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[Zur Geschichte (Bruhstuecke) ... ]

Started by Link, December 27, 2008, 05:07:42 PM

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#100
"Arbeit am Mythos" Jens Flemming (Frühere Ausgaben Nr. 4, April 2020, Politik und Geschichte)
Gerhard Schneider über Feldmarschall Hindenburg an seinem Ruhesitz in Hannover zwischen 1919 und 1925
... Es ist eine eigentümliche Parallelwelt, die in den Berichten und Kommentaren der bürgerlichen Blätter hervor tritt. Da tummeln sich Angehörige der untergegangenen Feudalität, Prinzen aus dem bayerischen Königshaus, Standesherren und Rittergutsbesitzer, Offiziere gleich welchen Dienstgrades, örtliche Honoratioren, Repräsentanten des Handwerks und der Industrie, Agrarlobbyisten, Pastoren und Konsistorialräte, reaktionäre Organisationen und Gruppierungen, Regiments- und Kriegervereine, Wehrverbände wie ,,Stahlhelm" und ,,Kyffhäuser", der ,,Hochschulring deutscher Art", nicht zuletzt rank and file der rechtsstehenden Parteien, der Deutschnationalen Volkspartei, in der sich der Konservatismus aus den verwehten Tagen des Kaiserreichs mit antisemitischen und völkischen Strömungen amalgamierte, ferner die Deutsche Volkspartei, in der sich der ältere Nationalliberalismus, nun allerdings mit deutlicher Drift nach rechts, ein Stelldichein gab. Sie alle einte, dass sie Hindenburg nicht nur als eine Art säkularen Heilsbringer verehrten und inbrünstig anbeteten, sondern mit ihm auch politische Ziele dieser und jener Art im Sinn hatten. Die Tonalität, die in diesem Milieu gepflegt wurde, die Parolen, die ohne Bedenken und ohne Scham ausgerufen wurden, die Methoden, derer man sich bediente, zehrten von der Erinnerung an König und Kaiser, von preußischen Ruhmestaten, von Weltgeltung, Weltpolitik und dem Streben nach dem imperialen ,,Platz an der Sonne".  ...
https://literaturkritik.de/schneider-hindenburg-in-hannover-arbeit-am-mythos,26591.html

Gerhard Schneider: Hindenburg in Hannover. 1919-1925.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2019. 595 Seiten, ISBN-13: 9783865257208


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Quote[...] Über: Volker Ullrich: ,,Schicksalsstunden einer Demokratie". Beck Verlag, München 2024. 383 Seiten

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Weimarer Republik war bis vor wenigen Jahren eine Angelegenheit, bei der man sich fern der Gegenwart wähnen konnte. Gewiss, auf Weimar folgte der Nationalsozialismus, aber dennoch schien es sich um eine abgeschlossene Geschichte zu handeln, weit weg von der Gegenwart.

Heute ertappt man sich selbst bei der Lektüre von Volker Ullrichs ,,Schicksalsstunden einer Demokratie" ein ums andere Mal bei Vergleichen mit der Gegenwart. Obwohl Ullrich keinerlei Gleichsetzungen zwischen NSDAP und der neuen Rechten in der Bundesrepublik vornimmt, gerät dem Leser geradezu zwangsläufig ein Björn Höcke in den Sinn, wenn in dem Kapitel ,,Modell Thüringen" von der ersten Koalition unter Einschluss der Nazipartei die Rede ist.

Wilhelm Frick hieß der Mann, der 1930 zum ersten Naziminister ernannt wurde, ein verurteilter Hochverräter. Von ,,Brandmauern" gegenüber den Rechtsradikalen war damals nicht die Rede, im Gegenteil. So behauptete die bürgerliche DVP, man stünde ,,weltanschaulich und politisch näher" an der NSDAP als an der Sozialdemokratie, schreibt Ullrich. So etwas hat 90 Jahre später nicht einmal FDP-Mann Thomas Kemmerich behauptet, als er sich mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ.

Die Thüringer Koalition von 1930 ist nur ein Beispiel für das Thema, das sich zwangsläufig durch Ullrichs Buch über die Weimarer Republik zieht: die Auseinandersetzung mit den Rechtsradikalen, genauer gesagt mit der Tatsache, dass die Demokraten in dieser Republik immer wieder den Schwanz vor Antisemiten, Rassisten, Monarchisten und Verächtern des neuen Staats einzogen. Das begann schon kurz nach der Geburt der ersten deutschen Republik, als sich die Sozialdemokraten in ihrer Furcht vor einem kommunistischen Umsturz auf die Reichswehr stützten und zugleich durchgreifende Reformen wie eine Sozialisierung von Schlüsselindustrien oder eine Agrarreform liegen ließen.

Das setzte sich fort mit dem Kapp-Putsch und dem Mord an Walther Rathenau, als Rechtsradikale darum bemüht waren, die Macht zu erobern, und von der Reichsregierung, namentlich aber vom Militär und der Justiz nur eine lahme bis nicht vorhandene Gegenwehr erfolgte. Das kulminierte 1925 mit der Wahl von Paul von Hindenburg, eines Monarchisten, zum Reichspräsidenten. ,,Der Feind steht rechts" rief Reichskanzler Joseph Wirth (Zentrum) nach dem Mord an Rathenau aus.

Die Konsequenzen blieben aus. Die Demokraten – trotz der wachsenden Beliebtheit von rechts- wie linksradikalen Parteien lange mit deutlicher Mehrheit ausgestattet – zeichnete ein allzu langmütiges Verhältnis gegenüber ihren Gegnern aus, die wiederum jede Schwäche gnadenlos ausnutzten.

Der ehemalige Zeit-Redakteur Volker Ullrich hat keine Gesamtgeschichte der Weimarer Republik geschrieben, er nimmt klugerweise die Brechpunkte einer 15-jährigen Geschichte in den Fokus, jene Entwicklungsschritte also, die dafür sorgten, dass der Staat und die Gesellschaft immer weiter nach rechts gezogen wurden.

Eine Zwangsläufigkeit der Entwicklung, wie von manchen Linken gerne bemüht, sieht Ullrich dabei nicht. ,,Alternativlos war diese Entwicklung nicht", schreibt Ullrich. ,,Im Kampf um die Weimarer Demokratie hing es bei allen strukturellen Belastungen immer wieder von einzelnen Entscheidungen in konkreten Situationen ab, wie sich die Geschichte entwickeln würde." Im Untertitel des Buchs ist treffend vom ,,aufhaltsamen Scheitern der Weimarer Republik" die Rede.

Ja, was wäre gewesen, wenn die SPD 1918/19 die Großagrarier enteignet und die Reichswehr entmachtet hätte? Welche Folge hätte es gehabt, wenn Heinrich Brüning als Reichskanzler nicht hätte abdanken müssen, mit Neuwahlen zum Reichstag 1934? Ullrich spekuliert nicht groß über solche Fragen. Sie kommen ganz von selbst.

Immer dann, wenn der Autor konkrete Ereignisse anhand von Zeitzeugenberichten beschreibt, wird seine Argumentation besonders stark. Dabei stützt er sich auf Tagebücher und Erinnerungen bekannter Zeitgenossen wie des Publizisten Harry Graf Kessler oder Theodor Wolff, der Kreisauerin Dorothy von Moltke oder des Romanisten Victor Klemperer.

Bisweilen geraten Personen zu Zeugen der Geschichte, die man nicht erwartet hätte. Franz Kafka darf sich zum Mord an Rathenau äußern und Klaus Mann, dessen autobiografische Erinnerungen nicht immer als authentisch gelten, zu seiner angeblichen Begegnung mit Hitler im Jahr 1932.

Im Vergleich zur rechtsradikalen Bedrohung kommen die Versuche von Seiten der KPD, den Staat in ihrem Sinne zu revolutionieren (sprich zu einer Diktatur umzuwandeln), relativ kurz. Aber angesichts der vereinten Kräfte der Antidemokraten, die Republik abzuschaffen, wirken die Versuche der Linken, mittels miserabel geplanter kurzfristiger Aufstände die Macht zu erringen, geradezu lächerlich – wiewohl die KPD mit ihrer Sozialfaschismusthese, die nicht die NSDAP, sondern die SPD als Hauptgegner ausmachte, am Untergang der Republik kräftig mitgewirkt hat.

Auch wenn das Ende von Weimar damals nicht mit dem Aufstieg rechtsradikaler Populisten heute gleichgesetzt werden kann: Bei den Mechanismen von Grenzüberschreitungen und Gewalt von rechts außen ergeben sich Analogien. Und deshalb ist Volker Ullrichs Werk eben doch nicht nur ein Geschichtsbuch.


Aus: "Neues Buch über Aufstieg der NSDAP: Der Feind steht rechts" Klaus Hillenbrand (24.8.2024)
Quelle: https://taz.de/Neues-Buch-ueber-Aufstieg-der-NSDAP/!6025793/

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"Die Totengräber von Weimar" Johann Chapoutot (10.04.2025)
Wie die nationalkonservativen Kräfte um Franz von Papen der NSDAP zur Macht verhalfen. Franz von Papen hielt sich für ein Genie. Das taten auch die bürgerlichen Kräfte, die sein Projekt der ,,Stabilisierung" durch ein Bündnis aller Rechtsparteien unterstützten. Das Projekt war am 30. Januar 1933 um 11.15 Uhr vollendet: mit der Vereidigung der Hitler-Papen-Regierung.
Fast drei Jahre lang hatte das rechtskonservative Lager versucht, die NSDAP irgendwie einzubinden, doch diese hatte stets abgelehnt, solange Hitler nicht zum Reichskanzler berufen würde. Das hatte er jetzt geschafft. Und Franz von Papen, der ehemalige Zentrumspolitiker, der seit dem 3. Juni 1932 parteilos war, schien sein ,,Meisterstück" vollbracht zu haben – eine Regierung der ,,nationalen Konzentration", die aus ihrem Willen zur Abschaffung der Demokratie kein Geheimnis machte. ...
https://monde-diplomatique.de/artikel/!6079752

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Bei den Boxheimer Dokumenten – in der Literatur gelegentlich auch Boxheimer Dokument genannt – handelte es sich um Pläne für eine gewaltsame Machtübernahme durch Mitglieder der NSDAP. Sie wurden am 5. August 1931 vom damals 28-jährigen Gerichtsassessor und NSDAP-Funktionär Werner Best verfasst. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Boxheimer_Dokumente




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#101
Quote[...] Wo heute Politikwissenschaftler forschen, wirkten unter den Nazis die ,,Rassenkundler" wie Josef Mengele. Jetzt gibt es einen Gedenkort.

,,Wissenschaftler haben Inhalt und Folgen ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu verantworten." Dieser Satz am Eingang des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) steht auf einer Gedenktafel in Berlin-Dahlem. Er steht dort, weil von hier Wissenschaftler:innen von 1927 bis 1945 die ,,Rassenforschung" in Deutschland entscheidend mitprägten und Menschenrechtsverbrechen förderten und begingen.

Die am Dienstag eröffnete Ausstellung ,,Gedenkort Ihnestraße – Wissenschaft und Unrecht" zeigt dies. Sie macht die seit Jahrzehnten bekannte Geschichte sichtbar: Wie an diesem Ort an Schädeln von Ermordeten aus der ehemals deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, geforscht wurde, Josef Mengele Augen und Blutproben aus dem Konzentrationslager Auschwitz hierher schickte, in die Ihnestraße 22 in Berlin, damit die ,,Rassenforscher:innen" damit ,,arbeiten" konnten. Wie eine Bevölkerungspolitik der Auslese politisch gefördert und mit Zwangssterilisationen umgesetzt wurde, etwa bei Menschen mit (vermeintlicher) Behinderung.

Sie schufen Geschichten wie die von Hildegard B. ,,Sie konnte beforscht werden, weil sie als Person mit Behinderung interniert worden war in den Wittenauer Heilstätten, hier nördlich von Berlin", erzählt Manuela Bauche, wissenschaftliche Leiterin der Ausstellung. Mitarbeiter des KWI-A hätten sich das zunutze gemacht und anhand ihrer Handlinien versucht, Behinderung zu konstruieren, eine Art ,,Marker" zu finden, erklärt Bauche. Hildegard B. wurde 1938 zwangssterilisiert und mit hoher Wahrscheinlichkeit von den Nazis ermordet.

In dem Gebäude, in dem heute Studierende der Politikwissenschaft unterrichtet werden, wird die Geschichte des Gebäudes offenbar: Im heutigen Hörsaal lauschten einst Beamte ,,Rassenkundlern". Am Ende des steinernen Flures trafen Forscher Entscheidungen über Zwangssterilisationen. In den Seminarräumen im Keller wurden Zwillinge vermessen und Organe gelagert. Neues Wissen für viele angehende Politolog:innen hier.

Für Betroffenengruppen, die an der Ausstellung mitgewirkt haben, ist das nichts Außergewöhnliches. ,,Es ist kein besonderer Ort, es ist ein weiterer Ort", sagt Doron Kiesel vom Zentralrat der Juden in Deutschland. ,,Dieser Ort ist ein Ort der Trauer für mich, wenn ich an meine Vorfahren denke, die hierher gebracht wurden durch diese Vermessungen und Entmenschlichungen", erzählt Israel Kaunatjike, Vertreter der namibischen Ova-Herero. ,,Ich bin hergekommen, um zu sagen: Wir sind da, wir vergessen euch nicht", so Kaunatjike.

Die Täter können nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Das Personal des KWI-A konnte nach dem Krieg recht ungehindert weiterarbeiten. Institutsleiter Otmar von Verschuer etwa, von einer Spruchkammer lediglich als ,,Mitläufer" eingestuft, arbeitete als Professor für Genetik in Münster bis 1965. Hermann Muckermann, von 1927 bis 1933 Abteilungsleiter für Eugenik im KWI-A, war Professor an der Technischen Universität Berlin und lehrte nach dem Krieg auch an der Freien Universität. Die Vergangenheit der Forscher schien schlicht kein Problem zu sein.

Für die Vergangenheit des Gebäudes galt anscheinend dasselbe. Seit 1948 gehört das KWI-A-Gebäude zur Freien Universität, 1974 zog das Institut für Politikwissenschaft ein. Daraufhin erforschte eine Gruppe von Hochschullehrer:innen die Geschichte des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts und entschied 1987, einfach selbst eine Gedenktafel an das Institut zu schrauben, ohne Genehmigung der Uni-Leitung.

,,Weder die FU noch die Max-Planck-Gesellschaft, Nachfolgerin der Trägerin des Kaiser-Wilhelm-Instituts, waren bisher bereit, öffentlich an die Tätigkeit des Instituts zu erinnern. Dabei sei seit 1983 bekannt, welche Art von Forschung das Institut betrieb", zitiert das Spandauer Volksblatt Sprecher der Gruppe.

Der Leiter des Max-Planck-Archivs protestierte, die FU ließ die Tafel entfernen und einen neuen Text entwerfen. Seit 1988 hängt nun eine neue Tafel am Gebäude, auf dem bereits erwähnter Satz mit der Verantwortung steht. Ab 2013 kritisieren Studierende öffentlichkeitswirksam, dass die Tafel Leerstellen aufweise und die Geschichte des KWI-A im Studium nicht vermittelt werde.

Die Studierendengruppe erarbeitete selbstständig eine Ausstellung, die 2013 für kurze Zeit im Institutsgebäude gegenüber zu sehen war. Übrigens: Erinnert wird in dem Gebäude nicht nur an das KWI-A, sondern mit einer kleinen Fotoausstellung seit den 1990er Jahren auch an die während des Nationalsozialismus verfolgten Mitglieder der 1920 gegründeten Deutschen Hochschule für Politik, die im Otto-Suhr-Institut aufging.

Im Jahr 2014 stießen Bauarbeiter nahe dem Institut auf Tier- und Menschenknochen. Säckeweise. Wegen Fehlkommunikation wurden die Knochen eingeäschert, erst danach wurde debattiert, ob eine Verbindung zum KWI-A bestanden haben könnte. Dadurch bekam die Diskussion um eine Ausstellung neuen Auftrieb, zudem erfolgten archäologische Grabungen, bei denen weitere 16.000 Knochenstücke gefunden wurden.

Von wem die Knochen stammen, darauf gibt es keine finale Antwort. ,,Es ist nicht auszuschließen, dass Knochen von Ermordeten während der NS-Zeit stammen, aber es gibt keinen expliziten Hinweis darauf", sagt Historikerin Manuela Bauche. Die Betroffenengruppen einigten sich darauf, keine Untersuchungen an den Knochen vorzunehmen, die sie weiter beschädigen würden.




Aus: "Gedenken an Opfer der ,,Rassenkunde" - Der lange Weg zur Erinnerung" Julian von Bülow (17.10.2024)
Quelle: https://taz.de/Gedenken-an-Opfer-der-Rassenkunde/!6043320/


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Quote[...] Erfurt/Jena (dpa/th) - Ein neues Forschungsprojekt soll über Geschichtsrevisionismus in Thüringen aufklären und dessen Thesen als Mythen entlarven. ,,Das sind Dinge, mit denen wir täglich konfrontiert sind, nicht nur im digitalen Raum", sagte der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner.

In den vergangenen Jahren seien geschichtsrevisionistische Erzählungen zunehmend in Teile der deutschen Gesellschaft vorgedrungen, in denen sie zuvor nicht vorhanden gewesen seien. Das habe ebenso mit dem Aufstieg der sozialen Medien wie auch der AfD zu tun.

Das Forschungsprojekt ist als Kooperation zwischen der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie dem Lehrstuhl für Geschichte in Medien und Öffentlichkeit der Friedrich-Schiller-Universität Jena angelegt. Inhaber des Lehrstuhls ist Wagner. Wesentlicher Teil des Projekts ist eine Webseite, auf der sich Menschen unter anderem über klassische geschichtsrevisionistische Mythen informieren können.

Unter Geschichtsrevisionismus wird in der Forschung eine politisch motivierte Strömung verstanden, die deutsche Geschichte zu einer einzigen großen Erfolgsgeschichte umdeuten will – und dabei versucht, die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte wie die Zeit des Nationalsozialismus oder des Kolonialismus zu relativieren. Ein geschichtsrevisionistischer Mythos behauptet beispielsweise, bei der nationalsozialistischen NSDAP habe es sich um eine linke Partei gehandelt. Ein anderer solcher Mythos ist die Behauptung, der alliierte Luftangriff auf Dresden im Februar 1945 habe einen ,,Bombenholocaust" dargestellt.

Geschichtsrevisionistische Thesen würden seit Jahren nicht nur von der AfD, sondern auch von anderen extrem rechten Akteuren verwendet, sagte Wagner. Dazu gehörten unter anderem sogenannte Reichsbürger, aber auch Gruppierungen wie ,,Freies Thüringen".

Wagner sagte, insbesondere abseits der größeren Städte seien solche Narrative inzwischen vergleichsweise weit verbreitet. ,,Das merken wir besonders stark im ländlichen Raum." Menschen abseits der eher akademisch ausgebildeten Stadtgesellschaften hätten größere Probleme, geschichtsrevisionistische Chiffren zu erkennen.

Das nun angestoßene Forschungsprojekt läuft nach Angaben Wagners zunächst bis April 2025 und wird von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gefördert. Sein Ziel sei es aber, das Projekt auch danach fortzuführen und dafür auch eine Finanzierung unter anderem durch den Freistaat zu bekommen.


Aus: "Forschungsprojekt gegen revisionistische Geschichtsbilder" (20. August 2024)
Quelle: https://www.sueddeutsche.de/wissen/aufklaerung-forschungsprojekt-gegen-revisionistische-geschichtsbilder-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-240820-930-208119

... Auf die deutsche Geschichte bezogen, versuchen Geschichtsrevisionisten vor allem, die Ursachen, Verläufe und Folgen beider Weltkriege umzudeuten. Sie bestreiten regelmäßig jede besondere Verantwortung deutscher Regierungen dafür und richten oft Ansprüche auf ehemalige deutsche Gebiete oder Großmachtambitionen wieder auf. Viele von ihnen bestreiten, verharmlosen und relativieren auch die Verbrechen des Nationalsozialismus und leugnen oder relativieren den Holocaust. Damit versuchen sie, die ,,Deutungshoheit" über die NS-Zeit zu gewinnen und das wissenschaftlich gesicherte Geschichtsbild dazu durch ein Geschichtsbild des Neonazismus zu ersetzen. Ihr Ziel ist die Bagatellisierung der deutschen Kriegsschuld, etwa durch die Präventivkriegsthese, und die Holocaustleugnung. Obwohl kein reputabler Historiker an diesen Versuchen teilnahm, gelang den Geschichtsrevisionisten seit etwa 1980 eine internationale Vernetzung und Etablierung ihrer Thesen in pseudowissenschaftlichen Instituten. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichtsrevisionismus

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#103
Quote[...] Schlussstrichdebatte (vgl. die Redewendung ,,einen Schlussstrich ziehen") bezeichnet die Diskussion um die Beendigung einer in der Regel sehr kontroversen Auseinandersetzung über ein dauerhaftes Streitthema. Zumeist ist damit die NS-Vergangenheit gemeint, von der die Befürworter eines Schlussstrichs meinen, sie dürfe die übrige deutsche Geschichte nicht überschatten und für die sie keine Verantwortung mehr übernehmen wollen.

