Author Topic: [Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]  (Read 156001 times)

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[Emanzipation, Selbstbefreiung, Geschlechterforschung (Gender Studies)... ]
« Reply #240 on: February 03, 2021, 10:13:19 AM »
"Femizide in Italien:Sieben Tage, sieben Frauenmorde" Ein Artikel von Barbara Bachmann (2.2.2021)
Im Januar 2020 wurden in Italien an sieben Tagen sieben Frauen ermordet aufgefunden. Unsere Autorin hat sich auf Spurensuche begeben. ... Die sieben Frauen wurden auf unterschiedliche Arten getötet, unterschiedliche Hintergründe verbergen sich hinter ihren Geschichten. Zwei von ihnen teilen den Vornamen Rosalia, und allen gemeinsam ist ein Fakt, der auf einen Großteil der Frauenmorde zutrifft: Die Frauen kannten ihre Mörder. In den allermeisten Fällen besaßen sie denselben Wohnungsschlüssel. So wie in der letzten Januarwoche 2020 fanden auch in den Jahren zuvor in Italien die meisten Verbrechen zu Hause statt, hinter verschlossenen Türen. 2018 wurden 78 Frauen in Italien, bei einer Gesamtzahl von 60,5 Millionen Einwohnern, durch ihren Ehemann, Lebensgefährten, Expartner getötet.
In Deutschland waren es im gleichen Jahr 122 Frauen, die durch ihre Partner ums Leben kamen. Im Verhältnis zur Bevölkerungsanzahl ist die Rate in Deutschland damit höher als in Italien. (1:775.641 Einwohner in Italien; 1:680.327 Einwohner in Deutschland). Vergleicht man die Femizid-Rate mit dem weiblichen Bevölkerungsanteil, liegt Italien mit seinen Zahlen unter dem europäischen Mittelwert.
https://taz.de/Femizide-in-Italien/!5744030/

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19.46 Uhr: Nach den tödlichen Schüssen in der Innenstadt von Wiesbaden am Montagmorgen (01.02.2021) dauern die Ermittlungen der Polizei weiter an. Die schwer verletzte Schwester der getöteten Frau sei nach wie vor nicht vernehmungsfähig, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Dienstag (02.02.2021). Auch die Ergebnisse der Obduktionen stünden weiterhin aus.

Bei dem Femizid in Wiesbaden, hatte ein 56 Jahre alter Mann nach bisherigen Erkenntnissen vermutlich zuerst seine 49 Jahre alte Ehefrau erschossen, danach deren 48 Jahre alte Schwester schwer am Kopf verletzt und anschließend sich selbst getötet. Die Polizei geht nach eigenen Angaben von „familiären Problemen als Tatmotiv“ aus. ...


Aus: "Femizid in Wiesbaden: Mann tötet Ehefrau nach Trennung" Joel Schmidt, Marcel Richters (03.02.2021)
Quelle: https://www.fr.de/rhein-main/wiesbaden/wiesbaden-schuesse-innenstadt-femizid-ehe-familie-zwei-tote-schwerverletzte-polizei-zr-90186884.html

Anzahl der Opfer von Mord und Totschlag in Partnerschaften
https://de.wikipedia.org/wiki/Mord_(Deutschland)#Anzahl_der_Opfer_von_Mord_und_Totschlag_in_Partnerschaften
« Last Edit: February 03, 2021, 10:23:59 AM by Link »

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« Reply #241 on: February 11, 2021, 07:46:52 PM »
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[...] Gina-Lisa Lohfink (* 23. September 1986 in Seligenstadt, Hessen) ist ein deutsches Model. Bekannt wurde sie 2008 durch ihre Teilnahme an der dritten Staffel von Germany’s Next Topmodel. Seitdem wirkte Lohfink in verschiedenen Formaten des Reality-TV mit. Gelegentlich tritt Lohfink auch als Moderatorin, Schauspielerin und Sängerin in Erscheinung.

Im Sommer 2016 stellte sie nach Veröffentlichung eines Amateurpornos, auf dem zwei Männer sexuell mit ihr verkehrten, Strafanzeige wegen Vergewaltigung. In der Folge wurde sie wegen falscher Verdächtigung angeklagt und letztlich rechtskräftig zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 250 Euro verurteilt.[1] Der Fall bewirkte große mediale Aufmerksamkeit und eine breite öffentliche Debatte, nicht zuletzt um das Sexualstrafrecht.

... 2008 erschien ein Amateurporno mit Aufnahmen von Lohfink und ihrem vormaligen Partner Yüksel D., der über zehn Millionen Mal heruntergeladen wurde.[45] Lohfink gibt an, mit der kommerziellen Veröffentlichung der privat gemachten Aufnahmen nicht einverstanden gewesen zu sein. Versuche, die Verbreitung des Videos und die Berichterstattung darüber zu unterbinden, seien nicht erfolgreich gewesen.[46]

Im Sommer 2012 wurde ein Video verbreitet, das Lohfink beim Sex mit zwei Männern zeigt. Später wurden weitere Videosequenzen auf einem Handy als Beweismittel sichergestellt; nur ein Teil der insgesamt 12 Sequenzen sind als Videoclip im Internet zu finden.[47] Die Videos wurden teils bei Nacht aufgenommen, teils als es taghell war.[48]

Rechtsanwalt Burkhard Benecken erklärte, dass Lohfink erst nachdem sie das Video von sich gesehen hatte zu der Annahme kam, dass es sich um eine sexuelle Straftat handeln könnte. Dies würde die liebevollen Botschaften an Pardis F. erklären, die nach der angeblichen Tatnacht ausgetauscht wurden.[49] Daraufhin erstattete sie gegen die Männer Anzeige und behauptete, sie habe die Vermutung, mit K.-o.-Tropfen betäubt und vergewaltigt worden zu sein. Die Männer erhielten Strafen aufgrund widerrechtlicher Verbreitung der Videoaufnahmen. Der Vorwurf der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung wurde im folgenden Gerichtsverfahren vor dem Amtsgericht Tiergarten jedoch von der Staatsanwaltschaft fallen gelassen. Ein toxikologisches Gutachten hatte anhand des sichergestellten Videomaterials und der Aussagen von Lohfink keine Anhaltspunkte für die Verabreichung von K.-o.-Tropfen ergeben.[50] Der Gutachter beschrieb Lohfink als wach, aktiv, orientiert. Auch bei den sexuellen Handlungen konnte er keine Störung der Wachheit, der körperlichen Koordination oder der Orientierung feststellen.[51]

Lohfink erhielt daraufhin aufgrund falscher Verdächtigung nach StGB §164 der zwei Männer einen Strafbefehl in Höhe von 60 Tagessätzen je 400 Euro (24.000 Euro).[52] Gegen diesen legte Lohfinks Anwalt Einspruch ein.[53] Die von Lohfink beschuldigten Männer stellten gegen sie Strafanzeige wegen Verleumdung und Beleidigung.[54] Im Amtsgericht Tiergarten wurde sie am 22. August 2016 zu einer Geldstrafe in Höhe von 80 Tagessätzen je 250 Euro (20.000 Euro) wegen falscher Verdächtigung verurteilt.[55] Im Revisionsverfahren am 10. Februar 2017 wurde die Verurteilung Lohfinks wegen Falschverdächtigung rechtskräftig bestätigt; nur die Berechnung der Höhe der Tagessätze wurde als fehlerhaft und damit neu festzulegen erkannt, dieselbe Summe in der Neuberechnung jedoch bestätigt.[56]

Der Fall wurde medial breit rezipiert und kontrovers kommentiert.[57] Lohfink galt manchen als „Sinnbild für eine überfällige Reform des Sexualstrafrechts“, andere Stimmen verwiesen auf die Vereinnahmung durch Politik und feministische Vertreter: „Von der Trash-Ikone zum neuen Symbol der Feministinnen: Gina-Lisa Lohfink, das It-Girl und Model, wird von allen benutzt.“[58] Der Richter kritisierte Lohfink: „Sie haben sich öffentlich als Verteidigerin der Frauenrechte geriert. Aber allen wirklichen Vergewaltigungsopfern haben Sie einen Bärendienst erwiesen.“[59][60][61] Staatsanwältin Corinna Gögge sagte, der Fall sei „eine Verhöhnung und Irreführung aller Frauen und Männer, die tatsächlich Opfer einer Straftat geworden sind“.[62] Besonders kritisiert wurde in den Medien auch die Rolle des Anwalts Burkhard Benecken, dem über die schlagzeilenreiche Verteidigung von C-Promis vor allem daran gelegen sei, seinen Bekanntheitsgrad zu steigern.[63]

Der Journalist und Jurist Christian Bommarius kritisierte die vorschnelle Solidarisierung von Politikerinnen wie Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig mit Lohfink und schrieb: „Lohfink ist wegen falscher Verdächtigung verurteilt worden – das Urteil dürfen ihre Unterstützerinnen auch auf sich selbst beziehen.“[64] Schwesig hatte u. a. die Twitter-Gruppe Team Gina Lisa mit eigenen Tweets unterstützt[65], was auch in anderen Medien kritisch kommentiert wurde.[66] Kritik an Schwesig und den Demonstrationen vor dem Gerichtssaal kam auch vom Vorsitzenden des Deutschen Richterbundes Jens Gnisa, der dazu aufforderte, solche Debatten „mit weniger Emotionen und mit mehr Sachkenntnis“ zu führen.[67]

...


https://de.wikipedia.org/wiki/Gina-Lisa_Lohfink#Auseinandersetzungen_und_Strafverfahren ( 7. Februar 2021)

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the implausible grrrrl @verclairt
Einer der Männer, die Gina Lisa Lohfink vergewaltigt haben, wird wegen “Vergewaltigung, Körperverletzung und Nötigung [...], außerdem den unerlaubten Besitz von Betäubungsmitteln” angeklagt - alles Dinge, die ihm auch im Kontext seiner vergangenen Tat vorgeworfen werden können.
8:47 nachm. · 10. Feb. 2021
https://twitter.com/verclairt/status/1359589778975506437


"»Stealthing«-Prozess in Berlin Mann aus Lohfink-Verfahren wegen Vergewaltigung vor Gericht" Ansgar Siemens (10.02.2021)
In Berlin steht ein Mann vor Gericht, weil er beim Sex mit einer Prostituierten das Kondom abgenommen haben soll – ohne Einverständnis der Frau. Der Mann war 2016 eine zentrale Figur im Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink. ... Laut Anklage, die dem SPIEGEL vorliegt, hat V. beim Sex mit einer Prostituierten gegen den Willen der Frau das Kondom abgezogen. Als die Frau den Verkehr daraufhin abrupt beendete, soll V. sie auf den Hinterkopf geschlagen haben. Der Anklage zufolge versuchte er, die Frau am Verlassen der Wohnung zu hindern. Sie schaffte es den Angaben zufolge dennoch und erstattete Anzeige. ... 2012 hatte Gina-Lisa Lohfink ausgesagt, V. habe gegen ihren Willen Sex mit ihr gehabt. Die Staatsanwaltschaft glaubte ihr nicht und warf ihr falsche Verdächtigung vor. Der Verkehr sei einvernehmlich gewesen. Weil Lohfink einen Strafbefehl nicht akzeptieren wollte, stand sie im Sommer 2016 vor Gericht. Das Verfahren fand in der Öffentlichkeit große Resonanz. ...
https://www.spiegel.de/panorama/justiz/berlin-mann-aus-verfahren-gegen-gina-lisa-lohfink-wegen-vergewaltigung-vor-gericht-a-5f840512-0084-4281-ac38-860744b9fb52

« Last Edit: February 11, 2021, 07:50:42 PM by Link »

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« Reply #242 on: February 16, 2021, 12:10:37 PM »
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[...] For all the talk of young people misinterpreting porn, fully grown adults routinely fail to grasp the distinction between fantasy and reality, or else fear the power of the former. Nowhere is that more evident than the current resurgence of morally and religiously motivated attacks on porn that some have described as a “holy war”, and which has been devastating for sex workers.

... Often, sex workers are discouraged from speaking out to begin with, “for fear that our opponents will use our trauma against us to further crack down on our industry”, as Selena the Stripper writes in the new anthology We Too: Essays on Sex Work and Survival.

https://www.feministpress.org/books-n-z/we-too

... Fantasies themselves are often driven by moral prohibition. In his survey of thousands of Americans, Kinsey Institute researcher Justin Lehmiller found that some of the most common sexual reveries involved themes of multiple partners, power, taboo and erotic flexibility. “To me, this collection of themes suggests that the American id is primarily characterized by desires to break free from cultural norms and sexual restraints,” he writes in his book Tell Me What You Want: The Science of Sexual Desire and How It Can Help You Improve Your Sex Life, noting that the majority of Americans are brought up with narrow and idealized notions of heterosexual, monogamous, cisgender, procreative sex.

