Author Topic: Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)  (Read 62331 times)

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #40 on: August 15, 2019, 02:55:43 PM »
Quote
[...] Der Kapitalismus scheint immer noch wie etwas, das Außerirdische auf der Erde eingepflanzt haben, um uns zu verknechten. Aber wir haben ihn selbst geschaffen! Wir haben diese hässlichen Bürotürme gebaut, wir haben das Plastik ins Meer gekippt, wir haben die Erde geplündert für Konsum und Profit. Hier geht es um eine aufgeklärte Aufklärung, denn nicht Gott hat die Welt gemacht, sondern wir Menschen. Der neue Twist ist: Wir sind aber nicht allein hier. Die Natur ist da, die Pflanzen, die Tiere. Gerade müssen uns sogar Jugendliche wie Greta Thunberg daran erinnern, indem sie sagen: Entschuldigt mal, so geht das nicht weiter. Diese maßlose, rücksichtslose, ignorante Bereicherung muss ein Ende haben. ... Unsere westliche Kultur – damit meine ich alle Länder, die durch eine antike, christliche und koloniale Vergangenheit verbunden sind – hat das Denken vor das Dasein gestellt und das Machbare vor das Brauchbare. Der Weg aus der Krise beginnt damit, wieder über das Brauchbare nachzudenken. Was Menschen beispielsweise am glücklichsten macht, sind tiefe soziale Beziehungen. Wir wissen das alles. Das ist so spannend an dieser Zeit: Wir wissen alles und machen alles falsch. ... Die Welt ist noch da, sie ist uns nur abhanden gekommen. Wir müssen sie wieder lieben lernen. Doch das ist eine schreckliche Liebe. Weil wir auch grässliche Gebäude lieben müssen und den Müll im Ozean. Ebenso uns selbst, die das doch alles verursacht haben. Vielleicht ist das der tiefste Aufruf der Stunde, dass die Welt uns auf unendlich vielen Ebenen damit konfrontiert, dass unser Leben uns etwas angeht. Wir sind alle hier, der ganze Rest auch, sehr unordentlich die ganze Sache. ...


Aus: "Ariadne von Schirach über Gesellschaft: „Jetzt heißt es aufräumen“" Das Interview führte Jana Petersen (7. 5. 2019)
Quelle: https://taz.de/Ariadne-von-Schirach-ueber-Gesellschaft/!5589389/

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #41 on: August 20, 2019, 02:18:41 PM »
Quote
[...] Bei einem Treffen des Dachverbandes der führenden Unternehmen in den USA wie Apple, Pepsi und Walmart, haben fast 200 Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer neue Grundsätze der Unternehmensführung definiert. Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren distanzierte sich der Business Roundtable dabei vom sogenannten Shareholder-Value-Prinzip, wie die New York Times berichtet. Stattdessen soll der Fokus auf Investitionen in Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Umweltschutz und einen fairen und ethischen Umgang mit Zulieferern gelegt werden.

"Wir wissen, dass viele Amerikaner Probleme haben. Zu oft wird harte Arbeit nicht belohnt, und es wird nicht genug getan, damit sich die Arbeitnehmer an das rasche Tempo des wirtschaftlichen Wandels anpassen können", schreiben die Unternehmer in ihrer Erklärung.

Nach dem Shareholder-Value-Prinzip hat die Unternehmensführung im Sinne der Anteilseigner zu handeln. Ziel ist die Maximierung des langfristigen Unternehmenswertes durch Gewinnmaximierung und Erhöhung der Eigenkapitalrendite. Im Statement formulieren die CEOs neue Eckpunkte für eine Unternehmungsführung. So soll ein Mehrwert für Kundinnen und Kunden sowie die Umwelt an Standorten geschützt werden. Außerdem sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützt werden, indem sie etwa gerecht entlohnt werden und Aus- und Weiterbildungen erhalten. 

Damit reagieren die Unternehmer auf die aktuelle gesellschaftliche Lage in den USA. So sind laut einer Umfrage der Voter Study Group viele US-Amerikaner offen für ein radikales Programm, das die Wirtschaft des Landes umgestaltet. Eine klare Mehrheit befürwortet Steuererleichterungen für Geringverdiener, bezahlte Elternzeit, eine Anhebung des Mindestlohns und höhere Steuern für die Reichen. Eine Mehrheit spricht sich auch dafür aus, große Banken zu zerschlagen und es Arbeitern zu erleichtern, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Der Business Roundtable vertritt Geschäftsführer der führenden US-amerikanischen Unternehmen. Diese CEO-Mitglieder leiten Unternehmen mit mehr als 15 Millionen Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von mehr als sieben Billionen US-Dollar. Seit 1978 stellt der Business Roundtable regelmäßig Grundsätze für die Unternehmensführung aus.


Aus: "US-Unternehmer rücken vom Prinzip der Gewinnmaximierung ab" (20. August 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2019-08/usa-unternehmen-aktionaere-ethik-business-roundtable


Quote
Manni_23 #8

Schöner Traum oder dummes Geschwätz. Das wir nie so passieren, weil es im vollkommenen Gegensatz zum Grundprinzip der kapitalistischen Wirtschaftsordnung steht.


Quote
gigue #9

"US-Amerikaner offen für radikale Umgestaltung der Wirtschaft"

Es mehren sich schon seit einiger Zeit die Anzeichen dafür, dass es ein Umdenken in den Chefetagen der großen Konzerne gibt.
Die meisten CEOs usw. der Konzerne stammen ja nicht mehr aus den Reihen der OldBoysConnection oder den Eastcoast-Reichen, die nichts anderes gelernt haben, als alles zusammen zu raffen, was zu kriegen ist.
Im Grunde ist es reichlich grotesk, dass ausgerechnet einer aus der alten Garde der Raffer jetzt Präsident geworden ist, wo längst sich in den Köpfen der Führungsetagen ein anderes Denken breit macht.
Vor allem dieser ständige Run auf die Quartalszahlen, der sinnlose Hype um den Shareholder Value, der immer seltsamere Blüten treibt und vor allem unternehmensfernen Gestalten mit Titeln wie "Businessanalyst" usw. Wichtigkeit zutreibt, wo absolut keine Wichtigkeit ist, wird es Zeit, sich nach anderen Formen der gewerblichen Tätigkeit und deren Finanzierung umzuschauen.
Letztendlich ist eine Firma wie ein kleiner Staat: das Auskommen der Bürger ist final entscheidend, dass alle halbwegs profund leben können und nicht nur diejenigen, die sich in jeder Beziehung besser durch setzen können und der Rest dahin darbt. Eine solche Gesellschaft wünschen sich vielleicht noch einige Korrupties in unterentwickelten Ländern, aber in Industrieländern wird es Zeit, über andere Verteilungsmechanismen nachzudenken, die einer breiten Schicht von Menschen gerecht wird.


Quote
Wiilibald #9.1

Ich kann mich an ein Interview eines deutschen Unternehmers (Selfmademan) durch einen US Journalisten im US TV erinnern. Wo der Journalist den Deutschen mehrmals ungläubig fragte, warum der mit den exorbitant hohen Steuern und Auflagen in Deutschland zufrieden sei. Und der Unternehmer antwortete: Ich verdiene auch mit den Steuern mehr als ich jemals ausgeben könnte und ich möchte in einem Land leben, wo ich jederzeit ohne Angst um mein Leben alleine durch die Stadt laufen kann und jedem in die Augen schauen kann. Erinnert mich an die Albrechts, die persönlich um die Ecke einkaufen gingen und jeden Pfennig umdrehten - Aldi - Sie wissen schon. Oder die Reimanns - Deutschlands reichste Familie - wo jeder Erbe vor Antritt des Erbes unterschreiben muss, ein unauffälliges Mittelstandsleben zu führen und alles Geld in den Firmen zu lassen.


Quote
Frittiere nicht dein Leben Frittiere deinen Traum #10

Gab's so eine Erklärung nicht vor drei, vier Jahren schonmal? Wenn man das jetzt turnusmäßig aus Imagegründen wiederholt, ohne es tatsächlich umzusetzen, ist das alles wenig wert.


Quote
Occam #12

Die Geschäftsführer können sich nur so lange von den Interessen der Anteilseigner distanzieren, bis sich die Anteilseigner von den Geschäftsführern distanzieren.
Geschäftsführer, CEO und Unternehmer synonym zu verwenden, ist problematisch.


Quote
Comandante Amigo #17


Sollte das der Beginn des "nachhaltigen Kapitalismus" sein? Für US amerikanische Ohren wird das bestimmt wie purer Kommunismus klingen. Mal sehen was die Thinktanks des Kapitals daraus machen.


Quote
arnolsi #21

Jetzt, nachdem sie so pervers reich sind und ihnen eh schon praktisch alles gehört, bekommen sie moralische Anflüge?


Quote
k-os2o14 #27

Die Unterzeichner findet man hier -> https://opportunity.businessroundtable.org/ourcommitment/ und ich hab schon gut gelacht. Das Who is Who von Finanzkrise bis lass mal Länder platt Bomben und Öl-Deals sichern.



Quote
Schattenboxen #27.1

Danke für den Link. Das liest sich im Original völlig anders als die ZON-Interpretation. ...


Quote
GrüneHoffnung #28

Ups, Revolte von oben gegen sich selber???

Nur zu, kann gar nicht heftig genug sein. :)

> ZON hat Halluzinationen.

Nicht wirklich.

Die Beschreibungen und Art der Wortwahl erinnern mich mehr an agile Prinzipien und da ist dann nicht mehr der Sharehoulder im Mittelpunkt sondern der Stakehoulder. Ist tatsächlich was anderes, wenn auch der Unterschied in den Feinheiten steckt. Stakehoulder sind im Prinzip wir alle, die an einem Produkt, dem dem/den herstellendem/n Unternehmen und/oder Dienstleister. Kann man sogar auf die Politik ausweiten, im Sinne von dienen, den Wünschen der Interessierten.

Ist sicher alles andere als eine Revolte gegen sich selber von oben aber immerhin ein kleines Schrittchen hin zurück zu etwas mehr Verantwortungsbewußtsein fürs eher Ganze.

Wenn man die letzten 30-250 Jahre hier eher auf der Null Linie agierte ist etwas mehr als Null schon ein riesiger Satz.

;)


Quote
Für mehr nach vorne #7

Da Christian Lindner und Friedrich Merz immer noch nicht kapiert haben, dass der Wirtschaftsliberalismus ein Auslaufmodell ist, sollten sich beide ein Beispiel am Umdenken dieser Unternehmen nehmen.


Quote
W_Schäfer #7.1

Sie lassen sich aber schnell mit Lippenbekenntnissen einlullen.


...

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #42 on: September 10, 2019, 10:19:31 AM »
Quote
[...] Stellen wir uns einen ganz normalen Sonntagmorgen vor. Am gedeckten Tisch warten alle Familienmitglieder auf den Vater. Auf sein Kommando beginnt das Frühstück, zu dem es für jeden genau ein Brötchen mit vom Vater bestimmtem Belag gibt. Nach einem durch den Vater festgelegten Zeitraum gehen alle an ihre durch den Vater verteilten Aufgaben: Kind Nummer eins soll die Fenster putzen, Kind Nummer zwei hat alle Zimmer aufzuräumen und mit dem Stubenbesen zu fegen, Kind Nummer drei muss den Keller ausmisten, die Mutter kümmert sich um die Wäsche, den Einkauf, das Kochen, das Geschirrspülen und um Kind Nummer vier.

Eigentlich möchten heute alle raus, um das Wetter zu genießen. Das wäre auch möglich, denn die Arbeit muss erst am Abend erledigt sein. Doch der Vater befiehlt, dass sich alle ab neun Uhr für genau acht Stunden im Haus aufhalten müssen – die halbstündige Mittagspause nicht eingerechnet. Warum es acht Stunden sind, das erklärt der Vater nicht. Ebenso wenig begründet er, warum sich jeder pro Jahr nur eine willkürlich durch den Vater benannte Zahl an Arbeitstagen freinehmen darf. Auf allen Smartphones sind Sperren für Facebook, Amazon und Youtube eingerichtet.

Der Vater legt fest, wer am Abend welche Menge an Essen erhält. Die richtet sich nicht nach Bedarf, sondern nach schwer durchschaubaren und durch den Vater bestimmten Kriterien. Wenn Kind Nummer eins keinen Spinat mag, dann darf es das dem Vater ohne Furcht mitteilen. Es kann dann frei entscheiden: Spinat oder nichts. Jeder muss sein Dinner in einem verschlossenen Raum allein zu sich nehmen, damit die anderen nicht sehen, wer wie viel und welches Essen erhält.

Das führt zu einer sozialen Kontrolle, die ohne den Vater funktioniert. Wenn Kind Nummer eins schon um kurz vor halb sechs das Haus verlässt, dann grummeln und tuscheln die anderen. Geht Kind Nummer zwei mehrmals zur Toilette, dann gerät es unter Faulheitsverdacht. Bleibt die Mutter fünf oder gar zehn Minuten länger als alle anderen zur Mittagspause im Garten, dann raunen die Kinder: „Die kann sich das nur erlauben, weil sie ständig mit dem Vater kungelt!“

Manchmal meckern alle gemeinsam über die Regeln oder den Vater, doch nur hinter vorgehaltener Hand. Kind Nummer drei hält sich aus solchen Debatten lieber komplett heraus, denn der Vater hat ihm nur ein auf zwölf Monate befristetes Aufenthaltsrecht in der Familie gewährt, und seine Entscheidung, ob es über diesen Zeitraum hinaus ein Teil der Familie bleiben darf, kann sehr kurzfristig erfolgen.

Es dürfte schwerfallen, eine Familie zu finden, die ihre Sonntage genau so verbringt und in der ein solches Regime herrscht. Niemand würde die Tyrannei auf Dauer hinnehmen. Wer die beschriebene Situation aber von der Familie auf ein Unternehmen überträgt, der findet plötzlich nichts daran seltsam. Beim Betreten des Arbeitsplatzes legen wir unsere Autonomie ab und unterwerfen uns einer Diktatur der Hierarchien. Wir akzeptieren in der Arbeitswelt ein Ausmaß an Unterordnung, das uns in beinahe jeder anderen Lebenssituation abstoßend erscheinen würde.

Überall stehen die Zeiten im Zeichen des Protests. Leute demonstrieren gegen die menschengemachte Klimakatastrophe, gegen Flüchtlinge, gegen Flüchtlingsfeinde, gegen „Islamisierung“, gegen Rassismus, gegen Krieg, gegen Konzernschutzabkommen, gegen Atomkraft, gegen Massentierhaltung. Selten aber protestieren sie gegen das Offensichtlichste in ihrem eigenen Leben: die grundlegenden Bedingungen, unter denen sie arbeiten.

Schon immer haben Menschen für ihren Lebensunterhalt gearbeitet. Die Idee der Erwerbsarbeit, seine Arbeitskraft also einem Unternehmen zu übereignen und im Gegenzug ein wenig Geld zu nehmen, ist aber historisch noch sehr jung.

Wer wissen will, wann und warum Menschen sich entschieden haben, abhängig erwerbstätig zu sein, sollte mit einer Gegenfrage kontern: Haben sie sich jemals so entschieden? Zu Beginn der Industrialisierung folgten die Massen dem Ruf der Unternehmer und zogen vom Land in die Stadt, um in den Fabriken für einen Lohn zu arbeiten. Eine scheinbar glückliche Fügung von Angebot und Nachfrage.

Was diese Betrachtung ausblendet, ist die Vorgeschichte. Im Kapital beschreibt Karl Marx Die ursprüngliche Akkumulation, ohne die das kollektive Begehren zur Lohnarbeit nicht hätte entstehen können. In einem langen und gewaltsamen Prozess wurden demnach Millionen von Armen enteignet. Produzent und Produktionsmittel waren nun getrennt. Seitdem können die Eigentümer der Produktionsmittel die Produzenten (also die Arbeiter) zwingen, für sie zu schuften – und das weitgehend zu den Bedingungen, die den Interessen der Eigentümer entsprechen.

Ganz selbstverständlich sprechen wir bei der Gegenleistung für unsere Arbeit von „Entlohnung“. Das ist verräterisch, denn dem Wortsinne nach bedeutet diese Wendung nichts anderes als „jemanden um den Lohn bringen“. Eine entwaffnende Ehrlichkeit, die niemand begrifflich als „Belohnung“ tarnen muss, weil die meisten von uns niemals aus eigenem Antrieb auf die Idee kämen, die abhängige Erwerbsarbeit fundamental in Frage zu stellen.

Die Normalität fremdbestimmter Arbeit hat sich über Jahrhunderte in unsere Körper eingeschrieben. Das Denken in Marktlogik erscheint uns alternativlos. Der spanische Soziologe César Rendueles erzählt in seinem Buch Kanaillen-Kapitalismus (2018) von einer Erfahrung am eigenen Leib. Er sei vor Jahren bei einem Unternehmen beschäftigt gewesen, in dem man zuerst die Null wählen musste, bevor man ein externes Telefongespräch führen konnte. Bei privaten Anrufen am Abend habe er stets automatisch die Null hinzugefügt und sei, weil alle Festnetzanschlüsse in Madrid mit 91 beginnen, jedes Mal bei der Polizei gelandet, die in Spanien unter der Nummer 091 zu erreichen ist.

Symbolisch für diese Kolonisierung des Menschen durch die Erwerbsarbeit steht besonders das Hauptverwaltungsgebäude des niederländisch-britischen Großkonzerns Unilever in Hamburg. In dem Dokumentarfilm Work Hard Play Hard (2012) leuchtet Carmen Losmann aus, wie an diesem Ort die Architektur das Soziale bestimmt. Mit der Kamera beobachtete sie den Planungsprozess für die Firmenzentrale. Einer der Architekten sagte, die Mitarbeiter sollten am Ende „auf keinen Fall daran erinnert werden, dass sie arbeiten“. Die dahinterstehende Logik geht davon aus, dass nur derjenige leistungsfähig bleibt, der während der Maloche alles um sich herum vergisst und den „Flow“ spürt.

Die Aufnahmen aus dem fertigen Unilever-Haus zeigen bunte Polstermöbel, Meeting Points, Coffee Points und kieselsteinbelegte Innenhöfe. Inmitten riesiger Räume ohne Privatsphäre stehen nackte Schreibtische. Niemand hat hier mehr einen festen Arbeitsplatz, Zugehörigkeit und Verbindlichkeit schwinden zugunsten einer für das Unternehmen optimalen Verwertung der Ressource Mensch. Dafür hängen an den Wänden überall Flachbildschirme, die Landschaftsaufnahmen zeigen, um eine bürgerliche Wohnzimmeratmosphäre zu simulieren.

Auch jenseits von Büro, Baustelle und Fabrik bleiben wir Verdrängungskünstler. In Kino und Literatur werden Menschen selten beim Arbeiten gezeigt – vielleicht nicht obwohl, sondern gerade weil es einen erheblichen Teil ihrer wachen Zeit ausmacht. Wir vergessen, dass die Grenze zwischen Arbeit und Leben gefallen ist, weil Arbeit unser Leben geworden ist. Darauf reagieren wir, indem wir den Wegfall dieser Grenze leugnen.

Schon in den siebziger Jahren hatte es die subversive Fernsehserie Acht Stunden sind kein Tag schwer, weil es im damaligen Fordismus noch hieß: „Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps.“ Heute hätte es die Serie schwer, weil sie Illusionen zerstört und Utopien entwirft. Rainer Werner Fassbinder lässt darin den Arbeitsalltag einer Gruppe von Werkzeugmachern nachspielen. Die Geschichte verwebt von Mietpreissteigerungen bis zum Rassismus verschiedene soziale Probleme, rückt aber die Frage der betrieblichen Mitbestimmung in den Fokus – bis am Ende die Arbeiter quasi einen Kollektivbetrieb führen.

Von solcher Träumerei möchten die meisten Menschen in der Freizeit nichts wissen. Sie wollen entspannen, ausruhen, „abschalten“. Auf paradoxe Weise gilt das sogar für jene meist jüngeren Hochqualifizierten, die auf privaten Partys am Wochenende am liebsten über ihren Job sprechen. Unternehmen wie Unilever wollen vergessen machen, dass man arbeitet. Daraus entspringt bei Beschäftigten der Glaube, selbstbestimmt, souverän und damit privilegiert zu handeln, sich also außerhalb des Hamsterrads zu bewegen, in dem die Mehrheit darbt. Identifikation mit dem Unternehmen und das Mitteilungsbedürfnis sind bei diesen Menschen hoch, bis die Selbstverwirklichungsschraube nicht mehr greift, weil sie zum Burn-out überdreht ist.

Erwerbsarbeit ist ein soziales Verhältnis, in dem die Eigentümer mit den durch sie eingesetzten Chefs herrschen und die Belegschaft beherrscht wird. Keine ausgefeilte Architektur, keine „flachen Hierarchien“, kein Duzen der Vorgesetzten, keine „gewaltfreie Kommunikation“ und keine „Vertrauensarbeitszeit“ können das ändern. Zwar gibt es Arbeitgeber, bei denen ein umsichtigeres Regiment herrscht. Dabei handelt es sich aber meist um kleinere Betriebe, die ihre Beschäftigten im Alltag darum besser behandeln, weil sie ihnen keinen branchenüblichen Lohn zahlen.

Wer sich daran stört, sieht eine Lösung häufig in einem Abschied von der Festanstellung. Freie Entfaltung und „Work-Life-Balance“ stehen im Mittelpunkt des Wertekanons vieler Selbstständiger. Zahlreiche Studien haben diese Priorität für die Generation Y belegt, also die Geburtsjahrgänge zwischen den frühen achtziger und den späten neunziger Jahren. Doch bleibt die freie Arbeit für fast alle weiterhin unfreie Erwerbsarbeit, denn sie werkeln vor allem frei von Sicherheit. Wer die Abhängigkeit von einem einzigen Unternehmen aufgibt, gleitet in neue Abhängigkeiten hinein. Die soziale Absicherung müssen viele komplett selbst schultern, sie dürfen sich oft keine Krankheitstage oder Urlaubsreisen erlauben, und wenn keine Aufträge reinkommen, kann das freiberufliche Dasein existenzbedrohend werden.

