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[Sigmund Freud (1856-1939) ... ]

Started by Link, August 29, 2019, 02:34:28 PM

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Sigmund Freud (geboren am 6. Mai 1856 in Freiberg, Mähren als Sigismund Schlomo Freud; gestorben am 23. September 1939 in London) war ein österreichischer Neurologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker. Er ist der Begründer der Psychoanalyse und gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Seine Theorien und Methoden werden bis heute diskutiert, angewendet und kritisiert. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud

Die Psychoanalyse (von altgriechisch ψυχή psychḗ ,Atem, Hauch, Seele', und ἀνάλυσις analysis ,Zerlegung', im Sinne von ,,Untersuchung der Seele") ist eine psychologische Theorie, Kulturtheorie, psychotherapeutische Behandlungsform und Methode zur Selbsterfahrung, die um 1890 von dem Wiener Neurologen Sigmund Freud begründet wurde. Aus der Psychoanalyse haben sich die verschiedenen Schulen der Tiefenpsychologie entwickelt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Psychoanalyse

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Sigmund-Freud-Buchhandlung | Kunst – Kultur – Psychoanalyse
Seit Längerem schon befindet sich psychoanalytische Literatur im Buchhandel auf dem Weg ins Abseits ... Die Sigmund-Freud-Buchhandlung wird an diesen Rahmenbedingungen nichts ändern ... aber ... (2001)
https://zentralbuchhandlung.de/

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Freud online - Werke von Sigmund Freud online lesen
Auf dieser Web-Seite werden Freuds Gesammelte Werke einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
https://freud-online.de/

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Freud - Gelesen von Sven Görtz (2022)
https://www.youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mVWzEGnAnZ_BN0xYB16TMsMCpgvSwvlXE

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Freud Museum London. The final home of Sigmund Freud, the founder of psychoanalysis, and his daughter Anna Freud, a pioneering child psychoanalyst. ...
https://www.freud.org.uk/

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Sigmund Freud - Abhandlungen: Die Traumdeutung
Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose
Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomenkomplex als ,,Angstneurose" abzutrennen
Das Unbewußte
Jenseits des Lustprinzips
Massenpsychologie und Ich-Analyse
Das Ich und das Es
Die Zukunft einer Illusion
Das Unbehagen in der Kultur
https://www.textlog.de/freud/abhandlungen/titel

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"An introduction to Psychoanalysis" (10.06.2019)
Lecture by Professor Aleksandar Dimitrijevic at Mittelweg 50 in Berlin 23 of February 2019 for Berlin Psychoanalytic.
Psychoanalysis should be free! From this motto, we're looking at making the insights of more than a century of psychoanalytic understanding available to anyone and everywhere.
https://youtu.be/dZxg9zRAXmo

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"Projection" (19.11.2019)
What is projection as a defense mechanism? How is it different than projective identification?
https://youtu.be/k8GtscZxemo

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"Introduction To Psychoanalysis: Otto Kernberg" (10.12.2018)
INTERNATIONAL PSYCHOANALYTICAL ASSOCIATION
https://youtu.be/UOkG8J9OxKs

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In Die Traumdeutung stellte der österreichische Arzt Sigmund Freud eine neuartige Traumtheorie vor, die den Zusammenhang zwischen Träumen und persönlicher Lebensgeschichte in den Vordergrund rückt. Die Erstausgabe erschien am 4. November 1899 und wurde auf das Jahr 1900 vordatiert.[2] Die Traumdeutung gehört zu den meistgelesenen und einflussreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts. ...

Die Traumdeutung
http://german.lss.wisc.edu/~smoedersheim/gr677wm/texte/FreudTraumdeutung.pdf

https://archive.org/details/Freud_1900_Die_Traumdeutung_k

http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-traumdeutung-907/1

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Sigmund Freud Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse Teil 1 Fehlleistungen - Einleitung
Hören Sie hier, neu eingelesen von Volker Braumann, die Einleitung zum ersten Teil der von Sigmund Freud gehaltenen Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse: Die Fehlleistungen. Den kompletten ersten Teil mit seinen vier Vorlesungen zu dem Thema finden Sie auf: https://www.sprecher-volkerbraumann.de/
1916-1917 hielt Sigmund Freud drei Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Von der Darstellung der Fehlleistungen (Erster Teil) über die zentrale Bedeutung des Traums in der Psychoanalyse (Zweiter Teil) bis hin zur systematischen Vorstellung der allgemeinen Neurosenlehre (dritter Teil) bietet Sigmund Freud mit seinen Vorlesungen eine hervorragende und gut verständliche Einführung in sein bahnbrechendes Werk und in sein Denken. ...
https://youtu.be/BbSD5XXyvsg

Teil 2:
Sigmund Freud Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse Teil 2, 7. Vorlesung: Der Traum
https://youtu.be/CWwigRhT7P0

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Freuds "Traumdeutung" wieder gelesen
Zusammengefasst und kritisiert 100 Jahre spaeter von Gerald Mackenthun (Berlin)
http://ppfi.de/BUCHBESP/FREUD00.HTM

In Die Traumdeutung stellte der österreichische Arzt Sigmund Freud eine neuartige Traumtheorie vor, die den Zusammenhang zwischen Träumen und persönlicher Lebensgeschichte in den Vordergrund rückt.[1] Die Erstausgabe erschien am 4. November 1899 und wurde auf das Jahr 1900 vordatiert. Die Traumdeutung gehört zu den meistgelesenen und einflussreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts. ... Die Traumdeutung führt die grundlegenden Elemente von Freuds Psychoanalyse zum ersten Mal zusammen: das Unbewusste, die Verdrängung, die frühkindliche Sexualität und die Arbeit an der Bewusstmachung verborgener Konflikte als therapeutischer Methode. Träume haben nach Freud einen Sinn, der sich hermeneutisch erschließen lässt. Im Traum streben inakzeptable, von der Zensur des psychischen Apparats verdrängte Wünsche, die häufig einen sexuellen Hintergrund haben und mit Kindheitserlebnissen in Verbindung stehen, nach Erfüllung. Da Erregung den Schlaf gefährden würde, werden die Wünsche durch ,,Verdichtung" und ,,Verschiebung" verschleiert. Die Interpretation von Träumen mithilfe eines Therapeuten macht zuvor unbewusste innere Störungen und Zwiespalte einer Bearbeitung zugänglich. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Traumdeutung

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Das Ich und das Es ist eine Schrift von Sigmund Freud, die 1923 veröffentlicht wurde. Freud entwickelte in ihr ein Modell der Psyche und ihrer Funktionsweise.
Das Seelenleben wird demnach durch die Beziehungen zwischen drei Instanzen bestimmt, die schrittweise auseinander hervorgehen: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Dieses genetische Strukturmodell der Psyche wird meist als zweite Topik bezeichnet, also als zweites räumliches Modell, im Unterschied zur ersten Topik, die Freud in der Traumdeutung von 1900 vorgelegt hatte.
Das Es enthält die psychischen Repräsentanzen der organischen Triebe, die auf sofortige Befriedigung drängen. Es enthält außerdem das Verdrängte: Vorstellungen, die früher bewusst waren. Das Es ist von der Außenwelt abgeschnitten; unter dem Einfluss der Außenwelt entsteht aus ihm das Ich. Das Ich kontrolliert den Zugang zur Außenwelt durch Wahrnehmung und Motorik und versucht, gestützt auf das Denken, eine realitätsangemessene Befriedigung der Es-Bedürfnisse herbeizuführen. Aus dem Ich entwickelt sich durch die Identifizierung mit den Eltern das Über-Ich. Das Über-Ich richtet seine Aggression gegen das Ich und kritisiert es; das Ich reagiert hierauf mit Schuldgefühlen, die häufig unbewusst sind.
Die Verdrängung oder Abwehr vollzieht sich nicht, wie Freud früher angenommen hatte, zwischen dem Bewusstsein als der verdrängenden Instanz und dem Unbewussten als dem Verdrängten. Die Instanzen, die die Verdrängung vollziehen, sind vielmehr das Ich und das Über-Ich; beide Instanzen sind teilweise unbewusst. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Ich_und_das_Es

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Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von 1921, Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung; sie gehört zu den einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Thema ist der Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbehagen_in_der_Kultur

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Entdeckungen auf der Couch von Sigmund Freud - Teil 1 (Hörbuch Psychologie Komplett 2016)
https://youtu.be/X531kFiY1Tg

Entdeckungen auf der Couch von Sigmund Freud - Teil 2 (Hörbuch Psychologie Komplett 2016)
https://youtu.be/DDAlSrWBnMY

Link

#1
Freud and the Arts | Lecture 1
Stillpoint Spaces Berlin
Am 27.02.2017 veröffentlicht
Sigmund Freud's work is deeply infused by his fascination for the artistic take on humanity. Not only can his style of writing be picturesque at times; metaphors and references of the arts emerge throughout all of his writings.
Freud even experimented with interpreting pieces of art, creating a genre called "psychobiographies". The duality of science and aesthetics in his work frames the focus of this first lecture. Lecture series with Aleksandar Dimitrijevic.
Recorded at Stillpoint Spaces Berlin on February 20th, 2017.
https://youtu.be/Y5M5fu5YSSY

Freud and the Arts | Lecture 2
https://youtu.be/-MVBXIMH8q0

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Quote[...] Am 23. September 1939 ist Sigmund Freud in London gestorben. Sechzehn Jahre lang war er deutlich von seinem Mundhöhlen-Karzinom gezeichnet. 32 Operationen und die erheblichen Folgeschäden (nicht mehr richtig essen und sprechen können) hat er mit stoischer Würde ertragen. Schon zu Beginn seiner Krebserkrankung, noch bevor er eigentlich die Diagnose kannte, äußerte er die Möglichkeit von aktiver Sterbehilfe. Zu dieser ist es dann sechzehn Jahre später gekommen: Freud starb keinen natürlichen Tod, sondern durch assistierten Suizid, genauer durch Tötung auf Verlangen. Der erste Arzt, den er damals konsultierte, war sein Schüler und Leibarzt Felix Deutsch in Wien. Felix und seine Ehefrau Helene Deutsch waren beide Psychoanalytiker und Schüler Freuds. Wegen ihrer jüdischen Herkunft emigrierten beide 1936 in die USA. Felix Deutsch wurde dort der erste Professor für Psychosomatische Medizin an der Washington University in Sankt Louis, Missouri. Dass Freud gerade ihn als seinen Leibarzt auswählte, lag an seiner internistischen Kompetenz. Er hatte sich 1919 an der Universität Wien für Innere Medizin habilitiert und erhielt 1921 einen Lehrauftrag. Im Jahr 1923, als Freud ihm die verdächtige Stelle in seiner Mundhöhle zeigte, war Felix Deutsch sichtlich überfordert. Als Schüler des großen Meisters war er nicht in der Lage, diesen mit der ganzen grausamen Realität zu konfrontieren. Der Titel des vorliegenden Essays geht auf die sehr entscheidende Begegnung vom 7. April 1923 zurück. Freud bat nämlich Felix Deutsch, ihm im Ernstfall zu helfen, ,,mit Anstand von dieser Welt zu verschwinden". Als Freud schließlich im Jahr 1939 um ärztliche Suizidbeihilfe bat, war Felix Deutsch bereits 13 Jahre in den USA. So war es nun die Aufgabe des aktuellen Leibarztes Max Schur, Freud seinen letzten Wunsch zu erfüllen.

Im Februar 1923 zeigte Sigmund Freud seinem Schüler und Arzt Felix Deutsch eine verdächtige Stelle in seiner Mundhöhle, von der er vermutete, es handele sich um eine Leukoplakie. Nach mehreren Konsultationen anderer Ärzte erfolgte am 20. April 1923 eine erste Operation. Bemerkenswerterweise ließ sich jedoch Freud nicht von dem ausgewiesenen Experten Professor Hans Pichler, dem Leiter der Wiener Spezialabteilung für Kieferchirurgie operieren, sondern von dem HNO-Professor Markus Hajek, der Spezialist für Nasennebenhöhlen war. Vielleicht war dies ein fataler erster Fehler. Bei der Operation wäre Freud beinahe verblutet. Weiterhin konnte der Operateur nur einen Teil des Tumors entfernen und in der Tiefe des Oberkiefers befanden sich noch Tumorreste. Anschließend empfahl Professor Hajek eine Radiumtherapie, die bei Freud starke Schmerzen verursachte. Der engste Kreis von vertrauten Psychoanalytikern um Freud, das sogenannte ,,Komitee" (Karl Abraham, Max Eitington, Sandor Ferenczi, Ernest Jones, Otto Rank, Hanns Sachs) traf sich zu einer Geheimsitzung und beriet das weitere Vorgehen. Es wurde eine weitere Behandlung bei Professor Pichler empfohlen und organisiert (Cremerius 1989; Schmidbauer 2013). Die Operation erfolgte am 11. Oktober 1923. Sie dauerte 7 Stunden und es erfolgte eine ausgeprägte Knochenresektion. Von nun an musste Freud eine Kieferprothese tragen. Bis zum Ende seines Lebens waren Sprechen und Essen ohne Schmerzen nicht mehr möglich (Edmundson 2009). In den ersten fünf Jahren des Verlaufs der Krebserkrankung kam es zu mehr als 350 Konsultationen von Sigmund Freud bei Professor Pichler, in dessen Händen er sich sehr gut aufgehoben fühlte. Ein großes Manko war die fehlende Bereitschaft oder Fähigkeit Freuds, mit dem schädlichen Rauchen aufzuhören. Nach der ersten Operation kam es noch zu 32 weiteren Operationen, jeweils wegen Lokalrezidiven in der Mundhöhle (Csef 2017). Am 23. September 1939 ist Sigmund Freud nach einer 16 Jahre verlaufenden Krebserkrankung gestorben

Etwa ein halbes Jahr nach seiner ersten Krebsoperation schrieb Sigmund Freud an Lou Andreas-Salome, die zu seinen engsten Vertrauten gehörte:
,,Ich habe alle garstigen Realitäten gut überstanden, aber die Möglichkeiten vertrage ich schlecht, mit der Existenz auf Kündigung komme ich nicht zurecht." (Brief an Lou Andreas-Salome vom 13. Mai 1924).

Mit dieser Metapher der ,,Existenz auf Kündigung" deutete Sigmund Freud frühzeitig an, dass ihn die Ungewissheit der verbliebenen Überlebenszeit stark beschäftigt und beeinträchtigt. In die psychoonkologische Forschung ist dieser Zusammenhang als ,,Damoklesschwert-Syndrom" eingegangen (Csef & Flingelli 1993). Viele Krebskranke erleben die mögliche Todesdrohung wie ein Damoklesschwert, das über ihrem Haupt schwebt. Für viele bleibt ungewiss, ob sie an ihrer Krebserkrankung sterben werden und wann dies sein wird. Die ,,deadline" dieser ,,Existenz auf Kündigung" ist und bleibt ungewiss. Mit den ,,garstigen Realitäten" kam Freud ganz gut zurecht, aber jedoch nicht mit der Möglichkeit des Todes. Hiermit scheint der Tod als die Möglichkeit der radikalen Vernichtung auf (Gerisch 2009).