Fantasies are an escape hatch – and so much more. They can symbolically process hopes and fears, pleasure and trauma, like only the richest of dreams. They certainly can’t be interpreted literally or predictably.

The therapist Esther Perel, author of Mating in Captivity: Unlocking Erotic Intelligence, calls fantasy the “central agent of the erotic”, noting that it can “connect us to hope, playfulness, and mystery.” She goes so far as to write: “I believe, if we didn’t have fantasy, we couldn’t live.”

...


From: "My porn life: what my years as a sex writer taught me about my desires" Tracy Clark-Flory (Tue 16 Feb 2021)
Source: https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2021/feb/16/want-me-tracy-clark-flory-excerpt-sex-writer-reporter

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« Reply #243 on: February 22, 2021, 06:26:50 PM »
"Half of men have had unwanted sexual experiences, UK study finds" (Kevin Rawlinson, Tue 16 Feb 2021 15.39 GMT)
About half of men have had an unwanted or non-consensual sexual experience, research suggests, as a leading charity calls for more attention to be paid to sexual abuse survivors who identify as male.
Mankind UK said many men who had such experiences often felt unable to talk about them and often took decades to tell anyone what had happened to them.
“I didn’t want to believe that it had happened. I wanted to deny that it had happened,” said the playwright Patrick Sandford, who for a quarter of a century told no one about the abuse he suffered as a schoolboy.
Sandford told the Guardian he spent decades fearing being stigmatised if he spoke out. “There is this huge thing that if a man admits to having had some kind of sexual victimhood, that is seen as weak.”...
Savanta ComRes interviewed 1,011 UK male adults aged 18 or older online from 5 to 7 February 2021. It said 1,174 men were asked if they were happy to answer the question, with 163 declining and the rest answering. The data was weighted to be representative of population by age, region and social grade. ...
https://www.theguardian.com/society/2021/feb/16/half-men-unwanted-sexual-experiences-uk-study-mankind

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... Die Nationalsozialisten verfolgten Homosexuelle. Doch der schwule Autor Friedo Lampe arrangierte sich mit ihnen. Ein Buch erzählt sein zerrissenes Leben.  ...  Friedo Lampes Roman „Am Rande der Nacht“ ist selber ein Tanz, wie in einem Reigen begleitet er seine nur lose miteinander verbundenen Figuren von der Dämmerung bis zum Morgengrauen.
Lampe erzählt artistisch und avantgardistisch, Christopher Isherwoods Bekenntnis „I am a camera“ gilt auch für ihn. Ihm schwebten „lauter kleine, filmartig vorübergleitende, ineinander verwobene Szenen“ vor. Das Buch kam Ende 1933 im Rowohlt Verlag heraus. Kurz darauf wurden alle noch nicht verkauften Exemplare aus „sittlichen Gründen“ von der Gestapo beschlagnahmt und eingestampft.
 Denn zentrale Protagonisten des Romans sind erkennbar schwul, schwärmerisch wird die Schönheit des männlichen Körpers beschrieben. Suspekt war den Zensoren auch die Liebe zwischen einer Deutschen und einem Schwarzen. Ob sein Text „sehr anstößig“ sei, hatte Lampe einen Freund in einem Brief gefragt und hinzugesetzt: „Ich habe Angst.“ Angst davor, dass sein Debüt als Coming-Out verstanden werden könnte.  „Am Rande der Nacht“ gilt inzwischen als Klassiker der deutschen Zwischenkriegsmoderne. Der französische Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano erzählt in seinem Roman „Dora Bruder“ von Lampes Bedrängnis. Nun ist eine Biografie über den Schriftsteller erschienen, die sein Werk preist und sein zerrissenes Leben schildert. Denn Lampe verstand sich zwar als unpolitisch, doch als Homosexueller musste er zwangsläufig mit der Politik in Konflikt geraten.
Den Paragraph 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte, verschärften die Nationalsozialisten 1935. Etwa zehntausend Homosexuelle landeten im Konzentrationslager, 1942 wurden Zwangssterilisationen „legalisiert“. Lampe war bedroht, sein Biograf Johann-Günther König spricht von einem „Damoklesschwert“. Aber der Schriftsteller arrangierte sich mit dem Regime an, er machte sogar Karriere.
 Friedo Lampe, Jahrgang 1899, war in einer gut situierten Patrizierfamilie in Bremen aufgewachsen, der Stadt, wo später „Am Rande der Nacht“ spielen sollte. Nach einem „Bummelstudium“, das er mit einer Dissertation über den Rokoko-Dichter Goeckingk abschloss, ließ er sich zum Volksbibliothekar ausbilden. Lampe sei von Anfang an „bedingungslos gegen den Nationalsozialisten eingestellt“ gewesen, attestiert ihm eine Freundin nach dem Krieg. Der Autor Axel Eggebrecht rechnet ihn der „stillen Opposition“ zu.
Wie passt es dazu, dass Lampe 1935 zum Leiter der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen aufsteigt? Dort beteiligt er sich an der angeordneten „Säuberung“ der Bibliotheksbestände von „zersetzender, art- und volksfremder Literatur“. Bereits ab April 1933 ist er Mitglied einer „Kommission für auszusondernde Bücher“.
Mehr als 5000 Bücher landen auf dem Index, darunter auch Werke von John Dos Passos, mit dessen Montagetechnik Friedo Lampes Debütroman in zeitgenössischen Rezensionen verglichen wurde, und von Kurt Pinthus, der seinen Stil als „Gedichte in Prosa“ lobte. Wenig spreche dafür, dass sich Lampe als Volksbibliothekar gegen die Barbarei gewehrt hab, urteilt König. Ein verbotener Autor, der selbst mitmachte beim Verbieten.
Im Privaten war Friedo Lampe mutiger. „Der Dichter träumt von wölfischen Zeiten – aber draussen ist wölfische Zeit noch immerzu!“, schreibt er ins Gästebuch von Hans Fallada, der im mecklenburgischen Örtchen Carwitz haust. Lampe arbeitet ab 1937 als Lektor des Rowohlt Verlags in Berlin, sein wichtigster Klient ist Fallada. Der finanziell angeschlagene Verlag hofft, sich mit dem Roman „Wolf unter Wölfen“ des Bestsellerautors zu sanieren.
 Rowohlt ist nicht nur wirtschaftlich bedroht, das Unternehmen steht unter Beobachtung. 1933 war die Hälfte seiner lieferbaren Bücher verboten und verbrannt worden. Jüdische Mitarbeiter wie der Lektor Franz Hessel konnten heimlich weiterarbeiten. Verleger Ernst Rowohlt wurde 1938 wegen „Tarnung jüdischer Schriftsteller“ aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Er emigrierte vorläufig nach Brasilien.
In Lampes zweitem Roman „Septembergewitter“ gleitet ein Heißluftballon durch den norddeutschen Himmel. Von dort stürzt die Erzählung wie mit der Filmkamera hinab in eine Stadt, zu einer Kinderbande, auf einen Exerzierplatz und in einen Park, wo eine Frau ermordet wurde. Das Buch wird bei seinem Erscheinen im Jahr 1937 kaum beachtet, ebensowenig wie der magisch-realistische Erzählband „Von Tür zu Tür“ (1944). „Ich habe eben immer Pech mit meinen Büchern“, klagte Lampe.
Eins hatte er aus dem Desaster von 1933 gelernt: Künftig vermied er jede „anstößige“ Stelle, alles, was als Anspielung auf Homosexualität gedeutet werden könnte. Der Schriftsteller sah bereits „die Sittenpolizei vor meiner Tür“ stehen. Beinahe wäre es tatsächlich dazu gekommen. 1943 wurde Lampe von einem Strichjungen erpresst. ...

[Johann-Günther König: Friedo Lampe. Eine Biographie. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 388 S.]

Aus: "Opposition und Mitläufertum Friedo Lampe schrieb schwule Literatur – und machte im NS Karriere" Christian Schröder  (09.03.2021)
Quelle: https://www.tagesspiegel.de/kultur/opposition-und-mitlaeufertum-friedo-lampe-schrieb-schwule-literatur-und-machte-im-ns-karriere/26985362.html
« Last Edit: March 10, 2021, 09:15:11 AM by Link »

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« Reply #244 on: March 10, 2021, 01:13:58 PM »
"USA: Arkansas verschärft Gesetz zu Schwangerschaftsabbrüchen" (10. März 2021)
Auch nach Inzest oder Vergewaltigung sollen Schwangerschaftsabbrüche im US-Bundesstaat Arkansas verboten werden. Bürgerrechtler kritisieren das als grausam. ... Im US-Staat Arkansas soll ein fast vollständiges Verbot für Schwangerschaftsabbrüche in Kraft treten. Gouverneur Asa Hutchinson unterzeichnete ein Gesetz, das diese Abbrüche nur noch bei Gefahr für das Leben der Mutter erlaubt. Ausnahmen für Schwangerschaften nach Vergewaltigung oder Inzest sind nicht mehr vorgesehen. Arkansas ist einer von mindestens 14 US-Staaten, in denen Abgeordnete umfassende Verbote für Schwangerschaftsabbrüche eingebracht haben.
Unterstützer der Maßnahme in Arkansas hoffen, dass sie den obersten US-Gerichtshof dazu zwingen wird, die Grundsatzentscheidung zugunsten von Schwangerschaftsabbrüchen, auch bekannt als Roe v. Wade, auf den Prüfstand zu stellen. ...
https://www.zeit.de/politik/ausland/2021-03/usa-schwangerschaftsabbruch-arkansas-abtreibung-gesetz-hutchinson

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The D #8

Das geht selbst mir als bekennenden Abtreibungsgegner zu weit. Bei Kindern, die durch Vergewaltigung oder Inzest gezeugt wurden, sollte eine Abtreibung legal sein. Da die Zeugung in diesen Fällen gegen den Willen der Frau geschieht, ist dies auch rechtlich unbedenklich.


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die Wolkenpumpe #5

Ich denke solche Gesetze dienen, wie überall auf der Welt, nur dazu bigotten Fundamentalisten ihre Vorstellungen einer männlich dominierten Welt ins Werk zu setzen. Ihre geradezu mittelalterlich anmutende Rückwärtsgewandtheit ist auch Ausdruck einer tief sitzenden Angst vor einer immer komplexer erscheinenden Welt.


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Platero #14

Im 21.Jh sollte man davon ausgehen, dass Frauen selbst entscheiden können, ob das
zukünftige Leben mit Kind für Beide lebenswert sein wird. ...


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« Reply #245 on: March 14, 2021, 03:37:40 PM »
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...

Anna Fastabend: Wer sucht Hilfe bei Ihnen?

Eva Hubert: 85 Prozent sind Frauen, der Rest Männer.

...

Anna Fastabend:  Von wem gehen die Grenzübertritte üblicherweise aus?

Eva Hubert: Bei den 177 Fällen gingen 126 von Höhergestellten und Vorgesetzten aus, 44 Fälle ereigneten sich auf gleicher Ebene und 7 Fälle auf einer Ebene darunter. Das klassische Schema ist demnach schon, dass jemand aus einer Machtposition heraus sexuelle Gefälligkeiten erpresst.

...


Aus: "Eva Hubert über Sexismus am Theater: „Die Grenzen verschwimmen“" (13.3.2021)
Quelle: https://taz.de/Eva-Hubert-ueber-Sexismus-am-Theater/!5754697/


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« Reply #246 on: March 23, 2021, 01:44:43 PM »
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[...] Es gibt diese schöne Kurzgeschichte von Italo Calvino mit dem Titel Der nackte Busen, in der ein Herr Palomar am Strand spazieren geht. Herr Palomar sieht eine Frau, die oben ohne in den Dünen liegt und sich sonnt. Während er an ihr vorbeigeht, starrt er stur geradeaus, damit sich die Frau nicht gestört fühlt durch seine Anwesenheit.

Im Nachhinein ärgert sich Herr Palomar aber, denn erstens hat er das Gefühl, dass das eine ganz schön verklemmte Aktion von ihm war, und zweitens hätte er einfach gern geguckt. Zum Glück liegt die Frau immer noch in der Sonne, als Herr Palomar auf dem Rückweg ist. Diesmal schaut er ihr ganz beiläufig auf die Brüste, so, wie er zuvor auch die Wellen, die Wolken, die Bäume betrachtet hat.

Auch das aber scheint Herrn Palomar nicht das richtige Verhalten zu sein. Brüste sind doch nicht das Gleiche wie Bäume. Sie sind doch viel mehr, sie nicht zu feiern, ist in Wahrheit ein Ausdruck der Prüderie und der männergemachten Ordnung der Welt, die das Weibliche nicht würdigt.

Er nimmt also seinen Mut zusammen, dreht um und läuft ein drittes Mal an der Frau vorbei, diesmal ihren Busen mit Ehrfurcht und Freude und ohne Hemmung anstarrend. Die Frau schnappt sich ihre Klamotten und rennt weg. Herr Palomar ist ein bisschen angepisst und denkt sich: Es ist schwer, ein aufgeklärter Mann zu sein, wie schade, dass sein reines Herz so grob missverstanden wurde.

