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[Filmgeschichte (Notizen)... ]

Started by lemonhorse, June 24, 2012, 06:32:46 PM

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Quote[...]  Eine Ausstellung im Pariser Musée d' Orsay zeichnet in über 400 Objekten die Geburt des Kinos im 19. Jahrhunderts nach.  ...

... Als die Gebrüder Lumière 1895 in Paris ihre ersten Filme zeigten, kündigten sie sie als ,,bewegte Fotografien" an. Damit ist über die Herkunft des Films alles gesagt; und dies nicht einmal im übertragenen Sinne, sondern wortwörtlich, besteht doch der herkömmliche Kinofilm aus unendlich vielen, einzelnen Fotografien, deren schneller Durchlauf durch den Projektionsapparat im menschlichen Auge (und Hirn) die Illusion eines bewegten Bildes erzeugt. Kulturhistorisch gesehen, reichen die Wurzeln des Films weiter als nur bis in die Fotografie. Das Kino tritt das Erbe an von Varieté und Zirkus, von Horrorkabinetten und Monstrositäten. Es war in seinen Jugendjahren mehr denn je danach ein Unterhaltungsmedium, ein Vergnügen für die Massen.

Das Pariser Musée d'Orsay als Museum des 19. Jahrhunderts ist prädestiniert, eine Ausstellung weniger zur Geschichte des Films als zu dessen kulturhistorischer Einbettung zu machen. ,,Endlich Kino!" versammelt rund 400 Objekte, vor allem aus dem Bereich der bildenden Kunst und der Fotografie, aber ebenso an historischer Technik und an jenen ephemeren Dingen wie Plakaten und Handzetteln, die die Frühzeit des Kinos begleiten.


... Der ,,Voyeur" kommt als Begriff um 1880 auf, und wiederum ist die Kamera das passende Medium: Sie blickt buchstäblich durchs Schlüsselloch auf nackte, sich räkelnde Körper. Sie entdeckt ebenso das verborgene historische Ereignis, am liebsten Attentate, und natürlich schweift sie in die Ferne, von wo sie Bilder von Karawanen oder Erdölfeldern mitbringt. Die ersten Vorführungen finden im Varieté statt, als Teil eines Programms mit Clowns und Akrobaten. Um 1906 schließlich verfestigt sich der Film und erhält eigene Abspielorte. Das Spektakel vor zufälliger Menge, wie auf dem Rummelplatz, weicht der geregelten Vorführung vor zahlendem Publikum. Das Kino entwächst den Kinderschuhen und wird zur gesellschaftlichen Veranstaltung, aus ,,U" wird mehr ,,E". Aber welchen Weg hat das Bewegtbild zurückgelegt! Fast benommen verlässt man diese bunte, die Sinne fordernde Ausstellung. Alles ist Kino.


Aus: "Wie die Filmkultur aus der Malerei entstand" Bernhard Schulz (14.10.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/fotografie-impressionismus-kino-wie-die-filmkultur-aus-der-malerei-entstand/27702950.html

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#21
"Der gefährlichste Mann in Amerika?"
Abraham Polonsky im Gespräch mit Wolf-Eckart Bühler (März 1981)
... Die Blacklist begann in Hollywood in dem Augenblick, als die ersten 19 von dem Komitee aufgefordert wurden, zu erscheinen. Vorher gab es inoffizielle Blacklists, da gab es eine von Leuten, die die Guilds versuchten zu organisieren, da gab es eine von Leuten, die bei gewissen Studios nicht gerne gesehen waren usf. Aber die eigentliche Blacklist, die politische Blacklist als ein offizielles Instrument der Politik der Hollywood-Filmindustrie, die begann mit der ersten Gruppe, die vor das HUAC zitiert wurde. Von diesem Augenblick an wurde jeder, der von einem Spitzel genannt wurde, oder dessen Name von weiß Gott wem genannt wurde, Teil dieser Blacklist. Später wurde das dann besser organisiert, es gab diverse Gruppen innerhalb der Studios und innerhalb der Fernsehanstalten, und die stellten Leute an, die für sie die Blacklists aufstellten.
Schließlich gab es Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und eine Art von Blacklisting-Privatindustrie, die sich über die ganzen Vereinigten Staaten ausbreitete. Ungleich dem Blacklisting in den Gewerkschaften der Schwerindustrie, das gewöhnlich auf der Tatsache beruhte, daß Leute, die die Gewerkschaften organisierten, für diese oder jene Zeit gebannt wurden, war dies ausgesprochen diskriminierend, vor allem wahllos. Hauptsächlich geschah es deshalb, weil die Filmindustrie den herrschenden Klassen in den USA das Gefühl geben wollte, das sie loyal sei, daß sie in der Zeit der Kalten Krieges kooperierte, und also wurde die Welt in zwei verschiedene Lager aufgeteilt – und diese Lager existieren, selbstverständlich, auch heute noch. ...
https://newfilmkritik.de/archiv/2020-06/der-gefaehrlichste-mann-in-amerika/

Abraham Lincoln Polonsky (* 5. Dezember 1910 in New York City; † 26. Oktober 1999 in Beverly Hills, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Drehbuchautor und Filmregisseur. ... Als überzeugter Marxist trat Polonsky in die Kommunistische Partei der USA ein und war auch gewerkschaftlich aktiv. Seine Weigerung im Jahr 1951, im Zuge der Ermittlungen der McCarthy-Ära über seine politischen Aktivitäten auszusagen und Parteimitglieder zu verraten, führten zu seiner Entlassung durch die 20th Century Fox, und er kam auf die ,,Schwarze Liste", die sein berufliches Aus in Hollywood bedeutete. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Polonsky

