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[Weltanschauung und Ideologie (Notizen) ... ]

Started by Link, July 20, 2017, 03:02:15 PM

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Quote[...] Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und seit Herbst 2016 Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE.

Im Silicon Valley braut sich etwas zusammen. Konkurrierende neue Weltanschauungen entstehen – eine davon ist eine verkleidete Variante alter, düsterer Ideologien. Sie hat mächtige Fans.

Alles fing ganz harmlos an. Der Versuch, die Welt zu verbessern, sollte auf ein solides empirisches Fundament gestellt werden: Wie kann Verhalten, das dem Allgemeinwohl dienen soll, möglichst effektiv gestaltet werden? Wie gibt man Geld am besten aus [https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/effektiver-altruismus-was-steckt-hinter-der-philosophie-a-1143066.html]? Die Antworten sind beispielsweise Studien über die Effektivität verschiedener Formen der Entwicklungshilfe. Diese für sich genommen sehr sympathische Idee bekam von Philosophen einen Namen:

Effective Altruism, zu Deutsch effektiver Altruismus (EA). Kurzdefinition: Der Versuch, karitatives Verhalten, Spenden, Entwicklungshilfe und ähnliche Ansätze durch kontinuierliche empirische Begleitung besser, eben effektiver zu machen. Und die Diskussion der Frage, ob es nicht eine moralische Verpflichtung gibt, als privilegierter Mensch, beispielsweise als wohlhabender Bewohner einer westlichen Industrienation, einen substanziellen Teil seines Geldes oder seiner Zeit zu spenden. Und damit anderswo – möglicherweise weit entfernt – Leben zu retten.

Die Ursprünge des effektiven Altruismus liegen in der akademischen Philosophie. Inzwischen gilt er als die vermutlich bestfinanzierte philosophische Denkschule der Geschichte: Viele sehr reiche Menschen aus der Tech- und Kryptowährungs-Szene sind bereit, viel Geld an diese Bewegung und ihre Institutionen zu spenden. Der bekannteste war Sam Bankman-Fried, der wegen des spektakulären Crashs seiner Kryptobörse FTX und eines angeschlossenen Fonds mittlerweile im Gefängnis sitzt [https://www.spiegel.de/wirtschaft/sam-bankman-fried-das-urteil-gegen-den-krypto-star-und-was-es-bedeutet-podcast-a-a22f0558-9be2-44c7-88e8-1589b6293bcb].

Ein Teil dieser Menschen interessiert sich inzwischen vor allem für existenzielle Menschheitsrisiken. Mit dieser Logik: Wenn es ein Verbrechen ist, einen Menschen in einem fernen Land etwa durch Unterlassen einer Spende verhungern zu lassen, dann ist es auch ein Verbrechen, das Leben künftiger Generationen von Menschen zu verhindern.

Das mit dieser Denkweise verbundene Schlagwort ist Longtermism. Kurzdefinition: Eine Denkrichtung, die sich vor allem dem langfristigen Überleben der Menschheit, existenziellen Risiken und ihrer Vermeidung widmet (sie war in dieser Kolumne schon mehrfach Thema [https://www.spiegel.de/wissenschaft/longtermism-was-ist-das-rettung-oder-gefahr-kolumne-a-983e60ba-6265-40a8-8c65-8f2668e4e9ff]). Die wichtigsten philosophischen Vertreter dieser Denkrichtung sind die in Oxford arbeitenden Philosophen William McAskill, Toby Ord und Nick Bostrom.



In den vergangenen Jahren haben sich die Anhänger von Effective Altruism und Longtermism mit großer Hingabe vor allem einer bestimmten Bedrohung gewidmet. Nein, nicht der Klimakrise.

Sie treibt die Angst um, dass eine superintelligente, übermächtige künstliche Intelligenz (KI) die Menschheit unterjochen oder beiläufig auslöschen könnte. Diese Angst ist weitverbreitet. Nicht nur das verstorbene Physikgenie Stephen Hawking hatte Angst vor der KI-Apokalypse. Bei einer Konferenz in Großbritannien unterhielten sich über das Thema kürzlich auch Premierminister Rishi Sunak, US-Vizepräsidentin Kamala Harris, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Giorgia Meloni und ein chinesischer Vizeminister für Wissenschaft und Technologie mit Leuten wie OpenAI-Chef Sam Altman, Elon Musk und Vertretern diverser anderer Unternehmen von Meta bis Deepmind. König Charles III. kam auch vorbei.

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/elon-musk-und-stephen-hawking-warnen-vor-autonomen-waffen-a-1045615.html

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/ai-safety-summit-wie-elon-musk-robert-habeck-und-rishi-sunak-die-ki-einhegen-wollen-a-4c0bbaba-be77-40df-bffe-8b9030295a9e

https://www.spiegel.de/thema/elon_musk/

Während die KI-Besorgten begannen, auf diese Weise politisches Kapital zu sammeln, entstand an der US-Westküste eine durchaus aggressive Gegenbewegung. An der Oberfläche geht es ihren Anhängern nur um die Nützlichkeit technischen Fortschritts, um Optimismus und die Abwehr vermeintlich übertriebener Bedenken. Darunter aber liegt etwas anderes, Dunkleres.

Diese neue Bewegung, die sich maximal unbeschränkten, immer weiter beschleunigten technischen Fortschritt wünscht, wird Effective Accelerationism genannt, oft als e/acc abgekürzt. Ihre Fans schreiben das Kürzel oft in ihre Twitter/X-Kurzbiografien. Das Adjektiv effective ist als Hinweis auf eine explizite Gegenposition zum effektiven Altruismus zu verstehen.

Accelerationism (ohne effective davor) gibt es als philosophische Idee schon länger. Sie entstand in den Neunzigerjahren an der britischen University of Warwick  in einer Gruppe um den Philosophen Nick Land, der selbst einen Hang zur Beschleunigung hatte: In seinem kryptischen Werk »Fanged Noumena« nannte Land »die heilige Substanz Amphetamin« – landläufig als »Speed« bekannt – »das Werkzeug meiner Wahl«. Land ist besessen vom Kapitalismus als »selbst-eskalierendem techno-kommerziellen Komplex«, der den Menschen an sich verändere. Mittlerweile  vertritt Land offen rechtsextreme Ideen . Sein Denken hatte aber schon immer etwas Apokalyptisches.

https://www.theguardian.com/world/2017/may/11/accelerationism-how-a-fringe-philosophy-predicted-the-future-we-live-in

https://conversations.e-flux.com/t/why-is-nick-land-still-embraced-by-segments-of-the-british-art-and-theory-scenes/6329

Eine der Spielarten des Accelerationism hat beängstigende Fans. Rechtsextreme Terrorgruppen wie die in den USA entstandene »Atomwaffen Division« etwa, und Einzeltäter wie Brandon Tarrant, der in Neuseeland 49 Menschen erschoss. Oder den Mann, der einen bewaffneten Terroranschlag auf eine Synagoge in Halle verüben wollte und anschließend zwei Menschen tötete. Rechtsextreme Akzelerationisten glauben, dass sie durch rassistisch motivierte Gewalttaten einen Bürgerkrieg auslösen könnten, an dessen Ende die »weiße Rasse« den endgültigen Sieg davontragen werde.