Die Erzählung stammt aus dem Jahr 1983, aber ich finde, sie ist auch heute noch eine gelungene Parabel dafür, wie die Auseinandersetzung von Männern mit dem Thema Sexismus aussieht. Sie ist scheinheilig, oberflächlich und empathielos. Nicht selten nehmen Typen daran nur teil, um sich selbst zu bestätigen, dass sie doch ganz okay sind. Und vielleicht eine dieser heißen Feministinnen kennenzulernen.

Die #MeToo-Bewegung hat daran nichts geändert. Der Mord an der 33-jährigen Sarah E. in London wird daran nichts ändern. Die Anschläge auf die Massagesalons in Atlanta werden daran nichts ändern. Dass statistisch gesehen jeden dritten Tag eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet wird, ändert nichts am Verhalten der Männer. Dass laut einer EU-Studie jede vierte Frau in Europa irgendwann in ihrem Leben Opfer sexueller Gewalt wird, dass Frauen bei fast jedem Besuch in einer Bar, in einem Club sexuell belästigt werden, ändert daran nichts. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind die Opfer laut BKA zu mehr als 98 Prozent weiblich, bei Stalking und Bedrohung in der Partnerschaft sind es 89 Prozent. Experten schätzen, dass überhaupt nur fünf bis 15 Prozent der Frauen, die solche Vorfälle erleiden müssen, diese zur Anzeige bringen. Trotz all dieser Zahlen: Dass Frauen sich permanent mit Fragen der eigenen Sicherheit [https://www.zeit.de/zeit-magazin/2021-03/sexismus-frauen-joggen-cat-calling-belaestigung-angst-erfahrung] beschäftigen müssen, fällt Männern meist noch nicht mal auf. Geschweige denn, dass sie sich fragen, welche Rolle sie selbst dabei spielen. Männer leben in einer anderen Welt als Frauen.

Während ich das schreibe, fühle ich zwei Dinge: Scham und Verwirrung.

Scham, weil ich nicht besser bin als die Männer, über die ich hier rede. Ich meine das nicht als Floskel, das ist kein Trick aus dem Rhetorikhandbuch. Bis auf ein paar Versuche im Privaten, mich mit Sexismus zu beschäftigen, habe ich nichts vorzuweisen. Und ohne Bezahlung würde ich diesen Text nicht schreiben, so ehrlich muss ich dann wohl auch sein, das hier ist kein altruistischer Dienst in Sachen Geschlechtergerechtigkeit.

Scham, weil ich das Gefühl habe, den Raum für diesen Text sollte jemand in Anspruch nehmen dürfen, der sich besser mit dem Thema auskennt. Allein die Tatsache, ein weißer cis Mann zu sein, der sich zum Thema Sexismus äußert, reicht offenbar aus, als Autor angefragt zu werden. Während meine Freundin die Wohnung putzt. Das ist kein Witz. Während ich über kritische Männlichkeit schreibe, putzt nebenan meine Freundin. Sie ist ebenfalls Autorin, hat zum Thema Sexismus garantiert mehr zu sagen als ich, aber ich sitze hier, bekomme den Auftrag, den sie nicht bekommt, bekomme die Honorare, die sie nicht bekommt. In jeder kreativen Branche müssen Frauen härter arbeiten als Männer, um das Gleiche zu verdienen und zu erreichen. Und in den Jobs, in denen hauptsächlich Frauen arbeiten, zum Beispiel in der Pflege oder im Einzelhandel, sind die Arbeitsbedingungen für sie trotzdem meist härter, die Bezahlung schlechter.

Scham, weil ich insgeheim dann doch oft genug gedacht habe, irgendwie klüger zu sein als sie. Oder besser organisiert. Besser vernetzt. Manchmal habe ich solche Dinge auch laut gesagt. Wenn ich schon die Kohle heimbringe, dann kann sie doch jetzt mal den scheiß Abwasch machen, mein Gott. Türen knallen, Suff. An irgendetwas muss es doch liegen, dass der Erfolg für mich einfacher zu haben ist? Scham, weil die Erkenntnis, dass Sexismus der wohl wichtigste Grund dafür ist, auch erst so langsam durchsickert bei mir.

Verwirrung, weil meine Partnerin und ich in Situationen wie diesen merken, wie kompliziert es ist. Die Tatsache, dass wir unsere Haushalte zusammengelegt haben, führt uns Ungleichheiten noch deutlicher vor Augen, drängt uns gleichzeitig aber oft zu einem gemeinsamen Handeln, das sexistische Handlungsmuster wiederholt. Wenn ich arbeite, verdiene ich mehr als sie. Im Moment – und dieser Moment ist bei freien Autorinnen und Autoren eigentlich immer – können wir jeden Euro gut gebrauchen, denn wir sind gerade umgezogen. So ist dieser Artikel zynischerweise ein Produkt dieser alten Rechnung: Ich gehe meinem Beruf nach, damit Geld reinkommt. Sie macht in der Zwischenzeit den Haushalt.

Es ernst zu nehmen mit dem Feminismus würde für mich konkret bedeuten, dass wir die Hausarbeit trotzdem gleich untereinander aufteilen, auch wenn ich diesen Monat wieder mal einen Artikel mehr veröffentliche als sie. Aber am Sonntagnachmittag im Radio ein Fußballspiel zu verfolgen, ist für mich dann doch wichtig genug, um zu sagen: Sorry, aber jetzt gerade ist schlecht.

Was mich wirklich profund verwirrt, ist, wie es möglich war, so lange durch diese Welt zu laufen und vom Thema Sexismus so gar keine Ahnung zu haben. Ich werde fürs Denken und Schreiben bezahlt, ich halte mich für einen einigermaßen reflektierten Typen, und mit Mitte 30 bin ich auch nicht mehr ganz neu auf der Welt. Trotzdem war es für mich absolut prima möglich, das Problem nicht nur zu ignorieren, sondern von dessen Existenz insgesamt unberührt zu bleiben. Und trotzdem ganz selbstverständlich zu behaupten, dass ich meine Partnerin liebe und meine Kolleginnen schätze. Obwohl ich offensichtlich nie Zeit und Lust hatte, ihre Perspektive der Welt zu verstehen. Dabei hat es nicht viel gebraucht, damit sich das ändert: Vor fast fünf Jahren fragte mich eine Kollegin, was ich denn so zu #MeToo denke. Ich hatte nichts zu sagen, denn das Thema hat mich nicht interessiert. Um einen Text zu schreiben, begann ich, mich mit Sexismus auseinanderzusetzen. Seitdem kenne ich erst die Zahlen, die ich weiter oben so großkotzig vorgetragen habe, und sie haben mich betroffen gemacht.

Ich fühle Scham, weil ich mich danach zwar gern zu Podiumsdiskussionen einladen und mich vom Fernsehen interviewen ließ. Mir aber nicht die Frage gestellt habe: Wo bin ich denn selbst Sexist? Im Hier und Heute, nicht in irgendwelchen selbstreflektierten Geschichten von früher, die ich eigentlich nur erzähle, um zu zeigen, dass ich doch eigentlich ein ganz feiner Kerl geworden bin? Wo bin ich selbst zum Täter geworden? Was kann ich jetzt gegen Sexismus tun – wenigstens in meinen eigenen Beziehungen? Was bedeutet es denn für die Frauen in meinem Leben, wenn ich als Mann so viele Privilegien habe? Wie wäre es denn möglich, auf meine Privilegien zu verzichten?

Ich schäme mich, weil ich honoriert werde, wenn ich mir diese Fragen stelle, während Frauen – und das ist ein ganz wesentlicher Teil des Problems Sexismus – diese Fragen unermüdlich unverständigen Männern gegenüber beantworten müssen – und doch nicht gehört werden. Eher beleidigt, ausgelacht.

Es hat fünf Jahre gedauert, bis mir meine Freundin zum ersten Mal erzählt hat, dass sie vergewaltigt wurde. Ich habe mich geschämt. Denn ich verstand intuitiv, warum sie es mir nicht eher erzählt hatte. Wahrscheinlich hätte ich scheiße reagiert. Es geschafft, es irgendwie runterzuspielen, nach ihrer eigenen Schuld zu fragen, Tipps zu geben. Vielleicht auch nicht. Aber anzunehmen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Kackreaktion meinerseits hoch war, hielt ich jedenfalls für sehr legitim.

Als die Bars noch geöffnet hatten, hatte ich einen Minijob als Barkeeper. Ich liebe es, nach einer langen Schicht am verrauchten Tresen durch die leeren Straßen des frühen Morgens zu latschen, mit ihren angekippten Fenstern und blinden Ampeln. Wenn mir unterwegs Männer begegnen, sind sie meist betrunken. Wenn mir Frauen begegnen, sind sie meist am Telefonieren. Witzig, dachte ich immer. Mit wem telefoniert man denn früh um vier?

Es hat fast acht Jahre gedauert, bis mich meine Freundin zum ersten Mal anrief, weil sie sich auf dem Nachhauseweg von einem Typ belästigt fühlte. Genauer gesagt war sie überhaupt nur auf dem Heimweg, weil der Typ sich aus 20 freien Parkbänken ausgerechnet die Bank ausgesucht hatte, um in seinem Buch zu lesen, auf der schon meine Freundin saß. Tat so, als wäre sie gar nicht da. Als sie aufstand und ging, folgte er ihr.

Es hat eine Weile gedauert, bis der Groschen fiel bei mir. Es war ein Dienstagabend, noch nicht mal dunkel, ich moderierte ein Pub-Quiz. Warum ruft sie jetzt an, fragte ich mich. Wie es mir gehe? Ja, gut, du weißt doch, ich moderiere das Pub-Quiz. Muss gleich die Fragezettel wieder einsammeln. Was ist denn?

Und selbst als sie mir erzählte, was war, war da neben Besorgnis immer noch ziemlich laut im Hinterkopf eine Stimme, die sagte: Mann, das nervt jetzt aber, ich hab doch hier zu tun. Ich entschloss mich, dranzubleiben. Und fragte mich später, warum sie vorher noch nie meine Nummer gewählt hatte in einer solchen Situation. Sicher lag es nicht daran, dass sie sich vorher nie von einem Mann bedroht gefühlt hatte. Wie die meisten Frauen hat sie für solche Fälle gute Freundinnen. Mit wem telefoniert man denn früh um vier?

Natürlich würden Männer auch etwas gewinnen, wenn wir die Gründe für den systemischen Sexismus in unserer Gesellschaft beheben könnten. Auch sie könnten ohne ihren ganzen toxischen Maskulinitätsmist freier und glücklicher werden. Sie haben aber einfach nicht genug zu verlieren, um sich ändern zu wollen. Denn das ist es, was es erfordert: sich zu ändern. An sich zu arbeiten. Das Zuhören lernen zum Beispiel. Raum aufgeben, auf dem Zweisitzer im Bus wie im Gespräch. Andere Männer mit ihrem Fehlverhalten konfrontieren. Wir alle kennen Vergewaltiger. Und fast alle kommen sie einfach davon.

Und unser Herr Palomar? Wie sollte er reagieren, wenn er früh um vier die frische Morgenluft genießend durch die leeren Straßen der Stadt schlendert, und ihm begegnet eine telefonierende Frau? Mach dich klein, Herr Palomar, halte Abstand, mach deutlich, dass du gerade nicht an ihren Busen denkst oder ihren Arsch. Sondern an ihr Gefühl, sicher zu sein, und dein Privileg, darüber bestimmen zu können.


Aus: "Sexismus: Wir sollten uns schämen" Christian Gesellmann (22. März 2021)
Quelle: https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2021-03/femismus-sexismus-mordfall-sarah-everard-belaestigung-maenner/komplettansicht

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Badum-tss #9

Danke für den Artikel und die ehrliche, persönliche Einsicht!


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johnny wumpe #1.18

Der Autor schämt sich auch nicht für die Taten anderer, sondern seine eigenen. Ihm ist aufgefallen, dass er sich auch selbst sexistisch verhält.
Ach so, der Titel des Artikels Wir sollten uns schämen ist demnach als Pluralis Majestatis zu begreifen. Hatte mich schon aufgeregt, lasse mich nämlich nicht gern unter Generalverdacht stellen.


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Joeeee #1.19

Was genau ist denn Ihr persönlicher Beitrag?


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LaraMorgenstern #1.35

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wir verhalten uns alle sexistisch.. und schaffen damit den Nährboden für geschlechtsspezifische Gewalt. bevor wir das nicht hinterfragen, passiert nichts. Aber klar, wir haben ja Frauenhäuser für die Opfer vewirrter Einzeltäter.


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ickvonhier #1.41

"Schon allein die Tatsache, dass man(n) nachts nur als Mann unbelästigt durch die Straßen gehen kann... oft trifft das auch bei Tage zu, und sich so gar nichts dabei denkt, zeigt das Problem."

