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[Sigmund Freud (1856-1939) ... ]

Started by Link, August 29, 2019, 02:34:28 PM

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#20
Quote... Freud hat mit Blick auf die Kraft des Unbewussten dem Subjekt nicht nur die Herrschaft über sich selbst abgesprochen, sondern forthin den Bereich der menschlichen Psyche stets neu in antagonistischen und der Kriegssprache entlehnten Metaphern geschildert (»psychische Besetzung«, »Fluchtversuch der Liebesregung«, »Gegenbesetzung«, »Ausdehnung der Herrschaft des Unbewussten«, »Abwehrmechanismus«, »Einbruchspforte der verdrängten Triebregung«). Wie auch immer Freud die Kampfzonen des Selbst reformuliert, es bleibt die Einsicht bestehen, dass sich das Subjekt der Psychoanalyse, wenn überhaupt, dann als ein in sich zerrissenes bestimmen lässt. ... Die Funktion des Phantasmas geht aus dieser Gespaltenheit des Subjekts hervor. Seine Aufgabe besteht darin, diese Gespaltenheit zu überdecken, den Schein eines Ganzen zu erzeugen. In einem nichtpathologischen Sinn haben wir mit dieser Ganzheit wenig Probleme. Die phantasmatische Suggestion einer Vollständigkeit unseres Selbst ist beinahe die Voraussetzung dafür, dass wir im Alltag dazu befähigt sind, Ich zu sagen. ...


Aus: ,,Marc Ziegler: Technik und Phantasma. Das Begehren des Mediums" (2005)
Quelle: https://doi.org/10.25969/mediarep/694
// https://mediarep.org/server/api/core/bitstreams/805efed4-1f64-44ff-8a39-e99a783957f8/content



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Quote[...] Die Zukunft einer Illusion ist eine 1927 erschienene Schrift von Sigmund Freud. Sie gilt als sein Hauptwerk über die Religion, als zeitgenössisches soziales Phänomen betrachtet. Grundlage der Religion ist für Freud die menschliche Hilflosigkeit. Eine infantile Reaktion hierauf ist der Wunsch nach einem schützenden Vater. In der Religion wird dieser Wunsch erfüllt, allerdings nur in der Phantasie, und in diesem Sinne ist die Religion eine Illusion: eine Wunscherfüllungsphantasie. Der Fortschritt der Wissenschaft führt zur Anerkennung der menschlichen Ohnmacht und damit zu einem Niedergang der Religion; Freud begrüßt diese Entwicklung.

... Die Belege für die Wahrheit der religiösen Lehren sind dürftig. Gleichwohl sind diese Lehren äußerst wirksam. Ihre Wirkungskraft rührt daher, dass es sich bei den religiösen Vorstellungen um Wunscherfüllungsphantasien handelt. Sie befriedigen auf quasi halluzinatorische Weise das Schutzbedürfnis angesichts der Hilflosigkeit. Die Religion ist deshalb auch nicht einfach nur ein Irrtum, sie ist eine Illusion; die religiösen Vorstellungen sind nicht einfach falsch, sie stellen vielmehr die imaginäre Erfüllung eines Wunsches dar.

Der Ursprung der Religion ist letztlich affektiver Natur. Die Religion beruht auf dem Mord am Urvater und auf dem Schuldgefühl, das durch dieses Ereignis hervorgerufen wurde. Die religiöse Deutung der Kulturgebote – die Zurückführung auf einen göttlichen Ursprung – ist deshalb nicht einfach falsch, sie enthält eine historische Wahrheit: sie bezeugt die Schlüsselrolle der Vaterbeziehung für die Errichtung der Kultur.