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/qanon-und-afd-was-sie-mit-sexueller-frustration-und-videospielen-zu-tun-haben-kolumne-a-4ecb7d38-7d47-420e-aae0-b47cbafb3d84

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/anschlag-in-neuseeland-monster-die-sich-fuer-helden-halten-a-1258159.html

https://www.spiegel.de/panorama/justiz/christchurch-attentaeter-soll-weitere-attacken-geplant-haben-a-1258187.html

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/halle-in-diesen-online-biotopen-gedeihen-die-terror-influencer-a-1291160.html

Rassistische Motive spielen für die meisten »effektiven Akzelerationisten« von heute aber nach eigenem Bekunden keine Rolle. Sie glauben, in einer absichtsvollen Umkehrung der Longtermism-Ängste, dass »die Entschleunigung der KI Leben kosten wird«. Bloß keine Regulierung! So hat es Marc Andreessen [https://www.spiegel.de/thema/marc_andreessen/], Entwickler des ersten Webbrowsers und heute superreicher Wagniskapitalist (»Andreessen Horowitz« [https://a16z.com/]) in einem »Techno-optimistischen Manifest« vor ein paar Monaten formuliert. Andreessen weiter: »Tode, die durch verhinderte KI hätten verhindert werden können, sind eine Form von Mord.«

Klar ist für Andreessen auch, wo die »Feinde« stehen. Die Liste ist lang. Darauf finden sich unter anderem die Konzepte »existenzielle Risiken« (ein expliziter Seitenhieb gegen EA), »Nachhaltigkeit« und »soziale Verantwortung«. Sie alle stünden dem einzigen echten Heilsbringer im Weg: der beschleunigten und möglichst unbeschränkten Weiterentwicklung von Technologie, vor allem KI.

Andreessens  »Manifest« [https://a16z.com/the-techno-optimist-manifesto/] ist ein wildes, inkohärentes Sammelsurium von Ideen und Behauptungen. Viel libertäre Ideologie, viel Pathos, lauter Twitter-fähige Slogans, lauter offenkundige Widersprüche.

So zitiert er in der ersten Hälfte des langen Textes den anarcho-kapitalistischen Theoretiker David D. Friedman mit den Worten »Menschen tun für andere nur aus drei Gründen etwas – Liebe, Geld oder Gewalt.« Liebe »skaliere« aber nicht, das mit der Gewalt sei probiert worden und habe nicht funktioniert, »bleiben wir also beim Geld«.

Später – im gleichen Text! – schreibt Andreessen dann: »Wir glauben, dass extrinsische Motivationsquellen – Reichtum, Ruhm, Rache – schon in Ordnung sind. Aber wir glauben, dass intrinsische Motivationen – die Befriedigung, etwas Neues zu schaffen, die Kameraderie eines Teams, der Erfolg, zu einer besseren Version des eigenen Selbst zu werden – befriedigender und dauerhafter sind.«

Einfache Faustregel für theoretische Abhandlungen: Wenn der Autor sich nicht einmal mit sich selbst auf sein grundlegendes Menschenbild einigen kann, kann man auch dem Rest nicht trauen.

Zum Glück stimmt, das wissen wir aus der Psychologie [https://bpspsychub.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1348/000712608X379061?casa_token=mWgb_TLen9cAAAAA:_GGdGdmvnn4O0AlYTjokFbD3osActOvKPVgx-DHwPdPiUX7RAD8yZu7RoEhgaaxqVE-TYs88IqYQaJQ], eher das Letztere: Menschen kooperieren gern. Aber für Empirie interessieren sich die »effektiven Akzelerationisten« generell nur sehr selektiv. Es sind hochintelligente, aber halbgebildete Nerds, angetrieben von Narzissmus und intellektuellem Größenwahn. Fast alle sind Männer.

Andreessen bedient sich zudem an vergifteten Quellen. Etwa bei dem italienischen Dichter Filippo Tommaso Emilio Marinetti, einem Begründer der Kunstrichtung des Futurismus und unverblümten Protofaschisten. Andreessen zitiert – ohne ihn namentlich zu nennen – aus Marinettis »Futuristischem Manifest« von 1909: »Schönheit existiert nur im Kampf. Es gibt kein Meisterwerk ohne aggressiven Charakter. Technologie muss ein gewaltsamer Angriff auf die Mächte des Unbekannten sein, um sie der Herrschaft des Menschen zu unterwerfen.«

Dabei vergisst Andreessen zu erwähnen, dass im selben »Futuristischen Manifest« buchstäblich zwei Spiegelstriche weiter das hier steht: »Wir wollen den Krieg feiern – die einzige Heilung für die Welt – Militarismus, Patriotismus und die destruktive Geste der Anarchisten, die schönen Ideen, die töten, und die Verachtung für die Frau. Wir wollen Museen und Bibliotheken zerstören, die Moral, Feminismus und alle opportunistische und utilitaristische Feigheit bekämpfen.«

Auch Andreessen betrachtet den »Elfenbeinturm« als »Feind«. Und Kämpfe findet er auch super – er hat über den am Ende ausgefallenen Cage Fight zwischen Elon Musk und Mark Zuckerberg einmal geschrieben [https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/mark-zuckerberg-ist-bereit-fuer-kaefig-kampf-gegen-elon-musk-a-f76c8536-d1d6-42a1-84af-5b806495b1fa], das sei eine »tolle« Idee. Überhaupt sollten möglichst alle Mixed Martial Arts (MMA) erlernen, denn: »Wenn es gut genug für Herakles und Theseus war, dann ist es gut genug für uns. Kämpft!«

Die Polizei könne Menschen in den USA oft ohnehin nicht mehr schützen, also gebe es einen »echten, praktischen Bedarf« für »angewandte Selbstverteidigung«. Der Anarchokapitalist von heute nimmt gewissermaßen das Ende des staatlichen Gewaltmonopols, das er selbst herbeisehnt, schon einmal privat vorweg (viel Glück bei der Abwehr mit Schusswaffen ausgestatteter Angreifer mit »angewandter Selbstverteidigung«).

Noch beunruhigender wird das Ganze, wenn man weiß, dass Andreessen Horowitz – mit viel patriotischem Pathos unterfüttert [https://twitter.com/JoshuaSteinman/status/1726419701042163993]  – gerade mächtig in Rüstungstechnologie investiert [https://a16z.com/how-the-u-s-can-rewire-the-pentagon-for-a-new-era/].

Ezra Klein von der »New York Times« kommentierte  die Einlassungen so: »Andreessens Essay als Argument zu behandeln geht am Kern vorbei. Es ist eine Stimmung. Und die Stimmung ist reaktionär.« Ist das Erbe der Hippies in Kalifornien endgültig passé [https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/google-twitter-facebook-die-netz-hippies-werden-selbstgerecht-a-684227.html]?

Als »Begründer« der neuen turbo-techno-kapitalistischen Ideologie gilt ein mittlerweile als Physiker und ehemaliger Google-Mitarbeiter enttarnter Kanadier namens Guillaume Verdon, ein großer Fan von Elon Musk, Google-Mitgründer Larry Page und Amazon-Gründer Jeff Bezos. Er hatte unter dem Pseudonym »Based Beff Jezos« gemeinsam mit anderen Silicon-Valley-Nerds auf X, ehemals Twitter, die These von der Attraktivität unkontrollierter, immer weiter beschleunigter technologischer Entwicklung gefeiert und ausgearbeitet.

Andreessen oder dem Start-up-Inkubator-Chef Garry Tan geht es bei e/acc letztlich vermutlich doch vorrangig um möglichst große Freiheiten für ihr Geschäftsmodell. Verdon ist da deutlich extremer. Zitat: »E/acc empfindet keine besondere Loyalität gegenüber biologischen Substraten für Intelligenz und Leben.« Das »Licht des Bewusstseins, der Intelligenz« werde, um »sich zu den Sternen hin auszubreiten« die fleischliche Form hinter sich lassen müssen.

