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[Klaus Theweleit (Notizen) ... ]

Started by Link, November 18, 2015, 10:11:11 AM

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",,Das Buch heißt Männerphantasien und es ruft ja geradezu danach, dass eine Frau darüber schreibt."" Philipp Goll (7. Februar 2022)
Gespräch mit Gisela Stelly Augstein über Klaus Theweleits Männerphantasien ... Philipp Goll: Sie haben 1977 die erste Rezension über Männerphantasien von Klaus Theweleit in der Wochenzeitung Die Zeit geschrieben. Bis heute wird aber immer nur die Rezension Ihres Mannes Rudolf Augstein aus dem Spiegel zitiert. Ich habe in meinen Nachforschungen zur Rezeptionsgeschichte von Männerphantasien gehört, Sie hätten Ihren Mann überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht. ...
https://www.merkur-zeitschrift.de/2022/02/07/das-buch-heisst-maennerphantasien-und-es-ruft-ja-geradezu-danach-dass-eine-frau-darueber-schreibt/

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Klaus Theweleit
Das RAF-Gespenst
Produktion: supposé 2001
2 Audio-CDs, 130 Minuten
" ... Ein Gespenst geht um in Deutschland - das Gespenst der RAF...
Mit der Generation von Vietnam und SDS, mit der APO und ihren überhitzten theoretischen Endlos-Schleifen, den ersten Kommunarden und sexuellen Hochleistungsartisten, dem Zusammengehen von Kontrazeptiva und wildem Denken, erproben sich neue Formen des Sprechens und schließlich auch die Sprache der Gewalt.
Als das Klima sich später verschärft, man das Reaktionäre, Überlebte mit Terror zu exorzieren versucht, werden die Aktionen zu wütenden Selbstläufern. Dem eigenen Dilemma von Sympathie und Verweigerung angesichts der hochgeputschten militanten Töne und paranoiden Zwischentöne der regiden Revolutionäre folgt Theweleit in seinen sehr persönlichen, durch die eigene Biographie angereicherten Analysen bis hin zu der Frage: Radikalismus der RAF und Radikalismus in der Kunst - was hat das miteinander zu tun? Worin liegt ihre gespenstische Schönheit, die Blässe des Todes und das Geheimnis dieses noch immer lebendigen Mythos? ..."
https://suppose.de/produkt/klaus-theweleit-raf/

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Klaus Theweleit das RAF-Gespenst (Auszüge)
Ich dachte, dies wäre "mein letztes Wort" zur Geschichte; und nicht nur meins. Das war eine Täuschung. Das RAF-Gespenst wird weiter geistern, alle fünf oder zehn Jahre neu belebt, und auch in den Zwischenräumen. Warum? Weil die entstellten Gesichter der Stammheim Five dazu ausersehen sind, die Geschichte von "68" insgesamt historiographisch abzuführen: in den Geschichtsgully, als "kriminell" bzw. als "Nie Gewesen". So wie Billy The Kid geistert, und so wie sich kein Mensch in Deutschland "erinnert", was z.B. der Aufstand der Ruhrarbeiter 1920 gewesen ist. Es hat ihn nicht gegeben, so wie es "68" eines Tages nicht gegeben haben wird. Diedrich Diedrichsen spricht vom 68er-Bashing als längst etablierten "Volkssport", in der Tat waren sie alle beteiligt, von SPEX bis BILD. Es darf in Deutschland kein Andenken geben an irgendeine je gelungene oder auch nur halbwegs passable Revolte. (Ist mit dem 20.Juli erledigt!)
Die Gefahr: würde man den Komplex "68" auch nur in seiner mildesten Positivform als "Aufbruch der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft in die postfaschistische Zivilisation" - wie Antje Vollmer das gern phantasiert - stehen- und durchgehnlassen, der Mythos von "68" würde unentwegt wachsen; ins Riesenhafte, Legendäre - unabhängig von den "Tatsächlichkeiten" die 68 ausmachen. Die deutsche "Rechte", der bundesdeutsche "Kohlismus", die hier herrschenden Kräfte seit, sagen wir: 1250, würden das niemals zulassen. Und sie werden gesiegt haben, am Ende, wie immer.
https://youtu.be/dxuggQ4uto4

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Ich schreibe, wie man Filme schneidet - Klaus Theweleit // HEINER MÜHLENBROCK - DER ESSAYFILM (2022)
Ein Vortrag von Klaus Theweleit (Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und Schriftsteller)
Auf seiner Webseite listet Theweleit seine Arbeitsschwerpunkte auf: ,,Wörter, Töne, Bild. Faschismustheorie. Theorie der Gewalt. Gender Studies. Theorie der Medien. Popkultur. Film." In seiner Rede zum Adorno-Preis für Jean-Luc Godard (1995) offenbarte Theweleit seine Faszination für das Denken in oder mit Bildern und die sich daraus ergebende Montage. Trotz seiner, wie er es selbst formuliert, lebenslänglichen Verwicklung mit dem Film, und obwohl seine Texte gern als filmisch etikettiert werden, scheut Theweleit sich vor der direkten Berührung mit dem Apparat und den Institutionen.
https://youtu.be/iABnqkB7zY4

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#23
Quote[...] Klaus Theweleit - Jahrgang 1942, war Professor für Kunst und Theorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe. Berühmt geworden ist er mit seiner 1977 erschienenen Dissertation Männerphantasien, die sich essayistisch mit der Freikorpsliteratur 1918–1923 beschäftigt. Seitdem hat er Bücher unter anderem über Kolonialismus, die Entstehung der Sprache, Machtverhältnisse in der Kunstproduktion und über Fußball geschrieben. Er lebt mit seiner Frau in Freiburg. Sein Buch "Männerphantasien" war ein Ereignis: Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit hat 1977 als einer der Ersten den Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Gewalt auch psychoanalytisch untersucht und damit den Diskurs bis heute geprägt. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat er sich kaum öffentlich geäußert. Jetzt empfängt uns Theweleit in seinem Haus in Freiburg zum Gespräch. Es wird um Trump und Putin gehen, um die Rückkehr der soldatischen Männlichkeit, um Incels – und die Frage, ob man diese Gegenwart überhaupt verstehen kann.

ZEIT ONLINE: Herr Theweleit, wir hätten Sie für dieses Interview gern fotografiert. Sie wollten das nicht. Warum?

Theweleit: Es ist gerade nicht die Zeit für solche Personenunterstreichungen. Vor ein paar Wochen war in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Herfried Münkler, auf dem Foto ist er mit denkerischer Stirn zu sehen [https://www.sueddeutsche.de/kultur/herfried-muenkler-interview-trump-ukraine-li.3185266?reduced=true] / [https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/kultur/juergen-habermas-gastbeitrag-europa-e943825/?reduced=true]. In dem Gespräch trifft er lauter Voraussagen, was man von Putin erwarten kann, von Europa, von Trump. Willkürliche Einschätzungen, von denen die allermeisten wahrscheinlich nie eintreffen. Die Schrecken des Krieges, die fürchterliche Wirklichkeit, die zerfetzten Körper, die zerstörten Leben, die durch den Krieg zerstörten Gesellschaften kommen in dieser kühlen strategischen Rede nicht vor. Es ist so völlig unangemessen. Real ist an dieser Rede nur die maßlose Überschätzung der Eigenbedeutung des Redners. Das gilt genauso für die Fotos und die Äußerungen von Jürgen Habermas in derselben Zeitung ein paar Tage später.

ZEIT ONLINE: Sie stören sich an der Inszenierung und an der Selbstgewissheit?

