Author Topic: Umweltschutz | Naturschutz | Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)  (Read 14250 times)

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Umweltschutz | Naturschutz | Umweltgefährliche Stoffe (Ökotoxikologie)
« Reply #60 on: May 31, 2021, 01:58:03 PM »
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[...] Am 20. Mai berieten die EU-Handelsminister im Rahmen des Rates für Auswärtige Angelegenheit über das EU-Mercosur-Abkommen. Derzeit unterstützt die Bundesregierung die Bestrebungen der EU-Kommission, das umstrittene Vorhaben durch ein Zusatzabkommen zu retten. Dagegen protestiert ein Bündnis aus Umweltschutz-, Landwirtschafts- und Menschenrechtsorganisationen. In einem gemeinsamen Aufruf forderten die Organisationen die Bundesregierung auf, das geplante Handelsabkommen mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay zu stoppen.

Mit dessen Inkrafttreten werden nicht nur die billigen Fleischimporte befeuert und weiterhin Regenwald zerstört, sondern europäischen Herstellern von Pestiziden werden auch bessere Absatzmärkte verschafft. Über Laboranalysen konnte die Umweltorganisation Greenpeace nachweisen, dass die in der EU verbotenen Wirkstoffe über das Obst nach Deutschland zurückkommen.

Im April und im Mai diesen Jahres hatte ein Greenpeace-Team Mangos, Limetten, Papayas, Melonen und Feigen aus Brasilien in Discountern und Supermärkten und Feinkostläden in ganz Deutschland eingekauft. Anschließend wurde das Obst in einem akkreditierten, unabhängigen Labor auf Rückstände von Schadstoffen untersucht. Das Ergebnis war alarmierend: Von 70 getesteten Papayas, Mangos, Melonen, Limetten und Feigen enthielten 59 Proben Rückstände von insgesamt 35 verschiedenen Pestizidwirkstoffen.

Mehr als die Hälfte der Proben war mehrfach belastet, auf manchen fanden sich bis zu neun verschiedene Pestizide. Vier Proben überschritten die zulässigen Höchstmengen. Analysiert wurden sowohl die Schale als auch das Fruchtfleisch. Darüber hinaus fanden sich in den Proben vier Desinfektionsmittel und 21 Wirkstoffe, die auf der Liste der giftigsten Pestizide der Organisation PAN (Pesticide Action Network International) vom März 2021 in der Kategorie "hoch gefährliche Pestizide" (Highly Hazardous Pesticides, kurz: HHP) geführt werden. Lediglich elf von 70 Früchten waren pestizidfrei. Elf der gefundenen Wirkstoffe sind in der EU nicht erlaubt. Einige werden von Bayer beziehungsweise von BASF vertrieben.

Mit 41 Prozent stellten Insektizide und Akarizide den größten Teil der nachgewiesenen Pestizide, dicht gefolgt von den Fungiziden mit 38,5 Prozent. Insektizide sind für fast alle Insekten tödlich, auch für Nützlinge, wie zum Beispiel Bienen. Auch für Menschen sind Fungizide und Insektizide gefährlich. Dabei hängt der Grad der Gefährlichkeit nicht nur von den gefundenen Rückstandsmengen und deren Giftigkeit ab. Entscheidend ist auch, ob sich in der Schale oder im Fruchtfleisch Rückstände finden. Ungeklärt ist noch, ob sich bei Mehrfachbelastungen in einer Probe die gesundheitlichen Auswirkungen gegenseitig beeinflussen.

Sieben der gefundenen Wirkstoffe finden sich in Produkten, die die BASF in Brasilien vertreibt. Zwölf Wirkstoffe sind in Handelspräparaten von Bayer in Brasilien zugelassen, darunter solche, die als hochgefährlich eingestuft werden und in der EU nicht zugelassen sind. Insgesamt 19 der festgestellten Wirkstoffe werden sowohl von Bayer als auch von der BASF in Brasilien vertrieben.

Mehr als zwei Drittel der Wirkstoffe, die deutsche Unternehmen in Brasilien verkaufen, sind als hochgefährliche Chemikalien einzustufen. In den armen Ländern Südamerikas vergiften sie Böden und Wasser, töten Pflanzen und Tiere - und gefährden die Gesundheit der Menschen, die ihnen ausgesetzt sind. Von den insgesamt 16 EU-Mitgliedsländern, die im Jahr 2019 Pestizide im Wert von mindestens 915 Millionen Euro in die Mercosur-Länder exportierten, liegt Deutschland immerhin auf Platz Drei der Top-Exporteure.