Im Klartext: Der Begründer der neuen Silicon-Valley-Ideologie, die reiche und mächtige Fans hat, findet, die Zukunft kommt auch ohne Menschen aus. Zu den Sternen reist dann die KI.


Aus: "»Effective Accelerationism«: Die neue Silicon-Valley-Ideologie ist dunkel und kalt" Eine Kolumne von Christian Stöcker (07.01.2024)
Quelle: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/effective-accelerationism-die-neue-silicon-valley-ideologie-ist-dunkel-und-kalt-kolumne-a-4b1422c3-0235-4b78-84fc-de2e289fc2f4

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Quote[...] In der Debatte um das ,,D-Day"-Papier schießt auch der Grünen-Vorsitzende Felix Banaszak gegen die FDP. Er hält es für möglich, dass Christian Lindner von dem Dokument gewusst habe. Man müsse sich fragen, von was für ,,Leuten" man regiert werden wolle.

... In dem Papier wird der mögliche Ausstieg der FDP aus der Ampel mit militärischen Begriffen wie ,,D-Day" und ,,offener Feldschlacht" beschrieben. ...


Aus: "Grünen-Chef Banaszak bezeichnet FDP als ,,sehr autoritär geführte Partei"" (01.12.2024)
Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/article254728926/D-Day-Papier-Gruenen-Chef-Banaszak-bezeichnet-FDP-als-sehr-autoritaer-gefuehrte-Partei.html

QuoteMichael O.

Der FDP kann man viel vorwerfen. Aber ,,autoritär"? Zu so einem Begriff fällt mir eigentlich nur eine Partei ein, und zwar Herrn Habecks Grüne.


QuoteClaudia B.

 Was hat Lindner eigentlich so Fürchterliches getan? Er hat den Ausstieg geplant und zu dem Zweck ein Strategiepapier entwerfen lassen. Na und? Er hätte schon viel eher aus dieser unsäglichen Ampel aussteigen sollen. Sein Fehler war, dass er sich jetzt zu defensiv verhalten hat und völlig unnötige Rücktritte veranlasst hat. Er hätte zu dem Papier stehen müssen.  Jeder Shitstorm geht vorbei, und die Leute honorieren Stärke, nicht Schwäche. Siehe Trump.


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Quote[...] Autoritäre Führungspersönlichkeiten scheinen wieder im Trend zu liegen. Ob Trump, Putin, Erdoğan, Musk, Merz, Lindner oder die AfD: Sie verkaufen sich als starke Persönlichkeiten, die ,,aufräumen" und endlich für Ordnung sorgen.

Ihre Führungsstile verheißen Kontrolle und Stabilität, doch in Wahrheit führen sie uns in eine gefährliche Sackgasse. Was auf den ersten Blick wie Stärke wirkt, ist ein Rezept für langfristigen Stillstand, Spaltung und Rückschritt – ob in der Politik oder in Unternehmen.

... In Zeiten von Unsicherheit und Chaos sehnen sich Menschen nach klaren Ansagen. Autoritäre Führer nutzen diese Sehnsucht geschickt: ,,Ich mache das schon, ihr müsst nur folgen." Dieses Versprechen klingt einfach, fast verführerisch. Doch die Realität ist komplexer.

Kein Unternehmen, kein Staat lässt sich durch bloße Befehle steuern wie ein Fließband. Entscheidungen in autoritären Systemen mögen schnell getroffen werden, doch ihre Qualität bleibt oft fragwürdig – weil sie selten auf Expertise, sondern auf persönlichem Machthunger basieren.

Autoritäre Führung mag kurzfristig effizient erscheinen. Gerade im Change-Management in Unternehmen erlebe ich häufig, dass ein autoritärer Chef oder eine Führungskraft schnelle Entscheidungen trifft, die Weichen stellt und für klare Strukturen sorgen will und dann mittelfristig damit scheitert.

In der Unternehmenswelt haben solche Führungsstile ihre Fans, denn ein Unternehmen wird von seiner Natur her selten demokratisch geführt. Doch autoritäre Führung ist nicht nur antidemokratisch, sondern birgt den Anspruch auf Absolutheit.

Elon Musk ist ein prominentes Beispiel. Nach der Übernahme von Twitter regierte er per Dekret, entließ Tausende und implementierte Änderungen ohne Rücksprache. Kurzfristig mag das funktionieren, doch langfristig zerstört es Innovation und Vertrauen.

Hier zeigt sich die Aktualität der Iowa-Studien, die der Sozialpsychologe Kurt Lewin mit seinen Kollegen durchführte. Sie untersuchten die Auswirkungen unterschiedlicher Führungsstile – autoritär, demokratisch und laissez-faire – auf Gruppenverhalten.

In den autoritären Gruppen war die Produktivität zunächst hoch, da Befehle strikt befolgt wurden. Doch bald sanken Kreativität und Motivation, während Angst und Feindseligkeit wuchsen. Sobald die autoritäre Leitung weg war, brach Chaos aus.
   
In den demokratischen Gruppen war die Produktivität nachhaltiger, und die Mitglieder entwickelten kreative Lösungen. Sie arbeiteten auch ohne Leitung effektiv zusammen.

In den laissez-faire-Gruppen fehlte die Orientierung, was zu niedriger Produktivität und Frustration führte.

Die wichtigste Erkenntnis: Autoritäre Führung liefert schnelle Ergebnisse, doch sie zerstört Kreativität und Vertrauen. Sobald die zentrale Figur wegfällt, bricht die Fassade der Ordnung zusammen. Zudem macht autoritäre Führung entscheidungs- und denkfaul.

Auch in der Politik führt autoritäre Führung zu einer Kultur des Gehorsams. Autoritäre Politiker umgeben sich mit Ja-Sagern und unterdrücken Kritik. Wähler, die solche Führer unterstützen, verhalten sich wie Mitarbeiter in einem autoritären Unternehmen: Sie geben Verantwortung ab und erwarten, dass jemand anders die Probleme löst. Doch während ein Unternehmen im schlimmsten Fall bankrottgeht, können autoritäre Politiker ganze Gesellschaften destabilisieren.

Natürlich ist es einfacher einer starken Führungspersönlichkeit die Stimme zu geben und sich dann zurückzulehnen, anstatt selbst aktiv zu werden in einer Partei und sich dort dem Entscheidungsbildungsprozess zu stellen.

Die fatalen Folgen für die Gesellschaft

1. Denkverbot statt Demokratie

Autoritäre Führer verkaufen einfache Lösungen – aber nur, weil sie keine Diskussionen wollen. Kritisches Hinterfragen wird als Angriff gewertet. Die Medien zur Lügenpresse erklärt, Meinungsfreiheit gelobt, solange es die eigene Meinung ist. Die Folge? Wähler verlernen, selbstständig zu denken. Demokratie degeneriert zu einer Fassade, hinter der autoritäre Strukturen gedeihen.

2. Angst regiert, nicht Kompetenz

Angst ist das Werkzeug autoritärer Führung. Feindbilder wie ,,die Ausländer", ,,die Eliten" oder ,,die Medien" dienen dazu, Aufmerksamkeit von den eigentlichen Problemen abzulenken. Angst blockiert aber nicht nur den gesellschaftlichen Diskurs, sondern lähmt auch den Fortschritt.

3. Kein Fortschritt, nur Stillstand

Wer Innovation will, braucht Diversität und mutige Entscheidungen. Doch autoritäre Systeme unterdrücken alles, was nicht ins Schema passt. Das Ergebnis: Stagnation. Ein Blick nach Russland zeigt es deutlich – militärische Stärke mag vorhanden sein, aber wirtschaftlich und technologisch bleibt das Land weit hinter anderen zurück.