Jeder Arzt oder Psychologe, der längere Krebskranke betreut oder behandelt hat, wird zustimmen, dass zwei Grundfragen Krebskranke besonders umtreiben: Die Frage, ,,Warum gerade ich?" eröffnet vor allem Sinnfragen, z.B. ,,Warum habe ich überhaupt Krebs bekommen?" ,,Warum diese Art von Krebs?" ,,Warum gerade jetzt?" (Csef 1998). Freud hat sich mit diesen Fragen wenig auseinandergesetzt. Die Frage ,,Wie lange noch?" hat ihn mehr beschäftigt. Diese Frage fokussiert die Überlebenszeit, aber auch die Länge oder Dauer des qualvollen Leidens. Mit seiner Metapher ,,Existenz auf Kündigung" hat Freud dieses Thema genial auf den Punkt gebracht. Kurz vor dem Brief an Lou Andreas-Salome schrieb Freud an anderer Stelle über seine Krebserkrankung: ,,Es geht mir nicht sehr nahe. Man wird sich eine Weile mit den Mitteln der modernen Medizin wehren und sich dann der Mahnung von Bernhard Shaw erinnern: ,,Don't try to live for ever, you will not succeed." (zit. nach Kollbrunner 2001).



Schon Jahrzehnte vor seiner Krebsdiagnose schrieb Sigmund Freud an Wilhelm Fliess den bemerkenswerten Satz: ,,Ich bin ganz Karzinom geworden". (zit. nach Jacob 1989, S. 100). Diese Aussage Freuds stammt vom 19. Februar 1899, also 24 Jahre vor seiner Krebsdiagnose. Sein Leibarzt Max Schur beschäftigte sich intensiv mit diesem Phänomen und stellte die Frage, ob das Unbewusste Freuds etwas von der Krebserkrankung wissen oder ahnen konnte, lange bevor diese sich manifestierte. Wann immer Freud gefragt wurde, warum er das schädliche Rauchen nicht lassen könne, hat er geantwortet, dass ihm schöpferisches Arbeiten nur im Zusammenhang mit dem Genuss des Zigarrenrauchens möglich sei. Wiederholt sprach Freud davon, dass er eine ungeheure Arbeitswut in sich habe, einen großen Drang, sein eigenes Werk voranzubringen. Dieser mächtige Antrieb sei wie ein ,,innerer Tyrann" und sei wie ein Neoplasma oder eine Krebserkrankung, die alles andere aufzehre, was vom Menschen noch übrig sei. Die Verknüpfung von Arbeitswut und Rauchen brachte Freud in den Zusammenhang mit der Idee der Selbstopferung. Dies wiederum folgt der psychoanalytischen Deutung: ,,Ein Symptom entsteht dort, wo der verdrängte und der verdrängende Gedanke in einer Wunscherfüllung zusammentreffen können." (Jacob 1989, S. 100).

Literatur:
Alt, Peter-André (2016) Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. Eine Biographie. Beck, München
Cremerius, Johannes (1989) Freuds Sterben – Die Identität von Denken, Leben und Sterben. Jahrbuch der Psychoanalyse (24) 97-108
Csef, Herbert; Flingelli, Georg (1993) Lebenssinn und Überlebenswille bei Krebskranken. Daseinsanalyse 10, 180-186
Csef, Herbert; Kube, Anette (1998) Sinnfindung als Modus der Krankheitsverarbeitung bei Krebskranken. In: Csef, H. (Hrsg.) Sinnverlust und Sinnfindung in Gesundheit und Krankheit. Königshausen & Neumann, Würzburg, 325-343
Csef, Herbert (2017) Sigmund Freud und Thomas Mann als Krebskranke. Eine vergleichende Darstellung ihrer Krankheitsverarbeitung. Onkologische Welt, 8:8-13
Edmundson, Mark (2009) Sigmund Freud. Das Vermächtnis der letzten Jahre. DVA München
Gay, Peter (1989) Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. S. Fischer, Frankfurt/Main
Gerisch, Benigna (2009) ,,Mit Anstand von dieser Welt verschwinden". Psychoanalytische Anmerkungen zur Suizidalität in Leben und Werk Sigmund Freuds.  literaturkritik.de Nr. 10, Oktober 2009
Jacob, Wolfgang (1989) Zur Krankheit Sigmund Freuds. H. Speidel u. B. Strauss (Hrsg.). In: Zukunftsaufgaben der Psychosomatischen Medizin. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg, S. 100-107
Kollbrunner, Jörg (2001) Der kranke Freud. Klett-Cotta, Stuttgart
Schmidbauer, Wolfgang (2013) Der Mensch Sigmund Freud. Ein seelisch verwundeter Arzt? Kindle Edition, Edel Elements
Schur, Max (1973) Sigmund Freud. Leben und Sterben. Suhrkamp, Frankfurt


Aus: ",,Mit Anstand von dieser Welt verschwinden" Zum 80. Todestag von Sigmund Freud" Herbert Csef (5. September 2019)
Quelle: https://www.tabularasamagazin.de/mit-anstand-von-dieser-welt-verschwinden-zum-80-todestag-von-sigmund-freud/


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Quote[...] Christian Kohlroß arbeitet als Einzel- und Paartherapeut in Berlin und Kuala Lumpur. 2017 erschien bei Dietz sein Buch ,,Kollektiv neurotisch. Warum die westliche Gesellschaft therapiebedürftig ist."

Was hat der Psychoanalytiker Sigmund Freud uns heute noch zu sagen? Anlässlich seines achtzigsten Todestages am 23. September kommen Sophie Dannenberg und Christoph Schwennicke im Cicero zu dem Schluss: Nicht mehr sehr viel! Und das, so scheint es, mit gutem Grund! Denn weder weiß die an den Universitäten derzeit vertretene psychologische Wissenschaft noch viel mit Freud anzufangen, noch steht die Psychoanalyse als Therapieform bei vielen Psychotherapeuten heute hoch im Kurs; es gibt einfach, wenn es um die Behandlung von Symptomen (und nicht um Selbsterfahrung) geht, längst effektivere Formen der Psychotherapie. Und trotzdem: Die Psychoanalyse ist aktueller denn je. Sie hat nichts von Ihrer Aktualität verloren.

Um die Aktualität der Psychoanalyse zu verstehen, muss man die psychoanalytische Theorie, also das monographische Werk des Autors Sigmund Freud, von dem Psychoanalyse genannten Behandlungsverfahren unterscheiden. Dieses Werk war Freuds eigenem Selbstverständnis zufolge immer ein ,,work in progress". Erst in der Wirkungsgeschichte, die bereits zu Freuds Lebzeiten beginnt, ist daraus dann eine vermeintlich in sich abgeschlossene, monolithische Lehre geworden.

Doch ist die allmähliche Verfertigung des Denkens beim Behandeln und Schreiben, die beständige Revision eigener Überzeugungen, mit einem Wort: Vorläufigkeit das auffälligste Stilmerkmal des Autors Freud. So dass Freud, lebte er heute, wahrscheinlich gar kein Freudianer mehr wäre, allenfalls noch ein Anhänger einer seiner Nachfahren, sagen wir Heinz Kohut, Jacques Lacan oder, mein persönlicher Favorit: Habib Davanloo. Aber selbst das ist alles andere als gewiss.

Dass aber nun dieses Werk bei vielen wissenschaftlichen Psychologen unserer Tage trotz seiner eingestandenen Vorläufigkeit nicht gut beleumundet ist, hängt damit zusammen, dass diese Vorläufigkeit auch Eingang in die um äußerste Klarheit und Präzision bemühte Sprache Freuds gefunden hat. Vieles von dem, was Freud entwirft, sind nämlich Sprach- und Denkbilder – wie der Ödipuskomplex, der Penisneid, das sogenannte topische Modell von Ich, Es und Über-Ich oder auch das mythische Narrativ der Tötung des Urvaters (in ,,Totem und Tabu"). Durch die Schaffung dieser und anderer Metaphern, Allegorien, Mythen und Modelle hat Freud nicht nur ein bis dahin unvorstellbares neues Vokabular des Seelenlebens geschaffen. Er hat auch eine neue Form der Wissenschaft geschaffen – nämlich eine Wissenschaft, die empirisch begründet ist und sich zugleich dem Gebrauch der sprachlichen Einbildungskraft verdankt.   

Damit verwirklicht Freud das romantische Ideal einer poetischen Wissenschaft. In ihr ist die sprachliche Form gerade keine äußerliche Zutat des Inhalts. Bilder, Allegorien, Narrative, Metaphern sind das Medium, in dem das Psychische sich ausdrückt, also gerade kein Ungefähres und Unbestimmtes, das nur darauf wartet, in Buchstäbliches übersetzt zu werden, sondern eben ein Letztes, man könnte auch sagen: Absolutes – eben die besondere Gestalt des Psychischen.   

Darin liegt nun aber eine ungeheure Provokation dessen, was sich gegenwärtig wissenschaftliche Psychologie nennt: Es könnte sein, dass deren unmetaphorische, am Ideal buchstäblicher Wahrheit orientierte Darstellungsform der metaphorischen wie allegorischen, also poetischen Form der Psyche im Grunde wesensfremd ist. Mit der Psychoanalyse steht der Verdacht im Raum, dass die gängige und gegenwärtige wissenschaftliche Psychologie eine wesentliche Dimensionen des Psychischen nicht erfassen kann und de facto eine Austreibung der Psyche aus der Psychologie betreibt.

Diesen Verdacht erleben nicht wenige Studenten der Psychologie zu Beginn ihres Studiums als Befremden darüber, dass die Psyche, mit der man sie im Rahmen ihres Studiums konfrontiert, eine andere Natur zu haben scheint als die, die ihnen aus ihrem eigenen Erleben bislang vertraut ist. Aber auch der Umstand, dass die bahnbrechenden Neuerungen der Psychotherapie, also der Einflussnahme auf psychisches Erleben, bislang kaum je ein Ergebnis wissenschaftlicher Forschung, sondern Folge des mutigen Experimentierens von Praktikern ist, deutet in diese Richtung.

Dieser von der Psychoanalyse ausgehende Verdacht, dass die Seele eine Sprache spricht, die die Wissenschaft von der Psychologie weder spricht noch hinreichend versteht, ist ein Verdacht, den man als Vertreter der normalwissenschaftlichen Psychologie als narzisstische Bedrohung erfahren und entsprechend, mit Geringschätzung nämlich, abwehren kann. Etwa dadurch, dass man wesentliche Bausteine der psychoanalytischen Theorie aus dem zeitlichen Horizont ihrer Entstehung isoliert, sie ihres metaphorisch-allegorischen Charakters beraubt, sie damit buchstäblich missversteht, banalisiert, um sie dann für unzeitgemäß, veraltet und überkommen zu erklären.

Als sei nicht etwa der Penisneid Freuds Versuch, das spezifisch Weibliche an der allgemein kindlichen Erfahrung einer Unzulänglichkeit (oder: Minderwertigkeit, wie Alfred Adler sie nennt) zu fassen; als sei der Ödipuskomplex nicht der Versuch, den Konflikt von Bindung, Wut und Schuld als einen allgemein-menschlichen und dabei zugleich tragischen Grundkonflikt  zu veranschaulichen; als sei die Trinität von Ich, Es- und Über-Ich nicht einfach Freuds früher Versuch, sich einen ganz und gar säkularen Reim auf die Frage zu machen: Wer bin ich und, wenn ja, wieviele?

Wer sich das klarmacht, der verstellt sich nicht länger die Einsicht in den Nutzen, den psychoanalytisches Wissen in einem Bereich haben kann, in dem psychologische Kompetenz heute gefragter ist denn je: in der Politik. Denn in populistischen Zeiten, in denen immer klarer wird, wie Irrationalität überall das politische Handeln beherrscht, bedarf es einer Theorie der Irrationalität. Und eben die stellt, wie keine andere Wissenschaft, die Psychoanalyse bereit. Ihr Verfahren dazu ist von bestechender Simplizität: sie nimmt augenscheinlich irrationales Handeln und Erleben als ein Symptom, das heißt als eine Abwehr von unerträglichen und eben deshalb ins Unbewusste verdrängten Gefühlen.

Wie aber sieht eine solche Abwehr konflikthafter Emotionen in der Poltik aus?

(1) Historisch betrachtet zeichnet sich unsere Gegenwart durch eine paradoxale Lage aus. Für unsere Vorfahren leben wir – im Westen –  in paradiesischen Zuständen. Die meisten verfügen über individuelle Entscheidungsfreiheit, Sicherheit vor gewalttätigen Übergriffen, Hilfe im Krankheitsfalle und über eine ökonomische  Grundsicherung, niemand muss mehr hungern. Doch obwohl wesentliche Voraussetzungen des Glücks erfüllt sind, leben in diesen Gesellschaften sehr viele Menschen gerade kein glückliches, sondern ein durch innere Not und Sorgen gezeichnetes Leben, das bei jedem Fünften mindestens einmal in eine Depressionserkrankung mündet. Während  die äußeren Voraussetzungen des Glücks vielleicht erstmals in der Menschheitsgeschichte gegeben sind, fehlt es offenbar an den inneren Voraussetzungen. Und genau darin zeigt sich der Symptomcharakter des Leidens.

Was immer Gesellschaften daher in den nächsten Jahrhunderten noch tun werden, um die äußeren Voraussetzungen des Glücks zu verbessern (mehr Handel, mehr Wohlfahrt, mehr Sicherheit), es ist nicht zu erwarten, dass Menschen dadurch glücklicher werden.

Die Psychoanalyse kennt diese Dynamik, Freud nennt sie negativ therapeutische Reaktion: Die Lebenssituation der Patienten verbessert sich, und trotzdem geht es ihnen nicht besser. Irgendetwas in ihrer Psyche widersetzt sich dem Fortschritt und verhindert die Besserung des Wohlbefindens.

Freud selbst vermutet ,,ein Schuldgefühl, welches im Kranksein seine Befriedigung findet und auf die Strafe des Leidens nicht verzichten will" als Grund für diese Reaktion. Aber ganz gleich, ob ein Schuldgefühl, die masochistische Lust an der Selbstbestrafung oder die Identifikation mit einem strafenden Über-Ich der Grund für die negative Reaktion auf den Fortschritt ist, entscheidend ist, die depressive Stimmung des Zweifels, der Ausweglosigkeit und der fortdauernden Krise als Symptom zu begreifen, als Abwehr einer ins Unbewusste verschobenen emotionalen Gemengelage. Erst damit besteht wirklich Aussicht darauf, dass Menschen einmal glücklicher, zufriedener werden!

(2) Eine andere, nicht weniger alarmierende Symptombildung ist, dass es überall auf der Welt zu Gewaltexzessen kommt, bei denen Tötung das Ziel ist, die Wahl der Opfer aber zufällig ist. Diese Gewalt erscheint sinnlos, irrational. Dennoch hat sie natürlich für die Täter einen Sinn. Und manchmal bieten sie sogar einen an: eine politische oder religiöse Ideologie zum Beispiel. Doch sich auf die einzulassen, macht, auch wenn das vielfach getan wird, gerade keinen Sinn. Überzeugungen sind hier, wie so häufig, Manifestationen der Abwehr. Deshalb wissen in aller Regel Täter nicht, warum sie tun, was sie tun. Ihre wirklichen Motive bleiben ihnen verborgen.

(3) Und schließlich: Eine Entdeckung Freuds ist die Übertragung, also die Fähigkeit den anderen so zu wahrzunehmen als ob er eine andere, von früher her bekannte Person wäre – die er nicht ist. Bei dieser Als-ob-Wahrnehmung werden frühe Triebwünsche und Befürchtungen auf den gegenwärtigen Anderen übertragen und so alte Konflikte zu gegenwärtigen Konflikten. Die psychoanalytische Therapie beruht wesentlich auf einer Nutzbarmachung dieses Übertragungsgeschehens. Psychoanalytikerinnen sind Spezialistinnen, wenn es um die Macht der Übertragung geht.