Theweleit: Absolut. Am gesamten Sprachgestus, nicht nur bei Münkler und Habermas. In einem Zeitungskommentar schrieb ein Journalist neulich, "Putin spielt auf Zeit". Was sind das für irre Wörter? Wie zu einem Fußballspiel. Oder wie aus einem Politikseminar: Wir hören deutsche Politikerinnen, die in jedem Land der Erde verbreitet haben, dass zu Putins Krieg immer das Adjektiv "völkerrechtswidrig" gehört. Das ist das Bodenloseste überhaupt: Das Völkerrecht ist Gerede. Daran können sich Leute halten, die einmal der Menschenrechtscharta zugestimmt haben, die anderen aber interessiert das null, Putin, Trump oder Netanjahu. Die politischen Reden geschehen mit großer Selbstverständlichkeit im Irrealen. Und die sogenannten Experten reden ihnen hinterher, als hätten ihre Stimmen Weltbedeutung.

ZEIT ONLINE: Wie ginge es anders, wie könnten wir anders über die Welt reden?

Theweleit: In Claude Lanzmanns Filmen zur Schoah [https://www.zeit.de/kultur/film/2018-07/claude-lanzmann-filmemacher-tot] kommt der polnische Offizier Jan Karski vor. Dem war es während des Zweiten Weltkriegs gelungen, sich in eines der Vernichtungslager der Nazis in Polen einzuschleusen. Er sah, was die Nazis dort anrichteten, und berichtete an die polnische Exilregierung in London. 1943 bekam er Audienzen, auch bei Franklin D. Roosevelt in Washington. Roosevelt leitete ihn weiter an einen seiner Berater, Felix Frankfurter, einen der obersten Richter der USA, einen in Wien geborenen Juden. Als Karski fertig war mit seinem Bericht aus den Vernichtungslagern, stand der Richter auf und sagte: "Junger Mann, ich glaube Ihnen nicht." Denn: Er kenne die Menschheit, das menschliche Gehirn. Er sage nicht, dass Karski lüge, "ich sage, dass ich ihm nicht glaube". Als Karski Jahrzehnte später im Film Lanzmann davon erzählt [https://www.zeit.de/1997/08/Berichte_die_keiner_hoeren_wollte], fügt er dem hinzu, wie zur Entschuldigung Frankfurters, dass er es selbst immer noch nicht glaube, obwohl er es gesehen habe. Niemand auf der ganzen Welt habe das glauben können. 

ZEIT ONLINE: Wir kommen nicht ganz mit. Warum erzählen Sie uns diese Geschichte?

Theweleit: Wegen des Schlusses, den Claude Lanzmann mit Karskis Hilfe daraus gezogen hat. Die Reaktion des Richters Frankfurter ist ihnen der Beleg dafür, dass es den Nazis tatsächlich gelungen war, jenen "neuen Typ Mensch" zu schaffen, von dem sie dauernd redeten. Mit den Nazis sei ein neues Denken und Handeln in die Welt gekommen, das man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Es war zu unfasslich. Es legte das Handeln lahm und ließ das eigene Hirn daran zweifeln, was die Augen gesehen hatten. Mir scheint im Moment in der Welt etwas Ähnliches zu passieren. Was Trump und Putin und andere Potentaten tun, wie die reden – ich zum Beispiel habe das nicht für möglich gehalten.

ZEIT ONLINE: Und was folgt daraus?

Theweleit: Daraus folgt, dass wir nicht so tun sollten, als könnten wir das alles, was um uns herum abläuft, verstehen und erklären wie den Lauf von Billardkugeln. Ich habe am Abend vor Putins Überfall auf die Ukraine in einer Diskussion in einem Buchladen hier in Freiburg gesagt: Das macht er nicht, das ist ausgeschlossen. Und morgens um sieben sagt mir meine Frau, ich solle Radio hören. An meiner Einschätzung stimmte nichts. Das sagt doch etwas aus über die Mängel der eigenen Wahrnehmung.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich deshalb seitdem drei Jahre lang kaum öffentlich geäußert. Jetzt aber geben Sie uns dieses Interview. Warum?

Theweleit: Ich möchte zumindest die Frage stellen, ob sich mit der Spezies Mensch nicht gerade wieder etwas vollzieht, wie in der Geschichte von Karski, das unsere Auffassungsmöglichkeit übersteigt. Und ob die floskelhafte und bescheidwisserische Sprache, in der öffentlich gesprochen wird, uns nicht eher im Weg steht. Politiker und andere tun so, als wüssten sie, wovon sie reden. Sie wissen es meist nicht.

ZEIT ONLINE: Wir haben eigentlich den Eindruck, dass das, was Sie vor fast 50 Jahren in Ihrem Buch Männerphantasien geschrieben haben, auch verstehen hilft, was heute passiert. Besonders das erneute Auftrumpfen einer bestimmten Form von gewalttätiger Männlichkeit. Wir haben Ihnen ein Bild mitgebracht, das Elon Musk gepostet hat.


https://x.com/elonmusk/status/1901149189825823228 | https://x.com/elonmusk/status/1901149189825823228/photo/1

Das erinnert uns sehr an die "Panzermenschen", die Sie in Männerphantasien gezeigt und beschrieben haben.

Theweleit: Ja, das ist sehr ähnlich. Ohne massive Gewaltanwendung könne man auch nicht friedlich sein, sagt Mr. Musk. So wie der Körpertyp, um den es hier geht, immer behauptet, aus Notwehr zu handeln – weil der Rest der Welt ihm den Platz zum Leben nimmt und seine Körperlichkeit zu zerstören droht. Sein Körper droht ständig zu fragmentieren. Wogegen er sich zu panzern versucht. Seine Daseinsweise ist Gewalt.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit fragmentierendem Körper?

Theweleit: Diese Männer sind, wie ich das nenne, "nicht zu Ende geboren".

ZEIT ONLINE: Wir Menschen kommen alle unfertig auf die Welt.

Theweleit: Aber wie man sich dann entwickelt, ist bei jedem verschieden. Ein Babykörper, der freundlich behandelt wird, entwickelt das, was die Psychoanalyse die libidinöse Besetzung der Haut nennt, der eigenen Außengrenze; durch Berührung, durchs Gehaltenwerden, durchs Füttern. Diese Erfahrungen ermöglichen es kleinen Kindern, sich aus der Symbiose mit der Mutter herauszuentwickeln. Das Kind lernt, sich als ein von der Umwelt und anderen Menschen unterschiedliches Selbst wahrzunehmen. Es entwickelt ein Gefühl für die eigenen Grenzen. Es wird ein Ich. Wenn man geprügelt wird, kaltgelassen, nicht regelmäßig gefüttert oder anders abgelehnt wird, gelingt das nicht.

ZEIT ONLINE: Was passiert dann?

Theweleit: Dann flüchtet man vor diesen intensiven und negativen Reizen nach Innen. Der Körper füllt sich mit Ängsten, die nicht nach außen abführbar sind. Das ist das angstbesetzte Männlichkeitsprinzip, das ich beschrieben habe. Deshalb versuchen sich diese Männer, einen Panzer zu bauen, und deshalb sprechen diese Männer immer in Notwehr. Ihr Hauptmittel der "Kommunikation" wird Gewalt. Die Selbstpanzerung ersetzt ihr Ich.

ZEIT ONLINE: Auch bei Politikern.

Theweleit: Hitler redete nur in behaupteter Notwehr. Die ganzen Dreißigerjahre hindurch sagte er, Deutschland sei zerschnitten worden. Elsass-Lothringen, Saarland und Nordschleswig weg, Oberschlesien weg und polnischer Korridor. Das sollte alles wieder dran sein, eine Körperganzheit werden. Die Nazis haben ihre Deutschlandkarten mit dicken Rändern gezeichnet: Deutschland ausgeschnitten aus der Welt. Dann fügten sie einen Teil nach dem anderen wieder an: Saarland, Nordschleswig, polnischer Korridor, Oberschlesien, Münchner Abkommen. Und als er so weit war, griff Hitler Polen an. "Make Germany Great Again" war das Programm. Mit Österreich dran war der Körper dann komplett, "heil". Was Trump jetzt erzählt, mit der Bay of America, Grönland, Gaza oder Panama, ist etwas sehr Ähnliches.

