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[Zur Geschichte (Bruhstuecke) ... ]

Started by Link, December 27, 2008, 05:07:42 PM

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QuoteJuri Alexejewitsch Dmitrijew (auch Jurij Dmitrijew transkribiert; russisch Юрий Алексеевич Дмитриев; * 28. Januar 1956 in Petrosawodsk) ist ein russischer Menschenrechtler. ...
Am 1. Juli 1997 entdeckte Dmitrijew in Sandarmoch in der Nähe von Powenez ein Massengrab mit 9500 Leichen. Im Sommer 1998 untersuchte er in Krasny Bor (Schöner Hain), einem Waldgebiet 19 km westlich von Petrosawodsk, ein weiteres Massengrab mit 1000 Leichen, das im Jahr zuvor von I.D. und S.I. Tschugunkow entdeckt worden war.[5] Beide Gräber stammen aus der Zeit des Großen Terrors.[6][7] Darüber hinaus untersuchte er die Geschichte des Solowezker Lagers zur besonderen Verwendung (SLON) und des Lagerkomplexes Belbaltlag zum Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals.  ...

Aus: Juri Alexejewitsch Dmitrijew
Herausgeber: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie.
Autor(en): Wikipedia-Autoren, siehe Versionsgeschichte
Datum der letzten Bearbeitung: 23. Mai 2021, 08:38 UTC
Versions-ID der Seite: 212255689
Permanentlink: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Juri_Alexejewitsch_Dmitrijew&oldid=212255689
Datum des Abrufs: 27. Dezember 2021, 13:29 UTC
https://de.wikipedia.org/wiki/Juri_Alexejewitsch_Dmitrijew

Großer Terror (Sowjetunion)
... In der Forschung zum Großen Terror gab es lange Zeit Kontroversen, hauptsächlich über die Zahl seiner Opfer und seine Ursachen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Terror_(Sowjetunion)

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Quote[...] Ein Gericht hat die Haftstrafe für den russischen Menschenrechtler und Stalinismus-Forscher Juri Dmitrijew erneut verlängert und zwar von erst 13 auf jetzt 15 Jahre. Dies teilte die Menschenrechtsorganisation Memorial nach dem entsprechenden Urteil mit. Dmitrijew hatte für Memorial gearbeitet; gegen die Organisation geht die russische Justiz derzeit ebenfalls vor.

Der 65-jährige Dmitrijew ist für seine Forschungen zu den Verbrechen während der Stalin-Zeit bekannt und machte sich damit Feinde im russischen Machtapparat. 2020 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs seiner Adoptivtochter verurteilt. Der Fall wurde mehrfach vor Gericht neu aufgerollt, in einem früheren Verfahren war Dmitrijew von den Vorwürfen freigesprochen worden. Im Juli 2020 war er dann zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden, zwei Monate später wurde die Haftstrafe erstmals hochgestuft, auf zunächst 13 Jahre.

Menschenrechtler kritisieren seine Verurteilung als politisch motiviert. Memorial teilte erneut mit, Dmitrijew sei "völlig unschuldig". Die Verurteilung hatte auch zu Spannungen zwischen Russland und Deutschland sowie Frankreich geführt. Die Regierungen in Berlin und Paris kritisierten damals die Haftstrafe. Ihre Botschafter wurden daraufhin vom russischen Außenministerium einbestellt. Die EU hatte die sofortige Freilassung des Bürgerrechtlers gefordert. 

Dmitrijew leitete den Memorial-Verband in der Region Karelien und hatte mit seiner Forschungsarbeit die Aufmerksamkeit auf eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte des Landes gelenkt. Über Jahre widmete er sich der Aufarbeitung der Repressionen in der Sowjetzeit. Seine Untersuchungen führten auch zur Entdeckung eines Massengrabes mit den Überresten von etwa 9.000 Menschen, die zur Zeit der UdSSR erschossen worden waren.

Memorial ist eine der bekanntesten Menschenrechtsorganisationen in Russland. Diese Woche könnte der Oberste Gerichtshof über die Zukunft von einer zentralen Teilorganisation entscheiden – ihr droht die Auflösung. Die russischen Behörden werfen der Organisation vor, gegen das "Ausländische-Agenten-Gesetz" verstoßen und Terrorismus verherrlicht zu haben.

Eine andere Bürgerrechtsorganisation, die mit Memorial zusammenarbeitet, steht ebenfalls unter Druck: Am Samstag teilte OWD-Info mit, dass ihre Internetseite gesperrt wurde. "Wir betrachten dies als eine Fortsetzung der staatlichen Offensive gegen die Zivilgesellschaft", schrieb der Mitbegründer von OWD-Info, Grigorij Ochotin, im Messengerdienst Telegram.

Nach Darstellung der russischen Medienaufsichtsbehörde wurde die Website gesperrt, weil die Aktivitäten der NGO nach Einschätzung eines Gerichts auf die Förderung von "Terrorismus und Extremismus" in Russland abzielten. OWD-Info war 2011 während der ersten Massenproteste gegen Präsident Wladimir Putin gegründet worden. 


Aus: "Russisches Gericht verlängert Straflagerhaft für Stalinismusforscher" (27. Dezember 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-12/juri-dmitrijew-haftstrafe-russland-justiz-memorial

QuoteGalgenstein #3

Russland auf dem Weg in die Diktatur. Es ist wieder wie zu Sowjetzeiten. Was wurde damals gelogen um die Gesellschaft auf Kurs zu bringen. Die Wahrheit ist im System Putin entbehrlich. Es herrscht wieder Zensur und wer sich eine Meinung erlaubt, die der offiziellen Geschichtsauffassung zuwiderläuft, wird notfalls halt weggesperrt.
Leider ist die Zahl der Trotteln, die bei uns vollstes Verständnis für die neue Repression in Russland haben, groß. Die schwafeln dann irgendwas von kulturellen Unterschieden, die es zu respektieren gäbe, ganz so als sie die Lüge eine kulturelle, respektable Eigenschaft, nach der sich Menschen sehnten.


QuoteMrMiaggi #1

Es scheint wohl jedes Land seinen persönlichen Assange mundtot machen zu wollen! Wenn nur dieses geheuchelte nicht wäre das sich jeder moralisch überlegen fühlt!


QuoteDropBearHunter #5

Die Ironie einen Stalinismusforscher ins Straflager zu stecken geht vermutlich komplett am Russischen System vorbei.


QuoteJadoo6 #5.1

Nein, es ist Teil der Symbolik sowohl an Anhänger wie an Gegner.


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#81
Quote[...] Es gäbe gute Gründe, den 20. Januar zum Hauptgedenktag an den Holocaust zu machen. Vor 80 Jahren planten 15 hohe Vertreter der SS und der Ministerien des NS-Staats in einer Villa am Wannsee den Völkermord an den europäischen Juden.

Wer den Schauplatz besucht und die Dokumente der Dauerausstellung liest, den befällt ein Grauen über die Kälte der bürokratisch-abstrakten Sprache, in der die Täter die industrielle Vernichtung von Millionen Menschen einleiteten.
Die Einladung beschwört den von Hannah Arendt geprägten Begriff der ,,Banalität des Bösen" herauf. Bei einer ,,Besprechung mit anschließendem Frühstück" sollten die ,,in Betracht kommenden Zentralinstanzen" über ,,die mit dieser Endlösung zusammenhängenden Arbeiten" beraten.

Das Entsetzen wächst beim Lesen der 15 Biografien. Den Schreibtischtätern fehlte es nicht an Bildung, mehrere hatten promoviert.

https://www.ghwk.de/de/ausstellung/dauerausstellung

https://www.ghwk.de/de/konferenz/teilnehmer

Warum wurde der 27. Januar zum Gedenktag an den Holocaust – in Erinnerung an die Befreiung des KZs und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau 1945? Was dort und in unzähligen anderen Mordfabriken der Nazis geschah, fern der deutschen Grenzen, ist auf die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 in der deutschen Hauptstadt zurückzuführen.

Gewiss, das massenhafte Töten von Juden hatte früher begonnen. Aber sie markiert den Wendepunkt im Denken der Täter von der Entrechtung jüdischer Mitbürger, dem Ausreise- und Umsiedlungsdruck, dem Einsperren in Ghettos und der Deportation in Arbeitslager zum gezielten Genozid, dem alle europäischen Juden zum Opfer fallen sollten.

Die Villa am Wannsee ist ein monströser historischer Ort mitten in Berlin. Hat er den ihm gebührenden Platz im deutschen Gedächtnis? Die Zahl der Besucher – 80.000 im Jahr – liegt weit unter der der KZ-Gedenkstätten. Die wirkmächtigen Bilder im kollektiven Gedächtnis entstammen den Vernichtungslagern: zum Skelett abgemagerte Gestalten in Häftlingskleidung, das schmiedeeiserne Tor ,,Arbeit macht frei", die Rampe, die Baracken, die ,,Duschen", die Zyklon-B-Dosen, die Verbrennungsöfen.

Es geht nicht darum, den 20. gegen den 27. Januar aufzurechnen. Die Planung des industriellen Völkermords und sein Ende im größten Vernichtungslager gehören zusammen.

... Über Jahrzehnte fehlte der politische Wille, den historischen Ort überhaupt als Gedenkstätte zu sichern. Sie wurde erst 1992 eröffnet. Die Nutzung als Schullandheim war wechselnden Landesregierungen wichtiger – ein denkwürdiger Kontrast zu den Entscheidungen, KZs zu Gedenkstätten zu machen, die bereits in den 1950er Jahren fielen. Die Dokumente zur Wannseekonferenz lagen bereits bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen vor.

Ja, die Unterlagen sind trocken. Sie lassen sich nicht in einen leicht konsumierbaren Spielfilm mit den gewohnten Symbolen der NS-Diktatur pressen. Die todbringende Besprechung 1942 spielte sich nicht unter wehenden Hakenkreuzflaggen im XXL-Format ab, es knallten keine Soldatenhacken, es geiferten keine Schäferhunde.

Da ist vor allem Papier mit wenigen SS-Runen und abstrakten Worten, die verschleiern sollen, was gemeint ist. Es bleiben Fassungslosigkeit und Entsetzen. ...

Aus: "Wo der Holocaust geplant wurde" Christoph von Marschall (20.01.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/heute-vor-80-jahren-am-wannsee-wo-der-holocaust-geplant-wurde/27989844.html

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"Pionierwerk der Holocaustforschung: Das Unverstehbare rekonstruieren" Jan Gerber (21. 2. 2022)
Léon Poliakovs ,,Vom Hass zum Genozid" gilt als erste systematische Darstellung des Holocaust. Nun ist das Buch auf Deutsch erschienen. [Léon Poliakov: ,,Vom Hass zum Genozid". Aus dem Französischen von Ahlrich Meyer. Edition Tiamat, Berlin 2021, 600 Seiten] ...
https://taz.de/Pionierwerk-der-Holocaustforschung/!5835944/

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Quote[...]  Die Großeltern des Regisseurs Luke Holland starben im KZ. In seinem Dokumentarfilm ,,Final Account" spricht der Brite mit ehemaligen SS-Mitgliedern.

Von der Uniform erzählen sie, die sie einst getragen haben. Dass sie gut aussah und sie stolz auf sie waren. Oft war es am Anfang eine braune, von der Hitler-Jugend. Später kam dann die schwarze der SS. Auf der Mütze prangte ein Totenkopf. Alle Glocken hätten geläutet, als Hitler 1933 an die Macht kam, sagt einer. Und sie erinnern sich noch an Knittelverse, die zum Mord aufriefen: ,,Schärft die langen Messer am Bürgersteig / Damit sie besser gehen in den Judenleib herein."

,,Final Account" von Luke Holland ist ein erstaunlicher, oft erschütternder Dokumentarfilm. Der britische Regisseur hatte ab 2008 mehr als 300 Interviews mit ehemaligen SS-Angehörigen und auch einigen Zivilisten geführt. Man sieht sehr alte Männer, oft sitzen sie in ihren Wohnzimmern und berichten ungeheuerliche Dinge. Laut Holland hatten viele von ihnen nie zuvor über ihre Zeit in der SS Auskunft gegeben, nicht einmal gegenüber Angehörigen. Rund 900 000 Männer hatten zur Elitetruppe gehört, die nach dem Krieg von den Alliierten zu einer verbrecherischen Organisation erklärt wurde.

Wobei die Verbrechen in den Gesprächen vorsichtig umkreist werden, keiner gibt zu, an ihnen beteiligt gewesen zu sein [https://www.tagesspiegel.de/wissen/umgang-mit-ns-taetern-die-holen-wir-mal-raus/23458922.html]. Was in der Landes-Heilanstalt in Bernburg an der Saale stattfand, erzählt einer, ,,war geheim, sprach sich aber rum". Mehr als 14 000 Kranke, Behinderte und KZ-Häftlinge wurden dort in einer Gaskammer ermordet. ,,Omnibusse kamen, Rauch stieg auf, es roch süßlich." [https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/doku-ueber-claude-lanzmann-und-shoah-die-qual-der-erinnerung/12881996.html] Ein anderer, der in die SS eingetreten war, weil er so dem Arbeitsdienst entging, will in Dachau bloß gesehen haben, wie Häftlinge an ihren gefesselten Armen aufgehängt wurden. Sie schrien, bis sie ohnmächtig wurden.

Der Mann gehörte zum Totenkopfregiment, das das KZ-Wachpersonal stellte. In Dachau habe er eine SS-Schule besucht, die sich neben dem Lager befand. Dann aber doch das Geständnis, dass er später dort ,,Aufseher" gewesen sei. Und noch ein anderer kommt auf die Reichspogromnacht 1938 zu sprechen: ,,Ich hatte kein Mitleid mit den Juden." Ein Verbrechen? ,,Ich hab das nicht so empfunden."

Luke Holland, 1952 in England geboren, erfuhr erst spät, dass er aus einer jüdischen Familie stammt. Seine Großeltern mütterlicherseits wurden in Konzentrationslagern ermordet. Mit ,,Final Account" unternimmt er den Versuch herauszufinden, wie es zum millionenfachen Mord kommen konnte. Landschaftsaufnahmen und historische Szenen lockern die Interviewpassagen auf. Linden mit Hakenkreuzfahnen, Schilder im Park: ,,Juden sind hier unerwünscht". Holland ist 2020 gestorben, kurz nachdem sein Film fertig geworden war.

Warum ging man zur SS? ,,Ich war für Sport und Härte", lautet eine Antwort. Außerdem habe die SS die besten Waffen und die besten Panzer gehabt. Ein ehemaliger SS-Mann fragte Holland nach dem mehrstündigen Interview, ob er noch Zeit habe, er wolle ihm etwas zeigen. Sie steigen eine Treppe hoch, der Veteran holt eine Schachtel hervor, in der Orden und Auszeichnungen liegen. ,,Ich war dabei", hatte ,,Republikaner"-Chef Franz Schönhuber seine Autobiografie genannt, in der er stolz von seiner Zeit in der SS berichtete [https://www.tagesspiegel.de/politik/republikaner-gruender-franz-schoenhuber-tot/662624.html].