4. Demokratie im Rückwärtsgang

Die größte Gefahr ist die schleichende Gewöhnung an autoritäre Strukturen. Wähler geben ihre Stimme ab, ohne Verantwortung zu übernehmen. Stück für Stück werden demokratische Prinzipien ausgehöhlt – bis die Demokratie selbst nur noch auf dem Papier existiert.

5. Was die Politik von erfolgreichen Unternehmen lernen kann

Unternehmen, die auf moderne Führung setzen, haben längst erkannt: Flache Hierarchien und partizipative Strukturen sind der Schlüssel zu langfristigem Erfolg. Eine McKinsey-Studie (2022) belegt, dass Teams mit Mitspracherecht kreativer, effizienter und krisenresistenter sind.

Autoritäre Systeme führen kurzfristig zwar zum Erfolg, mittel- und langfristig jedoch zu Stillstand und Rückschritt. Russland oder die Türkei sind hierfür Paradebeispiele. Auch patriarchalisch geführte Unternehmen, die nach schnellem Wachstum erstarren, zeigen: Es braucht moderne, kollaborative Führungsstile für nachhaltigen Erfolg.

Die Verlockung autoritärer Führung ist groß, doch sie ist eine Illusion. Sie bietet keine Lösungen, sondern verschärft die Probleme – ob in Unternehmen oder in der Politik. Gesellschaften und Organisationen, die echten Fortschritt wollen, brauchen keine Befehlsgeber, sondern Leader, die auf Dialog, Vertrauen und Zusammenarbeit setzen.

Das ist unbequem anstrengend, aber nur so wird unsere Gesellschaft dauerhaft erfolgreich sein. Es ist Zeit, diesen Stärke-Fetischismus hinter uns zu lassen und echte, nachhaltige Leadership in Unternehmen und Politik zu fördern – bevor wir in der Sackgasse der Stagnation enden, wie es jedem autoritären System bislang ergangen ist.



Aus: "Gefährlicher Stärke-Fetischismus - Die Illusion autoritärer Führung" Kishor Sridhar (18.01.2025)
Quelle: https://www.focus.de/finanzen/gefaehrlicher-staerke-fetischismus-die-illusion-autoritaerer-fuehrung_id_260632589.html

QuoteHelge

Dafür, dass in Musk' Unternehmen "Angst statt Kompetenz" regiert, sind die aber ziemlich erfolgreich. SpaceX beherrscht zu 90% den weltweiten Satellitenmarkt, während Europa keine Rolle mehr spielt. Bezüglich Satelliten-Internet hat sein Starlink bei Privatkunden ein Monopol. Und Tesla hat mehr Marktwert als alle deutschen Autohersteller zusammen.


QuoteWilfred

Man sollte autoritär nicht mit starker Führungspersönlichkeit verwechselt, die Übergänge sind sicherlich fließend. Ob Politik, Industrie, Wirtschaft usw.: Führungspersönlichkeiten ohne autoritäre Züge werden dringend gebraucht; ich befürchte, es gibt bei uns zu wenige.


QuoteHeinz

Linke Systeme enden immer in der Autokratie, wie Russland, China, Nordkorea, DDR und viele andere. Konservative wie AfD, Milei, Trump wollen weniger Staat und mehr Individualität und Eigenverantwortung. Die Aussagen des Artikels sind nicht verkehrt, aber der Autor verwechselt die Systeme.


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Quote[...] Die SED, die Staatspartei der DDR, war eine Partei leninistischen Typs. Es galten strenge Top-down-Strukturen, und mit dem Verweis auf die heilige Parteidisziplin hielt man die Mitglieder gehorsam. Wenn die nicht folgsam waren, mussten sie sich in ihrer Ortsgruppe dem Ritual der ,,Kritik und Selbstkritik" unterwerfen, und wenn das nicht half, kam die ,,Rüge" und am Ende der Parteiausschluss. Letzterer mit dramatisch existenziellen Folgen für das Mitglied.

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Aus: "Lenin lässt grüßen" Aus einem Kommentar von Gunnar Hinck (30.10.2024)
Quelle: https://taz.de/Autoritaere-Auswuechse-beim-BSW/!6042786/

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Mit dem Scheitern der antiautoritären Revolte von 1968 bildeten sich in der außerparlamentarischen Linken autoritäre Gruppen und Parteien, so genannte K-Gruppen.

[" ... Nahezu alle K-Gruppen sahen sich als legitime Erben der historischen KPD an. Einig waren sie sich zudem in ihrer Ablehnung des osteuropäischen Kommunismus seit der Entstalinisierung ab 1956, den sie als ,,revisionistisch" verwarfen. Stattdessen bezogen sie sich zumeist auf das chinesische Sozialismusmodell Mao Zedongs bzw. auf die Sowjetunion vor der Entstalinisierung. Nach dem Tod Maos und dem damit verbundenen Kurswechsel Chinas orientierten sich einige Gruppen zeitweise auch an Albanien unter Enver Hoxha oder dem Regime der Roten Khmer in Kambodscha.

Zwar erhoben alle K-Gruppen für sich den Anspruch, den von Karl Marx und Friedrich Engels begründeten und von Lenin ausdifferenzierten Marxismus zu vertreten oder diesen in der Gegenwart angemessen weiterzuentwickeln. Aber die Geister schieden sich stets an der Frage, welche der damaligen kommunistischen Richtungen, Führungspersönlichkeiten und Staaten die Linie des wahren Marxismus und der früheren KPD vertrat, zwischen den einzelnen K-Gruppen oder auch innerhalb von ihnen. Dabei kam es zu für Außenstehende oft nur schwer nachvollziehbaren Kontroversen, Abspaltungen und Neugründungen, wobei die eine Gruppe genau das als ,,revisionistisch" ablehnte, was die andere ihrerseits als wahren Weg zum Kommunismus favorisierte. Von Kritikern wurde und wird den K-Gruppen daher oftmals eine Tendenz zur ideologischen ,,Selbstzerfleischung" und politisches Sektierertum vorgeworfen. ..." | https://de.wikipedia.org/wiki/K-Gruppe]

Quote[...] Bei den vergangenen Stuttgarter Buchwochen im November und Dezember 2024 bot sich Besucher:innen ein bemerkenswertes Kontrastprogramm: Direkt neben der Landeszentrale für politische Bildung hatte der Freiburger Ahriman-Verlag seinen Stand, ausgestellt waren Titel wie "Wie unrecht hatte Marx wirklich?", daneben den Klimawandel leugnende oder den Feminismus kritisierende Publikationen mit einem oft an rechte Verschwörungsideologien erinnernden Duktus. Was wenig verwundert: Der Verlag gehört zum Kosmos des "Bundes gegen Anpassung" (BgA), einer sonderbaren politischen Gruppe aus Freiburg, deren Wurzeln in der Zeit der westdeutschen K-Gruppen liegen.

Mit dem Scheitern der antiautoritären Revolte von 1968 bildeten sich in der außerparlamentarischen Linken autoritäre Gruppen und Parteien, so genannte K-Gruppen. Diese prägten ein Jahrzehnt maßgeblich die linke außerparlamentarische Opposition in der Bundesrepublik. Die K-Gruppen und K-Kleinstparteien strebten eine proletarische Revolution und eine Diktatur des Proletariats an. Als reale Vorbilder fungierten je nach Gruppe Maos China, die Sowjetunion unter Lenin oder Stalin, die DDR, das Albanien von Enver Hoxha oder das Kambodscha unter Pol Pot.