[...] Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in der deutschen Bevölkerung die Entnazifizierung als ungerecht empfunden. Es kam in weiten Kreisen der Wunsch auf, anstelle einer weitergehenden Vergangenheitsbewältigung einen ,,Schlussstrich" unter die NS-Vergangenheit zu ziehen. Das erste Mal lässt sich diese Forderung im Zusammenhang mit den Nürnberger Nachfolgeprozessen auf, bei denen von 1946 bis 1949 185 Personen angeklagt wurden. Darunter waren Ärzte, die an Krankenmorden in der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt gewesen waren, NS-nahe Juristen, hohe Wehrmachtsoffiziere, ehemalige Angehörige des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes, des SS-SS-Rasse- und Siedlungshauptamtes der Einsatzgruppen sowie Industrielle. Seitdem wurde die Debatte mit alternativen Formulierungen immer weiter geführt. Als 1965 die bevorstehende Verjährung für Mord zu zahlreichen Ermittlungsverfahren und Prozessen führte, wurden in der deutschen Öffentlichkeit wiederum verbreitet Rufe nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit laut. In der deutschen Justiz, wo viele Menschen ihre Karrieren über den Zusammenbruch des NS-Regimes hinaus hatten fortsetzen können, stießen diese Forderungen auf verbreitete Sympathie.

1973 forderte der neurechte Publizist Armin Mohler explizit einen ,,Schlußstrich unter die Vergangenheitsbewältigung", von der er behauptete, sie würde von den Siegermächten benutzt, um zu verhindern, dass Deutschland je wieder eine souveräne Großmacht würde. Erst wenn die deutschen Konservativen nicht mehr ,,im Banne von Auschwitz" befangen seien, könnte die Deutschen wieder ,,eine normale Nation" werden.

[...] In einer repräsentativen Umfrage, die das Institut policy matters 2025 im Auftrag der Wochenzeitung Die Zeit erhob, stimmten 55 % der Aussage voll und ganz oder eher zu, die Deutschen sollten einen Schlussstrich unter die Vergangenheit des Nationalsozialismus ziehen. Unter den Anhängern der AfD war die Zustimmung mit 90 % am größten, unter denen von Bündnis 90/Die Grünen mit 20 % am geringsten.

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Literatur

    Samuel Salzborn: Kollektive Unschuld: Die Abwehr der Shoa im deutschen Erinnern. Hentrich & Hentrich, Berlin/Leipzig 2020, ISBN 978-3-95565-359-0

    Sabine Moller, Miriam Rürup, Christel Trouvé (Hrsg.): Abgeschlossene Kapitel? Zur Geschichte der Konzentrationslager und der NS-Prozesse. edition diskord, Tübingen 2002, ISBN 3-89295-726-6.

    Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann (Hrsg.): Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik. Verlag Hans Schiler, Berlin 2000, ISBN 978-3-86093-240-7.

    Johannes Klotz, Gerd Wiegel (Hrsg.): Geistige Brandstiftung. Die neue Sprache der Berliner Republik. Aufbau, Berlin 2001, ISBN 978-3-74667-035-5.

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Aus: "Schlussstrichdebatte" (23. April 2025)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schlussstrichdebatte

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Quote[...] Erstmals wünscht sich eine relative Mehrheit der Bevölkerung einen erinnerungskulturellen ,,Schlussstrich" unter die deutsche NS-Vergangenheit. Das ist ein Ergebnis der am Dienstag veröffentlichten Memo-Studie der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft (EVZ).

Demnach stimmten 38,1 Prozent der dafür Befragten der These stark oder eher zu, dass es ,,Zeit für einen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus" sei. 37,2 Prozent lehnten das eher oder stark ab, 24,2 Prozent wollten sich nicht festlegen.

Die Frage war seit 2018 ähnlich auch in vier vorigen Memo-Studien der EVZ-Stiftung gestellt worden – diesmal gab es erstmals mehrheitlich eine Zustimmung. Eine Mehrheit von 43,6 Prozent stimmte nun der These zu, dass sich ,,lieber gegenwärtigen Problemen" gewidmet werden solle ,,als Ereignissen, die mehr als 70 Jahre vergangen sind". 22,1 Prozent widersprachen der Aussage.

44,8 Prozent gaben in der Studie an, sich darüber zu ärgern, ,,dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden". 28,2 Prozent stimmten dem Satz nicht zu.

Thesen wie ,,ich verstehe nicht, warum ich mich heute noch mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen soll" und ,,ich finde es in Ordnung, wenn zukünftige Generationen sich nicht mehr mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzen" wurde allerdings mehrheitlich widersprochen.

Veronika Hager, Wissenschaftliche Referentin der EVZ-Stiftung, bezeichnete den Befund als ,,erinnerungskulturellen Kipppunkt".

,,Für immer mehr Menschen ist der Nationalsozialismus eine historische Epoche unter vielen, die mit der Gegenwart und einer Werteorientierung im hier und jetzt nicht mehr viel zu tun hat", sagte Hager bei der Präsentation der Studie. ,,Dem müssen wir entgegentreten und zeigen, wo das Erinnern für unsere Gegenwart und unsere Zukunft wichtig ist."

Ein Ergebnis der Studie ist aber auch, dass sich viele vor allem jüngere Menschen gerne mehr für das Erinnern an die deutsche NS-Vergangenheit einsetzen wollen. ,,Die Studie zeigt, dass es in der Gedenkarbeit und Erinnerungskultur noch ungehobenes Potenzial von Menschen gibt, die sich gerne engagieren möchten, es aber noch nicht aktiv tun", sagte Hager. Der erinnerungskulturelle Nachwuchs stehe ,,im Grunde in den Startlöchern".

Gleichzeitig lege die Studie auch teils erhebliche Wissenslücken über die NS-Zeit in der Bevölkerung offen, sagte Hager. Das betreffe etwa die Diversität der verfolgten Gruppen und die Zahl der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Deutschen Reich. Auch die Opferzahlen des Völkermords an den Sinti und Roma würden stark unterschätzt.

Für die Studie wurden 3000 Frauen und Männer online befragt. Die Befragten waren im Schnitt 52,6 Jahre alt, die Studie gilt als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. (AFP)


Aus: "Erinnerungskultureller Kipppunkt": Erstmals wünscht sich eine relative Mehrheit einen ,,Schlussstrich" unter der NS-Vergangenheit" (29.04.2025)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/erinnerungskultureller-kipppunkt-erstmals-wunscht-sich-eine-relative-mehrheit-einen-schlussstrich-unter-der-ns-vergangenheit-13610932.html

QuoteTobiasMartinGuhl
29.04.25 17:59

Ich sehe die Probleme nicht nur beim Geschichtswissen, sondern beim Geschichtsbewußtsein. Es fehlt zu oft die Kreativität, die Gegenwart als Teil der Vergangenheit zu sehen. Wer Geschichte als Aneinanderreihung unabhängiger Geschichten wahrnimmt, wird aus ihr auch nichts lernen. ...


QuoteUrbi_et_Orbi
29.04.25 17:22

Es liegt in der Natur der Dinge, dass sich Einschätzungen und Bewertungen ändern, sobald es keine direkten (Zeit)Zeugen mehr gibt, die unmittelbar berichten können. Wer an Hitlers Todestag das Licht der Welt erblickte, ist heute über 80 Jahre alt.

Das was in bezug auf die Erinnerungskultur jetzt passiert, war lange vorhergesehen worden.


QuoteEnix98
29.04.25 15:04

Kein Wunder! Ein Viertel unserer Wähler will ja auch wieder Menschen deportieren! Auch vor mehr als 80 Jahren war angeblich ein Teil der Bevölkerung an den wirtschaftlichen Problemen schuld.
Die Verharmlosung der Verbrechen der Nazis nimmt immer größere Ausmaße an und wird nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand im Hinterzimmer oder im kleinen Kreis betrieben. Die Sprache der Nazis nimmt immer größeren Raum ein.
Im Gegenteil, es muss mehr aufgeklärt, mehr informiert werden, damit sich diese dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte niemals wiederholen.


Quotetorsten379
29.04.25 16:41
In der kommenden Woche ist es 80 Jahre her, seit der 2.Weltkrieg in Europa sein Ende fand. Die unsäglichen Verbrechen, die durch Angehörige unseres Volkes begangen wurden, bleiben ein nie auszulöschender Schandfleck der deutschen Geschichte. Das damalige Versagen sehr vieler Deutscher zeigt, wohin ein übersteigertes ( zuvor gekränktes) Nationalgefühl, ein törichter Rassenwahn und die Verleugnung christlich -humanistischer Werte führen können. Wir sind verantwortlich dafür, dass sich ein solcher Verrat an der Humanität ( und am Deutschtum) nie mehr wiederholt! Die Wahrnehmung dieser Verpflichtung bedeutet allerdings nicht, sich anderen gegenüber als hypermoralischer Besserwisser aufzuspielen oder legitime nationale Interessen zu verleugnen. Auch gilt es der Tendenz zu wehren, aus schlechtem Gewissen gegenüber der Vergangenheit übertriebenen bzw. ungerechtfertigten Forderungen ausländischer Akteure ( z.B. Migrationssonderweg, Reparationen...) nachzugeben. Die großzügige Unterstützung wirklicher Opfer deutscher Verbrechen ( z.B. in Osteuropa und Israel) bzw. der Versöhnung dienende Projekte sind allerdings begrüßenswert und moralisch geboten!


QuotePuschel69
29.04.25 16:00

Man kann selbst hier im Forum immer wieder Romane als Kommentar schreiben oder als Antworten auf Kommentare und warnen - es bringt rein gar nichts, und es perlt an den üblichen Verdächtigen alles ab.

Der deutsche Michel muss Faschismus immer erst am eigenen Leib erfahren, erst dann könnte es ein Umdenken geben. Und selbst dieses Umdenken hat während der NS-Zeit erst extrem spät stattgefunden und oft genug auch gar nicht. ...


Quoterosalia
29.04.25 15:28

Die Vergangenheit ist nicht vergangen. Sie bleibt immer ein Teil von uns. Und je mehr wir darüber wissen, um so besser verstehen wir die Gegenwart.


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#104
"Erinnerung an NS-TäterDie Mörder von nebenan" Jürgen Kalwa (6.5.2025)
Stolpersteine erinnern an das Schicksal der NS-Opfer. Über die Täter ist wenig bekannt. Im sauerländischen Kierspe bricht nun ein Enkel das Schweigen.
https://taz.de/Erinnerung-an-NS-Taeter/!6083504/

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"Mein Großvater, der Täter - Eine Spurensuche | Ein [ ] Buch über die Frage, wie ein Verbrechen eine Familie über Generationen hinweg prägt.

Im Spätherbst des Jahres 1941 ermorden die SS und ihre Helfer über 27000 Juden im Wald von Rumbula. Die Gruben, in denen die Menschen erschossen werden, konstruiert der SS-Offizier Ernst Hemicker. Verurteilt wird er dafür nie. Lorenz Hemicker wächst Jahrzehnte später mit einer vagen Ahnung auf, welches Verbrechens sich sein Großvater schuldig gemacht hat. Er kennt nur ein paar Sätze, die sein Vater bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Freundes- und Bekanntenkreis wiederholt. Als beide nach Lettland reisen wollen, um mehr über die Taten von Ernst Hemicker zu erfahren, stirbt der Vater unerwartet. Für Lorenz Hemicker wird diese Zäsur der Beginn einer jahrelangen Suche nach den Spuren seines Großvaters. Sie führt ihn an den Ort des Massakers, zu Überlebenden des Holocaust in Riga und in die Tiefen deutscher Weltkriegsarchive. Dabei entsteht das Bild eines Mannes, der – wie viele andere mit ihm – vom Jedermann zum Täter wird und dessen Taten seinen Sohn und seinen Enkel noch lange über seinen Tod hinaus wie ein Schatten begleiten.

Eine [...] Recherche – mitten hinein ins Herz der Fragen von deutscher Schuld und dem Wissen darum in den Familien. ...

[Erscheinungsdatum: 15.04.2025]"

https://www.rowohlt.de/buch/lorenz-hemicker-mein-grossvater-der-taeter-9783737102179

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Quote[...] (JTA) — The Argentine government announced the release of nearly 1,850 classified documents that show how Nazi fugitives escaped to the country after World War II.

The trove of documents were declassified and made available to the public Monday at the urging of the Simon Wiesenthal Center, a Jewish advocacy group named for the famed late Nazi hunter. The group praised the decision on Tuesday [https://x.com/CSWLatAm/status/1917338320222261444].

The collection will shed light on the financing of escape routes for Nazis, thousands of whom escaped to South America via so-called "rat lines" after the war [https://www.timesofisrael.com/argentina-to-declassify-documents-about-nazi-ratline-escape-routes-after-wwii/].

Last month, Argentine President Javier Milei ordered the declassification of the documents after a meeting with leaders from the Simon Wiesenthal Center. Sen. Chuck Grassley, an Iowa Republican, also requested the records in a letter delivered by representatives of the Simon Wiesenthal Center.

Argentina's Chief of the Cabinet of Ministers Guillermo Francos said Milei gave the order "because there is no reason to continue withholding that information," according to Argentinian outlet Perfil [https://www.perfil.com/noticias/actualidad/nazis-en-argentina-las-instituciones-nacionales-desclasifican-archivos-sobre-la-llegada-y-actividades-de-jerarcas-nazis-en-el-pais.phtml].

The documents are now publicly available through Argentina's National Archive [https://www.argentina.gob.ar/interior/archivo-general-de-la-nacion/documentacion-sobre-el-nazismo], the Argentinian government announced in a post on X.  The released documents include banking and financial transactions that show how Nazis were able to resettle in Argentina as well as records held by Argentina's Defense Ministry, according to The Times of Israel.

Notorious officials mentioned in Argentina's extensive documentation include Adolf Eichmann, the architect of the Holocaust who was captured by the Mossad in 1960 and later tried and executed in Israel, and Josef Mengele, the Nazi doctor dubbed the "angel of death." [https://www.jta.org/2018/08/20/culture/heres-how-jta-covered-the-real-life-story-of-operation-finale-and-eichmanns-capture]

The public received a glimpse of Argentina's collection of tens of thousands of documents relating to its support for Nazis fleeing prosecution in a documentary in 2018 [https://www.jta.org/2018/10/18/global/tens-thousands-documents-show-argentina-supported-nazis]. The government's collection had been fully concealed until 1992, when Argentina's Ministry of Foreign Affairs declassified 139,544 documents. The collection could only be seen in person prior to its online publication by AGN.

The public received a glimpse of Argentina's collection of tens of thousands of documents relating to its support for Nazis fleeing prosecution in a documentary in 2018. The government's collection had been fully concealed until 1992, when Argentina's Ministry of Foreign Affairs declassified 139,544 documents. The collection could only be seen in person prior to its online publication by AGN.


From: "Argentina declassifies more than 1,800 files on Nazi escape via 'rat-lines' to South America"
By Grace Gilson (May 1, 2025)
Quelle: https://forward.com/fast-forward/717001/argentina-declassifies-more-than-1800-files-on-nazi-escape-via-rat-lines-to-south-america/


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Quote[...] Seit 1977 gibt es in der deutschen Publizistik eine besondere Tradition, einen Ritus, der sich alle zehn Jahre wiederholt. Man gedenkt dem 2. Juni 1967 und seinen Folgen. Die Protagonisten von einst sind Pensionäre oder tot, die Mystifizierung abgeschlossen.

Anfangs wurden bei diesen Jubiläen fast ausschließlich Loblieder gesungen. Mittlerweile hat sich auch der Gegenmythos etabliert: Die Studentenrebellion als Wurzel allen Übels. Und gelegentlich kann man sogar differenzierte, kritische und selbstkritische Betrachtungen lesen.

Die damaligen Proteste der akademischen Jugend hätten – so das immer noch vorherrschende Narrativ – die muffige Adenauerpublik durchlüftet, die Naziväter zur Rede gestellt und den Weg in das liberale, tolerante und weltoffene Deutschland eröffnet, in dem wir heute glücklicherweise leben.

Gleich am Anfang seines Buches (das bereits 2012 erschienen ist und ich leider erst jetzt durch eine Rezension entdeckte) räumt Gunnar Hinck mit dieser Legende auf. 1967 hatten alte Nazis, katholische Sittenwächter und verkniffene Hausmeister ihre Vormachtstellung im geistigen Klima Westdeutschlands bereits eingebüßt. Allerorten sprießte Reformfreude, Aufklärung und Experimentierlust.

Juristen wie Fritz Bauer hatten das Schweigen über die Verbrechen der Nazizeit gebrochen und jungen Journalisten zerrten die Untaten ans Licht. Eine SPD, die damals noch für Fortschritt stand, war Teil einer großen Koalition und startklar, um schon bald den Kanzler zu stellen.

Die sauertöpfische Sexualfeindlichkeit kirchlicher Würdenträger wurde zunehmend als lächerlich wahrgenommen. Beatles, Miniröcke, Rolling Stones und Bluejeans prägten die Jugendkultur. Und die gar nicht so seltenen Liberalen unter den Älteren hörten Jazz, interessierten sich für moderne Kunst und respektloses, linkes Kabarett.

Stimmt schon, die Achtundsechziger setzten noch einen drauf, indem sie mit revolutionärem Eifer alle erstarrten Strukturen in Frage stellten. Sie waren jedoch eher Beschleuniger als Vorkämpfer. Mit dem antiautoritären Aufbegehren der Jahre 67/68 befasst sich Hinck jedoch nur kurz. Darüber gibt es massenweise Bücher, Filme und vor allem zahllose Zeitungsartikel. Viele davon leider mit einem Ich-war-dabei-Veteranenstolz durchtränkt.

[...] Hinck ist nicht der erste, der dieses soziale Phänomen untersucht. Gerd Koenen, Wolfgang Kraushaar und ein paar andere haben exzellente Bücher darüber geschrieben. Doch Hinck ist der erste, der diese Zeit ungetrübt durch eigene Erinnerungen ganz von außen betrachtet. Als 1974 Geborener kann er die Irrungen von damals so distanziert untersuchen wie ein Biologe die Fauna eines Tümpels.

[...] Von allen Politsekten der 70er Jahre befasst sich Hicks am intensivsten mit den K-Gruppen und speziell mit der sozialen Deformation ihrer Mitglieder. Historischer Einschub: Als K-Gruppen bezeichnet man die stalinistischen Kaderorganisationen, die sich an China orientierten (die DKP trug zwar auch ein ,,K" im Namen, gehörte als Moskau-treuer Zweig des Stalinismus aber nicht dazu). In diesen Organisationen herrschte Gruppendruck à la Scientology und ideologischer Dogmatismus wie bei den Salafisten. Dennoch wirkten sie auf Hundertausende Jugendliche anziehend. Hinck fragt, warum im damaligen eher hedonistischen Sex-Drugs-Rock'n'Roll-Umfeld der Mehrheitsjugendkultur Zigtausende ausgerechnet dem Stalinismus verfielen, dessen Massenmorde und sonstigen Verbrechen jedem bekannt sein konnten.

Er spielt verschiedene Erklärungsansätze durch und präferiert am Ende einen psychoanalytischen. Die linken Sektierer seien ,,gebrochene Bürgerkinder" gewesen, die nicht unter zu autoritären, sondern unter abwesenden oder schwachen Vätern litten. Anhand zahlreicher Biographien zeigt er auf, dass etliche der führenden Köpfe aus Familien stammten, die durch den Krieg, Vertreibung oder Flucht aus der DDR auseinandergerissen und neu zusammengesetzt worden waren.

Dabei kann ich dem Autor nicht folgen, denn für meinen Geschmack überschätzt er die segensreiche Wirkung ,,intakter Familien". Schon mehrere Umzüge im Kindesalter genügen ihm als Indiz, um Zerrüttung zu diagnostizieren. Meiner Erinnerung nach stammten die Jugendlichen im linksradikalen Milieu aus allen Varianten von Familien, von desolat bis bieder.

Mir hat eine Diagnose von Ernst Bloch besser gefallen, den Hincks zitiert: ,,Mitten in der Konsumgesellschaft, mitten in der Wohlstandsgesellschaft brechen Revolutionen aus, weil die Langeweile, genau wie die Not, in sich einen Anstoß enthält, mit ihr zu brechen. Ein sinkendes Leben tritt ein, ein verfettetes Leben: Routine, Establishment, Verfestigung, die auch noch Stabilität ist – all das kann einen Anstoß geben." Dafür spricht, dass den Ende der 40er- und in den 50er Jahren Geborenen nach dem Abitur ein ordentlich bezahlter, fester Mittelschichtsjob so gut wie sicher war. Sie waren Aufsteiger, nicht Abgehängte.

Völlig richtig beschreibt Hinck hingegen, dass ein offener Konflikt mit Nazivätern eher selten vorkam. In den meisten Familien wurde nie über konkrete Taten der Eltern im NS-Staat und im Weltkrieg gesprochen. Geleichzeitig wurde die Bezeichnung ,,Nazi" ausgiebig als Schimpfwort verwendet für alles und jeden. Die Amerikaner in Vietnam waren ,,Nazis", Strauß war ein ,,Nazi", jeder Straßenbahnkontrolleur war ein ,,Nazi". Obendrein hatten sich die jungen Antifaschisten die gleichen Feinde ausgesucht, wie ihre Eltern: Amerika und Israel (und im Falle der chinatreuen K-Gruppen auch die Sowjetunion). Von einem Bruch mit den Vätern, eines der beliebtesten Achtundsechziger-Narrative (bis hin zur pathetischen Formel von der ,,demokratische Neugründung der Bundesrepublik") konnte in den allermeisten Fällen kaum die Rede sein.

Wenn Hincks die emotional vergiftete Sektenwelt der K-Gruppen und der DKP seziert, fühle ich mich wohlig bestätigt. Hab' ich's doch schon damals gewusst und bin nicht auf die reingefallen. Im Gegenteil, meine teils undogmatischen, teils trotzkistischen Genossen und ich betrachteten sie als Gegner, die alle humanen und freiheitlichen Ideale der Linken verraten hatten. Wesentlich unwohler wurde mir jedoch beim Lesen der Passagen, in denen Hinck sich meinesgleichen von damals vornahm, die Undogmatischen, Spontis und Anarchos. Denn da neige ich selbst zur veteranenhaften Verklärung. Schließlich waren wir Anti-Stalinisten, lehnten die DDR ab, hielten nichts von Mao, hatten viel Sinn für Spaß und Ironie und ließen den Lebensgenuss nie zu kurz kommen. So erinnere ich die Zeiten gern. Leider waren sie nicht ganz so.