Und genau um die geht es nicht nur im psychoanalytischen Behandlungszimmer, sondern eben auch im öffentlichen Raum des Politischen. Nur bleibt sie da für gewöhnlich gänzlich unanalysiert.  Beziehungswünsche und Konflikte werden geradezu frei flottierend auf andere übertragen – auf Politiker, Minderheiten,  Geflüchtete, auf Menschen, die anders sind. In der Regel wissen diese Betroffenen nicht, warum sie welche Gefühle in anderen auslösen. Sie sind der Macht des sozialen Übertragungsgeschehens hilflos ausgeliefert. Politiker müssen zumindest ein Gespür für die Dynamik der kollektiven Übertragung entwickeln.

Die Zerrüttung, die dieses im wesentlichen unverstandene Übertragungsgeschehen im öffentlichen Raum des Politischen verursacht, sind die Signatur unserer Zeit. Kindliche Wünsche, Idealisierungen, Feindbilder, Projektionen – kurz Verzerrungen des Wirklichen bestimmen die soziale Wirklichkeit, in der wir leben. Wobei auffällt, dass gerade das Produzieren immer neuer Feindbilder ein Grundbedürfnis unseres kollektiven Unbewussten zu sein scheint.

Und wie sollten wir in einer solchen Lage so verrückt sein und auch noch auf die letzte Stimme der Vernunft verzichten wollen: die Psychoanalyse?


Aus: "Sigmund Freud - Die Austreibung der Psyche aus der Psychologie" EIN GASTBEITRAG VON CHRISTIAN KOHLROß (5. August 2019)
Quelle: https://www.cicero.de/kultur/sigmund-freud-psychoanalyse-therapie-feindbilder

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Quote[...] Der Psychoanalytiker Andreas Steininger sieht in seinem Gastkommentar durch das geplante Gewaltschutzgesetz das Vertrauensverhältnis zwischen Therapeuten und Patienten bedroht.

... Dass man sich, wie man so sagt, bei jemandem ausspricht, um sich seelische Erleichterung zu verschaffen, ist sicherlich keine Entdeckung Sigmund Freuds. Auch nicht, dass man zu diesem Zwecke nicht irgendeine Person, sondern eine Person des Vertrauens auswählt. Was man hier als Vertrauensvorschuss gelten lässt, ist im Einzelfall recht verschieden. Die Liebe zu einem Menschen vielleicht oder sein Status als anerkannte Autorität.

Dem Arzt oder der Ärztin erzählt man vielleicht mehr, weil man ihnen eine Vertrautheit mit den Dingen des Körpers unterstellt, dem Beichtvater, weil man ihn in den Diensten der Gnade Gottes sieht, dem Psychotherapeuten, weil man ihm Kenntnisse unterstellt, was die bedrückenden Verwicklungen des Seelischen angeht.

Was Sigmund Freud entdeckt und sein Leben lang erforscht hat, war, dass es mit dieser punktuellen Erleichterung aber noch nicht getan ist. Seine Art des Zuhörens und seine Art, das Gehörte mit entsprechenden Deutungen zu quittieren, eröffnete ihm, dass hinter dem Leid, welches sich bisweilen rasch in der Klage artikuliert, noch ein anderes Leid steckt, welches sich nicht unmittelbar im Inhalt des Gesagten auszudrücken vermag.

Die wahrhaft belastenden Dinge sind meist eingebettet in schwer ertragbare Peinlichkeit. Über so etwas plaudert man nicht einfach frisch von der Leber weg. Es bedarf der Erfahrung, dass der Therapeut und die Therapeutin mit der zunehmenden Intimität der Rede mitgeht. Das braucht Zeit und die wiederkehrende Erfahrung, dass alles, was man sagt und wie man es sagt, im Rahmen der Therapie einfach nur anerkannt wird, so wie es ist, und nur gesehen wird unter dem Gesichtspunkt, dass es Material ist, welches vorerst freigelegt werden muss, um nachher etwas von den intimen Dingen, die einem auf der Seele liegen, sagen zu können.

1916 formulierte Freud eine zentrale Voraussetzung jeglicher Behandlung des Seelischen: "Das Gespräch, in dem die psychoanalytische Behandlung besteht, verträgt keinen Zuhörer ... Die Mitteilungen, deren die Analyse bedarf, macht er (der Patient, Anm.) nur unter der Bedingung einer besonderen Gefühlsbindung an den Arzt; er würde verstummen, sobald er einen einzigen, ihm indifferenten Zeugen bemerkte."

Und so ist die Voraussetzung jeglicher intimer werdenden Rede der Glaube daran, dass der Therapeut einzig nur daran interessiert ist, dass die Dinge gesagt werden müssen, um an den Kern des Leides heranzukommen. Kaum verlässt der Therapeut diesen Platz, macht sich beispielsweise zum Pädagogen, zum Fachmann oder zum Richter, so bricht das Reden unmittelbar ein und verliert sich in Belanglosigkeit.

...


Aus: "Gewaltschutzgesetz: Sie alle werden verstummen!" Kommentar der anderen (Andreas Steininger, 11. September 2019)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000108477545/gewaltschutzgesetz-sie-alle-werden-verstummen


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#4
Lecture: Jule Govrin. Die leise Arbeit des Todestriebs
https://youtu.be/jUJxUhyfDwM

Govrin - Die leise Arbeit des Todestriebs. Eine kleine Theoriegeschichte des Begehrens von 1968 bis zur Queer Theory
Psychoanalytische Kulturwissenschaft: Lecture Series 2018-19
Im 1972 erschienen Anti-Ödipus denken Gilles Deleuze und Félix Guattari Begehren als nomadisch mäandernde, transformative Kraft. Dieses Manifest der ›Philosophie des Begehrens‹ inspiriert Guy Hocqenghem, Vordenker der Queer Theory, der diese Idee aufgreift und das nomadische Verlangen in glamourösem, kriminellen Milieus beschreibt, die sich bürgerlichen Lebensläufen verwehren. ...
https://www.ici-berlin.org/events/jule-govrin/

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XLI. Sigmund Freud Vorlesung von Judith Butler: Politik des Todestriebes. Der Fall der Todesstrafe
XLI. Sigmund Freud Vorlesung. Moderation: Jeanne Wolff Bernstein (Aug 14, 2014)
https://youtu.be/OYYdM6FfcZU

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Slavoj Žižek on Death drive - Why Todestrieb is a Philosophical Concept • Aug 13, 2015
Public lecture by Slavoj Žižek within the framework of the ICI's core project "Tension/Spannung" 6 Mär '09
Sigmund Freud introduces his notorious concept of the "Todestrieb", the "death drive" in his famous essay "Jenseits des Lustprinzips" ("Beyond the Pleasure Principle") of 1920. This text has intrigued and puzzled many readers as it relates the death drive to both the so-called "Nirvana principle" aiming at a state without tension and the repetition compulsion, the almost mechanical kernel of the drive itself. If Freud's death drive stands here philosophically between negation (Schopenhauer) and affirmation (Nietzsche) of the will, Slavoj Žižek insists that  we should not confuse the death drive with the craving for self-annihilation, for the return to the inorganic absence of any life-tension. As his Parallax View states, the death drive is, on the contrary, "the very opposite of dying – a name for the 'undead' eternal life itself, for the horrible fate of being caught in the endless repetitive cycle of wandering around in guilt and pain." In Žižek's Lacanian reading, the (death) drive represents a 'diabolic' dimension of human beings in opposition to a desire for the lost object that would overcome all differences and tensions. Its articulation as a philosophical concept is certain to lead us also to a deeper understanding of the concept of tension.
Slavoj Žižek is Professor in the Department of Philosophy, University of Ljubljana, Slovenia, and member of the Slovenian Academy of Sciences and Arts. He has gained wide recognition with his characteristic combination of high and low, of Lacanian theory, pop cultural issues and Post-Marxism. He has published a high number of books, edited several collections, and published numerous philosophical and political articles.
https://youtu.be/uBd2r4YeQxs


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"Freuds vielfältige Ansichten über Liebe und Sexualität" Bernd Nitzschke
Archiv / Frühere Ausgaben / Essays / Nr. 6, Juni 2019 / Schwerpunkt: Emotionale Ambivalenzen der Liebe und Sexualität
Der ,,Begriff des Sexuellen umfaßt in der Psychoanalyse weit mehr [als im herkömmlichen Sprachgebrauch – B. N.]; er geht nach unten [Soma, Trieb – B. N.] wie nach oben [Psyche, Geist – B. N.] über den populären Sinn hinaus. [...] Wir sprechen darum auch lieber von Psychosexualität, legen also Wert darauf, daß man den seelischen Faktor des Sexuallebens nicht übersehe und nicht unterschätze. Wir gebrauchen das Wort Sexualität in demselben umfassenden Sinne, wie die deutsche Sprache das Wort ,lieben'. Wir wissen auch längst, daß seelische Unbefriedigung mit allen ihren Folgen bestehen kann, wo es an normalem Sexualverkehr nicht mangelt [...]" (Freud 1910k, S. 120).  ...
https://literaturkritik.de/freuds-vielfaeltige-ansichten-ueber-liebe-und-sexualitaet,25775.html

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Quote[...] Angeblich treiben Gespenster ihr Unwesen, wo ein Fluch über einem Ort hängt. Geschichten davon berichten dann stets vom Gewesenen, von der Vergangenheit: Vertuschte ungesühnte Taten geben keine Ruhe. Solchen Legenden liegt eine reale seelische Dynamik zugrunde, jene der Wiederkehr des Verdrängten.

Solange dieses nicht ans Licht geschafft und bearbeitet wurde, rüttelt es nicht nur an den Toren der Gegenwart, sondern treibt sich in ihr herum, eben als Gespenst. Zu erkennen, was bestimmte Gespenster repräsentieren, versucht eine Anthologie mit Blick auf das Polen der Gegenwart. Sie beleuchtet, woher dessen aktuelle, so dramatisch antidemokratische Strömungen stammen. ...

Verdrängung ist kein Mittel gegen Gespenster. Das machen sämtliche Aufsätze dieses reichhaltigen, ausgezeichneten Bandes deutlich. Daher ist er keineswegs ein Polen-Buch, sondern spricht akut und intelligent zu einer Gegenwart, die an den Spuren der Totalitarismen arbeiten muss, um sich ihnen nicht auszuliefern.

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Aus: "Das Erbe des Totalitarismus: Wie Polen von seinen Traumata heimgesucht wird" Caroline Fetscher (21.12.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/das-erbe-des-totalitarismus-wie-polen-von-seinen-traumata-heimgesucht-wird/26735424.html

Wiederkehr des Verdrängten? - Psychoanalyse und das Erbe der Totalitarismen
Kann die »antidemokratische Wende« in Polen und in anderen postkommunistischen Ländern, die auch in Deutschland und Westeuropa spürbar ist, als Erbe der Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts und als Wiederkehr des Verdrängten verstanden werden? Oder ist sie Ausdruck einer neuen Regression zu archaischen Ängsten und Aggressionen angesichts der Herausforderungen durch die Globalisierungsprozesse? Vor diesem Hintergrund stellen die Autor*innen die Frage nach dem kritischen Potenzial der Psychoanalyse. Verfügt sie über das Erkenntnispotenzial, um die beunruhigenden sozialen Phänomene zu erklären?
Mit Beiträgen von Lisa Appignanesi, Jakub Bobrzyński, Bernhard Bolech, Felix Brauner, Paweł Dybel, Lilli Gast, Ewa Głód, Tomas V. Kajokas, Ewa Kobylinska-Dehe, Andrzej Leder, Rosalba Maccarrone Erhardt, Ewa Modzelewska-Kossowska, Małgorzata Ojrzyńska, Katarzyna Prot-Klinger, Annette Simon, Wojciech Sobański, Krzystof Szwajca, Nadine Teuber, Joanna Tokarska-Bakir, Hans-Jürgen Wirth und Anna Zajenkowska
Ewa Kobylinska-Dehe, Pawel Dybel, Ludger M. Hermanns (Hg.)
Wiederkehr des Verdrängten?
Psychoanalyse und das Erbe der Totalitarismen
https://www.psychosozial-verlag.de/2938

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Quote[...] Der unter dem Namen Willi Fetz 1925 geborene André Müller sen. ist mit dem Leben davongekommen. Ein Kölner Jude, der aus dem Konzentrationslager fliehen konnte, um diese Erfahrung danach konsequent von sich abzuspalten, wie er in einem Interview vor zehn Jahren erzählte: "Ich habe einen einzigen Komplex behalten. Ich lese keine Bücher über KZs, ich sehe keine Filme über KZs, und Freud hat Unrecht, wenn er meint, man müsste das Verdrängte auferwecken, es zum Bewusstsein heben und dann verschwinde es. Ich habe festgestellt, dass mein ganzes Leben nur dann gut ist, wenn ich in der Lage bin, das alles zu verdrängen."  ...


Aus: "André Müller sen.: Lebenslügen der BRD" Matthias Dell (25. Januar 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-01/andre-mueller-sen-nationalsozialismus-kommunismus-theater

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DIE NACKTE KANONE und das Unbehagen in der Kultur | Geschichte[n] des Films #5
Unter dem Titel "Porno- und Fäkalwitze: Warum sind Komödien so vulgär" hat Wolfgang M Schmitt in einem Video vor wenigen Wochen ein Plädoyer für die Scham gehalten. Denn: "Erst die Scham ermöglicht wahrhaft komödiantische Situationen." Doch ist der Fäkal- bzw. der Triebhumor damit gänzlich abzulehnen oder entgeht uns dann wenigstens eine Dimension?
In der fünften Episode der Geschichte(n) des Films soll es genau darum gehen. Im Blickpunkt: Sigmund Freuds Witz- und Kultur-Theorie, DIE NACKTE KANONE aus dem Jahr 1988 und eine ganz besondere Szene mit Leslie Nielsen...
Literatur:
Sigmund Freud (1931/2010): Das Unbehagen in der Kultur. Reclam Verlag
Sigmund Freud (1905/1940): Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. Fischer Taschenbuch Verlag
Filme: Die nackte Kanone (R: David Zucker, USA 1988)
https://youtu.be/5VSB5mi77vk

   Kontext: Porno- & Fäkalwitze: Warum sind Komödien so vulgär? - DIE FILMANALYSE
   https://youtu.be/St7FB9pR4z4

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Quote[...] Wer ins Vergangene will, muss abwärts. Die Geologie befiehlt es so; sie stapelt irdische Zeit in Schichten. Angeblich geht's im individuellen Menschenkopf vergleichbar zu: ,,Unterbewusstsein" heißt in populärer Tiefenpsychologie die Seelengegend, in der nicht nur Triebe rumoren, sondern auch Empfindungen und Erinnerungen, denen Scham oder Angst die Bewusstseinsqualität entzogen haben. Sigmund Freud, der aus der schon in der Antike bekannten Idee, es gäbe Regungen, die zwar zum Seelischen zählen, dem wachen Denken aber nicht erschließbar sind, als Erster ein gemütstherapeutisches System baute, schätzte den Ausdruck ,,Unterbewusstsein" nicht. Er sprach statt derart räumlich, also von Schichten, lieber qualitativ vom ,,Unbewussten" oder funktional vom ,,System ubw" (im Gegensatz zum Wachbewusstsein).

