil jüdischen und muslimischen Lebens."


Aus: "EuGH-Urteil : Juden und Muslime kritisieren Einschränkung des rituellen Schlachtens" (17.12.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/juden-und-muslime-kritisieren-einschraenkung-des-schlachtens-17107115.html

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#2
"Der Fall Julian Reichelt : Springer verschickte Drohschreiben" Axel Weidemann (22.10.2021)
... Im Zuge des internen Compliance-Verfahrens gegen Julian Reichelt hat der Springer-Konzern Drohschreiben verschickt. Ein Justiziar warf dem Anwalt einer der betroffenen Frauen vor, ihr Aussage-Protokoll an die Medien durchgestochen zu haben. ... Auf die Frage (die auch der Spiegel ursprünglich an Springer gerichtet hatte), wie das rechtliche Vorgehen gegen Schertz und seine Mandantin mit der in der NYT zitierten Aussage einer Springer-Sprecherin zusammenpasse, nach der man in dieser Sache niemanden anrühre, der Beschwerden vorzubringen hat, heißt es in der Stellungnahme: Man müsse ,,die Integrität des Compliance-Verfahrens und die Rechte aller daran beteiligten Personen schützen". ...
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/fall-julian-reichelt-springer-verschickte-drohschreiben-17598467.html


"Erst wenn es weh tut, klappt es mit der Ethik"
Was uns der Fall Julian Reichelt sagt Ein Kommentar von Caroline Fetscher (19.10.2021)
Zur Kursänderung kommt es, wie so oft, erst durch die bedrohte Reputation, den gefürchteten Aufstand oder den noch mehr gefürchteten finanziellen Verlust. Kurz ist die Reichweite symbolischer Funksignale, die nichts oder wenig kosten. Lang dagegen ist der Weg von der habituellen Doppelmoral zur Ethik. ...
https://www.tagesspiegel.de/politik/was-uns-der-fall-julian-reichelt-sagt-erst-wenn-es-weh-tut-klappt-es-mit-der-ethik/27719460.html

Quotebetroffener72378 19.10.2021, 20:33 Uhr

    Erst wenn es weh tut, klappt es mit der Ethik

Wenn das Geschäftsmodell der Verkauf von Hetzblättern ist, wie bei Springer, dann klappt es auch nicht mit der Ethik.


Quoteletterfromboston 19.10.2021, 18:38 Uhr

...

    Doch wackere Worte sind das eine, Taten das andere.

Schade, dass es der NYT bedurfte, um Springer zur Korrektur zu zwingen. Ob der Effekt lange anhalten wird, darf bezweifelt werden ...


QuoteGradella 19.10.2021, 18:25 Uhr

was man hier auch - mal wieder - gut sehen kann, dass der Weg von der habituellen Doppelmoral zur Ethik in Deutschland doch etwas länger ist als beispielsweise in den USA ...


...

Quote[...] Nach Informationen des NDR hat der mutmaßliche Machtmissbrauch durch den ehemaligen BILD-Chefredakteur Julian Reichelt deutlich größere Ausmaße als bislang bekannt. Reporterinnen des ARD-Formats ,,Reschke Fernsehen" hatten Kontakt zu 13 Frauen, die den Schilderungen zufolge Anmachen, Affären und berufliche Auswirkungen erlebt haben. So beschreibt eine ehemalige Mitarbeiterin, wie Julian Reichelt sie zu einem Treffen gedrängt habe. ,,Irgendwann habe ich eingewilligt. Es kam zum Sex.". Er habe sie nicht gezwungen, aber sie habe aus Angst vor Konsequenzen im Job nicht ,,Nein" sagen können. ,,Die schlimmste Entscheidung meines Lebens", so die damalige BILD-Mitarbeiterin.
Der interne Bericht von Springer, für den der Verlag im Zuge der Aufklärung die Kanzlei Freshfields beauftragt hatte, unterstreicht die Aussagen.  So heißt in einem bisher unbekannten Dokument, dass eine Frau ,,eindrücklich und glaubhaft" von ihrer Beziehung zum BILD-Chefredakteur berichtet habe. Auch berufliche Vorzüge wurden demnach ebenfalls glaubhaft von der Betroffenen geschildert. ,,Mehrere konkrete und uns bekannte Beispiele zeigen, dass die persönliche Interessen Herrn Reichelts hier gegenüber den unternehmerischen deutlich überwiegen", heißt es in dem Protokoll.

Andere Frauen berichten in ,,Reschke Fernsehen", wie sie berufliche Nachteile durch ihre Aussagen im Rahmen der Aufklärung bei Springer erleben mussten. "Ich habe gegen Julian Reichelt ausgesagt und wurde anschließend, als er von seiner Beurlaubung zurückkam, subtil aus meinem Job befördert", schildert eine ehemalige BILD-Mitarbeiterin in ,,Reschke Fernsehen". Eine andere Frau bestätigt diese Erfahrung. ,,Auch ich war so naiv zu glauben, ich könne mich vertraulich an interne Ansprechpartner wenden, - aber natürlich landete auch das direkt bei ihm. Und ich war wenig später meinen Job los." Zudem erheben mehrere Betroffene den Vorwurf, im laufenden Verfahren beeinflusst worden zu sein. So berichtet eine Frau davon, wie sie von Vertrauten Julian Reichelts bedrängt worden sei, nicht gegen ihn auszusagen. Mehrere Betroffene schildern, wie vertrauliche Informationen aus dem Compliance Verfahren bei Julian Reichelt landeten. Julian Reichelt äußerte schriftlich über seinen Anwalt, dass alle Vorwürfe ,,unwahr" seien und ,,Teil einer Verleumdungskampagne".