Das zeigt, dass Sie das Problem gar nicht erkennen. AUCH Mann wird belästigt und wenn, dann wird deutlich häufiger als gegen Frauen Gewalt angewandt. Männer schlagen Männer deutlich häufiger als Frauen. Wie wäre es, wenn man als Gesellschaft gemeinsam etwas gegen diese aggressiven Gewalttäter täte und nicht 50% der Gesellschaft irgendeine Toxigkeit zuschreibt.


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wieweitwirgehn #1.42

Nein, natürlich nicht, jede Gewalt ist abzulehnen. In diesem Artikel aber geht es um Gewalt gegen Frauen....


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M. Schäfer #1.48

Wegen mir gibt's Frauenhäuser jedenfalls nicht.


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Tzaduk #1.101

Meine Güte, hier sind aber echt viele, die einfach nicht verstehen WOLLEN. Kann ich wiederum verstehen - nicht nachvollziehen, dafür solidarisiere ich mich zu stark mit dem Autor, der sicherlich genau wusste, wie stark sein Beitrag genau die Richtigen stört. Diejenigen, die zu dem Punkt (für sich) gekommen sind, dass sie sagen: Ich brauche keinen Weltfrauentag, ich schlage keine Frauen. Diese zarten, schutzbedürftigen, hilflosen und grundsätzlich unterlegenen Wesen. Ich bin dafür intellektuell viel zu überlegen, ich kann meine Dominanz ganz anders zeigen. Zum Beispiel werde ich ja besser bezahlt, das MUSS Beweis genug sein. Und wenn nicht, dann beweise ich es eben darüber, dass ich genießen kann, wieviel Angst eine Frau unterwegs haben muss... und ich eben nicht. Aber diese Unterlegenheit muss ich halt nicht ständig raushängen lassen. Ich weiß ja dass mir in meinem Status nichts passiert...

Aber wehe, es geht dem Überlegenen an die Privilegien. ...


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Warnieweg #1.125

"Mir nicht. Mich plagen keine Schuldgefühle für die Taten anderer. Fremdscham überkommt mich höchstens als unmittelbarer Zeuge."

Gerade woanders gelesen. Passt gut auf Ihr Statement: "Wenn jeder die Gelegenheit sucht, zu sagen, dass man damit nichts zu tun hat – dann wird sich für keinen etwas bewegen oder verbessern."


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Donnacappuccina #1.126

Erwachsene Frauen in der Türkei, zum Beispiel? In Somalia? Syrien? China? Einfach überall auf der Welt und auch hier?
Wie entspannt kann ein Kind sein, das sieht, wenn seine Mutter oder große Schwester gedemütigt wird und sie aus Angst nichts macht, weil es einfach schon immer so war?


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Warnieweg #1.153

"Die meisten Opfer von Gewalttaten sind Männer."

Die meisten Gewalttäter auch. Und Frauen werden meist Opfer von männlichen Gewalttätern.

"Den das Problem spielt sich auch in der Gefühlswelt ab, denn wenn man sich auf der Straße unwohl fühlt hat das oft nichts mit einer konkreten "Bedrohung" zu tun."

Muss es ja auch gar nicht. Einmal eine konkret gewalttätige Situation auf der Straße erlebt reicht völlig aus, um sich "unwohl" zu fühlen.


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LaraMorgenstern #1.156

Also schauen Sie mal nach Homicides und Femides (denke Yearbook of Crime - vom Conseil de l'Europe schlüsselt die polzizeilich registrierten Delikte nach Geschlechtern auf). Natürlich begehen auch Frauen Verbrechen, aber tatsächlich viel seltener. Auch Männer können von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen sein, sie sind das aber tatsächlich ungleich seltener.

Geschlechtsspezifische Gewalt betifft vor allem Frauen, das lässt sich in vielen Studien belegen. Schauen Sie sich mal Voträge von Prof. Sylvia Walby an. Das ist wirklich sehr erhellend.


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Warnieweg #1.158

"Es sei denn von der Qualitätspresse nach der Kölner Sylvesternacht?"

Nun. Gestört hat daran die meisten doch nur, dass es keine weißen Hände waren, die da die Frauen angefasst haben. Andernfalls hört man nämlich nur, dass es sich um ein Missverständnis handele, man ja gar nicht mehr wissen, was man noch sagen dürfe etc. pp.


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japanbash #1.187

"Nein. Wenn der Chef beim Meeting kritische Fragen mit " Hast du deine Tage?" kommentiert, würde ich von meinen Arbeitskollegen aber schon Protest erwarten."

Absolute Zustimmung, dümmer gehts nicht.


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Wanderertom #1.181

Dann gehen Sie als Mann doch mal in rosa Leggins durch die Stadt. Und berichten anschließend hier über Ihre Erfahrungen. Ich bin gespannt.


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Mr. Kritisch #3

Es fällt besonders Männern schwer eine gesunde Selbstkontrolle zu den eigenen Trieben zu erlangen. Das sage ich als Mann. Ich hoffe mehr Männer schaffen die Balance zu einer gesunden Selbstkontrolle. ...


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Weitgedacht #3.21

Ich brauche dafür keine Lehrbücher. Ein gesundes Maß an Empathie reicht vollkommen. Nicht jeder Mann ist ein hormongesteuerter Neantertaler, der seine Triebe nur mit Mühe im Zaume hält.


Quote
wieweitwirgehn #19

Ich finde das mit dem Herunterspielen und Nichtwahrhabenwollen durch die "guten" Männer, die wirklich selbst nichts Böses tun würden, besonders schlimm und würde auch diese nicht mehr ins Vertrauene ziehen. Das Arschlöcher Arschlöcher sind, ist das eine, aber wenigstens auf die anderen hätte ich gern gebaut.
Ist leider nicht...Habe vor Kurzem mal immer noch heulend meinem Freund und einem sehr guten Bekannten erzählt, dass der Doktor, der gerade bei mir einen Schilddrüsenultraschall durchgeführt hatte, seine Hände und Arme auf meinen Brüsten sehr gemütlich abgelegt hatte.
Beide haben mir bescheinigt, dass ich da wohl zu empfindlich wäre und irgendetwas herbeifantasieren würde und mich doch wieder einkriegen solle...und das sind wirklich zwei gute Männer....


Quote
OmegaPhi #19.1

Das Problem kenne ich leider auch. Mein (Ex-) Freund, der von sich behauptet, einer von den "netten" und "guten" zu sein, hat seinen betrunkenen Freund ich Schutz genommen, als der mich auf einer Feier angefasst hat. "Ist doch ok, wenn ich den jetzt trotzdem noch mag, oder?" - das war seine ganze emphatische Reaktion auf die für mich mehr als unangenehme Situation. Zum Glück ist das vorbei.


Quote
Highground #22

Ich bin überrascht, dass der der Autor denkt, wir alle würden Vergewaltiger kennen. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass einer meiner Freunde mir etwas verheimlicht. Aber schon rein statistisch wundert mich diese Aussage.


Quote
And_Meier #22.1

Und ich bin überrascht, dass dies Ihre einzige Sorge ist.


Quote
pamina51 #24

Wahre Worte. Männer haben keine Ahnung, was allein die potentielle physische Unterlegenheit mit einer Frau macht, nur das reine Wissen darum,morgens um 4 in den Straßen und zuhause in der Familie.
Ich hatte einen teils schwer gewalttätigen Vater. Wenn ich das später Männern erzählt habe, war die Reaktion manchmal seltsam abwehrend. Als ich hätte ich doch irgendwie was damit zu tun gehabt und als rückten sie ein Stück ab von mir. Eine Frau, die als Mädchen geschlagen wurde, ist nicht mehr so ganz meine angebetete Holde, der Vater wird schon irgendeinen Grund gehabt haben, irgendwie so in die Richtung.
Dabei dachte ich immer, die müssen doch jetzt anspringen, empört sein.
Ich erzählte ihnen das irgendwann nicht mehr.


Quote
OmegaPhi #24.1

Seltsame Reaktion, die mir leider sehr bekannt vorkommt.


Quote
LeCarlin #26

"Warum fällt es Männern so schwer, ihre Rolle dabei zu reflektieren – und ihr Verhalten zu ändern? "

Was soll diese Verallgemeinerung ?
Es gibt nicht: Die Männer.
Jeder Mensch, also auch jeder Mann, ist anders.


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And_Meier #26.5

Beispiel für ein fragiles Ego, Nummer Tausendundeins.


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Schreibturm #26.1

Gönnen Sie dem Autor doch eine Atempause, beim Kapitel Sexismus gegen Männer ist er noch nicht angekommen.



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Piyo #27

Danke für diesen Artikel.

Wenn ich an mein eigenes Erwachsenwerden zurückdenke, dann war Sexualität immer geprägt von „Eroberung“. Der Mann macht den ersten Schritt. Du musst zeigen, dass du sie wirklich willst. Etc.
Und dann gab es die Erfolgskontrolle: Kannst du mit dem Mädchen knutschen? Landet ihr zusammen im Bett?

Manchmal ertapp ich mich dabei mich zu fragen, wer denn all diese Frauen belästigt und nötigt, dass so viele so negative Erfahrungen gemacht haben. Und manchmal kommt mir gar der Zweifel, ob das nicht ich war. Als dummer unerfahrener Junge, der es schlicht nicht besser wusste. Als dummer Student, von Alkohol ziemlich enthemmt.

Aber Sexualkunde in der Schule war ja auch immer nur das rein Körperliche. Das alte Rein-Raus-Spielchen, Rasieren in der Bikinizone, der weibliche Körper als Gebährmaschine. Und Kondome. Aber das wirklich wichtige hat man als Mann halt nie gelernt.


Quote
Wacholderin #27.1

Danke!


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Nautilain #30

Ich wurde schon hundertfach sexuell belästigt, gerne durch Sprüche von Männern in größerer Runde. Ich habe dabei noch nie erlebt, dass ein Mann in dieser Runde den Wortführer zurecht gewiesen hätte. Stattdessen ekelhaftes Gelächter der ganzen Gruppe. Mir kann keiner erzählen, dass sexistisches Verhalten nur einige wenige Männer betrifft. Und es fängt im Kleinen an: Mal überlegen, wer z. B. Geschirr abräumt und die Küche aufräumt, wenn mehrere heterosexuelle Pärchen ein gemeinsames Abendessen zuhause hatten (als das noch ging) und wer sitzenbleibt. Danke an den Autor, Selbstkritik ist ein wichtiger Anfang.


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J.P._Merz #30.2

Nur mal eine Frage, und ich hoffe diese ist nicht anstößig: Welcher Jahrgang sind Sie? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das beschriebene Verhalten bei jüngeren Generationen noch so stark vertreten ist.


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Knosa #30.5

Gerade ist meine 15jährige Tochter von der Schule nach Hause gekommen, die sich darüber beschwerte, dass irgendwelche wildfremden Männer ihr hinterhergerufen hätten was für einen geilen A... sie hätte. Scheint auch die aktuelle Generation zu betreffen.


Quote
Gert Lush #30.6

Ich (cis hetero Mann) wurde auch schon mehrfach von Männern sexuell belästigt und sogar von Frauen. War ein komisches Gefühl und reichte mir, meinen antrainierten "Jagdinstinkt" bei Frauen zu überdenken.

Also in der gemischten Sauna gelangweilt wegschauen oder beim Joggen, Einkaufen, etc. Platz machen und in jedem Fall Augenkontakt vermeiden bzw. auf Körperteile starren. Aber ganz ausschalten lässt er sich noch nicht, also bei Höflichkeitsritualen wie Tür aufhalten oder freundlich Lächeln an der Kasse.

Denke, viel wird Jungs durch Erziehung und Konditionierung antrainiert, also Frauen nach Optik auszuwählen, die Schönste/Attraktivste zu erobern, bei jeder Gelegenheit zu flirten, sie zu umgarnen, Tür aufhalten, etc. aber auch ein verklemmter Umgang mit Sexualität, also z.B. was Selbstbefriedigung und Pornographie betrifft ist homemade.

Soll jedoch keine Ausrede sein.

Grundsätzlich schaffen es ja auch viele, zu reflektieren und ihr Verhalten anzupassen.


Quote
sonneleipzig #30.9

"Also in der gemischten Sauna gelangweilt wegschauen oder beim Joggen, Einkaufen, etc. Platz machen und in jedem Fall Augenkontakt vermeiden bzw. auf Körperteile starren. Aber ganz ausschalten lässt er sich noch nicht, also bei Höflichkeitsritualen wie Tür aufhalten oder freundlich Lächeln an der Kasse."

Bitte gern und oft in die Augen schauen. Darauf kommt es doch an. In die Augen schauen, freundlich lächeln und die Frau gegenüber als ganze Person mit Körper UND Geist wahrnehmen. Das gilt auch in der Sauna. Ich (Frau) habe in der Sauna auch schon ganz entspannt geflirtet und gescherzt. Gerade da ist in die Augen schauen und miteinander reden eine gute Sache.

