• Welcome to LINK ACCUMULATOR. Please log in.

[Sprache (Notizen)... ]

Started by Link, August 22, 2017, 03:08:44 PM

Link

Quote"Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse."

Victor Klemperer


Aus: "Das Spiel der Neuen Rechten mit Victor Klemperers LTI" tha (10.11.2023)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/ns-sprache-klemperer-lesung-dresden-100.html

-

Unter Sprache versteht man die Menge, die als Elemente alle ,,komplexen Systeme der Kommunikation" beinhaltet. Der Term wird meist verwendet, um anzuzeigen, dass konkrete Zeichensysteme Elemente dieser Menge sind (z. B. die deutsche Sprache, die Programmiersprache Basic); umgekehrt, um anzuzeigen, dass diese konkreten Zeichensysteme den Eigenschaften einer Definition des Begriffs ,,Sprache" genügen. Eine andere Definition ist: Sprachen sind ,,die Systeme von Einheiten und Regeln, die den Mitgliedern von Sprachgemeinschaften als Mittel der Verständigung dienen".
https://de.wikipedia.org/wiki/Sprache

-

Wittgenstein "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt"
... Mit dem Analysieren von Sätzen in Elementarsätze erhofft sich Wittgenstein, philosophische Probleme auflösen zu können, die nach Wittgenstein durch den irrigen Gebrauch der Sprache entstehen. Unsere Alltagssprache ist mehrdeutig, unklar und unpräzise und die Zerlegung unserer Alltagssprache in eindeutige und klare Elementarsätze verhindert nach Wittgenstein die Verursachung von Verwirrungen oder Unklarheiten. Interessanterweise bringt Wittgenstein keine Beispiele für Elementarsätze und er weiss selber nicht, wie solche Elementarsätze aussehen werden. Wittgenstein sieht es als Ziel der Logik an, eben solche Elementarsätze ausfindig zu machen. ... Der frühe Wittgenstein deutete das Verhältnis von Sprache und Welt in Form eines Bildes, dass die Welt richtig oder falsch repräsentiert. Der späte Wittgenstein kritisierte selber diese Auffassung und vertrat nun die Idee, dass Sprache weit mehr Zwecke erfüllt, als nur das Repräsentieren der Welt. Wir brauchen die Sprache auch, um Emotionen, Empfindungen und Gefühle auszudrücken, Regeln und Konventionen festzumachen oder zu diskutieren und um moralische, religiöse oder politische Haltungen oder Meinungen bekanntzugeben. Wittgenstein sah in seiner ,,logisch-philosophischen Abhandlung" das Problem, dass sie eine einzelne Verwendung der Sprache herausgriff und diese eine Verwendung als das Paradigma für die gesamte Sprache verwendete. Die Erkennung dieses Problems führte Wittgenstein später zur Auffassung, dass philosophische Probleme nicht durch eine Analyse von Sätze in Elementarsätze aufgelöst werden, sondern, indem man sich die verschiedene Verwendungen der Sprachen vor Augen hält. ...
https://www.philosophie.ch/philosophie/themenbereiche/theoretische-philosophie/wittgenstein

-

Die Sprachphilosophie ist die Disziplin der Philosophie, die sich mit Sprache und Bedeutung beschäftigt, vor allem mit dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit und dem Verhältnis von Sprache und Bewusstsein (bzw. Denken).  ... Die Linguisten Edward Sapir und Benjamin Whorf vertreten wie vor ihnen Wilhelm von Humboldt die These der sprachlichen Relativität: Sie behaupten, dass die Gedanken insofern relativ zu einer Sprache sind, als sich gewisse Gedanken nur in bestimmten Sprachen formulieren und verstehen lassen. Sie glauben, dies unter anderem mit empirischen Studien der Sprache von Indianern und Eskimos belegen zu können. Donald Davidson vertritt dagegen die These, dass alle Menschen, insofern sie miteinander kommunizieren, über dasselbe Begriffsschema verfügen, weil ein grundsätzlich anderes Begriffsschema für uns gar nicht verständlich wäre. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachphilosophie


Link

#1
Umberto Eco (* 5. Januar 1932 in Alessandria, Piemont; † 19. Februar 2016 in Mailand, Lombardei) war ein italienischer Schriftsteller, Kolumnist, Philosoph, Medienwissenschaftler und wohl der bekannteste zeitgenössische Semiotiker. Durch seine Romane, allen voran Der Name der Rose, wurde er weltberühmt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Umberto_Eco

Quote[...] Umberto Eco: [...] Die Semiotik ist die beste Art, mit jener Wendung umzugehen, die im Zentrum der Philosophie des 20. Jahrhunderts steht und die man ,,linguistic turn" genannt hat. Um es mit einfachen Worten zu erklären: Wie ordne ich die Bedeutung ,,Glas" dem Wort ,,Glas" zu? Die analytischen Philosophen, die in der angelsächsischen Welt vorherrschen, haben darauf versucht zu antworten, indem sie die Sprache gesäubert haben: Sie sollte nur noch Begriffe enthalten, die exakt den äußeren Gegenständen oder Situationen entsprechen, die sie bezeichnen. Als ob Worte Etiketten wären. Die Semiotik geht das Problem anders an. Sie interessiert sich weniger für die Referenz zur externen Welt als vielmehr für den Prozess, der zu Bedeutung führt, semiotisch gesprochen den Prozess der Signifikation. Nehmen wir ein Einhorn. Ein analytischer Philosoph hätte überhaupt kein Interesse daran, über Einhörner nachzudenken: Es gibt sie nicht. Für einen Semiotiker hingegen haben Einhörner eine fundamentale Bedeutung, denn sie gehören zur Ausstattung unserer mentalen Welt. Die Tatsache, dass ich Einhörner denken kann, ebenso wie die Tatsache, dass ich Gott denken kann oder Harry Potter, stellt einen grundlegenden Aspekt unseres Geisteslebens, unserer Kultur, unserer Moral und Ethik dar, den man nicht eliminieren darf. ... Das Faktische ist immer das, was ich den ,,harten Sockel des Seins" nenne. Das ist keine metaphysische, sondern eine wissenschaftstheoretische These. ...

... Die Sprache ist eine menschliche Anpassungsleistung an eine gegebene Situation, daher auch Epikurs Hypothese, dass die Sprache mehrfach entstanden ist und noch immer in verschiedenen Situationen entsteht, weshalb es verschiedene Sprachen gibt. Das ist die beste anthropologische Lösung für das Problem des Sprachursprungs. Chomsky zufolge gibt es Hirnstrukturen, die bei allen Sprachen gleich sind. Intuitiv wäre ich damit einverstanden, sonst könnte man nicht erklären, wie ein Kind von Geburt an beginnt, eine Sprache zu lernen. Chomskys einziger Fehler ist, dass er das ausgehend von einer bestimmten Sprache verallgemeinert, nämlich seiner eigenen. Er vertritt zum Beispiel die Auffassung, dass das Konzept des Malens immer mit dem Konzept eines Malens von außen verbunden ist. ,,I paint my house" heißt, dass ich mein Haus von außen anstreiche. Das gilt vielleicht für Amerika, wo die meisten in einem Haus leben, aber nicht in Europa. Dort streicht man eher seine Wohnung: von innen ...


Aus: "Umberto Eco im Gespräch: ,,Die Sprache ist eine permanente Revolution"" (2013)
Quelle: https://philomag.de/eco-sprache-revolution/

-

Quote[...] Der Begriff des linguistic turn bezeichnet damit eine Reihe sehr unterschiedlicher Entwicklungen im abendländischen Denken des 20. Jahrhunderts, denen allen gemeinsam eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Vorstellung zugrunde liegt, Sprache sei ein ,,transparentes Medium", um die Wirklichkeit zu erfassen bzw. zu vermitteln. An die Stelle dieser Sichtweise tritt stattdessen die Auffassung, Sprache sei eine ,,unhintergehbare Bedingung des Denkens". Demnach ist ,,alle menschliche Erkenntnis durch Sprache strukturiert"; die Realität jenseits von Sprache wird als ,,nicht existent" oder aber ,,zumindest unerreichbar" angesehen. Die Reflexion des Denkens, vor allem die Philosophie, wird damit zur Sprachkritik; eine Reflexion sprachlicher Formen – auch in der Literatur – kann so gesehen nur unter den Bedingungen des reflektierten Gegenstandes, eben der Sprache, erfolgen. ...


https://de.wikipedia.org/wiki/Linguistische_Wende (7. August 2019)


Link

#2
Quote[...] Gab es eine Ursprache aller Menschen, die sich erst später, wie im Bericht von der babylonischen Sprachverwirrung erzählt, in viele Sprachen aufspaltete? Zu allen Zeiten träumte die Menschheit den Traum von der Wiedergewinnung der vollkommenen Sprache, und Umberto Eco zeichnet die Geschichte dieses Traumes nach. Von der ekstatischen Kabbala über die universelle Grammatik bei Dante, von den Geheimsprachen der Rosenkreuzer bis zu den Welthilfssprachen wie Esperanto führt die Suche durch ein jahrtausendealtes Labyrinth der Zeichen und Zeichensysteme, in dem Ungeheures auf Absurdes, Bizarres auf Geniales folgt.

Der Semiotiker Eco greift hier die Thematik der Sprache aus dem ›Foucaultschen Pendel‹ auf und behandelt unter den Aspekten »vollkommene Sprache/universelle Sprache« ein umfangreiches Kapitel europäischer Kulturgeschichte. Daß alle Versuche, eine vollkommene Sprache a posteriori zu konstruieren, fehlschlagen müssen, versteht sich von selbst, müßte sie doch die Allheit aller existierender Sprachen sein. Doch für Eco liegt die Aufgabe der zukünftigen europäischen Kultur auch nicht im Triumph der totalen Vielsprachigkeit, sondern »in der Herausbildung einer Gemeinschaft von Menschen, die in der Lage sind, den Geist, das Aroma, die Atmosphäre einer anderen Sprache zu erfahren«. »Hier schreibt ein gelernter Babyloniker die Geschichte einer antibabylonischen Idee.« (Ludger Lütkehaus in der ›Süddeutschen Zeitung‹)



Zu: "Umberto Eco (Autor): Die Suche nach der vollkommenen Sprache (dtv Fortsetzungsnummer 31, Band 30829) Taschenbuch – 1. Januar 2002

-

Quote[...] Umberto Eco ist, trotz allem Bestseller-Ruhm, in erster Linie Wissenschaftler. Die beiden Schwerpunkte seines riesigen Forschungsgebiets sind die Ästhetik und die Semiotik (die Wissenschaft von den Zeichen). Eco lehrte in verschiedenen Ländern und ist in Fachkreisen seit den frühen sechziger Jahren ein Begriff. In Italien wurde er populär durch eine rege Kolumnistentätigkeit bei mehreren Zeitungen und Zeitschriften.