Unterdessen fordern Betroffene des mutmaßlichen Machtmissbrauchs durch Julian Reichelt von Springer und Vorstandschef Mathias Döpfner eine öffentliche Entschuldigung. Die bisherigen Äußerungen von Vorstandschef Mathias Döpfner kämen einer ,,Verhöhnung" gleich, äußert eine Betroffene gegenüber dem NDR, ,,zutiefst verachtend" und ,,beleidigend" den Frauen gegenüber. Rechtsanwalt Christian-Oliver Moser, der eine weitere Betroffene vertritt, fordert eine Entschuldigung für ,,systematisches Fehlverhalten im Verlag" sowie eine Richtigstellung der öffentlichen Äußerungen. Der Verlag müsse die Aussage korrigieren, dass es sich um einen Einzelfall handelte. Mathias Döpfner hatte in einer Videobotschaft kurz nach dem Rauswurf von Reichelt gesagt, die interne Untersuchung hätte lediglich einen Fall einer ,,einvernehmlichen Beziehung mit einer Mitarbeiterin" belegt.

Die Recherchen von ,,Reschke Fernsehen" werfen auch Fragen hinsichtlich des Umgangs von Springer mit dem Fehlverhalten des ehemaligen Chefredakteur Julian Reichelt auf. Demnach haben mindestens zwei Mitarbeiterinnen von BILD bereits im Herbst 2019 über Einsendungen in den anonymen Briefkasten bei BILD schwere Vorwürfe gegen Julian Reichelt erhoben. In ihren Schreiben berichten sie von Machtmissbrauch, Drogenkonsum und Affären des BILD-Chefredakteurs. So schildert in ,,Reschke Fernsehen" eine der Einsenderinnen, ,,dass Frauen unter Druck gesetzt werden, da mitzumachen, weil sie sonst beruflich abgestraft werden. Dass die Frauen sehr unter der Situation leiden". Aus Angst vor persönlichen Konsequenzen möchte sie nicht namentlich genannt werden. Die Einsendungen wurden demnach dem Vorstand vorgelegt. Der Springer-Verlag antwortete auf einen umfassenden Fragenkatalog mit einer generellen Stellungnahme: "Wir haben unsere Lehren aus der Vergangenheit gezogen, was die kulturelle Entwicklung betrifft, bereits viel verändert, und schauen jetzt wieder nach vorne."

Nur eine ehemalige Mitarbeiterin hat bislang rechtliche Schritte gegen Springer eingeleitet. Sie reichte im August 2022 Klage bei einem Gericht in Los Angeles ein. Das Verfahren wurde allerdings noch vor Eröffnung eines etwaigen Prozesses eingestellt. Nach Informationen von ,,Reschke Fernsehen" erhielt die Frau eine Geldzahlung und schloss eine Vereinbarung mit Springer, nicht mehr über den Fall zu sprechen.


Aus: "Fall Reichelt: Ausmaß des mutmaßlichen Machtmissbrauchs bei BILD größer als bekannt" (16. Februar 2023)
Quelle: https://www.ndr.de/der_ndr/presse/mitteilungen/Fall-Reichelt-Ausmass-des-mutmasslichen-Machtmissbrauchs-bei-BILD-groesser-als-bekannt,pressemeldungndr23736.html

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Quote[...] Am Sonntagnachmittag wählte Hotz ungewöhnlich ernst klingende Worte: »Ich möchte mich gern kurz zu den Vorwürfen äußern«, schrieb er auf seinem »El Hotzo«-Account bei X und Bluesky: »Ich war in den letzten Jahren in Beziehungen wiederholt untreu und habe anschließend meine Taten in immer komplizierter werdenden Lügenkonstrukten vertuscht und die Glaubwürdigkeit meiner (Ex-)Partnerinnen diskreditiert.«

Er habe »gelovebombt, gegaslighted, manipuliert und von Exklusivität gesprochen, Frauen hingehalten und Beziehungen verheimlicht, um nicht aufzufliegen«.

Könnte man dies noch als Privatsache abtun, stellt Hotz im Weiteren selbst einen Bezug zu seiner öffentlichen Rolle her. »Ich habe dabei meine Position und mein Image als reflektierter Medienmann ausgenutzt und viele Menschen damit sehr verletzt«, schreibt er.

Dass dieses Image das einer linken, vermeintlich fortschrittlichen und aufgeklärten Person ist, problematisiert »El Hotzo« in einem folgenden Post selbst: »Ich vertrete öffentlich komplett andere Werte, während ich privat so komplett gegensätzlich gehandelt habe.«

Hotz räumt ein, ihm seien in der Vergangenheit Chancen eingeräumt worden, sich zu bessern; er habe dies aber nicht getan und versucht, seine Lügen vor sich selbst zu rationalisieren. Er kommt aber zu dem Schluss: »Ich bin ein erwachsener Mensch und bin für mein Handeln selbst verantwortlich.« In einem letzten Post schreibt er: »Bei allen Menschen, denen ich wehgetan habe, möchte ich mich aus ganzem Herzen entschuldigen« und unterzeichnet – offenbar um klarzustellen, dass hier keine Kunstfigur spricht – mit »Sebastian«.