BASF und Bayer wiesen die Vorwürfe weit von sich: Alle Pflanzenschutzprodukte würden ausführlich getestet, evaluiert und von den Behörden auf Basis der in den jeweiligen Ländern geltenden offiziellen Richtlinien zugelassen, bevor sie verkauft werden. So verkaufe die BASF die Pflanzenschutzmittel nur, wenn sie die Anforderungen des internationalen Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erfüllten, wird eine BASF-Sprecherin in der Frankfurter Rundschau zitiert.

Bayer verkaufe bereits seit 2012 keine Pflanzenschutzmittel mehr, die von der WHO als "besonders toxisch" eingestuft seien. Man habe sich seit 2016 dazu verpflichtet, nur Pflanzenschutzprodukte zu vertreiben, deren Wirkstoffe in mindestens einem OECD-Industrieland registriert sind. Zudem verfüge Brasilien über strenge Zulassungsbestimmungen. So seien zahlreiche in Brasilien verbotene Pflanzenschutzmittel in der EU zugelassen.

Auch andere Chemiekonzerne wie Syngenta sind gut im Geschäft - zum Beispiel in Indien. Offiziell erfolgen Herstellung und Export gefährlicher Pestizide unter hohen Sicherheitsauflagen. Chemikalien würden "verantwortungsbewusst" und unter den richtigen Vorsichtsmaßnahmen eingesetzt, durch Befolgen aller Anweisungen, dem Tragen persönlicher Schutzausrüstungen sowie ordnungsgemäßer Lagerung, Anwendung und Entsorgung. Doch viele Landwirte können die Sprache, in der die Etiketten gedruckt sind, nicht lesen. So fehlt ihnen zum Einen schlicht die Information über die Gefahren. Zum Andern fehlt häufig die notwendige Schutzausrüstung.

Zum Beispiel in Yavatmal im indischen Bundesstaat Maharashtra: Hier leben tausende arme Bauern mit geringer Schulbildung vom Baumwollanbau. Zwischen Juli und Oktober 2017 hatten sich in Vidarbha, einer Region im Osten von Maharashtra, mehr als fünfzig Männer beim Ausbringen von Pestiziden tödlich vergiftet. Insgesamt sollen in Yavatmal mehr als 800 Bauern oder Landarbeiter wegen akuter Vergiftungen ins Spital eingeliefert worden sein, nachdem sie Pestizide versprüht hatten. Mehrere Hundert von ihnen erblindeten vorübergehend. Mindestens 65 Menschen starben infolge des Versprühens von Insektiziden. Genutzt hatten sie das Produkt "Polo" - allein oder im Mix mit anderen Produkten.

Grundlage des Insektizids ist der Wirkstoff Diafenthiuron, der als Gefahr für die menschliche Gesundheit eingestuft wird. Er kann bereits beim Einatmen Organschäden verursachen. Wegen der schädlichen Auswirkungen auf menschliche Gesundheit und Umwelt wurde das Produkt in der Schweiz vom Markt genommen und auf der Liste der verbotenen Pestizide aufgeführt. Dennoch wird es von der Hersteller-Firma Syngenta in andere Länder weiterverkauft.

Ein Team der konzernkritischen Schweizer Organisation Puplic Eye kam nach einer Befragung von Betroffenen vor Ort zu dem Schluss, dass viele der Baumwollbauern das Syngenta-Pestizid Polo in Kombination mit unterschiedlichen anderen Insektiziden, Fungiziden, Wachstumsreglern versprüht hatten. Welche spezifische Substanz oder welche Kombination von Substanzen zu welchen Teilen für ihre Vergiftungen verantwortlich war, war im Nachhinein nicht mehr nachzuvollziehen.

Das bedeutet keinesfalls, dass das Produkt Polo harmlos ist, wie sich im Fall von Hiroman Soyam zeigt: Der Bauer hatte das Produkt in Reinform mit Wasser angerührt. Am nächsten Tag wachte er mit geschwollenem Gesicht, Brustschmerzen, Fieber und Durchfall auf. Nach mehrtägiger Behandlung im Krankenhaus ist er bis heute zu schwach zum Arbeiten.