Es macht mich eher total traurig wenn ich Menschen die mir auf der Straße entgegen kommen nicht in die Augen schauen kann. Genau da kann man doch erst erkennen ob das Gegenüber vertrauenswürdig ist oder ob man einen Bogen drum machen sollte.


Quote
Bernd16 #32

Irgendwie hätte ich es der Frau gegönnt, den Artikel zu schreiben. Vielleicht wäre dann sogar etwas sinnvolles herausgekommen.

Nein ich schäme micht nicht fremd für einige wenige Idioten, die es leider gibt.
Nein ich bin nicht dafür verantwortlich, dass Frauen sich immer unsicher fühlen, obwohl es immer weniger Gewaltverbrechen gibt, auch wenn das immer noch zu viele sind.
Nein ich kenne keinen Vergewaltiger auch nicht im erweiterten Bekanntenkreis.
Nein bei uns macht im Haushalt immer der etwas, der es entweder am besten kann (z,B. kochen, Garten, etc.) oder der gerade Zeit dafür hat.
Nein in unseren Berufen muss keine Frau mehr leisten/arbeiten, um gleich bezahlt zu werden.
Nein die meisten Gewaltopfer sind Männer. Und ja, denen ist das Geschlecht des Täters völlig egal im Gegensatz zu Frauen, die anscheinend darauf fixiert sind.
Nein meine Frau wurde in noch keiner Bar sexuell belästigt - ich auch nicht. Und wir haben schon einige Jahre auf dem Buckel
Nein MeToo ist in meiner Welt irrelevant. Wir gehen hier in der Arbeit mit allen Menschen respektvoll und professionell um.
Nein ich hätte sicherlich nicht "scheiße" reagiert, wenn mir meine Frau erzählt hätte, dass Sie vergewaltigt wurde. Sie hätte bei mir aber auch nicht 5 Jahre gewartet.
Nein meine Frau und ich haben keine Angst vor Menschen, die Bücher lesen und die so tun, als wäre man gar nicht da. Und wir sind jetzt nicht besonders mutig.


Quote
violettagetyourgun #32.14

Ihr Kommentar ist an Ignoranz und Empathielosigkeit nicht mehr zu überbieten. Würde man ihn ernst nehmen, könnte man meinen, Frauen bilden sich Sexismus, sexuelle Übergriffe und Gewalttaten bis zu Femiziden nur ein, weil es das alles ja gar nicht gibt.

Absurd.


Quote
.schewietzek #32.11

Fragen Sie doch mal Ihre Frau, weibliche Verwandte und Bekannte, ob die noch nie sexuell belästigt wurden. Sie könnten ins Staunen geraten.


Quote
Johanna 62 #32.5

Nein, Sie sind sich bestimmt nicht bewusst, dass die weitaus meisten Vergewaltigungen nicht zur Anzeige gebracht werden.


Quote
And_Meier #32.6

"Nein die meisten Gewaltopfer sind Männer. Und ja, denen ist das Geschlecht des Täters völlig egal im Gegensatz zu Frauen, die anscheinend darauf fixiert sind."

Glückwunsch zur Täter-Opfer-Umkehr. Sie sind offenkundig Teil des Problems.


Quote
Bernd16 #32.15

Also bei meiner Frau war hier Fehlanzeige. Da gibt es schon mal nix zu bestaunen.
Mein Sohn wurde schon "sexuell belästigt" - das fand er aber einigermaßen witzig, weil er sich nicht so schnell ins Boxhorn jagen lässt.

Ach ja - ich wurde auch schon sexuell belästigt. Fand ich natürlich auch weniger schön. Aber das war eben ein Einzelfall und ich käme im Traum nicht darauf, jetzt alle Menschen dieses Geschlechts zu verdächtigen.

Und jetzt?


Quote
DieMachtseinichtmitdir #36

Ich bin eine Frau und über 50 Jahre alt. Früher dachte ich, meine "Frauenprobleme", die ich durch Sexismus, Anmache, Bedrohungen etc. erdulden musste seien offensichtlich und für jeden bemerkbar/sichtbar. Inzwischen weiß ich, dass die meisten Männer (und unehrliche oder naive Frauen) sehr gut um das Problem herumdenken können und wollen. Sie empfinden es als irgendwie anstössig und unwichtig. Ich war auch total erstaunt darüber, wieviele Männer von #metoo überrascht sind und gar nicht glauben können, welchen Angriffen viele Frauen tagtäglich ausgesetzt sind. Die bekannten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs!

Inzwischen finde ich, dass viele Männer bzgl. Sexismus sehr unloyal sind, sogar ihren eigenen Freundinnen/Frauen gegenüber und auch gegenüber ihren Müttern, Schwestern, Töchtern!

Allerdings beobachte ich, dass Frauen dies häufiger als früher nicht mehr akzeptieren. Frauen müssen dieses Thema viel häufiger und offensiver artikulieren und anprangern, im Beruf, im Privatleben, in der Erziehung der Kinder, in der Presse,... Und Männer müssen ihr Verhalten ändern.


Quote
ok #37

Dieser Kommentar vermischt partnerschaftliche Organisation, Gewalt gegen Frauen und Identitätspolitik so schlecht miteinander, dass man aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskommt...


Quote
Klaus aus DD #37.1

...mich erschüttern eher die Kommentare.


Quote
Gregor T #39

Ihre Scham bezüglich der Arbeit macht bei mir auch etwas. Ich arbeite in einem Beruf, bei dem der Frauenanteil im Studium sehr sehr gering war. Wenn man dann mal mit einer Frau zusammenarbeitet verhält man sich tatsächlich etwas anders. Ich schaue genauer hin, setze weniger voraus, bin verblüfft und etwas irritiert, wenn sie ihre Arbeit gut macht. Zumindest bei den ersten 2 oder 3 Mal. Das war nicht böse gemeint, es war einfach das, wie es war und wenn man da nie drüber reflektiert, bleibt es vielleicht auch dabei. Jetzt hab ich das vermutlich überwunden, aber am Anfang war da auf jeden Fall eine sexistische Komponente, die beim Einordnen der Person und ihrer Arbeit gestört hat.
ich hatte aber auch schon mit Frauen zu tun, die wirklich vom Fach keinen Schimmer hatten. Wo ich mir dann blöd vorkam und nicht genau wusste, wie ich ihr Feedback geben soll, ohne ein sexistisches Arschloch zu sein. Gar nicht so einfach, wenn sie nicht viel kapiert, auf die Frage, ob sie es verstanden hat mit "Ja" antwortet und dann kein Wort von dem, was ich von ihr wollte, wiedergeben kann. Aber das war ein Einzelfall (Praktikantin). Da waren die Praktikanten, die sonst vorbeikamen einfach deutlich weiter.


Quote
CamelCase #39.1

Ich möchte als eine in einer sogenannten Männerdomäne arbeitende Frau ergänzen, dass man das durchaus spürt, wenn einem weniger zugetraut wird oder die Kollegen verblüfft sind, wenn man seinen Job trotz seines vermeintlichen, im Geschlecht begründeten, Handicaps ganz gut macht.
Es fällt auf und es fühlt sich ätzend an.


Quote
Martin aus Wien #45

Auch für Männer gilt, was einst Simone de Beauvoir über Frauen sagte:

„Man kommt nicht als Mann auf die Welt, man wird es.“


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Sonne397 #50

Danke für den Artikel. Er spricht von einem Verständnis, das mich sehr berührt hat.


Quote
jan120 #56

Krass, bin genau das Gegenteil vom Autor ... beschäftige mich Sexismus und Feminismus seit dem ich 17 bin, verdiene weniger als meine Frau und mache den Haushalt inklusive Kinderbetreuung und wir sind alle happy. So unterschiedlich können Realitäten sein.


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John French #62

Der Beitrag ist ein typisches Beispiel für die Probleme einer gutsituierten, akademischen linksliberalen Elite, die ihre eigenen Bauchnabel beschaut. Es wird das Hallali auf den jungen und alten weißen Mann geblasen. Nach meiner Beobachtung sind die meisten Männer in ihren Bemerkungen und Blicken Frauen gegenüber zurückhaltend mit einer ständigen Schere im Kopf- und damit langweilig. Die landläufigen Machos und Womanizer haben immer noch ein Stein im Brett bei der Damenwelt aller Couleur, da sind sexistischen Sprüche und die schlüpfrigen Bemerkungen kein Problem. Das läuft da unter Charme. Als verheirateter alter Mann tun mir die jungen weißen Männer leid, die sich unter diesen Bedingungen um eine Partnerin bemühen. Die stehen immer mit einem Bein im Gefängnis. Für den Autor gibt es einen Begriff, aber um der guten Sitten willen, lasse ich das besser. Am Ende steht immer noch die Frage was bringt unter diesen Aspekte eine Partnerschaft für den Mann....


Quote
Aurora1234 #62.1

Was das bringt? Eine Beziehung auf Augenhöhe.


Quote
Wacholderin #62.4

"Die landläufigen Machos und Womanizer haben immer noch ein Stein im Brett bei der Damenwelt aller Couleur, da sind sexistischen Sprüche und die schlüpfrigen Bemerkungen kein Problem. "

Schon alleine die "Damenwelt" geht für mich nicht und in meinem Umfeld gibt es keine einzige Frau, die sexistische Sprüche und schlüpfrige Bemerkungen von Männern schätzt. Weder öffentlich noch hinter vorgehaltener Hand. Die Frauen in meinem Umfeld benutzen Männer nicht und verhalten sich auch nicht wie "Damen" - das sind einfach Frauen. Und die Männer in meinem heutigen Umfeld sind offene Menschen und würden niemals von "Damenwelt" reden.

Und wer bei Beziehungen mit einem Bein im Gefängnis steht, weil er sich Frauen gegenüber so verhält, dass es als Straftat gelten kann, sollte sich vielleicht überlegen, ob er sein Selbstwertgefühl nicht anders stabilisieren kann, als über die Demütigung von Frauen und die Delegierung der Sündenbockfunktion für das schlechte eigene Verhalten an andere Menschen.


Quote
Thomas Ldot #64

Es ist immer wieder bemerkenswert, dass es nur wenige Kommentare braucht um die grundlegende These solcher und ähnlicher Artikel zu bestätigen. Bei diesem war es einer.



Quote
KalbshaxeFlorida #69

Was für eine Kommentarspalte:

Frau fühlt sich von Artikel verstanden –> Männer verteidigen sich
Mann befürwortet den Artikel –> Männer verteidigen sich

Es gibt noch viel zu tun. Junge, Junge.


Quote
Bernd16 #69.3

Tja, wenn man als (kommentierender) Mann nur deswegen angegriffen wird, weil es Männer gibt, die Frauen schlecht behandeln, dann sollte man sich schon verteidigen dürfen.
Immerhin ist "der" Mann in diesem Fall das Opfer eines ungerechtfertigten Angriffs.

Oder was würde man zu einer Frau sagen, die man angreift, weil eine andere Frau einen gewalttätigen Mann nicht anzeigt? Sind damit alle Frauen feige und haben somit Schuld oder zumindest die Verantwortung für weitere Taten?


Quote
KalbshaxeFlorida #69.4

Bitte heulen Sie leise. Um Himmels Willen.


Quote
Benno Groß #85

Während es gefühlt für Frauen und Mädchen unangenehmer ist, allein über die Straße zu gehen, weitet ein Blick in die Zahlen die Perspektive: Außer bei Sexualstraftaten sind die Opfer männlicher Gewalt, meist, ... Männer. Das betrifft etwa Mord und Totschlag, Raub und auch gefährliche und schwerere Körperverletzung.

Unbestreitbar sind Männer meist die Täter bei Gewaltverbrechen, was durchaus ein Problem ist. Aber das Privileg, speziell als Mann Tag und Nacht sicher über die Straße zu gehen, existiert nüchtern betrachtet nicht.


Quote
violettagetyourgun #85.1

Fühlen Männer sich unwohl im öffentlichen Raum, auf Feldwegen, im Wald beim Joggen, in der Tiefgarage, mit einem anderen Mann allein im Fahrstuhl, haben sie oft Angst vor sexuellen Übergriffen ?
Ist das ihr alltägliches Empfinden ?
Ich glaube, kaum.


Quote
UnpopularOpinion #85.2

Ja, denn als jugendliche Mann wurde ich (war leider stark auf dem Weg nach Hause) von einem von einem homosexuellen Mann in der Innenstadt gegen ein Schaufenster eines Geschäftes gedrückt und (jetzt keine Details) über gefühlt 20 Minuten sexuell übergriffig belästigt.

Hat aber weder Freunde (Gelächter, "Mund ist Mund"), noch Freundinnen ("kannst du dich nicht wehren?", "Schlappschwanz") interessiert.