McCarthy-Ära (auch McCarthyismus) bezeichnet einen Zeitabschnitt der jüngeren Geschichte der Vereinigten Staaten in der Anfangsphase des Kalten Krieges. Sie war durch einen lautstarken Antikommunismus und Verschwörungstheorien geprägt und ist auch als Second Red Scare (deutsch ,,Zweite Rote Angst") bekannt. Obwohl der namensgebende Senator Joseph McCarthy nur von 1950 bis 1955 öffentlich in Erscheinung trat, wird der gesamte Zeitraum der Verfolgung echter oder vermeintlicher Kommunisten und deren Sympathisanten, der so genannten Fellow travellers, von 1947 bis etwa 1956 heute als McCarthy-Ära bezeichnet. ... 1952 gab er eine Sammlung seiner antikommunistischen Reden unter dem Titel McCarthyism: The Fight for America heraus. Heute wird der Begriff dagegen zumeist mit negativer Konnotation für die demagogische Kommunistenjagd der frühen 1950er Jahre benutzt, bei der die hysterischen Ängste der Bevölkerung ausgenutzt worden seien, um Unschuldige oder relativ harmlose Andersdenkende zu verfolgen; er wird assoziiert mit Verschwörungstheorien[55] und einer ,,Herrschaft des Terrors", in der auf schlüssige Beweisführung kein Wert mehr gelegt worden sei. Losgelöst vom eigentlichen historisch-politischen Bezug, wird der Begriff auch für die Verwendung von Unterstellungen und unbewiesenen Behauptungen, ganz gleich zu welchem Zweck, gebraucht. Historisch erwies sich der McCarthyismus nicht als eine dauerhafte Begleiterscheinung des Kalten Krieges. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/McCarthy-%C3%84ra

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Hollywoods schwarze Liste hatte die Aufgabe, die Beschäftigung von Drehbuchautoren, Schauspielern, Regisseuren, Musikern und anderen Tätigen der Unterhaltungsindustrie aufgrund des Verdachts der Mitgliedschaft oder Unterstützung der Kommunistischen Partei der USA zu unterbinden. Hintergrund war die Rote Angst in der McCarthy-Ära.
Die erste systematische Liste wurde am 25. November 1947 im Anschluss an die Affäre mit den Hollywood Ten herausgegeben. Am 22. Juni 1950 wurde das Papier ,,Red Channels" veröffentlicht, das die Namen von 151 Personen nannte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Hollywoods_Schwarze_Liste

" ... ,,Trumbo" dreht sich um ein düsteres Kapitel in der Geschichte der Traumfabrik. Der geniale Autor, der Drehbücher für Filme wie ,,Ein Herz und eine Krone", ,,Spartacus" und ,,Papillon" lieferte, hatte als Mitglied der ,,Hollywood 10" jahrelang Berufsverbot und musste heimlich unter Pseudonym schreiben. Er hatte sich 1947 mit neun anderen Hollywood-Größen geweigert, vor dem Komitee für ,,Unamerikanische Umtriebe" des Abgeordnetenhauses in Washington über sein Verhältnis und das seiner Kollegen zur Kommunistischen Partei auszusagen. Wegen Missachtung des Kongresses kam er für elf Monate ins Gefängnis. ..."
Aus: "Hollywoods schwarze Liste: Bryan Cranston als ,,Trumbo"" (Montag, 07.03.2016)
https://web.archive.org/web/20210419162359/https://www.focus.de/kultur/kino_tv/film-hollywoods-schwarze-liste-bryan-cranston-als-trumbo_id_5339031.html

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Salt of the Earth is a 1954 American film drama written by Michael Wilson, directed by Herbert J. Biberman, and produced by Paul Jarrico. Because all three men were blacklisted by the Hollywood establishment due to their alleged involvement in communist politics,[1] Salt of the Earth was one of the first fully independent films made outside of the Hollywood studio system. ... The film was initially mired in Red Scare controversy and was suppressed. Eventually though, it was seen by more and more people until it came to be recognized as an important cultural, political and aesthetic work. In 1992, it was selected to the Library of Congress's National Film Registry of significant U.S. films. ... Plot ... The majority of the miners are Mexican-Americans and want decent working conditions equal to those of white or "Anglo" miners. The unionized workers go on strike, but the company refuses to negotiate and the impasse continues for months. ...
https://en.wikipedia.org/wiki/Salt_of_the_Earth_(1954_film)

https://www.arsenal-berlin.de/assets/Legacy/katalog_blaetter/1972_SatOfTheEarth_6.pdf



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Quote[...] Am 14. und 16.10.1973 zeigt die ARD "Welt am Draht". Noch bevor Zuschauer vor PCs sitzen, werden sie vor die Frage gestellt, wie es in einem Computer wäre.

Das Leben in einer Simulation ist der Stoff vieler Filme. "Tron" als früher und knallbunt-charmanter Vertreter prägt die Achtziger. Ende der neunziger Jahre, als das Internet in die Wohnzimmer und Büros kriecht, hat das Thema Konjunktur. "Matrix" fällt einem natürlich zuerst ein, "Dark City", "eXistenZ", "Total Recall" oder der spanische "Open Your Eyes" mit seinem Hollywood-Remake "Vanilla Sky". Und die Serie "Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert" unter Captain Picard mit ihrem unerschöpflichen Holodeck.

