Author Topic: Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)  (Read 15300 times)

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #20 on: March 28, 2020, 11:10:49 AM »
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[...] Seit Jahren war klar, dass das britische Gesundheitssystem einer Epidemie nicht gewachsen wäre. Und dann wählte die Regierung auch noch eine fatale Strategie. Boris Johnson führt die Regierungsgeschäft nun mit Fieber und Husten aus dem Homeoffice. Großbritanniens Premierminister hat sich mit Covid-19 angesteckt. Essen und Regierungsdokumente werden ihm vor die Tür der 11 Downing Street gelegt, im Notfall übernimmt Außenminister Dominic Raab die Geschäfte. Auch Gesundheitsminister Matt Hancock muss mit Symptomen zu Hause bleiben. Gleichzeitig hat sich der Thronfolger Prinz Charles mit Virus auf seinen Landsitz Birkhall in Schottland zurückgezogen.

Das Coronavirus greift in Großbritannien um sich. Die bisher bestätigten rund 14.500 Fälle sind eine Farce. Denn getestet werden nur Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern. Die Dunkelziffer liegt mit geschätzt 50.000 Infizierten viel höher. Die Zahl von 759 Toten zeigt eher, wie hart die Epidemie das britische Gesundheitssystem NHS (National Health Service) trifft. 

Im Oktober 2016 stellte eine Untersuchung der Regierung fest, dass das britische Gesundheitssystem einer Epidemie nicht gewachsen wäre. Der Bericht geriet in Vergessenheit. Das Augenmerk der Regierung lag auf dem Brexit. Jetzt herrscht Mangelwirtschaft. Zehn Jahre Sparpolitik und ein Brexit, der Ärztinnen und Krankenpfleger aus der EU davon abhält, sich in Großbritannien zu bewerben, rächen sich. Dem NHS fehlen 100.000 Fachkräfte. Es gibt nicht genug Betten, Beatmungsgeräte und Material. Was tun?

Zunächst versuchte Großbritannien, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO für Covid-19 empfohlene Strategie test-and-trace umzusetzen. Mit ihr haben Deutschland und asiatische Länder wie Südkorea großen Erfolg. Die Theorie: Mit umfangreichen Tests werden frühzeitig infizierte Personen herausgefischt, die sofort isoliert werden. Akribische Nachforschungen ermöglichen es dann, Kontaktpersonen ebenfalls zu isolieren, also die Kette der Infektionen zu unterbrechen.

"Wir haben die Strategie von Januar bis Mitte März verfolgt, dann aber damit aufgehört", räumte Yvonne Doyle, die Leiterin von Public Health England, am Donnerstag vor dem parlamentarischen Gesundheitsausschuss ein. Es habe an Personal gefehlt. Außerdem habe Großbritannien als liberale Demokratie nicht die Bevölkerungskontrolle verordnen können, wie sie Südkorea verfügt habe. Großbritannien hatte es in der Anfangsphase der Epidemie zudem versäumt, genug Antigentests zu ordern. Die Strategie, alle potenziell Infizierten zu testen, erwies sich insgesamt als illusorisch.

Auch jetzt, mehr als sechs Wochen nach den ersten Corona-Fällen im Land, werden in Großbritannien nur Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern getestet. Nicht einmal Krankenhauspersonal, das täglich mit Corona-Patienten zu tun hat, bekommt den Test. Das soll sich erst kommende Woche ändern, zunächst mit dem Personal der Intensivstationen. Der Rest der Bevölkerung muss weiter warten. Wer plötzlich mit Fieber und Husten im Bett liegt, muss ausharren und zu Hause bleiben. Erst, wenn die Atemnot gefährlich wird, ist man reif für das Krankenhaus.

Für den NHS ist die Situation brisant. Bis Mitte März noch glaubten Johnson und seine Berater, dass sie der Krankheit weitgehend freien Lauf lassen könnten und dass eine "Herdenimmunität" die Bevölkerung vor einer zweiten Infektionswelle im Winter bewahren könne. Die Realität: Wissenschaftler unter Leitung des Imperial College London rechneten der Regierung vor, dass diese Strategie Hunderttausende Tote bedeuten und den NHS völlig überfordern würde. Johnson und seine Berater schwenkten in wenigen Tagen um und verordneten immer härtere Vorschriften der Selbstisolation.

Die Vorgabe lautet: Sobald eine Person Husten und/oder Fieber bekommt, soll sie sieben Tage zu Hause bleiben, mit Familie gar 14 Tage. Das aber hat Konsequenzen für den NHS. Da Teile der Bevölkerung derzeit ohnehin an Erkältung oder Grippe leiden, haben sich schlagartig fast zehn Prozent des NHS-Personals krankgemeldet oder in Selbst-Isolation begeben. Um das zu kompensieren, werden fast 11.000 Ärztinnen, Ärzte und Krankenpfleger aus dem Ruhestand zurückgeholt. Zusätzlich haben sich nach einem Aufruf der Regierung mehr als 600.000 Freiwillige aus der Bevölkerung gemeldet, die dem NHS helfen wollen, als Fahrerin, Packer und Bote. Der Geist von Dünkirchen weht durchs Land.

Das aber löst das Grundproblem nicht. Da das Gesundheitssystem nicht auf eine Epidemie ausgelegt wurde, kann der NHS dem Personal in der Notaufnahme nicht die Schutzanzüge, den Augenschutz und die Qualitätsmasken liefern, die von der Weltgesundheitsorganisation für den Kontakt mit Corona-Patienten empfohlen werden. Der Vorsitzende des britischen Ärzteverbandes, Chaand Nagpaul, sagt: "Wir bekommen Plastikumhänge, die unsere Kleidung nicht abdecken, einfache Gesichtsmasken und keinerlei Augenschutz. Die Regierung verlangt von uns, dass wir unsere Leben aufs Spiel setzen. Das ist nicht haltbar."

Auch an Betten mit Beatmungsgeräten mangelt es. Insgesamt verfügt der NHS über etwa 8.100 solcher Plätze. Aber auf dem Höhepunkt der Epidemie wird das Land 30.000 brauchen. Noch vor wenigen Wochen hatte Großbritannien statistisch mit 6,2 Betten je 100.000 Bewohner gerade mal ein Viertel der Kapazität, die Deutschland vorhält. Jetzt verschafft sich der NHS weitere 10.000 Betten über die privaten Krankenhäuser.

Zudem soll im Osten Londons in der ExCel-Messehalle ein 4.000-Bettenhospital mit zunächst 500 Beatmungsgeräten eingerichtet werden. Die Halle ist einen Kilometer lang, das Militär hat im Hintergrund bereits die Organisation übernommen. Ähnliche Krankenhäuser sollen in Birmingham und Manchester aufgebaut werden.

Dann ist nur noch die Frage, woher die Beatmungsgeräte kommen sollen. Anstatt sich der Ausschreibung der EU anzuschließen, wozu Großbritannien in der Brexit-Übergangsphase ein Recht gehabt hätte, bestand Johnson auf Made in Britain. Der Staubsauberproduzent und Brexit-Verfechter Dyson behauptet, in Kürze 10.000 neu entwickelte Beatmungsgeräte produzieren und liefern zu können. Ob sie medizinischen Tests standhalten, weiß kein Mensch. Die Angst ist groß, dass Großbritannien bald italienische Verhältnisse erleben wird, dass in Intensivstationen entschieden werden muss, ob ältere Patienten überhaupt noch Beatmungsgeräte in Anspruch nehmen dürfen oder nicht.

Ärztinnen und Ärzte, die auf Intensivstationen den brutalen Ernst der Lage erleben, versuchen vergeblich, die Leute zu warnen, die immer noch sorglos shoppen gehen. "Als wir im Krieg den Feind bekämpfen mussten, wurden von der Bevölkerung Todesmut und Selbstaufopferung verlangt", meldet sich ein Arzt. "Jetzt wird nur verlangt, dass ihr einfach auf dem Sofa hocken bleibt. Und ihr schafft nicht mal das."


Aus: "Großbritannien: Völlig unvorbereitet in die Epidemie"  Bettina Schulz, London (28. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-03/grossbritannien-coronavirus-boris-johnson-prince-charles-gesundheitssystem-beatmungsgeraete/komplettansicht

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ich habe eine frage #6

und allen anderen westlichen Ländern war die Gesundheitsfürsorge im freien Markt überlassen und damit ein System geschaffen worden was eine hohe Rendite Abgaben musste. Das waren anderen westlichen Ländern nicht anders und besonders stark ausgeprägt in der USA ...


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Jan Reiter #6.2

Der NHS ist staatlich.


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Rudolf Rocker #6.5

+Gesundheitsfürsorge im freien Markt überlassen+

Das ist in UK nicht da Problem. Das Gesundheitswesen ist immer ein Ding von Labor gewesen, mit dem sich die Konservativen nie anfreunden konnten. Die Briten zahlen ja keine Krankenkassenbeiträge, sondern der National Health Service wird ganz vom Staat bezahlt. Daher war es für die Konservativen leicht, in den Jahren nach Blair das System ausbluten zu lassen. Für die reichen Briten gibt es natürlich auch noch Privatkrankenhäuser und wenn man sieht, dass durch die die Beatmungsplätze locker um 10000 ausgebaut werden können, sieht man schon, wie gut die im Gegensatz zu den öffentlichen sind. Eben das typisch britische Zweiklassensystem.


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southy #11

Die wenigsten Regierungen haben in dieser Krise keine Fehler gemacht. Was auch verständlich ist.

Aber es fällt schon irgendwie aus wie mit großem Abstand vor allem die populistischen nicht nur ein bisschen, sonst völlig versagen („keine Zusammenarbeit mit der EU“):
Trump, Johnson, Bolsonaro, ...)

Ich meine, klar, allen diesen unterstellt man sie seien ein bisschen, sagen wir, nicht die hellsten Kerzen auf dem Kuchen.
Aber eigentlich ist es doch gerade die Qualität von Autokraten, Gefahr für die eigene Person zu verstehen.
Trotzdem haben sie es sowas von verbockt.
Da sieht man halt was passiert wenn Wissenschaft verachtet wird.


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Verbaler Spaltpilz #11.3

Googlen Sie mal "Crimson Contagion" und die Reaktionen von Trump darauf. Die Katastrophe kommt mit Ansage, Anlauf und Vorschlaghammer in der Hand.

Popolisten versagen hauptsächlich aus einem Grund, denn reale Probleme lassen sich mit stumpfsinnigen Parolen nicht lösen. Die Anhänger einfacher Lösungen sind mit den Lösungen von realen Problemen völlig überfordert. ...

[ https://de.wikipedia.org/wiki/Crimson_Contagion ... "Eine Recherche der "New York Times" zieht auch die Behauptung des Präsidenten in Zweifel, der am Mittwoch zu dem rasanten Anstieg der Infektionen meinte, "niemand hätte solche Zahlen für möglich gehalten". Tatsächlich führte seine eigene Regierung im vergangenen Jahr eine Übung mit dem Codenamen "Crimson Contagion" durch. ... Statt Konsequenzen aus "Crimson Contagion", der Schweine-Grippe und der Ebola-Krise zu ziehen, und mehr Schutzmasken, Beatmungsgeräte und andere Medizingüter zu beschaffen, setzte der US-Präsident einen anderen Schwerpunkt. Drei Wochen nach dem ersten "Corona"-Fall in den USA legte das Weiße Haus seinen Haushaltsentwurf vor. Darin kürzte Trump den Etat der Gesundheitsbehörde CDC um neun Prozent. Zwei Wochen später verkündet er, das Virus werde eines Tages "wie ein Wunder verschwinden". Thomas Spang (20.03.20 )" https://www.giessener-allgemeine.de/politik/kasse-gemacht-warnungen-ignoriert-13608499.html


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Nightrider #11.8

Ja, aber die strukturellen Probleme gehen noch viel weiter zurück. Das Zweiklassen-Gesundheitssystem in USA (und GB) gibt es nicht erst seit Trump.


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Verbaler Spaltpilz #11.10

Das Virus ist voll kommunistisch, das behandelt alle Menschen gleich.


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Fondermann #17

Waren wir etwa vorbereitet? Doch eher wohl auch nicht!


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Woody Guthrietis #20

Traurig, dass es erst einer schlimmen Notlage bedarf, damit die Leute merken, dass kleingeistige Nationalisten und Populisten nur ihr eigenes Wohlergehen im Sinn haben.


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teacher-1 #22

Ja, man kann sich natürlich über Großbritannien das Maul zerreißen, aber ich finde - mit Blick auf uns selbst - dass wir nicht mit dem Finger auf andere zeigen sollten. Wie man den Medien entnehmen kann, so hat es schon vor geraumer Zeit massive Warnungen von Experten in Richtung Regierung gegeben, dass wir einer Epidemie und Pandemie nicht gewachsen wären, weil wir eben nicht genügend vorbereitet sind. Geschehen ist nichts. Wenn ich mir das bundesdeutsche Desaster so anschaue, was Schutzmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel angeht - und trotz aller politischen Lippenbekenntnisse und des ganzen politischen Aktionsmus ist das Problem noch immer nicht behoben - so gibt die Bundesrepublik Deutschland als eines der reichsten Länder der Welt diesbezüglich auch nicht gerade das beste Bild ab. Auch war es vollkommener Blödsinn die Schulen nach den Faschingsferien überhaupt noch einmal zu öffnen, auch hier hat man viel zu spät reagiert. Wenn ich dann in Stuttgart an das letzte Zweiliga-Fußballspiel mit Zuschauern denke, so muss man sich auch hier fragen, ob die Verantwortlichen noch alle Tassen im Schrank hatten, um das einmal salopp auszudrücken.

Es mag sein, dass das Ganze in anderen Ländern schlechter aussieht als in Deutschland, aber mit Ruhm bekleckert haben wir uns auch nicht gerade und ich finde es immer peinlich, wenn so ein wenig der Geruch entsteht die eigenen Unzulänglichkeiten mit dem Blick auf andere Länder kaschieren zu wollen.


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Instant Karma #25

Hier unten ist der Fall der 36jährigen Kayla Williams, die gestorben ist, weil die Ambulanz sie nicht mitnehmen konnte/wollte. Geschah in Peckham, Südlondon.
https://www.theguardian.com/world/2020/mar/25/london-woman-36-dies-of-suspected-covid-19-after-being-told-she-is-not-priority



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acm2010 #25.1

In den USA würde man sagen sie war ein bisschen zu schwarz um mitgenommen zu werden.


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Gefüllte Frikadelle #26

Hab mich schon vor ein paar Wochen gewundert, wie kuschlig die noch auf ihren grünen Bänken im Parlament zusammen saßen.

Selbst im Mittelalter wußte man schon, wie wichtig Abstand bei der Pest ist.

Übrigens, sehr interessant: Daniel Defoe, Die Pest zu London. Man findet die selben Abläufe wie jetzt - es beginnt mit Verdrängung der offensichtlichen Fakten, dann kommen Panikkäufe - Klopapier spielte dabei nicht die Rolle, aber Pferde (zur Flucht aus der Stadt) wurden knapp.


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123Stadtmusikant123 #26.1

Jawoll, und die deutschen Klugscheißer haben nicht nur schön kuschelig Karvevall und Fasching gefeiert, sondern saßen bis vor zwei , drei Wochen noch in einigen bayrischen Bierzelten zusammen.


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fussballplebs #28

Naja, wir bekleckern und aktuell auch nicht gerade mit Ruhm und als Vorbild taugen wir auch nicht unbedingt. Jedenfalls nicht als Positives. Wenn man mit Dreck wirft, sollte man zunächst einen Blick vor die eigene Türe werfen, ggf. dort kehren, falls da zu viel eigener Dreck rumliegt und einfach den Mund halten. Bei uns herrscht der gleiche Mangel wie auf der Insel.


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Bösemine #28.11

https://www.worldometers.info/coronavirus/

Sortieren Sie mal nach Tote (pro 1M population).
Zahlen lügen nicht, da kann man noch so viel poltern und schimpfen.


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fussballplebs #28.17

"worldofmeters kann nur das weitermelden, was ihnen von den Staaten gemeldet wird.

In Rußland sind die Zahlen angeblich auch niedrig - die Leute sterben nur merkwürdigerweise plötzlich massenhaft an Lungenentzündung...."
Da haben Sie ausnahmsweise mal recht. Mit lupenreinen bzw. quasi Diktaturen ist kaum ein Staat und noch viel weniger eine aussagekräftige Statistik zu machen.


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cwsuisse #33

Die Standards beim NHS sind sicher beklagenswert. Aber die Covid-19 Mortalität in England (5,15%) ist deutlich niedriger als beispielsweise in Spanien, Italien und den Niederlanden (6,32%).


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iguatemi #40

Immer wieder das Niederschreiben Grossbritanniens. Noch nicht mal der Versuch halbwegs objektiv zu berichten.
Die zentralisierte Struktur des NHS ist gut zur Pandämiebekämpfung ausgelegt (das bestätigt auch die Studie der John Hopkins University bezüglich Pandemie; einfach Googlen). Natürlich hat der im Vergleich zu D (Bzw. Fr) deutlich günstigere NHS zu wenig Betten, aber er kann sie schnell stark erhöhen (zB durch private Krankenhäuser), auch ist es schon eindrucksvoll dass innerhalb kürzester Zeit 3 full fuktionsfähige Krankenhäuser mit je bis zu 4000 Betten eingerichtet werden können (mit Beatmung, Logistik etc) in einer Zusammenarbeit von Armee und Gesundheitsdienst die es so in D nicht gibt (wie viele tatsächlich zusätzliche Betten hat Fr denn eingerichtet bekommen?). Ich weiß ja das gerade die Zeit nach einfachen Schemen schreibt (Breixt= dumm und schlimm deswegen UK=Chaos und Boris=Trump=Ganz schlimm) und das einzige Britische Medium das in der Redaktion gelesen wird scheint der Guardian zu sein. Das Problem ist lediglich das dies höchstens die halbe Wahrheit ist und das die Zeit nicht mehr ihrer Aufgabe der Berichterstattung nachkommt wenn nur das berichtet wird das ideologisch in den Kram passt.
Ach ja, es gibt zwei Konsortien die Beatmungsgeräte fur UK Produzieren, eines von Dyson und ein anderes unter der Führung von Airbus. Und die Alternative der EU Beschaffung ist ja wohl ein Witz. Oder gibt es diese ganzen Maschinen und man hält sie IT, FR und ES vor?


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medèn ágan #40.2

Es ist kein Geheimnis, dass der NHS über Jahrzehnte ausgeblutet wurde. Es gibt ähnliche Tendenzen in DE, aber wir reden hier wirklich um ganz unterschiedliche Niveaus, wenn es um die Leistungsfähigkeit der Versorgung der Gesamtbevölkerung geht.


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zachariaszorngiebel #40.5

Ich bin nun wirklich kein UK, Johnson oder Trump fan, aber wenn jemand etwas richtig macht sollte man das auch würdigen, unabhängig davon ob man sonst der gleichen Meinung ist: Natürlich kann man auch Beatmungsgeräte aus Europa ordern, aber da sind sie genauso knapp. Also macht es doch Sinn sie selbst herzustellen (man muss sie natürlich auch testen und im gegebenen Falle Lizenz Gebühr bezahlen). Wenn Airbus Rolls Royce und Dyson es schaffen können sie später vielleicht helfen den Mangel in Europa zu beseitigen.


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Schlaupilz #43

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich den amerikanischen "Defense production act" gut finde.Was sich in Deutschland mit der fehlenden Verfügbarkeit von Schutzmasken für das medizinische Personal abspielt, ist einfach erbärmlich.


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  Dombaumeister #50

Wie lässt sich das eigentlich psychologisch erklären, dass gerade die rechten Populisten so überfordert sind damit, die Existenz dieser Pandemie zu akzeptieren und erst einmal wertvolle Zeit verstreichen lassen, bevor sie gnädigerweise geneigt sind zu reagieren? Wenn man sich die Herren Trump, Johnson, Orban oder Bolsonaroa anschaut, regiert da doch überall die pure Hilflosigkeit.


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sh9 #50.1

Selbstüberschätzung und Realitätsverlust.
Typisch bei Narzissten.


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slyke07 #59  —  vor 2 Stunden

Einerseits habe ich solche schwarzseherischen Kommentare wie diesen hier langsam satt. Einfach zu oft ist der an die Wand gemalte Weltuntergang nicht eingetreten.

Andererseits wird Deutschland helfen müssen, wenn es soweit ist. Wenn es kann und im Rahmen der Möglichkeiten, die es hat. Genauso wie es Frankreich und Italien hilft. Es ist zwar ob der schier überwältigenden Zahlen nur eine Geste, aber trotzdem.

Allerdings fragt sich, ob einem so unterirdisch denkenden Charakter wie Johnson überhaupt noch zu helfen ist. Der Artikel liefert dafür hinreichende Belege:

"Bis Mitte März noch glaubten Johnson und seine Berater, dass sie der Krankheit weitgehend freien Lauf lassen könnten und dass eine "Herdenimmunität" die Bevölkerung vor einer zweiten Infektionswelle im Winter bewahren könne."

""Wir haben die Strategie von Januar bis Mitte März verfolgt, dann aber damit aufgehört", räumte Yvonne Doyle, die Leiterin von Public Health England, am Donnerstag vor dem parlamentarischen Gesundheitsausschuss ein. Es habe an Personal gefehlt. ... Großbritannien hatte es in der Anfangsphase der Epidemie zudem versäumt, genug Antigentests zu ordern. Die Strategie, alle potenziell Infizierten zu testen, erwies sich insgesamt als illusorisch."

"Anstatt sich der Ausschreibung der EU anzuschließen, wozu Großbritannien in der Brexit-Übergangsphase ein Recht gehabt hätte, bestand Johnson auf Made in Britain."

Was soll man dazu noch sagen?


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #21 on: April 01, 2020, 04:14:57 PM »
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[...] Kommt nach Occupy Wall Street jetzt Occupy Homeoffice? Ein Anruf in London beim Anthropologen und Kapitalismuskritiker David Graeber – der hofft, dass unser Arbeitsleben und unser Wirtschaftssystem nie wieder sein werden wie vor der Corona-Krise.

ZEIT ONLINE: Herr Graeber, plötzlich ist Homeoffice doch möglich und Supermarktkassiererinnen sind systemrelevant. Stellt die Corona-Krise auch unsere Arbeitswelt für immer auf den Kopf?

David Graeber: Hier in Großbritannien hat die Regierung eine Liste zusammengestellt mit den systemrelevanten Berufen – wer in denen arbeitet, darf weiterhin seine Kinder in die Schule schicken, wo sie betreut werden. Die Liste besticht durch die erstaunliche Abwesenheit von Unternehmensberatern und Hedgefondsmanagern! Die, die am meisten verdienen, tauchen da nicht auf. Grundsätzlich gilt die Regel: Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt. Eine Ausnahme sind natürlich Ärzte. Aber selbst da könnte man argumentieren: Was die Gesundheit angeht, trägt das Reinigungspersonal in Krankenhäusern genauso viel bei wie die Mediziner, ein Großteil der Fortschritte in den letzten 150 Jahren kommt durch eine bessere Hygiene.

ZEIT ONLINE: In Frankreich erhalten die gerade besonders geforderten Supermarktangestellten jetzt eine Bonuszahlung – auf Drängen der Regierung. Von allein regelt der Markt das nicht.

David Graeber: Weil der Markt gar nicht so sehr auf Angebot und Nachfrage basiert, wie uns immer eingeredet wird – wer wie viel verdient, das ist eine politische Machtfrage. Durch die aktuelle Krise wird jetzt noch deutlicher: Mein Lohn hängt überhaupt nicht davon ab, wie sehr mein Beruf tatsächlich gebraucht wird.

ZEIT ONLINE: Um dieses Missverhältnis geht es in Ihrem aktuellen Buch Bullshit Jobs: Viele gesellschaftlich unverzichtbare Jobs werden schlecht bezahlt – während gut bezahlte Angestellte oft daran zweifeln, ob ihre Bürotätigkeit überhaupt irgendeinen Sinn erfüllt oder ob sie nur einen "Bullshit-Job" machen.

Graeber: Was mir wichtig ist: Ich würde niemals Menschen widersprechen, die das Gefühl haben, mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zu leisten. Ich habe für mein Buch aber Stimmen gesammelt von Leuten, die genau dieses Gefühl eben nicht haben: Sie sind teilweise tief frustriert, weil sie etwas zu unser aller Wohl beitragen wollen. Aber um genug Geld für ihre Familien zu verdienen, müssen sie genau die Jobs machen, die keinem was bringen. Leute haben zu mir gesagt: Ich habe als Kindergartenerzieher gearbeitet, das war toll und erfüllend und wichtige Arbeit, aber ich konnte meine Rechnungen nicht mehr zahlen. Und jetzt arbeite ich für irgendein Subunternehmen, das eine Krankenversicherung mit Informationen versorgt. Ich markiere den ganzen Tag irgendwelche Formulare, niemand liest meine Berichte, aber ich verdiene zwanzigmal so viel.

ZEIT ONLINE: Was passiert mit diesen Büroangestellten, die ihre Bullshit-Jobs jetzt wegen des Coronavirus aus dem Homeoffice erledigen?

Graeber: Manche melden sich jetzt bei mir und sagen: Ich habe immer vermutet, dass ich meinen Job auch in zwei Stunden in der Woche erledigen könnte, aber jetzt weiß ich tatsächlich, dass es so ist. Denn sobald man das von zu Hause aus macht, fallen zum Beispiel oft die Meetings weg, die überhaupt nichts bringen.

ZEIT ONLINE: Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 waren Sie bei der Protestbewegung Occupy Wall Street engagiert, Aktivisten besetzten unter anderem einen Park in der Nähe der New Yorker Börse. Könnte die Corona-Krise eine ähnliche linke Bewegung hervorbringen? Ein Occupy Homeoffice?

Graeber: Wenn, dann ist das Motto eher: Occupy die Wohnung, in der du lebst, und zahle keine Miete mehr. Gerade wird viel über Mietstreiks gesprochen, weil die Menschen wegen der Corona-Krise ihre Miete nicht mehr zahlen können. Und dann geht es ganz konkret darum, die systemrelevanten Arbeiter zu unterstützen, denen nicht die Ausrüstung zur Verfügung gestellt wird, die sie brauchen, um ihren Job zu machen. Es ist doch in unser aller Interesse, dass medizinisches Personal und Lieferfahrer Schutzausrüstung haben.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig erfahren wir in dieser Krise sehr anschaulich, wie zentral Arbeit für unsere Gesellschaft ist: Egal, wie viele Orte die Menschen jetzt nicht mehr aufsuchen dürfen, an ihren Arbeitsplatz sollen sie häufig weiterhin gehen.

Graeber: Man sieht das bei Einschränkungen im öffentlichen Nahverkehr: Wenn man den zumacht, dann zuerst am Wochenende. Man kann nicht mehr in den Park. Aber Gott verbiete, dass man nicht mehr zur Arbeit gehen kann! Obwohl wir doch längst gemerkt haben, dass ein großer Teil der Arbeit überhaupt nicht im Büro erledigt werden muss.

ZEIT ONLINE: Das wäre tatsächlich ein Erkenntnisgewinn aus der gegenwärtigen Situation, oder?

Graeber: Ja. Die Frage ist bloß: Werden die Leute, wenn diese Krise vorbei ist, so tun, als sei das alles nur ein Traum gewesen? Nach der Finanzkrise im Jahr 2008 konnte man Ähnliches beobachten: Einige Wochen lang haben alle gesagt: "Oh, alles, was wir für wahr gehalten haben, stimmt ja gar nicht!" Man hat endlich grundsätzliche Fragen gestellt: Was ist Geld? Was sind eigentlich Schulden? Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: "Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wir vorher!" Und die neoliberale Politik und die Finanzindustrie haben einfach weitergemacht. Darum ist es so wichtig, dass wir, was wir uns in Krisenzeiten endlich eingestehen, danach nicht wieder verdrängen – zum Beispiel, welche Jobs wirklich systemrelevant sind und welche nicht.

ZEIT ONLINE: In diesem Sinne hoffen viele schon jetzt: Wenn wir durch radikale gesellschaftliche Veränderungen die Corona-Katastrophe gemeinsam abwenden können, dann wird es uns danach auch gelingen, den Klimawandel aufzuhalten.

Graeber: Die Frage ich doch: Wie können wir die CO2-Emissionen massiv reduzieren, ohne dass wir damit wieder Belastungen für die Schwächsten schaffen? Wenn in Umfragen ein Drittel aller Menschen angibt, dass ihre Jobs nutzlos sind, dann ist das sehr viel Energie, die wir an dieser Stelle verbrauchen, obwohl wir das gar nicht müssten – allein schon für die klimatisierten Bürogebäude. Man könnte also Emissionen reduzieren und sogar das Leben der Menschen angenehmer machen, wenn man sie nicht mehr dazu zwingt, Jobs zu machen, die sogar sie selbst nutzlos finden.

ZEIT ONLINE: Um die Menschen von ihren Bullshit-Jobs zu befreien, schlagen Sie die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens vor. Viele Aktivisten sprechen jetzt von einer anderen Welt, die plötzlich möglich scheint. Aber ist es nicht völlig illusorisch, dass wir ausgerechnet in solch einer Krise unser Wirtschaftssystem umbauen können? Während wir gleichzeitig eine weltweite Katastrophe bekämpfen?

Graeber: Es ist sogar viel einfacher, mitten in einer Krise solche Veränderungen durchzusetzen! Wir organisieren unsere Wirtschaft ja gerade sowieso um, ob es uns jetzt gefällt oder nicht. So viele grundsätzliche Fragen wurden lange nicht gestellt, weil man sie gar nicht formulieren konnte in der Sprache der neoliberalen Ökonomen. Die haben so getan, als wären sie im Besitz einer Wissenschaft, die sowieso schon alle Antworten kennt. Der Neoliberalismus ist in seinem Kern ein Mittel, um Leute davon abzuhalten, sich eine andere, abweichende Zukunft auszumalen – weil sowieso alles alternativlos ist. Aber vielleicht hängt die Zukunft in Wirklichkeit ja von uns ab! Genau das bemerken wir jetzt in dieser Krise. Die Frage ist nur: Was passiert danach?

ZEIT ONLINE: Viele Menschen werden sich gerade vor allem wünschen, dass sie gesund bleiben und irgendwann alles wieder so ist wie vorher. Sie wollen keine Veränderung, sondern einfach ihr normales, neoliberales Leben zurück. Verständlich, oder?

Graeber: Klar, das wünschen sich viele. Aber wir haben schon jetzt viele Illusionen verloren, die wir uns gemacht haben, auch über die Arbeitswelt und wer dort wie wichtig ist. Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten. Man muss wieder vergessen, wer wirklich die Arbeit macht und dafür viel zu wenig verdient. Außerdem steht uns die allergrößte Krise noch bevor, der Klimawandel. Wir standen die ganze Zeit auf den Gleisen und ein Zug kam uns direkt entgegen. Und jetzt hat uns jemand brutal von diesen Gleisen gestoßen, das tut weh und ist schrecklich. Aber das Dümmste, was wir tun könnten, wenn wir wieder auf die Beine kommen: Uns wieder zurück auf die Gleise stellen, wo der Zug auf uns zurast!


Aus: "David Graeber: "Werden wir danach so tun, als sei alles nur ein Traum gewesen?"" Lars Weisbrod (31. März 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/arbeit/2020-03/david-graebner-coronavirus-kapitalismus-bullshitjobs/komplettansicht

https://twitter.com/larsweisbrod/status/1244917564167393282?s=03

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Robert Nozick #2

Zwar stimme ich mit Herrn Graeber grundsätzlich schon mal nie überein - vor allem was ein Grundeinkommen angeht - aber tatsächlich beleuchtet Corona das Missverhältnis zwischen gut bezahlter und systemwichtiger Tätigkeit schlaglichtartig.

Ich habe absolut nichts dagegen, wenn sich das in Zukunft mal ändert und etwas mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung eintritt, bin allerdings momentan hochzufrieden damit, einen zu 90% im Homeoffice zu erledigenden Bullshitjob zu haben, der mich maximal 30-50% der realen Arbeitszeit tatsächlich beschäftigt und der momentan in vollbezahltem Corona-Urlaub mit gelegentlichem E-Mail-checken besteht.