Es herrschte ein Gewaltkult, der einen in der Rückschau erschaudern lässt. Die Grenzen zu den Terroristen von RAF, Bewegung 2. Juni und Revolutionäre Zellen waren fließend, die Solidarität mit den ,,Genossen in der Illegalität" mindestens bis Mitte der 70er Jahre unerschütterlich. Und von wegen antiautoritär: Die K-Grüppler hatten straffe Hierarchien, wir hatten die ,,Spontifürsten", die durch ihr rücksichtloses, machohaftes Auftreten bestimmten, wo's langging. Eine typisches Gewächs dieser Mischung aus Politrockertum und Mafiapatenattitüde ist der spätere Außenminister Joschka Fischer.

Völlig verdrängt und vergessen ist die Rolle einer anderen Frankfurter Größe aus dem Transitraum zwischen Barrikadenkämpfern und Killern: Karl Dietrich Wolff. Aus den beiden engsten Mitarbeitern und Freunden des Ex-SDS-Vorsitzenden wurden Mörder: Wilfried Böse und Johannes Weinrich. Zur Erinnerung: Böse war es, der bei einer Flugzeugentführung in Entebbe die jüdischen Passagiere ,,selektierte". Wolff schaffte es, dass seine Rolle dabei nie genauer beleuchtet wurde. Er ist ein angesehener Frankfurter Bürger, Bundesverdienstkreuzträger und gilt als Literatur-Connaisseur und Feingeist. Es ist verdienstvoll, dass Hinck auch diese Geschichte ausgegraben hat, neben vielen anderen Lebensläufen militanter Antidemokraten, die in den 80er Jahren dann geschmeidig ins Establishment wechselten.

Zu: Gunnar Hinck: Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre. Rotbuch 2012, 464 Seiten.


Aus: "Schlagende Verbindungen: 68 und kein Ende" Michael Miersch (4. Juni 2017)
Quelle: https://www.salonkolumnisten.com/schlagende-verbindungen-68-und-kein-ende/

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Quote[...] Nachdem die bundesrepublikanische Linke der 1970er-Jahre in den Orkus der Geschichte verabschiedet worden war und sich die Überlebenden in postmodernen Formen der Politik einrichteten oder die Existenz der Privatiers vorzogen, erlebt sie in jüngerer Zeit neue Aufmerksamkeit. Vor allem jüngere Autoren, die aufgrund ihrer Biografie als Nachgeborene nicht in den ,,Schuldzusammenhang" der ,,bleiernen Zeit" verstrickt sind, entdecken die als ,,ideologisch" verrufenen Jahre von Neuem. Jan Ole Arps untersuchte in seinem Buch ,,Frühschicht" (2011) den Weg von ,,proletarisierten" Aktivisten der 1968er ,,Bewegung" in die Betriebsarbeit, während Michael März in seiner sehr akademisch geratenen Studie ,,Linker Protest nach dem Deutschen Herbst" (2012) die Protestformen gegen das sozialdemokratisch geprägte ,,Modell Deutschland" in den Jahren zwischen 1977 und 1979 nachzeichnete. Während sich diese Studien auf einer mikrohistorischen Ebene bewegen und letztlich kaum einen Blick für die Makro-Dimension der Geschichte als Prozess des umgreifenden Ganzen entwickeln, ist die Perspektive in Gunnar Hincks Buch ,,Wir waren wie Maschinen" weiträumiger, ohne dabei die Details aus den Augen zu verlieren.

Anhand exemplarischer Biografien linker Aktivisten erzählt der Politikwissenschaftler Hinck die verschränkten Episoden einer ,,bundesdeutschen Linken", die sich nach dem Aufbruch von 1968 in zahllose maoistische, realsozialistische und spontaneistische, ,,undogmatische" Fraktionen zersplitterte. Dabei ist Hinck ein detailreiches, gut recherchiertes, spannendes Buch gelungen, das nicht im Vergangenen verharrt, sondern auch den Blick in die Gegenwart richtet. Obgleich Hinck, der 1973 geboren wurde und seit 2009 SPD-Mitglied ist, keine Abrechnung mit der ,,totalitären Linken" im Stile ehemaliger Mitläufer vorlegt, ist das Buch keineswegs eine desengagierte, akademische Fleißarbeit, um sich Meriten im Betrieb zu verdienen, sondern versteht sich als politischer Beitrag zur ,,Aufarbeitung" der jüngeren Vergangenheit. ,,Die gebrannten Kinder der 70er Jahre haben zur Diskreditierung des Denkens in Alternativen in der Bundesrepublik entscheidend beigetragen", lautet seine harsche Kritik. ,,Diese Diskreditierung hat bis heute gesellschaftliche Auswirkungen, wäre doch ein Denken in Alternativen in Zeiten wie diesen [sic!] nötiger denn je."

Um den ,,Merkwürdigkeiten der 70er Jahre" auf den Grund zu gehen und die seltsame Anziehungskraft der kommunistischen Weltrevolution für eine nicht unbeträchtliche ,,Anzahl junger und jüngerer Leute" aufzuschlüsseln, beschränkt sich Hinck nicht auf die unmittelbare Vorgeschichte der ,,68er" (deren Mythologisierung als Kraft der Modernisierung und politischen wie kulturellen Befreiung er infrage stellt), sondern nimmt die Realitäten der Nachkriegszeit wie ,,Unbehaustheit" oder die Abwesenheit der Väter mit auf die Rechnung. Wird die ,,68er Revolte" gemeinhin als antiautoritäre Rebellion verklärt, unterstreicht Hinck gerade die Abwesenheit väterlicher Autoritäten und die besondere Rolle der verwitweten Mütter, welche die Abenteuer ihrer Sprösslinge im Land der auferstandenen Bolschewiki unter dem Banner des proletarischen Aufruhrs gegen Kritik verteidigten und den Söhnen nach dem Vorbild der Mutter Kempowski mit dem Ausruf ,,Das sind gute Jungs" zur Seite sprangen, obgleich sie mit dem linken Projekt sonst keinerlei Berührungspunkte besaßen. In den Augen Hincks ist für ,,die 68er und die nachfolgenden Linksradikalen" gerade die ,,Abwesenheit von versteinerten, ,repressiven' Familienverhältnissen" typisch.

Während in der gängigen 68er-Historiografie das Moment des Politischen und Intellektuellen dominiert, bezieht Hinck auch kulturelle Phänomene wie ,,Halbstarke" und ,,Rocker" in die Geschichte mit ein, die er in ihrer diffusen Opposition zur Mainstream-Gesellschaft der Adenauerrepublik als Vorläufer der politischen Dissidenten der späten 1960er-Jahre betrachtet. ,,Halbstarke wie 68er fühlten sich unwohl in der Gesellschaft, in der sie aufwuchsen", diagnostiziert Hinck. ,,Halbstarke sind so gesehen als frühe 68er zu deuten und 68er als verspätete Halbstarke." In dieser nachholenden Einbeziehung dissentierender, apolitischer Gruppen in den Kontext von ,,68" wie in der fokussierten Betrachtung auf individuelle Lebenswege, die in die unterschiedlichen linken Milieus der 1970er-Jahre führten, liegt eindeutig die Stärke des Buches. Zugleich aber engt diese Fokussierung auf eine personalisierte Geschichte den Blickwinkel ein. Verantwortlich für die autoritäre Wende nach 1969 sind in den Augen Hincks nicht gesellschaftliche oder organisatorische Faktoren, sondern einzelne Personen, die das Projekt ,,68" in den Abgrund rissen. Im Hincks Geschichte nehmen K-Gruppen-Gründer wie Christian Semler oder Joscha Schmierer, Sponti-Wortführer wie Joschka Fischer oder Thomas Schmid oder Polit-Kultur-Unternehmer wie der Frankfurter Verleger K. D. Wolff die Rollen der bêtes noires ein [Lieblingsärgernisse], während die Verantwortung der jeweiligen Mitläufer (die im Buch mit Nachsicht, Wohlwollen und Verständnis bedacht werden) kaum thematisiert werden. Aus der Perspektive des Nachgeborenen urteilt Hinck (zuweilen in einer forschen, anklagenden Attitüde) vom Standpunkt der sozialdemokratischen ,,Idee einer ständigen Verbesserung, die Utopismus nicht ausschließt" und verdammt die Anwendung von Gewalt per se, ohne die Ambiguität von Gewalt in Rechnung zu stellen und das Phänomen der ,,KonterViolenz als Not-Wehr" (wie es Jean Améry 1971 formulierte) zu begreifen. So echauffiert er sich über die Gewaltexzesse der maoistischen Gruppen und deren Affinität zu totalitären Regimen, ohne dieses ,,Rätsel" von Existenzen in ideologisch-kulturellen Parallelwelten aufschlüsseln zu können, und steht damit unbewusst in der Tradition jener postmodernen, vor der Gewalt erschaudernden Linken, die Lothar Baier in den frühen 1980er-Jahren als die ,,neue Unschuld" in der politischen Landschaft karikierte.

Nahezu ausgeklammert ist der Einfluss der Massenmedien auf Akteure der ,,68er"-Bewegung. In seiner klassischen Studie ,,The Whole World is Watching" (1980) hatte Todd Gitlin, der ehemalige Vorsitzende des amerikanischen SDS, auf die Wechselwirkung von medialer und politischer Praxis hingewiesen. Um Aufmerksamkeit in den Massenmedien zu bekommen, musste die außerparlamentarische Opposition immer spektakulärere Aktionen organisieren, und dies beeinflusste auch die Selbstwahrnehmung, was letztlich zu einem Realitätsverlust führte. Über das Medium ,,Gewalt" sicherten sich auch K-Gruppen und Sponti-Organisationen wie der ,,Revolutionäre Kampf" in Frankfurt Aufmerksamkeit in den verachteten bürgerlichen Medien. Zum anderen reproduzierten diese Gruppen – ungeachtet ihrer radikalen Opposition zur bestehenden Gesellschaft – die Formen der Racket-Gesellschaft, die Soziologen wie Robert S. Lynd oder Max Horkheimer bereits in den 1940er-Jahren beschrieben hatten, in extremen Formen. Das Racket ist (wie Theodor W. Adorno in ,,Minima Moralia" schrieb) eine ,,verinnerlichte Räuberbande mit Führern, Gefolgschaft, Zeremonial, Treueeid, Treubruch, Interessenkonflikten, Intrigen und allem anderen Zubehör." In Hincks Geschichte erscheinen einige Lebenswege absonderlich, etwa jener des Aktivisten der Bewegung 2. Juni, der heute als Handwerker das Programm der FDP unterstützt, oder die Karriere eines ehemaligen DKP-Redakteurs, der momentan das Hohelied auf den kapitalistischen Marktradikalismus intoniert. Das Handwerk der Racketeers lässt sich allerorts gewinnbringend einsetzen. Das Manko des Buches Hincks ist die Abwesenheit einer jeglichen kritischen Gesellschaftstheorie. Sie führt einzelne Charaktere als ,,Einzeltäter" der Geschichte vor, ohne den sozialen Ursachen des Scheiterns auf den Grund zu gehen und somit ein ,,Denken in Alternativen" zu ermöglichen. Da die Ursachen des Vergangenen fortbestehen, ist – mit Adorno gesprochen – ,,sein Bann bis heute nicht gebrochen".


Aus: "Das Scheitern einer Generation - Gunnar Hinck untersucht die Geschichte der deutschen Linken der 1970er-Jahre" Jörg Auberg (Nr. 11, November 2012, Politik und Geschichte)
Quelle: https://literaturkritik.de/id/17097

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Quote[...] Das rote Jahrzehnt. Kaum eine Epoche der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte erregt die Gemüter bis heute so sehr wie die ominösen 70er. Zumeist junge Menschen – die einen radikal, die anderen gemäßigt links – probten den gesellschaftspolitischen Aufstand. Oft kam das Revolutionäre recht friedfertig daher. Doch immer wieder schlug der Protest gegen das ,,System" in Gewalt um. Der revolutionäre Umsturz, das Ende der herrschenden Verhältnisse sollte erzwungen werden. Mit allen Mitteln. Selbst vor Terrorismus schreckten einige nicht zurück.

Die Rote Armee Fraktion mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof an der Spitze hatte dem Staat den Krieg erklärt. So fundamental brutal war ihr Kampf, dass die RAF, obwohl nur eine Kleinstgruppe im linken Spektrum, mit Morden, Entführungen und Banküberfällen einem ganzen Jahrzehnt ihren Stempel aufdrückte. Roter Stern und Maschinenpistole – sie haben als Zeichen der Zeit Einzug ins kollektive Gedächtnis gehalten. Zu Recht, möchte man sagen.

Dennoch verstellt die menschenverachtende Militanz der Mörderbande den freien Blick auf ,,die" Linke der 70er- Jahre. Warum bekämpften Hunderttausende junger Menschen das in ihren Augen autoritäre Regime der Bundesrepublik? Wer waren die Aktivisten? Woher kamen sie, was trieb sie an? Warum übte der Sozialismus eine derartige Faszination aus? Und: Wie konnte es dazu kommen, dass Teile einer Generation zu blinden Sektierern wurden, in Allmachtsfantasien schwelgten oder lange Zeit vom Kadergehabe nicht lassen konnten?

Gunnar Hinck geht diesen Fragen in seinem spannenden, weil vielschichtigen und angenehm unaufgeregten Buch akribisch nach. ,,Wir waren wie Maschinen" lautet der programmatische Titel seiner umfassenden Analyse. Wohltuend auch, dass der Autor (Jahrgang 1972) keine plumpe Abrechnung geschrieben hat. Bei aller berechtigten Kritik kommt immer wieder so etwas wie distanzierte Sympathie für die Linke zum Vorschein. Eher mit Erstaunen und Verwunderung als blindwütig anklagend, blickt Hinck auf die Aktivisten und Mitläufer, deren Engstirnigkeit, Blindheit, Attitüden.

Und seine Beobachtungen stimmen nachdenklich. Sie machen klar, dass diese Zeit und ihre Kinder etwas Besonderes, ja Einmaliges waren. Haben sie die Republik in Gänze vorangebracht oder doch zurückgeworfen – Hinck hat darauf keine Antwort parat. Er drückt sich um ein abschließendes Urteil. Dennoch gibt es bei ihm eine überzeugende Grundtendenz: Das rote Jahrzehnt, es war ein mühsames, ein extrem polarisierendes. Erstarrte Fronten, wenig Bewegung – dazu hat die vielfach übertriebene Radikalität der Linken ein gehöriges Maß beigetragen.

Wie aber sind diese 70er-Jahre überhaupt einzuordnen? Damit beginnen die Kontroversen bereits. Die einen sehen in der damaligen Bundesrepublik eine gefestigte Demokratie. Fanatiker von links hätten aber die hehren Werte der freiheitlichen Grundordnung nicht akzeptieren wollen und machten sich irrwitzige, gefährliche Lehren zu eigen. Die Radaubrüder und -schwestern – alles verwöhnte, größenwahnsinnige Bürgerkinder.

Andere dagegen halten den Staat der 70er Jahre für einen repressiven. Parteien, Gewerkschaften, Wirtschaft und die Regierenden haben nach dieser Lesart ein Machtkartell gebildet. Auf den verständlichen Widerstand der Freiheitsgesinnten sei mit unangemessener Härte reagiert worden. Demzufolge hätten sich die Linken zwangsläufig radikalisieren müssen.

Auch Hinck räumt ein, dass es durchaus berechtigte Gründe gab, die damalige Bundesrepublik für Versäumnisse und vor allem Fehltritte (Stichwort Extremistenerlass) zu kritisieren. Doch der Politikwissenschaftler macht auf einen interessanten Umstand aufmerksam, der die linke Militanz zu einem Anachronismus macht: Die Radikalität hat vor allem zu Beginn der 70er Jahre zugenommen – als das Land sich zu wandeln begann. Die Adenauerzeit gehörte der Vergangenheit an. Gesellschaftliche Entwicklungen durften hinterfragt werden. Neue Politiker vom Schlage eines Willy Brandt oder Heiner Geißler prägten nun die Parteien. Alte Feindbilder gerieten ins Wanken.

Dennoch hielten Marxisten, Trotzkisten und Maoisten ihrer jeweiligen Ideologie die Treue. Und das, obwohl diese Welterklärungshilfen kaum in der Lage waren, die Vorzüge und Missstände einer westeuropäischen Wirtschaftsnation zu erfassen. Mehr noch: Man huldigte mörderischen Figuren wie Stalin, Mao Tse-tung oder Pol Pot, erklärte und verklärte sie als Überväter. Warum? Das bleibt rätselhaft. ,,Ausgerechnet diejenigen, die als Antiautoritäre die Gesellschaft verändern wollten, suchten sich kommunistische Führer als Vorbilder, für die das Attribut autoritär eine höfliche Untertreibung wäre", hebt Hinck zutreffend hervor.

Anderes mutet ebenfalls befremdlich an, auch wenn es zum Repertoire gängiger Erklärungsversuche gehört. So fehlt in den Biografien vieler linker Anführer dieser Zeit der obligatorische ,,Nazivater". Die unmittelbare moralische Empörung, begründet durch familiäre Verstrickungen, ist nur selten auszumachen. Auch das Klischee vom Aufstand der bürgerlichen Wohlstandskinder, die ohne Not die Revolution anstrebten, findet in der Frühzeit der Protagonisten nur selten einen Anhaltspunkt.

Hinck folgert daraus (und belegt das mit diversen Zitaten), dass der Marsch ins oftmals gefährlich Irreale weniger konkrete, rational nachvollziehbare politische Gründe hatte, sondern vielmehr persönlich-biografische Erfahrungen den Ausschlag gaben. Dazu habe das Gefühl gehört, nicht behütet aufgewachsen zu sein, sondern ,,enthütet", also ohne familiäre Geborgenheit und Rückhalt. Man sei auf der Suche nach Anleitung, nach Orientierung gewesen – und habe sie in den Schein-Gewissheiten radikal linker Ideologien schließlich gefunden. Dementsprechend sehnsüchtig wurde auf das Ende des vermeintlichen Unterdrückungsapparats sowie der Herrschaft des Kapitalismus hingearbeitet und stattdessen auf den Beginn der klassenlosen Gesellschaft gesetzt.

Daraus ist bekanntermaßen nichts geworden. Im Gegenteil. Die K-Gruppen-Mitglieder, die Spontis, die Radikalen von einst haben ihren Frieden mit dem System gemacht, sind in ihm aufgegangen. Aber den öffentlichen Diskurs versuchen einige immer noch mitzuprägen. Vor allem die Politiker und Journalisten unter ihnen sind noch recht aktiv, meinungsfreudig und zuweilen durchaus einflussreich. Was nicht zuletzt mit dem Aufstieg der Grünen zu tun hat. Von der neuen Partei, das arbeitet Hinck anschaulich heraus, ging Anfang der 80er Jahre eine regelrechte Sogwirkung aus.

Die im Scheitern begriffenen linken Gruppen fühlten sich bei den Ur-Grünen gut aufgehoben. Sie waren aus Sicht vieler Maoisten, Trotzkisten, Marxisten und Leninisten als Bewegung attraktiv, weil sich dort alle möglichen Strömungen versammelten: Pazifisten trafen auf Sozialisten, Feministinnen auf Umweltschützer, Vegetarier auf Bauern. ,,Es war keine geschlossene Welt, die feste Glaubensbekenntnisse verlangte oder fest gefügte Rituale vorgab. Die Grünen boten, gerade weil sie nicht etabliert waren, einen Anknüpfungspunkt für die Heimatlosen." Hinzu kam, dass Linksradikale und Früh-Grüne politisch ähnlich geprägt waren. Man nutzte teilweise die gleichen Protestformen, war gleich alt und antibürgerlich eingestellt.

Das war einmal. Die Linken von damals sind häufig die Bürgerlichen von heute, haben gute Jobs und eine schöne Wohnung in Berlin-Grunewald oder Pankow. Wer wollte es ihnen zum Vorwurf machen? Hinck tut das, macht sich ein wenig über die Fischers und Trittins lustig. Dabei müsste er wissen: Die Revolution frisst nun mal ihre Kinder.

Zu: Gunnar Hinck: Wir waren wie Maschinen. Die bundesdeutsche Linke der siebziger Jahre. Rotbuch Verlag, Berlin 2012. 464 Seiten



Aus: "Kultur: Lieber Mao als Willy" Christian Böhme (02.07.2012)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/lieber-mao-als-willy-6397633.html

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"Gunnar Hinck: Wir waren wie Maschinen" (Michael Ploetz)
Ausgabe 14 (2014), Nr. 7/8 - Rezension von: Wir waren wie Maschinen
Das gängige Bild vom Zerfall der bundesdeutschen Studentenbewegung nach 1968 ist nur dann richtig, wenn man, wie dies viele Veteranen der ersten Stunde tun, auf die Organisationsgeschichte des bis dahin marktführenden Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) fixiert ist. Tatsächlich brachten die 1970er Jahre in der Bundesrepublik aber nicht nur eine Vervielfachung gesellschaftskritischer und revolutionärer Organisationen, sondern auch eine rasante Ausweitung des von ihnen erfassten Personenkreises. Mit anderen Worten: Das Feld differenzierte sich aus und vergrößerte sich gleichzeitig. ...
https://www.sehepunkte.de/2014/07/23347.html

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Buchbesprechung (Gottfried Oy): Gunnar Hinck, Wir waren wie Maschinen.
... ,,Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich verstehen wollte, warum eine bedeutende Anzahl junger und jüngerer Leute in den 70er Jahren an die kommunistische Weltrevolution glaubte; warum sie von den Vorteilen eines radikalen Umsturzes statt von der Idee einer ständigen Verbesserung, die Utopismus ja nicht ausschließt, überzeugt waren" (S. 8). Der Rezensent muss feststellen, dass er nach der Leküre von Hincks Buch die Motivationen der Linksradikalen der 1970er Jahre weit weniger versteht. Woran das liegt? Daran, dass es dem Autor nicht gelingt, über allgemein geteilte Aussagen über Dogmatismus und Verbohrtheit der organisierten Kommunisten, oder auch über die schrankenlose Gewaltbereitschaft und Selbstgerechtigkeit der Anarchisten, hinauszukommen. Dabei hätte der biografieorientierte Ansatz gerade die Möglichkeit beinhaltet, differenziert das gesamte Spektrum des Linksradikalismus zu betrachten.
https://duepublico2.uni-due.de/servlets/MCRFileNodeServlet/duepublico_derivate_00070177/08_Oy_Hinck.pdf

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Quote[...]  Selten habe ich ein Buch zur deutschen Nachkriegsgeschichte gelesen, aus dem ich so viel Neues und Interessantes gelernt habe wie aus diesem. Und das, obwohl meine politische Einstellung eine andere ist als die des Autors, der seine Urteile aus einer linken Sichtweise fällt.