Weit weniger bekannt ist ein deutscher Beitrag, der vor allen anderen erscheint: der zweiteilige Fernseh-Film "Welt am Draht" von 1973. Gedreht von Regie-Wunderkind Rainer Werner Fassbinder und mit Klaus Löwitsch in der Hauptrolle.

Ort der Handlung ist das Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung. Hier läuft als Computer-Simulation eine virtuelle Welt. Sie ist bevölkert von 10.000 "Identitätseinheiten", die man heute Avatare nennen würde. Sie leben wie Menschen, aber sie wissen nicht, dass sie nur Bits und Bytes in einer Maschine sind. Die "Welt in einer Nußschale", ein elektronisches Simulationssystem, kurz genannt Simulacron 1, was auch auf den lateinischen Begriff Simulacrum anspielt: ein Abbild.

Der Zweck des Aufbaus ist pragmatisch: Er soll künftige Konsumgewohnheiten, Wohnbedürfnisse und taugliche Verkehrssysteme voraussagen. Vom Staat beauftragt und eigentlich für wissenschaftliche Zwecke gedacht. Doch rasch kommt der Verdacht auf, man würde unter der Hand auch die Industrie füttern. Für sie ist es natürlich wertvoll zu erfahren, ob man zum Beispiel künftig eher auf Stahl oder eher auf Kunststoff setzt.

Wie "Gott in einer Miniaturwelt" über "die Leute in einem Fernsehapparat, die uns etwas vortanzen" regiert der Schöpfer des Ganzen, Direktor Henry Vollmer. Doch ihn bedrückt etwas, das er einem Mitarbeiter vorsichtig mitteilen muss: "Ich weiß etwas, was du nicht weißt, und was auch niemand wissen darf, weil es das Ende dieser Welt wäre."

Seine letzten Worte, ehe er unerwartet an einem Stromschlag stirbt. Sein Nachfolger (und Hauptfigur des Films) wird Fred Stiller; und der gerät im Bemühen, den Tod aufzuklären, in einen Strudel seltsamer Ereignisse. Personen verschwinden nicht nur spurlos – man tut so, als wenn es sie gar nicht gegeben hätte. Ein Zeitungsartikel ist nicht mehr im Blatt zu finden. Stiller bekommt regelmäßig heftige Kopfschmerzen, hat Aussetzer und überlebt um Haaresbreite einen Mordanschlag.

Der erste Teil mündet in einer großen Enthüllung, die aufmerksame Heise-Leser schon in den ersten Minuten erahnen würden: Die Welt, in der Fred Stiller lebt, ist ebenfalls eine Simulation. Auch er ist nur "eine Nummer in einer Versuchsstation". Somit gibt es drei Welten. Die reale, eine simulierte und darin eine weitere simulierte.

Viel Raum für Fragen vor dem Bildschirm zu einem möglichen Leben hinter dem Bildschirm. Und das 1973, wo kaum jemand einen Computer gesehen hat und Videospiele auf dem Niveau von "Pong" sind.

Leben wir in einer Illusion, in einer Matrix? Ist dort eine Zigarette echt, weil sie sich echt anfühlt, obwohl es nur die Idee einer Zigarette ist? Solche Überlegungen machen auch den Einheiten zu schaffen. Eine erkennt ihr Los und möchte ihrem virtuellen Leben ein Ende setzen. Eine weiß um ihr Los, als einzige, weil sie als Kontakt zur Außenwelt dient; und mit einem Trick gelingt es ihr, aus der virtuellen Welt auszubrechen.

Vorlage für "Welt am Draht" ist der Roman "Simulacron-3" des Amerikaners Daniel F. Galouye. Fassbinder zur Seite steht der Kameramann Michael Ballhaus, dem später in Hollywood unter Regisseuren wie Martin Scorsese eine Weltkarriere gelingt. Behäbiger erzählt als Filme von heute und eingefärbt in kühlem IBM-Blau, wirkt "Welt am Draht" auf den ersten Blick wie ein typischer Tatort. Auf den zweiten Blick fallen die Schauspieler auf. Ballhaus: "Alle Figuren in diesem Film haben ein Geheimnis: Wie die gucken, wie die sich bewegen, wie die Gesichter geschminkt sind, wie die angezogen sind – das waren alles Kunstfiguren, bis auf die Hauptfigur. Aber alle anderen waren schon vom Stil her verfremdet." Und überall gibt es Spiegel, die die Illusion verstärken – aber den Dreh erschweren. Eine passende futuristische Kulisse findet man in Paris, wo ein Großteil des Films gedreht wird. 44 Drehtage mit je 16 bis 18 Stunden fügen sich zu dreieinhalb Stunden – der Auftraggeber WDR akzeptiert einen Zweiteiler.

Als die Rechte am Roman wieder freiwerden, bemüht sich Ballhaus um ein Remake des Films (Fassbinder stirbt mit nur 37 Jahren), überlässt es aber Roland Emmerich, den Stoff 1999 unter dem Namen "The 13th Floor" zu produzieren. "Welt am Draht" ist lange Zeit nur unter der Hand zu bekommen. Für die Berlinale 2010 wird der Film unter der Leitung von Michael Ballhaus restauriert. Seitdem ist er auf DVD und Blu-ray (unter dem Arthaus-Label von Studiocanal) erhältlich; und mittlerweile auch über "Draht".