... Eine Kritikerin bezeichnete Hotz' Äußerungen in ihrer Instastory als »das bare minimum«. Sie ist nicht die Einzige, die darin »Schadensbegrenzung« sieht. Wie groß der Schaden letzlich ist, der da womöglich begrenzt werden soll, ist allerdings noch unklar.

feb/akü



Aus: "Sebastian »El Hotzo« Hotz entschuldigt sich für Fehlverhalten gegenüber Frauen" (16.12.2024)
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/el-hotzo-sebastian-hotz-entschuldigt-sich-fuer-fehlverhalten-gegenueber-frauen-a-23ba27a0-d40d-4955-8b1b-c7c97ba77aef

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Quote[...] Der Satiriker El Hotzo gilt als linker progressiver Feminist. Nachdem er sich jetzt öffentlich dazu bekannt hat, jahrelang (Ex-)Partnerinnen manipuliert zu haben, bricht für viele Fans eine Welt zusammen. Die bürgerliche Doppelmoral hat die Seiten gewechselt. ...


Aus: "El Hotzo – und die Entdeckung der linken Doppelmoral" Marie-Luise Goldmann (22.12.2024)
Quelle: https://www.welt.de/kultur/plus254902120/El-Hotzo-und-die-Entdeckung-der-linken-Doppelmoral.html

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Quote[...] El Hotzo ist besonders gut darin, Witze über das Patriarchat zu reißen, und wird beschrieben als jemand, der "fürs Woke-Sein" berühmt ist. Nach kryptischen Anschuldigungen seiner Ex-Freundin meldet sich Sebastian Hotz mit einer Entschuldigung: Er habe als Mann in einer Machtposition diese ausgenutzt und die Vorteile des Patriarchats voll ausgeschöpft.

... Angefangen bei einer Ex-Freundin, die am Donnerstag, dem 12. Dezember 2024, Folgendes auf X (vormals Twitter) schrieb: "Stellt euch rein hypothetisch vor, ihr wart mal mit wem zusammen, der berühmt fürs Woke-Sein ist, aber privat seit Jahren systematisch Frauen belügt und betrügt und sie mit tiefen mentalen Problemen zurücklässt."

Fans des Autors war schnell klar, wer hier dieser "fürs Woke-Sein" berühmte Mann sein soll, und ein Fan-Account verlangte online nach einer Stellungnahme – die er bekam.

... Nun könnte man sagen, so weit, so gut: Da ist einer, der zu seinem toxischen Verhalten öffentlich steht und sich entschuldigt.

Einige Influencer:innen sehen aber das Problem woanders: Denn genau dieser Mann hat davon profitiert, so zu tun, als stünde er über solchen Machtspielen der patriarchalen Welt, die er immer wieder so kritisiert.

Diesen Gegensatz beschreibt El Hotzo auch selbst in seinem dritten Tweet: "Ich vertrete öffentlich komplett andere Werte, während ich privat komplett gegensätzlich gehandelt habe."

... Doch neben dem Fehlverhalten, das diese nach außen hin so reflektierten Männer an den Tag legen, müsse man auch den unkritischen Umgang mit ihnen in den Blick nehmen, so Madeline Alizadeh.

In seinen Kommentaren liest man vor allem ein Stichwort: Doppelmoral. Doch diejenigen, die sich schon länger mit dem Patriarchat auseinandersetzen, wird die Überraschung, die man von einigen Hotzo-Fans im Internet als Reaktion auf sein Statement liest, seltsam vorkommen.

Die Frage, mit der wir nach der ganzen Kontroverse zurückbleiben, ist vor allem: Wissen wir es nicht schon lange besser, als eine satirische Kunstfigur im Internet mit der echten Persona zu verwechseln?

Eins ist klar: Für echten feministischen Wandel braucht es für alle cis Dudes sehr viel länger, als sich einen Ruf als guten Satiriker aufzubauen.

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Aus: "El Hotzo steht in der Kritik für frauenfeindliches Verhalten: die Kontroverse im Überblick" Katharina Walser und Hannah Madlener (17. Dezember 2024)
Quelle: https://www.glamour.de/artikel/el-hotzo-kritik-frauenfeindliches-verhalten-kontroverse-uberblick

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Quote[...] Und wieder haben wir einen von den Guten verloren. Gemeint ist El Hotzo. Der Satiriker, der mit bürgerlichem Namen Sebastian Hotz heißt, und eigentlich das Images des Politisch-Korrekten und feministischen Saubermanns pflegt, hat seine weiße Weste beschmutzt.

Normalerweise profiliert sich die selbsternannte Internetpersönlichkeit über satirische Tweets oder Instagram-Posts, die den Zeitgeist treffen. Gesellschaftskritisch, feministisch und lustig: Dafür lieben – oder sollte ich besser "liebten" schreiben – ihn seine vielen Follower:innen. Sein moralischer Ton gehörte zur satirischen Überhöhung, genau wie das ironisch gebrochene Kommentieren des Fehlverhaltens anderer.

...  Hotz' Verhalten hinterlässt ein Gefühl von: "Wenn nicht mal er ein Guter ist, wem können wir dann überhaupt noch trauen?" Fehler passieren und eine anständige Fehlerkultur bedeutet auch, Menschen zu ermöglichen, zu diesen zu stehen und es in Zukunft besser zu machen. Und doch fügt es sich in eine Beobachtung ein: Dass sich insbesondere linke Männer oftmals als Feministen ausgeben und die "richtigen" Thesen vertreten, um damit ihr Image aufzupolieren.