Man muss genau hinhören in diesem Film, auf Zwischentöne achten, Auslassungen hinzu denken. Die Wahrheit zeigt sich indirekt, mehr oder weniger verstellt. Unter den vielen ehemaligen Tätern, die von ihren Taten nichts mehr wissen wollen, gibt es immerhin eine Ausnahme. Hans Werk bereut es, SS-Mann im Konzentrationslager Buchenwald gewesen zu sein. Das wurde für ihn zum Antrieb, Bildungsarbeit zu leisten.

Als er bei einer Diskussion im Haus der Wannseekonferenz von seiner Scham spricht, entgegnet ein junger Mann, dass er sich doch nicht dafür schämen brauche, Deutscher zu sein. Schwer zu sagen, was erschreckender ist: die Nonchalance dieses jungen Deutschen oder die Borniertheit eines Altnazis, der sagt, dass er Hitler noch immer verehre, weil seine Ideen gut gewesen seien.


Aus: "Dokumentarfilm ,,Final Account" über NS-Täter: Niemand will etwas gewusst haben" Christian Schröder (27.04.2022)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/dokumentarfilm-final-account-ueber-ns-taeter-niemand-will-etwas-gewusst-haben/28283874.html


"'It became crystal clear they were lying': the man who made Germans admit complicity in the Holocaust" Dorian Lynskey (Thu 2 Dec 2021)
With Final Account, the late director Luke Holland set out to obtain testimonies from those who participated in the Nazi atrocities – before their voices were lost. The result is a powerful mix of shame, denial and ghastly pride ...
https://www.theguardian.com/film/2021/dec/02/it-became-crystal-clear-they-were-lying-the-man-who-made-germans-admit-complicity-in-the-holocaust

"Luke Holland obituary" Nick Fraser (Sun 5 Jul 2020)
Luke Holland, who has died aged 71, was a remarkable documentary film-maker and photographer. ... Throughout his life he campaigned for communities destroyed by missionaries, greed or market forces, but his work was never gloomy and was filled with characters as interesting as himself. "He believed that the media and campaigning could change the world", said the film-maker Paul Yule.
In 1980 Luke's photographic exhibition, Hunting the Pig People: Indians, Missionaries and the Promised Land, was shown first at the ICA in London, then toured across the US. Working for the NGO Survival International between 1981 and 1991, Luke created media campaigns on behalf of threatened tribal people and thereafter became a documentary film-maker. ...
https://www.theguardian.com/film/2020/jul/05/luke-holland-obituary

"Final Account"
2020, 1 Std. 34 Min.
An urgent portrait of the last living generation of Hitler's Third Reich in never-before-seen interviews raising vital questions about authority, conformity, national identity, and their own roles in the greatest human crimes in history.
https://www.imdb.com/title/tt12789212/

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#83
"NS-Verbrechen: Bitterer Endbericht zu österreichischer Nachkriegsjustiz" Colette M. Schmidt (25. Mai 2022)
Eine Arbeitsgruppe der Zentralen österreichischen Forschungsstelle Nachkriegsjustiz forschte seit 2010 nach NS-Verbrechern. Das nächste Projekt ist eine öffentlich zugängliche Datenbank ... "Ohne das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes gäbe es keine Forschungsstelle zur Nachkriegsjustiz in Österreich", betonte die Leiterin der Arbeitsgruppe, Claudia Kuretsidis-Haider. Man arbeite ehrenamtlich, nur der Forscher Siegfried Sanwald ist geringfügig angestellt. Noch dazu komme man in den letzten Jahren immer schwerer an Akten. Landesarchive und Landesgerichte schicken die Forschenden im Kreis. ...
https://www.derstandard.at/story/2000135817923/ns-verbrechen-bitterer-endbericht-zu-oesterreichischer-nachkriegsjustiz

Quote
zur Diskussion
LaTuja

Großem Dank gebührt dem DÖW für seine unermüdliche und wichtige Arbeit! Österreich wurde nie entnazifiziert, sogar die Opferrolle hält sich in gew.Kreisen hartnäckig.

Die Auswirkungen sehen wir jetzt in der Verharmlosung des Holocaust durch "Impfgegner", steigendem Antisemitismus und regelmäßigen Aufmarsch der extremen Rechten.
Harmlos ist das alles nicht, eine Demokratie ist verwundbar!


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Alpenglühn

Was wunder, war die Justiz doch selbst völlig Nazi-verseucht. So konnten einschlägige Richter, die im Hitler-Regime Unrecht gesprochen hatten, nach 1945 ihre Karriere nahtlos fortführen bzw. wurden gar befördert.


Quote
twgs
18. Mai 2022, 12:53:25

Die vielen verbliebenen Nazis in der Gesellschaft haben unreflektiert ihre Weltsicht in die neue Zeit übertragen dürfen. Das ist das eigentlich Verwerfliche. Sie wurden Lehrer, Bürgermeister, Unternehmer,...
Und bis in die 80er wurde diese Zeit in den Lehrplänen erfolgreich ausgeblendet (danach weiß ich es nicht).


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Konrad Inzinger
18. Mai 2022, 15:09:19

Fehlt da etwas?
Bei allem Respekt für diesen Artikel und die erwähnte Forschungsarbeit: Neu ist das nicht! Wer es wissen wollte, konnte es auch schon vor 20 Jahren wissen. Aber nach wie vor ungeklärt ist die Frage, wie es mögleich war, dass nahezu alle NS-Blutrichter (und Staatsanwälte) praktisch straflos in die neue österreichische (und westdeutsche) Demokratie übernommen werden konnten und wie es möglich war, dass die Niederschlagung von NS-Straftaten straflos blieb, denn Amtsmißbrauch war immer ein Strafdelikt. Aufzuklären ist daher nicht (wieder) die mißlungene Entnazifizierung, sondern warum der Amtsmißbrauch, der das Unterlaufen der Entnazifizierung ermöglicht hat, nicht verfolgt wurde (und wird).


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Hannes aus dem Burgenland

Man hat ja nur seine Pflicht getan ...


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dernormalewahnsinn
18. Mai 2022, 14:59:39

Die Universität Innsbruck rehabilitiert Christoph Probst, der mit den Geschwistern Scholl hingerichtet wurde, erst 2019!!! ;-)
https://www.uibk.ac.at/public-relations/presse/archiv/2019/1104/

Ihr 350-Jahr-Jubiläum nutzt die Universität Innsbruck nicht zuletzt dazu, sich auch mit den dunklen Seiten ihrer Geschichte kritisch auseinanderzusetzen. Die Involvierung in den Nationalsozialismus wie der ambivalente Umgang damit nach 1945 wird etwa an den nun lokalisierten Fragmenten eines Adolf-Hitler-Mosaiks in der Aula im Hauptgebäude ablesbar. Vor diesem Hintergrund gilt es auch, die problematischen Seiten der universitären Ehrungspraxis zu beleuchten. Und Christoph Probst, Widerstandskämpfer und kurzzeitig Student in Innsbruck, wird im Rahmen einer Gedenkstunde der beiden Innsbrucker Universitäten am 21. Februar rehabilitiert.

Einladung zur Gedenkstunde der Innsbrucker Universitäten:

Zeit: Donnerstag, 21. Februar 2019 um 17 Uhr c.t.

Ort: Aula des Universitätshauptgebäudes, 1. Stock, Christoph-Probst-Platz, Innrain 52




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Christoph Hermann Ananda Probst (* 6. November 1919 in Murnau am Staffelsee; † 22. Februar 1943 in München-Stadelheim)
    ,,Der Volksgerichtshof verurteilte am 22. Februar 1943 im Schwurgerichtssaal des Justizpalastes in München den 24 Jahre alten Hans Scholl, die 21 Jahre alte Sophia Scholl, beide aus München, und den 23 Jahre alten Christoph Probst aus Aldrans bei Innsbruck wegen Vorbereitung zum Hochverrat und wegen Feindbegünstigung zum Tode. Das Urteil wurde am gleichen Tag vollzogen."

– Bericht in der Salzburger Zeitung vom 24. Februar 1943

Am 21. Februar 2019 wurde er im Rahmen einer gemeinsamen Gedenkstunde der Medizinischen Universität Innsbruck und der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck rehabilitiert und seine Exmatrikulation symbolisch rückgängig gemacht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Probst (21. März 2022)

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#84
Quote[...] Anfang 1933 luden die Nationalsozialisten Vertreter der Wirtschaft nach Berlin ein, um sie aufzufordern, für den bevorstehenden Wahlkampf Geld zu spenden. Die Eingeladenen waren erfolgreiche Industrielle und Banker; zu ihnen gehörten Günther Quandt, Friedrich Flick und August von Finck. Nach der Machtübernahme traten sie in die Partei ein und arbeiteten mit dem Regime zusammen. Sie verdienten an der Aufrüstung und bereicherten sich durch Einsatz von Zwangsarbeitern und Raub jüdischer Unternehmen in Deutschland und in den besetzten Gebieten Europas. Warum konnten sie nach dem Krieg nahezu unbehelligt weiterarbeiten? Wie gingen sie mit ihrer Verantwortung für das Unrecht um ...


Aus: "David de Jong: Braunes Erbe" (2022)
Quelle: https://www.perlentaucher.de/buch/david-de-jong/braunes-erbe.html

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Quote[...] Der Finanzjournalist De Jong erzählt am Beispiel von fünf Unternehmerfamilien – Quandt, Porsche, Flick, von Finck und Oetker –, wie sich deren Chefs Hitler an den Hals geworfen haben. Und er berichtet, wie sich Unternehmenserben bis heute um die Geschichte ihres Erbes herumdrücken, dessen Dividenden sie doch zu gern genießen. Er schildert, wie atemberaubend naiv diese Erben gelegentlich sind, wie zögerlich oder intrigant andere ihre Verantwortung leugnen.

Das hat man alles schon irgendwo ähnlich gelesen, dennoch ist dieses Buch etwas Besonderes: Denn es richtet sich, obwohl es jetzt ins Deutsche übersetzt wurde, gar nicht so sehr ans hiesige Publikum. Es ist geschrieben worden, um Verstrickung, Schuld und Verantwortung der Unternehmer für den Nationalsozialismus auch außerhalb Deutschlands bekannt zu machen.
Wer sich schon in der Vergangenheit mit den Unternehmensgeschichten aus dieser Zeit auseinandergesetzt hat, erfährt nur wenig Neues – die deutsche Übersetzung ist eine Art Einstiegslektüre für Interessierte. Doch hier ist ein Buch, das sehr gut geschrieben (und übersetzt) ist, das an Klatsch und Tratsch aus der Nazi-Zeit nicht spart, und das niemanden überfordert, der vor wissenschaftlichen Büchern mit tausenden von Anmerkungen Respekt hat.

De Jong zieht von den Großvätern, die die barbarischen Möglichkeiten der Nazi-Zeit – Zwangsarbeit, Arisierung, Kriegswirtschaft – nutzten, so etwas wie eine Charakter-Linie zu ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln, die bis heute von diesen Vermögen profitieren. Für die Quandts, die Flicks, die Porsches, die Oetkers und die von Fincks hat De Jong recherchiert, wie sie zu Nationalsozialisten wurden, was sie davon hatten, und wie sie diesen Teil ihrer Biografie nach 1945 abwuschen.
Das taten sie so erfolgreich, dass der Quandt-Enkel Stefan in einem Interview sagen konnte, sein Großvater sei kein überzeugter Nationalsozialist gewesen. Den Erben bescheinigt De Jong eine ähnliche Mentalität: Der Geschichte ihrer Unternehmen stellten sie sich nur, wenn sie von der Öffentlichkeit dazu gezwungen würden.
Nicht alle Unternehmer waren von Anfang an glühende Nationalsozialisten, doch die fünf haben den Aufstieg Hitlers unterstützt und finanziert, und mehr als die meisten anderen haben die fünf Familien bis weit in die Nachkriegszeit davon profitiert.

Die Geschichten De Jongs beginnen nicht im März 1933, und sie enden nicht im Mai 1945. Er erzählt, wie Günther Quandt und Friedrich Flick ihr Vermögen in den chaotischen Inflationszeiten der Weimarer Jahre machen. Er schildert ihre Furcht vor politischen Umstürzen von links.
Er beschreibt, wie der Bankier August von Finck deshalb schon 1931 allzu gerne bereit ist, Hitlers SS mit fünf Millionen Reichsmark unter die Arme zu greifen.
Er rechnet vor, wie Friedrich Flick mal neue Stiefel für einen Aufmarsch der SA bezahlt, mal der nationalsozialistischen Presse finanziell hilft, um dann wieder Geld für den Wahlkampf Hitlers zu geben. Die anderen machen es ähnlich.
De Jongs Fazit: Der Erfolg der NSDAP wäre ohne die Finanzspritzen des alten und neuen Unternehmertums so wohl nicht möglich gewesen.
Die Nazis revanchieren sich großzügig: Die neuen Großindustriellen mehren ihren Reichtum und ihr Geschäft, indem sie das Eigentum jüdischer Geschäftsleute ,,arisieren", das Reich und seine Wehrmacht aufrüsten, Zwangsarbeiter in ihren Dienst zwingen, und sich in die besetzten Gebiete ausdehnen. Sie steigen weiter auf, werden zu den mächtigsten und reichsten Männern Deutschlands.

Es sind dieselben Charaktereigenschaften – Geschäftssinn, Opportunismus, Anpassungsfähigkeit – die ihnen den Neuanfang nach 1945 erleichtern. Die Unternehmer werden kurzzeitig interniert, sie werden entnazifiziert, nur einer von ihnen muss wegen Kriegsverbrechen ins Gefängnis.
Die anderen bekommen ihr Vermögen schnell zurück. Für den Kalten Krieg und das Wirtschaftswunder werden Unternehmer gebraucht, da wollen weder die Westalliierten noch die Politiker der jungen Bundesrepublik genau hinschauen – zumal sich einige der Unternehmensführer auch den neuen Parteien im neuen Land gegenüber wieder ausgesprochen großzügig zeigen.
1970 sind die Herren Flick, von Finck, Quandt und Oetker die reichsten Geschäftsleute Deutschlands. So, als wäre nie etwas gewesen.
De Jong erzählt diese Geschichten akribisch und gleichzeitig spannend. Aus dem verrückten Privatleben der Sippe Quandt-Goebbels wird ausführlich geplaudert, der Reichtum und der legendäre Geiz des Unternehmers von Finck wird farbenfroh illustriert – wie der Mann Hitler in München eine Kunsthalle baut, ohne selbst viel Geld einsetzen zu müssen, ist sogar witzig.
Der Ingenieur Ferdinand Porsche schickt die neuesten Ideen gleich per Depesche an den ,,Führer", und der Chef des Nahrungsmittelherstellers Oetker, Richard Kaselowsky, bietet sich gerne an, die Wehrmacht mit Puddingpulver auszustatten.