Erst kürzlich hat die Justiz dem Gesetzgeber einen Auftrag im Sinne der Festangestellten erteilt. Der Europäische Gerichtshof entschied im Mai, dass Unternehmen künftig die Arbeitszeit ihrer Mitarbeiter genau erfassen müssen. Geklagt hatte die spanische Gewerkschaft CCOO gegen die Deutsche Bank, damit in Zukunft die Überstunden korrekt ermittelt werden. Offenbar sind die häufig nicht nur unbezahlt, sondern werden in vielen Fällen auch nicht mit Freizeit ausgeglichen.

Dabei bleibt auch ganz ohne Überstunden am Ende der Arbeit wenig vom Tage übrig. Die beliebige Festlegung auf eine werktägliche Arbeitszeit von acht Stunden sorgt dafür, dass Erwerbstätige in sogenannter Vollzeit während der meisten Stunden ihres wachen Lebens direkt oder indirekt mit ihrem Job befasst sind.

Eine Woche umfasst insgesamt 168 Stunden. Bei acht Stunden Schlaf pro Nacht bleiben noch 112 Stunden, von denen 40 für die Nettoarbeitszeit draufgehen. Der durchschnittliche Arbeitsweg beträgt in Deutschland 30 Kilometer. Für Hin- und Rückweg ergibt sich damit, vorsichtig kalkuliert, eine Stunde pro Tag, also fünf Stunden pro Woche.

Nach dem Aufstehen brauchen die meisten für Duschen, Frühstück und Organisatorisches etwa eine Stunde, um sich auf die Arbeit vorzubereiten. Wer Kinder hat, wird diese Zeit deutlich überschreiten. Zieht man dann noch die Zeit ab, die nötig ist, um die Arbeitskraft im Sinne der Arbeitgeber zu reproduzieren – also Mittagspause, Einkaufen, Sport, Kochen, Essen – dann bleibt für soziale Kontakte, Kultur oder Hausarbeit weniger wache Zeit, als wir insgesamt für Ermöglichung und Ableistung der Erwerbsarbeit aufwenden müssen.

In der Rechtsordnung ist die Arbeit ein Nebenschauplatz. Viele europäische Staaten, auch Deutschland, haben kein Arbeitsgesetzbuch. Alle Versuche, ein solches für die Bundesrepublik zu etablieren, sind an den Interessengegensätzen der Beteiligten gescheitert. Es sagt viel aus über eine Gesellschaft, wenn ein so raumgreifender Bestandteil des Lebens in verschiedenen Rechtsquellen zersplittert ist. Das Fehlen eines Arbeitsgesetzbuches deutet darauf hin, dass der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital auch heute bedeutsam ist.

Viele Beschäftigte bemerken diesen Widerspruch kaum mehr. In den unteren Segmenten des Arbeitsmarktes ist es die Angst vor Hunger und Obdachlosigkeit, die einen die Arbeitsdespotie vergessen lässt. In den mittleren und höheren Sphären sind es Wohlstandsversprechen, Anerkennungsdrang und Arbeitsethik, die den Weg zur Knechtschaft ebnen. Geeint sind Arme und Selbstverwirklicher in der Einsicht, dass wir nicht nur vom Brot leben, wie Marcel Reich-Ranicki wusste: „Geld allein macht nicht glücklich. Aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn.“


Aus: "Was vom Tage übrig bleibt" Christian Baron (Ausgabe 30/2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/cbaron/was-vom-tage-uebrig-bleibt

Quote
Senneka | Community

...und wir werden früh daran gewöhnt, mit verschärften Mitteln, so dass uns der Arbeitsalltag sogar manchmal wie eine Befreiung vorkommt. Wir müssen uns schon als ganz junge Menschen täglich etwa sechs, sieben Stunden in einem Gebäude aufhalten, dass wir uns nicht aussuchen können. Dort werden wir in einer strengen Hierarchie für die Arbeitswelt geformt und lernen gleichzeitig, dass die jungen Menschen, die neben uns das gleiche Schicksal teilen, unsere schärfsten Konkurrenten sind, die es auszustechen gilt.


Quote
Zack | Community

„Unser Leben ist der Mord durch Arbeit,
wir hängen 60 Jahre lang am Strick und zappeln,
aber wir werden uns losschneiden.“

(Georg Büchner, Dantons Tod, 1835)

"Die Liebe zur gut durchgeführten Arbeit und der Wunsch nach einem Vorwärtskommen in der Arbeit sind heute unauslöschliche Zeichen von Stumpfheit und allerdümmster Unterwerfung.
Deswegen bahnt sich überall dort, wo Unterwerfung gefordert wird, der alte ideologische Furz seinen Weg,
von dem "Arbeit macht frei" der Konzentrationslager bis zu den Reden von Henry Ford und Mao Tse-Tung."

(Raoul Vaneigem , Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen, 1967)

...





Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #43 on: September 12, 2019, 10:15:13 AM »
Quote
[...] Schon mit seinem ersten Buch aus dem Jahr 2013 „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ sorgte der französische Wirtschaftsprofessor Thomas Piketty weltweit für Aufsehen. Vor allem in den USA war seine These, dass unregulierter Kapitalismus immer zu Vermögensungleichheit führt, hoch umstritten. Nun hat er nachgelegt. Sein neues Werk erscheint am heutigen Donnerstag in Frankreich und trägt den Titel „Capital et Idéologie“ (zu deutsch: Kapital und Ideologie). Es ist ein ehrgeiziges Werk von 1232 Seiten. Und wieder spart Piketty nicht an radikalen Forderungen.

„Ich schlage vor, dass wir das Privateigentum hinter uns lassen und zum sozialen und temporären Eigentum übergehen.“ Was für ihn aber keinesfalls Kommunismus bedeutet, sondern ein bessere Verteilung des Reichtums. Der Franzose, Forschungsdirektor an der Schule für Sozialforschung EHESS und Wirtschaftsprofessor am Ecole d´économie in Paris, sieht Ungleichheit als ideologisch und politisch bestimmt und damit gewollt.

Pikettys erstes Werk wurde in 40 Sprachen übersetzt und mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft. „Capital et Idéologie“ bezeichnet der Autor selbst im Vorspann als eine Fortsetzung. Er betont: „Es ist Zeit, den Kapitalismus zu überwinden.“ Reichtum solle nicht mehr nur in den Händen weniger sein, das Kapital müsse besser verteilt werden. Er zeigt unter anderem mit Grafiken, dass ab den 1980er Jahren die Reichen immer reicher wurden. Das Buch ist eine Geschichte der Ungleichheit auf wirtschaftlicher, sozialer, intellektueller und politischer Ebene von frühen Sklavengesellschaften bis zu den heutigen modernen kapitalistischen Formen.

Pikettys Tenor dabei: Der Kampf für Gleichheit und Bildung war es, der die wirtschaftliche Entwicklung und den menschlichen Fortschritt gefördert hat, nicht der Besitz. Er plädiert für einen neuen Sozialismus, in dem Mitbestimmung herrscht. Für ihn ist das eine neue Gleichheit, sozialer, in der alle das gleiche Recht auf Bildung haben, die Macht besser verteilt ist und niemand zu viel Eigentum anhäufen kann.

Obwohl es auf trockenen Zahlen beruht, konnte Piketty mit dem ersten Werk eine große Leserschaft erreichen. Er selbst glaubt fest daran, dass Buch Nummer zwei ihm noch besser gelungen ist. Dem Magazin „L’Obs“ sagte er: „Ich habe Fortschritte gemacht.“ Er habe noch mehr Material gesammelt. Deshalb brauche er noch ein paar Seiten mehr. Dass das Thema Wirtschaft die große Leidenschaft des heute 48-Jährigen ist merkt man. Auf Basis vieler Forschungsergebnisse und Zahlen leitet er konkrete Tipps für Änderungen der Wirtschaftsordnung ab. Und er könnte damit durchaus Gehör finden; viele politisch eher links Beheimatete schwören auf ihn, so auch der Ex-US-Präsident Barack Obama.

Besitz ist für Piketty dabei heute so etwas wie eine heilige Kuh. „Die Sakralisierung des Eigentums ist eine Art Antwort auf das Ende der Religion.“ Es fülle die Leere. Da Piketty aber ein pragmatischer Ökonom und kein Idealist ist, will er den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern eben nur geschickt „überwinden“. Privateigentum soll nicht abgeschafft werden, sondern umgewandelt werden, sozial werden und nicht mehr auf alle Ewigkeit in den Händen weniger verbleiben.

Dazu kommen vor allem im letzten Teil des Buches die konkreten Beispiele: Kein Aktionär soll an börsennotierten Firmen mehr als zehn Prozent der Stimmrechte halten dürfen – so wird der Besitz eingeschränkt. Piketty schlägt außerdem eine progressive Vermögenssteuer ab 100.000 Euro vor, die für Milliardäre dann 90 Prozent betragen soll. Das habe es nach dem ersten Weltkrieg schon in den USA gegeben, rechtfertigt sich Piketty. Damit will er die abgehobene Luxuswelt der Milliardäre zerschlagen.

Das Geld aus der Reichensteuer will er für eine „Universalkapitalausstattung“ verwenden, eine Art Grundeinkommen für alle. Alle Französinnen und Franzosen sollen – sobald sie 25 Jahre alt werden – 120.000 Euro erhalten, damit sie Häuser kaufen und Firmen gründen können. Das ist in Paris nicht viel: damit kann man gerade mal zehn Quadratmeter erwerben. Privateigentum, das im Rahmen bleibt, sieht Piketty durchaus als vernünftige Motivation. Laut Piketty stört eine Reichensteuer das Wachstum keinesfalls. Im Gegenteil; in den Unternehmen plädiert er für mehr Mitbestimmung der Angestellten und bessere Verteilung der Macht, um auch die Bezahlung von Spitzenmanagern transparenter zu machen.

Im Gegensatz zu Präsident Emmanuel Macron will er das Gesamtvermögen wieder versteuern. Macron war davon abgerückt und veranschlagt die Steuer nur noch auf Immobilien ab 1,3 Millionen Euro, nicht mehr auf Kapital. Das kritisiert Piketty im Interview mit „L’Obs“: „Das wirkliche Ziel war, die Reichen zu schonen.“ In Deutschland soll das Buch am 11. März 2020 im Verlag C.H. Beck erscheinen.


Aus: "Thomas Pikettys zweites Buch: Der Star-Ökonom, der jedem Franzosen 120.000 Euro schenken will" Tanja Kuchenbecker (12.09.2019)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/thomas-pikettys-zweites-buch-der-star-oekonom-der-jedem-franzosen-120-000-euro-schenken-will/25005412.html

-

Quote
[...] Zu Pikettys Rockstar-Status passt sein Wunderkind-Werdegang. Als Sohn eines Aussteigerpaars schaffte er es mit 18 an die Ecole Normale Supérieure in Paris, mit 22 doktorierte er an der London School of Economics, anschliessend wurde er Professor an einer dritten Elite-Uni, dem MIT in Boston. Heute ist er 48 und lehrt unter anderem an der Paris School of Economics, die er mitgegründet hat.

... In seiner Karriere beschäftigen Piketty bis heute zwei Dinge ganz besonders: erstens die Ungleichheit, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Und zweitens die Statistiken, die in den Archiven verstauben, aber eigentlich die mitreissende Weltgeschichte dieser sozioökonomischen Abgründe erzählen.

...


Aus: "Starökonom fordert 90-Prozent-Steuer auf Milliardenvermögen" (10.09.2019)
Quelle: https://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/standardstaroekonom-fordert-90prozentsteuer-auf-milliardenvermoegen/story/29649023

-

Quote
[...] Im neuen Buch versucht er sich an einer weltweiten Geschichte ungleicher Gesellschaften, von der frühen Feudalzeit bis heute, und der Ideologien, die sie rechtfertigen sollten, von französischen Bischöfen des 11. Jahrhunderts bis zum chinesischen Parteiherrscher Xi Jinping.

Diesmal hebt Piketty allerdings hervor, dass es keine Zwangsläufigkeit ungerechter Verhältnisse gebe: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei von Europa bis Amerika dank entschiedener Politiken zur Umverteilung die extreme Konzentration von Vermögen und Einkommen korrigiert worden. Gleichzeitig sei dies die dynamischste Phase wirtschaftlicher Entwicklung in den betreffenden Ländern gewesen.

Die intellektuelle Auslaugung der Sozialdemokratie, ihre mangelnde Antwort auf die Globalisierung, die Enttäuschung über den Kommunismus und dessen Ende in einem „kleptokratischen Hyperkapitalismus“ macht Piketty dafür verantwortlich, dass es seit Ende der 80er-Jahre wieder zu einer Verschärfung der Ungleichheit und einer Rückkehr des Nationalismus kommen konnte.

Die Apologeten einer „Heiligsprechung des Eigentums“ hätten freie Bahn gehabt. Das offiziell kommunistische China sei „innerhalb kurzer Zeit viel ungleicher geworden als Europa, eindeutig ein Scheitern des Regimes“, schreibt Piketty mit detaillierten Statistiken als Beleg. Insgesamt aber fällt der Part über die postkommunistischen Staaten viel zu kurz aus.

Ausführlich behandelt der 48-Jährige dagegen seine Alternative, den „partizipativen Sozialismus“. Damit dürfte er sich fast alle zum Feind machen, von den Anhängern eines reinen Kapitalismus bis zur harten Linken, die ihn umworben hat und deren Wahlkampagnen er in den vergangenen Jahren öfters unterstützt hat. Piketty spricht zwar von der „Überwindung des Kapitalismus“, doch sein Rezept bedient sich ausdrücklich einiger Elemente der deutschen Sozialen Marktwirtschaft, besonders der paritätischen Mitbestimmung.

... Der Sozialismus à la Piketty ist eine Kombination aus einer weiterentwickelten Mitbestimmung, progressiven Vermögens- und Erbschaftsteuern und einem chancengerechten Bildungssystem unabhängig von der sozialen Herkunft.

Hinzu kommt eine andere Parteienfinanzierung, die den Einfluss finanzstarker Interessen auf die Demokratie stoppen soll. Schließlich will er Besteuerung und Parlamentarismus möglichst auf eine transnationale Ebene heben – „ein ideales, idyllisches Szenario“, wie er selbst einräumt.

Mit seiner Lebensgefährtin Julia Cagé, deren Arbeiten er ausführlich zitiert, habe er in den letzten Jahren „die Welt neu erfunden“, schreibt Piketty in der Danksagung. Hunderttausende Leser werden am Ergebnis teilhaben wollen. Ob der Idealist auch politischen Erfolg hat, steht auf einem anderen Blatt.


Aus: "Mit seinem neuen Werk macht sich Ökonom Piketty alle zum Feind – Linke wie Rechte" Thomas Hanke (12.09.2019)
Quelle: https://www.handelsblatt.com/politik/international/buch-capital-et-ideologie-mit-seinem-neuen-werk-macht-sich-oekonom-piketty-alle-zum-feind-linke-wie-rechte/25003506.html


Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #44 on: October 26, 2019, 12:13:38 PM »
Quote
[...] Vor sechs Jahren löste Piketty mit seiner Studie über Das Kapital im 21. Jahrhundert viel Wirbel aus; nun macht ihn der neuseeländische Regisseur Justin Pemberton zur Hauptperson in seinem gleichnamigen Film. Eskortiert wird Piketty von Wirtschaftswissenschaftlern, die wie Flügeladjutanten seine Position absichern und ohne kritische Gegenregung eloquent ergänzen (ZEIT Nr. 43/19). Die Ausgangsthese ist schlagend und schlicht: Große Siege schaden dem Sieger, denn sie machen ihn glauben, der Weltgeist persönlich habe ihm auf die Sprünge geholfen. Ganz ähnlich war es 1989. Der Westen fühlte sich als Testsieger im Systemvergleich und glaubte, nun dürfe er all jene Ketten beseitigen, die "Gleichheitsfantatiker" einst dem Markt angelegt hatten. Wenn die kommunistische Alternative total falsch war, könne ein entfesselter Kapitalismus nur total richtig sein.

Das war, sagt Francis Fukuyama, ein Irrtum. Der Westen verkannte, dass der Kommunismus den Westen gezwungen hatte, die gröbsten Ungleichheiten zu bekämpfen. Doch selbst Sozialdemokraten hatten das vergessen und halfen mit, den Deregulierungswettlauf auf Touren zu bringen. Die Regeln für den Finanzkapitalismus wurden gelockert, und bald war es lukrativer, im Himmelreich der Spekulation Geld mit Geld zu verdienen, anstatt auf Erden riskant eine Fabrik zu errichten. Heute, behauptet der Film, dienen 85 Prozent des Kapitals großer Finanzinstitutionen rein spekulativen Zwecken.

Mit der Globalisierung, so will Pemberton zeigen, schwebt das Kapital gleichsam über den nationalstaatlichen Wassern und erholt sich in Steueroasen von der Mühsal, die es die Emanzipation von Sozialstaat und Gemeinwohl gekostet hat. Das ist schwer in Bilder zu fassen, mehrfach zeigt Pemberton, wie sich Luxusjachten in Luxushäfen den Platz an der Sonne sichern. Dann sieht man den Manager eines Internetriesen, der seine Steuervermeidungstricks beichten muss: "Und so landet das Geld auf den Bermudas?" Der Mann grinst abgründig. "Yes."

Mit der Entfesselung des Kapitals beginnt für Piketty die Tragik des Siegers. Nicht lange, und das System zeigt erste Risse, die Mittelschicht gerät unter Druck, die Armen bleiben arm – und im Jahr 2008 wäre der Casino-Kapitalismus beinahe vollständig zusammengebrochen: Millionen Bürger verlieren ihre Arbeit und müssen die Zeche zahlen, während die Schuldigen mit Boni-Millionen gefüttert werden. Leistung muss sich wieder lohnen.

Geändert hat sich seitdem wenig. In etlichen Ländern, erfährt der Zuschauer, besitzt ein Prozent der Superreichen siebzig Prozent des Vermögens, das war schon im Jahr 1914 so. In diesem Neo-Feudalismus wird der Reichtum vornehmlich vererbt, Geld heiratet Geld, und eine ständisch organisierte Managerklasse schanzt sich Privilegien zu. Dass sie wie die Made im Speck leben, mag man obszön finden. Doch dass sich die Milliardenfürsten Macht, Medien und Einfluss kaufen und so die Änderung der Verhältnisse verhindern können – das ist für Piketty und Pemberton das eigentlich Beunruhigende.

Vor der Französischen Revolution gehörte dem Adel fast alles; die Revolutionäre änderten das, aber sie waren, sagt Piketty, ziemlich verlogen und glaubten, es reiche aus, Gerechtigkeit nur zu predigen. Der feudalistische Geist, jedenfalls sein hässlicher Teil, überlebte die Revolution und wanderte mit dem Schlagstock durch die neuen Fabriken, hier durfte geprügelt, aber nicht gestreikt werden. Erschütternd sind die Dokumente, die zeigen, wie alte Herrschaftsformen mit dem Industriekapitalismus eine schlagende Verbindung eingehen, wie Sklaven als Humankapital gehandelt und misshandelt und als Deckungsreserve bei der Kreditvergabe eingesetzt werden.

Erst nach 1945 beginnen die westlichen Staaten, ihre Gleichheitsversprechen einzulösen. Unter den Augen der kommunistischen Konkurrenz bauen sie den Wohlfahrtsstaat aus, einen Kapitalismus for the many, not the few. Die Steuern waren hoch, die Aufstiegschancen ebenfalls. In einer alten TV-Aufzeichnung wird eine englische Politikerin gefragt, ob auch eine Frau Premierministerin werden könne. "Bestimmt", antwortet die Lady, "doch ich selbst werde das nicht mehr erleben." Es war Margaret Thatcher.

Gut dreihundert Jahre lässt Pemberton auf seiner Zeitreise Revue passieren, für ihn ist der Kapitalismus Schönheit und Biest zugleich, atemberaubend kreativ und ein Erfinder herrlicher Dinge – doch wehe, er bricht zusammen. Piketty hat Angst vor brutalen sozialen Spaltungen, und die Stimmen, die der Film versammelt, haben das auch. Kate Williams, Suresh Naidu, Paul Mason, Gabriel Zucman, Joseph Stiglitz und viele andere sind Meister darin, die Dinge klar und klug zu erklären und den Nagel auf den Kopf zu treffen. Und doch beschreibt der Film die Welt simpler, als sie ist, wobei die überhastete Clip-Ästhetik ironischerweise an jene visuellen Geschmacksverstärker erinnert, mit der einst der Neoliberalismus in die Köpfe getackert wurde. "Piketty to go" sei das, lästert die SZ, und es stimmt: Wer allen verständlich sein will, der macht seinen Gegenstand unverständlich. Etliches wird nur behauptet, zum Beispiel die These, dass Klassenkämpfe schon zweimal in kulturellen Nationalismus überführt wurden und einen Weltkrieg auslösten.

Anders als der Film hofft, ist Piketty kein Revolutionär, er will nur den Markt besser regulieren und den Eigentumsbegriff ändern. Man sieht kitschige Bilder aus einer glücklichen Nachkriegszeit, als der Laden noch brummte. Das ist ein linker Wachstumsglaube, der sich die Frage erspart, ob er die Natur nicht genauso ausbeutet wie der Marktfundamentalismus, dem er den Kampf ansagt.


