• Welcome to LINK ACCUMULATOR. Please log in.

[Politische Mythologie (Notizen) ... ]

Started by Link, September 30, 2020, 04:22:58 PM

Link

#20
Quote... Trump weigert sich bis heute, seine Niederlage bei der Wahl 2020 anzuerkennen. Ohne Belege behauptet er weiterhin, er sei durch Wahlbetrug um einen Sieg gebracht worden. ...

Aus: "Vor US-Zwischenwahlen: Biden besorgt über mögliche Wahlleugnung und politische Gewalt" (3. November 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000140491463/vor-us-zwischenwahlenbiden-besorgt-ueber-moegliche-wahlleugnung-und-politische-gewalt

-

67 Minuten dauerte das Telefonat, und Trump klingt in Teilen so wirr, dass im Saal immer wieder mal gelacht wird – trotz der Monstrosität der geschilderten Vorgänge. Aber es ist eben auch bizarr, wie der Ausschuss einmal mehr darlegt, dass eigentlich jeder um Trump herum und auch er selber wusste, dass die ,,big lie" vom Wahlbetrug Quatsch ist.

Quote[...] Diese Anhörung endet zutiefst menschlich. Anders als an den bisherigen drei Tagen nehmen die neun Ausschussmitglieder nicht den Ausgang rechts hinter dem Podium, auf dem sie stets wie auf einer Richterbank nebeneinandersitzen und der Öffentlichkeit ihre gesammelten Beweise präsentieren.

Am Dienstag erheben sie sich von ihren Plätzen und laufen zu der Tischreihe, an der jeweils die Zeugen sitzen. Der demokratische Ausschussvorsitzende Bennie Thompson, seine republikanische Stellvertreterin Liz Cheney, ihr Parteikollege Adam Kinzinger, Adam Schiff, der an diesem Tag durch die Anhörung geführt hat: Einer nach dem anderen bedanken sie sich mit innigen Umarmungen bei den beiden Frauen, die gerade ausgesagt haben, bei der Wahlhelferin aus Georgia, Shaye Moss, und ihrer Mutter Ruby Freeman.

Was die beiden Afroamerikanerinnen in der Sitzung des Untersuchungsausschusses berichtet haben, zeigt, mit welchem wahnhaften Eifer Donald Trump versucht hat, das Ergebnis der Präsidentschaftswahl 2020 zu kippen – und welche Konsequenzen das auch heute noch für diejenigen hat, die sich dem entgegenstellten.

Im Fall der beiden Frauen geschah dies einfach nur, weil Shaye Moss ihren Job machte. Sie erzählt, wie Trump auf einmal behauptete, dass sie eine professionelle Wahlfälscherin sei und wie sie daraufhin von dessen Anhängern rassistisch beschimpft und mit Gefängnis und Tod bedroht wurde. So sehr, dass sie wie alle anderen Wahlhelfer, mit denen sie damals in Wahlbezirk Fulton zusammengearbeitet habe, diesen Job nicht mehr wahrnehmen will.

Auch ihre Mutter, Inhaberin eines Modegeschäfts, die sich selbst ,,Lady Ruby" nennt, wurde mit hineingezogen. ,,Ich habe meinen guten Namen verloren, mein Sicherheitsgefühl."

Wenn sie essen bestelle, habe sie Angst ihren Namen anzugeben, schildert sie ihr Trauma. ,,Es gibt keinen Ort mehr, an dem ich mich sicher fühle. Wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten Sie ins Visier nimmt?"

Der vierte Tag der Anhörung des Untersuchungsausschusses des Repräsentantenhauses ist ganz der Kampagne gewidmet, wie Trump, Rudy Giuliani und andere Helfershelfer Verantwortliche in jenen Bundesstaaten unter Druck setzten, die für den Wahlausgang entscheidend waren – und das, obwohl ihm Anwälte und Berater immer wieder versichert hatten, dass seine Wahlbetrugsvorwürfe haltlos seien. Dies wurde in den zurückliegenden Ausschusssitzungen deutlich.

Besonders für Georgia habe Trump eine ,,besondere Obsession" gehabt, sagt der Vorsitzende Thompson am Dienstag. Hier hat er es so weit getrieben, dass der Wahlleiter Gabriel Sterling, ein Republikaner, damals vor laufender Kamera einen Wutanfall hatte.

Das müsse sofort aufhören, rief Sterling erregt bei einer Pressekonferenz am 1. Januar 2021 in Atlanta, nachdem Trump schon wochenlang auf mit der Wahl befasste Personen Druck ausübte. Es werde Verletzte, möglicherweise Tote geben, wenn der Präsident dies nicht einstelle.

Wie recht er mit seinen düsteren Warnungen hatte, zeigte sich fünf Tage später, als ein Mob das Kapitol in Washington stürmte, um den Kongress davon abzuhalten, den Wahlsieg von Joe Biden offiziell zu zertifizieren. Heute sagt Sterling: ,,Ja, ich habe die Fassung verloren. Aber es erschien mir damals notwendig, weil es immer schlimmer wurde."

Auch sein ebenfalls republikanischer Chef, der für die Wahlorganisation in Georgia zuständige Innenminister Brad Raffensperger, ist nach Washington gekommen, um öffentlich auszusagen. Ihn hatte Trump damals in einem Telefonat unverhohlen aufgefordert, genügend Stimmen für seinen Wahlerfolg in Georgia zusammenzubringen.

Eine Aufnahme des Gesprächs wurde damals an Medien weitergegeben, Teile davon werden nun vorgespielt. Da kann man zum Beispiel hören, wie Trump sagt: ,,Ich will nur 11.780 Stimmen finden" – genau eine Stimme mehr, wie er gebraucht hätte, um anstelle von Biden in Georgia zum Sieger gekürt zu werden.

Raffensperger, der Trump in dem Telefonat mehrfach widerspricht, betont am Dienstag, es gebe keinerlei Zweifel, dass Biden die Wahl in Georgia mit einem Abstand von rund 12.000 Stimmen gewonnen habe. Das hätten auch mehrere Neuauszählungen bestätigt. ,,Die Zahlen sind die Zahlen, und die Zahlen lügen nicht", sagt er.
67 Minuten dauerte das Telefonat, und Trump klingt in Teilen so wirr, dass im Saal immer wieder mal gelacht wird – trotz der Monstrosität der geschilderten Vorgänge. Aber es ist eben auch bizarr, wie der Ausschuss einmal mehr darlegt, dass eigentlich jeder um Trump herum und auch er selber wusste, dass die ,,big lie" vom Wahlbetrug Quatsch ist.

Auch sein Ex-Justizminister William Barr ist am Dienstag wieder auf der Leinwand über den Ausschussmitgliedern zu sehen, in dem gezeigten Video sagt er über Georgia: Trumps Vorwürfe hatten keine Grundlage, ,,wir haben niemals irgendeinen Beweis für Betrug gesehen". Gestoppt hat das Trump bekanntlich nicht.
Besonders eindrücklich ist auch die Live-Aussage des (republikanischen) Sprechers des Repräsentantenhauses von Arizona, Rusty Bowers, der ebenfalls enorm viel Druck aushalten musste, weil er den Behauptungen entgegentrat, in seinem Bundesstaat sei bei der Wahl am 3. November geschummelt worden. ,,Niemand hat mir je Beweise für Wahlbetrug vorgelegt."

Als er Trump und Giuliani um solche gebeten habe, habe Trump das Giuliani aufgetragen. Aber der habe nicht geliefert. Giuliani habe dann später erklärt: ,,Wir haben viele Theorien, aber wir haben keinen Beweis." Er habe nicht Trumps Bauernopfer sein, sagt Bowers.

Das Trump-Team sei auf ihn auch mit der Theorie zugekommen, dass die Wahlmänner Bidens einfach ausgetauscht werden könnten und dass er dazu die Macht habe. ,,Ich hatte das noch nie gehört", beschreibt Bowers seine damalige Reaktion. Man habe ihn nach etwas gefragt, was ,,komplett gegen seinen Eid" verstoße.

Aber der Druck hörte nicht auf, im Gegenteil: 20.000 Emails, Zehntausende SMS und Anrufe hätten sein Büro arbeitsunfähig gemacht, erzählt Bowers. Und: Es wurde persönlich.

Wochenlang seien Protestierende vor seinem Wohnhaus aufmarschiert, berichtet Bowers, der selbst mal Trump-Fan war. Diese hätten ihn als pädophil, pervers und korrupt beschimpft, ihn bedroht und seine Nachbarschaft tyrannisiert. Besonders bitter: Seine Tochter war damals schwer krank und starb wenige Wochen später.
Die Zeugen des Untersuchungsausschusses haben wohl selbst nicht gedacht, dass ihr Widerstand gegen Trump sie mal zu einer Art moderner Helden machen würde. Ähnlich ergeht es Liz Cheney, die wegen ihrer Kritik an dem ehemaligen Präsidenten inzwischen in ihrer Partei ziemlich isoliert dasteht.

Ihre Schlussworte an diesem Tag sind eine Mahnung, auch, weil die Gefahr für die amerikanische Demokratie alles andere als vorbei ist. ,,Institutionen verteidigen sich nicht selbst. Das tun einzelne Menschen."


Aus: "Untersuchungsausschuss zum Sturm auf das Kapitol Im Visier von Trump – weil sie ihren Job machten" Juliane Schäuble (22.06.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/untersuchungsausschuss-zum-sturm-auf-das-kapitol-im-visier-von-trump-weil-sie-ihren-job-machten/28443942.html

-

Quote[...] Gegen Trumps falsche Anschuldigungen vorzugehen sei wie der Versuch gewesen, mit einer Schaufel den Ozean zu leeren, sagte Sterling. Trump verteidigte das Telefonat mit Raffensperger in sozialen Medien und beschrieb es als "perfekt".

... Bowers beschrieb, wie der Wahlverlierer Trump ihn nach einem Kirchenbesuch am Sonntag anrief und vorschlug, die Wahlleute des US-Staats durch Gefolgsleute Trumps zu ersetzen. "Ich sagte: Schau mal, du verlangst von mir, etwas zu tun, was meinem Eid widerspricht", sagte Bowers dazu. Er habe darauf gepocht, Belege für den von Trump unterstellten Wahlbetrug zu sehen. Diese habe das Team des Ex-Präsidenten jedoch niemals erbracht. Einmal habe Trumps Anwalt Rudy Giuliani zu ihm gesagt: "Wir haben viele Theorien, uns fehlen nur die Beweise."

... Die Demokraten sehen in Trumps Verhalten bis hin zu seiner Rede am 6. Januar 2021, mit der er seine Anhänger mutmaßlich zum Sturm aufs Kapitol aufstachelte, einen versuchten Putsch. Viele, die sich gegen ihn stellten, sind bis heute Drohungen ausgesetzt.


Aus: ""Wir haben viele Theorien, uns fehlen nur die Beweise"" (22. Juni 2022)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/2022-06/usa-donald-trump-wahl-untersuchungsausschus-kapitol?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

QuoteK. W. #3

"Trump behauptet bis heute ohne Belege, er sei durch Wahlbetrug um den Sieg bei der Präsidentenwahl 2020 gebracht worden."

Donald Trump sollte 2024 eine zweite Chance bekommen.
Dann kann der Wähler entscheiden.


QuotekleinerDrache #3.1

Das ist alles was ihnen zu diesem Staatsstreich einfällt. ...


Quoteweiterwursteln #3.6

/// Donald Trump sollte 2024 eine zweite Chance bekommen. Dann kann der Wähler entscheiden. ///

Kann man fordern wenn man mit Demokratie nicht so wirklich was am Hut hat.


QuoteDogwalker #8

Das Problem ist nicht Trump.
Das Problem sind Menschen mit einem unterentwickelten politischen Verstand.
Ohne die wäre er lediglich ein politischer Clown.


Quotedelekhan #8.1

Ich glaube nicht dass es ein unterentwickelter politischer Verstand ist.

Ich würde es in drei Sorten Menschen einteilen:

-diejenigen, die bereits macht und geld haben, sich aber davon noch mehr versprechen wenn Trump an die Macht kommt und das ausbeuten erleichtert.

-diejenigen die immer an jeder blöden situation (arbeitslos, inflation, etc. ) anderen die schuld geben und auf den ersten anspringen der sagt "die sind daran schuld, und das mit absicht" (nazideutschland lässt grüßen)

-und erst als letzte gruppe die leute die tatsächlich einfach nicht den geistigen horizont haben das zu überschauen und halt zu demjenigen gehen der die leichteste "lösung" verspricht

...


QuoteCurze #8.3

Ich würde noch eine weitere Gruppe hinzufügen, wobei die irgendwo in Punkt 3 überschneidet:
Diejenigen, wo der "Fußballfan"-Effekt eintritt - also eben solche, die immer für ihre Partei sind, unabhängig der Politik, wie man eben auch seine Lieblingsmannschaft anfeuert, selbst wenn sie schlecht spielt.

Ich würde dieses Phänomen noch erweitert sehen - dies führt eben in seinen extremeren Zügen auch dazu, dass die Wahrheit oder Verfehlungen über den eigenen Kandidaten nicht akzeptiert werden können/heruntergeredet werden müssen, anstatt seine eigene Meinung zu ändern.

Siehe z. B. Trumps Unterstützung unter strengläubigen Christen trotz seinem extrem unchristlichen Lebenswandel.

In zu großen Kreisen ist das dann effektiv die Mehrheitsdiktatur, zumindest innerparteilich: Was nicht seien darf, ist nicht. Der populärste Kandidat darf alles, Kritik an ihm darf nicht sein, denn das ist wahltaktisch unklug. Selbst wenn er absolut schuldig ist, muss man ihn schützen. Erneut, normal, wenn Parteigrößen so denken, problematisch, wenn das auch die Wähler sind.


QuoteBlackout291 #11

Zynische und grausame Menschen sind sehr beliebt beim einfachen Volk. Die Menschen wollen ein Feind und Sicherheit. Die Zeit der Demokratie und Toleranz geht zu Ende.


Quoter.schewietzek #11.1

Nein.


QuoteZeitloch #20

...leider wurden zu viele Republikaner während der Präsidentschaft unter Trump von den von ihm verteilten Giftpillen drogenabhängig und manipuliert. Da sehe ich eine Entziehungskur eher aussichtslos.

...


...

Link

QuoteDer türkische Actionstar Cüneyt Arkın ist gestern gestorben. Zeynep Tuna und Nino Klingler haben bei uns vor einigen Jahren eine Erkundungstour durch seine Historienfantasmen unternommen, in denen Arkın selbst Nonnen zum Islam konvertieren lässt ...

5:50 nachm. · 29. Juni 2022


Quelle: https://twitter.com/criticde/status/1542173687679418368?t=7d2pCQ2tkp26NZDgVLhQCg&s=03

Quote... bei vielen Menschen in der türkischen Community in Deutschland ist Arkın beliebter Filmheld, dessen Abenteuer etwa bei gemeinsamen Familienabenden liefen. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu erinnerte sich einmal, dass sein Vater besonders für »jene Hauwegfilme mit Cüneyt Arkın in der Hauptrolle« schwärmte. ...


Aus: "Schauspieler Cüneyt Arkın gestorben" (28.06.2022)
https://www.spiegel.de/kultur/kino/cueneyt-arkin-ist-tot-tuerkischer-filmstar-mit-84-jahren-gestorben-a-1c1922d2-9a70-4013-bbc9-cb67ef90b0f8

Cüneyt Arkın (bürgerlich Fahrettin Cüreklibatır[1]; * 8. September 1937 in Karaçay, Bezirk Alpu in der Provinz Eskişehir; † 28. Juni 2022 in Istanbul) war ein türkischer Schauspieler, Drehbuchautor, Filmregisseur und -produzent.
https://de.wikipedia.org/wiki/C%C3%BCneyt_Ark%C4%B1n

-

Quote[...] Schaut man sich Arkıns Filme heute an, wirken sie auf verwirrende Weise unzeitgemäß. Einerseits sind sie in ihrer billigen Verkleidungsästhetik meilenweit weg von den aktuellen, sleaken Film- und Serienproduktionen im türkischen Kino und Fernsehen. Für Europäer mag vor allem ihr chauvinistischer, hemmungsloser Anti-Christianismus und die fast unterschiedslos extrem negative Zeichnung westlicher historischer Figuren und Kulturfacetten eigenartig wirken. Die Art allerdings, wie sie frei von historischen Fakten anatolische Sehnsüchte auf eine (prä-)osmanische Glanzzeit projizieren, bildet gleichzeitig eine interessante Kontrastfolie für die derzeit enorm populären Telenovelas mit Osman-Setting – allen voran natürlich der Exportschlager Muhteşem Yüzyıl (der dank Netflix endlich auch einer englisch- und deutschsprachigen Öffentlichkeit zugänglich ist und von dem in der Türkei gerade die erste Staffel einer Neuauflage abgeschlossen wurde) oder die kraftmeiernde Kriegersaga Diriliş Ertuğrul (die als Produktion des von der Regierungspartei AKP vereinnahmten Staatssenders TRT unverblümte Nationalpropaganda betreibt). ...

Aus: "Freezeframe zwischen Lamm und Löwe – Der türkische Actionstar Cüneyt Arkin" Nino Klingler, Zeynep Tuna (12.04.2017)
Quelle: https://www.critic.de/special/freezeframe-zwischen-lamm-und-loewe-4115/

...

Link

Quote[...] Die Impfungen gegen Covid-19 dürften nach Modellrechnungen, die in der führenden Medizinzeitschrift "The Lancet" publiziert wurden, allein im Jahr 2021 gut 14 Millionen Menschen das Leben gerettet haben. Ganz grob und anteilsmäßig auf Österreich umgelegt käme man auf rund 15.000 Personen, die womöglich an Covid-19 gestorben wären, wenn sie sich nicht hätten impfen lassen.