Augen auf bei der Berufswahl!
Jeder muss für sich entscheiden, ob ihm Sinnhaftigkeit oder Preis-Leistungs-Verhältnis seines Jobs wichtig ist.


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S1072 #2.1

Ihr Kommentar zeigt aber, dass sie realistisch betrachtet, morgen auf der Straße sitzen müssten, weil Sie viel zu viel Geld kosten, für das, was Sie tatsächlich "leisten". ...


Quote
Robert Nozick #2.5

Das war eine reine Zustandsbeschreibung!

Kommen Sie nicht damit klar, wenn man Dinge beschreibt, die momentan ein paar Millionen Schreibtischtäter so gehen, auch wenn es die Wenigsten offen zugeben?

Oder geht das nur, wenn Herr Graeber das abstrakt beschreibt?

Es gibt nun mal Aufgaben, die haben in der gegenwärtigen Situation null Priorität.

Nehmen wir beispielsweise die regelmäßigen Prüfungen in Alten-und Pflegeheimen. Die machen unter normaler Umständen absolut Sinn. Momentan sind die ausgesetzt, weil die Heime weit wichtigere Probleme haben. Die Mitarbeiter bei den Prüfdiensten, die keine pflegerische Ausbildung haben, machen jetzt auch maximal Beschäftigungstherapie.

Oder würden Sie es für sinnvoll halten, dass zum Beispiel der Bundesrechnungshof jetzt Krankenkassen oder Krankenhäuser mit Wirtschaftlichkeitsprüfungen beschäftigt?
Ich arbeite nun einmal in einem (ähnlichen) Bereich, dessen Tätigkeit in normalem Zeiten Sinn macht, momentan aber komplett kontraproduktiv wäre.


Quote
schibby #2.27

"Eins machen Sie sehr deutlich. Sie sind und ihr Job sind ganz bestimmt nicht systemrelevant."

In einem so komplexen System wie unserer/einer Gesellschaft ist es kaum zu überblicken wer alles systemrelevant ist.

Die Supermarkt Kassiererin ist system relevant oder?
Wie sieht es aus mit:

-dem Regalfüller?
-dem LKW-Fahrer der die Ware transportiert?
-dem Spediteur, der dessen Route plant?
-dem Mechaniker, der den LKW am laufen hält?
-dem Sachbearbeiter der die Löhne überweist?
-dem Bankangestellten der das Banking-Programm betreut?
-ich kann das ewig weitermachen xD


Quote
Ring Road #5

Der Unterschied zur Finanzkrise 2008 ist jedoch, dass die jetzige Krise maßgeblich durch Corona verursacht wurde und folglich die Akzeptanz des aktuellen Wirtschaftsystems nicht generell in Frage gestellt wird, da kein Fehler des Systems vorliegt.

Leute wollen auch nach der Krise wieder kaufen, reisen, kurz gesagt konsumieren.

Außerdem wurde noch nie nach Systemrelevanz vergütet, sondern stets nach Qualifikation, Marktsituation, Tarif, Verantwortung/Führung und Wettbewerb.


Quote
Nibbla #5.1

Vitamin B nicht vergessen. Und nach oben scheitern kann man in manchen Bereichen leider auch.


Quote
Kreuzberger-10999 #8

Die Corona Krise sehe ich als große Chance, um Denkräume zu eröffnen.

Viele Menschen konnten sich nicht vorstellen das drastische Massnahmen zum Klimaschutz umsetzbar sind, die gerade zwangsweise umgesetzt werden. Zu Recht, denn jetzt sehen wir den ökonomischen Preis den wir dafür zahlen, auf Tourismus (Flüge, Kreuzfahrtschiffe, Hotels , Messen) zu verzichten. Millionen Menschen werden arbeitslos, Steuereinnahmen brechen ein.

Aber plötzlich wird eine Welt ohne überbordenden Tourismus vorstellbar. Die Frage ist, fahren wir nach der Krise wieder alles hoch auf Vorkrisen Niveau oder versorgen wir die Menschen mit einem Grundeinkommen und "belohnen" Sie dafür, das sie auf ihre "klimaschädliche" Arbeit verzichten.

Ich habe eine große Sympathie für das Grundeinkommen. Oft wurde gesagt, das dann keiner mehr die unangenehmen systemrelevanten Jobs machen wird. Aber gerade jetzt erleben wir, das gerade diese Jobs eine ungemeine respektvolle Anerkennung erfahren.

Zudem erleben die Menschen gerade an sich selbst, wie anstrengend es sein kann 2-3 Monate zu Hause zu sitzen, selbst wenn sie Corona Hilfe vom Staat bekommen und finanziell das nötigste abgesichert ist - die Menschen wollen etwas sinnvolles tun.


Quote
Odinseidank #12

Zur Kapitalismuskritik: Als ich vor einigen Tagen durch die lediglich leicht gefledderten Gänge eines Supermarktes ging dachte ich: Was für ein Glück, dass Corona nicht in der DDR passiert ist. Und wie leistungsstark unsere sozialen Marktwirtschaft ist, dass am nächsten Tag fast alles wieder in Hülle und Fülle einsortiert in den Regalen liegt.

Dass man die Pflege- und Heilberufe besser bezahlen muss, ist für mich allerdings gleichfalls klar.


Quote
Cleaude #13

"Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt"

Sorry, aber das ist reine Polemik. Da versucht jemand, diese Krise zu nutzen, um Propaganda zu betreiben. Alleine der Begriff "systemrelevant" ist irreführend. Der Landwirt und die Kassiererin sind systemrelevant, aber der Traktorhersteller nicht? Da sollte doch jedem klar sein, dass das nur kurzfristig zutreffen kann. Fast jeder Beruf ist legitimer Teil unseres Systems. Ja, sogar Hedgefondsmanager und Unternehmensberater.
Ich selber arbeite in der Forschung bezüglich Datenschutz. Ist das systemrelevant? Aktuell sicherlich nicht, aber ich denke, dass ich mit meiner Arbeit einen Anteil daran leiste, dass wir einen digitalen Fortschritt erleben, der nicht in einer Überwachungsdistopie endet. Das nutzt letztlich auch der Kassiererin und dem Arzt. ...


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Bullit #14

Ich kann dem Autor nicht zustimmen. Es gibt keine "Bullshit-Jobs". Es gibt nur Jobs, deren Bedeutung in bestimmten Situationen zunimmt, und welche, deren Bedeutung in bestimmten Situationen abnimmt. Jeder Beruf, mit dem sich auf Dauer Geld verdienen lässt und der die Wirtschaft am Laufen hält, hat seine Berechtigung, ganz einfach weil er nachgefragt wird, ansonsten würde dafür auf Dauer kein Geld bezahlt. Ich halte nichts von Leuten, die eine Krise zum Anlass nehmen um die Gesellschaft zu spalten.


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Kreuzberger-10999 #14.1

Ich kann ihre Argumentation gut nachvollziehen, sie steht unter der bisherigen kapitalistischen Prämisse:

"Wir produzieren alles, was sich irgendwie lohnt und verwerten lässt"

Die Frage ist, ob sich diese Prämisse in Zeiten des Klimawandels und des Ressourcenverbrauches nicht verändern sollte hin zu: "

"Wir produzieren das, was zum angenehmen Leben notwendig ist"

Und das mein nicht nur unbedingt notwendig und systemrelevan .
Ja, es soll Reisen, Kultur und Austausch geben. Aber vielleicht nur alle 3 Jahre eine große Reise für 6 Wochen, dazwischen kleinerer Reisen in die lokale Umgebung?
nur 3 Fernsehsender statt 20, in Berlin nur 1 Filmfestival statt 20?
Oder wir reparieren den Traktor, statt einen neuen zu produzieren?


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HH1960 #15

Der Mann spricht mir aus dem Herzen!

Ich kann meinen Job auch in 60-70% der Arbeitszeit und zum guten Teil auch im Home Office schaffen. Also reichen drei bis vier Tage Arbeit vollkommen.
Ein Weiter-so wie vorher, gibt es für mich nach der Krise nicht. Ich werde die Arbeitszeit reduzieren und soviel Home Office wie möglich machen. Das steigert die Lebensqualität erheblich, entlastet nebenbei die Straßen und schont die Umwelt.


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Joycastle #17

Ok, da hat also jemand nicht verstanden, worum es bei den "systemrelevanten" Jobs im Kontext der Coronakrise geht.

Zur Erinnerung: Eigentlich sollen wir ja alle zu Hause bleiben. Bei vielen Berufen geht das aber nicht. Und deshalb muss man bei den Berufen, *die nicht von zu Hause erledigt werden können*, sortieren zwischen "systemrelevant" und "nicht systemrelevant". Bei den Berufen, die von zu Hause erledigt werden können (z.B. Bundeskanzlerin), braucht man diese Unterscheidung nicht zu machen.

Wenn also Hegdefondsmanager nicht auf der Liste stehen, bedeutet das nicht, dass sie nicht systemrelevant sind, sondern nur, dass es egal ist, ob sie systemrelevant sind oder nicht.

Sind Anthropologieprofessoren eigentlich systemrelevant?


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Michael_Klane #21

Ich arbeite in so einem überflüssigen Job der sehr, sehr gut bezahlt wird. Wenn ich ehrlich bin, braucht es mich und meine ganzen Kollegen nicht.
Woher ich das weiß? Weil es diese Berufe und Tätigkeiten 1980 auch noch nicht gab und der Planet damals auch funktioniert hat. Ich bin mir zwar sicher, dass mir einige Kollegen widersprechen werden, aber das machen die nur, weil sie sich für wichtig und unersetzlich halten. In Wahrheit dürften ihnen auch klar sein, dass sie überflüssig sind.

Bricht man es noch weiter runter, dann kann man sagen, dass man nur Bauern, Lehrer und Ärzte brauchte. Der Rest ist Overhead bzw. ABM, damit sich der Grossteil der Bevölkerung nicht langweilt. :-)

...


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  Südvorstadt #21.1

Was machen Sie denn beruflich?


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Michael_Klane #21.2

Ich gehöre auch der in dem Artikel genannten "bösen" Berufsgruppe Unternehmensberater mit Schwerpunkt IT-Consulting an. Die Kunden die meine Kollegen und mich buchen sind zwar mit unserer Arbeit sehr zufrieden, weil wir deren Wünsche und Anforderungen entsprechend umsetzen und nachher in der Regel auch alles nach einer gewissen Zeit funktioniert, aber in meinen Augen braucht es diesen ganzen Quatsch den wir produzieren gar nicht. Das geht eher in die Richtung selbsterfüllende Prophezeiung. Weil alle anderen Unternehmen es machen, machen wir das jetzt auch. Und bricht man es rein auf Covid-19 runter, braucht man das alles noch weniger.


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Simma Wiedersoweit #22

Erinnert sich jemand an die Bewohner von Golgafrincham im Roman „Per Anhalter durch die Galaxies“ von Douglas Adams?

Achtung: SPOILER!

Die teilten sich in drei Klassen auf:
Klasse A waren die Wissenschaftler, geniale Führungspersönlichkeiten und bedeutende Künstler.
Klasse B waren die Filmproduzenten, Telefondesinfizierer, Frisöre, Unternehmensberater und Versicherungsvertreter.
In Klasse C kamen die Leute, die die ganze Arbeit machten.

Auf Golgafrincham wurde dann der nahe Weltuntergang erklärt, so dass alle Einwohner evakuiert werden mussten. Alle aus Klasse B wurden in einem Raumschiff los geschickt. Der Weltuntergang war aber ein Fake. Einige Zeit später starben schließlich alle restlichen Einwohner an einer Seuche, die durch ein nicht desinfiziertes Telefon verursacht wurde.


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klaurot #18

Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: "Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wir vorher!"
*
Das Problem ist, dass da nicht irgendwo ein Mufti sitzt, der sagt: So, ich leg' jetzt mal einen Schalter um, und dann läuft das so, wie ich es will. Tatsächlich passiert das nur wenig merklich in den Köpfen: der Politiker, der wieder anders redet als in der Krise, der Journalist, der anders darüber schreibt als unter dem Eindruck der Krise; der Banker, der seine Kunden anders berät als während der Krise; der Unternehmer, der bei seinen Entscheidungen wieder mehr auf Risiko setzt als auf Sicherheit uswusf. Der Kapitalismus wird auch diese Krise einfangen und die Party weitergehen lassen. Wo kämen wir sonst hin? Schließlich leben wir in diesem und keinem anderen System. Wenn wir uns nicht systemkonform verhalten, gehen wir ein.


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Gertrud. die Leiter #25

"Um den Geist dann wieder in die Flasche zu kriegen, muss man viel Vergessensarbeit leisten."

Genau das wird aber passieren. Seien wir ehrlich: Unsere Medien werden kräftig dabei helfen. ...


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APetri #20

Sein Wort in Gottes und des Kapitalismus' Ohr! Spätesten seit dem 11. September 2001 hieß es bei jeder Krise, die Welt werde danach eine andere. Sie blieb aber wie sie ist und der Turbokapitalismus nebst Globalisierung wurde nur noch schlimmer. Genaus so wird es such dieses Mal sein. In wenig mehr als einer Woche der Einschränkungen erhebt sich schon wieder das Gejammer insbesondere der besser gestellten Individuen und Unternehmen wegen der bevorstehenden Rezession, als ob wir krine andeten Sorgen hätten.
Leider stimmt nur eine der Vorhersagen über die Welt, die nicht mehr wie zuvor ist: seit besagtem 11. September ist der Höhepunkt von Demokratie und Freiheit überschritten, um zunehmend autoritären Tendenzen Platz zu machen. Auch insofern wird es auch nach Corona wieder weiter gehen wie bisher!


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Windei #34

Der Preis eines Gutes hängt nicht nur von seiner Nützlichkeit ab, sondern auch von seiner Verfügbarkeit. Deshalb kostet ein Diamant mehr, als ein Liter Wasser. Das Verhältnis kann sich ändern. In der Wüste wird das Wasser sehr wertvoll. Das ist böse menschliche Natur und Grundlagen-VWL. Schon möglich, dass momentan Finanztypen eher weniger gebraucht werden. Die Krise wird aber nicht ewig dauern und dann sind vermutlich auch wieder Zahlenjongleure gefragt oder sogar Ethnologen.


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villager18 #33

Ich denke, das groß angekündigte "In-sich-Gehen", das viele für die Zeit "nach Corona" beschwören, wird nach gewisser Zeit verblassen. ...


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #22 on: April 01, 2020, 10:33:33 PM »
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[...] +++ 20.51 Uhr: In den USA hat die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle die Marke von 200.000 überschritten. Laut der Johns-Hopkins-Universität wurden bis Mittwoch mehr als 203.000 Infektionsfälle gemeldet - so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Die Zahl von 100.000 Corona-Infektionen war am vergangenen Freitag überschritten worden, damit hat sich die Zahl binnen fünf Tagen verdoppelt. ...


Aus: "Corona in den USA: Traurige Marke geknackt – Kritik an Donald Trump" (01.04.20)
Quelle: https://www.fr.de/politik/corona-trump-stehen-corona-krise-sehr-schmerzhaften-zwei-wochen-zr-13599298.html

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[...] Fünf Wochen ist es her, da hielt der amerikanische Präsident Covid-19 für eine Grippe, für mehr nicht. Jetzt hält er Covid-19 nicht mehr für eine Grippe, sondern für eine bösartige Krankheit. Angesichts dramatisch steigender Infektionen und Mortalität in den Vereinigten Staaten, beeindruckt und erkennbar bedrückt von Prognosen seiner eigenen Berater über zu erwartende Todeszahlen („wie in Weltkriegen“) schlägt auch Donald Trump einen ganz anderen Ton an. Jetzt stellt er die Amerikaner auf schmerzliche Wochen ein, die vor ihnen lägen. Nach den jüngsten Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt sind die Nachrichten vom Versuch, das Coronavirus einzudämmen, nicht dazu geeignet, auf einfältigen Optimismus zu machen. Die düstere Realität der Pandemie, mit erschreckenden „Spitzenwerten“ für Amerika, ist beim obersten Mann im Staate angekommen.

Im vierten Jahr seiner Amtszeit ist Trump mit einer Krise konfrontiert, auf die er so wenig vorbereitet war wie offenkundig das amerikanische Gesundheitswesen generell. Es fehlt an Testkapazitäten, an medizinischer Ausrüstung und an Personal. So groß ist der Bedarf hierfür, dass flehentlich nach Hilfe gerufen wird und in New York, wo das Virus besonders heftig wütet, Feldlazarette errichtet werden müssen. Unterschätzt hat die Regierung Trump die Gefährlichkeit des Coronavirus ganz gewiss, aber nicht nur sie, auch andere haben das getan – in Amerika, in Europa. Wertvolle Zeit wurde vertan, weil gezögert oder die tödliche Gefahr ignoriert wurde. 100.000 Amerikaner könnten sterben, vielleicht noch mehr, und zwar trotz der Maßnahmen, die zur Eindämmung ergriffen worden sind. Wenn medizinische Bilanz zu ziehen ist, wird man wissen, wie groß die Verluste, in jeder Hinsicht, sind; und dann werden die Leute auch das Urteil über das Krisenmanagement des Präsidenten fällen.

Jetzt ist es nicht die Zeit dafür. Jetzt müssen alle Verantwortlichen jedweden Dünkel und politische Kleinkariertheit zurückstellen und gemeinsam Covid-19 bekämpfen. Hilfeersuchen sollten erhört werden und nicht überhört. Wenn sich der Präsident schon einer Kriegsrhetorik bedient, dann müssen alle notwendigen Ressourcen mobilisiert werden. In Zeiten der Bedrängnis sind die Amerikaner zu großer Solidarität und heroischem Einsatz bereit und in der Lage. Dafür ist die Zeit jetzt gekommen.


Aus: "Schmerzliche Erkenntnis" Klaus-Dieter Frankenberger (01.04.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/trump-in-erklaerungsnot-corona-in-amerika-16707210.html

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[...] "Das ist echt! Das ist echt!“ Der Mann in einem parkenden Auto hört nicht auf, ungläubig diesen Satz zu sagen. Mit seinem Handy filmt er eine Szene auf der anderen Straßenseite vor dem Brooklyn Hospital in New York. Ein Gabelstapler kommt aus der Einfahrt des Krankenhauses und fährt auf einen Sattelschlepper zu, nur ein weißes Tuch verhüllt, was er transportiert. „Sie bringen Leichname in einen Lastwagen“, spricht der Mann im Auto mit erregter Stimme in sein Handy und entschuldigt sich, dass seine Hand beim Filmen so zittert. Mehrere Personen mit Kitteln, Masken und Handschuhen stehen um den Gabelstapler herum und sehen zu, wie er seine Fracht ablädt. „Herr, erbarme dich“, sagt der Mann gegenüber.

Am Sonntag, als dieses Video entsteht, sterben in New York innerhalb von weniger als sieben Stunden 98 Menschen an Komplikationen rund um Covid-19, der Atemwegserkrankung, die vom neuartigen Coronavirus ausgelöst wird. Und von da an wird es noch schlimmer. Am Montag gibt es binnen sechs Stunden 124 Todesfälle, einen alle drei Minuten. Bis zum Dienstagabend steigt die Zahl der Corona-Toten in der amerikanischen Metropole auf 1096 an, und das Brooklyn Hospital ist nur eines von mehreren Krankenhäusern, die Kühllaster für Leichname herangeschafft haben. Mehr als 43.000 Menschen in der Stadt sind bis Mittwoch positiv auf das Virus getestet worden, im gesamten Bundesstaat New York gibt es jetzt mehr als 83.000 Infizierte und damit mehr als in ganz Deutschland.

Bürgermeister Bill de Blasio nennt New York das amerikanische „Epizentrum“ der Corona-Krise, und er warnt, das Gesundheitssystem der Stadt werde bald an seine Grenzen stoßen. An diesem Sonntag sei „D-Day“. Soll heißen, wenn bis dahin nicht mehr Kapazitäten geschaffen werden, werde es schwierig, alle Patienten zu versorgen. Vor allem medizinisches Personal und Beatmungsgeräte würden gebraucht, und die Stadt sei auf „konsistentere Hilfe der Bundesregierung“ angewiesen. „Es gibt die Gefahr, dass wir Leben zu verlieren beginnen, die man hätte retten können.“

In den vergangenen Tagen konnten New Yorker beobachten, mit welcher Verzweiflung die Stadt im Kampf gegen das Coronavirus aufrüstet. Das geschieht an sehr ungewöhnlichen Orten. Im Central Park hat eine christliche Organisation kurzerhand mehrere Zelte aufgebaut, die als behelfsmäßiges Lazarett für die Behandlung von Covid-19 dienen. Hier ist Platz für 68 Patienten, es gibt zehn Intensivbetten.

Eine ähnliche Krankenstation betreibt die Gruppe schon in Italien. Im riesigen Tenniskomplex im Stadtteil Queens, in dem jedes Jahr die „US Open“ stattfinden, soll ein provisorisches Krankenhaus mit 350 Betten entstehen. Es soll das nahe gelegene Elmhurst Hospital entlasten, das unter der großen Zahl von Covid-19-Patienten ächzt und in dem unlängst an einem einzigen Tag 13 Menschen an der Krankheit gestorben sind.

Und weil die Corona-Krise die Krankenhäuser so stark in Beschlag nimmt, versucht New York auch händeringend, Kapazitäten für Patienten mit anderen Erkrankungen zu schaffen. Dazu dient das Lazarettschiff „USNS Comfort“ mit tausend Betten und zwölf Operationssälen, das von der Regierung in Washington geschickt wurde und am Montag im New Yorker Hafen einlief. Es war zuletzt nach den Terroranschlägen im September 2001 in der Stadt. Am Montag wurde außerdem ein Lazarett im Javits Center eröffnet, in dem sonst große Messen stattfinden. Weitere behelfsmäßige Krankenhäuser an anderen Orten der Stadt sind in Planung.

Der Bedarf ist gewaltig. Im ganzen Bundesstaat New York sind nach Schätzung des Gouverneurs Andrew Cuomo 140.000 Krankenhausbetten nötig, mehr als das Doppelte der gewöhnlichen Kapazität. Cuomo schlägt in diesen Tagen auch unablässig Alarm, dass er mehr als 30.000 Beatmungsgeräte braucht, und er appelliert an die Bundesregierung, ihm dabei zu helfen. Auf einer Pressekonferenz in dieser Woche beklagte er, wie schwer und teuer es sei, an diese Maschinen heranzukommen.

Gerade habe er 17.000 Exemplare für jeweils 25.000 Dollar in China bestellt, aber ihm seien bislang nur 2500 davon fest in Aussicht gestellt worden. New York konkurriere mit anderen Bundesstaaten und auch der Regierung in Washington bei den gleichen Herstellern um die Geräte, und das treibe die Preise nach oben. „Es ist, als ob wir auf Ebay wären.“

Allgemein ist die Ausrüstung in den Krankenhäusern der Stadt knapp, auch Masken bleiben Mangelware. Die Menschen, die hier arbeiten, sind überlastet. „Sie sind körperlich erschöpft und sie sind emotional erschöpft“, sagt Gouverneur Cuomo, der mehrmals an Ärzte und Krankenpfleger in noch nicht so stark von der Corona-Krise betroffenen Regionen des Landes appelliert hat, nach New York zu kommen und auszuhelfen. Das medizinische Personal sieht sich auch einem besonders großen Ansteckungsrisiko gegenüber.

Ein Arzt nannte sein Krankenhaus gegenüber der „New York Times“ eine „Petrischale“ für das Virus, mehr als 200 Mitarbeiter seien erkrankt. Ein infizierter Krankenpfleger sagte: „Mir kommt es vor, als würden wir alle zur Schlachtung geschickt.“ Schon mehrere Beschäftigte von Krankenhäusern sind gestorben, darunter Freda Ocran, eine Krankenschwester aus der Bronx. Sie hatte noch am 20.März ihr Profilbild auf Facebook aktualisiert und dazu geschrieben: „Ich kann nicht zu Hause bleiben ... ich arbeite in der Gesundheitsversorgung.“

Jenseits von Krankenhäusern wütet das Virus auch unter anderen Einsatzkräften in der Stadt. Die New Yorker Feuerwehr hat mehr als 280 Corona-Infizierte in ihren Reihen, auch mehr als tausend Polizisten in der Stadt sind positiv auf das Virus getestet worden. Im Moment sind 15 Prozent aller Polizisten der NYPD krankgeschrieben, etwa fünfmal so viel wie sonst üblich. Hohe Zahlen von Infizierten werden auch unter Insassen von New Yorker Gefängnissen gemeldet. Auf Anweisung von Bürgermeister de Blasio wurden mehrere hundert Häftlinge, die wegen minderschwerer Vergehen eingesperrt waren, entlassen, um das Risiko für eine weitere Ausbreitung des Virus in Gefängnissen zu reduzieren.

Für die Menschen in New York ist der Gesundheitsnotstand nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Sirenen sind seit jeher Teil des Grundrauschens in der Stadt, aber im Moment heulen sie deutlich öfter als sonst. Notfalldienste hatten zuletzt 7000 Einsätze am Tag, in normalen Zeiten sind es 4000. Und die Corona-Krise ist noch nicht an ihrem Höhepunkt. Gouverneur Andrew Cuomo sagt, verschiedenen Modellrechnungen zufolge werde das in sieben bis 21 Tagen der Fall sein. Der Bedarf an medizinischer Versorgung werde dann am höchsten sein.

Bis dahin gelte es, die Kapazitäten aufzurüsten, gleichzeitig müssten aber auch alle New Yorker ihren Teil beitragen und so weit möglich zu Hause bleiben, um den Anstieg der Infektionszahlen zu bremsen. Cuomo zeigte sich in dieser Woche einmal mehr frustriert, dass manche Menschen sich noch immer nicht an die Ausgangsbeschränkungen halten. „Eure Dummheit trifft nicht nur euch selbst. Wenn ihr nach Hause kommt, könnt ihr andere infizieren.“

Wobei er auch zugab, dass die Krise die Geduld der Menschen auf eine schwere Probe stellt. „Wir sind alle ängstlich, wir sind alle müde, wir sind alle erschöpft. Wir hatten jetzt lange Zeit nur schlechte Nachrichten, und unsere ganze Art zu leben wurde unterbrochen. Jeder will nur wissen, wann das aufhört.“


Aus: "Corona-Hotspot New York: „Herr, erbarme Dich“" Roland Lindner, New York (01.04.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/politik/trumps-praesidentschaft/new-york-zaehlt-mehr-corona-infizierte-als-deutschland-16707222.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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[...] +++ 20.27 Uhr:  Italien hat mehr als 720 Tote innerhalb eines Tages im Zuge der Corona-Pandemie vermeldet - allerdings bleibt der Anstieg der Zahl der aktuell Infizierten stabil. Bis Mittwoch stieg die Zahl der derzeit erfassten Positiven um 2937 auf 80.572, teilte der Zivilschutz mit. Das war ein Anstieg um weniger als vier Prozent.

Eingerechnet der Toten und Geheilten lag die Summe der erkannten Corona-Infektionen in Italien bei insgesamt 110.574. Es kamen 727 Tote hinzu, insgesamt sind es nun 13.155. Der Druck auf die Kliniken scheint aber abzunehmen. Bei den Menschen auf der Intensivstation kamen nur 12 hinzu.

+++ 18.29 Uhr: Weil die Wirtschaft unter der Corona-Krise leidet, hat die Regierung Italiens mehrere milliardenschwere Hilfspakete beschlossen. Bei den vielen afrikanischen Erntehelfern, die in der italienischen Landwirtschaft für Hungerlöhne und oft ohne Papiere arbeiten, kommen die Hilfsgelder allerdings nicht an. Viele leben zudem in Hütten-Siedlungen, in denen es nicht immer fließend Wasser gibt.

In dieser Situation sei das Coronavirus eine riesige Gefahr für die Erntehelfer, warnt Antonio Bonanese von der Gewerkschaft Unione Sindacale di Base (USB) in einem Interview mit dem „Spiegel“. Die Hilfsarbeiter seien unsichtbare Arbeitskräfte, so Bonanese. „Als Schwarzarbeiter haben sie im Moment nicht einmal Anspruch auf die Maßnahmen, die für alle anderen Arbeitnehmer aus systemrelevanten Branchen gelten, etwa die Bereitstellung von Atemschutzmasken.“

Bislang seien die Arbeiter von dem Coronavirus verschont geblieben, aber schon wenige Infektionen hätten schwerwiegende Folgen nicht nur für die Gesundheit der Arbeiter, sondern auch für die europäische Landwirtschaft. „Die gesamte Lebensmittelproduktion könnte ins Stocken geraten. Sie ist ja in weiten Teilen auf diese Arbeiter angewiesen.“

+++ 01.04.2020, 11.44 Uhr: Italien befürchtet gravierende soziale Folgen aus der Corona-Krise, die laut Ministerpräsident Guiseppe Conte eine „schwerwiegende Wunde“ im Land hinterlassen werde. Während der Norden des Landes mit der besonders vom Coronavirus Sars-CoV-2 betroffenen Region der Lombardei tausende Covid-19-Tote zu beklagen hat, droht im ärmeren Süden des Landes droht ein anderes Problem: Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren und haben jetzt Mühe, sich und ihre Familien zu versorgen.

Ein Priester aus Neapel sagte dem „Guardian“ über den Stimmungswandel in Italien: „Sie singen oder tanzen nicht mehr auf den Balkonen. Jetzt haben die Menschen mehr Angst – nicht so sehr vor dem Virus, sondern vor der Armut. Viele sind arbeitslos und hungrig. Es gibt jetzt lange Warteschlangen bei Lebensmittelbanken.“ Grund dafür sei der Shutdown der Wirtschaft im Zuge der Corona-Krise.

    “#Italians are no longer singing on balconies. Now people are more afraid – not so much of #coronavirus, but of poverty.” 3 weeks on from start of #lockdown, Italians are seeing that everything is not all right. My latest with @GiuffridaA #COVID19 #Italy https://t.co/QmvbtFBZsC
    — Lorenzo Tondo (@lorenzo_tondo) April 1, 2020
https://twitter.com/lorenzo_tondo/status/1245277190415056896?ref_src=twsrc%5Etfw

In den ärmsten Regionen Kampanien, Kalabrien, Sizilien und Apulien ganz im Süden von Italien kommt es zu Spannungen. Nach Berichten über Plünderungen wegen zunehmender Geldnöte aufgrund der Corona-Krise haben etwa auf Sizilien bewaffnete Polizisten vor Supermärkten Stellung bezogen. Ministerpräsident Conte sagte zu, dass die Regierung von Italien 4,3 Milliarden Euro aus einem Solidaritätsfonds sofort an alle Gemeinden überweisen würde, und weitere 400 Millionen Euro für Lebensmittelmarken. Viele Kommunen kritisieren jedoch, dass die Mittel zur Lösung der sozialen Probleme in Folge der Corona-Pandemie nicht ausreichten.

+++ 21.13 Uhr: Der Ministerpräsident von Italien Giuseppe Conte hat sich in einem Fernsehinterview in der ARD-Sendung zum Coronavirus Sars-CoV-2 „ARD EXTRA: Die - Corona-Lage“ direkt an die deutsche Bevölkerung gewandt. Er sagte, Italien sei noch immer in einer „akuten Notlage“, die Coronakrise hinterlasse eine „schwerwiegende Wunde“ im Land. Auf Twitter schrieb Conte: „Ich habe eine Nachricht an die deutschen Bürger gesendet und einige Überlegungen angestellt, um diesen europäischen Notfall wirksamer anzugehen.“

    "Die Deutschen müssen für den Wiederaufbau Italiens nicht einen #Euro für italienische Schulden zahlen“, so Italiens Ministerpräsident #Conte im Exklusiv-Interview in "ARD extra - Die #Corona-Lage", heute, 31.3.2020, 20.15, @DasErste @ARD_Presse #Eurobonds https://t.co/u1kvVKp1di
    — SWR (@SWRpresse) March 31, 2020

Im ARD-Interview sagte Conte zum Streit um sogenannte Corona-Bonds, die die deutsche Bundesregierung ablehnt und Italien fordert, er und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) haben unterschiedliche Ansichten. Wörtlich sagte er: „Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um den deutschen Bürgerinnen und Bürgern zu sagen, dass wir hier keine Seiten für ein Wirtschaftshandbuch schreiben, wir schreiben die Seiten eines Geschichtsbuchs.“ 

Deutschland stemmt sich seit Jahren gegen Forderungen nach Eurobonds zur Vergemeinschaftung von Schulden. Conte ist der Meinung, dass von solchen Eurobonds alle Mitgliedstaaten der EU profitieren könnten. Sie bedeuteten nicht, dass die Deutschen beim anstehenden Wiederaufbau Italiens „auch nur einen Euro für die italienischen Schulden bezahlen müssen“. Der Streit über Corona-Bonds - also gemeinsame europäische Anleihen - entzweit die EU-Staaten. Italien, Spanien, Frankreich und andere fordern sie vehement, unter anderen Deutschland ist dagegen.