(bme)


Aus: "50 Jahre "Welt am Draht": Der Film, der "Matrix" vorwegnimmt" René Meyer (14.10.2023)
Quelle: https://www.heise.de/news/50-Jahre-Welt-am-Draht-Der-Film-der-Matrix-vorwegnimmt-9334769.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Welt_am_Draht

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#23
Karel Doing: "Ruins and Resilience"
The Longevity of Experimental Film
Karel Doing is an experimental filmmaker and researcher who has worked across the globe with fellow artists and filmmakers, creating a body of work that is difficult to pinpoint with a simple catchphrase. In Ruins and Resilience he weaves autobiographical elements and critical reviews together with his wide ranging interdisciplinary approach, reflecting on his own practice by positioning key works within the context of a vibrant experimental film scene in Europe, North and South America, and Asia. Doing demonstrates how experimental filmmakers have continued to renew their practice despite the almost total demise of analog motion picture film and the constant neglect of this art form by institutions and critics. Written in a fluent and accessible style, the book looks into the connections between the work of groundbreaking artists within the field and subjects such as transgression, improvisation, collectivity, materiality, phenomenology, and perception. Specifically, intersections with music and sound are investigated, appealing to the idea of the cross-modal brain, the ability to perceive sounds and images in an integrated way. Instead of looking again at the "golden era" of experimental film, the book starts in the 1980s, showing how this art form has never ceased to surprise and inspire. The author's hands-on engagement with the medium is formational for his more theoretical approach and writing, making the book a highly original contribution in the field that is informative and inspiring for academic and practitioners alike.
https://www.gold.ac.uk/goldsmiths-press/publications/ruins-and-resilience/

https://kareldoing.net/

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Quote[...] Sandra Maischberger hat sich in den vergangenen Tagen ziemlich häufig zu Wort gemeldet. Letztlich geht es darum, auf ihren Film über Leni Riefenstahl aufmerksam zu machen, der am 31. Oktober in die deutschen Kinos kommt. In den Interviews, die die Moderatorin und Journalistin derzeit gibt, sucht sie auch immer nach erklärenden Worten zu dieser Arbeit. Entstanden ist der Film über die NS-Filmemacherin Riefenstahl (1902-2003), den Maischberger produziert hat, in Zusammenarbeit mit Regisseur Andres Veiel. Die beiden werteten den umfangreichen Nachlass (700 Kisten) Riefenstahls aus. Der Film hatte Ende August bei den Filmfestspielen in Venedig Premiere. Hier wurde Riefenstahl, die ihre ideologische Nähe zum NS-Regime nach dem Zweiten Weltkrieg stets zu leugnen versuchte, selbst mehrfach ausgezeichnet: 1932 erhielt sie eine Silbermedaille für den Film ,,Das blaue Licht", 1934 Gold für ,,Triumph des Willens" und schließlich 1938 für ,,Olympia" die Coppa Mussolini für den besten ausländischen Film.

Maischberger hat Riefenstahl in ihren letzten Lebensjahren persönlich an ihrem Wohnort getroffen. Über diese Begegnung sagte sie in der ARD: ,,Ich bin aus ihrem Haus in Pöcking am Starnberger See rausgekommen und war völlig unbefriedigt von diesem Interview, weil ich dachte, dass ich nicht an sie rangekommen bin. Sie erzählt nicht die Wahrheit."...


Aus: "Sandra Maischberger präsentiert ihren Film ,,Riefenstahl" in Münchner Kino" (27. Oktober 2024)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/sandra-maischberger-riefenstahl-premiere-muenchner-leute-der-woche-sportfreunde-stiller-lux.SfR1Uv19Ax418ztE51efyX


Filmjournalist Dieter Oßwald schreibt auf dem Arthaus-Portal Programmkino . de: ,,Ein akribisch zusammengestelltes, spannendes Puzzle einer widersprüchlichen Biografie. ,Visionärin? Manipulatorin? Lügnerin?' fragt das Poster programmatisch. Die Antworten überlässt Veiel, wie immer, klugerweise dem Publikum. Ein Meilenstein des biografischen Films. Zugleich ein wichtiger Aufklärungsfilm über die Macht der Bilder – in KI-Zeiten allemal von Aktualität."...
https://de.wikipedia.org/wiki/Riefenstahl_(Film)

Ausgabe 691 - Medien, Neuer Dokumentarfilm: Reizfigur Riefenstahl
Thomas Schuler (26.06.2024)
Warum fallen Menschen immer wieder auf Lügen herein? Und wo beginnt Propaganda? Solchen Fragen wollen der Stuttgarter Regisseur Andres Veiel und die Produzentin Sandra Maischberger in ihrem Film über den Nachlass der NS-Propagandistin Leni Riefenstahl nachgehen. ...
https://www.kontextwochenzeitung.de/medien/691/reizfigur-riefenstahl-9606.html