Mögen diese Zahlen auf den ersten Blick etwas hoch erscheinen, so gilt umgekehrt, dass sich etliche CoV-Tote hätten verhindern lassen, wäre die Impfbereitschaft größer gewesen. Doch die Impfangstmache durch bestimmte Parteien und Personen sorgte auch in Österreich dafür, dass unser Land bei der Impfquote unter dem westeuropäischen Durchschnitt blieb.

Genaue Zahlen für die Auswirkungen der FPÖ-Antiimpfpropaganda existieren für Österreich zwar nicht. Für Deutschland gibt es immerhin Daten, wonach in Regionen, in denen die AfD am stärksten vertreten ist, 40 Prozent der Menschen noch nicht geimpft sind. Man darf annehmen, dass Ähnliches für Hochburgen der FPÖ und der MFG gilt.

Eine neue Studie aus den USA, wo die Impffrage von den Republikanern noch stärker politisiert wurde als in Österreich durch die Rechtspopulisten, wartet nun mit Schätzungen auf, wie viele Menschen dieser organisierten Impf- und Wissenschaftsskepsis zum Opfer fielen. Empirische Grundlage der Berechnungen sind die Sterblichkeitsraten von registrierten Republikanern und Demokratinnen in den US-Bundesstaaten Florida und Ohio. Das erschreckende Ergebnis lautet: Bis zu 60.000 Tote hätten sich in den USA vermeiden lassen.

Wie das Forschertrio um Jacob Wallace (Yale School of Public Health) in einem Arbeitspapier für das angesehene National Bureau of Economic Research ermittelte, nahm die Übersterblichkeitsrate von registrierten Demokraten im Lauf des Jahres 2021 – also in jenem Jahr, als die CoV-Impfstoffe verfügbar wurden – nur um zehn Prozent zu, während die entsprechende Rate bei Republikanerinnen um bis zu 33 Prozent nach oben schnellte. Wiesen die Übersterblichkeitskurven vor der Pandemie kaum Unterschiede auf, ging die rot-blaue Schere während der Pandemie auseinander – und ganz besonders ab der Verfügbarkeit der Impfstoffe ... Während die Wissenschaft mit den CoV-Impfungen ein gutes Schutzschild zumindest gegen schwere Verläufe bereitstellte, wollten viele Republikanerinnen und Republikaner nicht daran glauben: Im Mai 2021, als alle Erwachsenen in den USA geimpft werden konnten, hatte weniger als die Hälfte der Anhänger der Grand Old Party (GOP) das Impfangebot angenommen, verglichen mit 82 Prozent der Demokraten. In Kerngebieten der GOP haben sich bis heute mehr als 55 Prozent noch immer nicht impfen lassen.

Das hat Folgen: Seitdem es CoV-Impfstoffe gibt, ist die Rate bei den Covid-Todesfällen in republikanischen Gebieten fast dreimal so hoch wie in demokratisch dominierten Gebieten. Diese republikanische Impfskepsis hat auch mit dem dramatisch schwindenden Vertrauen in die Wissenschaft bei den GOP-Anhängern zu tun, wie die "Financial Times" im Zusammenhang mit der neue Studie nahelegt. (Ähnliche Zusammenhänge lassen sich wohl auch für Europa und Österreich angesichts der Eurobarometerumfrage vermuten.): https://www.derstandard.at/story/2000131037835/oesterreichs-fatale-wissenschaftsskepsis

Noch im Jahr 1982 sagten 50 Prozent der Personen, die sich als Republikaner bezeichneten, in einer großen Umfrage, dass sie "großes Vertrauen" in die Wissenschaft hätten. Zwanzig Jahre später waren aus 50 Prozent 40 geworden, und im letzten Jahr vertrat nur noch ein Drittel der Republikaner diese Ansicht, verglichen mit zwei Dritteln der Demokraten. (Zum Vergleich: Vor vierzig Jahren waren diese beim Wissenschaftsvertrauen noch fast zehn Prozentpunkte hinter den republikanischen Parteigängern gelegen. In Österreich wiederum ermittelte eine aktuelle Umfrage, dass bescheidene 47 Prozent "großes oder sehr großes Vertrauen in Wissenschaft und Forschung" haben.): https://www.derstandard.at/story/2000139875561/oesterreichisches-vertrauen-in-wissenschaft-ist-stark-verbesserbar

Wie es zu diesem Vertrauensverlust bei den Republikanern kam, ist nicht ganz klar. Der Siegeszug der Evangelikalen und christlichen Rechten innerhalb des konservativen Lagers trug wohl nicht unwesentlich dazu bei.

Wissenschaftsskepsis und impfkritische Einstellungen sind natürlich keine alleinige Domäne der Rechten in den USA. Aber die Ausmaße der dortigen Polarisierung übertreffen alles, was in anderen reichen Industrieländern beobachtbar ist. Die Folgen davon zeigen sich nicht zuletzt auch in neuen Daten zur Verkürzung der Lebenserwartung durch die Pandemie und in einem eindeutigen Zusammenhang mit der Impfquote.

Laut einer neuen Studie im Fachblatt "Nature Human Behaviour" ging die Lebenserwartung unter den 29 untersuchten Ländern von 2019 bis 2021 nur in Bulgarien und der Slowakei stärker zurück als in den USA, wo die Reduktion 28,2 Monate betrug. Österreich liegt laut dieser Studie mit 7,6 Monaten im Mittelfeld. (tasch, 18.10.2022)



Aus: "Tödliche Ignoranz - Was Wissenschaftsskepsis mit bis zu 60.000 Covid-Toten in den USA zu tun hat" Klaus Taschwer (18. Oktober 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000140037153/wissenschaftsskepsis-mitschuld-an-bis-zu-60-000-vermeidbarencovid-toten-in

QuoteSarkasmus ist (k)eine Lösung

Nur mal so gefragt...

Warum sollte man einzig der Wissenschaft nicht skeptisch gegenüberstehen? Oder sind wir schon so weit, dass Wissenschaft zu einem Dogma geworden ist? Meist stellt sich nämlich erst im Nachhinein heraus, ob die Ergebnisse der Forschung auch tatsächlich korrekt waren. Und eines sollte man auch nicht vergessen, es gibt sehr viele Wissenschaftler, die für Geld und Ruhm so ziemlich alles machen. Ich erinnere ans die Studie über die Schädlichkeit von Fett, die von der amerikanischen Zuckerindustrie finanziert wurde und völlig falsch war.


Quoterollingpebbles

Die FPÖler sind genetisch vor Corona geschützt dafür haben sie ein Wurmproblem.


QuoteFrei_Denker

...der Hr. T. sollte sich langsam entscheiden, ob er politischer Kommentator, oder "Wissenschaftspublizist".
Diesen Ausfluss unter "Wissenschaft" zu publizieren ist einem "Qualitätsblatt" unwürdig ...
Und wers nicht kapiert, dem ist eh nicht zu helfen...


QuoteKlaus Taschwer, DER STANDARD

Hätten Sie - nur für den Fall - auch inhaltliche Argumente? Oder Beispiele dafür, wo ich die Erkenntnisse der zitierten wissenschaftlichen Studien falsch reproduziert oder interpretiert haben könnte? Danke!


Quotegradwhan

Mutig das zu fragen! Sie haben es nicht kapiert! Weltverschwörung und so.


...

Link

#23
Manche Regierungen haben Corona verharmlost, manche dramatisiert. Und manche Politiker haben ihre Meinung gar im Wochentakt geändert.

Quote[...] Donald Trump versuchte während der Hochphase der Corona-Pandemie immer wieder, das Virus zu verharmlosen. Ein Bericht aus dem US-Repräsentantenhaus legt nun nahe, dass Gehilfen des Ex-Präsidenten Beamte im Gesundheitswesen dazu gebracht haben, Informationen über die Pandemie zu beschönigen.

Unter der Regierung des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump sind laut einem Untersuchungsbericht Beamte des Gesundheitswesens genötigt worden, exakte Informationen über den Verlauf der Corona-Pandemie zu unterschlagen oder zu beschönigen. Der am Montag veröffentlichte Bericht eines Unterausschusses des US-Repräsentantenhauses zur Corona-Krise kommt aufgrund von Zeugenaussagen zu dem Schluss, dass auf diese Weise die verharmlosende Darstellung der Pandemie durch den damaligen Präsidenten unterstützt werden sollte.

Ranghohe Mitarbeiter der CDC-Gesundheitsbehörde (Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention) berichteten demnach, dass sie von Trump-Gehilfen schikaniert wurden und dass diese versuchten, ihre Berichte über die Ausbreitung des Coronavirus umzuschreiben. Es seien ,,beispiellose Schritte" unternommen worden, um den Veröffentlichungsprozess zu beeinflussen und die wissenschaftlichen Berichte der CDC zu widerlegen, heißt es in dem Bericht.

Für den 91 Seiten umfassenden Bericht befragten die Ermittler aktuelle und ehemalige CDC-Beamte sowie hochrangige Vertreter der Verwaltung. Der Bericht beschreibt, wie von Trump ernannte Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums (HHS) etwa versuchten, die wöchentliche wissenschaftliche Zeitschrift der CDC zu übernehmen und Artikel zu überarbeiten, von denen sie glaubten, diese könnten Trump schaden.

Ein CDC-Mitarbeiter wird mit den Worten zitiert, ein Trump-Verbündeter habe ein ,,schikanöses Verhalten" an den Tag gelegt, durch das sich CDC-Beamte ,,bedroht fühlten".

Die Untersuchung habe gezeigt, dass die Trump-Regierung ,,eine beispiellose Kampagne politischer Einmischung in die Pandemiebekämpfung der Bundesregierung betrieben hat, welche die öffentliche Gesundheit untergrub, um die politischen Ziele des ehemaligen Präsidenten zu fördern", sagte der Ausschussvorsitzende Jim Clyburn.

Trumps Republikanische Partei wies den Bericht als parteiisch zurück. Sie kündigte an, einen eigenen Bericht vorzulegen, sollte sie bei den Zwischenwahlen im November einen Sieg einfahren.


Aus: "Trump-Helfer sollen Informationen über Corona-Pandemie unterdrückt haben" (18.10.2022)
Quelle: https://www.welt.de/politik/ausland/article241646585/USA-Trump-Helfer-sollen-Informationen-ueber-Corona-Pandemie-unterdrueckt-haben.html

QuoteMarie H.

Soll haben....... Den Rest des Artikels habe ich mir erspart


QuoteTaus Le

"die wissenschaftlichen Berichte der CDC zu widerlegen"

Welche wurden konkret zwischenzeitlich noch nicht widerlegt?


QuoteMirko M.

Manche Regierungen haben Corona verharmlost, manche dramatisiert. Und manche Politiker haben ihre Meinung gar im Wochentakt geändert.


QuoteDaniel H.

Liebe Welt Redaktion,
Sie sind leider zwei Jahre zu spät mit diesem Artikel. ...


...

Link

#24
...  Kränkungsmythen ...

Quote[...] In seinem Bestseller Die Macht der Kränkung hat der Kriminalpsychiater Reinhard Haller 2015 eindringlich dargestellt, wie stark das Gefühl der Demütigung Menschen beeinflussen und zu furchtbaren Taten verleiten kann. Skrupellose Politiker wissen das schon lange: Wenn es ihnen gelingt, ein ganzes Volk davon zu überzeugen, dass es von anderen Ländern erniedrigt worden ist, können sie die eigene Macht im Inneren ausbauen und dann Aggressionen nach außen lenken.

Derzeit spielt Wladimir Putin auf dieser Klaviatur: Er sieht sich in einem Krieg mit dem Westen und begründet den Angriff auf die Ukraine vor allem mit den Demütigungen, die Russland seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugefügt worden seien.

Auch in der nationalistischen Ideologie von Xi Jinping stellt die Geschichte der Erniedrigung Chinas ein Leitmotiv dar. Diese reicht 180 Jahre zum Ersten Opiumkrieg zurück, durch den die Engländer Hongkong annektiert und die Öffnung der chinesischen Märkte erzwungen hatten. Er sieht es als seine Aufgabe an, die von den USA geführte Weltordnung zu demontieren und so China seinen rechtmäßigen Platz in der Welt zurückzugeben – beginnend mit der Rückgewinnung Taiwans.

Ebenso war die serbische Aggression in den Jugoslawienkriegen von nationalen Kränkungsmythen getrieben – von der Niederlage gegen die Osmanen in der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 bis zur Begrenzung der serbischen Dominanz in Titos Jugoslawien. Auch Mussolini und Hitler schürten und nutzten für die Machtergreifung den Zorn über Demütigungen, die ihren Ländern in den Friedensverträgen nach dem Ersten Weltkrieg angetan worden seien.

Dieses Narrativ wird oft nicht nur im eigenen Land, sondern auch im Ausland geglaubt. So wie der Westen einst Hitler lange gewähren ließ, fordern lautstarke Stimmen in Europa und den USA, dass man auf die Gefühle der Russen Rücksicht nehmen müsse, die durch die Arroganz der USA und die Erweiterung der Nato in ihrem Stolz verletzt worden seien. Und hätte nicht China das Recht, wieder als ebenbürtige Weltmacht anerkannt zu werden, die sich von den scheinheiligen Moralaposteln im Westen nichts sagen lassen muss?

Solche Meinungen fördern eine Appeasement-Politik, die brutalen Diktatoren in die Hände spielt. Und der Mythos der nationalen Kränkung befeuert den Revanchismus, seit Jahrhunderten eine Quelle von Konflikten und Kriegen.

Deshalb ist es wichtig, dass im europäischen Diskurs diesen Thesen entgegengetreten wird: Einzelne Menschen können erniedrigt werden und werden es auch allzu oft – ein Volk oder ein Staat aber nicht. Kein Russe hat unter dem Nato-Beitritt Polens und des Baltikums gelitten, keine Chinesin ist heute Opfer des Opiumkriegs oder des Taiwan-Besuchs der US-Kongresspräsidentin Nancy Pelosi. Verantwortungsvolle Politiker zählen nicht historische Demütigungen auf, sondern vermitteln in ihren Reden Visionen und Hoffnung. Selbst in früheren Kolonien, wo Demütigungen Teil des Systems waren, ist die Beschäftigung damit politisches Gift, das Autokratie und Korruption fördert.

Es ist Putin, der anständige Russen erniedrigt, und Xi, der China in einen Sklavenstaat verwandelt. Ihre Bürgerinnen und Bürger können sich gegen den Missbrauch der Geschichte schlecht wehren. Wir im Westen müssen es tun.


Aus: "Russland und China: Der Mythos der nationalen Kränkung" Ein  Kommentar von Eric Frey (1.11.2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000140454079/russland-und-china-der-mythos-der-nationalen-kraenkung

QuoteMeineLetzteMeinung

... ich [halte] wenig von der Psychologisierung von Konflikten. Es geht m.M.n. nicht um narzistische Kränkung des "Führers" sondern um wirtschaftliche und machtpolitische Interessenslagen.
Und das die Bevölkerung manipuliert wird um Gefolgschaft zu erreichen ist kein Alleinstellungsmerkmal Chinas oder der Russischen Föderation. Polen? Ungarn? Österreich? USA, GB? ....


Quotemang

Damit: "Einzelne Menschen können erniedrigt werden und werden es auch allzu oft – ein Volk oder ein Staat aber nicht." wäre somit die Judenverfolgung im zweiten Weltkrieg nur die Summe einzelner Fälle?

Vorsicht vor verallgemeinernden Aussagen.


Quoteamoischaun

hmm...

... lese ich so nicht heraus.

Es wurden ja Millionen Juden ermordet, aber der "jüdische Staat" oder das "jüdische Volk" ist ja kein Lebewesen dass man ermorden kann.


QuoteSimya

Wenn wir ständig mit der Kränkung argumentieren würden, die wir durch die Zerschlagung der Österreichisch-Ungarischen Monarchie erlitten haben...
(Gekränkter) Nationalstolz, vor allem wenn die Ursachen Jahrzehnte zurückliegen, ist nichts als heiße Luft.
Das sind alles feine Ausreden oder Ego-Tripps von größenwahnsinnigen Machthabern, sonst nichts.


QuoteHeliocentrix

Die Seele (vulgo Psyche), sagt in Arthur Schnitzlers "Das weite Land" der Hotelier Aigner, die Seele ist ein weites Land. Immerzu suchen wir in ihr Ordnung zu schaffen, doch herrscht in ihren vielen dunklen Ecken das Chaos unserer Triebe. Das Ich ist nicht mehr Herr im eignen Haus. Hat schon Sigmund Freud gewusst, der Zeitgenosse Schnitzlers war und der neidlos anerkannt hatte, dass da einer auf literarischem Weg zu ähnlichen Einsichten gekommen ist. In Putins triebgesteuerten Seelenhaushalt scheint es viele dunkle Ecken zu geben, die seine machtpolitischen Interessen steuern.


Quotefriedensvolksbegehren.jetzt

Man muss Russland verstehen: Schuld ist die Nato, überhaupt jede Osterweiterung und die EU, außerdem Irak und Kosovo, andere haben doch auch, und erst die Saudis...

Wir haben die Chancen zur Zusammenarbeit nicht genutzt, es war unsere Schuld...

Die Ukraine ist kein echter Staat, innerlich zerrissen, Russland hat die Ostrukraine nicht überfallen, die Krim nicht annektiert, alles rechtmäßig...

Russland hat legitime Sicherheitsinteressen...

Wo habe ich all das gehört?

In den Öffentlich Rechtlichen von Ö und D, nicht im russischen Fernsehen!

Der Überfall auf die Ostukraine wurde mit "Sicherheitsinteressen" schöngeredet. Eine perfide Propaganda, die nichts mit Sicherheit zu tun hat, sondern Terror.