Die Entwicklung der Wissenschaft führt unvermeidlich zum Niedergang der Religion. Das ist weder zu bedauern, noch ist es gefährlich. Denn der Religion ist es nicht gelungen, die Menschen glücklich zu machen, und sie hat es auch nicht vermocht, sie zu einem sittlichen Verhalten zu bewegen. Gefährlich ist die Religionskritik nur dann, wenn sie von den Ungebildeten aufgegriffen wird, weil dies deren Widerstand gegen die Kultur unterstützt. Jedoch ist die Popularisierung der Religionskritik unvermeidlich. Wenn man die Kultur vor ihrer Zerstörung schützen will, steht man deshalb vor einer Alternative: Entweder muss man dafür sorgen, dass die Ungebildeten rigoros unterdrückt werden, oder man muss das Verhältnis der Menschen zur Kultur neu gestalten. Freud plädiert für die zweite Möglichkeit.

Er schlägt vor, die Religion ähnlich wie eine Neurose zu behandeln. Die religiöse Begründung der Kulturverbote – die der Verdrängung entspricht – sollte, wie in einer Therapie, durch eine rationale Begründung ersetzt werden. Das Mordverbot sollte damit begründet werden, dass es der Selbsterhaltung dient (eine rationale Begründung des Inzestverbots wird von Freud in dieser Arbeit nicht skizziert). Wenn die Grundlage der kulturellen Verbote nicht mehr die Religion ist, sondern der Intellekt, wird dies dazu führen, dass zahlreiche Verbote aufgehoben werden.

    ,,Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch. Dies ist einer der wenigen Punkte, in denen man für die Zukunft der Menschheit optimistisch sein darf, aber er bedeutet an sich nicht wenig."

– Kapitel VIII, Studienausgabe Bd. 9, S. 186

Freud hofft, dass es der Intellektualisierung der Verbote gelingt, die Menschen mit der Kultur zu versöhnen. Dies setzt voraus, dass die Vernunft so weit gestärkt wird, dass sie die Leidenschaften besiegen kann. Freud skizziert zwei Formen der Stärkung des Intellekts: einerseits die Aufhebung von Denkverboten religiöser, sexueller und politischer Art und andererseits die Erziehung zur Realität, worunter er versteht, dass Menschen lernen, ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit zu akzeptieren.

Freud räumt ein: ,,Möglicherweise, ist auch seine Hoffnung, die Verdrängung könne durch Geistesarbeit ersetzt werden, eine Illusion." Diese würde sich von der religiösen Illusion jedoch darin unterscheiden, dass sie korrigierbar wäre.

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Sigmund Freud: Die Zukunft einer Illusion

    Leipzig, Wien und Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag 1927 (Erstdruck)

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Aus: "Die Zukunft einer Illusion" (1927)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Zukunft_einer_Illusion (31. Juli 2025)

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#22
"Bedeutende Kritiker der freudianischen Psychoanalyse" Wolfgang Albrecht (20. August 2024)
In diesem Beitrag werden die wichtigsten Kritiker der Psychoanalyse Freuds kurz vorgestellt. Die Übersicht ist nicht vollständig, sondern enthält eine subjektive Auswahl.
Alfred Adler (1870-1937)
Carl Gustav Jung (1875-1961)
Melanie Klein (1882-1960)
Harald Schulz-Hencke (1892-1953)
Jacques Lacan (1901-1981)
John Bowlby (1907-1990)
Heinz Kohut (1913-1981)
Aaron T. Beck (1921-2021)
Paul Watzlawick (1921-2007)
Alice Miller (1923-2010)
Helm Stierlin (1926-2021)
Joseph Lichtenberg (1925-2021)
Gerd Rudolf (geb. 1939)
Jürgen Körner (geb. 1944)
Einordnungen und Bewertungen der Kritik
https://www.w-a-praxis.de/bedeutende-kritiker-der-freudianischen-psychoanalyse/

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Quote[...] Alfred Erich Hoche (* 1. August 1865 in Wildenhain; † 16. Mai 1943 in Baden-Baden) war ein deutscher Psychiater sowie Neuroanatom und Neuropathologe. Er profilierte sich als Kritiker Emil Kraepelins und Sigmund Freuds.