Der große Erfolg seiner Romane hatte zur Folge, daß seine wissenschaftlichen Arbeiten heute sehr bald nach Erscheinen des Originals übersetzt und einem breiteren Publikum angepriesen werden. Zu Recht? Das "Kritische Lexikon der Gegenwartsliteratur" meint: "Nicht oft trifft man in wissenschaftlicher Literatur auf eine flüssige, leicht zugängliche, zugleich aber geschliffene Schreibweise, die auch das Schwere und Abstrakte verständlich macht, ohne dabei in unzulässiger Weise zu vereinfachen" und nennt Eco einen "ausgesprochen seltenen Glücksfall". Das stimmt nun sicherlich nicht für alle seine Bücher. Aber in diesem Falle schreiben er und sein brillanter Übersetzer Burkhart Kroeber eine Sprache, die auch für Laien mit einer guten Allgemeinbildung verständlich ist.

Die Bedeutung der von Eco beschriebenen Suche reicht weit über die bloße Sprachforschung hinaus. Das wird schon ersichtlich, wenn man schaut, wer sich an der Suche beteiligt hat: Alchimisten, Mediziner wie Paracelsus, Kosmologen wie Giordano Bruno, Mathematiker wie Gottfried Wilhelm Leibniz. Wenngleich die Suche vergeblich war, so hat sie doch als Nebenwirkungen Theorien und Methoden hervorgebracht, die in Fächern wie Linguistik, Forschung zur künstlichen Intelligenz, Informatik und Ägyptologie zur Grundausrüstung gehören.

Wissenschaftsgeschichte, normalerweise als Geschichte der Erfolge geschrieben, erscheint uns als ein Triumphzug der Ratio, als ein kontinuierlicher Fortschritt. Ecos Geschichte eines Scheiterns zeigt uns eine andere, mindestens so interessante Seite. Sie berichtet von Irrtümern und Sackgassen, von Verheimlichungen, Irreführungen und von Denkparadigmen, die uns heute völlig fremd sind; und sie zeigt uns Einflüsse auf die Wissenschaft, die man gerne vergißt: Kabbala und Magie, religiöser Wahn und nationalistische Beschränktheit, Machtstreben und romantische Träumerei.

Streckenweise liest sich die Geschichte dieses Abenteuers fast so lustvoll wie Ecos Romane. Ein paar Kostproben: Im Mittelalter wurde unter Gelehrten heftig diskutiert, ob Kinder, die ohne Kontakt zu sprechenden Menschen aufwüchsen, wohl hebräisch sprächen. Im 16. Jahrhundert bewies ein Autor, daß der Dialekt von Antwerpen die vollkommenste Sprache überhaupt sei, während ein anderer im 17. Jahrhundert herausfand, daß Gott schwedisch, Adam dänisch, die Schlange aber französisch gesprochen habe; ein dritter wußte zu berichten, daß Noahs Sohn Japhet sich nach der Sintflut im Fürstentum Anhalt niedergelassen und Karl der Große zu seinen Nachfahren gehört habe. Nach dem Barock-Dichter und Gelehrten Georg Philipp Harsdörffer gebührt der deutschen Sprache der Vorzug, denn sie spreche wie die Natur selbst: "Sie donnert mit dem Himmel, sie blitzet mit den schnellen Wolken, stralet mit dem Hagel, sausset mit den Winden,... mauet wie die Katz, schnattert wie die Gans, qwacket wie die Ente, summet wie die Hummel, kacket wie das Huhn" (Seite 109).

Eine Geschichte von Irrtümern erscheint uns oft als grotesk und gar lächerlich, und man fragt sich beim Lesen manchmal, über welche unserer wissenschaftlichen Annahmen wohl die Menschen der Zukunft lachen werden.


Aus: "Die Suche nach der vollkommenen Sprache" Marcel Hänggi (Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1995, Seite 107)
Quelle: https://www.spektrum.de/magazin/die-suche-nach-der-vollkommenen-sprache/822137

Link

Quote[...] Cassirer  hat  die  moderne  Sprachwissenschaft  trotz  der  intensiven  Rezeption  typologischer  Ergebnisse  (1923)  immer aus der Perspektive zuerst des Neukantianismus und dann eines aktualisierten Humboldt gesehen. Die neuralgischen Punkte der modernen Linguistik hat Cassirer mit dem scharfen Blick des ideengeschichtlichen Forschers erkannt und in seinem Vortrag 1945 benannt:

* Sprache ist weder ein Organismus noch ein Mechanismus
* Sprache existiert primär als sprachliches Handeln, als Energie des Geistes (gemäß Humboldt).
* Es fehlte nach Cassirers Diagnose eine ,,Logik der Linguistik"

Alle drei Punkte sind immer noch Gegenstand grundlagentheoretischer Debatten in der Linguistik des 21. Jahrhunderts und man kann Cassirers Scharfblick in dieser Hinsicht nur bewundern.

...


Aus: "Kultur und Symbol" Ein Handbuch zur Philosophie Ernst Cassirers - In Zusammenarbeit mit Silja Freudenberger, Barend van Heusden Arend Klaas Jagersma, Martina Plümacher und Wolfgang Wildgen herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler und Detlev Pätzold Metzler, 2003
Quelle: http://www.fb10.uni-bremen.de/homepages/wildgen/pdf/cassirers.pdf

Link

Karl Bühler (* 27. Mai 1879 in Meckesheim; † 24. Oktober 1963 in Los Angeles) war ein deutscher Denk- und Sprachpsychologe und Sprachtheoretiker. Er gilt als Vertreter der sogenannten Würzburger Schule der Denkpsychologie, eines ganzheitspsychologischen Ansatzes, der mit der Gestaltpsychologie verwandt ist.
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Bühler

Link

#5
Noam Chomsky interview on Language and Knowledge (1977)
Linguist and political activist Noam Chomsky of the Massachusetts Institute of Technology transformed the nature of linguistics before he was 40. In this program with world-renowned author and professor Bryan Magee, the outspoken Chomsky challenges accepted notions of the way in which language is learned, examines the relationship of language to experience, and discusses the philosophical nature of knowledge.
https://youtu.be/ZVXLo9gJq-U

The Concept of Language (Noam Chomsky, 1989)
Linguist Noam Chomsky, professor at MIT, discusses the ways in which language changes over time and how the idea of a national language is a modern phenomenon. In this University of Washington interview, Upon Reflection host Al Page speaks with Chomsky about how languages are systems of communication rooted in human nature.
https://youtu.be/hdUbIlwHRkY

Interpretation & Understanding: Language & Beyond (Noam Chomsky) [2014?]
Noam Chomsky discusses some philosophical issues involving the limits of language and mind. In particular, he considers three intellectual problems: what he calls Plato's problem, Orwell's problem, and Descartes's problem. Plato's problem has to do with how human beings, whose contacts with the world are limited and brief, are nevertheless able to know so much (i.e. issues involving innate knowledge & the poverty of the stimulus). Orwell's problem is the opposite: how human beings, with amble and reliable information, nonetheless know and understand so little. And finally Descartes' problem, which has to do with issues of freedom of choice and action. This talk is from the College de France. ...
https://youtu.be/86RY40TvRgE

"Language, Creativity, and the Limits of Understanding" by Professor Noam Chomsky (4-21-16)
The University of Rochester's Distinguished Visiting Humanist for the 2015-16 academic year will be Professor Noam Chomsky (Institute Professor & Professor of Linguistics, Emeritus, at MIT), who was in residence from Wednesday, April 20 through Friday, April 22, 2016.
Professor Chomsky is one of the most influential thinkers and public intellectuals of our time, writing and speaking about everything from linguistics and the mind to the nature and cultural significance of power, force, exploitation, manipulation, the media, and just government. He was voted the leading living public intellectual in the 2005 Global Intellectuals Poll conducted by the British magazine Prospect, is a member of the American Academy of Arts and Sciences and the National Academy of Sciences, and has received honorary degrees from over 35 universities around the world. In 2011, he was awarded the Sydney Peace Prize.
https://youtu.be/XNSxj0TVeJs


Link

"Künstliche Intelligenz Maschinen überwinden Schreibblockade" Peter Littger (Sonntag, 29. November 2020)
Viele Science-Fiction-Geschichten handeln von Robotern mit geistigen Fähigkeiten. Seit diesem Jahr gibt es einen realen Computer, der dem Menschen beachtliche Konkurrenz macht. Er ist so gefährlich, dass seine Entwickler vor ihm gewarnt haben. Sein Name: GPT-3. ... Die Rede ist von einem Rechnersystem, das seit diesem Jahr am Netz ist und GPT-3 genannt wird. Das steht für die dritte Generation eines "Generative Pre-trained Transformer". Im Verständnis von Laien handelt es sich um einen extrem leistungsstarken Computer, der selbstständig Daten erfasst, sie vergleicht und speichert, um damit Programmiercodes und Texte verfassen oder andere komplexe Aufgaben lösen zu können - Aufgaben, die bisher nur der Mensch geschafft hat.  ...
https://www.n-tv.de/panorama/Maschinen-ueberwinden-Schreibblockade-article22201094.html

Generative Pre-trained Transformer 3 (GPT-3) is an autoregressive language model that uses deep learning to produce human-like text. ... Because GPT-3 can "generate news articles which human evaluators have difficulty distinguishing from articles written by humans," GPT-3 has the "potential to advance both the beneficial and harmful applications of language models." ...
https://en.wikipedia.org/wiki/GPT-3