Auch Freud fand freilich, dass eine Lehre des emotionalen und kognitiven Innenlebens außer qualitativen, funktionalen und, wie er sagte, ,,dynamischen" Kategorien (,,Was wirkt wie mit welcher Kraft?") auch ,,topische" braucht: Wie stellen wir uns das Ganze als Anordnung in einem Raum, als Verteilung von Orten vor (,,Topos" heißt ,,Ort" auf Griechisch)? So zeichnete er eine Art Landkarte: Hier sind die Lüste (,,Es"), dort thront das Gewissen (,,Über-Ich"), drüben müht sich der Verstand et cetera, und wenn er davon sprach, wie man ans ,,Verdrängte" gelangen sollte, bemühte er Metaphern aus der Archäologie – abwärts muss der Heiler, zu den Gründen.

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Aus: "Dante als Vorbote der Moderne : Ein Vorspiel zum Fortschritt" Dietmar Dath (29.05.2021)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/dantes-commedia/wie-dantes-dichterische-vision-der-neuzeit-die-staette-bereitete-17363128.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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#10
"Psychoanalysis and Neuroscience: Ten Years Later" (03.11.2010)
Roundtable Discussion with Cristina Alberini, Heather Berlin, Vittorio Gallese, Robert Michels, Donald Pfaff, and Mark Solms.
https://youtu.be/zlkliGaIBQI

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Quote[...] Narzissmus der kleinen Differenzen nannte Sigmund Freud in seiner Abhandlung Das Unbehagen in der Kultur (1930) ,,eine bequeme und relativ harmlose Befriedigung der Aggressionsneigung". In allen menschlichen Gemeinschaften sei feindliche Missgunst unter ansonsten gleichgestellten Menschen nicht aufzuheben. Es erleichtere aber den gemeinschaftlichen Zusammenhalt, wenn die Aggression, statt nach innen, auf benachbarte, nahestehende Gemeinschaften gerichtet werde.

In harmloser Form äußert sich der Narzissmus der kleinen Differenzen in Rivalitäten zwischen benachbarten Völkern (Portugiesen gegen Spanier), Regionen (Bayern gegen Preußen) oder Städten (Köln gegen Düsseldorf). Auch den Antisemitismus erklärt Freud außer in Das Unbehagen in der Kultur auch in seiner Schrift Der Mann Moses und die monotheistische Religion (1939) teilweise mit dieser narzisstischen Aggressionsneigung, die sich gegen eine Minorität wendet, die gegenüber ihren ,,Wirtsvölkern" nicht grundverschieden ist, aber ,,oft in undefinierbarer Art anders als zumal die nordischen Völker" und, was noch stärker zähle, deren Angehörige ,,die Fähigkeit zeigen, sich im Erwerbsleben zu behaupten und, wo man sie zulässt, wertvolle Beiträge zu allen kulturellen Leistungen" erbringen.

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Freud, S. (1930a): Das Unbehagen in der Kultur. GW 14: 474
Freud, S. (1939a): Der Mann Moses und die monotheistische Religion. GW 16: 197


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Narzissmus_der_kleinen_Differenzen (8. Juni 2022)

Das Unbehagen in der Kultur ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Die Arbeit ist, neben Massenpsychologie und Ich-Analyse von 1921, Freuds umfassendste kulturtheoretische Abhandlung; sie gehört zu den einflussreichsten kulturkritischen Schriften des 20. Jahrhunderts. Thema ist der Gegensatz zwischen der Kultur und den Triebregungen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Unbehagen_in_der_Kultur



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#11
Freud, Adorno & Trump
Haimo L. Handl / 23. Juli 2017 - 4:02 / Handls Essais
Viele führen die Ausfälle Donald Trumps auf seine Person zurück und sind versucht, das Phänomen weniger politisch, gesellschaftlich zu deuten, sondern eher personenbezogen, psychologisch. Eine völlig falsche Einschätzung. In Trump zeigt sich das System ohne Maske, entblößt sich der faschistische Kern des Ausbeutesystems, das Zusammenwirken der Institutionen in diesem Prozess, gestützt von einer Mehrheit, die weder demokratisch noch gebildet ist. All dies psychologisch abtun zu wollen, kommt einer fatalen Verniedlichung gleich, die eigentlich eine Kollaboration mit den primitiven faschistischen Kräften und Strömungen darstellt. ...
https://www.kultur-online.net/inhalt/freud-adorno-trump

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"Narzissmus in der Politik: Gefährliche Liebschaften" Klaus Ottomeyer (26. 10. 2021)
Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz und Ex-US-Präsident Donald Trump werden von Anhängern wie Geliebte behandelt. Eine psychoanalytische Diagnose. ... Freud hat vor 100 Jahren im Buch ,,Massenpsychologie und Ich-Analyse" beschrieben, wie die Individuen, die in der Masse für eine Führerfigur oder einen großen Star schwärmen, ihre Kritikfähigkeit verlieren. ... Die Verführung und Verblendung, die in den neuen Medien und ihren Echokammern verstärkt wird, entsteht durch die Mobilisierung von ,,zielgehemmter Libido", über eine Quasi-Verliebtheit in den großen Star, dem manchmal sogar messianische Qualitäten zugeschrieben werden. Die geteilte zielgehemmte Libido verbindet dann die isolierten Einzelnen wieder zu einer Masse, in der sie sich wohlfühlen.
Unterstützt wird dies durch das Bild eines gefährlichen äußeren Feindes, den man nicht hereinlässt. Die erwähnten Führungsfiguren haben das Publikum und ihre Entourage auf eine je eigene Weise erotisiert. Dabei ist es laut Freud im Falle der zielgehemmten Libido weitgehend egal, ob sie eher heterosexuell, homosexuell oder bisexuell gefärbt ist.
Es ist wie in der wirklichen Verliebtheit, die wir alle kennen. Das Gegenüber wird idealisiert und zu einer inneren Instanz, kann sogar das Gewissen ersetzen. Seine Schattenseiten, die Verstrickungen in Schuld und Schulden werden von den Gläubigen, so lange wie möglich, verleugnet oder bagatellisiert. ...
https://taz.de/Narzissmus-in-der-Politik/!5806459/

QuoteAlterNaiver
26.10.2021, 14:18

Die Gestaltung des medialen Erscheinungsbildes von Politikern entfernt sich zwangsläufig von der Wirklichkeit. Die ist immer banal, wie Menschen halt so sind. Lichtgestalten gibt es nicht und kann es nicht geben, obwohl sie vom Publikum sehnsüchtig imaginiert werden. Kurz hat es allerdings übertrieben. Er wollt die maximale Kontrolle und lieferte sich den Mitwissern aus. Wie ich gelesen habe, hat er immer noch eine Menge Anhänger, die sich ihre Vorstellung vom jungen politischen Genie nicht zerstören lassen wollen und lieber die Überbringer der Botschaft bekämpfen.


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Massenpsychologie und Ich-Analyse ist eine Schrift von Sigmund Freud aus dem Jahr 1921.
https://de.wikipedia.org/wiki/Massenpsychologie_und_Ich-Analyse

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"One Hundred Years of Freud in America" Daniel Akst  (2009)
Before his visit, Freud predicted to his circle of followers that presumably strait-laced Americans would never embrace his ideas "once they discover the sexual core of our psychological theories." But of course in America sex sells; indeed, it is probably one of the biggest reasons that Freud's theories gained such currency here. As with so much else, he was wrong about that, too. ...
https://www.wsj.com/amp/articles/SB10001424052970204908604574330991380910578

"Freud save America" Nick Burns  (27 May 2023)
Psychoanalysis is back in vogue with the American left. But is that rejuvenation symbolic of the latter's failure? ...
https://www.newstatesman.com/the-weekend-report/2023/05/freud-save-america



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#13
Quote[...] Es mochten Kritiker noch so sehr gegen Freud ätzen: Seit die Psychoanalyse vor gut 100 Jahren populär wurde, hinterließ sie ihre Spuren auch in der Justiz. Teils kurios ist, wie Gerichte glaubten, ins Innere der Angeklagten sehen zu können.

Sein Spott über die ungeheuer populäre Mode der Psychoanalyse des Sigmund Freud (1856–1939) oder das, was man seinerzeit aus ihr machte, hat Karl Kraus einen Platz im kollektiven Gedächtnis gesichert.

Zum geflügelten Wort wurde sein Aphorismus, wonach die Psychoanalyse jene Geisteskrankheit sei, für deren Therapie sie sich halte – einigermaßen zu Recht, beschreibt er damit doch eine kassenwirksame Grundmodalität vieler Tätigkeiten nicht nur im psychologisch begründeten Beratungs-, Consulting- oder Coaching-Geschäft der modernen Gesellschaft.

Zwar hätte der berühmte österreichische Publizist Kraus (1874–1936) es auch wegen seiner justizkritischen Schriften oder seines erstaunlich großen Einflusses auf die Sprachphilosophie verdient, von jeder Generation im deutschsprachigen Raum neu entdeckt zu werden.

Bekannt bleibt aber vor allem seine scharfe Polemik gegen den Versuch, die menschliche Geistestätigkeit mit der Freud'schen Lehre und ihren populär gewordenen Elementen erklären zu wollen – unter anderem der Traumdeutung, der Fixierung auf frühkindliche Erinnerungen, dem Ödipuskomplex oder der dämonischen Wirkungsmacht des Unbewussten, volkstümlich gern "Unterbewusstsein" genannt. 

Über die Mode, die eigenen, meist bürgerlichen Kinder mit seelenkundlichen Mitteln verstehen zu wollen, schrieb Kraus schon im Jahr 1912: "Kinder psychoanalytischer Eltern welken früh. Als Säugling muß es zugeben, daß es beim Stuhlgang Wollustempfindungen habe. Später wird es gefragt, was ihm dazu einfällt, wenn es auf dem Weg zur Schule der Defäkation eines Pferdes beigewohnt hat. Man kann von Glück sagen, wenn so eins noch das Alter erreicht, wo der Jüngling einen Traum beichten kann, in dem er seine Mutter geschändet hat."

In der kurzen Zeit der Weimarer Republik (1919–1933) fiel das selbstbewusste Marketing des Wiener Mediziners Freud gleichwohl auf fruchtbaren Boden. 

In dem Aufsatz "Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse" hatte er sich im Jahr 1917 alles andere als bescheiden in eine Reihe mit Nikolaus Kopernikus und Charles Darwin gestellt. Der polnisch-deutsche Astronom Kopernikus hatte, so Freud, der Menschheit eine "Kränkung" zugefügt, indem er der Erde ihren Platz im Zentrum des Kosmos nahm. Durch Darwin sei sie gekränkt worden, weil er den Menschen zum bloßen Produkt der Evolution biologischer Systeme degradiert hatte. Für die Psychoanalyse reklamierte Freud, sie füge der Menschheit eine weitere Kränkung zu, und zwar durch die "Entdeckung", dass der Mensch wegen der unbewussten Triebkräfte seines psychischen Apparats nicht "Herr im Haus" seines eigenen intellektuellen und seelischen Vermögens sei.

Es war in den 1920er-Jahren nicht zu erwarten, dass Juristen, die damals noch nahezu geschlossen männliche Akademiker aus dem vermögenden Bürgertum waren, sich für solche Ideen allzu aufgeschlossen zeigten.

Eine frühe, überraschende Ausnahme machte der sächsische Justizjurist Curt du Chesne, der im "Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie" (1927, Band 20, S. 630) vorschlug, § 282 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) mit einer Analogie zur Lehre Sigmund Freuds zu verstehen.

In seiner ursprünglichen, zum 1. Januar 2002 beseitigten Form war diese Vorschrift Teil des intellektuell ebenso anregenden wie hoffnungslosen Unmöglichkeitsrechts, mit dem die Schöpfer des Bürgerlichen Gesetzbuchs sich bei Generationen von Studierenden der Rechtswissenschaft unbeliebt gemacht hatten. Das Gebiet bot sich also für einen philosophierenden Landgerichtsdirektor aus Dresden an. Im Wortlaut hieß es: "Ist streitig, ob die Unmöglichkeit der Leistung die Folge eines von dem Schuldner zu vertretenden Umstandes ist, so trifft die Beweislast den Schuldner."

Curt du Chesne fasste die hier einschlägige psychoanalytische Lehre griffig damit zusammen, ihr zufolge liege der "gemeinsame Charakter von Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aberglauben und Irrtum" in der – er zitiert hier Freud – "Rückführbarkeit der Phänomene auf unvollkommen unterdrücktes psychisches Material, das, vom Bewußtsein abgedrängt, doch nicht jeder Fähigkeit, sich zu äußern, beraubt worden sei".

Damit hat man eine knackige Definition dessen zur Hand, was bei Freud das Unbewusste oder das "Es" heißt. In der populären Küchenpsychologie spukt es als ein "Unterbewusstsein" umher, das Menschen etwa zu "Freud'schen Versprechern" animiert.

Landgerichtsdirektor du Chesne schlug vor, § 282 BGB a.F. analog zur Lehre Freuds zu verstehen: Die gesetzliche Vermutung, dass der Schuldner im Streitfall die Unmöglichkeit der Leistung verschuldet habe, lasse sich psychologisch "wohl damit rechtfertigen, daß der Schuldner die Unmöglichkeit wenigstens im Unterbewußtsein, wenn auch verdrängt, gewollt und somit, wenigstens subjektiv, verschuldet habe."

Der historische Gesetzgeber könnte sich, so spekulierte Curt du Chesne, "und zwar aus dem Rechtsunterbewußtsein heraus", zu dieser Vorschrift motiviert gefühlt haben.

Mit einer offenen Diskussion derart spekulativer Ideen, die ja selbst dann produktiv sein können, wenn sie auf einem Irrtum beruhen, war es bekanntlich mit der Machtübergabe vom 30. Januar 1933 vorbei.

Unter den schon vor 1933 für den Antisemitismus anfälligen deutschen Medizinern wurden die Lehren Sigmund Freuds nun ohne jede sachliche Auseinandersetzung inopportun. Berlin verlor seinen Rang als eines der internationalen Zentren der psychoanalytischen Praxis und Lehre. Führerkult und völkisches Denken in den staatsnahen Berufen verdrängten das Bedürfnis, die Chancen seelischer Autonomie – wenn auch nur mit den unzureichenden Mitteln der Psychoanalyse – auszuloten.

Soweit die psychotherapeutische Forschung nicht unterdrückt wurde, wurde sie unter der Leitung von Matthias Heinrich Göring (1879–1945), einem Vetter des NS-Politikers und Menschheitsverbrechers Hermann Göring (1893–1946), gleichgeschaltet.

Die jedenfalls auf küchenpsychologischem Niveau erstaunliche Popularität der Lehren Sigmund Freuds hatte jedoch einen Grund, der sich der totalitären Ideologie des NS-Staates entzog, sie jedenfalls gut "überwintern" konnte: Freud hatte in seinem Konzept des "Unbewussten" auf eine teils jahrhundertealte, teils erst in der deutschen Romantik des frühen 19. Jahrhunderts entfaltete Ideenwelt zurückgegriffen, in der man sich etwa das "Unheimliche", also die seelischen Triebkräfte außerhalb des bewussten Zugriffs der Reflexion, bereits zu erklären versucht hatte.

Als eine Option, sich das menschliche Verhalten jenseits der bewussten Reflexion zu erklären, kam das Unbewusste nach der Wiederherstellung einer liberalen deutschen Republik im freien Teil Deutschlands seit den 1950er-Jahren erstaunlich oft wieder zu forensischen Ehren – auch in der küchenpsychologischen Semantik, also als "Unterbewusstsein".

Hier müssen fünf Beispiele genügen, jede handelsübliche Datenbank fördert aber eine Vielzahl juristischer Fälle aus dem seelischen Dunkelfeld Deutschlands ans Licht.