...


Aus: "Corona in Italien: Wieder viele Tote – Sorge um „unsichtbare Arbeitskräfte“" (01.04.20)
Quelle: https://www.fr.de/panorama/coronavirus-pandemie-italien-verlaengert-ausgangsverbote-studie-macht-hoffnung-ende-hoelle-zr-13591649.html
« Last Edit: April 16, 2020, 02:52:22 PM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #23 on: April 02, 2020, 11:30:23 AM »
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[...] Der von der Politik empfohlene Einsatz von fachfremden Erntehelfern erweist sich in der Praxis als problematisch. "Wir sind dankbar für jede helfende Hand, weil wir dringend Unterstützung benötigen. Aber die Idee ist nicht so einfach umzusetzen, wie sich das manch einer denkt", sagte der Sprecher des Hessischen Bauernverbands, Bernd Weber, auf Anfrage in Friedrichsdorf (Hochtaunuskreis). Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte vorgeschlagen, dass etwa Beschäftigte aus der Gastronomie, dem Einzelhandel und anderen wegen der Corona-Krise Not leidenden Branchen auf den Feldern eingesetzt werden könnten.

In Hessen und im weiteren Bundesgebiet fehlen massenhaft Erntehelfer, weil Saisonkräfte wegen geschlossener Grenzen derzeit nicht mehr anreisen können. Diese Grenzregelung gilt für die Einreise aus Drittstaaten, aus Großbritannien, für EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien, die nicht alle Schengen-Regeln vollumfänglich anwenden, sowie für Staaten wie Österreich, zu denen Binnengrenzkontrollen vorübergehend wiedereingeführt worden sind. Der Hessische Bauernverband fürchtet wegen der ausbleibenden Saisonarbeitskräfte Ernteausfälle bei Obst und Gemüse. Derzeit seien Helfer - vor allem aus Osteuropa - bei der Ernte von Spargel und anderem Gemüse gefragt.

Nach Einschätzung des Bauernverbands besteht Bedarf in Höhe von 16 000 bis 17 000 Aushilfen. Die ersten fachfremden Erntehelfer seien zwar schon im Einsatz in Hessen. Doch wie viele es sind und wie viele noch fehlen - dazu konnte der Verband keine Angaben machen. In ganz Europa fehlen nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums in Berlin bis zu 300 000 Saisonkräfte.

Doch selbst wenn sich Erntehelfer melden, sei das Problem noch nicht gelöst, sagte Weber. "Es ist eine besondere Herausforderung, in der Landwirtschaft tätig zu sein. Das ist anstrengende Arbeit, derzeit die Spargelernte. Dafür braucht man Einarbeitung, eine gewisse Technik und Erfahrung. Das erledigen meist eingespielte Teams. Und wenn jetzt zum Beispiel ein Bulgare oder ein Rumäne beim Spargelstechen fehlt, der das seit zehn Jahren macht, dann braucht man drei Deutsche, um die Arbeit zu erledigen."

Die harte Feldarbeit sei nicht jedermanns Sache, sagte Weber. "Dafür braucht man einen langen Atem. Aber man kann es auch als sportliche Herausforderung begreifen und sich sagen: ›Ich ziehe das jetzt mal ein paar Wochen durch.‹" Die Produzenten müssten sich auf die Aushilfen verlassen können. "Das muss schließlich wie am Schnürchen laufen und ist kein Job, den man mal ein paar Stunden machen kann." Die Spargelsaison läuft traditionell bis zum 24. Juni, dem Johannistag. Verbandssprecher Weber hofft, dass sich das Konzept der fachfremden Erntehelfer bewährt. "Wir müssen das beobachten und können die Idee noch nicht bewer-ten." Wenige Wochen nach dem Beginn der Spargelernte beginnt die Erdbeerzeit. Auch dafür werden Erntehelfer gesucht.

Für den Spargelhof Merlau in Darmstadt funktioniert das Konzept mit fachfremden Erntehelfern nicht. "Fürs Sortieren der Stangen und alle Arbeiten in der Halle sowie fürs Ausfahren mag das ja klappen. Aber auf dem Feld überhaupt nicht. Und wenn es dort nicht klappt, haben wir bereits am Beginn der Kette ein Problem. Frau Klöckner soll mal herkommen und mir zeigen, wie das mit Kellnern, Studenten, Asylbewerbern und anderen Ungelernten gehen soll", kritisierte Georg Peter Merlau, der nach eigenen Angaben einen mittelständischen Betrieb mit 80 Hektar Anbaufläche für Spargel führt. Er brauche 150 Saisonkräfte, habe aber aktuell nur ein Drittel.

Merlau betonte, Außenstehende sollten sich bezüglich der Feldarbeit keine falschen Vorstellungen machen. "Es ist schwer, es ist kalt, es ist nass, es ist schmutzig - und ständig in gebückter Haltung. Diese Tätigkeit muss man gewohnt sein, um sie durchstehen zu können."


Aus: "Erntehelfer verzweifelt gesucht" (dpa, 01.04.20)
Quelle: https://www.giessener-allgemeine.de/hessen/erntehelfer-verzweifelt-gesucht-13637300.html


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[....] Der Spargelbauer Jörg Heuer hat schnell reagiert: Als die Bundesregierung vergangene Woche ankündigte, ausländischen Saisonarbeitern wegen des neuen Coronavirus die Einreise zu verweigern, charterte der 49-Jährige kurzerhand ein eigenes Flugzeug. Für eine fünfstellige Summe, wie er sagt, ließ er rund 120 Rumänen einfliegen, um seine Ernte - und damit sein Geschäft - zu retten.

 Auf mehr als 100 Hektar Land baut Heuer bei Burgwedel in Niedersachsen Spargel und Beeren an, in zweiter Generation, die Eltern des 49-Jährigen haben den Hof 1981 gegründet. Mit dem Flieger hat er einen Personalengpass bei der Ernte in diesem Jahr gerade noch abgewendet. "Wir kommen zurecht", sagt er. In der Branche allerdings gebe es dieses Jahr deutlich weniger Erntehelfer als sonst. Auch ihm hätten viele bewährte Helfer diesmal abgesagt.

Spargel ist ein Luxusgemüse, man kann auch ohne ihn gut leben, auch wenn das "weiße Gold" für viele zum Frühling dazugehört wie die Ostereier. Für Heuer aber ist der Spargel die wirtschaftliche Existenzgrundlage. "Wir leben von diesen drei Monaten", sagt Heuer über die Ernte. "Das können wir nicht verlegen wie die Messen oder ein Fußballspiel."

Der Einreisestopp treffe Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe, aber auch größere Betriebe in der Tierhaltung "sehr hart", sagt auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied. Die Einschränkungen müssten daher "so kurz wie möglich" gehalten werden. Einige Obst- und Gemüsesorten drohen Rukwied zufolge sogar knapp zu werden. "Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nicht gefährdet, dennoch kann es durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen."

... Das Einreiseverbot für Saisonarbeiter gilt auf Anordnung des Bundesinnenministeriums seit vergangenem Mittwoch. Und das sorgt auch innerhalb der Union für Zoff. Vergangene Woche wandten sich CDU-Agrarpolitiker aus den 15 Bundesländern außer Bayern in einem Brief an Innenminister Horst Seehofer (CSU). Darin heißt es, die Einreisebeschränkungen seien "kontraproduktiv" und stellten die Landwirtschaft "vor eine nicht lösbare Aufgabe". Neben der Obst- und Gemüsebranche würden auch Schlachtbetriebe darunter leiden.

... Spargelbauer Heuer sagt, er setze die Deutschen lieber im Verkauf und als Fahrer ein als auf dem Feld. Auch in Brandenburg, mit Beelitz ebenfalls eine Spargel-Hochburg, sind die ungelernten Helfer derzeit gefragt. Euphorie sei allerdings fehl am Platze, sagt Andreas Jende, Geschäftsführer des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg. "Die Arbeit in der Landwirtschaft ist nicht zu verwechseln mit der im heimischen Kleingarten", erklärt er und warnt: "Es kann körperlich hart werden."

...


Aus: "Bauern fehlen Saisonarbeiter: Landwirt charterte Flugzeug für Erntehelfer" (Mittwoch, 01. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Landwirt-charterte-Flugzeug-fuer-Erntehelfer-article21684024.html

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[...] Erntearbeit gehört in Österreich zu den Branchen mit einem der niedrigsten kollektivvertraglichen Lohnniveaus und wird seit Jahren großteils von Menschen aus Osteuropa verrichtet. Im Moment können viele Saisonarbeitskräfte nicht einreisen und die Landwirtschaft sucht händeringend nach Ersatz. Aktivistinnen der sezonieri-Kampagne [http://www.sezonieri.at/en/startseite_en/] zeigen auf, wie das Corona-Virus ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft sichtbar macht.

Die harte Arbeit in der Landwirtschaft wird in Österreich, wie in den meisten Ländern weltweit, von migrantischen Saisonarbeiter*innen erbracht. Diese Arbeit verrichten zumeist osteuropäische Erntehelfer*innen aus Ungarn, Rumänien, Polen, der Slowakei, Bulgarien, der Ukraine oder den Balkanstaaten. Die Löhne sind niedrig, die Arbeitsbedingungen skandalös: Befristete Arbeitsverhältnisse mit Nettostundenlöhnen zwischen sechs und sieben Euro, Ignorieren der Höchstarbeitsgrenzen, überteuerte und miserable Unterkünfte.

Akkordlohn, unbezahlte Überstunden, keine und zu geringe Ausbezahlung der Sonderzahlungen (Urlaubs- und Weihnachtsgeld etc.) und Verstöße gegen die Arbeitszeitregeln sind weit verbreitet. Da die Erntearbeiter*innen saisonal beschäftigt sind und nach der Saison in ihre Herkunftsländer zurückreisen, können sie den Anspruch auf Arbeitslosengeld in Österreich nicht geltend machen. Sie scheinen deshalb auch nicht in der Arbeitslosenstatistik auf.

Die Landwirt*innen rechtfertigen die niedrigen Löhne in ihrer Branche einerseits damit, dass sie bei Preisverhandlungen vom stark konzentrierten Handel unter Druck gesetzt werden. Andererseits verweisen sie auf die Konkurrenz zu billigen Importen, aus Ländern mit noch extremerem Lohndumping.

Durch die Corona-Krise und die Grenzschließungen von Nachbarstaaten wird nun plötzlich besonders deutlich, wie notwendig die Arbeit auf den Feldern für die Lebensmittelversorgung ist. Seit zwei Wochen berichten Medien über das Fehlen von mindestens 5.000 Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Bäuer*innen klagen, dass die Erträge ausfallen und die Versorgung bald gefährdet sein könnte.

Wirtschaftskammer, Landwirtschaftskammer sowie mehrere Ministerien haben daraufhin sehr schnell verschiedene Arbeitskräftevermittlungsplattformen ins Leben gerufen, etwa „Die Lebensmittelhelfer“. Mit dem Aufruf „Dein Land braucht dich!“ wird diese von patriotischen Appellen nach nationalem Schulterschluss und Solidarität mit österreichischen Betrieben begleitet. Das bringt nun sogar einige rechtsextreme Burschenschaften dazu, zur Erntehilfe aufzurufen. Gleichzeitig werden Forderungen laut, bestimmte Bevölkerungsgruppen wie arbeitslos gewordene Menschen und Asylsuchende direkt in die Feldarbeit zwangszuverpflichten. Student*innen werden indes mit ECTS-Punkten und der Anrechnung als Pflichtpraktika gelockt. Die sezonieri-Kampagne fordert: Niemand darf zur Erntearbeit gezwungen werden!

Der nun auftretende Arbeitskräftemangel kann auch eine Machtverschiebung hin zu den Arbeitnehmer*innen bedeuten. Eine solche Verschiebung lässt sich etwa daran erkennen, dass Saisonarbeiter*innen statt der bisher gängigen Bezeichnung als „unqualifizierte Erntehelfer*innen“ in den Medien aktuell als „unser Fachpersonal” bezeichnet werden.

Ironischerweise tritt jetzt sogar die FPÖ Burgenland öffentlich gegen schärfere Grenzübertrittsbestimmungen ein. So will sie sicherstellen, dass Beschäftigte weiterhin ihrer Arbeit in der Landwirtschaft und im Gesundheits- und Pflegebereich nachgehen können. Auffällig ist auch, dass bei den aktuellen Grenzregulierungen sowohl für ungarische, slowenische als auch tschechische Tagespendler*innen Ausnahmeregelungen bestehen. Heute wurde bekannt: Aus Rumänien und Bulgarien sollen Erntearbeiter*innen – ähnlich zu 24-Stunden-Pflegekräften – sogar mit Charterflügen eingeflogen werden. All diese Entwicklungen zeigen, wie sehr die österreichische Landwirtschaft von Arbeitskräften aus dem Ausland abhängig ist.

Die Klage über den Mangel an Arbeitskräften ist jedoch nichts Neues, ähnlich wie in der Gastronomie. Beide Branchen weisen besonders geringe Lohnniveaus auf. Die Anhebung der Löhne zur Lösung des vermeintlichen Arbeitskräftemangels steht nicht zur Debatte.
Was die Produzent*innen eigentlich meinen, wenn sie beklagen, es fehlen Erntearbeiter*innen: Es fehlen „billige“ Arbeitskräfte aus ärmeren Ländern, die ihren Arbeitsvertrag auf Deutsch nicht lesen können, ihre Rechte nicht kennen und im Zweifel die schlechten Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen, weil sie keine Alternativen haben.

Die Kollektivvertragsverhandlungen in der Landwirtschaft wurden kurz vor der Corona-Krise abgeschlossen. Die Nettostundenlöhne liegen zwischen 6,19 Euro in Oberösterreich und 7,41 Euro in Salzburg, die Nettomonatslöhne zwischen 1072,60 und 1283,59 Euro bei einer 40-Stunden-Woche – und damit in nur einem Bundesland knapp über der Armutsgefährdungsschwelle. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet dies eine Erhöhung zwischen zehn und 61 Cent je nach Bundesland. Der im Kollektivvertrag festgesetzte Lohn stellt freilich nur die gesetzliche Untergrenze dar. Jede*r Arbeitnehmer*in steht es frei, höhere Löhne zu fordern und jede*r Arbeitgeber*in kann diese bezahlen. Deshalb verfolgt die sezonieri-Kampagne das Ziel, Erntearbeiter*innen über ihre Rechte zu informieren und sie bei ihren Arbeitskämpfen zu unterstützen.

In der Corona-Krise wird sichtbar, dass rot-weiß-rote Regionalität zu Supermarktpreisen auf der Ausbeutung von ausländischen Arbeiter*innen in der Landwirtschaft basiert. Neoliberale Politik hat demokratische Teilhabe und öffentliche Verantwortung zugunsten profitorientierter Interessen für Ernährung (Agrar- und Förderpolitik), Gesundheit, aber auch Bildung und Wohnen abgebaut. Eine politische Kursänderung ist notwendig. Unsere Lebensmittelproduktion und -verteilung sowie die Arbeitsverhältnisse der Beschäftigten im Ernährungssektor sollen nicht weiter Ungleichheit fördernden Marktkräften und profitorientierten Privatkonzernen überlassen werden.


Aus: " Hauptsache billig: Was Corona über die Ausbeutung von Erntearbeiter*innen verrät" Sezonieri-Aktivistinnen (2. April 2020)
Quelle: https://mosaik-blog.at/hauptsache-billig-was-corona-ueber-die-ausbeutung-von-erntearbeiterinnen-verraet/
« Last Edit: April 02, 2020, 11:34:26 AM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #24 on: April 03, 2020, 04:52:51 PM »
Quote
[...] Eine vom Land Berlin in China wegen des Coronavirus bestellte Lieferung von Schutzausrüstung soll von den USA abgefangen und in die Vereinigten Staaten umgeleitet worden sein. Das erfuhr der Tagesspiegel aus Berliner Sicherheitskreisen.

Berlin hatte bei dem Hersteller Atemschutzmasken mit den Schutzklassen FFP2 und FFP3 bestellt, die Einsatzkräfte und Pflegepersonal vor Ansteckung mit dem Coronavirus schützen. Es soll sich um eine Lieferung von 200.000 Schutzmasken handeln.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) bestätigte am Nachmittag, das die Masken in Bangkok „konfisziert“ worden seien und deshalb nicht ihr eigentlich Ziel - Berlin - erreicht hätten. „Wir betrachten das als Akt moderner Piraterie. So geht man mit transatlantischen Partnern nicht um“, sagte der Innensenator.

Auch in globalen Krisenzeiten sollten keine Wildwest-Methoden herrschen, sagte Geisel: „Ich fordere die Bundesregierung auf, bei den USA auf die Einhaltung internationaler Regeln zu drängen.“

Nach Tagesspiegel-Informationen wurden sie von der Berliner Polizei beim Hersteller 3M bestellt. Produziert wurden die bestellten Masken in einem 3M-Werk der US-Firma in China. Auf dem Flughafen in Bangkok sollte die Ware umgeladen werden und per Luftfracht nach Deutschland geflogen werden. Stattdessen wurde die Lieferung von Bangkok direkt in die USA gebracht.

Am Freitagmorgen beschäftigte sich nach Tagesspiegel-Informationen auch der Krisenstab der Polizei mit dem Thema. Die Behörde bestätigte offiziell aber nur, dass eine „erwartete Lieferung ausgeblieben ist“.

Zwar versichern die Berliner Behörden, noch reiche die Schutzausrüstung. Aber die Feuerwehr musste bereits abgelaufene Atemschutzmasken aus dem Lager holen. Die Ausgabe der Masken und von Desinfektionsmitteln ist streng limitiert.

Zuvor hatte auch Frankreich die USA beschuldigt, Schutzmasken aus China weggekauft zu haben. "Die US-Regierung hat keine einzige Maske gekauft, die von China an Frankreich geliefert werden sollte", sagte ein US-Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur AFP.

...


Aus: "Berlins Innensenator spricht von „moderner Piraterie“" Alexander Fröhlich (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/usa-fangen-200-000-schutzmasken-ab-berlins-innensenator-spricht-von-moderner-piraterie/25712976.html

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Koki_ 16:39 Uhr

"America first", hat Donny doch gesagt. In dem Punkt war er dann halt konsequent^^


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tizian2011 16:41 Uhr
Trump scheint StarTrek-Fan zu sein und handelt nach Ferengi-Erwerbsregel Nummer 17, die da lautet: Ein Vertrag ist ein Vertrag ist ein Vertrag, aber nur unter Ferengi.

Die Globalisierung wird ein Stück zurück gedreht werden durch solche Vorfälle. Wenn man in der Krise sich nicht auf seine Abhängigkeiten aus Warenketten verlassen kann, sondern im Regen stehen gelassen wird, müssen solche Güter national produziert werden, bzw. in unserem Fall auch gerne EU-intern.

Trump ist der Elefant im Porzellanladen, der viel Geschirr global zerbricht. ...


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Hanebutt 16:33 Uhr

Wie ist es den Franzosen ergangen? Deren bereits bezahlte Ware wurde von den Verbündeten aus den USA am Flughafen noch für ein Mehrfaches weggekauft. ...


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Schnelleser 16:27 Uhr

Was heißt Piraterie. Clever sind sie halt. Während andere von political correctness faseln, bieten die vor Ort den höheren Preis. Läuft auch unter dem Begriff Marktwirtschaft. ...


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der_vom_storch 16:23 Uhr

Die eigentliche Frage lautet doch eher, warum gibt es in Europa keinen einzigen Hersteller, der solche einfachen Masken in erforderlichen Stückzahlen herstellen und liefern kann? ...


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PTT 16:11 Uhr

Die gestohlenen Masken sollten in den USA mit der Aufschrift : "Ich bin ein Berliner!" versehen werden. ...


...

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[...] Die von der Berliner Polizei bestellten Atemschutzmasken sind nicht von den USA sichergestellt worden, sondern sollen einfach zu einem besseren Preis aufgekauft worden sein - von wem genau, ist noch unklar. Offiziell hieß es von der Polizei, es sei noch unklar, wie es dazu kommen konnte.

Zugleich korrigierte eine Sprecherin der Polizei am Samstag auf Anfrage die Angaben von Innensenator Andreas Geisel (SPD).

Am Freitag hatte Geisel noch erklärt, eine von der Berliner Polizei bestellte Lieferung von 200.000 Atemschutzmasken sei konfisziert worden. Zugleich warf Geisel den USA „Wildwest-Methoden“ und einen „Akt moderner Piraterie“ vor. „Wir gehen im Augenblick davon aus, dass dies im Zusammenhang mit dem Ausfuhrverbot für Masken der US- amerikanischen Regierung steht“, sagte der Innensenator.

Am Samstag erklärte die Polizei auf Anfrage, dass es wohl doch anders gewesen sein könnte. Von „Konfiszieren“, also von Staats wegen beschlagnahmen oder einziehen, kann also keine Rede sein. Die Polizeisprecherin sagte, bei dem langjährigen deutschen Vertragspartner der Polizei seien 400.000 Masken der Schutzklasse FFP2 eines amerikanischen Herstellers bestellt worden.

Dabei handelt es sich nach Tagesspiegel-Informationen um den US-Hersteller 3M, der auch in China produziert. Doch nun ist von „konfiszieren“ keine Rede mehr. Die neue Sprachregelung der Behörde lautet nun; „Die Lieferung ist nach Aussage unseres Vertragspartners in Thailand zurückgehalten und umgeleitet worden.“ Und die Sprecherin sagte: „Unser Vertragspartner sorgt für Ersatz.“

Geisels Sprecher sagte: "Der Händler hat die Polizei informiert, dass die Lieferung aufgrund einer US-Direktive storniert und das Frachtflugzeug mit der Lieferung nicht nach Deutschland, sondern in die USA geflogen ist."

Nach Tagesspiegel-Informationen ist die interne Sprachregelung der Polizei, dass die für die Berliner Polizei bestimmte Ware in Thailand aufgekauft wurde. Die verbindlich zugesagte Lieferung von 200.000 von insgesamt 400.000 FFP 2-Masken sei „im letzten Moment an einen anderen Käufer umgeleitet worden“.

Dabei bleibt aber vieles unklar. Intern ist unter Berufung auf den deutschen Händler und Vertragspartner auch die Rede davon, dass die Ware an die USA ging. Thailand könnte aber auch selbst den Verkauf an Berlin gestoppt haben. Oder ein gewiefter Zwischenhändler könnte auf einen größeren Profit aus gewesen sein.

Die Polizei versucht nun, den genauen Hergang aufzuarbeiten. „Wir sind dabei, die Details zu klären“, sagte der Sprecher der Innenverwaltung, Martin Pallgen, am Samstag. Momentan lägen noch keine Informationen vor, was genau auf dem Flughafen in der thailändischen Hauptstadt Bangkok passiert sei.

Es sei ein Herausforderungen, vertrauenswürdige Anbieter zu identifizieren und von den vielen unseriösen Akteuren zu unterscheiden, heißt es intern bei der Berliner Polizei. Dier Ausfall der Lieferung führt nun zu Engpässen. Die Polizeiführung mahnte die Beamten, „die uns noch zur Verfügung stehenden Schutzmasken verantwortungsbewusst und gezielt“ einzusetzen.   

Auch das Unternehmen 3M wies die Darstellung des Innensenators bereits am Freitagabend zurück. „Wir wissen nichts von einer Bestellung der Berliner Polizei für 3M-Masken, die aus China kommen“, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. „3M hat keine Beweise, die darauf hindeuten, dass 3M-Produkte beschlagnahmt worden sind“, hieß es. „3M hat keine Unterlagen über eine Bestellung von Atemschutzmasken aus China für die Berliner Polizei.“ Und das Weiße Haus erklärte dem Portal T-Online, die USA hätten keine Masken beschlagnahmt, die in ein anderes Land geliefert werden sollten.

US-Präsident Donald Trump kündigte am Freitagabend (Ortszeit) in Washington an, seine Regierung wolle den Export knapper medizinischer Schutzausrüstung wegen der Ausbreitung des Coronavirus verbieten. Verhindert werden solle etwa der Export von Atemschutzmasken, von Operationshandschuhen und anderen Produkten. Zudem soll 3M Bestellungen der US-Behörden für Schutzmasken, die in China hergestellt werden, mit Priorität bearbeiten.

Die Berliner CDU wirft Innensenator Geisel nun ein Ablenkungsmanöver vor. Der CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger, sagte: „Wenn Herr Geisel von ‚Konfiskation‘ von Schutzmasken durch die USA spricht, dann ist das eine bewusste Irreführung der Berliner. Die USA haben keine Möglichkeiten, Schutzausstattung auf fremdem Territorium zu beschlagnahmen.“

Der Senat suche nur einen Schuldigen, „um seine eigene Unfähigkeit bei der Beschaffung von Schutzausrüstungen zu verschleiern“. Der Senat habe für die Krise nicht vorgesorgt. „Und jetzt zeigt er sich nicht in der Lage, in der Krise Material zu beschaffen“, sagte Dregger. Der Senat müsse sich das Geschäftsgebaren anderer einstellen und direkt vor Ort die Beschaffungen durchführen.


Aus: "Lieferung für Berliner Polizei wurde in Thailand zu besserem Preis aufgekauft" Alexander Fröhlich (04.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/200-000-atemschutzmasken-doch-nicht-konfisziert-lieferung-fuer-berliner-polizei-wurde-in-thailand-zu-besserem-preis-aufgekauft/25715448.html

Quote
Dresden2 14:43 Uhr

Also doch kein Diebstahl sondern nur Marktwirtschaft???


...
« Last Edit: April 04, 2020, 06:15:36 PM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #25 on: April 03, 2020, 05:11:36 PM »
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[...] Es sind existenzielle Fragen, die sich viele Menschen derzeit stellen: Verliere ich meinen Job? Wie lange kann ich meine Miete noch zahlen? Jeder fünfte Deutsche fürchtet aufgrund der Corona-Pandemie finanzielle Einbußen, zeigt eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Ipsos. Und glaubt man den Prognosen der Ökonomen, sind diese Ängste durchaus berechtigt.

Das Ifo-Institut geht davon aus, dass hierzulande 1,8 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren könnten. Weitere sechs Millionen dürften von Kurzarbeit betroffen sein.

Sie müssen auf Teile ihres Lohns verzichten – im schlimmsten Fall mit 60 Prozent des früheren Gehalts auskommen. Besonders hart trifft das jene, die keine Ersparnisse haben. Bei denen trotz Vollzeitjob am Ende des Monats nichts mehr übrig bleibt.

Doch wie steht es um die Finanzen der Deutschen? Wie lange reichen die Rücklagen?

Wer die Statistiker fragt, bekommt darauf eine pauschale Antwort. Laut Bundesbank besitzt ein typischer deutscher Haushalt 70.800 Euro. Neben dem Geld auf dem Konto oder im Aktiendepot ist da auch der Wert des Eigenheims oder des Autos eingerechnet. Abgezogen worden sind die Schulden.

Dadurch spiegelt dieser Wert das wider, worüber ein Haushalt verfügen kann. Die Zahl gibt den Medianwert an: Das heißt, es gibt ebenso viele Menschen, die über mehr Geld verfügen wie solche, die weniger besitzen. Das durchschnittliche Vermögen der Deutschen liegt bei 232.800 Euro – dieser Wert ist aber durch die extrem hohen Vermögen einiger weniger verzerrt.

Zugute kommt Deutschland aktuell, dass hinter uns gerade ein ungewöhnlich langer Aufschwung liegt. Dadurch hat sich die finanzielle Situation vieler Bundesbürger verbessert. Allein von 2014 bis 2017 ist die Summe, über die Deutsche im Mittel verfügen können, um 17 Prozent gestiegen.

Die Bundesbank begründet das vor allem mit den gestiegenen Einkommen und zwar auch bei denjenigen, die sehr wenig verdienen. Forscher vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) schreiben ebenfalls, dass es „den Deutschen in der Mehrheit deutlich besser geht als noch vor einigen Jahren“.

Doch trotz wirtschaftlichem Aufschwung und niedriger Arbeitslosigkeit sind noch immer 16 Prozent der Deutschen von relativer Einkommensarmut bedroht. Davon spricht man, wenn jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.

Ebenso erschreckend sind die Zahlen über das Sparverhalten. Denn bei fast einem Drittel der Deutschen reicht das Geld am Ende des Monats nicht, um etwas zur Seite zu legen. Das zeigte im vergangenen Jahr eine Umfrage der Direktbank ING. Innerhalb der EU ist damit lediglich in Rumänien der Anteil derjenigen noch größer, die nicht sparen können.

Diese Selbsteinschätzung spiegelt sich auch in den Zahlen der Bundesbank. Schaut man rein auf das Finanzvermögen der Deutschen – also das, was auf dem Konto liegt oder in Versicherungen und Aktien steckt – zeigt sich: Die ärmsten 30 Prozent kommen nur auf 4900 Euro. Bei den ärmsten zehn Prozent sind es sogar nur 300 Euro. Geld, das schnell aufgebraucht ist, wenn das Gehalt ausfällt.

Diese niedrigen Rücklagen werden deshalb in der Coronakrise zum Problem. Denn sie trifft fast alle Branchen hart.

So auch die Dienstleistungen, den Einzelhandel, die Gastronomie: Bereiche, in denen es sehr viele Geringverdiener gibt. „Diese Beschäftigten leiden besonders unter Jobverlust oder Kurzarbeit, weil sie kaum Rücklagen haben“, sagt Alexander Herzog-Stein, Arbeitsmarktexperte beim Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung.

Bundesweit zählt etwa jeder fünfte Beschäftigte zu den Geringverdienern. Darunter fällt, wer in einem Vollzeitjob weniger als 2203 Euro brutto verdient. Bei einem kinderlosen Single bleiben davon netto nur gut 1500 Euro. „Sparen kann man mit solch einem Einkommen nichts“, sagt Herzog-Stein. Forscher halten das erst ab 2000 Euro netto im Monat für realistisch.

Der Arbeitsmarktexperte sieht in der aktuellen Krise deshalb weiteren politischen Handlungsbedarf. „Wer ohnehin wenig verdient und durch Kurzarbeit jetzt nur noch 60 Prozent seines Gehalts bekommt, kann davon nicht leben“, sagt er.

Gewerkschaften haben sich deshalb für eine Erhöhung des Kurzarbeitergelds eingesetzt – die Bundesregierung lehnt das jedoch ab. Sie hat stattdessen den Zugang zur Grundsicherung erleichtert. Das soll Menschen helfen, die trotz Kurzarbeit auf Hilfe vom Amt angewiesen sind. Gleichzeitig erhöht es aber den Aufwand für die Jobcenter, die in den nächsten Wochen und Monaten ohnehin gut zu tun haben.

„Man muss sich fragen, ob man das nicht einfacher hätte regeln können“, sagt Herzog-Stein. Er kann sich eine Staffelung des Kurzarbeitergelds vorstellen: Wer wenig verdient, würde so einen höheren Anteil seines Nettogehalts bekommen als jemand, der vor der Krise ein hohes Gehalt bekommen hat.

Seiner Meinung nach orientiert sich die Politik derzeit noch zu stark an den Erfahrungen aus der letzten Krise. Damals haben in der Spitze 1,4 Millionen Menschen Kurzarbeitergeld erhalten. „Damals aber waren vor allem die Industriejobs betroffen, in denen die Bezahlung höher ist und wo sie noch eine starke Sozialpartnerschaft haben“, sagt Herzog-Stein.

Wer hingegen in einem Friseursalon arbeitet, der hat keinen Betriebsrat, der ihn vertritt. Für die Systemgastronomie immerhin haben sich Unternehmen und Arbeitnehmer mittlerweile auf eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds durch die Betriebe verständigt.