ZEIT ONLINE: Sie skizzieren in Männerphantasien das, was Sie "soldatische Männlichkeit" nennen. Beobachten Sie seit dem Überfall Putins auf die Ukraine und der Aufrüstung in Europa eine Rückkehr dieser Form von Männlichkeit?

Theweleit: Natürlich, das ist leicht zu sehen und läuft schon seit spätestens dem jugoslawischen Zerfallskrieg in den 1990er-Jahren. An den Befunden ist nicht viel zu ändern: Die Töter töten, die Vergewaltigungen geschehen, Opfer sind überwiegend Zivilisten. Die Zahl der Femizide steigt. Männer weltweit sind nach wie vor eine Spezies, die Leute hervorbringt, die Lust am Töten haben. Auch der Terror der Hamas fügt dem nichts hinzu, was wir nicht schon an anderer Stelle gesehen hätten. Wer all dies kennen will, kennt das. Wechselnd ist die Intensität, mit der der Horror abläuft in den verschiedenen Weltteilen. Über Krieg habe ich dabei nie geschrieben. Sondern über Gewalt von bestimmten Männern. Über die Lust an der Gewalt und die Lust am Töten. Die ist nicht an den Krieg gebunden.

ZEIT ONLINE: Was macht diese Lust aus, warum ist gerade das Militär so attraktiv für die Sorte gewalttätiger Männer, die Sie beschreiben?

Theweleit: Vielen dieser Männer mit den angsterfüllten Körpern hilft das Militär. Sie genossen und genießen seine Zwangsstruktur. In Deutschland bis 1945 galt das Militär als Stätte männlicher Neugeburt. Es half, aus der als negativ empfundenen Verbindung mit dem Prinzip Weiblichkeit herauszukommen. Der Typ, der sich panzert, wandelt die körperlichen Symbiosen in Hierarchien um. Das ist der Grundprozess des sogenannten faschistischen Handelns. Alles, was mal symbiotisch war, alles was in Beziehungen wurzelte, wird in ein abgestuftes, hierarchisches Gesellschaftsprinzip umgewandelt. Das geht, wie wir jetzt lernen, auch ohne Militär.

ZEIT ONLINE: Die klaren Hierarchien ersparen mühsame Beziehungsarbeit.

Theweleit: Die ja eine Arbeit unter Gleichen sein sollte. Wir haben es aber zu tun mit Menschen, die sozusagen körperlich antidemokratisch sind. So viel kann man sagen. Sie bauen zwanghaft ihr Leben lang an der Unverletzlichkeit ihrer Körpergrenzen. Ihr Panzer wird brüchig, sobald komplizierte Situationen an den Körper herankommen. Dazu gehören Forderungen von Frauen, dazu gehört auch die Erotik. Jede differenzierte Wirklichkeit bedroht sie sofort, alles um sie herum soll genau so funktionieren, wie sie sich das zwanghaft vorstellen. Deshalb kommt dann bei den Incels raus: Keine Frau genügt meinen Ansprüchen.

ZEIT ONLINE: Ausgangspunkt ihrer Analyse in Männerphantasien waren die Aufzeichnungen von Freikorpskämpfern in den 1910er- und 1920er-Jahren. Das ist nun hundert Jahre her. Seitdem hat sich doch einiges verändert, Jungs werden anders erzogen, einfühlsamer, liebevoller.

Theweleit: Natürlich, da hat sich ungeheuer viel verändert! Mein Vater sagte noch: Wer seine Kinder liebt, züchtigt sie. Das stehe in der Bibel. Das war der einzige Satz, den er je aus der Bibel zitierte. Meine Generation musste aber nicht mehr zum Militär. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren haben wir als Jugendliche einen spezifischen Blick entwickelt. In der Stadt flanierend, von Flipperhalle zu Flipperhalle, sagten wir: "Sieh mal den da drüben. In welchem KZ der wohl Wächter war." Das war unser Blick auf "die Alten". Dann kamen in den Sechzigern und Siebzigern politisch der Antikolonialismus dazu, der Feminismus und die Ökos. Durch all das ist der Giftpegel, wie ich das nenne, bei uns deutlich gesunken.

ZEIT ONLINE: Aber jetzt steigt er wieder.

Theweleit: Ja, jetzt steigt der Giftpegel wieder.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Theweleit: Erklären wäre zu viel gesagt. Aber es könnte die Reaktion auf ein Vakuum sein. Es passiert ja nicht zum ersten Mal. Thomas Heise hat in den Neunzigern den Dokumentarfilm Stau gemacht, über rechte Jugendliche in der Ex-DDR, in Halle-Neustadt. Die liefen durch die Straßen und grölten rassistische Parolen. Viele waren Kinder alleinerziehender Mütter, die mit der sogenannten Wende die Strukturen verloren, die sie sich in der DDR aufgebaut hatten. Diese Jungen kamen nicht aus dem Militär, hatten nicht die prügelnden Väter erlebt wie die Freikorpsleute. Einige waren arbeitslos, mit 16, suchten eine Stelle, bestanden eine Prüfung nicht, flogen raus, hatten nichts. Vorher gab es in der FDJ immer jemanden, den sie ansprechen konnten, sagt einer. Dieses Gerüst fiel weg. Manche waren aus Überzeugung rechts, andere aber waren rechts aus Verlassenheit, weil sie in einem Vakuum waren.

ZEIT ONLINE: Und dieses Vakuum füllten dann Neonazis.

Theweleit: Westdeutsche Neonazirechte, die sich um die Jugendlichen kümmerten. Während der "liberale Westen" ihre Jugendzentren dichtmachte. Diese Jugendlichen sind heute im guten AfD-Alter.

ZEIT ONLINE: Auf welches Vakuum ist dann der jetzige maskuline Backlash eine Reaktion?

Theweleit: Das Vakuum ist an verschiedenen Stellen der Welt und zu verschiedenen Zeiten ein anderes. Wir sollten nicht glauben, wir könnten alles mit einer Sache erklären. Im neuen Nachwort der Männerphantasien habe ich Untersuchungen von Shereen El Feki an arabischen jungen Männern aus Ägypten, dem Libanon, Marokko und Palästina zitiert, die sich regelrecht "entmannt" fühlen, wenn sie keinen Job haben. Sie sollen ihre Familie ernähren, können es aber nicht. Sie fühlen sich im Geschlechtsteil bedroht, sprechen tatsächlich von Kastration. Das ist in unserer Kultur nicht ganz so krass.

ZEIT ONLINE: Auch in westlichen Ländern ist das männliche Versorgermodell auf dem Rückzug, alte Industriejobs gehen verloren, Jungs schwächeln in der Schule. Das sind ja reale Erfahrungen. Bei der Bundestagswahl war die AfD bei Männern zwischen 35 und 44 Jahren die stärkste Partei.

Theweleit: Ja, aber ich vermute mittlerweile, man kann von der Struktur der laufenden Entwicklungen am ehesten etwas wahrnehmen, wenn man auf das große Wort "verstehen" verzichtet. Das Eingeständnis, dass wir es mit etwas Ungewohntem zu tun haben, womöglich mit einer neuen Art Wirklichkeitsauffassung, wäre angemessener.

ZEIT ONLINE: Neue Art der Wirklichkeitsauffassung – was meinen Sie damit?

Theweleit: Ich habe die angstbesetzte, gewalttätige Männlichkeit beschrieben. Denken Sie an den Attentäter von Halle: Als es ihm nicht gelingt, die Tür zur Synagoge aufzubrechen, beschimpft er sich selbst als Flasche, die wieder mal alles verkackt hat. Dabei filmt er sich. Aber das, was jetzt passiert, was Trump, Putin oder auch Le Pen oder Weidel machen, das hat eine Seite, die angstfrei scheint. Eine neue Sorte auftrumpfender Überlegenheit. Das zieht Leute an. Sie lügen und betrügen völlig unverblümt, sie verdrehen alles, wie es ihnen passt, und sie sind sicher, dass ihre Anhänger genau das wollen. Es ist ein Sprung in eine neue Art des Umgangs mit der Wirklichkeit.