David de Jong macht auf Verhaltensmuster aufmerksam, die er bei den Erben wiederfindet. Die wenigsten Unternehmen stellen sich ihrer Geschichte im Nationalsozialismus freiwillig, die allermeisten wurden von der Öffentlichkeit, von Journalisten, von Aktivisten dazu gezwungen – unter anderem auch von De Jong selbst.
Die Ergebnisse dieser Forschung sind in Fachkreisen bekannt, von einer breiten Öffentlichkeit aber werden sie nur selten wahrgenommen. Historikerkommission, Forschungsauftrag, Veröffentlichung, Entschädigung, Stiftung, fertig. Das ist das inzwischen übliche Schema, mit dem Unternehmen Vorwürfen begegnen, sie hätten ihre Nazi-Geschichte immer noch nicht aufgearbeitet. Den wenigsten kann man heute noch vorwerfen, sie kümmerten sich nicht.
De Jong aber liefert keine dröge wissenschaftliche Aufarbeitung, er erzählt Geschichten. Dabei schießt er gelegentlich übers Ziel hinaus. Woher will er wissen, dass Günther Quandt an seine Familiengeschichte denkt, als über dem Potsdamer Sommerhimmel ein Gewitter aufzieht? Was treibt ihn zu vermuten, dass des Unternehmers ,,Gedanken in die Vergangenheit wanderten," als die Reden zu seinem 60. Geburtstag gehalten sind?
Dieses Geraune, vermeintlich Enthüllende stört bei der Lektüre – weil De Jong es gar nicht nötig hätte.

David de Jong - Übersetzt von Jörn Pinnow und Michael Schickenberg: Braunes Erbe. Die dunkle Geschichte der reichsten deutschen Unternehmerdynastien, Kiepenheuer & Witsch, 496 Seiten Köln 2022


Aus: "David de Jong: ,,Braunes Erbe": Reich durch Puddingpulver und Zwangsarbeit" Ursula Weidenfeld (21.05.2022)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/david-de-jong-braunes-erbe-kritik-100.html

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#85
"Die Verstrickungen von FPÖ-Politikern in den NS-Juliputsch 1934" Markus Sulzbacher (14. Juli 2022)
An dem Coup der Nazis beteiligte sich auch Robert Haider, der Vater des langjährigen FPÖ-Parteichefs Jörg Haider
https://www.derstandard.at/story/2000137359579/die-verstrickungen-von-fpoe-politikern-in-den-ns-juliputsch-1934

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Quote[...] Sie spielten eine entscheidende Rolle bei der Unterdrückung der Bevölkerung von 1938 bis 1945 und waren wesentlich am Holocaust beteiligt. Österreichische Polizisten schützten die Bevölkerung nicht, sondern halfen dabei, die NS-Diktatur rasch und gnadenlos zu installieren. Doch wie genau vollzog sich die Wandlung der Polizei nach dem sogenannten Anschluss?

Hatten alle Polizisten ihre Hakenkreuz-Armbinden Anfang März 1938 schon im Spind? Was passierte mit jenen, die nicht dem neuen "Führer" dienen wollten? Und wie verfuhr man nach 1945 mit jenen, die als überzeugte Nazis Karriere machten und jahrelang dem Terror dienten? Diesen Fragen will man in Österreich nun auf den Grund gehen.

"Die Polizei in Österreich: Brüche und Kontinuitäten 1938–1945" war der Titel eines Symposiums im Innenministerium Ende Juni, bei dem ein Zwischenstand eines großangelegten Forschungsprojekts präsentiert wurde. Das Innenministerium (BMI) fördert dafür die Untersuchungen international renommierter Wissenschafterinnen und Wissenschafter von Wien bis New York zum Zwecke der Aufarbeitung der düsteren Vergangenheit der Polizei. Angestoßen wurde das schon vom Vorgänger von Innenminister Gerhard Karner, also von Bundeskanzler Karl Nehammer.

Historikerinnen und Historiker der Universität Graz arbeiten hierfür mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung (BIK) seit Anfang dieses Jahres eine Geschichte auf, die bisher eigentlich überraschend schlecht beleuchtet war. Dabei kommen auch Namen von Tätern ans Licht, und es werden Akten gesichtet, die seit Ende des Kriegs unangetastet vor sich hin dümpelten. Aber immerhin gibt es sie noch.

"Tausende Akten sind vernichtet worden", erzählte Gerhard Baumgartner vom DÖW beim Symposium entsetzt, "10.000 in den letzten 15 Jahren. Es gilt sicherzustellen, dass damit ein für alle Mal Schluss ist." Auch BIK-Leiterin Barbara Stelzl-Marx betonte, dass es "etwas ganz Besonderes ist, dass das BMI uns jetzt die Möglichkeit gibt, ad fontes zu gehen. Zum Großteil sind das Quellenbestände, die noch nicht im Archiv, noch nicht erschlossen sind." Man gehe zusammen in die Keller von Landespolizeidirektionen, zuletzt in Graz und Innsbruck.

Anhand der Wiener Polizei beschrieb Mark Lewis, Professor an der City University of New York, in seinem Vortrag, wie der Apparat in Österreich ab März 1938 nach reichsdeutschem Vorbild rasend schnell umgebaut wurde. Wie das Wiener Kriminalbeamtenkorps der deutschen Kriminalpolizei einverleibt wurde, illegale Nazis, also Mitglieder der NSDAP in Österreich vor 1938, und ehemalige Putschisten vom Juli 1934 Karriere machten. "Mir fehlt immer der Hinweis, dass die illegale NSDAP eine Terrororganisation mit gleichzeitiger Polizeibeteiligung war", sagte Baumgartner beim Symposium, diese hätte hunderte Anschläge verübt, werde aber von vielen immer noch als "eine Volkstanzgruppe in weißen Sockerl" gesehen.

Otto Steinhäusl, der wegen seiner Beteiligung am Juliputsch im Gefängnis saß, wurde 1938 Polizeipräsident. Die größte Gestapo-Leitstelle des Deutschen Reichs war übrigens in Wien, wie Wolfgang Neugebauer von der Uni Wien erinnerte.

Die "weltanschauliche Schulung" für die Beamten hatte ab '38 ein "beachtliches Themenspektrum", sagte Hans-Christian Harten von der Berliner Humboldt-Uni. An der Polizeischule wurde die NS-Ideologie durch damals moderne Unterrichtsmethoden vermittelt, mit Exkursionen, Schautafeln und Filmbesuchen.

Ein akademischer Kontext sollte die späteren Genozide "legitimieren". Polizisten formten Bataillone gegen Juden und Jüdinnen, Partisaninnen und Partisanen, sie organisierten Deportationen, Umsiedlungen und Massenerschießungen.

Aber es gab auch andere Polizisten in Österreich. "Warte nicht mit dem Abendessen auf mich", sagte Emanuel Stillfried-Rathenitz am 12. März 1938 zu seiner Frau, als die Gestapo ihn in seiner Wiener Wohnung abholte, erzählt Projektleiter Gerald Hesztera aus dem BMI. Stillfried-Rathenitz, ein Polizeibeamter, wurde nach Dachau gebracht.

Schon 30 Jahre lang beschäftigen Hesztera diese und andere Geschichten von denen, die sich keine Hakenkreuzbinde überstreiften. Wie Ludwig Bernegger und Josef Schmierl, die noch am 15. und 14. März 1938 von ehemaligen Kollegen in Linz erschossen wurden. Das Thema sei "sehr emotional" für ihn, sagt Hesztera. Als er als junger Offizier Akten zum Fall Stillfried-Rathenitz fand, habe er sich gefragt: "Wie konnte er solche Illusionen haben, dass er glaubte, er würde die Nazis überleben? Wäre ich auch in meiner Wohnung gesessen und hätte gewartet? Oder wäre ich der Gestapo-Beamte gewesen, der an die Tür klopft?"

1938 verloren immerhin 25 Prozent der mittleren Führungskräfte ihre Posten. Durch Entlassung, frühzeitige Pensionierung – oder sie wurden im KZ umgebracht. Zwölf Prozent waren aber bereits illegale Nazis, 18 Prozent "national eingestellt", 25 Prozent indifferent und rund 45 Prozent Systemanhänger oder eifrige Systemanhänger, recherchierte Hesztera.

Tatsächlich überlebte Stillfried-Rathenitz und wurde nach 1945 der erste Gendarmeriezentralkommandant. Doch Happy End gab es keines. Er wurde aufgrund einer Intrige, der Behauptung, er sei homosexuell, aus dem Amt gedrängt und starb als gebrochener Mann.

"Wir müssen unseren Kollegen beibringen, dass so etwas nicht wieder passieren kann", ist Hesztera überzeugt. Dass künftige Generationen der Polizei die Demokratie schützen und etwa Antisemitismus – wie zuletzt auch auf Querdenker-Demos – erkennen, daran arbeitet Daniel Landau. Der ehemalige Musik- und Mathematiklehrer und begnadete Vernetzer, der zuletzt das Lichtermeer "Yes We Care" initiierte, entwickelte mit dem Antisemitismusexperten Wolfgang Schmutz drei Module für Polizeischülerinnen und Polizeischüler, die nun in die Grundausbildung implementiert werden. Während Corona designten sie auch Online-Formate.

"Eine der wichtigsten Waffen gegen jede Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, ob Antisemitismus oder muslimischer Rassismus, sind persönliche Begegnungen", weiß Landau, der selbst Sohn eines Holocaust-Überlebenden ist. Deswegen freue es ihn besonders, dass auch die Initiative Likrat der Israelitischen Kultusgemeinde in ein Modul einfließen wird. Im Rahmen von Likrat werden schon seit Jahren junge religiöse Juden und Jüdinnen ausgebildet, um in Schulen zu gehen. Nun gehen sie auch in Polizeischulen. "Die Polizei ist der einzige Berufsstand, der eine so massive Intervention in die Grundausbildung hineinnimmt", lobt Landau.

(Colette M. Schmidt, 10.7.2022)


Aus: "Die Polizei stellt sich ihrer dunklen Geschichte" Colette M. Schmidt (10. Juli 2022)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000137300255/die-polizei-stellt-sich-ihrer-dunklen-geschichte

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M. Bürger
Für viel mehr Demokratie, gegen totalitäre Regime und Faschismus jeglicher Couleur 1

"... dass so etwas nicht wieder passieren kann."

Das ist leider völlig ausgeschlossen. Immer und überall wurden, werden, und werden Unrechtsregime jeglicher Art von der Polizei ebenso unterstützt werden, wie vom Militär, der Justiz, und anderen Menschen in irgendwelchen Machtpositionen. Von ganz oben, bis ganz unten, mit jeweils nur wenigen Ausnahmen, die nicht in der Lage sind, das Unrecht nachhaltig zu verhindern.

Die Hauptursachen sind durchaus nicht in der häufig entschuldigend angeführten Angst um die eigene Sicherheit gelegen, sondern wohl öfter im durchaus typischen Opportunismus. Dieses Übel ist ja auch in unserer heutigen Gesellschaft deutlich zu erkennen. Nur, dass es derzeit meist weniger dramatische Folgen hat. Was sich aber leider wieder ändern kann und wohl auch wird.


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meister0900, Verein faktenbasierte Politik

Die Polizei würde auch heute ein faschistisches Regime stützen: Die Polizei hat uns noch nie vor dem Faschismus beschützt und wird das auch nie machen. Machen wir uns nichts vor.


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Die_Stadtläuferin

Ein Blick auf eine Weltkarte zeigt, dass die Sicherheitskräfte vieler Staaten undemokratische Systeme verschiedenster Arten unterstützen ...


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Avicenna

Wer nicht aus der Geschichte lernt ist dazu verdammt die zu wiederholen
Es ist sehr zu begrüßen, dass die Polizei sich ihrer dunklen Vergangenheit von 1938 bis 1945 stellt und diese durch internationale Spezialisten aufarbeiten lässt. Die Zeit danach ist sicher auch interessant. Gerade in Österreich war es mit der Entnazifizierung ja nicht weit her. Eh. Nazis waren in der Justiz zu finden, als Universitätsprofessoren, als Beamte und als Polizisten. In diesen Ämtern transportierten sie ihre schreckliche Ideologie noch Jahrzehnte weiter.
Ein bisserl früher wäre halt gut gewesen, aber besser jetzt als nie. Hoffentlich werden dann auch Lehren daraus gezogen. Aufgabe der Polizei ist es auch die Demokratie zu schützen und allen autoritären Tendenzen entgegen zu treten. Auch in den eigenen Reihen...


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austromir01

????????

Sich im Jahr 2022 den Taten von 1938 - 1945 zu stellen ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Ihr Beitrag wirkt in etwa so wie eine Mutter die ihren 20-jaehrigen Sohn dafür lobt dass er sich zum ersten mal die Schuhe selber angezogen hat.


...

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"Wie es sich zu DDR-Zeiten in Prenzlauer Berg und Mitte wirklich wohnte" Susanne Lenz (12.09.2022)
Das Filmfestival Prenzlauerberginale zeigt umwerfende Dokumentaraufnahmen aus den Siebzigern und Achtzigern, die keiner Propaganda dienten.  Der Benzinmangel erweist sich heute, 40, 50 Jahre und einen Systemzusammenbruch später, für Berlin als Glücksfall. Nur 70 Liter im Monat hatten die Filmemacher der SFD monatlich zur Verfügung. Sie drehten also vor allem in der Hauptstadt der DDR. SFD nie gehört? Es ist die Abkürzung für die Staatliche Filmdokumentation der DDR, in deren Auftrag zwischen 1971 und 1986 rund 300 Berichte über den Alltag in diesem Land entstanden. Das Material war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern wurde für zukünftige Generationen archiviert, um später einen unverstellten Blick auf eine sozialistische Gesellschaft im Aufbau zu ermöglichen, wie es auf der Webseite der Prenzlauerberginale heißt, die Stephan Müller nun zum sechsten Mal organisiert. Das kleine Filmfestival zeigt am 13. September im Filmtheater Friedrichshain verschiedene Ausschnitte aus SFD-Berichten von 1979 bis 1985 zum Thema Wohnen, die alle in Mitte und Prenzlauer Berg entstanden sind. ...
https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/kino-streaming/dokumentarfilme-zeigen-wie-es-sich-in-der-ddr-im-prenzlauer-berg-und-in-mitte-wirklich-wohnte-li.265534


"RBB-Doku "Der heimliche Blick": In den No-Go-Areas der DDR" Von Kurt Sagatz (16.03.2015)
Ein RBB-Film zeigt unveröffentlichte Ausschnitte aus Aufnahmen der Staatlichen Filmdokumentation. Sie zeigen die DDR, wie sie war, nicht wie sie die Staatsführung sehen wollte.
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/medien/in-den-no-go-areas-der-ddr-8124658.html

Die Staatliche Filmdokumentation (SFD)
https://de.wikipedia.org/wiki/Staatliche_Filmdokumentation

Staatliches Filmarchiv der DDR
http://www.argus.bstu.bundesarchiv.de/DR-140-64968/index.htm?kid=815f4cc2-56f9-4cf4-99d3-dd570b8c014c

Offene Geheimnisse. Die Staatliche Filmdokumentation des DDR-Filmarchivs (1970-1986) [2013]
https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-123784

"Die ungeschminkte DDR gefilmt" Heiko Weckbrodt (24. Februar 2015)
https://oiger.de/2015/02/24/die-ungeschminkte-ddr-gefilmt/56584

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Quote[...] Der Bundesnachrichtendienst beschäftigte laut einer Studie nicht nur einzelne NS-Täter. Er warb sie bis in die 1960er-Jahren gezielt an - einige waren zuvor an Mordaktionen beteiligt. Das Kanzleramt ließ den BND gewähren.