... Hoche, der für seine sarkastische Rhetorik bekannt war, [trat] als Kritiker der damals neuen Lehre der Psychoanalyse Sigmund Freuds auf, die er als ,,morbide Doktrin" und ,,Heilslehre für Dekadente, für Schwächlinge aller Arten" abtat.

[...] Mit dem Namen Hoches wird inzwischen vor allem die Schrift Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form (1. Auflage 1920) verknüpft, die er gemeinsam mit dem Strafrechtswissenschafter Karl Binding verfasste. Während Binding die juristischen Fragen abhandelte, machte Hoche auf 17 Seiten ,,ärztliche Bemerkungen", warum Ärzte zur Euthanasie berechtigt seien. Er plädierte für eine ,,Tötungsfreigabe" unheilbar Kranker mit deren Willen und – wenn sie diesen nicht mehr äußern können – auch unter sehr engen Voraussetzungen ohne deren Willen, aber niemals gegen ihren Willen. Dabei entwickelte er nicht zuletzt ein volkswirtschaftliches Argument, dass die ,,geistig Toten" eine unzumutbare wirtschaftliche und moralische Belastung bedeuteten ...

[...] Politisch war er stets national und konservativ eingestellt. Er war aktives Mitglied der Deutschen Vaterlandspartei[15] und in Baden ihr Vorsitzender. Auf der ersten öffentlichen Sitzung in Heidelberg, am 21. Oktober 1917, hielt Hoche den Hauptvortrag ,,über die Aufgaben und Ziele der Vaterlandspartei". ...

... Gerade Hoche hatte semantisch Formulierungen des Nationalsozialismus vorweggenommen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde propagandistisch besonders der ökonomische Aspekt rassenhygienischer Postulate betont, ohne freilich explizit von ,,Euthanasie" zu sprechen. Meltzers Umfrage sollte in einem geplanten Film unter dem Titel ,,Dasein ohne Leben" dazu dienen, die Morde an über 100.000 Menschen im Rahmen der Aktion T4 zu legitimieren.[32] Gemäß der Lebenserinnerungen von Viktor Mathes, dem Leiter der Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, habe Hoche im Sommer 1940 in einem Gespräch mit ihm die Krankenmorde scharf kritisiert.

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Quelle: "Alfred Hoche" Datum der letzten Bearbeitung: 5. März 2025, 16:44 UTC
Versions-ID der Seite: 253922804
Datum des Abrufs: 21. September 2025, 09:11 UTC
Permanentlink: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Alfred_Hoche&oldid=253922804
https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Hoche

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Quote[...] Sigmund Freuds Lehre ist aus den deutschen Universitäten fast verschwunden. Warum die Psychoanalyse aber keineswegs erledigt ist.

Keine Wissenschaft der Moderne ist auf derart erbitterten Widerstand der Zeitgenossen gestoßen wie die Psychoanalyse. Sigmund Freud selbst hat seine Lehre als Auslöser einer Kränkung beschrieben, die dem Ich die unerfreuliche Einsicht vermittelt, dass es nicht Herr im eigenen Haus ist. Diesem Bild gemäß setzt die Psychoanalyse die Enttäuschungserfahrungen fort, die neuzeitliche Wissenschaften dem Menschen bereiteten: mit Kopernikus ist die kosmische Zentralposition der Erde, mit Kant die Zuverlässigkeit unserer sinnlichen Wahrnehmung, mit Darwin die Sonderstellung des Individuums in der Schöpfung fraglich geworden. Freuds Lehrsystem beseitigt nun die letzte der modernen Illusionen, den Glauben an die Reinheit des menschlichen Seelenlebens und die Dominanz unseres Bewusstseins.

Was es zutage fördert, sind Ansichten aus dem Souterrain der Psyche. Das Wissen über das Unbewusste offenbart eine unerfreuliche Botschaft: wer Traum und Neurose, die krankheitsbildende Macht der Verdrängung und die Ursprünge des moralischen Kontrollsystems, die Anatomie von Angst und Wahn, die Spannung zwischen Vernunft und Sexualität, zwischen Lebens- und Todestrieb untersucht, der erkennt, dass der rationale Mensch eine Erfindung von eindrucksvoller Wirkungsmacht, aber geringer psychologischer Stimmigkeit ist.