ZEIT ONLINE: Für die Ihnen aber noch das Instrumentarium fehlt, die Sprache?

Theweleit: Ja, die Sprache, die ich allenthalben höre, fasst es nicht. Das ist wie bei den Quantenphysikern, die keine Worte mehr finden für die Fähigkeiten der neuen Computergenerationen, die sie erfinden. Gottfried Benn schrieb, unsere Sprache sei hinter der tatsächlichen Entwicklung der Menschheit weit zurück. Auch deshalb wirkt das Gerede von Politikern heute so formelhaft. Man hört sie immer dasselbe sagen, als seien wir alle schwer von Begriff. Diese Sprache ist auch eine Art Panzer, der vor dem schützt, was schon real ist, aber was man nicht beschreiben kann oder will. Ich bin allerdings in der glücklicheren Lage, mich nicht äußern zu müssen. Diese Freiheit haben die Politprofis nicht.

ZEIT ONLINE: Das Spektakuläre an den Männerphantasien war, dass es Ihnen gelang, mithilfe der Psychoanalyse eine neue Sprache für männliche Gewalt zu finden. Was ist in der jetzigen Phase psychoanalytisch das Neue, was gibt es hinter den Ideologien zu entdecken?

Theweleit: Es gibt Neues zu entdecken, wenn man die Elektronik miteinbezieht. Eine riesige Masse von Leuten, die vorher im Dunkel saßen, können sich heute übers Netz verbinden und für jede Scheiße, die sie schreiben, Millionen Klicks und eine imaginäre Macht kriegen, die sich politisch in Wirklichkeiten umsetzen lässt. Auch die Strategie Flood the zone with shit geht nur dank der Elektronik. Man darf über jeden irgendeinen Blödsinn verbreiten, vollkommen egal, ob das stimmt, und kommt damit durch.

ZEIT ONLINE: Warum?

Theweleit: Weil zum Beispiel die Fernsehmoderatoren völlig hilflos damit umgehen. Die glauben noch, wir könnten mit solchen Leuten argumentieren. Jedes Mal wieder reden sie auf die ein und rechnen denen vor: Das stimmt doch nicht, was Sie sagen, Frau Weidel. Aber man kann doch nicht mit Leuten argumentieren, die erstens wissen, dass es nicht stimmt, was sie erzählen, und die zweitens triumphieren, dass sie damit durchkommen. Sie wissen, dass ihre Anhänger das, was andere "Argumente" nennen, lächerlich finden.

ZEIT ONLINE: Wie kommt es zu diesem neuen Denken und was haben die elektronischen Medien damit zu tun?

Theweleit: Man kommt nicht umhin, heute das Elektronische als Körperteil wahrzunehmen. So wie in den Jahrhunderten zuvor das Maschinelle zum Teil unserer Körperlichkeit wurde. Die Elektronik verändert früh die Gehirne, verschaltet die Synapsen anders. Das kann man mittlerweile neurologisch nachweisen. Ich bin nicht etwa gegen Elektronik, im Gegenteil. Die Bekämpfung des Klimawandels geht nur unter Anwendung neuester Technologien. Aber meiner Frau, mit ihrem Blick als Psychoanalytikerin auch für Kinder, fallen dauernd Kinder auf, die schon im Kinderwagen einen Monitor in der Hand haben. Angeschoben von Eltern, die am Handy hängen. Auch da entsteht so etwas wie ein Beziehungsvakuum.

ZEIT ONLINE: Junge Männer scheinen auch davon besonders betroffen, sie orientieren sich im Digitalen teils an Vorbildern, die man heute toxisch nennt. Für sie bräuchte es doch ein Angebot, eine attraktive Männlichkeit, in die sie hineinwachsen können, die weder gewalttätig ist, noch einfach nur in der Übernahme weiblich konnotierter Eigenschaften besteht.

Theweleit: Man muss dafür keine feminisierten Rollen annehmen. Wieso sollte das Kümmern um Kinder nur eine weiblich konnotierte Eigenschaft sein? Meine Frau und ich haben uns die Kinderbetreuung geteilt, beide mit Halbtagsjob, sie als Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, ich als Halbtagsschriftsteller. Das war gut machbar. Es ist nur schlecht für die Rente, sonst war das prima. Zur männlichen Selbstverpflichtung gehört es in meinen Augen, die in den eigenen Körper eingegangenen Gewaltformen zu bemerken und sich davon zu entfernen, sie abzubauen – so etwas wie die zivilisierende Aufgabe für Männlichkeit heute. Das geht nur mithilfe von Frauen.

ZEIT ONLINE: Das ist auch ihre persönliche Erfahrung?

Theweleit: Ich war als Junge ein ziemlich cholerischer Typ und habe mich dauernd geprügelt. Fußball half schon mal, aber wenn ich ein einigermaßen aushaltbarer Mensch geworden sein sollte, geht das überwiegend auf Frauen zurück.

ZEIT ONLINE: Aus eigener Kraft kann der Mann es nicht schaffen.

Theweleit: Man sollte immer davon ausgehen, dass ein Mensch nicht alleine existiert. Die Zahl eins wäre zu streichen. Philosophen und Historiker gehen immer von der Zahl eins aus: Das Hirn denkt, das Subjekt agiert. Das einzelne Subjekt aber gibt es nicht, das ist eine historische Schimäre. Das Subjekt beginnt zwischen Zweien; dann Dreien, Vieren – die Konstellation ist erweiterbar. 

ZEIT ONLINE: Sie meinen, man steht immer in Beziehung zu anderen.

Theweleit: Ja, und wenn man diese Beziehungen abschneidet, wie es bei den bekannten Attentätern gut belegt ist, endet das in Gewalt. Menschen können sich überhaupt nur durch Beziehungen verändern und entwickeln. Man selbst bildet sich ja alles Mögliche über die eigene Struktur ein, das bedeutet aber nichts.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Politik? Gibt es beispielsweise einen Umgang mit der Bedrohung durch Russland, mit der Möglichkeit eines Krieges, der nicht in die alten Muster soldatischer Männlichkeit zurückfällt? 
Theweleit: Das Erste wäre, zu begreifen, dass die eigene Redeposition keine Machtposition ist. Das, was wir ins Private oder ins Literaturhaus hineinreden, kümmert sonst ja keinen Menschen. Das halten die meisten Leute schon nicht aus. Sie wollen, dass das, was sie sagen, bedeutungsvoll ist. Darin steckt der Anspruch einer Machtausübung, der leicht dazu führt, dass alles, was diese Machtausübung stört, unterdrückt wird; zum Beispiel andere Positionen oder die leidigen, sogenannten Widersprüche, die als störend empfunden werden und verschwinden sollen.

ZEIT ONLINE: Sie meinen die ganze performative Kriegsdiensterklärung, Promis, die sagen: "Ich würde kämpfen!"

Theweleit: Furchtbar! Ebenso wie diese Männer und auch Frauen, die aus ihren Talkshowsesseln heraus Waffen und Bomben fordern. So zu sprechen, finde ich, um es freundlich zu sagen, gedankenlos. Wenn man mal mit dem Nachdenken anfinge, würde man feststellen, wie tief man in den sogenannten Widersprüchen feststeckt. Ich kann sagen: Ich bin absolut gegen den Krieg. Was Putin tut, wird an dieser Haltung nichts ändern. Trotzdem hat die Ukraine natürlich das Recht, sich zu wehren. Und sie brauchen Waffen dafür, irgendwer muss ihnen die geben. Das widerstrebt vollkommen dem, was ich als absoluter Kriegsgegner denke. Ich gehe aber deshalb nicht auf die Straße und halte Transparente hoch mit der Aufschrift "Keine Waffen für die Ukraine". Passiver Widerstand zum Beispiel wurde nicht einmal erwogen. Solche Gemengelagen sind voller Widersprüche, sie sind nicht mit irgendeiner Logik auflösbar.