Und? Generalisiere ich nach diesem Ereignis von einem homosexuellen Mann auf alle homosexuelle Männer?

Spoiler alert: Nein, tue ich nicht.



Quote
Lynx links #93

Ich habe letztes Jahr in einem der größten multilateral finanzierten Programme zu Beeindigung der weiblichen Genitalverstümmelung in Afrika mitgearbeitet. Wissen Sie was wir nicht getan haben? Väter oder Mütter angeklagt, pauschal über religiöse Führer beschuldigt oder die "Gesellschaft als solche" zum Problem erklärt. Stattdessen haben wir versucht Botschafter und Botschafterinnen aufzubauen, die eine positive Nachricht verbreiten.
Wissen Sie auch warum? Weil Anklagen immer genau zum Gegenteil von dem führen, was man eigentlich erreichen will. Kein Mann wird sich nach der Lektüre kritisch mit sich selbst auseinandersetzen, der es vorher nicht ohnehin schon getan hat. Außerdem zeigt sich positiv verhalten in den Taten nich in intellektueller Selbstgeißelung.
Kurzum, ich halte diesen Artikel, in seiner Pauschalisierung für komplett kontrproduktiv und eine intellektuelle Trockenübung. Aber wenigstens konnten wir uns mal wieder aufregen. Wenn Sie vorhatten, dass sich weniger Männer mit diesem Thema auseinandersetzen; herzlichen Glückwunsch, das haben Sie erreicht.


Quote
aadam #94

Ich hätte jetzt gerne einen Kommentar von Julian Reichelt gelesen.


Quote
Meisenbeobachterin #94.3

Julian Reichelt? Also der Julian, gegen den gerade bei BILD ein Compliance Verfahren wg Sexismus läuft? ;)


Quote
redshrink #96

Das „wir Männer“ finde ich in etwa so hilfreich wie „die Männer“ oder „die Frauen“, nämlich gar nicht. Es ist vor allem eine Unterstellung, als Mann die gesellschaftliche Stellung von Frauen nicht reflektiert zu haben, nicht mit ihnen mit zu fühlen, sich nicht zu kümmern. Und die pauschale Unterstellung halte ich für falsch.

Ich bin 57, Einzelkind und Sohn, mit einem arbeitenden Vater und einer Haufrau als Mutter aufgewachsen. Es war, kurz gesagt, zum Kotzen. Mein Vater wirkte wie der Bastard aus einem Aktenordner und einem Schreibtischset, emotional gehemmt und auf Abwehr gebürstet. Meine Mutter der Prototyp einer Diplomhysterikerin, gefangen zwischen Kleinmädchenträumen von Prince Charming und einer unerträglichen, sich unendlich wiederholenden Realtität aus Putzen, Kochen, Waschen und Einkaufen und Warten, dass jemand nach Hause kommt, dass etwas passiert, dass jemand anruft. Ich wusste, dass sie sterbensunglücklich war; sie meinte, es verneinen zu müssen. Jeden Morgen unerklärliche Tränen, dann Panikattacken, Tabletten, Selbstmordversuche, verrückte Affären. Sie war auch gewalttätig und zwar mir gegenüber und vollkommen unkontrolliert. Ich verbrachte meine Kindheit damit, zu versuchen, sie zu stabilisieren; es gelang mir nicht. Sie durfte nicht arbeiten. Mein Vater verstand nichts, Frauen halt.

Heute she ich meinen Vater und Männer auch mit anderen Augen, nicht nur also Opfer ihrer selbst, sondern auch als Opfer von Eltern, die ihre Traumen immer weiter vererben.


Quote
non falsum #104

Manchmal ist es kompliziert.

Eine Freundin wird in der Bar von einem Typen in ein Gespräch verwickelt, er legt den Arm um sie, sie hat einen Freund.

1. Ich sitze paar Tische weiter, bekomme es nur am Rande mit, bin aber mit ihr hin und sollte ja irgendwie bisschen "aufpassen". Rede ich nun mit ihr, dann "spiele ich mich auf, weil ich Mann bin". Unterlasse ich es, bin ich ignorant und der Blöde weil ichs nicht ernst genommen hab.

2. Ich sitze neben einer Frau in der Bar, sie stellt sich neben mich und bestellt einen Drink. Ich rufe "zwei", zahle und rede mit ihr. Bin ich Sexist weil ich ihr das Getränk so selbstverständlich zahle? Unterstelle ich damit, dass sie nicht genug verdient? Manche vertreten diese Ansicht mittlerweile.
Wir reden eine Weile, sie lacht öfters & ich lege meinen Arm um sie, weil ich ihr Verhalten so deute als fände sie mich sympathisch. Ist das übergriffig? Wollte sie nur höflich sein, weil ihr Bruder und ich im gleichen Verein Fußball spielen und hat deshalb gelacht? Fand sie mich sympathisch freut sie sich, war sie nur höflich, war ich übergriffig. Also fragen "darf ich meinen Arm um dich legen?" Da würden 90% der Frauen denken "der hat nen Schaden".

Ich schäme mich übrigens nicht für Männer die Frauen Zeug hinterherrufen, sie angrapschen oder Schlimmeres. Außer meinem Geschlecht habe ich nichts mit ihnen gemein, ich verabscheue die Taten. Härter ahnden sollte man es trotzdem, die Statistiken sind deutlich und nicht hinnehmbar.


Quote
Frau Funcke #104.1

Wenn Sie Körpersprache lesen können, dann erübrigen sich viele Fragen. Sowohl beim ersten Beispiel, als auch beim zweiten.


Quote
Candy133 #105

Ich kann die Männer nicht verstehen, die jetzt hier rumheulen und sich für ganz fein halten. Nicht über einen Kamm geschoren werden wollen. Als Mann sage ich: einmal Ruhe und innehalten, bitte. Wer sich hier rechtfertigt, ist getriggert. Und damit Teil des Ganzen wie jeder andere, jeder einzelne Mann. Dont protect your daughter, educate your son! Jeder von uns hat Hausaufgaben zu machen.


Quote
Atevi #120

Ich hatte nach der Lektüre dieses Artikels eine interessante Unterhaltung mit meinem Partner und mehrere Erkenntnisse:
1. spontan hätte ich gesagt, dass ich nie sexuelle Übergriffe erlebt habe . Nach 10 min drüber reden ist mir eingefallen, dass meine Mutter mich und meine Freundin in zarten Alter von 5 oder sechs hinter einer gartenhütte gefunden hat, und ein Mann aus der Nachbarschaft hatte mich zwischen den Knien und seine Hände unter meiner Jacke. Die Situation war mehr als eindeutig, zum Glück aber noch nicht Sehr weit fortgeschritten.
2. dem ersten pograpscher im Schwimmbad habe ich eine runtergehauen. Als ich das meiner durchaus feministischen Mutter erzählt habe, war sie entsetzt, weil das gefährlich sein könnte, wenn sich als Frau wehrt. Da war ich zwölf.
3. als Au- pair in Frankreich war ich mit zwei Freunden der Au-pair Familie auf einem Fischerboot. ( ich und ein alter und ein junger Mann. Plötzlich fing der ältere an mich zu bedrängen und anzufassen. Der Junge hat weggeschaut. Ich habe mich dann rausgewunden und er hat dann aufgehört, aber das war eine ziemlich bedrohliche Situation , in der ich total ausgeliefert war und die ich so nie erwartet hätte ( Freunde meiner Gastfamilie )
4. Ich saß in einem Übernachtbus ( ganz voll belegt) und mein Nebensitzer fing an mich zu bedrängen und zu begrapschen. Das haben einige bemerkt, aber niemand!!!! Hat eingegriffen.
5. Ich saß in einer leeren s- Bahn ( am Tag) und ein sichtlich bekiffter Typ setzen sich nebenMich und befriedigte sich selbst. Ich habe sich drei mal umgesetzt und er kam immer hinterher und machte weiter. Kein Nein und kein Stopp half.

Das wAren jetzt alles keine Vergewaltigungen aber es zeigt wie normal das alles war und dass nicht eingegriffen wurde. Ich glaube sogar dass der „Kindergrapscher“ im Viertel bekannt war, aber nichts getan wurde- er hatte ja Familie . Zumindest meine Mutter hat diese Begründung geliefert.... ( und es war im konkreten Fall ja auch noch nichts anzeigbares geschehen) . anstatt der Kinder hat man den Übergriffigen Mann geschützt- und genau darin liegt das Problem. Das ist zwar schon 35 Jahre her, aber so lange ist dasnicht - viele Männer die heute Väter sind sind so sozialisiert.

B) Ich finde es nicht mehr hinnehmbar dass es für eine Frau normal ist, sich nachts draußen alleine unsicher zu fühlen- nur weil sie eine Frau ist. Für Männer ist die Situation grundsätzlich anders - klar kann man vermöbelt und beraubt werden, aber ein sexueller Übergriff auf einen Mann ist extrem unwahrscheinlich. Und alle Welt nimmt das hin und ermahnt die Töchter, vorsichtig zu sein!

...


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ponny23 #121

Ich bin jetzt schon einige Jahrzehnte Alt. Aber großartig geändert hat sich manches in meinem Leben bisher noch nicht.
Früher war es so, daß die größten Machos die tollsten Frauen hatten. Je schäbiger und aufdringlicher sie sich verhalten haben um so mehr Erfolg hatten sie bei Frauen.
Und heute wenn ich mich so umsehe hat sich nichts daran geändert.
Mein Chef ist ein absoluter Macho, trotzdem schleppt er immer wieder die hübschesten Frauen ab. Auch meine Kolleginnen umschwärmen ihn.
Wenn Frauen solche Männer nicht mögen und sogar verachten, dann frage ich mich warum werfen sich manche Frauen immer noch solchen Typen an den Hals.


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Mustergültig #121.3

Frauen mögen selbstständige, selbstbewusste Männer, gerne mit Macht und/oder Geld. Frauen haben i.d.R. auch nichts gegen gutes Aussehen, einen muskulösen Körperbau und wenn Männer grösser sind als sie selbst.
Was nicht bedeutet, dass man nicht auch eine Parnerin findet wenn man nicht jedes Atribut erfüllt. Der "aufgeklärte" Mann von heute, (früher nannte man die Turnbeutelvergesser) mag das doof finden, aber alles Identitätsideologische rumdiskutieren wird daran nichts ändern. Das ist als wenn sie versuchen einem Homosexuellen seine Preferenz für das gleiche Geschlecht abzuerziehen: Aussichtslos. Partnerwahl ist auch heute eher eine Frage von Trieben und Gefühlen.


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sonneundmond #121.4

Ach und „die tollsten Frauen“ sind dann auch die hübschesten. Ich verrate jetzt mal was: Es gibt Frauen, die haben einen Kopf, der nicht nur dafür da ist Schminke aufzutragen. Die Charakter haben und Mut und denen es zu blöd ist nur das Schmuckstück für irgendeinen Angeber abzugeben. Vielleicht sollten sie sich einmal diese Frauen anschauen.

Aber anscheinend suchen sie auch nur etwas zum Schmücken?


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Dr. Wimmel #121.6

Tatsächlich eine Frage, der sich ZEIT irgendwie nicht annehmen möchte.


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einervonvieren #121.7

"Wenn Frauen solche Männer nicht mögen und sogar verachten, dann frage ich mich warum werfen sich manche Frauen immer noch solchen Typen an den Hals."

Es gibt halt nicht "die Frauen".
Genauso wenig wie es "die Männer" gibt.
Kommt in Kolumnen manchmal etwas kurz, sollte aber jedem klar sein.


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ponny23 #121.8

"Es gibt halt nicht "die Frauen"."

Bitte noch einmal ganz genau lesen, ich habe bewusst "MANCHE Frauen" geschrieben und nicht pauschal "DIE Frauen".


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Palak #121.9

Einmal wurde ich unbeabsichtigt Zeuge eines Gesprächs unter sechs Kolleginnen, die sich unter sich wähnten und meine Anwesenheit in der Kantine nicht bemerkt hatten. Zitat: "Gebt´s doch einfach zu, Mädels, im Grunde stehen wir Frauen auf Arschlöcher." Die Äußerung blieb unwidersprochen im Raum, dann wurde meine Anwesenheit bemerkt, und es war allen Beteiligten sehr unangenehm. Ich will das Zitat nicht überstrapazieren und den ausgebliebenen Widerspruch der Kolleginnen nicht als Zustimmung deuten. Aber es ist eben auch ein Aspekt, der nicht ganz ignoriert werden kann, und der einen gewissen Anteil des Männergehabes erklärt.


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Tommahawk #121.13

„ Wenn Frauen solche Männer nicht mögen und sogar verachten, dann frage ich mich warum werfen sich manche Frauen immer noch solchen Typen an den Hals“
Weil auch Frauen ihr Rollenverhalten nicht ablegen (können und in Zukunft werden!). ...