Zu diesen K-Gruppen-Gewächsen gehörte auch die 1974 in Freiburg gegründete Hochschulgruppe "Marxistisch-Reichistischen Initiative" (MRI). Die Gruppe berief sich nicht nur, wie ihre K-Gruppen-Konkurrenz, auf kommunistische Theoretiker und Politiker Marx, Engels, Lenin und Co., sondern auch auf Sigmund Freud (1856 bis 1939), den Begründer der Psychoanalyse, und vor allem auf den Freud-Schüler Wilhelm Reich (1897 bis 1957). Die Theorien von Reich waren in der Vorstellung der Gruppe die Synthese von Freud und Marx. Reich forderte unter anderem eine Befreiung von der Entfremdung durch die Triebunterdrückung. Laut MRI würden die Weltprobleme vor allem aus Triebunterdrückung und Projektion resultieren. Religion hielt man in diesem Zusammenhang für eine "Massenneurose". Eine ökonomische Analyse wie bei den anderen linken Gruppen spielte von Anfang an eine eher nachrangige Rolle.

Die meisten K-Gruppen implodierten mit dem Ausbleiben der erwarteten Weltrevolution. Nicht so die MRI und der 1987 aus ihr entstandene BgA, der sich mit einer Sonderideologie offenbar gegen kritische Einflüsse von außen abschotten konnte. Man zeigte sich trotzdem auch flexibel und griff immer wieder neue Themen auf. Mit der Aids-Hysterie 1985 entdeckte die Gruppe ein neues Themenfeld. Damals publizierte und referierte die Gruppe zum "Tabuthema Aidsstopp" und forderte eine Zwangstätowierung von Aids-Infizierten.

Ein weiteres Thema der Gruppe ist ihr Ökofaschismus in Form einer generellen Menschenfeindlichkeit. Mehrfach warb sie in Anzeigen und Plakaten für eine Bevölkerungsreduzierung, unter anderem mit der Botschaft "Fünf Milliarden sind vier Milliarden zu viel". Statt der Eigentumsverhältnisse, soll die Zahl der Menschen auf der Erde das grundsätzliche Problem sein.

Auch als ehemalige K-Gruppe hat der BgA die Vorliebe für starke Männer an der Spitze beibehalten. Bereits 1989 bekundete man seine Sympathien mit der extrem rechten Republikaner-Partei, später mit dem irakischen Diktator Saddam Hussein, Nordkorea und dem Assad-Regime in Syrien. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten 2016 und seine Wiederwahl 2024 wurden ebenso begrüßt.

Zu diesem Autoritarismus gesellten sich auch Verfolgungswahn, Verschwörungsdenken und ein ausgeprägtes Freund-Feind-Denken. Bereits in den 1980er-Jahren gab es Berichte über das einschüchternde, martialische Auftreten der Anhänger:innen der Gruppe. In Flugblättern oder mündlich wurden echte oder vermeintliche Gegner:innen und Kritiker:innen oft in vulgärer Weise beschimpft. "Wo beiben eigentlich meine Verleumder, die Drecksschweine?", fragte etwa Fritz Erik Hoevels, der Vordenker der Gruppe, bei einem Vortrag auf der Leipziger Buchmesse 2018 (im Video ab 1:20:00: https://www.youtube.com/watch?v=A17Pun7twak).

Zwar expandierte die Gruppe immer wieder, aber ihr Zentrum lag von Anfang an im südbadischen Freiburg. Hier wurde sie gegründet, hier ist der Sitz des Verlags und hier lebt ihr Vordenker – oder eher Guru – der Gruppe, Fritz Erik Hoevels. Der 1948 geborene Hoevels ist ein Psychoanalytiker, von ihm stammen zahlreiche Schriften und Vorträge. Auch öffentlich für die Gruppe in Erscheinung tritt Peter Priskil, Jahrgang 1955. Er ist Buchautor im Ahriman-Verlag und stand beispielsweise dem extrem rechten "Compact"-Magazin mehrfach für ein Gespräch zur Verfügung.

In Freiburg gelang es der MRI, nach der Übernahme der lokalen "Bunten Liste" 1979, mit dem Anhänger Gottfried Niemitz im September 1980 in den Stadtrat einzuziehen. 1984 initiierten diverse linke Gruppen einen Gegenwahlaufruf gegen die "hierarchisch organisierte Kaderpartei". Der Wiedereinzug misslang.

Trotzdem versuchte man unter diversen Deckmänteln zu expandieren. Mehrere Ableger wurden gegründet und versandeten wieder, etwa die Claude-Helvetius-Gesellschaft, das "Rote Forum" oder die "Initiative Neue Linke".

Zum Kern der Gruppe dürften kaum mehr als 20 Personen gehören. Insgesamt handelt es sich um eine kleine Gruppe um den Guru Hoevels, die mit ihm alt geworden ist. Einige Namen begegnen einem seit den 1980er-Jahren immer wieder. Die Gruppe verfügt über finanzielle Ressourcen, vermutlich auch durch die Tätigkeit einiger Mitglieder als Psychoanalytiker:innen.

Zum BgA gehört der 1983 gegründete Ahriman-Verlag, die Thanilo Verlags- und Vertriebs-GmbH und das Monatsmagazin "Ketzerbriefe", im Untertitel "Flaschenpost für unangepasste Gedanken", das sogar an einigen Bahnhofskiosken ausliegt. Schon das Logo des Ahriman-Verlags ist ein Hinweis auf die Eigenheiten der Gruppe und die zweifelhafte Seriosität. Es zeigt die Silhouette eines Teufels mit deutlich sichtbarem erigierten Penis. Diese Symbolik dürfte aus dem Antiklerikalismus der Gruppe stammen. Ahriman repräsentiert im Glauben der Zoroastrier, einer in vorchristlicher Zeit in Persien entstandenen Religion, das Zerstörerische. Das sollte wohl zur Gründungszeit die christliche Gesellschaft maximal provozieren.

In einer offenkundigen Selbstbeschreibung inszeniert sich der Verlag als Vertreter "der historischen und zeitgeschichtlichen Wahrheit": "Von seiner Gründung im Frühjahr 1983 an nimmt der Ahriman-Verlag eine Monopolstellung ein: Alles, was nach Hitler und Stalin, Adenauer und den Brandt'schen Berufsverboten begraben oder in zahnlos-pervertierten Phrasen zerredet wurde, gibt es authentisch und in voller Sprengkraft nur bei uns: klassische Psychoanalyse (also die anpassungsfeindliche Wissenschaft Freuds) und unverfälschten Marxismus, kompromißlose Religionskritik und die Darstellung der historischen und zeitgeschichtlichen Wahrheit ohne Zugeständnisse an Mehrheit und Macht."

Das Verlagsprogramm beinhaltet neben den Werken von Mitgliedern der eigenen Gruppe auch Übersetzungen aus dem Ausland. Vorwürfe politisch weit rechts zu stehen, kontert man gerne mit dem Verweis auf die Bücher von jüdischen Autoren oder Shoah-Überlebenden, etwa Bernard Goldstein, einem Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto. Diese Bücher sind in der Regel Übersetzungen, und es ist unklar, ob den Autoren der problematische Charakter des deutschen Verlags bekannt war beziehungsweise ist. Andere Autoren sind bei Ahriman genau richtig, etwa Boris Krljic ("Alexander Dorn"), ein in der Schweiz lebender serbischer Geschichtsrevisionist, der den Genozid an bosnischen Muslimen 1995 in Srebrenica verharmlost.