10 bis 20 Prozent der Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes hatten Blut an den Händen. Das ist die erschütternde Bilanz der Studie von Gerhard Sälter: "Und das bedeutet nicht, dass diese einfach irgendwo NSDAP-Mitglieder waren, sondern sie haben sich aktiv und zum Teil auch leitend an Mordaktionen beteiligt."

Zehn Jahre forschte der Historiker zum Thema und rekonstruierte akribisch die NS-Biografien von zahlreichen BND-Mitarbeitern. Er sei mit der Frage angetreten: Wie hat das eigentlich passieren können, dass sich in den deutschen Nachrichtendienst einzelne NS-Mörder reinschleichen konnten? Sein Fazit: Da hat sich keiner reingeschlichen, sondern man hatte eine Leitung, die die einfach gewollt hat.

Als Mitarbeiter der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND 1945 -1968 durfte Sälter erstmals bisher geheime Akten im BND-Archiv einsehen.

Spätere BND-Mitarbeiter waren demnach an Mordaktionen wie der am 10. Juni 1944 in Oradour-sur-Glane beteiligt: 642 Männer, Frauen und Kinder wurden damals brutal ermordet - eines der größten Kriegsverbrechen im besetzten Frankreich. Mitverantwortlich dafür war Helmut Schreiber,  von 1957 bis 1980 Mitarbeiter des BND.

Er gehörte zum Führungsstab der SS-Division "Das Reich", die 1944 im Süden Frankreichs ihre Blutspur hinterließ. Im Dritten Reich, so Historiker Sälter, galt er als einer jener radikalisierten Weltanschauungskrieger, die für ihre besondere Brutalität bekannt waren. Vor seinem Einsatz in der SS-Division "Das Reich" war Schreiber bei der Totenkopfstandarte 9 im KZ-Buchenwald im Einsatz, nach dem Überfall auf Polen im Getto Lublin, 1941 bei der Einsatzgruppe B in der Sowjetunion. Also bei einer jener Einsatzgruppen, die mordend hinter der Wehrmacht herzogen und Hundertausende von Juden erschossen.

Mehr als 30 spätere BND-Mitarbeiter waren während des Zweiten Weltkrieges bei sogenannten Einsatzgruppen. So wie Gustav Grauer. 1941 war er stellvertretender Kommandeur des Einsatzkommandos 3 der Einsatzgruppe A. Allein diese Gruppe tötete innerhalb weniger Monate mehr als 130.000 Zivilisten im Baltikum, vor allem Juden.

Zu den Opfern gehörten auch die Großeltern von Joram Bejarano: "Ich empfinde da auch Wut, wenn jemand jemanden in eine Position schickt und das weiß, was der eigentlich verbrochen hat, dann macht man sich selbst schon wieder schuldig." Ein Unrechtsbewusstsein aber habe es im bundesdeutschen Nachrichtendienst nicht ansatzweise gegeben, so Historiker Sälter: Da gab es kein Bewusstsein davon, dass es nicht in Ordnung war, Millionen von Juden zu töten oder Massaker in nahezu jedem europäischen Land anzurichten. Das kam einfach gar nicht vor. Und immer, wenn das von außen an sie herangetragen wurde, wurde immer so argumentiert, dass das übertrieben sei, dass das Falschdarstellungen sind.

Reinhard Gehlen, über 20 Jahre Chef der zunächst nach ihm benannten Organisation Gehlen, ab 1956 dann des Bundesnachrichtendienstes, habe nach dem Krieg gezielt ehemalige SS- und Gestapoleute aus dem NS-Terrorapparat angeworben. Gehlen wollte einen Dienst, der "Auslandsgeheimdienst, Inlandsgeheimdienst und politische Polizei mit exekutiven Vollmachten in einer Behörde verschmelzen sollte, die von ihm geleitet wird", sagt Sälter: "Das ist einfach das Reichssicherheitshauptamt." So hieß im Dritten Reich die Terrorzentrale in der Mitte Berlins, die den Holocaust organisierte und für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich war.

Ein neues Reichssicherheitshauptamt hätten die Amerikaner, denen der deutsche Auslandsnachrichtendienst am Anfang unterstand, natürlich nie zugelassen. Aber dass nach und nach immer mehr frühere Mitarbeiter aus den NS-Sicherheitsbehörden im Dienst Gehlens eine neue Anstellung fanden, hätten sie nicht verhindert, zum Teil sogar vor dem Hintergrund des aufziehenden Ost-West-Konfliktes billigend in Kauf genommen, meint Historiker Sälter. 

1956 wurde der Nachrichtendienst Bundesbehörde und unterstand fortan dem Bundeskanzleramt. Das hieß, für zahlreiche  BND-Mitarbeiter hätte die Übernahme in den öffentlichen Dienst spätestens dann wegen ihrer NS-Belastung zum Problem werden müssen. Wurde sie aber nicht.

BND-Chef Gehlen habe alle Nachfragen aus dem Kanzleramt stereotyp zurückgewiesen: Es sei nur "ein Prozent, alle entnazifiziert, alle überprüft und alle ok, was vier Lügen sind", berichtet Sälter. Bei fast allen Mitarbeitern sei Gehlen mit diesen Lügen durchgekommen. Das Kanzleramt habe sich damit zufriedengegeben.

Es hätte wegen dieser skandalösen Personalpolitik intervenieren müssen, sagt der Historiker Klaus-Dietmar Henke, Sprecher der Unabhängigen Historikerkommission. Die politische Kontrolle lag beim Chef des Kanzleramtes, Hans Globke. Doch der sei selbst aus dem Exekutivapparat des Dritten Reiches gekommen.

"Er war ein Hauptarchitekt der juristischen Bemäntelung der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden und er war ein Mittäter des Holocaust. Also er war nicht so sehr weit weg von den Leuten, die beim BND beschäftigt waren", so Historiker Henke.

Auch Bundeskanzler Konrad Adenauer griff nicht durch. Weil er den BND für parteipolitische Zwecke benutzt habe und ihn die SPD-Zentrale ausspionieren ließ, so Henke weiter. Diesen Kanal wollte der Kanzler sich nicht verschließen.

Der BND hat als eine der letzten bundesdeutschen Behörden NS-Kontinuitäten in seiner Geschichte aufgearbeitet. Wie die neue Studie jetzt zeigt, waren diese im deutschen Nachrichtendienst größer als in jeder anderen Behörde. Für BND-Präsident Bruno Kahl ist das auch eine ständige Mahnung, dass man da nichts einreißen lassen dürfe.

Der neue Dienst sei jedoch gut gewappnet: "Wir haben ganz hohe Standards bei den Leuten, die wir bei uns einstellen. Die werden sehr genau unter die Lupe genommen. Und dann kann man doch ziemlich viel ausschließen an extremistischen Betätigungen, Bestrebungen oder auch Prägungen."

Historiker Sälter fordert, dass nun auch andere Wissenschaftler mit den Akten forschen können, damit weitere Defizite geheimdienstlicher Tätigkeiten aufgearbeitet werden.


Aus: " Neue Studie: BND rekrutierte gezielt NS-Verbrecher" Christine Rütten, hr (10.10.2022)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/bnd-nazi-vergangenheit-101.html

Gerhard Sälter (* 1962) ist ein deutscher Historiker, Autor und seit 2001 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Berliner Mauer, der sich mit den Opfern, Tätern, der Rolle des Bundesnachrichtendienstes BND, der Geschichte der Geheimdienste und mit der der DDR-Grenztruppen beschäftigt. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_S%C3%A4lter

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Quote[...] Mit dem Ford Taunus 12 M (G13) präsentierten die Kölner 1952 einen modernen Kompaktwagen, dessen visionäre Ponton-Form bald Nachahmer fand. Aber auch mondänen Glamour bot dieser Taunus: Fords chromglitzernder Weltkugel-Kühler wurde zum Inbegriff des bezahlbaren Luxus.

Sie sind die ewigen Rivalen im Rennen um die Führungsposition bei den Kompaktwagen. Ford und Volkswagen konkurrieren in dieser Disziplin seit Henry Ford II nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein klares "No!" das Angebot der alliierten Siegermächte zur Übernahme des kompletten deutschen Fahrzeugbaus ausschlug. Zu altertümlich wirkte auf den US-amerikanischen Konzernlenker bereits damals der Käfer.

Stattdessen wollte Henry Ford II mit in Köln finalisierten Design-Meilensteinen wie dem 1952 eingeführten Taunus 12 M (G13) die deutsche Autolandschaft verjüngen und vorantreiben. Ein Vorhaben, das Ford überraschend erfolgreich gelang, denn die zukunftsweisende selbsttragende Karosserie mit moderner Ponton-Form war ein Paukenschlag.

Zwar gab es bereits einige Ponton-Vorreiter wie Borgward Hansa und Fiat 1400, aber letztlich wurde das Design der Kompaktwagen-Klasse in Deutschland durch die erste Nachkriegsentwicklung vom Niehler Rheinufer geprägt. Dafür nutzten die Kölner internationale Assistenz: Ford-USA gab die Grundform vor, Ford-Frankreich realisierte Prototypen beim Karossier Chausson und Ford-Deutschland übernahm den Feinschliff.

Zu diesen Finessen zählte auch das frische Logo mit den Buchstaben "F-K" für Ford-Köln, das M für "Meisterstück" in der Modellbezeichnung 12 M und eine markante Weltkugel oberhalb des chromglitzernden Grills. Ein Aufwand, der lohnte: Über ein Jahrzehnt blieb der stilprägende Taunus härtester Herausforderer von Opel Olympia/Rekord und VW Käfer. Und er setzte sogar Akzente im Premiumsegment mit Chrom und Cabrio.

Hurra, wir leben wieder: Vor 70 Jahren fanden die Deutschen zurück zu zaghaftem Wohlstand. Das neu eingeführte reguläre TV-Programm gönnten sich 1000 stolze Besitzer eines exorbitant teuren Fernsehgeräts, alle anderen verfolgten die ersten staatstragenden Auftritte der jungen britischen Queen Elizabeth auf den Kinoleinwänden.

Der bundesdeutsche Durchschnittsverdienst lag noch bei bescheidenen 400 Mark im Monat, aber Urlaubsfahrten wurden populär und die Verkehrsdichte nahm rasant zu. München legte 1952 sogar den ersten Zebrastreifen an, schwangen sich doch immer mehr Menschen vom Motorradsattel in Volkswagen Käfer oder Opel Olympia.

Zaghaft aktualisierte Vorkriegskonstruktionen, die plötzlich einen ultramodernen Konkurrenten erhielten: Den Ford Taunus 12 M in glattflächigen Formen, mit großen Fenstern, viel Platz für fünf Passagiere und Gepäck, mit vorderer Einzelradaufhängung und überraschend kleinen Rädern (13 Zoll statt sonst üblicher 15 oder 16 Zoll) zugunsten niedrigen Schwerpunkts und unproblematischer Fahreigenschaften. Auch die vordere Einzelradaufhängung war eine Innovation in der deutschen Mittelklasse. Klar, der 1,2-Liter-Motor war noch ein alter Bekannter aus den 1930ern, aber Ford bereitete bereits ein neues 1,5-Liter-Triebwerk vor, das drei Jahre später unter dem Typencode 15 M reüssierte.

So viel zukunftsweisende Technik aus der Domstadt, die er lange Zeit als Bürgermeister regiert hatte, veranlasste sogar Bundeskanzler Konrad Adenauer zu einem freundlichen Grußwort. Tatsächlich sorgte der Taunus 12 M nicht nur an den Fließbändern für Vollbeschäftigung, er avancierte auch zum globalen Exporterfolg, ganz wie es die Weltkugel am Kühler versprach.

In Ländern wie Schweden setzte er sich gegen parallel verkaufte Ford made in England durch und punktete überdies gegen den Buckel-Volvo im Vorkriegs-Fastbackdesign. Auf rauen Pisten in Afrika und Asien demonstrierte der Taunus Robustheit und in Deutschland gewann er auch Fans im Flottenmanagement von Behörden und Hilfsdiensten. Sogar der ADAC-Pannendienst kaufte den progressiven Taunus als Alternative zum konventionellen Käfer. Im Vergleich zum Volkswagen war der Taunus deutlich kostspieliger, und als auch noch Opel die Preise für den altbackenen Olympia reduzierte, musste Ford einen Joker ziehen: Die mager ausgestattete und günstiger eingepreiste Sparvariante seines "Meisterstücks", den Ford 12.

Letztlich jedoch blieben es die zweitürigen, knapp über vier Meter messenden "M"-Limousinen, mit denen Ford seine Fließbänder auslastete, ergänzt um einen variablen Combi, nutzwertige Kastenwagen, einen Pick-up sowie ein exklusives Cabriolet zu exaltierten Preisen, für die es bei Porsche bereits den legendären Typ 356 gab. Mit diesem breiten Portfolio konterten die Kölner die Produktoffensive der damaligen General-Motors-Tochtermarke Opel, die beim 1953 präsentierten Olympia Rekord plötzlich ebenfalls auf das Pontondesign setzte.

Auch Mercedes ersetzte seine konservativen 170er Typen allmählich durch den neuen 180, natürlich in angesagter Pontonform. Prompt schoben sich die Stuttgarter in der deutschen Zulassungsstatistik vor den "neuen Stern am Autohimmel", wie Werbetexter den Ford 12 M provokativ beschreiben.

Ford Taunus 12 M versus Mercedes 180? Tatsächlich zielten beide Marken mit ihren Basisbaureihen auf dieselbe Klientel, nämlich die gutverdienenden Freiberufler und Gewerbetreibenden. Heute kaum zu glauben, aber 1952 konnten sich nur vier Prozent der Bevölkerung einen Neuwagen leisten, wie Ford in einer Pressekonferenz erklärte. Bei diesen Besserverdienenden war allerdings der Anteil derjenigen, die dann doch gleich einen Ponton-Mercedes (oder auch Opel Kapitän) fürs gesellschaftliche Prestige kauften statt des preiswerteren Ford oder VW, hoch.

Mitte der 1950er Jahre erreichte das durch Steuersenkungen für Industrie, Handel und Landwirtschaft beschleunigte "deutsche Wirtschaftswunder" einen Höhepunkt und modische Möbel im Nierenstil sowie amerikanische Lifestyle-Insignien à la Autos mit Chromglitter und Heckflossen waren gefragter denn je. Ford reagierte auf den Trend mit einem Facelift für den Taunus 12 M, dessen Kühlergrill nun ein "Dollargrinsen" zeigte.

Dagegen sollte der optisch fast baugleiche, aber mit neuem 40 kW/55 PS starkem Vierzylinder vorfahrende 15 M die Wartezeit bis zum Debüt der Mittelklasse 17 M überbrücken und eine Alternative zu 1,5-Liter-Limousinen von Opel, Peugeot oder Borgward bieten.

Innen boten die Taunus-Modelle weiterhin "Wohnkomfort der Weltklasse", wie das Marketing erklärte, außen vermittelten nun neuartige bunte Metallic-Lacke auf Nitro-Zellulose-Basis einen Glanz, wie ihn sonst Straßenkreuzer auf dem Hollywood Boulevard zur Schau stellten.