ZEIT ONLINE: Gilt das auch jenseits des Ukrainekriegs?

Theweleit: Ja. Die Hamas will Israel auslöschen, Netanjahu die Hamas. Das heißt, diese Lage ist ein unlösbares Problem. Das dauerpräsente Allmachtsgerede, das auch dazu beinahe alle Medien durchzieht, das so tut, als hätte es Lösungen, löst nichts.

ZEIT ONLINE: Wie hält man das aus?

Theweleit: Nicht irre zu werden an der "Konstruktion Mensch" ist schon eine ziemliche Kunst. Man kann von der Psychoanalyse unter anderem lernen, sich mit der eigenen tatsächlichen Ohnmacht vertraut zu machen. Denken wir noch mal an die Geschichte von Karski. Hitler und Eichmann waren nicht zu stoppen, schlossen Karski und Lanzmann, da kein real existierender Mensch es glauben konnte, was die betreiben. An solche Verschiebungen im Realen kommt man nicht heran, indem man einer Partei beitritt oder sowas. Das funktioniert alles nicht. Es geht nur über die Art des Zusammenlebens. Das ist meiner Meinung nach ein wirklicher, für die einzelnen Menschen gangbarer Weg. Es gibt doch genug Vernünftiges und Hilfreiches, was man im Alltag tun kann, in aufmerksamen Lebensabläufen, und in dem, was man schreibt und sagt. Ich muss mir dabei nicht einbilden, ich könnte einen Putin oder einen Trump bekehren. Die können mich mal. Oder nein: besser nicht zu nah ranlassen.


Aus: ""Diese Männer sind nicht zu Ende geboren"" Interview: Lenz Jacobsen und Livia Sarai Lergenmüller (18. Mai 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2025-05/klaus-theweleit-sprache-linguistik-gewalt-maennlichkeit


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Quote[...] Es beginnt mit einem Film: mit der Schlüsselszene aus Sergio Leones berühmtem Italo-Western «Once upon a Time in the West», «Spiel mir das Lied vom Tod».

Henry Fonda spielt den Killer. Und dieser Killer lächelt. Er lächelt auch, als er eine Farmerfamilie umbringt. Sie ist der Eisenbahn im Weg beim Bau nach Westen. Er tötet einen nach dem anderen und zuletzt den kleinen Sohn der Familie, er tötet und er lächelt.

Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit beginnt mit dieser Sequenz sein neues Buch. Die Tat des Killers hat sich Theweleit eingeprägt, im Kino, 1968. Aber Theweleits Impuls ist jetzt ein anderer. Der Impuls kommt aus der Wirklichkeit. Die Tat hat stattgefunden. Anders Behring Breivik heisst der Mann, der Theweleits Deutungsinteresse provoziert. Der Norweger Breivik tötet vor vier Jahren 69 Menschen, auf einer Ferieninsel der Arbeiterjugend in der Nähe von Oslo.

Auch Breivik tötet und lächelt. Darauf kommt es an. Brevik lacht bei seinen Taten, er lacht seine Opfer aus, verhöhnt ihre Fluchtversuche, und er lächelt, als er später in Oslo vor Gericht steht, seine Tat überall in den Schlagzeilen ist. Warum? Warum das Lachen der Täter? Theweleit sucht Antworten und er sieht darin ein «Psychogramm der Tötungslust», zugleich Anstoss und rote Linie seiner Fragen und Recherchen, seiner Thesen und Theorien.

«Männerphantasien revisited», sagt Theweleit. «Männerphantasien», das ist Ende der 1970er-Jahre der grosse Wurf. Manchmal gelesen wie eine Droge, macht das Buch in zwei Bänden den Autor über Nacht berühmt. Klaus Theweleit wird ein Star der Theorie, und er entwickelt erstmals seine eigene Methode: ein Amalgam aus Psychoanalyse, Literaturforschung und diversen anderen Quellen.

Damals deutet er die deutsche Freikorps-Literatur der 1920er-Jahre neu. Jetzt folgt er der Spur des Tötens quer durch Räume und Zeiten, von Norwegen nach Afrika, Ostasien und Lateinamerika. Von den Kindersoldaten in Ruanda über die Dschihadisten des «Islamischen Staates» bis zu den Attentätern von Paris. Für Morde und Attentate ist Ideologie nur Vorwand, das ist Theweleits zentrale These. Ideologie ist allenfalls das Motiv, sich abzusichern, höheren Ortes, Rechtfertigung zu finden in Religion, Rasse oder Staat.

Die Lust am Töten steht für sich. Aber sie ist nicht allgemein. Sie braucht einen bestimmten Täter-Typ, meint Theweleit, und sie braucht bestimmte Voraussetzungen. Ein Machtvakuum beispielsweise und einen Freiraum von staatlicher Organisation. Dann kann getötet werden, frei von Strafe und Verfolgung. Das Lachen des Täters ist Ausdruck seines Triumphes. Seine Gruppe und er setzen eigenes «Recht», eigene Gesetze des Handelns, die auch Mord ausdrücklich genehmigen.

Dabei ist die Öffentlichkeit im Spiel, mediale Öffentlichkeit. Die Tat wird abgebildet und im Bild weitergegeben. Auch darin liegt ihre Wirkung, sie ist ein Signal an andere. Gewalt wird so Performance. Bei diesem «staging» wird nach Theweleit der mediale Widerhall ebenso wichtig wie die Tat selbst.

Der Täter ist für ihn zuerst ein «fragmentierter Körper», jederzeit bedroht von seiner «Zerfallsangst». Eine psychisch unsichere Person, ohne Halt in sich und in der Gesellschaft, die ihn umgibt. Ein Killer, der töten muss, um sich selbst intakt zu fühlen. Intakt auch im Kollektiv, das dieser unsicheren Person doch etwas Halt gibt. Die Tat «vernichtet die Opfer und belebt die Täter», sagt Theweleit.

Theweleits Thesen arbeiten mit den Mitteln der Psychoanalyse und der Sozialpsychologie. Sprunghaft und assoziativ bewegt er sich durch ein umfangreiches Recherchefeld und bekommt doch klare Konturen in sein tief pessimistisches Bild von der «Tötungslust». Sie liegt verborgen und abrufbar unter der dünnen Haut der Zivilisation.

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Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 22.05.2015, 12:10 Uhr


Aus: "Warum lachen Mörder?" Rainer Schaper (Freitag, 22.05.2015)
Quelle: https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/gesellschaft-religion-warum-lachen-moerder

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Quote[...] August 2024: Beim Christopher Street Day in Görlitz veranstalten ,,Junge Nationalisten" und die Neonazi-Gruppe ,,Elblandrevolte" eine ,,Gegendemo". Sie zeigen den Wolfsgruß, das ,,White Power"-Zeichen und skandieren: ,,HIV hilf uns doch, Schwule gibt es immer noch."

April 2025: AfD-Abgeordnete sollen im mecklenburgischen Landtag den Linken-Politiker Dirk Bruhn nachgeäfft haben, als der eine Rede hielt. Aufgrund einer Parkinson-Erkrankung zittert seine rechte Hand. Dieses Zittern sollen mehrere AfD-Politiker imitiert haben.

Mai 2025: Der Bundestagsabgeordnete Matthias Helferich (Ex-AfD, Schüler Union) verkündet, sein vielzitierter Satz, er sei ,,das freundliche Gesicht des Nationalsozialismus" sei nur ein Scherz gewesen.

Juni 2025: Die Partei ,,Die Heimat" (Ex-NPD) vertreibt Aufkleber mit der Aufschrift: ,,Normal statt divers" und ,,Aus Anne wird Frank, das ist doch krank!"