"Riefenstahl-Doku: Nazi-Propagandistin war mehr als Mitläuferin" Moritz Holfelder (29.10.2024)
Filme, wie "Triumph des Willens" oder "Olympia". Die Machart und die Ideologie, die sich darin zeigte, ließen sich nicht voneinander trennen, sagen sie – und sprechen von heroisierenden Aufnahmen in Untersicht, von der Synchronität von Körpern sowie von der Betonung eines arischen Schönheitsideals.
Das sei ein leitender Gedanke bei der Arbeit gewesen, sagt Produzentin Sandra Maischberger: "Die Ästhetik Riefenstahls ist gegenwärtig. Was, wenn die dahinterstehenden Ideale auch gegenwärtig sind?" Eine Frage, die das Team irgendwann nicht mehr losgelassen habe, und durch die der Film ein sehr drängendes, gegenwärtiges Thema geworden sei. ... Riefenstahl dekonstruiert sich selbst. Ziel des Films von Andres Veiel und Produzentin Sandra Maischberger ist es auch, das Schicksal Riefenstahls exemplarisch in die Gegenwart zu holen, eben zu zeigen, wie sich bis heute die Riefenstahl'sche Gesinnung hält und rechtsnationale Bestrebungen wieder Konjunktur haben. ...
https://www.br.de/nachrichten/kultur/riefenstahl-doku-nazi-propagandistin-war-mehr-als-mitlaeuferin,USU7im2

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Konrad Klejsa, Schamma Schahadat, Margarete Wach (Hg.): Der Polnische Film – Von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, Schüren Verlag 2013, 564 Seiten, ISBN 978-3-89472-748-2.
https://www.schueren-verlag.de/programm/titel/der-polnische-film-von-seinen-anfaengen-bis-zur-gegenwart.html

https://www.schueren-verlag.de/images/verlag/medien/325-inhalt.pdf

https://www.perlentaucher.de/buch/konrad-klejsa-schamma-schahadat-margarete-wach/der-polnische-film.html


"Kino zum Lesen: Der polnische Film" Jochen Kürten (13.03.201313)
Die Geschichte des Kinos unseres Nachbarlandes ist hierzulande weitgehend unerforscht. Erstmals liegt nun eine deutschsprachige Filmgeschichte Polens vor.
https://www.dw.com/de/kino-zum-lesen-der-polnische-film/a-16667188


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"Filmliteratur: Nach Fassbinder" - Das Buch ,,Nach Fassbinder: Das bundesrepublikanische Kino der 1980er Jahre" zielt darauf ab, die filmischen Entwicklungen der wenig geschätzten 1980er-Jahre im deutschen Kino neu zu bewerten.
Die bundesrepublikanische Filmgeschichte der 1980er-Jahre hat einen üblen Ruf. Biedermeierlich sei dieses Jahrzehnt gewesen, harmlos und angepasst, lauten einige der immer wieder vorgebrachten Vorwürfe. Verbunden wird dies gern mit dem frühen Tod von Rainer Werner Fassbinder im Jahr 1982, nach dem der Neue Deutsche Film seinen Schwung verloren habe zugunsten eines deutlich mehr am Publikumsgeschmack orientierten Kinos. Das Buch ,,Nach Fassbinder" versucht sich an einer Revision dieses monolithischen Urteils....
Ein Beitrag von Ralph Eue, Aktualisiert am 26.03.2025
https://www.filmdienst.de/artikel/72109/filmliteratur-nach-fassbinder

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#27
Quote[...] Einen Nestbeschmutzer haben sie ihn genannt. Dabei hatte der Regisseur Marcel Ophüls nie die Absicht, seine Wahlheimat Frankreich zu verurteilen. Sein Dokumentarfilm ,,Das Haus nebenan" war nicht mehr als das, was der Untertitel der deutschen Kinoversion nahelegt: eine ,,Chronik einer französischen Stadt im Krieg".

In Frankreich wurde Ophüls' wichtigster Film, der ihm 1970 eine Oscar-Nominierung einbrachte und ihn neben Claude Lanzmann als wichtigsten Chronisten der Judenvernichtung im europäischen Kino etablierte, feindselig aufgenommen. Erst 1981 lief er erstmals im staatlichen Fernsehen.

Mit dem viereinhalbstündigen ,,Das Haus nebenan" widerlegte Ophüls gründlich den französischen Mythos des Widerstands gegen die deutschen Besatzer. Er interviewte für seinen Film die Bewohner der kleinen Industriestadt Clermont-Ferrand, Lehrer, Bauern, Geschäftsleute, zu ihren Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs.

Viele behaupteten, heimlich Teil des Widerstandsnetzwerks gewesen zu sein; niemand wollte gesehen haben, was mit den jüdischen Bewohnern geschehen war. Ophüls sprach auch mit Pierre Mendès France, dem späteren französischen Außenminister, der dem Vichy-Regime entkommen war, und dem berüchtigten Journalisten Christian de la Mazière, der mit der Waffen-SS gekämpft hatte.

,,Das Haus nebenan" war keine Anklage. Niemand, so Ophüls, könne ein Leben unter dem NS-Regime nachvollziehen. Seine Frau sei Deutsche und ebenfalls in der Hitler-Jugend gewesen, erzählte er in den 1980er Jahren. ,,Ich glaube nicht an eine Kollektivschuld." Sein Leben widmete er der Aufarbeitung der individuellen Schuld an den Nazi-Verbrechen.

Er selbst war 1927 in Frankfurt am Main als Sohn des berühmten Regisseurs Max Ophüls geboren worden, die jüdische Familie war über Frankreich in die USA geflohen.

1952 ging Marcel Ophüls zurück nach Frankreich und trat in die Fußstapfen des Vaters – blieb aber in dessen übermächtigem Schatten. Nach der Krimikomödie ,,Heißes Pflaster" (1963) mit Jean-Paul Belmondo und Jeanne Moreau begann er sich näher mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Ein gebürtiger Deutscher mit amerikanisch-französischer Staatsbürgerschaft in einem Land, dessen Bevölkerung sich immer noch als Opfer des Nazi-Terrors bezeichnete.