Der Bundesdisziplinarhof (BDH) entschied mit Urteil vom 9. Dezember 1958 zugunsten eines damals 52 Jahre alten Zollbeamten, dem vorgeworfen wurde, mit einer homosexuellen Liebesaffäre unter anderem einen Kollegen bevorzugt und den guten Ruf seiner Dienststelle bedroht zu haben. Den beiden Männern attestierte der psychologische Sachverständige, sie seien keine "typischen Homosexuellen", das "erotische Moment" bleibe bei Menschen wie ihnen "meistens zunächst im Unterbewußtsein. Dank einer im Grunde normalen Veranlagung der beiden habe es nie die Kraft, aus diesem latenten Zustand hervorzutreten".

Das Urteil dokumentiert neben einem sehr unangenehmen Interesse an intimen Bedürfnissen von Beamten geradezu idealtypisch eine küchenpsychologische Dampfkesseltheorie: Solange der "steuernde stärkere Intellekt" der Ich-Instanz die niederen Bedürfnisse der Es-Instanz, des Unterbewusstseins, im Griff hält, muss Vater Staat die Zucht und Ordnung nicht mit harter Hand wiederherstellen (BDH, Urt. v. 09.12.1958, Az. I D 54/57).

Im Dampfkessel des Unterbewusstseins unentdeckt vor sich hin kochen durfte natürlich auch das heterosexuelle Begehren, das sich, sobald das Ventil durch Alkohol und lange Trennung von der Familie hinreichend gelockert hatte, in exhibitionistischem Handeln Erleichterung verschaffte (vgl. BDH, Urt. v. 08.05.1957, Az. I D 49/56).

Im Fall eines Geistlichen aus Rheinhessen, der in den frühen 1960er Jahren ein starkes Interesse und deutlich übergriffiges Verhalten gegenüber der zwölfjährigen Tochter einer alleinerziehenden Mutter aus der Nachbarschaft an den Tag gelegt hatte, kam das Landgericht Mainz zu einer feinsinnigen Würdigung seiner "sexuellen Neugier", der aber nach richterlicher Auffassung die strafwürdige "wollüstige Absicht" fehlte, weil sie "möglicherweise nur im Unterbewußtsein gewirkt" habe und ihm nicht bewusst geworden sei. Unzüchtiges Verhalten sei damit nicht bewiesen. Der Bundesgerichtshof (BGH) verwarf die Revision der Staatsanwaltschaft mit Urteil vom 8. Dezember 1966 (Az. 1 StR 448/65).

Es fehlte sichtlich ein Konsens dazu, welche Erkenntnisse der Richter oder der von ihm bestellte Gutachter der seelischen Instanz des "Unterbewusstseins" zur Überzeugung des Gerichts entnehmen darf.

Einerseits zeigte sich der 1. Zivilsenat des BGH mit Urteil vom 4. Juli 1961 zurückhaltend. In dem Streit ging es um die Frage, welche ästhetische, also geschmacksmusterrechtliche Herkunft eine Serie prominenter Straßenlaternen in München hatte. Das Gericht befand hier nüchtern, dass sich "Zeugen und auch Parteien nur auf ihr tatsächliches Wissen" berufen, "nicht aber Vorgänge bekunden" könnten, "die sich in ihrem Unterbewußtsein abgespielt haben und daher nicht in ihr Wissen eingedrungen" seien (Az. I ZR 102/59).

Andere Richter wussten hingegen ganz genau, womöglich dank eigener Seelenschau aus Zeiten ihres Wehrdienstes, was das Unterbewusstsein hergab, zum Beispiel: väterliche Gefühle. Ein Verpflegungsunteroffizier war beschuldigt worden, während eines NATO-Manövers eine Menge Lebensmittel entwendet zu haben, darunter etliche Büchsen Erbsen, Karotten, Ölsardinen, mehrere Pfund Puddingpulver und zwei Kohlköpfe. Während bei der Bundeswehr sonst notorisch Alkohol, Zigaretten oder Treibstoffe für den privaten Verbrauch abgezweigt wurden, waren es hier – untypisch – Lebensmittel, weshalb das Gericht im Unterbewusstsein des Soldaten die Zuneigung eines Vaters für seine darbende Familie vermutete (BDH, Urt. v. 13.01.1965, Az. II (I) WD 119/64).

Seit den 1970er-Jahren wird die Vokabel "Unterbewusstsein" allem Anschein nach seltener in juristischen Entscheidungen oder Verteidigungsstrategien genutzt.

Möglicherweise beruht der Rückgang darauf, dass die scharfe Kritik wirksam wurde, wie sie etwa der große Journalist Dieter E. Zimmer (1934–2020) am "Tiefenschwindel" der Psychoanalyse einem breiten Publikum zugänglich machte.

Vermutlich entwickelte sich aber das von Curt du Chesne 1927 entdeckte "Rechtsunterbewusstsein" nur rhetorisch weiter. Denn in den vergangenen 50 Jahren hat die seriöse wie scharlatanistische Psycho-Beratungsindustrie in Deutschland einen erheblichen Aufschwung erlebt – sogar wer glaubt, hart im Wind der "Realitäten" zu segeln, jammert heute bevorzugt die Sozialen Medien voll, sein heimliches Über-Ich verstehe ihn oder seine Welt nicht richtig.

Und wenn zu viele Menschen ihre seelischen Innereien als "Unterbewusstsein" in die Öffentlichkeit tragen, verbietet natürlich schon das juristische wie medizinische Renommee, die Vokabel weiter zu gebrauchen.


Aus: "Psychoanalyse Das "Unterbewusstsein" vor Gericht" Martin Rath (18.02.2024)
Quelle: https://www.lto.de/recht/feuilleton/f/psychoanalyse-freud-justiz-gerichte-unterbewusstsein/


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#14
Quote[...] Man kann es sich einfach merken: «Gesund war, wer gerne in der sozialistischen Gesellschaft lebte. Ansonsten war man abnormal, krank, behandlungsbedürftig.» Das schreibt der Schweizer Historiker Andreas Petersen an einer Stelle seines neuen Buchs «Der Osten und das Unbewusste», um es auf den übrigen 350 Seiten auszuführen: wie brutal das sowjetische System gegen Psychotherapeutinnen und Psychoanalytiker vorging. Die meisten von ihnen wurden umgebracht, verkamen in Zwangslagern, versuchten vergeblich, sich anzupassen, emigrierten oder nahmen sich das Leben. Andere wurden unter der Folter zu Scheingeständnissen gezwungen und öffentlich gedemütigt.

Schon 1930 wurde die Psychoanalyse in der UdSSR verboten, und es sollte über 60 Jahre dauern, bis sie wieder praktiziert werden durfte. Joseph Stalin hasste Sigmund Freuds Behandlungsmethode und zog die rigoristischen Lehren von Iwan Pawlow vor, dem russischen Neurologen, der die Konditionierung als Auslöser von Reflexen nachweisen konnte. Und der nichts von Introspektion, Gefühlsregungen oder Fantasie hielt, weil für ihn der Mensch eine Maschine war. So sah ihn auch Stalin. Er wollte einen neuen Menschentyp erschaffen, eine Art stählerner Parteisoldat, ein Zuchtobjekt für den sozialistischen Staat.

Der Hass der Kommunistischen Partei auf die Psychoanalyse hatte eine Menge mit der Erkenntnis von Sigmund Freud zu tun, wonach die Sexualität den Menschen in vielem bestimmt. Aron Salkind, Vizepräsident der psychiatrischen Klinik von Moskau, verurteilte diese Ansicht als zersetzend für den sowjetischen Körper. Er kritisierte die Sexualität als energieraubend für den russischen Arbeiter und empfahl ihm, möglichst wenig Sex zu haben.

Ziel eines neuen Staates müsse es sein, schrieb der kommunistische Psychiater, dass das Kollektiv mehr Anziehungskraft als der Liebespartner habe und die Auswahl dieses Partners nach revolutionär-proletarischer Zweckmässigkeit erfolgen müsse. Dem Juden Sigmund Freud warf er präfaschistisches Denken vor. Und so wurde die Psychoanalyse in Russland auch diffamiert: als bürgerlichen Bund zwischen Juden und der Hochfinanz auf dem Weg in den Faschismus.

Der Hass galt dem Juden Freud noch mehr als dem Analytiker. Wie Andreas Petersen in seinem sorgfältig recherchierten, elegant geschriebenen Buch nachweist, lag der Ablehnung der Psychoanalyse ein antisemitischer Hass zugrunde, waren doch die meisten Analytiker und die ganz wenigen Analytikerinnen jüdisch, gerade in Russland.

Ausserdem war es Sigmund Freud um das Gegenteil einer kollektiven, der Partei unterworfenen Figur gegangen. Freud wollte keine seelenlosen Maschinenmenschen produzieren, sondern Individuen helfen, ein Bewusstsein von sich selber zu entwickeln. Damit hatten Freud und seine Schüler die Antithese zum russischen Idealtyp formuliert. Zu Recht hebt Petersen in diesem Zusammenhang die Verdienste von Alfred Adler hervor, der im Gegensatz zu Freud sozialdemokratisch dachte, auch aus politischen Gründen mit Freud brach und sich für das Wohl der Armen und vor allem auch der Kinder engagierte.

Auch in den sowjetischen Satellitenstaaten kam es oft einem Todesurteil gleich, sich mit Psychoanalyse zu beschäftigen. Polen litt unter dem Terror der Faschisten und dann dem Terror der Kommunisten, und wie in anderen Ländern sorgten beide dafür, so viele Intellektuelle umzubringen wie möglich, um keine neue Elite entstehen zu lassen.

In Rumänien, ebenfalls von den Faschisten und Kommunisten unterdrückt, kam 1955 Ceausescu an die Macht und regierte das Land mithilfe der Securitate, seiner allmächtigen Geheimpolizei. Der rumänische Psychiater Ion Viano hatte eine Klinik besucht, in welcher die Geheimpolizei Dissidenten als psychisch Kranke verwahrte. Viano kam sie vor wie «ein Abgrund aus Dantes Hölle», woraus er schloss: «Hier konnte es sich nur um die absichtsvolle Vernichtung dieser Menschen handeln.»

In Ungarn, Bulgarien und den baltischen Staaten ging die Rote Armee mit grosser Grausamkeit gegen die Zivilbevölkerung und die Psychotherapeuten vor. Wer sich hier gegen alle staatliche Willkür für die eigene Psyche interessiert habe, schreibt Andreas Petersen, «stiess in den Familiengeschichten unweigerlich auf Verhaftung, Verschleppung, Umsiedlung, Erschiessungen – und dies nicht nur in den Kriegsjahren». Einzig Jugoslawien schlug unter Tito einen antistalinistischen Kurs ein, quälte dafür die Stalin-Anhänger in unmenschlichen Gefängnissen.

Als Historiker interessiert Andreas Petersen sich besonders dafür, wie sich die Psychotherapie in der BRD und der DDR entwickelte, denn so kann er zwei politische Systeme desselben Landes vergleichen. Man kann es so sagen: Was die einen zu wenig hatten, bekamen die anderen im Übermass verpasst.

Was uns Petersen aus den grauen Jahrzehnten der DDR berichtet, war dazu geeignet, jeden Gesunden psychisch krank zu machen. Klaustrophobie und Paranoia dominierten die Mentalität des Überwachungsstaates, der in sich selber eingeschlossen hatte. In Berlin bezeichnete man das als «Mauer-Krankheit».

Jedenfalls konnten die Patienten nie sicher sein, ob abgehört wurde, was sie ihrer Psychiaterin erzählten. Damit wurde eine Vertrauensbeziehung verunmöglicht, erste Voraussetzung einer Therapie. Alles ging von der Partei aus, und jeder Arzt, jede Psychiaterin musste mitmachen, sonst drohte mindestens ein Berufsverbot. Letzten Endes wurde die Psychiatrie in der DDR immer als eine verdächtige Wissenschaft angesehen.

In der BRD geschah das Umgekehrte, das konnte man vor allem in den Siebzigerjahren beobachten. Denn in Westdeutschland etablierte sich abseits der seriös arbeitenden Psychoanalyse und von anderen sorgfältigen Therapiemethoden eine riesige Behandlungsindustrie nach amerikanischer Vorlage. Diese reichte von Yoga bis zu Meditation, von den indianisch inspirierten Tanzritualen zum seligen Trommeln bei Vollmond, vom Urschrei zum Autogenen Training. Selbst ernannte Heilerinnen indoktrinierten die Verzweifelten, Sektenführer dominierten ihre Gemeinden.

In diesen Jahren wollten alle über ihre Gefühle reden. WGs verbrachten Konfliktabende am Küchentisch, Paare zerredeten ihre Beziehung bis zur Erschöpfung, Beraterinnen ohne Ausbildung machten riesige Gewinne. Selbst die Männer hatten, wie Herbert Grönemeyer boshaft anmerkte, «vom Streicheln ganz aufgeweichte Hände».

Dabei war der Anlass für die Psychologisierung der Gesellschaft gerade in Deutschland nachvollziehbar: Die Achtundsechziger wollten von ihren Vätern wissen, was diese im Krieg gemacht hatten. Denn die Tätergeneration hatte die Kriegsjahre ausgeschwiegen und sich in das Wirtschaftswunder der Fünfziger gerettet.

Einer der Ersten, der dieses Stummsein hinterfragte, war der Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich. Er glaubte daran, dass die Psychoanalyse helfen könnte, gegen das deutsche Verdrängen und Verleugnen anzugehen. Mitscherlich und andere seien überzeugt gewesen, schreibt Petersen, dass Psychoanalyse und Psychotherapie «als befreiende gesellschaftliche Instanzen mit emanzipatorischen Ressourcen» verstanden wurden. Die Analyse als Aufklärung.

Damit wurde die Analyse, wie der Philosoph Klaus Theweleit in seinen «Männerphantasien» ausführte, zu einer Deutungsmacht gegen den Faschismus. Dass die Psychoanalyse mit ihrem Anspruch der Sorgfalt von einer pseudotherapeutischen Welle der Irrationalität überschwemmt wurde, muss man als bittere dialektische Ironie hinnehmen.

Zumal Petersen skeptisch bleibt, was diese kollektive Psychologisierung der Beziehungen dem Einzelnen gebracht hat: «So oft auch Psychologisches thematisiert wurde, es blieb unausgefüllt», bilanziert er. Und zitiert den amerikanischen Soziologen Richard Sennett, der die Siebzigerjahre als «Tyrannei der Intimität» beschrieb. Selbstverwirklichung als Leistungsdiktat.

Wie harmlos sich die therapeutische Schwemme des Westens gegen den Vernichtungsterror des Ostens ausnahm, ist für Petersen trotzdem klar. Obwohl Flüchtlinge und Emigranten in den USA, der Schweiz oder Deutschland immer wieder von den furchtbaren Verhältnissen ihrer Heimatländer erzählten, obwohl sie schon Freud in Briefen erwähnte, lenkte der Zweite Weltkrieg alle ab, zumal sich 1953, nach dem Tode Stalins, eine vorübergehende leichte Entspannung ergab. Die hielt aber nicht lange an, und bis heute haben sich Psychotherapie und Psychoanalyse im Osten nicht so entwickeln können wie in den westlichen Ländern.

Immerhin hat sich ihre Lage in Russland selbst entschieden verbessert. Das sagt der Zürcher Psychoanalytiker Markus Fäh, der in mehreren russischen Städten psychoanalytische Weiterbildung betrieben hat und seit 2001 oft mehrmals pro Jahr nach Russland reiste. Der Krieg habe diesen Austausch unterbrochen, sagt er.