Immer wieder kommt es in Indien zu Vergiftungen durch Pestizide, erklärt Dr. Narasimha Reddy. So kamen 2002 in Warangal im Staat Telangana etwa 50 Bauern ums Leben. Rund 500 Menschen mussten im Krankenhaus behandelt werden. Verantwortlich sind multinationale Agrarkonzerne, die diese Produkte vermarkten. Die Konzerne haben damals genauso weggeschaut wie die indische Regierung im Fall der Tragödie, die sich in Yavatmal abspielte, erklärt der Direktor des Pesticide Action Networks India.

Es gebe keinen sicheren Weg, die Giftstoffe auszubringen. In Indien liegen die Felder direkt neben den Siedlungen. Selbst wenn die Bauern durch Schutzanzüge geschützt wären, geraten die Giftstoffe in den Wasserkreislauf. Ein Verbot wäre die einzige Lösung. Nur abschreckende Strafen können multinationale Firmen daran hindern, mit Falschbehauptungen und auf Kosten von Leben und Nachhaltigkeit Profit zu erwirtschaften, glaubt Kavitha Kuruganti, die nach der Vergiftungswelle in der Region eine Recherche nach den Ursachen angestoßen hatte. Längerfristig müsse sich Indien von der Chemie in der Landwirtschaft verabschieden, fordert die indische Landwirtschaftsaktivistin und Sprecherin der "Allianz für nachhaltige und ganzheitliche Landwirtschaft". Die indischen Bauern kämen auch ohne die Produkte von Syngenta gut zurecht.

Der Wirkstoff Paraquat ist im Unkrautvernichter Gramoxone enthalten und wird, seit dieser von der britischen Firma Imperial Chemical Industries (ICI) 1962 auf den Markt gebracht wurde, auf Reisfeldern in allen Weltregionen ausgebracht. ICI gehört seit den 1990er Jahren zu Zeneca und ist seit 2000 ein Teil von Syngenta. Obwohl die Verwendung des Herbizids sowohl in Grossbritannien wie in der Schweiz verboten ist, exportiert der Schweizer Konzern jedes Jahr Tausende Tonnen Paraquat aus seinem Werk in Nordengland.

Glaubt man Michael Eddleston, Professor für klinische Toxikologie an der Universität Edinburgh, verstarben im Laufe der letzten Jahrzehnte zehntausende Menschen in Ländern aller Weltregionen an Paraquat. Die Beigabe eines Brechmittels konnten die tödlichen Vergiftungen nicht verhindern. Doch Syngenta und seine Vorgänger ignorierten wiederholt die Warnungen ihrer eigenen Wissenschaftler, kritisiert Public Eye. Sie lehnten die flächendeckende Einführung von sichereren Paraquat-Produkten vehement ab, weil sie darin keine wirtschaftlich akzeptable Lösung sahen. Mittlerweile reichte eine Gruppe von Bauern und Bäuerinnen in den USA, die Paraquat für ihre Parkinsonerkrankung verantwortlich machen, eine Klage gegen den Hersteller Syngenta ein.

Mit dem Handel von Pestiziden machen Chemiekonzerne weltweit große Geschäfte. Gleichzeitig werden Jahr für Jahr Millionen Menschen weltweit Opfer von Pestizidvergiftungen. Die Gifte belasten nicht nur Böden und Gewässer, sondern schaden vor allem auch den Menschen, die sie anwenden. Sie schwächen bestäubende Insekten wie Bienen, die insbesondere durch Neonikotinoide gefährdet sind. Ist der Organismus der Biene einmal durch Agrochemikalien geschwächt, haben Varroamilben leichtes Spiel, wie Schweizer Insektenforscher herausfanden.

Was die Pestizid-Exporte angeht, sollte ein 2019 veröffentlichter Faktencheck von PAN Germany Licht ins Dunkel bringen. Mit einer Unterschriftenaktion fordert die Initiative Campact e. V. deutsche Chemiekonzerne wie Bayer und BASF auf, den Export von Pestiziden nach Afrika, Asien und Lateinamerika zu beenden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) stelle die Interessen weniger deutscher Großkonzerne über die Gesundheit der Menschen und den Umweltschutz, kritisiert Greenpeace-Handelsexperte Jürgen Knirsch. Tritt das geplante EU-Mercosur Abkommen in Kraft, werden auch die Zölle auf Pestizide aufgehoben. Das wiederum dürfte den Handel mit den in der EU verbotenen giftigen Pestiziden aus Deutschland befeuern. Vor diesem Hintergrund fordert Greenpeace den Wirtschaftsminister auf, das Mercosur-Handelsabkommen zu stoppen. (Susanne Aigner)