Freud hat die schwierigen Wege, die ihn seit 1890 von seinen frühen hypnotischen Behandlungsmethoden zu neuen Therapieformen führten, rückblickend gern mit romantischen Metaphern beschrieben. Seine Exkursionen ins Seelenleben galten ihm als Abstieg in die dunkle Unterwelt des Unbewussten, als Reise ins Innere eines Berges, in dem nicht nur Gold, sondern ebenso Schmutz und Schlamm zu finden waren. Auch wenn solche Bilder im Zeichen der Verklärung stehen, besitzen sie einen wahren Kern. Sie spiegeln nämlich das Gefühl der Einsamkeit, das den Vater der Psychoanalyse über viele Jahre begleitete, die Angst vor dem Versagen seiner Hypothesen und der schroffen Verurteilung durch die gesamte medizinische Wissenschaft.

Dass Freud zahlreiche seiner Erkenntnisse durch die Selbstanalyse gewann, machte die Last noch drückender. Denn die Netze der neuen Theorie wurden aus dem intimsten persönlichen Erfahrungsmaterial ihres Begründers gewebt, und ihre Lehre stützte sich auf eine befremdliche Doppelkonstellation: Arzt und Patient, Gelehrter und Kranker waren hier eins. Das rückte die Psychoanalyse in die Nähe von Malerei, Musik und Literatur, deren Werke sich aus der subjektiven psychischen Erfahrungswelt ihrer Schöpfer speisen. Freuds Wissenschaft bildete in diesem Sinne ein Kunstwerk, das vom Seelenhaushalt seines Produzenten geprägt wurde.

Es steht außer Frage, dass Freuds Lehre heute in vielen Punkten historisch überholt ist. Ihr Geschlechterbild, ihr Verständnis abweichender sexueller Praktiken, ihre Vernachlässigung körperlicher Symptome und ihre Kulturtheorie waren geprägt von der Epoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Freuds Neigung zu strenger Dogmatik lässt sich heute nur begreifen, wenn man den gesellschaftlichen Puritanismus des viktorianischen Zeitalters berücksichtigt, gegen den sie aufgeboten wurde. George Steiner hat vom ,,ungeprüften Glauben" gesprochen, der sich ,,im Herzen der psychoanalytischen Methode" niedergelassen habe. Es ist der Glaube an die Allmacht des Triebes, der aus allen Zeichen der Sprache und des Alltags, aus Kunst und Religion abgeleitet werden kann.

Dem feinen Gespür für die Widersprüche des menschlichen Seelenlebens stand bei Freud ein merkwürdiger Hang zur einseitigen Begründung von Symptomenkomplexen und Heilungsverfahren gegenüber. Noch heute bemängeln Kritiker wie Jeffrey Moussaieff Masson und Michel Onfray in der Linie seines abtrünnigen Schülers C. G. Jung, dass Freuds Hypothesen nicht breit genug fundiert und seine Lehre dogmatisch auf die Allgegenwart des Triebs fixiert sei. Und dennoch kann man die kulturhistorische Leistung nicht leugnen, die die Psychoanalyse als Teil der Moderne, als Instrument ihrer Deutung und ihr Motor zugleich vollbracht hat. In dieser Doppelrolle blieb sie typisch für das 20. Jahrhundert, das sich durch Selbstauslegungen kommentiert und vollzieht.