Aus: ""Das Kapital im 21. Jahrhundert": Der neue Adel" Eine Rezension von Thomas Assheuer (23. Oktober 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/2019/44/das-kapital-im-21-jahrhundert-dokumentarfilm/komplettansicht


Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #45 on: November 03, 2019, 02:20:24 PM »
Quote
wütend.com #6

"Abeitgeberverband warnt Union vor teurer Grundrente"

Das Kapital macht Politik


Kommentar zu: "Große Koalition: Arbeitgeberverband warnt Union vor teurer Grundrente" (3. November 2019)
Die SPD will keine Bedürftigkeitsprüfung, die CDU mindestens eine Einkommensprüfung. Wie soll die Grundrente aussehen? Der Arbeitgeberverband warnt vor hohen Kosten.
https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/grosse-koalition-grundrente-arbeitgeber-union-beduerftigkeitspruefung

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik ...
« Reply #46 on: November 08, 2019, 10:05:45 AM »
Quote
[...] Wer prüft eigentlich, ob sich Banken und Finanzdienstleister an Gesetze halten? Eine Behörde namens BaFin. Die aber sei zu mutlos, sagt der Finanzexperte Gerhard Schick.
Interview: Caterina Lobenstein


... Schick: Die BaFin ist oft zu mutlos. So wie man sich fragen kann, warum der Dieselskandal bei VW von amerikanischen Behörden aufgedeckt wurde und nicht von deutschen, kann man sich fragen, warum die Skandale bei der Deutschen Bank von amerikanischen und britischen Aufsichtsbehörden untersucht wurden. Der BaFin mangelt es am Willen, wirklich aufzuräumen. Selbst da, wo es Hinweise auf kriminelle Geschäfte gibt.

ZEIT ONLINE: Wo zum Beispiel?

Schick: Wir haben es auf dem Kapitalmarkt mit einer Serie von Skandalen zu tun. Etwa bei der Investmentfirma P&R, bei der rund 54.000 Anleger in Schiffscontainer investiert haben, die es zu einem großen Teil gar nicht gab. Das war ein riesiges Schneeballsystem mit einem Anlagevolumen von über drei Milliarden Euro, davon sind wohl zwei Milliarden für immer verloren. Schon vor Jahren hat ein Journalist vor den Geschäften gewarnt. Da hätte die BaFin nachhaken müssen. Oder der Cum-Ex-Skandal, der größte Fall von Finanzkriminalität und Steuerraub in der Geschichte unseres Landes. Auch da gab es schon 2007 erste Hinweise von einem Whistleblower. Die hat die BaFin aber ins Leere laufen lassen. Nach jedem Skandal heißt es: Es muss besser reguliert werden. Und nach jedem Skandal kann man zwei Sachen feststellen: dass die Regeln nicht hart genug sind. Und dass die BaFin die bestehenden Regeln nicht hart genug umsetzt und ihre Möglichkeiten nicht nutzt.

ZEIT ONLINE: Die BaFin hat im vergangenen Jahr laut eigener Auskunft Bußgelder von insgesamt mehr als 13 Millionen Euro verhängt. 

Schick: 13 Millionen, das ist die Gesamtsumme! Die amerikanischen Aufsichtsbehörden verhängen ein einzelnes Bußgeld in dieser Größenordnung. In den USA gibt es Milliardenstrafen für die Banken. In Deutschland gibt es praktisch nichts.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Schick: Ich glaube, ein Grund dafür ist die Kultur der BaFin. Viele Mitarbeiter denken, dass sie dann gute Aufseher sind, wenn sie sich mit den Bankern gut verstehen, wenn sie kooperativ sind. Meines Erachtens ist das ein völlig verfehlter Ansatz. Die Steuerverwaltung sagt doch auch nicht: Wir kuscheln mal mit dem Bürger und unterhalten uns nett mit ihm, damit er uns Auskunft gibt. Sie fordert die Unterlagen an, sie setzt eine Frist, und wenn die nicht eingehalten wird, dann gibt es eine Strafzahlung. Öffentliche Verwaltung kann schon knackig sein. Und das vermissen wir bei der Finanzaufsichtsbehörde. Sie muss klar und transparent im Auftrag der Verbraucher handeln.
ZEIT ONLINE: Der Verbraucherschutz wurde bei der BaFin in den letzten Jahren gestärkt.

Schick: Aber er spielt immer noch eine untergeordnete Rolle. Die Abteilung für Verbraucherschutz ist viel zu schwach besetzt. Nehmen wir den Bereich der Bankenaufsicht: Da versucht die BaFin vor allem zu vermeiden, dass Banken umkippen und dann vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Das ist erst mal richtig. Aber es führt dazu, dass sich die Behörde scheut, hart durchzugreifen, denn das könnte die Banken gefährden. Verbraucherinteressen sind oft nicht gut für die Ertragslage der Banken. Man verhängt nicht so gern eine Strafzahlung – weil das eine Bank Millionen kostet.

ZEIT ONLINE: Als die Finanzkrise ausbrach, stand die BaFin schon einmal massiv in der Kritik. Hat sich seitdem in Ihren Augen gar nichts verbessert?

Schick: Doch, natürlich. Zum Beispiel wurde die Aufsicht über die großen Banken auf die Europäische Zentralbank übertragen. Das ist ein großer Fortschritt. Außerdem kann die BaFin heute höhere Bußgelder verhängen und Finanzprodukte sogar verbieten. Sie tut es aber oft nicht. Ein Beispiel: Die BaFin wollte Bonitätsanleihen verbieten, das sind komplexe Produkte, die einem Kleinanleger eigentlich nicht angeboten werden sollten. Dann aber kam der entsprechende Derivateverband mit einer wachsweichen Selbstverpflichtungserklärung – und die BaFin zog das Verbot zurück.

ZEIT ONLINE: Ist die Nähe zwischen Finanzaufsicht und Finanzindustrie zu groß?

Schick: Ja. Das ist definitiv ein Problem. Das ist das, was wir in der Wissenschaft regulatory capture nennen.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das?

Schick: Dass Aufsichtsbehörden häufig vereinnahmt werden durch die Branche, die sie beaufsichtigen sollen: Das Kraftfahrzeugbundesamt wird zum Vertreter der Automobilindustrie in Berlin statt zum Kontrolleur im Auftrag der Bürgerinnen. Dasselbe findet bei der Finanzaufsicht statt. BaFin-Mitarbeiter und Banken arbeiten oft über Jahre an denselben Themen, treffen sich auf denselben Konferenzen, vielleicht gehen ihre Kinder in dieselben Schulen wie die der Bankerinnen.

ZEIT ONLINE: Das allein ist aber noch nicht verwerflich.

Schick: Aber die Gefahr einer zu großen Nähe gibt es, und gegen die muss man vorgehen als Behördenleitung. Wir wissen aus der Forschung, dass die Einflussnahme immer dort besonders groß ist, wo der Staat versucht, sehr stark einzugreifen. Also zum Beispiel auf dem Finanzmarkt.

ZEIT ONLINE: Wie viele Finanzlobbyisten gibt es in Deutschland?

Schick: Wir kennen die Zahl nicht. Wir haben in Deutschland kein Lobbyregister wie in der Europäischen Union. In Brüssel gibt es etwa 1.700 Finanzlobbyisten. Ich rechne damit, dass es in Deutschland nicht viel weniger sind.

ZEIT ONLINE: Wie gut sind die Beamten der BaFin ausgebildet? Können die einem Lobbyisten oder einem Banker auf Augenhöhe begegnen?

Schick: Es gibt richtig gute Mitarbeiter bei der BaFin. Und es gibt durchaus auch welche, die würden gern härter zupacken. Die Vorstellung, dass beim Staat nur Doofe sitzen, die stimmt nicht. Ein großes Problem ist aber, dass die BaFin oft nicht ihre eigenen Leute in die Banken oder Versicherungen schickt, sondern Wirtschaftsprüfungsgesellschaften beauftragt. Deshalb sammelt sich bei der BaFin nicht so viel Know-how. Es ist ein Unterschied, ob man selbst in einer Bank die Bücher prüft und die Dateien und Excel-Sheets durchforstet oder ob man nur einen Bericht darüber liest. Die FDIC, ein amerikanisches Pendant zur BaFin, macht das anderes, die prüft nur mit eigenem Personal.

ZEIT ONLINE: Die BaFin hat aber 2018 sogar einen Sonderbeauftragten in die Deutsche Bank geschickt, der tagtäglich dort sitzt und aufpassen soll, dass keine weiteren Geldwäscheskandale passieren.

Schick: Ja. Aber genau dieser Sonderbeauftragte ist kein BaFin-Mitarbeiter, sondern er kommt von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Das ist insofern pikant, weil KPMG über viele Jahre der Abschlussprüfer der Deutschen Bank war. Die KPMG überprüft da also auch ihre eigene Tätigkeit. Wie soll da am Ende ein wirklich neutrales Ergebnis rauskommen?

ZEIT ONLINE: Es hat auch Vorteile, wenn ein Insider die Kontrollen vornimmt – und nicht ein Beamter, der an seinem Schreibtisch sitzt und noch nie eine Bank von innen gesehen hat.

Schick: Ja, das klingt erst mal plausibel. Aber wenn Sie rauskommen wollen aus der Behördenmentalität, brauchen Sie den Blick in die Praxis. Über die Jahre zahlt es sich für den Staat aus, die Kompetenz selbst aufzubauen. Die Betriebsprüfer in der Steuerverwaltung machen das ja auch. Wenn die eine Bank prüfen, wissen sie genau, wo sie hingucken müssen. Ich erwarte, dass sich auch die Finanzaufsichtsbehörde die Finger schmutzig macht.

ZEIT ONLINE: Hat die BaFin dafür genug Personal?

Schick: Sie bräuchte dafür tatsächlich mehr Personal, aber das würde nicht mehr kosten, denn die Wirtschaftsprüfer müssen ja auch bezahlt werden.

ZEIT ONLINE: Wie soll die BaFin gute Leute finden, IT-Spezialisten zum Beispiel, wenn die Banken ihnen locker das Doppelte zahlen?

Schick: Ich bin dafür, dass man für solche Spezialisten mehr zahlt als im starren Tarifrahmen vorgesehen. Man darf bei der Finanzaufsicht nicht am Gehalt sparen. Wenn ein guter Aufseher verhindert, dass eine Bank in die Schieflage kommt und danach mit Steuergeld gerettet werden muss, so wie gerade die Nord/LB mit 3,6 Milliarden Euro, dann ist es das wert.

ZEIT ONLINE: Die BaFin untersteht dem Finanzministerium. Warum sorgen die Politiker in Berlin nicht dafür, dass die Prüfer in Frankfurt und Bonn genauer hinsehen?

Schick: Die Schwächen der BaFin gehen letztlich auf den mangelnden politischen Willen zurück, die Behörde so aufzustellen, dass sie wirklich im Interesse der Bürgerinnen arbeitet. Und viele Abgeordnete nehmen ihre Aufgabe, die Administration zu überprüfen, zu wenig ernst.

ZEIT ONLINE: Sie waren selbst Bundestagsabgeordneter. Wie erklären Sie sich das?

Schick: Sich da wirklich reinzufuchsen, das dankt Ihnen niemand im politischen Betrieb. Wenn Sie Steuersenkungen fordern, kommen Sie groß raus, das leuchtet allen ein. Aber das viele Geld, das die Leute verlieren, weil es miese Finanzprodukte gibt, das sieht oft keiner. Das ist mühsame Behördenkontrollarbeit, und die ist nicht so schlagzeilenträchtig.

ZEIT ONLINE: Braucht es schärfere Gesetze?

Schick: Ja, an vielen Stellen. Ich würde mir beispielsweise wünschen, dass die BaFin bei den Direktinvestments, also bei Geschäften wie denen mit den Schiffscontainern, mehr Kompetenzen bekäme. Und es reicht nicht, die Kundenprospekte formal zu überprüfen, es braucht auch einen Blick auf das Geschäftsmodell.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht die Aufgabe der Kunden: sich das Geschäftsmodell anzuschauen?

Schick: Der Kunde hat eine Verantwortung, er sollte zum Beispiel schauen, ob das Renditeversprechen überhöht ist. Aber oft kann er gar nicht wissen, ob er gezielt ausgetrickst wird. Er kann nicht selbst überprüfen, ob es die Container, in die er investiert, wirklich gibt oder wie alt sie sind. Das können nur Experten. Er kann nicht wissen, ob die Gelder einer Pensionskasse für die Altersvorsorge in fünf oder zehn Jahren noch ausreichen. Dazu muss man Versicherungsmathematiker sein. Das ist, wie wenn Sie in ein Restaurant gehen: Sie können sehen, ob die Tische sauber sind, ob es gut riecht, ob der Salat frisch ist. Aber sie können nicht sehen, ob es in der Küche Salmonellen gibt. Dafür gibt es eine Gewerbeaufsicht.

ZEIT ONLINE: Die BaFin ist eine nationale Behörde. Der Finanzmarkt aber umspannt die ganze Welt. Kann ein einzelner Staat ihn überhaupt zähmen?

Schick: Es wird häufig unterschätzt, wie viel man immer noch auf der nationalen Ebene machen kann. Nehmen wir den Skandal um die Danske-Bank. Das ist ein internationaler Geldwäscheskandal, bei dem es um die estnische Tochtergesellschaft einer dänischen Bank geht, die für bestimmte Überweisungen die Deutsche Bank eingesetzt hat. Hätte die BaFin richtig hingeschaut, hätte die Deutsche Bank diese Rolle in dem Skandal nicht spielen können. Natürlich kann eine Aufsichtsbehörde nie alles sehen, der Wissensvorsprung der Finanzindustrie ist gewaltig. Und natürlich ist nicht die BaFin unser Gegner, sondern es sind die Banken, die schlechte Geschäfte machen, die Fonds, die die Leute über den Tisch ziehen. Wir wollen eine Diskussion über die Qualität der Finanzaufsicht in Deutschland anstoßen, auch mit der BaFin selbst. Dort ist ja nicht alles schlecht. Aber der Verbesserungsbedarf ist eklatant.   


Aus: "Gerhard Schick: "In den USA gibt es Milliardenstrafen für Banken. Hier fast nichts"" (7. November 2019)
Quelle: https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-11/gerhard-schick-bafin-banken-finanzaufsicht-verbraucherschutz-lobbyismus/komplettansicht

Quote
DrkdD #15

Der Bundesfinanzminister entscheidet letztendlich. Und Schäuble und Scholz gehören nicht zu denen die den Banken ans Beins pinkeln wollen. Eher im Gegenteil.


Quote
Benjowi #11

Es gibt eine relativ einfache Erklärung für all die Ungereimtheiten, die sowohl im Finanz- als auch in den Kfz-und Landwirtschaftsbereichen ablaufen: Dieses Land mit seinen "Kontrollbehörden" leidet ganz klar unter institutioneller Korruption. Die Behörden würden vielleicht schon wollen, aber spätestens wenn das vorgesetzte Ministerium davon erfährt, kommt der Deckel drauf.  ...


Quote
Etaork #17

Na wen man sich von Lobbyverbänden des Finanzwesens ganze Gesetzestexte erstellen lässt und sie dann Wort für Wort übernimmt , der braucht auch in der Bafin oder sonstigen Aufsichtsbehörde keine Contra Geber , da wird halt so besetzt das der Dieb den Räuber beschützt:)

Herr Scholz :) -------- wichtigster Berater kommt von Goldman-S aber passt schon.

Das Denken des Bundestags, das es dem Kapital verpflichtet, ist widerspricht absolut dem Grundgesetz, da steht was von den Bürgern und Bürgerinnen drin aber nix davon das dieses nur jene mit entsprechenden Kontostand sind, sondern alle.


Quote
AugenaufundMitreden #19

... Siehe EX-CUM-Geschäfte, wo die Politik trotz massiver Hinweise jahrelang zugeschaut hat. ...


Quote
Botbauer #22

Lobbyismus ist in seiner heutigen Ausprägung nichts weiter als professionalisierte legalisierte Korruption.
Finanzkrisen, Dieselskandal, CumEx... das kann alles nur passieren wenn Regulierung und Aufsicht fehlt.


...

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #47 on: November 14, 2019, 10:40:26 AM »
Quote
[...] Quinn Slobodian ist Historiker und Autor des Buches Globalists: The End of Empire and the Birth of Neoliberalism. In Ausgabe 30/2019

... Pinochet, Thatcher und Reagan mögen tot sein. Doch die Kennzahlen für wirtschaftliche Freiheit halten das neoliberale Banner weiter in die Höhe, indem sie die Ziele sozialer Gerechtigkeit in alle Ewigkeit als unrechtmäßig verschreien und die Nationalstaaten dazu drängen, sich einzig als Wächter der wirtschaftlichen Macht zu betrachten. Stephen Moore, der zu Beginn des Jahres einmal als Trumps Favorit für den Posten im Vorstand der US-Notenbank gehandelt worden war, formulierte es in einem Interview ganz einfach: „Kapitalismus ist wesentlich wichtiger als Demokratie. Ich glaube nicht einmal besonders an Demokratie.“


Aus: "Wacht auf, Verdammte dieser Erde" Quinn Slobodian (2019)
Quelle: https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/wacht-auf-verdammte-dieser-erde

Quote
dissident | Community

Der Neoliberalismsu heisst neuerdings nicht mehr Neoliberalismus.
Seit den Chile-Demonstrationen gibt es ein neues wording.
Der Neoliberalismus heisst jetzt ULTRAliberalismus.


...

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #48 on: November 25, 2019, 05:01:18 PM »
"Geldpyramiden bauen oder eine lebenswerte Gesellschaft?" Rob Kenius (25. November 2019)
... Wir wollen noch einmal in Gedanken in das alte Ägypten zurückkehren und nehmen an, einer von uns lebte dort und hätte die Fähigkeit zur Systemkritik. Ihm käme die Erkenntnis, dass der Kult, den Priester und Beamte, Königshaus und Staatsgewalt betreiben, unsinnig ist, weil die Früchte der Arbeit den lebenden Menschen entzogen sind, um damit einen Totenkult zu betreiben. Was könnte jemand, der das erkannt hat, tun? ... Trotzdem sind wir alle auch Teil dieser Maschine, sobald wir nur Geld in die Hand bekommen und es wieder ausgeben, und wir sind Teil des imaginären Staates Pecunia, der den Bau von Geldpyramiden auf vielfältige Weise begünstigt. Wir stecken in dieser sinnlosen Mühle, die einen Stoff produziert, der uns heilig ist, obwohl wir schon viel zu viel davon haben. ...
https://www.heise.de/tp/features/Geldpyramiden-bauen-oder-eine-lebenswerte-Gesellschaft-4581488.html

Quote

Rob Kenius ist Diplom-Physiker und hat vorwiegend als Selbständiger im Medienbereich gearbeitet. Seit 2012 gestaltet er als systemkritischer Autor die Webseite kritlit.de.

Literatur:

Michael Hudson, Der Sektor.
Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert
Rob Kenius: Leben im Geldüberfluss



Quote
[...] oberham, 25.11.2019 14:55

Der heutige Totenkult spiegel sich wohl ähnlich in nutzloser Gigantomanie, doch heute spielen wir, wie der Autor richtig bemerkt, freiwillig mit, am Bau der Pyramiden aus Geld.

Wir werden demnächst wohl gar einen Kanzler wählen, der praktisch ein Soldat der neuen Arrondierung von Geld und Wohlstand ist, ein Knecht der Megavermögenden, die heute schon die Staaten zu nichts weiter als Ställen gestalten, in welchen die gewöhnlichen Menschen sich dem Verteilungskampf hingeben und ihre Leben eben an die Gewinner opfern, hoffend, selbst zu Gewinnern zu werden.

Es nützt nichts, zu erkennen, dass wir ein selbstzerstörerischer Haufen von Wettkämpfern sind, die sich letztlich von einer winzigen Minderheit nutzen und melken lassen, wenn wir doch weiter devot unser Haupt senken, damit sie aus unserer Würdelosigkeit ihren Profit treiben, da wir noch andere unter unseren Füßen fühlen, die uns den Boden bieten, selbst zumindest noch über dem Morast zu taumeln.

Würden wir uns diesem Spiel verweigern, wäre es eben schnell zu Ende, doch jene wenigen, die es tun, sich zu verweigern, sei es durch Selbstmord oder Askese, manche gar durch die Etablierung kleiner sozialer Inseln, Kleinode der Menschlichkeit, die irgendwo in der Masse der Milliarden versteckt existieren mögen, sind schlicht seit Jahrtausenden zu wenige.

Die Massen gehorchen und unterwerfen sich, entweder geschmiedet an Ketten, gebeubt durch rohe Gewalt und Angst oder eben durch das Verwöhnarmoa des Massenkonsums und der Betäubung durch Drogen und mehr oder weniger anspruchsvolle Kultur. Es wird just in dem Moment keine Massen mehr geben, sobald die Technik diese überflüssig und sämtliche Wünsche der "Eliten" erfüllbar macht.

Der Text bietet ein klares Bild, in meinen Augen spiegelt es auch meine Sicht der Dinge, ich sehe mein Leben und die Welt seit etwa 30 Jahren so, mit jedem Tag bestätigt es sich weiter, wird es klarer und schärfer.

Ich finde meinen Trost in der Bedeutungslosigkeit, letztlich ist es völlig gleichgültig, ob der Mensch nun existiert oder nicht, interessant wäre hingegen, ob die physikalischen Theorien nur unser geistiger Halt, oder ein Stück ewiger Gültigkeit besitzen, welcher Ladungsimpuls nun einen Gedanken kreiert, der Ionenbindungen bildet, die durch Raum und Zeit gleiten, in harmonischer Anziehung, wer weiß, vielleicht empfinden sie Glück?