Ob ein feministisches Buch ganz unauffällig auf dem Datingapp-Profil positioniert, die bunt lackierten Fingernägel oder ein Simone-de-Beauvoir-Zitat im WhatsApp-Status ... Nicht selten zeigt sich dann im Nachhinein, dass es mit schlauen Sprüchen eben nicht getan ist: Die eigentliche Arbeit fängt erst an, wenn wir uns alle mit unserer eigenen internalisierten Misogynie auseinandersetzen – und daran arbeiten, den verinnerlichten Frauenhass nicht weiterzuleben, sondern sich aktiv für ein anderes, wertschätzenderes Verhalten entscheiden.

Das gilt nicht nur Männern, sondern auch Frauen. Wir alle sind in gesellschaftlichen Strukturen aufgewachsen, die ein Machtgefälle zwischen Männern und Frauen aufweisen. "Deswegen bringt es auch nichts, nur ally zu sein", sagt Jo Lücke auf ihrem Instagram-Kanal. "Wer die innere Arbeit nicht leistet, die es braucht, um zu verlernen, dass Frauen angeblich minderwertige Menschen sind, wird immer wieder bewusst oder unbewusst danach handeln." Also liebe Männer, lieber El Hotzo, lasst die schlauen Sprüche weg und stattdessen lieber Taten folgen.

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Aus: "Schon wieder ein Mann, der Feminismus als Pick-up-Strategie nutzt" Eva Carolin Keller (18.12.2024)
Quelle: https://www.brigitte.de/aktuell/gesellschaft/el-hotzo--trauriges-gestaendnis-sorgt-fuer-unmut--13921924.html

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Quote[...] Internetkomiker ,,El Hotzo" hat gebeichtet, Ex-Freundinnen systematisch betrogen zu haben – öffentlich vertrat er jedoch völlig gegensätzliche Werte. Was lehrt uns das über Moral im Internet? Ein Gespräch mit Philosophieprofessor Hanno Sauer.

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Es ist natürlich sehr schmerzhaft für Menschen, belogen und betrogen zu werden. Wenn man die gebeichteten Vergehen aber vergleicht mit Skandalen, die in den letzten Jahren die Öffentlichkeit beschäftigt haben, sind sie relativ mild. Ein Beispiel: Bill Cosby, dem vorgeworfen wird, dass er Frauen mit Drogen gefügig gemacht und vergewaltigt hat. Das ist nicht annähernd das Niveau, das hier zur Debatte steht. Bei manchen Vergehen, über die El Hotzo berichtet, ist auch überhaupt nicht klar, warum das moralisch anstößig sein sollte.

Nur, weil es einen kritisch gemeinten Begriff gibt, heißt das nicht, dass es sich dabei auch um ein moralisches Vergehen handelt. El Hotzo spricht etwa von ,,Lovebombing". Das kann manipulierend eingesetzt werden. Aber es ist absurd, damit ein Verhaltensmuster zu beschreiben, das immer moralisch falsch ist. Enthusiastisches Kommunizieren kann auch die Ernsthaftigkeit des Interesses in der Bewerbungsphase einer Beziehung signalisieren und damit ein absolut erwünschtes Verhalten sein. Wenn jemand so elaboriert ein Geständnis ablegt für Vergehen, die eher milde sind, ist das immer verdächtig. Deswegen ist der Subtext auch so spannend.

Das Geständnis ist in zweierlei Hinsicht sehr gut geeignet, den Geständigen in einem sehr positiven Licht dastehen zu lassen. Es ist für einen Mann nicht besonders beschämend, gestehen zu müssen, viele Affären gehabt zu haben. In einer Position zu sein, in der man mehrere Beziehungen mit verschiedenen Frauen jonglieren muss, wird von mindestens der Hälfte des Publikums als Statussymbol wahrgenommen – auch von vielen Frauen übrigens, für die El Hotzo dadurch erst interessant wird. Er entschuldigt sich also für ein relativ mildes Vergehen und hinterlässt gleichzeitig die Botschaft, dass er ein Player ist.

Es bietet sich eine günstige Gelegenheit zur Selbstkritik für jemanden, dessen schonungslose Ehrlichkeit mit sich selbst zum Markenkern gehört. El Hotzo gibt zwar zu, dass er nicht nach den propagierten Werten gelebt hat – gleichzeitig zeigt er aber auch, wie man nach diesen Werten lebt, und zwar mit einer sehr guten Entschuldigung. Das ist keine Nonpology, also keine unehrliche Entschuldigung, er sagt nicht ,,Sorry, wenn ich eure Gefühle verletzt habe". Er übernimmt die Schuld, gibt seine Fehler zu, will sich ändern. Das ist vorbildlich, aber paradox, weil er damit die Vorbildlichkeit seines Verhaltens als Subtext mittransportiert. Im Prinzip sagt er also: Ich habe etwas getan, das eigentlich nicht ganz so schlimm ist, und jetzt schaut, wie vorbildlich ich damit umgehe.

Der progressive Diskurs frisst manchmal die eigenen Kinder. Wenn man eine schlecht konstruierte Entschuldigung vorbringt, wird man dafür kritisiert. Und bei einer sehr gut formulierten Entschuldigung auch. Es ist paradox, aber man kann dem moralischen Vorwurf nicht entkommen, auch wenn man alles richtig macht.