„Kleinunternehmer in anderen Dienstleistungsbranchen können sich das aber nicht immer leisten“, sagt Herzog-Stein. „Für viele ist schon ein Kraftakt, mit Hilfe von Kurzarbeitergeld die Angestellten an Bord zu halten statt sie zu entlassen.“


Aus: "Corona könnte Millionen Deutsche in die staatliche Grundsicherung treiben" Carla Neuhaus (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wie-lange-reicht-das-geld-corona-koennte-millionen-deutsche-in-die-staatliche-grundsicherung-treiben/25709404.html

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fairplay180 15:02 Uhr

An alle Zweifel und Gegner unseres Systems: Wäre unser System nicht so, wie es ist, könnten wir nicht hunderte von Milliarden jetzt als Unterstützung fürs Volk aufbringen. Wer kann das schon? Da können wir durchaus ein bisschen stolz drauf sein!


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Rastapopoulos 13:56 Uhr

Jetzt rächt sich das ganze billig zusammen konstruierte Exportwunder, mit seinen sogenannten Trickle-down Effekten. ...


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fairplay180 13:17 Uhr

Ja, es wird einige sehr hart treffen, das lässt sich leider nicht vermeiden. Umso wichtiger ist es, die Wirtschaft so schnell als möglich wieder hochzufahren. Mit der gebotenen Vorsicht natürlich.


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Rastapopoulos 14:30 Uhr
Antwort auf den Beitrag von Kohlenstoffeinheit 13:45 Uhr

    Wirtschaft muss wieder dem Menschen dienen.


LOL der war gut.


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BangJI 13:15 Uhr
Als ich 2008 im Statistischen Jahrbuch las "Im Jahre 2007 verfügten weniger als 25% aller deutschen Privathaushalte über mehr als 75% aller deutschen Privatvermögen", überlegte ich, wie das angesichts der "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand" eigentlich sein konnte.

Als ich 2018 im Dez. in einem Wochenbericht des DIW las "Die Vermögens- und Einkommensverhältnisse in der Bundesrep. Deutschland im Jahre 2016 entsprachen nahezu vollständig den Vermögens- und Einkommensverhältnissen, die in der Zeit von 1910-1914 im Deutschen Kaiserrreich bestanden.", kratzte ich mir meine Kopfhaut und fragte mich "Komisch und keiner hat davon irgendetwas bemerkt?"

...


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fairplay180 13:25 Uhr

Antwort auf den Beitrag von BangJI 13:15 Uhr

In welchem Land würden Sie denn gerne leben?


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serdna 12:40 Uhr

Grade ein Fall, den ich am Wickel habe. Kleiner Laden, zahlt 4000 Euro Miete, hat jetzt Zuschuss bekommen 8000, kann also zwei Minote die Miete bezahlen. Das heißt der Vermieter, der nicht in existentieller Notlage ist, bekommt sein Geld, das zahlt der Steuerzahler. Die zwei Angestellten mussten gekündigt werden. Für solche Fälle wäre die Variante, dass der Mietvertrag sofort gekündigt werden kann, wesentlich sinnvoller. Es macht keinen  Sinn, dass der Steuerzahler das Einkommen der Vermieter absichert, aber die Leute, die existentiell bedroht sind leer ausgehen. Solidarität kann nicht heißen, dass eine Einkommensgruppe, die in den meisten Fällen nicht existentiell bedroht wird, vom Steuerzahler gegen alle Risiken abgesichert wird und die andere Gruppe, die Empfänger von Einkommen aus unselbständiger Tätigkeit in eine absolute Notlage gerät.


Quote
SIKOAlex 12:57 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Genau so funktioniert das System: Es wird denen gegeben, die eh schon alles haben.... Die, die noch für ihr Geld arbeiten müssen, sind, einmal mehr, die Verlierer.


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fairplay180 13:14 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Ich habe beruflich viel mit großen Assetmanagern zu tun, die derzeit natürlich insbesondere von Ladenbesitzern Anfragen bekommen, ob die Miete gesenkt, gestundet oder ausgesetzt werden kann.

Fast alle kommen entgegen. Weil die Vermieter natürlich auch wissen, dass sie jetzt in der Situation keine neuen Mieter mehr bekommen. Und schon gar nicht zu den alten Preisen.

Hängt natürlich auch immer vom Einzelfall ab, aber grundsätzlich hat man als Mieter ganz gute Chancen derzeit.


Quote
Rotfahrer 13:25 Uhr

Antwort auf den Beitrag von serdna 12:40 Uhr

Aber auch der Vermieter hat vielleicht Verpflichtungen, für die er auf die Mieteinnahmen angewiesen ist. Bekommt ein Vermieter die Miete nicht mehr, kann auch er vor dem finanziellen Ruin stehen. Man kann das nicht generell so monokausal sehen.


Quote
marla44 13:42 Uhr
Antwort auf den Beitrag von mitte31 13:22 Uhr

     Der zurückbehaltene Mietbetrag muß bis 2022 zurückgezahlt werden.


Woher soll der den kommen?


...

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #26 on: April 03, 2020, 05:42:30 PM »
Quote
[...] Wegen der Coronavirus-Krise geraten auch in den USA viele Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten. Größere und kleinere Firmen im gesamten Land versuchen mit Geschäftspartnern, Vermietern und Kreditgebern Lösungen zu finden, die ihnen etwas Luft verschaffen.

Einem Bericht der "New York Times" zufolge zählt dazu auch das Familienunternehmen von US-Präsident Donald Trump.

Da wegen der aktuellen Lage einige der Hotels und Golfplätze geschlossen wurden, habe die Trump-Fima untersucht, ob sie Zahlungen für einige ihrer Kredite und andere finanzielle Verpflichtungen verzögern könne, berichtet die NYT, die sich auf Insider und Dokumente beruft, die sie überprüft habe.

Demnach hätten Vertreter des Trump-Unternehmens kürzlich mit der Deutschen Bank, dem größten Gläubiger des Präsidenten, über die Möglichkeit gesprochen, die Zahlungen zumindest für einige seiner Darlehen von der Bank zu verschieben.

Und in Florida habe die Trump-Firma beim Bezirk Palm Beach angefragt, ob erwartet werde, dass die Firma weiterhin monatliche Zahlungen für Land leistet, das sie für einen dort geplanten 27-Loch-Platz des Trump International Golf Club gepachtet hat.

Floridas Gouverneur Ron DeSantis hatte im vergangenen Monat unter anderem Restaurants, Bars und Golfplätze schließen lassen, da das Coronavirus auf den Bundesstaat übergegriffen hatte.

Niemand weiß, wie viel Geld Trump besitzt. Auch als Präsident versucht Trump weiter, so viel wie möglich zu verdienen. Er verzichtet zwar auf sein Staatssalär (400.000 Dollar) und trat die Konzernführung an seine Söhne ab, blieb aber weiter Inhaber.

Seine Holding, ein Mischkonzern mit Namen The Trump Organization, veröffentlicht keine Zahlen, seine Steuererklärungen hält er geheim.

Trump ist der erste Präsident seit 50 Jahren, der sich weigert, seine Unterlagen zu veröffentlichen. Normalerweise ist es schon bei Präsidentschaftsbewerbern üblich, dass sie über ihre Steuererklärungen den Wählern Einblick in ihre Finanzen geben. Eine Entscheidung soll nun der Oberste Gerichtshof fällen; wann das sein wird, dürfte in Zeiten des Coronavirus unsicher sein.

Nach Angaben der NYT sind die Gespräche der Trump Organisation mit der Deutschen Bank und dem Bezirk Palm Beach nicht abgeschlossen. Es sei unklar, ob dem Trump-Unternehmen gewährt werde, die Zahlungen auszusetzen oder zu reduzieren, schreibt das Blatt. Wie das "Handelsblatt" berichtet, lehnt die Deutsche Bank eine Stellungnahme ab.

Die NYT zitiert Eric Trump, den Sohn des Präsidenten, mit den Worten: "In diesen Tagen arbeiten alle zusammen." Eric Trump, der das Familienunternehmen mit leitet, sagte demnach weiter: "Die Mieter arbeiten mit den Vermietern zusammen, die Vermieter mit den Banken. Die ganze Welt arbeitet zusammen, während wir diese Pandemie bekämpfen." Das Trump-Unternehmen verfügt in den USA und weltweit über mehr als ein Dutzend Golfclubs und Luxushotels.

Das Blatt schreibt weiter, dass die Anfragen Kreditgeber und Vermieter in die unangenehme Lage bringen würden, dass sie entweder Trump unterstützen müssten - oder das Risiko eingehen, den Präsidenten zu verprellen.

In den vergangenen Wochen habe das Unternehmen sein Hotel mit Blick auf den Las Vegas Strip wegen des Coronavirus vorübergehend geschlossen, Personal und Dienstleistungen in seinen Hotels in New York und Washington reduziert und seine Golfclubs in Florida und New Jersey weitgehend geschlossen, schreibt die NYT.

Geschlossen wurde demnach auch der Mar-a-Lago-Club in Florida, der zu dieser Jahreszeit normalerweise als "Winter-Weißes Haus" dient, wie Trump es gerne nennt.

Wie die NYT weiter berichtet, könnten andere Unternehmen möglicherweise einen 500 Milliarden Dollar schweren Rettungsfonds in Anspruch nehmen, der vom Finanzministerium verwaltet wird. Aber das wirtschaftliche Rettungspaket, das Präsident Trump vergangene Woche unterzeichnete, verwehrt dem Präsidenten und seiner Familie Hilfsgelder daraus.

Wie die NYT weiter schreibt, hat die Deutsche Bank Trump und seinen Unternehmen seit 1998 etwa zwei Milliarden Dollar geliehen. Die Bank sei das einzige große Finanzinstitut, das bereit sei, mit den Trumps Geschäfte zu machen.

Zu dem Zeitpunkt, als er Präsident wurde, schuldete das Trump-Unternehmen der Deutschen Bank dem Bericht zufolge etwa 350 Millionen Dollar, einschließlich Darlehen für den Kauf und die Renovierung des Doral-Golf-Resorts in der Nähe von Miami und für die Entwicklung eines Luxushotels im Gebäude des Old Post Office in Washington.

Beide Projekte leiden unter dem wirtschaftlichen Stillstand, so die NYT. Als Reaktion auf die Vorschriften des Bezirks Miami-Dade habe das Doral Resort den Betrieb eingestellt, während das Hotel in Washington weiter betrieben werde, wenn auch mit wenigen Gästen und mit geschlossenem Restaurant und Bar.

Trumps Firma pachte das Washingtoner Grundstück von der Bundesregierung; und das Unternehmen habe Angebote von potentiellen Käufern eingeholt. Dieser Prozess liege nun auf Eis, schreibt das Blatt unter Berufung auf die "Washington Post".

Trumps Unternehmen habe die Darlehen für diese Grundstücke sowie ein weiteres, das mit seinem Wolkenkratzer in Chicago zusammenhänge, von 2012 bis 2015 erhalten, so die NYT.

Aufgrund einer Reihe von Zahlungsausfällen und Insolvenzen der Trumpschen Unternehmen, habe die Deutsche Bank darauf bestanden, dass Donald Trump persönliche Garantien für diese Kredite gewährte. Dies bedeute, dass die Bank auf sein persönliches Vermögen zurückgreifen könne, wenn er die Rückzahlung des Geldes einstellen sollte.

Seit Trumps Wahl zerbrächen sich die Führungskräfte der Deutschen Bank nach Angaben von Bankbeamten darüber den Kopf, was im Falle eines Zahlungsverzuges geschehen solle, heißt es in dem Bericht.

Die Beschlagnahme des persönlichen Vermögens des Präsidenten wäre ein unattraktiver Vorschlag. Aber die Entscheidung, die Gelder nicht zu einkassieren, wäre gleichbedeutend mit einem enormen finanziellen Geschenk an Trump, dessen Administration eine enorme Macht über die Bank ausübe, so die NYT.

Die Geschäfte der Deutschen Bank in den Vereinigten Staaten werden von Bundesaufsichtsbehörden überwacht, und das Justizministerium hat eine strafrechtliche Untersuchung der Bank durchgeführt.


Aus: "Trumps Familienunternehmen bittet Deutsche Bank um finanzielle Hilfe" Sven Lemkemeyer (03.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/geldnot-wegen-coronavirus-trumps-familienunternehmen-bittet-deutsche-bank-um-finanzielle-hilfe/25712188.html

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geruempelsynchronisierer 15:30 Uhr

Eine  Lösung wäre  ja auch, wenn die Bank ihre Forderungen verkaufen würde, nach China zum Beispiel. Möglicherweise springt aber auch das saudische Königshaus ein. Bin mal gespannt, wie diese Geschichte weitergeht...


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #27 on: April 09, 2020, 04:09:22 PM »
Quote
[...]  Der Sportartikelhersteller Adidas hat nach viel öffentlicher Kritik nun doch seine April-Mieten bezahlt. Das erklärte das Unternehmen in einem offenen Brief, in dem es sich auch für sein Vorpreschen entschuldigte. "Die Entscheidung, von Vermieter(innen) unserer Läden die Stundung der Miete für April zu verlangen, wurde von vielen von Ihnen als unsolidarisch empfunden", heißt es in dem Schreiben. "Ihre Meinung ist uns wichtig, und Ihre Meinung ist eindeutig: Sie sind von adidas enttäuscht."

Man habe einen Fehler gemacht und damit viel Vertrauen verspielt, so der Konzern. "Es wird dauern, Ihr Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Aber wir werden alles dafür tun." Deshalb wolle man sich "in aller Form" entschuldigen. "Wir haben unseren Vermieter(innen) die Miete für April bezahlt. Fairness und Teamgeist sind seit jeher eng mit Adidas verknüpft und sollen es auch bleiben."

 Das Unternehmen hatte vor knapp einer Woche erklärt, die Miete für die geschlossenen Läden in Europa ab April nicht mehr zu bezahlen. Auch andere Handelsketten wie Deichmann oder H&M kündigten ähnliche Schritte an. Später präzisierte Adidas, dass es lediglich um eine Stundung der Mietzahlungen gehe.

Dennoch gab es aus Gesellschaft und Politik viel Kritik an dem Schritt. Prominente und Kunden riefen in den sozialen Medien zum Boykott des Unternehmens auf. Die Bundesregierung habe die gesetzliche Möglichkeit zu Mietstundungen in der Coronakrise nicht für Großkonzerne geschaffen, so die Kritik.

 In dem Brief mit dem Titel "Adidas sagt Entschuldigung" verwies das Unternehmen nun jedoch auch auf die großen Schwierigkeiten durch die Pandemie: Das Geschäft sei in der Corona-Krise eingebrochen. "Fast auf der gesamten Welt findet kein normales Geschäft mehr statt. Die Läden sind zu. Das hält selbst ein gesundes Unternehmen wie adidas nicht lange aus."

Um Geld zu sparen, habe man bereits Kurzarbeit angemeldet. Der Vorstand und die zweite Führungsebene lassen sich die Gehälter vorerst nur zum Teil auszahlen. Trotzdem werde Adidas Kredite brauchen.

 Zuvor war bekannt geworden, dass nun der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof die Mietzahlungen stoppen will. In einem Brief an die Vermieter schrieb das Unternehmen, wegen der staatlich angeordneten Schließung der Geschäfte bleibe "keine andere Wahl". Vor dem Hintergrund der Pandemie habe die Geschäftsführung der Galeria Karstadt Kaufhof GmbH entschieden, die Miete ab dem 1. April 2020 nicht zu zahlen. Zunächst solle dies bis Juni 2020 gelten.

Ein Schutzschirmverfahren soll das Überleben des Konzerns sichern. Dem Antrag des Unternehmens auf Einleitung des Verfahrens sei vom Amtsgericht Essen bereits stattgegeben worden, teilte der Konzern mit. Das Schutzschirmverfahren schützt in die Krise geratene Unternehmen vor dem Zugriff der Gläubiger, ohne dass die Betriebe bereits Insolvenz anmelden müssen. Die Geschäftsführung kann das Unternehmen weiter verantwortlich lenken und selbstständig sanieren.

"Die harten wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise für den innerstädtischen Non-Food-Handel und die langwierige Umsetzung staatlicher Hilfe über die Hausbank haben diesen Schritt notwendig gemacht", betonte das Unternehmen, das bundesweit mehr als 28.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Nach eigenen Angaben verliert Galeria Karstadt Kaufhof durch die Schließung der Warenhäuser seit dem 18. März jede Woche mehr als 80 Millionen Euro Umsatz. Zwar bemühte sich der Konzern in den vergangenen Wochen bereits um staatliche Hilfsgelder. Doch erwies sich eine Einigung mit den Banken schwieriger als erhofft.


Aus: "Adidas entschuldigt sich - und zahlt" (01.04.202)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/adidas-entschuldigung-101.html

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[...]  Trotz der massiven Reisebeschränkung in der Corona-Krise werden heute Erntehelfer nach Deutschland eingeflogen. Am Vormittag ist am Flughafen Berlin-Schönefeld das erste Flugzeug mit Erntehelfern aus Rumänien gelandet, weitere Maschinen folgten im Laufe des Tages. Insgesamt sollen heute rund 530 Arbeiter in Schönefeld ankommen.

Die Fluggesellschaft Eurowings bestätigte zudem zwei weitere Landungen am Flughafen Düsseldorf - ebenfalls aus Rumänien. Die Helfer würden am Flughafen zunächst medizinisch untersucht, sagte die Flughafensprecherin. In den kommenden Tagen werden auch Flüge in Hamburg, Karlsruhe, Leipzig, Nürnberg und Frankfurt-Hahn erwartet.

Die Helfer werden unter anderem dringend für die Spargelernte gebraucht. Die Haupterntezeit für das Stangengemüse startet Ende April. Insgesamt seien schon etwa 20.000 Erntehelfer für die Sonderflüge registriert, sagte eine Pressesprecherin von Eurowings. Sie kämen nicht nur aus Rumänien, sondern zum Beispiel auch aus Polen und Bulgarien.

 "Wir sind erleichtert: Durch diese Regelung bleiben unsere Betriebe arbeitsfähig", sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied dem BR. Er hoffe zwar, dass auch Erntehelfer aus Deutschland zum Einsatz kommen können. Allerdings hätten die ausländischen Saisonkräfte mehr Erfahrung, sagte Rukwied. "Ohne die wäre es nicht gegangen."

Die Einreise per Flugzeug führe allerdings zu höheren Kosten, sagte Rukwied. Höhere Preise für Agrarprodukte könne man daraus aber noch nicht ableiten. "Da müssen wir mal die nächsten Wochen abwarten, wohin die Reise geht."

 Auf die Einreise der Erntehelfer hatten sich Innenminister Horst Seehofer und Agrarministerin Julia Klöckner am vergangenen Donnerstag geeinigt. Demnach dürfen 80.000 ausländische Saisonkräfte unter strengen Auflagen nach Deutschland kommen.

Auch Rumänien musste die Ausreise der Arbeiter erlauben. Sie bezieht sich jedoch nur auf Erntehelfer. Dadurch wurde der Transfer nach Deutschland möglich. Denn eigentlich sind Flugverbindungen zwischen Rumänien und Corona-Risikoländern verboten. Auf dem Landweg sind Reisen Richtung Westen nicht möglich, weil Ungarn die Grenzen geschlossen hat.


Aus: "Erntehelfer kommen im Sonderflieger" (09.04.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/erntehelfer-einreise-101.html

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[...] München Auf BMW ist Verlass. Während andere Dax-Konzerne ihre Aktionärstreffen infolge der Corona-Pandemie reihum verschieben mussten, hält BMW seine 100. Hauptversammlung wie geplant am 14. Mai ab. Auch in Krisenzeiten will der Autobauer aus München Kontinuität wahren.

Wie aus der Einladung zu der Veranstaltung hervorgeht, die das Unternehmen am Montag verschickt hat, werden die Eigentümer allerdings gebeten, nicht persönlich zu erscheinen. Sie sollen an der Hauptversammlung digital per Livestream teilnehmen. Der Schutz der Gesundheit gehe vor.

Das Aktionärstreffen von BMW erfolgt daher erstmals virtuell, also ohne physische Präsenz. Ansonsten ist aber alles wie immer. Vorstand und Aufsichtsrat schlagen so auch vor, den Aktionären eine Dividende von insgesamt 1,64 Milliarden Euro auszuschütten. Weil der Fahrzeughersteller gleichzeitig für gut 20.000 Mitarbeiter staatlich subventionierte Kurzarbeit beantragt hat, stehen die Bayern aber ebenso wie Daimler oder VW in der Kritik.

„Kurzarbeitergeld ist eine Staatshilfe. Wer auf Staatshilfe setzt, kann nicht gleichzeitig Gewinne an Aktionäre ausschütten. Das ist die hässliche Fratze des Kapitalismus. Ich bin deshalb in diesen Fällen für einen generellen Dividendenstopp“, twitterte Carsten Schneider, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, bereits vergangene Woche.

Auch Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Fraktion Die Linke, forderte jüngst in der „Financial Times“, Bonuszahlungen und Dividendenausschüttungen auszusetzen, falls deutsche Unternehmen Kurzarbeit oder andere staatliche Leistungen in der Krise in Anspruch nehmen.

Viele Konzerne haben ihre geplante Dividende ohnehin längst gestrichen. Die deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz rechnet damit, dass selbst im besten Fall die 160 börsennotierten Konzerne in Dax, MDax und SDax wegen der Coronakrise dieses Jahr nur 44 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner ausschütten werden.

Das wären 14 Prozent weniger als im Vorjahr. In der aktuellen Situation habe „die Sicherung der Liquidität zunächst Vorrang“, konstatiert Eric Frère, Direktor des Institute for Strategic Finance an der FOM Hochschule.

Dennoch gibt es durchaus triftige Gründe, warum etwa BMW an der Dividende festhält. Denn die Erfolgsbeteiligung der Mitarbeiter des Autobauers ist zum Teil an die Ausschüttung an die Aktionäre gekoppelt, heißt es in Konzernkreisen. Wird den Eigentümern die Gewinnbeteiligung gestrichen, schmälert dies automatisch auch die Prämie für die Beschäftigten.

Zudem sind Dividenden per se vergangenheitsgerichtet. Die Konzerne beteiligen ihre Aktionäre am wirtschaftlichen Erfolg für das Geschäftsjahr 2019. Für 2020, also jenes Jahr, in dem die Coronakrise tatsächlich zu Buche schlägt, dürften die Ausschüttungen vielfach komplett entfallen oder deutlich schrumpfen. Darüber hinaus wollen viele deutsche Unternehmen ihren Ruf als verlässliche Partner am Kapitalmarkt nicht verlieren.

Gerade für Konzerne wie Daimler ist das doppelt wichtig. Anders als BMW oder VW haben die Stuttgarter keinen schützenden Ankeraktionär. Weil der Aktienkurs von Daimler schon seit Jahren im Sinkflug ist, sehen viele Investoren in der Dividende das letzte Argument, warum sie überhaupt noch an den Schwaben beteiligt sind.

In solch einer Konstellation die bereits angekündigte Gewinnbeteiligung auszusetzen, dürfte große Dividendenfonds vergraulen, heißt es in Finanzkreisen. Die Folge: Der Börsenwert von Daimler könnte noch weiter absacken und der Konzern endgültig zum Übernahmeziel werden.


Aus: "Dividende trotz Staatshilfe – Autokonzerne stehen in der Kritik" Franz Hubik (06.04.2020)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/bmw-haelt-an-ausschuettung-fest-dividende-trotz-staatshilfe-autokonzerne-stehen-in-der-kritik/25720114.html

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #28 on: April 12, 2020, 10:34:33 PM »
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[...] An examination reveals the president was warned about the potential for a pandemic but that internal divisions, lack of planning and his faith in his own instincts led to a halting response.

WASHINGTON — “Any way you cut it, this is going to be bad,” a senior medical adviser at the Department of Veterans Affairs, Dr. Carter Mecher, wrote on the night of Jan. 28, in an email to a group of public health experts scattered around the government and universities. “The projected size of the outbreak already seems hard to believe.”

A week after the first coronavirus case had been identified in the United States, and six long weeks before President Trump finally took aggressive action to confront the danger the nation was facing — a pandemic that is now forecast to take tens of thousands of American lives — Dr. Mecher was urging the upper ranks of the nation’s public health bureaucracy to wake up and prepare for the possibility of far more drastic action.

“You guys made fun of me screaming to close the schools,” he wrote to the group, which called itself “Red Dawn,” an inside joke based on the 1984 movie about a band of Americans trying to save the country after a foreign invasion. “Now I’m screaming, close the colleges and universities.”

His was hardly a lone voice. Throughout January, as Mr. Trump repeatedly played down the seriousness of the virus and focused on other issues, an array of figures inside his government — from top White House advisers to experts deep in the cabinet departments and intelligence agencies — identified the threat, sounded alarms and made clear the need for aggressive action.

The president, though, was slow to absorb the scale of the risk and to act accordingly, focusing instead on controlling the message, protecting gains in the economy and batting away warnings from senior officials. It was a problem, he said, that had come out of nowhere and could not have been foreseen.

Even after Mr. Trump took his first concrete action at the end of January — limiting travel from China — public health often had to compete with economic and political considerations in internal debates, slowing the path toward belated decisions to seek more money from Congress, obtain necessary supplies, address shortfalls in testing and ultimately move to keep much of the nation at home.

Unfolding as it did in the wake of his impeachment by the House and in the midst of his Senate trial, Mr. Trump’s response was colored by his suspicion of and disdain for what he viewed as the “Deep State” — the very people in his government whose expertise and long experience might have guided him more quickly toward steps that would slow the virus, and likely save lives.

Decision-making was also complicated by a long-running dispute inside the administration over how to deal with China. The virus at first took a back seat to a desire not to upset Beijing during trade talks, but later the impulse to score points against Beijing left the world’s two leading powers further divided as they confronted one of the first truly global threats of the 21st century.

The shortcomings of Mr. Trump’s performance have played out with remarkable transparency as part of his daily effort to dominate television screens and the national conversation.

But dozens of interviews with current and former officials and a review of emails and other records revealed many previously unreported details and a fuller picture of the roots and extent of his halting response as the deadly virus spread:

    The National Security Council office responsible for tracking pandemics received intelligence reports in early January predicting the spread of the virus to the United States, and within weeks was raising options like keeping Americans home from work and shutting down cities the size of Chicago. Mr. Trump would avoid such steps until March.

    Despite Mr. Trump’s denial weeks later, he was told at the time about a Jan. 29 memo produced by his trade adviser, Peter Navarro, laying out in striking detail the potential risks of a coronavirus pandemic: as many as half a million deaths and trillions of dollars in economic losses.

    The health and human services secretary, Alex M. Azar II, directly warned Mr. Trump of the possibility of a pandemic during a call on Jan. 30, the second warning he delivered to the president about the virus in two weeks. The president, who was on Air Force One while traveling for appearances in the Midwest, responded that Mr. Azar was being alarmist.

    Mr. Azar publicly announced in February that the government was establishing a “surveillance” system in five American cities to measure the spread of the virus and enable experts to project the next hot spots. It was delayed for weeks. The slow start of that plan, on top of the well-documented failures to develop the nation’s testing capacity, left administration officials with almost no insight into how rapidly the virus was spreading. “We were flying the plane with no instruments,” one official said.

    By the third week in February, the administration’s top public health experts concluded they should recommend to Mr. Trump a new approach that would include warning the American people of the risks and urging steps like social distancing and staying home from work. But the White House focused instead on messaging and crucial additional weeks went by before their views were reluctantly accepted by the president — time when the virus spread largely unimpeded.

When Mr. Trump finally agreed in mid-March to recommend social distancing across the country, effectively bringing much of the economy to a halt, he seemed shellshocked and deflated to some of his closest associates. One described him as “subdued” and “baffled” by how the crisis had played out. An economy that he had wagered his re-election on was suddenly in shambles.

He only regained his swagger, the associate said, from conducting his daily White House briefings, at which he often seeks to rewrite the history of the past several months. He declared at one point that he “felt it was a pandemic long before it was called a pandemic,” and insisted at another that he had to be a “cheerleader for the country,” as if that explained why he failed to prepare the public for what was coming.

Mr. Trump’s allies and some administration officials say the criticism has been unfair. The Chinese government misled other governments, they say. And they insist that the president was either not getting proper information, or the people around him weren’t conveying the urgency of the threat. In some cases, they argue, the specific officials he was hearing from had been discredited in his eyes, but once the right information got to him through other channels, he made the right calls.

“While the media and Democrats refused to seriously acknowledge this virus in January and February, President Trump took bold action to protect Americans and unleash the full power of the federal government to curb the spread of the virus, expand testing capacities and expedite vaccine development even when we had no true idea the level of transmission or asymptomatic spread,” said Judd Deere, a White House spokesman.

There were key turning points along the way, opportunities for Mr. Trump to get ahead of the virus rather than just chase it. There were internal debates that presented him with stark choices, and moments when he could have chosen to ask deeper questions and learn more. How he handled them may shape his re-election campaign. They will certainly shape his legacy.

When Dr. Robert Kadlec, the top disaster response official at the Health and Human Services Department, convened the White House coronavirus task force on Feb. 21, his agenda was urgent. There were deep cracks in the administration’s strategy for keeping the virus out of the United States. They were going to have to lock down the country to prevent it from spreading. The question was: When?

There had already been an alarming spike in new cases around the world and the virus was spreading across the Middle East. It was becoming apparent that the administration had botched the rollout of testing to track the virus at home, and a smaller-scale surveillance program intended to piggyback on a federal flu tracking system had also been stillborn.

In Washington, the president was not worried, predicting that by April, “when it gets a little warmer, it miraculously goes away.” His White House had yet to ask Congress for additional funding to prepare for the potential cost of wide-scale infection across the country, and health care providers were growing increasingly nervous about the availability of masks, ventilators and other equipment.

What Mr. Trump decided to do next could dramatically shape the course of the pandemic — and how many people would get sick and die.

With that in mind, the task force had gathered for a tabletop exercise — a real-time version of a full-scale war gaming of a flu pandemic the administration had run the previous year. That earlier exercise, also conducted by Mr. Kadlec and called “Crimson Contagion,” predicted 110 million infections, 7.7 million hospitalizations and 586,000 deaths following a hypothetical outbreak that started in China.

Facing the likelihood of a real pandemic, the group needed to decide when to abandon “containment” — the effort to keep the virus outside the U.S. and to isolate anyone who gets infected — and embrace “mitigation” to thwart the spread of the virus inside the country until a vaccine becomes available.

Among the questions on the agenda, which was reviewed by The New York Times, was when the department’s secretary, Mr. Azar, should recommend that Mr. Trump take textbook mitigation measures “such as school dismissals and cancellations of mass gatherings,” which had been identified as the next appropriate step in a Bush-era pandemic plan.

The exercise was sobering. The group — including Dr. Anthony S. Fauci of the National Institutes of Health; Dr. Robert R. Redfield of the Centers for Disease Control and Prevention, and Mr. Azar, who at that stage was leading the White House Task Force — concluded they would soon need to move toward aggressive social distancing, even at the risk of severe disruption to the nation’s economy and the daily lives of millions of Americans.

If Dr. Kadlec had any doubts, they were erased two days later, when he stumbled upon an email from a researcher at the Georgia Institute of Technology, who was among the group of academics, government physicians and infectious diseases doctors who had spent weeks tracking the outbreak in the Red Dawn email chain.

A 20-year-old Chinese woman had infected five relatives with the virus even though she never displayed any symptoms herself. The implication was grave — apparently healthy people could be unknowingly spreading the virus — and supported the need to move quickly to mitigation.

“Is this true?!” Dr. Kadlec wrote back to the researcher. “If so we have a huge whole on our screening and quarantine effort,” including a typo where he meant hole. Her response was blunt: “People are carrying the virus everywhere.”

The following day, Dr. Kadlec and the others decided to present Mr. Trump with a plan titled “Four Steps to Mitigation,” telling the president that they needed to begin preparing Americans for a step rarely taken in United States history.

But over the next several days, a presidential blowup and internal turf fights would sidetrack such a move. The focus would shift to messaging and confident predictions of success rather than publicly calling for a shift to mitigation.

These final days of February, perhaps more than any other moment during his tenure in the White House, illustrated Mr. Trump’s inability or unwillingness to absorb warnings coming at him. He instead reverted to his traditional political playbook in the midst of a public health calamity, squandering vital time as the coronavirus spread silently across the country.