Link

"Sprachphilosophie II: Wie bestimmt man Begriffe?"
Prof. Dr. Paul Hoyningen-Huene, Teil der Vorlesung ,,Einführung in die Theoretische Philosophie", WS 2013/14, Leibniz Universität Hannover
https://youtu.be/wghXoj4UH9w

"5 - Sprachphilosophie 2020 - Sigmund Freud - Sprache im Unbewussten"
Sprachphilosophie-Vorlesung 2020, Hochschule für Philosophie - Fakultät SJ, München. 1. Teil: Prof. Dr. Sans SJ, 2. Teil: Prof. Dr. Dominik Finkelde SJ
https://youtu.be/UlVWXTZAjvI

"7 - Sprachphilosophie - Jacques Derrida - Die Schriftlichkeit der Sprache"
Sprachphilosophie-Vorlesung 2020, Hochschule für Philosophie - Fakultät SJ, München. 1. Teil: Prof. Dr. Sans SJ, 2. Teil: Prof. Dr. Dominik Finkelde SJ
Struktur - Sprachphilosophie SS 2020 – 2. Teil
https://youtu.be/4iCgPkGOk38


Link

#8
Die Liste deutscher Redewendungen führt vor allem Wortlaut, Bedeutung und Herkunft deutscher Redewendungen auf, deren Sinn sich dem Leser nicht sofort erschließt oder die nicht mehr in der ursprünglichen Weise verwendet werden. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_Redewendungen

-

Liste deutscher Wörter aus dem Hebräischen und Jiddischen
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_deutscher_W%C3%B6rter_aus_dem_Hebr%C3%A4ischen_und_Jiddischen

https://de.wikipedia.org/wiki/Jiddisch

http://www.jiddisch.org/yiddish/jidisch.htm

Link

Quote[...] Bad Nauheim (gk). In seinem 1953 posthum erschienenen sprachanalytischen Werk »Philosophische Untersuchungen« spricht der 1951 in Cambridge verstorbene Philosoph Ludwig Wittgenstein an einer Stelle vom »Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache«.

Mit der Untersuchung des alltäglichen Gebrauchs von Wörtern und Sätzen will Wittgenstein den Nachweis führen, dass die großen Themen und Probleme der Philosophiegeschichte (zum Beispiel nach dem »Sein«, dem »Ich«, der »Substanz«, dem »Geist«, etc.) sich bei genauerer Betrachtung als unlösbare Scheinprobleme erweisen. Denn die klassische Philosophie operiert im Wesentlichen mit Begriffen, denen keine Bedeutung entspricht. Wittgensteins »Philosophische Untersuchungen« münden denn auch in der Erkenntnis: »Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.«

Es gelte, so Wittgenstein, Wörter und Sätze als Teile von »Sprachspielen«, das heißt, komplexer Einheiten von sprachlichen und nicht sprachlichen Verhaltensweisen, zu analysieren. Nur auf diesem - empirischen - Weg lässt sich deren wahre Bedeutung erkennen, jedoch nicht durch unfruchtbare metaphysische Spekulation. Sprachphilosophie muss, so Wittgenstein, an deren Stelle treten.

Bevor Prof. Paul Ziche von der Universität Utrecht - als gern gesehener Referent im Rahmen der »Philosophischen Reihe« - in seinem gut 70-minütigen Vortrag am Dienstagabend auf Wittgensteins epochemachende »Philosophische Untersuchungen« zu sprechen kam, gab er eine konzise Einführung in die Philosophie des »Wiener Kreises«, der sich in den Jahren zwischen 1924 und 1934 vor allem die Destruktion der klassischen Metaphysik zur Aufgabe stellte - unter dem Motto »Klarheit und Sauberkeit in der Philosophie«. Wer als Philosoph ernst genommen werden wolle, müsse Abschied von jeglicher Spekulation nehmen, die mit Begriffen operiere, denen kein verifizierbarer (Untersuchungs-) Gegenstand entspreche.

Als ein Leitgestirn der Mitglieder des Wiener Kreises gilt der Physiker Ernst Mach, der seit 1895 an der Universität Wien unterrichtete. Für Mach und seine Nachfolger ist Philosophie keine »Leitwissenschaft« mehr, sondern kann nur gemeinsam mit den empirischen Naturwissenschaften zu sinnvollen Resultaten gelangen.

Die selbst gestellte Frage, ob dem Wort bzw. Begriff »Ich« eine verifizierbare Realität entspreche, beantwortet Mach mit dem prägnanten Satz: »Das ›Ich‹ ist unrettbar.« Was so viel heißen soll wie: Es gibt kein personales »Ich« als metaphysische Entität. Die Bedeutung dieses Schlüsselwortes liegt, so Wittgenstein, einzig in seinem (alltäglichen) Gebrauch.

»Klarheit« und »Sauberkeit« stehen laut Prof. Ziche für weit mehr als Mathematik und formale Logik, sondern sind, so der 1936 von einem geistig verwirrten Wiener Studenten ermordete Moritz Schlick, auch Ausdruck eines aufklärerischen, ja sogar politischen Impetus. So gehörte zum Beispiel Hans Hahn der »Vereinigung sozialistischer Akademiker« an; und Otto Neurath stand dem »roten« Wiener Gemeinderat nahe.

Ziche evoziert in wenigen Sätzen das anregende geistige Klima im »roten Wien« der 1920er Jahre. Auch vor diesem Hintergrund erhält der »Wiener Kreis« seine Bedeutung.

Nach zehnjährigem Bestehen löst er sich 1934 unter dem Druck der neuen austrofaschistischen Machthaber auf. Etliche ehemalige Mitglieder emigrieren in die angelsächsischen Länder und werden dort zu Mitbegründern der analytischen Philosophie.

Für seinen erhellenden Vortrag erhält Prof. Ziche dankbaren Applaus.

...


Aus: "»Kampf gegen Verhexung unseres Verstandes«" Gerhard Kollmer (20.10.2022)
Quelle: https://www.fnp.de/lokales/wetteraukreis/bad-nauheim/kampf-gegen-verhexung-unseres-verstandes-91864539.html

Link

#10
Welche Redewendung nervt euch?
https://www.derstandard.at/story/3000000278126/welche-redewendung-nervt-euch

QuoteTiempos de Furia

"Am Ende des Tages"


QuoteSchereSteinPapierEchseSpock

"Naja, wer weiß, für was es gut war!" und "Alles hat sein Gutes!"


Quotecalahan

"Alles Gut"


QuoteSchabowski Günter

die einen sagen so, die anderen so.


QuoteH0ktar

,,Traue keiner Studie die du selbst gefälscht hast" ist so ziemlich der Gipfel ultimativer Dummheit geworden.
Grundsätzlich ja gut drauf hinzuweisen, dass man sich bei Studien, etc. die Parameter, die Methodik und die Daten selbst anschauen soll. Leider ists eine Ausrede der Wissenschaftsfeinde geworden, dass sie jede Zahl, die ihnen nicht in den Kram passt, einfach ignorieren können, weils sicher eh nicht stimmt.


QuoteWiederEinNeuerNick

"Du musst die Leute abholen." ...


QuoteDer Poster ohne Namen

auf die Gefahr hin, dass das in das Forum mit der Schwiegerfamilie gehört....

Die Familie meines Mannes redet gerne in Sprichwörtern. Im Vorraum hängt schon mal "Träume nicht dein Leben, sondern leben deinen Traum" und auch sonst kommen die Sprichwörter ziemlich regelmäßig in all möglichen Situationen.

Je später der Abend, desto schöner die Gäste!
Was du nicht willst, das man dir tut ....
Ein jeder hat sein Binkerl zum Tragen.
Gleich und gleich....
....
.....

Es hört einfach nie auf und kann immer und jederzeit passieren (auch wenn man selbst am Wort ist, dann werden die Sprichwörter einfach in meine Geschichte eingeworfen!)


QuoteMoldevort

Nervig empfinde ich Geschwafel wie:

"Wir müssen alle Stakeholder ins Boot holen."
"die Leute da abholen, wo sie sind."
"ihre Meinung ist uns wichtig."
"Es ist alternativlos..."

Richtig hart triggern tun mich Dinge wie

"Keine Ahnung von Tuten und Blasen",
"Waren wir gemeinsam auf der Schule – oder warum duzen Sie mich?"

Nicht nur weil sie auf eine so depperte Art arrogant-pikiert sind, sondern auch weil es in mir auch ziemliche Fremdscham auslöst, wenn das jemand sagt/schreibt.


QuoteBoule Drom

Bei, HALLÖCHEN möchte ich gleich wieder umdrehen, und das Weite suchen.


QuoteWunzelPunzel

"Diese Sau haben wir doch schon lange genug durchs Dorf getrieben!" ...


Quotedas Orakel vom Selfie

"Reziproke Maßnahmen" Seit neuestem hier gebräuchlich, aber für den gelernten Mathematiker grober Unfug.


Quotemoatiliotta

50 ist das neue 30
Sitzen ist das neue Rauchen
Etc


QuoteSandor026

Ich bin ja kein ......, aber

...


QuoteStandardkritik

Kühlere Temperaturen (heute wieder im Standard)
Teurere Preise
Schnellere Geschwindigkeiten
...


QuotedontPanic

Den Ball flach halten. ...


QuoteKleidermacherin

"Man ist so alt wie man sich fühlt."

Jedem, der mir mit diesem Satz kommt, möchte ich entgegnen: Die Eigenwahrnehmung ist ein Hund.


Quoteein Hauch von Übermorgen

... "Was macht das mit Dir?" ...


QuoteGünter aus Stoclerau

Es ist zwar keine Redewendung, aber ,,Liebe Alle" macht mich wahnsinnig!


Quote_superstar_

literally


QuoteDer Klavierspieler

Von da her ...


Quotewo sind die kekse?

"Work hard, party hard"


QuoteKoshimito

Der Klügere gibt nach. Ist ja komplett stumpfsinnig, weil es beutete ja eigentlich: dann machen wir was der Dümmere will.


QuoteNeugiereig

Meiner Ansicht nach ein etwas kurz zusammengefasster Satz.