Im russischen Interesse wäre es gewesen gutnachbarschaftliche Beziehungen anzustreben. Bringt wirtschaftlichen Vorteil und Friedensdividende. Macht sich aber nicht so, wenn ein Regime mit militaristischen Rassismus expansiv wird, also andere Völker brutal erobern will.

Hinter diesem brutalen Überfall 2014 irgendetwas Legitimes herbeizufabulieren war dümmliche selbstbeschädigende Kremlpropaganda. Jetzt zahlen wir ob dieser Dummheit die Zeche.


QuoteSiegfried Scheibenkleister

Die Paläste, Denkmäler, Sportstätten, und Raketen die sich die Diktatoren bauen lassen, während das eigene Volk verhungert, oder im Krieg verheizt wird.
Das sind die eigentlichen Kränkungen.


Quotezhangxueyou

Aufarbeitung der Geschichte ja. Gerade in China gibt es ja viel aufzuarbeiten. Anstatt dessen haben wir patriotische Erziehung. Wir die Chinesen waren immer die Guten und so toll und alles Leid wurde von den Auslaendern gebracht.


QuoteJJB-Standard

Die "Kränkung" und Niederhaltung von Deutschland nach dem 1. Weltkrieg war eine bedeutende Keimzelle für den Aufstieg Hitlers und die folgende Katastrophe des 2. Weltkriegs. ...


QuoteTemporaMutanturEtNosMutamurInIllis

Mir kommt das so ähnlich vor wie die Demütigung mancher Männer durch den Feminismus. Wenn Russland durch eine freie Ukraine gedemütigt sein will, muss es auch damit leben.


QuoteStefan4321

Wir müssen diese Kräfte auch abwählen!
25% würden derzeit FPÖ wählen, Wechselwähler wechseln zwischen einer korrupten ÖVP und einer in jeglicher Hinsicht indiskutablen FPÖ. Egal was passiert.
Der Wahnsinn ist mitten unter uns, nicht irgendwo bei Putin, Orban oder Trump.


QuoteKohlbussler 1.4

Vorsicht...

Wenn man sich mit der chinesischen Geschichte der letzten 200-250 Jahre beschäftigt und mal ein oder zwei Minuten aus der Perspektive eines Chinesen über diese nachdenkt sieht das schon etwas anders aus. China wurde damals von deutlich überlegenen Ländern überrannt und in Kolonien aufgeteilt.
Natürlich gegen ihren Willen. ... auch bei uns wird die Geschichte manchmal falsch dargestellt und deshalb von den Menschen falsch interpretiert.


QuoteFontainbleu

Die Kränkung spielt schon auch eine Rolle.


QuoteBortolino

Die Diktatoren, die ihre Völker durch ihre totalitäre Herrschaft erniedrigen sprechen von nationaler Kränkung.


QuoteDer Gummibaumtroll

"Mythos der nationalen Kränkung" ist eines der klassischen Merkmale faschistischer Ideologien.


Quoteriesenhirsch

Im Fall Chinas dauerte das Ganze bis zum Zweiten Weltkrieg, wo die Japaner ebenfalls einen recht brutalen Angriffskrieg gegen China geführt haben. Inklusive Massaker von Nanjing und mit biologischen Experimenten an Chinesen.
Über die Opfer Hitlers, etwa über Polen, würde wohl niemand schreiben, dass es sich um einen Mythos der Erniedrigung handelt, oder dass es sinngemäß eh schon so lange in der Vergangenheit liegt und die gegenwärtig lebenden Menschen ohnehin kaum oder gar nicht betroffen sind.
Wieso kann man das dann über China schreiben? Es wirkt ja schon so, als ob wieder einmal zweierlei Maß angewendet wird, wenn es dem Autor ins Konzept passt


QuoteTemporaMutanturEtNosMutamurInIllis

China wurde auch im Opiumkrieg wirklich erniedrigt. Die wirkliche Frage ist, welches Narrativ man daraus für heute macht.
Frauen wurden noch vor viel kürzerer Zeit von Eherecht etc. in Österreich erniedrigt. Ich muss trotzdem nicht alle meine Interaktionen mit Männern danach ausrichten.


QuoteRohling

Der deutsch-französische Konflikt hat mit Unterbrechungen nur gut tausend Jahre gedauert, darunter waren zwei Weltkriege und der dreißigjährige Krieg.

Man sollte sich vertragen.


QuoteDer Gummibaumtroll

???? Bitte den Artikel oben lesen, statt hier die gleiche Sorte Humbug zu verbreiten.
Das Tausendjährige Reich hat nicht mal 13 Jahre gedauert.
Die 1.000 Jahre gehen sich also sicher nicht aus.

Deutschland gab es nicht mal, bevor es 1871 nach einem Krieg mit Frankreich gegründet wurde.

Oder wollen Sie vielleicht den Engländern den liebsten Feind aus dem 100jährigen Krieg absprechen?

Und welchen Startpunkt vor über 1.000 Jahren Sie meinen könnten ist auch nicht wirklich klar.
Charlemagne = Karl der Große.
Aix-la-Chapelle = Aachen
Damals war das alles eins.


QuoteFontainbleu

Beruhigen Sie sich.
Nehmen wir 843 bis 1957!


QuoteTemporaMutanturEtNosMutamurInIllis

Schuld sind die Enkel von Karl dem Großen, die alles versemmelt haben.


QuoteRiesenfaultier

Das stimmt halt beispielsweise für das Selbstverständis der USA und etwa Isreal überhaupt nicht - gerade als angeblicher US Kenner und Politologe ist Freys Analyse einfach falsch. Aus Sicht der US Amerikaner und der Politiker der USA;
oder eben auch Israels gibts natürlich so etwas wie kollektive Traumata, oder ein kollektives Selbstverständnis.

Nicht ohne Grund schwört praktisch jeder US Präsident seinen Amtseid auf die Bibel und spricht von "Gods own country"; und davon dass die USA "the leader of the free world" sind.

Der US Soziologe Bellah hat in seinen berühmten Studien minutiös dieses Selbstverständnis der amerikanischen Zivilreligion ausgearbeitet. Von Washington, Lincoln bis hin zu Kennedy.

Angefangen vom Gründermythos der USA als gelobtes freies Land, aus der Knechtschaft der freien Bürger in Europa; über den traumatischen Bürgerkrieg bis hin zum Kampf als auserwähltes Volk gegen den Kommunismus.

Hartford Institute for Religion Research
http://www.robertbellah.com/articles.html


QuoteSarah NX01

Es fällt wirklich niemandem in diesem Ländern auf, dass ganz starke Männer eigentlich ziemliche Heulsusen mit Minderwertigkeitskomplex markieren. Egal ob Xi, Putin, Kickl, Trump oder Salvini, alle dieselbe Doppeldenk-Leier.


Quotekanawasweribin

Minderwertigkeitskomplex und eitel wie die Pfäue

- Der Xi, der das Vergleichen von ihm mit Winnie Poo unter Strafe stellt.
- Der Vladimir, der als abz'wickter 60-Jähriger oben-ohne auf einem Pony reitet (weil ihm ein Pferd zu groß ist) und sich dabei photographieren lässt und das Bild der gesamten int. Presse zukommen lässt
- Der Donald, der jeden Hirnfurz twittern muss weil er sich selbst für so genial hält


QuoteNach reiflicher Ueberlegung

Das macht Kaczynski in Polen auch.
Immer wenn man von eigenen Unzulaenglichkeiten ablenken will.

Ebenso Erdogan. Orban.
Und man koennte jeglichen populistischen Politiker mit Hang zur Vereinfachung und Feindbildern auffuehren.

Was ist jetzt neu an der Erkenntnis?


QuoteMartin7

Wenn diese senilen Starrköpfe mit dem Selbstbemitleiden fertig sind, können sie darüber nachdenken, wie sehr sich die Welt in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Geht aber nicht, da man für den eigenen Machterhalt das gemeine Volk zu unterdrücken hat. Die Mehrheit der Bevölkerungen hätte sicher lieber Demokratien.


QuoteTemporaMutanturEtNosMutamurInIllis

Das "senil" können Sie sich wirklich sparen. Narzissten sind in jedem Alter gleich.


QuoteTamsriwuzd

Wieder einer der wenigen Kommentare bei denen ich mit Eric Frey einer Meinung bin. Die Unabhängigkeit v.a. von Russland wäre schon viel früher nötig gewesen, Warnhinweise gab es seit 20 Jahren genug. Aber das viele Geld und billige Gas war halt ein bisserl wie Crystal Meth.


QuoteCh_Ma

Kleines Selbstwertgefühl, wegen jedem Scheiß beleidigt. Das Hauptmerkmal autoritärer Charaktere, vom Wirtshausproleten bis zum Diktator. Der sinnvollste Fortschritt der Menschheitsgeschichte wäre ein Mechanismus, um solche deformierten Charaktere von jeglicher Macht fernzuhalten, leider kommen die aber vor allem deshalb so weit, weil die Mehrheit der Menschen in den jeweiligen Staaten genau so ist...


Quoteamoischaun

Ein ganz wichtiger Punkt ist mMn auch die Amtszeit.

Man sieht ganz deutlich, dass eine Amtszeit von mehr als 2 Amtsperioden (8-10 Jahre) dazu führt, dass nur noch ja-sager und Abnicken um die führenden Persönlichkeiten sitzen.
Ganz egal ob das die politischen Säuberungen von Xi sind, Putins Verfassungsänderung oder auch Merkels Kurs vorbei an jedweder Vernunft bei gewissen Themen.
Nur ein Wechsel garantiert dass sich hier nicht dauerhaft etwas festsetzt und einem einzelnen die Macht zu Kopf steigt.


QuoteAmaro Gran Sasso

Sie müssen das verstehen.

Der kleine Wladimir musste 1989 in Dresden und kurz darauf in Leningrad miterleben, wie sein geliebtes Sowjetreich den verdienten Bach runter ging.
Wenn das kein Grund ist, heutzutage junge Männer in den Tod zu schicken...


QuoteWilfried Apfalter

"Skrupellose Politiker wissen das schon lange: Wenn es ihnen gelingt, ein ganzes Volk davon zu überzeugen, dass es von anderen Ländern erniedrigt worden ist, können sie die eigene Macht im Inneren ausbauen und dann Aggressionen nach außen lenken."

Leider Gottes.

Dagegen helfen kann politischer Mut und politische Bildung, beides sowieso unabdingbar für eine gute demokratische Entwicklung ...


QuoteRobert67

Ich stimme dem Kommentar im Wesentlichen voll zu, jedoch mit einer kleinen Ausnahme: dass ein Volk oder ein Staat nicht erniedrigt werden kann, stimmt meines Erachtens in dieser Pauschalität nicht! Die gesamte Kolonialgeschichte ist voll von Erniedrigungen ganzer Völker bis hin zum Völkermord. Ob das die indigenen Völker Amerikas oder Afrikas betrifft, oder etwa die Armenier. Und was denn sonst als Erniedrigungen eines Volkes sind die zahlreichen Pogrome an Juden? Aber Frey hat natürlich völlig Recht, dass in den von ihm genannten Beispielen (Hitler, Putin, Xi und Milosevic) diese angeblichen Erniedrigungen als blanke Ausreden und Rechtfertigungen für Gewalt und Aggression herangezogen wurden und werden.


...

Link

#25
Quote[...]

Frank Schuhmacher: Benito Mussolini – Konsens durch Mythen

Eine Analyse der faschistischen Rhetorik zwischen 1929 und 1936
Der Diktator Benito Mussolini suchte die Zustimmung und den Beifall der Italienerinnen und Italiener. Seine Rhetorik war aber weniger die eines Manipulators als die eines profunden Kenners der Sehnsüchte und Wünsche seiner Zeit.In der Nachkriegszeit setzte sich das Narrativ durch, dass die italienische Bevölkerung seiner verdeckten Manipulation hilflos erlegen, gleichzeitig aber schon immer gegen den Faschismus und Mussolini gewesen sei. Dass dem nicht so war, Mussolini eine hohe Zustimmung inner- und außerhalb Italiens genoss – auch und gerade weil er in seinen Reden geschickt auf die Meinungen und Wünsche seiner Zeitgenossen einging –, das wird in dieser breit angelegten Propaganda-Analyse detailreich gezeigt. Die Studie geht dezidiert der Frage nach, wie Mussolini Mythen rhetorisch einsetzte, um gesellschaftlichen Konsens zu erlangen und aufrecht zu erhalten.


    Verlag: Brill | Fink
    Genre: keine Angabe / keine Angabe
    Seitenzahl: 416
    Ersterscheinung: 21.10.2022
    ISBN: 9783770567478




Quelle:  https://www.lesejury.de/frank-schuhmacher/buecher/benito-mussolini-konsens-durch-mythen/9783770567478

"Vor hundert Jahren erfolgte in Italien die Machtergreifung der Faschisten" Rolf Wortmann (28. Oktober 2022)
... Vor hundert Jahren, am 28. Oktober 1922 erfolgte mit dem ,,Marsch auf Rom" die Machtergreifung durch eine neuartige politische Bewegung, die sich ,,fascismo" nannte. Ihr Führer, der ,,duce" Benito Mussolini, wurde zwei Tage später vom italienischen König Vittorio Emanuele III. mit der Regierungsbildung beauftragt. Er herrschte bis zu seinem Sturz am 25. Juli 1943 und überwinterte in einem Restteil des faschistischen Italiens noch bis zum 25. April 1945. Am 28. April wurde er von Partisanen erschossen. Wie der Faschismus ideell auf die Kraft des Mythos baute, so wurde auch die Machtergreifung vor hundert Jahren zum Mythos stilisiert. ...
https://os-rundschau.de/rundschau-magazin/rolf-wortmann/vor-hundert-jahren-erfolgte-in-italien-die-machtergreifung-der-faschisten/

Link

#26
Quote[...] Das russische Narrativ, demzufolge man im Nachbarland den ,,Satan" sowie ,,Neonazis und Drogensüchtige" bekämpfe, wiederholte auch Wladimir Solowjow schon mehrfach. Die Gäste seiner Fernsehsendung unterstützten den Chef-Propagandisten in seinen Behauptungen: Während russische Männer früher von Tag zu Tag gelebt hätten, hätten sie jetzt ,,ein höheres Ziel" – und dafür lohne sich auch der Tod. (nak)

Aus: ",,Leben ist überbewertet": Putins Stimme glorifiziert Krieg und Tod" Nail Akkoyun (03.01.2023)
Quelle: https://www.fr.de/politik/russland-propaganda-ukraine-krieg-mobilisierung-soldaten-staatsfernsehen-wladimir-solowjow-92007626.html

-

Quote[...] Seit dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine zeichneten sich Wladimir Putins öffentliche Reden vor allem dadurch aus, dass der russische Präsident dabei buchstäblich Abstand hielt. In der Regel sah man ihn entweder allein oder in gebührender Entfernung zu seinen Ministern. Selbst als er Ende September auf einer Art Rockkonzert vor dem Kreml die Annexion der vier ukrainischen Gebiete Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson verkündete, wurde er auf der riesigen Bühne erstaunlich isoliert inszeniert.

Umso bemerkenswerter erscheint es, dass Putin seine Neujahrsansprache nun vor einer Gruppe von Soldatinnen und Soldaten hielt. Inhaltlich wurde auch schnell klar, warum der Kreml dieses Setting wählte. Denn selbst wenn der russische Präsident in seiner rund achtminütigen Rede weiterhin von einer "militärischen Spezialoperation" sprach, wurde unmissverständlich klar, dass er Russland nun offiziell auf einen langen Krieg gegen die Ukraine einschwört. Mehr noch: Putin trat vielleicht das erste Mal vollends als Kriegspräsident auf.

In seiner Rede spulte er nämlich nicht nur die üblichen Propagandastanzen vom vermeintlich betrogenen Russland ab, das sich gegen einen dekadenten Westen und ukrainische Nazis zur Wehr setzte, sondern adressierte zumindest indirekt auch die immensen russischen Kriegsverluste. So wendete er sich etwa an die Soldatinnen und Soldaten an der Front sowie an die Verletzten in den Krankenhäusern. Ebenso dankte er den Ärzten und Krankenschwestern, die um das Leben der Truppen kämpften und sprach schließlich sein Mitgefühl für die Familien der "gefallenen Kameraden" aus.

Doch bemerkenswert an Putins Rede war nicht nur dieses De-facto-Eingeständnis, einen verlustreichen Krieg zu führen, sondern ebenso die inszenatorische Art und Weise. Mehr als je zuvor schlüpfte Putin dabei in eine Rolle der russischen Politmythologie: in die des Zar-Batjuschka, des Väterchen Zar.

In seinem kürzlich erschienenen Buch Eine Geschichte Russlands hat der renommierte Osteuropahistoriker Orlando Figes eindrücklich nachgezeichnet, wie sehr die russische Historie von bestimmten mythischen Narrativen geprägt ist. Auch wenn Geschichte sich bekanntlich nicht wiederholt, offenbart sie dennoch gewisse Muster. In Russland ist dies laut Figes etwa das in Abständen wiederkehrende Bewusstsein, wonach Moskau – nach dem Fall des römischen und byzantinischen Reiches – eine Art "drittes Rom" bilde, also der letzte Bewahrer traditioneller Werte und christlicher Heiligkeit sei. Ebenso in dieses mythologische Repertoire gehört das Gefühl, Russland opfere sich im Kampf gegen die Barbaren – die Mongolen, Napoleon oder die Nazis – für die christliche Zivilisation auf, bekomme das aber von Europa nicht gedankt.