Dr. Kadlec’s group wanted to meet with the president right away, but Mr. Trump was on a trip to India, so they agreed to make the case to him in person as soon as he returned two days later. If they could convince him of the need to shift strategy, they could immediately begin a national education campaign aimed at preparing the public for the new reality.

A memo dated Feb. 14, prepared in coordination with the National Security Council and titled “U.S. Government Response to the 2019 Novel Coronavirus,” documented what more drastic measures would look like, including: “significantly limiting public gatherings and cancellation of almost all sporting events, performances, and public and private meetings that cannot be convened by phone. Consider school closures. Widespread ‘stay at home’ directives from public and private organizations with nearly 100% telework for some.”

The memo did not advocate an immediate national shutdown, but said the targeted use of “quarantine and isolation measures” could be used to slow the spread in places where “sustained human-to-human transmission” is evident.

Within 24 hours, before they got a chance to make their presentation to the president, the plan went awry.

Mr. Trump was walking up the steps of Air Force One to head home from India on Feb. 25 when Dr. Nancy Messonnier, the director of the National Center for Immunization and Respiratory Diseases, publicly issued the blunt warning they had all agreed was necessary.

But Dr. Messonnier had jumped the gun. They had not told the president yet, much less gotten his consent.

On the 18-hour plane ride home, Mr. Trump fumed as he watched the stock market crash after Dr. Messonnier’s comments. Furious, he called Mr. Azar when he landed at around 6 a.m. on Feb. 26, raging that Dr. Messonnier had scared people unnecessarily. Already on thin ice with the president over a variety of issues and having overseen the failure to quickly produce an effective and widely available test, Mr. Azar would soon find his authority reduced.

The meeting that evening with Mr. Trump to advocate social distancing was canceled, replaced by a news conference in which the president announced that the White House response would be put under the command of Vice President Mike Pence.

The push to convince Mr. Trump of the need for more assertive action stalled. With Mr. Pence and his staff in charge, the focus was clear: no more alarmist messages. Statements and media appearances by health officials like Dr. Fauci and Dr. Redfield would be coordinated through Mr. Pence’s office. It would be more than three weeks before Mr. Trump would announce serious social distancing efforts, a lost period during which the spread of the virus accelerated rapidly.

Over nearly three weeks from Feb. 26 to March 16, the number of confirmed coronavirus cases in the United States grew from 15 to 4,226. Since then, nearly half a million Americans have tested positive for the virus and authorities say hundreds of thousands more are likely infected.

It was early January, and the call with a Hong Kong epidemiologist left Matthew Pottinger rattled.

Mr. Pottinger, the deputy national security adviser and a hawk on China, took a blunt warning away from the call with the doctor, a longtime friend: A ferocious, new outbreak that on the surface appeared similar to the SARS epidemic of 2003 had emerged in China. It had spread far more quickly than the government was admitting to, and it wouldn’t be long before it reached other parts of the world.

Mr. Pottinger had worked as a Wall Street Journal correspondent in Hong Kong during the SARS epidemic, and was still scarred by his experience documenting the death spread by that highly contagious virus.

Now, seventeen years later, his friend had a blunt message: You need to be ready. The virus, he warned, which originated in the city of Wuhan, was being transmitted by people who were showing no symptoms — an insight that American health officials had not yet accepted. Mr. Pottinger declined through a spokesman to comment.

It was one of the earliest warnings to the White House, and it echoed the intelligence reports making their way to the National Security Council. While most of the early assessments from the C.I.A. had little more information than was available publicly, some of the more specialized corners of the intelligence world were producing sophisticated and chilling warnings.

In a report to the director of national intelligence, the State Department’s epidemiologist wrote in early January that the virus was likely to spread across the globe, and warned that the coronavirus could develop into a pandemic. Working independently, a small outpost of the Defense Intelligence Agency, the National Center for Medical Intelligence, came to the same conclusion. Within weeks after getting initial information about the virus early in the year, biodefense experts inside the National Security Council, looking at what was happening in Wuhan, started urging officials to think about what would be needed to quarantine a city the size of Chicago.

By mid-January there was growing evidence of the virus spreading outside China. Mr. Pottinger began convening daily meetings about the coronavirus. He alerted his boss, Robert C. O’Brien, the national security adviser.

The early alarms sounded by Mr. Pottinger and other China hawks were freighted with ideology — including a push to publicly blame China that critics in the administration say was a distraction as the coronavirus spread to Western Europe and eventually the United States.

And they ran into opposition from Mr. Trump’s economic advisers, who worried a tough approach toward China could scuttle a trade deal that was a pillar of Mr. Trump’s re-election campaign.

With his skeptical — some might even say conspiratorial — view of China’s ruling Communist Party, Mr. Pottinger initially suspected that President Xi Jinping’s government was keeping a dark secret: that the virus may have originated in one of the laboratories in Wuhan studying deadly pathogens. In his view, it might have even been a deadly accident unleashed on an unsuspecting Chinese population.

During meetings and telephone calls, Mr. Pottinger asked intelligence agencies — including officers at the C.I.A. working on Asia and on weapons of mass destruction — to search for evidence that might bolster his theory.

They didn’t have any evidence. Intelligence agencies did not detect any alarm inside the Chinese government that analysts presumed would accompany the accidental leak of a deadly virus from a government laboratory. But Mr. Pottinger continued to believe the coronavirus problem was far worse than the Chinese were acknowledging. Inside the West Wing, the director of the Domestic Policy Council, Joe Grogan, also tried to sound alarms that the threat from China was growing.

Mr. Pottinger, backed by Mr. O’Brien, became one of the driving forces of a campaign in the final weeks of January to convince Mr. Trump to impose limits on travel from China — the first substantive step taken to impede the spread of the virus and one that the president has repeatedly cited as evidence that he was on top of the problem.

In addition to the opposition from the economic team, Mr. Pottinger and his allies among the China hawks had to overcome initial skepticism from the administration’s public health experts.

Travel restrictions were usually counterproductive to managing biological outbreaks because they prevented doctors and other much-needed medical help from easily getting to the affected areas, the health officials said. And such bans often cause infected people to flee, spreading the disease further.

But on the morning of Jan. 30, Mr. Azar got a call from Dr. Fauci, Dr. Redfield and others saying they had changed their minds. The World Health Organization had declared a global public health emergency and American officials had discovered the first confirmed case of person-to-person transmission inside the United States.

The economic team, led by Treasury Secretary Steven Mnuchin, continued to argue that there were big risks in taking a provocative step toward China and moving to curb global travel. After a debate, Mr. Trump came down on the side of the hawks and the public health team. The limits on travel from China were publicly announced on Jan. 31.

Still, Mr. Trump and other senior officials were wary of further upsetting Beijing. Besides the concerns about the impact on the trade deal, they knew that an escalating confrontation was risky because the United States relies heavily on China for pharmaceuticals and the kinds of protective equipment most needed to combat the coronavirus.

But the hawks kept pushing in February to take a critical stance toward China amid the growing crisis. Mr. Pottinger and others — including aides to Secretary of State Mike Pompeo — pressed for government statements to use the term “Wuhan Virus.”

Mr. Pompeo tried to hammer the anti-China message at every turn, eventually even urging leaders of the Group of 7 industrialized countries to use “Wuhan virus” in a joint statement.

Others, including aides to Mr. Pence, resisted taking a hard public line, believing that angering Beijing might lead the Chinese government to withhold medical supplies, pharmaceuticals and any scientific research that might ultimately lead to a vaccine.

Mr. Trump took a conciliatory approach through the middle of March, praising the job Mr. Xi was doing.

That changed abruptly, when aides informed Mr. Trump that a Chinese Foreign Ministry spokesman had publicly spun a new conspiracy about the origins of Covid-19: that it was brought to China by U.S. Army personnel who visited the country last October.

Mr. Trump was furious, and he took to his favorite platform to broadcast a new message. On March 16, he wrote on Twitter that “the United States will be powerfully supporting those industries, like Airlines and others, that are particularly affected by the Chinese Virus.”

Mr. Trump’s decision to escalate the war of words undercut any remaining possibility of broad cooperation between the governments to address a global threat. It remains to be seen whether that mutual suspicion will spill over into efforts to develop treatments or vaccines, both areas where the two nations are now competing.

One immediate result was a free-for-all across the United States, with state and local governments and hospitals bidding on the open market for scarce but essential Chinese-made products. When the state of Massachusetts managed to procure 1.2 million masks, it fell to the owner of the New England Patriots, Robert K. Kraft, a Trump ally, to cut through extensive red tape on both sides of the Pacific to send his own plane to pick them up.

Inside the West Wing, Mr. Navarro, Mr. Trump’s trade adviser, was widely seen as quick-tempered, self-important and prone to butting in. He is among the most outspoken of China hawks and in late January was clashing with the administration’s health experts over limiting travel from China.

So it elicited eye rolls when, after initially being prevented from joining the coronavirus task force, he circulated a memo on Jan. 29 urging Mr. Trump to impose the travel limits, arguing that failing to confront the outbreak aggressively could be catastrophic, leading to hundreds of thousands of deaths and trillions of dollars in economic losses.

The uninvited message could not have conflicted more with the president’s approach at the time of playing down the severity of the threat. And when aides raised it with Mr. Trump, he responded that he was unhappy that Mr. Navarro had put his warning in writing.

From the time the virus was first identified as a concern, the administration’s response was plagued by the rivalries and factionalism that routinely swirl around Mr. Trump and, along with the president’s impulsiveness, undercut decision making and policy development.

Faced with the relentless march of a deadly pathogen, the disagreements and a lack of long-term planning had significant consequences. They slowed the president’s response and resulted in problems with execution and planning, including delays in seeking money from Capitol Hill and a failure to begin broad surveillance testing.

The efforts to shape Mr. Trump’s view of the virus began early in January, when his focus was elsewhere: the fallout from his decision to kill Maj. Gen. Qassim Suleimani, Iran’s security mastermind; his push for an initial trade deal with China; and his Senate impeachment trial, which was about to begin.

Even after Mr. Azar first briefed him about the potential seriousness of the virus during a phone call on Jan. 18 while the president was at his Mar-a-Lago resort in Florida, Mr. Trump projected confidence that it would be a passing problem.

“We have it totally under control,” he told an interviewer a few days later while attending the World Economic Forum in Switzerland. “It’s going to be just fine.”

Back in Washington, voices outside of the White House peppered Mr. Trump with competing assessments about what he should do and how quickly he should act.

The efforts to sort out policy behind closed doors were contentious and sometimes only loosely organized.

That was the case when the National Security Council convened a meeting on short notice on the afternoon of Jan. 27. The Situation Room was standing room only, packed with top White House advisers, low-level staffers, Mr. Trump’s social media guru, and several cabinet secretaries. There was no checklist about the preparations for a possible pandemic, which would require intensive testing, rapid acquisition of protective gear, and perhaps serious limitations on Americans’ movements.

Instead, after a 20-minute description by Mr. Azar of his department’s capabilities, the meeting was jolted when Stephen E. Biegun, the newly installed deputy secretary of state, announced plans to issue a “level four” travel warning, strongly discouraging Americans from traveling to China. The room erupted into bickering.

A few days later, on the evening of Jan. 30, Mick Mulvaney, the acting White House chief of staff at the time, and Mr. Azar called Air Force One as the president was making the final decision to go ahead with the restrictions on China travel. Mr. Azar was blunt, warning that the virus could develop into a pandemic and arguing that China should be criticized for failing to be transparent.

Mr. Trump rejected the idea of criticizing China, saying the country had enough to deal with. And if the president’s decision on the travel restrictions suggested that he fully grasped the seriousness of the situation, his response to Mr. Azar indicated otherwise.

Stop panicking, Mr. Trump told him.

That sentiment was present throughout February, as the president’s top aides reached for a consistent message but took few concrete steps to prepare for the possibility of a major public health crisis.

During a briefing on Capitol Hill on Feb. 5, senators urged administration officials to take the threat more seriously. Several asked if the administration needed additional money to help local and state health departments prepare.

Derek Kan, a senior official from the Office of Management and Budget, replied that the administration had all the money it needed, at least at that point, to stop the virus, two senators who attended the briefing said.

“Just left the Administration briefing on Coronavirus,” Senator Christopher S. Murphy, Democrat of Connecticut, wrote in a tweet shortly after. “Bottom line: they aren’t taking this seriously enough.”

The administration also struggled to carry out plans it did agree on. In mid-February, with the effort to roll out widespread testing stalled, Mr. Azar announced a plan to repurpose a flu-surveillance system in five major cities to help track the virus among the general population. The effort all but collapsed even before it got started as Mr. Azar struggled to win approval for $100 million in funding and the C.D.C. failed to make reliable tests available.

The number of infections in the United States started to surge through February and early March, but the Trump administration did not move to place large-scale orders for masks and other protective equipment, or critical hospital equipment, such as ventilators. The Pentagon sat on standby, awaiting any orders to help provide temporary hospitals or other assistance.

As February gave way to March, the president continued to be surrounded by divided factions even as it became clearer that avoiding more aggressive steps was not tenable.

Mr. Trump had agreed to give an Oval Office address on the evening of March 11 announcing restrictions on travel from Europe, where the virus was ravaging Italy. But responding to the views of his business friends and others, he continued to resist calls for social distancing, school closures and other steps that would imperil the economy.

But the virus was already multiplying across the country — and hospitals were at risk of buckling under the looming wave of severely ill people, lacking masks and other protective equipment, ventilators and sufficient intensive care beds. The question loomed over the president and his aides after weeks of stalling and inaction: What were they going to do?

The approach that Mr. Azar and others had planned to bring to him weeks earlier moved to the top of the agenda. Even then, and even by Trump White House standards, the debate over whether to shut down much of the country to slow the spread was especially fierce.

Always attuned to anything that could trigger a stock market decline or an economic slowdown that could hamper his re-election effort, Mr. Trump also reached out to prominent investors like Stephen A. Schwarzman, the chief executive of Blackstone Group, a private equity firm.

“Everybody questioned it for a while, not everybody, but a good portion questioned it,” Mr. Trump said earlier this month. “They said, let’s keep it open. Let’s ride it.”

In a tense Oval Office meeting, when Mr. Mnuchin again stressed that the economy would be ravaged, Mr. O’Brien, the national security adviser, who had been worried about the virus for weeks, sounded exasperated as he told Mr. Mnuchin that the economy would be destroyed regardless if officials did nothing.

Soon after the Oval Office address, Dr. Scott Gottlieb, the former commissioner of the Food and Drug Administration and a trusted sounding board inside the White House, visited Mr. Trump, partly at the urging of Jared Kushner, the president’s son-in-law. Dr. Gottlieb’s role was to impress upon the president how serious the crisis could become. Mr. Pence, by then in charge of the task force, also played a key role at that point in getting through to the president about the seriousness of the moment in a way that Mr. Azar had not.

But in the end, aides said, it was Dr. Deborah L. Birx, the veteran AIDS researcher who had joined the task force, who helped to persuade Mr. Trump. Soft-spoken and fond of the kind of charts and graphs Mr. Trump prefers, Dr. Birx did not have the rough edges that could irritate the president. He often told people he thought she was elegant.

On Monday, March 16, Mr. Trump announced new social distancing guidelines, saying they would be in place for two weeks. The subsequent economic disruptions were so severe that the president repeatedly suggested that he wanted to lift even those temporary restrictions. He frequently asked aides why his administration was still being blamed in news coverage for the widespread failures involving testing, insisting the responsibility had shifted to the states.

During the last week in March, Kellyanne Conway, a senior White House adviser involved in task force meetings, gave voice to concerns other aides had. She warned Mr. Trump that his wished-for date of Easter to reopen the country likely couldn’t be accomplished. Among other things, she told him, he would end up being blamed by critics for every subsequent death caused by the virus.

Within days, he watched images on television of a calamitous situation at Elmhurst Hospital Center, miles from his childhood home in Queens, N.Y., where 13 people had died from the coronavirus in 24 hours.





Aus: "He Could Have Seen What Was Coming: Behind Trump’s Failure on the Virus" Eric Lipton, David E. Sanger, Maggie Haberman, Michael D. Shear, Mark Mazzetti and Julian E. Barnes (April 11, 2020)
Source: https://www.nytimes.com/2020/04/11/us/politics/coronavirus-trump-response.html

Quote
Charles Smithson
Cincinnati, OH1h ago
Times Pick

The President could not have prevented the Coronavirus, this is true. However, as a leader, he made sure to dismantle or ignore every possible group or timeframe that would have mitigated the severity of this pandemic.
I do feel like he is a “wartime President”. He has successfully waged war against America as his failed policies cause thousands of deaths and the destruction of the U.S. economy.
Could any enemy of the United States have wrought this much devastation, on multiple levels, in such a short period of time?
No, only the President. He has been able to destroy us from within, sitting in the cozy bunker of the Oval Office.


Quote
NobodyOfConsequence
CT6h ago
Times Pick

I have said this before, and I will say this again. The defining quote of this presidency will be, "I take no responsibility."


...

-

Quote
[...] Diesen Moment wird keiner der Beteiligten so schnell vergessen: In einer telefonischen Krisenkonferenz mit Gouverneuren der US-Bundesstaaten war Donald Trumps Stimme an jenem 16. März klar und deutlich zu vernehmen. "Beatmungsgeräte, die ganze Ausrüstung, versucht es selbst zu bekommen", riet der US-Präsident den Hilfe suchenden Regionalpolitikern, "das geht viel schneller".

Für viele US-Amerikaner gleicht Trumps Ratschlag einem politischen Offenbarungseid. Aus dem Weißen Haus, das musste spätestens jetzt allen Gouverneuren klar sein, ist unter diesem Präsidenten weder tatkräftige Hilfe noch klare Führung zu erwarten. Die einzelnen Staaten und die abgelegenen US-Außengebiete sind in der größten Katastrophe im öffentlichen Gesundheitswesen in der Geschichte der USA vorerst auf sich allein gestellt.

 Die Hoffnung auf den Staat, der die gemeinsame Gefahrenabwehr koordiniert und mit Blick aufs Gemeinwohl handelt, ist unter Trump vergebens. Im Kampf gegen einen unsichtbaren, in alle Bundesstaaten vordringenden Gegner ist die finanzielle und militärische Stärke der letzten verbleibenden Supermacht ohne Plan und Vernunft nicht viel nütze. Das Weiße Haus hat diese Herausforderung wochenlang unterschätzt - und dabei wertvolle Zeit verstreichen lassen, wie unter anderem das Beispiel Südkorea zeigt.

Das Coronavirus erreichte die asiatische Industrienation exakt am selben Tag wie die Vereinigten Staaten. Der jeweils erste Infektionsfall wurde am 20. Januar nachgewiesen und einen Tag später öffentlich bekannt. Doch die nachfolgende Ansteckungswelle verlief in beiden Staaten vollkommen unterschiedlich. In Südkorea ergriffen die Behörden rasch energische Maßnahmen und gingen schnell und entschieden gegen die Ausbreitung vor. Mittlerweile ist das Virus dort größtenteils unter Kontrolle. Die rund 50 Millionen Einwohner wurden seit Anfang Februar einem massiven Testprogramm unterzogen. Verdachtsfälle werden rigoros isoliert, alle Kontaktpersonen identifiziert und umgehend unter Quarantäne gestellt.

 In den USA dagegen beschränkte sich die Epidemieabwehr zunächst nur auf eine ebenso spektakuläre wie umstrittene Maßnahme. Anfang Februar verhängte Washington ein Einreiseverbot für Menschen aus den am schwersten betroffenen Regionen in China. "Wir haben es völlig unter Kontrolle", hatte US-Präsident Trump wenige Tage zuvor beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos erklärt. "Es wird alles gut werden."

Nach diesem Muster ging es im Weißen Haus noch wochenlang weiter. Trump leugnete, verharmloste und verdrehte die Fakten. Aber das Coronavirus ging nicht "einfach weg", wie er behauptete. Kein "Wunder" rettete das Land vor der schleichenden Ausbreitung des Erregers. Zum Zeitpunkt der Grenzschließungen - erst für Chinesen, später auch für Europäer - war Sars-CoV-2 schon längst im Land.

Wertvolle Zeit verstrich ungenutzt, mit offenen Augen liefen die USA in die Corona-Katastrophe. Ende März war nicht mehr zu leugnen, dass die Vereinigten Staaten sich zum globalen Epizentrum der Pandemie entwickelt hatten und bis heute sind. Was ist falsch gelaufen? In Stichworten: Kleinstaaterei, Bürokratiestau, eine folgenschwere Fehlentscheidung des Seuchenkontrollzentrums CDC - und, über allem, ein eklatanter Mangel an klarer politischer Führung auf Bundesebene. Trump selbst trägt eine nicht unerhebliche Mitschuld an der Entwicklung.

Geheimdienste und Experten hatten das Weiße Haus schon im Januar eindringlich vor den Gefahren des Virus gewarnt, blieben aber an entscheidender Stelle ungehört. Also trafen die 50 Bundesstaaten ohne Führung einen Flickenteppich an Entscheidungen. Zum Glück blieben sie nicht genauso untätig wie das Weiße Haus, so die einhellige Meinung mehrerer Experten, mit denen ntv.de gesprochen hat. "Es passiert eine Menge, obwohl der Präsident ein Komplettausfall ist", urteilte etwa Johannes Thimm von der Stiftung Wissenschaft und Politik Anfang April. Nur: Es geschieht zu spät.

Weil der erste Infizierte früh bekannt war, hatten die Vereinigten Staaten einen wochenlangen Vorsprung gegenüber den Europäern, nutzten ihn aber nicht. "Das ist zum großen Teil mangelnder Führung geschuldet, dass Trump die Situation nicht ernst genommen hat und die USA für unverwundbar gehalten hat", sagt Thimm. Andere Wissenschaftler äußerten sich gegenüber ntv.de ähnlich.

Seit der denkwürdigen Telefonkonferenz am 16. März hat sich die Lage in den USA dramatisch verschärft. Inzwischen sind rund 528.000 Infektionsfälle bekannt, die Zahl der Todesopfer liegt bei mehr als 20.500. Einer Studie zufolge muss die Dunkelziffer viel höher angesetzt werden. Alle 50 Bundesstaaten und vier US-Außengebiete kämpfen gegen lokale Ansteckungen. Nach Ansicht der Forscher könnten 94 Prozent der US-Bürger in Bezirken leben, in denen es zu bislang unentdeckten Übertragungen kommt. Die Szenarien für die kommenden Wochen sind düster. Selbst im besten Fall müssen sich die USA auf rund 100.000 Tote einstellen.

 Südkorea dagegen zählt bis heute weniger als 220 Tote. Die aus dem benachbarten China drohende Infektionswelle konnten die südkoreanischen Behörden beeindruckend rasch unter Kontrolle bringen. Kein Lockdown oder andere große Einschränkungen im öffentlichen Leben waren dafür nötig.

Am 18. März, als Trump sich erstmals einen Kriegszeitpräsidenten nannte und das neuartige Coronavirus den Feind, hatte er bereits allen Grund dazu. An diesem Tag war längst klar, dass die von dem Virus ausgelöste Atemwegserkrankung Covid-19 voraussichtlich mehr US-Amerikaner das Leben kosten wird als auf den Schlachtfeldern in Korea, Vietnam, Afghanistan und Irak zusammen.

Die ausbleibenden, im besten Fall unzureichenden Maßnahmen des Weißen Hauses versuchen Trump und sein Außenminister Mike Pompeo unter anderem mit Kritik an der Weltgesundheitsorganisation WHO zu verschleiern. Die WHO habe ihre Aufgabe nicht erfüllt, so Pompeo. Doch an jenem Tag, als die Organisation die Gefahrenstufe von Sars-CoV-2 auf die höchste Stufe anhob, nannte Trump das Virus eine Falschmeldung.

Südkorea hatte hingegen Erfolg, weil frühzeitig und entschlossen umfangreiche Maßnahmen in Kraft gesetzt wurden. Das Land hatte bereits im Jahr 2015 erlebt, wie verheerend zögerliche staatliche Reaktionen in Virus-Krisen wirken. Ein Geschäftsmann hatte damals den Mers-Erreger aus dem Nahen Osten mitgebracht. Als der Infektionsfall erkannt wurde, war der Erkrankte bereits an drei Orten des Landes behandelt worden und hatte so eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang gesetzt: 186 Menschen waren infiziert, 17.000 weitere Personen mussten in Quarantäne. Erst zwei Monaten und 36 Todesopfer später bekam Südkorea das Virus unter Kontrolle.

 Die Regierung in Seoul zog daraus wertvolle Schlüsse: Unter anderem sammelt der Staat inzwischen anonymisierte Handy-, Kreditkarten- und andere Daten, um damit Aufenthaltsorte von Infizierten zurückverfolgen zu können. Auf diese Weise können Kontaktpersonen schnell ermittelt und darüber informiert werden, dass sie dem Virus ausgesetzt waren und sich isolieren sollten.

Das ist jedoch längst nicht alles: Diesmal dauerte es nach dem ersten Infektionsfall im Land nur zweieinhalb Wochen, bis Südkorea einen eigenen Test entwickelt, geprüft und ab 7. Februar für den dezentralen Masseneinsatz freigegeben hatte. Dieses Vorgehen war entscheidend für effektive Abwehrmaßnahmen in der anstehenden Pandemie.

Auf der anderen Seite des Pazifiks vergeudeten die US-Behörden zugleich mehrere Wochen, weil die ersten Tests aus dem US-Seuchenkontrollzentrum CDC nicht zuverlässig funktionierten. In Washington wurde das tödliche Risiko dieses Fehlers nicht ernst genug genommen. Noch Mitte Februar drehten sich die Krisentreffen zu Sars-CoV-2 dort fast ausschließlich um das Thema Grenzschließungen, anstatt das grundlegende Testproblem zu beseitigen und das US-Gesundheitssystem auf die drohenden Belastungen vorzubereiten.

Obwohl die Bedeutung der Tests bekannt war, blieb ein folgenschwerer Flaschenhals an seinem Platz: Wochenlang durfte in den USA nur zentral vom CDC geprüft werden. Externen Labors war die Teilnahme untersagt, die leistungsfähige Pharmaindustrie war angehalten, keine eigenen Verfahren zu entwickeln. Diese fragwürdige Vorgabe fiel aufgrund Kompetenzgerangels erst am 29. Februar weg; die zentrale Überprüfung noch weitere zwei Wochen später. An diesem 13. März hatte Südkorea bereits weite Teile der Bevölkerung in den am schwersten betroffenen Regionen getestet. Zum Vergleich: Seoul konnte sich bis dahin bereits auf 5227 Tests pro Million Einwohner stützen. In den USA waren es 69.

 US-Experte Thimm ist überzeugt, dass Trumps Beratungsresistenz und nationaler Tunnelblick verhinderten, dass die USA aus internationalen Erfahrungen wie etwa vom Ansatz Südkoreas lernen konnten und entsprechend rechtzeitig handelten. Auch für Keith Jerome, Virologe an der Universität von Washington, waren es die so verlorenen Wochen, die zur derzeitigen Katastrophe geführt haben. "Als wir entschieden, dass alle Coronavirus-Tests von einer Instanz durchgeführt werden musste, haben wir unsere größte Stärke aufgegeben", zitiert ihn das US-Magazin "Technology Review".

Die unterschiedlichen Vorgehensweisen der beiden Länder sind in Daten deutlich zu erkennen. Am 12. April meldete das südkoreanische Seuchenkontrollzentrum nur noch 2930 aktuell Infizierte. Insgesamt verzeichnete das Land bis dahin lediglich 10.512 nachgewiesene Infektionsfälle. In den USA dagegen kommen derzeit pro Tag fast dreimal so viele neu entdeckte Ansteckungen hinzu. Die Gesamtzahl hat die Schwelle von 500.000 überschritten. Mehr als 20.000 Menschen sind in den USA nach einer Sars-CoV-2-Infektion bereits gestorben.

 Das bisherige Gesamturteil über die Krisenreaktion fällt eindeutig aus: Einer der Vorkämpfer gegen Ebola, Ron Klain, nannte das Verhalten der US-Regierung in der Corona-Krise bereits "ein Fiasko unglaublicher Ausmaße", das zukünftig "als Paradebeispiel für desaströses Scheitern staatlicher Bemühungen" betrachtet werden dürfte. Es gibt weitere Experten, die das ähnlich sehen. Voraussichtlich kein Land der Welt wird so von der Sars-CoV-2-Pandemie getroffen werden wie die USA. Sie wird in die Geschichte der Vereinigten Staaten eingehen als eines der großen nationalen Traumata: Pearl Harbor. Vietnam. Die 9/11-Anschläge. Und nun: Coronavirus.


Aus: ""Fiasko unglaublicher Ausmaße": Wie Trump die Virus-Krise anheizte" Roland Peters, Christoph Wolf und Martin Morcinek (Sonntag, 12. April 2020)
Quelle: https://www.n-tv.de/panorama/Wie-Trump-die-Virus-Krise-anheizte-article21700448.html


"Der Kampf des Präsidenten gegen den populären Seuchenspezialisten" Frank Herrmann (13. April 2020)
Anthony Fauci ist oberster US-Virologe und die Stimme des Pragmatismus in der Pandemie – damit kommt Trump nur schwer zurecht ...
https://www.derstandard.at/story/2000116814749/der-kampf-des-praesidenten-gegen-den-populaeren-seuchenspezialisten
« Last Edit: April 13, 2020, 06:51:04 PM by Link »

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #29 on: April 12, 2020, 10:40:53 PM »
Quote
[...] Das Coronavirus erschüttert die USA so schwer wie kein anderes Land auf der Welt. Präsident Donald Trump zieht nun historische Konsequenzen.

Am Samstag hatten die USA mit 20.600 Todesfällen in Folge des Coronavirus den ersten Platz in dieser traurigen Statistik eingenommen. Schon bevor diese Zahlen verkündet wurden, griff Donald Trump in den USA zu einer drastischen Maßnahme.

Der Präsident der USA rief auch im Bundesstaat Wyoming den Notstand aus – ein historisches Ereignis. Denn es ist das erste Mal in der Geschichte der Vereinigten Staaten, dass ein Präsident in allen 50 Staaten gleichzeitig den Notstand ausruft.

Mehr als eine halbe Million Menschen haben sich in den USA bisher mit dem Coronavirus infiziert. Experten vermuten allerdings, dass eine gewaltige Dunkelziffer hinzukommt, weil viele Menschen sich nicht zum Arzt trauen – aus Angst, sie müssten die Behandlungen bezahlen.

Denn während die Tests in den USA mittlerweile gratis sind, müssen die Menschen im Falle eines positiven Tests die Kosten zur weiteren Behandlung selbst tragen. Viele Amerikanerinnen und Amerikaner sind nicht krankenversichert und müssten je nach Art der Behandlung umgerechnet mehrere tausend Euro auf den Tisch legen.

Donald Trump muss sich im Kampf gegen das Coronavirus bisher heftige Kritik anhören. Zu Beginn des Ausbruchs hatte der Präsident der USA die Epidemie massiv unterschätzt. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge habe er bereits Ende Januar dramatische Prognosen von Experten ignoriert.

Auf seinen regelmäßigen Pressekonferenzen im Rahmen der Corona-Krise fiel Donald Trump wie so oft in den vergangenen Jahren dadurch auf, dass er Unwahrheiten unters Volk brachte. Der Präsident der USA spaltete sein Land mal wieder mehr, als dass er es vereinte.

Und dennoch genießt Donald Trump derzeit die besten Umfragewerte seit Beginn seiner Amtszeit. Wie in vielen anderen Ländern der Welt zeigt sich auch in den USA, dass ein Großteil der Bevölkerung sich in der Krise an die Figuren klammert, die aktuell Verantwortung tragen.