Wir Menschen hassen Heuchler. Wir hassen Leute, die Wasser predigen und Wein trinken. Es enttäuscht uns. Dabei ist es übrigens auch egal, aus welchem politischen Spektrum die Person kommt. Heuchlertum ist keine spezifisch linke Haltung, wie oft behauptet wird. Es gibt zahlreiche Beispiele von evangelikalen Homophoben, die selbst in irgendwelchen Gassen beim Sex mit Männern erwischt wurden.

Dass Menschen die eigene Tugend besonders darstellen wollen, gab es schon immer. Durch soziale Netzwerke ist die moralische Selbstdarstellung billig geworden. In den Neunzigerjahren hätte man sich ganz schön anstrengen müssen, um 5000 Menschen als moralisches Vorbild zu überzeugen. Einen Post zu schreiben, wie schrecklich Armut ist und damit ein sehr großes Publikum zu erreichen, ist leicht. Soziale Medien schaffen zudem starke Anreizstrukturen, die moralische Selbstdarstellung und Performance prämieren. Der Diskurs wird gewissermaßen gamifiziert. Es geht um Likes und Retweets, das ist wie Punkte sammeln. Durch diese Dynamiken kommt es auch zu einem konstanten Innovations- und Eskalationsbedarf.

Ich kann auf sozialen Netzwerken beklagen, dass es so viele Obdachlose gibt. Dann sagt jemand anderes: Schön und gut, aber wir sagen nicht mehr ,,obdachlos", sondern ,,unbehaust". Und der Nächste sagt: Besser wäre ,,hausberaubt". Es gibt eine permanente Innovationsdynamik. Jeder will sich selbst noch ein wenig moralisch feinfühliger darstellen, noch besorgter um soziale Gerechtigkeit. Das wird von vielen Leuten als wahnsinnig nervig wahrgenommen. Aber man kann dieses moralische Signal auch nur weiter erhalten, in dem man es weiter eskaliert und immer noch einen draufsetzt.

Es ist eine Falle. Unsere moralischen Instinkte und Verhaltensweisen sind eigentlich gemacht für das Leben in kleinen Gruppen mit Menschen, die man kennt. Diese Instinkte werden nun transportiert in eine Umgebung, in denen wir plötzlich von extrem vielen Menschen gehört werden. Als würde man mit einem Abhörgerät durch die Stadt laufen und hören, was die Leute am Tisch sagen. Es gibt noch kaum Filter oder Sicherungsmechanismen. Und auf der anderen Seite gibt es viele Anreize wie Likes, Retweets und Monetarisierung. Das ist eine toxische Mischung, die unseren sozialen Diskurs vorübergehend zu zerstören droht. Aber es gibt auch erste Filtersysteme: Bei X kann man sich an Beiträge erinnern lassen – und überprüfen, ob Prognosen tatsächlich eingetroffen sind. Damit wird eine Rechenschaftspflicht hergestellt. Aber das ist erst in den Anfängen.

Ich glaube, man kann diese Nettorechnung so nicht machen. Es gibt Werte, die zu Recht erodieren, weil sie nicht mehr unserer Gesellschaft entsprechen. Man hat ja lange Zeit vorehelichen Sex stigmatisiert. Vor 200 Jahren mag das sinnvoll gewesen sein, aber heute gibt es keinen Grund mehr. Damit ist aber ja – wenn man so will – der Wert der Keuschheit vor der Ehe verfallen. Jemanden zu heiraten, ist für Frauen nur noch die zweitbeste Option, die erstbeste ist, allein zu bleiben. Das bedeutet aber auch: 5 Prozent der Männer gehen leer aus. Da findet also ein Trade-off, eine Art Ausgleich, statt. Das bedeutet nicht, dass diese Entwicklung falsch ist. Aber durch sie entstehen neue Fragen.

Gesellschaften wie unsere sind über Jahrhunderte gewachsen. Ungerechte Strukturen zu ändern, dauert wahnsinnig lange. Das finden wir frustrierend, und um überhaupt etwas zu verändern, helfen wir uns mit Symbolpolitik und erfinden neue Begriffe wie eine Ersatzhandlung. Für die intellektuelle Elite, die es gewohnt ist, permanent einen neuen Jargon zu lernen, ist das nicht schwer. Dann sagen wir eben nicht mehr ,,obdachlos". Andere finden das nervig, weil es nicht ihre Natur ist, ständig neue Wörter zu lernen. Die wollen ihre alten Wörter behalten.

Die Polarisierung existiert, wird aber grob überschätzt. Wenn man viel auf sozialen Medien ist, denkt man, die Leute sind alle irre. Aber die meisten Menschen sind im Alltag viel weniger radikal. Es heißt nicht umsonst ,,Touch some grass", also ,,Geh mal vor die Tür". Dann kann man sehen: Mit den allermeisten Menschen eint uns mehr als uns trennt. Wir sind uns zum Beispiel sehr einig darüber, dass es eine allgemeine Krankenversicherung geben sollte. Das ist ein grundlegendes Thema, spielt aber politisch keine Rolle, weil sich daraus kein politisches Kapital schlagen lässt.
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Ich würde generell davon abraten, sich einen Ende 20-Jährigen auf Social Media als moralische Autorität auszusuchen. Das sollten Menschen sein, die sich entweder durch intellektuell hervorragende Leistungen oder Inkaufnahme hoher persönlicher Kosten ausgezeichnet haben.