Stärker als die 68er
Es handelt von den verschiedenen Gruppen, die weit links von der SPD standen und deren Bedeutung bis heute massiv unterschätzt wird, obwohl viele Personen in Politik, Medien und Wirtschaft durch sie stärker geprägt wurden als durch die 68er-Bewegung, die in aller Munde ist.
Die Zahl der Anhänger der linksextremen Gruppen – Maoisten, Moskautreue, Trotzkisten, Spontis usw. – war deutlich höher als die Zahl der aktiven 68er-Studenten, worauf bereits Gerd Koenen in seinem wichtigen Buch ,,Das rote Jahrzehnt" hingewiesen hat. Hinck schätzt, dass die Gesamtzahl derjenigen, die zu irgendeinem Zeitpunkt in den 70er Jahren zum Umfeld dieser linksextremen Szene gehörten ,,vorsichtig geschätzt auf rund 200.000 bis 250.000" zu beziffern sei (S. 41). Da gab es den KBW (der allein etwa 20.000 Mitglieder und aktive Sympathisanten hatte), die KPD/ML und andere ML-Gruppen, die DKP mit ihren Vorfeldorganisationen, Sponti-Gruppen wie den RK (Revolutionärer Kampf) und diverse trotzkistische Organisationen.

Zahlreiche Spitzenpolitiker der Grünen wurden in maoistischen K-Gruppen sozialisiert – so etwa Winfried Kretschmann, Antje Vollmer, Jürgen Trittin, Krista Saager, Ralf Fücks oder Reinhard Bütikofer. Fast der gesamte Führungszirkel des ,,Revolutionären Kampfes" (Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer, Tom Koenigs u.a.) schloss sich den Grünen an, ebenso wie ehemalige Trotzkisten (Andrea Fischer, Kerstin Müller) (S. 160, 350). Ob im Auswärtigen Amt, in der Wirtschaft, in Medien – der Autor nennt zahlreiche Belege für Personen, die in den 70er Jahren in linksextremen Organisationen sozialisiert wurden und heute Führungspositionen begleiten. Der ehemalige Chefredakteur der ,,Welt", Thomas Schmid, war einer der radikalsten Aktivisten im ,,Revolutionären Kampf" und der ehemalige Chefredakteur des ,,Handelsblatt", Bernd Ziesemer, war Funktionär der maoistischen KPD/AO. Die beiden Letztgenannten gehören zu denen, die ihre politischen Positionen um 180 Grad geändert haben – und dennoch zeigt der Hinck, dass auch bei ihnen Prägungen durch diese Zeit eine Rolle spielen. Ich kann das auch für mich selbst bestätigen; ich war in den 70er Jahren Gründer einer Roten Zelle und Anhänger der KPD/ML.

Legenden über 68
Warum wurde dieser Szene bislang – im Vergleich zu den 68ern – so wenig Beachtung geschenkt? ,,Ginge es logisch zu, müsste es demnach breite öffentliche Beschäftigung mit den 70er Jahren und weitaus weniger Interesse für '68 geben. Das Gegenteil ist der Fall. Über die Studentenrevolte ist inzwischen wohl (fast) alles gesagt, gedacht und erforscht worden... Den Gruppierungen der 70er Jahre wird gemessen an deren Bedeutung hingegen nur wenig Beachtung geschenkt." (S. 15)

Dafür gibt es viele Gründe. Die 68er werden bis heute verklärt und es ranken sich um sie – wie der Autor überzeugend anhand vieler Beispiele zeigt – unzählige Legenden, die einer genaueren Nachprüfung nicht standhalten. Die 68er haben ihre Geschichte selbst geschrieben und idealisiert. Hinck merkt an, dass es außer den 68ern keine andere Kohorte in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts gegeben habe, der es gelungen sei, ,,ihre eigene historische Deutung gleich selbst mit zu übernehmen" (S. 121). Das Geheimnis der fortwährenden Faszination für das Jahr 1968 sei gerade seine Ambivalenz. ,,Jeder kann darin finden, was er finden möchte." (S. 16) ,,68" ist im Mainstream der Bundesrepublik ,,offensichtlich sexy" (S. 17), man erinnert sich lieber daran als an die prägenden 70er Jahre. ,,Vor die Wahl gestellt, ist es natürlich attraktiver, sich seiner Zeit als 68er-Rebell in Westberlin oder Adorno-Schüler in Frankfurt am Main zu erinnern (oder sich zu stilisieren), als über die anschließende Funktionärsarbeit in kargen Hinterzimmern, die Verantwortung für schmallippig verfasste Kampfschriften gegen den Klassenfeind oder das Liebäugeln mit der Gewalt Auskunft zu geben." (S. 15)

In der Tat eignen sich all die maoistischen und sonstigen revolutionären Gruppen nicht für eine Legendenbildung. Man kann das, wofür sie standen, nicht so einfach umdeuten wie die 68er-Bewegung, die heute als legitimer Protest gegen eine angeblich verdrängte NS-Geschichte, gegen den Vietnamkrieg und gegen ,,verkrustete Strukturen" der Universitäten und der bundesrepublikanischen Gesellschaft insgesamt idealisiert wird. Ein Verdienst des Autors ist es, dass er viele diese 68er-Legenden anhand von zahlreichen Fakten zerpflückt.

,,In keiner der Biografien gab es den notorischen ,Nazi-Vater', der ein fester Bestandteil der gängigen Erklärungen der Studentenbewegung ist. Auch fehlt die unmittelbare moralische Empörung aufgrund direkter familiärer Verstrickungen." (S. 67) Und typisch sowohl für die 68er wie auch für die nachfolgenden Linksradikalen der 70er Jahre sei gerade die Abwesenheit von ,,repressiven" Familienverhältnissen gewesen (S. 79). Manchmal seien sich die Eltern und ihre Kinder sogar recht ähnlich gewesen, was das Feindbild anlangt: Die erklärten Gegner der Maoisten waren die USA und die Sowjetunion. Gruppen wie die KPD/AO oder die KPD/ML bekämpften die Sowjetunion als sozialimperialistischen ,,Hauptfeind" und fochten für die nationale Einheit und Wiedervereinigung Deutschlands.

Ungeeignet zur idealistischen Legendenbildung
Die Botschaften der linksextremen Gruppen der 70er waren indes eindeutig. Das Logo vieler ML-Gruppen waren die Köpfe von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao Tsetung. Stolz wurde der damalige KBW-Anführer Joscha Schmierer von der Führung der Roten Khmer in Kambodscha empfangen, für die Hunderttausende D-Mark Spenden gesammelt wurden. Bekanntlich sind sie für den Tod von fast zwei Millionen Menschen in Kambodscha verantwortlich; ihr Steinzeitkommunismus war eine der brutalsten Gewaltherrschaften des 20. Jahrhunderts. Schmierer gehörte zu den großen Bewunderern und Unterstützern des Diktators Pol Pot und unterhielt freundschaftliche Beziehungen mit dem Regime. Nebenbei bemerkt: Von 1999 bis 2007 war er dann Mitarbeiter im Planungsstab des Auswärtigen Amtes unter Bundesaußenminister Joschka Fischer sowie dessen Nachfolger und heutigem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Verantwortlich war Schmierer im Auswärtigen Amt u.a. für Grundsatzfragen der Europapolitik.

Klima der Unterdrückung
Geprägt wurden besonders die Aktivisten der maoistischen K-Gruppen durch eine extrem strenge Disziplin und eine repressive Atmosphäre. Ein Gründungsmitglied des KBW drückte dies so aus: ,,Wir waren in gewisser Weise wie Maschinen, die sehr stramm in einem ideologischen Mechanismus gedacht haben." (S. 49) Ausführlich zitiert Hinck einen Brief des bereits erwähnten Joscha Schmierer, der in seiner Funktion als KBW-ZK-Sekretär einen Genossen scharf zurechtwies, der seine Doktorarbeit schreiben wollte – wofür natürlich angesichts des Primats der revolutionären Politik keine Zeit war. Dem Brief des Genossen, in dem dieser um Verständnis bat, er müsse seine Dissertation abschließen, weil er sonst auf dem Arbeitsmarkt keine Chance habe, wurde von Schmierer entgegnet: ,,In dem Brief kommt überhaupt nicht zum Ausdruck, dass dem Plan der Arbeit in der Redaktion ein ZK-Beschluss zu Grunde liegt und das dementsprechend die ganze Angelegenheit auch nur durch einen ZK-Beschluss rückgängig gemacht werden kann. Stattdessen erweckt Dein Brief den Eindruck als wäre die Sache für Dich bereits entschieden, und zwar, weil Du Dich entschieden hast. Das ist natürlich nicht richtig und im Grunde ein liberales und individualistisches Herangehen." (S. 184) Der Brief endete: ,,Wir gehen davon aus, dass Du Deine falschen Ansichten korrigieren wirst und insbesondere lernen wirst, dass es für einen Kommunisten kein tödlicher Unfall ist, wenn er eines schönen Tages aus den akademischen Hallen vertrieben wird. Mit kommunistischem Gruß. Joscha Schmierer. Sekretär des ZK." (S. 185 f.).

Was ist geblieben?
Der Autor verdeutlicht, warum heute so wenig über die ,,70er" gesprochen wird. ,,Anführer wie Christian Semler, Karl Dietrich Wolff, Joschka Fischer und andere, die in den 70er Jahren das große Wort führten, haben in dieser Zeit keine einzige bleibende politische Idee produziert. Es gibt kein Konzept, keine Schrift und schon gar kein Buch von ihnen, das heute mit Gewinn zu lesen wäre, was einerseits Ausdruck des Halbstarkenverhaltens dieser Generation, andererseits Ausdruck der zunehmenden intellektuellen Verarmung der 70er Jahre ist." (S. 426).

Und was ist aus den einstigen Protagonisten geworden? Manche haben sich in ihre private oder berufliche Nische zurückgezogen, verstehen sich heute noch als links, sind aber teilweise arm und einsam. Andere haben sich hervorragend integriert und bewegen sich ,,unauffällig in den linksliberalen, ,rot-grünen' Gewässern des Kultur- und Medienbetriebes" (S. 359). Ich selbst – der Rezensent – gehöre indes zur dritten Gruppe, also zu jenen, die in der Wirtschaft Karriere gemacht haben und ebenso zur vierten Gruppe, der ,,Konvertiten, die heute offen völlig andere, teils konträre Überzeugungen vertreten" (S.360). Manche wurden Unternehmer oder Vorstand in renommierten Unternehmen, so wie etwa der KBW-Führungskader Hans-Jörg Hager, der Vorstandsvorsitzender von Schenker war. Wahrscheinlich sind es mehr, als man heute weiß. So fehlt z.B. der Name von Thomas Sattelberger, dem Ex-Telekom-Vorstand, der in seiner Jugend im maoistischen KAB/ML sozialisiert wurde. Oder der Name Dieter Bohlen, der in seiner Jugend in der Jugendorganisation der DKP, der SDAJ, aktiv war.

Der Autor zeigt, wie selbst das Denken der ,,Konvertiten" bis heute noch durch die Sozialisation in der maoistischen Szene geprägt wird. Als ich das las, erinnerte ich mich an den Dialog mit einem Bekannten, der vor einigen Monaten zu mir sagte: ,,Ach so, Sie sind Maoist." Ich korrigierte ihn: ,,Nein, natürlich nicht, ich war Maoist." Er widersprach mir: ,,Nein, wer einmal Maoist war, bleibt immer einer." Nun gut, das ist bestimmt überzeichnet, und dennoch gelingt es Gunnar Hinck, direkte und indirekte Prägungen der damaligen Aktivisten nachzuweisen. Es wäre auch merkwürdig, wenn es anders wäre, denn die Erfahrungen in diesen Gruppen waren extrem intensiv, und prägten Menschen in ihren jungen Jahren, wo sie noch stark beeinflussbar sind. Manche schlossen sich ja, so wie ich, schon als Teenager diesen Gruppen an.

Kritik
An manchen Stellen möchte ich dem Autor dennoch widersprechen. So vermutet er, dass manche ehemaligen Aktivisten über ihre Vergangenheit schwiegen, weil eine Offenlegung der linksradikalen Vita als Bedrohung der eigenen beruflichen Existenz betrachtet werde. Private Arbeitgeber hätten damit ,,heutzutage offensichtlich mehr Probleme als der Staat" (S. 382). Dies entspricht nicht meiner Erfahrung. Man kann noch so weit Linksaußen gestanden haben – daraus wird nach meiner Erfahrung niemandem in der Wirtschaft ein Vorwurf gemacht. Vielmehr wird das nach dem bekannten Spruch ,,Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz, wer mit 30 immer noch einer ist, hat keinen Verstand" als Jugendsünde sofort verziehen. Jedenfalls viel eher, als wenn jemand in seiner Biografie auch nur leicht rechts vom CDU-Mainstream gestanden hat.

Auch finde ich das Urteil über einige von mir geschätzte Wissenschaftler und Journalisten – Bernd Ziesemer, Götz Aly, Thomas Schmid – sehr hart und apodiktisch. Ich finde, niemandem sollte man seine Vergangenheit zum Vorwurf machen, wenn er sich selbstkritisch damit auseinandersetzt, was diese Personen getan haben. Viel kritischer würde ich da jemanden wie Claudia Roth sehen, die in dem Buch fehlt. Sie war Managerin einer Rockgruppe, in deren Liedern offen zur Gewalt gegen ,,Bullen" aufgerufen wurde und bei deren Konzerten RAF-Flugblätter verteilt wurden. Sie hat sich von dieser Tätigkeit nie distanziert, sondern ist bis heute sehr stolz darauf. Dies trifft auch für deutsche Medien wie den ,,Spiegel" zu, der – dies gehört zu den interessantesten Seiten in vorliegendem Buch – Mao Tsetung und die sogenannte ,,Kulturrevolution" idealisierend verherrlichte.

Das Buch hätte gewonnen, wenn der Autor sich – wie ein Historiker – stärker darauf beschränkt hätte, zu beschreiben und zu erklären, statt zu urteilen oder zu richten. Trotz dieser Anmerkungen: Dieses Buch gehört zu den wichtigsten Werken über die bundesrepublikanische Nachkriegsgeschichte. Es ist zu hoffen, dass weiter über dieses bislang vernachlässigte Thema geschrieben und geforscht wird. Dem Buch ist eine erweiterte Neuauflage zu wünschen, in dem der Autor weitere Protagonisten und deren Entwicklung beschreibt. Personen wie etwa der ehemalige KBW-Aktivist und heutige Ministerpräsident Winfried Kretschmann spielen heute ja eine größere Rolle als beim erstmaligen Erscheinen dieses wichtigen Buches. Auch unter AfD-Abgeordneten finden sich ehemalige Maoisten, so wie etwa Wolfgang Gedeon (Ex-KPD/ML) im Landtag von Baden-Württemberg. Und wenn die FDP in den Bundestag kommt, wird mit Thomas Sattelberger auch bei den Liberalen ein Ex-Maoist als Abgeordneter vertreten sein.


Aus: "Die bundesdeutsche Linke der 70er Jahre" Rainer Zitelmann (2017)
Quelle: https://www.amazon.de/Wir-waren-wie-Maschinen-bundesdeutsche/dp/3867891508

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--> "Zeitgeschichte (nach 1945)/ G. Hinck: Wir waren wie Maschinen" Uwe Sonnenberg, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam  (05.10.2012)
Quelle: https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-18577

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Quote[...] Ein Forschungsteam hat erstmals einen Plan eines Außenlagers des Konzentrationslagers Juliushütte in Ellrich bei Nordhausen erstellt. Experten der Landesdenkmalämter von Thüringen und Niedersachsen hatten die Baugeschichte erforscht. Rekonstruiert wurde das heute weitgehend zerstörte Lager mithilfe von historischem Quellenmaterial, Bodenuntersuchungen sowie vereinzelten Grabungen im Gelände. Nun liegt den Forschenden zufolge ein detaillierter und weitestgehend vollständiger Lagerplan vor, der den Stand des Ausbaus zum Zeitpunkt der Räumung Anfang April 1945 dokumentiert.

Angestoßen worden war das Forschungsprojekt durch die Entdeckung eines bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Massengrabs auf dem Gelände. Engagierte Bürgerinnen und Bürger drangen darauf, diesen Ort zu einem Gedenk- und Lernort zu entwickeln. Dafür habe er jedoch zunächst wissenschaftlich erforscht werden müssen, sagte Ellrichs Bürgermeister Henry Pasenow (CDU). Inzwischen sei die archäologische Suche nach den Gebäuderesten abgeschlossen. Darauf aufbauend könne und müsse der Einstieg in die Konzeption eines Gedenkortes beginnen, sagte er.

Die Grenze der beiden deutschen Staaten verlief nach 1949 mitten durch das Lager. Bis 1964 sprengten die DDR-Grenztruppen und der westdeutsche Bundesgrenzschutz fast alle baulichen Reste des Lagers und ebneten sie ein. Erst nach dem Fall der innerdeutschen Grenze wurde das ehemalige KZ-Außenlager wieder zugänglich.

In dem gemeinsamen Projekt der beiden Landesdenkmalämter konnten den Angaben zufolge erstmals der genaue Verlauf des Lagerzauns und die Position der Wachtürme nachvollzogen werden. Ebenfalls identifizierten die Wissenschaftler seit 2019 neben den exakten Standorten der meisten Gebäude auch zwei Areale, in denen die sterblichen Überreste der Opfer abgelegt wurden. Im letzten Monat des Lagerbetriebs hatte die SS im Krematorium und auf Scheiterhaufen bis zu 1.000 Leichen verstorbener Häftlinge verbrannt.

Vermessungen und punktuelle Grabungen ergaben, dass die Überreste der Toten den Angaben zufolge immer noch an dieser Stelle unter der Erde im Wald liegen. Eine Umbettung ist seitens der beteiligten Landesämter nicht geplant. Stattdessen soll um das Massengrab herum ein würdiger Gedenkort geschaffen werden.

Noch immer unbekannt ist laut den beteiligten Archäologen der Zweck eines Bauvorhabens, das auf heute niedersächsischer Seite bis unmittelbar vor der Evakuierung des Lagers vorangetrieben wurde. Vermutet werde, dass dort eine betonierte Grube entstehen sollte, in der Leichen verbrannt werden sollten. Von dem nicht fertiggestellten Bauwerk seien noch Reste vorhanden.

Das zeitweise mit mehr als 8.000 Häftlingen belegte Lager Juliushütte war ein Außenlager des Konzentrationslagers Mittelbau Dora und bestand vom 1. Mai 1944 bis zum 6. April 1945. Dort waren vor allem französischsprachige Kriegsgefangene inhaftiert, von denen viele der französischen Widerstandsbewegung der Resistance angehörten. In der französischen Erinnerungskultur hat Ellrich-Juliushütte daher einen hohen Stellenwert.


Aus: "Konzentrationslager Juliushütte in Ellrich: Forschende rekonstruieren KZ-Außenlager" (19. Mai 2025)
Quelle: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2025-05/kz-konzentrationslager-juliushuette-ellrich-rekonstruktion

QuoteNils Hellner
vor 11 Stunden

Ein wichtiger Artikel.

Schade, dass er den Anlaß nicht nennt, nämlich die Buchvorstellung in Ellrich: Stefan Flindt, Nils Hellner, Robert Knechtel. Das KZ-Außenlager Ellrich Juliushütte – Eine archäologisch-bauhistorische Dokumentation (= Sonderveröffentlichung des thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie, Band 9. Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens, Band 63) (2025, Verlag Marie Leidorf, Rahden) ISBN978-3-89646-956-4. [Das zeitweise mit über 8.000 Häftlingen belegte Lager war ein Außenlager des Konzentrationslagers Mittelbau Dora und bestand vom 01.05.1944 - 06.04.1945. Da die Zonengrenze nach Kriegsende mitten durch das Lager verlief, wurde es bis 1958 auf der DDR- bzw. bis 1964 auf der BRD-Seite dem Erdboden gleichgemacht und weitgehend vergessen. Der Zufallsfund eines verbrannten Menschenknochens 2019 führte zu behutsamen und minimalinvasiven archäologischen Untersuchungen 2022-2024, welche die Anerkennung zweier Fundstellen als Kriegsgräberstätten ermöglichten. Im Zusammenhang mit der Gestaltung als Gedenkstätte und Bildungsstätte wurden ergänzend zu den bereits 2009 publizierten historischen Quellen nunmehr ein detaillierter Lagerplan erstellt und alle erhaltenen baulichen Spuren im Gelände dokumentiert. Auf dieser Grundlage beschreibt die vorliegende Arbeit die Entwicklung des Baubestandes 1944-45 ausgehend vom vorlagerzeitlichen Fabrikgelände sowie die erhaltenen Reste von Gebäuden und Infrastruktur, darunter Häftlingsunterkünfte, Sanitärbereich, Krankenrevier, Militärbaracken, Krematorium, Lagerzaun und fünfzehn Wachtürme.]