Aus: "Coronavirus: In den USA eskaliert die Lage! Trump mit drastischer Maßnahme – DAS hat es noch nie gegeben" David Herten (12.04.2020)
Quelle: https://www.derwesten.de/panorama/vermischtes/coronavirus-corona-usa-news-covid-19-donald-trump-id228894969.html

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #30 on: April 12, 2020, 10:59:43 PM »
Quote
[...] Wenn es ernst wird, rü­cken die Por­tu­gie­sen zu­sam­men. Dann kann sich der so­zia­lis­ti­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent António Cos­ta so­gar auf die kon­ser­va­ti­ve Op­po­si­ti­on ver­las­sen. Er wün­sche ihm „Mut, Ner­ven aus Stahl und viel Glück. Denn Ihr Glück ist auch un­ser Glück“, sag­te der Vor­sit­zen­de der li­be­ral-kon­ser­va­ti­ve PSD-Par­tei Rui Rio im Par­la­ment in Lis­sa­bon. Der Op­po­si­ti­ons­füh­rer ver­sprach dem Re­gie­rungs­chef „vol­le Zu­sam­men­ar­beit“ im Kampf ge­gen die Co­ro­na-Pan­de­mie. Der spa­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Pe­dro Sánchez wirk­te nei­disch, als er im Ma­dri­der Par­la­ment Rui Ri­os „emo­tio­na­le Re­de“ als ein Vor­bild für sei­ne Op­po­si­ti­on er­wähn­te, die ihn im­mer schär­fer at­ta­ckiert.

Ef­fi­zi­ent und ge­eint setzt sich Por­tu­gal ge­gen das Co­ro­navi­rus zur Wehr. Im Ver­gleich zu an­de­ren Län­dern war die Re­gie­rung re­la­tiv früh ak­tiv ge­wor­den. Der Alarm­zu­stand wur­de schon aus­ge­ru­fen, als es nur hun­dert In­fi­zier­te und noch kei­nen To­ten gab. Zu­vor wa­ren schon Schu­len, Bars und Dis­ko­the­ken ge­schlos­sen und al­le Sport­ver­an­stal­tun­gen ab­ge­sagt wor­den. Die Lan­des­gren­zen zu Spa­ni­en wur­den ab­ge­rie­gelt. Dort re­gis­trier­te man am Sonntag zehn­mal so vie­le In­fi­zier­te wie in Por­tu­gal, wo die Zahl im Ver­gleich zum Vor­tag um gut zehn Pro­zent auf 16.585 nach­ge­wie­se­ne Fäl­le stieg. Bis­her star­ben 504 Men­schen in dem Land mit et­wa zehn Mil­lio­nen Ein­woh­nern an den Fol­gen des Co­ro­navi­rus. In Schweden, wo die Bevölkerung ähnlich groß ist, wurden am Osterwochenende fast 900 Tote registriert. Die Regierung in Stockholm hatte lange Zeit vor allem auf Appelle und Information gesetzt, weniger auf Verbote.

Am Sonntag ging für die Portugiesen ein karges Osterfest zu Ende. Die tra­di­tio­nel­len Fa­mi­li­en­be­su­che fie­len aus, denn die Aus­gangs­beschränkungen, die die Re­gie­rung am Frei­tag bis zum 1. Mai ver­län­ger­te, wur­de über die Fei­er­ta­ge noch ein­mal ver­schärft: Von Grün­don­ners­tag bis Mon­tag um null Uhr dür­fen die Por­tu­gie­sen ih­ren Wohn­ort und mög­lichst auch ih­re Woh­nung nicht mehr ver­las­sen. Der Flug­ver­kehr ruht weit­ge­hend, wie auch der in­län­di­sche Ver­kehr. „Wir müs­sen für den Rest des Aprils um zu­sätz­li­che An­stren­gun­gen bit­ten, um am En­de des Mo­nats das Blatt wen­den zu kön­nen“, sag­te Staats­prä­si­dent Re­be­lo de Sou­sa. Trotz des na­tio­na­len Not­stands, der mitt­ler­wei­le gilt, geht es in Por­tu­gal nicht so streng zu, wie ne­ben­an in Spa­ni­en. El­tern dür­fen mit ih­ren Kin­dern vor die Tü­re, die Parks sind ge­öff­net, Sport an der fri­schen Luft ist er­laubt. Re­stau­rants bie­ten Ge­rich­te zum Mit­neh­men an. Aber schon jetzt steht fest, dass der ge­wohn­te All­tag nur schritt­wei­se und lang­sam zu­rück­keh­ren wird. So wer­den die Schü­ler bis zur zehn­ten Klas­se nach den Os­ter­fe­ri­en vorerst nicht mehr in ih­re Klas­sen­zim­mer zu­rück­keh­ren. Sie wer­den das Schul­jahr vor dem Bild­schirm be­en­den, über den sie Fern­un­ter­richt er­hal­ten.

Por­tu­gal muss­te auch aus Sor­ge um sein Ge­sund­heits­sys­tem schnell han­deln. Bis­her rei­chen die Bet­ten für die mehr als tau­send Co­ro­na-Pa­ti­en­ten aus, die sta­tio­när be­han­delt wer­den müs­sen. Zu­dem ste­hen zwei Not­la­za­ret­te be­reit. Die un­ter dem Druck der in­ter­na­tio­na­len Ge­ber wäh­rend der gro­ßen Wirt­schafts­kri­se vor mehr als zehn Jah­ren be­schlos­se­nen Kür­zun­gen stürz­ten die öf­fent­li­che Ge­sund­heits­ver­sor­gung in ei­ne schwe­re Kri­se. Bis­her kon­zen­trier­te sich die Re­gie­rung stär­ker dar­auf, ih­re Schul­den zu til­gen. Das hat zur Fol­ge, dass heu­te Ärz­te, Pfle­ger und mo­der­ne Tech­nik feh­len.

Wie in Spa­ni­en weckt die Pan­de­mie trau­ma­ti­sche Er­in­ne­run­gen an die gro­ße Kri­se, die ge­ra­de erst über­wun­den ist. Die Zu­kunft wirk­te hoff­nungs­voll: Noch An­fang März hat­te sich für Por­tu­gal ein neu­er Be­su­cher­re­kord ab­ge­zeich­net. Im ver­gan­ge­nen Jahr ga­ben 27 Mil­lio­nen Aus­län­der dort mehr als 16 Mil­li­ar­den Eu­ro aus. Zu ei­nem gro­ßen Teil tru­gen sie zum Auf­schwung Por­tu­gals bei, das vor ei­nem Jahr­zehnt kurz vor dem Bank­rott ge­stan­den hat­te. In die­sem Jahr woll­te die Re­gie­rung ei­nen Haus­halts­über­schuss er­zie­len. Doch die aus­län­di­schen Gäs­te ha­ben flucht­ar­tig das Land ver­las­sen, auch die In­ves­to­ren hal­ten sich zu­rück. Mit ei­nem Hilfs­pa­ket im Wert von mehr als neun Mil­li­ar­den Eu­ro ver­sucht die Re­gie­rung, aus ei­ge­ner Kraft zu ret­ten, was zu ret­ten ist.


Aus: "Warum Portugal im Kampf gegen Corona so erfolgreich ist"  Hans-Christian Rößler, Madrid (12.04.2020)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/gesundheit/coronavirus/warum-portugal-im-kampf-gegen-corona-so-erfolgreich-ist-16720652.html

Quote
Konsequenz ist durch nichts zu ersetzen

    Rüdiger Bruss (rbruss), 12.04.2020 - 21:28

Eine großartige Reaktion der Regierung unterstützt durch eine undogmatische Opposition die den Ernst der Lage erkannt hat. ...


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Schnelle Reaktion zahlt sich aus

    Oliver Tausend (olivertausend), 12.04.2020 - 21:04

Bei bis zu zwei Wochen Inkubationszeit, in der man bereits ansteckend ist, aber evtl. noch keine Symptome verspürt, zahlt es sich aus, schnell zu reagieren, vor allem wenn die Mittel knapp sind. Außerdem hat man in Portugal anscheinend die Exponentialfunktion verstanden, was hierzulande nicht selbstverständlich gewesen zu sein scheint.


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« Reply #31 on: April 12, 2020, 11:21:19 PM »
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[...]  Am Wochenende geisterten sogar schon Putsch-Gerüchte durch Südamerika: Jair Bolsonaro sei nur noch eine Art Marionette, die Fäden ziehe mittlerweile das Militär. Das war falsch und völlig übertrieben. Doch der wahre Kern der Geschichte ist: Durch seine wirre Corona-Politik verliert Brasiliens Präsident Macht.

"Vergesst nicht, dass ich der Präsident bin", betonte er vergangene Woche an seine Gegner gerichtet. Doch selbst in der eigenen Regierung ist zuletzt ein Machtkampf ausgebrochen, bei dem der Präsident den Kürzeren gezogen hat.

Es ging um Gesundheitsminister Luiz Mandetta. Der hatte sich für Ausgangssperren und Schließungen von Geschäften eingesetzt - im deutlichen Widerspruch zu Bolsonaros Linie, die immer noch lautet "Brasilien darf nicht stillstehen". So der Titel einer Kampagne, die letztlich gerichtlich verboten wurde.

 Gesundheitsminister Mandetta hatte in den letzten Tagen immer deutlicher gegen Bolsonaro und dessen Querschüsse Stellung bezogen. "Wir mögen konstruktive Kritik. Aber wir haben große Probleme damit, wenn die Kritik nicht konstruktiv ist, sondern uns nur die Arbeit erschweren soll", sagte Mandetta. "Das muss ich wohl nicht erklären. Sie alle wissen, dass das zuletzt ständig passiert ist."

Bolsonaro reagierte darauf ganz offen mit der Ankündigung, Mandetta zu feuern. Einige Medien meldeten am Dienstagabend schon die Entlassung des Ministers - auch der Nachfolger war schon bekannt: Die Medien hatten entsprechende Hinweise aus dem Präsidentenpalast bekommen.

Doch letztlich konnte Bolsonaro sich nicht durchsetzen. Spät in der Nacht dann die Kehrtwende: Mandetta selbst bestätigte, dass er im Amt bleibt. "Heute wurde schon mein Schreibtisch ausgeräumt und saubergemacht", berichtete er. "Aber wir machen weiter. Denn indem wir weitermachen, können wir dem Feind entgegentreten. Und der hat einen Namen: Covid-19."

 Eine ungeahnte Allianz hatte sich hinter Mandetta gestellt. Fast jeder vierte Minister ist Armeeoffizier - und die Militär-Fraktion hatte sich offenbar hinter Mandetta versammelt. Zudem drohte der Kongress, Bolsonaros Hilfspakete abzulehnen, falls Mandetta gehen muss.

"Diese Streitereien werden vom Kabinett des Hasses ausgelöst, angeführt durch Berater des Präsidenten", sagte Parlamentspräsident Rodrigo Maia. "Eigentlich sind das ja gar keine Berater, sondern Kriminelle. Die werden es nicht schaffen, das Parlament zu beeinflussen. Die Gesellschaft begreift inzwischen, dass es viele falsche Informationen gibt, viele Lügen - und mehr noch: weitere Unverantwortlichkeit, die leider oft vom Präsidenten selbst kommt."

Das Ergebnis: Mandetta bleibt nun doch Gesundheitsminister. Eine empfindliche Niederlage für den Präsidenten, so deutlich ist er noch nie vorgeführt worden. Das Hin und Her in der Corona-Politik kostet Bolsonaro auch Sympathien bei der Bevölkerung. Doch das heißt nicht, dass er keinen Rückhalt mehr hat. Seine treuen Anhänger halten nach wie vor zu ihm und beten demonstrativ darum, dass ihnen ihr "Mythos", wie sie Bolsonaro nennen, erhalten bleibt.


Aus: "Bolsonaro verliert an Macht" (Stand: 08.04.2020)
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/brasilien-corona-bolsonaro-101.html


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #32 on: April 13, 2020, 06:02:58 PM »
Quote
[...] Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ verfasst er derzeit ein Coronavirus-Tagebuch mit kurzen Beobachtungen aus dem Alltag und Überlegungen zur Krise.

C, Freund, Arzt, freiwillig im Einsatz auf der Corona-Intensivstation, schreibt: „Der Moment der Hypoxie, wenn kurz vor der Ohnmacht der Sauerstoff fehlt, ist ein Überlebenskampf voller Angst. Stell dir einen Fisch am Haken vor, der aus dem Meer gezogen wird. Stell dir die Angst vor, wenn alle vertrauten Gesichter fehlen. Fuck it, kein Mensch in diesem Raum kennt auch nur deinen Namen.“

– Die vierte Quarantäne-Woche. Survival mood, Durchhalten, zugleich Müdigkeit, die Tage verschwimmen. Spaziergang: Kirschblüten, Magnolien, Krokusse, der New Yorker Frühling war leuchtendes Glück. Leer ist die Stadt, ich fürchte (und hasse) einen Obdachlosen, der bettelnd nahe kommt. Grundstimmung: Trauer.

– In der plötzlich fernen deutschen Heimat hört das Geschimpfe auf die Berliner „Diktatur“ nicht auf, die Gegenrede aber auch nicht. Schwätzer und Salonkritiker verhöhnten „Menschen, die tatsächlich unter einer Diktatur leiden“, schreibt Rainer Esser, „Zeit“-Geschäftsführer, auf Facebook. Ich finde eher, das snobistische Geplapper verhöhnt Ärztinnen, Pfleger, Kranke, Angehörige. Wer Rechthaben mit Twitter-„Likes“ sowie solidarische Disziplin in einer Demokratie mit Konformismus in Diktaturen verwechselt, hält sich selbst natürlich für den allein Mutigen unter 83 Millionen Feiglingen.

 – Corona-Sprache ist schief, aber wir alle verstehen sie: „Kurven abflachen“, „soziale Distanz“. Corona Porn ist Dramasucht: nach Massengräbern in New York; Krankenschwestern, die sich mit Mülltüte und Skimaske schützen; dem Mann, der zu seiner Frau und dem Neugeborenen will und deshalb sagt, dass er negativ getestet sei – nicht nur seine Frau ist danach krank.

– Oft hieß es, wir lebten in einer Übergangszeit, ist dies der Schritt durch die Tür? Wird das Leben im Westen von hier an so wackelig, wie es in anderen Gegenden lange schon war? In New York zu sein und zugleich New York zu vermissen, ist eines der verblüffendsten Gefühle, die ich je gefühlt habe.

– Lagerkoller. Deshalb Radfahren am Hudson. Vorher berechnen wir: Wie viel Abstand ist nötig, da Tröpfchen von Rad zu Rad weiter fliegen? Zehn Meter. Werden wir paranoid oder professionell? Atemnot nach 25 Blocks: Ich hasse auch meine Schutzmaske (von einer Freundin in Peking in die USA geschickt).

– Die Tochter Cora, Psychologin in München, berichtet von schwer Depressiven, die nach fünf Klinikjahren ohne Gespräch entlassen werden, da die Station gebraucht wird. Die Krise als Menschenexperiment: Was werden wir über Suizide erfahren? Über häusliche Gewalt?

– Die Weltgemeinschaft löst Probleme nicht gemeinsam, kann sich nicht verständigen. „Bestätigte Fälle“ meinen in China etwas anderes, da Menschen, die zwar positiv getestet waren, aber keine Symptome hatten, in Wuhan nicht mitgezählt wurden. Singapur soll Todesfälle mit anderen Ursachen versehen, um die Statistik erträglich zu halten. Die deutsche Todesrate ist niedrig, die Welt staunt. In Deutschland werden Menschen außerhalb von Krankenhäusern post mortem nicht auf das Virus getestet.

– C. schreibt: „Meine Mutter sagt, sie sei bereit zu sterben, genug sei genug. Wir drei Söhne können den Gedanken nicht ertragen, dass sie krank wird und allein im Krankenhaus stirbt. Unmöglich für mich, sie zu sehen, da ich täglich das Virus tragen könnte. Ich schrubbe meine Hände, mein Gesicht, alles und dann von vorn. Dann wieder bin ich so erschöpft, dass alles egal ist.“


Aus: "Corona-Tagebuch, New York (4) Durchhalten, Kirschblüten, Grundstimmung Trauer" Klaus Brinkbäumer (13.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/corona-tagebuch-new-york-4-durchhalten-kirschblueten-grundstimmung-trauer/25737144.html

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #33 on: April 13, 2020, 06:23:19 PM »
Quote
[...] Franka Lu ist eine chinesische Journalistin und Unternehmerin. Sie arbeitet in China und Deutschland. In dieser ZEIT-ONLINE-Serie berichtet sie kritisch über Leben, Kultur und Alltag in China. Um ihr berufliches und privates Umfeld zu schützen, schreibt sie unter einem Pseudonym.

Die chinesische Regierung versucht mit großem Einsatz, ihre Rolle im Verlauf der Corona-Pandemie neu zu erzählen. Wir sollen vergessen, dass die anfänglichen Vertuschungsversuche des Covid-19-Ausbruchs durch China maßgeblich dazu beigetragen haben, dass sich dieser Virus zu einer Jahrhundertseuche entwickeln und über die ganze Welt verbreiten konnte. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums beschuldigte unterdessen gar die USA, das Virus nach China eingeschleppt zu haben. Die Führung in Beijing posiert nun in der Rolle des Retters, der die ganze Welt mit Schutzmasken beschenkt, medizinische Ausrüstung und gar Personal zur Verfügung stellt. Die demokratischen Staaten des Westens dagegen werden als egozentrisch, inkompetent und verlogen dargestellt. Die überdeutliche Message der chinesischen Regierung lautet: Die Welt schuldet dem unschuldigen und heroisch handelndem Land Dank; die Welt kann sich auf China – und nur auf China – verlassen.

[...] Im Jahr 2003 hat China auf den damaligen Sars-Ausbruch zunächst ähnlich wie nun auf die beginnende Covid-19-Epidemie mit Zensur und Vertuschung reagiert und damit bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Warum ist die staatliche Reaktion dann auf so erschreckende Weise gleich ausgefallen? Sprechverbote für Whistleblower, Medienzensur, eine festliche Fassade für die chinesischen Neujahrsfeierlichkeiten, keine Transparenz gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO, Ablehnung von Hilfsangeboten der internationalen Gemeinschaft – in Europa hat dieses Verhalten viele verwirrt, weil sie davon ausgegangen sind, dass China die Lektionen der Sars-Epidemie gelernt haben musste. Was die Europäer nicht verstanden haben, ist, dass es der Kommunistischen Partei Chinas keineswegs an Seuchenpräventionswissen mangelt. Etwas anderes ist bedeutsamer: Die chinesische Führung hat die Epidemie von Beginn an vor allem unter dem Aspekt betrachtet, dass sie ihre Alleinherrschaft gefährden könnte.

Auch wenn ein Virus kein herkömmlicher politischer Gegner ist: Ein autoritäres Regime, das glaubt, sich im Krieg zu befinden, will nicht, dass seine angenommenen oder tatsächlichen Gegenspieler – seien es Dissidenten daheim oder westliche Demokratien – ein Zeichen der Schwäche an ihm entdecken. Um die Fassade der Stabilität aufrechtzuerhalten, ist ein Regime wie das in Beijing bereit, die Leben seiner Bürgerinnen und Bürger und sogar der eigenen Befehlsempfänger in den von einer Epidemie betroffenen Gebieten zu opfern, wie das in der Provinz Hubei geschehen ist. Auf gar keinen Fall zum Beispiel würde die Partei amerikanischen Freiwilligen erlauben, das Zentrum des Ausbruchs in Wuhan zu sehen, und sie würde auch WHO-Mitarbeitern keine Tour genehmigen, bevor nicht alles aufgeräumt ist und wieder so aussieht, als sei nie etwas geschehen.

Nur einzelne chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich diesmal anders verhalten, als das bislang üblich war. Sie haben die Ergebnisse ihrer virologischen Forschung in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht und ihre Kolleginnen und Kollegen im Ausland so schnell wie möglich informiert. Aber die Welt offen über freie Medien warnen: Das konnten sie nicht oder wagten es nicht. 

Die Welt hätte vermutlich ohnedies nicht auf sie gehört. Denn haben andererseits nicht viele mutige chinesische Journalistinnen und Journalisten bereits im Laufe des Februars enthüllt, was für Zustände im Zentrum der Epidemie in Hubei herrschten? Dennoch lobte die WHO weiter die Krankheitsbekämpfungsmaßnahmen der chinesischen Regierung und beglaubigte deren Daten, die schon da kein vernunftbegabter Mensch für bare Münze nehmen konnte. Die Nachrichten aus China wurden in vielen Teilen der Welt anfangs weitgehend ignoriert, insbesondere in den USA. Bis das Virus alle Staatsgrenzen überwunden hatte.

[...] Wie üblich führt China den Kampf um die öffentliche Meinung mit doppeltem Gesicht. Das eine, freundlich bis bestimmte, ist für den Austausch von Regierung zu Regierung gedacht; das andere zeigt die Führung in den sozialen und traditionellen Medien unter Regierungseinfluss. Zahllose Artikel berichteten dort über die medizinischen Einsatzkommandos aus der Provinz Zhejiang, die in den völlig überlasteten Krankenhäusern der Lombardei aushalfen. Das war eine wahre Geschichte. Weit verbreitet wurde auch ein Video von Italienern, die "Grazie, Cina!" riefen und die chinesische Nationalhymne sangen. Das war ein Fake. Andere Artikel verhießen, China habe Italien tonnenweise medizinische Hilfsgüter gespendet. Falsch, Italien hat dafür bezahlt.

Es ist schwer, etwas gegen die Abertausenden von Twitter-Bots zu tun, die Beijing mit Covid-19-Propaganda offenbar auf Italien losgelassen hat. Noch schwerer ist es, dem chinesischen Dauerbombardement mit Fake-News über den Westen etwas entgegenzusetzen. Sie sollen das Vertrauen in die Demokratie untergraben. Und die Propaganda funktioniert.

Nun wird Dank erwartet: Sechs chinesische Ärzte helfen in Belgrad aus, und nun hat Serbien seine Hauptstadt in rotes Licht tauchen lassen und den Slogan "Danke, Bruder Xi" plakatiert.

Undank (oder was als solcher empfunden wird) hingegen wird bestraft: Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa erklärte in einem Meinungsbeitrag für El País das Offenkundige, nämlich dass die Pandemie in China entstanden sei. Die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus hätte verhindert werden können, wenn in China Meinungsfreiheit herrschen würde. Die chinesische Botschaft in Lima kritisierte ihn daraufhin scharf für seine "verantwortungslose Äußerung", und Vargas Llosas Werke verschwanden aus allen chinesischen Onlineshops.

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Aus: "Dieses Schlachtfeld hat keine Grenzen" (13. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-04/china-hilfe-coronavirus-pandemie-strategie-uneingeschraenkter-krieg

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TobyR #14

"Die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus hätte verhindert werden können, wenn in China Meinungsfreiheit herrschen würde."

Unwahrscheinlich.

Im Grunde genommen macht man doch der chinesischen Regierung gerade zum Vorwurf, dass sie ihr rigoroses und autoritäres Vorgehen zu spät eingesetzt hat. Denn was hätte das Übergreifen auf andere Länder verhindern können? Abriegelung von Wuhan schon im Dezember. Lockdown für das ganze Land sogleich. Ausreiseverbot für alle eigenen Staatsbürger. So etwas in der Art, nicht wahr?

Kann man sich eine liberale Demokratie vorstellen, die so gehandelt hätte? Die sich aufgrund einer öffentlichen Diskussion und einigen Expertenmeinungen bei zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise winzigen Fallzahlen schweren wirtschaftlichen Schaden zugefügt und massiv die Rechte der eigenen Bürger beschnitten hätte? Und das, um in der Hauptsache andere Länder, mit denen sie nicht gerade auf gutem Fuß steht, vor Schaden zu bewahren?

Ich nicht. Man muss sich nur die Reaktionen der westlichen Länder anschauen, um zu sehen, dass das so ist. In Deutschland z.B. wird ja jetzt noch darüber diskutiert, ob man das nicht alles sein lassen könne. Welcher Politiker hätte denn unser Land halb lahmgelegt und abgeriegelt, als es hier ~200 Fälle gab?

Nichts davon ist notabene eine Parteinahme für das sino-faschistische Regime. Nicht für seine Propaganda, nicht für die Brutalität seiner Maßnahmen. Aber die Erzählung "das hätte alles verhindert werden können, wenn nur der Chinese nicht..." führt in die Irre.


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IWNN #19

Eine abenteuerliche These: "Die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus hätte verhindert werden können, wenn in China Meinungsfreiheit herrschen würde."
Wie ist das nun in Deutschland, USA, Italien ... Hat sich der Virus bei uns und dort etwa kontrolliert ausgebreitet?


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Peter.Pippi #34

Klingt ja fast wie bei Donald Trump: The China-Virus oder Wuhan-Virus.
Das ist letztlich nur Rassismus.
Denn das Virus könnte aus jedem anderen Land kommen, wo Massentierhaltung und Naturzerstörung zu Hause sind. Also auch in Deutschland.

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #34 on: April 13, 2020, 06:45:27 PM »
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[...] Wilhelm Heitmeyer, 74, ist einer der bedeutendsten deutschen Soziologen. Er war Gründungsdirektor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld von 1996 bis 2013. Unter seiner Federführung entstand die Reihe "Deutsche Zustände", die von 2002 bis 2011 jährlich den Stand der Diskriminierung gegenüber Juden, Muslimen, Nichtweißen, Homosexuellen, Obdachlosen und anderen Gruppen untersuchte. Heitmeyer entwickelte den Begriff der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und gab der Öffentlichkeit damit ein wichtiges Erkenntnisinstrument in die Hand. Er arbeitet heute als Forschungsprofessor. Sein aktuelles Buch ist "Autoritäre Versuchungen". Im Herbst erscheint "Rechte Bedrohungsallianzen" bei Suhrkamp.

ZEIT ONLINE: Herr Heitmeyer, wie geht es Ihnen?

Wilhelm Heitmeyer: Ich bin zu Hause. Im Institut sind alle im Homeoffice. Mensen, Cafeteria und so weiter, das ist alles weitgehend dicht. Man kann bestenfalls seine Post abholen, und das war's.

ZEIT ONLINE: Sie wirken recht unbeeindruckt.

Heitmeyer: Naja, das sieht nur so aus. Außerdem bin ich privilegiert. Wir wohnen in einem Randbezirk von Bielefeld in einem Haus mit einem großen Garten in einem Waldgrundstück. Da kann man es schon aushalten.

ZEIT ONLINE: Dabei heißt es immer, diese Krise sei eine, die alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft.

Heitmeyer: Ja und nein. Eine Krise im soziologischen Sinne zeichnet sich dadurch aus, dass erstens die normalen Routinen nicht mehr funktionieren und zweitens die Zustände vor dem Eintritt der Ereignisse nicht wieder herstellbar sind. Ein solches Ereignis erzeugt massive Kontrollverluste.

ZEIT ONLINE: Was auf Corona zweifellos zutrifft.

Heitmeyer: Ja. Corona ist sogar eine besondere Krise, sie macht nicht Halt vor sozialen Klassen. Es gab vor Corona auch schon 9/11, Hartz IV, die Finanzkrise, die Ankunft der Geflüchteten, die aber jeweils für ganz unterschiedliche Milieus verunsichernd wirkten und in ihren Auswirkungen zeitlich begrenzt waren. Und doch gibt es auch in der Bewältigung dieser Pandemie schon jetzt massive Klassenunterschiede. Wir in unserem Haus am Wald erleben eine völlig andere Realität als eine Familie, die zum Beispiel in Berlin-Marzahn oder in Köln-Chorweiler mit drei Kindern in beengten Verhältnissen wohnt. Die soziale Ungleichheit wirkt sich massiv aus, ja, soziale Ungleichheit zerstört Gesellschaften.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der Nach-Corona-Zeit?

Heitmeyer: Corona ist ein Beschleuniger von sozialer Ungleichheit. Da sind einerseits die psychischen Beschädigungen, die das Virus hinterlässt und die erst nach der Aufhebung der Kontaktbeschränkungen sichtbar sein werden. Und es sieht so aus, als würde eine tiefreichende wirtschaftliche Rezession mit weitreichender Arbeitslosigkeit auf uns zukommen. Die Folgen dürften soziale Desintegrationen und Statusverluste sein, also weitere Kontrollverluste.

ZEIT ONLINE: Auf welche Reaktionen der Menschen müssen wir uns einstellen?

Heitmeyer: Über die gegenwärtigen Verarbeitungsformen wissen wir noch zu wenig. Aus bisheriger Forschung kennen wir einige Formen. Im Negativen sind Vertrauensentzug gegenüber der Politik oder die Einforderung von Etabliertenvorrechten möglich, nach dem Motto: Wir zuerst! Dann ist es nicht weit bis zum "Deutsche zuerst". Herr Höcke von der AfD hat ja schon vor längerer Zeit von großen Remigrationsprojekten gesprochen, die mit "wohltemperierter Grausamkeit" vorangetrieben werden sollen. Denkbar ist auch die Immunisierung nach der Art eines "Weiter so", ohne dass man sich um die sozialen Folgen kümmert. Und es gibt natürlich quer über die Milieus Schuldverschiebungen, wie sie in Verschwörungstheorien erzählt werden.

ZEIT ONLINE: Kommt jetzt deren große Zeit?

Heitmeyer: Es gibt jedenfalls einen Zusammenhang zwischen Kontrollverlust und der Anfälligkeit für Verschwörungstheorien. Und da die Kontrollverluste dieser Tage nun wirklich breit gestreut sind, dürften sie größere Reichweite bekommen. Die Frage ist: Welchen sichtbaren Gruppen schiebt man die Schuld zu, wo der Virus doch unsichtbar ist? Man muss abwarten, welche Fantasien jetzt in Gang gesetzt werden. Im rechtsextremen Milieu ist schon einiges unterwegs.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch ermutigende Prozesse? Was ist mit den vielen Menschen, die gerade zum Beispiel Älteren helfen?

Heitmeyer: Auch das gehört zu den möglichen Verarbeitungsformen. Es ist ja jetzt auch eine spannende Frage, ob und wie sich möglicherweise eine neue gesellschaftliche Solidarität entwickelt – oder eben auch nicht.

ZEIT ONLINE: Was prognostizieren Sie?

Heitmeyer: Ich rate zur Nüchternheit. Man kann diese Solidaritäten, die jetzt häufig in beruflichen Leerlaufzeiten stattfinden, nicht einfach dauerhaft fortschreiben. Zumal, wenn die Zeit der Menschen bald wieder vollgefüllt sein wird mit Büroarbeit und anderen Tätigkeiten. Man hört und liest da zurzeit viel Gesellschaftsromantik, die schnell in große Enttäuschungen mit schlimmen Folgen einmünden kann. Ich erinnere an die anfängliche Euphorie zu Zeiten der Flüchtlingsbewegung im Herbst 2015 und das, was danach geschah. Die harten Fragen lauten: Werden sich ökonomische Strukturen ändern oder werden die bisherigen sich weiter verhärten? Und natürlich: Werden die aktuellen Einschränkungen unserer Freiheit vollständig wieder verschwinden oder werden neue Kontrollregime auf Dauer eingerichtet, nur mit anderer Begründung?

ZEIT ONLINE: In Europa zeichnet sich als Folge der Corona-Krise eine Stärkung des Nationalen ab.

Heitmeyer: Das konnte man schon länger vor Corona sehen. Da reicht ein Blick auf die politische Landkarte. Die Kraft dieses neuen Nationalismus zeigt sich auch daran, dass die EU-Staaten unabhängig voneinander ihre Grenzen geschlossen haben. So eine Dynamik kommt zweifelhaften Vorreitern wie Orbán in Ungarn sehr gelegen. Er nutzt das jetzt zu einer fast uneingeschränkten Ausdehnung seiner Macht zur autoritären Kontrolle der Gesellschaft. Die EU finanziert eine formaldemokratisch verbrämte Diktatur in Europa.

ZEIT ONLINE: Geht die Zeit der offenen Grenzen in Europa zu Ende?

Heitmeyer: Natürlich ist es ein Hoffnungsschimmer, dass diese Nationalismen auch durchbrochen werden, etwa wenn Corona-Patienten in andere Länder verlegt werden, um dort in Krankenhäusern gepflegt werden zu können. Aber dies sind keine systemischen Entscheidungen, sondern humanitäre Gesten. Ich bin insgesamt nicht optimistisch. Nicht nur zwischen Ost- und Westeuropa hat sich eine ungute Zweiteilung in den Vorstellungen von offener Gesellschaft und liberaler Demokratie entwickelt.

ZEIT ONLINE: Weil in Osteuropa ein autoritäres, nationalistisches Moment weiter verbreitet ist?

Heitmeyer: Ja. Es ist zu befürchten, dass sich dieser autoritäre Nationalradikalismus – Rechtspopulismus ist völlig ein irreführender Begriff – in den Ländern des Ostens weiter verfestigt. Bevor man darüber hinweg geht, sollte man bedenken, dass Orbán auch ein Vorbild für die deutsche Version dieses autoritär-nationalen Radikalismus ist, also die AfD.