Das Posting wurde vom Benutzer editiert (25.11.2019 14:58).


https://www.heise.de/forum/Telepolis/Kommentare/Geldpyramiden-bauen-oder-eine-lebenswerte-Gesellschaft/Der-heutige-Totenkult/posting-35664225/show/

Quote
     Xira Arien, 25.11.2019 14:47

Re: wohlgemeint

Es begann vor etwa 30 Jahren. Als sich der Ostblock auflöste, musste das "Schaufenster des Westens", das die BRD damals war, nicht mehr so hübsch dekoriert werden, und man begann nach und nach die schönen Auslagen abzuräumen.
Die soziale Marktwirtschaft, oder der "rheinische Kapitalismus" wurde Stück für Stück demontiert und man schaufelte ohne Scham die Knete von unten nach oben, z. B. mit üppigen Steuersenkungen.
Seitdem befinden wir uns in rasanter Talfahrt. Ziel ist das amerikanische Modell, dem wir uns schon sehr stark angenähert haben. Stück für Stück wird weiter demontiert. Viele wissen gar nicht mehr, das es früher mal besser war, weil sie es nie erlebt haben.
Die Frösche merken nicht, wie das Wasser langsam zum Kochen gebracht wird.


Quote
     Pulitzerpreisträger, 25.11.2019 13:13


Die entscheidende Frage ist ja, was wird mit dem Geld gemacht. ...


...

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #49 on: January 12, 2020, 04:21:10 PM »
Quote
[...] Schriftsteller Philipp Weiß war viele Wochen in Chile unterwegs: Teil zwei einer Erzählung über Ungleichheit, Gewalt und die Möglichkeit der Solidarität
Philipp Weiß,12. Jänner 2020


Am 27. Tag meiner Reise erreiche ich Chile. Ich komme aus dem Norden, von den Hochlandsteppen des peruanischen Altiplano hinab in die chilenische Atacama, die trockenste Region der Erde, eine Millionen Jahre alte Wüste im Regenschatten der Anden und meerseitig abgeschirmt durch den kalten Humboldtstrom, der die Wolkenbildung und damit jeden Niederschlag verhindert.

Es gibt Orte in dieser Wüste, in der seit Jahrzehnten kein Tropfen Regen gefallen ist. Die USA testen hier ihre Marssonden und die riesenhaften Parabol-Antennen der Radioteleskope beobachten durch den klarsten Nachthimmel des Planeten hindurch Millionen Lichtjahre entfernte Galaxien und Schwarze Löcher. Man fühlt sich dem Universum nahe hier.

Die Vergangenheit, so denken wir, ist das, was hinter uns liegt. In der Weltanschauung der indigenen Völker der Anden aber verhält es sich umgekehrt. Man blickt vorwärts in die Vergangenheit. Der Zukunft kehrt man den Rücken, denn man weiß nicht, was kommt. Laufen wir also – wie Walter Benjamins "Engel der Geschichte" – seit jeher rückwärts, blind und stolpernd, in die Zukunft? Umgeben von den Anden, in einem Land im Aufruhr, das sich in der schwersten sozialen und politischen Krise seit Jahrzehnten befindet, fühle ich, dass ich es den andinen Völkern gleichtun muss. Ich will aus der wirren Gegenwart vorwärts in die Vergangenheit blicken, um auf diese Weise vielleicht zu verstehen, was um mich herum geschieht.

Am 18. Oktober 2019 hört man in Santiago den metallischen Lärm der Cacerolazos. Man schlägt mit Kochlöffeln auf die symbolisch leeren Töpfe und, so erzählt mir später ein Dichter, die Tauben erheben sich erschrocken über die Stadt. Eine Oase der Ruhe und der politischen Stabilität, so nennt der chilenische Präsident sein Land noch vor dem explosiven Ausbruch der Proteste. Die reichste Nation Südamerikas. Das Erfolgsmodell des freien Marktes. Ein wirtschaftliches Wunder.

Aus den Fenstern lehnen sich Kinder und Alte, klopfen auf Pfannen, Autos bilden hupende Korsos, die Mengen auf den Straßen skandieren, pfeifen, singen alte Freiheitslieder, Barrikaden werden errichtet, die Straßen brennen. Wer ist es, der die Metrostationen zerstört, die Busse anzündet, die Supermärkte plündert? Als der öffentliche Verkehr zusammenbricht, sind es Millionen, die gehen, zwischen Wasserwerfern, Hoffnung, Rauch und Tränengas. Die Regierung schickt Soldaten und Panzer, der Multimilliardär im Kostüm des Präsidenten spricht von Krieg. In den folgenden Tagen werden Menschen von Polizei und Militär erschossen, überfahren oder zu Tode geprügelt. Woher kommt die Gewalt?

Jorge, ein Umweltaktivist der Lickanantay, jener Ureinwohner der Atacama, die über Hunderte Generationen der Kargheit und Dürre der Landschaft trotzend die kunstfertige San Pedro-Kultur hervorbrachten, erzählt mir in einer klaren Wüstennacht vom Pachakuti, der Zeitenwende. In der Kosmovision der Anden ist Pachakuti die Umstülpung des Ganzen, die im Tumult die Koordinaten von Raum und Zeit umkehrt. Das letzte Mal, erklärt mir Jorge, sei es zu einer solchen Inversion der Welt gekommen durch die Ankunft des weißen Mannes vor fünfhundert Jahren.

Eine mündliche Überlieferung allerdings berichte von einem noch ausstehenden Pachakuti, einer kommenden Revolution, die nach einer chaotischen, dunklen Periode des Übergangs die Koordinaten erneut wendend das Gleichgewicht des Kosmos wiederherstellen werde. "Vielleicht", sagt Jorge, "ist es das, was heute geschieht. In Lateinamerika erheben sich die indigenen Völker. Auf der ganzen Welt wird protestiert." Und seine Frau Loreto, eine während der Diktatur Pinochets im finnischen Exil geborene Chilenin, fügt lachend hinzu: "Was sind schon 500 Jahre der Repression, wenn man bereits vierzehn Jahrtausende an einem Ort überlebt hat? Wir halten durch!" Ihrer einjährigen Tochter haben die beiden einen Namen in Kunza gegeben, der während der Kolonialzeit verbotenen, darum ausgestorbenen Sprache der Lickanantay. Sie heißt – wie das kostbarste Gut der Wüste – Sairi: Regen.

Am nächsten Morgen besuche ich die Ruinen von Quitor, eine im 12. Jahrhundert, in einer Periode der extremen Dürre, zur Verteidigung der Wasserressourcen errichtete Festung auf einem Hang über der Oase von San Pedro de Atacama. Inkas und Lickanantay kämpften hier gemeinsam gegen die europäischen Eroberer und Ausbeuter, die Quitor zerstörten, die Köpfe der Unterlegenen abtrennten, auf Pfähle spießten und dieserart den gesamten Hang mit den Schädeln der Indigenen überzogen. Noch heute nennen manche den Ort die "Festung der Köpfe".

Würde man eine Geschichte der Ungleichheit Chiles schreiben wollen, man könnte sie in Quitor beginnen lassen und ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart Chuquicamatas fortschreiben. Die Sedimente der Ungleichheit liegen hier offen, in diesem bis vor wenigen Jahren größten Kupfertagebau der Welt, einem gigantischen, im Verlauf von mehr als hundert Jahren über tausend Meter tief in die Erde gesprengten Loch. Diesem Loch verdankt Chile seinen Reichtum. Es klafft im größten Kupfererzkomplex des Planeten und auf der seit Jahrtausenden bewohnten Erde der Atacameños.

Über ein Drittel des in den Weltmärkten gehandelten Erzes stammt aus dieser Region. Und über die Hälfte aller Exporte des Landes sind Kupferkonzentrate. In Form von Stromleitungen überziehen sie unseren verkabelten Planeten. Loreto und Jorge warnen mich, bevor ich aufbreche: "Wenn du zu den Minen fährst, nimm eine Atemmaske mit! Die Menschen dort sind alle krank." Die Geburtsstadt Jorges wurde vom Loch geschluckt. Die Gesundheitsschäden waren zu groß, die Erzvorkommen unter den Häusern und Spielplätzen zu profitabel. "Wir sind beide Flüchtlinge", sagt Loreto. Bereits aus der Ferne sehe ich den tief stehenden, dunkelgrauen Nebel, der die Bergbaustadt Calama bedeckt, zeitweise so dicht, dass sie darunter verschwindet.

Eine Phantasmagorie der Wüste. Es sind die Schwefeldioxid- und Arsen-Emissionen der Kupferhütten, die sich als giftiger Schleier über die Dinge legen und in die Lungen der Menschen sickern. "Die kontaminierte Wolke weht von hier bis Argentinien, bis Bolivien und in den Amazonas Brasiliens", erklärt mir Claudio, ein Lickanantay, der selbst zehn Jahre im Bergbau gearbeitet hat und mich nun begleitet. Die Öfen der Kupferhütten brennen darum vor allem nachts, wenn man den Rauch nicht sieht.

Lange stehen wir auf der Anhöhe am Rand der Schnellstraße und blicken auf die Minen, beobachten die Schwerlaster, die im aufgewirbelten Staub das Gestein zu den Brecheranlagen oder den monströsen, wie Gebirge sich auftürmenden Abraumhügeln bringen. Für jede Tonne Kupfer entstehen 200 Tonnen Abfall. Die mich umgebende Landschaft, so begreife ich in diesem Moment, ist die Folge menschlicher Aktivität, einer Löcher sprengenden, Schneisen ziehenden und Berge aufschüttenden Emsigkeit des Anthropozäns. Die künstlichen Hügelketten und Abraumseen kontaminieren Böden und Flüsse mit Schwefelsäure, Arsen und Schwermetallen.

Noch schwerer aber wiegt in einer Weltgegend, in der zwanzig Mal weniger Regen fällt als in der Sahara, der infame Verbrauch des Wassers. Der Bergbau, allem voran die Aufbereitung und Raffination der Metalle, konsumiert, verdunstet und verschmutzt über zwei Drittel des in der Region verfügbaren Süßwassers, mit fatalen Auswirkungen auf die so fragilen, über Jahrtausende an den Flussläufen gewachsenen Ökosysteme und indigenen Gemeinschaften. Für jede Tonne Lithium, die aus dem mineralhaltigen Grundwasser der etwa hundert Kilometer südlicher liegenden Salztonebene, dem Salar de Atacama, gewonnen wird, verdunsten in den gigantischen grünen, gelben und blauen Becken der Minen zwei Millionen Liter Wasser.

In der Folge vertrocknen die Lagunen. Und die rosafarbenen, vom Krill lebenden Flamingos, die hier zuweilen noch durch den lichtblauen Himmel fliegen, verschwinden. Es geschieht für die Schimäre einer mit Lithiumbatterien betriebenen Wende zur Nachhaltigkeit, für die man, ohne an den Logiken einer krankenden Weltordnung zu rütteln, das schwarze Öl kurzerhand gegen das weiße tauscht. Die Atacama, so sagen die Einheimischen, sei eine der fünf Opferzonen Chiles, jener Zonas de Sacrificio, in welchen den Göttern des Marktes huldigend für das höhere Ziel des Bruttoinlandsprodukts Menschen und Umwelt preisgegeben werden.

Etwa eine Woche später, es ist der 41. Tag der Unruhen, erreiche ich Santiago de Chile, das ursprüngliche, doch verwandelte Ziel meiner Reise, die Stadt ohne Klimakonferenz. Ich beginne zu gehen, in krummen Traversen und Winkelzügen, die ich, erst zögerlich, dann immer mutiger, bald in einem heimlichen Taumel abschreite, rund um die neu benannte Plaza de la Dignidad, das Zentrum der Proteste. Und tatsächlich finde ich das Wort »Dignidad« – Würde – in riesigen Lettern auf den Asphalt geschrieben, sodass die Drohnen der Polizei, die als wachsame Augen der Staatsmacht im Himmel über Santiago kreisen, es auch niemals aus dem Blick verlieren.

Es sind nicht zuallererst die Spuren der Zerstörung, die meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen – das zerschlagene Glas, die Schuttgruben einstiger Metroabgänge, die mit Eisenplatten verbarrikadierten Läden, die vereinzelt ausgebrannten, geplünderten Häuser –, es sind vielmehr die Zeichen einer verblüffend kreativen Aneignung des urbanen Raums. Die Straßenzüge der Stadt sind zum Wunderblock geworden, zu einem bunten, vielgestaltigen Palimpsest aus politischen Graffitis, Plakaten und mit Botschaften bedeckten Fassaden, einer Bildschrift, die, wie das mehrfach überschriebene Pergament von Ciceros De re publica, die Fiktion eines anderen, besseren Lebens verhandelt.

Im Kreuzundquergehen durch die Stadt wird man hier tatsächlich zum Leser einer spekulativen Geschichte aus sich überlagernden Schriften, und man muss achtgeben, im Versuch des Entzifferns nicht über die in den Asphalt geschlagenen Löcher oder die als Wurfgeschosse herausgerissenen Pflastersteine zu stolpern. Was hier angegriffen wird, notiere ich, ist die falsche Ordnung selbst, nicht nur die einer himmelschreienden ökonomischen Ungleichheit, sondern auch die ihr zugrundeliegende gewaltsame Ordnung des Denkens. Sie wird in den Straßen Santiagos karikiert und verwandelt in einem subversiven symbolischen Spiel. Ich bin fasziniert.

Hier ist das Trauma, um das sich alles dreht: Am 11. September 1973 wird die demokratisch gewählte sozialistische Regierung Salvador Allendes durch einen von den USA finanzierten Militärputsch gestürzt. Die Gefahr durch den neuen "Castro auf dem Festland" ist für den imperialistischen Norden zu groß. Mit dem Putsch wird die gerade im Wachsen begriffene demokratische Kultur des Landes ausgelöscht, die Vision einer auf Gleichheit und Gerechtigkeit basierenden Gesellschaft erstickt und ersetzt durch Unterdrückung, Verfolgung, Folter und Mord. Was folgt, ist ein erster Großversuch des Neoliberalismus unter den idealen Bedingungen der Diktatur.

Noch vor der Neuordnung der Welt am Ende des Jahrtausends, vor dem Fall der Mauer, der großen Deregulierung und der Erschaffung jenes Weltinnenraums des Kapitals, in dem, wie Wolfgang Streeck schreibt, "Märkte nicht mehr in Staaten, sondern Staaten in Märkte eingeschlossen sind", etabliert das mörderische Regime Pinochets unter der Anleitung der "Chicago Boys", einer Gruppe markthöriger chilenischer Ökonomen um Milton Friedman, ein Wirtschaftsprogramm als neoliberalen Modellversuch: Privatisierung, Deregulierung, Freihandel, Zerschlagung der Gewerkschaften und die Unterwerfung allen Lebens unter den Bann penetranter Geldverhältnisse. Was geschieht mit einer Gesellschaft, in der alles den ungezügelten Kräften des freien Marktes überlassen wird – und dem Willen eines Diktators?

Am 20. Oktober 2019 schießen Soldaten in der Nähe eines geplünderten Einkaufszentrums in La Serena in die Menge und treffen den 26-jährigen Romario Veloz Cortes tödlich am Hals. Am folgenden Tag wird der 23-jährige Manuel Rebolledo Navarrete in der Nähe einer Fischfabrik in Talcahuano durch einen Schuss ins Bein verwundet und von einem Marinefahrzeug überfahren.

Der 39-jährige Alexis Núñez wird bei einer Demonstration in Santiago von Polizisten mit Schlagstöcken und Fußtritten geprügelt und stirbt bald darauf an einem Schädel-Hirn-Trauma und einer Schädelfraktur. Fabiola, 19 Jahre alt, wird in Viña del Mar von einem mit Gummischrot feuernden Polizisten angeschossen, erleidet ein schweres Augentrauma und verliert, verursacht durch die nachweislich Blei enthaltenden Schrotkugeln, ihr Sehvermögen.

Der 28-jährige Fernando berichtet, wie er und seine Freunde bedroht, geprügelt, in einem Militärfahrzeug fortgebracht, zur scheinbaren Hinrichtung an eine Friedhofsmauer gestellt und gezwungen wurden, ihren Tod erwartend, "Vergib mir, Chile!" zu rufen, bevor die zwölf Soldaten ihre Waffen wieder senkten. Im ganzen Land erzählen Frauen, selbst minderjährige, von Vergewaltigungsdrohungen, erzwungener Entblößung und nackten Kniebeugen während ihrer Inhaftierung auf Polizeistationen.

"Die Diktatur hat nie wirklich geendet", erklärt mir Rafael, ein junger Dichter aus Valparaíso, der von seinem Schreibtischfenster aus die eskalierende Gewalt zwischen Protestierenden und Polizei täglich beobachten kann. "Im Innern bleibt die Angst."

Seit zehn Jahren ist es trocken. In Chile herrscht eine tödliche Dürre. Die Modelle zeigen: Das Land wird auf einem sich erwärmenden Planeten zunehmend weniger Wasser haben. Es gibt zwar Fluten, Überschwemmungen und Erdrutsche an den sonst staubigen Küsten des Nordens und die Eisfelder Patagoniens schmelzen schneller und in höheren Lagen als irgendwo sonst auf der Welt, im Zentrum und Süden Chiles aber bleibt der Regen aus, die Felder vertrocknen, Tiere verhungern, es kommt zu Waldbränden und zum Zusammenbruch der Wasserversorgung in vielen Teilen des Landes.

Die Natur derweil verwandelt sich in eine Verkaufsmesse unter freiem Himmel. Der chilenische Wasserkodex von 1981 gehört zu den radikalsten juristischen Texten der neoliberalen Ära. Er definiert Wasser nicht als Gemeingut, nicht als elementaren Bestandteil allen Lebens, sondern als wirtschaftliche Ressource und privates Eigentum, das, unbefristet und vererbbar, auf dem freien Markt gehandelt werden kann.

In der Atacama-Wüste mache ich mich mit Claudio auf die Suche nach dem Eigentum der Minen. Wir folgen den massiven Wasserrohren, die von Chuquicamata und Calama neben der Routa 21 flussaufwärts zu den Staubecken des Río Loa führen, zum längsten Fluss Chiles, der von den Anden herab sich durch die Atacama windend in den Pazifik fließt und dessen Oasen seit jeher den Lickanantay als Lebensgrundlage dienen. "No es sequía, es saqueo", erklären mir die Bewohner des Dorfes Chiu-Chiu: Es ist keine Dürre, es ist Plünderung.

Das staatliche und weltweit führende Kupferunternehmen CODELCO kaufte noch in den 80er-Jahren die Wasserrechte des Loa-Beckens. Der Fluss verwandelte sich in ein Rinnsal. Über Jahre war er so stark mit Schwermetallen kontaminiert, dass die Versorgung der Tiere und Felder unmöglich wurde. Jeden Morgen, zum Sonnenaufgang, so erzählt mir später eine alte Frau im etwas weiter flussaufwärts liegenden Lasana, komme die schwarze Wolke von den Minen und lege sich über das Dorf. "Die Anbauflächen haben sich halbiert. Die Kinder ziehen weg und kommen nicht zurück", sagt sie und fällt dann in ein langes Schweigen. "Es gibt keine Tiere mehr."

Die Landschaft ist zugleich von einer berückenden, archaischen Schönheit. Ich fühle mich hier so nahe am Mars, wie ich in diesem Leben nur kommen kann. Auf unserer langen Fahrt durch die Hochebene, auf der die Erde ihre Schlote öffnet, mit Blick auf den über 6.000 Meter hohen Vulkan San Pedro, erzählt mir Claudio vom Talatur, der Wasserzeremonie der Lickanantay.

Einmal im Jahr, im Oktober, nach dem Ritual des Dankes an die fruchtbare Erde, werden die Wasserkanäle der Dörfer rituell gereinigt, Ablagerungen und Pflanzen werden entfernt, Lieder gesungen in Kunza, Quechua und Spanisch, es wird mit Trommeln, Flöten und Hörnern musiziert, getanzt und ein Karneval veranstaltet, bis schließlich, am letzten Tag der Feierlichkeiten, das Wasser wieder in die Kanäle eingelassen wird, um nun wieder frei zu den Feldern und Tieren zu fließen. "Somos agua", sagt Claudio. Wir sind Wasser.

Als wir wenig später, nach der abenteuerlichen Überquerung einiger staubiger Pisten, im ausgetrockneten Flussbett des Río San Pedro, einem Zufluss der Loa, stehen, vor einer Straßensperre und neben den Rohren, die den gesamten Wasserlauf kurzerhand zu den Minen leiten – ein rostiges Blechschild weist ihn als Besitz von CODELCO aus –, verliert mein sonst so besonnener Begleiter für einen Moment die Beherrschung: "Das ist also aus unserem kulturellen und natürlichen Erbe geworden!", schreit Claudio. "Der Fluss tot! Die Wege versperrt!"

Es ist keineswegs alles trostlos. Im Vergleich zu China, wo ich 2018 zwei Monate verbrachte und wo, so mein Eindruck, die Repression mittels perfider technischer Überwachung bis ins Innerste, unter die Haut und in die Gedanken reicht und so zur Isolation des Einzelnen führt, was mir viel hoffnungsloser erscheint, erlebe ich die Gesellschaft Chiles in einem kommunikativen Rausch, in einem zukunftsoffenen und enthemmten, über soziale Grenzen hinweggehenden Gespräch darüber, was ist und was sein soll. Jeder Versuch, sie mittels physischer, altmodischer Gewalt zum Schweigen zu bringen, scheint nur die Solidarität und das Einvernehmen über die Notwendigkeit eines Wandels zu bestärken.

Ich komme an einen kleinen utopischen Ort. Es ist, als wäre ich weitergereicht worden, von hier nach dort, in einem hochlebendigen, chaotischen Netzwerk, über unzählige Stationen, verschlüsselte und unverschlüsselte Pfade und Plattformen, nur um zuletzt hier zu landen, in Santiago, bei der improvisierten, bunten Ambulanz der Freiwilligen. Zu Beginn, nach Ausbruch der Proteste, so erzählt man mir, seien es nur ein paar Wenige gewesen, die helfen wollten, noch vereinzelt auf den Straßen, ehe sie sich zusammenschlossen und organisierten.