So viel Vorsprung durch Design ermöglichte dem Ford eine überraschend große Modellkonstanz: Kein neues Kleid im Zwei-Jahres-Turnus wie bei Taunus-Konkurrenten, sondern eine elf Jahre währende Produktionszeit.

Ab 1959 allerdings mit flacherem Dach, größerer Heckscheibe und filigranen C-Säulen und meist mit weißen Seitenstreifen als Premium-Attribut. Nach gut 600.000 Einheiten folgte 1962 der nächste Ford-Schritt: Der 12 M (P4) mit Frontantrieb, aber das ist eine neue Geschichte.

Heute schreibt der Focus die Erfolgsstory der kompakten Ford fort, allerdings nicht mehr lange: Ein vollelektrischer Crossover macht sich bereits startklar, auf Basis der von VW gestellten MEB-Plattform. Ob Henry Ford II dazu "Yes!" gesagt hätte?

Quelle: ntv.de, Wolfram Nickel, sp-x


Aus: "Paukenschlag mit Ponton-Form Ford Taunus 12 M ließ VW und Opel alt aussehen" (19.10.2022)
Quelle: https://www.n-tv.de/auto/Ford-Taunus-12-M-liess-VW-und-Opel-alt-aussehen-article23657627.html


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Stählerne Strassen [DB Industriefilm 1955]
Dieser Film wurde von der Beratungsstelle für Stahlverwendung und von der Deutschen Bundesbahn in Auftrag gegeben und sollte darstellen, für was alles bei der DB Stahlerzeugnisse benötigt werden. Die DB sollte als Stahlgroßverbraucher dargestellt werden, einzelne Stahlhersteller werden dagegen nicht genannt, obwohl hinsichtlich der Drehorte Bochum, Duisburg und die Henrichshütte in Hattingen bekannt sind. Für einen ,,Industriefilm" ist der Streifen bemerkenswert künstlerisch ambitioniert. ...
https://youtu.be/pjmSzpd6k40

Wasser für Lokomotiven [DB-Industriefilm 1957]
Filmbericht aus Norddeutschland über den Rohrleitungsbau zur Dampflokomotiven-Wasserversorgung von Hans Böcker in Zusammenarbeit mit der Tiefbaufirma Friedrich von Hof, Bremen aus dem Jahr 1957 von der Deutsche Bundesbahn. ...
https://youtu.be/DCn55L0N80w

Die Bahn im Jahre 1958: In großen Zügen - Eine Studie über die arme, reiche Bundesbahn
Eine Dokumentation über die Deutsche Bundesbahn in den 50er Jahren, kurz nachdem der Trans Europ Express auf die Schiene gebracht wurde. Setzt das Staatsunternehmen wirklich alle technischen Möglichkeiten der zeit ein und kann der Spagat zwischen der Verantwortung und den Beschränkungen des Staatsunternehmens und gleichzeitigem wirtschaftlichem Handeln gelingen?
33000 Züge der Bundesbahn verkehren tagtäglich und würde man alle Güterwagons zusammenkoppeln, käme eine Strecke von Hamburg nach Frankfurt zustande. Damit ist die Deutsche Bundesbahn das größte Verkehrsunternehmer der Welt und der Kreislauf der deutschen Wirtschaft. Seit Jahren schreibt dieses Mammutunternehmen rote Zahlen, die einen meinen, es läge an der gemeinwirtschaftlichen Aufgabe, die anderen sehen die Gründe in der behördlichen Struktur des Unternehmens und am zum Teil widersprüchlichen Bundesbahngesetz.
Eine Produktion des Hessischen Rundfunks, 1958
https://youtu.be/kWQH--ubZJU

Die aufgehängte Straßenbahn [WDR 1964]
TV-Mitschnitt einer Sendung über die Wuppertaler Schwebebahn in Wuppertal aus dem Jahr 1964: Die wunderbare Schwebebahn in Wuppertal! Der Film von Lutz Dupré von 1964 zeigt ihre Geschichte auf, die Probleme und Widerstände, die überwunden werden mussten. Der größte Erfolg der Schwebebahn ist wohl, dass durch sie Wuppertal weltweit bekannt wurde. Am Ende fragt der Film mit Recht, warum man diese Technologie in anderen Städten nicht übernommen hat beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Denn mindestens bis 1964 schien die Schwebebahn diesbezüglich in eine Sackgasse gefahren zu sein. (Text BR alpha-retro)...
https://youtu.be/Ze0ETTO5v1k

Ein Tag im Regelzugdienst der Schnellzugdampflok 03 220
Einen Tag lang wird in aller Deutlichkeit, zu Zeiten des Regelzugdienstes, jeder wichtige Vorgang in dieser spannenden Reportage sorgsam dokumentiert: Ausfahrt aus dem Lokschuppen über die Drehscheibe zu den   Lokbehandlungsanlagen,   Bekohlen,   Wasserfassen,   Ölen   der Stangenlager, Sandaufnehmen, Ausschlacken im BwGremberg. Dann verlässt die Lok das Bw Gremberg und fährt zum Lokwechsel-Bahnhof Troisdorf, wo sie den Dm 80 045 über die noch nicht elektrifizierte Siegstrecke zieht. Höhepunkt ist die hautnahe Mitfahrt auf dem Führerstand der 03 220 in voller Aktion.
Diese einmaligen Filmaufnahmen machte ein eisenbahnbegeistertes Fernsehteam im Jahr 1969. ...
https://youtu.be/BIXzyl3S-d8

Berlin und seine "Elektrische" - Geschichten von der Straßenbahn
Die Straßenbahn war und ist eines der interessantesten und beliebtesten Nahverkehrsmittel in Berlin. Die Geschichten von Straßenbahnern und Fahrgästen über ihre Bahn und ihr Berlin sowie Bilder der Stadt in Schwarz-Weiß und Farbe erzählen davon.
https://youtu.be/G3QBGqkvf6I

West-Berlin - Straßenbahn-Stilllegungen - U-Bahn-Bau - Bus - Auto [ARD-Retro]
Zusammenschnitt TV-Berichte meist aus den 1960'er-Jahren zu Straßenbahn, U-Bahn-Bau, Bus, S-Bahn und sonstiger Verkehr in West-Berlin.
https://youtu.be/mQIhTeCAjfY



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"Kuba-Krise: Der Tag, an dem ein Mann einen nuklearen Weltkrieg verhinderte" Stephan Kroener (27.10.2022)
Am 27. Oktober 1962 stand die Welt kurz vor einem Atomkrieg. Erst Jahrzehnte später wurde bekannt, dass der sowjetische Offizier Wassili Archipow in letzter Sekunde einen nuklearen Angriff auf die US-Navy abgewendet hatte. ... Das »Gleichgewicht des Schreckens« zwischen den USA und der Sowjetunion sollte die beiden Supermächte davon abhalten, einen atomaren Erstschlag auszuführen. Denn dieser hätte immer auch eine nukleare Vergeltung der Gegenseite nach sich gezogen. Auf menschliche Fehlentscheidungen war dieses Prinzip allerdings nicht ausgelegt. ...
https://www.spektrum.de/news/kuba-krise-der-tag-an-dem-fast-ein-atomkrieg-ausgebrochen-waere/2071227

Die Kubakrise (in der Sowjetunion und im Sprachgebrauch der DDR auch als Karibische Krise, auf Kuba später als Oktoberkrise bezeichnet) im Oktober 1962 war eine Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, die sich aus der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba im Rahmen des nuklearen Wettrüstens entwickelte.
Die eigentliche Krise dauerte dreizehn Tage. Ihr folgte eine Neuordnung der internationalen Beziehungen. Mit der Kubakrise erreichte der Kalte Krieg eine neue Dimension. Beide Supermächte kamen während dieser Krise einer direkten militärischen Konfrontation und somit einem möglichen Atomkrieg am nächsten. Erstmals wurden daraufhin dessen ungeheure Gefahren einer breiten Öffentlichkeit bewusst. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Kubakrise

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Frank Schuhmacher: Benito Mussolini – Konsens durch Mythen

Eine Analyse der faschistischen Rhetorik zwischen 1929 und 1936
Der Diktator Benito Mussolini suchte die Zustimmung und den Beifall der Italienerinnen und Italiener. Seine Rhetorik war aber weniger die eines Manipulators als die eines profunden Kenners der Sehnsüchte und Wünsche seiner Zeit.In der Nachkriegszeit setzte sich das Narrativ durch, dass die italienische Bevölkerung seiner verdeckten Manipulation hilflos erlegen, gleichzeitig aber schon immer gegen den Faschismus und Mussolini gewesen sei. Dass dem nicht so war, Mussolini eine hohe Zustimmung inner- und außerhalb Italiens genoss – auch und gerade weil er in seinen Reden geschickt auf die Meinungen und Wünsche seiner Zeitgenossen einging –, das wird in dieser breit angelegten Propaganda-Analyse detailreich gezeigt. Die Studie geht dezidiert der Frage nach, wie Mussolini Mythen rhetorisch einsetzte, um gesellschaftlichen Konsens zu erlangen und aufrecht zu erhalten.


    Verlag: Brill | Fink
    Genre: keine Angabe / keine Angabe
    Seitenzahl: 416
    Ersterscheinung: 21.10.2022
    ISBN: 9783770567478




Quelle:  https://www.lesejury.de/frank-schuhmacher/buecher/benito-mussolini-konsens-durch-mythen/9783770567478

"Vor hundert Jahren erfolgte in Italien die Machtergreifung der Faschisten" Rolf Wortmann (28. Oktober 2022)
... Vor hundert Jahren, am 28. Oktober 1922 erfolgte mit dem ,,Marsch auf Rom" die Machtergreifung durch eine neuartige politische Bewegung, die sich ,,fascismo" nannte. Ihr Führer, der ,,duce" Benito Mussolini, wurde zwei Tage später vom italienischen König Vittorio Emanuele III. mit der Regierungsbildung beauftragt. Er herrschte bis zu seinem Sturz am 25. Juli 1943 und überwinterte in einem Restteil des faschistischen Italiens noch bis zum 25. April 1945. Am 28. April wurde er von Partisanen erschossen. Wie der Faschismus ideell auf die Kraft des Mythos baute, so wurde auch die Machtergreifung vor hundert Jahren zum Mythos stilisiert. ...
https://os-rundschau.de/rundschau-magazin/rolf-wortmann/vor-hundert-jahren-erfolgte-in-italien-die-machtergreifung-der-faschisten/

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#92
"IG Ausschwitz" (2023)
Ein Vortrag von Dr. Wolfgang Hien über die Rolle der Chemischen Industrie im 3.Reich.
"Chemische Industrie im deutschen Faschismus - ausgewählte Beispiele des Verbrechens"
Eine Veranstaltung des VVN-BdA Bremen am 28.02.2023 im Kokoon Bremen.
https://youtu.be/9S_7G0rulHI | http://www.wolfgang-hien.de/

Die I. G. Farbenindustrie AG (I. G. für Interessengemeinschaft), kurz I. G. Farben, heute meist I.G. Farben oder IG Farben geschrieben, entstand Ende 1925 aus dem Zusammenschluss von acht deutschen Unternehmen – Agfa, BASF, Bayer, Cassella, Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, Chemische Fabrik vorm. Weiler-ter Meer, Hoechst und Chemische Fabrik Kalle. Die I.G. Farben hatte ihren Sitz in Frankfurt am Main. Sie wuchs in der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem durch Enteignungen zum größten europäischen Unternehmen und größten Chemie- und Pharmaunternehmen der Welt.
https://de.wikipedia.org/wiki/I.G._Farben

Wolfgang Hien (* 1949) im Erstberuf Chemielaborant und langjährig tätig als Industriearbeiter, seit Anfang der 1990er Jahre Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler, ist als Forscher, Referent, Berater und vielfacher Buchautor hervorgetreten. Mit seinen sozialhistorisch, medizinsoziologisch sowie biographisch ausgerichteten Arbeiten zu berufsbedingten Belastungen und Krankheiten hat er vor allem in gewerkschaftlichen und betrieblichen Diskussionen Beachtung gefunden.[4] Er lebt und arbeitet in Bremen. Sein bisheriges Hauptwerk Die Arbeit des Körpers. Von der Hochindustrialisierung bis zur neoliberalen Gegenwart erschien 2018 im Wiener Mandelbaum Verlag ist in erweiterter und korrigierter Fassung 2022 neu aufgelegt worden.... Seit 1989 ist Hien in Forschung und Lehre tätig; zwischen 2003 und 2005 war er Referatsleiter für Gesundheitsschutz beim DGB-Bundesvorstand. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Hien

IG Farben. Von Anilin bis Zwangsarbeit
Zweitauflage des kritischen Handbuches zu dem deutschen Chemie-Konglomerats, dessen skrupelloses Wirken eines der traurigsten Kapitel des II. Weltkrieges darstellt. So machte das Kartell (aus dem in der Nachkriegszeit die Konzerne BASF, Hoechst und Bayer hervorgingen) profitable Geschäfte mit Giftgas und betrieb mit Auschwitz-Monowitz das einzige «werkseigene» Konzentrationslager im nationalsozialistischen Einflußbereich.
https://schmetterling-verlag.de/page-5_isbn-3-89657-461-2.htm

Nürnberger Industrieprozesse - IG Farben (15.06.2020)
Während der Nürnberger Industrieprozesse im Rahmen der Nürnberger Nachfolgeprozesse standen 23 leitende Angestellte und Verantwortliche der IG-Farbenindustrie AG vor Gericht. 12 der Angeklagten wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt, während die restlichen 11 aufgrund der Beweislage freigesprochen wurden. Unter anderem wurde den Angeklagten "Versklavung" und "Plünderung" vorgeworfen. ...
https://youtu.be/T647Be3Th0Q

"Der Rat der Götter" Regie: Kurt Maetzig, DDR 1950, 111 Minuten
Der Spielfilm orientiert sich am Nürnberger Nachfolgeprozess gegen leitende Angestellte des IG Farben-Konzerns von 1947/48. ...
https://museen.nuernberg.de/memorium-nuernberger-prozesse/kalender-details/rat-der-goetter-1904

Der Rat der Götter ist ein deutsches Filmdrama von Kurt Maetzig nach einem Drehbuch von Friedrich Wolf. Er beleuchtet den Weg des I.G.-Farben-Konzerns von 1930 bis 1948.
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Rat_der_G%C3%B6tter

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"Kampf um Sichtbarkeit: Fotografie im Holocaust" Michael Bienert (28.03.2023)
Die Internationale Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem zeigt im Berliner Museum für Fotografie ihre Ausstellung ,,Flashes of Memory. Photography during the Holocaust" erstmals in Deutschland. ... Als das KZ-Außenlager Königs Wusterhausen Ende April 1945 geräumt wurde, begann für den Fotografen Mendel Grossmann ein Marsch ins Ungewisse. Krank und ausgezehrt wurde er knapp vor dem Kriegsende von seinen Bewachern erschossen, mit 32 Jahren. Seine Kamera trug er bis zum letzten Moment bei sich. Ein Foto aus dem Ghetto von Lodz zeigt, wie Grossmann hinter dem Rücken eines Ordners heimlich einen Zug von Menschen fotografierte, die auf ihren Abtransport in ein anderes Lager warteten. In diesem Moment riskierte er sein Leben und das seiner Familie. Der Judenrat von Lodz hatte ihm ausdrücklich verboten, privat Fotos in dem unter deutscher Besatzung eingerichteten Judenghetto aufzunehmen. Dort musste Grossmann mit seiner Familie ab 1940 leben. Der Judenrat ließ aufwändige Mappen mit Statistiken und Fotos erstellen, in der Hoffnung, so die deutschen Besatzer von der Effizienz der Verwaltung und dem wirtschaftlichen Nutzen des Ghettos zu überzeugen. Neben diesen Auftragsarbeiten nahmen Grossmann und sein Kollege Henryk Ross heimlich tausende Fotos auf, die sie vor der Liquidierung des Ghettos im Jahr 1944 vergruben und vor der Vernichtung bewahrten. ...
https://www.tagesspiegel.de/kultur/kampf-um-sichtbarkeit-fotografie-im-holocaust-9554579.html