Der Verlag gastiert auf den großen Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt ebenso wie auf den kleineren Stuttgarter Buchwochen, wo man im November 2024 vertreten war. Diese werden vom Südwest-Ableger des "Börsenverein des deutschen Buchhandels" organisiert. Auf eine kritische Nachfrage von "Kontext" antwortete Tom Erben, Geschäftsführer des Börsenverein des Deutschen Buchhandels Baden-Württemberg e.V. ausführlich:

"Selbstverständlich ist uns als Veranstalter der Stuttgarter Buchwochen das Profil des Ahrimann (sic!) Verlages bekannt und wir haben ein waches Auge auf alle Publikationen, die bei uns ausgestellt werden. Allerdings sind die Schriften des Ahrimann Verlages nach deutschem Recht nicht verboten – mit der Ausnahme einer Folge der "Ketzerbriefe", die auf dem Index landete und unverzüglich von uns aus der Ausstellung entfernt wurde. Wir folgen der Einschätzung der Frankfurter Buchmesse, die "jede Form von politischem oder religiösem Extremismus, Rassismus und jede Form von Diskriminierung verurteilt, aufgrund ihrer Monopolstellung als Leitmesse aber dennoch alle Verlage, Dienstleistende, Organisationen und Unternehmen als Aussteller:innen zulässt, die nach deutschem Recht nicht verboten sind."

Bei der Buchmesse Wien sorgte die Teilnahme des Ahriman-Verlags 2019 dagegen für Streitigkeiten. Die Ablehnung einer Lesung durch die Messeleitung führte zu einem schnell gesteigerten aggressiven Ton durch den Verlag und zu Konflikten, so dass die Anmeldung für die Messe 2020 abgelehnt wurde.

Aus dem MRI wurde 1987 der "Bund gegen Anpassung" (BgA). Wie jede dogmatische Gruppe setzt er auf die Verbreitung seiner Gesellschaftsanalyse als alleinigem Heilsweg.

Für Aufregung sorgten Mitglieder des BgA immer wieder, wenn sie auf großen Demonstrationen ihre Flugblätter verteilten. Etwa auf Demonstrationen gegen den zweiten Golfkrieg (1991, mit einer Stellungnahme für Saddam Hussein), gegen den Kosovo-Krieg (1999) oder gegen das Freihandelsabkommen TTIP (2015). Die verteilten Flyer sind inhaltlich sprunghaft und für Gruppen-Außenstehende und Jüngere oft nicht verständlich. Etwa der Bezug auf die Berufsverbote gegen Linke unter dem SPD-Kanzler Willy Brandt. Mutmaßlich stammen die Texte aus der Feder von Hoevels selbst. Der Ton ist jedenfalls sehr ähnlich.

Interessanterweise benutzt der BgA weiterhin Hammer und Sichel als Emblem und bezieht sich neben Reich bis heute auf Lenin und Trotzki. Ein Vortrag, den Hoevels 2018 gehalten hat, trägt den Titel "Die Rechts/Links-Verwirrung". Hoevels wirft darin Linken vor, nur "Pseudo-Linke" zu sein. Seiner Meinung nach sei die Antifa "knallerechts" und "die SA des internationalen US-Kapitals und seiner Kolonialregierungen". Antifaschisten seien "die echten Faschisten unserer Zeit". Zwar kritisiert er auch die Neue Rechte für ihren "beschränkte[n] Nationalismus", aber immerhin sei diese diskussionsbereit.

Da ist eine Annäherung an die extreme Rechte nur folgerichtig. Doch es geht um mehr als nur eine fehlende Abgrenzung gegen rechts. Der BgA teilt auch Ideologie-Bestandteile mit der extremen Rechten: Antiamerikanismus, Antifeminismus, Autoritarismus und Verschwörungsdenken. Auch den Rassismus der extremen Rechten gegenüber Geflüchteten hat man offenkundig adaptiert. So trägt ein BgA-Flugblatt vom 6. November 2018 die Überschrift: "Solidarität mit den Opfern der eingeschleusten Vergewaltiger und Mörder, Solidarität mit der AfD! Falsche Flüchtlinge raus!" Und während der Corona-Pandemie stimmte man mit in den Chor der Pandemie-Leugner:innen ein.

Alles Positionen, die in der extremen Rechten für Sympathien sorgen. Andererseits dürften Elemente wie der Antiklerikalismus, eine liberale Sexualmoral oder die Hammer-und-Sichel-Symbolik die extreme Rechte kaum ansprechen. Trotzdem hat sich der BgA beziehungsweise der Ahriman-Verlag der extremen Rechten seit den 1990er-Jahren angenähert, und inzwischen bestehen vielfältige Berührungspunkte .

Spätestens ab 1997 warb man für den "Ahriman-Verlag" oder die "Ketzerbriefe" in extrem rechten Print- und Online-Publikationen wie der "Jungen Freiheit", "Krautzone", "Compact", "Cato" oder "Zuerst". Und im vergangenen Jahr solidarisierte man sich mit "Compact", als dieses im Juli von staatlicher Repression und einem kurzzeitigen Verbot betroffen war.

Auch öffentlich gibt es offenbar wenig Berührungsängste. Als am 17. April 2023 in Bruchsal eine Veranstaltung der rechten Wählervereinigung "Aufbruch Bruchsal" zum Thema "Ukraine – Krieg oder Frieden" stattfand, saß Ahriman-Autor Peter Priskil zusammen mit Florian Pfaff (Sprecher der AG Frieden der Querdenken-Partei "Die Basis") und Tobias Dammert (AfD) auf dem Podium.

Innerhalb des extrem rechten Netzwerks ist die Post-K-Gruppe zwar auffällig und verfügt über Kontakte. Sie ist aber durch ihre Sonderideologie und den eigenwilligen Stil eher ein Außenseiter und kein besonders wichtiger Knotenpunkt. Mit der politischen Linken hat die Gruppe dagegen bereits in den 1980er-Jahren nachhaltig gebrochen.


Aus: "Von links nach rechts" Lucius Teidelbaum| (22.01.2025)
Quelle: https://www.kontextwochenzeitung.de/medien/721/von-links-nach-rechts-9977.html

Quotebedellus

    An die MRI kann ich mich noch erinnern - die waren schon immer "interessant"!
    Sogar am Hörsaal der Zahnklinik haben die plakatiert. Irgendwie irritierend ...


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Quote[...] Argentiniens Präsident war gerade frisch im Amt, als er das Weltwirtschaftsforum vor einem Jahr ordentlich durchgerüttelt hat. Er hielt eine flammende Rede auf Freiheit und seine libertäre Wirtschaftspolitik. Ein Jahr später kann er sich für seine Erfolge feiern lassen: Erstmals seit 2010 hat Argentinien 2024 wieder einen Haushaltsüberschuss erzielt, die Inflationsrate hat sich von einem Rekordwert von fast 300 Prozent auf 117 Prozent verlangsamt, für 2025 wird dem Land vom Internationalen Währungsfonds ein Wirtschaftswachstum von rund fünf Prozent vorausgesagt.

Rigoros hat Milei Argentinien mit seiner ,,Kettensägen"-Politik dereguliert und privatisiert. Etwa vier Vorschriften pro Tag baut seine Regierung ab, erzählte der Präsident kürzlich. Ein Vorbild für Deutschland, findet FDP-Chef Christian Lindner und fordert mit Blick auf die überbordende Bürokratie in der Bundesrepublik, ,,mehr Milei" zu wagen.