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Aus: ",,Selbstkritischer Player ist eine ziemlich gute Message": Über El Hotzo und die Moral" Interview: Kira von der Brelie (20.12.2024)
Quelle: https://www.rnd.de/wissen/el-hotzo-gesteht-betrug-was-seine-beichte-ueber-moral-verraet-LUJVIKEW55E2FHVO2AIXFQRK44.html

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Quote[...] Der Satiriker ,,El Hotzo" hat sich auf X offenbart und in der milieutypischen Selbstkasteiung wie die Süddeutsche Zeitung anmerkt, zur Schau gestellt. Er beschuldigt sich dem systematischen ,,Lovebombing", des ,,Gaslightings" und damit dem Betruge in einer Beziehung.

Was folgt ist die erwartbare Aufregung von links bis rechts, die nichts an der Gegenwart ändert aber sich in Zufriedenheit der Aufregung erhebt.

Hotzo selber stellt sich gewissermaßen an den Pranger, auch das in einer Selbstinszenierung, der Flucht in die Öffentlichkeit, die sagen soll: seht her, auch ich bin schuldig und indem ich mich selbst öffentlich an den Pranger stelle, tue ich Buße und weiß um das Fegefeuer des Prangers, an dessen Ende ich auf Läuterung hoffen darf.

Was folgt ist die Aufregung der Rechten, die ohnehin die Moralität der Linken verachten und sich nun erneut darüber amüsieren, dass erneut ein Linker über das hohe moralische Roß stolpert, als auch die Aufregung der anderen Seite, die in vielen Worten altbekanntes zum Besten geben weiß.

Was aber interessiert dies die Öffentlichkeit oder hat es zu interessieren und welche Lehren sind daraus zu ziehen?
Zunächst mal, dass das Private politisch ist und nicht wenige Accounts merken an, dass natürlich auch Vergehen in einer Beziehung, also das systematische Belügen als seelische Grausamkeit zu brandmarken ist.
Bemerkenswerterweise scheint es so, dass dies in linken Kreisen einzig und allein dem Mann anzurechnen ist. Das es sich dabei um geschlechterspezifisches Fehlverhalten handelt ist neu, dass aber dieses Verhalten durch das Patriarchat begünstigt wird nicht.

Nun ist die Auseinandersetzung von und mit Beziehungen, die immer auch ein wenig die Hölle sind nichts Neues. Seit Anfang der Menschheit steht das zwischenmenschliche Drama im Mittelpunkt einschließlich des Betruges, der Lüge, dem Scheitern.

Neu ist die Interpretation dies vermehrt mit geschlechterspezifischen Kriterien zu erklären. ,,Lovebombing", ,,Gaslighting" , ,,Ghosting" und co sind dazu die Begrifflichkeiten, die dem Ganzen einen Namen geben. Einen Namen, der in der Selbstpathologisierung der Gesellschaft und Geschlechter eine pandemische Ausbreitung findet. Den einfachen Betrug oder ,,Fremdgehen" gibt es nicht mehr. Das Schweigen ist ,,Ghosting", dass zu schnelle offenbaren der Gefühle ,,Lovebombing" das immer auch auf der unterbewussten Ebene zur Manipulation der Gefühle und Abhängigkeit führen soll. Ob man dies bewusst tut oder nicht ist egal – denn ein Fehler ist es.

Über das Drama von ,,Hotzo" werden nicht nur in den Tageszeitungen Texte verfasst sondern das Internet füllt sich mit Kommentaren, Videos und weiteren, so wie diesem Text hier.

Der ,,linke Mann" ist immer auch Täter, so darf man viele Texte verstehen, denn er bleibt ein Mann und im Patriarchat sind alle Männer Teil des Problems. Aber holzschnittartige Zuschreibungen von juristischen Kategorien wie ,,Opfer" und ,,Täter" ändern selten etwas.

Der Versuch daraus gesellschaftliche Folge abzuleiten, die Verhältnisse zu ändern im Sinne echter Gleichberechtigung fällt weg. Es reicht aus, sich in der Aufregung entweder selbst anzuprangern oder selbst darüber klar zu sein, auf welcher Seite man steht und sei es allein deswegen die richtige Seite, weil man durch Verwendung des Wortes ,,Feminismus" und der Selbstbezeichnung sich auf der sicheren Seite weiß.

Die Beichte von Hotzo wird ihn nicht ändern, ebenso wenig wie die Verletzungen heilen. Die Aufregung darüber, die Inszenierung von privatesten Berichten über das Zusammenleben nichts an den Geschlechterverhältnissen ändern. Aber manchmal reicht es auch aus, sich auf der richtigen Seite zu wissen und für all das Geschehen die richtigen Begrifflichkeiten zur Hand zu haben.

Ob damit tatsächlich das Ziel einer echten Gleichberechtigung der Gesellschaft und letztlich Aufklärung erreicht werden kann, bleibt dabei und das ist das eigentliche Drama egal.

Und damit wir uns nicht falsch verstehen, es gibt an systematischen Betrug, den auch ich mir in solchen Beziehungen vorwerfen kann, nichts zu rechtfertigen.

Aber die öffentliche Inszenierung von Hotzo als vermeintlich ,,reuigen Sünder" und die Aufregung im Internet wird an den Geschlechterverhältnissen nichts ändern.