ZEIT ONLINE: Rechtsextremismus und Rassismus sind mit Corona wahrscheinlich aus dem Fokus vieler Menschen verschwunden. Glauben Sie, diese Aufmerksamkeit, wie wir sie nach Halle und Hanau erlebten, kommt noch mal wieder?

Heitmeyer: Das ist alles nur zeitweise überdeckt. Die Rechten leiden am Aufmerksamkeitsverlust. Aber die Ursachen sind ja nicht verschwunden. Natürlich hängt es auch an den Medien und daran, ob sie die anderen Dramen in der Gesellschaft vergessen.

ZEIT ONLINE: Aber im Augenblick hat man den Eindruck, dass die deutschen Rechtsradikalen sich weitgehend zurückhalten.

Heitmeyer: Die AfD ist zur Zeit gelähmt von der Beobachtung durch den Verfassungsschutz und ihren inneren Konflikten. Außerdem hat in Krisen immer die Regierung die Deutungsmacht. Dagegen kann die AfD selbst mit Tabubrüchen nichts ausrichten. Zumal das wahrscheinlich in der heutigen Situation auch nicht gut ankommen würde.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet die Selbstauflösung des rechtsextremen Flügels?

Heitmeyer: Es wäre völlig falsch, davon irgendeine Art von Politikveränderung in der AfD zu erwarten. Nach meiner Einschätzung wird der Flügel daraus gestärkt hervorgehen und zugleich weniger greifbar sein.

ZEIT ONLINE: Erleben wir also gerade nur eine Ruhepause vor dem Rechtsradikalismus?

Heitmeyer: Nur wenn man sich allein auf die AfD bezieht. Wir haben es aber im rechten Spektrum mit einem Eskalationskontinuum zu tun. Die abwertenden Einstellungsmuster in der Bevölkerung gegenüber schwachen Gruppen sind ja nicht mit der Corona-Krise einfach weg.

ZEIT ONLINE: Würden Sie das genauer erklären?

Heitmeyer: Es gibt ein rechtes Eskalationskontinuum, das aus fünf Elementen besteht. Es beginnt mit der Abwertung und Diskriminierung von Menschen allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit – also Juden, Muslime, Homosexuelle, Obdachlose, Flüchtlinge. Diese gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Teilen der Bevölkerung schafft Legitimation für die AfD, die das politisch in Parolen verdichtet und auf die Tagesordnung hebt. Die AfD schafft ihrerseits wiederum Legitimationen für rechtsextreme Milieus, indem sie Begriffe wie "Umvolkung" oder "der große Austausch" in die Welt setzt und mit Untergangsfantasien operiert. Diese systemfeindlichen Milieus operieren zum Teil schon mit Gewalt und geben wieder Legitimationen an militante Zellen, die konspirativ operieren – Gruppen wie "Revolution Chemnitz" oder "Freital 360". Die Gruppen werden immer kleiner und immer gewalttätiger, bis hin zu rechtsterroristischen Zellen oder Einzeltätern.

ZEIT ONLINE: Es gibt also eine Linie von der AfD zum Attentäter von Hanau?

Heitmeyer: Es ist viel problematischer durch dieses Eskalationskontinuum. Daraus entstehen – so nennen wir das – rechte Bedrohungsallianzen. Wenn man die Gefahren für die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie ansatzweise in den Griff bekommen will, muss man das ganze Kontinuum im Blick haben und darf sich nicht nur auf die AfD konzentrieren.

ZEIT ONLINE: Legitimieren eigentlich auch Bürgerliche die Rechten, wenn sie von "Ökodiktatur" und Ähnlichem sprechen?

Heitmeyer: Ja, diese Leute gibt es zuhauf. Dabei gibt es keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Politiker diese Begriffe durch Übernahme entschärfen können. Im Gegenteil, das dient nur der Normalisierung in der breiten Bevölkerung. Und solche Normalisierungsprozesse sind gefährlich, denn alles, was als normal gilt, kann man nicht mehr problematisieren. Das ist genau die Taktik der AfD, an der ja auch Markus Söder bei seiner letzten Landtagswahl so grandios gescheitert ist, als er versuchte, die AfD rechts zu überholen.

ZEIT ONLINE: Aber warum machen es dann Politiker immer wieder?

Heitmeyer: Sie zielen auf die rohe Bürgerlichkeit in den Mittelschichten. Hinter einer glatten Fassade und geschliffenen Worten verbirgt sich bei manchen ein Jargon der tiefen Verachtung gegenüber schwachen Gruppen. Da verschwimmen auch Grenzlinien zwischen Parteien um der geschichtsvergessenen Macht willen, wie in Thüringen. Die AfD ist auf die Destabilisierung gesellschaftlicher Institutionen ausgerichtet. Sie will ihre Leute in der Polizei, in der Bundeswehr, in der Kultur, in der politischen Bildung, in Gewerkschaften platzieren. Das sie in Thüringen so schnell die Systemebene bei der Wahl des Ministerpräsidenten erreichte, hätte ich vor zwei Jahren nicht für möglich gehalten.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie von den Gründen für politische Radikalisierung sprechen, nennen Sie oft Anerkennungsverluste. Jetzt erleben wir, dass jeden Tag Menschen applaudiert wird, die bisher eine marginale Rolle gespielt haben.

Heitmeyer: Das ist in der Tat neu. Und der Respekt für diese Menschen ist natürlich verdient. Ich glaube aber, dass er mehr mit Angstreduktion der Klatschenden zu tun hat. Und er wird nicht flächendeckend die Anerkennungsverluste aufwiegen, die insbesondere in Ostdeutschland um sich gegriffen haben. Viele Menschen fühlen sich seit Jahrzehnten von der Politik nicht mehr wahrgenommen. Dieses Gefühl reicht tiefer. Und Geld und Applaus werden das kurzfristig nicht beheben.

ZEIT ONLINE: Ist es undenkbar, dass Corona einen ökonomischen und politischen Paradigmenwechsel auslösen wird, der die Rechtsradikalen schwächt?

Heitmeyer: Wer sollte denn der Treiber eines solchen Paradigmenwechsels sein? Aktionäre? Manager?

ZEIT ONLINE: Eine gesellschaftliche Mehrheit. Warum soll es nicht mehr Anerkennung und Zusammenhalt zwischen den sozialen Gruppen geben? Kontrollgewinne!

Heitmeyer: Das wäre wünschenswert, aber mindestens zwei Punkte sprechen dagegen. Erstens hat der globale, anonymisierte Finanzkapitalismus absolut kein Interesse an gesellschaftlicher Integration und damit an sozialen Anerkennungsprozessen. Solange sich da grundsätzlich nichts ändert, sehe ich auch keine sozialen Veränderungen kommen. Nach der Krise wird es doch eher ein brutales Aufholrennen für die verpassten Renditen geben. Dann dürften sehr schnell wieder umstandslos die Kriterien von Verwertbarkeit, Nützlichkeit und Effizienz gelten – nicht nur bei der Herstellung von Waschmaschinen, sondern auch in der Bewertung von Menschen.

ZEIT ONLINE: Aber sogar in Davos wird doch inzwischen gesagt, man muss wieder die Mittelschichten stärken, weil der Rechtsradikalismus auch den Finanzkapitalismus bedroht.

Heitmeyer: Das sind Absichtserklärungen auf Kongressen, aber ich sehe bisher keine Strukturveränderungen. Der zweite Punkt ist: Die Anerkennungsprozesse, die jetzt den Krankenschwestern und den Pflegern entgegengebracht werden, sind wunderbar. Sie sind bewundernswert und beruhigend. Aber erst das Langfristige ist strukturbildend. Und ich bezweifle, dass das lange anhalten wird. Wenn die Krise vorbei ist und Milliarden für die Stabilisierung der Wirtschaft ausgegeben sind, wird sich die Frage stellen, woher dann noch das Geld für die finanzielle Anerkennung der gerade gefeierten Helden und Heldinnen kommen soll. Ich bin sehr skeptisch. Aber ich hoffe die Skepsis irgendwann mal zu den Akten legen zu können.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie?

Heitmeyer: Ich habe immer wieder erlebt, dass politische und ministerielle Institutionen kein Gedächtnis haben. Wie wenig und langsam sie lernen. Wie schnell hat man zum Beispiel die ganzen Bekundungen nach den Morden des NSU vergessen? Das ist ritualisiert worden und hat doch kaum Konsequenzen gehabt. Und man kann eine ganze Reihe von anderen Beispielen nennen. Ich würde mir wünschen, dass das anders würde, denn gerade von dieser sozialen Anerkennungsfrage, die Sie erwähnten, hängt unglaublich vieles ab für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Und ob sich autoritäre Versuchungen ausbreiten, die den Menschen die Wiederherstellung von Kontrolle durch Ausgrenzung der "anderen" versprechen. In der Krise wächst das Autoritäre.

ZEIT ONLINE: Institutionen bestehen aus Menschen.

Heitmeyer: Natürlich, aber auch aus Regeln und Mechanismen. Die politischen und staatlichen Institutionen haben ja ein Eigenleben, das vor allem auf Bestandserhaltung ausgerichtet ist. Da ist ja nicht nur der Politiker, der sagt, dass die Krankenschwestern ab jetzt viel mehr Geld haben müssen. Vieles, was jetzt von den führenden Personen als Lehre aus der Krise genannt wird, wird von den Mechanismen der Institutionen zermahlen werden.

ZEIT ONLINE: Täuscht das, oder wirken Sie immer noch ziemlich unbeeindruckt von der Krise?

Heitmeyer: Ich bin überhaupt nicht unbeeindruckt. Aber ich sehe den großen Paradigmenwechsel nicht. Ich fürchte, diese schwärmerische Gesellschaftsromantik dürfte an den verhärteten Strukturen des Finanzkapitalismus und dem Kontrollzuwachs der politischen Institutionen zerschellen.


Aus: "Wilhelm Heitmeyer: "In der Krise wächst das Autoritäre""  Interview: Christian Bangel (13. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-04/wilhelm-heitmeyer-coronavirus-verschwoerungstheorien-finanzmarkt-rechtsradikalismus/komplettansicht

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TobyR #3

Eine pessimistische, aber vermutlich zutreffende Analyse. Schade, dass soviel Zeit auf die Schlange des liberal-intellektuellen deutschen Kaninchens verwendet wurde und weniger auf das Eingemachte:

"Erstens hat der globale, anonymisierte Finanzkapitalismus absolut kein Interesse an gesellschaftlicher Integration und damit an sozialen Anerkennungsprozessen. Solange sich da grundsätzlich nichts ändert, sehe ich auch keine sozialen Veränderungen kommen."

Das genannte Zweitens folgt eigentlich nur aus dem Erstens. Für Verkäuferinnen, Krankenpfleger, Lieferfahrerinnen, Erntehelfer... überhaupt für jeden wird die Anerkennung schnell verschwinden, wenn die Nutznießer des o.g. genannten Systems wieder Morgenluft wittern und ihre maßlosen Luxusexistenzen ungebrochen weiterführen wollen. Ohne in ihrer gewaltigen Mehrheit auch nur das Maß an Selbstreflektion zu besitzen, dass aus einer solchen Aussage spricht:

"Außerdem bin ich privilegiert. Wir wohnen in einem Randbezirk von Bielefeld in einem Haus mit einem großen Garten in einem Waldgrundstück. Da kann man es schon aushalten."


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Koga jebe #11

Klasse Interview. Danke

„Ich fürchte, diese schwärmerische Gesellschaftsromantik dürfte an den verhärteten Strukturen des Finanzkapitalismus und dem Kontrollzuwachs der politischen Institutionen zerschellen.“

Damit ist alles gesagt. Der Wirtschaft ist es auch egal, dass sie indirekt Orbán stärkt.


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rjmaris #11.4

Und, dazu passend: "Wie schnell hat man zum Beispiel die ganzen Bekundungen nach den Morden des NSU vergessen? Das ist ritualisiert worden und hat doch kaum Konsequenzen gehabt."

Stichwort Sonntagsreden, die keinen Taten folgen. Der relative Pessimismus Heitmeyers begründet sich wohl auch im Nachfolgenden:

"Die politischen und staatlichen Institutionen haben ja ein Eigenleben, das vor allem auf Bestandserhaltung ausgerichtet ist. Da ist ja nicht nur der Politiker, der sagt, dass die Krankenschwestern ab jetzt viel mehr Geld haben müssen. Vieles, was jetzt von den führenden Personen als Lehre aus der Krise genannt wird, wird von den Mechanismen der Institutionen zermahlen werden."

Ich bin - was gesellschaftliche Entwicklungen angeht - eigentlich seit langem Pessimist; habe aber in der Coronakrise etwas Hoffnung auf Änderungen geschöpft. Die Hoffnung scheint aber (gemäß Heitmeyer) kaum begründbar.


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Last but not least #12

Die Krise entblößt mehr als je wer die Gewinner und wer die Verlierer sind: Alt gegen Jung, Krank oder Gesund, Home Office gegen Muss-zur-Arbeit, Beamte versus Selbständige. Viele fühlen die Krise als Existenzbedrohend und viele andere merken es kaum. All das wird die Zersplitterung der Gesellschaft vorantreiben.


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Horror-Clown #19

ZEIT ONLINE: Dabei heißt es immer, diese Krise sei eine, die alle gesellschaftlichen Gruppen betrifft.

Das habe ich in der eindimensionalen Form noch nirgends gehört.
Ja es trifft alle, aber sicher nicht alle gleich.
Das dürfte fast allen klar sein.


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« Reply #35 on: April 14, 2020, 11:31:01 AM »
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[...] Keine Frage, die Corona-Pandemie lässt viele Akteure dumm dastehen. Ganze Milieus, Geschäftsmodelle und Ideologien zeigen sich in der Auseinandersetzung mit dem Virus unbewaffnet und ahnungslos, oder sie offenbaren ihre Natur als zynischer Zirkus.

Der Fußball in Stuttgart und in Mailand, der Karneval in Heinsberg und in New Orleans, der glorreiche "freie Markt" und seine Unfähigkeit, irgendwas vernünftig zu regeln, Populisten wie Trump [https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/28/trump-coronavirus-politics-us-health-disaster], Bolsonaro [https://www.dw.com/de/bolsonaro-und-corona-ein-gespenst-geht-um-in-brasilien/a-52960590] und die AfD (natürlich) [https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_87571086/hoyerswerda-afd-gruppe-spaziert-trotz-corona-krise-mit-blumen-in-klinik.html], und viele andere Stützen der Gesellschaft sind da nur ein paar Beispiele. Lustig ist das allenfalls für Sadisten, die an ihre eigene Unverwundbarkeit glauben.

Ganz besonders nackt stehen aber die Religionen da. Ihre Unfähigkeit, sinnvoll auf die Krise zu reagieren, sollte keine Überraschung sein - was in sich sinnlos ist, kann in Krisensitutationen nicht sinnvoller werden. Aber die Nachhaltigkeit, mit der sich der Budenzauber gerade blamiert, ist schon spektakulär; der Weg von der Religion zur Selbstsatire war noch selten kürzer.

Als erstes positionierten sich natürlich wieder einmal die besonders schattigen Vertreter der religiösen Zunft, wie zum Beispiel die Mullahs im Iran, die erst durch komplette Passivität und Ahnungslosigkeit glänzten, indem sie vielbesuchte Pilgerstätten geöffnet ließen und dann, wie üblich, mit lächerlichen Verschwörungstheorien von ihrer eigenen Unfähigkeit ablenken wollten. Das Ergebnis war bereits Mitte März aus dem Weltraum zu beobachten: Massengräber [https://www.mena-watch.com/coronavirus-iran-hebt-massengraeber-aus/].

Amerikanische Dudelprediger konnten natürlich auch nicht auf der faulen Haut liegen. Besonders bezeichnend in dieser Hinsicht mag das Schicksal von Landon Spradlin sein, der erst meinte, die Aufregung um Sars-CoV2 sei eine gegen Trump gerichtete politische Waffe der Medien und der dann an Covid-19 starb.

Teilweise riskierten seine Kollegen den offenen Konflikt mit der Staatsmacht [https://www.theguardian.com/us-news/2020/mar/31/florida-megachurch-pastor-arrested-for-breaching-covid-19-health-order]. Rabbis, die den Virus als Zeichen für das Nahen des Messias begriffen, moslemische Prediger, die selbstverständlich den Ursprung des Virus in den USA oder in Israel verorteten, griechisch-orthodoxe Geistliche, die ihre Gemeindeschäfchen dazu aufriefen, Ausgangssperren zu umgehen - keiner wollte beim grausigen Festival der Dummheit fehlen. Ein konservativer katholischer Kardinal namens Raymond Burke, für den es anscheinend in Italien gar nicht genug Tote geben kann, machte bei der Narrenparade natürlich auch mit [https://www.ncronline.org/news/people/catholic-cardinal-burke-says-faithful-should-attend-mass-despite-coronavirus].

Sein Chef ließ sich noch was Anderes einfallen. Am 15.3. ging er den kurzen Dienstweg und bat Gott umstandslos, die Pandemie zu beenden [https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-03/papst-erfleht-in-rom-ende-der-globalen-corona-pandemie.html]. Als Gott auf die Dringlichkeitsnote nicht hörte, richtete sich sein Stellvertreter wieder an das Kirchenvolk und spendete eine Extradosis Urbi et Orbi [https://www.tagesschau.de/inland/corona-papst-107.html]. Das "Expecto Patronum" des Katholizismus gibt es sonst nur zwei Mal im Jahr (und nach einer Papstwahl).

Immerhin war man nicht wahnsinnig genug, den Mummenschanz vor dem vollbesetzten Petersplatz aufzuführen, was Kardinal Burke wahrscheinlich wiederum begrüßt hätte. Das Geisterspiel ohne Publikum geriet dann unfreiwillig zu einem vernichtenden Kommentar über die ganze religiöse Pantomime. Erst auf der leeren Bühne, vor den Augen der Weltöffentlichkeit, entfaltete sich die Nichtigkeit der Zaubersprüche mit allem Nachdruck. Wie der Autor und Journalist Günther Hack kann man vermuten, dass dieses Bild von der Corona-Krise bleiben wird [https://twitter.com/guenterhack/status/1243608635516899334].

Selbstverständlich macht es keinen Sinn, jetzt Virologen und Mediziner zu allwissenden Superhelden und quasireligiösen Ersatzautoritäten aufzubauen. Das erzeugt nur einen Erwartungsdruck, dem man sich als Wissenschaftler ja entziehen muss, um arbeitsfähig, ehrlich und nüchtern zu bleiben. Und selbstverständlich gibt es religiöse Menschen, die sich in allen möglichen Situationen und Positionen sinnvoll engagieren, genau wie nichtreligiöse.

Aber die Religionen als institutionalisierte und hierarchisierte Formen des magischen Denkens (und zumal ihre herausragenden Vertreter), geben das erwartbar jämmerliche Bild ab. Das törichte Herumgefuchtel mit Monstranzen, heiligen Texten und dummen Ideen ist im besten Fall nutzlos, im schlimmsten Fall kann es ungezählte Menschen das Leben kosten. Die Corona-Epidemie macht mit seltener Deutlichkeit klar: Die Religionen haben keine Probleme, sie sind ein Problem. (Marcus Hammerschmitt)


Aus: "Pandemie und Pantomime" Marcus Hammerschmitt (13. April 2020)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Pandemie-und-Pantomime-4699684.html


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #36 on: April 14, 2020, 01:02:56 PM »
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[...] In the third week of March, while most of our minds were fixed on surging coronavirus death rates and the apocalyptic scenes in hospital wards, global financial markets came as close to a collapse as they have since September 2008. The price of shares in the world’s major corporations plunged. The value of the dollar surged against every currency in the world, squeezing debtors everywhere from Indonesia to Mexico. Trillion-dollar markets for government debt, the basic foundation of the financial system, lurched up and down in terror-stricken cycles.

On the terminal screens, interest rates danced. Traders hunched over improvised home workstations – known in the new slang of March 2020 as “Rona rigs” – screaming with frustration as sluggish home wifi systems dragged behind the movement of the markets. At the low point on 23 March, $26tn had been wiped off the value of global equity markets, inflicting huge losses both on the fortunate few who own shares, and on the collective pools of savings held by pension and insurance funds.

What the markets were reacting to was an unthinkable turn of events. After a fatal period of hesitation, governments around the world were ordering comprehensive lockdowns to contain a lethal pandemic. Built for growth, the global economic machine was being brought to a screeching halt. In 2020, for the first time since the second world war, production around the world will contract. It is not only Europe and the US that have been shut down, but once-booming emerging market economies in Asia. Commodity exporters from Latin America and sub-Saharan Africa face collapsing markets.

It is now clear that we can, if circumstances demand, turn the economy off. But the consequences are catastrophic. Across the world, hundreds of millions of people have been thrown out of work. From the street hawkers of Delhi to the personal trainers of LA, the service sector – by far the most important employer in the modern economy – has been poleaxed. Never before has the global economy suffered a shock of this scale all at once. In the US alone, at least 17 million people have lost their jobs in the last three weeks. A severe global recession is now inevitable.

The crucial question is how much of the world economy will survive the lockdown, and this depends on the availability of credit. Business runs on credit. The bits of the economy that do continue to function – the warehouses, the mobile phone providers and internet firms – all need credit. Wage bills for those still working are financed through credit. Even greater is the need of those who are not working. If they can’t get loans, bills will go unpaid, which spreads the pain. To survive the lockdown, millions of families and firms around the world are relying on grants and loans from the state. But tax revenues have collapsed, so states need credit, too. Across the world we are witnessing the largest surge in deficits and government debt since the second world war.

But who do we borrow from? Banks, financial markets and money markets provide the financial fuel of the world economy. Normally, credit is sustained by the optimistic promise of growth. When that dissolves, you face a self-reinforcing cycle of collapsing confidence, contracting credit, unemployment and bankruptcy, which spreads a poison cloud of pessimism. Like an epidemic, if left uncontrolled, it will sweep all before it, destroying first the financially fragile and then much else besides. It is not for nothing that we speak of financial contagion.

What began with the lockdown in Wuhan in January is more intense and more fast-moving than any recession we have seen before. In a matter of weeks we have been confronted with an economic outlook that is as grim as at any moment since the 1930s. But it could have been even worse. Imagine a situation in which, on top of the pain of the lockdown and the hellish scenes in hospital wards, we also face calls for austerity because the government cannot safely finance extra spending. Imagine that interest rates were surging, and the terms for credit cards, car loans and mortgages were suddenly getting stiffer. All of this may still happen. It is already happening to the weaker economies around the world. But for now at least, it has not happened in Europe and the US – even after the turbulence of March 2020, when the pandemic hit with full force.

What Europe and the US have succeeded in doing is to flatten the curve of financial panic. They have maintained the all-important flow of credit. Without that, large parts of their economies would not be on life support – they would be stone dead. And our governments would be struggling with a financial crunch to boot. Maintaining the flow of credit has been the precondition for sustaining the lockdown. It is the precondition for a concerted public health response to the pandemic.

During major crises, we are reminded of the fact that at the heart of the profit-driven, private financial economy is a public institution, the central bank. When financial markets are functioning normally, it remains in the background. But when they threaten to break down, it has the option of stepping forward to act as a lender of last resort. It can make loans, or it can buy assets from banks, funds or other businesses that are desperate for cash. Because it is the ultimate backer of the currency, its budget is unlimited. That means it can decide who sinks and who swims. We learned this in 2008. But 2020 has driven home the point as never before.

The last six weeks have seen a bout of intervention without precedent. The results have been momentous. A giant public safety net has been stretched out across the financial system. We may never know what went on behind the closed doors of the US Federal Reserve, the European Central Bank and the Bank of England during those critical moments in March. So far, only muffled sounds of argument have reached the outside. But as the virus struck, the men and women in those three central banks held the economic survival of hundreds of millions of people and the fate of nations in their hands. This is the story of how global financial meltdown was averted by central banks taking decisions that, just a month earlier, they would have dismissed as utterly impossible.

The financial markets scan the world for risk. Even the slightest disruption in the vast networks of finance, production and trade offers the opportunity for profit or the threat of loss. So the news on 23 January, that the outbreak of an unknown virus was serious enough for the Chinese authorities to impose a gigantic quarantine, hit the traders on their Bloomberg terminals hard. Bank economists struggled to get a grip on the dimensions of the problem. Would this be a minor disruption like Sars in 2003? Or were we facing the nightmare scenario of the Hollywood film Contagion?

In late January, investors began to move more and more money out of things like commodities and shares in companies, and into the relative safety of government bonds. What comforted them was the idea that the virus was a problem contained in China. The day that illusion burst – the day that investors realised that Covid-19 was becoming a global pandemic – was Monday 24 February. Over the weekend the Italian government had announced that it was imposing a quarantine in parts of northern Italy. It was the first place in the west to do so.

Ever since the financial crisis of 2008, Italy’s economy had been stagnating. Both its banks and its public finances were in a precarious state. Italy’s debt levels were high enough to cause bond markets to periodically panic. Now the country would become the frontline in the virus fight. The coronavirus would test the solidarity of the eurozone at its weakest link.

At this point, not everyone was taking the threat seriously. The caseload in the US still looked tiny. Donald Trump dismissed the virus as a “scare”. But investors were now seriously worried. Over the week that began on 24 February, America’s main stock market index, the S&P 500, lost 10% of its value. The chair of the US Federal Reserve, Jerome Powell, was concerned enough to signal that he would soon be bringing forward a cut in interest rates, in order to stimulate consumption and investment. It was a conventional reaction, but Covid-19 was no longer looking like a conventional threat.

By early March, whatever complacency had prevailed was long gone. The death toll in northern Italy was rising into the hundreds and it was only a matter of time before the government in Rome would be forced to declare a nationwide lockdown.

Investors around the world started to panic. In times of uncertainty, they want safe-haven assets. What makes a government bond a safe investment is not only the financial standing of the borrower, but the depth of the market in which lenders can sell them if they want to get their money back sooner. There is no deeper market than that for US Treasuries, as US government bonds are known. The greater the demand for safety, the lower the interest rate the US government generally has to pay to borrow. In the first week of March, those rates were at record lows.

For the rest of the world economy, this run to safety was an alarming signal. One sector that knew it was heading for trouble was oil. When the global economy slows, so does the demand for energy. The oil industry of the 21st century consists, on the one hand, of large, state-controlled producers – above all the Opec group dominated by Saudi Arabia and Russia – and, on the other hand, of the US’s upstart fracking industry. To match falling demand for oil, the Saudis wanted to cut overall production and thus prop up the price. For this they needed the agreement of the other big producers, but Russia refused to go along with them. As Moscow saw it, cutting production with a view to propping up prices was an invitation to American shale producers to fill the gap. If the politics of climate change meant that the future really would bring a transition away from fossil fuel, winning the end game involved seizing as much of the market as possible for as long as oil was being pumped. So Russia decided not to cut production, but to launch a price war. Not wanting to be outdone, over the weekend of 7-8 March, Saudi Arabia took up the challenge. It announced that it would be maximising production and discounting its prices.

On Monday 9 March, as markets opened, oil prices plummeted. The benchmark Brent crude fell 24% by the end of trading. By the end of the month its value had halved. From the point of view of the financial markets, the ferocity of the competition in the oil industry was a harbinger of things to come. Falling demand would force industry after industry to either slash prices or contract production. Either way, it was bad news for profits.

When trading opened on Wall Street that morning, the situation was so dire that the circuit-breakers – automatic stops to trading that are triggered when prices fall by a certain amount – were soon activated. This was supposed to slow a wild selloff. But it sent a message of panic. As soon as trading resumed, everything sold.

A rout like the one that began on 9 March has a perverse logic. When fund managers face withdrawals from the people whose money they manage, they need cash and have to choose which assets to sell first. They might prefer to sell the riskiest investments, but those can be disposed of only for a large loss. So instead, they attempt to sell their most liquid and safe assets – government bonds. That means the prices of those bonds fall, dragging them into the maelstrom. This has the knock-on effect of unravelling a basic relationship on which many investors rely: typically, when shares go down, bonds go up, and vice versa. So to protect yourself against risk, you buy a portfolio made up of both. If everything works as it’s supposed to, the swings should balance each other out. But in the panic that began on 9 March, this was no longer happening: rather than balancing out, the price of shares and bonds were collapsing together. The only thing that anyone wanted to hold was cash, and what they wanted most of all were dollars. The surging US dollar in turn spread the pressure worldwide to everyone who owed money in that currency.

The Fed had desperately tried to halt the run. To signal its willingness to support the economy and ease the pressure on the world economy from the strong dollar, it had brought forward an interest rate cut that had been expected for the middle of the month. But with the darkening horizon, lower interest rates did little to help. Who would borrow or invest under such circumstances? Confidence was broken. Just how badly would become clear over the following two weeks.

It was a cruel twist of fate that Italy was the first European country struck by the virus. Italy has a sophisticated medical system; Lombardy, the region worst affected by the virus, is among the richest places in the world. The weakness lies in the country’s public finances. To fight the crisis, Italy needed to be spending money on public health and to support the economy during the lockdown. But would the corset of the euro give it the leeway?

The problem was that spending to meet the coronavirus crisis would raise Italy’s public debts. The more indebted you are, the higher the price you pay to borrow. For a European government, that premium is measured by the difference, or “spread”, between your interest rate and that paid by Germany, the highest-ranked borrower in Europe. With its pre-crisis debt at just under 135% of GDP, Italy was perilously close to the point at which rising spreads would drive up its deficit and thus, in a vicious circle, make its debts less and less sustainable.

To ensure that investors stay calm, it is the job of central banks to act as the buyer of last resort. But because Italy is a member of the eurozone, it no longer has an independent national central bank that can buy its debt. Its monetary policy is set by the European Central Bank, which is prohibited from directly buying a member country’s newly issued debt. That left the Italians exposed. As the coronavirus crisis intensified in late February and investors became concerned by the prospect of greater state spending, the spread to German interest rates increased. If they rose too far, Italy would face not only a public health disaster but a financial crisis, too. What could Europe do to help?

Italy already had reason to feel abandoned by its European partners: they had done little to help it tackle its chronic unemployment problem, or to take in the refugees arriving from north Africa. The coronavirus was a new test. The signs were not good: other member states were grudging in their reaction to Italy’s appeals for help. But what really mattered, for the country’s financial survival, was the stance taken by the ECB.

Under its former president, Mario Draghi, the ECB had emerged in the course of the last financial crisis as the pivot of the European economy. Draghi’s promise to do whatever it takes to hold the eurozone together, uttered at the height of the crisis in July 2012, has become a mantra of modern economic policy. Faced with a financial panic, restoring confidence is key – and because a central bank is in charge of issuing currency, it is the only crisis-fighter with truly unlimited firepower.

Northern European fiscal and monetary conservatives had always been suspicious of Draghi’s interventions, which they saw as a way to transfer Italy’s liabilities on to Europe’s balance sheet. And his final round of bond-buying, in 2019, proved particularly controversial. By the time he ended his stint at the ECB that autumn, it was all Angela Merkel’s government in Berlin could do to ensure that there were no unseemly scenes at his retirement party.

Christine Lagarde, the former finance minister of France and IMF boss, took over as head of the ECB in October 2019, and inherited Draghi’s extraordinarily difficult position. Now she would have to demonstrate that she could handle a major financial crisis. The ECB press conference on 12 March was the crucial test.

The ECB had good news for Europe’s banks: they would receive a huge amount of low-cost funding. It was also going to buy an additional €120bn in assets – although if that was spread across the members of the Eurozone, as the rules demanded, it would hardly give Italy the support it needed. But the critical moment came when Lagarde was asked a question about the ECB’s attitude to sovereign debt. Her response was remarkable. “We are not here to close spreads,” she said. “This is not the function or the mission of the ECB. There are other tools for that, and there are other actors to actually deal with those issues.”

“Spreads” meant Italy. And what Lagarde seemed to be saying was that it was somebody else’s problem. But if the ECB wasn’t going to help Italy, who would? Did it really expect the other member states of the eurozone to string together a fiscal safety net for Italy? Obviously, given the bad blood between Italy and the northern Europeans, Lagarde had to walk a fine line. But with hundreds of people dying every day, with global financial markets in a state of repressed panic, was the ECB seriously suggesting that it would wait for Berlin, Paris and Rome to settle their differences before putting out the fire? It was breathtaking.