Mordka Mendel Grossman was born on 27 June 1913 in Gorzkowice, Piotrków Governorate, Russian Empire (today Poland). He died on 30 April 1945, during the death marches. He was a photographer and worker in the Statistical Department of the Litzmannstadt Ghetto.
https://en.wikipedia.org/wiki/Mendel_Grossman

The Mendel Grossman Gallery - Images from the Lodz Ghetto
http://www.holocaustresearchproject.org/ghettos/grossmangallery/index1.html

Fotografie im Holocaust – Museum für Fotografie Berlin (26. März 2023)
https://www.sister-mag.com/blog/fotografie-im-holocaust-museum-fuer-fotografie-berlin/


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#94
Am 11. September 1973 putschte das Militär in Chile. Der drei Jahre zuvor demokratisch gewählte sozialistische Präsident Salvador Allende nahm sich das Leben, nachdem die Luftwaffe begonnen hatte, den Präsidentenpalast La Moneda zu bombardieren, und Militär in den Palast eingedrungen war. Eine Junta unter der Führung von Augusto Pinochet regierte Chile daraufhin bis zum 11. März 1990 als Militärdiktatur. Er war ein zentrales Ereignis im Kalten Krieg mit ähnlich symbolhafter Bedeutung wie die Revolution in Kuba.
https://de.wikipedia.org/wiki/Putsch_in_Chile_1973


"50. Jahrestag: Chile gedenkt der Opfer der Militärherrschaft unter Diktator Pinochet" (12. September 2023)
1973 stürzte General Augusto Pinochet Chiles Regierung mit Unterstützung der CIA. Zum 50. Jahrestag erinnert das Land an Tausende, die ermordet und gefoltert wurden. ... Pinochet hatte Salvador Allende mit Unterstützung des US-Geheimdiensts CIA gestürzt und die Macht in Chile übernommen. Als die Soldaten in den Regierungssitz eindrangen, erschoss sich Präsident Allende mit einer Kalaschnikow.
Mehr als 3.200 Menschen wurden während Pinochets 17-jähriger Herrschaft getötet oder verschleppt und vermutlich auch ermordet. Rund 38.000 weitere Menschen wurden inhaftiert und gefoltert. ... Der Militärputsch spaltet die chilenische Gesellschaft noch immer. Familien der Opfer der Militärdiktatur beklagen, dass viele Verbrechen nie aufgeklärt und die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.
Pinochet starb 2006 im Alter von 91 Jahren an einem Herzinfarkt, ohne je für die Verbrechen verurteilt worden zu sein. Auch ein halbes Jahrhundert nach dem Putsch ist Chile immer noch gespalten zwischen Befürwortern und Kritikern der Militärherrschaft. ...
https://www.zeit.de/politik/ausland/2023-09/chile-gedenkt-50-jahrestag-militaerputsch-pinochet

QuoteArtige Intelligenz

Auch Pinochet hatte Unterstützer oder Gleichgültige aus der Mitte der Gesellschaft auf die er bauen konnte.
Wir haben nichts daraus gelernt.


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"... Man kann die chilenische Geschichte – spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg – nicht verstehen, wenn man nicht die Rolle der USA in ihr betrachtet. Die offizielle und die inoffizielle. Verdeckte Aktionen der CIA gehörten zum Standardrepertoire. Heute ist es Mode, sich lustig zu machen über ,,Verschwörungstheorien".  ..."
Aus: "Putsch in Chile: Die Lektionen des Augusto Pinochet" Arno Widmann (11.09.2023)
https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/putsch-in-chile-die-lektionen-des-augusto-pinochet-92511192.html

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"BND, Chile-Putsch und viele offene Fragen" Ben Knight hka (05.01.2019)
War Deutschland in den Aufstieg des brutalen Pinochet-Regimes in Chile verwickelt? Das Bundesaußenministerium gibt wenig Auskunft über eine damalige Zusammenarbeit zwischen BND und CIA. ... Details zur Rolle der damaligen deutschen Regierung will das Ministerium [ ] nicht preisgeben. Auch darüber hinaus lehnt die Bundesregierung es ab, zentrale Fragen zur Kooperation zwischen der CIA, die aktiv Pinochets Gruppe unterstützte, und dem BND zu beantworten - "aus Staatswohlgründen", wie es heißt. ... Unter anderem bleiben folgende Fragen unbeantwortet: Wann und in welcher Form war der BND in Chile aktiv? Informierte die CIA den BND über den Putsch, den die USA finanziell und durch ihren Geheimdienst unterstützten? War der BND in irgendeiner Form an CIA-Operationen in Chile beteiligt? Was war der Kern der damaligen deutschen Außenpolitik in Chile, wenn nicht die Menschenrechte?
"Es ist davon auszugehen, dass es dort diese enge Zusammenarbeit (zwischen dem BND und der CIA) gab, und dass diese ideologisch in Westdeutschland durch Antikommunismus legitimiert wurde", sagt Korte. Ob zwischen 1965 und 1995 chilenische Militärangehörige in Westdeutschland ausgebildet wurden, lässt die Bundesregierung ebenfalls offen. ... Die Bundesregierung ist nicht verpflichtet, Geheimdienstdokumente zu veröffentlichen, die jünger als 60 Jahre sind. ... Einen Einblick in die deutschen Beziehungen zu Chile bieten die Antworten des Bundesaußenministeriums auf Kortes Fragen allemal. So zeigen sie, dass der Handel mit Chile im Jahr nach der Machtübernahme Pinochets einen erheblichen Aufschwung erlebte. Die Ausfuhren stiegen 1974 um über 40 Prozent, die Einfuhren um 65 Prozent. ...
https://www.dw.com/de/die-bundesregierung-mauert-zu-bnd-chile-putsch-und-vielen-offenen-fragen/a-46959310

"50 years after Chile's coup, Salvador Allende's grandson speaks about Britain's role in the rise of Pinochet"
In Santiago, Declassified spoke with Pablo Sepúlveda Allende about Margaret Thatcher's friendship with Chile's dictator and how Labour helped him evade justice for crimes against humanity.
JOHN McEVOY and PABLO NAVARRETE (11 September 2023)
https://declassifieduk.org/50-years-after-chiles-coup-salvador-allendes-grandson-speaks-about-britains-role-in-the-rise-of-pinochet/

"50 Jahre Pinochet-Putsch in Chile: 10 Bücher zum Militärputsch" Sophia Boddenberg (9.9.2023)
Um den Pinochet-Putsch am 11. September 1973 besser zu verstehen, hat die freie Korrespondentin in Chile eine Liste von Buchtipps zusammengestellt.
https://taz.de/50-Jahre-Pinochet-Putsch-in-Chile/!5957725/

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Quote[...] Jeden Tag gibt es durchschnittlich mindestens sieben antisemitische Straftaten in Deutschland. Beim Dachauer Symposium für Zeitgeschichte erforschen Experten heuer den Geschichtsrevisionismus

Mit einem knappen Satz benannte Jens-Christian Wagner in seinem Einführungsreferat beim diesjährigen Dachauer Symposium für Zeitgeschichte eine der Ursachen dafür, dass es in Deutschland einen Rechtsruck gibt: "Das Geschichtsbewusstsein erodiert." Wagner, Stiftungsdirektor der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora und Professor für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, war wissenschaftlicher Leiter der Tagung, die den Titel trug: "Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland: Formen, Felder, Ideologie". In erster Linie ging es dabei an zwei Tagen um Verfälschungen und Verharmlosungen des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen.

Als "extrem aktuell" angesichts der AfD-Wahlergebnisse bei den Landtagswahlen in Hessen und Bayern hatte zuvor Sybille Steinbacher, Zeitgeschichtsprofessorin an der Goethe-Universität in Frankfurt und Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts sowie seit 2012 Projektleiterin der Dachauer Symposien, das Thema der diesjährigen Veranstaltung bezeichnet. Denn von Seiten dieser Partei gebe es immer wieder Forderungen nach Änderungen der Erinnerungskultur, "die Angriffe auf die Demokratie sind", sagte sie gleich zu Beginn bei der Begrüßung der etwa 70 Konferenzteilnehmer.

Wagner schlug in seinem Einführungsvortrag einen Bogen über den Geschichtsrevisionismus von 1945 bis heute. Bereits im Frühjahr 1945 habe die "Schuldumkehr und Schuldabwehr" begonnen. Dabei bezog er sich auf Aussagen über Luftangriffe der Alliierten, die Vertreibung der Deutschen aus Ostgebieten oder die Zwangsbesichtigungen der Konzentrationslager: "Die Volksgemeinschaft war zur Opfergemeinschaft geworden." Wissenschaftliche Erkenntnisse seien immer mehr durch Mythen und Verfälschungen ersetzt worden bis hin zur sogenannten "Auschwitz-Lüge", nach der es eine millionenfache Ermordung von Juden nicht gegeben habe. "Es geht den Rechten darum, den Nationalsozialismus von Schuld reinzuwaschen", so Wagner.

Eine noch neue Form des Geschichtsrevisionismus zeigte Fabian Virchow aus Düsseldorf: Die Verschwörungserzählungen der Corona-Leugner mit ihrer Verharmlosung und Relativierung des NS-Staates, wobei die Bundesrepublik ebenfalls als Diktatur bezeichnet werde, mit Instrumentalisierung der Shoa-Opfer sowie Dämonisierung der politischen Gegner. Hauptsächlich, so Virchow, bestehe die Szene aus Verschwörungsgläubigen, Esoterikern und Rechtsextremisten, die nach Abflauen der Pandemie nahtlos in Putin-Verteidiger übergegangen sei.

Online zugeschaltet aus Frankfurt war Julia Bernstein, Expertin für Antisemitismus. Sie berichtete, wie Traumata von jüdischen Verfolgungsopfern über Generationen weiterleben. "Vertreter der Mehrheitsgesellschaft verstehen oft nicht, warum Juden bei bestimmten Ausdrücken überreagieren." Als Beispiele dafür nannte sie Formulierungen wie "Mischehe", "Sonderbehandlung", "der Zug ist abgefahren" oder "an der Rampe stehen". Es gebe für jüdische Menschen in Deutschland, selbst in dritter oder vierter Generation nach der Shoa eine "Kontinuität der Unsicherheit".

Als gewaltförmigen Geschichtsrevisionismus bezeichnete Imanuel Baumann, der Leiter des Memoriums Nürnberger Prozesse, anhand von Beispielen den Rechtsterrorismus, der jahrzehntelang kaum zur Kenntnis genommen worden sei. Die Anfänge des Rechtsterrorismus hat es bereits zu Beginn der Weimarer Republik gegeben. Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit von 1945 bis 1947 gab es Sprengstoffanschläge auf Entnazifizierungskammern. 1979 versuchte ein Rechtsextremist, die Ausstrahlung einer Holocaust-Fernsehserie zu verhindern, indem er die Sendeanlage Koblenz in die Luft sprengte. Und 1980 wurden in Erlangen der jüdische Verleger Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin von einem Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann aus antisemitischen Motiven erschossen, so Baumann.

Mit einer steilen These stieg der online zugeschaltete Publizist und Fernsehjournalist Arnd Henze in sein Referat ein: "Trump wäre 2016 ohne Bonhoeffer nicht US-Präsident geworden." Denn der Theologe werde von US-evangelikalen Trump-Anhängern als einer der ihren adoptiert und als Widerstandskämpfer gegen das "System" missbraucht, wie das auch die deutschen Corona-Leugner tun. Über die Gefahren, die von rechten Medien ausgehen und die durch das Internet noch weit mehr Verbreitung finden, referierte Justus H. Ulbricht aus Dresden: "Wer über Begriffe herrscht, der herrscht auch über Menschen und Verhältnisse."

In Natascha Strobls Online-Vortrag über die Identitären, zu dem sie aus Wien zugeschaltet war, ging es ausnahmsweise nicht um den NS-Staat, sondern um viel ältere Geschichtsmythen, beispielsweise den Sieg des Franken Karl Martell über die Mauren, die Kreuzzüge oder die Türkenkriege im 16. und 17. Jahrhundert: stets Christentum gegen Islam. Heike Kleffner aus Berlin stellte - ebenfalls am Bildschirm - Statistiken von antisemitischen Straftaten vor. Das Bundeskriminalamt zählte 2022 trotz hoher Dunkelziffer nicht weniger als 2641 Delikte von Körperverletzung bis Volksverhetzung - täglich mindestens sieben. Ihr Fazit: "Offener Antisemitismus ist Bestandteil von Normalität geworden." Maik Tändler vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zog eine Linie von den 50er Jahren bis heute, indem er den Versuch von Alt- und Neurechten beschrieb, Vergangenheitsbewältigung zu verhindern: Sei es anfangs noch vor allem um die Kriegsschuldfrage gegangen, kam in den 80er Jahren der Holocaust in den Vordergrund, der von Geschichtsrevisionisten angezweifelt wurde.

In der abschließenden, von Sybille Steinbacher moderierten Podiumsdiskussion machte Jens-Christian Wagner klar, dass es für KZ-Gedenkstätten keine Neutralität bei Verstößen gegen die Erinnerungskultur geben dürfe. Er plädierte dafür, nicht zu warten, "dass Besucher in die Gedenkstätten kommen, sondern dass wir rausgehen, auch in den digitalen Raum."


Aus: "Nationalsozialismus:"Das Geschichtsbewusstsein erodiert"" Walter Gierlich, Dachau (15. Oktober 2023)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/dachauer-symposium-geschichtsrevisionismus-nationalsozialismus-1.6288068


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#96
Quote[...] Der Erste Weltkrieg war gerade elf Jahre lang vorbei, als die Stabilität der ,,Goldenen Zwanziger" ein schnelles Ende nahm. 1929 crashte in New York die Börse und stürzte die Welt in eine Wirtschaftskrise. Schon ein Jahr später waren in der Weimarer Republik mehr als drei Millionen Menschen arbeitslos und ihre Zahl stieg immer weiter.

Die Unzufriedenheit mit der Regierung wuchs, das spiegelte sich in den Wahlergebnissen der Reichstagswahlen wider: 1928 stimmten noch 2,6 Prozent der Wählenden für die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), im September 1930 waren es schon 18,3 Prozent. Damit war die NSDAP die zweitstärkste Kraft im Reichstag, weniger als drei Jahre später wurde Hitler Reichskanzler. Die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik war ihren Gegnern nicht mehr lange gewachsen.