21. Juni 2025: ,,Der Spiegel" über ,,Feindbild Regenbogen": ,,Nachdem im Oktober 2022 ein 19-Jähriger im slowakischen Bratislava zwei Besucher einer queeren Bar erschossen hatte, kursierten Bilder des Anschlags auf Telegram. Nach Spiegel-Recherchen kommentierte sie dort ein Deutscher, offenbar der Kopf der mutmaßlichen Terrorgruppe ,Sächsische Separatisten', mit den Worten: ,LMAO', ein Kürzel für ,Ich lach mir den Arsch ab.'"

27.Juni 2025: Frankfurter Rundschau: ,,Vier Männer stehen als Anführer der rechtsextremen Gruppe ,Combat 18 Deutschland' vor Gericht. Robin S. dreht schon vor Verhandlungsbeginn auf. Während seine Mitangeklagten noch bemüht teilnahmslos vor sich hin starren, demonstriert der 40-Jährige sein neonazistisches Selbstbewusstsein. Formt im Gerichtsaal seine Finger zur ,White Power'-Geste, spricht einen antifaschistischen Pressefotografen mit Namen an, knipst ein Selfie vor der Phalanx der Fernsehkameras und Fotoapparate. Und grinst."

Vor lauter Lachen habe ich jetzt ,,Das Lachen der Täter: Breivik u.a." von Klaus Theweleit wiedergelesen, zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung (Residenz Verlag, 248 S., 24 Euro). In diesem ,,Psychogramm der Tötungslust" von 2015 analysiert der Autor der ,,Männerphantasien" (1977) das Lachen von Tätern (kein Gendern nötig hier) bei Gewaltexzessen: Beim Morden, Vergewaltigen, Foltern. Der Psychosoziologe studiert Männer vom Islamischen Staat, die ,,Charlie Hebdo"-Mörder, Hutu in Ruanda beim Tutsi-Schlachten.

Und Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen umbringt. ,,Der Killer lächelt, lacht und tobt sich aus", schreibt Theweleit. ,,14-jährigen sozialdemokratischen Mädchen aus einem halben Meter Entfernung in den Kopf zu schießen – die so zutraulich sind, ihn für ihren Freund und Helfer zu halten –, ist ein hohes Vergnügen und ein großer Sieg im Kampf gegen den norwegischen ,Kulturmarxismus', den der Tempelritter Anders Behring Breivik auf sein Papier, d.h. in sein Internet-Manifest geschrieben hat."

Auch Böhnhardt, Mundlos & Zschäpe haben ihren Auftritt, die drei vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), die sich und ihre Fans mit Bekennervideos im Paulchen-Panther-Stil zum Lachen bringen.

Theweleit gönnt sich ein Kapitel ,,Männerphantasien revisited". Vielen sei aufgefallen, dass große Teile des Breivik-Manifests ,,den Äußerungen jener deutschen Freikorpsleute ähneln, die ich in ,Männerphantasien' untersucht habe". Vor der ,,Feminisierung der europäischen Kultur" warnt Breivik, vor einem ,,radikal feministischen Angriff auf unsere Werte", und der ,,psychologischen Kriegsführung gegen den europäischen Mann". Da liefert der Tempelritter Vorlagen für das, was Männer wie Höcke, Orban, Kaczynski & Co. Jahre später verdichten zu einem griffigen rechtsautoritären Maskulinismus.

Wenn Breivik von ,,Alpha Boys" fantasiert, wenn er seine Ängste vor ,,Entmannung", ,,Impotenz" oder der ,,Vergewaltigung Europas" formuliert oder Parlamentarier und Parlamentarierinnen als ,,politische Prostituierte" bezeichnet, dann nimmt er Incels und Proud Boys vorweg, die unfreiwillig Zölibatären und Manosphere-Sektierer, die zunächst als durchgeknallte Irr-, Amokläufer und Egoshooter abgetan werden, very Hollywood. Bis sich rausstellt, dass man mit denen nicht nur das Capitol stürmen kann, sondern auch das Weiße Haus zurückerobern. Make American Masculinity Great Again. Und weiß.

Theweleit betont Breiviks Angst vor Unordnung: ,,Der gepanzerte, von Schmutz und Fragmentierungsängsten bedrohte Körper des soldatischen Mannes hält äußeres ,Gewimmel', sei es von tatsächlichen Insekten und Kleintieren, sei es von Menschen ,niederer Rassen', die er ,selbstredend' als Ungeziefer bezeichnet, nicht aus." Ungeziefer? So nennt Mr. President abzuschiebende Migranten.

,,Das Lachen der Täter" gehört revisited, schon für Theweleits Exegese des Breivik-Manifests, diese prophetische Antizipation dessen, was wir heute kennen als die banale Bosheit alltäglicher Kulturkämpfe. Wer hätte das gedacht: Der norwegische Massenmörder als Vordenker eines misogynen, homophoben, queerphoben Backlashs?

Was ist los mit dem Lachen der Täter? ,,Gemeinsame Gewaltausübung, explodierend im gemeinsamen Gelächter", schreibt Theweleit, gemünzt auf die Massenmörder und Vergewaltiger. Aber trifft seine Diagnose auch zu auf die grinsenden bis schallend lachenden Täter, die queere Aktivistinnen und Aktivisten angreifen, ihnen die ,,Schwulenpest" an den Hals wünschen, sich den Arsch ablachen, wenn einer von denen draufgeht, die zitternde Kranke nachäffen?

Schadenfreude verbindet (wie Autobahn, Blitzkrieg, Götterdämmerung, Übermensch oder Wehrmacht ist Schadenfreude als Lehnwort ins Englische migriert). Schadenfreude stiftet Identität unter den Lachern. ,,Das gemeinsame Gelächter stabilisiert ihre Körper. Spannungsausgleich, Homöostase." Das Schlüsselwort Homöostase findet Theweleit bei der Kinder-Psychoanalytikerin Margret Mahler, zu deutsch Spannungsausgleich. Ob Amoklauf, Dschihad oder Machetengemetzel, ob Ostkongo, Syrien, Afghanistan, das zerfallende Jugoslawien oder Ruanda, wenn der, so Theweleit, ,,Normalfall " des Tötens ausgerufen ist, dann gilt: ,,Das Erreichen der Homöostase durchs Töten." Lachen inklusive.

Theweleit erinnert an ,,Deutschland und Österreich, die bis vor siebzig Jahren (von 2015 aus, K.W.) einen Spitzenplatz in den erlaubten Ermordungs- und Ausrottungsaktionen einnahmen – exzessiv lachend; dann entspannt lächelnd". Und: ,,Zur Homöostase gehört das Schauspiel des Tötens, kulminierend im exzessiven Gelächter der Ausübung höchster Macht (...) Das Gelächter ist das orgiastische Gefühl der Killer."

Nein, die Jungs von ,,Combat 18", der ,,Elblandrevolte" oder den ,,Jungen Nationalisten" sind – noch – keine Killer, aber zum Kill-Schauspiel gehört das Publikum, gehört das Lachen des Publikums, wenn da einer zittert. Oder erschossen wird. Dieses Lachen ist nicht mehr tabuisiert, die Freude am Schaden der Anderen, die Lust an Beleidigung, Demütigung, Erniedrigung der Anderen wird nicht mehr camoufliert, sie wird zur Schau getragen – das Lachen der Täter verstetigt sich zur politischen Attitüde.

Nicht nur bei den explizit Rechten. Gelacht werden darf auch bei Till Backhaus von der SPD. Der Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern haut einen dieter㈠nuhresken Befreiungsschlag gegen die Diktatur der Wokeness raus, mit einem Kalauer über Grünen-Politikerin Ricarda Lang: ,,Früher waren Dick und Doof zwei Personen." Das bisschen Fatshaming bringt uns nicht gleich um. Fatshaming? Catcalling? Ghosting? Anglizismen aus dem Wörterbuch des woken Kulturmarxismus, mit dem schon Breivik aufräumen wollte, wie mit dem ,,radikal feministischen Angriff auf unsere Werte".