Zuvor hatte Fäh mit seinen Vorträgen, Workshops und Fallanalysen bei den russischen Fachleuten grosses Interesse an der Psychoanalyse wahrgenommen. «Diese wird in Putins Russland nicht gefördert, aber auch nicht behindert», sagt er. Diesen neuen Umgang mit der so lange verfemten Behandlungsmethode führt er auf ein Dekret von Boris Jelzin zurück. Der russische Präsident hatte die Psychoanalyse 1996 rehabilitiert und nannte sie sogar eine förderungswürdige Wissenschaft.

Diese Anerkennung der Analyse als therapeutische Behandlung, sagt Markus Fäh, «löste bei den russischen Therapeuten Begeisterung aus». Und diese halte in Russland bis heute an. Zuletzt zitiert der Schweizer den berühmt gewordenen Satz des russischen Psychologen Alexander Etkind: Die Russen sähen in der Dämmerung, schrieb er, was andere nicht einmal bei Tageslicht zu betrachten wagten. Dieses Sehen hätte Sigmund Freud gefallen.

Zu: Andreas Petersen: Der Osten und das Unbewusste. Wie Freud im Kollektiv verschwand. Berlin: Klett-Cotta, 2024.

Jean-Martin Büttner studierte Psychologie, Psychopathologie und Anglistik und dissertierte über die Psychoanalyse der Rockmusik. Von 1984 an arbeitete er für den «Tages-Anzeiger» in den Ressorts Kultur, Inland, Hintergrund, Analyse sowie als Korrespondent. Seit Anfang 2021 schreibt er als freier Autor.


Aus: "Psychotherapie in Russland: Sie attackierten die Psychoanalyse und meinten die Juden" Jean-Martin Büttner (21.03.2024)
Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/psychotherapie-sie-attackierten-die-analyse-und-meinten-die-juden-355839198155

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Quote[...] Zwei Tage nachdem Wladimir Michailowitsch Bechterew 1927 von Stalin um eine Analyse gebeten worden war und dem Diktator eine schwere Paranoia attestiert hatte, starb der berühmte russische Psychiater. Bis heute sind die Umstände ungeklärt. Jahre später wurde Bechterews Sohn Pjotr zum Tod verurteilt, seine Frau Sinaida Bechterewka kam ins Lager und die gemeinsamen Kinder mussten im Waisenhais aufwachsen. Die Ereignisse lassen schon erahnen, wie es um die Psychoanalyse in der Sowjetunion bestellt war.

Tiefenpsychologie galt während der Stalin-Ära als bürgerlich-idealistisch, sie diene allein der Anpassung an die kapitalistische Gesellschaft, sei der dekadente Ausdruck des Imperialismus, schrieb der Stalinist Robert Havemann. ,,Die Psychoanalyse ist eine antihumanistische, barbarische Ideologie, denn sie macht die tierischen Triebe zur Grundlage der menschlichen Psychologie und verleugnet die Beherrschung des Tierischen in uns durch die Kraft des menschlichen Bewusstseins." Ein derart individualistischer Ansatz passte nicht ins Konzept des Sozialismus, der die Erdenbürger zu neuen Menschen umerziehen wollte.

Der 1961 in Köln geborene Historiker Andreas Petersen widmet sich in ,,Der Osten und das Unbewusste. Wie Freud im Kollektiv verschwand" jetzt diesem blinden Fleck. Stundenlang hat er in Archiven recherchiert und mit Zeitzeugen gesprochen. Entstanden ist ein aufschlussreiches Buch, das mit ausführlichem Quellenverzeichnis wissenschaftliche Standards erfüllt und auch für Laien gut verständlich ist.

Es ist zu lesen, wie Leo Trotzki im Exil in Wien den Arzt und Psychotherapeuten Alfred Adler kennenlernt und dessen Ideen 1917 mit nach Russland nimmt. In der Zwischenkriegszeit erreicht die Strömung Osteuropa. Während des Zweiten Weltkrieges erfolgt ein Bruch. Petersen widmet sich der DDR und anderen sozialistischen Staaten. ,,Trotz der benennbaren Unterschiede ähneln sich die Geschichten der Tiefenpsychologie in den jeweiligen Ländern." Die Stalin-Ära setzt dann allem ein Ende. Studiengänge werden verboten, Ärzte inhaftiert oder ins Exil getrieben. Der Name Sigmund Freud darf nicht mehr erwähnt werden.

Stattdessen werden Mediziner auf den Physiologen Iwan Petrowitsch Pawlow eingeschworen. Dessen Reflexforschung und Versuchsreihen zur Konditionierung passen ideologisch besser ins Konzept einer ,,sowjetischen Wissenschaft". Auch nach der Entstalinisierung gab es keinen Neuanfang. ,,Während in der DDR ein erster schmaler Band mit gekürzten Freud-Texten in der Rubrik ,Literarisches' 1982 erscheinen durfte, erschien Freud in der Sowjetunion — nach der letzten Veröffentlichung 1937 — erst wieder 1989."

Ohne ideologische Voreingenommenheit schreibt Andreas Petersen über das Thema. Sein Buch eröffnet neue Einblicke und beleuchtet ein wichtiges Kapitel der osteuropäischen Sozial- und Psychologie-Geschichte.

Zu: Andreas Petersen: Der Osten und das Unbewusste. Wie Freud im Kollektiv verschwand. Klett-Cotta, 352 Seiten, ISBN 978-3-608-98720-1


Aus: "Kolumne: Sigmund Freud in der DDR? Bürgerlich, dekadent und barbarisch" Welf Grombacher (29.06.2024)
Quelle: https://www.nordkurier.de/kultur/sigmund-freud-in-der-ddr-buergerlich-dekadent-und-barbarisch-2632882

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#15
Quote[...] Dagmar Herzog hat eine äußerst kenntnisreiche, gut zu lesende Studie zur nach-freudianischen Psychoanalyse vorgelegt, in der sie mit Verve gegen etablierte Narrative anschreibt. Dabei liefert sie nicht nur den Nachweis, dass sich dem viel beforschten Gegenstand noch immer spannende Erkenntnisse abringen lassen. Sie zeigt auch, wie sich aus der Beschäftigung mit der Geschichte dieses wirkmächtigen Denkkollektivs neue Perspektiven auf Prozesse und Akteure gesellschaftlichen Wandels gewinnen lassen. Problematisch erscheint die gar nicht erst versteckte Agenda, für die bleibende Relevanz Freuds zu streiten. ...


Quelle: https://www.sehepunkte.de/2024/07/38993.html (Ausgabe 24 (2024), Nr. 7/8 - Rezension von: Cold War Freud)

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Quote[...] Zu: Dagmar Herzog: ,,Cold War Freud". Aus dem Englischen von Aaron Lahl. Suhrkamp Verlag, Berlin 2024, 380 Seiten

[...] Irgendwie sind wir alle verkorkst und wünschten, es etwas weniger zu sein, wir spüren, wie uns Prägungen und Charaktereigenschaften im Wege stehen oder wenigstens empfinden wir, wie Wünsche, Sehnsüchte und tiefsitzende Muster immer wieder in Widerstreit geraten können.

Sigmund Freuds Wissenschaft von der Topik des psychischen Apparats – Ich, Es und Über-Ich – hat all das erstmals systematisch zu ergründen versucht, und die Psychoanalyse seither hat sich mit allem Möglichen beschäftigt. Mit frühkindlicher Sexualität, Ödipus und Penisneid, aber auch mit den neurotisierenden Wirkungen von gesellschaftlicher Realität, mit Gefühlen von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst. Sie hat sich mit dem autoritären Charakter beschäftigt, mit der libidinösen Anziehungskraft von Faschisten.

Gilles Deleuze und Felix Guattari vermerkten in ihrem ,,Anti-Ödipus", ,,in Wahrheit ist die Sexualität überall", und die Zerrissenheit zwischen sexualisierter Obsession und neurotisch unterdrückten Wünschen führt zu Übertretungs-Lust: ,,Hitler brachte es zustande, dass den Faschisten einer stand – wie auch Fahnen, Nationen, Armeen ... viele Leute aufgeilen."

Wilhelm Reich erkannte, dass der Faschismus keine rein reaktionäre Bewegung war, sondern ,,er stellt ein Amalgam dar zwischen rebellischen Emotionen und reaktionären sozialen Ideen". Er spricht sowohl autoritäre Sehnsüchte an als auch antiautoritäre.

Die Psychoanalyse oder eine mit psychoanalytischen Kategorien operierende Gesellschaftstheorie hat zu vielen Aspekten der menschlichen Existenz Erhellendes zu sagen, nur leider auch sehr viel Widersprüchliches.

Sie durch strenge Naturwissenschaft – etwa Pharmazie oder die Erkenntnisse der Neurowissenschaften – zu ersetzen, klappt auch nicht so recht, denn die haben letztlich ,,sehr wenig über entscheidende Merkmale der menschlichen Existenz zu sagen, etwa über konfligierende Wünsche, die Instabilität von Bedeutungen oder die stets rätselhaften Beziehungen zwischen psychischer Innerlichkeit und sozialem Kontext", schreibt die US-amerikanische Historikerin Dagmar Herzog.

In ,,Cold War Freud" schreibt Herzog eine politische Geschichte der Psychoanalyse seit etwa den 1940er Jahren, also der Post-Sigmund-Freud-Ära. Es ist eine Geschichte von Freuds Lehre zwischen Anpassung und emanzipatorischen Angriffen auf die herrschenden Verhältnisse. Ein packendes Panorama. Unpolitisch war die Psychoanalyse nie. Für den Konservatismus war sie verdächtig, religiöse Frömmler fanden sie schier gotteslästerlich.

Wer das Individuum aus Zwängen befreien wollte, die es knechteten, fand sie dagegen fruchtbar. Und mit einem progressiven Zeitgeist war die Psycho-Wissenschaft sowieso eng verbunden: Sie wandte sich der Innerlichkeit der Subjekte zu. Als ,,jüdische" Wissenschaft war sie für Antisemiten ein rotes Tuch.

Umso erstaunlicher, was dann im Nachkrieg ab 1945 geschah. Aufgrund der Vertreibung war das Zentrum der psychoanalytischen Bewegungen von Europa in die USA verschoben worden. Und sie hat sich dort allmählich dem amerikanischen Zeitgeist der 40er und 50er Jahre angepasst. Radikalere Emigranten zogen den Kopf ein, um nicht aufzufallen.

Im Klima der McCarthy-Meinungsdiktatur war der Druck noch stärker, konservative und christliche Psychoanalytikerinnen gewannen ihrerseits an Gewicht in der Branche. Die Psycho-Mode verschaffte dem Freudianismus einen Aufschwung, zog ihm allerdings den gesellschaftskritischen Stachel – mehr und mehr war die Psychoanalyse auf ,,Selbstoptimierung sowie ,die Macht des positiven Denkens' ausgerichtet", so Herzog.

Thematiken wie Eros, Sexus, Libido wurden im Geist des Nachkriegskonservatismus unter den Teppich gekehrt. Herzog spricht von der ,,Entpolitisierung der amerikanischen Psychologie". Bis dann die rebellischen Sixties wieder alles veränderten.

Angepasste und homophobe Psychoanalytiker auf der einen, rebellische und emanzipatorische und Anhänger der sexuellen Revolution auf der anderen Seite lieferten sich wüste Gefechte. Streckenweise liest sich das Buch wie ein intellektueller Thriller voller bizarrer Paradoxien und wilder Neuerungen.

Die Nazis etwa hatten die ,,jüdische Wissenschaft" verdammt, doch gingen wesentliche Erkenntnisse in die Psychologie und die Psychiatrie ein, wurden auch populär (Konzepte von ,,Neurosen" oder ,,Komplexen" etwa). In der Nachkriegszeit haben deutsche, postfaschistische Psychologen mit freudianischen Begrifflichkeiten viele Gutachten in Entschädigungsverfahren erstellt.

Es wurde postuliert, dass ,,ein normaler Mensch" belastende Erfahrungen in sechs Monaten überwunden hätte, weshalb einem KZ-Überlebenden, der schwer misshandelt wurde, der alle seine Angehörigen verloren hatte, eine ,,hypochondrische Einstellung" attestiert wurde, statt einer schweren seelischen Verwüstung. Anderen wurde beschieden, es sei die Aussicht auf Opferrente, die dazu führe, ,,dass Menschen nicht gesund werden könnten". Da war von der ,,Flucht in die Krankheit" die Rede, weil diese ,,Krankheitsgewinn" brächte.

Häufig wurde argumentiert: Wer als Vierzigjähriger traumatisiert aus dem KZ kam, war wohl schon vorher verkorkst, da der Freud'schen Lehre entsprechend ja frühkindliche Erlebnisse und Prägungen für psychische Schäden verantwortlich seien. Entschädigungsanspruch läge deshalb keiner vor.

Die widersprüchliche Globalgeschichte der Psychoanalyse zeigt auch, wie der große Erfolg zu einem Fluch werden kann. Die Popularisierung versimpelte die Psychoanalyse als Gesellschaftstheorie, der Theoriepluralismus, die Aufsplitterung in heterogene Schulen trug zu einem gewissen Niedergang nach dem ,,Zenit des Einflusses" bei. Die Zentralität von Sexualität geriet etwas in den Hintergrund, und mit radikalem gesellschaftlichem Wandel stand auch die krankhafte Unterdrückung von Sexualität durch Spießigkeit und Konventionen weniger im Fokus.

In hedonistischen Gesellschaften sind Probleme entfremdeten Sexuallebens einfach andere. Konsumismus, verdinglichtes Begehren, der Aggressionstrieb, der emotionale Stil, die seelische Verwundetheit von Kolonisierten – die Psychoanalyse zerfaserte sich produktiv in eine schier endlose Liste von Thematiken.

So ist Herzogs Studie zu einer famosen Geschichte der letzten 80 Jahre Zeitgeist und Geistesleben geworden, von Frantz Fanon über Jacques Lacan, von Karen Horney über Alexander Mitscherlich bis Konrad Lorenz treten sie alle aus den Kulissen.


Aus: "Geschichte der Psychoanalyse: Erfolg und Fluch" Robert Misik (24.4.2024)
Quelle: https://taz.de/Geschichte-der-Psychoanalyse/!6003121/

https://taz.de/Sigmund-Freuds-Sexualitaet/!5346943/

https://taz.de/Psychoanalyse/!t5016762/

"Dagmar Herzog: Cold War Freud - Psychoanalyse in einem Zeitalter der Katastrophen"
Dagmar Herzog 2023 - Cold War Freud. Psychoanalyse in einem Zeitalter der Katastrophen.
Suhrkamp Verlag, Berlin, ISBN: 978-3-518-29993-7.
Die Wissenschaft des Unbewussten war stets politisch, auch dort, wo sie sich als unpolitisch entwarf.
https://kritisch-lesen.de/rezension/kalter-krieg-auf-der-couch


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Quote[...] "Der Kampf um die Wahrheit: Der Konflikt Israels mit den Palästinensern aus Sicht der Psychoanalyse"
Autor: Arn Strohmeyer, Verlag: Schäfer, Gabriele, Erscheinungsjahr 15.08.2019, 220 Seiten, ISBN: 9783944487700

Zu diesem Buch: Wie ist es möglich, dass ein Volk - genauer: dessen politischen Institutionen -, das in seiner Geschichte so viele Leiden durchgemacht hat – mit dem Holocaust als Gipfelpunkt – seit Jahrzehnten ein anderes Volk (die Palästinenser) mit einer rigorosen und immer gewalttätiger gewordenen Besatzungspolitik beherrscht und sich seit dem Sechstagekrieg 1966 an keine einzige der völkerrechtlich verbindlichen UN-Resolutionen hält?