For investors, Lagarde’s comment came like a bolt of lightning. And within minutes, she started to backtrack. She went in front of the cameras to promise that the ECB would use the flexibility of its €120bn programme to prevent the fragmentation of the euro area – code for helping Italy. But the damage was done. The markets slumped, and the price that Italy had to pay to borrow leaped: averaged out, the spread moved by 0.65%. That may not sound like a big difference, but when applied to a mountain of debt the size of Italy’s, it raises the interest bill by as much as €14bn for just one year. It was the last thing Italy needed. In a rare public rebuke, both Paris and Rome distanced themselves from the ECB. The crisis was pulling Europe further apart.

After five terrifying days of market turmoil, the weekend of 14-15 March was a moment for central banks around the world to coordinate their response. What everyone wanted was dollars, so it was above all the Federal Reserve that needed to take the lead. And as its chair, Powell did. He called an unscheduled press conference for the afternoon of 15 March. What he announced was remarkable.

With immediate effect, the Fed was cutting interest rates to zero – something it had done just once before, at the height of the crisis in 2008. To stabilise the US Treasury bonds market, it would be buying $700bn in a new round of so-called quantitative easing. And it would start big, buying $80bn by 17 March. In the space of just 48 hours, it would spend more on treasuries than the Fed spent in most months in the aftermath of 2008.

These were measures for the US economy. But the coronavirus was a global problem. The flight to safety and the ensuing rise in the dollar had put pressure on everyone who had borrowed in the US currency. So, to ensure that dollars could be piped to every financial institution in every major financial centre in the world, the Fed announced that it was improving the terms on the so-called liquidity swap lines – deals by which the major central banks agree to exchange dollars for sterling, euros, swiss francs and yen in unlimited amounts.

Powell was deploying the main weapons of the 2008 crisis with far greater speed than his predecessors ever had. But it was still not enough. When the markets opened the next day, 16 March, the fall was vertiginous. The circuit-breakers are supposed to come into effect if the market falls by more than 7%. That morning, the fall was so quick that the S&P 500 dropped by 8.1% before trading could be stopped. The so-called fear index, VIX – a measure of market volatility – surged to levels last seen in the dark days of November 2008.

The fear in the markets was now feeding on itself. If the Fed’s magic of 2008 no longer worked, then what would?

The foreign exchange market, where currencies are traded, is the biggest market in the world. And the place where the most transactions are booked is the City of London. On an average day, transactions back and forth total $6.6tn. But on Wednesday 18 March, there was only one trade: people wanted to sell everything. The only thing they wanted to buy were dollars. Every other currency was falling.

The central banks’ failure to calm the markets had set the stage for the worst days of the panic. Coronavirus cases were piling up in Europe more rapidly than at the peak of the crisis in Wuhan. Hedge funds were placing multi-billion-dollar bets that the recession in Europe would be protracted. Blue chip companies like Apple were facing stiff premiums to borrow for as little as three months ahead. Even gold, a classic safe haven, was selling.

That Wednesday, on his third day as governor of the Bank of England, Andrew Bailey organised a press conference in an effort at reassurance. But as he was speaking, sterling plunged by 5% to its lowest level since 1985. Meanwhile, the market for UK government bonds, also known as gilts – the oldest major asset market in the world – was witnessing unprecedented turmoil. It was, in Bailey’s understated phrasing, “bordering on the disorderly”.

In response, the Bank of England monetary policy committee met the next day in emergency session and announced that the Bank would be buying £200bn in gilts. Unlike in 2008, it would not be doing so on a prearranged schedule. As Bailey explained: “We will act in the markets promptly and rapidly as we see appropriate.” This was no time for timetables. The central bank was, by its own admission, flying by the seat of its pants.

On an emergency conference call on the evening of 18 March, the ECB executive board decided that it, too, needed to act. Under a pandemic emergency purchase programme, it announced that it would begin by buying €750bn of government and corporate debt. But the ECB was willing to go even further than that. It said that, if necessary, it would revise some of its “self-imposed limits”.

For an institution as hidebound as the ECB, this amounted to a revolution. Self-imposed limits – inflation targets, rules on which European government’s debt it could buy and in what quantities – are what the ECB lives by. It is clear that conservative members of the bank’s governing council continued to resist such a move. But in the end it was the turmoil in the markets that decided the issue. The ECB needed to send a signal of determination. If Lagarde had fluffed her “whatever it takes” moment, the ECB was now at least promising to do whatever was necessary.

By the end of the third week of March, 39 central banks around the world, from Mongolia to Trinidad, had lowered interest rates, eased banking regulations and set up special lending facilities. To ease the pressure on emerging markets, the Fed widened the network of liquidity swap lines to cover 14 major economies including Mexico, Brazil and South Korea. This was a remarkable wave of activism. But the pandemic itself was only beginning to bite. Central banks could cushion the financial shock, but not address the actual economic implosion, let alone the health crisis.

European governments had been quick to move. Germany had thrown aside its fiscal caution and was committed to a gigantic programme of government guarantees for business lending. But this made all the more glaring the gap to Italy and Spain, which were not only hardest hit by the virus, but also constrained by the financial legacy of the eurozone crisis. They did not want to risk sliding back into a debt crisis.

In the US, the Fed had leaped into action. But where were the politicians? Congress was distracted by the upcoming presidential election. What was needed was an unprecedented rescue package for an economy in freefall. How were Republicans and Democrats to reconcile fundamental differences over health care and unemployment insurance, or the notorious cronyism of the president and his clan? Since the Democrats had won control of the House of Representatives in 2018, legislation had been largely paralysed. Now, in the face of a tsunami of job losses, the two parties had to come to an agreement.

As trading began in Asia early on the morning of Monday 23 March, the news from Washington made it clear that there had been no deal on Capitol Hill. The futures markets plunged so violently that circuit breakers were activated again – by now this had happened an unprecedented five times in two weeks. If it wanted to avoid a meltdown when Wall Street opened, the Fed would have to make another move.

Until this point, Jerome Powell had been moving in the shadow of his predecessor, Ben Bernanke, who had been Fed chair in 2008. But by 23 March, Powell had activated all the basic elements of the 2008 repertoire – slashing interest rates, using quantitative easing, supporting money markets. But it had not worked, partly because it could not reach the source of the crisis itself – that is, the virus and the lockdown – and also because it was not reaching the bit of the credit system that was most vulnerable in 2020: the borrowing by big corporations.

The Fed has always steered clear of corporate debt, which it considered politically sensitive. If you bought debt from individual firms, you were vulnerable to accusations of favouritism. If you bought a cross-section of debt you ended up holding many very poor-quality loans. But by the early hours of 23 March, it was clear that something had to be done to stabilise the corporate debt market. Since 2008, bonds issued by non-financial corporations have surged from $3.3tn to more than $6.5tn. If their value fell too far, US corporations would not only face shutdowns and a complete loss of revenue, but also a crippling credit squeeze.

Ideally, the Fed would have made a grand announcement in conjunction with a Congressional stimulus package. But by the evening of 22 March, it was clear that the package being proposed by the Republicans was unacceptable to the Democrats. It might take days for them to square the difference. The financial markets would not wait.

On 23 March, 90 minutes before markets opened, Powell made his move. He announced that the Fed was setting up legal entities – off the books of the Fed, but guaranteed by it – that would have the capacity to buy highly rated corporate debt, or at least any debt that the ratings agencies were still willing to declare investment-grade. In effect, the Fed was establishing itself as the backstop to the trillion-dollar corporate bond market. The Fed ramped up its asset-purchase programme, to an astonishing $375bn in Treasury securities and $250bn in mortgage securities in a single week.

It was an extraordinary move to widen the scope of central bank intervention into the corporate economy. And it was understood as such by the markets. Since the start of the year, the S&P 500 and the Dow Jones, as well as the FTSE 100, had lost 30% of their value. That day, they began to recover.

Two days later, on 25 March, backing arrived from Congress when the Senate passed its giant package of $2tn – more than twice the size of the stimulus bill passed in 2009. It provided funds to top up unemployment insurance, to support small businesses and the US’s privatised hospital system. Crucially, it also set aside $454bn to cover Fed losses. Since most loans would not be expected to go bad, this would enable the Fed to make more than $4tn in loans, if necessary.

In the US, the public health campaign against the virus was still a shambles. But as far as economic policy was concerned, the full power of the American state was now being deployed behind the emergency programme. And the Fed was also acting as a provider of dollar liquidity to the world economy. In the UK, too, the Treasury and the Bank of England were working closely to link the huge increase in government spending to efforts to stabilise financial markets.

But in the eurozone, that kind of coordination was lacking. The ECB had managed to stop the immediate panic. Yet there was still the question of whether the member states could come up with a financial plan to support their hardest-hit neighbours, Italy and Spain. The obvious solution was to issue debt jointly to fight the crisis together – an idea raised repeatedly during the eurozone crisis, when it had been bitterly resisted by a conservative northern European coalition led by Germany. This would ensure that Italy was not constrained by its pre-existing financial weakness.

For a coalition of nine states led by France, Italy, Spain and Portugal, the case was obvious. On 25 March they called for a “common debt instrument” to fund a crisis response. The ECB threw itself energetically behind the proposal. But, once again, the Netherlands and Germany refused to budge. The issue was shoved off into the Eurogroup, a meeting of the eurozone’s finance ministers, where the outline of a deal did finally emerge two weeks later. By then the immediate panic had passed. As Lagarde and her central banking colleagues had feared from the outset, it was on their shoulders that the stability of the eurozone continued to rest.

Will the massive financial firewalls built by central banks on both sides of the Atlantic be enough to withstand the bad news that is headed our way over the coming weeks and months? It is too early to tell. But the first test came on Thursday 26 March, when the US Department of Labor announced that, in a single week, 3.3 million Americans had signed on for unemployment insurance. It was completely unprecedented. A graph stretching back half a century simply turns upwards in a vertical surge. In the next two weeks, another 13.5 million people would be added to the insurance rolls. And there was no end in sight. America is on pace for national unemployment to reach 30% by the summer – greater than during the Great Depression of the 1930s.

The shutdown spelled disaster for millions of American families, at least half of whom have no financial reserves to speak of, and for businesses up and down the land. How would the markets react? Astonishingly, they ended 26 March up 5%. The largest surge in unemployment ever recorded in history was met with a relaxed shrug.

Why weren’t investors more terrified? Because the scale of Congressional stimulus made clear that, no matter how divided American politics were, that wouldn’t stand in the way of a huge surge of spending. And the Fed, for its part, would make sure that the huge flow of new debt was absorbed, if necessary on to its own accounts. The private credit system, the government budget and the balance sheet of the Fed were welded together in a closed loop.

What the Fed, the Bank of England and the ECB managed to do in March was prevent the damage caused by the shutdown being made even worse by an immediate collapse of corporate credit. At the same time, by stabilising sovereign debt markets, they have enabled a huge surge in public spending to fight the crisis and cushion its social and economic side effects. To do this they have both widened the safety net to parts of the financial system never before protected, and intervened on a scale far greater even than in 2008.

In the final days of March, the Federal Reserve was buying Treasury bonds and mortgage-backed securities at the rate of $83bn per day, or just shy of $1m per second. On 9 April, at the same moment as the latest horrifying unemployment numbers were released, it announced another $2.3tn in support targeted specifically at municipal debt and lower-grade corporate debt. That same day, the Bank of England adopted an even more radical approach. Rather than going through the process of having the Treasury issue debt that would then be bought by the central bank, it announced that it would be offering direct monetary finance to the government, to provide it with whatever funding it needed. This would be temporary, but it was still a radical move. The government’s current account at the Bank of England would be repurposed to allow, if necessary, tens of billions of pounds in coronavirus spending. The last time the British government resorted to this mechanism was at the height of the crisis in 2008.

What we have seen in the financial system, over the past few weeks, is a victory of sorts – but it is a defensive one. Once again, we are propping up a fragile, profit-driven system to avoid something even worse. It is also a victory limited in scope.

By flattening the curve of financial panic, the central banks of advanced economies have managed to ensure that life under the lockdown is not made even more unbearable by the shutting off of credit to business and households. They have also ensured that the public health response to Covid-19 can proceed at any scale that is required. Within Europe, there are questions about the differences between eurozone members: Germany has been able to deliver a conspicuously larger fiscal response to the crisis than have Italy or Spain. But those inequalities pale next to the problems facing much of the rest of the world. There the crucial supply of credit is being cut off even before coronavirus cases begin to mount, meaning, once again we have confirmed that the global financial system is hierarchical. At the apex stands the US Federal Reserve. The ECB, the Bank of Japan, the Bank of England and their advanced-economy counterparts all enjoy the Fed’s direct support. Thanks in no small part to that support, the advanced-economy central banks enjoy great latitude in propping up their credit systems. They might face moderate movements in their currency’s exchange rate, but no devastating financial squeeze.

That is what the emerging-market economies have been suffering since February. Covid-19 is hitting every part of the world economy. The World Bank is warning of a devastating setback to the economies of Nigeria, Angola and South Africa, along with the rest of sub-Saharan Africa. Almost half the countries in the world – more than 90 so far – have been forced to apply to the IMF for financial assistance.

If flattening the curve in Europe and the US was the battle of March, the next challenge is to reduce the shockwaves radiating out to the rest of the world. The last few weeks have seen a remarkable display of technocratic energy and imagination in western financial centres. That same level of commitment now needs to be brought to bear in supporting the rest of the world. We cannot control the epidemic or restore the world economy without it.


From: "How coronavirus almost brought down the global financial system" Adam Tooze (Tue 14 Apr 2020 06.00 BST)
Source: https://www.theguardian.com/business/2020/apr/14/how-coronavirus-almost-brought-down-the-global-financial-system

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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #37 on: April 14, 2020, 01:10:12 PM »
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[...]  O tempora Corona! (3)

Meine Liste an Hassfiguren so far:

Selbstoptimierer
Sieh her, Welt, ich hänge nicht einfach in der Bude herum und sehe zu, wie ich den Tag herumkriege! Nein, ich sportele jeden Tag drei Stunden, lerne eine Fremdsprache, mache zwei Stunden superachtsames Yoga, knüpple Home Office, betreue dabei drei Kinder, denen ich niemals etwas anderes als bioveganes Überessen kochen würde. Nebenher schreibe ich, weil ich jetzt endlich mal Zeit habe ohne Ende, an meinem großen Gesellschaftsroman, der im Herbst erscheinen wird. Das alles dokumentiere ich natürlich lückenlos auf Instagram und meinem YouTube-Kanal, den ihr gefälligst abonniert, ihr Minderleister.

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Ach kommen Sie, hören Sie auf. Ist doch alles sonnenklar. Aber die ganzen Schlafschafe wollen das mal wieder nicht sehen. Corona ist komplett harmlos, nicht schlimmer als eine Grippe. Weltweit sterben jedes Jahr mehr Menschen, die beim Gardinenaufhängen von der Leiter fallen, als an dieset Korooona. Jaaa, da kiekste! Aber jetzt denken Sie doch mal nach: Cui bono, mein Lieber, cui bono? Ick sach nur: Faaarma! Die machen sich gerade die Taschen voll bis oben hin. Na, und da muss man dann halt mal nachhelfen. Der Bill Gates, der weiß schon, was er tut. Und die Politik? Hey, die Diktatur ist Realität, Mann. Die haben auf so was doch nur gewartet, uns endlich alle Rechte zu nehmen. Wenn die das nicht eh vorher längst wussten. Nee, nee, mein Lieber, ick lass ma nich verarschen. Weil… Moment, mein Aluhut ist gerade verrutscht...

Vom Leben gehärtete Babyboomer
Die Jugend wieder! Hat doch noch nie wirklich was mitmachen müssen im Leben. Jetzt sehen die verwöhnten Bälger mal wie das ist, wenn‘s ernst wird. Na ja, ich bin Jahrgang 62, aber mein Leben war kein Zuckerschlecken, kann ich Ihnen sagen. Mir wurde nichts geschenkt. Wir hatten damals kein Internet, keine Computer und keinen Essenslieferdienst. Wenn wir Hunger hatten, und den hatten wir, mussten wir uns ein Butterbrot schmieren. Ein Butterbrot! Erzählen Sie das mal den Wohlstandskindern heute. Und ewig diese Kriegsgeschichten anhören müssen von den Alten! Es war die Hölle. An der Uni habe ich ab dem ersten Semester keine einzige Vorlesung besucht. Aber diskutieren, das konnten wir. Nicht dieses Weltuntergangs-Mimimi wie heute. Kliiimawandel! Coroooona! Wir werden alle steeerbeeen! Tss! Und dann binden sie sich alle diese Lappen vor die Schnauze. Zu lustig. Na ja, ich bin bald in Rente, da geht mich das eh alles nix mehr an. Wenn die Lebensversicherung ausgezahlt wird, dann bestell ich mir erstmal einen SUV. Ich lasse mir doch nicht...

Feministinnen
Das ist doch nichts anderes als bloß ein weiterer Beweis dafür, dass Frauen die Hauptleidtragenden sind. Einmal, weil sie ganz oft in 'systemrelevanten Berufen' arbeiten wie Pflege und Einzelhandel und weil ja die Männer, die jetzt alle zu Hause herumhängen, viel mehr Zeit und Gelegenheit haben, ihre Frauen zu misshandeln. Also zumindest die, die auch zu Hause sind, weil sie nicht in systemrelevanten Berufen arbeiten. Und dieses Argument, es könne kein Anstieg bei häuslicher Gewalt nachgewiesen werden, fand ich echt ärgerlich. Dass noch kein Anstieg nachgewiesen wurde, bedeutet ja nicht, dass es ihn nicht gibt. Oder geben könnte.

Dunning-Kruger-Opfer
Ach, gehnseweck mit diesem Drosten oder wie die Nille heißt! Sagt doch sowieso nur, was er sagen darf. Ich bin da in dieser nichtöffentlichen Facebook-Gruppe, wo nur Leute reinkommen, die richtig was auf der Pfanne haben. Einer hat zum Beispiel schon mal in der gleichen Schlange beim Bäcker gestanden mit einer, die mal mit einem geredet hat, der ein ganz hohes Tier ist im Gesundheitsministerium. Ganz weit oben, verstehense? Der hat Sachen erzählt, da kippste vomhocka. An solche Infos kommst du normal natürlich gar nicht dran.

Systemrelevanten-Beklatscher
Meine Nachbarin ist Krankenschwester/Kassiererin. Ich bewundere die ja total. Also, ich könnte das ja nicht. Ich sage ihr das auch jedes Mal. Na ja, die guckt dann immer so komisch, aber ich glaube, die sind so was einfach nicht gewohnt. Letztens habe ich mich mit anderen aus dem Büro, die auch gerade alle auf Kurzarbeit sind, vor dem Krankenhaus/Penny-Markt getroffen und einen Applaus-Flashmob veranstaltet. Das war total lustig und auch ein bisschen verrückt. Wir sind auch alle extra um sechs aufgestanden. Das waren wir diesen hart arbeitenden Leuten einfach schuldig, fanden wir. (In Wahrheit will ich mich einfach nur besser fühlen und bin heilfroh, dass andere diese schlecht bezahlten Jobs machen und ich auf einem doppelt so hoch dotierten Bullshit-Job sitze, der zu 80 Prozent aus Windmachen besteht. An den Verhältnissen soll sich übrigens nichts wirklich ändern.)

Gelangweilte
Keine Kinder, kein Homeoffice. Doof. Langweilig. Jeden Tag Sonntag. Laaangweilig. Weiß nichts mit mir anzufangen. Und weil mir so langweilig ist, muss ich das aller Welt andauernd erzählen. Habe ich schon erzählt, wie sehr ich mich langweile?

Geschrieben von Stefan Rose
Labels: Gesellschaft , Medien


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Anonym14. April 2020 um 10:32

Und mir gehen noch unheimlich auf die Nerven, solche, die irgendwo her irgendwelche Zahlen rauspoppeln und einem dann immer hochrechnen, wie viele dieses Jahr noch sterben werden, falls man auch nur einen Zentimeter von diesem social distancing abweicht. Und dann im Expertenmodus einem immer vorbeten, man solle jetzt auf jeden Fall eine Maske tragen, denn sonst, denn sonst (weiß ich auch nicht)...

Ganz furchtbar sind auch diese Z-Promis, die ihre Visage dafür missbrauchen, den Leuten zu erzählen, dass sie jetzt auf jeden Fall wirklich zu Hause bleiben müssen und dass das alles nicht so schlimm sei, wenn man jetzt total zusammenhalte und weitere lustige Durchhaltevideos auf Insta postet.

Dicht dahinter kommen auch schon die Balkonbeklatscher und die PR-Kampagnen von auf einmal auf super-sozial machende Großunternehmen, die allen, die jetzt und später ihren Arsch hinhalten, ein dickes #Danke sagen wollen. PR-Videos kann man wohl auch in Zeiten von #WirbleibenzuHause schnell mal auf die Beine stellen. Scheint aber sonst keinen wirklich zu stören. Sind ja schön anzusehen und was fürs Herz. 


Aus: "O tempora Corona! (3)" (Montag, 13. April 2020)
Quelle: https://fliegende-bretter.blogspot.com/2020/04/o-tempora-corona-3.html


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Coronavirus Notizen (...)
« Reply #38 on: April 16, 2020, 10:19:19 AM »
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[...]  79.400 Menschen in Deutschland sind in einer Substitutionsbehandlung. Mediziner:innen und Ambulanzen geraten an ihre Grenzen.

taz: Herr Lyonn, was hat sich in Ihrer Drogenambulanz seit der Coronakrise geändert?

Norbert Lyonn: Wir wurden über die Kassenärztlichen Vereinigungen informiert, dass wir Patientinnen und Patienten in einigen Fällen großzügigere Take-Home-Verordnungen ausstellen können. Das bedeutet, dass wir beispielsweise Menschen, denen wir bisher nur dreimal in der Woche eine Ration Methadon geben durften, nun ein Rezept für eine Woche ausstellen können. Das soll einerseits dazu führen, dass unsere Ambulanz entlastet wird, und andererseits dazu, dass sich nicht mehr so viele Patienten auf den Weg zu uns machen müssen. Viele Drogensüchtige haben nämlich durch den langjährigen Drogenkonsum ein geschwächtes Immunsystem und gehören zur Corona-Risikogruppe.

Was sich auch geändert hat: Die Obergrenzen für Patientinnen und Patienten sind aktuell weggefallen, wir dürfen also mehr Menschen in der Ambulanz aufnehmen. Außerdem haben wir unsere Dienstzeit zur Substitutionsvergabe verlängert, haben einen Security-Mann vor der Tür und lassen nur noch fünf Patientinnen und Patienten gleichzeitig in die Ambulanz.

taz: Wie entscheiden Sie darüber, wem Sie eine Take-Home-Verordnung geben können und wem nicht?

Norbert Lyonn: Wir sehen viele der Patientinnen und Patienten wöchentlich, manche sogar täglich, und versuchen einzuschätzen, wessen Situation stabil genug für eine größere Verordnung ist. Manche müssen weiterhin jeden Tag kommen, weil der Beikonsum mit Heroin, Kokain oder Alkohol einfach zu chaotisch ist. Aufgrund der aktuellen Situation geben wir aber auch manchen Patientinnen und Patienten mit geringem Beikonsum eine Take-Home-Verodnung, die normalerweise keine bekommen würden. Es ist also immer eine individuelle Entscheidung.

taz: Was bedeuten diese größeren Take-Home-Verordnungen für die Behandlung?

Norbert Lyonn: Ich befürchte, dass viele meiner Patientinnen und Patienten während der Krise wieder mehr konsumieren werden. Wir hatten, seit die neue Regelung aktiviert wurde, schon Menschen, die in die Ambulanz gekommen sind und gesagt haben: „Ich hatte die Nase so voll, ich musste mich zumachen!“ Eine Krisensituation kann Menschen dazu bringen, in alte Suchtmuster zu verfallen, die wir in der Behandlung mühsam versuchen zu verändern. Die Menschen haben Angst und sind unsicher, was dazu führt, dass sich ihr Konsumrisiko vergrößert.

taz: Können diese größeren Rationen auch andere negative Folgen mit sich bringen?

Norbert Lyonn: Ja, es besteht das Risiko, dass die Take-Home-Verordnungen nun in größerem Stil auf dem Schwarzmarkt landen und verkauft werden. Es sind seit Beginn der Krise schon einige Patientinnen und Patienten in die Ambulanz gekommen, die ihre Rationen angeblich verloren haben. Denen geben wir dann zwar ein Substitut vor Ort, die Take-Home-Verordnung ersetzen wir aber nicht. Ein Problem dabei ist, dass sich viele Menschen, die diese Substitutionsmittel illegal in der Szene kaufen, nicht mit der Dosierung auskennen – und das kann dann schlimme Folgen haben.

taz: Wie reagieren Ihre Patientinnen und Patienten auf die Veränderungen?

Norbert Lyonn: Die meisten von ihnen sind kooperativ und dankbar. Einige versuchen auch Druck auf uns auszuüben, um eine Take-Home-Verordnung zu bekommen, obwohl ihre Lebenssituation nicht stabil genug dafür ist. Viele der suchtkranken Menschen, die noch vor der Krise keine psychosoziale Behandlung wollten und alles getan haben, dieser zu entgehen, fragen in der jetzigen Situation nach unserem Betreuungsangebot. Wir können diesen Bedürfnissen aber gerade nicht gerecht werden.

Der Anspruch, unterstützt zu werden, wird von einigen deutlich formuliert – diese Patientinnen und Patienten reagieren mitunter wütend und beschimpfen uns sogar. Viele dieser Menschen leiden unter existenziellen Problemen und haben oft kein Handy, auf dem unsere Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sie erreichen können. Unsere Aufgabe besteht aktuell darin, den Patientinnen und Patienten zu sagen, was wir leisten können, oder besser gesagt: was wir gerade nicht leisten können. Manche Menschen sind dem System hilflos ausgeliefert.

taz:  Entlasten die vergrößerten Take-Home-Verordnungen Ihre Ambulanz?

Norbert Lyonn: Nein, wir haben gerade mehr Patientinnen und Patienten. Seit der Coronakrise haben manche Angst, sich beim Kontakt mit ihrem Dealer anzustecken, und kommen deshalb zu uns, um substituiert zu werden. Außerdem werden seit der Corona­krise viele Menschen frühzeitig aus ihrer Haft entlassen – und viele von denen brauchen Methadon oder ein anderes Substitutionsmittel.

Diese Menschen sind oft wohnungslos, ohne Versicherung und sozial nicht eingebunden. Sie haben also einen großen Bedarf für sozialarbeiterische Angebote, den wir nicht erfüllen können. Diese Angebote wurden nämlich stark reduziert und finden hauptsächlich telefonisch statt. Noch dazu kommt: Da unsere stabilen Patientinnen und Patienten zu Hause bleiben, ist der Anteil an Suchtkranken in unserer Ambulanz, die chaotische Lebensverhältnisse haben, aktuell viel größer als sonst.

taz: Wie schützen Sie und Ihr Team sich in der Ambulanz?

Norbert Lyonn: Wir geraten alle an unsere Grenzen und sind in einer prekären Situation, weil wir keine Schutzkleidung haben. Mein Team trägt seit zwei Wochen Gesichtsmasken, die eigentlich für einen Einsatz von vier bis fünf Stunden vorgesehen sind. Das ist dramatisch. Ich verbringe einen großen Teil meiner Zeit damit zu versuchen, Masken zu organisieren, und greife dabei auf all meine Ressourcen zurück. Menschen aus meinem Bekanntenkreis haben bereits angefangen, Masken für unsere Praxis zu nähen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber wir werden weder vom Gesundheitsamt noch von der Kassenärztlichen Vereinigung ausreichend unterstützt. Ich fühle mich im Stich gelassen.

Wir können nur hoffen, dass wir gesund bleiben. Das Team in unserer Ambulanz ist nicht groß genug, um zwei Gruppen zu bilden – damit im Notfall ein Team einspringen kann, falls das andere krank wird. Ich mache mir große Sorgen darüber, dass aufgrund eines Coronafalls eine größere Praxis in Berlin geschlossen werden muss – und alle Patientinnen und Patienten verteilt werden müssen. Ich weiß nämlich nicht, was dann mit diesen Menschen passieren soll.

taz: Was würde denn konkret passieren, wenn Ihre Ambulanz schließen müsste?

Norbert Lyonn: Wir würden entweder weiterarbeiten, ohne in Quarantäne zu gehen, oder versuchen, aus dem Homeoffice unsere 330 Patientinnen und Patienten an andere Praxen zu vermitteln. Das würde diese Praxen aber überfordern, denn viele sind aktuell schon an ihren Grenzen und haben keine ausreichenden Schutzmaterialien. Im schlimmsten Fall könnten die Patientinnen und Patienten nicht mehr mit ihrem Substitutionsmittel versorgt werden.

taz: Wie geht es Ihnen in dieser Ausnahmesituation während der Arbeit?

Norbert Lyonn: Es ist sehr deprimierend. Ich arbeite gerne mit meinen Patientinnen und Patienten und habe sonst immer lange Gespräche. Die Arbeit in einer Drogenambulanz ist auch sonst kein Job, bei dem man schnelle Erfolge sehen kann. Das hat sich nun verschlechtert. Wir können aktuell nur das Nötigste tun und deshalb keine richtigen therapeutischen Interventionen durchführen. Unsere Einrichtung ist für viele Patientinnen und Patienten oft die einzige Anlaufstelle. Es ist für die Gesundheit dieser Menschen nicht förderlich, wenn der Kontakt verringert wird. Wir sind aktuell fast wie eine Vergabemaschine und ich komme mir vor wie der Feldmarschall. Ich weiß nicht, wo das hinführen soll.


Aus: "Suchtmediziner über Coronakrise: „Wie der Feldmarschall“" Interview Steven Meyer (16. 4. 2020)
Quelle: https://taz.de/Suchtmediziner-ueber-Coronakrise/!5676363/

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Coronavirus Notizen (COVID-19-Pandemie)
« Reply #39 on: April 16, 2020, 12:25:32 PM »
Quote
Was wir lernen:

1) Wir haben gelernt, dass Fondsmanager, Bankiers und andere, trotz überraschend hoher Gehälter, nicht systemrelevant sind. Nicht mal ein bisschen. Also eigentlich gar nicht. Medizinisches Personal, Einzelhandel, Verkäufer*innen und so weiter, trotz schlechter Bezahlung, schon. Dass also Entlohnung und gesellschaftliche Bedeutung nicht proportional sind.

2) Dass man auch analog Briefe schreiben kann um Mitmenschen oder Familienmitglieder zu erfreuen. (Wirklich)

3) Dass unter dem Eindruck der Krise sehr viele Menschen, sehr schnell bereit sind auf ihre Grundrechte und den Rechtsstaat zu verzichten und noch fröhlich jauchzen wenn sie faktisch eingesperrt werden.

4) Wir lernen gerade, dass es vielleicht keine gute Idee war und ist, dass medizinische System einseitig auf Kostendeckung auszurichten.

5) Welche Bedeutung soziale Beziehungen und kulturelle Veranstaltungen für unser Leben wirklich haben und wie sehr sie fehlen, wenn es sie nicht mehr gibt.

6) Wir haben gelernt, dass der freie Markt doch nicht alles so gut regelt, wie allenthalben behauptet wird und dass auf einmal sogar Verstaatlichung möglich erscheinen, was ansonsten immer als Idee des „Sozialismus“ gebrandmarkt wurde.

7) Hände waschen. Keine Pointe.

Und jetzt stellt euch vor, wir würden dieses gelernte Wissen, wenn alles vorbei ist, anwenden und daraus gesellschaftliche Folgen ableiten: zum Beispiel medizinisches Personal besser bezahlen, soziale Kontakte stärker pflegen und so weiter… und so fort.

Dann und nur dann könnte aus der Krise wirklich ein Lerneffekt entstehen – durch erzwungenes Homeschooling. Das wäre doch was.


Aus: "Was wir gerade im Zeitraffer lernen" Juergen Kasek  (8. April 2020)
Katgeorien: Allgemein, Nach Denken, Schlagwörter Arbeit, Ausgangssprerre, Corona, Covid19, faire Bezahlung, Rechtsstaat
Quelle: https://juergenkasek.wordpress.com/2020/04/08/was-wir-gerade-im-zeitraffer-lernen/