Aus: "Wenn Rückstände von Giftexporten in Südfrüchten zurückkehren" Susanne Aigner (30. Mai 2021)
Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Wenn-Rueckstaende-von-Giftexporten-in-Suedfruechten-zurueckkehren-6057256.html?seite=all

https://www.gerechter-welthandel.org/2021/05/20/zivilgesellschaftliche-organisationen-fordern-den-stopp-des-geplanten-eu-mercosur-abkommens-und-eine-kehrtwende-in-der-eu-handelspolitik/

https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/giftiger_handel_greenpeace.pdf

http://pan-international.org/wp-content/uploads/PAN_HHP_List.pdf

https://www.fr.de/wirtschaft/greenpeace-pestizide-gift-supermarkt-obst-brasilien-mango-melone-mercosur-90652437.html


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« Reply #61 on: June 03, 2021, 10:59:36 AM »
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[...] Der Europäische Gerichtshof hat Deutschland verurteilt, weil jahrelang in vielen Städten die Grenzwerte für den Luftschadstoff Stickstoffdioxid erheblich überschritten wurden. Die Bundesrepublik habe damit EU-Recht gebrochen, entschieden die höchsten EU-Richter am Donnerstag in Luxemburg. Hintergrund ist eine Klage der EU-Kommission. Sie bezieht sich auf die Jahre 2010 bis 2016. (Rechtssache C-635/18)

Mit dem Urteil gegen die Bundesrepublik sind neue Auflagen zum Beispiel für Dieselfahrzeuge an bestimmten Orten nicht ausgeschlossen. Allerdings hat sich die Luftqualität in deutschen Städten zuletzt verbessert, unter anderem wegen der Corona-Krise. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums waren 2016 in 90 Städten die Grenzwerte teils deutlich überschritten worden. Seither sei die Zahl jedes Jahr gesunken. 2019 waren es den Angaben zufolge noch 25, im Corona-Jahr 2020 dann sechs, darunter München und Hamburg.

Die EU-Kommission hatte die Klage gegen Deutschland 2018 beim obersten EU-Gericht eingereicht. Sie begründete dies damals damit, dass die seit 2010 in der EU gültigen Jahresgrenzwerte für Stickstoffdioxid in 26 Gebieten systematisch und fortdauernd überschritten worden seien. Dazu gehörten Berlin, Hamburg, München und Stuttgart. In zwei Gebieten seien auch Stundengrenzwerte nicht eingehalten worden.

Den Argumenten folgte der EuGH jetzt. Deutschland habe dadurch gegen seine Verpflichtungen aus der Luftreinhalterichtlinie verstoßen, „dass keine geeigneten Maßnahmen ergriffen wurden, um ab dem 11. Juni 2010 in allen Gebieten die Einhaltung der Grenzwerte für NO2 zu gewährleisten“, erklärte das Gericht.

Der Jahresgrenzwert für Stickstoffdioxid liegt bei 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft im Jahresmittel. Daneben gibt es einen Ein-Stunden-Grenzwert von 200 Mikrogramm, der nicht öfter als 18-mal pro Jahr überschritten werden darf. Stickstoffdioxide entstehen vor allem bei Verbrennungsprozessen sowohl in Motoren als auch in Öfen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. Sie gelten unter anderem für Asthmatiker als schädlich.

Die Deutsche Umwelthilfe hatte schon vorab erklärt, der Richterspruch aus Luxemburg habe „grundlegende und weitreichende Bedeutung im Kampf für die saubere Luft“. Der Verband bedauerte allerdings, dass das Urteil erst mehr als zehn Jahre nach Inkrafttreten der Grenzwerte komme. Die DUH habe seit 2011 in insgesamt 40 Städten und neun Bundesländern geklagt und Maßnahmen wie Dieselfahrverbote, die Nachrüstung von Bussen, die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, Fahrrad- und Fußverkehr sowie Tempo 30 durchgesetzt. (dpa)


Aus: "Europäischer Gerichtshof verurteilt Deutschland" (03.06.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/-zu-schmutzige-luft-in-staedten-europaeischer-gerichtshof-verurteilt-deutschland/27252366.html

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« Reply #62 on: June 03, 2021, 11:09:06 AM »
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[...] Eigentlich wollten die Forschenden um Jon Hawkings vom Deutschen Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) und der Florida State University herausfinden, welchen Einfluss Nährstoffe im Wasser des schmelzenden Grönlandeises für das Leben im arktischen Ozean und die Umwelt haben.