Sein erster Dokumentarfilm ,,Hundert Jahre ohne Krieg" (1967) kritisierte Chamberlains Appeasement-Politik und das ,,Münchner Abkommen". Schon da bediente er sich vieler Stilmittel seiner späteren Arbeiten.

Mit dem Welterfolg ,,Das Haus nebenan" begann in Frankreich eine Phase der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Zweiten Weltkrieg. 1970 drehte Ophüls ,,The Harvest of My Lai" über die amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam, doch er kehrte immer wieder zu den Kriegsverbrechen der Deutschen zurück.

Zwischen 1973 und 1976 entstand ,,The Memory of Justice" über die Nürnberger Prozesse, gefolgt von seinem zweiten einflussreichen Dokumentarfilm. ,,Hôtel Terminus" (1988) über den Prozess gegen den Gestapo-Kommandanten Klaus Barbie, bekannt als ,,Schlächter von Lyon", brachte ihm 1989 einen Oscar ein.

Auch wenn Barbie im Film selbst nicht zu Wort kommt – er erschien nicht vor Gericht – gelingt Ophüls mit ,,Hôtel Terminus" in Gesprächen mit Jugendfreunden, Nachbarn, Opfern und Tätern eine komplexe Reflexion über Verdrängung, Schuld und die Unmenschlichkeit des NS-Regimes.

In Ophüls' Filmen schimmerte immer auch die Auseinandersetzung mit der eigenen komplizierten Biografie durch. Diese zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass er sich bis zu seinem Tod – und trotz der Verbrechen seiner Landsleute – als Deutscher verstand. Am Sonnabend ist Marcel Ophüls im Alter von 97 Jahren in seiner französischen Wahlheimat gestorben.


Aus: "Nachruf auf Marcel Ophüls: Chronist der deutschen Verbrechen" Andreas Busche (26.05.2025)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/nachruf-auf-marcel-ophuls-chronist-der-deutschen-verbrechen-13757029.html

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"Marcel Ophüls: Geschichte wird von Menschen gemacht" Ein Nachruf von Georg Seeßlen (27. Mai 2025)
Mit seinen Dokumentarfilmen prägte Marcel Ophüls die Erinnerungsarbeit der Nachkriegszeit. Nun ist der Regisseur mit 97 Jahren gestorben. ... Wann, wenn nicht jetzt, wären sie von brennender Aktualität, die Dokumentationen, die Marcel Ophüls über die Protagonisten der NS-Zeit, die Täter hier, die Mitläufer dort, die Kollaborateure, die Verdränger und Verleugner, die Beurteiler und die Opfer, gedreht hat, und die vielen die Augen geöffnet haben, sowohl was die "Banalität des Bösen" als auch das Verschweigen und Beharren anbelangt? The Memory of Justice (1976) ist nicht nur der Titel des mittleren Films in Ophüls' Trilogie des Erinnerns, zu der auch Das Haus nebenan und Hotel Terminus (1988) gehören. Es ist auch ein Motto zu seinem Werk. Ophüls' Filme helfen dabei, Unterschiede und Entwicklungen zu erkennen. Aber sie nehmen uns die Arbeit der eigenen Bewertung nicht ab. ...
https://www.zeit.de/kultur/film/2025-05/marcel-ophuels-regisseur-film-tod/komplettansicht

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Marcel Ophüls (* 1. November 1927 in Frankfurt am Main; † 24. Mai 2025 in Lucq-de-Béarn) war ein deutsch-französischer Filmregisseur und Dokumentarfilmer. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Oph%C3%BCls

Hôtel Terminus: Zeit und Leben des Klaus Barbie ist ein Dokumentarfilm von Marcel Ophüls über das Leben von Klaus Barbie.
Klaus Barbie war von 1942 bis 1944 Kommandant der Gestapo im besetzten Lyon. Im Hotel Terminus hatte die Gestapo während der Besatzung Frankreichs ungefähr 20 Zimmer zu Vernehmungsräumen umfunktioniert. Von hier aus wirkte Barbie, der ,,Schlächter von Lyon". Das Hotel wurde so zum Symbol für die letzte Station seiner Opfer und das Ende jeder Art von Menschlichkeit. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_Terminus:_Zeit_und_Leben_des_Klaus_Barbie

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Criticism Film: "A Good Neighbor" Aaron Labaree    (2025)
The late Marcel Ophuls made films about the twentieth century's great crimes—and the trail of guilt they left behind.
https://www.bostonreview.net/articles/a-good-neighbor/

Das Haus nebenan – Chronik einer französischen Stadt im Kriege (Originaltitel: Le chagrin et la pitié, alternativ Leid und Mitleid) ist ein französischer Dokumentarfilm von Marcel Ophüls. Der vierstündige Schwarzweißfilm wurde 1969 in zwei Teilen vorgestellt. ... Der Film handelt von dem Widerstand und Kollaboration der französischen Bevölkerung sowie des Vichy-Regimes während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg. Dies wird am Beispiel der Stadt Clermont-Ferrand und Umgebung in der Auvergne dargestellt. Sie stand seit November 1942 unter deutscher Besatzung. Mit Hilfe von Interviews und teilweise bis dahin unveröffentlichtem historischem Filmmaterial wird die damalige Situation dargestellt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Haus_nebenan_%E2%80%93_Chronik_einer_franz%C3%B6sischen_Stadt_im_Kriege