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Aurora1234 #121.12

Ich als Turnbeutelvergesserin habe einen Turnbeutelvergesser aus Liebe geheiratet und verdiene sogar mehr als er. Wieso? Weil ich selbstständig bin, nicht beschützt werden muss und mir die Fähigkeit auf Augenhöhe zu kommunizieren wichtiger ist als die Fähigkeit mancher Männer andere Männer klein zu schlagen - seit einigen Jahrhunderten ist diese Fähigkeit immer unwichtiger geworden. Und unseren Trieben geht es dabei immernoch hervorragend. Aber Sie dürfen gerne weiterhin an ihre Klischees glauben, auch wenn diese bestenfalls bedingt der Realität entsprechen.


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Frau. Huber #121.16

Ich glaube, die Wahrnehmung, welche Frauen die tollsten sind, variiert sehr stark. In den Augen von Machos war ich zu.B. keine "tolle Frau", denn ich investierte denen zu wenig Zeit in mein Erscheinungsbild und war ganz schlecht im hilflos sein und Männer anhimmeln.


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rührfix #123

Und wieder wälzen wir Klischees, was auch sonst, worüber sollte man schreiben, in einer Welt, in der jeder Ort, jede Wohnung, jede Familie überhaupt jeder jedem anderen immer ähnlicher wird?...


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Hendess #133

Ein Nachbar, knapp 80, Gay, Jurist, Ex-Banker und nach eigener Aussage "sehr sensibel", hielt es nicht nur im Zusammenhang mit Weinstein für nötig, mir zu erklären, dass eine moderne, selbstständige, gestandene Frau wie ich doch zu wissen habe, wie sie sich zu wehren hat. ...


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Lululululu #141

Ganz ehrlich: Ich als Frau habe mir über Sexismus, #metoo & co. auch nie gross Gedanken gemacht. Meiner Meinung nach ist der Autor zu hart zu sich. Das Hauptproblem sind nicht diejenigen, die etwas ahnungs- und empathielos durch die Welt laufen. Sondern die, die vergewaltigen, zuschlagen, ihre Ex-Partnerin bedrohen und andere Menschen im öffentlichen Raum belästigen. Dieses "jeder Mann ist ein bisschen Schuld" ist genau so falsch und verharmlosend wie "jeder Weisse ist ein bisschen rassistisch". Wir sollten nicht verharmlosen, sondern uns auf die echten Täter konzentrieren.


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Andidi #165

Es ist deprimierend, die vielen relativierenden Kommentare unter diesem ehrlichen und guten Artikel zu lesen. Sie zeigen zwei der Wurzeln des Problems: Mangelnde Empathie und ein oftmals von Selbstgerechtigkeit strotzender Verteidigungsreflex gegen einen vermeintlichen Angriff.

"Immerhin werden 75% der Frauen nicht belästigt" (aber dennoch diskriminiert und eingeschränkt)

"Ich kenne aber auch einen Mann, der Opfer wurde" (bei aller Empathie für das Opfer, ist das ein Ausnahmefall und negiert nicht die mehrheitlich gegen Frauen gerichtete Diskriminierung / Gewalt)

"Frauen können aber auch Sch*** sein" (ja. Offensichtlich. Sie können auch Gewalttäterinnen sein. Qualität und Quantität sind hier die Frage)

"Ich, also ich habe sowas nie getan, ich bin der Gute hier " (leise Zweifel, da Untätigkeit dazu beiträgt, das Problem zu betonieren)

Mehr Selbstreflexion von uns allen über die eigenen Privilegien und unbewussten toxischen Muster wäre wünschenswert.


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Fredericson #177  —  vor 3 Stunden

Bis in die 1960er Jahre hinein waren die Moralvorstellungen sehr rigide. Frauen hatten sich keusch zu kleiden, Liebesbekundungen in der Öffentlichkeit waren verpönt, zwischen unverheirateten Paaren sowieso. Zumindest in bürgerlichen Kreisen musste eine Frau erobert werden, sie hatte sich zu zieren und der Mann musste beweisen, dass er im Stande ist, ihr Herz zu gewinnen und für eine Familie zu sorgen.

Dann kamen Minirock, Antibabypille, die sexuelle Revolution der 1968er-Generation. Auf einmal schien alles möglich und nichts mehr tabu. Frauen wurden in Film und Werbung immer hüllenloser dargestellt. So manches Mal wurden sie damit auch zu Lustobjekten degradiert.

Gleichzeitig wurde der berechtigte Ruf nach Gleichberechtigung lauter und führte zu gesellschaftlichen Veränderungen. Frauen benötigten keinen Aufpasser und Beschützer mehr. Was früher Galanterie war, wurde nunmehr patriarchiales Gehabe.

Bei einigen Männern führte die Entwicklung dazu, dass sie dachten, Frauen seien nunmehr Freiwild, die jederzeit und überall angemacht werden könnten nach dem Motto: Minirock und tiefer Ausschnitt = Paarungsbereitschaft. Und sie hatten damit durchaus Erfolg.

Trotzdem liegt es einzig an den Männern, Frauen mit genauso viel Respekt und Würde zu behandeln, wie sie Männer behandeln und selbst behandelt werden möchten. Klar ist aber auch, dass sich niemals alle Männer daran halten werden. Ein Rest Unsicherheit wird in einer freiheitlichen Gesellschaft bleiben.


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Fuxx_1980 #181

Ich habe manchmal den Eindruck, das ist so ein generelles Frauending, dass sie Männer ändern möchten anstatt erst einmal bei sich selbst anzufangen.


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Politik macht traurig #181.1

Also sind die Frauen selbst Schuld. Wie gut dass die Männer das wieder geklärt hätten.


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[...] Neun Frauen. Die Zahl der weiblichen Opfer, die in diesem Jahr auf gewaltsame Art und Weise ihr Leben verloren hat, ist erneut angestiegen. Am Donnerstagabend gegen 20 Uhr, soll in Wien-Brigittenau eine 35-jährige Frau in ihrer Wohnung von ihrem Ex-Partner erschossen worden sein. Ein 42-jähriger Mann wurde von der Polizei in schwerem Rauschzustand im Hof des Gemeindebaus vorgefunden, er wurde – wie auch das 35-jährige Opfer – ins Krankenhaus gebracht. Die Frau erlag dort ihren Schussverletzungen in Kopf und Bein.

... Der Tatverdächtige, der am Donnerstagabend seine Ex-Freundin erschossen haben soll, war bereits am Freitagnachmittag ansprechbar, wie sein Rechtsanwalt erklärte. Er wurde zur polizeilichen Einvernahme als Beschuldigter vorgeführt. Dabei machte er von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Er war zu keinen Angaben zum Tatgeschehen bereit, hieß es von der Landespolizeidirektion. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt sich um den sogenannten "Bierwirt", der durch seinen Prozess gegen Maurer bekannt wurde. (balm, ook, 2.5.2021)

...


Aus: "Gewaltschutz: Grüne kündigen nach Femizid breite Kampagne gegen Männergewalt an" Matthias Balmetzhofer, Oona Kroisleitner (2. Mai 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000126318668/gruene-kuendigen-nach-femizid-breite-kampagne-gegen-falsche-maennlichkeit-an

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Alleshalbsowild

Endlich haben die Grünen ein Thema gefunden und seine Heiligkeit lässt den kleinen Koalitionspartner ein wenig spielen. Leider erreicht man die Gruppe der gewalttätigen Männer und auch die wenigen gewalttätigen Frauen mit einer gut gemeinten Aktion sicher nicht. Die Gründe für diese Gewalt gehören bekämpft und das ist Arbeitslosigkeit, Sorgen, finanzielle Probleme, Alkohol, Drogen und noch einiges mehr.


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sofast

Religion....Ehrverständnis....


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sofast

Wir haben Jahrzehnte, etliche Jahrzehnte gebraucht bis es in der Allgemeinbevölkerung verankert war, dass Frauen und Kinder nicht Eigentum des Familienherrschers sind.
Ich erinnere: Die Familienrechtsreform war in den 1970ern.
Jetzt, 50 Jahre danach, ist in den Köpfen der Leute, die danach geboren und aufgewachsen sind klar, dass es nicht rechtens ist, Frauen und Kinder (und auch andere Männer!!!!) zu schlagen. Ausnahmen bestätigen die Regel. ...


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Fundoplicatio

Seit Jahrzehnten setzen sich die Grünen für Massenzuwanderung von genau solchen Kulturen ein, wo die Frau als Individuum nicht viel wert ist, und nun, man höre und staune, sind sie tatsächlich überrascht und empört, dass etwa 70% aller "Femizide" in ebendiesem Kulturkreis verübt werden. Es ist schon ziemlich skurril, wenn sich jetzt VdB, Maurer und Mückstein über die Situation in Österreich beschweren, die sie zum Gros selbst zu verantworten haben. Verkehrte Grüne Welt.


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Bazinga !

... Aber was soll eigentlich diese Unterscheidung zwischen Inländer und Ausländer ? ...


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Char Ming

Der Bierwirt ist ein Einheimischer.


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Loring Miner

"falschen Männlichkeit"

Präventions-Kampagne ?
So einfach wie Frau/ Mann sich die Sache vorstellt wird es nicht werden.
Da werden Jahrzehnte ins Land ziehen, bis sich etwas ändert.
Meine Prognose: Es wird schlimmer, wegen der Arbeitslosigkeit, Delta Arm/Reich, Migration, Versäumnisse in der Bildungspolitik udgl.


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_wtf_

Mehr Geld für Frauenhäuser und Einrichtungen, Entstigmatisierung und besserer Opferschutz. Eine medienwirksame Kampagne oder künstliche Empörung erreicht die Zielgruppe nicht und ist eine Feigenblattaktion.

2018 wurde von Schwarz/Blau das Budget gekürzt, zur Erinnerung:
"Frauenprojekten in Österreich wird massiv das Budget gekürzt"
Die Liste der betroffenen Vereine wird immer länger. Ein Überblick, um wie viel Geld und um welche Frauenvereine es sich handelt
Beate Hausbichler, 26. Juli 2018
https://www.derstandard.at/story/2000084071322/frauenprojekte-in-oesterreich-von-massiven-budgetkuerzungen-betroffen


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Bhatura

Übrigens weil die Frauenhäuser angeblich Ehen zerstören würden.
Danke Schwarz(Türkis)/Blau!


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sofromt

In welchen sprachen wird's denn die Kampagne denn geben?
Frage für einen Freund...


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theWatcher14

Ja genau, weil der Bierwirt ja ein Migrant ist.


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Jorge Salcedo

Der Bierwirt nicht, aber die meisten anderen Frauenmörder im Jahr 2021 haben Migrationshintergrund.
Trotz niedrigem Anteil an der männlichen Gesamtbevölkerung ist diese Gruppe also bei Frauenmorden (und auch bei Morden generell) stark überrepräsentiert. So sehen nun mal die Fakten aus - diese sind ziemlich eindeutig.
P.S.: Wäre der Mörder nicht der Bierwirt, sondern ein Afghane gewesen, hätte es die Pressekonferenz der Grünen heute wsl. nicht mal gegeben.


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Surfer

Acht Morde schweigen und dann der Bierwirt....
Und jetzt bewegt sie sich....


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john tender

Die augenscheinlichste Gemeinsamkeit ist: die Täter sind alles Männer.
Der Rest ist rassistischer Dreck.


...

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[...] WIEN taz | Tatort: ein Gemeindebau in Wiens 20. Bezirk Brigittenau. Donnerstag gegen 20 Uhr überwältigten Beamte der Polizei-Sondereinheit WGA einen volltrunkenen Mann, der im Hof mit einer Pistole hantierte. In einer Wohnung des weitläufigen Baus rang eine 35-jährige Frau nach einem Kopfschuss mit dem Tod. Wenige Stunden später starb sie im Krankenhaus. Der mutmaßliche Täter: ein Mann, der als „Bierwirt“ eine gewisse Bekanntheit erlangt hat.

Der 42-jährige Wiener, der ein Craftbeer-Lokal betreibt, focht jahrelang einen Rechtsstreit mit der Fraktionschefin der Grünen, Sigrid Maurer, aus. Sie war auf ihrem Weg zur Arbeit immer wieder von Männern, die vor dem Lokal ihre Bierkrüge stemmten, verbal belästigt worden. Eines Tages erhielt sie über Facebook Botschaften aus der Kneipe, die den Gewaltfantasien eines sexuell Frustrierten entsprungen sein mussten. Als sie diese öffentlich machte, wurde sie vom Bierwirt verklagt: üble Nachrede. Nach längerem Hin und Her vor dem Wiener Landesgericht zog er schließlich seine Klage zurück.

Der Mann, der der Öffentlichkeit seit dieser Affäre als „Bierwirt“ bekannt ist, soll jetzt seine ehemalige Lebensgefährtin vor den Augen ihrer zwei Kinder und ihrer Mutter erschossen haben. Die Frau, die vor Gericht noch ein tadelloses Leumundszeugnis für ihn abgeben hatte, wollte ihn offenbar endgültig verlassen.