Dabei machten sie eine unerwartete Entdeckung: Bei der Analyse des Wassers stießen sie auf extrem hohe Quecksilberkonzentrationen. Die Werte seien vergleichbar mit denen in industriell stark belasteten Flüssen in China, schreiben die Forschenden im Fachjournal „Nature Geoscience“.

In den Schmelzwasserflüssen des südwest-grönländischen Eisschildes fanden die Wissenschaftler:innen Werte von 150 Nanogramm gelöstem Quecksilber pro Liter – die Konzentrationen waren mindestens zehn Mal so hoch wie in durchschnittlichen Flüssen. Eigentlich liegt dieser Wert des hochgiftigen Stoffes in Flüssen bei 1 bis 10 Nanogramm. Ungelöste Quecksilberpartikel fanden die Forschenden sogar in Konzentrationen von mehr als 2000 Nanogramm pro Liter Schmelzwasser.

Insgesamt würden 42 Tonnen Quecksilber pro Jahr von den schmelzenden Gletschern in Südwestgrönland in die umgebenden Flüsse gespült – rund zehn Prozent des gesamten mit Flüssen ins Meer transportierten Quecksilbers weltweit. Die Forschenden schreiben, dass damit erhebliche Mengen des Schwermetalls in den arktischen Ozean gelangen.

So große Mengen des Schwermetalls hatten die Geolog:innen in der unberührten Umgebung Grönlands nicht erwartet. Sie schätzen die gefundenen Mengen als „global signifikant“ ein. Denn aufgrund seiner toxischen Wirkung sei Quecksilber ein Thema von globaler Bedeutung.

„Wir zeigen, dass die Konzentrationen von gelöstem Quecksilber zu den höchsten gehören, die in natürlichen Gewässern aufgezeichnet wurden, und dass die Quecksilberausbeute aus diesen um zwei Größenordnungen höher ist als aus arktischen Flüssen“, so die Forschenden.

Die Frage ist nun, woher die giftige Substanz überhaupt stammt. Quecksilber kann aus Ablagerungen auf dem Eis durch Luftverschmutzung – etwa aus der Nutzung fossiler Brennstoffe oder aus anderen industriellen Quellen – ins Tauwasser gelangen.

Doch die Forschenden haben herausgefunden, dass die Konzentrationen von gelöstem Quecksilber in dem Schmelzwasser die gemessenen Werte der Substanz auf Oberflächenschnee und Eis übersteigen. Das Team hat eine andere Vermutung: „Unsere Ergebnisse deuten auf eine geologische Quelle von Quecksilber am Boden des Eisschildes hin.“

Denkbar ist demnach, dass das Schwermetall aus dem Bodengestein unterhalb des Gletschers stammt und durch die Bewegung der abtauenden Eismassen freigesetzt wird. Das Eisschild zermahlt bei seiner Bewegung das unter ihm gelegene Felsgestein, womit auch Schwermetalle wie Quecksilber freigesetzt werden können.

Damit wäre der Mensch indirekt an dieser Umweltkatastrophe beteiligt, ist es doch die Erderwärmung, die das Schmelzen der Gletscher in der Arktis vorantreibt. Zudem sei es aber auch möglich, dass geothermische Prozesse unter dem Eisschild eine Rolle spielen.

Die Ergebnisse zeigen, dass offenbar auch natürliche Schwermetallquellen auf Prozesse des Klimawandels reagieren können. Bislang wird weitgehend davon ausgegangen, dass die steigenden Konzentrationen von Quecksilber, die weltweit gemessen werden, in erster Linie von direkten Aktivitäten der Menschen – etwa der Industrie – stammen.

„Aber Quecksilber, das aus klimatisch empfindlichen Umgebungen wie Gletschern stammt, könnte eine Quelle sein, die viel schwieriger zu handhaben ist“, sagt Leitautor Hawkings. Die Ergebnisse könnten nun für Wissenschaft und Politik wichtig für den Umgang mit der Quecksilberverschmutzung sein.