Im Oktober 1930 sollte der Schriftsteller Thomas Mann in Berlin eigentlich ein Kapitel seines neuen Romans vortragen, entschied sich aber dagegen. Es waren moralische Gründe, die ihn dazu brachten, stattdessen am 17. Oktober 1930, heute vor 97 Jahren, in der ,,Deutschen Ansprache - Ein Appell an die Vernunft" gegen den aufkommenden politischen Extremismus zu plädieren. Nach einer politischen Analyse fragte er, ob der Fanatismus und damit die ,,Verleugnung der Vernunft" wirklich ,,deutsch" seien und sprach sich für die Sozialdemokratie aus. Seine Worte lösten Tumulte durch anwesende SA-Männer aus. Es war schon die zweite politische Äußerung des Schriftstellers, und es sollte nicht die letzte sein.

Mann verließ seine Heimat 1933, kurz vor Hitlers Machtübernahme. Aus dem Exil in den USA hielt er ab 1940 monatliche Ansprachen im Radiosender der BBC unter dem Titel ,,Deutsche Hörer!": In insgesamt 60 Reden kommentierte er den Kriegsverlauf und die Verbrechen des NS-Regimes, sprach die Deutschen direkt darauf an und fragte: ,,Wisst ihr das? Und wie findet ihr es?" So appellierte er bis 1945 weiter an die Vernunft seiner Hörer:innen.


Aus: "Heute vor 93 Jahren: Ein Plädoyer für die Vernunft" Eine Kolumne von Lili Wolf (17.10.2023)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/heute-vor-93-jahren-ein-pladoyer-fur-die-vernunft-10630666.html

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Deutsche Hörer! ist der Titel einer Reihe von 55 Radioansprachen Thomas Manns, die das deutsche Programm der BBC zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 meist regelmäßig einmal monatlich ausstrahlte. Hinzu kamen einzelne Sondersendungen sowie eine letzte Ansprache zu Neujahr 1946.
Es handelte sich um fünf- bis achtminütige, pointiert formulierte Reden, in denen der Autor sich mit der politischen Lage Deutschlands in der Zeit des Nationalsozialismus befasste, das Kriegsgeschehen kommentierte und mahnende Worte an seine Landsleute richtete. Eine erste Sammlung mit 25 Sendungen wurde 1942 als Buch veröffentlicht, ein zweites Buch umfasste 1955 55 Texte.
Nachdem Thomas Mann in unterschiedlichen Publikationen gegen den Nationalsozialismus warnend Stellung genommen hatte, so in seinem Appell an die Vernunft von 1930, setzte er diese Form von Mahnungen mit den Ansprachen fort.
Seine Reden gehen von der Differenz zwischen den Deutschen (bzw. ihrer Kultur) und dem Nationalsozialismus aus, eine Grundüberzeugung, die sein politisches Denken während des Exils bestimmt hat. Tendenziell zielen sie darauf, den deutschen Hörern diese Differenz bewusst zu machen und sie dadurch zum Widerstand gegen Adolf Hitler zu bewegen. ... Die Fanatisierung vieler Deutscher durch die Propagandareden Joseph Goebbels' und die scheinbare Identifizierung mit dem Nationalsozialismus schienen den Glauben Thomas Manns an die Widerständigkeit der deutschen Kultur bisweilen Lügen zu strafen; in einigen seiner Reden lassen sich mitunter Spuren von Resignation feststellen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_H%C3%B6rer!

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... Eine Naturreligiosität, Elemente des Ausschweifend-Orgiastischen, die romantische Barbarei, wie später in der großen Deutschland-Rede ausgeführt, der Zusammenhang von romantisierender Philosophie und Nationalismus – all diese Motive seien unverkennbar. Und doch frage er sich, ob es wirklich deutsch sei, Politik zum ,,Massenopiat des Dritten Reiches" zu machen, ,,Budengeläut, Halleluja, derwischmäßige(s) Wiederholen monotoner Stichworte." Der Fanatismus und die orgiastische Leugnung der Vernunft seien in der tieferen Wesensschicht des Deutschtums wohl nicht zu Hause.  ... Er habe sie [die Rede] Appell an die Vernunft genannt, als er, seine Natur überwindend, in die politische Arena gestiegen sei, obwohl sie lediglich ein ,,Appell an alles bessere Deutschtum" gewesen sei, wie er im November 1941 in einer der Radioansprachen Deutsche Hörer! betonte. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Ansprache

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"Thomas Mann Deutsche Hörer BBC Radioansprachen"
Deutsche Hörer! ist der Titel einer Reihe von 55 Radioansprachen Thomas Manns, die das deutsche Programm der BBC zwischen Oktober 1940 und Mai 1945 meist regelmäßig einmal monatlich ausstrahlte. Hinzu kamen einzelne Sondersendungen sowie eine letzte Ansprache zu Neujahr 1946. ...
https://archive.org/details/Thomas-Mann-Deutsche-Hoerer/Thomas+Mann+-+Deutsche+H%C3%B6rer+3+-+August+1942.mp4

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Der Maji-Maji-Aufstand (auch Maji-Maji-Krieg) von 1905 bis 1907 war eine Erhebung der afrikanischen Bevölkerung im Süden Deutsch-Ostafrikas gegen die deutsche Kolonialherrschaft. Zugleich gilt er als einer der größten Kolonialkriege in der Geschichte des afrikanischen Kontinents.
https://de.wikipedia.org/wiki/Maji-Maji-Aufstand

Hermann Wilhelm Leopold Ludwig Wissmann, seit 1890 von Wissmann (* 4. September 1853 in Frankfurt (Oder); † 15. Juni 1905 in Weißenbach bei Liezen, Steiermark) war ein deutscher Abenteurer, Afrikaforscher, Offizier und Kolonialbeamter. ... Die aus deutschen Offizieren und afrikanischen Söldnern zusammengestellte ,,Wissmann-Truppe" war die erste deutsche Kolonialtruppe, die einen Landkrieg in Afrika führte. ... Die Art der Kriegsführung wurde von einigen Zeitgenossen – u. a. vom linksliberalen Reichstagsabgeordneten Eugen Richter – als grausam kritisiert. Andere Stimmen in Deutschland feierten Wissmann aufgrund seines militärischen Erfolgs. Das Regiment der nun verstaatlichen Truppe wurde Wissmann nicht übertragen. Er wurde jedoch 1890 zum Major befördert und durch Wilhelm II. in den erblichen Adelsstand erhoben. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_von_Wissmann


Quote[...] In der Region um die Stadt Songea, die Steinmeier besucht, war zwischen 1905 und 1907 ein Aufstand gegen die deutschen Kolonialherren mit brutaler Härte niedergeschlagen worden. Im Verlauf des sogenannten Maji-Maji-Aufstands wurden Schätzungen zufolge bis zu 300.000 Menschen getötet. Der Aufstand gilt als einer der größten Kolonialkriege in der Geschichte des afrikanischen Kontinents.

... Was damals in Tansania geschehen ist, dürfe niemand vergessen, sagte Bundespräsident Steinmeier. Deutschland sei bereit zu einer "gemeinsamen Aufarbeitung der Vergangenheit". In diesem Sinne sagte Steinmeier zu, sterbliche Überreste von Menschen aus der früheren Kolonie nach Tansania zurückzubringen. 

"Was wir wissen, ist, dass damals viele Gebeine aus Ostafrika nach Deutschland gebracht wurden und dort in Museen und anthropologischen Sammlungen lagen – Hunderte, vielleicht Tausende von Schädeln", sagte er. Diese sollen nun zurückgebracht werden. Eine Identifizierung der menschlichen Überreste und ihre Zuordnung sei jedoch schwierig. "Wir werden tun, was in unserer Macht steht", sagte Steinmeier. Man werde sich insbesondere darum bemühen, den Schädel von Chief Songea zu finden.

Bislang hat Deutschland das damalige Vorgehen weder offiziell als Kriegsverbrechen anerkannt, noch sich entschuldigt. Das müsse sich ändern: "Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier muss die 'Ampel' zur politischen wie juristischen Aufarbeitung der deutschen Kolonialverbrechen in Tansania drängen", sagte die Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen (Die Linke). Auf eine parlamentarische Anfrage der Abgeordneten im August schrieb das Auswärtige Amt, der "entsprechende Dialog" mit Tansania sei "noch nicht abgeschlossen".


Aus: "Steinmeier bittet um Verzeihung für deutsche Kolonialverbrechen" (1. November 2023)
Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2023-11/frank-walter-steinmeier-tansania-kolonialverbrechen-entschuldigung

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#98
Eric John Ernest Hobsbawm CH (* 9. Juni 1917 in Alexandria, Sultanat Ägypten; † 1. Oktober 2012 in London) war ein marxistisch orientierter britischer Universalhistoriker mit sozial- und wirtschaftshistorischen Schwerpunkten. Weltweit bekannt wurde er mit seinem dreibändigen Werk zur Geschichte des ,,langen 19. Jahrhunderts" und dem Ergänzungsband zum ,,kurzen 20. Jahrhundert" sowie mit Überlegungen zu erfundener Tradition und Studien über die Arbeiterbewegung. Kritiker werfen ihm vor, er habe sich zu spät und zu wenig vom Stalinismus distanziert. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Eric_Hobsbawm

"Eric Hobsbawm: The Consolations of History"
In this documentary, Anthony Wilks traces the connections between the events of Eric Hobsbawm's life and the history he told, from his teenage years in Germany and his communist membership, to the jazz clubs of 1950s Soho and the makings of New Labour, taking in Italian bandits, Peruvian peasant movements and the development of nationalism in the modern world, with help from the assiduous observations of MI5. The film features contributions from Frances Stonor Saunders, Richard J. Evans, John Foot, Stefan Collini, Marlene Hobsbawm and Donald Sassoon, as well as Hobsbawm himself in extensive archive footage. ...
https://youtu.be/wVQ4dfC34TI

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Philosoph & Historiker Philipp Blom - Jung & Naiv: Folge 670
... Philipp Blom. Er studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Wien und Oxford, wo er 1996 mit einer Dissertation über die Nietzsche-Rezeption und das Rassendenken im Kulturzionismus promoviert wurde. Zuletzt veröffentlichte er das Buch "Die Unterwerfung - Anfang und Ende der menschlichen Herrschaft über die Natur"
Ein Gespräch über Philipps Interesse an der Geschichte und die Zukunft, die aktuelle Krise und die anstehende Klimakatastrophe, unser Unwillen unser Verhalten zu verändern, Vertrauen in Eliten und die Wissenschaft, Wirtschaftswachstum, der Glaube an neue Zaubertechnologien, Kapitalismus, Gier, Überreichtum und der neue Adel, die Krise der Demokratien, die "Rauchende Trümmer"-Theorie, Philipps Kindheit, Zeit in der Waldorfschule, sein Interesse am Judentum, der heutige Krieg in Nahost und der historische Konflikt dahinter, seine Politisierung und der Diskurs mit seiner Frau, Philipps Interesse an der Geschichte der menschlichen Herrschaft über die Natur, der heutige Glaube an den Markt und die unsichtbare Hand, Neoliberalismus, die Geschichte der "Unterwerfung" der Natur, die Aufforderung des Bibelgotts sich die Erde zum Untertanen zu machen ...
https://youtu.be/vqbLpSczJI4 (3:35:32)


Philipp Sievert Blom (* 22. Januar 1970 in Hamburg) ist ein deutscher Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Blom

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Edward Palmer Thompson (* 3. Februar 1924 in Oxford; † 28. August 1993 in Worcester) war ein britischer Historiker und Friedensaktivist. Er gilt als einer der Pioniere einer Geschichte von unten und gehörte mit Christopher Hill und Eric Hobsbawm zu jener Gruppe marxistischer Historiker Großbritanniens, der nach Hans-Ulrich Wehler die englische Geschichtswissenschaft ihren weltweiten Einfluss seit den 1960er Jahren zu verdanken hatte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_P._Thompson

"Rear Window: A Life of Dissent - The Life and Work of E. P. Thompson"
E. P. Thompson, a British historian, poet, novelist and activist, was a voice of dissent in the dogmatic political environment of 20th century Europe. ...
https://youtu.be/eirT8D28bTk

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#99
Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924)
https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Iljitsch_Lenin

Salzburger Nachtstudio: Lenin und sein Erbe - 100 Jahre nach Lenins Tod (10. Jänner 2024)
Der Berliner Gewaltforscher und Kommunismusexperte Jörg Baberowski analysiert im Gespräch mit Martin Haidinger das Gespenst Lenin und sein Erbe 100 Jahre nach dessen Tod. ...
https://oe1.orf.at/programm/20240110/746074/Lenin-und-sein-Erbe

"100. Todestag: Der Mythos vom "guten Revolutionär" Lenin" David Rennert (21. Jänner 2024)
Vor 100 Jahren starb der Gründervater der Sowjetunion Lenin. Von manchen wird er bis heute zur Ikone verklärt, dabei setzte er stets auf Terror und Gewalt. ...  In Lenin – Die Biografie [von den Historikern Verena Moritz und Hannes Leidinger] (Residenz-Verlag) wird der Lenin-Mythos detailreich seziert und akribisch freigelegt, wie diesem Mann das Unwahrscheinliche gelingen konnte: Lenin wurde nur 53, verbrachte Jahre in Haft, Verbannung und Exil – und veränderte gegen Ende seines Lebens die Welt scheinbar plötzlich und für immer. ... Verena Moritz, die für das Buch Originalquellen aus russischen Archiven ausgewertet und sich tief in Lenins eigene Schriften hineingegraben hat, attestiert dem russischen Revolutionär einen ungeheuren Fanatismus. "Lenin war wirklich ein Besessener, der manisch auf diese Revolution hingearbeitet und alles darauf ausgerichtet hat. Dabei hat er Gewalt stets als etwas Gestaltendes gesehen, etwas, womit man Geschichte macht", sagt Moritz. Um seinen Werdegang zu verstehen, dürfe man nicht erst bei der sogenannten Oktoberrevolution 1917 einsteigen, dem gewaltsamen Sturz der russischen Regierung durch die von Lenin angeführten Bolschewiki. ...
https://www.derstandard.at/story/3000000203902/der-mythos-vom-guten-revolutionaer-lenin

Rezensionsnotiz Die Tageszeitung, 20.01.2024:
Mit allerlei Lenin-Mythologie räumen Verena Moritz und Hannes Leidinger in ihrer Biografie auf, freut sich Rezensent Robert Misik. Das Autorenduo konzentrieren sich entgegen heutiger Gewohnheiten auf den intellektuellen Werdegang Lenins, der immer noch oft als Genie gefeiert oder als Gegenpol zum stalinistischen Terror uminterpretiert wird, so der Rezensent. Entlang des Buchs zeichnet Misik Lenins Lebensweg nach, vom Hass auf das Zarentum über die Hinwendung zum Marxismus und die Zeit im Exil. Lenin entwickelt in seinen Schriften ein entmenschlichendes Vokabular, lernt Misik aus dem Buch, er war jovial, aber auch ein Erbsenzähler, uncharismatisch, und seine herrschaftskritische Staatstheorie lief auf eine Legitimation von Gewaltherrschaft heraus. Die Lenin-Idealisierungen halten einer kritischen Relektüre, wie Moritz und Leidinger sie leisten, nicht stand ...
https://www.perlentaucher.de/buch/hannes-leidinger-verena-moritz/lenin.html

Dokumentation: Lenin, Stalin und der Große Terror - Die Geschichte der Sowjetunion | MDR DOK (05.04.2023)
https://youtu.be/iP2U2sv9tqM

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Quote[...] Der Große Terror (russisch Большой террор, wissenschaftliche Transliteration Bol'šoj terror) – auch als Große Säuberung (russisch Большая чистка, Bolschaja tschistka) oder Jeschowschtschina (russisch ежовщина), Jeschow-Herrschaft bezeichnet – war eine von Herbst 1936 bis Ende 1938 dauernde umfangreiche Verfolgungskampagne in der Sowjetunion. Die Durchführung dieser von Josef Stalin veranlassten und vom Politbüro gebilligten Terrorkampagne lag bei den Organen des Innenministeriums der UdSSR (NKWD) unter Leitung von Nikolai Jeschow. Der Terror richtete sich vor allem gegen mutmaßliche Gegner der stalinistischen Herrschaft und als unzuverlässig angesehene ,,Elemente" oder Gruppen.