Dass der Staat Israel diesem Volk die Menschen- und Bürgerrechte verweigert – Rechte, für deren Verwirklichung Juden in Europa lange an vorderster Front gekämpft haben? Dass die Israelis die Täter-Opfer-Rolle umgekehrt haben und die von ihnen unterworfenen Palästinenser als die ,,neuen Nazis" ansehen, die sie vernichten wollen? Wie ist es zu verstehen, dass die Israelis sich weigern, mit den Palästinensern Frieden zu schließen, obwohl sie als die stärkste regionale Militärmacht im Nahen Osten ohne Risiko die Möglichkeit dazu hätten? Das sind Fragen, auf die die Politik keine Antworten geben kann, weil sie nur psychologisch zu klären sind. Der Journalist und Autor Arn Strohmeyer hat diese Problematik mit psychoanalytischen Mitteln und Methoden untersucht. Er hat die Aussagen israelischer Psychoanalytiker über die Politik ihres Landes ausgewertet. Daraus ergibt sich ein ganz anderes, sehr aufschlussreiches Verständnis des Israel-Palästina- Konflikts als es die Medien vermitteln.

Der Autor: Arn Strohmeyer, Jahrgan 1942, geboren in Berlin. ist ein deutscher Journalist und Buchautor. Er wuchs in der DDR und später in Soest (Westfalen) auf. Nach dem Abitur in Göttingen studierte Strohmeyer Philosophie, Soziologe und Slawistik an der Universität Göttingen und anschließend an der Uni Bonn. Nach seinem Magisterexamen war er als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen und einer politischen Monatszeitschrift tätig. Als Autor beschäftigt sich Strohmeyer seit seiner Pensionierung schwerpunktmäßig insbesondere mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt, zu dem er mehrere Bücher und Beiträge veröffentlichte. (Quelle: nach Wikipedia)

Quelle: https://zentralbuchhandlung.de/shop/i/der-kampf-um-die-wahrheit-9783944487700-9452.html

... Arn Strohmeyer (* 1942 in Berlin) ist ein deutscher Journalist und Autor.  ... Strohmeyer beschäftigt sich seit seiner Pensionierung schwerpunktmäßig mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Dabei setzt er sich kritisch mit der Politik Israels gegenüber den Palästinensern auseinander, vertritt antizionistische Positionen und wurde in diesem Rahmen vom Bremer Bündnis gegen Antisemitismus als antisemitisch kritisiert. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Arn_Strohmeyer

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Quote[...] Der deutsche Journalist und Autor Arn Strohmeyer hat nach mehr als zwei Dutzend Büchern, einige auch zu Israel, es unternommen, prominente, meist israelische Psychoanalytiker um ihre Erklärungen zum Zustand Israels und zur Lösung des seit Jahrzehnten dort schwelenden Konflikts zu befragen.

Entstanden ist eine spannende, erhellende und gut lesbare Analyse der Gegenwart, der Vergangenheit und der Zukunft des äusseren und inneren Zustandes dieses Landes, das nur euphemistisch als Heiliges Land bezeichnet werden darf. «Der Kampf um die Wahrheit. Israels Politik gegenüber den Palästinensern aus der Sicht der Psychoanalyse» ist der Titel des schmalen, wichtigen Buches.

Mit folgenden drei Zitaten führt Strohmeyer ein in die Schilderungen der Analysen und Interpretationen bekannter Psychoanalytiker, aber auch Historiker, die den Regeln der Psychoanalyse folgen. Es sind dies Sigmund Freud, Erich Fromm, Benjamin Heit-Hallahmi, Ofer Grosbard, Ruchama Marton, Dan Diner, Moshe Zuckermann, Idith Zertal, Dan Bar-On, Judith Butler, Yehuda Elkana, Thea Bauriedl, Abraham Burg, Norman Finkelstein, Clemens Heni, Eva Illou, Margarete und Alexander Mitscherlich, Reuven Moskovitz, Peter Novick, Ilan Pappe, Dan Bar-On, Horst-Eberhard Richter und einige weitere.

Erich Fromm: «Die gründliche Erforschung des Unbewussten stellt einen Weg dar, die Menschheit in sich selbst und in jedem anderen menschlichen Wesen zu entdecken.»

Thea Bauriedl: «Je irrationaler die Politik, desto mehr brauchen wir die Psychologie des Unbewussten, um sie zu verstehen und zu verändern – und uns mit ihr.»

Fania Oz-Salzberger, Tochter des Schriftstellers Amos Oz: «Aus langsam wachsendem Irrsinn ist mittlerweile kompletter Wahnsinn geworden.»

[...] Die nachfolgende Zusammenfassung folgt im Wesentlichen einem Aufsatz von Arn Strohmeyer zu seinem Buch. Ich habe ihn leicht bearbeitet und gekürzt. ...

Das Judentum war von Beginn an in zwei Tendenzen gespalten: in ein partikularistisches Stammesdenken und in einen humanistischen Universalismus. Dies zeigt sich auch heute noch im Gegensatz zwischen dem radikal nationalistisch eingestellten Zionismus und dem sich an Menschenrechten und Völkerrecht orientierenden Teil des Judentums. «Wo Es war, soll Ich werden / Das Unbewusste soll bewusst werden», einer der Grundsätze der Lehre Sigmund Freuds, des geistigen Vater der Psychoanalyse, führt hinein in die nachfolgenden Ausführungen der verschiedenen Autoren. Dabei sind diese Denker vom radikalen zionistischen Standpunkt aus gesehen eigentlich Häretiker und Dissidenten, was jedoch den Reiz und die Faszination ihrer Argumentation ausmacht.

Nach der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 und schon davor zeigte sich diese Spaltung des Judentums in Partikularisten und Universalisten auch bei den Psychoanalytikern. Ein Teil ordnete sich den ideologischen Vorgaben des Zionismus unter, um so einen Beitrag zu Realisierung des Neuen Juden zu leisten. Die anderen, die universalistisch eingestellten Analytiker, blieben ihrer auf die ganze Menschheit bezogenen humanistischen Ausrichtung treu. Aus diesem Lager kommt denn auch die radikale Kritik an der zionistischen Ideologie, der Politik des Staates Israel und dessen Vorgehen gegen die Palästinenser.

Benjamin Beit-Hallahmi, einer der unerbittlichsten Kritiker des Siedlerkolonialismus, beschreibt die Politik Israels als zynisch, autoritär und reaktionär. Der Vorgang von Gewalt, Eroberung und Herrschaft ist in seinen Augen das Kennzeichen der israelischen Identität. Die Palästinenser sind die Leidtragenden. Die Zionisten betrachten diese als überschüssige Bevölkerung und sind bestrebt, sich von ihr zu befreien, wobei ihnen jedes Mittel Recht ist.

Die Palästinenser sind für die Zionisten eigentlich gar nicht vorhanden, kommen in ihren Plänen nicht vor. Man muss sie bekämpfen wie die Malaria. Wer so brutal vorgeht wie sie, muss eine Rechtfertigungs- und Verteidigungsstrategie entwickeln, um so die eigenen Untaten zu verschleiern. Dafür setzt Israels die Propaganda, vor allem den Antisemitismusvorwurf und die Instrumentalisierung des Holocaust, ein, und würgt so jede rationale Diskussion über seine Politik ab.

Der israelische Analytiker Ofer Grosbard, bekannt durch sein Buch «Israel auf der Couch», konstatiert als Grundgefühl der israelischen Existenz die Angst, die bis zur Paranoia führt und ein Ergebnis der jüdischen Leidensgeschichte ist, die im Holocaust gipfelte. Die Folge ist ein Gefühl ständiger Bedrohung, auch wenn diese real nicht vorhanden ist. Der Paranoide schwankt zwischen Unsicherheit und Angst einerseits und Selbstgerechtigkeit, dem Gefühl der Einzigartigkeit und Auserwähltheit, Überheblichkeit und Arroganz auf der andern Seite. Wenn die schlimmen Erinnerungen aus der Vergangenheit in der Gegenwart immer präsent sind, kann der Paranoide den Anderen, den Palästinensern, nie wirklich begegnen, ohne das Gefühl der Bedrohung auf diese zu übertragen.

Das heisst, dass er die Schuld für sein Handeln nie bei sich suchen kann, sondern nur bei den Andern. Die Welt ist für ihn in gut und böse gespalten. Die aus einem solchen psychischen Zustand sich ergebende Aggressivität der israelischen Politik, für die der Krieg gegen die Palästinenser und ihre Unterdrückung der Normalzustand sind, wird immer als Selbstverteidigung dargestellt. Das ist für Grosbard der Ausgangspunkt der Tragödie. Aufgrund seiner paranoiden Haltung versteht Israel nur die Sprache der Gewalt, die Sprache des Friedens ist ihm verschlossen.

Die israelische Analytikerin Ruchama Marton, die für die Gründung der Vereinigung Ärzte für Menschenrechte den Alternativen Nobelpreis erhalten hat und die BDS-Bewegung für Boykott, Sanktionen und Desinvestment offiziell unterstützt, steuert zum Komplex der Israel-Politik in psychoanalytischer Sicht einen weiteren Aspekt bei: Sie deutet die Mauer, die Israel gebaut hat, um sich von Palästinensern zu separieren, als metaphorische Blende. Dieses monströse Bauwerk ist für die Israelis ein Symbol der Trennung und Absonderung von den Andern, den Wilden, Unzivilisierten, mit denen man nichts zu tun haben will.

Dieser Haltung liegt der psychologische Mechanismus der seelischen Spaltung zugrunde. Man spaltet die äusseren wie die inneren Aspekte des guten Selbst vom bösen Selbst ab und überträgt die ungeliebten Anteile des eigenen Selbst auf die Andern, also die Palästinenser. Und damit wird der Staat zum Apartheidstaat.

Der deutsch-jüdische Historiker Dan Diner zeigt einen weiteren Aspekt der israelischen Psyche auf: Die Israelis verleugnen das wirkliche Geschehen in Israel-Palästina, beispielsweise die durch den gewalttätigen Siedlerkolonialismus herbeiführte Unterdrückung eines ganzen Volkes, und ersetzen es durch Deutungen, die sie aus früheren Leidenserfahrungen ihres Volkes ableiten.

Die Palästinenser sind in dieser Projektion die neuen Nazis, die Israels Existenz bedrohen und aus einer antisemitischen Motivation heraus das Vernichtungswerk der Nazis fortsetzen und Israel beseitigen wollen. Dies ist eine völlige Verkehrung der wirklichen Situation, weil sie die Rollen von Opfer und Täter im Palästina-Israel-Konflikt vertauscht. Hier liegt ausserdem das bekannte Phänomen der Wiederkehr des Verdrängten vor. Da die eigene Vergangenheit nicht wirklich verarbeitet wurde, ist sie in der Gegenwart ständig präsent und zwingt zu Wiederholungen.

Die amerikanisch-jüdische Philosophin Judith Butler sieht nur einen Weg aus dem Dilemma der Zionisten: ihre eigne Vergangenheit so durchzuarbeiten, dass das Damals nicht ständig in das Heute eingreift, die Vergangenheit nicht die Gegenwart beherrscht. Erst dann kann die verzerrte Wahrnehmung der Gegenwart überwunden, der Andere wirklich wahrgenommen werden und würde Frieden erst möglich.

Seit Jahrzehnten streiten Israeli und Palästinenser nicht nur um das Recht auf das Land, sondern auch um das richtige historische Narrativ. Denn ein Friede kann nicht einfach dadurch geschaffen werden, dass die Palästinenser den Status quo und damit die Realität Israels bedingungslos anerkennen, ohne nach der Vorgeschichte der Entstehung dieses Staates und nach den Tatsachen zu fragen, die der Zionismus gegen den Willen der Palästinenser geschaffen hat.

Nicht nur Geschichtswissenschaftler – wie die Neuen Historiker Tom Segev, Ilan Pappe, Benny Morris oder Avi Shlaim – suchen ihre Wahrheit über Israel und belegen sie Stück um Stück mit Fakten und Zahlen; auch die Psychoanalytiker – was dieses Buch vortrefflich belegt – helfen mit, diese Fakten und Zahlen über Israel zu deuten und nach deren Sinn zu fragen; beide zusammen sind wichtig und zielführend.

Mit Resignation und gleichzeitig Hoffnung glaube ich persönlich beim Thema Israel an den berühmten Satz von Dschaelal ed-din Rumi, des Sufimeisters aus dem 13. Jahrhundert: «Die Wahrheit ist ein Spiegel, der vom Himmel gefallen ist, er ist in tausend Stücke zersplittert, jeder besitzt einen kleinen Splitter und glaubt, die ganze Wahrheit zu besitzen.»

Arn Strohmeyer: Der Kampf um die Wahrheit. Der Konflikt Israels mit den Palästinensern aus der Sicht der Psychoanalyse, Beiträge zur Internationalen Politik, D. 14, 217 Seiten, Gabriel Schäfer Verlag, Herne 2019. ISBN 978-3-944487-70-0. Die 2. Auflage erscheint im Mai 2020.

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Aus: "Über Israels Befindlichkeit" Hanspeter Stalder (30. April 2020)
Quelle: https://seniorweb.ch/2020/04/30/ueber-israels-befindlichkeit/

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Quote[...] Thomas Mann bescheinigte der Psychoanalyse 1929 in seiner ersten großen Rede über Sigmund Freud die Bedeutung einer ,,Weltbewegung", von der ,,alle möglichen Gebiete des Geistes und der Wissenschaft sich ergriffen zeigten". Die Psychoanalyse sei ,,einer der wichtigsten Bausteine, die beigetragen worden sind zum Fundament der Zukunft, der Wohnung einer befreiten und wissenden Menschheit." Solche Lobreden auf Freud und die Psychoanalyse finden sich bei Schriftstellerinnen und Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zuhauf. Höchst umstritten war die Psychoanalyse unter ihnen gleichwohl.

Die literarische Moderne zeigte sich an der Psychoanalyse interessiert, seit diese existierte, zuerst in Wien, spätestens seit 1910 in allen anderen deutschsprachigen Zentren des literarischen Lebens, seit den zwanziger Jahren in ganz Europa und in den USA. Viele Autoren der Moderne waren durch ihre psychologische, medizinische oder psychiatrische Ausbildung für die Rezeption der Psychoanalyse geradezu prädestiniert: Robert Musil, Alfred Döblin (der sich selbst zeitweilig als einen ,,Psychoanalytiker" bezeichnete) und vor allem Arthur Schnitzler. Andere kamen als Patienten mit der Psychoanalyse in engste Berührung: Hugo von Hofmannsthal, Hermann Hesse, Arnold Zweig, Hermann Broch oder Robert Musil.

Als 1930 in Frankfurt hinter den Kulissen heftig darum gestritten wurde, wer den Goethe-Preis erhalten sollte, war es vor allem den Repräsentanten der literarischen Moderne, namentlich Alfred Döblin, zu verdanken, dass Freud die Auszeichnung erhielt. Von erheblicher Bedeutung war, dass in der zweiten Sitzung der Jury ein Antrag auf Verleihung des Nobelpreises an Sigmund Freud verlesen wurde. Dreißig Schriftsteller hatten ihn unterzeichnet, auch Thomas Mann, obwohl seine persönlichen und literarischen Beziehungen zu Freud durchaus ambivalent waren. Die Lektüre von Freuds Essays Zeitgemäßes über Krieg und Tod hatte Spuren in der während des Krieges begonnenen Arbeit am Roman Der Zauberberg hinterlassen. Sogar jener Schlüsselsatz, der als einziger im Druck hervorgehoben ist, greift die Essays zum Teil wörtlich auf. ,,Wäre es nicht besser, dem Tode den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen, der ihm gebührt", hatte Freud geschrieben. Thomas Mann modifizierte den Satz im Zauberberg-Roman so: ,,Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken."