Finden sich Versatzstücke beider Narrative immer wieder in Putins Ausführungen (der Kampf gegen die "LGBTQ-Ideologie", der verräterische Westen), zeigt sich in seiner Neujahrsansprache nun auch die inszenatorische Bezugnahme auf einen dritten Mythos. Am prägnantesten ist dieser vielleicht in einem russischen Sprichwort zusammengefasst: "Der Zar ist gut, aber seine Bojaren sind schlecht." Die Vorstellung, wonach der Herrscher nichts für soziale Ungerechtigkeiten oder politischen Fehler im Land könne, sondern es allein seine sinistren Berater sind, die für Armut und Gewalt Verantwortung tragen, prägte sowohl die Zarenzeit als auch die Sowjetunion. Aufgrund dieses Mythos wendeten sich beispielsweise immer wieder Menschen mit Petitionen an die Zaren, hoffend, dass der Herrscher nur von den Missständen im Land erfahren müsse, um die Aktionen seiner Berater zu korrigieren. Ebenso konnte – der im heutigen Russland wieder vielfach respektierte oder gar bewunderte – Stalin ob dieser Vorstellung den Eindruck erwecken, er selbst habe mit dem Großen Terror und den Massensäuberungen gar nicht viel zu tun. Vielmehr sei es der – dann später liquidierte – Geheimpolizeichef Nikolai Jeschow, der die Schuld für Millionen Tote trage.

Diese Vorstellung vom guten Väterchen Zar beruht dabei auf einem spezifischen Konzept des politischen Körpers. Im mittelalterlichen Europa hatte sich die Fiktion der zwei Körper des Königs herausgebildet, wonach der Regent sowohl einen natürlich-sterblichen als auch einen übernatürlich-unsterblichen Körper besitze. Dieses Prinzip machte es möglich, zwischen Person und Amt, zwischen leiblichem Herrscher und abstraktem Staat zu unterscheiden. Nach dem Motto: Der König ist tot, lange lebe der König.

In Russland jedoch, so zeigt Orlando Figes in seinem Buch, hatte dieses Konzept nie wirklich Fuß gefasst. Vielmehr hat der Zar den Staat nicht nur stellvertretend verkörpert, sondern er selbst war gleichbedeutend mit dem Staat – weshalb er etwa Adligen ihre Ländereien auch nach Gutdünken wieder wegnehmen konnte, nicht unähnlich der heutigen Abhängigkeit der Oligarchen von Putins Gnade. Aber gerade weil der Zar eben der Staat war, musste er im Grunde gut und fürsorglich sein. Das zeigte sich etwa auch darin, dass bis ins 19. Jahrhundert soziale Revolutionen und Aufstände in Russland oft dadurch legitimiert wurden, dass sie sich auf den Zaren selbst beriefen – oder aufständische Anführer sich als "echter Zar" ausgaben, der nur totgeglaubt war und nun zurückkehre.

Wenn Putin in seiner Neujahrsansprache die Russen nicht nur auf einen langwierigen Krieg  einschwört, sondern gleichzeitig auch von Liebe, Loyalität, Fürsorge, Freundlichkeit oder Großzügigkeit spricht, von der "Freude in Kinderaugen" sowie den "Momenten des Glücks", die vor allem die "ältere Generation" zu schätzen wisse, wird deutlich, wie sehr der russische Präsident hier in die Rolle des Väterchen Zars schlüpft. In gewisser Weise hat er diese schon immer bedient. Wenn er regelmäßig in einer groß inszenierten Fernsehshow Fragen von Bürgerinnen und Bürger beantwortete, war das etwa die moderne Form der Petitionsübergabe an den Zaren.

Dass er die Rolle des sorgenden Väterchen Zars nun bei seiner Neujahrsansprache vor dem Soldatenvolk noch stärker betont, darf man wohl als inszenatorisches Gegengewicht zu seinem De-facto-Eingeständnis eines verlustreichen Kriegs verstehen. Putin spielt Väterchen Zar, weil er sich gleichzeitig auch als Kriegspräsident gibt. Wobei die Frage bleibt, ob er sich die Rolle als fürsorglich-geliebter Herrscher tatsächlich selbst glaubt. So haben etwa Olexandra Matwijtschuk, Leiterin des jüngst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Center for Civil Liberties, oder der Journalist Jason Jay Smart darauf hingewiesen, dass eine der hinter Putin befindlichen Soldatinnen auch in früheren Bildern des Kreml zu sehen ist – jedoch in anderen Rollen. Womöglich handelt es sich bei den vermeintlichen Truppen in Putins Ansprache also tatsächlich um Schauspieler. Das würde zumindest in aller Deutlichkeit noch einmal unterstreichen, dass die Vorstellung vom Zar-Batjuschka vor allem eins ist: ein Mythos.   


Aus: "Väterchen Zar ruft zum Krieg" Eine Analyse von Nils Markwardt (1. Januar 2023)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2023-01/wladimir-putin-neujahrsansprache-russland-krieg

QuoteMedianwähler #5

"Ebenso in dieses mythologische Repertoire gehört das Gefühl, Russland opfere sich im Kampf gegen die Barbaren – die Mongolen, Napoleon oder die Nazis – für die christliche Zivilisation auf, bekomme das aber von Europa nicht gedankt."

Schön und gut, aber selbst wenn es wahr wäre, dass der Westen im "antichristlichen" versinken würde - inwiefern sind denn bitte sehr seine neuen dicken Freunde, der Iran und China, christlicher? Da ist doch schon auch irgendwie der Wurm drin, in diesem Mythos.

Nicht einmal das kommunistisch-atheistische Venezuela oder Nordkorea sind bekannt als Hochburgen der christlichen Minne.


QuoteEgBruemmer #5.1

Was hat das bitte mit Minne, der Verehrung in der mittelalterlichen Hierarchie höherstehender Frauen, zu tun?


QuoteMedianwähler #5.2

Soviel Ironie muss der christliche Ost-Römer Putin dann schon aushalten.
Doch, es hat sogar was damit zu tun: denn die Minne hatte eben mit dem LGBTQIA+ Spektrum nicht viel am Hut.


QuoteEgBruemmer #5.3

Ist wohl eher eine Bildungslücke als Ironie.


QuoteMedianwähler #5.4

Wenn Sie so gebildet sind, dass Sie das begründen können, nur zu. Ich höre. ...


QuoteNoKoloris #8

Vielleicht ist es auch viel einfacher: möglicher Weise ist Putin klar geworden, daß ein Kriegsende mit seinem eigenen Ende zusammen fallen könnte. Dem folgend wünscht er sich einen möglichst langen Krieg.


QuoteOhOhOhj #8.2

Hatte ich auch schon im Hinterkopf, aber ich glaube eher, der will für Russland ein unsterblicher Held werden. ...


QuoteCala 2 #12

"Putin trat vielleicht das erste Mal vollends als Kriegspräsident auf. "

Wladi, mir graut vor Dir.


QuoteUnterlinner #21

,, Russland opfere sich im Kampf gegen die Barbaren – die Mongolen, Napoleon oder die Nazis – für die christliche Zivilisation auf,"

Welche christliche Zivilisation? Das Haus des Bruders überfallen und zerstören, den Bruder massakrieren, die Schwägerin vergewaltigen und die Nichten und Neffen verschleppen hat weder etwas mit christlich noch mit Zivilisation zu tun!


QuoteDum spiro -spero #22

Das Schlimme ist, befürchte ich, dass Putin selbst glaubt, was er da von sich gibt. Realitätsverlust hat schon oft in die Katastrophe geführt.


QuoteMirFaelltKeinerEin #28

Macht wird eigentlich immer legitimiert. Entweder durch Wahlen oder durch ein patriarchalisches Verhältnis zum Volk - der fürsorgliche Herrscher. Ein machtbewusster Herrscher schart einerseits Gefolgsleute um sich, auf deren Loyalität er baut, Das war beim Zaren so, bei Stalin und bei Putin auch. Wenn die Gefolgsleute Anzeichen von Illoyalität zeigen müssen sie entmachtet werden, bevor sie nach der Krone greifen. Das tat Iwan der Schreckliche, Peter der Große, Stalin, Putin. Putin lässt diese Leute sterben, auf verschiedene Art und Weise. Dass Russland Nachfolge Roms zu sein glaubt zeigt sich an der Bezeichnung "Zar", die von "Cäsar" abgeleitet ist. ...


QuoteRGFG #37

Eigenartig, dass er keine 'diplomatische Lösung' in Aussicht gestellt hat.
Das hätte man doch erwarten müssen, wenn es ihm so wichtig ist.
Gell, Herr Mützenich, Herr Precht, Frau Schwarzer?!


QuoteZON weiß nicht wie das Partizip I genutzt wird #39

"Aufgrund dieses Mythos wendeten sich beispielsweise immer wieder Menschen mit Petitionen an die Zaren, hoffend, dass der Herrscher nur von den Missständen im Land erfahren müsse, um die Aktionen seiner Berater zu korrigieren."

Wenn das der Führer wüsste!

[Die umgangssprachliche Redewendung ,,Wenn das der Führer wüsste" stammt aus der Zeit des Nationalsozialismus und beschrieb den Glauben vieler Deutscher während dieser Zeit, dass unangenehme Dinge vor allem von Vertretern der NSDAP und Beamten absichtlich vor dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler verschwiegen wurden und dass der Führer, wenn er denn nur von diesen Vorgängen erführe, diese sicher schnell in Ordnung bringen würde. ... https://de.wikipedia.org/wiki/Wenn_das_der_F%C3%BChrer_w%C3%BCsste]


Quotelennon68 #41

,,...Stalin ob dieser Vorstellung den Eindruck erwecken, er selbst habe mit dem Großen Terror und den Massensäuberungen gar nicht viel zu tun. Vielmehr sei es der – dann später liquidierte – Geheimpolizeichef Nikolai Jeschow, der die Schuld für Millionen Tote trage."

Richtig, wobei es nicht nur Jeschow traf. Erst starb OGPU-Chef Menschinsky. Nachfolger Jagoda wurde von Jeschow eingebuchtet und ,,gestand" Menschinsky umgebracht zu haben. Wurde erschossen. Jeschow wurde wiederum von Nachfolger Beria eingebuchtet und auch erschossen. Nach Stalins Tod schliesslich liess Chruschtschow Beria erschiessen. So fanden die Bestien wenigstens ihr verdientes Ende. Der schlimmste von allen aber, Stalin, wälzte alle Schuld auf sie ab.


QuoteAusterlitz-1805 #43

Dieser Artikel über Putin wird sicherlich auch das eine oder das andere mehr oder minder zutreffend beschreiben, aber für die praktische Nutzung ist der ohne Bedeutung. Außer man will sich selbst vorgaukeln:

a) Den Putin ganz verstanden zu haben
b) Den Putin als Schurken überführt zu haben

Es ist eine nutzlose Analyse. Sie drückt eher den westlichen Schmerz und Verblüffen aus, dass die Entwicklung Russlands nicht nach unseren Vorstellungen verläuft, sondern andere Kräfte am Werk sind.


QuoteVater von drei Kindern #46

Einfach nur traurig ...


Quotehorstimann #54

Es ist ein tragischer Zirkus


QuoteLeserin40 #56

Wie es mit dem Zaren und er Zarenfamilie ausging, weiß man ja...


...

Link

Quote[...] Die jährliche Kür des Unwortes hat insofern eine moralische Aufladung; sie impliziert ein Urteil anhand der Unterscheidung von ,,gut" und ,,schlecht" aus einer zumeist linksliberalen Perspektive – wie die Unwörter der letzten Jahre belegen: ,,Lügenpresse", ,,Gutmensch", ,,Volksverräter".

Diese Worte stammen erkennbar aus dem Kampf-Vokabular der Rechten; sie alle haben etwas Niederträchtiges, sind aber, neutral betrachtet, hochwirksame politische Reizbegriffe.
Die ,,Alternativen Fakten" gehören nur bedingt in diese Reihe. Falls Kellyanne Conway die Formulierung spontan eingefallen ist, könnte man die Trump-Beraterin für Geistesgegenwärtigkeit oder sogar satirischen Wortwitz loben – wäre da nicht der Kontext.

Denn die von Conway verteidigte Behauptung Sean Spicers, (ehemaliger) Pressesprecher des Weißen Hauses, Trump habe bei der Amtseinführung das ,,größte Publikum" überhaupt gehabt, war schlicht faktenwidrig. Es war eine Unwahrheit, oder – wenn man Absicht unterstellt – eine Lüge, und ist als solche weltweit gerügt und lächerlich gemacht worden.
Man darf allerdings bezweifeln, ob irgendetwas gewonnen wäre, wenn Conway das Wort alias Unwort gar nicht benutzt hätte. Denn tatsächlich hatte die Formulierung entlarvenden Charakter. Sie legte frühzeitig offen, dass nicht nur Donald Trump, sondern auch sein Stab willentlich gegen Grundregeln des rationalen Diskurses und der Redlichkeit verstoßen.

Von ,,Alternativen Fakten" zu sprechen, war insofern eine vernichtende intellektuelle Selbstbezichtigung – weshalb der Begriff auch kaum Verteidiger gefunden hat. Allein die rechtspopulistischen ,,Breitbart News" bemühten sich um Rechtfertigung, indem sie ,,Alternative Fakten" als neuen Ausdruck für die je persönliche Perspektive auf ein Ereignis definieren wollten.

...



Aus: ",,Ein miserables Flötenspiel von Rattenfängern"" Arno Orzessek (16.01.2018)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/unwort-des-jahres-2017-alternative-fakten-ein-miserables-100.html

-

Quote[...] Verrückt! Das ist eine naheliegende Reaktion, wenn man von der durch eine Großrazzia aufgedeckten Verschwörung der sogenannten Reichsbürger hört, die den Umsturz geplant hatten. Eine AfD-Astrologin, ein enttäuschter Prinz, ein Sänger, der auch "Pforzheimer Caruso" genannt wurde und im Schattenkabinett offenbar als Reichskulturminister vorgesehen war - all das, was nach und nach über den vereitelten Coup bekannt wird, lässt sich leicht als nicht normal einordnen.

Der Bremer Soziologe Nils C. Kumkar warnt indes davor, die Beschuldigten vorschnell zu pathologisieren. Nicht bloß, weil die Ermittlungen noch am Anfang stehen und viele Details noch nicht offenliegen. Sondern auch wegen der Gefahr der politischen Verharmlosung. Rechtsextreme, sagt Kumkar im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, seien "qua Ideologie eigentlich immer Verschwörungstheoretiker". Denn bei allen Unterschieden der kursierenden Mythen gebe es stets ein gemeinsames Motiv: "Schuldige dafür zu suchen, dass die Welt nicht so ist, wie sie eigentlich wäre, wenn sie wäre, wie sie eigentlich ist." Das heißt: Meint man zum Beispiel, dass natürlicherweise das wahre Volk, die Herrenrasse oder ein Monarch herrschen müsste, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, dann stehen logischerweise hinter dem derzeitigen System irgendwelche bösen Kräfte, die dies verhindern.

Die Verschwörer, die die Ermittler seit der Razzia in der vergangenen Woche beschäftigen, scheinen daher die Grundüberzeugung geteilt zu haben, dass die Bundesrepublik kein rechtmäßiger Staat und gegen einen anderen zu ersetzen sei. Um aber einen gewissen Organisationsgrad zu erreichen und beispielsweise den Aufbau von Milizen zu planen, brauche es noch mehr als solche Überzeugungen, so Kumkar. Darum "sollte man die Bedeutung von Glaubensinhalten auch nicht zu hoch veranschlagen", sagt der Soziologe, der gerade ein Buch über "Alternative Fakten" veröffentlicht hat. Die einzelnen Beteiligten mögen ihr jeweiliges Weltbild aus ganz unterschiedlichen wirren Versatzstücken zusammengesetzt haben, als gemeinsamer Nenner seien letztlich ihre politischen Absichten entscheidend. Politische Mythen hätten immer auch eine taktische Funktion, so Kumkar. Mit purem Wahnsinn kriegt man ein bundesweites Geheimnetzwerk jedenfalls nicht mobilisiert.

Dennoch ist vieles an der Selbstverwalterszene mit ihren Fantasieausweisen, Kleinfürstentümern und Waffenarsenalen so abwegig, dass sich nun verschärft die Frage stellt: Wie wird man dafür anfällig? Die Sozialwissenschaft versucht, darauf Antworten zu finden, seit ein Reichsbürger im Jahr 2016 erstmals einen Polizisten erschoss.
Oft berichteten Sympathisanten der Szene "von biografischen Brüchen und gefühlten Kontrollverlusten", sagen die Soziologin Carolin Amlinger und ihr Kollege Oliver Nachtwey. Zwar wird nicht aus jedem persönlichen Problem ein versuchter Staatsstreich. Aber für jene Menschen, die die Forscher in ihrer Studie "Gekränkte Freiheit" dem Typus "regressive Rebellen" zuordnen, wird mit der Zeit tatsächlich "der Ausnahmezustand zu einem grundlegenden Muster der Realitätswahrnehmung". Wie immer die Anteile von privaten Krisen und politischer Paranoia verteilt sind - von einem gewissen Punkt an erwächst aus dem ständige Misstrauen gegen Staat und Eliten eine Obsession. Auch ein bürgerlicher Beruf schützt davor nicht unbedingt.

Wenn die Entrüstung solcher Leute über die Einwanderung, über Rundfunkbeiträge, Impfungen, Steuerpflichten und vieles mehr sie dazu bringt, in eine organisierte Parallelwelt einzusteigen, dann fällt ein Merkmal dabei oft auf: die Fixierung auf rechtliche Fragen. Nicht selten beginnt sie mit paper terrorism, also dem Zumüllen von Behörden mit endlosen Anträgen oder Beschwerden. Dabei hilft der digitale Austausch mit Gleichgesinnten.