"Der Klügere gibt nach" bedeutet für mich im Grunde nix anderes, als dass man den besagten "Dummen" ins Leere laufen lässt und sich selbst anderen Dingen zuwendet. Hat meiner Ansicht nach nix mit dem zu tun, dass man des Dummen Willen folgen muss oder soll. Manch kurzes beflügeltes Wort hat eine ordentliche Tiefe - so scheint es mir.


QuoteSheo23

"Zum Bleistift", ...


QuoteZwiepack

"Vom Feinsten"


QuoteStandardkritik

,,Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit genommen habt."

Bei Pflichtterminen.


Quotekein Postingname

Satzbeginn: "Ehrlich gesagt ..." oder "Bei aller Offenheit ...".


QuoteNaduah

Einen "Deal" machen....einfach furchtbar!


QuoteGeigererzähler

,,Die Wahrheit liegt in der Mitte!"


QuoteEgon Friedell 1878-1938

Wo verkehren Sie?


QuoteStudent der Fahrkunst

"Des kannst net erfinden"


QuotederPolizist

,,Ein Bild sagt mehr als tausend Worte"

War immer schon falsch weil eine Bild äußerst manipulativ sein kann und keine Erklärung ersetzt. Heutzutage noch viel weniger.


QuoteRobert Uthofft

Das haben wir immer schon so gemacht.
Wo kommen wir denn da hin.
Da könnte ja jeder kommen.


Quoteencore

reingrätschen

Vor allem bei Videokonferenzen. "Entschuldigung, da muss ich reingrätschen". Am Anfang waren es die deutschen Kollegen in meinem Konzern, jetzt auch von den Österreichern übernommen.... Für mich ist das ein sprachliches Foul :)


QuoteAnette Viertlstund

"In keinster Weise"


QuoteStudent der Fahrkunst
@Anette Viertlstund

Das ist aber das Einzigste ;-)


QuoteOh Ohm

Die 20-30 Jährigen bei Zustimmung ständig ,,Voll".


QuoteFriedeFreudeUsw
@Oh Ohm

Voll!


QuoteDr. Glücksgrantler

Im Büro: ,,das bringen wir auf Schiene" und ,,wer macht den ersten Aufschlag?" und ,,Zeit für einen Deep Dive'"


QuoteUndercover Agent

sozusagen


Quote404 not found

"Ich frage für einen Freund"


QuoteEdelpfuscher

Unter Druck entstehen Diamanten.


QuoteASF_79

"In Zeiten wie diesen"

nervt mich total. Da es nix aussagt und immer verwendet wurde.

Und "in keinster Weise" weil es sogar von relativ gebildeten Menschen falsch verwendet wird und grammatikalisch falsch ist. Es gibt nämlich keine Steigerung von nichts(kein).


Quoteberlin calling

Vom Vorgesetzten: "Es ist ein Geben und Nehmen ..."


QuoteLichtmann

,,Genau mein Humor!"


Quoterriotrradio25

"thoughts and prayers"


Quoteherbert19711

Großes Kino


QuoteBrzęczyszczykiewicz

"Meine Gedanken sind bei xyz"


QuoteLütfen lüften

"Dicke Bretter bohren"...


QuoteDas tapfere Neiderlein

Das Gerede vom und über den kleinen Mann.


QuoteStewAT2

von den Politikern: " ... für die Menschen da draußen ..."


QuoteEI Señor Hood

"Das ist spannend" ...wenn man nicht sagen will dass etwas oasch ist


QuoteFantomiss

Da ist für jeden was dabei ...


QuoteZwickts_mi

Aufrichtiges Beileid!


Quoteharveytheweirdrabbit

Das wächst sich aus.


QuoteCpt. Willard

Das tritt sich fest.


QuoteTyp939

Krise ist ein anderes Wort für Chance :-(


Quoteso many problems

wenn jemand sagt: "gehen wir gleich IN MEDIAS RES" muss ich immer lachen, weils so deppat ist.

[Wörtliche Übersetzung: "In medias res" bedeutet wörtlich "mitten in die Dinge" oder "mitten im Geschehen"]


QuoteGletschergams

Wir müssen uns ehrlich machen!

F u r ch t b a r!!


Quotesarah nero

Jeder ist seines glückes schmied sagen meist menschen mit mehr glück als verstand.


QuoteStahlinger

Witzig, bin gerade gestern, während eines gemütlichen Zusammensitzens, wegen diesem Satz aufgestanden und ins Bett gegangen.

Genau diesen Bullshit hat eine Bekannte von sich gegeben. Man muss dazu wissen, dass sie bis 30 BWL studiert hat, der Vater (der Inbegriff eines Proletens) durch riesen Glück zu Geld kam, sie gerade mal zwei Jahre gearbeitet hat, bevor man sie rausgeschmissen hat und sich dank Papa ein Haus um 1,1 Millionen Euro gegönnt hat. Parallel hat sie ihren geringeverdienenden Freund abserviert.

Die erklärt einem dann, wie's geht und dass jeder der Schnied des eigenen Glückes sei. *würg*


Quotegeibitsch otto

Haben wir keine anderen Probleme?! Totengräber jeder Diskussion.


QuoteGummibam aus Surinam

... Das Wort "daten".


QuoteDer schon wieder!

Zeitnah


QuoteGummibam aus Surinam

"Herausforderung" statt "Problem". NLP-Schönsprechbullshit!


Quoteanybody xy

"Der Kunde ist König" Sowie das Original und alle Eindeutschungen von "Thoughts and Prayers"


Quotecarlito_brigante

"Jedem das Seine." - hab ich lange selber nicht gewußt, aber steht am Eingangstor vom KZ Buchenwald. Manche reagieren leicht pissed, wenn ich darauf hinweise, aber "Arbeit macht frei" würde ja auch keiner mehr sagen.


QuoteShyman

,,Ich will ja nix sagen, ABER...."


QuoteOver the plate

,,Ich stelle das einmal so in den Raum" als Aufforderung zur Diskussion.  ...


Quotefrei_geist

Jetzt geht der Ernst des Lebens los.


QuoteMadame Catherine - la Reine

Ich brenne für......


QuoteSir George

Die Letzten werden die Ersten sein.


QuotePunkFiction

,,... von daher..."


Quotenot me trying to impress Chuck Norris

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.


QuoteBogdan K.

... ein Zeichen setzen!


QuoteCortoMalteseJr

Du mußt verstehen ...


...

Link

Quote[...] Die Ironie literarischer Sprachkrisen ist, dass ihre Folgenlosigkeit stets schon ausgemacht scheint. Nach Hofmannsthals ,,Chandosbrief" ging es trotzdem weiter mit der Literatur. Und selbst nach Adornos Diktum, es sei barbarisch, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, endete die Literatur nicht.

Dennoch entfaltet der paradoxe Moment des Aussprechens der Sprachkrise ein unerbittliches ,,für immer". Eine solche Wucht hatte auch die Klagenfurter Rede zur Literatur von Tanja Maljartschuk, in der diese sagte: ,,Ich betrachte mich selbst als eine gebrochene Autorin, eine ehemalige Autorin, eine Autorin, die die Sprache verloren hat." Die 1983 geborene Ukrainerin, die 2011 nach Wien emigrierte und 2018 den Bachmannpreis gewann, sorgte bei ihrer Rückkehr nach Klagenfurt am Mittwochabend nach wenigen Sekunden für Mucksmäuschenstille im Saal und im Garten des ORF-Theaters, in dem anschließend der jährliche Bachmannpreis-Wettbewerb beginnen sollte.

,,Ich habe Angst bekommen vor der Sprache, die Millionen von mehrheitlich friedlichen Bürgern überzeugen kann, im Recht zu sein, andere zu ermorden", sagte Maljartschuk angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Sie betonte, ,,alles in meinem Leben" der Literatur zu verdanken – und kam doch zu der Frage, ob es jetzt nicht viel wichtiger sei, ,,wie man es verhindern kann, dass das Grauen sich vollzieht, als zu fragen, ob man danach noch dichten könne?"

Die bittere Ironie ihrer persönlichen Geschichte verdichtete Tanja Maljartschuk darin, dass sie, die versucht hatte, sich durch Arbeit an einem Roman über den Holocaust in der Ukraine und über ein Massaker an Juden in ihrem Heimatdorf 1942 ,,zu befreien", und die insbesondere den eigenen, die Augen verschließenden Vater mit der Gewaltgeschichte zu konfrontieren suchte, von diesem nur zu hören bekam: ,,Ich sei verrückt und solle ihn in Ruhe lassen, 150.000 russische Soldaten stehen an der Grenze zur Ukraine." Der Roman, an dem sie bis Anfang 2022 gearbeitet habe, sei nun ,,für immer unvollendet geblieben", denn Literatur sei nur ,,die schöne Lüge, die wir Hoffnung nennen".

Am Ende ihrer Rede versuchte Maljartschuk – verzweifelt, darf man vielleicht hinzufügen –, der Hoffnungslosigkeit doch noch einen Funken Utopie entgegenzusetzen, mit einem Zitat von Ingeborg Bachmann davon träumend, dass die Hände der Menschen irgendwann begabt sein werden für Liebe und Güte. Darauf hatte zuvor wirklich nichts an ihrer bitteren Rede schließen lassen, aber dennoch war diese Rahmung wohl notwendig, um nicht nur in diesem Moment mit dem Bachmannpreis-Wettbewerb fortzufahren, sondern mit der Literatur überhaupt – und sei es in der Sprache, vor der man Angst hat.


Aus: "Klagenfurter Literatur-Rede: Sprachkrise" Ein Kommentar von Jan Wiele, Klagenfurt (29.06.2023)
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/sprachkrise-tanja-maljartschuks-klagenfurter-rede-zur-literatur-18998163.html

QuoteBalduin G.

... Celan schrieb einst: ,,Erreichbar, nah und unverloren blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache blieb unverloren, ja, trotz allem." ...


QuoteSusanne H.

Celan, Bachmanns Gefährte, hat Adorno den Ausweg gewiesen. Vielleicht ist die Sprache einfach nur Kraft, die man nicht den Bösen überlassen sollte. Es muss um sie gerungen werden. Vielleicht kämpfte sie an unglücklichen Fronten. Sprache sollte nicht Wunden aufreißen, sondern Verheißung bewahren.