Es geht hier um Herrschaftsansprüche und um deren Zurückweisung. ...

Im Zauberberg reagiert Hans Castorp auf die Konfrontationen mit Krokowski mit Symptomen unkontrollierte Emotionen, die zu zentralen Gegenständen der Psychoanalyse gehören, zunächst mit Lachen und Tränen: ,,Was treibt er? Seelenzergliederung? Das ist ja widerlich!", ruft er laut nach den Informationen seines Vetters. Und ,,nun nahm seine Heiterkeit überhand. Er war ihrer gar nicht mehr Herr, nach allem andern hatte die Seelenzergliederung es ihm vollends angetan, und er lachte so sehr, daß die Tränen ihm unter der Hand hervorliefen, mit der er, sich vorbeugend, die Augen bedeckte." Literarisch vorgeführt werden hier Bestandteile von Freuds Lachtheorie, die das Lachen als abrupte Freisetzung libidinöser Energien begreift, die sich der Kontrolle durch das Bewusstsein entziehen. ,,Er war ihrer gar nicht mehr Herr" ist vermutlich eine Anspielung auf die berühmt gewordene Formulierung in Freuds Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (1916/17) mit der Beschreibung der Kränkung, dass das Ich ,,nicht einmal Herr ist im eigenen Hause". Wenn von den Tränen die Rede ist, die ,,ihm unter der Hand hervorliefen", operiert der Autor weiterhin mit psychonalytischem Wissen über Symbolisierungen sexueller Inhalte. Mit Castorps Wort ,,widerlich" liefert der Text darüber hinaus eine Illustration dessen, was Freud als ,,Widerstand" gegen die Psychoanalyse beschrieben hat. Die Schilderung von Castorps unkontrollierbarem Lachen bestätigt die Annahmen jener Disziplin, gegen die Castorp sich zunächst wehrt.

... Die sich in der Psyche abspielenden Kämpfe, deren Darstellung in der damaligen literarischen Moderne weit verbreitet war, betreffen nicht nur Krokowski und Castorp, sondern die ganze Zauberberg-Gesellschaft und auch die Konflikte zwischen den Personen in ihr. Antagonisten sind vor allem Settembrini als Repräsentant aktiver Aufgeklärtheit und der gegenaufklärerische Naphta, der ihn als Zivilisationsliteraten verspottet. Settembrini wiederum hat gegenüber Krokowski und der Psychoanalyse eine zwiespältige Einschätzung. Auf die Frage ,,Sind Sie schlecht auf die Analyse zu sprechen?" antwortet Settembrini: ,,Sehr schlecht und sehr gut, beides abwechselnd". Die Psychoanalyse sei gut als ein ,,Werkzeug der Aufklärung und der Zivilisation", das ,,dumme Überzeugungen erschüttert", ,,die Autorität unterwühlt" und ,,Knechte reif macht zur Freiheit". Sie sei schlecht, ,,insofern sie die Tat verhindert, das Leben an den Wurzeln schädigt, unfähig, es zu gestalten". Weniger ambivalent ist Thomas Manns Einschätzung der Psychoanalyse und ihres Repräsentanten im eigenen Roman. Dr. Krokowski sei zwar ,,ein bißchen komisch", erklärte er 1925 über Mein Verhältnis zur Psychoanalyse. ,,Aber seine Komik ist vielleicht nur eine Schadloshaltung für tiefere Zugeständnisse, die der Autor im Inneren seiner Werke der Psychoanalyse macht."

... Nach der Veröffentlichung des Romans hat ebenfalls Thomas Manns Umgang mit Freud eine Wendung genommen. Motiviert wohl auch durch die abgeschlossene Arbeit am Zauberberg, beginnt Thomas Mann danach eine intensivere Lektüre von Freuds Schriften, schreibt über ihn immer mehr, wechselt mit ihm Briefe und gehört, wie schon erwähnt, 1930 zu den dreißig Schriftstellern, die einen Antrag auf Verleihung des Nobelpreises an Sigmund Freud unterschreiben. Freuds Position bei der Analyse der Kämpfe in der Psyche der Menschen entwickelt das Konzept eines integrativen, selbstreflexiven Ich, das die Ansprüche des Es, der Realität und des Über-Ich gleichsam pazifistisch auszugleichen versucht. Dem schließen sich Thomas Manns Aufsätze über ihn weitgehend an. Und auch schon Der Zauberberg steht ihm darin nah.

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Aus: "Der Seelenzergliederer Dr. Krokowski in dem vor 100 Jahren erschienenen Roman ,,Der Zauberberg" - Thomas Manns Auseinandersetzungen mit der Psychoanalyse" Thomas Anz (2024)
Archiv / Frühere Ausgaben / Nr. 11, November 2024 / Schwerpunkt: 100 Jahre "Der Zauberberg"
Quelle: https://literaturkritik.de/dr-krokowski-in-dem-vor-100-jahren-erschienenen-zauberberg-von-thomas-mann,30936.html

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Quote[...] Vor 150 Jahren kam der Schriftsteller Thomas Mann in Lübeck zur Welt. Zum Jubiläum spürt das St. Annen Museumsquartier in seiner Heimatstadt den Motiven des berühmten Romans ,,Der Zauberberg" in Vergangenheit und Gegenwart nach.

... die Kuratorinnen, Barbara Eschenburg und Buddenbrookhaus-Direktorin Caren Heuer, wagen ein Experiment: Sie destillieren und dampfen Manns Meisterwerk radikal ein, um es für ein breites Publikum mit Bezügen zur Gegenwart lesbar zu machen.

Wie eine Epoche in der kollektiven Missachtung der Realitäten in einen Krieg rauscht. Wie sich Moderne, Todessehnsucht und zahllose Ressentiments zu einer tödlichen Mischung verbinden, während ,,Zauberberg"-Protagonist Hans Castorp weltflüchtige Nabelschau betreibt, steht im Zentrum dieser immersiven Schau.

... Der Trend zum Okkulten als Gegenbewegung zur physischen Durchleuchtung ist ebenso Thema wie Castorps Affäre mit Madame Chauchat oder seine Gespräche mit anderen Patienten über Politik, Psyche und das eigene Ende.

Inmitten einer kränkelnden Gesellschaft, die im Sanatorium umsorgt und zugleich auf vielfältige Art diszipliniert wird, relativiert sich jedoch vor allem die Zeit.

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Aus: "Lübecker Ausstellungen umkreisen Thomas Manns ,,Zauberberg": Krähen im Sanatorium" Christiane Meixner (11.02.2025)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/lubecker-ausstellungen-umkreisen-thomas-manns-zauberberg-krahen-im-sanatorium-13169698.html

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Quote[...] Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa wurde 1936 in Peru geboren und lebt seit bald drei Jahrzehnten in Madrid. Aus dem Spanischen übersetzt von Carsten Regling.

[...] Vor dem Zweiten Weltkrieg war Wien, die einstige Hauptstadt der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, eine der interessantesten Städte Europas. Was bildende Kunst und Wissenschaft betraf, galt sie als eines der kreativsten urbanen Zentren des alten Kontinents. In wirtschaftlicher Hinsicht hatte man sich für einen radikalen Liberalismus entschieden, der die libertären Forderungen verteidigte und sie kompromisslos auf die Spitze trieb. Und in einem anderen Bereich war – auf ausdrücklichen Wunsch ihrer Mitglieder abseits der Öffentlichkeit – die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (später in Internationale Psychoanalytische Vereinigung umbenannt) gegründet worden.

Während sie im Inneren für kontroverse und polemische Auseinandersetzungen sorgte, eroberte sie zur selben Zeit relativ unbemerkt immer mehr Städte und Länder.

[...] Während auf der Strasse die Vorurteile gegenüber den Juden immer mehr zunahmen, diskutierte in der Stadt eine Gruppe von angesehenen Wissenschaftern über eine neue Dimension des Lebens, die bis dahin noch nicht jene Resonanz gefunden hatte, die sie in späteren Jahren erhalten würde. Es handelte sich um eine neue, vom Unbewussten repräsentierte Ordnung, die sich der Lebenswelt und allem bis dahin Bekannten entzog, eine aus unterdrückten Träumen, unaussprechlichen Phantasien und launenhaften Wahrheiten hergestellte Rückseite des Bewusstseins.

Die Wirklichkeit dieses stets unerwarteten Unbewussten schuf eine radikale Distanz zwischen der offiziellen Kultur und einer fast geheim agierenden Gruppe von Ärzten, die schwer zu beweisende Theorien zu einer wesentlichen Realität des individuellen Lebens und einer unbestreitbaren Tatsache der menschlichen Erfahrung erklärten.

Auch wenn kulturelle Errungenschaften immer einen vielfältigen Ursprung haben, ist es keine unangemessene Behauptung, dass das Phänomen der Psychoanalyse in Wien geboren wurde. Ebenso ist es offensichtlich, dass jene vom Unbewussten verkörperte Realität oder Irrealität zur selben Zeit entstand, in der eine bestimmte Gesellschaft im Begriff war, sich politisch einer fanatischen und niederen, aus alten Vorurteilen und Unwahrheiten bestehenden Doktrin zu unterwerfen. Es war dieselbe Gesellschaft, in der Kunst und Wissenschaft dank einer offenen Politik eine ausserordentliche Blütezeit erlebten und neue Stimmen und Erfindungen eine Chance erhielten.

Bis heute gibt es Wissenschafter, die an der Existenz des Unbewussten zweifeln, und sein Wesen hat weiterhin etwas Beunruhigendes, impliziert es doch eine Realität, die nicht existiert. Doch diese Verunsicherung hat nachgelassen, und die relative Gelassenheit dem Unbewussten gegenüber ist mittlerweile Teil unserer Lebenswelt. Man könnte sagen, dass diejenigen, die das Unbewusste in der Vergangenheit am wenigsten zur Kenntnis nahmen, sich damit abgefunden haben, seine Evidenz zu akzeptieren, auch wenn sie im Grunde weiter an ihr zweifeln.

Trotz dem Unverständnis vieler Wissenschafter bei seiner Geburt existiert das Unbewusste, und ein Grossteil der Fachliteratur anerkennt seine Daseinsberechtigung. Die Wirklichkeit hat es belegt, auch wenn sich nach wie vor viele Wissenschafter weigern, ihm einen wie auch immer gearteten Sinn zuzugestehen. Hatte seine nie ganz geklärte Entstehungsgeschichte mit dem Charakter einer «halben Wirklichkeit» zu tun, der ihm eigen ist? Mit Sicherheit, doch das ist ein so schwieriges Thema, dass viele es noch immer nicht angehen wollen.

In einem problematischen und kontroversen Moment entstanden, existiert das Unbewusste noch immer nur halb, wie ein Verweis. Viele sind weiterhin nicht überzeugt von seiner Existenz und nehmen es hin, wie man den Tag oder die Nacht hinnimmt, und das auch nur, weil es nicht anders geht. In extremen Fällen gar wie eine Wahrheit, die sich einem auf aussergewöhnliche und schwer fassbare Weise aufzwingt.

Seine Existenz wird immer aufsehenerregend sein, als spielte es eine entscheidende Rolle, dass das Unbewusste unter schwierigen und unübersichtlichen Umständen geboren wurde, zumal in einer Gruppe, die nie von allen anerkannt werden wird, zumal sie sich spaltete und sogar verschwand. Daran ändert auch nichts, dass ihre berühmte Vergangenheit bis heute nachwirkt.

Wer glaubt heute noch, das Unbewusste sei der geheime Stoff, aus dem die Menschen gemacht seien, und dass dieser Stoff ihre primäre Wirklichkeit sei? Nur wenige, auch wenn ein Grossteil der Wissenschaft sich ihm unterordnet und in ihm eine Bestätigung findet. Hat sein Schicksal etwas damit zu tun?

Mit der Tatsache etwa, dass das Unbewusste in Wien in einem Moment geboren wurde, in dem es schon kurz darauf wieder weggedrängt wurde: hinweggefegt von einem Ereignis, das jede wissenschaftliche Wahrheit innerhalb weniger Jahre einer fanatisierten und von Hass erfüllten Wirklichkeit opferte und zum Schweigen brachte. Eine andere Wahrheit sollte sie ersetzen. Wäre das Unbewusste in England oder Frankreich und nicht in Wien geboren worden, gäbe es nicht so viele Zweifel. Seine Existenz scheint durch den Ort seiner Entstehung determiniert.

Trotz allem wagt es niemand, das Unbewusste offen zu leugnen. Die Skepsis ihm gegenüber kann ihm nichts anhaben, denn oft genug ist es belegbar. Es zeigt sich oder lässt sich hinter vielen Aspekten des Lebens vermuten, auch wenn seine Existenz in anderen Bereichen grosse Zweifel aufwirft, da es nicht so offensichtlich ist, wie es Sterne oder Steine sind, also nicht die Eigenschaften besitzt, mit der andere Wirklichkeiten sich behaupten.

Seine Wahrheit ist verzerrt und offenbart sich auf indirekte Weise, als hinge sie von anderen Wirklichkeiten ab und klammerte sich an sie, als wäre sie ein integraler Bestandteil von ihnen. Das Unbewusste ist so, es ist eine Wirklichkeit, an der immer Zweifel bestehen werden, als wäre ihr ferner Ursprung Teil von ihr und ihr Wesen stets prekär.

Und dennoch wären die Menschen ohne das Unbewusste weniger frei. Das Aussergewöhnliche daran ist, dass es nirgendwo sonst existiert. Ist es diese Unbestimmtheit, die uns ausmacht? Vielleicht, und es ist ebenfalls nicht auszuschliessen, dass es seine Geburt unter so widrigen Umständen ist, die sein offenes und freies Wesen verschleiert. Denn während es entdeckt wurde, kam es zugleich zu den schlimmsten Exzessen der Barbarei. Und das sich selbst verleugnende Europa bestaunte, welche herausragenden Paten es hatte. Die Wirklichkeit des Unbewussten ist eine Wahrheit, die nicht eindeutig ist und die dennoch immer unerschütterlich sein wird, damit man gerade dann, wenn es ausser ihr nichts mehr geben sollte, auf sie zurückgreifen kann.


Aus: "In Wien wurde das Unbewusste entdeckt – und zur gleichen Zeit begann sich der Nationalsozialismus auszubreiten" Mario Vargas Llosa (2022)
Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/mario-vargas-llosa-ueber-sigmund-freud-und-das-unbewusste-ld.1698047

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#19
Quote... Die Innovation Freuds lag sicherlich darin ... die Logik des Unbewussten zu begreifen und zu nutzen, um daraus das Prinzip seiner Forschung abzuleiten. ... Das Unbewusste manifestiert sich ohne Zutun, man braucht es nicht zu suchen, sondern man muss es erkennen, dort wo es sich zeigt. Man muss dazu die eigenen Überzeugungen überwinden können, man muss fähig sein, sowohl für die Spekulation als auch die Phänomene der Wahrnehmungswelt bereit zu sein, ohne gleichzeitig sich von den eigenen Spekulationen wie auch den beobachtbaren Phänomenen restlos überzeugen zu lassen. ...

Aus: "Die Verwerfung bei Freud und Lacan" Georg Augusta (Universität Wien, PDF 236 Seiten, 2005)
Quelle: https://services.phaidra.univie.ac.at/api/object/o:1308004/download