Das Juristenpaar Sophie und Christoph Schönberger hat in seinem Sammelband "Die Reichsbürger" deren zentralen Glauben an ein alternatives Rechtssystem so beschrieben: Er sei "eine laienhafte Selbstermächtigung durch Recht, die es erlaubt, Ohnmachtserfahrungen gegenüber dem staatlichen Recht in imaginäre Macht zu verwandeln". Der Zweifel an der Legitimität der herrschenden Ordnung, und der Generalverdacht, dass alles, was die staatliche Verwaltung oder die etablierten Medien so behaupten, irgendwie nicht stimmen könne, finden ihre scheinbare Lösung in einer neuen Legitimität.
Und die speist sich aus der Vergangenheit: Beispielsweise fühlen sich die "Sovereign Citizens" in den USA, die Steuerzahlungen verweigern, durch einen vermeintlich immer noch gültigen älteren Zustand der amerikanischen Verfassung legitimiert. Ganz ähnlich funktioniert es bei den Reichsbürgern, die sich auf den angeblichen Fortbestand des Deutschen Reiches berufen.

Der Leipziger Soziologe Thomas Schmidt-Lux spricht bei den Reichsbürgern von "Räumen eigenen Rechts", die sie sich im Zuge einer "radikalisierten Nostalgie" erschließen. Dieser Übergang, einer Konversion ähnlich, sei für manche attraktiv, weil er "wieder Sicherheit, Verlässlichkeit und Orientierung verspricht". Wenn aber der Rückzug in kleine rebellische Enklaven wie etwa "autonome" Mini-Königtümer auf lange Sicht nicht genug zu bewirken vermag, dann sei es nach der inneren Logik der Bewegung leider nur folgerichtig, dass sie die angeblich richtige Ordnung letztlich mit Waffengewalt im ganzen Land durchsetzen will. Den Beteiligten an der Verschwörung kommt diese Schlussfolgerung denn auch gar nicht verrückt vor, sondern als rationales Mittel zur Erreichung ihrer Ziele.

[...]


Aus: "Der Verschwörung auf der Spur" Johan Schloemann (18. Dezember 2022)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/reichsbuerger-ideologie-motive-1.5717136

-

Quote[...] Alternative Fakten und Fake News sind zwar neue Begriffe, aber als Phänomene existieren sie viel länger. Sie sind seit jeher Grundlage rassistischer und antisemitischer Verschwörungstheorien. Dass sie heute wieder Wirkungsmacht entfalten, wie etwa bei der Wahl Donald Trumps und rechtspopulistischer Parteien in Europa, mag erschrecken. Nils Kumkar will dennoch nicht von einem ,,Boom" der Alternativen Fakten sprechen. Auch wenn sie weit verbreitet sind: Geglaubt werden sie deswegen noch lange nicht.

Mit Verweis auf Theodor W. Adorno und seine Kritische Theorie erklärt Kumkar die Wirkweise Alternativer Fakten: Wer sich damals der Nazi-Propaganda angeschlossen hatte, tat dies in der Regel nicht aus Einsicht in ihren Wahrheitsgehalt, sondern aus Angst oder einem Nützlichkeitskalkül. In der Regel geht es ganz einfach nur um Konfliktverschiebung, um die Verdrängung und Verneinung des Unausweichlichen.

...


Aus: "Nils C. Kumkar – Alternative Fakten. Zur Praxis der kommunikativen Erkenntnisverweigerung" Gerhard Klas (6.3.2023)
Quelle: https://www.swr.de/swr2/literatur/nils-c-kumkar-alternative-fakten-zur-praxis-der-kommunikativen-erkenntnisverweigerung-swr2-lesenswert-kritik-2023-03-13-100.html

-

Quote[...] Alternative Fakten, so Kumkars Fazit, schaffen keine Basis, aufgrund derer man sich eine Überzeugung über einen empirischen Sachverhalt bilden könnte. Ganz im Gegenteil soll eine eindeutige Überzeugungsbildung zugunsten eines unbestimmten Zweifelns unterbunden werden. Alternative Fakten haben deshalb keinen konkreten Inhalt, sondern ihr gemeinsamer Bezugspunkt ist stets dasjenige, wogegen sie sich richten: Hauptsache, gegen den «Mainstream», die «Lügenpresse», das «wissenschaftliche Establishment» oder die «Schlafschafe».

Spätestens hier entpuppt sich der Begriff eigentlich als Etikettenschwindel, denn alternative Fakten liefern keine alternativen Deutungen eines umstrittenen Sachverhalts. Ihre Funktion erschöpft sich in der Behauptung, dass etwas nicht ist. Das nimmt Kumkar als Anlass zur Entwarnung: Eine allgemein geteilte Wirklichkeit gibt es noch, allen Befürchtungen zum Trotz. Alternative Fakten seien auch gar nicht in der Lage, diese zu zerstören. Das gilt selbst für die berüchtigten «Filterblasen»: Man muss nämlich mit ausreichender Sicherheit wissen, was überhaupt der «Mainstream» über den Klimawandel oder die Pandemie weiss, um sich davon abgrenzen zu können.

Weil sich Realitäten wie die Klimakatastrophe mit einer solchen Vehemenz aufzwingen, sehen sich gewisse Akteur:innen genötigt, diese nicht bloss zu ignorieren, sondern aktiv zu verdrängen. Stets jedoch werden alternative Fakten auf jene Realität zurückgeworfen, von der sie sich abzuwenden versuchen. So gesehen, liesse sich der Rekurs auf alternative Fakten mit etwas Vorsicht auch als verzweifeltes Rückzugsgefecht deuten – das eigentlich bereits verloren ist.

Nils C. Kumkar: «Alternative Fakten. Zur Praxis der kommunikativen Erkenntnisverweigerung». Suhrkamp Verlag. Berlin 2022. 336 Seiten.


Aus: "Auf allen Kanälen: Das grosse Rauschen" Jonas Stähelin (Nr. 42 – 20. Oktober 2022)
Quelle: https://www.woz.ch/2242/auf-allen-kanaelen/auf-allen-kanaelen-das-grosse-rauschen/!Y99FJGGEVWRT

Link

#28
Quote[...] Der ehemalige US-Präsident Donald Trump hat in seiner ersten Rede nach den Schüssen auf ihn vor knapp einer Woche den versuchten Mordanschlag beschrieben und zugleich die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner angenommen.

,,Meine Hand war blutverschmiert, einfach überall Blut. Ich wusste sofort, dass es sehr ernst war", sagte Trump bei seiner etwa anderthalbstündigen Ansprache zum Finale des Parteitags der Republikaner in Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin. ,,Überall floss Blut, und doch fühlte ich mich in gewisser Weise sehr sicher, denn ich hatte Gott auf meiner Seite." ...


Aus: "Trump schildert überlebtes Attentat: ,,Überall floss Blut, doch ich hatte Gott auf meiner Seite"" (19.07.2024)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/internationales/trump-schildert-auf-parteitag-der-us-republikaner-uberlebtes-attentat-uberall-floss-blut-doch-ich-hatte-gott-auf-meiner-seite-12050921.html

-

Quote[...] Der frühere US-Präsident Donald Trump hat in einem ersten Interview nach dem Attentatsversuch auf ihn von einem glücklichen Zufall gesprochen und sich dankbar gezeigt. "Durch Glück oder durch Gott – und viele Leute sagen, es war Gottes Werk – bin ich noch hier", sagte Trump der Boulevardzeitung New York Post an Bord seines Privatflugzeugs auf dem Weg zum Parteitag der Republikaner nach Milwaukee.

... Ein Mann hatte am Samstag bei einer Wahlkampfrede im Bundesstaat Pennsylvania auf Trump geschossen und ihn am Ohr verletzt. Der Täter, laut Bundespolizei FBI ein 20 Jahre alter Mann aus der Region, wurde von Sicherheitskräften getötet.

...


Aus: "Donald Trump beschreibt Anschlag als "surreale Erfahrung"" (15. Juli 2024)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2024-07/anschlag-auf-ex-praesidenten-donald-trump-interview-dankbarkeit

Quotemikemitcon

Bei einer solchen Tat verbietet sich naturgemäß jeglicher Zynismus. Aber ich würde sagen, es war eher des Teufels Werk als Gottes Werk, was Herrn Trump gerettet hat. Wie anders soll man hier, wie auch im Übrigen erklären, daß Herr Trump scheinbar gegen jede Art von Angriff immun zu sein scheint? Das ist mit Logik oder Zufall kaum noch zu begründen.

...


QuoteMuster Hansmann

    ""Durch Glück oder durch Gott – und viele Leute sagen, es war Gottes Werk – bin ich noch hier", sagte Trump..."

Die Tatsache, dass der Secret Service Trump nicht hinreichend vor dem Attentäter geschützt hat und er sein Leben wirklich nur einem für ihn glücklichen Umstand verdankt, macht es ihm leicht, derart mystisch zu argumentieren. In einem Land mit vielen religiösen Menschen kann das von Vorteil sein.


QuoteHeribert Marcus

Auf der heutigen ZON-Homepage (15.7.2024):
- 13 Beiträge über Trump, z.T. heroisierend
- 2 negative Beiträge über Biden

...


QuoteArgumentClinic

"Durch Glück oder durch Gott – und viele Leute sagen, es war Gottes Werk – bin ich noch hier"

Der Arzt im Krankenhaus habe ihm gesagt, so etwas habe er noch nie gesehen. "Er sprach von einem Wunder"
Da hat die Vorsehung ja wieder ganze Arbeit geleistet.

Aber Vorsicht, wir hatten hier auch schon mal so einen, der sich als Werkzeug der Vorsehung sah. Ist aber für alle schlimm geendet.


QuoteFranzJosefMarx

Trump wird von zahlreichen Spinnern schon lange mindestens als ,,Werkzeug Gottes" gesehen.

Warum sich Gott allerdings nicht nur einen bekannten Lügner, Betrüger und Ehebrecher, sondern auch die die selbstsüchtigste und dümmste Person rausgesucht haben soll, die landauf und landab zu finden war, können diese Spinner allerdings nicht zufriedenstellend beantworten.

Wahrscheinlich sind die Wege des Herrn auch diesbezüglich unerforschlich.


QuoteAlejandro_Guerro
Antwort auf @FranzJosefMarx

Woher nimmst du, dass Trump dumm ist? Weil dir seine Meinung nicht gefällt?


QuoteWashingtonian
Antwort auf @Stimmen aus dem Nichts

Ja, ja, er sagte "Person, woman, man, camera, TV". Kann ja nichts schiefen, er hat bereits gesagt er sei ein "very stable genius".


QuoteAlejandro_Guerro
Antwort auf @Sonderze.chen

Trump hat massiv Unterstützung in der Bevölkerung. So schlecht kann seine Rede nicht sein.


QuoteQuarterback

Scheint so, als hätte Gott seinen nächsten Sohn gesandt. ...


Quoterachmaninow

Dass er es wagt, den ,,Vorsehungs"-Topos in Anspruch zu nehmen - unsäglich!


QuoteCornelPanic

    Er habe im Moment des Angriffs auf ein Plakat zum Thema Migration gezeigt und deswegen den Kopf leicht weggedreht./i]

Trump durch Migration gerettet. Gäbe es keine Migration, wäre er jetzt tot.


Quoteandipe

Mehr Ironie war nie: ein ,,Migration"-Plakat rettet Trump vielleicht das Leben. Das geht dann wirklich nicht ohne einen Gott - einem mit ganz speziellem Humor.


QuoteSchievel2

Ja weil Donald bisher auch so Christlich gelebt hat, der hat einfach ein Stein im Brett beim lieben Gott


Quoteyana heinstein

Wieder eine Beweis das es keinen Gott gibt


QuoteAdamant

Oder, dass er ein ausgebuffter Stratege ist oder ein Witzbold. Den gutmütigen Alten mit dem Bart nimmt ihm keiner mehr ab.


QuoteDei

Trump ist meine grosse surreale Erfahrung.


...

Link

#29
Biden ist einer der besten Präsidenten, die wir je hatten. Er hat uns aus dem Desaster geführt, in das Trumps erste Amtszeit uns stürzte. Aber er ist sehr alt, und es geht in der Debatte nur noch darum, wie er im Fernsehen wahrgenommen wird. Alles, was die Menschen sehen, ist ein alter Kerl, der im Fernsehen herumzappelt – und auf der anderen Seite den großen amerikanischen Helden. Trump mit seiner Faust in der Luft ist jetzt wie John Wayne, den nichts aufhalten kann.

Quote[...] Ein versuchtes Attentat auf Trump im Juli habe seine religiösen Überzeugungen vertieft. ,,Ich wurde von Gott gerettet, um Amerika wieder großartig zu machen", so der Präsident der USA. Viele rechtsgerichtete Christen in den USA sehen in Trump ein Instrument Gottes. Trump selbst bezeichnete sich als Gottgesandten und sagte, das Attentat habe ,,etwas in mir geändert, ich fühle mich noch stärker". Und dem Glauben eben noch näher.

...


Aus: "Trump errichtet ,,Glaubensbüro" im Weißen Haus – und Taskforce gegen ,,anti-christliche" Entwicklung" (07.02.2025)
Quelle: https://www.fr.de/politik/trump-usa-christen-buero-glauben-attentat-pam-bondi-praesident-paula-white-zr-93559005.html

-

Quote[...] Tom Coraghessan Boyle - Geboren 1946 in New York, lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Kalifornien. Jüngst auf Deutsch erschienen: ,,I walk between the Raindrops. Stories".

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Mister Boyle, in Pennsylvania verfehlte die Kugel eines Attentäters nur ganz knapp den Kopf von Donald Trump. Viele erwischten sich danach bei dem Gedanken: Ach, hätte er doch getroffen. Darf man sich Trumps Tod wünschen?

T. C. Boyle: Ich beantworte das mal sehr politisch: Er hat sich die Schüsse in Pennsylvania selbst zuzuschreiben. Die Republikaner sind die Partei der Waffennarren. Sie wollen überhaupt keine Kontrollen. Auch die Gesetze, die heute automatische Waffen noch beschränken, wollen sie abschaffen. Ich habe kürzlich ein Bild von Marjorie Taylor Greene und Lauren Boebert gepostet – zwei unserer noblen Kongressabgeordneten. Sie posieren darauf beide mit dem gleichen AR-15-Gewehr, das auch der Schütze benutzt hat. Und hat Trump nicht immer wieder zu politischer Gewalt aufgerufen? Und versucht, die Regierung zu stürzen, indem er einen Mob auf das Parlament losließ? Vielleicht bekommt er jetzt etwas von dem zurück, was er sich immer gewünscht hat.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Noch ist Trump nicht zurück an der Macht. Ein Tyrannenmord wäre es nicht gewesen.

T. C. Boyle: Aber wir haben große Angst, dass er zurückkommt. Biden ist einer der besten Präsidenten, die wir je hatten. Er hat uns aus dem Desaster geführt, in das Trumps erste Amtszeit uns stürzte. Aber er ist sehr alt, und es geht in der Debatte nur noch darum, wie er im Fernsehen wahrgenommen wird. Alles, was die Menschen sehen, ist ein alter Kerl, der im Fernsehen herumzappelt – und auf der anderen Seite den großen amerikanischen Helden. Trump mit seiner Faust in der Luft ist jetzt wie John Wayne, den nichts aufhalten kann.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Wirklich?

T. C. Boyle: Ich hoffe, dass die Wähler ihn aufhalten werden, denn sonst sehen wir einer düsteren, faschistischen Zukunft für Amerika entgegen. Glauben Sie wirklich, dass der Typ, der versucht hat, die letzte Wahl für nichtig zu erklären, eine weitere überhaupt noch zulassen wird? Russische Soldaten schreiben Trumps Namen auf die Bomben, die sie über der Ukraine abwerfen. Weil sie wollen, dass er wieder an die Macht kommt. Er würde seinem Vorbild Putin erlauben, das Land komplett zu zerstören und es in einen Sklavenstaat zu verwandeln. Ich kann mir ja viel vorstellen, aber nichts könnte beängstigender sein als das, was jetzt gerade passiert.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Wie könnte man Trump noch mit demokratischen Mitteln stoppen?

T. C. Boyle: Indem ein Teil der Leute, die beim ersten Mal für ihn gestimmt haben, nun gegen ihn stimmt. Das Problem dabei ist das amerikanische Wahlleute-System, das Electoral College. Meine Stimme hier in Kalifornien mit seinen 39 Millionen Einwohnern ist praktisch bedeutungslos. Die Stimme von jemandem in Ohio oder einem der Hinterwäldlerstaaten zählt tausendmal mehr als meine Stimme. Diese Staaten haben sehr viel weniger Einwohner, können aber überproportional viele Wahlleute entsenden. Die schlechtesten Präsidenten, die wir in letzter Zeit hatten – Bush und zuletzt Trump –, hatten keine echte Mehrheit. Die Rechten haben die Schwächen der Verfassung genutzt und sich den Obersten Gerichtshof zu eigen gemacht. Ich sehe keinen Ausweg – es sei denn, es erheben sich alle liberal gesinnten Menschen. Die Frauen haben uns bei den Halbzeitwahlen 2022 gerettet. Das war nach der Entscheidung des Obersten Gerichts, wonach der Staat darüber bestimmen dürfen soll, was eine Frau mit ihrem Körper machen darf.


Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Nach der Niederlage gegen Biden 2020 dachten wir, Trump sei als Politiker erledigt.

T. C. Boyle: Nach dem Bierkellerputsch von 1923 dachten alle, Adolf Hitler sei erledigt. Aber er kam in den dreißiger Jahren zurück und gelangte mit legalen Mitteln ins Amt. Das ist genau das, was hier auch passieren könnte.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Was ist schiefgelaufen?