Man fand die bunt bemalte Villa, nur ein paar hundert Meter entfernt von der Plaza de la Dignidad, ein Seminargebäude der Federación de Estudiantes de la Universidad de Chile, das – eine dunkle Ironie der Geschichte – während der Diktatur als Hauptquartier des Nationalen Geheimdienstes fungierte, als ein Archiv des Grauens, in dem die Akten der Folterer und Überwacher versammelt lagen. Davon ist heute, bis auf eine Mahntafel, keine Spur mehr zu finden.

Es ist vielmehr ein Asyl, ein Ort der Solidarität, innerhalb kürzester Zeit entstanden und gewachsen, als ein Netzwerk von über hundert Freiwilligen: Ärztinnen, Krankenpflegern, Sanitätern, Studierenden der Psychologie, Rechtswissenschaften oder Medizin, vorwiegend jungen Menschen, aus Chile, aus Kolumbien, aus Venezuela und Haiti.

Kleine Truppen von bedingungslos Hilfsbereiten brechen von hier jeden Abend auf zu den Konfliktlinien und Eskalationspunkten der Stadt, wo Protestierende und Polizei teils gewaltsam aufeinandertreffen. Mit roten und blauen Kreuzen als Ersthelfer markiert und, so gut es eben geht, geschützt gegen die nicht tödlichen und weniger tödlichen Waffen der Sicherheitskräfte, mit Helmen, Gasmasken und aus Satellitenschüsseln improvisierten Schilden, machen sie sich auf, um Verwundete zu bergen.

Wer nicht vor Ort versorgt werden kann, wird zur bunten Villa getragen. "Wir nähen und reinigen Wunden, stabilisieren die Patienten, behandeln Säureverätzungen und entfernen Schrotkugeln von Gummigeschossen", erklärt mir Rocio, eine junge Ärztin, die tagsüber in einer Praxis arbeitet und abends als Freiwillige hilft. An einem Tag werden hier bis zu zweihundert Menschen behandelt. "Wir hatten bereits Patienten mit einem Dutzend Schrotkugeln im Körper: in den Lungen, im Kopf.

Das heißt, dass die Polizei aus nächster Nähe auf Menschen schießt." Im Innern des Gebäudes gibt es drei Behandlungsräume. Medikamente und medizinische Ausstattung erhält die Ambulanz durch Spenden. "Menschen aus der ganzen Stadt kommen zu uns, bringen Verbände, Nahtmaterial, Krankentragen, Geld und Essen", erzählt mir Pablo, ein Biochemiestudent, der die Abläufe vor Ort koordiniert. Eine mit Gartenschlauch, Brausekopf und Plastikplane improvisierte Dusche dient zur Reinigung nach chemischen Reizmittelattacken. "Das Gas klebt an der Haut", sagt Rocio. "Wir reinigen die Patienten mit Wasser, dann mit Seife, dann mit Milch, dann wieder mit Seife und Wasser." Neben Tränengas und Capsaicin, dem Alkaloid der Chilischote, das starke Irritationen hervorruft, setzt die Polizei auch verbotene Chemikalien ein. "Sie verursachen Übelkeit und Schwindel. Manche Patienten sind nach Gasattacken so dehydriert durch Erbrechen und Durchfall, dass wir sie intravenös behandeln müssen."

Der Theorie des Neoliberalismus gilt soziale Gerechtigkeit als Verbrechen – nämlich als Verteilung nicht leistungsgerecht erworbener Einkommen. In der meritokratischen Ordnung sind alle Menschen gleich: vor dem Markt. Wer mehr besitzt, hat mehr geleistet. Er hat ein Recht auf Eigentum. Und alle Ungleichheit ist notwendiger Anreiz für unternehmerisches Handeln. "Die Menschen in Umstände zu versetzen, wo jeder gleiche Chancen hat, ist extremer Totalitarismus", so der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek, Nobelpreisträger und Schlüsselfigur des Neoliberalismus, der General Pinochet während der Jahre der Diktatur mehrmals in Chile besuchte.

Die Demokratie galt Hayek ohnehin als Problem und als nur so lange akzeptabel, wie der Marktprozess in seiner Substanz unangetastet bleibt. Immerhin ist die Offenherzigkeit dieses Denkers erfrischend, dessen geistiges Erbe bis heute ungebrochen fortwirkt. "Ungleichheit ist nicht bedauerlich, sondern höchst erfreulich", so Hayek. Für eine auf egalitäre Ideen gegründete Welt, in der garantiert würde, "dass jeder am Leben erhalten wird, der erst einmal geboren ist", sei nämlich "das Problem der Überbevölkerung unlösbar."

Hayeks Wort in Piñeras Ohren. In Chile jedenfalls wird dem Bevölkerungswachstum erfolgreich entgegengewirkt. Das von Weltbank und Internationalem Währungsfonds gepriesene Land, das makellose Statistiken, eine gesunde Volkswirtschaft und konstantes Wachstum vorzuweisen hat, gehört zu den ökonomisch und sozial ungleichsten Nationen der Welt. Sechs Familienimperien kontrollieren das Land. Sie besitzen Zeitungen, Fernsehsender, Universitäten, Bergbau-, Agrar-, Transport- und Energieunternehmen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt in Armut oder im Prekariat. Über die Hälfte der Arbeitenden verdient geringfügig mehr als den staatlich festgesetzten Mindestlohn. Er entspricht den durchschnittlichen Mietpreisen in Santiago.

Die Renten liegen im Mittel deutlich darunter. Sie werden zum Risiko der Versicherten am Finanzmarkt angelegt. Es gibt massive Altersarmut. Staatliche Sozialhilfe kennt man vom Hörensagen. Die Gesundheitsversorgung ist privatisiert. Wer nicht zahlen kann, muss warten. "Als mein Großvater einen Behandlungstermin im Krankenhaus bekam", erzählt mir jemand, "war er bereits mehrere Monate tot." Der Bildungssektor wurde unter Pinochet zum Geschäftsfeld erklärt. Die Konkurrenz belebe die Lehre – und den Geldfluss der Eigentümer. Ein Großteil der Bevölkerung ist von höherer Bildung ausgeschlossen. Die meisten Universitätsstudien werden durch Kredite finanziert. Chile ist ein Land der Verschuldeten. Es gibt mehr Kreditnehmer als Lohnbezieher.

Man erzählt mir von der Großmutter, die im Supermarkt ihre importierte Pasta mit Kreditkarte in drei Monatsraten bezahlt. Leben, das heißt hier Schulden machen. Und die Schuld, dieser äußere Zwang, frisst sich langsam nach innen. Der chilenische Präsident Piñera, einer der reichsten Männer des Landes, machte sein Vermögen mit Kreditgeschäften. Die Kaste der Oligarchen wird derweil auffällig durch Korruptionsskandale: Geldwäsche, Steuerhinterziehung, illegale Wahlkampffinanzierung. Wer viel hat, will noch mehr.

Was man in Chile in nuce beobachten kann, ist die vom französischen Ökonomen Piketty beschriebene, dem Kapitalismus inhärente Tendenz zur Konzentration des Kapitals. Die Ungleichheit, so zeigt sich, wächst schneller als der allgemeine Wohlstand. Bloßes Wirtschaftswachstum löst keine sozialen Probleme, sondern verursacht sie. Im freien Markt ist allein der Markt frei. Die Aufgabe des Staates wird reduziert auf die Verteidigung bestehender Eigentumsverhältnisse. Der Neoliberalismus, schreibt Noam Chomsky, ist ein "Kapitalismus ohne Maske". Um zu überleben, zeigt er seine autoritäre Fratze. Er braucht die Gewalt.

Ich habe Angst, ja, aber ich beschließe die freundlichen Helfer zu begleiten, um Verwundete zu bergen. Das alles, so fühle ich, hat auch mit mir zu tun, mit meiner, mit unserer aller Welt. Als ich in der bunten Ambulanz eintreffe, finde ich Leo, den jungen venezolanischen Sanitäter, triefend nass und verstört. Er wird unter die Dusche gestellt und dekontaminiert. Auf dem Weg hier her, so erzählt man mir, wurde er, friedlich am Straßenrand gehend, von einem Wasserwerfer der Polizei angegriffen.

Ein Polizist habe ihn gesehen, erkannt, und dem Guanaco ein Zeichen gegeben, dem spuckenden Fahrzeug, das ihn attackierte. Dem Wasser waren chemische Reizstoffe beigemischt. Leos Haut ist gerötet von Säureverätzungen. "Die Polizei kommt manchmal an die Tore", erzählt er mir, "sie stellen sich auf und beschimpfen uns, wir seien Verräter. Oder sie werfen Gasgranaten.

Dabei dienen wir den Menschen. Und jeder, dem wir helfen, ist einer weniger auf ihrer Schuldliste." Vor einem Jahr kam Leo aus Venezuela, wo er das Leben nicht mehr ertragen konnte. "Die Menschen sind alle innerlich zerstört." Sieben Tage die Woche arbeitet Leo als Altenbetreuer. "Manchmal Tagschichten, manchmal Nachtschichten. Und jeden Abend bin ich auf den Straßen, um zu helfen." Ich frage ihn, wann er schläft. Er zuckt mit den Schultern. "Wir sind alle müde", sagt er. "Wir können nicht mehr."

Letzte Woche sei er plötzlich kollabiert. "Es ist auch die schlechte Ernährung." Sechzehn Dollar am Tag würde er verdienen, oft auch weniger, weil er Menschen betreue, die selbst nichts haben. Er teilt eine Wohnung mit seinem Cousin. Und jeden Peso, der übrig bleibt, schickt er nach Venezuela, zu seinen Eltern. "Sie haben nichts." Der Innenhof verwandelt sich derweil in ein Feldlazarett. Eine weißhaarige Frau wird auf einer Trage hereingebracht, die tiefe Wunde am Bein sofort behandelt. Einer mit rotblauer Brust wird vom gemieteten Rettungswagen ins Krankenhaus gefahren.

Ein anderer, in wärmende, goldene Folie gewickelt und totenblass, wird stöhnend ins Gebäude getragen. Ich erfahre: Er hat acht Schrotkugeln im Körper und ist hyperthermisch. "Die Menschen hier", sagt Leo, "sind nicht nur körperlich, sie sind auch seelisch verwundet. Sie fühlen sich elend, weil sie für etwas kämpfen, für Würde, für Menschenrechte, und daran verzweifeln. Vor einigen Tagen trug ich eine junge Frau hier her. Sie war am Ellenbogen und am Knie verwundet und blutete. Und sie begann zu weinen. Sie sagte, sie habe wegen ihrer Ausbildung fünfzehn Millionen Pesos Schulden beim Staat. Ihr Vater sei vor zwei Monaten gestorben.

Es gab kein Geld, um seine Medikamente zu bezahlen. Sie war wirklich sehr verzweifelt. Sie sagte: Ich schulde dem Staat Geld. Mein Vater ist tot. Nun bin ich auf der Straße und mache Fotos. Sie wurde angeschossen, als sie fotografierte. Was soll man darauf sagen? Außer, dass sie nicht alleine ist, dass wir versuchen einander zu helfen, dass wir dieser zusammengewürfelte Haufen sind, grundverschiedene Menschen, aber gemeinsam versuchen, es besser zu machen. Und dass mir das Hoffnung gibt. – Ich glaube, dass sie es auch fühlte. Ich glaube, sie fühlte Trost. Es tröstete sie zu wissen, dass sich Menschen verbinden, und sich riskieren, aus denselben Gründen, aus den richtigen Gründen, und dass dieses Land und dieser Kontinent vielleicht doch nicht so schlecht sind."

Ich bekomme eine Gasmaske, einen Helm, einen fürsorglichen Blick. Man will auf mich aufpassen. Die Schibrille gegen das Tränengas aber gehört zur Grundausstattung der Revolution. Ich kaufe sie in der Sommerhitze bei einem der freundlichen Straßenhändler. Leos Haut ist noch rotfleckig gereizt. Das hält ihn nicht zurück. "Mein Platz ist draußen", sagt er, "auf der Straße bei den Menschen." Wir brechen auf zu sechst: eine Krankenschwester, eine Studentin, ein Hacker, zwei Sanitäter, ein Autor. "Tränengas!", ruft Leo, atmet tief ein und lacht. "Ganz wie Zuhause!"

Wir stehen nicht ohnmächtig vor der Welt, so erlebe ich in Chile, wenn wir in ihr gemeinsam agieren. Es waren die Übersetzungen der Massenproteste in die Sprache des Kapitals – der fallende Peso, die stürzenden Börsenkurse –, die die tiefen Ängste der Besitzenden weckend den Ausschlag gaben, einem zentralen Anliegen der Bewegung nachzugeben: der Forderung nach einer neuen Verfassung und somit nach einem Ende des bis heute in der innersten Textur des Staates verankerten Fluchs der Diktatur. Der Weg, wenn auch gespickt mit Fallen, ist frei für die erste demokratisch legitimierte Verfassung der chilenischen Geschichte. Es ist ein Triumph.

Carl, ein befreundeter Klimaforscher, schreibt mir aus Madrid, von der COP 25, der Klimakonferenz, die, während ich in Richtung Westen den Atlantik überquerte, den umgekehrten Weg nahm. Mit dem nunmehr offiziellen Austritt der USA aus dem Pariser Klimavertrag, mit dem Bruch also der zentralen Achse zu China, schreibt Carl, sei das multilateralistische Projekt vorerst begraben. Und ehe es nicht Europa gelänge, eine neue Kooperation zu etablieren, zu China, vielleicht auch zu Indien, gelte der Satz Antonio Gramscis: »Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.«

Neben der Bestie des Nationalismus und dem Behemoth des Kapitals ohne Maske, dem Golem der Technokratie und dem Kannibalen des selbstzerstörerischen Liberalismus – neben all diesen Irrlichtern einer gescheiterten Globalisierung lebt noch ein anderes Monster in Chile. Es ist der imbunche, eine mythologische Kreatur aus dem Süden des Landes, insbesondere der Insel Chiloé, ein von den brujos, den Zauberern, entführtes Kind, das, gefoltert, deformiert und der Sprache beraubt, die Höhle seiner Peiniger bewacht. In Chile spricht man auch vom imbunchismo: der Monstrosität, dem Kult des Hässlichen und der nationalen Lust an der Zerstörung.

Vielleicht aber, so schlägt Rafael, der Dichter aus Valparaíso, in einem Brief an mich vor, könnte man den imbunche auch anders deuten, als Figur des kulturellen Widerstands, als bisher unterdrücktes kreatives Prinzip, das gegen die atavistischen Traumata der Unterwerfung und Erniedrigung aufbegehrt, in einer Gesellschaft, die aufs Äußerste hierarchisch und ungleich ist. Vielleicht ist Chile nicht nur ein Paradigma für einen Neoliberalismus, der, um fortzubestehen, immer autoritärere Züge annehmen muss, jederzeit bereit, die Eigentums- und Machtverhältnisse mit Gewalt zu verteidigen. Vielleicht ist Chile auch ein Vorbild für die Möglichkeit des Widerstands, für einen zwar von der Folter deformierten, aber wieder zur Sprache findenden imbunche, der dem globalen politischen Versagen und dem neuen Kampf aller gegen alle ein organisches, offenes Netzwerk ohne Zentrum entgegenstellt: eine Gemeinschaft. (Philipp Weiß, ALBUM, 12.1.2020)



Aus: "Reportage - Chile: Der Kapitalismus ohne Maske" (12. Jänner 2020)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000113145035/chile-der-kapitalismus-ohne-maske

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #50 on: January 19, 2020, 05:27:47 PM »
"Wie der Mensch korrumpiert wird" Andreas von Westphalen (19. Januar 2020)
Geld spielt im Kapitalismus die zentrale Rolle des Motivators. Oder, um es mit den Worten des Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel zu sagen: "Das kapitalistische Belohnungs- und Bestrafungssystem (ist) von bestechender Schlichtheit."
Tatsächlich spricht Geld direkt das sogenannte Belohnungszentrum des Gehirns direkt an. Je größer die Summe, die in Aussicht steht, desto stärker der Ausstoß an Dopamin, dem Neurotransmitter, der auch gerne mit dem vielsagenden Namen "Glücksbotenstoff" bezeichnet wird.
Geld ist die extrinsische Motivation par excellence. ...
Richard David Precht gibt [...] zu bedenken: "Die intrinsische Motivation - das selbstbestimmte Interesse - muss im Mittelpunkt jeder Utopie stehen." ...
https://www.heise.de/tp/features/Wie-der-Mensch-korrumpiert-wird-4639977.html?seite=all

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #51 on: January 23, 2020, 09:27:04 AM »
"Ein Ex-Mitarbeiter von Merrill Lynch berichtet, wie die Investmentbank den deutschen Fiskus ausplünderte – während die Politik zusah"
Von Karsten Polke-Majewski und Christian Salewski (22. Januar 2020)
Zum ersten Mal spricht Baker öffentlich darüber, was er bei Merrill Lynch erlebt hat. Es geht um Cum-Ex und ähnliche Deals. Es geht aber auch um eine Untersuchung des US-Senats, der schon 2008 vor dem Raubzug warnte, ihn in den USA unterband – und ihn damit in Europa erst richtig entfachte. Und es geht um Milliarden an Steuern, deren Raub man hätte verhindern können, wenn sich amerikanische und deutsche Behörden ausgetauscht hätten. So erzählt Baker von der Machtlosigkeit nationaler Aufseher, wenn sie auf international vernetzte Banker stoßen.

... Um sieben Uhr morgens, bevor der Markt öffnet, machen wir das. Dann dies. Dann jenes. Dann solches." Dieses Dokument sei wie ein Kochbuch, enthalte alle Zutaten, die nötig seien, damit am Ende Geld fließt.

Die Leute, die das Kochbuch anwenden, nennt Baker Macher. Wer sich die Macher als Investmentbanker vorstellt, die hektisch auf ihre Tastaturen tippen und unablässig telefonieren, der irrt. "Sie verbringen einen großen Teil ihres Tages mit Plaudern, Spielen und Kaffeetrinken", sagt Baker. Oder sie verkaufen ihr altes Auto und suchen ein neues. "Sie leben das gute Leben. Denn sie wissen, dass sie, um 14 Millionen Euro für die Bank hereinzuholen, vielleicht nur ein oder zwei Transaktionen pro Tag machen müssen."

https://www.zeit.de/2020/05/cum-ex-files-merrill-lynch-investmentbank-steuerbetrug
...

Quote
bromfiets #41

"Doch seit der Warnung durch den Levin-Report bis 2016 entstand ein Schaden durch Cum-Cum- und Cum-Ex-Deals von mindestens 20 Milliarden Euro. Das hat Christoph Spengel, Steuerprofessor an der Universität Mannheim, berechnet. "Dieser Schaden wäre vermeidbar gewesen", sagt der Professor. "


Quote
nano846a #21

" Der Bankenverband wolle die Geschäfte auf Kosten des Staats nicht unterbinden, sondern im Gesetz verankern. Doch niemand hört auf sie. Der Vorschlag des Bankenverbands wird mit dem Jahressteuergesetz 2007 umgesetzt und wirkt wie ein Brandbeschleuniger für Cum-Ex. "

Dann sind genau die Parlamentarier, die für diese Gesetzesänderungen gestimmt haben, mitverantwortlich.

Nicht Wissen gilt nicht, weil Warnungen vorlagen. Also bedingter Vorsatz (billigend in Kauf nehmen) seitens der Abgeordneten, die dafür gestimmt haben.


Quote
LustigerSeth #55

Auszug Wikipedia "dividendenstripping"

"Arnold Ramackers, ein ehemaliger Finanzrichter aus Düsseldorf, sagte im Untersuchungsausschuss aus. Ramackers soll im Sinne führender Banken Gesetzestexte formuliert haben. Ramackers war unter anderem an der Gesetzesänderung von 2007 beteiligt, die sich als ungeeignet zur Verhinderung von Cum-Ex-Geschäften erwies und damit Banken und Anlegern ermöglichte, für weitere fünf Jahre ungerechtfertigte Ausschüttungen aus dem Steuervolumen zu erlangen. Er hatte Zugang zu Dokumenten, die Parlament und Öffentlichkeit nicht erhalten durften, und hat sie an Banken weitergereicht, so dass diese die neuen Regelungen gleich wieder umgehen konnten.[60] Auch im Ruhestand soll Ramackers noch Einfluss ins Ministerium gehabt, sich an der Formulierung von Gesetzen beteiligt und an Sitzungen teilgenommen haben. Später nahm Ramackers einen Beratervertrag beim Bundesverband deutscher Banken an."



Quote
JoggerSN #17

Ein Beispiel der elenden Verstrickung des Finanzkapitals, von Banken, in denen Kriminelle arbeiten mit staatlichen Stellen die manchmal zu blöde sind, oftmals zu feige oder gar willentliche Handlanger des Großkapitals sind. Bestohlen werden die ... , die ... keine Wahl haben, da bei ihnen die Finanzämter sehr genau hinsehen und auf jeden Cent achten.


Quote
ichwillebessagendazu #25

Schäuble war Finanzminister! Diese schwarze Null.


Quote
alice_42 #25.1

>> Schäuble war Finanzminister! Diese schwarze Null. <<

Bis Oktober 2009 war es noch Steinbrück. Aber selbst wenn man dem noch freundlich eine gewisse Begriffsstutzigkeit zubilligen will, gab es zu Schäubles Zeiten wirklich keine Rechtfertigung mehr.

[>> Auf Nachfrage antwortet das Bundesfinanzministerium, gegen solche Geschäfte sei man schon vor 2007 vorgegangen, aber vor Gerichten mit seiner Auffassung gescheitert. Erst 2012 wird Cum-Ex hierzulande gesetzlich unterbunden. Die verwandten Cum-Cum-Deals sogar erst 2016. <<

Soso. Der Gesetzgeber scheitert vor 2007 vor Gericht und braucht danach mindestens 5 bis 9 Jahre, um tätig zu werden. Spätestens seit dem 11. September 2008 gibt es keine Ausreden mehr. Abgesehen davon, dass man das nicht mal der Parkuhr erzählen kann, ohne dass diese sich beschämt abwendet: Was soll eine Regierung, die das zulässt, eigentlich insgesamt gut gemacht haben?  Und was Schäuble betrifft: der Umschlag in der Schublade. Sein (glücklicherweise an der SPD gescheitertes) Steuerabkommen mit der Schweiz, das ein Geschenk an die organisierte Kriminalität geworden wäre. Und das hier. Wie in aller Welt geht so einer noch als seriöser Politiker durch. ...]