Milei hatte bei seinem Auftritt am Donnerstag also durchaus Grund gehabt, sich für seine Erfolge selbst zu feiern – und dem verunsicherten Europa ein paar Ideen zu geben, wie es in Zeiten von Donald Trump ambitionierter und agiler werden kann. Wie groß der Wunsch danach ist, hatte L'Oreal-Chef Nicolas Hieronimus erst am Vortag formuliert: ,,Wir müssen endlich Innovatoren werden – nicht Regulatoren." Doch wer sich Anregungen von Milei erhoffte, wurde enttäuscht.

Argentiniens Präsident widmete sich in seiner Rede nur kurz der Wirtschaftspolitik. Sein Land sei ,,viel zu lange vom Sozialismus infiziert gewesen", erklärte Milei etwa. Er habe mit seiner Regierung wieder ,,die Ideen der Freiheit umarmt". Sein Land sei ,,zu einem globalen Beispiel für fiskalische Verantwortung" geworden und ein Vorbild ,,für eine neue Art, Politik zu machen", nämlich: ,,den Menschen die Wahrheit direkt ins Gesicht zu sagen und darauf zu vertrauen, dass sie es verstehen." Anfangs habe er sich mit dieser Politik noch allein gefühlt, im Laufe dieses Jahres habe er aber Verbündete in allen Ecken der Welt gefunden. Wen?

Den ,,beeindruckenden Elon Musk", die ,,starke italienische Frau Giorgia Meloni", Viktor Orbán in Ungarn, Benjamin Netanjahu in Israel und Donald Trump in den Vereinigten Staaten, mit dem er am Montag den Wiedereinzug ins Weiße Haus gefeiert hat. Langsam formiere sich ,,eine internationale Allianz unter den Nationen, die wie wir frei sein wollen und an die Ideen der Freiheit glauben", erklärte Milei – dass er damit aber ganz offensichtlich nur seinen eigenen Freiheitsbegriff meint, machte er jedoch schnell klar.

Denn Milei nutzte die Bühne in Davos für eine Wutrede über das ,,mentale Virus der Woke-Ideologie", laut Milei die ,,große Epidemie unserer Zeit": ,,Das ist der Krebs, den wir loswerden müssen."

Die ,,abscheuliche" Woke-Ideologie habe die wichtigsten Institutionen der Welt kolonisiert, sie bestimme den Ton in internationalen Gesprächen. Jüngstes Opfer: sein ,,geschätzter Freund Elon Musk", der ,,für eine unschuldige Geste" verleumdet worden sei – womit Milei auf die Debatte um Musks angeblich Hitlergruß-ähnliche Geste im Rahmen von Trumps Inaugurationsfeier anspielte.

,,Feminismus, Diversität, Inklusion, Gleichheit, Immigration, Abtreibung, Umweltismus, Gender-Ideologie – all dies sind verschiedene Köpfe derselben Hydra", wetterte Milei und führte sogleich absurde Belege an. Etwa zum ,,radikalen Feminismus", der das Konzept der Gleichheit verzerre, denn: Gleichheit vor dem Gesetz existiere im Westen längst. So würden sich radikale Feministinnen über selbst verschuldete ,,geschlechtsspezifische Lohnlücken" beschweren, aber nicht darüber, dass Männer die meisten Gefängnisinsassen seien, die meisten Klempner und die meisten Opfer von Raub oder Mord. Als extremste Form der woken Gender-Ideologie machte Milei Hormonbehandlungen aus, gesunde Kinder würden irreversibel geschädigt, das sei ,,ein direkter Missbrauch".

Milei schlägt damit einen ähnlichen Ton an wie Elon Musk, der seine Transgender-Tochter quasi verstoßen hat: ,,Mein Sohn ist tot. Getötet vom Woke-Mind-Virus", sagt Musk zu ihrer Identität. Auch Trump wettert gegen woke Ideologien, gleich in seiner ersten Amtswoche verkündete der Präsident, dass es in den USA künftig nur zwei Geschlechter geben werde, ,,männlich" und ,,weiblich", Diversitybeauftragte in Bundesbehörden schafft er ab.

,,Solange wir diese Ideologie nicht aus unserer Kultur, aus der westlichen Gesellschaft und sogar aus der menschlichen Spezies entfernt haben, werden wir nicht in der Lage sein, uns in Richtung Fortschritt zu bewegen", sagte Milei – was freilich absurd ist angesichts des technischen Fortschritts und wirtschaftlichen Wachstums in den vergangenen Jahrzehnten, laut Milei eine Epoche des ,,Wokismus".

Im Publikum gab es nach seiner Rede kaum Applaus, sondern enttäuschtes bis entsetztes Schweigen. Fraglich, wie dominierend Mileis Wut für sein politisches Handeln sein wird. Europa jedenfalls wird in den nächsten Monaten noch enger mit ihm zusammenarbeiten als bisher, denn der argentinische Präsident hat seit Januar den Mercosur-Vorsitz. Das Freihandelsabkommen zwischen den Mercosur-Staaten und der EU ist zwar unterzeichnet, muss aber noch ratifiziert werden, doch die EU-Staaten Frankreich, Polen, Österreich und die Niederlande wollen das Abkommen noch verhindern.

Dass auch er sich Alternativen vorstellen kann, machte Milei in Davos deutlich. Argentinien verhandelt derzeit mit den USA über ein Freihandelsabkommen – obwohl Mercosur-Länder, genau wie EU-Mitgliedsstaaten, solche Vereinbarungen nicht individuell, sondern nur als Verbund abschließen können. Sollte der Austritt aus dem Mercosur-Verbund Voraussetzung für ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten sein, würde er das durchaus prüfen, erklärte Milei in einem Interview mit Bloomberg am Rande des Weltwirtschaftstreffens. Er hoffe allerdings auf eine Einigung ohne diesen drastischen Schritt – der freilich auch erhebliche Auswirkungen auf Argentiniens Wirtschaft haben dürfte. So sind die Nachbarn in Brasilien etwa Hauptabnehmer für Argentiniens Exporte. Milei lässt sich davon aber offensichtlich nicht beirren.

,,Neben mir sind alle Weicheier", sagte er in Davos – das dürften zumindest Trump und Musk allerdings anders sehen.


Aus: "So groß ist Mileis Wut auf woke Ideologien" Sonja Álvarez (24.01.2025)
Quelle: https://www.wiwo.de/politik/ausland/epidemie-unserer-zeit-so-gross-ist-mileis-wut-auf-woke-ideologien/30182868.html


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Quote[...] 06.02.2025. Alice Weidels Schutzbehauptung, Hitler sei in Wahrheit Kommunist gewesen, ist grotesk: Tatsächlich handelte es sich bei Hitlers Ideologie um eine exzessiv radikalisierte Spielart des "völkischen" Nationalismus und Rassismus. Den Marxismus hielt er für ein "jüdisches" Machwerk. Untergründige Verbindungen zwischen den beiden extremen Ideologien gibt es dennoch: Sie bestehen vor allem im gemeinsamen Hass auf den Westen und die Demokratie.

In ihrem kürzlichen Livestream-Gespräch mit Elon Musk behauptete Alice Weidel, die Kanzlerkandidatin der rechtsextremen AfD, Hitler sei ein Kommunist gewesen. Das ist eine dreiste Geschichtsfälschung. Tatsächlich handelte es sich bei Hitlers Ideologie um eine exzessiv radikalisierte Spielart des "völkischen" Nationalismus und Rassismus. Den Marxismus hielt er für ein "jüdisches" Machwerk, das die "deutsche Volksgemeinschaft" zersetze und daher mit allen Mitteln ausgerottet werden müsse. Entsprechend brutal wurden Kommunisten im Nationalsozialismus verfolgt.