...

Link

Quote[...] Erstaunlich viele Menschen scheitern heute an langen Texten. Das hat Folgen für ihre Gehirne und die Universitäten. Wie der Geisteselite ihre Kulturtechnik abhandenkommt.

... die Fertigkeit [ ] Sätze zu entziffern und zu verstehen. Beim akademischen Lesen geht es um das Eintauchen in eine These oder Theorie, in die Widersprüchlichkeit eines Protagonisten. "Deep Reading" heißt diese Fähigkeit, vertieftes Lesen.

[...] die Krise der Lesekultur reicht über Deutschland hinaus und betrifft auch Spitzenuniversitäten, die nur die besten eines Jahrgangs nehmen. "The Elite College Students Who Can't Read Books", titelte das US-Magazin Atlantic im vergangenen Oktober [https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2024/11/the-elite-college-students-who-cant-read-books/679945/].

[...] Fragt man Professorinnen und Professoren nach den Gründen, warum die Leselust und die Lesekompetenzen abnehmen, lautet eine Antwort: weil die Leistungen der Studierenden insgesamt sinken.

[...] Eine naheliegende These: Das Smartphone ist schuld, das digitale Dauerfeuer. Danach haben sich die Gehirne des konzentrierten Vertiefens in einen Text entwöhnt, weil das Belohnungszentrum, angetrieben von TikTok oder Instagram, immer neuen Zucker braucht. Tatsächlich verdichten sich die Belege dafür, dass Smartphones der Konzentration und Aufmerksamkeitsspanne – und damit den Grundlagen des Lesens – schaden. Kognitionsforscher Christian Montag, der die Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Denken erforscht, sagt: "Wir wissen mittlerweile, dass eine exzessive Smartphone-Nutzung mit schlechteren akademischen Leistungen und mit weniger Volumen in manchen Bereichen des Gehirns korreliert." Dabei sei aber nicht klar, "ob das Smartphone zu weniger Hirnvolumen führt oder weniger Hirnvolumen zu einer exzessiveren Smartphone-Nutzung". Besonders negative Konsequenzen hätten "die sozialen Medien, deren Geschäftsmodell es ist, unsere Aufmerksamkeit zu absorbieren und mit Push-Benachrichtigungen ständig abzulenken".

Eine andere Erkenntnis lautet: Lesen ist nicht gleich Lesen, das Gehirn verarbeitet jedes Medium anders. Eine Reihe von Metastudien zeigt, dass das Lesen auf Papier der digitalen Lektüre überlegen ist – insbesondere bei komplexen Texten. Das liegt nicht nur an dem Ablenkungspotenzial digitaler Geräte: Hier eine neue WhatsApp-Nachricht, dort ein Herzchen für einen Post, und wieso scrolle ich jetzt schon wieder seit zehn Minuten ... Der Bildschirm selbst konditioniert dazu, Texte bloß zu überfliegen. So wandern die Augen – das zeigen Studien zur Blickerfassung – bei der Digitallektüre oft im Zickzackmuster über den Text, ohne ihn ganz zu erfassen. Andere Bildschirmleser springen von einem Satzanfang zum nächsten auf der Suche nach relevanten Informationen. Das gilt insbesondere für Sachtexte. Was dem schnellen Erfassen einer E-Mail nützt, schadet dem Deep Reading.

Auch die Haptik spielt eine Rolle: Papier lässt sich anfassen, gedruckte Seiten nehmen Raum ein. Der Leser gewinnt ein Gefühl dafür, wie lang ein Text ist, und merkt sich besser, wo ein Satz stand. "Am Bildschirm sind die Informationen dagegen nicht richtig greifbar", sagt Peter Gerjets, Lernforscher am Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien. Es ist also nicht nur ein Boomer-Tick, sich Digitaltexte auszudrucken.
Denkbar wäre es, dass die Digital Natives sich anpassen, also jene, die mit digitalen Geräten aufgewachsen sind, mittelfristig mehr aus ihrer iPad-Lektüre ziehen, weil sich ihre Gehirne darauf einstellen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Qualität des digitalen Lesens am Bildschirm ist über die letzten zwei Jahrzehnte gesunken. Für die Leseforscherin Maryanne Wolfist das ein Beweis für die "Verflachungsthese", also die Annahme, dass die jüngeren Generationen tatsächlich schlechter lesen können, egal auf welchem Medium. Demnach verändere der Dauerkontakt mit dem Digitalen das Gehirn derartig, dass es seine Lesefähigkeit verliert – und darüber weitere Kompetenzen einbüßt. So argumentiert auch die Stavanger-Erklärung. "Das Lesen langer Texte ist von unschätzbarem Wert für eine Reihe kognitiver Leistungen wie Konzentration, Aufbau eines Wortschatzes und Gedächtnis", heißt es darin. Die Erklärung wird nach einer Konferenz der weltweit führenden Leseforscher im norwegischen Stavanger 2019 veröffentlicht. Drei Jahre später erscheint ein digitales Werkzeug, das den Studierenden das Lesen langer Texte vollständig abnimmt: ChatGPT.

 "Wenn ich das Thema einer Hausarbeit langweilig finde oder irrelevant für mein Leben, dann lese ich nur die Kurzzusammenfassung von ChatGPT." "In Anglistik lese ich alles im Original, in Philosophie eher nicht. Da sind die Texte wirklich schwer. Mit dem Stil von Heidegger etwa kann ich nicht so viel anfangen." "Ich habe vor einem Jahr Spanisch und Wirtschaft auf Lehramt angefangen, und ich habe bislang noch nie einen Text komplett gelesen. Das kann die KI einfach viel besser."
Unruhe, Kopfschütteln: Das letzte Statement geht den meisten der Teilnehmer des Seminars für Fachdidaktik dann doch zu weit. "KI im Unterricht" lautet das Thema der heutigen Sitzung. Zwölf angehende Lehrkräfte lernen in einem schmucklosen Raum der Universität Tübingen, wie sie künstliche Intelligenz im Schulalltag nutzen können.

Sie lesen alle gern, sagen sie, Romane, Kurzgeschichten. Tatsächlich berichten Professoren wie Verlage von einem Boom unter jüngeren Leserinnen – für junge Männer gilt das nicht –, wenn es um Fantasy und Romanzen geht, Stichwort "BookTok". Aber wenn im Studium die Gedanken zu fremd sind, die Sätze zu verschlungen, nutzen sie ChatGPT. Dann also, wenn es anstrengend wird.

Auch hier fehlen verlässliche Zahlen, aber der Lernforscher Peter Gerjets schätzt, dass für "70 bis 80 Prozent" der Studierenden KI zum normalen Werkzeug geworden ist, um Texte zu formulieren oder Lektüren abzukürzen. Und wie viele Studierende gehen noch in eine Bibliothek, um ein Buch auszuleihen? "Viele sind es nicht mehr." Gerade hat sein Institut die Bibliothek verkleinert und "drei Viertel der Bücher weggeschmissen".

Nun könnte man argumentieren, dass das Erkunden verschachtelter Gedankengebäude heute nicht mehr nötig ist. Weil Immanuel Kants kategorischer Imperativ in einem YouTube-Film besser erklärt wird, als es der Autor selbst in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten vermochte. Und fassen KI-Modelle wie ChatGPT Kafkas Schloss nicht perfekt zusammen und liefern Interpretationen gleich mit? Muss das Original da noch sein?

Vieles spricht dafür. Weitgehend belegt ist, dass Literatur Empathie verstärkt, weil man lesend lernt, sich in andere hineinzuversetzen; im Hirn laufen beim fiktionalen Erleben ähnliche Prozesse ab, als würde man die Situation in der Realität erleben. Auch das kritische Denken profitiert vom Lesen, das überdies vor autoritären Tendenzen zu schützen scheint. Der Oldenburger Historiker Michael Sommer formuliert es so: "Mir fehlt die Fantasie, wie eine Demokratie damit klarkommen soll, wenn 80 Prozent keine Texte lesen können."

Allerdings hat die kulturelle Elite noch jedes neue Medium verteufelt: Fernsehen, Kino, Radio, Comics, ja selbst Bücher. Sokrates sah in der aufkommenden Schriftkultur eine Gefahr, die sehr aktuell klingt: Argumente in Form von Buchstaben auf Papyrusrollen zu lesen, statt sie im philosophischen Gespräch auszutauschen, würde nur oberflächliches Wissen bringen, ja, zur Verdummung führen, befand der Philosoph (was sein Schüler Platon sofort, nun ja, niederschrieb). Heute weiß man, das Gegenteil war der Fall. Statt brain rot zu befeuern, erwuchsen aus der Schriftkultur die Säulen der Moderne. Und 2.500 Jahre später wurde der politische Diskurs durch das Privatfernsehen zwar zunehmend zur Entertainmentshow, wie Neil Postman 1985 in Wir amüsieren uns zu Tode diagnostizierte. Aber die liberale Demokratie siegte unbeeindruckt von CNN und RTL über den Kommunismus und konnte sich, bislang zumindest, ziemlich lange halten. Handelt es sich nun, wo das Lesen bedroht ist, also bloß um die Neuauflage eines uralten kulturpessimistischen Lamentos?

Nein, sagen Leseforscher. Um einen Autor wirklich zu verstehen, müsse man dessen Argumentationswege nachvollziehen, erklärt Andreas Gold, pädagogischer Psychologe an der Universität Frankfurt. Dafür müsse man ihn sorgfältig lesen, mit eigenen Gedanken verknüpfen, Anmerkungen machen. "Sich einen Text aneignen", nennt Gold das. Lese man Theodor Adornos Minima Moralia bloß als Zusammenfassung einer KI, könne man zwar eine Multiple-Choice-Klausur bestehen, aber "in einem Prüfungsgespräch über das Buch wird man scheitern". 