T. C. Boyle: Trump geht mit Rassismus und Hass hausieren. Die USA haben sich in den vergangenen Jahrzehnten radikal verändert. Wir sind nicht länger eine überwiegend weiße, christliche Nation. Das ist für die weißen, christlichen Nationalisten beunruhigend. Deshalb unterstützen sie – egal, was passiert – Trump. Die Evangelikalen stehen hinter ihm. Trotz der Tatsache, dass niemand weniger christlich und evangelikal sein könnte als er. Es geht ihnen um ihre Agenda, die darin besteht, das Liberale zu zerschlagen, den Multikulturalismus zu zerstören und eine Art Apartheidstaat zu errichten, wo eine kleine Minderheit rechtsradikaler, bewaffneter Schläger den Rest von uns kontrolliert.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Was ist mit den Trump-Wählern, die keine überzeugten Rassisten sind?

T. C. Boyle: Sie gehen der Propaganda auf den Leim. Das war schon vor Trump so. Die Republikaner riefen: Weg mit Obamacare! Aber wenn es die von Obama durchgesetzte Krankenversicherung nicht mehr gäbe, wer würde dann zahlen, wenn Oma krank wird oder das Kind einen Unfall hatte? Sie wissen nicht, was gut für sie ist, und stimmen gegen ihre eigenen Interessen. Trump bietet auch eine Menge Show. Auch das kennen wir von faschistischen Regierungen in der Geschichte. Nach dem Attentat heißt es jetzt auch noch, dieser Typ sei von der Vorsehung bestimmt. Es ist fast wie eine religiöse Bewegung.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Was wäre in der zweiten Amtszeit Trumps anders?

T. C. Boyle: Beim ersten Mal wollte er wiedergewählt werden. Doch jetzt hat ihm der Oberste Gerichtshof praktisch Straffreiheit in Aussicht gestellt. Es gibt nichts, wofür er als Präsident zur Rechenschaft gezogen werden kann. Für kein Verbrechen, nicht einmal für Mord. Er hat also freie Hand. Und er hat aus der ersten Amtszeit gelernt. Damals hatte er noch Menschen in seiner Regierung, die an die Demokratie, die Verfassung und die Gesetze glaubten. So etwas wird es nicht mehr geben. Das Ziel ist es, die Demokratie zu zerstören. Ich habe Nixon gehasst, ich habe Bush gehasst. Weil ihre Politik das Gegenteil von meiner ist. Aber wenigstens konnte man ihre Präsidentschaft überleben. Dies ist nun ein Griff nach der absoluten Macht.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Welche Fehler haben die Demokraten gemacht?

T. C. Boyle: Wir Demokraten sind Narren. Wir glauben an Recht und Ordnung. Wir glauben an die Verfassung. Wir glauben an die Menschenrechte, die Rechte der Frauen, den Schutz der Umwelt, all das alberne Zeug, das nicht zählt. Alles, was zählt, sind Gewehre und Springerstiefel. Trump macht keinen Hehl daraus, dass er in seinen Reden Naziwendungen nutzt. ,,Sie vergiften unser Blut", sagte er zum Beispiel über Migranten. Er sagt uns genau, was kommen wird: Die Presse wird unterdrückt werden. Alle Leute, die versucht haben, ihn für seine Verbrechen zu belangen, sollen verhaftet werden.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Haben Sie Angst?

T. C. Boyle: Ja, schreckliche Angst.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Auch um Ihre Art zu leben und Ihre Arbeit?

T. C. Boyle: Wenn diese Wahl vorbei ist, werde ich nicht mehr in der Lage sein, Interviews wie dieses zu geben. Es wird sicher eine Weile dauern, bis es so weit ist, aber irgendwann wird es so sein.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Auch Trump ist alt.

T. C. Boyle: Ich bezweifle, dass Trump im Jahr 2028 dann abtreten wird. Er wird irgendeinen Grund finden, um als Präsident weiterzumachen. Und er wird ewig leben. Ich denke an Garcia Marquez' Roman ,,Der Herbst des Patriarchen". Garcia Marquez hat das in Kolumbien erlebt, als er dort aufwuchs. In dem Roman ist der Diktator schon so lange an der Macht, wie sich der älteste dort lebende Mensch überhaupt zurückerinnern kann. Dann stirbt der Diktator eines Tages und alle tanzen auf den Straßen. Sie fühlen sich frei. Aber der Diktator ist nicht wirklich gestorben. Es war nur sein Doppelgänger. Er hat alle beim Tanzen gefilmt, um zu schauen, wer feiert – und lässt sie dann alle ins Gefängnis stecken. Und da sind wir jetzt.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Ist Trump auch die Rache der Leute, die sich in den sogenannten Fly-Over-Staaten zurückgelassen fühlen?

T. C. Boyle: Das ist sicher richtig. Wir bewegen uns in einer hochtechnologisierten Welt, einer Welt, in der man eine Hochschulausbildung braucht, um was zu erreichen. Und das lässt einen großen Teil der Bevölkerung zurück. Sie sind wütend darüber. Sie sehen, wie Einwanderer kommen und ihnen Arbeitsplätze wegnehmen. Und hier stimme ich übrigens mit den Republikanern überein. Wir müssen die Grenzen schließen, wir brauchen legale Wege der Einwanderung.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Das lässt Linke aufhorchen...

T. C. Boyle: Ich bin der Typ, der 1995 ,,América" geschrieben hat – der Roman ist ein Schrei nach Mitgefühl für alle Menschen. Und dennoch: Wir sollten keine illegale Einwanderung zulassen, weil sie die legale Einwanderung zu einem Witz macht. Doch welche Partei kümmert sich um die Arbeiter, welche Partei gibt ihnen höhere Löhne, welche Partei gibt ihnen soziale Sicherheit? Es sind die Demokraten. Die Arbeiter stimmen mit Trump gegen ihre eigenen Interessen.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Sie kommen selbst aus der Arbeiterklasse ...

T. C. Boyle: Ja, und ich habe viel Zeit in der Sierra Nevada in einer Arbeitergemeinde verbracht. Ich liebe diese Menschen, sie lieben mich. Aber bei der Politik kommen wir nicht zusammen. Alles, was sie kennen, ist Fox News. Sie haben nichts anderes. Sie reisen nicht in andere Länder. Sie lesen nichts. Sie kennen nur die Propaganda, die ihnen eingetrichtert wird. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem es keine Fakten mehr gibt, nur noch Meinungen und Propaganda. All diese Faktoren sind ein wahres Hexengebräu für die Zukunft unserer Demokratien. Nicht nur der amerikanischen, sondern auch Ihrer. Wenn Trump wieder gewählt wird, wird jedes Lebewesen auf der Erde leiden, weil die USA sich dann von all den grünen Initiativen Bidens verabschieden werden.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Die Klimakrise ist auch Gegenstand ihres Romans ,,Blue Skies".

T. C. Boyle: Der amerikanische Beitrag zur globalen Erwärmung und die Umweltverschmutzung werden sich unter Trump locker verdoppeln. Und der Oberste Gerichtshof hat auch die Fähigkeit von Bundesbehörden eingeschränkt, gegen Umweltverschmutzer vorzugehen. Es wird heißer werden. Das Wasser wird stärker verschmutzt werden. All die bedrohten Geschöpfe, die wir zu retten versuchen, werden aussterben.

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Wenn man jetzt sagt, das Rennen um die Präsidentschaft sei gelaufen, ist das nicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung? Es kann doch noch viel passieren bis November.

T. C. Boyle: Eine schwierige Frage für einen Zyniker und Besserwisser wie mich. Ich meine, wir reden darüber, was passieren wird, wenn er die Wahl gewinnt. Aber ich muss Hoffnung haben. Und etwas, was mir Hoffnung gibt: Die Mehrheit der Amerikaner ist gegen Trump. Nur ob das ausreicht, ihn von der Macht fernzuhalten?

Stefan Hunglinger & Jan Pfaff: Auf Seiten der Demokraten werden die Stimmen immer lauter, die fordern, Biden gegen einen fitteren Kandidaten auszutauschen.

T. C. Boyle: Ich hoffe, dass das passieren wird – und dass es bald passiert. Es gibt so viele großartige jüngere, energiegeladene Leute, die Trump schlagen könnten. Gretchen Whitmer, Gavin Newsom. In letzter Zeit gab es eine Menge Überraschungen, vielleicht wird es mal ein paar Überraschungen zu unseren Gunsten geben.


Aus: "T. C. Boyle über Trump: ,,Hat sich die Schüsse selbst zuzuschreiben"" (20.7.2024)
Quelle: https://taz.de/T-C-Boyle-ueber-Trump/!6022213/

Link

Quote[...] Ebenso wie allgemeine Mythen funktionieren auch politische Mythen anders als kritisches Denken. Es kann für die Menschen eine große Herausforderung sein, Mythen zu hinterfragen und über sie hinaus zu sehen. Deshalb werden sie von totalitären Regimen auch so gerne eingesetzt, und das moderne Russland ist da keine Ausnahme.

"Der Mythos ist kein Märchen. Er ist eine besondere Art und Weise, Informationen und menschliche Erfahrungen in Begriffen und Worten weiterzugeben, die die Menschen einer bestimmten Zeit verstehen können", erklärt Nataliia Kryvda, Ph.D., Professorin am Lehrstuhl für ukrainische Philosophie und Kultur an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kyjiw.

Ein Mythos ist eine Geschichte darüber, wie Menschen versuchen, die Welt um sie herum zu verstehen und mit ihr zu interagieren, und die aus der kollektiven Erfahrung entsteht. Es gibt die antike Mythologie: Geschichten darüber, wie die Welt erschaffen wurde, wie die Sterne geboren wurden, wie die verschiedenen Stämme entstanden sind usw. Es gibt eine zweite Ebene der Mythologie, die mit der Religion zusammenhängt. Und dann gibt es noch eine dritte Ebene – die politische Mythologie.

"Der Mythos ist sehr subjektiv. Es geht nicht um die objektive Wahrheit, es geht darum, wie ich (meine Gemeinschaft, mein Stamm) die Welt erlebe. Daher kann ihn niemand leugnen", sagt Professorin Kryvda.

Das mythologische Bewusstsein war die erste und tiefste Form des sozialen Bewusstseins. Aber es ist im Laufe der Zeit nicht verschwunden. Und es ist auch heute noch spürbar in unserem Leben präsent, vor allem wenn die Gesellschaft in eine Krise gerät und das rationale Denken sich besiegt fühlt.

Es gibt mehrere Hauptmerkmale des mythologischen Bewusstseins (nach Yeleazar Meletynskyi und Serhii Tokarev).

Unteilbarkeit des Subjekts und des Objekts. Die ersten Menschen trennten sich nicht von der Welt; sie waren ein natürlicher Teil von ihr. Für sie war die Welt lebendig, und sie gestalteten ihre Beziehungen zu ihr entsprechend, wie zu einem Lebewesen.

Diese Haltung wurde bis heute erhalten. "Hören Sie nur, wie wir sprechen. Die Sonne geht unter. Die Natur erwacht im Frühling", erklärt Nataliia Kryvda. – "Wir bauen unsere Beziehungen zur Welt wie zu einem Lebewesen auf: Wir verhandeln, versprechen etwas, bitten um etwas in der Zukunft und bringen Opfer, um das vorhergesagte Ergebnis zu erhalten".

Symbolismus. Symbole ermöglichen es uns, eine große Bedeutung in ein kleines Zeichen zu packen und viel Zeit und Mühe in unserer Kommunikation zu sparen. Ein christliches Kreuz, ein rotes Herz, eine Landesflagge, ein Straßenschild, ein Emoji und sogar Wörter sind alles Beispiele für Symbole.

Symbolismus ist ein mächtiges Werkzeug, das vom mythologischen Bewusstsein geschaffen wurde. Und er wird heute häufig in der Politik eingesetzt, weil Symbole viele Informationen enthalten und gleichzeitig viel Raum für persönliche Interpretationen lassen können.

[...] Der Mythos versucht, einfache und klare Antworten auf komplexe Fragen zu geben. Fragen wie: Wie ist es entstanden, woher kommt es, und warum geschieht es. Diese Antworten beruhen jedoch nicht auf einem echten Verständnis der Ursachen.

Auch heute noch ziehen wir die meisten unserer Schlussfolgerungen auf der Grundlage von Präzedenzfällen und früheren Erfahrungen mit uns selbst, unserer Gemeinschaft und unserer Nation. Es kostet uns viel Mühe, uns daran zu gewöhnen, kritisch zu denken und die wahre Ursache der Dinge zu suchen.

Existenz von heiliger und profaner Zeit. Die heilige Zeit ist die Zeit der ursprünglichen Schöpfung, in der alles zum ersten Mal erschaffen wurde und daher vollkommen ist. Die profane Zeit ist eine gewöhnliche Zeit, die danach kommt, eine mangelhafte Kopie der idealen ursprünglichen Welt. Sowohl Einzelpersonen als auch Gemeinschaften haben das Bedürfnis, sich neu zu orientieren und zu ihrer heiligen Zeit zurückzukehren, was durch ein Ritual umgesetzt werden kann.

Nataliia Kryvda zufolge wurde die Revolution der Würde für die unabhängige Ukraine zu einer heiligen Zeit. Und in den nächsten acht Jahren wurde alles mit den Werten verglichen, die während dieser Revolution definiert wurden. Nach dem 24. Februar 2022 begann eine neue heilige Zeit für die Ukraine. "Neue Helden, neue Schurken, neue reale Werte, eine neue Gesellschaft und Freiwilligenorganisation sowie neue zeremonielle Praktiken werden jetzt geschaffen. Für viele Jahre werden alle folgenden Ereignisse als würdig oder unwürdig für die Opfer dieses Krieges bezeichnet werden", sagt Professorin Kryvda.

"Unbestreitbare Wahrheit". Der Mythos festigt die kollektive Erfahrung und ist daher zuverlässig und ,,wahr". Er ist die Weisheit von Generationen: Er kann kaum in Frage gestellt werden.

    "Warum muss ich mich so verhalten? – fragt ein junger Mann. – Weil unsere Väter es getan haben. Wer bist du, um die Regeln zu ändern?!"

"Carl Jung hat die Mythologie als totale Ideologie bezeichnet. Es ist fast unmöglich, über das mythologische Bewusstsein hinauszugehen, und aus diesem Grund bedienen sich alle totalitären Regime des Mythos. Die Faschisten in Italien arbeiteten mit dem Mythos des ewigen Roms und verwendeten Symbole aus dem Römischen Reich. Der Nationalsozialismus hatte einen Mythos von der Überlegenheit der arischen Rasse. Die Sowjetunion verwendete Mythen über die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus und der Diktatur des Proletariats", erklärt Nataliia Kryvda.

Heute bedient sich Russland des Mythos seiner früheren Größe. "In seinem Essay "Ur-Faschismus" definierte Umberto Eco vierzehn allgemeine Eigenschaften der faschistischen Ideologie. Der Kult der Tradition ist die erste von ihnen: Sich auf die Vergangenheit zu verlassen wird wichtiger als die Suche nach einem neuen Weg. Im modernen Russland dreht sich alles um die Rückkehr zur Vergangenheit, zum Ruhm des Russischen Reiches (z. B. in Bezug auf Größe und territoriale Übergriffe) und der Sowjetunion (z. B. in Bezug auf soziale Garantien und Pseudogerechtigkeit)", sagt Professorin Kryvda.

Für Russland ist die heilige Zeit, die Zeit der ursprünglichen Schöpfung, immer noch die imperiale Zeit und die Oktoberrevolution von 1917.Alles, was ihre Vorstellung von einem großen Imperium zerstört (wie die Unabhängigkeit der Nachbarländer), wird zum Teil der profanen Zeit. Die Russen betrachten den Krieg gegen die Ukraine als ein Ritual der Rückkehr zu ihrer ursprünglichen Einheit und der Wiederherstellung der Macht des Reiches und der Sowjetunion als dessen Reinkarnation.

Die Idee des Festungslandes ist auch in der russischen politischen Mythologie sehr präsent. Es bedeutet, dass jeder in der Umgebung als Feind angesehen wird. Sie glauben, dass sie die einzigen sind, die im Recht sind, und dass sie gezwungen sind, sich zu verteidigen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der russischen politischen Mythologie ist die Opferung. "Die neue Welt kann nicht friedlich entstehen, sie erfordert ein blutiges Opfer. Sie haben mit Blut für eine neue Welt bezahlt und dann ein weiteres Opfer gebracht, um sie während des Zweiten Weltkriegs zu schützen. Jetzt wollen sie ein neues, wiederhergestelltes Russland, und dafür muss ein weiteres Opfer gebracht werden", erklärt Nataliia Kryvda.

Ein Mythos über die große russische Kultur ist ebenfalls mächtig. Es spielt keine Rolle, dass der größte Teil der Bevölkerung des Landes in Armut lebt und nicht einmal über die grundlegenden Annehmlichkeiten eines Haushalts verfügt – solange sie die große russische Kultur haben. In den Werken russischer Autoren werden oft kleine Menschen in einer riesigen Welt dargestellt, in der alles gegen sie ist.

Die Ukraine sollte daran arbeiten, die negativen Auswirkungen dieser russischen Mythen im Ausland zu minimieren, indem sie ihre eigene originelle und argumentative (nicht nur emotionale) Darstellung der echten ukrainischen Geschichte, Kultur und Sprache aufbaut und verbreitet. Es gibt jedoch kein Rezept für eine Veränderung dieser Mythen in Russland selbst, meint Nataliia Kryvda. Es könnte Jahrzehnte dauern und sowohl Einfluss von außen als auch inneres Umdenken erfordern.

"Die Nürnberger Prozesse (1945-1946) wurden von den Alliierten organisiert, nicht von den Deutschen. Deutschland hatte im Zweiten Weltkrieg eine vernichtende Niederlage erlitten. Zusammen mit den Plänen für den wirtschaftlichen Wiederaufbau wurden neue Werte und Bedeutungen, eine neue Generation in das Land gebracht und gepflanzt. Und es dauerte noch 20 weitere Jahre der Reue und der inneren Umgestaltung, bis die Deutschen begannen, sich selbst für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verurteilen", sagt Professorin Kryvda.