Quote
bromfiets #48

Man darf gespannt sein, wie hoch die Gefängnisstrafen und Steuerstrafen tatsächlich ausfallen werden. Oder ob womöglich den beteiligten Banken die Lizenz in Deutschland entzogen wird.


Quote
txt. #50

Jedenfalls haben manch reiche Leute, was Sie uns vorenthalten. Ein bedingungsloses Grundeinkommen!
:O


Quote
jgstefan #58

Nun ist ja alles gut , wir haben die Kassenbon pflicht für unsere Semmeln und niemand kann mehr betrügen. Ein hoch auf unsere Fachleute.



...

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #52 on: February 22, 2020, 10:50:22 AM »
Quote
[...] In „Der Preis des Profits“ beschreibt der Ökonom und Träger des Wirtschaftsnobelpreises Joseph Stiglitz die vielfältigen Ursachen des stagnierenden Wachstums, der steigenden Ungleichheit und der politischen Spaltung der USA.

Zahlreiche seiner Befunde lassen sich auch auf Deutschland übertragen: Die Lebens- und Sozialstandards stagnieren für breite Teile der Bevölkerung – für einige sinken sie gar, auch weil die Reallöhne für viele Menschen in vielen Staaten nicht gewachsen sind. Die Vermögensungleichheit steigt an, während die Chancengleichheit abnimmt. Menschen, die in Armut oder „bildungsfernen Familien“ geboren werden, haben kaum Aufstiegschancen.

Für diese Probleme macht Stiglitz eine defekte Wirtschaft verantwortlich. Sie sei durch eine Politik entstanden, die schon zu lange auf unregulierte Märkte setzt. Stiglitz nennt drei Ursachen für die dysfunktionale Wirtschaft: die falsch gestaltete Globalisierung, unregulierte Finanzmärkte und die Marktmacht großer Konzerne.

Die Globalisierung habe ihre Versprechen nicht eingelöst: Zwar wuchs die Wirtschaft in vielen Staaten, doch das Wachstum kam nur einer kleinen Anzahl von Menschen zugute und nicht der breiten Arbeitnehmerschaft. Handels- und Investitionsabkommen würden so gestaltet, dass sie einzig das Wachstum der Unternehmen ankurbeln. Sie resultierten im Abbau von Regulierungen und Verbraucherschutzstandards.

Das führe dazu, dass Konsumenten nicht mehr ausreichend vor unsicheren und umweltschädlichen Produkten geschützt werden könnten, so Stiglitz. Zudem führe die Globalisierung zu einem Wettlauf um möglichst geringe Unternehmenssteuern. Die Globalisierung der Finanzmärkte habe schließlich dazu beigetragen, die Ökonomien von Entwicklungs- und Schwellenländern durch hochmobile Finanzströme zu destabilisieren.

Stiglitz fordert eine bessere Steuerung der Globalisierung. Handels- und Investitionsabkommen müssten den Menschen dienen, die durch die Globalisierung begünstigte Steuerflucht müsse eingedämmt und ärmeren Ländern müsse es erlaubt werden, Generika herzustellen. Für die Verlierer der Globalisierung schlägt er eine aktive Arbeitsmarkt- und Industriepolitik vor, um neue Jobs zu schaffen. Es brauche aber auch engmaschige Sozialsysteme.

In den deregulierten Finanzmärkten sieht Stiglitz eine weitere Ursache der steigenden Ungleichheit und der stagnierenden Wirtschaft. Banken, Fondsmanager und Spekulanten hätten sich auf „Kosten des Rests der Gesellschaft bereichert“. Selbst nachdem sie mit staatlichen Geldern gerettet wurden, waren sie nicht zu grundlegenden Reformen bereit.

Ganz im Gegenteil: Ein Heer von Lobbyisten hätte strenge Regulierungen verhindert und die wenigen neuen Gesetze weitestgehend rückgängig gemacht. Die Banken seien noch immer zu groß und untereinander zu vernetzt, sodass sie nicht scheitern dürfen. Das setze die Staaten unter Druck, die Banken bei der nächsten Krise erneut zu retten.

Der Finanzsektor diene nicht der Allgemeinheit: „In den ersten drei Jahren der wirtschaftlichen Erholung nach der Finanzkrise kamen 91 Prozent der Wachstumsgewinne dem reichsten einen Prozent der Amerikaner zugute.“ Durch die Fixierung auf Gewinne und Börsenkurse denke der Finanzsektor viel zu kurzfristig.

Statt die Wirtschaft – vor allem Klein- und mittelständische Unternehmen – mit Krediten zu versorgen, konzentrierten sich die Banken auf Dienstleistungen, die keinen Mehrwert generieren: spekulative Wetten, die Vergabe von Verbraucherkrediten, Fusionen und Übernahmen sowie die Unterstützung von Steuerflucht und -betrug.

Beispiele dafür seien die Cum-Ex-Prozesse oder die zahlreichen Geldwäsche-Anschuldigungen gegen die Deutsche Bank, hier zeigten sich Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Deutschland. Stiglitz fordert, der Staat solle stärker eingreifen und Gelder für neu gegründete Unternehmen, langfristige Investitionen, hochriskante Technologieprojekte, bankenmäßig unterversorgte Kommunen und Hypothekendarlehen bereitstellen. Als Mittel gegen kurzfristige Spekulationen schlägt er eine Finanztransaktionssteuer vor.

Die Marktmacht großer Konzerne erlaube es Anbietern, den Verbrauchern „höhere Preise abzunehmen“ und geringere Löhne zu zahlen, schreibt Stiglitz. Sie führte zur Konzentration der Einkommen bei einigen wenigen. Um Innovationen und den Wettbewerb zu fördern, fordert Stiglitz unter anderem strengere Kartellgesetze und Regulierungen, die es erlauben, geistige Eigentumsrechte zu beschneiden. Auch müssten Daten und deren Nutzung reguliert werden, denn sie trügen zur Marktmacht dominanter Konzerne bei.

„Der Preis des Profits“ ist eine umfassende Generalkritik am derzeitigen Zustand des Kapitalismus. Stiglitz weist jedoch selbst darauf hin, dass das Buch seine früheren Werke zusammenführt. Dementsprechend vielfältig sind die Themen, die Stiglitz behandelt. Seine Erkenntnisse büßen dadurch nicht an Aktualität ein. Doch die Bündelung zahlreicher Themen geht etwas auf Kosten der inhaltlichen Tiefe.

Es hätte dem Buch aber gut getan, wenn Stiglitz ihm ein Kapitel über die wirtschaftlichen Ursachen und Folgen des Klimawandels hinzugefügt hätte. Er schreibt zwar, dass es einer CO2-Steuer bedarf, ohne die es schwer werde, die auf internationaler Ebene vereinbarten Klimaziele zu erreichen.

Auf den Raubbau an der Erde und die „größte Gefahr“ des Klimawandels geht er jedoch nur am Rande ein. Dabei stellen sich dringender denn je die Fragen: Wie sind Wachstum und Wohlstand für alle mit dem Kampf gegen den Klimawandel vereinbar? An welchen politischen Stellschrauben müsste gedreht werden, um gleichzeitig die Ungleichheit zu verringern und den Klimawandel einzudämmen? Hier wäre auch Stiglitz’ Einschätzung zu Konzepten eines Green New Deal spannend gewesen.


Aus: "Rundumschlag gegen den modernen Kapitalismus: Nobelpreisträger Joseph Stiglitz rechnet mit der Globalisierung ab" Nico Beckert (22.02.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/rundumschlag-gegen-den-modernen-kapitalismus-nobelpreistraeger-joseph-stiglitz-rechnet-mit-der-globalisierung-ab/25548492.html

Quote
jonnyrotten 09:00 Uhr

    Für diese Probleme macht Stiglitz eine defekte Wirtschaft verantwortlich. Sie sei durch eine Politik entstanden, die schon zu lange auf unregulierte Märkte setzt.
    Stiglitz nennt drei Ursachen für die dysfunktionale Wirtschaft: die falsch gestaltete Globalisierung, unregulierte Finanzmärkte und die Marktmacht großer Konzerne.


Das ist keine neue Erkenntnis, das nennt man Kapitalismus!


Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #53 on: March 15, 2020, 12:29:56 AM »
"Ungleichheitsforscher Piketty warnt vor nationalistischer Falle und Wirtschaftskrise" Andreas Danzer (13. März 2020)
Thomas Piketty kritisiert überdies die Politik, die nun zugunsten der Gesundheit zu drastischen Maßnahmen greift, Gleiches aber nicht für die Umwelt machen würde. ... In sozialer Ungleichheit sieht Piketty primär ein politisches und ideologisches Problem. Eliten würden Begründungen schaffen, um Ungleichheit zu rechtfertigen. Deswegen fordert er eine radikale Umverteilung. Der Franzose plädiert für eine Einmalzahlung in der Höhe von 120.000 Euro für jeden Bürger, finanziert durch Steuereinnahmen. Das würde die Chancengleichheit erhöhen, ohne zu einer Gleichmacherei zu führen, erben doch die Kinder reicher Eltern deutlich mehr. Auch progressive Erbschaftssteuern von bis zu 90 Prozent nennt er als Option. ...
https://www.derstandard.at/story/2000115723050/ungleichheitsforscher-piketty-warnt-vor-nationalistischer-falle-und-wirtschaftskrise

---

UNBOXING CAPITALISM - Wie wir unter 1,5 Grad bleiben (Feb 23, 2020 - Now Collective)
Klimakrise, Mass Extinction, Ungerechtigkeit und Hunger - Warum passieren auf der Welt so schreckliche Dinge?
Das wollen wir verstehen. Und mit euch eine Debatte starten.
Darüber, wie wir in einer Welt leben können, in der es allen gut geht.
https://youtu.be/JSGuy3LA-d0

https://docs.google.com/document/d/1DM75_ASQddCzqfKt-5RATgiw0mwpPfgtXF1-LJ3Q7nY/edit
« Last Edit: March 22, 2020, 07:22:57 PM by Link »

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #54 on: April 07, 2020, 02:40:24 PM »
Quote
[...] In der ZEIT Nr. 15/2020 veröffentlichte Adam Soboczynski den Text "Made in China", in dem er die bisherige Vorherrschaft der liberalen westlichen Demokratien und den wachsenden Einfluss der autoritären Volksrepublik China thematisierte. Hier hinterfragt der Schriftsteller Eugen Ruge Soboczynskis wohlwollende Sicht auf jene Epoche, die nun mutmaßlich mit der Corona-Pandemie zu Ende geht. 

... Auslagerung der Produktion ist für das Kapital deshalb eine Option, weil diese Auslagerung unglaubliche Profite bringt – allerdings auf Kosten der anderen. Unternehmen lagern Produktion aus, weil die Näherin in Äthiopien für 1,50 Dollar am Tag näht, weil Arbeitsschutzvorschriften in Pakistan nicht eingehalten werden müssen, weil Umweltvorschriften in China umgangen werden können. Darunter leiden Menschen, egal ob Chinesen, Pakistani oder Afrikaner. Der Sinn der Globalisierung besteht ja – aus der Perspektive des Profits – gerade darin, die Produktion in Länder zu verlagern, in denen die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur ohne allzu große staatliche Behinderung stattfinden kann, aus welchen Gründen auch immer. Sie zielt geradezu auf Staaten, die auf diese oder jene Weise die Sorge um Mensch und Umwelt vernachlässigen oder vernachlässigen müssen. Und auch wenn ganz große Gewinnmargen an Fonds, Manager und dubiose Zwischenhändler gehen, muss man sagen, dass unser sogenannter Wohlstand zumindest zu einem Teil auf brutaler Ausbeutung und Umweltzerstörung beruht – ein Wohlstand, der übrigens auch nur bei einer Hälfte der Bevölkerung ankommt: bei der oberen.

Für diesen Bruchteil der Menschheit werden täglich Millionen Tonnen an Waren durch die Welt geschippert – dafür dass diese kleine Gruppe immer alles sofort zur Verfügung hat, ob Erdbeeren zu Weihnachten, Wein aus Südafrika oder Datenzugriff noch im letzten Winkel, in dem sie Urlaub zu machen wünscht; für ihren Zweitwohnsitz in der Bretagne, für die Server auf denen sie Milliarden sinnloser Fotos deponiert. Dafür arbeitet die Näherin in Äthiopien, aber auch bei uns der Erntehelfer aus Rumänien, der Bauarbeiter aus Polen oder die 24-Stunden-Pflegekraft aus Bulgarien. Und sie dürfen noch froh sein, dass sie überhaupt bei uns arbeiten dürfen, dass sie nicht in Dürregebieten leben müssen oder jenen Kriegen ausgesetzt sind, die auch wegen der wirtschaftlichen Interessen des Westens geführt werden. Schlimmstenfalls sind wir noch stolz darauf, dass wir sie hereinlassen und in den Dienst stellen.

...


Aus: "Unser schicker Kapitalismus mit tödlichem Antlitz" Eugen Ruge (7. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-04/globalisierung-china-coronavirus-eugen-ruge

Quote
IUFRGMP #69 

Der erste gute Beitrag in den letzten drei Wochen, abgesehen von einem Interview mit Herrn Drosten:
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-03/christian-drosten-coronavirus-pandemie-deutschland-virologe-charite

Warum sind die Materieallager im Krankenhaus leer?
Warum konnte sich ein Virus aus einer Provinz in China binnen eines Monats weltweit ausbreiten?
Warum wird PflegerInnen gekündigt?
Warum ist der sogn. "Betreuungsschlüssel" 1:50 I'm Nachtdienst?
Warum gibt es ein Zweiklassenmedizin in Deutschland?
Wo sind die flächendeckenden Tarifverträge in der Pflege, für KassiererInnen?
Wie kann es sein, dass Deutschland jetzt Masken aufkauft, die Preise hoch drückt und Staaten in Afrika plötzlich für 4$ keine Masken kaufen können. (Solidarität)
Wie kann es sein, dass wir in Deutschland statt über die besten Möglichkeiten zur Eindämmung des Virus, von Anfang an darüber sinnieren, wie furchtbar die Krise für die Hotels etc sei, wo doch - selbst aus dem Dogma des Wachstums heraus gedacht- die Einbußen nach einer weltweiten Krise wieder kommen durch Nachholung von Konsum?
Die Menschen fahren immer in den Urlaub! Wenn woanders keine "Entwarnung" gegeben wird, wo werden sie wohl hin fahren?

Vollkommen richtig ist: Die globale Oberschicht jammert, dabei stehen die größten Katastrophen erst noch bevor. ...


Quote
Fahrinurlaub #10

Genauso sieht das aus! Der Kapitalismus den die moderne Welt in gang gesetzt hat, dient nur einer kleinen Gruppe von Menschen, der Rest sind Statisten und werden gnadenlos ausgebeutet . Die Natur Zerstört und die Lebensgrundlage vergiftet.


Quote
Hitch-22 #10.1

Kompletter Unsinn.

Anzahl Menschen mit mindestens einer Impfung:
1980: 22%
2016: 88%

Menschen mit Elektrizität:
1991: 72%
2014: 85%

Mädchen in der Schule:
1970: 65%
2015: 90%

5-Jahres-Überlebensrate von Kindern und Jugendlichen bei Krebs:
1975: 58%
2010: 80%

Unternährte Menschen:
1970: 28%
2015: 11%
(Man beachte, das gleichzeitig die Gesamtbevölkerung stark angestiegen ist)

Kinderarbeit:
1950: 28%
2012: 10%

Es ist faszinierend was sich Menschen zusammenreimen wenn sie keine Ahnung haben.


Quote
honko1234 #10.2

Woher haben Sie ihre Zahlen. Es reicht eine Zahl: täglich sterben ca.15000 Kinder an Mangelernährung etc..
Etwa 5,6 Millionen Kinder kamen 2016 ums Leben – vor allem wegen schlechter hygienischer und medizinischer Versorgung.


Quote
Hitch-22 #10.3

"Etwa 5,6 Millionen Kinder kamen 2016 ums Leben – vor allem wegen schlechter hygienischer und medizinischer Versorgung."

Mein Frage: Wie waren die Zahlen vor 10, 20 oder 30 Jahren?

Die Zahlen stammen aus dem Buch "Factfulness".
Wirklich sehr zu empfehlen.


Quote
Fahrinurlaub #10.4

Ach und die Zerstörung der Lebensgrundlagen, spielt keine Rolle.

Außerdem sagen diese Zahlen nichts über die tatsächlichen Verhältnisse.
https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/weltmaedchentag-130-millionen-maedchen-gehen-nicht-zur-schule-a-1172269.html

Sie können sich diese Ausbeutungssystem auf kosten von Menschen und der Umwelt ja schön reden, ich lebe in diesem System und sehe was auf der Welt vorsiech geht.


Quote
Hitch-22 #10.6

Nicht alles ist gut, das haben Sie sehr richtig erkannt.
Der Klimawandel und seine möglichen Folgen sind hier natürlich zuallererst zu nennen.

Sie haben allerdings geschrieben, dass der Kapitalismus nur einer kleinen Gruppe von Menschen dient.
Das ist falsch und widerspricht jeder Statistik.

Ja, es gibt Missstände. Nein, weder der Kapitalismus noch ein anderes System kann diese Missstände von heute auf morgen ausmerzen.
Viele dieser Missstände haben sich allerdings massiv verbessert und das ist kein Zufall.
Bedenken Sie das wenn Sie das nächste mal auf den Kapitalismus schimpfen.


Quote
SWAGhetti_YOLOgnese #10.12

Beide Beiträge perfekt geschrieben. Kspitalist*innen mögen es nicht, aus der Metaebene heraus zu betrachten. Sie liefern einfache Erklärungen und neigen dazu, Statistiken losgelöst aus irgendwelchen Kontexten zu lesen und zu benutzen.


Quote
Verantwortungsethiker #10.18

Diejenigen die alles von der Metaebene herab betrachten verlieren in den allermeisten Fällen den Bezug zur Realität.


Quote
ich habe eine frage #11

Friday for future, wie wurden die jungen Menschen, von Medien und Politikern in der letzten Zeit angegriffen diffamiert verleumdet und so weiter. Aber eine Antwort auf ihre Fragen hat hat keiner gegeben.

Wie erklären wir den Menschen Afrika oder Asien dass sie hart arbeiten müssen aber wenig Anteil an dem Erfolg haben?

Wie erkläre ich einer Friseuse, einer Verkäuferin ein Physiotherapeuten dass es eigentlich gar keine gelernten Berufe sind und sie deshalb kaum Rente bekommen, weil die Gesellschaft sie eigentlich gar nicht braucht?

Wie kann ich es meinen Kindern Enkelkindern erklären dass einer so fleißig ist dass er 200000 € Monat verdient und ihren seinem Unternehmen einen Mitarbeiter hat die die nicht zu fleißig sind und da ja nur 1300 € verdienen Monat?

Wie erkläre ich es den Kindern und Enkelkindern dass es früher mal Insekten Maikäfer Marienkäfer Schmetterlinge gab?

Wie erkläre ich es den Europäern dass die NATO jetzt über eine Billion für die Verteidigung ausgibt aber nicht sagen kann wer uns angreift?


Quote
Professor Deutlich #26

Die "moderne" Art zu leben und zu wirtschaften ist langfristig gesehen ähnlich absurd wie der Glaube an ein Perpetuum Mobile. Wir vernichten auf Dauer unsere eigenen Existenzgrundlagen. Und das in einem sich beschleunigenden Prozess.


Quote
  Bullit #32

Beim lesen des Artikels konnte ich mich zeitweise des Eindrucks nicht erwehren, dass Marx und Lenin hier unter einem Pseudonym geschrieben haben.


Quote
MowKow #48

"Der Sinn der Globalisierung besteht ja – aus der Perspektive des Profits – gerade darin, die Produktion in Länder zu verlagern, in denen die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur ohne allzu große staatliche Behinderung stattfinden kann"

Und "Freihandelsverträge" dienen dazu diese Ausbeutung zu legalisieren und, dank geheimer Schiedsgerichte, auch noch zu zementieren.


Quote
Minilieb #54

Die Globalisierung hat für Wohlstand gesorgt!


Quote
Südvorstadt #54.1

Blicken Sie mal weiter als bis zum eigenen Gartenzaun. Dahinter sieht die Welt ganz anders aus.


Quote
ThomasP1965 #64

Der plötzliche Coronaschock wird vielleicht schnell vergessen sein und vielleicht wird man danach weiter machen wie bisher.
Die aber dann unvermeidbare Klimakrise wird aber anders. Diese wird Dauerzustand sein. Die Verteilungskämpfe werden härter und brutaler. Es wird nicht mehr um das Horten von Klopapier gehen, sondern darum, genügend zu Essen zu bekommen in einer Welt, in der immer weniger Nahrung wächst. ...

Wer sich von den bisherigen Profiteuren der Globalisierung [einreden lässt], dass die gewaltigen Verwerfungen, die das nach sich zieht ihn nicht betrifft, irrt. Seine Kinder und Erben wird es treffen.


Quote
Wolf9 #73

Ja der „ Systemfehler“ ist eingenäht. Es ist Wettbewerb. Wann will man den Wettbewerb anhalten? 1950, 1970, 2020?
Die letzten die den Wettbewerb angehalten haben waren die Ostblockstaaten mit ihrer Planwirtschaft. Das Ergebnis ist bekannt.


Quote
Magiccarpet #77

Also dann weiterhin fleißig bei Amazon bestellen. ...