In diesem Kulturkampf findet der norwegische Einzeltäter 14 Jahre nach dem Morden immer mehr Buddies, die ähnlich denken und vor allem fühlen, die Spannungsausgleich suchen im Markieren, Diskriminieren und Attackieren der anderen. Im Othering derer, die nicht ihren Normen entsprechen, vor allem nicht der Heteronorm. Schwulen den HIV-Tod wünschen, Queers verprügeln, Transpersonen verhöhnen (eine Spezialität der AFDlerin von Storch). Je sicht- und hörbarer Leute von der Heteronorm abweichen, desto gefährlicher leben sie. Je mehr Buchstaben das Kürzel LGBTQIA+ dazubekommt, desto größer wird der Hass auf die Normabweichenden.

Im Sommer häufen sich Angriffe auf Pride- und CSD-Paraden, bevorzugt in der Provinz, in Ostdeutschland, wo gerade ein Revival der Baseballschlägerjahre steigt, inklusive Reenactment der Baseballschlägerjahre. Kaum hatten sich (links)liberale Medien daran gewöhnt, dass Neonazis nicht mehr nur in Bomberjacke und Springerstiefel rumlaufen, da tun neue Jungmännerhorden genau das: Haare ab, Springerstiefel, ganz in Schwarz, wo geht's hier zum CSD? Mit dieser Uniform der scharfen Konturen ver-körpern die neuen Baseballschläger auch optisch den maximalen Kontrast zu den bunten, queeren Party People, die ihrerseits Diversitäten performen und sich als Zielscheibe anbieten: für das Lachen der Täter. ,,Normal statt divers", oder mit der Leitmotiv-Mutter aller Parolen der AfD: ,,Deutschland, aber normal."

Das Wiederlesen von Theweleits Buch hilft zu verstehen, wie organisch, wie rhizomatisch die Kultur- und Genderkämpfe seit 2015 um sich greifen. Zudem hilft ,,Das Lachen der Täter" zu verstehen, was in den Männern vorging, die am 7. Oktober Besucher und Besucherinnen eines auch unter Queers beliebten Festivals vergewaltigen, massakrieren und sich dabei filmen. Und es hilft zu verstehen, was in den Männern vorging, die Gisèle Pelicot vergewaltigten, betäubt und zur Verfügung gestellt von ihrem Gatten.

Wie, Hamas und Monsieur Pelicot hätten nichts miteinander zu tun? Nun, bei beiden bleibt offen: ,,Die Frage nach der Art der Sexualität des Vergewaltigers." Theweleit versucht es mit dem Wort ,,Tötungssexualität" und fragt am Fall des ruandischen Genozids: ,,Muss nicht eine ganz spezielle körperliche Verfasstheit vorliegen, wenn es gelingen soll, Auge in Auge mit einem Vater, dessen Tochter man als junger Nachbarsohn vergewaltigt, die zur Vergewaltigung benötigte Erektion zu bekommen?"

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Aus: "Das schallende Lachen der Täter – revisited" Klaus Walter (03.08.2025)
Quelle: https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/das-schallende-lachen-der-taeter-revisited-93865508.html

Klaus Walter (* 1955 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Radiomoderator, DJ, Journalist und Autor.
https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Walter_(Journalist)


Link

Quote[...] Als Kämpfer der Hamas und andere palästinensische Terrororganisationen zahlreiche Communitys und das Musikfestival Nova im Süden Israels am 7. Oktober 2023 massakrierten, hatten sie dabei Spaß. Davon zeugen etliche Videos, die die Terroristen selbst mit Bodycams und Handys filmten und live streamten [https://taz.de/Ein-Jahr-nach-dem-7-Oktober/!6038224/].

Sie sind, um einen Begriff von Klaus Theweleit in Bezug auf andere terroristische Anschläge zu borgen, ,,lachende Täter", getrieben von einer fanatischen Tötungslust. Über die Hinrichtungen, Enthauptungen, Leichenschändungen und sexualisierte Gewalt, die sie in Israel anrichteten, zeigten diese Täter sich stolz. Der 7. Oktober gehört zu einer der bestdokumentierten Anschläge aller Zeiten, die Videos sind Teil des Terrors.

Die Entscheidung des Toronto International Film Festivals, die Dokumentation ,,The Road Between Us: The Ultimate Rescue" von Barry Avrich auszuladen, ist vor diesem Hintergrund so absurd wie gefährlich. Die offizielle Begründung: Copyright. Die Filmemacher hätten von den Urhebern der Hamas keine Rechte bekommen, die Aufnahmen zu zeigen, die im Film vorkommen, so das kanadische Festival, das am 4. September beginnen soll [https://deadline.com/2025/08/tiff-pulls-october-7-documentary-from-lineup-1236484968/].

Zuvor habe der Regisseur Avrich auf Wunsch des Filmfestivals den Filmnamen von ,,Out of Nowhere" in ,,The Road Between Us" ändern müssen, wie das amerikanische Medienportal Deadline zunächst berichtete. Das Filmteam habe auch eine Erklärung abgeben müssen, heißt es weiter, in der es die Haftung für rechtliche Probleme übernimmt, die aus der Vorführung des Films entstehen könnten.

Avrichs Doku handelt von Noam Tibon, einem israelischen General im Ruhestand, der am Morgen des Hamas-Angriffs Richtung Süden aufbrach, um seinen Sohn – den Haaretz-Journalisten Amir Tibon – sowie seine zwei kleinen Töchter und Ehefrau im Kibbuz Nahal Oz zu retten. Auf dem Weg dorthin lieferte er sich Feuergefechte mit palästinensischen Terroristen, behandelte verwundete israelische Soldaten und brachte fliehende Verletzte des Nova-Massakers in Sicherheit. Sohn Amir schrieb darüber das lesenswerte Buch ,,Die Tore von Gaza". Die Spielfilmrechte für diese heldenhafte Rettungsgeschichte wurden bereits von dem Team hinter der Hit-Serie Fauda gesichert.

Die Videos der Hamas vom 7. Oktober sind Dokumente der Weltgeschichte, sie belegen horrende Kriegsverbrechen. Weitere Dokumentationen wie ,,We Will Dance Again" oder ,,#NOVA" haben entsprechende Aufnahmen der Hamas bereits verwendet. Auch die Hamas-Videos in ,,The Road Between Us" sind schon öffentlich bekannt.

Wer fragt denn Mörder nach den Urheberrechten zu den Beweisen für ihre Verbrechen? Und wer hätte ernsthaft Bedenken, zu dokumentarischen, journalistischen Zwecken die Aufnahmen der rechtsextremen Mörder von Christchurch, Buffalo oder Halle zu zeigen, ohne ,,Erlaubnis" der Täter?

Es gibt viele, die die Gräueltaten vom 7. Oktober zu leugnen versuchen. Gerade deshalb ist es so wichtig, diese Videos zu zeigen. Auch wenn einige der Aufnahmen einer breiteren Öffentlichkeit nicht zugemutet werden können – so barbarisch, so qualvoll sind sie. Die israelische Armee stellte in den Monaten nach dem Anschlag einen 47-minütigen Film aus diesen und weiteren Videos zusammen, der Journalistinnen, Politikern und Vertretern von NGOs und Geheimdiensten bei geschlossenen Vorführungen gezeigt wurde. Alleine dieser Film zeigt mit nur einem Bruchteil der Aufnahmen von diesem Tag die Ermordung von 138 Menschen – rund zehn Prozent der Todesopfer. Die Brutalität dieses Films ist so traumatisierend wie beispiellos [https://www.belltower.news/film-des-hamas-massakers-47-minuten-des-terrors-154499/].

Die Entscheidung des Toronto International Film Festivals dürfte lediglich ein Vorwand sein, die Vorführung eines Films zu verhindern, der als ,,brisant" gilt, weil inzwischen mit jeder Erwähnung der Kriegsverbrechen der Hamas am 7. Oktober mit aggressiven antiisraelischen Protesten zu rechnen ist. Das berichten auch anonyme Quellen aus den Kreisen des Festivalteams, dem Medium Deadline. Das Festival weist Vorwürfe der ,,Zensur" jedoch zurück.