Als Wissenschaft der Ich-Erforschung formte die Psychoanalyse Denkordnungen aus, in denen sich die Moderne mit ihren intellektuellen Neigungen spiegeln konnte. Ihre Lust an der Erkundung verborgener Spuren und Zeichen, ihre besondere Nähe zum Geheimnisvollen und Versteckten fanden hier Bestätigung, aber auch Deutung. Die Archäologie der Seele, die Freud anbot, war zugleich eine der Epoche. Wer von der Moderne spricht, redet notwendig über die Psychoanalyse; er tut das nicht immer ausdrücklich, aber zwangsläufig. Die Moderne zu reflektieren heißt: von der Psychoanalyse begriffen, von ihr bestimmt zu sein. Auch Freuds Gegner entkommen ihr nicht, weil sie noch im Moment der Kritik vom Bann ihrer Deutungsmuster beherrscht werden. Die Diagnose, die sie dem Trieb und dem Unbewussten stellt, erfasst unsere großen Erzählungen von der Kultur des Menschen. Niemand kann diese Erzählungen mehr beginnen lassen, ohne den Lehren Freuds seinen Tribut zu zollen.

Freuds idealer Analytiker bewegt sich in streng umrissenen Praktiken und Ritualen. Weitgehend stumm, nur sporadisch fragend und nachfassend, vernimmt er die Patienten-Rede, die von der Couch an sein Ohr dringt. Die Psychoanalyse stiftet durch das Institut des therapeutischen Gesprächs eine neue Form der Erkenntnissicherung, die eine Mischung aus Beichte und peinlicher Befragung darstellt. Das Material, das Freud zur folgenreichsten Theorie des modernen Menschen formte, stützt sich nicht auf Laborpräparate, Experimente oder Texte, sondern auf die Leidensgeschichten, die er über Jahre hinweg vernommen hat. In den ,,Studien über Hysterie" (1895) hieß es, der Therapeut sei ein ,,Beichthörer, der durch die Fortdauer seiner Teilnahme und seiner Achtung nach abgelegtem Geständnisse gleichsam Absolution erteilt". Das Unbewusste des Arztes solle sich, so schrieb Freud 1912, ,,auf den Analysierten einstellen wie der Receiver des Telephons zum Teller eingestellt ist. Wie der Receiver die von Schallwellen angeregten elektrischen Schwankungen der Leitung wieder in Schallwellen verwandelt, so ist das Unbewusste des Arztes befähigt, aus den ihm mitgeteilten Abkömmlingen des Unbewussten dieses Unbewusste, welches die Einfälle des Kranken determiniert hat, wiederherzustellen." Die analytische Arbeit war zunächst ein Hineinfinden in die Schwingungen der fremden Seele, aus der dann die Zusammenhänge des psychisch Verdrängten rekonstruiert werden. Das Prinzip des Zuhörens bildete die Grundlage des therapeutischen Akts, Ausgangspunkt und Ethos des Verstehens zugleich.

Und heute? Freuds Lehre hat ihre schlimmsten Widersacher und ihre dogmatischen Verteidiger gleichermaßen überlebt. Als therapeutisches Werkzeug ist die aus ihr abgeleitete und später weiterentwickelte Therapie nicht unumstritten, aber doch weiterhin anerkannt. Aus dem akademischen Leben der Universitäten allerdings scheint sie hierzulande fast verschwunden. Das hat seine Gründe auch in der Geschichte des 20. Jahrhunderts: jüdische Analytiker wurden nach 1933 aus Deutschland vertrieben und fanden in Großbritannien, Frankreich und den USA Aufnahme. Noch heute ist die Lehre Freuds, der selbst 1938 nach London floh, in der angloamerikanischen Akademia eher zu Hause als in Deutschland.

Hinzu kommen methodische Spannungen, die Psychoanalyse und moderne Neurowissenschaft trennen. Freuds System erscheint den Vertretern der Hirnforschung allzu spekulativ, weil der Weg zur wissenschaftlichen Begründung des seelischen Apparates über eine Mischung aus Empirie und Theorie, nicht aber über das Experiment führt. Dennoch sollte eine Verständigung möglich sein. Dass die Psychoanalyse heute Film, bildende Kunst und Literatur stärker beeinflusst als Medizin und Psychologie, bleibt zwar ein Faktum, muss aber nicht dauerhaft so bleiben.