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Résistance ist ein Sammelbegriff für französische, belgische und luxemburgische Bewegungen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkriegs ...
https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%A9sistance

Kategorie:Résistance
https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:R%C3%A9sistance

Stichwort: Resistance
https://www.perlentaucher.de/stichwort/resistance/buecher.html

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#107
Quote[...] Einen Nestbeschmutzer haben sie ihn genannt. Dabei hatte der Regisseur Marcel Ophüls nie die Absicht, seine Wahlheimat Frankreich zu verurteilen. Sein Dokumentarfilm ,,Das Haus nebenan" war nicht mehr als das, was der Untertitel der deutschen Kinoversion nahelegt: eine ,,Chronik einer französischen Stadt im Krieg".

In Frankreich wurde Ophüls' wichtigster Film, der ihm 1970 eine Oscar-Nominierung einbrachte und ihn neben Claude Lanzmann als wichtigsten Chronisten der Judenvernichtung im europäischen Kino etablierte, feindselig aufgenommen. Erst 1981 lief er erstmals im staatlichen Fernsehen.

Mit dem viereinhalbstündigen ,,Das Haus nebenan" widerlegte Ophüls gründlich den französischen Mythos des Widerstands gegen die deutschen Besatzer. Er interviewte für seinen Film die Bewohner der kleinen Industriestadt Clermont-Ferrand, Lehrer, Bauern, Geschäftsleute, zu ihren Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs.

Viele behaupteten, heimlich Teil des Widerstandsnetzwerks gewesen zu sein; niemand wollte gesehen haben, was mit den jüdischen Bewohnern geschehen war. Ophüls sprach auch mit Pierre Mendès France, dem späteren französischen Außenminister, der dem Vichy-Regime entkommen war, und dem berüchtigten Journalisten Christian de la Mazière, der mit der Waffen-SS gekämpft hatte.

,,Das Haus nebenan" war keine Anklage. Niemand, so Ophüls, könne ein Leben unter dem NS-Regime nachvollziehen. Seine Frau sei Deutsche und ebenfalls in der Hitler-Jugend gewesen, erzählte er in den 1980er Jahren. ,,Ich glaube nicht an eine Kollektivschuld." Sein Leben widmete er der Aufarbeitung der individuellen Schuld an den Nazi-Verbrechen.

Er selbst war 1927 in Frankfurt am Main als Sohn des berühmten Regisseurs Max Ophüls geboren worden, die jüdische Familie war über Frankreich in die USA geflohen.

1952 ging Marcel Ophüls zurück nach Frankreich und trat in die Fußstapfen des Vaters – blieb aber in dessen übermächtigem Schatten. Nach der Krimikomödie ,,Heißes Pflaster" (1963) mit Jean-Paul Belmondo und Jeanne Moreau begann er sich näher mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Ein gebürtiger Deutscher mit amerikanisch-französischer Staatsbürgerschaft in einem Land, dessen Bevölkerung sich immer noch als Opfer des Nazi-Terrors bezeichnete.

Sein erster Dokumentarfilm ,,Hundert Jahre ohne Krieg" (1967) kritisierte Chamberlains Appeasement-Politik und das ,,Münchner Abkommen". Schon da bediente er sich vieler Stilmittel seiner späteren Arbeiten.

Mit dem Welterfolg ,,Das Haus nebenan" begann in Frankreich eine Phase der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im Zweiten Weltkrieg. 1970 drehte Ophüls ,,The Harvest of My Lai" über die amerikanischen Kriegsverbrechen in Vietnam, doch er kehrte immer wieder zu den Kriegsverbrechen der Deutschen zurück.

Zwischen 1973 und 1976 entstand ,,The Memory of Justice" über die Nürnberger Prozesse, gefolgt von seinem zweiten einflussreichen Dokumentarfilm. ,,Hôtel Terminus" (1988) über den Prozess gegen den Gestapo-Kommandanten Klaus Barbie, bekannt als ,,Schlächter von Lyon", brachte ihm 1989 einen Oscar ein.

Auch wenn Barbie im Film selbst nicht zu Wort kommt – er erschien nicht vor Gericht – gelingt Ophüls mit ,,Hôtel Terminus" in Gesprächen mit Jugendfreunden, Nachbarn, Opfern und Tätern eine komplexe Reflexion über Verdrängung, Schuld und die Unmenschlichkeit des NS-Regimes.

In Ophüls' Filmen schimmerte immer auch die Auseinandersetzung mit der eigenen komplizierten Biografie durch. Diese zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass er sich bis zu seinem Tod – und trotz der Verbrechen seiner Landsleute – als Deutscher verstand. Am Sonnabend ist Marcel Ophüls im Alter von 97 Jahren in seiner französischen Wahlheimat gestorben.


Aus: "Nachruf auf Marcel Ophüls: Chronist der deutschen Verbrechen" Andreas Busche (26.05.2025)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/nachruf-auf-marcel-ophuls-chronist-der-deutschen-verbrechen-13757029.html

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"Marcel Ophüls: Geschichte wird von Menschen gemacht" Ein Nachruf von Georg Seeßlen (27. Mai 2025)
Mit seinen Dokumentarfilmen prägte Marcel Ophüls die Erinnerungsarbeit der Nachkriegszeit. Nun ist der Regisseur mit 97 Jahren gestorben. ... Wann, wenn nicht jetzt, wären sie von brennender Aktualität, die Dokumentationen, die Marcel Ophüls über die Protagonisten der NS-Zeit, die Täter hier, die Mitläufer dort, die Kollaborateure, die Verdränger und Verleugner, die Beurteiler und die Opfer, gedreht hat, und die vielen die Augen geöffnet haben, sowohl was die "Banalität des Bösen" als auch das Verschweigen und Beharren anbelangt? The Memory of Justice (1976) ist nicht nur der Titel des mittleren Films in Ophüls' Trilogie des Erinnerns, zu der auch Das Haus nebenan und Hotel Terminus (1988) gehören. Es ist auch ein Motto zu seinem Werk. Ophüls' Filme helfen dabei, Unterschiede und Entwicklungen zu erkennen. Aber sie nehmen uns die Arbeit der eigenen Bewertung nicht ab. ...
https://www.zeit.de/kultur/film/2025-05/marcel-ophuels-regisseur-film-tod/komplettansicht

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Marcel Ophüls (* 1. November 1927 in Frankfurt am Main; † 24. Mai 2025 in Lucq-de-Béarn) war ein deutsch-französischer Filmregisseur und Dokumentarfilmer. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Oph%C3%BCls

Hôtel Terminus: Zeit und Leben des Klaus Barbie ist ein Dokumentarfilm von Marcel Ophüls über das Leben von Klaus Barbie.
Klaus Barbie war von 1942 bis 1944 Kommandant der Gestapo im besetzten Lyon. Im Hotel Terminus hatte die Gestapo während der Besatzung Frankreichs ungefähr 20 Zimmer zu Vernehmungsräumen umfunktioniert. Von hier aus wirkte Barbie, der ,,Schlächter von Lyon". Das Hotel wurde so zum Symbol für die letzte Station seiner Opfer und das Ende jeder Art von Menschlichkeit. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B4tel_Terminus:_Zeit_und_Leben_des_Klaus_Barbie


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Quote[...] Am 24. Oktober 1956 legten 20.000 Metaller in 15 Betrieben in Schleswig-Holstein die Arbeit nieder. Der Streik erfasste immer mehr Betriebe und endete erst am 9. Februar 1957. Es war damit der längste Arbeitskampf in der Geschichte der Bundesrepublik. Es ging der Industriegewerkschaft Metall nicht um höhere Löhne. Gefordert wurde, die Arbeiter mit den Angestellten gleich zu stellen. Für die galt bereits seit 1930 im Krankheitsfall eine Lohnfortzahlung von sechs Wochen. Zusätzlich ging es darum, mehr Urlaub und auch Urlaubsgeld zu bekommen. Nicht alles wurde am Ende erfüllt, der Streik leitete aber eine Wende ein.

Die IG Metall startete mit einem überzeugenden Votum in den Arbeitskampf. 70 Prozent der 65.000 Metaller im Land waren gewerkschaftlich organisiert. 88 Prozent davon stimmten am 11. und 12. Oktober 1956 für den Streik. Die Gewerkschaft setzte auf eine ,,flexible Eskalation". Basis waren die 25.000 Arbeiter auf den Werften. Sie bildeten den Kern der Streikenden. Am 24. Oktober 1956 legten 20.000 Arbeiter in 15 Betrieben die Arbeit nieder. Die Zahl erreichte im Januar 1957 dann 34.000 in 38 Betrieben. Der Ernst und der Durchhaltewille der Streikenden wurden von der Arbeitgeberseite zuerst unterschätzt. Das ist mit ein Grund für die ungewöhnliche Dauer des Arbeitskampfes.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel (*1913-1997†) von der CDU versuchte allein sechs Mal zu schlichten – ohne Erfolg. Im Dezember 1956 wurde die Schlichtungsstelle angerufen. Diese arbeitete ein Angebot aus. Die IG-Metall empfahl es abzulehnen. Das taten 97 Prozent der organisierten Arbeiter bei der zweiten Urabstimmung. In der Bundesrepublik wurde nun diskutiert, ob die Politik bei solch langen Arbeitskämpfen nicht in die Tarifautonomie eingreifen und ein Ende erzwingen müsse. Es blieb jedoch bei der Autonomie. Im Januar schließlich vermittelte Bundeskanzler Konrad Adenauer (*1876-1967†). Er rang den Arbeitgebern zumindest für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall Teilzugeständnisse ab. Die Gewerkschaft empfahl den Kompromiss anzunehmen. Doch sie wurde von den eigenen Mitgliedern bei der dritten Urabstimmung am 30. Januar 1957 überrascht: 76 Prozent lehnten ab, weil der großen Mehrheit der Arbeiter das Ergebnis nach 14 Wochen Streik zu dürftig erschien.

Die Arbeitgeber besserten nach. In der vierten Urabstimmung am 9. Februar 1957 kam die erforderliche Dreiviertel-Mehrheit für die Fortsetzung des Streiks nicht mehr zustande. Allerdings lehnte noch über die Hälfte der Arbeitnehmer den Kompromiss ab. Der brachte im Ergebnis den Durchbruch für die Lohnfortzahlung von Arbeitern im Krankheitsfall. Damit war noch nicht mit den Angestellten ein gleicher Stand erreicht, aber alles in Bewegung gesetzt. Im Juli 1957 verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, dass die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall festlegte. Erst 1967 schaffte die große Koalition von CDU/CSU und SPD mit dem ,,Lohnfortzahlungsgesetz" die völlige Gleichheit von Arbeitern mit Angestellten.

-ju- (0322*)

Quelle: Uwe Danker und Utz Schliesky (Hg.), Schleswig-Holstein 1800 bis heute, 2014 , Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, ISBN  978-3-89876-748-4, S. 318-327.

Bildquellen: Karikatur: Streiknachrichten aus Schleswig-Holstein Nr. 50 am 9. Januar 1957, Hg. IGM, Frankfurt a.M., 1976 ; Streik: Stadtarchiv Kiel, 2.4 Bildnachlass Hermann Nafzger.


Aus: "Metallarbeiterstreik 1956-57" (Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte)
Quelle: https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/m/metallarbeiterstreik-1956-57/

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Quote[...] Adenauer war sein Feind, Erhard verachtete er, mit Wehner lag er im Clinch: Aggressiv setzte der legendäre IG-Metall-Chef Otto Brenner die Interessen der Arbeitnehmer im Nachkriegsdeutschland durch - mit der Marktwirtschaft freundete er sich nie an.

Er war die Legende einer einst selbstbewussten Gewerkschaftsbewegung: Otto Brenner. Die Unternehmer der Metallindustrie fürchteten ihn, den mächtigen Chef der Industriegewerkschaft Metall in den "Wirtschaftswunder"-Jahrzehnten der Bundesrepublik. Im deutschen Bürgertum weckte allein die Nennung seines Namens die schlimmsten Assoziationen: radikaler Klassenkämpfer, Scharfmacher, Feind privaten Eigentums, Totengräber der Privatinitiative.

In der organisierten Arbeitnehmerschaft hingegen galt Bernner als Held. Hier verlieh man ihm bewundernd den Titel "Otto der Eiserne", auch "Otto der Große". Denn Brenner ging in die Tarifverhandlungen mit äußerster Härte und Entschlossenheit. Streikdrohungen hatte er stets parat - und die Gegenseite wusste, dass es ihm ernst damit war. In den Lohnkämpfen der 1950er und 1960er Jahre agierte Brenner als Prellbock und Sturmspitze zugleich. Seine Metaller - welche die stärkste Einzelgewerkschaft der Welt bildeten - setzten in den Tarifkonflikten die Maßstäbe.

Und die setzten sie hoch. Das sorgte in anderen Gewerkschaften zuweilen durchaus für Unmut. Die Anführer der Berg- und Bauarbeiter etwa hatten wenig Sympathie für die klassenkämpferische Rigidität des IG-Metall-Chefs. Der Vorsitzende der Bauarbeitergewerkschaft Georg Leber, später Bundesminister unter dern Kanzlern Kurt-Georg Kiesinger, Willy Brandt und Helmut Schmidt, warb vielmehr für die Sozialpartnerschaft, für ein Miteinander von Unternehmern und Arbeitnehmern. Er hielt Brenner für ein Fossil, für einen Anachronismus aus der untergegangenen Welt des Marxismus.

In der Tat: Brenner und Leber lebten und handelten aus unterschiedlichen Philosophien. Brenner söhnte sich nie mit Marktwirtschaft, Wettbewerb und Kapitalismus aus. Er hielt allein den Begriff "soziale Marktwirtschaft" für Lug und Trug. Der Anführer der westdeutschen Metallarbeiter prangerte die "Restauration" an, mokierte sich über die Harmoniedusselei seiner eher gemäßigten Gewerkschaftskollegen, analysierte die gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen der Republik in den Begriffen von "Klasse" und "Kampf". Üppige Unternehmergewinne waren für ihn keineswegs notwendige Vorraussetzungen für weitere Investitionen, Arbeitsplätze und Wohlfahrt, sondern Raub von gerechtem Lohn. Und natürlich hielt Brenner nichts davon, Lohnforderungen am Produktivitätszuwachs zu orientieren. Denn eine solche Selbstbeschränkung bedeutete für ihn, dass man den Status quo ungerechter Verteilungsverhältnisse gefestigt hätte.

Brenner war unzweifelhaft noch Produkt und Akteur der alten Arbeiterbewegung aus Kaiserreich und der Weimarer Republik. Seine Sozialisationsjahre verliefen wie in einem Drehbuch für einen Lehrfilm zur "Geschichte des proletarischen Sozialismus": Geboren wurde er 1907 in Hannover, einer Hochburg seinerzeit der Sozialdemokratischen Partei. Eben dieser Partei gehörte bereits sein Vater an, ein gelernter Orthopädiemechaniker. Brenner hatte drei Geschwister; die Verhältnisse waren beengt, das Auskommen karg. Und an den Rand existentieller Not geriet die Familie, als der Vater 1914 in den Krieg ziehen musste, erst 1920 aus der französischen Gefangenschaft zurückkehrte.

Der siebenjährige Otto hatte durch allerlei Botendienste dazu beitragen müssen, dass die Familie halbwegs über die Runden kam. Nach der Volksschule fehlte das Geld, welches ihm eine solide berufliche Ausbildung hätte ermöglichen können. So schlug sich Brenner für einige Jahre als Hilfs- und Gelegenheitsarbeiter durch. Doch wie viele andere aus dem sozialistisch-proletarischem Milieu nutzte er mit autodidaktischer Emsigkeit Kurse in der örtlichen Volkshochschule, um sich Qualifikationen für einen Lehrstelle anzueignen. Härte gegen sich selbst, ungeheuere Fleiß, rigorose Disziplin und der eiserne Wille, trotz minderprivilegierter Herkunft durch herausragende Leistungen zu bestechen und zu reüssieren - das blieb ein konstanter Charakterzug in der Biographie Brenners.

Der andere Wesenszug: Brenner lebte den Sozialismus, ging in ihm als Mensch, Politiker, Gewerkschafter ganz und gar auf. Er streifte die Prägungen seiner Jugend im Laufe seiner weiteren Karriere nicht - wie so viele andere - ab. Auch als Erwachsener folgte er der Devise von der Einheit des politischen Bekenntnisses und des täglichen Lebensstils. So hatte er es in der Sozialistischen Arbeiterjugend gelernt, der er bereits mit 13 Jahren beigetreten war. Daneben war er noch Aktivist bei den "Freien Schwimmern", führender Funktionär im Deutschen-Arbeiter-Abstinentenbund, Mitglied natürlich der SPD.

Angezogen fühlte er sich insbesondere vom so genannten "Internationalen Sozialistischen Kampfbund", den der Göttinger Philosoph Leonard Nelson gegründet hatte. Der Kampfbund war mehr ein Orden, sehr elitär, ungemein prinzipienfest und intensiv geschult. Wer dort mitmachen wollte und durfte - mehr als 300 waren es nicht - musste Vegetarier sein, durfte weder rauchen noch trinken, hatte alle Brücken zur eigenen Familie hinter sich abzubrechen, besaß die Pflicht zum täglichen körperlichen Training, zur sokratischen Diskussionsführung, zur regelmäßigen Niederschrift eines Protokolls darüber, zur strengen logischen, alle äußeren Effekte vermeidenden Argumentationsweise. Brenner war - und blieb - fasziniert von der Strenge der Lebensführung dieser sozialistischen Avantgarde, von ihrer Verlässlichkeit und in der Regel lebenslangen Treue zu den eigenen Maximen.

Die Treue zu den Überzeugungen stand jedenfalls höher als die Treue zu einer Partei, auch für Brenner. Daher verließ er mit einigen tausend anderen jungen Sozialisten 1931 die SPD, die zwar in der parlamentarischen Opposition stand, aber die Reichsregierung des Hunger-Kanzlers Brüning tolerierte statt bekämpfte, was Brenner und andere Linkssozialisten empörte. Sie gründeten - darunter auch der Lübecker Herbert Frahm - im Oktober 1931 die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands. Den Nationalsozialismus hielt auch das allerdings nicht auf. Im August 1933 steckten die neuen braunen Machthaber Brenner für zwei Jahre ins Gefängnis; auch in den Jahren danach wurde er mehrere Male kurzfristig inhaftiert.

Das Scheitern von Weimar, das Versagen der Arbeiterbewegung, die Installierung des Nationalsozialismus - das konstituierte den Erfahrungshintergrund für das politische Urteil Brenners auch in den bundesdeutschen Jahren. Weimar blieb ihm zeitlebens Menetekel, Apokalypse und Lektion. Wieder und wieder beschwor er die Lehren aus den Tragödien, Fehlentwicklungen und Irrtümer der ersten deutschen Republik. Ähnlich wie Schumacher plädierte er für eine soziale Neuordnung und Entmachtung der Industriemagnaten nicht allein oder vorwiegend aus ökonomischen Motiven, sondern aus Gründen der Demokratiesicherung. Denn das meinten die beiden aus Weimar gelernt zu haben: Ökonomische Macht bedeutet politische Macht und unterminiert dadurch die gleiche Teilhabe aller Staatsbürger.

Und so sah Brenner in der Adenauer-Gesellschaft allseits die Restauration marschieren. Dabei hatte er 1945, als das Nazi-Regime beseitigt war, fest auf eine soziale Revolution gehofft, auf die gesellschaftliche Fundamentaltransformation, die 1918/19 ausgeblieben war. Brenner selbst hatte sich in der deutschen Trümmergesellschaft des Frühjahrs 1945 sofort wieder in die Politik gestürzt. Und er war - wie die meisten Aktivisten der linkssozialistischen Kleinstgruppen aus der Spätphase der Weimarer Republik, etwa Willy Brandt - zur SPD zurückgekehrt. Einheit und Geschlossenheit statt Spaltung und Zersplitterung - auch das gehörte in der "Generation Brenner" zur historischen Lektion der 1920/30er Jahre sowohl für die politische als auch gewerkschaftliche Organisation. 1946 vertrat Brenner die Sozialdemokraten im Kommunalparlament der Stadt Hannover; zwischen Frühjahr 1951 und Herbst 1953 saß er für seine Partei im niedersächsischen Landtag.

Doch wurde die Parteipolitik nicht zum Terrain des Hannoveraners. Brenner zog es in die Gewerkschaftsarbeit. Und er stellte sich vom Beginn an die Spitze eines aggressiven gewerkschaftlichen Aktivismus. Brenner organisierte den ersten Streik überhaupt in der deutschen Nachkriegsgeschichte, der im Herbst 1946 mit dem Ziel vermehrter Mitbestimmungsrechte in der Hannoveraner Firma Bode-Panzer stattfand. Zwar war die gewerkschaftliche Kasse leer, doch Brenners Leute hielten vier Wochen Ausstand durch; am Ende musste die Unternehmensleitung klein beigeben.

Fortan war Brenner ein Held der Metallarbeiterbasis im Westen Deutschlands. Zu Beginn der 1950er Jahre rückte er als Mitvorsitzender an die Spitze der IG-Metall; ab 1956 führte er die Gewerkschaft allein. Zusammen mit neun weiteren Gewerkschaftern, die allesamt aus den linken Splittergruppen im Umfeld der Weimarer SPD und KPD kamen, bildete er einen halb verdeckt operierenden "Zehnerkreis", der innerhalb der bundesdeutschen Gewerkschaftsbewegung für einen harten, ja militanten Kampfkurs eintrat. Brenner war der Kopf dieses strategischen gewerkschaftlichen Antikapitalismus. Im Winter 1956/57 schickte er seine Metaller in Schleswig-Holstein für 114 Tage in den Streik um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Auch in den 1960er Jahren marschierte stets Brenner voran, wenn es in oft erbittert geführten Auseinandersetzungen um Lohnerhöhungen oder Arbeitszeitverkürzungen ging. Für Brenner war das immer ein Stück Klassenkampf, ein zähes Ringen um die gesellschaftliche und damit auch politische Macht.