Ein Studium dient dazu, bestehende Gedankengebäude zu durchdringen, Thesen zu hinterfragen, vielleicht Gegenthesen aufzustellen – also eigenständiges Denken zu lernen. So funktioniert Wissenschaft – und auch politische Willensbildung. Der Einsatz von KI scheint das zu bedrohen, wie eine neue Studie andeutet, an der Microsoft-Forscher aus Cambridge und die Carnegie Mellon University aus Pennsylvania beteiligt waren. KI-Nutzung sorgte bei den Probanden dafür, dass sie weniger kritisches Denken zeigten. Langfristig könne das "zu einem Rückgang der Problemlösungskompetenzen" führen, schreiben die Forscher. Und: Je höher das Vertrauen in die Fähigkeiten der KI, desto weniger kritisches Denken legten die Probanden an den Tag.
Ebenso irreführend ist die Vorstellung, man könne auf eigenes Wissen verzichten, da sämtliche Informationen der Welt jederzeit im Internet abrufbar seien. Nur wer viel gelesen habe und so einen Wissensschatz aufbaue, könne neue Informationen einordnen, Zusammenhänge kritisch bewerten und Probleme lösen, schreibt die Leseforscherin Maryanne Wolf. Caroline Roeder, die an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg Lehrkräfte ausbildet, ergänzt: "Man staunt, wie wenig Kontext vorhanden ist. Als ich den Roman Hitlerjunge Quex behandelt habe, konnten die Studierenden nicht erkennen, ob das ein Propagandatext von Nazis ist oder ein kritischer Text über die NS-Zeit."
Womöglich vollzieht sich also tatsächlich ein epochaler Wandel, mit Konsequenzen für Gehirn und Gesellschaft, Bildung und Wissenschaft, die wir noch nicht überblicken.

...



Aus: "Ein Buch lesen? Ganz?!" Anant Agarwala und Martin Spiewak (Aus der ZEIT Nr. 18/2025 )
Quelle: https://www.zeit.de/2025/18/lesekompetenz-lange-texte-universitaeten-lehre


Link

Quote[...] Steffen Koch ist akademischer Rat auf Zeit an der Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld, wo er aktuell ein DFG-gefördertes Forschungsprojekt zu sprachlichen Interventionen leitet.

,,Minorität", ,,Identität", ,,Hassrede", ,,Aktivismus", ,,Klimakrise", ,,anti-rassistisch" und ,,Frau" – dies sind nur sieben aus insgesamt über 200 Wörtern, die laut einer Recherche der New York Times [https://www.nytimes.com/interactive/2025/03/07/us/trump-federal-agencies-websites-words-dei.html] der staatlichen Zensur durch die Trump-Administration zum Opfer gefallen sind. Die Zensur beinhaltet die Streichung dieser Ausdrücke von allen staatlichen Webseiten und Bildungsmaterialien, sowie eine neuerliche Prüfung von Anträgen und Verträgen, in denen sie auftauchen. Sie ist damit Ausdruck einer versuchten ,,Säuberung" aller bundesstaatlichen Behörden von ,,woken" Initiativen, denen an der Förderung von Diversität, Gleichheit und Inklusion (engl. DEI) gelegen ist, und zu deren Zweck die Trump-Administration auch über diese Zensur hinaus mit Massenentlassungen und massiven Geldkürzungen für Aufsehen sorgt.

Im Kommentariat um diese beispiellose Zensur dauerte es nicht lange, bis großzügige Parallelen zu als ,,woke" bezeichneter Sprachkritik gezogen wurden. In der ZEIT war zu lesen, es würde nun die ,,linke Gesinnungspolizei" durch eine rechte ersetzt, indem ,,das Mittel der Sprachregelung" – der ,,heilige Gral der woken Bewegung" – neuerdings von ,,rechten Kulturkriegern in Anspruch genommen" werde; im Spiegel wurde kommentiert, der rechte Angriff auf die Kultur gleiche einer ,,Konterrevolution" (man beachte die Präsupposition einer vorausgegangenen linken Revolution), durch welche ,,die Kontrolle und Sanktionierung von Sprache" nun gegen deren eigentliche Verfechter eingesetzt würde; und im Deutschlandfunk war in der Sendung Sein und Streit von Philipp Hübl zu hören, die Trump-Administration ,,verfalle derselben Sprachmagie wie die progressiven Sprachpuristen, die sie kritisieren".

Richtig ist, dass die Nutzung von Sprachinterventionen – der gezielten Einflussnahme auf die von einer Gruppe genutzten Ausdrucksweisen – zur Erreichung politischer Ziele nicht neu ist. Sie wurde weder von der Trump-Administration noch von der ,,woken Bewegung", mit der sie momentan so gerne verglichen wird, erfunden, sondern hat einen festen Platz in den verschiedensten politischen Lagern von so ziemlich allen modernen Gesellschaften. Historische Beispiele dafür liefern etwa die von Nazis geprägten Ausdrücke wie ,,Volksgemeinschaft", ,,Lebensraum" oder ,,entartete Kunst"; die bolschewistische Vereinnahmung von ,,Klassenfeind", ,,konterrevolutionär", oder ,,Kulak"; die während der chinesischen Kulturrevolution geprägte Rede vom ,,neuen Menschen"; die Anfang der 90er Jahre maßgeblich von Queer Nation vorangetriebene Re-appropriation des Ausdrucks ,,Queer"; der von Feministinnen wie Dale Spender, Adrienne Rich oder Mary Daly anvisierte Kampf um eine ,,Sprache für alle"; oder die von politischen Strategen wie Frank Luntz forcierte Umbenennung der Erbschaftssteuer in die ,,Todessteuer" (death tax).

Die möglichen Folgen von Sprachinterventionen werden indes kontrovers diskutiert. Während die einen, häufig mit Bezug auf George Orwells ,Neusprech', sagen, es handele sich um eine hochgefährliche Form der Gedankenkontrolle, sehen andere darin nicht mehr als den naiven und höchstens lächerlichen Versuch, sich die Welt durch eine Veränderung der Art, wie man über sie redet, zurechtzubiegen. Dies ist die von Philipp Hübl so bezeichnete ,,Sprachmagie": Wenn wir manche Wörter einfach nicht mehr verwenden, so das unterstellte Kalkül, dann existieren auch die unliebsamen Phänomene nicht mehr, die durch sie bezeichnet werden; und wenn wir die Erbschaftssteuer jetzt konsequent Todessteuer nennen, dann werden auch die eingefleischtesten Demokraten bald merken, wie ungerecht sie ist.

Tatsächlich ist jedoch nicht davon auszugehen, dass progressive wie reaktionäre Sprachinterventionisten einer Sprachmagie erliegen. Sprachinterventionen erhalten ihre Rechtfertigung vielmehr durch den plausiblen Gedanken, dass eine Veränderung der Sprache, die wir sprechen, zu Veränderungen in unserem Denken führt, was sich dann mittelbar auch in Verhaltensänderungen und somit in einer Veränderung der realen Umstände niederschlägt. Dieser Gedanke ist streitbar und bedarf eingehender Prüfung; mit Magie hat er allerdings wenig zu tun. Stattdessen fußt er auf einer langen Tradition wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Sprache und Denken.

Zwar ist die lange Zeit speziell in geisteswissenschaftlich interessierten Zirkeln populäre Sapir-Whorf Hypothese von der unhintergehbaren Determination unseres Denkens durch die Sprache – filmisch inszeniert etwa in ,,Arrival" – inzwischen in Misskredit geraten. Dennoch liefert uns die Psycholinguistik inzwischen gute Belege für einen handfesten Einfluss von Sprache auf unser Denken. Dieser besteht nicht, wie von Whorf angenommen, darin, dass unsere Sprache uns den Raum des überhaupt Denkbaren vorstrukturiert. Stattdessen sorgt das Vokabular unserer Sprache für eine Art Habitualisierung unserer Denkprozesse: welche Einzeldinge wir etwa als ähnlich betrachten, wie wahrscheinlich es ist, dass wir uns an etwas erinnern, oder in welcher Richtung wir nach einer Lösung für ein uns gestelltes Problem suchen.[1] Haben wir einen Ausdruck für ein Phänomen, dann neigen wir dazu, diesem Phänomen eine größere Bedeutung zu schenken. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass wenn uns ein Ausdruck abhandenkommt, das durch ihn bezeichnete Phänomen für uns an Wichtigkeit verliert.

Der Kampf um Wörter ist vor diesem Hintergrund auch als ein Kampf um unsere gewohnheitsmäßigen Denkungsarten zu verstehen. Auf dem Spiel steht dabei, welche relative Wichtigkeit wir einem Phänomen zuweisen und welche Rolle es in unserem Denken spielt. Dabei mögen die Effekte von Sprachinterventionen tatsächlich weniger gravierend sein, als etwa in Orwell's 1984 oder auch von den frühen Verfechtern der Sapir-Whorf Hypothese angenommen; andererseits ist aber sicher kein magisches Denken nötig, um sich über die Auswirkungen von Sprachzensurprogrammen Sorgen zu machen.

Doch auch die Gleichsetzung der staatlich verordneten Zensur der Trump-Administration mit linken bzw. ,,woken" Sprachinterventionen ist irreführend, denn tatsächlich handelt es sich hier um zwei völlig verschiedene Projekte. Durch Einflussnahme auf unsere Sprachpraxis ein Umdenken herbeiführen zu wollen, ist eine Sache. Aber anhand von einer Liste von Wörtern einen politischen Gegner zu identifizieren und durch teilweise verfassungswidrige Machtausübung zu bekämpfen, ist eine ganz andere. Die ,,woke" Sprachkritik – man mag über sie denken, was man möchte – ist dem ersten Projekt verpflichtet, genauso übrigens die Bemühungen rechter ,,Sprachzauberer" wie Frank Luntz während der 90er Jahre oder Trump-naher Medien wie Fox News, die während des Wahlkampfes die Rede von ,,migrant crime" prägten und nun den ,,Golf von Amerika" feiern. Für dieses Projekt ist Sprache zentral, geht es doch im Kern darum, durch gezielte Sprachinterventionen Einfluss auf die politische Meinungsbildung zu nehmen.