Freuds Lehre jedenfalls ist nicht erledigt, sondern durchaus entwicklungsfähig – gerade weil die Zeit ihrer undogmatischen Auslegung begonnen hat, mit Anschlussmöglichkeitern in verschiedene Richtungen der Neuroforschung und Kulturtheorie. Dass auch die Universitäten sie nicht nur unter historischen Gesichtspunkten präsentieren, sollte zu ihrem Auftrag gehören, acht Jahrzehnte Jahre nach Freuds Tod.

Der Autor, Professor für Neuere deutsche Literatur und Präsident der Freien Universität, hat die öffentliche Ringvorlesung ,,Who is afraid of Freud? Perspektiven der Psychoanalyse heute" konzipiert. ...


Aus: "Sigmund Freud und die Psychoanalyse: Aus dem Souterrain der Psyche" Peter-André Alt (08.10.2013)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/aus-dem-souterrain-der-psyche-8107132.html


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Dagmar Herzog: Cold War Freud
Psychoanalyse in einem Zeitalter der Katastrophen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2023, ISBN 9783518299937
Kartoniert, 380 Seiten
Klappentext: Hitzige Kämpfe tobten in der Folge des Zweiten Weltkrieges um das Erbe Sigmund Freuds. Die verspätete Aufarbeitung des Nationalsozialismus, die sexuelle Revolution und die Dekolonisation stießen fundamentale Transformationsprozesse in der psychoanalytischen Theorie an, die ihrerseits auf die Kultur zurückwirkten. Von den USA über Europa bis nach Lateinamerika schildert Dagmar Herzog die Deutungskämpfe einer Zunft, deren konkurrierende Theorien über Begehren, Angst, Aggression, Lust und Trauma mal konservativen, mal subversiven Zielen dienten - und hält damit ein innovatives Plädoyer für die Psychoanalyse als Erkenntnisinstrument im Dickicht der Verflechtung von Psyche und Gesellschaft.
https://www.perlentaucher.de/buch/dagmar-herzog/cold-war-freud.html

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"Zeitgeschichte (nach 1945) / D. Herzog: Cold War Freud" (11.01.2018)
Rezensiert für H-Soz-Kult von Patrick Bühler, Pädagogische Hochschule, Fachhochschule Nordwestschweiz
https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25069


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Dagmar Herzog (* 1961) ist eine US-amerikanische Historikerin und Professorin für Geschichte an der City University of New York und eine führende Expertin für Sexualmoral im europäischen Faschismus und für Zeitgeschichte in den USA.
https://de.wikipedia.org/wiki/Dagmar_Herzog

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Quote[...] ,,Die Macht der Vergangenheit über die Gegenwart scheint von grenzenloser Reichweite zu sein, selbst in so spätem Alter holt mich meine Kindheit an völlig unerwarteter Stelle noch einmal ein." (Natascha Wodin: Die späten Tage)