Quote
KOmentar #85

Ich bin mir ziemlich sicher das wenn die Corona Krise vorbei ist es genauso so weitergehen wird wie vor der Krise, Wachstum, Wachstum, Wachstum......einige werden sogar versuchen alles aufzuholen koste es was es wolle.....so ist der Mensch.


Quote
Südvorstadt #85.1

'so ist der Mensch'

Nein, so ist der Mensch nicht. So ist vielleicht das neoliberale Idealbild des Menschen namens Homo oeconomicus. Der Mensch an sich ist aber nicht so, er wird vom Kapitalismus lediglich in diese Rolle gezwungen. ...


Quote
quantosoph #86

Was nun das freie Spiel der Kräfte des Marktes in den letzten Jahrhunderten mit unserem Planeten gemacht hat, stellt sich wie folgt dar und bedarf keiner weiteren Erläuterung: Klimawandel, ungelöste Atommüllendlagerung, Bevölkerungsexplosion, Artenschwund, Ressourcenverbrauch, Plastikmüll in den Weltmeeren, die nicht überstandene Finanzkrise usw. usw. usw. Es bedarf daher keiner komplizierten Theorien, um zu dem einen vernünftigen Schluss zu gelangen, dass eben jenes Wirtschaftssystem, das unseren Planeten an den Rand des Abgrunds geführt hat, nicht dasjenige sein kann, welches den richtigen Weg, quasi wieder wie durch Geisterhand gelenkt, in eine nachhaltige Zukunft findet. - Volker Zorn ( 2015)
Ergänzung : Die Coronakrise legt die Unzulänglichkeiten und fatalen Folgen eines auf Angebot und Nachfrage basierenden Wirtschaftssystems schonungslos frei.


...
« Last Edit: April 22, 2020, 10:44:02 AM by Link »

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #55 on: April 22, 2020, 10:31:22 AM »
Quote
Sabine Beck @sabine_beck, 12:45 nachm. · 21. Apr. 2020
Hatte heute einen Handwerker im Haus. Er meinte, die ganze Coronahysterie ginge ihm auf den Nerv. Weil was wäre denn das größte Problem auf der Welt? Die Überbevölkerung und da wäre es doch nich falsch, wenn die Kranken, Armen u Schwachen schneller sterben.
Ich weine immer noch.



https://twitter.com/sabine_beck/status/1252548941113065478

Quote
Sabine Beck @sabine_beck, 1:06 nachm. · 21. Apr. 2020
Ich befürchte, es gibt viele Leute, die so denken.
Ein netter, freundlicher Familienvater.... Ich sags nur.
Und das ist an der Sache für mich das Beängstigendste.


Quote
GrrrBrrr @Die_Papierkugel Antwort an  @sabine_beck

Wenn das Virus nur die Dummen angreifen würde, wäre heute ein anderer Handwerker zu dir gekommen.


Quote
Anna Rosa Brito @AnnarosaBrito Antwort an  @sabine_beck

Solch dummen Menschen begegne ich ständig. Sie müssen zuerst ein Kind, einen Ehepartner, einen geliebten Menschen, eine Mutter, einen Vater, eine Omi, einen Opa, einen Onkel, eine Tante ... verlieren.


...

-

Quote
[...] Als im zweiten Jahr des Peloponnesischen Krieges die Pest ausbrach, war für Thukydides der Erreger selbst kaum der Rede wert. Den Geschichtsschreiber interessierte nicht das Biologische, sondern das Historische. Welche Wirkungen hinterlässt die Seuche im Denken und Handeln? Was löst sie aus?

In der Corona-Pandemie ist das kaum anders. Klar, man redet ausgiebig über die Natur des Virus, doch die wahre Lektion, die uns das toxische Nichts erteilt, ist eine soziale – eine Lektion über uns selbst. Mit der Pandemie, so der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl in der Zeitschrift monopol, "ist die Welt in ein Entwicklerbad gefallen". Schon bald werde man "genau sehen, welche Kontraste und Konturen sich herausprägen werden".

Einige Konturen zeigen sich schon jetzt. Die Corona-Krise bringt tabuisierte Dunkelzonen ans Licht, und plötzlich bekommen Zeitungsleser und Fernsehzuschauer Bilder zu Gesicht, die eben noch als Quotenkiller galten – Bilder von Hungerleidenden und Obdachlosen, von Bettelarmen und Prekären, die von keiner Mitleidstafel mehr restversorgt werden und nun dankbar sind für jeden Krumen, der vom Tisch des Herrn für sie abfällt. Solche Aufnahmen stammen nicht aus den Elendsvierteln von Bengaluru, sondern aus den Premiumbezirken westlicher Wohlstandsgesellschaften 30 Jahre nach ihrem Sieg über den Kommunismus. Und wie bereits in der Finanzkrise 2008 kommt das ikonische Foto auch diesmal aus dem "großartigsten Land der Menschheitsgeschichte" (Donald Trump). Wegen Ansteckungsgefahr hatten Wohnungslose in Las Vegas eine Notunterkunft räumen und auf dem Parkplatz eines Fußballstadions übernachten müssen. Mit weißen Linien, wie in einem Setzkasten, hatte die Polizei winzige "Wohnflächen" markiert, auf denen sie ihre Körper ablegen durften, während die Luxushotels ringsum leer standen. "Keep safe distance!"

Man sollte diese Bilder aus dem real existierenden Liberalismus im Hinterkopf behalten, wenn man nachschaut, was noch so alles im Entwicklerbad der Pandemie sichtbar wird. Scharf belichtet werden nämlich nicht nur die neuen Armutszonen, sondern auch intellektuelle Diskurslinien treten nun deutlicher hervor. Theorien, die bislang frei über der Empirie schwebten, feiern ihren konkreten Anwendungsfall oder werden unter Echtzeitbedingungen nachgeschärft. Zutiefst bestätigt fühlt sich zum Beispiel der italienische Philosoph Giorgio Agamben: In seinen Augen beweisen die hysterischen Reaktionen auf die "erfundene" Bedrohung durch das Virus, erst recht aber die drastischen Ausgehverbote der römischen Regierung, dass der Liberalismus an nichts mehr glaube, an keine Gemeinschaft, nur noch an die Macht und das nackte Leben. Italien führe es der Welt vor Augen: Weil sich in der sinnentleerten modernen Gesellschaft das menschliche Leben aufs Überleben reduziere, ziele alles Handeln darauf ab, die reine biologische Existenz zu retten. Getrieben von der panischen Angst, auch noch das letzte ihnen Verbliebene zu verlieren, das nackte Leben, flüchteten die epidemisch einsamen Bürger in die Arme des autoritären "monströsen Leviathan mit dem gezückten Schwert" und opferten ihm ihre Freiheit.

Keinen hat die Beschreibung der italienischen "Biopolitik" so empört wie den französischen Philosophen Alain Finkielkraut; Agamben verharmlose menschliches Leid und sei ebenso "unerträglich arrogant" wie der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk, der in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Le Point das Virus zu einer stinknormalen Grippe bagatellisiert und ebenfalls den Teufel des drohenden Sicherheitsstaates an die Wand gemalt habe. Finkielkraut dagegen ist überzeugt, dass in den staatlichen Reaktionen auf die Pandemie zivilisatorische Standards auf dem Spiel stehen. "Das Leben eines Greises ist so viel wert wie jenes eines Menschen im Vollbesitz seiner Kräfte. Solange wir dieses Prinzip hochhalten, hat der zeitgenössische Nihilismus nicht endgültig triumphiert, und wir bleiben eine Zivilisation." 

Aber es ist nicht nur Giorgio Agamben, der in der Art und Weise, wie die Behörden auf die Pandemie reagieren, die Eiseskälte der Moderne zu spüren glaubt. Auch der gern zitierte Kulturphilosoph Charles Eisenstein, ein Vordenker der Occupy-Bewegung, fragt sich, ob der intensivmedizinische Aufschub des Todes nicht in Wahrheit eine Entfremdung vom Leben ist: Ist die Technizität der Lebensrettung, das verzweifelte Anschließen der Infizierten an Beatmungsgeräte, nicht der Beweis dafür, dass die liberale Gesellschaft den kulturell eingebetteten Tod beseitigt und die familiäre Geborgenheit durch Apparate ersetzt hat? In der Logik des medizinischen Systems sei der Tod das Schlimmstmögliche, und doch wüssten wir alle, dass "der Tod ungeachtet dessen auf uns wartet. Ein gerettetes Leben bedeutet eigentlich einen aufgeschobenen Tod." Würden sich, fragt Eisenstein rhetorisch, peruanische Ureinwohner intubieren lassen? Nein, sie würden den Schamanen bitten, ihnen zu helfen, gut zu sterben. Einige Sätze später räumt Eisenstein immerhin ein, dass man Corona-Opfern helfen müsse – mit allen Mitteln. 

Es ist furchtbar, wenn todkranke Infizierte in Krankenhäuser eingesperrt, wenn sie isoliert werden und es nicht einmal den nächsten Angehörigen gestattet ist, von ihnen Abschied zu nehmen. Und doch muss man die Kritik an der Apparatemedizin scharf und unmissverständlich von einer Behauptung unterscheiden, die dieser Tage ebenfalls die Runde macht: Von der Behauptung, die vom Egoismus korrumpierte Gesellschaft weigere sich, in der Stunde der Not dem Gemeinwesen ein Opfer zu bringen. Oder um die Katze aus dem Sack zu lassen: Sie weigere sich, die Alten zu opfern, um den schleichenden Tod der Wirtschaft zu verhindern. 

Absurd? Nein, der texanische Vizegouverneur Dan Patrick, ein Republikaner, war der erste, der darüber streiten wollte, ob sich die älteren Amerikaner nicht für die heimische Wirtschaft opfern sollten. "Es gibt da draußen viele Großeltern wie mich. Ich habe sechs Enkel. Ich will nicht, dass das ganze Land geopfert wird." Auch der englische Journalist Jeremy Warner (Telegraph) ist der Auffassung, die gesundheitliche Gefährdung der Älteren sei ernsthaft kein Grund, die komplette Wirtschaft abzuwürgen. Im Gegenteil, stürben die Alten, verjünge sich die Wirtschaft, und auch das Rentensystem werde wohltätig entlastet: "Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, könnte sich das Covid-19 langfristig sogar als leicht vorteilhaft erweisen, indem es unverhältnismäßig viele ältere Angehörige aus dem System stößt." Mit seiner Ökonomie des Lebens ist Warner nicht allein. Der Brexit-Stratege Dominic Cummings, mittlerweile Boris Johnsons Chefberater, wird mit den Worten zitiert, Vorrang müsse "dem Schutz der Wirtschaft" zukommen – es sei "halt Pech, wenn das bedeutet, dass ein paar Rentner dabei draufgehen". Später dementierte er diese Sätze.

Auch die aufrichtig marktliberale Neue Zürcher Zeitung veröffentlicht Wortmeldungen, deren Autoren keine Rücksicht mehr auf die Alten nehmen möchten und deshalb mit der Gleichheitsmoral der "Roten" und "Grünen" abrechnen. "Wir wählen", so sarraziniert dort ein Schweizer Unternehmer vor sich hin, "den wirtschaftlichen Suizid, um zu verhindern, dass einzelne betagte Menschen das Zeitliche einige Jahre früher segnen, als es unter normalen Umständen zu erwarten wäre (…). Akzeptieren wir, dass der Mensch sterblich ist, ein langes Leben nicht per se Ziel sein kann." Und eine betörend schlichte Ökonomin und "Influenzerin" zwitschert ihm hinterher: "Kurzfristig wird uns der Verlust vieler Menschenleben schmerzen (…), aber mittel- und langfristig dürfte uns das soziale und ökonomische Chaos stärker beschäftigen, in das wir uns vom Virus haben stürzen lassen. (...) Das Leben geht weiter (…). Darum muss auch der Kapitalismus überleben. Er schafft Wohlstand (…) und stärkt die Menschenrechte."

Auch der emeritierte, in Stanford ansässige Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht hat sich vom rechten Opfervirus anstecken lassen. Seinen erwartbar nietzscheanischen Refrain kennt man schon auswendig, doch diesmal klingt er besonders erbarmungslos: Gumbrecht fürchtet, dass die Gleichheitsmoral – also die ethische Maxime, alle Menschen vor Covid-19 retten zu wollen – das Überleben des Kapitalismus, mehr noch: das Überleben der Menschheit gefährdet. Willfährig haben sich die Regierungen dem lebensrettenden Moralismus der Massen ergeben und einen "populistischen Notstands-Staat" hervorgebracht, der deshalb so drakonisch durchgreife, weil er beim "Durchhalten des Gleichheitsprinzips" niemanden opfern wolle. Doch die (verständliche) Tragikvermeidung rufe eine viel gewaltigere Tragödie hervor und fordere möglicherweise ein noch viel größeres Opfer: das Opfer der Weltwirtschaft. Deshalb müsse man die "skandalös wirkende und gewiss schmerzhafte Frage" stellen, ob die Moral, alle Bürger nach dem Gleichheitsprinzip "maximal gegen eine Todesgefahr zu schützen", nicht das "Überleben der Menschheit aufs Spiel" setzte. "Wie tief können die Börsenkurse sinken, ohne eine Erholung unmöglich werden zu lassen?" Todesmutig bricht Gumbrecht in seinem Bocksgesang ein Tabu und stellt sich "eine bisher ganz und gar ungewohnte Entscheidungssituation" vor, "in der es tatsächlich darum ginge, ob man bewusst die Überlebenschancen der ältesten Generation zugunsten der Zukunftsmöglichkeiten ihrer jüngeren Zeitgenossen verringert".

Das Leben der Alten gegen das "Leben" des globalen Kapitalismus? Solche Zynismen kann nur unterbreiten, wer ernsthaft glaubt, die Wirtschaft sei ein herrischer Willkürgott, der immer wieder und zu Recht tragische Entscheidungen verlangt – man muss ihm opfern, damit er den Endverbrauchern des irdischen Lebens gewogen bleibt. Im Up and Down der Konjunkturen und Börsenkurse tritt der Gott der Ökonomie aus dem Dunkel seiner Unerkennbarkeit ins Licht der Welt, und niemals wird das menschliche Wissen ausreichen, um das Mysterium des Marktes zu verstehen. Das Einzige, was der Gegenwartsmensch noch tun kann, ist es, den Allmächtigen nach antikem Muster gnädig zu stimmen. So wäre dann das Opfer der Alten, Unproduktiven und Unnützen, das Opfer der systemisch Irrelevanten, die sich weder für Leistungsanreize noch für Preissignale empfänglich zeigen, jene fällige Gegengabe, die den wankelmütigen kapitalistischen Gott bei Laune und seinen numinosen Markt am Laufen hält. Für alle reicht es nicht.

Eine ähnliche Mythenbildung gab es bereits im Gilded Age, im amerikanischen Hochkapitalismus Ende des 19. Jahrhunderts, und nicht zufällig paktierte sie mit einem Sozialdarwinismus, der über Leichen ging. Das sollte wissen, wer darüber klagt, die Gesellschaft habe unter der Tyrannei eines maschinisierten Gesundheitssystems das Sterben verlernt, den menschlichen Tod in einer familiären "Kultur der Sorge". Diese berechtigte Klage ist nämlich Musik in den Ohren jener, die ein Menschenopfer für den Markt verlangen und nun die historische Gelegenheit beim Schopf fassen wollen, um den Geburtsfehler der Demokratie zu korrigieren, die Gleichheit aller Bürger. Man sollte, mit anderen Worten, höllisch aufpassen, dass Agambens und Foucaults Kritik am "biopolitischen Regime" nicht in die falschen Hände gerät – in die Hände derer, die uns weismachen wollen, "ein langes Leben" könne "nicht per se ein Ziel sein", weshalb man bitte schön ein Opfer nicht für das Vaterland, wohl aber für die vaterländische Wirtschaft zu bringen habe.

Die Vereinigten Staaten haben der Welt bewiesen, wie sehr es die "ökonomische Ungleichheit, Vermögensverteilung, Einkommensdifferenzen sind, die nicht nur über die Erträglichkeit von Ausnahmesituationen, sondern über Leben und Tod entscheiden". Das Gesundheitssystem, so der erwähnte Joseph Vogl, "ist zu einem Lackmustest für Marktlogiken geworden, die sich im Wettbewerb der Schwerkranken um Intensivbetten und Restlebenszeiten fortsetzen". Donald Trump, der menschgewordene kapitalistische Geist, schlug alle Warnungen vor der Pandemie in den Wind, und einige seiner Parteifreunde verkauften heimlich ihre Aktienpakete, bevor das Sterben einsetzte und das Virus sie um ihren leistungslosen Gewinn brachte.

Der Markt ist ein intelligentes, wenngleich hochgradig störanfälliges Steuerungsinstrument, und wer nun fordert, man müsse ihm Menschenopfer bringen, der verklärt ihn zum barbarischen mythischen Kult. Die kapitalistische Kultreligion feiert die blinde Akkumulation, sie feiert die Selbstbereicherung der bereits unendlich Reichen und die Verwandlung von Geld in noch mehr Geld. Im kapitalistischen Kult besteht der Sinn des Lebens in der Anpassung ans Tote.


Aus: "Menschenopfer für den Kapitalismus" Ein Essay von Thomas Assheuer (21. April 2020)
Quelle: https://www.zeit.de/kultur/2020-04/corona-pandemie-kapitalismus-oekonomie-menschenleben/komplettansicht

Quote
[...] Thomas Assheuer (* 1955 in Arnsberg) ist ein deutscher Journalist.

Von 1975 bis 1982 studierte Assheuer an den Universitäten Münster und Hamburg Germanistik und Philosophie; 1983 absolvierte er ein Volontariat beim Hessischen Rundfunk und war anschließend Redakteur im „Kulturellen Wort“. 1991 wechselte er ins Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Seit 1997 ist er Feuilleton-Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“.  ...


Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Assheuer (18. April 2020)

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #56 on: April 22, 2020, 12:26:42 PM »
Quote
[...] Jörg Rocholl ist Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin [https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%B6rg_Rocholl]

... Der letzte amerikanische Präsidentschaftswahlkampf kostete 6,5 Milliarden Dollar – und übertraf damit die Ausgaben für den deutschen Bundestagswahlkampf 2017 um fast das Hundertfache. Es zeichnet sich ab, dass die bevorstehende US-Wahlschlacht noch teurer wird als vor vier Jahren.

Allein der Milliardär Michael Bloomberg gab für seine Kandidatur gut 500 Millionen Dollar aus. Immerhin zeigt Bloombergs Scheitern, dass in den USA nicht nur tatsächliche oder vermeintliche Milliardäre Präsident werden können.

Das Nettovermögen von Trumps Gegner Biden wird auf vergleichsweise bescheidene neun Millionen Dollar geschätzt. Dennoch ist bei den atemberaubenden Ausgaben in amerikanischen Wahlkämpfen und deren fulminanten Anstiegen kein Ende in Sicht.

Offenbar geht es dabei nicht um hehre politische Ideale, sondern um handfeste wirtschaftliche Interessen. Denn der Ausgang einer Präsidentschaftswahl hat unmittelbare Auswirkungen auf die Aktienkurse von Unternehmen.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Unternehmen, die vor der Wahl einen ehemaligen Politiker in den Vorstand geholt haben, legen in ihrem Aktienwert zu, wenn die Partei des Ex-Politikers die Wahl gewinnt – und zwar unabhängig von der Branche. Selbst die Höhe der Spenden, die das Unternehmen vor der Wahl geleistet hat, ist zweitrangig.

Spenden werden offensichtlich als nichts Dauerhaftes wahrgenommen. Erst mit dem Vorstandsposten für einen früheren Politiker –  Demokrat oder Republikaner – legt sich das Unternehmen politisch fest.

Im Umkehrschluss heißt das allerdings auch, dass nach der Präsidentschaftswahl die Aktienkurse von Unternehmen sinken, die einen ehemaligen Politiker aufs Schild gehoben haben, dessen Partei bei der Wahl unterlegen war. Grundsätzlich aber begrüßen die US-Aktienmärkte Berufungen ehemaliger Politiker in Vorstände, besonders wenn der Ex-Politiker zum ersten Mal in der Wirtschaft anheuert.

Beim Eintritt in ein weiteres Unternehmen ist der Effekt immer noch positiv, aber deutlich schwächer – das Ganze gleicht gewissermaßen einem Teebeutel, der an Aroma verliert, je häufiger man ihn nutzt.

Die Bedeutung ehemaliger Politiker und ihrer Netzwerke für die US-Wirtschaft ist auch deshalb so groß, weil in den Vereinigten Staaten jedes Jahr lukrative Regierungsaufträge über mehrere Hundert Milliarden Dollar ausgeschrieben und an Unternehmen vergeben werden. Konzerne, gerade im Rüstungsbereich, die besonders von Regierungsaufträgen profitieren, haben sicherheitshalber oft ehemalige Politiker sowohl der Demokraten als auch der Republikaner in ihren Reihen.

Empirische Studien belegen, dass Unternehmen, bei denen frühere Politiker der jeweiligen Mehrheitspartei in Senat und Repräsentantenhaus Vorstandsposten bekleiden, deutlich mehr Regierungsaufträge bekommen als Unternehmen mit fehlenden oder „falschen“ politischen Verbindungen.

Über die Regierungsaufträge hinaus engagieren sich Ex-Politiker für ihr Unternehmen aber auch allgemein bei der Pflege der politischen Landschaft – ob es um die Lockerung von Umweltschutzauflagen geht oder um steuerpolitische Initiativen.

Die Milliardengelder der Spendenkönige wiederum werden in US-Wahlkämpfen auf wenige Landstriche konzentriert, um Wählerinnen und Wähler vom jeweiligen Kandidaten zu überzeugen. Entscheidend für den Ausgang der Präsidentschaftswahlen sind letztlich nur einige „Swing States“.