... Beim Aufspüren von realen und angeblichen Feinden griffen die NKWD-Mitarbeiter auf Datenmaterial zurück, das seit Anfang der 1920er-Jahre zusammengetragen worden war. Jede regionale Abteilung des NKWD beziehungsweise seiner Vorgängerorganisationen verfügte über ein Register mit ,,feindlichen Kategorien".

... Knapp ein Prozent aller Sowjetbürger – insgesamt rund 1,5 Millionen Menschen – sind in der Zeit des Großen Terrors verhaftet worden. Von ihnen erschossen NKWD-Angehörige etwa 750.000 Personen – rund 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, weitere starben in der Haft. Der KGB räumte während der Entstalinisierung ein, dass 681.692 Personen in den Jahren 1937 und 1938 erschossen wurden. Viele Historiker halten die vom KGB genannte Opferzahl für zu niedrig.

... Lokale NKWD-Mitarbeiter erschossen die zum Tode Verurteilten entweder in Gefängnissen oder auf dafür speziell ausgewählten, abgelegenen Plätzen im Freien.[129] Unbeteiligte Zeugen der Hinrichtungen sind nicht bekannt. Nur NKWD-Angehörige durften die Erschießungen vornehmen, Angehörigen der Miliz oder der Armee war dies strikt untersagt. Bei den örtlichen NKWD-Dienststellen beschränkte sich der Kreis der Exekutoren regelmäßig auf wenige Personen.

Die Hinrichtung erfolgte in der Regel durch einen Schuss in den Hinterkopf. Spuren auf dem Schießplatz von Butowo bei Moskau ergaben, dass die Opfer vermutlich mit Nagant-Revolvern, Pistolen des Typs Tokarew TT-33 und offenbar auch mit Hilfe von Degtjarjow-Maschinengewehren exekutiert wurden. Erschossene wurden in Gruben verscharrt, die auch weitere Leichen enthielten. Entsprechende Spuren zum Beispiel in Butowo lassen vermuten, dass solche Gruben zuvor mit Baggern ausgehoben worden waren.

Die Todeskandidaten wurden bis zuletzt nicht darüber informiert, wie das Urteil lautete. NKWD-Angehörige verschwiegen den Angehörigen der Opfer weisungsgemäß, dass eine Exekution durchgeführt worden war. Stattdessen sprachen sie in Antwortschreiben auf entsprechende Anfragen von langen Haftstrafen ohne Recht auf Briefverkehr.

... In den 1930er-Jahren sind allein die Schauprozesse rezipiert worden, in der sowjetischen Presse mit Zustimmung, ebenso in der kommunistischen Parteipresse des Auslands. Die Massenaktionen hingegen fanden kein Echo, sie blieben Geheimsache.

Unter Intellektuellen lösten die Moskauer Prozesse unterschiedliche Reaktionen aus. Victor Serge, der in der Sowjetunion selbst unter Verfolgungen gelitten hatte und das Land 1936 noch vor dem Beginn des Großen Terrors verlassen konnte, ging von erpressten Beweisen und von politischen Inszenierungen aus. Auch Leopold Schwarzschild notierte in seiner Exil-Zeitschrift Das neue Tage-Buch, man könne nicht über Unrecht im nationalsozialistischen Deutschland klagen, wenn man das in der Sowjetunion verschweige. Ignazio Silone warnte öffentlich, die Rechtfertigung der Moskauer Prozesse mache Antifaschisten unglaubwürdig, sie verwandelten sich dadurch in ,,rote Faschisten".

1940 veröffentlichte Arthur Koestler seinen Roman Sonnenfinsternis, mit dem die KPdSU als gewaltbereite, machtgierige, verbrecherische, prinzipienlose Organisation und ihre Mitglieder – auch jene, denen öffentlich der Prozess gemacht wurde – als orientierungslose Marionetten eines unmenschlichen Parteiwillens demaskiert werden sollten. Der Roman wurde in viele Sprachen übersetzt und erreichte nach 1945 hohe Auflagen.

In der Exilzeitschrift Weltbühne fiel das Urteil Heinrich Manns hingegen anders aus. Verschwörer, so Mann, müssten zum Nutzen der Revolution ,,schnell und gründlich verschwinden". Lion Feuchtwanger fuhr auf dem Höhepunkt seines Ruhms nach Moskau und sprach unter anderem mit Stalin und Dimitrow über die Prozesse. In seinem Reisebericht (Moskau 1937) fand sich kein Wort des Protests gegen die Inszenierungen. Beide, Mann und Feuchtwanger, waren politisch daran interessiert, dass die Sowjetunion als wichtiger Bestandteil eines antifaschistischen Bündnisses betrachtet und nicht ausgegrenzt wurde.

Ernst Bloch nannte die Prozesse in Moskau eine Verteidigung der Revolution vor Hasardeuren, die sich mit dem ,,faschistischen Teufel" verbündet hätten. Er hielt an dieser Position bis 1957 fest.

Bertolt Brecht äußerte sich nie öffentlich zum Thema. In Briefen allerdings ging er davon aus, dass die Angeklagten Verschwörer seien. Obwohl er das Unwahrscheinliche ihrer Geständnisse konstatierte, deutete er das vorgeblich verschwörerische Tun und die Geständnisse dennoch als Ausdruck sozialdemokratischer und damit negativer Gesinnungen. Nach Brecht seien die Angeklagten im Verbund mit allem möglichen ,,Gesindel" zu Verbrechern geworden,[160] hätten sich mit allem ,,Geschmeiß des In- und Auslandes" gemeingemacht und alles ,,Parasitentum, Berufsverbrechertum und Spitzeltum" habe sich bei ihnen ,,eingenistet".

Viele der im Moskauer Exil lebenden deutschsprachigen Intellektuellen machten sich die Vorgaben der sowjetischen Propaganda zu eigen.  ...

... Die britische Sozialistin Beatrice Webb freute sich über die Schauprozesse, weil Stalin ,,tote Äste" entfernt habe. Auch in Übersee fanden sich Künstler, die die Moskauer Vorgänge verteidigten. So unterzeichneten mehr als einhundert amerikanische Intellektuelle 1938 eine Erklärung, in der die Rechtmäßigkeit der Schauprozesse behauptet wurde. Zu diesen gehörten beispielsweise die Schriftsteller Dashiell Hammett, Lillian Hellman, Dorothy Parker und Langston Hughes. Auch der Pulitzer-Preisträger Walter Duranty verteidigte die Prozesse.

Kritik an den Schauprozessen fiel vielen Intellektuellen auch deswegen schwer, weil die Sowjetunion unter der Regie Stalins ab Mitte 1934 die Sozialfaschismustheorie durch die Volksfrontideologie abgelöst hatte und sie sich zugleich als Heimat des Antifaschismus darstellte. Die sowjetische Unterstützung der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg sowie die Etablierung einer Volksfrontregierung in Frankreich schien die Sowjetunion zu einem starken Partner der Demokraten zu machen.

Drei Jahre nach Stalins Tod hielt Nikita Chruschtschow am 25. Februar 1956, zum Abschluss des XX. Parteitags der KPdSU, eine Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen. Er rechnete mit Stalin ab und legte diesem eine Vielzahl von Fehlern und Verbrechen zur Last. Bereits Anfang März 1956 beschloss er, Kernpassagen seiner ,,Enthüllungen" allen Parteimitgliedern verlesen zu lassen. Eine Kopie der Rede gelangte über den israelischen Geheimdienst Schin Bet an die CIA. Die New York Times druckte sie am 4. Juni 1956 und machte sie so weltweit publik. Zwei Tage später verbreitete sie Le Monde. Sendungen von Radio Free Europe, Voice of America und der BBC machten sie in Osteuropa bekannt.

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Aus: "Großer Terror (Sowjetunion)" (3. August 2025)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Terror_(Sowjetunion)

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Quote[...] Über den Personenkult und seine Folgen (russisch О культе личности и его последствиях), auch Geheimrede Chruschtschows genannt, ist eine Rede, die Nikita Chruschtschow am 25. Februar 1956 zum Abschluss des 20. Parteitages der KPdSU hielt. Als Parteichef der KPdSU übte Chruschtschow scharfe Kritik an Stalin. Er warf ihm vor, einen Personenkult inszeniert zu haben, verurteilte die Terrorherrschaft seines 1953 verstorbenen Vorgängers und forderte eine Rückkehr zum Leninismus. Zudem strebte Chruschtschow danach, sich im Machtkampf innerhalb der KPdSU gegen die loyalen Stalin-Anhänger Molotow und Malenkow durchzusetzen.

Die fünfstündige Rede markierte den Beginn der Entstalinisierung und der damit verbundenen Tauwetter-Periode. In der Sowjetunion wurde das Dokument erst 1989 im Rahmen der Glasnost-Kampagne von Michail Gorbatschow der Öffentlichkeit zugänglich.

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cber_den_Personenkult_und_seine_Folgen (7. Februar 2025)

XX. Parteitag der KPdSU
https://de.wikipedia.org/wiki/XX._Parteitag_der_KPdSU

Tauwetter-Periode
https://de.wikipedia.org/wiki/Tauwetter-Periode

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Irina Lasarewna Scherbakowa (russisch Ирина Лазаревна Щербакова, Irina Lasarewna Schtscherbakowa, wiss. Transliteration Irina Lazarevna Ščerbakova; geboren 1949 in Moskau, Sowjetunion) ist eine russische Germanistin und Kulturwissenschaftlerin. Sie ist Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial, die 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seit 2022 lebt sie im Exil in Deutschland und setzt dort ihre Arbeit fort. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Irina_Scherbakowa


Quote[...] Am 5. August 1937 begannen in der Sowjetunion die blutigsten Säuberungen der Stalin-Ära. Sie dauerten bis November 1938 an. In der Publizistik wird diese Kampagne als ,,Großer Terror" bezeichnet; im Volksmund als ,,1937".

Dank der in den 1990er geöffneten Geheimarchive weiß man, dass es sich dabei um eine gigantische Repression handelt, die alle Regionen und sozialen Schichten erfasste: 1,7 Millionen Menschen wurden verhaftet, 700.000 davon erschossen. Die ,,Operationen" 1937 waren sorgfältig geplant. In geheimen Befehlen des NKWD wurden Fristen für ihre Durchführung, zu ,,säubernde" Kategorien, die Sollzahlen für Verhaftungen festgelegt.

Im Rahmen der ,,nationalen Operationen" wurden Zehntausende wegen ihrer polnischen oder deutschen Herkunft verhaftet, 20.000 Frauen als Ehefrauen von ,,Vaterlandsverrätern" in den Gulag geschickt, ihre Kinder in Waisenhäuser überführt. Urteile wurden im Schnellverfahren durch speziell gebildete ,,Troikas" gefällt, während der Verhöre wurde systematisch Folter eingesetzt.

Der Terror verlief im Geheimen. Die sowjetischen Behörden verbreiteten Lügen über das Schicksal der Erschossenen. Es hieß, sie seien in die Lager ,,ohne Recht auf Briefverkehr" gebracht worden. Später wurden falsche Sterbeurkunden ausgestellt, die Krankheiten im Gulag als Todesursache angaben.

Überall fanden Kundgebungen statt, die die Hinrichtung von ,,Volksfeinden" forderten. Kinder sollten sich von verhafteten Eltern lossagen, Frauen von ihren Männern. ,,1937" machte selbst die Täter zu Opfern: auch jene, die die Repressionen durchführten, wurden verurteilt. Jedoch nicht wegen der von ihnen verübten Verbrechen.

,,1937" stellte die Linken im Westen vor eine zynische Wahl zwischen Stalin und Hitler (ein markantes Beispiel ist das Buch ,,Moskau 1937" von Lion Feuchtwanger, der die Moskauer Prozesse rechtfertigte) und zwang sie, über die Schicksale politischer Emigranten zu schweigen, die in der Sowjetunion Zuflucht suchten und zu Opfern Stalins wurden.

Seither ist die Meinung zu ,,1937" zu einem politischen Indikator geworden, der weniger über die Vergangenheit als vielmehr über die Gegenwart Auskunft gibt. In den früheren Jahren Putins gab es hier eine gewisse Ambivalenz. Man leugnete nicht, dass es den Massenterror gab, doch von der Verantwortung des Staates oder seines Hauptorganisators war kaum die Rede.

In der Folge sollte sich in der Politik immer deutlicher das unbewältigte Erbe von ,,1937" zeigen – etwa in der Idee einer ,,feindlichen Umzingelung", der Suche nach ,,Feinden" im Ausland und einer ,,fünften Kolonne" im Inneren.

Mit der Verschärfung der Repressionen und dem Ausbau des Sicherheitsapparates verschwand die Ambivalenz des Putin-Regimes. Es begann sich immer mehr als eine Art postmoderner Kopie des Stalinismus darzustellen. Die Debatte kam auf: Wo stehen wir, ist es noch 1934 oder bereits 1937?

Heute werden nicht nur Oppositionelle verhaftet, sondern auch putintreue Staatsbeamte oder Unternehmer. Es wird Folter angewendet und es werden drakonische Strafen verhängt. Vor dem Hintergrund der schwächelnden Wirtschaft und des erfolglosen Krieges versucht Putin, sich als Nachahmer von Stalin zu inszenieren, um so seinen Namen mit Sieg und Kampf gegen ,,korrupte Eliten" zu verbinden.

Wie einst Stalin lässt er sich in seiner Moskauer Kreml-Wohnung zeigen, wach bis tief in die Nacht, bescheiden Kefir trinkend. Dabei bemüht man sich, das Original zu rehabilitieren. In einem Gesetz von 1991 fehlt die Formulierung über den Massenterror. Und Sjuganows Kommunisten gehen aktuell noch weiter. Auf ihrem Parteitag beschlossen sie, Chruschtschows Rede vom 20. Parteitag, die ,,1937" verurteilte, nicht anzuerkennen.


Aus: "Braucht Wladimir Putin einen neuerlichen ,,Großen Terror"?" Aus der Kolumne "Unendliche Geschichte" von Irina Scherbakowa (5.8.2025)
Quelle: https://taz.de/Jahrestag-von-Stalins-Saeuberungen/!6101856/

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