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"Filmbuch: Der Film im Nationalsozialismus" Walter Gasperi (8. Nov. 2021)
In 18 nicht chronologisch, sondern thematisch geordneten kurzen Kapiteln zeichnet Wolfgang Jacobsen im zweiten Band der bei Edition text + kritik erscheinenden Reihe "Filmgeschichte kompakt" ein in aller Knappheit bestechend vielschichtiges Bild des nationalsozialistischen Films, aber auch der Filmpolitik. ...
https://www.film-netz.com/post/filmbuch-der-film-im-nationalsozialismus

2021: Der Film im Nationalsozialismus, München: edition text + kritik, ISBN 978-3-96707-528-1
https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Jacobsen

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Quote[...] Der Großteil deutscher Filme ist vom Zerfall bedroht oder im Kino nicht mehr spielbar. Es müsste digitalisiert werden. Aber die Mittel reichen vorn und hinten nicht. Rudolf Worschech über ein kulturpolitisches Desaster.

Bei der Berlinale läuft am 18. Februar G. W. Pabsts Stummfilm »Geheimnisse einer Seele« aus dem Jahr 1926, eine frühe filmische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse, in einer restaurierten und hochauflösend digitalisierten Fassung. Die Restaurierung des Films erfolgte unter der Federführung der Murnau-Stiftung mit Material der Cinémathèque Royale de Belgique, des Bundesarchivs und der Harvard University. Wer den Film, vielleicht in seiner Studienzeit, in einer strapazierten 16-mm-Kopie gesehen hat, dürfte überrascht sein von der optischen Brillanz dieser Digitalisierung. Sie wurde ermöglicht mit Mitteln aus dem Förderprogramm Filmerbe (FFE).

... Je weiter die Zeit fortschreitet, desto wichtiger wird die Digitalisierung. Es ist die einzige Chance, Filme sichtbar zu machen und am Leben zu halten. Wer glaubt, dass man doch alles von den Portalen und Streamingplattformen im Netz bekommt, irrt: Das Angebot der Big Player, sagen wir mal Netflix oder Amazon, ist gerade bei historischen deutschen Filmen schlechter als in einer gut sortierten Videothek in den neunziger Jahren. Und wer bei Youtube stöbert: Dort finden sich meist Rip-offs von DVDs und Blu-rays. Hinzu kommt, dass seit Beginn der Digitalisierungsoffensive der Filmwirtschaft in den nuller Jahren, die ja für die Kinos mit erheblichen Kosten verbunden war, die Kinos flächendeckend mit digitalen Projektoren ausgerüstet sind. Weniger als 100 Kinos können heute noch analoge Kopien in Deutschland spielen, nicht viel bei rund 4800 Leinwänden. Das sind meistens Filmmuseen und -clubs und kommunale Kinos. Wer also Filmgeschichte in seinem Kino oder auf seinem Festival zeigen will, braucht eine digitale Kopie, ein Digital Cinema Package (DCP). Die Archive digitalisieren die Filme immer für den Einsatzort, für den sie einmal produziert wurden: das Kino.

... viele Filme [sind] dem Verfall preisgegeben. Sie verrotten, wenn man sie nicht restauriert und digitalisiert. Das Schreckenswort heißt Vinegar-Syndrome – Essig-Syndrom –, was von dem scharfen Geruch kommt, der von den zerstörten oder in Zerstörung befindlichen Filmrollen ausgeht. Es gab in der Geschichte des analogen Films drei verschiedene Trägermaterialien: Cellulosenitrat (bis in die fünfziger Jahre und hochentzündlich), Celluloseacetat (sogenannter Sicherheitsfilm, schwer entflammbar, seit den dreißiger Jahren) und Polyester (seit den Sechzigern). Polyester ist in Sachen Haltbarkeit das beste Material, wird es richtig gekühlt und bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert, kann es Hunderte von Jahren überdauern. Früher haben US-Studios ihre Filme und Serien auf 35-mm-Polyesterfilm gesichert. Bei Celluloseacetatfilm sind die Lagerungsbedingungen noch wichtiger, unter Einfluss von Feuchtigkeit droht die Zersetzung. Und das Vinegar-Syndrome ist nicht mehr zu stoppen; es führt zur Brüchigkeit der Emulsionsschicht, sodass am Ende keine Umkopierung oder Digitalisierung mehr möglich ist. Der Filmemacher und Hochschullehrer Helmut Herbst hat schon vor mehr als einem Jahrzehnt in der Fachzeitschrift »Film + TV Kamera« unter dem Titel »Wer hat Angst vorm Vinegar-Syndrome?« vehement darauf hingewiesen und das Eingreifen, besonders die finanzielle Unterstützung, der Politik gefordert; er sprach von einer Summe von einer halben Milliarde Euro, die nötig sei. Die stand ja bekanntlich nie zur Verfügung. Und Herbst schrieb: »Noch nie war es so einfach, einen bedeutenden Teil unserer Kultur in einigen Jahrzehnten radikal auszulöschen. Man muss nur nichts sehen, nichts hören und wie bisher nicht darüber reden.«

In der Archivszene wird immer wieder darüber diskutiert, in welcher Form eine Digitalisierung erfolgen sollte, aufwendig oder nicht so aufwendig, mit hoher Qualität oder quick and dirty. Kinofilm-Scanner gibt es für 40 000 Euro, und manche verwenden diese Technik, um damit Verleihkopien zu ziehen. Aber die meisten Archive haben sich für eine nachhaltige und qualitativ hochwertige Digitalisierung entschieden, die dem Original ziemlich nahekommt. Die Digitalisierung erfolgt heutzutage in 4K, einem Standard für sehr hohe Bildauflösungen (das K steht für Kilo, also mal 1000, das sind 4000 Pixel in der horizontalen Achse); insgesamt verfügt ein in 4K aufgenommenes Bild über 8 bis 9 Millionen Pixel. HD, der Fernsehstandard, kommt nicht mehr zum Einsatz, da die Archive ja ihre Filme für die große Leinwand digitalisieren.