Im Kern beinahe jeder psychischen Erkrankung stoßen wir auf eine Vorherrschaft der lebensgeschichtlichen Vergangenheit über die Gegenwart. Ja, darin besteht recht eigentlich die Erkrankung. Der Traumatisierte lebt nie wirklich im Hier und Jetzt, er bleibt an die traumatisierende Situation fixiert, kann sich nie aus ihrem Schatten lösen. Meine früh gestorbene Mutter hat mich fest im Griff und lässt mich nicht los. Sie hat das Geheimnis meiner Individuation und Loslösung mit ins Grab genommen. Noch als über Siebzigjähriger bin ich der kleine verängstigte Junge, der sich verlassen fühlt und vor Gott und der Welt fürchtet. Ich werde auch den noch verbleibenden Rest meiner Tage im Bann der Angst verbringen und kein wirklich freier Mensch sein. Zu allem Überfluss dränge ich die Menschen, die es gut mit mir meinen, gegen ihren Willen in Rollen, die aus meinem alten Familiendrehbuch stammen. Ich tue ihnen mitunter vollkommen unnötig weh, und unrecht sowieso. Zu der sozialen Unfreiheit kommt bei mir die psychische Fesselung noch hinzu. Das Versprechen der authentischen Psychoanalyse besteht ja darin, die Vorherrschaft des Vergangenen über das Gegenwärtige aufzuheben und den Menschen frei zu machen für eigene Entwürfe. Sie möchte den Raum für eigene Entscheidungen erweitern, der ja eng genug ist, und den Menschen befähigen, das Wagnis eines eigenen Lebens einzugehen. Vielleicht hätte ich mich bei Zeiten doch einer Psychoanalyse unterziehen sollen, aber ich war immer davon überzeugt, mich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem lebensgeschichtlichen Sumpf ziehen zu können. Man kann wahrscheinlich sagen: Ich hatte schlicht Angst davor und suchte mein ganzes Leben nach Argumenten, mich vor dieser Aufgabe drücken zu können. Wenigstens sollte ich aufhören, mir selbst etwas vorzumachen und mir mein Scheitern eingestehen. Ich klebe auf der Leimrute meiner Vergangenheit und kann mich nicht von ihr lösen. Das ist am Vorabend meines 75. Geburtstags eine traurige Bilanz. Sartres Imperativ: Du musst etwas aus dem machen, was man aus dir gemacht hat, ist und bleibt wahr und für mich ein steter Tritt in den verzagten Hintern. Aber das sagt sich so leicht und ist so schwer zu machen. Sartre wollte das auch als Aufforderung verstanden wissen, sich nicht mit dem Verweis auf eine schwierige Kindheit herauszureden: Papperlapapp, du bist frei!

... Am Abend unserer Rückkehr sah ich auf Arte noch einen beeindruckenden Film des israelischen Filmemachers Yair Qedar über Sigmund Freud. In teilweise traumartig animierten Bildern und interessanten Gesprächen mit Freudianern wird uns Freud als widersprüchlicher Charakter und ungewöhnlich lebendiger und schöpferischer Geist vorgestellt. Am Anfang des Films steht eine Szene, in der der kleine Sigmund miterlebt, wie ein Wiener Antisemit, von denen es viele gab, seinem Vater die Kipa vom Kopf schlägt. Wortlos bückte sich der solcherart Gedemütigte und hob die Kopfbedeckung wieder auf. Der kleine Sigmund empfand dies als beschämend und hätte seinen Vater lieber als stolzen und starken Rächer erlebt. Diese Szene enthält den Schlüssel zu Freuds ambivalenten Verhältnis zu seinem Vater. Umso eigenartiger, dass man Freud nach dem Einmarsch der Deutschen in Österreich zur Emigration förmlich zwingen musste. Er hielt noch immer die katholische Kirche für den eigentlichen Feind. Erst eine Vorladung seiner geliebten Tochter Anna ins Gestapo-Quartier und die energische Intervention seiner Patientin Marie Bonaparte überzeugten ihn von der Notwendigkeit, das Land zu verlassen und nach London zu gehen, wo er am 23. September 1939, assistiert von seinem Arzt Max Schur, starb.

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Aus: "135 | Meine innere Familie" Götz Eisenberg (11. Januar 2026)
Quelle: https://durchhalteprosa.de/2026/01/11/135-meine-innere-familie/


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Szientismus (von lateinisch scientia ,Wissen', ,Wissenschaft'), auch Szientizismus oder Scientismus, ist ein von dem französischen Biologen Félix le Dantec (1869–1917) ursprünglich zustimmend gemeinter Begriff für die Auffassung, dass sich mit wissenschaftlichen Methoden alle sinnvollen Fragen beantworten lassen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Szientismus