Trumps Sprachzensur ist hingegen nur vordergründig ein auf Sprache gerichteter Eingriff. Tatsächlich geht es dabei weniger darum, wie Menschen miteinander sprechen, als vielmehr darum, wer in Zukunft noch an Universitäten oder in staatlichen Agenturen beschäftigt sein wird, welche Forschung noch mit welchen finanziellen Mitteln unterstützt wird, welche Inhalte an Schulen unterrichtet werden dürfen bzw. sollen, und vieles mehr. Diese weitreichenden Einschnitte in die Zivilgesellschaft als eine Art umgedreht-wokistische Sprachregulierung aufzufassen, ist sachlich unrichtig und läuft auf Verharmlosung hinaus. Wenn wir schon eine historische Analogie zu Trumps Zensurprogramm bemühen wollen, dann sollten hier die Gleischaltungsprogramme der totalitären Regime des 20. Jhdts als Bezugspunkt gelten, anstatt die ,,woke" Sprachkritik der letzten Jahrzehnte.


Aus: "Trump und die ,woke Sprachpolizei': Alles nur Sprachmagie?" (Sprachphilosophie, 5. April 20250)
Quelle: https://praefaktisch.de/002e/trump-und-die-woke-sprachpolizei-alles-nur-sprachmagie/

[1] Vgl. z.B. Zettersten, M. & Lupyan, G. (2020). Finding categories through words: More nameable features improve category learning. Cognition, 196, 104135. doi:  10.1016/j.cognition.2019.104135. und Lupyan, G., & Zettersten, M. (2021). Does Vocabulary Help Structure the Mind? Minnesota Symposia on Child Psychology, 160–199. doi: 10.1002/9781119684527.ch6

-

My areas of specialization are mostly in the philosophy of language, the philosophy of psychology, in metaphilosophy, and experimental philosophy.
https://steffenkoch.org/

Link

Quote[...] "Irgendwie so total spannend - Unser schöner neuer Sprachgebrauch" heißt das neue Buch des Sprachkritikers und Kunsthistorikers Wolfgang Kemp. Mit dem Titel macht Kemp gleich auf mehrere neuralgische Punkte aufmerksam: das gehäufte Auftreten von "Umgehungsdeutsch" oder "verbalen Weichmachern", wie er sie nennt ("irgendwie", "so", "und so", "eh", "halt" "sozusagen"), und Floskeln, die Kemp als "Ultradeutsch" bezeichnet: "total", "genau", "absolut", "auf jeden Fall".

Untersucht hat Kemp nicht zuletzt die gesprochene Sprache; besonders Podcasts haben ihn interessiert, denn "im Podcast wird Alltagssprache auf das Niveau der veröffentlichten und gespeicherten Sprache hochgefahren bzw. mit dieser ausgehandelt", so Kemp in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Podcasts seien daher für ihn "die Quelle zur Betrachtung des heutigen Sprachgeschehens."

In der Tat existieren allein auf der Plattform "Spotify" rund 70.000 deutschsprachige Podcasts. Wolfgang Kemp konzentrierte sich auf Laber-Podcasts, in denen "der Zwang zur Zwanglosigkeit herrscht" - mit entsprechenden Folgen für die Sprache "unter den Bedingungen eines Nebenbei-Mediums", wie der Autor vermerkt.

"Sagen wir so oft "genau" , weil wir gleichzeitig alles mit "sozusagen" einnebeln?" fragt Wolfgang Kemp und stellt für den beobachteten unnötig hohen Partikel-Gebrauch die Diagnose: Partikulitis.

Kemp geht noch einen Schritt weiter: Kann es sein, dass zwei im 21. Jahrhundert allgegenwärtige menschliche Gesten - das (weiche) Wischen am Handy-Bildschirm und das (harte) Tippen auf einer Tastatur - Analogien zu "Umgehungsdeutsch" und "Ultradeutsch" sind? Jedes Wischen eine Geste ins Ungefähre, Beliebige und jeder Tastendruck "ein kleiner Dopamin-Stoß"?

Aber auch zu Sinn und Unsinn gegenderter Sprache, zu Social-Media-Sprech, zum entpersönlichten Behördendeutsch oder zum Wording, wie es in ministerialen Pressestellen oder im Kulturbetrieb zu hören ist, äußert sich Wolfgang Kemp, dessen sprachkritische Kolumnen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erschienen sind. ...


Aus: "Diagnose: Chronische "Partikulitis""  (27. Juni 2025)
Quelle: https://oe1.orf.at/programm/20250627/798372/Diagnose-Chronische-Partikulitis

-

Quote[...] Wolfgang Kemp ist eigentlich Kunsthistoriker, war Professor für Kunstgeschichte an verschiedenen Hochschulen. Doch seit er im Ruhestand ist, tummelt er sich auch auf dem Gebiet der Linguistik, schreibt zugespitzte Beiträge für Zeitungen und macht sich eine Menge Gedanken darüber, was da gerade mit unserer schönen deutschen Sprache passiert. Was ihr da angetan wird – gedankenlos oder mit Absicht. Der wild klingende Titel des Buches kommt nicht von ungefähr. So reden ja immer mehr Leute um uns herum. Man könnte sich die Haare raufen. Hören die sich nicht selbst reden?

Drei Holperstrecken des heutigen Sprachgebrauchs hat sich Kemp für dieses feuilletonistische Büchlein zur Erkundung vorgenommen. Das erste ist die Schnatterwelt der Partikeln, also jener kleinen Sprachbestandteile, die die Sätze fluten, wenn die Sprechenden eigentlich nichts zu sagen haben. Entweder, weil es auch gar nichts zu sagen gibt – oder weil sie vom Thema, über das geredet wird, gar keine Ahnung haben.

Und so werden die Sätze vollgestopft mit Versatzstücken, die das Gesagte gleichzeitig aufpeppen und verwässern. Worte wie sozusagen, genau, irgendwie, wobei, obwohl usw. Kemp nimmt einen der unzähligen Podcasts im Internet zur Analyse, in dem zwei Redende sich ,,irgendwie so" über Ernst Jünger unterhalten, den sie für unlesbar und viel zu schwer verständlich erklären, aber in dem ganzen Podcast überhaupt nichts Substanzielles über Jünger oder gar seinen Stil sagen. Ein geradezu typisches Gespräch über irgendetwas, wie es heute alle realen und digitalen Räume füllt.

Im zweiten Teil seines Buches widmet er sich dem Gendern und dessen fast nie thematisierter Rolle bei der Entkernung von Sprache. Denn dieser intellektuelle Bauversuch, Sprache für alle möglichen sexuellen und sonstigen Befindlichkeiten ,,sensibel" zu machen, erreicht etwas, was eigentlich nicht beabsichtigt war: eine fürsorgliche Beliebigkeit, bei der ausgerechnet das Konkrete, das eigentlich gewürdigt werden sollte, verloren geht. Womit sich schon abzeichnet, was die drei Untersuchungsfelder, die Kemp sich vorgenommen hat, gemeinsam haben.

Das dritte sind ,,Unsere Adjektive". Wobei er gar nicht all die wirklich schönen und farbenreichen Adjektive meint, an denen die deutsche Sprache so reich ist, sondern die ,,Adjektive der Spitzenklasse", mit denen gedankenlose Leute alles glauben, emotional aufpeppen zu müssen, wenn ihnen für eine sachliche Einschätzung schlicht die Worte fehlen. Emotional gehört inzwischen auch dazu, genauso wie total, schwierig, unheimlich, spannend ...

Eine Phraseologie, die direkt aus den ,,Social Media" auch in gewöhnliche Gespräche, Kunst- und Literaturkritik schwappt, weil sich alle möglichen Leute animiert fühlen, permanent ihr Urteil abgeben zu müssen über Dinge, die ihnen eigentlich schnuppe sind. Sonst würden sie nämlich andere, passende Worte finden.

Wir leben in einer zunehmend sprachlich oberflächlicher werdenden Welt, in der fortwährend geplappert, geredet, gelikt und bewertet wird. Online und analog. Und wo ständig Leute am Reden sind, die inhaltlich überhaupt nichts beizutragen haben. Aber der Druck muss enorm sein, permanent Präsenz zeigen zu müssen, fortwährend gehört zu werden, wahrgenommen zu werden.

In den ,,Social Media" gleichsam mit Followern und Likes honoriert. Und gleichzeitig wird das klare und eindeutige Sprechen immer wieder vermieden, werden Abschwächungen und Relativierungen eingebaut. Weichmacherei nennt es Kemp im Kapitel zum Gendern, wo er nicht nur auf den Asterisk und seine Zeichen-Verwandten von der Tastatur eingeht, sondern auch auf die um sich greifende Art des ,,fürsorglichen Sprechens", die so fürsorglich wird, dass die Position der Sprechenden kaum noch greifbar wird.

Aber auch der gedankenlose Umgang mit den Adjektiven ist so ein Akt der falsch verstandenen Fürsorge. Das Sprechen wird gleichsam aufgepeppt mit Füllworten, die das Gesagte entschärfen und in Watte verpacken und damit letztlich ungreifbar machen, wenn daraus dann Phrasen wie ,,Ich halte das für schwierig" werden. Als wenn sich der Sprecher nicht mehr trauen würde, eindeutig Position zu beziehen und zu sagen, wenn er etwas falsch findet. Es ist eine falsch verstandene Fürsorglichkeit.

Auch wenn man nur zu gut versteht, welche Motivation dahinter steckt. Nur das Ergebnis ist letztlich eine Nicht-Kommunikation. Denn Kommunikation lebt von Genauigkeit. Oder Kemp zitiert: ,,Freiheit, hört man von ganz oben, braucht eine Toleranz gegenüber Unbestimmtheit. Für wie lange? Im Viszeralen wachsen Gefühlsmischungen wie Kulturen – anders gesagt: Die Gedanken sind Brei."

Mit viszeral spielt er dabei auf die Eingeweide an, also all die schönen Körperteile, mit denen die so gefühlvoll Sprechenden die Herkunft ihrer Emotionen begründen. Früher hieß das einfach: Um den heißen Brei herumreden. Plappern, ohne auf den Kern zu kommen. Auf des Pudels Kern, um Goethe zumindest beiläufig zu erwähnen.