In Russland kann der Reformationsprozess beginnen, wenn der starke öffentliche Druck von außen mit dem inneren Bewusstsein zusammenfällt. Diese Mythen werden zerstört, wenn eine kritische Masse von Russen den Weg des Verstehens, der Reue und des Wiederaufbaus ihrer Identität beschreitet.

,,Die Ausbildung spielt hier eine wichtige Rolle. Aber es wird noch Jahre, Jahrzehnte dauern, bis sie ein neues Verständnis von sich selbst entwickeln und ihr äußeres Erscheinungsbild entsprechend ändern", meint Nataliia Kryvda.

Nataliia Kryvda, Ph.D., Professorin am Lehrstuhl für ukrainische Philosophie und Kultur an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kyjiw.


Aus: "Zurück zur früheren Größe: Politische Mythen, die im modernen Russland vorherrschen" Veronika Lutska (22 Aug. 2022)
Quelle: https://war.ukraine.ua/de/articles/zurueck-zur-frueheren-groesse-politische-mythen-die-im-modernen-russland-vorherrschen/


Link

#31
Quote[...] [16.03.2017:] Totenköpfe, Säbel, Wikingermotive und altdeutsche Schrift prangen auf schwarzen Kapuzenpullis ... ,,Das, was alt ist, was traditionell ist, das ist gut, was natürlich irrational ist. Die Rechtsextremisten machen das eben besonders extrem. Sie greifen zurück auf etwas, was noch viel länger zurückliegt, nämlich in der Antike beziehungsweise im frühen Mittelalter", sagt der Germanist Georg Schuppener.

Die Rede ist von der germanischen Mythologie. Die Erzählungen über Götter und höhere Wesen sollten einst den germanischen Stämmen in Nordwesteuropa dazu dienen, Unbekanntes und Naturereignisse zu erklären. Während sich die meisten politischen Akteure heute auf die jüngste Vergangenheit, wie die Wiedervereinigung, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland und die Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts beziehen, docken rechte Gruppierungen an diesen eher spärlich überlieferten Teil der Geschichte an. Georg Schuppener erforscht Sprache im Kontext ihrer Kultur- und Wissenschaftsgeschichte und hat jüngst dazu ein weiteres Buch veröffentlicht. Warum dieser Blick zurück?

,,Götter unterhalten natürlich auch. Mythos spiegelt auch Glauben wieder. Damit verbunden ist eine kultisch-rituelle Funktion. Das heißt also im Mythos gibt es bestimmte Riten, mit denen man sein Leben strukturieren kann und damit natürlich auch die Grundfragen des Lebens, also: Wo kommen wir her? Was soll unser Leben? Was passiert nach unserem Tod? Der Mythos dient natürlich dazu eine ganz eindeutige Vergangenheitsfundierung der eigenen Ideologie herzustellen."
Beliebt sind Götternamen, so wie die Modemarke Thor Steinar. Wotans Volk nannte sich eine rechtsextreme Gruppe in Berlin Ende der 80er-Jahre, Odins Erben, eine rechte Ordensgemeinschaft. Thor ist in der mythologischen Überlieferung der Gott des Gewitters, Odin verstand man als Gott des Krieges und des Todes in der Schlacht. Schuppener hat für seine Recherche Internetseiten, Facebookchats, Aufkleber und Liedtexte von rechten Gruppen analysiert.

Neben den Göttern werden auch Riten, Symbole und bedeutungsträchtige Orte aus der germanischen Kultur verwendet. Immer geht es um Gewalt und den Sieg des Stärkeren, Opferbereitschaft und darum, die Deutschen als Nachfolger der Germanen zu verstehen – ein Irrglaube, so Professor Schuppener.
,,Weil es natürlich keineswegs so ist, dass sich die deutsche Nation als eine Nachfolgekultur der Germanen wirklich ansehen lässt. Wir haben in Deutschland so viele Einflüsse aus verschiedenen Feldern, zum Beispiel aus der römischen Kultur, aus der griechischen Kultur, christliche Einflüsse, aber auch Überschneidungen mit dem Slawentum, mit dem Keltentum. Die Germanen sind nur ein Teil unserer Geschichte", sagt der Wissenschaftler.
Zumal der germanische Mythos und damit auch seine mündliche Überlieferung mit der Christianisierung unterging und erst mit der Nationenbildung im 19. Jahrhundert wieder auftauchte. Die Nationen begannen sich auch über Sprache und Kultur zu definieren und die Mythologie wurde wieder interessant, weil daraus Geschichte konstruiert werden konnte. Die Gebrüder Grimm beschäftigten sich mit ihr oder auch Richard Wagner.

Die Götterdämmerung, ein Teil von ,,Der Ring der Nibelungen", wird auch heute noch aufgeführt. Titel und Teile der Handlung greifen die nordische Sage Ragnarök auf, was den Kampf der Götter und Riesen bezeichnet, in dessen Folge die Welt untergeht. Auch dieser Begriff taucht oft in rechtsextremen Kontexten auf. Dabei war die germanische Mythologie auch im 19. Jahrhundert nie eindeutig rechts orientiert. Im Gegenteil. Nationenbildungsprozesse seien damals fortschrittlich gewesen, sagt Schuppener. Die Mythologie werde heute für politische Zwecke instrumentalisiert.
,,Das ist natürlich eine selektive Zugriffsweise, denn es gibt sehr sehr viele Aspekte in der Mythologie, die überhaupt ausgeblendet werden. Also, man konzentriert sich vor allen Dingen aufgrund der sozialdarwinistischen Ideologie auf bestimmte Aspekte, die darauf fokussiert sind, dass sich Menschen oder Götter mit Gewalt durchsetzen. Aber viele Bereiche der Mythologie werden eben ausgeblendet, wie beispielsweise die Dichtkunst. Der Gott Odin, dass das nicht nur ein gewalttätiger und kampflustiger Gott gewesen ist, sondern dass das auch ein Gott gewesen ist, der die Runen gefunden hat, dass er ein Gott der Dichtkunst gewesen ist, das wird ausgeblendet und es werden auch nur bestimmte Götter rezipiert."

Sprache aber schafft Bilder im Kopf und weckt Emotionen, die stärker sind als die Fakten dahinter. Das hat schon kurz nach dem zweiten Weltkrieg der Romanist und Politiker Viktor Klemperer in seinem ,,LTI – Notizbuch eines Philologen" erörtert und die Sprache als Gift bezeichnet, das man unbewusst trinkt.
Eine Pegida-Demonstration in Dresden. Die Menschen benutzen Sprache, die Gemeinsamkeit schafft. Dabei hat jedes Wort seine eigene Biografie, die immer mitschwingt, erklärt Sprachwissenschaftler Thomas Niehr.
,,Frauke Petry hat vor einigen Monaten in einem Interview gesagt, sie könne eigentlich gar nicht verstehen, warum man das Wort völkisch nicht benutzen könne. Das komme doch von Volk, das Wort. Da wird natürlich ausgeblendet, dass das eine belastete Vokabel ist durch die Nazis. Das kann man übrigens schon bei Klemperer nachlesen, der sagt, im Nationalsozialismus wird an alles eine Prise Volk gegeben. Und natürlich schwingt das mit, wenn wir heute völkisch hören. Natürlich kann man dieses Wort nicht einfach benutzen, ohne an den Kontext Nationalsozialismus zu denken."

Thomas Niehr ist Professor am Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der Universität in Aachen. Die Diskursanalyse und der öffentliche Sprachgebrauch sind zwei seiner Forschungsschwerpunkte. Der Bezug zur germanischen Mythologie habe mit der Mehrheitsgesellschaft erst einmal wenig zu tun.
,,Das ist sicherlich nicht die Mehrheit, das ist noch mal eine sehr spezielle Gruppe, die zu den gewaltbereiten Neonazis zählen, also die sind nicht zu unterschätzen. Und die haben das wie so eine Art religiöses Fundament, was sie sich da zurecht gelegt haben.  ...


Aus: "Rechtsextremismus und germanische Mythologie: Warum dieser Blick zurück?" Claudia Euen (16.03.2017)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/rechtsextremismus-und-germanische-mythologie-warum-dieser-100.html

Von der Soziologie und Ethnologie wurden eine Reihe von innerhalb einer Gesellschaft oder einer sozialen Gruppe üblichen oder vorgeschriebenen, meist formalisierten oder ritualisierten Gruppenverhaltensweisen als Ritus beschrieben. Die Kulturanthropologie unterscheidet bei ihrer Analyse von Kollektivritualen insbesondere zwischen Solidaritätsriten und Übergangsriten, die beide eine zentrale Rolle für die Entstehung und Erhaltung sozialer Bindungen spielen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Ritus

Ein Ritus (lateinisch, Ritus, heiliger Brauch') umfasst die kirchlichen Traditionen und Gebräuche einer spezifischen Gemeinschaft von Gläubigen ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Ritus_(Tradition)

https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Ritus

Link

Quote[...] Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein seltsames, progressives, reaktionäres und schuldbeladenes Konstrukt. In ihrem Gründungsmythos verbinden sich das Archaische und das Moderne, flackernd zwischen den Polen vom Eiland Manhattan und vom Wilden Westen – dem Ort der Ankunft der Einwanderer und der sogenannten Moving Frontier, die, wie es scheint, bis heute nicht aufhört, sich zu bewegen. Ihr Geist wirkt bis in die Gegenwart.

Die Moving Frontier war eine gewaltsame Unterwerfung der Natur, der indigenen Einwohner, der Mexikaner und nicht zuletzt der eigenen unkontrollierten Gier nach Land, Gold und Macht. Das berühmte Bild American Progress von John Gast (1872) [https://en.wikipedia.org/wiki/American_Progress] fasst diese Bewegung von Ozean zu Ozean allegorisch zusammen.

So wie die Freiheitsstatue in New York für Integration und Erlösung steht, so erklärt dieses Bild das exkludierende Western Movement. Die dort Eingeladenen werden hier zu den Vertreibern und Mördern und empfinden gerade dies als heilige Sendung. Ursprünglich hieß das Bild Spirit of the Frontier und wurde bezeichnenderweise unter dem Titel American Progress in Tausenden Reproduktionen und Varianten populär, von der Saloon-Dekoration bis zum Kinderbuch.

Selbstverständlich werden im Bild Indigene und Bisons vertrieben, Columbia trägt unterm Arm ein als solches gekennzeichnetes "School Book" und ein Seil, das sich als Telegrafenkabel fortsetzt und damit die Verbindungslinie der beiden wahren Grenzen des neuen Landes, nämlich der Ozeane, bildet. Der östliche Ozean steht für die Ankunft der Migranten, die Europa zugewandte Seite des Subkontinents, der westliche dagegen bleibt rein und offen: die Welt, die dem neuen Menschen grenzenlos erscheinen muss. 

Was wir aber auch sehen: die Bezäunung der Felder. Das Land, das keine anderen äußeren Grenzen mehr kennt als die Weiten der Meere, errichtet flugs seine inneren Grenzen. Das Bild von Gast (1842–1896) verdichtet und illustriert das Manifest Destiny, die Vorstellung von der gottgewollt-schicksalshaften Sendung zur Besiedlung des weiten Landes.

Eine weiß gekleidete Frau, Lady Columbia oder Miss Columbia, die weibliche Verkörperung der United States, schwebt über den Männern und Siedler-Familien, die mit Pflug, Ochsen, Pferd, Planwagen, Kutsche und Eisenbahn das Land "erobern". Bemerkenswerterweise findet diese mythisch-allegorische Bewegung nicht, wie es naheliegend wäre, von links nach rechts (in unserer Ikonografie: in die Zukunft), sondern in umgekehrter Richtung statt. Damit wird diese Bewegung jenseits ihrer Geografie auch zu einer Bewegung in die Vergangenheit, zurück zu den Ursprüngen, zum puritanischen Paradies vielleicht.

Das Licht kommt aus dem Osten und beleuchtet die Bewegung nach Westen, wo es noch dunkel ist und wild, aber sich erhellt durch die christlich-kapitalistische Landnahme. Übrigens war John Gast ein New Yorker Maler mit deutschen Wurzeln. Dies, um daran zu erinnern, dass vieles am Westen eine Erfindung aus dem Osten, aus post-europäischem Überschwang war.

Die Moving Frontier gen Westen ist das mythische Bild für den großen amerikanischen Widerspruch: Fundamentale Enge und magische Weite, der Cowboy, der unterm Big Sky den Stacheldraht des Farmers für seinen Herrn, den Viehbaron, beseitigen will. Genau dieser Cowboy in seiner absurden Situation, der die Freiheit seines Herrn mit der Freiheit des Subjekts, die Freiheit des Kapitals mit der Freiheit des Landes verwechselt, wäre heute ein idealer Trump-Wähler.

Die mehr oder weniger Vereinigten Staaten von Amerika konnten die Widersprüche, das verrückte Nebeneinander von liberalem Aufbruch und erzkonservativer Retromanie, stets nur durch die Phantasie des Fortschritts ertragen. So durften sich selbst die Verlierer als Teil des großartigen American Way of Life empfinden, auf den der Rest der Welt nur mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid blicken konnte. Dieses Amerika versteht sich nur durch eine Grenze, die sich gleichzeitig nach außen bewegt und nach innen schützt. Und gerade, weil eine solche Grenze widersprüchlich ist, zeigt sich der amerikanische Traum so besessen von der Idee der Grenze. Der Grenze nach Westen. Der Grenze zum Weltraum. Der Grenze des Wissens. Der Grenze zwischen Leben und Tod. Und der Grenze der Freiheit.

Zwischen dem Osten (dem Herkommen) und dem Westen (dem Hinwollen) gibt es in der Bewegung Kampf, Opfer, Verlust und Triumph. Wie im Oklahoma Land Rush, wie im Goldrausch, geht es bei dieser kollektiven Bewegung immer auch um die Konkurrenz. Die Starken, die Schnellen, die "Amerikanischeren" gewinnen. Und es muss allen jenen verziehen werden, die sich bei der Bewegung der Grenzen als skrupellos gezeigt haben. Die Pilgrim Fathers, die Siedler-Patriarchen, die Viehbarone und ihre Söhne, halbverrückt und größenwahnsinnig. Andrerseits: Wer zu viel Macht und zu viel Reichtum, zu viel Land oder zu viel Wissen anhäuft, kommt irgendwann zu Fall; das "Volk" wendet sich früher oder später gegen ihn. Ein Bannon findet sich gegen einen Musk, der es trotz allem nicht geschafft haben wird, unsterblich zu werden. Und die Geschichte der Grenzen beginnt aufs Neue. 

Wenn die Bewegung der Grenze die räumliche Dimension des amerikanischen Traums ist, dann ist die Disruption die zeitliche. Möglicherweise befinden wir uns in einem techno-politischen Zustand, in dem beides nicht mehr recht voneinander zu trennen ist. Und der von den Musk-Oligarchen angekündigte Weg zur neuen Grenze, dem Mars, ist zugleich eine räumliche wie zeitliche Flucht aus den Widersprüchen.

Die größte individuelle Rebellion, die es für einen Amerikaner gibt, ist es, die Grenze zu überschreiten. Der Westen, das ist die Verlockung, über den Rio Grande nach Mexiko zu gehen, wie Butch Cassidy und Sundance Kid und viele Outlaws und Banditen nach ihnen, oder wie heroische Künstler und verfolgte Denker. Der Osten hingegen ist die Verlockung nach dem alten Europa, nach Kultur und Philosophie.

Beide Grenzüberschreitungen werden vom Heartland und seinen Bewohnern mit Argwohn beobachtet. "We might even leave the USA" ist eine fröhliche Idee der Band Canned Heat, während Bruce Springsteen in Born in the USA die Ausweglosigkeit beklagt: "Nowhere to run, ain't got nowhere to go". Die Grenzen der USA sind die Grenzen meiner Welt. Den einen gefällt das, die anderen gehen daran zugrunde.

Der Osten als ewiges Beginnen und der Westen als ewige Bewegung. Dazwischen der "große Süden" mit seiner Sklavenhalter-Gesellschaft und unzählige Enklaven von religiösen, sprachlichen und kulturellen Gemeinschaften, die ihre Eigenheiten pflegten und sich doch vollkommen als "Amerikaner" fühlten. Rechtmäßige Bewohner eines zugleich mythischen und materiellen "gelobten Landes".

Mochte es im alten Europa noch Aspekte geben, die Max Webers Modell von der Verbindung von Protestantismus und Kapitalismus immerhin relativieren – die Vereinigten Staaten von Amerika wollten diesen Traum (und Alptraum) verwirklichen: Die Vereinigung von Demokratie (individuelle Freiheit), Puritanismus (bigottes Sendungsbewusstein) und Kapitalismus (Besitz als oberstes Gut, Verbindung von Reichtum und Politik). Dies, zu einer Meta-Religion vereint, ergibt das Bild einer neuerlichen Dialektik: der progressive Gottesstaat.

Politisch wird dieses Konglomerat durch eine Balance zwischen regionalen und zentralen Kräften zusammengehalten, die des "großen weißen Vaters in Washington" und die des Town Sheriffs, der in seiner Stadt das Gesetz nicht vertritt, sondern ist. Sie ergänzen einander, so wie sie auch immer wieder in Konflikt miteinander geraten. Das Gesetz und die Ordnung, das sind zwei Prinzipien, die durchaus nicht immer und nicht überall in den USA kongruent miteinander sind. Während im alten Europa Grenzen immer nur zu Gunsten der einen und zu Ungunsten der anderen verschoben werden können, mit Politik und Krieg, werden die Grenzen der USA als mythisch-historische begriffen. Es ist die Grenze der Gottesfurcht, des gelobten Landes, es ist die Grenze der Zivilisation, die unaufhörlich (nach Westen) verschoben wird.