Ebenso frei erfunden ist Weidels Behauptung, Hitler habe die deutsche Wirtschaft verstaatlicht, und sein Regime sei somit sozialistisch gewesen. In Wahrheit hat der "Führer" das Privateigentum nicht angetastet - sofern es sich nicht um jüdisches Eigentum handelte, das "arisiert", das heißt: den Juden geraubt  wurde. Weit davon entfernt, die deutsche Großindustrie zu enteignen, verhalf das NS-Regime ihr mit seiner Vernichtungspolitik zu enormen Extraprofiten.

Der Versuch, Hitler zum Kommunisten zu stempeln, ist freilich nicht neu. Schon lange ist es in Kreisen der Rechten Usus, den Nationalsozialismus der Linken in die Schuhe zu schieben - schließlich sei das Wort "sozialistisch" ja schon im Parteinamen der NSDAP enthalten gewesen. Solche Bestrebungen, sich der dunklen Seiten  der eigenen Ideologiegeschichte zu entledigen, indem man sie kurzerhand dem feindlichen Lager zuschreibt, findet sich spiegelbildlich auch bei vielen Linken - etwa, wenn sie behaupten, der Stalinismus sei in Wahrheit nicht "links", sondern "rechts" gewesen.

Jenseits solcher plumper Verwirrspiele lohnt es sich jedoch, einen näheren Blick auf die ideologischen Überschneidungen und Querverbindungen zwischen Kommunismus und Faschismus beziehungsweise Nationalsozialismus zu werfen, die größer sind als zumeist angenommen. Namentlich im Deutschland der Weimarer Republik kam es immer wieder zu Annäherungen zwischen den beiden totalitären Bewegungen. Auf der extremen Rechten befürworteten in den 1920er Jahren radikale Nationalisten wie Arthur Moeller van den Bruck ein Zusammengehen mit den Kommunisten im Kampf gegen den westlichen Liberalismus, den sie als ihren Hauptfeind betrachteten.

Mit dieser Strömung sympathisierte bis 1926 auch Joseph Goebbels. Hitler selbst lehnte derartige Tendenzen jedoch ab. Gleichwohl gab es bis kurz vor Hitlers Machtergreifung einen "linken Flügel" in der NSDAP um die Brüder Otto und Gregor Strasser, der das antikapitalistische Element in der NS-Ideologie besonders stark betonte. 1932 machte Hitler dieser innerparteilichen Strömung ein Ende. Dennoch kam es im selben Jahr beim Streik gegen die Berliner Verkehrsbetriebe zu einer Aktionseinheit zwischen KPD und NSDAP.

Von kommunistischer Seite propagierte Karl Radek im Auftrag der Kommunistischen Internationale 1923 eine Annäherung der KPD an die extreme Rechte im gemeinsamen Widerstand gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets. Anlass war die Hinrichtung von Albert Leo Schlageter, eines Kämpfers der illegalen "Schwarzen Reichswehr", durch die französischen Besatzungsbehörden. Schlageter wurde daraufhin von der extremen Rechten zum Märtyrer der nationalen Sache verklärt. Sein Erbe sollten die Kommunisten nach Radeks Vorstellung für sich reklamieren, um sich so als die wahre Avantgarde im "nationalen Befreiungskampf" zu profilieren: "Schlageter, der mutige Soldat der Konterrevolution, verdient es, von uns Soldaten der Revolution männlich-ehrlich gewürdigt zu werden." Denn, so Radek weiter: "Wir glauben, dass die große Mehrheit der national empfindenden Massen nicht in das Lager des Kapitals, sondern in das Lager der Arbeit gehört. Wir wollen und wir werden zu diesen Massen den Weg suchen und den Weg finden."

Für einen weiteren Versuch der Kommunisten, die Anhängerschaft der äußersten Rechten für sich zu gewinnen, steht der Name Richard Scheringer. Dieser rechtsextreme Offizier wurde 1930 wegen des Versuchs, in der Reichswehr eine nationalsozialistische Zelle zu bilden, zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt. Während er sie verbüßte, wandte sich Scheringer von der NSDAP ab und bekannte sich zur KPD - unter nationalistischen Vorzeichen: nur unter Einbeziehung des "revolutionären Proletariats" könne Deutschland im Kampf gegen die verhassten Westmächte bestehen.

Scheringer fungierte nach dem Krieg als Vorsitzender der KPD in Bayern, ohne seine Befürwortung einer Fusion von kommunistischer und nationalistischer Ideologie jemals ganz aufzugeben. Daran festzuhalten fiel ihm umso leichter, als sich die DDR bis Mitte der 1960er Jahre als die Gralshüterin der deutschen nationalen Identität  gerierte, während sie die Bundesrepublik als "Kolonie" der Westmächte und ihre führenden Politiker als Lakaien westlicher "Fremdherrschaft" denunzierte.

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 war die Verbrüderung zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus für einen Moment Realität geworden. Doch obwohl der Pakt nicht lange hielt und schnell in mörderische Feindschaft umschlug, stellte er doch mehr dar als nur ein taktisches Intermezzo, sondern offenbarte untergründige ideologische Verbindungen zwischen den beiden totalitären Systemen. Nach einem Besuch in Moskau erklärte Hitlers Außenminister von Ribbentrop, er habe sich dort "wie unter Parteigenossen" gefühlt. Stalin nannte Hitler schon vor dessen Machtergreifung 1933 bewundernd einen "Teufelskerl", und Hitler hielt Stalin für "in seiner Art genial", halte er doch das ganze riesige Sowjetreich "fest in seinem eisernen Griff."

Führerkult und die Vergottung grenzenloser Gewalt wurden gleichermaßen Kennzeichen kommunistischer und faschistischer Diktaturen. Heute ähneln sich autokratische Regime vor allem in ihrer Verschmelzung mit dem organisierten Verbrechen. Und ideologisch sind die extreme Rechte und Linke immer schwerer voneinander zu unterscheiden. Rechts- und linkspopulistische Parteien stützen sich nicht auf geschlossene weltanschauliche Systeme, wie dies bei ihren historischen Vorgängern der Fall war. Aus dem Ideologiefundus des 20. Jahrhunderts suchen sie sich die Versatzstücke heraus, die ihnen für ihre Demagogie jeweils nützlich erscheinen. Zusammengehalten werden sie nicht mehr durch dogmatische Gedankengebäude, sondern von dem Ressentiment gegen die liberale Demokratie. 

Richard Herzinger - Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt.
 

Aus: "Intervention: Vergottung grenzenloser Gewalt" Richard Herzinger (06.02.2025)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/intervention/richard-herzinger-ueber-unterschiede-und-konvergenzen-zwischen-hitler-und-dem-kommunismus.html

Richard Herzinger (* 28. November 1955 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Publizist. Richard Herzinger arbeitet als freier Publizist in Berlin. Als Autor, Redakteur und politischer Korrespondent war er für Die Zeit, den Berliner Tagesspiegel, die Zürcher Weltwoche und zuletzt fast 15 Jahre lang für Die Welt und Welt am Sonntag tätig. Er schreibt für zahlreiche deutsche und internationale Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem eine zweiwöchentliche Kolumne für das ukrainische Magazin Український Тиждень (Ukrainische Woche). Auf seinem Weblog ,,hold these truths" erscheinen seit 2020 regelmäßig Analysen und Kommentare zum Weltgeschehen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Herzinger

herzinger - Die Seite von Richard Herzinger
https://herzinger.org/

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