Durch den starken Eintrag von Quecksilber in stromabwärts gelegene Fjorde sind Auswirkungen auf die arktischen Ökosysteme zu befürchten. Das Schwermetall kann sich in den Meeres- und Flusstieren als hochgiftiges Methylquecksilber anreichern und so über die Nahrungskette auch andere Tiere wie Robben und Möwen erreichen.

Über den Verzehr der Fische kann es auch Menschen betreffen, in den fischreichen Gewässern des Nordatlantiks werden große Mengen an Fisch – etwa Kabeljau und Heilbutt – gefangen. Vor allem könne das Gift auch die indigenen Einwohner Grönlands gefährden, die sich zum Großteil aus dem Meer und von Robbenfleisch ernähren, in dem sich Quecksilber besonders stark anreichert.

„Die Entdeckung, dass Gletscher auch potenzielle Giftstoffe transportieren können, enthüllt eine besorgniserregende Dimension der Einflussnahme von Gletschern auf die Wasserqualität und auf flussabwärts gelegene Gemeinschaften“, sagt Co-Autorin Jemma Wadham.

Das könne sich durch den Klimawandel noch weiter verändern. Weitere Untersuchungen dazu seien notwendig, um die Dynamik des Quecksilbers im Eisschildabfluss unter Bedingungen der globalen Erwärmung besser zu verstehen.

Die beiden Wissenschaftler Günter Köck, Mitglied der Österreichische Akademie der Wissenschaften, und Derek Muir (Environment and Climate Change Canada), die seit mehr als 20 Jahren Quecksilberkonzentrationen in Seen der kanadischen Arktis untersuchen, bezeichnen die Ergebnisse gegenüber dem Tagesspiegel als „durchaus dramatisch“.

Tatsächlich seien die Quecksilberkonzentrationen im Abfluss der grönländischen Gletscher mindestens zehnmal höher als jene in Gletscherabflüssen auf der gegenüber Grönland gelegenen kanadischen Insel Ellesmere Island.

„Da selbst diese niedrigeren Konzentrationen Auswirkungen auf das Ökosystem haben können, ist der Quecksilbereintrag durch das Abschmelzen der grönländischen Gletscher und seine Umwandlung in das hochgiftige Methylquecksilber sicherlich alarmierend“, schreiben die Forscher, die an der Studie nicht beteiligt waren.

Angelika Humbert vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) bezeichnete die Studie als hochspannend: „Eine bisher ungewöhnliche Seite in der Betrachtung der Wechselwirkung zwischen Eisschilden und Menschen.“

Aus der Sicht der Gletscherforschung sei interessant, dass Schmelzwasser an der Basis der Gletscher hier zum Transportmedium wird. „Es bilden sich unter dem Eisschild verschiedene Typen von hydrologischen Systemen, von einem dünnen Wasserfilm zwischen Eis und Festgestein, wassergesättigtem Sediment bis hin zu Kanälen, in denen Wassertransport auch schnell sein kann – Flüsse unter dem Eis“, erklärt die Glaziologin.

Sie verweist auch auf andere Studien, die hohe Konzentrationen von Quecksilber in arktischen Gewässern nachgewiesen haben. „So faszinierend das ist, so bitter ist es auch: Quecksilber gelangt so ja in die Nahrungskette, die über Fische dann wiederum den Menschen beeinflusst“, so Humbert.

Quecksilber ist eine biologisch kaum nützlich Substanz, die aber in Form diverser chemischer Verbindungen hoch giftig ist. Das Schwermetall reichert sich in der Nahrungskette an und wird durch den Verzehr von Fisch und Meeresfrüchten auch zu einer Gefahr für den Menschen.
Organischen Quecksilberverbindungen werden fast vollständig resorbiert und in fetthaltiges Gewebe eingebaut.

In arktischen Organismen wurden bereits zuvor hohe Werte an Quecksilber gemessen. Der Gehalt des Schwermetalls soll in Meeresorganismen dort in den vergangenen 150 Jahren stark angestiegen sein. Dass der Grönländische Eisschild dafür eine mögliche Quelle ist, wurde bislang nicht berücksichtigt.

Nun erweise sich die Arktis in doppelter Hinsicht als besondere Problemzone: „Über die Atmosphäre gelangen Staubteilchen und Aerosole in diese Region, und der Klimawandel und die damit verbundene Erwärmung der Arktis führen zu höheren Einträgen durch mehr und stärkere Schmelzwässer“, schreiben die Autor:innen der Studie.