Angenehm war es für die Unternehmer der Metallindustrie nicht, mit Otto Brenner Tarifkonflikte austragen zu müssen. Doch äußerten seine Kontrahenten auffällig viel Respekt gegenüber den Gewerkschaftsradikalen. Zwar trat Brenner auch am Verhandlungstisch in langen Nächten unbeugsam auf. Aber Brenner war ein vorzüglicher Zuhörer, nahm die Argumente der Gegenseite aufmerksam wahr, lärmte und polterte nicht dröhnend herum, sondern sprach präzise vorbereitet zur Sache - und war am Ende oft pragmatisch genug, um in verfahrenen Situationen mit einem Kompromissvorschlag den Durchbruch zu finden.

Liest man die Reden Brenners auf Gewerkschaftsversammlungen nach, dann klingen sie tatsächlich reichlich polemisch, scharfmacherisch, beißend klassenkämpferisch. Dabei aber war Brenner keineswegs ein feuriger Tribun, kein donnernder Rhetoriker. Brenner mochte das Pathos nicht. Er war eher spröde; seine öffentlichen Ansprachen waren sorgfältig, nahezu pedantisch vorbereitet. Er las seine Anklagen gegen den Kapitalismus und die politische Restauration trocken vom Blatt ab, Satz für Satz, ohne jede Spontaneität. In einem Kreis von jungen marxistischen Akademikern, die er in seiner Frankfurter Gewerkschaftszentrale um sich versammelt hatte, war dies alles akkurat präpariert und durchdiskutiert worden.

Brenner, der Bürgerschreck, unterschied sich ganz von vielen seiner eher hemdsärmeligen, häufig körperlich kräftig gebauten Gewerkschaftskollegen. Der mächtige IG-Metall-Chef wirkte eher schmächtig, fast wie ein Intellektueller mit seiner randlosen Brille in seinem blassen, asketischen Gesicht. Selbst enge Mitarbeiter taten sich schwer damit, emotionalen Zugang zu Brenner zu finden. Er wahrte Distanz, gab sich verschlossen, war alles andere als ein schulterklopfender Schultertyp, ließ mit Ausnahme seiner Frau und Tochter niemanden an sich heran. Als Party- und Gesellschaftslöwe in der Frankfurter Society begegnete man ihm nicht. Brenner stand nie - wie durchaus andere aufgestiegene Arbeiterfunktionäre - in der Gefahr, als Parvenüs herumzustolzieren. Der Puritaner an der Spitze der Metallgewerkschaft rauchte nicht, trank kaum Alkohol, dafür jederzeit und viel Tee; er besaß kein eigenes Auto, urlaubte - wandernd- am liebsten im eigenen Land.

Aber als sozialer Revolutionär verstand er sich immer. Die Sozialisierung der Schlüsselindustrien blieb für ihn, solange er lebte, der Königsweg zu einer "wahren demokratischen Gesellschaft", wie er das nannte. Der bundesdeutschen Republik hätte er das Gütezeichen der "wahren Demokratie" nie verliehen, da er mit den sozialen, kulturellen und ökonomischen Ungleichheiten durchweg haderte. Adenauer war sein Feind, Erhard verachtete er, und mit Wehner geriet er über Kreuz wegen des "Godesberger Programms", des sozialdemokratischen Wegs zur Volkpartei, vor allem aber in Folge der Bildung der "Großen Koalition" und der Verabschiedung der Notstandsgesetze.

Brenner musste schließlich mit dem Paradoxon leben, dass sein gewerkschaftlicher Radikalismus letztlich zu einer Wohlständigkeit auch der Arbeitnehmer führte, die seine genuinen Absichten - Klassenbewusstsein zu schaffen und das sozialistische Endziel anzustreben - zunehmend konterkarierte. Die Erfolge des Aktivismus Brenners trugen zur stärkeren Integration, Zufriedenheit schließlich auch Einpassung der Arbeiter in das marktwirtschaftliche System der Bundesrepublik bei. Je mehr Brenner tarifpolitisch erreichte, desto weiter weg rückte die klassenbewusste, sozialistische Proletarität.

Otto Brenner, der am 8. November 2007 einhundert Jahre alt geworden wäre, starb im April 1972 mit 64 Jahren an den Folgen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung.



Aus: "Der Scharfmacher" Franz Walter (07.11.2007)
Quelle: https://www.spiegel.de/geschichte/gewerkschaften-a-948825.html


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#109
"Späte Aufarbeitung: Datenbank gibt erstmals tausenden Opfern von NS-Experimenten Namen" Karin Krichmayr (18. August 2025)
"Euthanasie"-Opfer, aber auch andere Verfolgte des NS-Regimes wurden im Nationalsozialismus für medizinische Forschung missbraucht. Nun wurden etliche Fälle rekonstruiert. ... Insgesamt listet die Opferdatenbank die Profile von rund 16.500 Menschen, die nachweislich Opfer der NS-Zwangsforschung wurden, zusätzlich wurden mehr als 13.000 Profile eingepflegt, bei denen die Forschung noch nicht abgeschlossen ist. Aktuell sind 659 Profile in Österreich geborenen Personen zugeordnet. Neben ausgewählten Biografien macht eine interaktive Karte der beteiligten Institutionen das Ausmaß der Verbrechen und des damit verbundenen Systems auch geografisch sichtbar. ...
https://www.derstandard.at/story/3000000283779/datenbank-gibt-erstmals-tausenden-opfern-von-ns-experimenten-namen

Victims of Biomedical Research under National Socialism
 Between 1933 and 1945, under National Socialist rule, countless individuals became victims of coerced and unethical biomedical research. They were stripped of their rights, anonymized, and dehumanized – reduced to numbers, file references, and "cases." These practices were part of a system that bureaucratized crimes and profoundly disrupted personal lives – even to the point of their eradication.
Purpose of this Website: This website serves as a place of remembrance, research, and historical reflection. At its core is a database that provides essential information about thousands of individuals who were disenfranchised, harmed, and murdered in the context of coerced research. ...
https://ns-medical-victims.org/

https://www.derstandard.at/story/3000000272039/gewebeproben-von-ns-opfern-in-wien-identifiziert

https://www.derstandard.at/story/3000000206537/die-grauenhaften-verbrechen-des-doktor-karl-brandt

https://www.derstandard.at/story/3000000217017/max-de-crinis-der-steirische-mediziner-hinter-den-ns-patientenmorden

https://www.derstandard.at/story/2000146492402/das-dunkle-erbe-der-ns-hirnforschung

https://www.derstandard.at/story/3000000254370/karte-der-erinnerung-fuer-opfer-des-ns-regimes

https://www.derstandard.at/story/3000000272039/gewebeproben-von-ns-opfern-in-wien-identifiziert

QuoteApnoetaucher

Das sind Folgen gesellschaftlicher Strömungen, wo Mensch aufhören, andere Menschen als Menschen zu sehen, als ihresgleichen.
Es sind fließende Übergänge, die meisten landen nicht am anderen Ende der Skala der puren Entmenschlichung. Aber sie sind massgeblich am Milieu beteiligt, das solchem Denken und Handeln Raum gibt.
Das Betroffensein, das solche Datenbanken vermitteln können und sollen, sollte uns bewusst machen, so entfernt ist das nicht.


QuoteRalph John

Weiterführende Literatur zu den widerlichen, abscheulichen und menschenverachtenden Experimenten finden sich auch im Buch "Medizin ohne Menschlichkeit" von Alexander Mitscherlich wieder. ISBN: 978-3-596-22003-8

Vorsicht, dies ist keine leichte Kost!


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#110
Quote[...] Jacques Goudstikker (* 30. August 1897 in Venlo; † 15. oder 16. Mai 1940 an Bord der Bodegraven) war ein niederländischer Kunsthändler, dessen Sammlungen von Hermann Göring geplündert wurden. Erst nach langen Verhandlungen kehrten Teile der Sammlung 2005 in den Besitz der Erben zurück.

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Pieter den Hollander, Melissa Müller: Jacques Goudstikker. 1897–1940. In: Melissa Müller, Monika Tatzkow: Verlorene Bilder. Verlorene Leben. Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde. 2. Aufl., München 2009, Lizenzausgabe für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, ISBN 978-3-534-23471-4, S. 214–229.


Aus: "Jacques Goudstikker" (29. Juli 2025)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Goudstikker

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Quote[...] Ein während des Zweiten Weltkriegs von den Nationalsozialisten gestohlenes Gemälde ist in Argentinien entdeckt worden – dank einer Immobilienanzeige. Behörden durchsuchten am Dienstag eine Villa in Mar del Plata, in der das Kunstwerk vermutet wurde.

Die niederländische Zeitung ,,Algemeen Dagblad" berichtet, das Werk sei nach jahrelanger Recherche mehrerer Journalistinnen und Journalisten in einer Online-Annonce für die Villa entdeckt worden. Auf den Fotos sei es sogar klarer erkennbar gewesen als bisher in einer Datenbank für verschollene Kunstwerke. Experten bestätigten demnach die Echtheit.

https://www.ad.nl/binnenland/roofkunst-uit-amsterdam-ontdekt-in-huis-dochter-oud-nazi-ik-weet-niet-welk-schilderij-je-bedoelt~a1e944fa/

Bei dem Bild handelt es sich um das Gemälde ,,Porträt einer Dame" des italienischen Malers Giuseppe Vittore Ghislandi. Es gehörte ursprünglich dem jüdischen Kunsthändler Jacques Goudstikker in Amsterdam, dessen Sammlung von den Nazis beschlagnahmt wurde. Goudstikker starb 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Mehr als 780 Werke aus seinem Besitz sollen sich Größen des NS-Regimes angeeignet haben, darunter auch das ,,Porträt einer Dame", das die Gräfin Cecilia Colleoni zeigen soll.

Der Wert dieses Bildes ist unbekannt. Jedoch sind Werke des Künstlers in bedeutenden Museen ausgestellt, darunter im Metropolitan Museum of Art in New York.

Die Spur des Gemäldes führt zu dem ehemaligen Nazioffizier Friedrich Gustav Kadgien, der nach Kriegsende nach Argentinien floh und dort 1978 starb. Unter Präsident Juan Perón fanden zahlreiche Nationalsozialisten in dem südamerikanischen Land Zuflucht – oft mitsamt geraubter Kunst und Wertgegenständen.

Journalisten des ,,Algemeen Dagblad" hatten bereits vermutet, dass sich das Gemälde bei Nachfahren von Kadgien in Argentinien befinden könnte. Offenbar zufällig entdeckten sie an einer Villa der Familie ein ,,Zu verkaufen"-Schild. Online stießen die Reporter auf die entsprechende Immobilienanzeige. Auf den Fotos war das Gemälde deutlich zu sehen – über einem Sofa. Kontaktversuche zu den Bewohnern blieben dem Bericht zufolge erfolglos.

Die niederländische Regierung hat bereits mehr als 200 Werke an Goudstikkers Erbin zurückgegeben, doch zahlreiche Gemälde bleiben bis heute verschwunden.

Wie es mit dem Gemälde über dem argentinischen Sofa weitergeht, ist bislang offen. Laut den Reportern des ,,Algemeen Dagblad" könnten juristische Streitigkeiten bevorstehen. Die Familie des Kunsthändlers Jacques Goudstikker kündigte an, sich für die Rückgabe des Bildes einzusetzen. (Tsp)

Search Request | Object report: Damesportret (Contessa Colleoni) / Ladies portrait (Contessa Colleoni)
Lost Art-ID: 584759
https://www.lostart.de/en/lost/object/damesportret-contessa-colleoni-ladies-portrait-contessa-colleoni/584759



Aus: "Nazi-Raubkunst hängt über Sofa in argentinischer Villa" (27.08.2025)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/journalisten-entdecken-gemalde-in-immobilienanzeige-nazi-raubkunst-hangt-uber-sofa-in-argentinischer-villa-14234783.html

"Aufgeflogen durch Immobilienanzeige: Argentinisches Paar gibt Raubkunst-Gemälde zurück" (04.09.2025)
Der Finanzexperte der Nazis brachte das einem jüdischen Galeristen gestohlene Bild einst nach Argentinien. Seine Tochter muss es nun zurückgeben. Sie und ihr Mann stehen vorerst unter Hausarrest.
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/aufgeflogen-durch-immobilienanzeige-argentinisches-paar-gibt-raubkunst-gemalde-zuruck-14273105.html


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"Deportation von Russlanddeutschen: ,,Es wird wenig über die Verbannung gesprochen"" Marina Mai (28.8.2025)
Der 28. August ist der Gedenktag an die Deportation in der Sowjetunion nach Sibieren und Kasachstan. ... Für die rund 150.000 russlanddeutschen BerlinerInnen und Berliner ist der 28. August ein wichtiger Tag. Es ist der Gedenktag an die Deportation ihrer Vorfahren aus ihren traditionellen Siedlungsgebieten an der Wolga und in der Ukraine nach Sibirien und Nordkasachstan im Jahr 1941. Die Deportation war eine Reaktion Stalins auf den Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Die Russlanddeutschen wurden kollektiv der Kollaboration mit Hitler-Deutschland verdächtigt. Nach Schätzungen waren es mindestens 150.000 Menschen, die bei den Deportationen ums Leben kamen. Für andere bedeutete es jahrelange Lagerhaft oder Dahinvegetieren in unwirtlichen Gebieten ohne jede Habe. Drei russlanddeutsche BerlinerInnen erzählen, was der Tag für sie bedeutet. ...
https://taz.de/Deportation-von-Russlanddeutschen/!6104679/

Link

Die Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) ist eine monatlich erscheinende deutschsprachige Fachzeitschrift für Geschichtswissenschaft. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/Zeitschrift_f%C3%BCr_Geschichtswissenschaft_(1953)

Jürgen Matthäus (* 1959 in Dortmund) ist ein deutscher Historiker und war bis März 2025 Leiter der Forschungsabteilung des United States Holocaust Memorial Museum. ... Er gehört u. a. dem Internationalen Beirat der Stiftung Topographie des Terrors an. Matthäus ist Autor, Herausgeber und Bearbeiter von Fachpublikationen zum Themenbereich Holocaust ... Literatur: Christopher Browning: Die Entfesselung der ,,Endlösung". Nationalsozialistische Judenpolitik 1939–1942. Mit einem Beitrag von Jürgen Matthäus, Propyläen, Berlin 2003 (Originaltitel: The origins of the final solution). ... Jürgen Matthäus: Gerahmte Gewalt.
Fotoalben von Deutschen im »Osteinsatz« und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg
, Berlin: Metropol Verlag, 2025, 424 S., 80 Abb., ISBN: 978-3-86331-794-2 ... Hrsg. mit Martin Cüppers und Andrej Angrick: Naziverbrechen. Täter, Taten, Bewältigungsversuche, WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Matth%C3%A4us


QuoteVideoaufzeichnung der Veranstaltung Vortrag von Dr. Jürgen Matthäus:
https://video01.uni-frankfurt.de/Mediasite/Play/32a288d960cf49eb984ee8ac5d2dd4351d

Gerahmte Gewalt. Private Fotoalben von Deutschen im »Osteinsatz« und die kollektive Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg

Montag, 14. April 2025 (Hybridveranstaltung)

Goethe-Universität Frankfurt am Main
Campus Westend, Norbert-Wollheim-Platz 1
Casino-Gebäude, Raum 1.811

Moderation
Dr. Markus Roth, Fritz Bauer Institut

Sie liegen auf Dachböden von Wohnhäusern und auf Verkaufstischen von Flohmärkten; man kann sie im Internet kaufen und in Archiven besichtigen: Private Fotoalben sind materielle Zeugnisse, wie Deutsche den Zweiten Weltkrieg erlebten und wie sie ihn erinnert wissen wollten. Einige Alben, besonders solche mit Holocaust-Bezug, haben in Ausstellungen oder Publikationen Aufmerksamkeit erregt; dennoch hat sich die Forschung bislang nur ansatzweise mit ihnen befasst. Basierend auf der Auswertung einiger hundert Privatalben und mit Fokus auf den deutschen Vernichtungskrieg »im Osten« untersucht das Buch, was ihre Kriegserzählung ausmacht, wie sie Gewalt repräsentierten und welche Spuren ihr Bild deutscher Verbrechen und deutscher Opferschaft bis heute im Familiengedächtnis hinterlassen hat.

Dr. Jürgen Matthäus war bis März 2025 Leiter der Forschungsabteilung des United States Holocaust Memorial Museum. Er hat zahlreiche Publikationen zum Nationalsozialismus und zum Holocaust vorgelegt.

Jürgen Matthäus: Gerahmte Gewalt.
Fotoalben von Deutschen im »Osteinsatz« und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg
Berlin: Metropol Verlag, 2025, 424 S., 80 Abb., € 39,–
ISBN: 978-3-86331-794-2


Quelle: https://www.fritz-bauer-institut.de/mediathek/vortrag-von-dr-juergen-matthaeus

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Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
https://metropol-verlag.de/produkt-kategorie/zeitschriften/zeitschrift-fur-geschichtswissenschaft/

Zeitschrift für Geschichtswissenschaft – 73. Jg., Heft 9 (2025)
Jürgen Matthäus - Judenmord in Berdyčiv: Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto
https://metropol-verlag.de/produkt/zeitschrift-fuer-geschichtswissenschaft-73-jg-heft-9-2025/

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"Historian uses AI to help identify Nazi in notorious Holocaust murder image" Deborah Cole Berlin correspondent (2. Oct 2025)
Jürgen Matthäus has for years been investigating the killer – and is confident he has finally solved the mystery. ...
https://www.theguardian.com/world/2025/oct/02/historian-uses-ai-to-help-identify-nazi-in-notorious-holocaust-image

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"Diese Bildikone des Judenmordes ist endlich entschlüsselt" Von Sven-Felix KellerhoffLeitender Redakteur Geschichte (03.01.2024)
Seit mehr als 60 Jahren steht das furchtbare Bild der Erschießung eines Juden für die Morde der SS-Einsatzgruppen 1941 bis 1943. Doch bisher war die Aufnahme falsch datiert und lokalisiert. Der Historiker Jürgen Matthäus bietet eine schlüssige Lösung. ...
https://www.welt.de/geschichte/article249280988/Holocaust-Diese-Bildikone-des-Judenmordes-ist-endlich-entschluesselt.html#Comments

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"Schoa: Identität des Täters auf erschütterndem Holocaust-Foto geklärt" (30.09.2025)
Ein jahrzehntelanges Rätsel um eines der erschütterndsten Bilder des Holocaust ist gelöst: Die Identität des SS-Manns auf dem weltbekannten Foto »Der letzte Jude von Winniza« ist nun bestätigt. Wie die israelische Nachrichtenseite »ynet« unter Berufung auf eine neue historische Studie berichtet, handelt es sich bei dem Exekutor um Jakobus Oehnen, einen ehemaligen deutschen Lehrer. ...
https://www.juedische-allgemeine.de/politik/identitaet-des-taeters-auf-erschuetterndem-holocaust-foto-geklaert/




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"Der Ausgestoßene" Eberhard Reuß (01.10.2025)
Aus der Geschichte der Firma Porsche war der jüdische Mitgründer Adolf Rosenberger getilgt. Was für heftige Kontroversen sorgte. Jetzt hat der Historiker Joachim Scholtyseck ein Buch über Rosenberger veröffentlicht – finanziert von Porsche. ... Nun bestätigt Scholtyseck, dass die Familien Porsche und Piëch in Sachen des jüdischen Firmenmitgründers die Deutungshoheit übernommen hatten: "In der Nachkriegszeit gelang es der Porsche-Führung, sich in einem milden Licht zu zeichnen." So verschwand Adolf Rosenberger aus der Geschichte des Unternehmens, obwohl er doch 1930/31 zusammen mit Ferdinand Porsche und dessen Schwiegersohn Anton Piëch in Stuttgart das legendäre "Konstruktionsbüro" aus der Taufe gehoben hatte, die "Dr. ing. h.c. Ferdinand Porsche GmbH", Keimzelle des heutigen Weltkonzerns.
Porsche hielt damals 80 Prozent der Anteile, Piëch und Rosenberger waren mit jeweils zehn Prozent beteiligt. Als Geschäftsführer und Mitgesellschafter kümmerte sich der junge, weltläufige und bestens vernetzte Motorsportmann Adolf Rosenberger (1900 bis 1967) in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise um die Akquise von Aufträgen und finanzierte mit Krediten das Unternehmen, das anfangs um die 20 Mitarbeiter zählte. Ohne Rosenberger keine Porsche GmbH. Obendrein sollte der frühere Mercedes-Benz-Werksrennfahrer den von Porsche konstruierten Auto Union-Rennwagen fahren, doch Rosenberger bekam als Jude keinen Rennlizenz im NS-Staat. ...
https://www.kontextwochenzeitung.de/zeitgeschehen/757/der-ausgestossene-10476.html