Aus: "Schuld und Urteil – über die Beichten des El Hotzos und das Drama ,,linker Männer"" Juergen Kasek (17. Dezember 2024)
Quelle: https://juergenkasek.wordpress.com/2024/12/17/schuld-und-urteil-ueber-die-beichten-des-el-hotzos-und-das-drama-linker-maenner/


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Quote[...] Der Philosoph Hanno Sauer hat der Moral und ihrer Geschichte ein eigenes Buch gewidmet: "Moral - die Erfindung von Gut und Böse" [Hanno Sauer erzählt die Geschichte unserer Moral von der Entstehung menschlicher Kooperationsfähigkeit vor 5 Millionen Jahren bis zu den jüngsten Krisen moralischer Polarisierung. Und er beschreibt, welche Prozesse biologischer, kultureller und historischer Evolution die moralische Grammatik formten, die unsere Gegenwart bestimmt. ...]

Man kann die Geschichte der Moral auch als eine Geschichte von verschiedenen Entgleisungen der Moral erzählen. Wir werden gerade Zeuge der jüngsten Entgleisung, aber das ist kein neues Phänomen. Es gibt immer wieder Krisen, die auf dem jeweils bestehenden oder erreichten Niveau gesellschaftlicher, technologischer, wirtschaftlicher oder politischer Entwicklungen neu ausgehandelt werden.

... Es ist eines meiner Hauptziele in dem Buch, zu betonen, welche absolut unverzichtbare Rolle, unsere kulturelle Entwicklung und unsere Fähigkeit zum sozialen Lernen von anderen spielt. Auch unsere Fähigkeit zur kumulativen Kultur - also zur von Generation zu Generation anwachsenden Kultur im Sinne von Wissensbeständen, Informationen, Fertigkeiten, Know-How, Institutionen und Regelsysteme. Das zeigt, dass wir unheimlich flexible Wesen sind, die in jeder Umwelt auf dem Globus zurechtkommen können. Es heißt, dass wir zu großer Vielfalt in unseren Lebensformen fähig sind. Wir können große und kleine Gesellschaften bauen, reiche und arme Gesellschaften. Wir sind kulturelle Wesen durch und durch. Das ist eine Tatsache, die indirekte durch unsere moralische Natur ermöglicht wird. Denn je besser wir durch Normen und Werte die Fähigkeit erwerben, größere Gruppen zu errichten, in denen wir leben, desto mehr kann es Arbeitsteilung geben, desto mehr kann es Innovation geben, und desto mehr können wir kooperativ an diesem geteilten kulturellen Wissensbestand arbeiten. Deswegen betone ich nicht nur die biologische Seite des Menschen als Spezies und wie unsere Moral uns als Spezies geformt hat, sondern eben auch sehr stark die kulturelle Variabilität und die kulturelle Evolution. Die Tatsache, dass wir kulturelle Wesen sind, hat letztlich zur Entstehung der Moderne und moderner Gesellschaften geführt hat.


Aus: ""Die Erfindung von Gut und Böse": Wie Moral entstanden ist" (NDR Kultur | Das Gespräch | 28.05.2023)
Quelle: https://www.ndr.de/kultur/Die-Erfindung-Gut-und-Boese-Wie-Moral-entstanden-ist,moral126.html

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Quote[...] Emotional erleben wir Moralisierung einer bisher sachbezogenen Diskussion wie einen plötzlichen Ortswechsel aus gemäßigten Breiten in große Kälte oder Hitze. In diesen neuen Gefilden, so spüren wir, gelten andere Spielregeln als vor der Moralin-Injektion; es geht schlagartig und dramatisch um mich, nicht mehr um etwas, das sich in sicherer Entfernung außerhalb befindet.

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Aus: "Das Gift der Moralisierung" Michael Andrick (10.02.2024)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/michael-andrick/debattenkultur-das-gift-der-moralisierung

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Quote[...] Habe die richtige Haltung und sprich' darüber, wie tugendhaft Du bist! So scheint die Maxime vieler Menschen zu sein, die mit den Diskursräumen der so genannten sozialen Netzwerke groß geworden sind. Der Philosoph Philipp Hübl meint: Facebook, Insta, X (ehemals Twitter) und Co. hätten Moral "immer mehr zum Statussymbol und die öffentliche Diskussion zu einem Moralspektakel" gemacht. Genau das, meint der Autor, sei die Grundlage von "Populismus, Symbolpolitik, verzerrter Forschung und wirkungslosen Maßnahmen gegen Diskriminierung". Hübel fordert: "Statt uns in Schaukämpfen zu profilieren, brauchen wir eine universelle Ethik, um reale Missstände zu beseitigen – einer Ethik, in der weder autoritäres Denken noch Opfergruppen im Mittelpunkt stehen, sondern der selbstbestimmte Mensch."

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Aus: "Philipp Hübl: Moralspektakel - Fragen an den Autor (25.08.2024)
Quelle: https://www.sr.de/sr/srkultur/radio/sendungen_a-z/uebersicht/fragen_an_den_autor/20240825_philipp_huebl_moralspektakel_fragen_an_den_autor_100.html

https://www.kultur-port.de/kolumne/buch/19389-philipp-huebl-moralspektakel.html

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Quote[...] Es gibt nur sehr wenige Bücher, die ich direkt nach dem Kauf in einem Rutsch verschlinge. Zu ihnen gehört seit heute Anne Rabes hellsichtiges Plädoyer Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral. Auf gut 200 Seiten spannt die Autorin einen Bogen vom deutschen Historikerstreit der 1980er Jahre über die Geopolitik seit 1989, die rassistischen Diskurse der deutschen Innenpolitik, Thilo Sarrazins anti-wissenschaftliches Machwerk Deutschland schafft sich ab, den Aufstieg der verfassungsfeindlichen AfD (trotz aller gelebten Widersprüche ihres Führungspersonals und ihrer programmatischen Nähe zum Nationalsozialismus) bis hin zur Nutzung von KI durch skrupellose Tech-Eliten, die die von ihnen angestrebten Machtstrukturen mit allen Mitteln gesellschaftlich durchsetzen wollen.