Und die Täter? Sie lachen wohl weiter.


Aus: "Aufnahmen vom Hamas-Angriff am 7.10.Videos lachender Täter"  Kommentar von Nicholas Potter (14.8.2025)
Quelle: https://taz.de/Aufnahmen-vom-Hamas-Angriff-am-710/!6107134/



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Herausgegeben zum 20. Jahrestag des "Deutschen Herbst" im Jahr 1997, sind Klaus Theweleits drei leicht inkorrekt Vorträge persönlich gefärbte Einmischungen in die Nachkriegsgeschichte. Drei Themen -- das "Geschichtskonglomerat" RAF, der Mythos von der befreienden Sexualität und Massenphänomene -- behandelt der Freiburger Soziologe hier. Wie in den meisten Werken des "Freestyle-Denkers" (S. Löffler) und Vielpublizisten, von dem zuletzt zwei Bände der vierteiligen Diskursgeschichte PO-CA-HON-TAS erschienen, stehen auch hier Theweleits Betrachtungen unter dem Motiv der "Befreiung von der Last der Eltern", seine Metapher für die Bewältigung des Dritten Reichs.

Es beginnt mit einer Geschichte der RAF aus der Sicht eines Enttäuschten -- enttäuscht ist Theweleit vom "abstrakten Radikalismus" der RAF, in der der 68er-Aktivist denselben "Elternterror" am Werk sieht, der zu Beginn der gemeinsamen Studentenproteste als "politisches Horrorsyndrom" verflucht war. ...



Quote[...] "In der Geisterbahn des Widerstands - Klaus Theweleit blickt auf 1968 zurück"
Alexis Eideneier (Frühere Ausgaben / Nr. 8, August 2002)

Nachdem Klaus Theweleit mit seinen "Männerphantasien" schon vor Jahrzehnten eine vielbeachtete Aufarbeitung des Faschismus vorgelegt hat, erscheint es nur folgerichtig, dass sich der Freiburger Soziologe jetzt der deutschen Nachkriegsgeschichte zuwendet. Der Band "Ghosts" erschien zum zwanzigsten Jahrestag des Deutschen Herbstes und versammelt drei "leicht inkorrekte" Vorträge. Wie und warum haben sich Einzelne und Gruppen in den letzten dreißig Jahren verwandelt? Der Versuch, eine komplexe Antwort auf diese scheinbar simple Frage zu geben, führt als roter Faden durch Theweleits gesellschaftsgeschichtliche Geisterstunde.

Am "Gespenst RAF" zeigt er exemplarisch, wie sich die linken Utopisten der Studentenrevolte immer weiter radikalisiert haben. In ihrem rabiaten Versuch, sich von der Last der Eltern, von den Greueln der Tätergeneration zu befreien, war ein neues Gewaltsystem bereits angelegt. Theweleit, der selbst Mitglied des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) war, erinnert sich an das damals neu entstandene Zwangssystem, welches eine Organisation ad absurdum führte, die sich gerade gegen totalitäre Herrschaft gerichtet hatte.

In den Jahren, da sich alles auf Faschist reimte (Peter Schneider), wollten empörte Revolutionäre die erzwungene Schweigestarre der Nazi-Generation auflösen. Man agitierte und führte ein Leben in permanenter Selbstüberforderung. Als einziges Mittel gegen "schuldbeladene Verschweiger, schamlose Lügner, ordnungshütende Killer" erschien da zunächst die Sprache. So verwundert es nicht, dass eine Bewegung entstand, die sprachbesessen war wie kaum eine gesellschaftliche Gruppierung zuvor.

Theweleit interpretiert die Studentenproteste als Siege des Marxismus, der Psychoanalyse, des Pop - und nicht zuletzt als Durchbruch einer großen Sprachöffnung. Schließlich war 1968 vor allem die Zeit der moralischen Schuldzuweisungen. Die Anklage vollzog sich in einem Konglomerat von aktionistischen, happeninghaften, wissenschaftlichen, pädagogischen, besserwisserischen, überfahrenden, berauschten, klatschhaften, verzehrenden, selbstdarstellerischen, paranoischen und narzisstischen Sageweisen. Durch diesen Sprachsumpf hindurch zeigt der erste Vortrag die 68er als selbsternanntes moralisches Gewissen und entlarvt sie mit historischem Abstand als das, was sie oft genug auch waren - nämlich Schwätzer, Angeber und Wichtigtuer, die an intellektueller Selbstüberschätzung litten.

Hatte man durch die neue Vielfalt der Sprechformen zum ersten Mal die Möglichkeit einer Verbindung eigener Aussagen mit dem öffentlichen Raum geschaffen, so zerronn diese neue Freiheit, als die RAF aufkam. So wild wuchernd die Sprachen der 68er-Generation waren, so gefährlich war der nachfolgende Schritt von der Theorie zur Praxis. Da mit Worten nichts mehr zu erreichen war, gingen einige Genossen in den Untergrund und eröffneten schließlich den bewaffneten Kampf. Theweleit kann als Zeitzeuge seinen Unmut über uneingelöste Hoffnungen nicht verhehlen. Schließlich fragt er ganz trocken, was Ulrike Meinhof sonst hätte tun können: "High Class macht eben Terrorismus, wenns anders nicht läuft."

Wie der zweite Vortrag verdeutlicht, war auch die Politisierung des Sexuellen und die Sexualisierung des Politischen ein geisterhafter Paradigmenwechsel. Dabei ging es nicht nur um die "neue Sprechweise einer sexualisierten Frechheit". Die sexuellen Vorstellungswelten der 68er erfanden auch den Mythos von der befreiten, befreienden Sexualität und etablierten die freie Liebe als Voraussetzung jeglicher Befreiung schlechthin. Wie Theweleit anhand seiner Lektüre von Arno Schmidts "Seelandschaft mit Pocahontas" zeigt, war die Sexualisierung in den 50er und 60er Jahren nichts weniger als ein Aufstand gegen die Verklemmtheit der Kriegsgeneration. Man fand Erlösung von den Alten, indem man den eigenen Körper suchte und erkundete. Die Signale der Nazi-Vergangenheit wurden sexuell umgedeutet und in Lebensmut transformiert. Um von den Eltern nichts annehmen zu müssen, wagte man den Neuanfang, indem man eigene Kinder zeugte.

Nicht minder spukt es im dritten Kapitel dieses Buchs - hier wendet Theweleit den Massenbegriff Elias Canettis auf unsere letzten Jahre an. Dabei stellt sich heraus, dass heutige Massenphänomene nicht mehr zwangsläufig negativ besetzt sind. Ob während der Love Parade oder bei der Trauer um eine englische Prinzessin: Das Aufgehen in der Masse kann als "Eintritt in einen größeren, freieren Körper" erfahren werden. Dabei verschwindet der traditionelle Gegensatz zwischen Masse und Individuum. An seine Stelle tritt für die Konsum-Kinder von Video und Coca-Cola, für die Arbeitslosen vor ihren verkabelten Bildschirmen schließlich das identitätsstiftende Phänomen der medial vermittelten Serie.

So fragwürdig und "inkorrekt" einzelne Ansichten in diesen Vorträgen auch sind (Theweleit spricht etwa in einer grenzenlosen Verharmlosung von den "Akten der Stasi West" und meint damit die bundesrepublikanischen Geheimdienste), so erfrischend ist es, den Gedankengängen dieses Theoretikers zu folgen.

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Zu:
Klaus Theweleit: Ghosts. Drei leicht inkorrekte Vorträge.
Stroemfeld Verlag, Frankfurt a. M. und Basel 1998.
256 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-10: 3878777442



Aus: "In der Geisterbahn des Widerstands - Klaus Theweleit blickt auf 1968 zurück"
Alexis Eideneier (Frühere Ausgaben / Nr. 8, August 2002)
https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=5190