Adolf Rosenberger (* 8. April 1900 in Pforzheim; † 6. Dezember 1967 als Alan Arthur Robert in Los Angeles, Kalifornien) war ein deutscher Automobilrennfahrer und Kaufmann. ... Die Machtübernahme des NS-Regimes hatte für Rosenberger noch gravierendere Folgen: Als Jude wurde er am 5. September 1935 wegen angeblicher ,,Rassenschande" verhaftet und am 23. September aus dem Pforzheimer Untersuchungsgefängnis an der Rohrstraße direkt ins Konzentrationslager Kislau eingewiesen.[1] Vier Tage später wurde er entlassen – Ferdinand Porsche und sein Sohn Ferry sollten später behaupten, dies sei auf ihre Intervention geschehen. Rosenberger alias Robert selbst widersprach später dieser Behauptung. Nach seiner Entlassung verlegte er im November 1935 seinen Hauptwohnsitz nach Paris.[14] Tatsächlich kaufte Hans von Veyder-Malberg Rosenberger frei; er half 1939 auch, dessen Eltern Simon und Emma Rosenberger aus Deutschland ausreisen zu lassen.[15] Am 11. Januar 1938 emigrierte Rosenberger an Bord des Dampfers Île de France in die USA und baute sich in Kalifornien eine neue Existenz auf. Am 24. Dezember 1943 ließ er seinen Namen in Alan Arthur Robert ändern, und 1944 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft.[15] Nach dem Krieg forderte Rosenberger von Porsche eine Abfindung in Höhe von 200.000 Mark für die Wegnahme seiner Anteile zum Nominalwert und das Gesellschafterdarlehen. Man einigte sich auf einen Vergleich von 50.000 Mark plus einem Auto.[16] Rosenberger bzw. Robert starb am 6. Dezember 1967.[15] Seine Urne sowie die seiner Frau wurden auf dem jüdischen Friedhof in New York beigesetzt. ...
[Versions-ID der Seite: 260390990, Permanentlink: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Adolf_Rosenberger&oldid=260390990
Datum des Abrufs: 8. Oktober 2025, 11:12 UTC]
https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Rosenberger

»Der jüdische Teilhaber wurde aus der Porsche GmbH gedrängt«
In der Nazizeit musste Adolf Rosenberger Porsche verlassen, seine Firmenanteile unter Wert verkaufen. Heute ist der jüdische Mitgründer fast vergessen. Der Historiker Joachim Scholtyseck hat seine Geschichte aufgearbeitet.
Ein Interview von Simon Hage | 25.09.2025, 10.19 Uhr • aus DER SPIEGEL 40/2025
https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/adolf-rosenberger-der-juedische-teilhaber-wurde-aus-der-porsche-gmbh-gedraengt-a-91d3dd44-ed5f-4cf4-8578-89533ea87eb7



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#114
"Mitten in Hamburg, am helllichten Tag" Christian Staas, Hamburg (25. Oktober 2025)
Von den Deportationen Hamburger Juden im Zweiten Weltkrieg gab es bisher keine Bilder. Nun sind drei Fotos vom Oktober 1941 in einem Archiv neu entdeckt worden – sie zeigen, was später niemand gewusst haben wollte. Was ist auf diesen alten Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen? Menschen mit Gepäck, die auf dem Bürgersteig warten, im Vordergrund ein Polizist, vor einem prächtigen Hauseingang Männer in Zivil. Ein zweites Bild zeigt die umgekehrte Perspektive, vorn jetzt die Koffer und Bündel; es scheint kalt zu sein. Auf Foto Nummer drei sind Fahrzeuge am Straßenrand aufgereiht. Abermals Polizisten, abermals Leute mit Gepäck. Was geschieht hier?
Diesen Menschen wird geholfen; sie werden nach einem Bombenangriff auf Hamburg im Herbst 1941 evakuiert. So dachte man lange Zeit. Jetzt weiß man: Die Menschen, die hier zu sehen sind, werden in den Tod geschickt. Die Bilder zeigen die Deportation Hamburger Juden ins besetzte Osteuropa, ins Ghetto Litzmannstadt/Łódź, am 24. und 25. Oktober 1941. ... Was ist auf diesen Bildern zu sehen? Vor allem wohl dies: dass der Holocaust nicht irgendwo im Osten in einem fernen Ghetto begann, einem Konzentrationslager hinter Stacheldraht oder an einer Erschießungsgrube im Wald. Er begann, für alle sichtbar, die es sehen wollten, mitten in Deutschland, am helllichten Tag. ...
https://www.zeit.de/hamburg/2025-10/ns-deportationen-hamburg-konzentrationslager-holocaust-fotos

A living memorial to the Holocaust, the United States Holocaust Memorial Museum inspires citizens and leaders worldwide to confront antisemitism and hatred, prevent genocide, and promote human dignity. A nonpartisan, federal educational institution chartered by a unanimous Act of Congress in 1980, the Museum's permanent place on the National Mall is guaranteed by federal support, and its far-reaching educational programs and global impact are made possible by generous donors.
https://www.ushmm.org/

Search the Holocaust Encyclopedia
https://encyclopedia.ushmm.org/

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"Sieben Jahre nach der Pogromnacht: Wie der Tagesspiegel 1945 an den 9. November 1938 erinnerte" (09.11.2025)
,,Und der Mob stand dabei, johlte, schrie und klatschte Beifall..." Tagesspiegel-Autorin Irma Edom rief vor 80 Jahren zum Gedenken an die Zerstörung von Synagogen und Läden auf. ...
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/geschichte/sieben-jahre-nach-der-pogromnacht-wie-der-tagesspiegel-1945-an-den-9-november-1938-erinnerte-14791196.html



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#115
Quote[...] Die neu gegründete Zeitung aus Berlin schrieb deutlicher als andere gegen das Verdrängen der NS-Verbrechen und Leugnen deutscher Schuld an – und wurde zum Forschungsobjekt.

... ,,Wir wenden uns aber mit der äußersten Heftigkeit gegen das dreiste Gemurmel der Unwissenheit, der Einsichtslosigkeit", heißt es zum Ende des fast eine halbe Seite füllenden Leitartikels von Erik Reger ... ,,Der Prozeß in Nürnberg zeitigt Wirkungen, die niemand geahnt hat. Er verführt gewisse Volksteile dazu, sich völlig rein zu fühlen." Schließlich saßen die Täter ja nun auf der Anklagebank., ,,und indem die Galerie von Göring bis Keitel so schwarz wie mit Tinte übergossen erscheint, strahlt der Durchschnittsdeutsche so blank wie ein romantischer Vollmond über dem Schlosse von Heidelberg".

... Die Historikerin Heike Krösche, die sich unter anderem in ihrer Dissertation mit der Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher befasst und dafür auch die Berichterstattung des Tagesspiegel ausgewertet hat, nennt den ,,Grundton des Artikels weniger sachlich-argumentativ als emotional und polemisch" und attestiert dem Autor, er mache sich ,,nicht die Mühe, die psychologischen oder zeitgeschichtlichen Ursachen der jüngsten deutschen Vergangenheit zu analysieren". Gleichzeitig erkennt die Geschichtswissenschaftlerin eine ,,leidenschaftliche Kollektivanklage", mit der ein ,,Rückzug in die Opferperspektive" abgelehnt wird. ,,Die Selbstdarstellung der Deutschen als Verführte, also als schuldlos schuldig gewordene, wies Reger radikal zurück." [Zwischen Vergangenheitsdiskurs und Wiederaufbau. Die Reaktion der deutschen ¨Offentlichkeit auf den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945/46, den Ulmer Einsatzgruppenprozess und den Sommer-Prozess 1958 - Dissertation zur Erlangung eines Doktorgrades der Philosophie der Fakultät IV Human- und Gesellschaftswissenschaften der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg vorgelegt von:
Heike Krösche geb. am 03. Januar 1975 in Rostock, Disputation am: 28.01.2009 | Quelle: https://oops.uni-oldenburg.de/1913/1/krozwi09.pdf]

494 Beiträge zum fast ein Jahr dauernden Hauptkriegsverbrecher-Prozess zählt die Historikerin insgesamt im Tagesspiegel. Auf die Frage, wie sie dessen Berichterstattung zu Nürnberg 1945 zusammenfassend charakterisieren würde, schrieb uns Heike Krösche eine ausführliche Antwort, hier im Wortlaut zu lesen [https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/geschichte/behauptung-der-unwissenheit-der-deutschen-zuruckgewiesen-historikerin-heike-krosche-uber-den-tagesspiegel-und-den-nurnberger-prozess-1945-14842835.html?icid=in-text-link_14860964]. ,,Äußerst kontrovers" sei in der Nachkriegsöffentlichkeit die Frage verhandelt worden, welche Mitverantwortung und Mitschuld die deutsche Gesellschaft an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen trage. ,,Während sich die zu diesem Zeitpunkt rechtskonservativ ausgerichtete Wochenzeitung ,Die Zeit' zu der Frage mit der Einordnung der Deutschen als Opfer des Nationalsozialismus sehr klar positionierte, vermieden andere deutsche Pressorgane das Thema." Deshalb sei es ,,bemerkenswert, dass der Tagesspiegel die behauptete Unwissenheit der deutschen Bevölkerung deutlich zurückwies und die Opferperspektive ablehnte".

Die Historikerin hebt einen im Tagesspiegel mit der Überschrift ,,Sünde und Schuld" erschienenen Beitrag besonders hervor [https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/geschichte/sunde-und-schuld-kommentar-im-tagesspiegel-1946-zum-nurnberger-prozess-13950148.html?icid=in-text-link_14860964]. Darin habe die Autorin Lotte Deinert ,,aus einer spezifisch weiblichen Perspektive kritisch über die Schuldfrage reflektiert" und gefragt, ob Frauen dem Unheil, das vom ,,Männerstaat" ausging, nicht stärker hätten entgegentreten können. Auf dieser persönlichen Ebene der Selbstreflexion habe die Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld in den von ihr untersuchten Zeitungen sonst nicht stattgefunden, schreibt Heike Krösche in ihrer Dissertation.

Kritik wird in den ausgewerteten Zeitungen allerdings laut am Desinteresse der Deutschen am Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, der am 1. Oktober 1946 mit zwölf Todesurteilen, sieben Haftstrafen und drei Freisprüchen zu Ende ging. Die Teilnahmslosigkeit, von der auch Tagesspiegel-Gründer Walther Karsch [https://www.tagesspiegel.de/kultur/gegen-die-gepachtete-weltanschauung-zum-50-todestag-des-tagesspiegel-grunders-walther-karsch-14479862.html?icid=in-text-link_14860964] in einer zweiteiligen Reisereportage berichtet [https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/geschichte/eine-reise-nach-nurnberg-reportage-von-walther-karsch-zum-prozess-gegen-die-hauptkriegsverbrecher-14846702.html?icid=in-text-link_14860964], bestätigt Karena Niehoff, später beim Tagesspiegel tätig [https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/geschichte/ein-stuck-glanz-fabriziert-als-die-grosse-filmkritikerin-auf-reisen-ging-14260457.html?icid=in-text-link_14860964] und zuvor für den soeben in Berlin mit französischer Lizenz gegründeten ,,Kurier" in Nürnberg: ,,Die Welt hält den Atem an, doch die Nürnberger sprechen über die neue Nussbutter oder sie flirten", schreibt Niehoff. ...

Historikerin Krösche, die auch zeitgenössische Briefe und Befragungen analysiert hat, ergänzt diese mediale Sicht. Desinteresse festzustellen ist ihrer Forschung zufolge nicht unbegründet, reicht aber nicht aus, um die Reaktion der Bevölkerung umfassend zu beschreiben. Die Alliierten hätten ihr Ziel durchaus erreicht, die Deutschen mit einer ,,massiven Informationskampagne" über den Nürnberger Prozess mit der Dimension der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen zu konfrontieren, die viele auch als Unrecht erkannt hätten. Aber, so das nüchterne Fazit, ,,ein Hinterfragen der eigenen Rolle in dem verbrecherischen System wurde damit nicht ausgelöst".

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Aus: "Der Tagesspiegel 1945 über die Deutschen und den Nürnberger Prozess" Markus Hesselmann (19.11.2025)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/gegen-das-dreiste-gemurmel-der-unwissenheit-der-tagesspiegel-1945-uber-die-deutschen-und-den-nurnberger-prozess-14860964.html

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Die Nürnberger Prozesse wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gegen führende Repräsentanten des NS-Staates durchgeführt. Sie fanden zwischen dem 20. November 1945 und dem 14. April 1949 im Justizpalast Nürnberg statt. Die dreizehn Nürnberger Prozesse umfassen den Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof nach dem Londoner Statut sowie zwölf sogenannte Nürnberger Nachfolgeprozesse vor einem nationalen US-amerikanischen Militärtribunal nach Kontrollratsgesetz Nr. 10. Zum ersten Mal in der Geschichte wurde bei diesen Prozessen von den Siegermächten versucht, Kriegsverbrecher gerichtlich zu belangen. ... Die Nürnberger Prozesse leiteten wichtige Weiterentwicklungen des Völkerrechts ein. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Prozesse

Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher
https://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Prozess_gegen_die_Hauptkriegsverbrecher

Das Völkerrecht (Lehnübersetzung zu lateinisch ius gentium ,Recht der Völker') ist eine überstaatliche, aus Prinzipien und Regeln bestehende Rechtsordnung. Es regelt die Beziehungen zwischen den Völkerrechtssubjekten (meist Staaten) auf der Grundlage der Gleichrangigkeit. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerrecht

Die Nürnberger Prinzipien sind die im Auftrag der Vereinten Nationen durch die Völkerrechtskommission (ILC) 1950 formulierten Grundsätze aus dem Statut des Internationalen Militärgerichtshofs (IMG-Statut) und den Urteilen in den Nürnberger Prozessen. ...
https://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%BCrnberger_Prinzipien


Link

Quote[...] Volker Weiß, geb. 1972, ist Historiker und Publizist. Er promovierte mit einer Studie über Arthur Moeller van den Bruck, einen Protagonist der ,,Konservativen Revolution" in den 1920er Jahren, der zu einem der Vordenker der Neuen Rechten wurde. ...


Aus: "Historiker Volker Weiß diskutiert in Nordhausen über sein neues Buch ,,Das Deutsche Demokratische Reich"" (Montag, 17. November 2025)
Quelle: https://www.nordhausen.de/news/news_lang.php?ArtNr=32699

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Quote[...] Rechtsextreme in Deutschland machen aus Hitler einen Kommunisten und beziehen sich positiv auf die DDR. Was absurd anmutet, verfolgt eine antiliberale Strategie, sagt der Historiker Volker Weiß. Mit seinem Buch "Das Deutsche Demokratische Reich" ist er gerade auf Vortragstour.

Gesa von Leesen: Herr Weiß, in Baden-Württemberg will die rechtsextreme AfD ihren Landesparteitag ausgerechnet am 9. November abhalten. Was schätzen Sie: Will sie damit an die Pogromnacht oder den Mauerfall erinnern?

Volker Weiß: Der 9. November ist natürlich ein sehr aufgeladenes Datum. Ich nehme an, dass ihr der Mauerfall näherliegt, da sie die Pogromnacht meist ignoriert. Und durch den Mauerfall wird die Pogromnacht überschrieben.

Gesa von Leesen: Spätestens seit AfD-Chefin Alice Weidel im Gespräch mit Elon Musk Hitler als Kommunisten bezeichnet hat, ist diese Umdeutung von Geschichte einer breiteren Öffentlichkeit nahegebracht worden. In Ihrem Buch beschreiben Sie, welche Tradition und Quellen das hat. In Kürze: Warum soll der Nationalsozialismus zu einer linken Ideologie umgeschrieben werden?

Volker Weiß: Das ist der schnellste Weg, die Hypothek der Vergangenheit loszuwerden. Die Rechte kannte seit 1945 im Prinzip unterschiedliche Varianten im Umgang mit der Vergangenheit, also mit der Niederlage, den Kriegsverbrechen, dem gesamten Nationalsozialismus. Eine Strategie, die nur einige Jahrzehnte unmittelbar nach dem Krieg funktioniert hat, war Verleugnung und Affirmation. Das ist heute kaum mehr zeitgemäß. Eine andere Strategie ist die der Verschiebung: Wenn ich den Nationalsozialismus aus meiner eigenen Traditionslinie herausdefiniere und ihn dem Gegner überantworte, dann bin ich auf der einen Seite die Last der Vergangenheit los und kann auf der anderen Seite den historischen und moralischen Diskurs, der ja von der Gegenseite immer in Anschlag gebracht wurde, gegen diesen Gegner selber wenden.

Gesa von Leesen: Aber andererseits bezieht sich zum Beispiel ein Björn Höcke sehr offen auf den Nationalsozialismus. Wie passt dieses Durcheinander denn zusammen?

Volker Weiß: Es geht dabei kaum um Stringenz in der Argumentation, weder im geschichtspolitischen noch in anderen Bereichen. Es geht darum, möglichst viele, teilweise sich widersprechende Argumente auf die politische Bühne zu bringen. Das stiftet Verwirrung und bietet allen möglichen Milieus die Chance, sich anzudocken. Ich gebe Ihnen noch ein anderes Beispiel: dieser ganze Diskurs um Männlichkeit, der ja eine immense Wirkung entfaltet. Die männlichen Werte, die dort gefordert werden, sind genau die gleichen Werte, die man migrantischen Männern vorwirft. Oder gehen wir weiter zurück: zu Donald Trump im ersten Wahlkampf 2016 mit seinem "grab 'em by the pussy", diesem Bekennen zum sexuellen Übergriff, während zugleich unterstellt wird, dass alle Einwanderer das tun. Man wirft ihnen vor, worauf man selber stolz ist, das geht eigentlich auch nicht zusammen. Aber es geht.

Gesa von Leesen: Ihr Buch hat den Untertitel "Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört". Wie und dass sie Geschichte zerstört, beschreiben Sie sehr nachvollziehbar. Warum zerstört das auch die Demokratie?

Volker Weiß: Weil die Erzählung, die installiert wird, die historisch-fiktionale Gegenerzählung, wie das mein Kollege Gideon Botsch prägnant bezeichnet hat, inhaltlich ein Angriff auf die Demokratie ist. Das zeigt sich an solchen Manövern, wie etwa den Nationalsozialismus zur linken Bewegung zu erklären, um damit die Gegner aufseiten der Linken anzugreifen. Es geht nicht alleine um eine historisch neue Erzählung, sondern auch immer um die Konsequenzen in der Gegenwart. Nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Demokratien hat man versucht, nach 1945 wenigstens einen antitotalitären Konsens zu installieren, und der wird damit aufgehoben. Die Totalität wird nur noch links verortet, damit die Rechte freie Hand hat.

Gesa von Leesen: Doch warum fällt das auf einen fruchtbaren Boden? Gibt es da Versäumnisse von den anderen Parteien? Oder gibt es in der menschlichen Geschichte einfach immer ein auf und ab?

Volker Weiß: Ich glaube nicht an irgendeine anthropologische Konstante, so was hat immer gesellschaftliche und historische Ursachen. Außerdem gibt es materielle Bedingungen dafür, zum Beispiel die immensen Propagandamöglichkeiten der neuen Technik. Der Antitotalitarismus hat früher gesagt, die Propaganda gehe hauptsächlich von einem lenkenden Staat aus, und hat dann auf die Vielfalt des Marktes als Gegenmodell gesetzt. Heute haben sich längst Monopole herausgebildet, die zudem noch globale Wirkung entfalten können. Das wäre einem Staat nur bedingt möglich gewesen, ein Unternehmen kann das leichter. Die immense Kapitalkonzentration gerade im Tech-Sektor hat es Akteuren wie Elon Musk ermöglicht, eine derartige Lautstärke zu entwickeln. Die Rechte heute geht sehr modern mit den Propagandainstrumenten um, das hat man immer unterschätzt. Dabei hat der historische Faschismus doch bereits bewiesen, dass er virtuos mit modernsten Technologien umgehen konnte. Gerade im Propagandabereich, ob das die Italiener oder die Deutschen waren, konnten sie die neuesten Medien virtuos bedienen: Rundfunk, Kino, Plakatgestaltung, alles. Und durch die Sonntagsreden über den Rückfall in irgendwelche "Mittelalter" oder "die Barbarei" hat man diesen technologisch-modernistischen Aspekt, der einfach zum Faschismus dazugehört, immer ausgeblendet. Und jetzt wundert man sich, dass die extreme Rechte virtuos mit den modernsten Techniken umgehen kann.

Gesa von Leesen: Heißt das, unsere etablierten Parteien sind zu doof für wirkungsvolle Propaganda?

Volker Weiß: Nein, aber sie unterschätzen den Gegner. Und die Rechte ist wesentlich hemmungsloser. Sie hat andere Mittel durch einen Verstärker wie Elon Musk oder auch Akteure, die eher in der zweiten Reihe stehen – Peter Thiel wäre hier zu nennen. Wenn wir den US-amerikanischen Bereich anschauen, sind deren Möglichkeiten viel größer als die irgendeiner Tageszeitung oder Ihrer Zeitung.

Gesa von Leesen: Wir arbeiten dran. Sie haben die USA und Trump eingebracht – eigentlich ist die deutsche extreme Rechte doch anti-amerikanisch, für sie sind die USA dekadent, die haben uns nach dem Zweiten Weltkrieg umerzogen und so weiter.

Volker Weiß: Ja, aber sie ist eher genuin antiliberal. Und lange wurden die USA genau mit diesen Elementen des Liberalismus identifiziert: Diversität, Flexibilität, gesellschaftliche Modernität, die Versuche, Diskriminierung aufzuheben, Gleichberechtigung – also die positiven Verheißungen des klassischen Liberalismus. Lassen wir mal dahingestellt, ob das jemals real angegangen wurde, aber es war ja durchaus im Selbstverständnis enthalten. Und so lange das im Vordergrund stand, konnte man anti-amerikanisch sein. Der zweite Punkt ist die doppelte Kriegsniederlage, also die Intervention der Amerikaner im Ersten Weltkrieg, die dem Deutschen Reich endgültig das Genick gebrochen hat. Und natürlich die Niederlage von 1945, die ja auch mit den USA identifiziert wird. Aber diese Feindschaft kann man überwinden, wenn die USA sich so aufführen, wie sie das jetzt gerade tun. Also mit einem Amerika, das sich auf den Stand von 1917 zurückbesinnt und sich an eine Großraumordnung nach Vorstellungen der Rechten hält, nämlich mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Mit diesen USA kann man leben.

Gesa von Leesen: Tja, mal sehen, ob Trump da mitspielt. Zurück zur extremen Rechten bei uns. Worauf läuft deren Verwirrpropaganda hinaus?