"Zum szientistischen Missverständnis der Psychoanalyse" (Kersten Reich, Die Ordnung der Blicke - Beobachtung und die Unschärfen der Erkenntnis, 1998)
... In ,,Erkenntnis und Interesse" (1975) hat Jürgen Habermas sich kritisch mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt. Dies geschieht bei ihm aus einer besonderen Perspektive, die sehr stark sprachliche Prozesse in den Vordergrund rückt. Habermas sieht vor allem zwei Probleme, die zu einem szientistischen Missverständnis der Psychoanalyse führten. Zunächst wurde in ihr ein naturwissenschaftliches Verfahren, von dem Freud immer wieder auszugehen versuchte, mit hermeneutischen Methoden verbunden. Es blieb methodologisch ungeklärt, ob dies überhaupt begründend geschehen kann. Sodann erweitert sich das hermeneutische Verfahren über eine biografische Erforschung und narrative Aspekte hinaus zu einer Übertragungssituation, die uns näher hinschauen lassen muss, inwieweit hier Selbstreflexion und methodisches Vorgehen überhaupt gesichert sind. Nun sind die Einwände von Habermas schon sehr auf seine Kritik zurechtgestutzt, wenn er z.B. von Textfehlern (ebd., 268), Pathologien als verderbten Texten (ebd.,269), hermeneutischer Entschlüsselung von Traumtexten (ebd., 270) spricht, was die ursprünglichen Ansprüche Freuds vereinseitigt. Die Hervorhebung des Textes des Traumes unterschätzt nämlich die bildlichen und emotionalen Gefüge der Traumwelten nicht unerheblich. Dies liegt daran, dass Habermas letztlich alle Aussagen auf das von ihm konstruierte Gefüge sprachlicher Bezogenheiten, auf seine sprachpragmatische Wende, zurückbezieht und damit nivelliert. Dies führt zu einem sprachlogischen Missverständnis der Psychoanalyse, das die Breite der Psychoanalyse zu stark verkürzt. Gleichwohl benutze ich diese Kritik, um hierüber einige mir relevant erscheinende Punkte der Freudschen Kränkung an den Rationalitätsansprüchen der Moderne zu verdeutlichen und gegen eine verkürzende Kritik abzusichern. ...
https://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/reich_works/buecher/ordnung/band1/II.3.6..pdf

https://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/reich_works/buecher/ordnung/

Kersten Reich (* 14. August 1948 in Hamburg) ist ein deutscher Pädagoge und Kulturtheoretiker. Er war von 1979 bis 2006 Professor für Allgemeine Pädagogik und von 2007 bis zu seiner Emeritierung 2017 Professor für Internationale Lehr- und Lernforschung an der Universität zu Köln ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kersten_Reich

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"Erinnerung an die Psychoanalyse" Johann August Schünlein (14. März 2025)
Die Überschrift ist doppeldeutig und das ist auch so gemeint. Da war mal was – eine relativ intensive Zusammenarbeit zwischen Soziologie und Psychoanalyse. Das ist nicht mehr so. In der Soziologie ist die Psychoanalyse inzwischen weitgehend unbekannt. Ich möchte hier daran erinnern, dass es mal anders war ...
https://blog.soziologie.de/2025/03/erinnerung-an-die-psychoanalyse/

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"Professorin und Arzt über Psychoanalyse,,Das Unbewusste lernt, sich zu wehren"" Interview von Nina Apin (30.1.2026)
Christina von Braun und Tilo Held haben eine Geschichte des Unbewussten geschrieben. Ein Gespräch über Vertrauen und Vorteile der Psychoanalyse.
https://taz.de/Psychoanalyse/!6135584/

Christina von Braun, geboren 1944, ist Kultur�theoretikerin, Autorin und Filmemacherin. Sie war Professorin an der Humboldt-Universität und leitete dort bis 2003 den Studiengang Gender Studies.

Tilo Held, geboren 1938, ist seit 1981 Ärztlicher Direktor der Rheinischen Landesklinik in Bonn. Er war der erste psychiatrische Klinikleiter in Deutschland, der zugleich Psychoanalytiker war.