Der Traum vom amerikanischen Imperium, dessen Grenzen ausschließlich natürlich-mythologischer Natur sind, ist also keine Erfindung des Trumpismus. Er schlummert im Sendungsbewusstsein jener, die die Grenzen Amerikas erweitern wollen, weil sie sie nicht überschreiten können.

Zwei Gesellschaftsmodelle finden sich in diesen paradoxen USA: Die Bildung einer Great Society, die in ständiger Bewegung den technischen mit dem sozialen Fortschritt verbindet, eine Gesellschaft, die sich in die Zukunft hinein entwickelt. Und die Verteidigung eines weißen, puritanischen und männlichen Herrschaftsmodells, das sich gegen Neuankömmlinge und "Aufsteiger" verteidigt, und das Recht, Amerikaner zu werden, sich nicht anders verwirklichen lässt, denn in Form von Gewalt. Großer Schmelztiegel oder Gesellschaft als ewiger Bürgerkrieg, das ist hier die Frage.

Die USA entstanden durch die Unabhängigkeitskriege (an die mit der Tea Party erinnert wird, einer der ersten Widerstandshandlungen gegen die Steuerpolitik des alten Systems aus Europa), durch die Verfassung, durch den Bürgerkrieg und dann durch den Weg nach Westen, durch das Westward Movement. Eben diese Moving Frontier bedeutete eine Ausweitung, deren wesentliche Elemente die Ausrottung der Native Americans, die Verwandlung des Landes in Besitz, die Etablierung von Ordnung in einem amerikanischen Sinne – also vor allem als Selbstverwaltung gegenüber der Zentralregierung – und einem Strafrecht, das mehr auf Rache denn auf Prävention gegründet ist.

Ein wesentlicher Bestandteil all dessen ist das Manifest Destiny, die Erklärung, dass es der Wille Gottes ist, dass die weißen Siedler das Land an sich nehmen. Sie und niemand anderes sind berufen. Wer sich gegen diese Sendung stellt, kann nichts anderes als ein antiamerikanischer linker Liberaler, also ein Verbrecher am amerikanischen Traum sein. Trumpismus ist unter anderem die gekränkte und rachsüchtige Wiederkehr des Manifest Destiny.

Den Begriff machte wohl 1845 der New Yorker Journalist John L. O'Sullivan in einem Artikel zum ersten Mal populär, in dem er für die Annexion von Texas plädierte. Schon damals wurde ein Widerspruch deutlich: Die einen glaubten, das "gelobte Land" sei ausschließlich für (angelsächsische) Weiße und reine (protestantische) Christen – alle anderen sollten verjagt, in Reservaten und Ghettos zusammen gefasst und bei Unbotmäßigkeit getötet werden. Die andere Fraktion glaubte dagegen, es gehe um die Ausbreitung der neuen Ideen und der neuen Nation, in der es durchaus diverse Religionen und Kulturen geben könne. 

Die beiden Fraktionen standen sich demnach auch in Beziehung zur Grenze gegenüber. Die harte "ewige" Grenze der fundamentalistischen Weißen und die dynamische historische Grenze der überzeugten Amerikaner. Daraus entwickelte sich schließlich das Gegen- und Nebeneinander von "Konservativen" und "Liberalen", die in unserer Zeit auch ein sehr striktes Gegeneinander von Demokraten und Republikanern widerspiegelt. Wobei beide Bereiche dynamisch sind. Ein sozialer Rassismus überlagert immer wieder den "biologischen". Von so bizarrem Crossovern wie dem selbst ernannten "schwarzen Nazi" Mark Robinson oder "Massenabschiebungen" befürwortenden Menschen mit Migrationshintergrund ganz zu schweigen. Grenze und Identität sind mindestens so sehr von ideologischer Projektion wie von sozialer Erfahrung geprägt.

Die Moving Frontier der Ausbreitung von Nation und "Amerikanertum" führte zu einer rigiden Organisation innerer Grenzen. Grenzen zwischen Stadt und Land. Grenzen zwischen Schwarz und Weiß. Grenzen zwischen Besitz und Arbeit. Grenzen zwischen den Einwanderern, die statt in einem Schmelztiegel in den Wellen gelandet waren, die immer wieder an das militante Abwehrverhalten der "echten Amerikaner" schlugen, und die dann in Reservaten und Ghettos endeten. In den Städten konnte jede Straße eine Grenze werden. Städte in der Provinz konnten weiß, schwarz oder Latino-dominiert sein, und der Sheriff hatte vor allem den Auftrag, "seine" Stadt gegen Einflüsse und Eindringlinge zu verteidigen.

Zu den inneren Grenzen, die in den USA viel rigider als im alten Europa verteidigt werden, gehören freilich auch die Grenzen des Besitzes. Die Verteidigung all dessen bedingt den Waffenkult, der wiederum Konzepte der "Freiheit" und "Männlichkeit" berührt. Nur der bewaffnete Mann kann Grenzen verteidigen, und nur wo es Grenzen zu verteidigen gibt, kann der bewaffnete Mann zum Idol werden. Den Politikern, den Intellektuellen, den Fremden ist indes nicht zu trauen.

Es ist, als müsse der klassische Amerikaner stets aufs Neue die Begrenzung zwischen äußerer Weite und innerer Grenze finden. All das Große und Weite, das man so liebt, wenn man von außen kommt: Je näher man es ansieht, desto konsequenter löst es sich in Beengung auf.

Der Wechsel von Weite und Enge schafft all diese amerikanischen Mythen: Die Home Invasion, in der kriminelle Nomaden in das Heim der Bürger eindringen, die sich dann umso brutaler zur Wehr setzen. Die Geschichte vom Soldaten, der das Land und seine Grenzen nach außen verbreitet und, zurückgekehrt, im Inneren keinen Platz mehr findet. Die Furcht vor Subversion und Invasion durch Kommunisten, Aliens. Der Rückfall des Landes in die Barbarei und die ewige Wiederkehr des Versklavten und des Ermordeten. Die Geschichte vom Backwoods-Horror, den Provinzlern und ihren Gespenstern, die in der speziellen Form der American Gothic manchmal buchstäblich die liberalen Städter, vor allem die Jungen, als Beute und Nahrung ansehen. Nie weiß man, ob der Horror aus der Enge ins Weite fließt oder umgekehrt.   

Aus dem Westward Movement wurde eine Mythologie der Grenze. Der Ozean, der auch immer der "Golf von Mexiko" war, nun aber, sozusagen als erneuerte Ausweitung, zum "Golf von Amerika" werden soll. Vom Herzland des Westward Movements aus gesehen ist Kalifornien schon wieder "weich", eine durchlässige kulturelle Grenze. Kein Wunder, dass sich dort beinahe so viele Linke, Queere und Liberale herumtreiben wie im großen Apfel New York.

Und wenn es den Golf von Amerika gibt, dann könnte es rasch sein, dass die Grenze zu Mexiko wieder eine innere wird, und die entsprechenden Befestigungen ein neues Alamo. Die "illegalen Migranten" sind dann die Nachfolger der "Wilden" und des "Abschaums", gegen die die Palisaden errichtet werden müssen. Die Vorposten der Moving Frontier.   

Nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckte man eine neue Grenze: den Weltraum. Viele Science-Fiction-Geschichten waren nichts anderes als das in den Weltraum verlängerte Westward Movement. Star Trek dagegen entwarf eine Art des liberalen Imperialismus, und die ozeanische Grenze des Westens wurde zu den "unendlichen Weiten" im Himmel. Man bereiste den Weltraum, setzte aber statt auf klassischen Kolonialismus eher auf eine sanfte und rationalistische Mission: Der stete Widerspruch zwischen dem Anspruch, den Rest der Welt zu beherrschen und ihm zugleich ein leuchtendes Vorbild zu sein, bricht also an den Grenzen im Weltraum wieder auf.

Mit der Landung auf dem Mond schien der Beginn eines unendlichen Westward Movements gekommen. Aber diese neue, senkrechte Moving Frontier schien in den ersten Jahren innere Grenzen aufzulösen: die der Rassen, Klassen und Geschlechter, aber auch die zwischen den USA und dem Rest der "zivilisierten Welt".

Die Grenze, die von Space-X hingegen anvisiert wird, ist keine Fortsetzung dieser New Frontier. Sie entspricht viel eher einem Alptraum, der im amerikanischen Science Fiction wiederkehrt: Der Weg in den Weltraum – angesichts einer möglicherweise dem Untergang geweihten Welt – steht nur den Auserwählten frei, den Nützlichen, den Reichen, den Starken. Hier sind keineswegs "alle" Amerikaner gemeint. Es ist eine Zukunft für diejenigen, die sich mit der Zerstörung der Welt Reichtümer angeeignet haben, und die dafür dem eigenen Desaster entkommen können. Ein Oligarchentraum von der Unsterblichkeit.

Im Trumpismus fallen die inneren und äußeren Grenzen wieder zusammen. Die ganze Welt soll begrenzt sein als Besitz. Und Emperor Trump erfüllt das Manifest Destiny. Die Gottlosen, die Wilden, die dekadenten alten Europäer mit ihrer Aufklärung und ihrem Humanismus, die "Roten" und die "Schwarzen", die aus den "Shitholes" und der "Abschaum", der sich den Deals nicht beugen will, die Aliens und die Natur – all das muss weichen oder sterben. Damit die Grenzen des amerikanischen Imperiums weiter und enger werden können.



Aus: "Weit das wilde Land, eng die eigene Welt" Aus einem Essay von Georg Seeßlen (9. Februar 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/kunst/2025-01/trumpismus-usa-gruendung-hintergruende-ureinwohner/komplettansicht

Georg Seeßlen (* 1948 in München) ist ein deutscher Autor, Feuilletonist, Cineast sowie Film- und Kulturkritiker.
https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_See%C3%9Flen

QuoteNibbla

Dawkins würde diesen Text wahrscheinlich als "Drunk on symbolismn" bezeichnen.


...

Link

Quote[...] Hitler sei ein Linker: Dieser falsche historische Mythos wird von AfD-Politikern wie beispielsweise Alice Weidel gerne beteuert. Das falsche Narrativ ist nicht neu. 2012 hat die damalige CDU-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, schon behauptet, Hitler sei links gewesen. Damals gab es die AfD noch gar nicht. Auf Twitter schrieb sie: ,,Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE Deutsche ARBEITERPARTEI..." Inzwischen ist Erika Steinbach Mitglied der AfD. Aber auch sie hat sich diesen falschen Geschichtsmythos nicht ausgedacht. Entstanden ist er Jahrzehnte zuvor. 

...

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war diese Mär ,,überhaupt kein Thema", sagt Jakob Schergaut, Mitarbeiter des Projekts ,,Geschichte statt Mythen" am Historischen Institut der Universität Jena. Denn zum einen sei über die NS-Vergangenheit größtenteils geschwiegen worden, zum anderen ,,waren sich natürlich die, die das aktiv erlebt haben, recht klar darüber, in was für einem System sie gelebt haben". 

Als eine Art Diffamierung des politischen Gegners sei die Behauptung dann in den 70er- und 80er-Jahren vom politisch rechten Milieu der Bonner Republik verbreitet worden. ,,Berühmt ist zum Beispiel der Ausspruch von Franz Josef Strauß, wonach Hitler und Goebbels im Grunde ihres Herzens angeblich Marxisten gewesen wären", so Schergaut. Aber auch aus akademischen Kreisen habe es immer wieder Versuche gegeben, Hitler als Revolutionär oder die NSDAP als sozialistisch darzustellen.

Dann verschwand dieses falsche Narrativ erst einmal weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs. Bis es unter anderem durch Erika Steinbach und in jüngster Zeit vor allem durch die AfD wiederbelebt wurde.

Die Behauptung, die Nationalsozialisten seien links gewesen, sei Teil einer sogenannten historisch-fiktionalen Gegenerzählung, so Jakob Schergaut vom Projekt ,,Geschichten statt Mythen". ,,In dieser haben die Alliierten eigentlich Deutschland den Krieg erklärt, die Nazis waren eigentlich links und der Holocaust hat nicht stattgefunden." 

Diese Form der Geschichtsverfälschung ziele darauf ab, ,,die politische Rechte für die Gegenwart zu rehabilitieren und damit auch Politiken, die durch die Lehren aus dem Nationalsozialismus eigentlich tabuisiert sind, für die Gegenwart wieder denkbar zu machen". Indem der Nationalsozialismus der politisch Linken zugeschrieben werde, solle die politisch Rechte für die Gegenwart ,,rehabilitiert" und in gewisser Weise auch ,,entkriminalisiert" werden.
Der Linken wird dabei eine Art diktatorischer Impetus zugesprochen, nach dem Motto: Ihr wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben, genau wie das Hitler gemacht hat. In dieses Narrativ passen auch Bezeichnungen wie beispielsweise ,,Ökodiktatur".

Die AfD etwa versuche, eine historische Kontinuität von staatlichen Eingriffen und Bevormundung zu konstruieren, so Schergaut. Dann versuche die Partei, sich so darzustellen, als sei sie ,,die einzige Oppositionskraft (...), die gegen diese historische Bevormundung und gegen diese staatlichen Eingriffe vorgehen würde".

Am besten schaut man in den Originalquellen nach: Adolf Hitler hat viel gesprochen, auch über sein Verhältnis zu Linken, zum Beispiel am 2. März 1933 im Berliner Sportpalast.
Damals sagte er: ,,Der Marxismus geht aus von dem Gedanken der Gleichheit der Lebewesen. Diese Lehre der Gleichheit der Menschen, der Rassen und der Individuen ist wissenschaftlich längst widerlegt und kann gar nicht gehalten werden. Sie ist irrsinnig. Sie ist praktisch nicht in der Wirklichkeit vorhanden."   

Adolf Hitler machte die Linke nicht nur als politischen Gegner aus, sondern geradezu als Feind. Er zeichnete ein hasserfülltes Bild von linken politischen Kräften, ließ Mitglieder linker Parteien und Gewerkschaften verhaften, foltern und ermorden. Es gehe also nicht nur um Textauslegungen, sagt die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum, ,,sondern es geht um 20.000 ermordete Kommunisten und Sozialisten, Anarchisten während der NS-Herrschaft". 

Zurückführen lassen sich die Begriffe auf die Französische Revolution, die erstmals die Gleichheit aller Menschen – zumindest theoretisch – festgeschrieben hat. ,,Dagegen hat von Anfang an eine politische Bewegung dagegengehalten, die auf die Ungleichwertigkeit der Menschen setzte", so die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum.
Dass wir heute in der Politik von links und rechts sprechen, kommt von der Sitzverteilung in der französischen Nationalversammlung von 1789. Links saßen nämlich die Befürworter der Republik, die Veränderung wollten und Fortschritt. Rechts saßen die Konservativen, die das bestehende System bewahren wollten.

Das Projekt des Sozialismus beruhe vereinfacht gesprochen auf dem ,,Gedanken der Gleichheit und möglichst auch Gerechtigkeit – und dass alle das Gleiche haben sollten, es weniger soziale Unterschiede geben sollte", erläutert Schüler-Springorum.

Der Name ,,Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" ist also ,,eine Lüge", sagt die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum. Gleichzeitig sei er ,,sehr schlau, weil er sich abgrenzt von den alten Eliten, von den morschen Knochen des deutschen Adels, von den Militärs, die die Niederlage 1918 verschuldet haben". Der Name suggerierte: Wir sind die Jungen, wir gehen nach vorne, wir machen etwas anderes. Er beinhaltet also ,,die Abgrenzung nach rechts und das Einbeziehen dessen, was man als deutsches Volk bezeichnet", so Schüler-Springorum. Man versuchte also sprachlich ,,in die Arbeiterklasse hineinzuwirken und sozusagen attraktiv zu werden, was am Ende teilweise, zumindest nach 1933, ein bisschen gelungen ist, aber auch nie ganz".

In der Sozialpolitik gab es in den ersten Jahren des Nationalsozialismus zwar gewisse Anreize, beispielsweise durch die nationalsozialistische Freizeitorganisation ,,Kraft durch Freude". Doch die im Parteiprogramm der NSDAP von 1920 versprochenen Verstaatlichungen oder Vergesellschaftungen hätten eigentlich nie stattgefunden, sagt Jakob Schergaut vom Projekt ,,Geschichten statt Mythen". ,,Stattdessen hat man dann jüdische Unternehmer enteignet. Das heißt also, dieses vermeintlich sozialistische Programm, das gab es eigentlich so in dieser Form nicht, und das ist eigentlich ein Stück weit Reproduktion von NS-Propaganda, die so aber nicht in die Tat umgesetzt wurde."

Stattdessen sei die Partei durch eine ,,Allianz aus Konservativen, Großgrundbesitzern, Schwerindustrie und Reichswehr überhaupt erst an die Macht gehievt" worden, betont Schüler-Springorum.

Die Nationalsozialisten schmeichelten sich erst mal bei der Arbeiterschaft ein. Zum Beispiel erfüllten sie einen lang gehegten Wunsch der Gewerkschaften: Sie machten den 1. Mai zum Tag der Arbeit, also zum bezahlten Staatsfeiertag. Doch nur einen Tag später, am 2. Mai 1933, zerschlugen die Nazis die Gewerkschaften. Nationalsozialistische Schlägertrupps überfielen Gewerkschaftshäuser, verwüsteten und plünderten, hissten vor den Gebäuden Hakenkreuzflaggen, verprügelten und demütigten Gewerkschafter. Viele verschwanden in Folterkellern und Konzentrationslagern. Manche wurden an Ort und Stelle ermordet. Es war das Ende der freien Gewerkschaften in Deutschland.


Aus: "Warum der ,,linke" Hitler ein Mythos ist" (28.09.2025)
Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/adolf-hitler-nsdap-links-kommunismus-sozialismus-100.html