Volker Weiß: Diese Strategie der Disruption gibt es in vielen Feldern. Und die bleibt nicht stehen bei der Auflösung. Es geht darum, nach der totalen Zerschlagung der liberal-emanzipativen Elemente etwas Eigenes aufzubauen. Und dann ist schon Schluss mit Disruption! Das ist das, was wir gerade sehen am Diskurs um Meinungsfreiheit in den USA. Lügen, Drohungen, Häme über den Tod von George Floyd – das war alles von der Meinungsfreiheit gedeckt. Jetzt, nach dem Mord an Charlie Kirk, werden Zeitungen, Sender und andere Akteure angegriffen, weil sie plötzlich doch nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt sind. Also erst Disruption des Diskurses, dann Rekonstruktion eines neuen autoritären Modells.

Gesa von Leesen: Den Titel Ihres Buchs "Das Deutsche Demokratische Reich" haben Sie aus einer Rede von Jürgen Elsässer, dem Herausgeber des rechtsextremen Magazins "Compact", übernommen. Warum?

Volker Weiß: Weil es gewissermaßen die Synthese ist, mit der gespielt wird. Das hängt mit dem doppeldeutigen Diskurs zusammen, wie etwa mit dem Nationalsozialismus umgegangen wird. Auf der einen Seite schiebt man ihn den Gegnern zu, auf der anderen Seite spielt man selbst mit den Elementen. Denken Sie an die Parole "Alice für Deutschland".

Gesa von Leesen: Die prangte auf AfD-Plakaten im jüngsten Bundestagswahlkampf.

Volker Weiß: Ja. Das ist eine phonetische Verschiebung der SA-Parole "Alles für Deutschland", wegen der Höcke verurteilt worden ist. Das gleiche Spiel gibt es auch in Bezug auf die DDR. Dort bezieht man sich auf der einen Seite auf die Bürgerrechtsbewegung und auf der anderen Seite auf die DDR als eine vermeintlich heile, funktionierende, halbwegs isolierte und ethnisch reine Gemeinschaft. Das sieht man an vielen Anleihen an die DDR-Alltagskultur, und das funktioniert im Osten sehr gut. Ich nenne das eine Art negative Totalitarismustheorie: Die autoritären Elemente beider Systeme sollen in der Zukunft zur Synthese gebracht werden. Hintergrund für den Buchtitel ist eine Rede, in der Jürgen Elsässer unter anderem davon träumt, dass Elon Musk einen Raketenbahnhof in Peenemünde baut, was eine deutliche Referenz an die Rüstungsprojekte der Nazis ist. In der gleichen Rede werden alte DDR-Parolen benutzt wie "Vorwärts immer, rückwärts nimmer". Das doppelte Spiel wird auch in der positiven Ausrichtung auf Russland angewendet. Da kann man sich auf der einen Seite an die langjährige Waffenbrüderschaft im Realsozialismus erinnern und auf der anderen Seite aber auch an den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs stand. Dieses doppelte Spiel wird auf ganzer Linie gespielt, und die Synthese in deren Augen ist dann jenes Deutsche Demokratische Reich, also eine Mischung aus Nationalsozialismus und Realsozialismus. So kommt der Titel zustande.

Gesa von Leesen: Haben Sie eigentlich Reaktionen von rechts auf Ihr Buch bekommen?

Volker Weiß: Nein, die halten momentan den Mund. Das war früher stärker. Ich denke, die Fronten sind geklärt.


Aus: "Wie sie Geschichte umschreiben" Gesa von Leesen (Interview) (24.09.2025)
Quelle: https://www.kontextwochenzeitung.de/zeitgeschehen/756/wie-sie-geschichte-umschreiben-10468.html

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Quote[...] Die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel geriet Anfang des Jahres in die Schlagzeilen als sie Adolf Hitler als "sozialistisch-kommunistischen Typ." bezeichnete. Gesagt hat sie das während des Bundestagswahlkampfs – in einem Gespräch mit Elon Musk.

Geschichte wird nicht nur erinnert, sie wird gemacht. Und manchmal wird sie gezielt verändert. In seinem Buch "Das deutsche demokratische Reich" beschreibt Volker Weiß, wie die extreme Rechte systematisch versucht, Geschichte umzudeuten, um daraus politisches Kapital zu ziehen.

Diese Geschichtsumdeutung ist längst zu einem politischen Mittel geworden. Gesicherte historische Erkenntnisse und Beschreibungen sollen verhandelbar gemacht werden. Fakten werden relativiert, Begriffe neu besetzt, Symbole für die eigene Position vereinnahmt.

Warum genau funktioniert dieses Vorgehen so gut? Welchen Einfluss hat das Internet auf diese Entwicklung und was können wir als Gesellschaft dem entgegensetzen?

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Volker Weiß (2025): Das Deutsche Demokratische Reich – Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört. Stuttgart: Klett-Cotta. 228 Seiten. ISBN: 978-3-608-12389-0


Aus: "Wie die extreme Rechte Geschichte umschreiben will – Volker Weiß" (31.10.2025)
Quelle: https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/redezeit-volker-weiss-100.html

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Quote[...] Nicht nur der Nationalsozialismus steht im Fokus rechter Geschichtsklitterung. Auch bei der Beziehung zu Russland oder dem Verhältnis zur DDR schwanken rechte Denker zwischen Bewunderung und Abscheu. Kein Zufall, sagt der Historiker Volker Weiß.

Rechte, traditionalistische Bewegungen sind naturgemäß daran interessiert, die Geschichte in ihrem Sinne zu deuten. Schließlich prägt nach ihrem Weltbild die eigene Geschichte, wer und was wir heute sind. Zweifel an den heroischen Taten der Vorfahren sollen zumindest zerstreut, wenn nicht gar aus dem Diskurs verbannt werden.


Welche erschreckenden, manchmal bizarren, oft genug auch nur kuriosen Blüten ein solch instrumenteller Blick auf die eigene Vergangenheit treibt, hat der Historiker Volker Weiß in seinem Buch zusammengetragen. Er widmet sich darin, wie er schreibt, ,,den Überschreibungen und Umdeutungen des Historischen, mit denen in der Gegenwart massiv Politik gemacht wird".

Die historischen Bezugspunkte, um die die radikale Rechte dabei vor allem mit sich selbst und teils auch mit dem Mainstream ringt, sind die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der DDR sowie das Verhältnis zur Ukraine und zu Russland. Der Blick nach Osten, so der Autor, sei immer ambivalent gewesen.



,,Es gab den preußischen Traditionsstrang, der Ruhe an der Ostgrenze suchte, aber die slawischen Minderheiten im eigenen Land unterdrückte. Es gab den ,abendländischen' Flügel, der Mitteleuropa dominieren wollte und sich nach Osten mit einer Pufferzone abzusichern gedachte. Völkische Rassentheoretiker sahen im Osten den dringend benötigten 'Lebensraum', den sie bis zum Ural zu kolonisieren anstrebten, andere wollten lieber mit Russland und später selbst der Sowjetunion den 'Westen' besiegen. Manche planten auch alles in einem und wollten erst mit der Sowjetunion gegen den Westen zu Felde ziehen, um sich dann weiter nach Osten auszubreiten."

Volker Weiß in: ,,Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört"

Das Russlandbild der extremen Rechten ist bis heute widersprüchlich. Ein Teil sieht etwa im Ukraine-Krieg eine Fortsetzung der Konflikte des Zweiten Weltkriegs und will die Chance nutzen, Russland endlich zu besiegen. Ein anderer Teil hofft darauf, sich mit dem autoritär geführten Russland gegen den als liberal und dekadent gebrandmarkten Westen zu verbünden.
Einig seien sich beide Seiten nur darin, so Weiß, dass man sich der Geschichte instrumentell bediene, um die jeweils eigene Position zu stärken. Dazu gehört zentral auch die Erinnerungsabwehr gegen die Gräueltaten des Nationalsozialismus.


In einem hochaktuellen Kapitel zeigt Weiß, wie sich die Rechte seit Jahren eines vermeintlichen Zitats von Goebbels bedient, um die Nazis zu Linken umzudeuten. Dieser soll geschrieben haben: ,,Der Idee der NSDAP entsprechend sind wir die deutsche Linke. Nichts ist uns verhaßter als der rechtsstehende nationale Besitzbürgerblock."
Volker Weiß weist durch exzellente Recherche nicht nur nach, dass Goebbels diese Worte nie geschrieben hat, sondern auch, von welchem heute unbekannten Autor das Zitat tatsächlich stammt. Schließlich beweist er, dass der echte Goebbels nie Zweifel an der anti-egalitären Agenda seiner Bewegung aufkommen ließ.
Für die extrem Rechten gilt das Zitat dennoch als Beweis, dass sie selbst mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hätten – im Gegensatz zu ihren politischen Gegnern, die wiederum als politische Nachfolger Adolf Hitlers dargestellt werden.


Ein ähnlich lockerer Umgang mit der Geschichte sei auch in Bezug auf die DDR zu beobachten. Eines der Beispiele im Buch: Das in der DDR weit verbreitete Lied ,,Kleine weiße Friedenstaube". Einst eine sozialistische Hymne, werde das Lied heute auf AfD-Demonstrationen gegen die Russland-Sanktionen gespielt. Dieser plötzliche Pazifismus der ehemaligen DDR-Bürger sei erstaunlich – hätten sich vor 1989 doch nur wenige gegen die enorme Militarisierung der DDR gewehrt.

Das Beispiel zeige, wie wenig geeignet die Situation noch für Diskussionen sei, schreibt Volker Weiß: ,,Wenn eine Partei, die sich selbst dem radikalen Antikommunismus verschrieben hat, mit sowjetnostalgischen Elementen spielt und ein ostdeutsches Publikum, das sonst alles Übel mit der DDR vergleicht, dabei vor Rührung mit den Tränen kämpft, sind Instanzen jenseits der Ratio angesprochen."

So entsteht das Bild einer durchaus machthungrigen Gruppe von Rechten, die zu jeder noch so verqueren Geschichtsverdrehung bereit ist, wenn es ihr nützt. Das Pendant dazu ist die Masse, die ihrerseits bereit ist, diese Verdrehungen zu glauben und gegen jede Vernunft weiter zu verbreiten.

Dieser Eindruck drängt sich durch die Fülle der Einzelfallstudien immer mehr auf. Bloß die Frage, warum so viele Menschen überhaupt bereit sind, den extrem Rechten zu glauben, bleibt unbeantwortet.


Der Historiker schließt mit der Pointe, dass diese Rechten mit ihren Versuchen, Begriffe neu zu besetzen und Geschichte in ihrem Sinne umzudefinieren, im Grunde ähnlich arbeiteten wie die von ihnen verhasste dekonstruktivistische Linke. Diese ,,subversive Resignifikation", wie er ihre Strategie nennt, sei sogar eine der wirksamsten Waffen der Rechten.

Angesichts der Tatsache, dass die Linke mit dieser Strategie – also mit der Abkehr von handfesten, materiellen Konflikten hin zu Kämpfen um Begriffe und Symbolik – weitgehend gescheitert ist, wundert man sich als Leser doch: Warum die Rechten mit diesen kuriosen Taschenspielertricks ganz anders als die Linken so erfolgreich sind, bleibt letztlich ungeklärt.

Dennoch: Einzelne unbeantwortete Fragen schmälern nicht den Wert des Buches, das eindrucksvoll belegt, dass es den selbsternannten Liebhabern von Tradition und Geschichte vor allem um eines geht: um die eigene Macht.


Aus: "Wie Rechte versuchen, die Geschichte zu verdrehen" Nils Schniederjann (17.02.2025)
Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/volker-weiss-das-deutsche-demokratische-reich-sachbuch-rezension-rechtsextremismus-100.html

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Quote[...] Konstantin Kumpfmüller: Sie beschäftigen sich seit Längerem mit der "Neuen Rechten" und der AfD. Inwiefern spielt die Umdeutung des Nationalsozialismus für Rechtsaußen eine strategische Rolle?

Volker Weiß: Die äußerste deutsche Rechte hat nach wie vor das Problem, im Schatten der NS-Verbrechen und der Kriegsniederlage zu stehen. Sie reagiert darauf mit der Forderung nach einem Perspektivwechsel. Die Erinnerung müsse sich wieder auf die deutschen Verluste und die Auflösung des Reiches konzentrieren, das militärische und politische Geschehen müsse vom Kontext des deutschen Expansions- und Vernichtungskrieges gelöst werden. So sollen am Ende tapfere Soldaten und leidende Zivilbevölkerung im Mittelpunkt stehen.
Das Thema ist seit Langem umkämpft, spätestens seit Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985 staatsoffizell von Befreiung sprach und auf den untrennbaren Zusammenhang von Nationalsozialismus und Krieg hingewiesen hatte. Ein anderer Versuch der Verschiebung besteht darin, die eigene Tradition von Nationalsozialismus bereinigen zu wollen, indem man Hitler auf die linke Seite schiebt. Damit wären alle geschichtspolitischen Probleme der äußersten Rechten auf einen Schlag gelöst.

Konstantin Kumpfmüller: eispiele gibt es einige: Alice Weidel behauptet, dass Hitler ein Kommunist war, schon vor Jahren forderte Björn Höcke eine "erinnerungspolitische Wende". Mit welchen Mitteln soll die NS-Zeit relativiert oder umgedeutet werden?

Volker Weiß: Entweder durch die schon genannte Isolation des Geschehens, also der Feststellung, dass der deutsche Soldat ja nur für seine Heimat gekämpft habe, was den von vornherein erklärten Willen der Nationalsozialisten zu einem expansiven Revanchekrieg ausblendet. Das ist auch der Hintergrund von Gaulands "Vogelschiss". Er möchte die Vorgeschichte auslöschen und den Nationalsozialismus als plötzliche, punktuelle Katastrophe aus dem historischen Kontinuum herausreißen.

Ein weiteres Mittel ist der Hinweis auf die Verbrechen anderer Kriegsparteien, nach dem Motto: "Im Krieg verüben doch alle Verbrechen, warum sollen ausgerechnet die Deutschen dafür büßen." Das negiert allerdings den besonderen Charakter des deutschen Vernichtungsfeldzuges und der industriellen Menschenvernichtung im Holocaust. Und schließlich der Versuch, Hitler zum "Kommunisten" zu erklären, was nichts als eine Verlängerung der NS-Propaganda einer "Volksgemeinschaft" darstellt.

Insgesamt geht es darum, die kritische Reflexion der NS-Geschichte zu delegitimieren und mit einem nationalen Mythos apologetisch zu überschreiben. Mein Kollege Gideon Botsch nannte diesen Zugriff einmal treffend eine "historisch-fiktionale Gegenerzählung", an der von rechtsaußen gearbeitet wird.

Konstantin Kumpfmüller: Die Erinnerung an den Nationalsozialismus und an die Shoah war schon immer umkämpft. Wie unterscheiden sich die Debatten heute von früheren Formen der Vergangenheitsverklärung in der Bundesrepublik?

Volker Weiß: Der Unterschied zwischen der Gegenwart und den Nachkriegsjahrzehnten ist, dass man heute wieder hinter bereits Erarbeitetes zurückfallen kann. Bis weit in die 1980er-Jahre stand hauptsächlich die individuelle Erfahrung der Deutschen im Vordergrund und man wollte um die eigenen Opfer trauern. Die Ausweitung des Gedenkens von den "deutschen Opfern" auf die "Opfer der Deutschen" war ein jahrzehntelanger Prozess im Zuge generationeller Auseinandersetzungen und gesellschaftlicher Liberalisierung.

Das wird von rechts bis heute nicht akzeptiert und als Folge von Fremdbestimmung und Umerziehung gedeutet. Björn Höcke schrieb ja einmal, die Rechtsvorschriften gegen die Verwendung von NS-Parolen sollten verhindern, dass die Deutschen wieder "zu sich selbst" finden könnten.

Konstantin Kumpfmüller: Die Erinnerungskultur ist im Wandel. Sehen Sie aktuell genügend Widerstand gegen diese Umdeutungsversuche - oder beobachten Sie eine gewisse Ermüdung im Umgang mit dem Nationalsozialismus?

Volker Weiß: Das Problem ist, dass die Angriffe inzwischen von mehreren Seiten kommen. Neben einer geschichtsrevisionistischen Rechten und einer teils abstrusen Rhetorik während der Corona-Pandemie legt hier auch ein sich progressiv dünkendes Milieu die Axt an. Dort findet man nun, dass andere Opfer der Geschichte ins Hintertreffen geraten seien. Ich finde das bedauerlich, da sich etwa die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte und des Nationalsozialismus keinesfalls ausschließen.

Insgesamt sehe ich vor allem einen Wissensverlust und natürlich das Schwinden der konkreten Erfahrung im demographischen Wandel. Faktoren, die von rechts geschickt bespielt werden können. Hier sind neben den Familien vor allem Schulen und die politische Bildung gefragt, die allerdings nicht die ausreichenden Ressourcen haben.

Auch forschungspolitisch ist das wichtige Jahrhundert vor 1945 aus dem Fokus gerückt. Dabei sind die Kenntnis von Nationalismus, völkischer Bewegung und Imperialismus seit dem 19. Jahrhundert wichtige Grundlagen dafür, Nationalsozialismus und Krieg eben nicht als isoliertes Ereignis, als "Vogelschiss" zu betrachten, sondern als Kulmination einer längeren, sicher nicht zwangsläufigen, aber eben doch fatalen Entwicklung.

Konstantin Kumpfmüller: Welche Rolle spielen Medien bei der Verbreitung dieser Narrative? Wie sollte eine demokratische Gesellschaft darauf reagieren?

Volker Weiß: Die Medien sind in dieser Zerstörung fest einkalkuliert, das Spiel mit den Provokationen geht auf. Schon Weidels Äußerung zu Hitler wurde durch jeden Bericht wiederholt.

Es gehört wohl zu den größten Erfolgen der AfD und ihres Umfelds, ihre Begriffe und Positionen in die breite Öffentlichkeit gebracht zu haben. Daher wäre eine der dringlichsten Aufgaben für Politik und Medien heute, sich von AfD und Co. nicht die Stichworte vorgeben zu lassen.

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Aus: "Erinnerungskultur: "Die Angriffe kommen von mehreren Seiten"" (08.05.2025)
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/nationalsozialismus-gedenken-neue-reche-102.html


Link

"Lufthansa lässt Verantwortung im Nationalsozialismus aufarbeiten" (4. Februar 2026)
Historiker decken den Einsatz von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit auf. Mehr als 12.000 Menschen wurden in der Rüstungsproduktion der Hansa ausgebeutet. ... "Die Lufthansa war ein Unternehmen des Nationalsozialismus", sagt der Göttinger Historiker Manfred Grieger, Mitautor der neuen Unternehmensgeschichte. Diese Symbiose sei der Lufthansa mit dem Ende des Weltkriegs zum Verhängnis geworden. "Das Unternehmen ist vollständig untergegangen mit dem Regime, an das es sich gekettet hatte." ...
https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-02/lufthansa-ns-vergangenheit-aufarbeitung

QuoteJoséLuisTorrente

Nach 80-90 Jahren schon? Ist das nicht ein wenig überstürzt?


QuoteIch sag Leuten an der Ampel gern Bescheid wenn ein Bremslicht defekt ist

    Historiker decken den Einsatz von Zwangsarbeitern in der NS-Zeit auf.
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* LUTZ BUDRASS, Flugzeugindustrie und Luftrüstung in Deutschland 1918 – 1945, Düsseldorf 1961.
* Unternehmensgeschichte der Deutschen Lufthansa +++ NS-Zwangsarbeit: Neue Klagen gegen Firmen (Spiegel-Online, 01.04.1999).
* LUTZ BUDRASS, Die Lufthansa und ihre ausländischen Arbeiter im Zweiten Weltkrieg, Frankfurt/Main 2001.


Ein Geheimnis war das nicht. Das Bekenntnis kommt spät, aber immerhin.
Besser als bei manch anderen Firmen und Unernehmen.


QuoteGeorg47

Wird doch Zeit, nachdem die Verantwortlichen tot sind.


QuoteBoomer 60

,,Neu untersucht worden sei, dass darunter auch Kinder waren, die zum Beispiel in Treibstofftanks kriechen ⁠mussten."

Nichts ist daran neu.


QuoteNetterbubu

2026 lässt die LH die Verantwortung während der NS Diktatur aufarbeiten!
Wieviel Zwangsarbeiter leben noch und können auf eine Entschädigung hoffen?

Das ,,Aufarbeiten der NS Zeit" hat bei den Banken Adeligen und Industriellen Methode. Viele finanzierten und unterstützten Hitler vor 1933 und machten die NS Diktatur erst möglich. Motto: Krieg und Leichen die letzte Hoffnung der Reichen.

Ein Beispiel von vielen, wie BMW die Vergangenheit aufarbeitet zeigt die preisgekrönte NDR Doku von 2009:

"Das Schweigen der Quandts - Vollversion!"
Das Schweigen der Quandts ist ein Dokumentarfilm von Eric Friedler (Redaktion: Thomas Schreiber und Doris J. Heinze) über eine der vermögendsten Familien Deutschlands. Die Produktion des NDR wurde erstmals am 30. September 2007 im Programm der ARD Das Erste ausgestrahlt. Am 22. November 2007 wurde im NDR Fernsehen eine 90-minütige Langfassung der Dokumentation gesendet.
KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter ermöglichten große Profite und den Konzernausbau. Die Vermögenszuwächse, die die Familie Quandt zwischen 1933 und 1945 erzielte, begründeten zum Teil auch den Aufstieg in der deutschen Nachkriegswirtschaft.
Für Das Schweigen der Quandts recherchierten die Filmemacher Eric Friedler und Barbara Siebert über fünf Jahre lang in Archiven im In- und Ausland. Mit Hilfe der zusammengetragenen Dokumente ist es ihnen gelungen, Stück für Stück die Herkunft von Teilen des Familienvermögens offenzulegen. ...
https://www.youtube.com/watch?v=l9hNjmJxc0U

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Schweigen_der_Quandts


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