Besonders erschütternd ist Rabes auf Seite 75 zu findende, fast flehentliche Bitte an männliche Leser, beim Thema Gewalt gegen Frauen nicht auszusteigen. Wie brutal und verschlagen viel zu viele Männer vorgehen, um Frauen zu sexualisieren, zu verletzen und zu gefügigen Objekten männlicher Lust und Dominanz zu degradieren, kann auf den nachfolgenden Seiten eindrucksvoll besichtigt werden. Dieser Rezensent wünscht sich, dass solche Männer Einzelfälle und die Bitte Rabes an ihre männlichen Leser überflüssig wären. Leider ist das Gegenteil der Fall.

Auf fast allen gesellschaftlichen Gebieten, so konstatiert Rabe, fänden derzeit Rückzugsgefechte der Vernunft und der Moral statt – sei es bei der Besteuerung von Kapital, der Umweltpolitik und dem Klimaschutz, der gewaltfreien Kindererziehung oder der leider immer unzureichenderen Finanzierung der Sozialsysteme. Durch rechte Narrative der Ungleichheit werde das Leben aller Menschen schlechter, jetzt und in Zukunft. Eindrucksvoll unterstreicht Rabe dies immer wieder durch eingestreute persönliche Berichte, Tagebuchnotizen, Gespräche mit Freunden und Schilderungen aus der Kommunalpolitik der ostdeutschen Provinz. Dabei hat sie kein weiteres ,,Ostbuch" geschrieben, und das überwiegend faktenfreie Gejammere eines Dirk Oschmann ist ihr glücklicherweise vollkommen fremd.

Rabes Beobachtungen und Schlüsse treffen letztlich auf ganz Deutschland zu, lediglich die demographische und finanzielle Situation der vielbeschworenen Zivilgesellschaft mag in Westdeutschland (noch) deutlich günstiger sein. Über kleinere sachliche Fehler (z.B. die unzutreffende Gleichsetzung des Berliner Verwaltungsgerichts mit dem Kammergericht auf S. 189) sieht man auch deshalb gern hinweg, weil man als aufmerksamer Leser bei wirklich jedem (!) der zahlreichen aufgeworfenen Themen laut ,,Ja" rufen möchte. Viele Stellen der auch sprachlich immer treffenden Formulierungen möchte man am liebsten rot unterstreichen und mit Ausrufungszeichen versehen. Soviel politische Vernunft, menschliche Klugheit und zugleich Herzenswärme hat dieser Rezensent bisher noch in keinem Sachbuch zur aktuellen Situation des Landes finden können.

Schließlich ist das Buch trotz aller beschriebenen Gefahren für das Abrutschen der ,,westlichen" demokratischen Gesellschaften ins Autoritäre sogar tröstlich. Rabe konstatiert mehrfach: ,,Es könnte schlimmer sein." Und damit hat sie recht, denn noch gibt es in Deutschland weit mehr Demokraten als Feinde der Demokratie. Noch haben die neuen Nazis Angst vor Staatsanwälten und Gerichten. Noch haben wir eine demokratische Verfassung und eine lebendige Zivilgesellschaft. Zudem scheint aus Sicht der Evolution die Verschiedenheit der Menschen und ihre Fähigkeit zur friedlichen Kooperation erfolgreicher zu sein als die Möglichkeit des Menschen, sein eigener Wolf zu werden. Rabe schildert all dies eindrücklich an zahlreichen Beispielen. Eines davon ist die Integration des größten Teils der seit 2015 nach Deutschland geflüchteten Syrer – eine Erfolgsgeschichte, die vom rechten Rand zumeist unterdrückt oder verdreht wird.

Anne Rabe legt den Demokraten für die Verteidigung der Moral und der Vernunft auch einige Waffen in die Hand: Die Stärkung der ökonomischen Gleichheit durch eine weitaus stärkere Besteuerung des Kapitals als heute, eine verstärkte staatliche Unterstützung des Kampfes gegen rechts, ein AfD-Parteiverbot und nicht zuletzt die vielen guten Argumente in unser aller Umfeld können Wirkung entfalten, wenn wir als Demokraten für den demokratischen Rechtsstaat kämpfen und ihn nicht vom rechten Zeitgeist erodieren lassen. Dabei Kapitalismus und Privateigentum völlig zu verabschieden, kommt Rabe nicht in den Sinn – gut so, denn bisher hat sich kein anderes gesellschaftliches System als so menschenrechtsfördernd erwiesen wie eine rechtsstaatlich stark abgefederte soziale Marktwirtschaft. Sie muss allerdings erst wieder wahrhaft sozial werden. Allen Mitstreitern für Demokratie, Menschenrechte und eine bessere Welt sei Anne Rabes neuestes Werk mit Nachdruck ans Herz gelegt.


Zu: Anne Rabe: Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral. Erschienen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2025


Aus: "Zurüstung gegen die Moralverächter" Christian Säfken (16. August 2025)
Quelle: https://christian-saefken.de/zuruestung-gegen-die-moralveraechter/

Anne Rabe (* 1. April 1986 in Wismar) ist eine deutsche Dramatikerin, Lyrikerin, Drehbuchautorin und Essayistin.
https://de.wikipedia.org/wiki/Anne_Rabe

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