Denn die siegreiche Partei in einem Bundesstaat erhält alle Wahlleute, unabhängig davon, wie hoch sie diesen Staat gewonnen hat. Mit der einfachen Mehrheit in einem Staat gilt: „The winner takes it all.“

Da etwa  Kalifornien oder New York traditionell an die Demokraten und andere Staaten wie Nebraska oder Oklahoma an die Republikaner fallen, findet Wahlkampf dort kaum statt. Die Geldströme fließen massiv in Staaten wie Florida und Ohio, die am Ende den Ausschlag geben.

Die wachsende Bedeutung des Big Business und seiner Lobbyisten für den Ausgang von Präsidentschaftswahlen wurde durch ein Urteil des Supreme Court entscheidend gefördert. Im Jahr 2010 befasste der Oberste Gerichtshof der USA sich in dem Verfahren „Citizens United“ vordergründig mit der Frage nach dem Recht auf freie Meinungsäußerung von Unternehmen. Doch faktisch ging es darum, ob Unternehmen unbegrenzt an Parteien und deren Kandidaten spenden können.

Die Richter entschieden, das müsse möglich sein. ....


Aus: "Die demokratische Legitimation der Regierung wird immer schwächer" Jörg Rocholl (22.04.2020)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/bedrohlicher-einfluss-der-wirtschaft-auf-us-wahlen-die-demokratische-legitimation-der-regierung-wird-immer-schwaecher/25761844.html

Link

  • Global Moderator
  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 3469
    • View Profile
Kapitalismus & Kapitalismuskritik (...?)
« Reply #57 on: May 05, 2020, 04:26:43 PM »
Quote
[...] Bei einem Zaubertrick besteht die Kunst darin, die Aufmerksamkeit des Publikums abzulenken, damit es nicht merkt, was tatsächlich vor seinen Augen geschieht. Bei der Corona-Epidemie liegt die Magie in einem Diagramm mit zwei Kurven, das auf Fernsehkanälen in der ganzen Welt zu sehen ist. Die x-Achse gibt die Zeit an, die y-Achse die Zahl der schweren Erkrankungen.

Die erste Kurve geht steil nach oben, sie zeigt den Verlauf der Epidemie, wenn nichts unternommen wird. Diese Kurve überschreitet sehr schnell die horizontale Linie, mit der die maximale Aufnahmefähigkeit der Krankenhäuser angegeben ist. Die zweite Kurve zeigt die Entwicklung, wenn Maßnahmen wie Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen die Verbreitung des Virus begrenzen. Sie ist leicht gewölbt, wie ein Schildkrötenpanzer, und bleibt unter der horizontalen Kapazitätsgrenze.

Das in den Medien allgegenwärtige Diagramm macht deutlich, wie dringend notwendig es ist, den Rhythmus der Ansteckungen zu verlangsamen, um die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Wenn jetzt Journalisten in der ganzen Welt dieses Schaubild weiterverbreiten, wird ein wesentliches Element oft vergessen: die unauffällige Gerade, die die Zahl der Betten darstellt, die für Schwerkranke zur Verfügung stehen. Diese „kritische Schwelle“ wird quasi als gottgegeben akzeptiert. Dabei ist sie das Ergebnis politischer Entscheidungen.

Wenn man heute „die Kurve abflachen“ muss, liegt das auch daran, dass die seit vielen Jahren herrschende Austeritätspolitik die Messlatte gesenkt und das Gesundheitswesen seiner Aufnahmefähigkeit beraubt hat. 1980 gab es in Frankreich elf Krankenhausbetten pro tausend Einwohner, davon sind heute noch sechs übrig. Macrons Gesundheitsministerin hat im September 2019 vorgeschlagen, sie „bed managers“ zu überlassen, die das rare Gut zuteilen sollten.

In den USA sank die Zahl von 7,9 Betten 1970 auf 2,8 im Jahr 2016.1 Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gab es in Italien 1980 für „schwere Fälle“ 922 Betten pro 100.000 Einwohner. 30 Jahre später waren es nur noch 275. Überall galt nur eine Devise: Kosten senken. Das Krankenhaus sollte wie eine Autofabrik im Just-in-time-Modus funktionieren. Das Resultat ist, dass die Italienische Gesellschaft für Anästhesie, Analgesie, Reanimation und Intensivtherapie (Siaarti) die Arbeit der Notärzte heute als „Katastrophenmedizin“ bezeichnet. Sie warnt, angesichts der fehlenden Ressourcen „könnte es nötig werden, eine Altersgrenze für den Zugang zur Intensivversorgung festzulegen“.2 Auch im Nordosten von Frankreich spricht man mittlerweile in ähnlicher Weise von „Kriegsmedizin“.

Die Coronakrise hat also nicht nur mit der Gefährlichkeit der Krankheit Covid-19 zu tun, sondern auch mit dem organisierten Niedergang des Gesundheitssystems. Doch statt diese Tatsache kritisch zu hinterfragen, laden die großen Medien – seit jeher die Echokammern der Sparpolitik – Leser und Zuschauer zu einer atemberaubenden philosophischen Diskussion ein: Wie entscheiden wir, wen wir retten und wen wir sterben lassen?

Diesmal wird es jedoch schwierig werden, die politische Frage hinter einem ethischen Dilemma zu verstecken. Denn die Corona-Epidemie führt allen vor Augen, dass unsere Wirtschaftsorganisation noch weit absurder ist, als man vermutet hatte: Während die Airlines ihre leeren Flugzeuge fliegen ließen, um ihre Slots zu behalten, erklärte ein Virologe, wie neoliberale Politik die Grundlagenforschung über das Coronavirus behindert hat.3

Offenbar muss man manchmal die Normalität verlassen, um zu begreifen, wie unnormal sie ist. Marshall Burke, Dozent am Zentrum für Ernährungssicherheit und Umwelt der Universität Stanford, twitterte dazu folgendes Paradox: „Die Reduktion der Luftverschmutzung aufgrund von Covid-19 in China hat vermutlich zwanzigmal so viele Leben gerettet, wie durch den ­Virus bisher verloren gingen. Das heißt

nicht, dass Pandemien gut sind, aber es zeigt, wie gesundheitsschädlich unsere Wirtschaftssysteme sind, auch ohne Coronavirus.“4

Der Höhepunkt der Absurditäten in der Corona-Krise liegt dabei nicht einmal darin, dass es durch die Verlagerung von Produktionsketten einen Mangel an Medikamenten geben könnte, und auch nicht in der Verbohrtheit, mit der die Finanzmärkte Italien bestraften, als die Regierung die ersten Maßnahmen ergriff. Nein, den Höhepunkt finden wir in den Krankenhäusern selbst: Die Mitte der 2000er Jahre in Frankreich eingeführte „Gebührenberechnung nach Tätigkeit“ (tarification à l’activité, T2A) kalkuliert die Finanzierung der Einrichtungen anhand des Behandlungsaufwands für jeden einzelnen Patienten. Die Leistungen werden wie im Supermarkt einzeln abgerechnet.

Würde nun dieses aus den USA importierte Prinzip der Pflege als Ware während der aktuellen Krise angewendet, wären die Krankenhäuser, die die Schwerkranken aufnehmen, bald ruiniert. Denn der kritische Verlauf von Covid-19 erfordert vor allem eine Beatmung, die Zeit kostet, aber in der Tariftabelle weniger einbringt als diverse Untersuchungen und Eingriffe, die wegen der Epidemie verschoben wurden. Einbußen der Kliniken durch die Pandemie bestätigte etwa der deutsche Virusforscher Christian Drosten in seinem populären Podcast. Drosten sagte am 30. März im NDR: „Wir haben Betten freigeräumt. Das macht natürlich auch im Krankenhaus massive finanzielle Verluste. Auch die Medizin ist ein Wirtschaftszweig, und die Verluste sind extrem, die da jeden Tag entstehen.“

Für kurze Zeit schien es so, als sprenge das Virus die sozialen Grenzen. Seine Ausbreitung führte zu Maßnahmen, die wir uns jedenfalls in Friedenszeiten nie hätten vorstellen können. War nicht der Wall-Street-Banker plötzlich ebenso bedroht wie der chinesische Wanderarbeiter? Sehr schnell aber wurde deutlich, dass auch in der Krise vor allem das Geld den Unterschied macht. Auf der einen Seite machen die Gutbetuchten es sich in ihren Villen mit dem Homeoffice-Laptop neben dem Pool gemütlich. Und auf der anderen Seite sind die bislang Unsichtbaren des Alltags, Pfleger, Reinigungskräfte, Kassiererinnen im Supermarkt und Lieferanten, einem Risiko ausgesetzt, das den Begüterten erspart bleibt. Eltern sitzen im Homeoffice in ihrer kleinen Wohnung, durch die das Geschrei der Kinder schallt, Wohnungslose würden gern in einem Zuhause bleiben.

Der Historiker Jean Delumeau, Autor einer Geschichte der „Angst im Abendland“, stieß in seiner Untersuchung über „typische kollektive Verhaltensweisen in Pestzeiten“5 auf eine Konstante: „Wenn die Gefahr der Ansteckung auftaucht, versucht man zunächst, die Augen davor zu verschließen.“ Und Heinrich Heine notierte nach der offiziellen Ankündigung der Choleraepidemie 1832 in Paris: „Die Pariser tummelten sich umso lustiger auf den Boulevards“, als „das Wetter sonnig und lieblich war“.6 Als Nächstes flohen dann die Reichen aufs Land, und die Regierung ordnete für die Stadt Quarantäne an.

„Die Unsicherheit entsteht nicht nur aus dem Auftreten der Krankheit“, erklärt Delumeau, „sondern ebenso aus einer Auflösung des Alltags und der gewohnten Umgebung. Alles ist anders geworden.“ Genau diese Erfahrung machen heute die Einwohner von Wuhan, Rom, Madrid oder Paris.

Die großen Pestepidemien zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert wurden oft als Zeichen des Jüngsten Gerichts, des Zorns eines rächenden Gottes gedeutet. Damals wandten sich die Menschen entweder der Religion zu und flehten um Gnade oder sie suchten Schuldige in der Nachbarschaft. Juden und Frauen waren beliebte Sündenböcke. Im Europa des 21. Jahrhunderts trifft die Corona-Epidemie säkularisierte Gesellschaften, die seit der Finanzkrise von 2008 bei Themen wie Klimaverschlechterung, Politik, Finanzen, Demografie oder Migration in unterschiedlichem Ausmaß unter einem Gefühl des Kontrollverlusts leiden.

In dieser Endzeitstimmung, in der wieder Bilder der brennenden Kathedrale von Notre-Dame kursieren und über den kommenden Zusammenbruch geredet wird, richten sich alle Blicke auf die Regierung. Der Staat hat das Problem durch die langjährige Zerstörung des Gesundheitssystems verschärft – und ist dennoch die einzige Instanz, die eine Antwort auf die Epidemie finden kann. Aber wie weit kann man dabei gehen?

Noch im Februar löste die mehrwöchige Isolierung von 56 Millionen Einwohnern der chinesischen Provinz Hubei, die Stilllegung der Fabriken oder die Ermahnung der Bürger durch Drohnen mit Kameras und Megafonen in Europa spöttische Reaktionen aus oder Kritik an der eisernen Faust der Kommunistischen Partei.

„Aus der chinesischen Erfahrung lassen sich keine Lehren hinsichtlich der möglichen Dauer der Epidemie ziehen“, erklärte die Zeitschrift L’Express noch am 5. März. Sie sei dort durch „drastische Quarantänemaßnahmen verlangsamt worden, die in unseren Demokratien wahrscheinlich nicht anwendbar sind“. Doch kurze Zeit später war klar: Im Kampf gegen das Virus, das sich nicht um die Überlegenheit „unserer“ Werte schert, kommt man nicht umhin, zentralisierten Entscheidungen den Vorrang zu geben gegenüber den Freiheiten des Wirtschaftsliberalismus.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte, es sei möglich, die Epidemie zu besiegen, aber nur mit einem kollektiven, koordinierten und umfassenden Herangehen und unter Einsatz aller Kräfte.7 Kollektiv und staatlich koordiniert: Das ist das Gegenteil von Markt. In wenigen Tagen vollführen die bis dato unangreifbaren Experten, die uns die Welt erklären, eine 180-Grad-Wendung: „Alles ist anders geworden.“ Begriffe wie Souveränität, Grenze, Einschränkung und sogar staatliche Hilfen, die seit einem halben Jahrhundert im öffentlichen Diskurs stets in die populistische Ecke gestellt oder als „nordkoreanisch“ bezeichnet wurden, erscheinen plötzlich als Lösungen in einer bis dato vom Kult der Geld- und Warenströme und von der Sparpolitik regierten Welt.

Von Panik getrieben, entdecken selbst die Mediengurus plötzlich, was sie eifrig ignoriert hatten: „Kann man nicht auch sagen, dass uns diese Krise im Grunde auffordert, ganz neu über Aspekte der Globalisierung, unsere Abhängigkeit von China, Freihandel und Flugverkehr nachzudenken?“, fragte am 9. März auf France Inter der Journalist Nicolas Demorand, der sein Mikrofon seit Jahren den Kritikern des Protektionismus überlässt.

Die Marktlogik muss den Verstand schon gründlich deformiert haben, wenn die Mächtigen erst nach dem Ausbruch einer mörderischen Pandemie den einfachen Wahrheiten Gehör schenken, die Mediziner seit Jahrzehnten wiederholen: „Ja, wir brauchen eine staatliche Krankenhausstruktur, die ständig verfügbare Betten hat“, betonen die Mediziner André Grimaldi, Anne Gervais Hasenknopf und Olivier Milleron.8 „Das neue Coronavirus hat das Verdienst, uns an Selbstverständlichkeiten zu erinnern: Man bezahlt die Feuerwehrleute nicht nur, wenn es brennt. Man möchte, dass sie in ihrer Wache bereitstehen, auch wenn sie nur ihre Fahrzeuge polieren, während sie auf den Alarm warten.“

Von der Krise im Jahr 1929 bis zur neoliberalen Offensive in den 1970ern hat sich der Kapitalismus erhalten und erneuert, indem er seine Institutionen, oft widerwillig, der Verpflichtung unterwarf, vorauszusehen, was ohne Warnung hereinbricht: Brände, Krankheiten, Naturkatastrophen, Finanzkrisen. Um das Unvorhergesehene zu planen, musste man mit der Marktlogik brechen, die allein nach Angebot und Nachfrage einen Preis festlegt, das Unwahrscheinliche ignoriert und die Zukunft mit Formeln berechnet, in denen die Gesellschaft nicht vorkommt.

Diese Blindheit der Standardökonomie, die an den Börsen ins Extrem getrieben wird, bemerkte auch der ehemalige Broker und Statistiker Nassim Nicholas Taleb. In seinem Buch „Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“, das wenige Monate vor der Finanzkrise von 2008 erschien, schrieb er über die Prognostiker: „Das Expertenproblem besteht darin, dass sie keine Ahnung von dem haben, was sie nicht wissen.“9 Taleb bezeichnete es als absurd, das Unvorhergesehene zu ignorieren in einer Welt, die durch die Vervielfachung unerwarteter Ereignisse – eben die „schwarzen Schwäne“ – geprägt sei.

Ende März 2020 kann jeder, der an seinem Fenster die Stille der eingesperrten Stadt dröhnen hört, über die Verbissenheit nachdenken, mit der sich der Staat nicht nur der Intensivbetten beraubt hat, sondern auch seiner Planungsinstrumente, die heute von ein paar globalen Versicherungs- und Rückversicherungskonzernen monopolisiert werden.10

Kann die Zäsur dieser Pandemie die Entwicklung umdrehen? Um das Mögliche und das Zufällige wieder in die Steuerung der öffentlichen Daseinsvorsorge aufzunehmen, um weiter zu schauen als bis zur Kosten-Nutzen-Rechnung und eine ökologische Planung vorzunehmen, müsste man den größten Teil der Dienste verstaatlichen, die für das Leben der modernen Gesellschaft unverzichtbar sind, von der Straßenreinigung über die digitalen Netze bis zum Gesundheitswesen.

Die Sichtweise des Historikers legt nahe, dass eine Veränderung der Verhältnisse, der Entwicklung, des Nachdenkens über das kollektive Leben und die Gleichheit unter normalen Umständen unmöglich ist. „Im Laufe der Geschichte“, schreibt der österreichische Historiker Walter Scheidel, „haben vier verschiedene Arten gewaltsamer Brüche die Ungleichheit verringert: Massenmobilisierungskriege, Revolutionen, der Bankrott von Staaten und verheerende Pandemien.“11 Sind wir an diesem Punkt angelangt?

Andererseits hat das Wirtschaftssystem im Verlauf seiner Geschichte eine außergewöhnliche Fähigkeit bewiesen, die immer häufiger werdenden Stöße zu parieren, die seine Irra­tio­nalität verursacht. So setzen sich auch bei den heftigsten Erschütterungen in der Regel die Verteidiger des Status quo durch. Sie nutzen die allgemeine Fassungslosigkeit aus, um die Macht des Marktes noch weiter auszudehnen. Der Katastrophen-Kapitalismus, den Naomi Klein kurz vor der großen Rezession von 2008 analysierte, schert sich nicht um die Erschöpfung der Rohstoffe und der sozialen Sicherungssysteme, die die Krise dämpfen könnten. In einer Anwandlung von Optimismus schrieb die kanadische Journalistin: „Wir reagieren auf einen Schock nicht immer mit Regression. Manchmal wachsen wir auch angesichts einer Krise – und zwar schnell.“12 Diesen Eindruck wünschte wohl auch Präsident Macron in seiner Erklärung vom 12. März zu erwecken.

Er wolle, „das Entwicklungsmodell, dem unsere Welt seit Jahrzehnten folgt und das jetzt seine Tücken offenbart, und die Schwächen unserer Demokratie hinterfragen“, sagte Macron. Bereits heute offenbare diese Pandemie, dass ein kostenloses Gesundheitswesen ohne Unterscheidung nach Einkommen, Karriere oder Beruf sowie unser Wohlfahrtsstaat kein bloßer Kostenfaktor sei, sondern „ein unverzichtbarer Trumpf, wenn das Schicksal zuschlägt“. Die Pandemie zeige, dass es Güter und Dienstleistungen gebe, die außerhalb der Marktgesetze stehen müssten. „Es ist Wahnsinn, wenn wir unsere Ernährung, unseren Schutz, die Fähigkeit, unser Leben zu gestalten, in fremde Hände geben. Wir müssen wieder die Kontrolle übernehmen.“

Drei Tage später verschob er die Rentenreform und die Reform des Arbeitslosengelds und verkündete Maßnahmen, die bisher als unmöglich galten: die Einschränkung von Entlassungen und die Aufgabe der Haushaltsbeschränkungen. Und die Umstände könnten diesen Wandel noch verstärken: Die Obsession des Präsidenten etwa, die Ersparnisse und Beamtenpensionen an den Aktienmärkten zu investieren, wirkt vor dem Hintergrund des Absturzes der Börsenkurse nicht gerade wie ein visionärer Geniestreich.

Das Arbeitsgesetz aussetzen, die Bewegungsfreiheit einschränken, Unternehmen mit vollen Händen unterstützen und sie von Sozialabgaben freistellen, auf denen das Gesundheitssystem beruht – diese Maßnahmen allerdings stellen keinen radikalen Bruch mit der bisherigen Politik dar. Der massive Transfer von öffentlichen Geldern in den Privatsektor erinnert an die staatliche Bankenrettung von 2008. Die Rechnung kam dann in Form der Sparpolitik, von der vor allem die Angestellten und die öffentlichen Dienstleistungen betroffen waren. Weniger Krankenhausbetten, um die Banken wieder flottzumachen: das war die Devise.

Auch deshalb drängte sich bei Macrons Rede die Erinnerung an einen Septembertag des Jahres 2008 auf. Damals, kurz nach dem Crash von Lehman Bro­thers, trat der damalige Präsident Sarkozy vor die Kameras und verkündete seinen verblüfften Anhängern feierlich: „Eine bestimmte Vorstellung der Globalisierung stirbt gerade mit dem Ende eines Finanzkapitalismus, der der ganzen Wirtschaft seine Logik aufgezwungen und dazu beigetragen hat, sie zu verderben. Die Idee, dass die Märkte immer recht haben, war eine irrsinnige Idee.“13 Das hinderte ihn allerdings nicht daran, auf den Weg des gewöhnlichen Wahnsinns zurückzukehren, sobald das Unwetter vorüber war.

1 Quelle OECD.

2 „Raccomandazioni di etica clinica per l’ammissione a trattamenti intensivi e per la loro sospensione“, Siaarti, Rom, 6. März 2020.

3 Bruno Canard, „J’ai pensé que vous avions momentanément perdu la partie“, Rede am Ende der Demonstration vom 5. März 2020, nachzulesen unter academia.hypotheses.org.

4 Twitter, 9. März 2020.

5 Jean Delumeau, „Angst im Abendland, Die Geschichte kollektiver Ängste in Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts“, Reinbek (Rowohlt) 1998.

6 Heinrich Heine, „Französische Zustände“, online frei verfügbar bei Zeno.org.

7 New York Times, 11. März 2020.

8 Le Monde, 11. März 2020.

9 Nassim Nicholas Taleb, „Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“, München (Hanser) 2008.

10 Razmig Keucheyan, „La Nature est un champ de bataille. Essai d’écologie politique“, Paris (La Découverte) 2014.

11 Walter Scheidel, „Nach dem Krieg sind alle gleich: Eine Geschichte der Ungleichheit“, Darmstadt (Konrad Theiss Verlag) 2018.

12 Naomi Klein, „Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“, Frankfurt a. M. (Fischer) 2009.

13 Rede in Toulon am 25. September 2008.


Aus: "Marktlogik und Katastrophenmedizin" (Aus dem Französischen von Claudia Steinitz Le Monde diplomatique vom 09.04.2020, von Renaud Lambert und Pierre Rimbert)
Quelle: https://www.monde-diplomatique.de/artikel/!5672009