Das aber ist letztlich die Vermeidung wirklicher Kommunikation. Das Spreche wird problematisiert. Und gleichzeitig vermeidet man, die Probleme beim Namen zu nennen. Da helfen auch keine amtlich vorgegebenen Gendervorschriften, die durch vorgegebene Standards versuchen, den Sprechern ein sensibles Sprechen vorzuschreiben. Nur sind die wuchernden Abkürzungen und Sonderzeichen eben kein sensibles Sprechen, sondern ein politisches. Statt die Sprechenden und Schreibenden wirklich zu einem aufmerksamen Formulieren zu animieren, werden Konstrukte in den Satz gepresst, die das aufmerksame Sprechen nur bedeuten.

Weshalb Kemp so beiläufig auch feststellen kann, dass ausgerechnet die Leute, deren Broterwerb mit genauem und sensiblem Schreiben zu tun hat, auf das Gendern verzichten. Denn Schriftstellerinnen und Dichter wollen auch noch in künftigen Zeiten gelesen werden. Und heute sowieso. Und alle Experimente, das Gendern stilvoll in einen literarischen Text umzusetzen, sind bis heute gescheitert.

Weil es genau das nicht bewirkt, was es eigentlich erreichen soll: ein sensibles und genaues Sprechen und Schreiben.

Und gerade weil Kemp auch das Plappern in Podcasts und das reduzierte Schreiben in den ,,Social Media" untersucht, wird deutlicher, dass alle drei Sprachhaltungen zu einem Ergebnis führen: einer Verwässerung und Entkernung von Kommunikation. Und zu falscher Fürsorge. Denn wie will man sich mit Leuten, die ihre Sätze mit lauter Partikeln aufblasen, nur um am Ende nichts wirklich gesagt zu haben, unterhalten? Mit Watte kann man sich nicht unterhalten. Streiten schon gar nicht.

Am Ende beschäftigt sich Kemp auch noch mit den Emojis, die gerade die Kommunikation mit Worten in den ,,Social Media" völlig zu ersetzen scheinen. Zurück also in die nonverbale Kommunikation der Steinzeithöhlen? Nicht wirklich.

Eher ist auch das eine Flucht aus der konkreten, bedachten Gesprächsführung. Das Nicht-Sagen wird zur Flucht vor dem intensiven Gespräch. Man redet, greift zu scheinbar starken Floskeln wie total, maximal, interessant, spannend, aufregend, emotional usw. – aber die Floskeln stehen für nichts mehr. Schon gar nicht für eine große Begeisterung. In der scheinbaren Begeisterung steckt schon die Abwehr. Denn was einen wirklich begeistert, verrät man nicht mehr. Man bleibt im Ungefähren, in der großen Geste ohne Inhalt. Und kann doch so tun, als hätte man sich mit der angesprochenen Sache tatsächlich beschäftigt.

Kemp zitiert eine Menge linguistischer Literatur zum Thema. Die geschilderten Phänomene sind den Linguisten diesseits und jenseits des Großen Teiches sehr wohl bewusst. Aber sie versuchen die Probleme aus dem Sprechakt selbst zu erklären. Dabei zeigen all diese Nicht-Sprech-Akte eher die Verunsicherung der Sprechenden bei allem, was sie sagen.

Denn der Drang zum Werten und Bewerten durchzieht mittlerweile die ganze Gesellschaft. Man will Unterschiede machen, aber gleichsam nicht konkret werden. Die Verwässerung des Sprechens auf der einen Seite korrespondiert mit der zunehmende Ausschließlichkeit von Behauptungen auf der Anderen. So geht das Objekt des Sprechens verloren. Alles wird Geplapper. Das Konkrete verwischt sich, ,,alterniert zwischen irgendwie und absolut, quasi und definitiv, ein bisschen und total".

Wobei hier auch noch ältere Schichten der Sprachwattierung durchschimmern – etwa mit dem quasi, das schon vor Jahrzehnten ein deutlicher Marker dafür war, dass sich der Sprecher dessen, was er da sagte, überhaupt nicht sicher war, herumeierte und versuchte, beim Gegenüber doch noch so etwas wie eine Zustimmung zum Gesagten zu erbetteln. Könnte ja quasi stimmen, was er da gesagt hat. Nur weiß er es nicht, hat es irgendwo nur aufgeschnappt. Eine Welt aus lauter Halbverdautem und Leichtgeglaubtem, nie überprüft, nie durch eigene Erfahrung bestätigt.

Eigentlich kann man da nur ,,Danke" sagen und das Gespräch beenden. Aber es wird einfach weitergeplappert. Ohne dass das Gespräch einem greifbaren Ziel zusteuert – was schlicht unmöglich ist, wenn Sprache bis zur Unkenntlichkeit ausgewaschen wird.

Oder mit Kemps Worten, die seinen Beweggrund beschreiben, mit dem er sich in dieses Büchlein gestürzt hat: ,,Mein Anliegen war es, auf ein Syndrom hinzuweisen, auf das gleichzeitige Auftreten von Spracherweichung und Spracherhärtung, Entfärbung und Färbung."

Alles hat mit dem vermarktbaren und konsumierbaren Drang zu tun, dass es immer weiter geht. Man landet in einem permanenten Nebenbei, das aus Lautsprechern dudelt und über Bildschirme wischt. Es geht immer weiter. Gäb's einen Punkt, könnte man loslassen und aufatmen. ,,Jargon der Uneigentlichkeit" nennt es Kemp. Der nur zu gern den berühmten Dr. Murke aus Heinrich Bölls ,,Dr. Murkes gesammeltes Schweigen" losschicken würde, um all diese Füllsel wenigstens aus dem herauszuschneiden, was die öffentlich-rechtlichen Sender an Geplapper und Füllmaterial versenden.

Was ja mit der modernen Technik noch viel leichter möglich wäre als in Zeiten, als noch Tonbänder zugeschnitten werden mussten. Wie würde sich das dann anhören? Spannender, stringenter wäre es auf jeden Fall. Man könnte wieder zuhören.

Aber so bleibt nur ein kleines bissiges Büchlein, das die allgegenwärtige Plapperei mal in drei Phänomenen untersucht. Was das letztlich anrichtet mit unserer Gesellschaft, wissen auch die Soziologen nicht.

Zu: Wolfgang Kemp ,,Irgendwie so total spannend" Mitteldeutscher Verlag, zu Klampen Verlag, Springe 2025


Aus: "Irgendwie so total spannend: Wolfgang Kemps Begutachtung des modernen Jargons der Uneigentlichkeit" Ralf Julke (11. Mai 2025)
Quelle: https://www.l-iz.de/bildung/buecher/2025/05/irgendwie-so-total-spannend-wolfgang-kemps-begutachtung-moderner-jargon-uneigentlichkeit-624052

Link

#15
Quote[...] Was ist Sprache? Warum sprechen wir überhaupt, und was bezwecken wir damit? Das sind Fragen, die zu den ältesten der Philosophie gehören, und über Jahrtausende hinweg wurden sie etwa wie folgt beantwortet: Sprache dient dazu, die Wirklichkeit in Worte zu fassen. Sie ist dazu da, Ideen wiederzugeben oder auch Tatsachen in der realen Welt zu bezeichnen. Im Kern der Sprachphilosophie stand darum wesentlich stets die Lehre von der Bedeutung: die Semantik.

Aber dieser Sprachbegriff greift zu kurz, viel zu kurz – mit dieser These betrat der Philosoph John R. Searle in den Sechzigerjahren die Bühne. Für ihn war es nicht weniger als ein "Skandal", dass die Sprachphilosophie über 2.500 Jahre hinweg übersehen hatte, worum es beim Sprechen in Wirklichkeit geht. Nicht darum, so Searle, die Wirklichkeit abzubilden, sondern darum, die Wirklichkeit zu beeinflussen. Wenn wir sprechen, dann handeln wir, um etwas zu erreichen. Ins Zentrum der Sprachphilosophie gehöre darum die Lehre vom Gebrauch der Sprache: die Pragmatik.

John R. Searle war nicht der Erste, der diesen pragmatic turn in der Sprachphilosophie vollzog, aber er war fraglos der lauteste und einflussreichste; neben einem scharfen analytischen Geist gehörte stets auch ein solides Selbst- und Sendungsbewusstsein zu seinen Qualitäten.

... Mit Michel Foucault, der in den Siebzigerjahren ebenfalls in Berkeley lehrte, verband Searle eine Freundschaft, die über das Akademische hinausging. Wenn Foucault die wirklichkeitserschaffende Kraft von Diskursen untersuchte, dann merkte man auch daran die Inspiration durch Searle. Und die junge Judith Butler schließlich entlieh in ihren ersten Schriften in den Achtzigerjahren bei Searle die Analyse des performativen Charakters von Sprache und entwickelte daraus die Idee, dass auch geschlechtliche Identität durch performative Akte erzeugt wird.

John R. Searle war ein Denker, der in viele Richtungen strahlte; er war ein grandioser Lehrer und Redner. Er war eine Erscheinung mit seinem breiten amerikanischen Akzent und seinem breitbeinigen Auftreten. Unter Kollegen wurde er gern Cowboy oder John Wayne genannt, und manches Auditorium auf Philosophiekongressen wurde von ihm aus dem Dämmerschlaf gerissen.

...


Aus: "Sie nannten ihn Cowboy"  Jens Balzer (29. September 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2025-09/john-r-searle-philosoph-sprache-usa-tod

In linguistics and the philosophy of language, pragmatics is the study of how context contributes to meaning. ...
https://en.wikipedia.org/wiki/Pragmatics

QuoteHorst with no name

Mit Searles pragmatic turn, Sprache nicht in erster Linie als Medium zur Erfassung der Welt zu verstehen, sondern als Werkzeug, mit dem wir die Welt gleichsam verändern (wenn nicht sogar in gewisser Hinsicht erschaffen), hat für mich eine faszinierene intellektuelle Reise begonnen, die mich über Habermas, die Poststrukturalisten (insbesondere Foucault), den Konstruktivismus bis hin zu Rorty und dem amerikanischen Neo-Pragmatismus führte.

Thank you very much, Sir!

[https://de.wikipedia.org/wiki/Neopragmatismus]