Aus: "Tonnenweise Schwermetall in Gletscherwasser" Jan Kixmüller (02.06.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/alarmierende-mengen-an-quecksilber-tonnenweise-schwermetall-in-gletscherwasser/27250326.html

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« Reply #63 on: July 21, 2021, 01:00:09 PM »
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[...] Frankfurt – Die Zähne tun weh, sie sind fleckig und ihre Oberfläche fühlt sich nicht mehr glatt an. Dabei könnte es sich um eine neue „Volkskrankheit“ handeln. Fachleute warnen davor – und verweisen darauf, dass diese sowohl junge als auch alte Menschen betreffen kann. Es handelt sich um die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) – auch Kreidezähne genannt.

Laut Angaben der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) sind bereits zehn bis 15 % aller Kinder davon betroffen. Bei Zwölfjährigen liegt dieser Wert sogar bei 30 %. Kreidezähne machen sich durch Schmerzen beim Essen, Trinken oder Zähneputzen bemerkbar. Hinzu kommt die optische Komponente: Es bilden sich weißliche, bräunliche oder gelbliche Stellen auf der Zahnoberfläche.

Das Phänomen entsteht, sobald eine Schicht des Zahnschmelzes zerstört wird, konkret: die Mineralisation. Die Ursachenforschung dazu ist längst nicht abgeschlossen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen die Notwendigkeit weiterer Studien auf diesem Feld. „Eine wesentliche Rolle bei der Entstehung scheinen Weichmacher aus Kunststoffen zu spielen, die mit der Nahrung aufgenommen werden“, teilt die DGZMK mit. Plastik ist also ein zentraler Faktor. Hinzu kommen weitere Faktoren, wie Antibiotika, Dioxine oder Infektionskrankheiten.

Plastik scheint jedoch einen großen Anteil zu haben. Ein Weichmacher, der in zahlreichen Produkten enthalten ist, ist Bisphenol-A – kurz: BPA. BPA ist eines der am häufigsten verwendeten Chemikalien. „Bisphenol A ist vor allem dadurch bekannt geworden, dass es in sehr vielen Produkten für Verbraucher, wie etwa in Camping- und Mikrowellengeschirr sowie Kofferhüllen enthalten ist. Es ist ein Grundbaustein des Kunststoffs Polycarbonat. Beim Erhitzen oder wenn der Kunststoff nicht sorgfältig produziert wurde, kann es sich daraus lösen“, erklärt die Verbraucherzentrale diesbezüglich. BPA kann des Hormonhaushalts stören und Schäden an Organen, wie der Leber oder der Niere, hervorrufen.

Das Plastik wird natürlich nicht direkt über die Nahrung aufgenommen, sondern über die Verpackung. Es lässt sich den Fachleuten zufolge im Alltag nur schwer vermeiden. Verpackungen, Plastikgeschirr, Kassenbons, Parkscheine, Schnuller, Getränkedosen – die Liste an Beispielen ist lang.

Die DGZMK empfiehlt vor allem Eltern, bei Kleinkindern darauf zu achten, den Kontakt zu den genannten Beispielen zu vermeiden. Bis zum vierten Lebensjahr entwickelt sich der Zahnschmelz maßgeblich. In dieser Phase sind die Zähne am anfälligsten. Allerdings gilt diese Empfehlung auch für alle anderen Menschen.

Falls Kreidezähne auftreten, empfehlen die Fachleute eine Behandlung beim Zahnarzt. „Eine professionelle zahnärztliche Behandlung [...] ist unerlässlich. Die gewählte Therapie ist abhängig vom Ausprägungsgrad der MIH“, heißt es. Als Basisbehandlung werden regelmäßige Zahnreinigungen, Mundhygieneanleitungen und die Verwendung hoch konzentrierter Fluoridpräparate genannt. (tu)


Aus: "Neue „Volkskrankheit“ macht sich in Deutschland breit – Bereits Kinder sind betroffen" Tobias Utz (21.07.2021)
Quelle: https://www.fr.de/ratgeber/gesundheit/neue-volkskrankheit-kreidezaehne-gesundheit-warnung-krankheit-kinder-fachleute-experten-verbraucher-zr-90870398.html