Kosten entstehen schon beim ersten Schritt: Die zu digitalisierende Kopie oder auch das Kameranegativ muss geprüft, vielleicht auch mit einer anderen Kopie kombiniert werden. Gibt es Laufstreifen oder Kratzer? Sollte das der Fall sein, wird man den Film durch ein sogenanntes Wetgate führen, eine Technik, die es auch schon bei analogen Kopierungen gab. Im Wetgate befindet sich eine Flüssigkeit, meist Isopropanol, die während der Durchleuchtung in die Kratzer läuft und so die Lichtbrechung durch die Untiefen des Films ausgleicht. Die später alle auf dem Computer zu retuschieren, wäre noch aufwendiger. Ein solcher aufwendiger Scanner kostet schon eine höhere sechsstellige Summe. Manchmal ist man aber auch gezwungen, händisch einzugreifen, wenn etwa ein zu tiefer Riss immer noch sichtbar ist. Da nimmt man aus einem Bild davor oder danach die entsprechende Stelle und fügt sie ein. Es gibt Software, die etwa den Bildstand korrigiert, aber die Lichtbestimmung erfolgt per Hand, von Szene zu Szene, und mitunter vergleicht man das mit dem Originalmaterial, was mehrere Tage dauern kann. Eine solche qualitativ hochwertige Digitalisierung kann 40 000 bis 60 000 Euro kosten (bei sich zersetzendem Nitrocellulosematerial aus der Stummfilmzeit auch deutlich darüber), aber sie hält für Jahre.

In den nuller und zehner Jahren haben viele Produktionsfirmen ihre Filme in 2K digitalisiert – das ist heute alles zum großen Teil Makulatur. Zu Beginn des Filmerbe-Programms hat die Wirtschaftsprüfungsfirma Price Waterhouse Cooper die Kosten ermittelt – aber, so ist zu befürchten, zu niedrig angesetzt. Von einem hochwertigen 4K-Scan können die Archive die Formate ausspielen, die sie brauchen, die DCP für den Kinoeinsatz, aber auch DVDs und Blu-rays. Und dieses Digitalisat wird in zehn Jahren noch als Ausgangsmaterial herhalten können. Dass das Ergebnis des hochauflösenden Digitalisats wieder auf 35-mm-Film ausgespielt wird, wie das zu Beginn der Digitalisierung auch gefordert wurde, ist vom Tisch. Aus ganz praktischen Gründen: Abgesehen vom Finanziellen gibt es in Deutschland nur noch ein Labor, Andec Filmtechnik in Berlin, das Filme entwickelt. Das Bundesarchiv-Filmarchiv hat sein Schwarz-Weiß-Kopierwerk aufgegeben. Aber immerhin bewahren die Archive das Ausgangsmaterial, die 35-mm-Filme, auf und pflegen sie, hoffentlich gut. Eine Zeit lang, noch in den Achtzigern, wurde nach der Umkopierung gerade von entzündlichem Nitromaterial das Ausgangsmaterial »kassiert«, wie es im Archivdeutsch heißt, also vernichtet.

Die Archive speichern heute ihre Digitalisate auf sogenannten LTO-Bändern (Linear Tape-Open), Magnetbändern mit einer extrem hohen Speicherfähigkeit, wie sie auch für Sicherheitskopien von Servern verwendet werden; die Speicherkapazität eines solchen Bandes kann 70 TB und mehr sein; eigentlich müsste der Inhalt alle paar Jahre zur Sicherheit überspielt werden. 1143 Filme sind mit der Hilfe des Förderprogramms Filmerbe bislang digitalisiert worden. Das klingt viel und ist doch wenig. Da fehlen 93 Prozent. Und es gibt eine rege Nachfrage. Rund 800 Ausleihvorgänge (darunter ein Rest analoger Kopien) verzeichnen sowohl das DFF als auch die Murnau-Stiftung. Und wenn man sich die geförderten Titel auf der Website filmportal.de anschaut, stellt man leicht fest, dass die Archive nicht versucht haben, einem Kanon hinterherzueifern, sondern dass ihr Output breit und vielfältig aufgestellt ist. Neben Stummfilmklassikern wie »Kohlhiesels Töchter« (1920) von Ernst Lubitsch finden sich Filme wie »Herrenpartie« von Wolfgang Staudte (1963/64, lief auch in Lyon) oder »Brennende Betten« (1987/88) von Pia Frankenberg. Da ist bestimmt auch ein Film für das Saarland dabei ...

Das Filmerbe-Programm ist nicht nur fatal gekürzt worden, es wird auch 2028 auslaufen. ...

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Wer wissen will, welche Filme schon digitalisiert wurden, für den ist das 160000 Titel umfassende www.filmportal.de die beste Anlaufstelle.
https://www.filmportal.de/




Aus: "Filmgeschichte muss sichtbar bleiben" (13.02.2026)
Quelle: https://www.epd-film.de/themen/filmgeschichte-muss-sichtbar-bleiben