Sigrid Maurer reagierte betroffen: „Wir kennen die Mechanismen hinter der Gewalt: Frauenverachtung, Unfähigkeit, Konflikte zu lösen, die Wahrnehmung, Männer wären Frauen übergeordnet“. Vor Gericht hatte der Mann das Reden seinem Anwalt überlassen. Reue war ihm nicht anzumerken.

In den bestürzten Analysen des jüngsten Frauenmordes ist viel von toxischer Männlichkeit die Rede. „Männer werden immer kränkbarer, dünnhäutiger, und sie können diese Gefühle nicht ansprechen. Damit kocht und wuchert die Aggression innerlich weiter“, sagt der Psychologe Reinhard Haller im Kurier. Der Narzissmus sei früher eine Sünde gewesen: „Heute wird er zum Lebensideal. Trump hat es vorgelebt. Doch dazu gehört eben auch die Kränkbarkeit, die dann zur Achillesferse wird.“

In der Tat kann man bei den bisher neun Femiziden in Österreich seit Jahresbeginn ein Muster verfolgen: gekränkter Mann will die Trennung seiner Frau/Freundin/Lebensgefährtin nicht hinnehmen und bringt sie um. Neun Frauen sind bisher nach diesem Muster ermordet worden. Die meisten Täter haben sich gestellt. Einer hat die Frau in ihrem Zeitungskiosk mit Benzin übergossen und angezündet. Dann verschloss er die Tür und warf den Schlüssel weg. Die Frau starb vier Wochen später an ihren schweren Verbrennungen.

Unter den bisherigen Tätern finden sich Zuwanderer genauso wie autochthone Österreicher. Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP), die bisher wenig für den Schutz von Frauen geleistet hat, will jetzt einen Gipfel gegen Gewalt gegen Frauen einberufen.




Aus: "Femizide in Österreich: Erst pöbeln, dann morden" Ralf Leonhard Auslandskorrespondent Österreich (2.5.2021)
Quelle: https://taz.de/Femizide-in-Oesterreich/!5765065/

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[...] Mit falschen Versprechen und manipulativen Methoden brachte die Plattform "Girls Do Porn" ab dem Jahr 2009 hunderte junge Frauen dazu, an pornografischen Filmen mitzuwirken. Zugesagte Zahlungen wurden kurzfristig gekürzt, Videos entgegen anderslautenden Zusicherungen breit zugänglich gemacht und beworben – und darüber hinaus Daten der Opfer veröffentlicht.

22 von ihnen zogen vor Gericht, 2020 wurden ihnen gerichtlich mehrere Millionen Dollar als Wiedergutmachung zugesprochen. Der Fall beschäftigt die US-Behörden aber heute noch. Zwei der Betreiber, Ruben Garcia und Teddy Gyi, bekannten sich erst im Dezember verschiedener Tatbestände schuldig, die Buchhalterin Valerie Moser im April. Ein Eigentümer, Matthew Wolfe, wartet noch auf sein Verfahren. Sein Geschäftspartner, Michael Pratt, ist flüchtig, dürfte das Land verlassen haben und steht auf der Most-Wanted-Liste des FBI.

Zudem erfolgten auch mehrfach Klagen gegen den kanadischen Konzern Mindgeek, der eine Reihe von Pornoplattformen im Netz – darunter Redtube, Youporn und Pornhub – betreibt, weil dort viele der widerrechtlich entstandenen Aufnahmen weiter abrufbar waren und auch auf Verlangen nicht entfernt wurden. Unter den Klägern sind auch 40 Girls "Do Porn"-Opfer, die seit April jeweils eine Million Dollar Schadenersatz einfordern und dem Unternehmen vorwerfen, aus Profitgier untätig geblieben zu sein, obwohl man über die Praktiken des Geschäftspartners im Bilde war.

Das löste auch eine Diskussion über die Existenz zahlreicher nonkonsensualer Aufnahmen und Missbrauchsvideos auf derlei Plattformen aus. Mindgeek reagierte schließlich auf die Klagen und den öffentlichen Druck, löschte zuerst Clips von "Girls Do Porn" und später zigtausende Videos, deren Entstehung in Zweifel steht. Zudem führte man neue Verifikationsmechanismen ein. Es laufen aber weiterhin Verfahren gegen die Firma.

Während die Täter zur Rechenschaft gezogen werden und die Mühlen der Justiz arbeiten, kämpfen die Betroffenen noch heute. "Motherboard" schildert etwa ein Gespräch mit einer Frau, die 2015 in die Falle ging. https://www.vice.com/en/article/k78avm/girls-do-porn-still-fighting-harassment-youtube

Die Studentin ("Jane", Name geändert) im zweiten Jahr folgte der Einladung eines "Modeling-Scouts", der ihr eine schnell verdiente, hohe Geldsumme versprach. Sie wusste im Vorfeld, dass es um nicht jugendfreie Aufnahmen gehen würde, aber keine weiteren Details. Obwohl sie anfangs verunsichert war, ließ sie sich zur Teilnahme überzeugen, da sie mit dem Geld ihre Eltern unterstützen wollte. Statt in einem Filmset landete sie in einem Hotelzimmer mit einer Visagistin, die bald darauf verschwand, und zwei Männern. Sie erfuhr auch, dass sie Sex mit einem der beiden Männer haben solle. Nachdem sie sich vor der Kamera ausgezogen hatte, wurde ihr mitgeteilt, dass ihr aufgrund von Narben und Zellulitis der in Aussicht gestellte Betrage um mehrere tausend Dollar gekürzt werde.

Jane entschuldigte sich kurz und ging ins Badezimmer, wo sie feststellte, dass ihre Regelblutung eingesetzt hatte. Also hoffte sie, dass dies eine Verschiebung des Drehs und ihr einen Ausweg aus der Situation bescheren könnte. Als sie wieder aus dem Bad kam, war ihr Gewand samt Geldbörse und Ausweis verschwunden. Nachdem sie auf ihre Menstruation hingewiesen hatte, führte ihr einer der Männer, ohne um Erlaubnis zu fragen, ein Schwämmchen ein.

Danach, so sagt sie, hatte sie Angst, abzusagen, da sie den zwei Männern weitere Gewalt zutraute. Der Vertrag wurde nur eilig durchgeblättert und sie zur Unterschrift gedrängt. Der als "kurz" angekündigte Dreh fand statt. Mehrere Bitten, aufgrund von Schmerzen abzubrechen, wurden ignoriert. Nach fünf Stunden verließ sie das Hotel.

Ihr war zugesichert worden, dass die Aufnahmen nur auf DVD an "Sammler" in einschlägigen Geschäften in Neuseeland und Australien verkauft werden würden. Stattdessen tauchte das Material im Netz auf, wo auch Freunde von ihr darauf stießen. Die Betreiber bewarben die Videos aktiv auf anderen Seiten. In ihrem Umfeld waren bald alle informiert.

Nicht nur das: Von Ende 2015 bis Mitte 2016 gehörte den Betreibern auch die Seite "PornWikileaks". Dort veröffentlichten sie Namen, Adressen, Telefonnummern, Mailadressen und Social-Media-Accounts von ihnen und ihren Familienmitgliedern – eine Praxis, die man auch als "Doxxing" kennt. Freunde und ihre Cheerleadergruppe stützten sie in dieser Zeit gegen Hassbotschaften.

Mittlerweile sei die Situation besser geworden, aber immer noch werde sie angegriffen. Nachdem Jane beruflich in der Finanzbranche erfolgreich aufgestiegen war, landete eine E-Mail bei ihrem Chef, die ihre Vergangenheit einmal mehr offenlegte. Wenngleich das Unternehmen sich hinter sie stellte, fürchtet sie sich davor, dass beruflicher Erfolg ihren Namen zu bekannt machen und eine neue Welle digitaler Belästigung und Doxxing auslösen könnte. Sie wechselte schließlich ihren Arbeitsplatz. Die traumatischen Erlebnisse beeinträchtigen auch ihr Beziehungsleben.

Sie hat zudem die Erfahrung gemacht, dass etwa Youtube und Twitter stumm bleiben, wenn sie inkriminierende Beiträge meldet. In einem Fall hatte sich jemand unter ihrem Namen auf Youtube angemeldet, Screenshots ihrer beruflichen Laufbahn von Linkedin zusammengeschnitten und dazu eine Anleitung verfasst, wie man per Suchmaschine die Aufnahme finden kann. Denn ihr Video aus dem Hotelzimmer ist nach langem Kampf zwar von den meisten Seiten entfernt worden, aber auf manchen immer noch gehostet. Es dauerte fünf Monate, ehe die Plattform erst auf Anfrage von "Motherboard" reagierte.

Kritik gibt es auch von Charles DeBarber, Privacy-Analyst bei einer Kanzlei, die sich auf die Entfernung nonkonsensualer Pornoaufnahmen spezialisiert hat. Youtube sei seiner Erfahrung nach jenes Portal, das am schwersten dazu zu bewegen sei, etwas zu tun. Auch auf ihn hatte man nicht reagiert, als er im Auftrag von Jane Kontakt aufgenommen hatte. Youtube anzuschreiben sei "wie ins Leere zu schreien". Die Plattform würde sich nicht an ihre eigenen Nutzungsbedingungen halten.

Janes Fall steht auch für viele andere Betroffenen, die bisher bei Prozessen ausgesagt haben. Auch sie berichten von vielen falschen Versprechungen und einer Situation, an der sie sich letztlich aus Angst vor Gewalt am Dreh beteiligt haben. Und längst nicht alle erfuhren nach Bekanntwerden der Aufnahmen Unterstützung durch Verwandte und Freunde.

"Niemand in dieser Situation hat jemals 'gewonnen', selbst wenn seine Gerichtsverfahren gut laufen", sagt DeBarber. "Es ist so einfach, Opfer zu beschuldigen, viel einfacher, als ihnen zu helfen. Bei vielen meiner Klienten frage ich mich, wie sie jemals wieder irgendwem vertrauen können." (gpi, 4.5.2021)


Aus: "Gefilmter Missbrauch: Opfer von "Girls Do Porn" werden auch Jahre später noch belästigt" (5. Mai 2021)
Quelle: https://www.derstandard.at/story/2000126389264/gefilmter-missbrauch-opfer-von-girls-do-porn-werden-auch-jahre

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[...] An einem späten Abend im Februar wird Lale Gül klar, dass sie das alles unterschätzt hat. Zwei Tage ist es erst her, dass ihr Buch „Ik ga leven“ veröffentlicht wurde. Nun ist sie auf dem Heimweg von ihrer ersten Talkshow, und ihr Telefon steht nicht mehr still. 20-, 30-, 40-mal klingelt es. Die Anrufer, Verwandte oder Bekannte, empören sich, dass sie soeben forderte, in den Moscheen des Landes solle auf ­Niederländisch gepredigt werden. Und dann äußerte sie sich auch noch abschätzig über Koranschulen!

Was Gül nicht weiß: Dies war nur der Anfang. Als die 23-Jährige Studentin der niederländischen Literatur, geboren und aufgewachsen als Tochter anatolischer Gastarbeiter in Amsterdam, die Wohnung der Familie betritt, sitzt dort die halbe Nachbarschaft im Wohnzimmer. Alle zugleich fallen über sie her, die Vorwürfe fliegen ihr um die Ohren: „Wir Muslime haben es schon schwer genug!“ – „Schämst du dich nicht? “ – „Wie kannst du nur so ein Buch schreiben? Das sorgt für Hass und Rassismus!“

Das Erste, was auffällt, wenn Lale Gül über all das spricht, ist, wie abgeklärt sie dabei klingt. Dabei hat „Ich werde leben“, so der Titel ihres Debüts auf Deutsch, ihr Leben gelinde gesagt auf den Kopf gestellt. Sie ist untergetaucht, wohnt an einem unbekannten Ort, Treffen mit Journalisten sind nur im Geheimen möglich. Eben stieg sie aus dem Taxi, auf das sie derzeit angewiesen ist, aus Sicherheitsgründen. Oft wird sie von jemandem aus ihrem Verlag begleitet. Wenn sie ihr Buch, das seit elf Wochen auf der Bestsellerliste steht, irgendwo signiert, geschieht das immer unangekündigt.

Lale Gül ist eine elegante Erscheinung. Das lange Haar trägt sie offen, dunkle Bluse und Hose, viel Schmuck. Sie hat einen langen Weg hinter sich, der in der Kolenkitbuurt begann. Dieses Viertel ganz im Westen Amsterdams, jenseits der Stadtautobahn, war vor Jahren als schlechtestes des Landes verrufen. Hier wurde sie als Kind täglich mit einem Euro zum Supermarkt geschickt, um diesen je zur Hälfte in Weißbrot und Frischkäse zu investieren, ihr Standardfrühstück und -mittagessen. In der Stadtteilbibliothek fand sie die Inspiration, weiter zu denken, über die graubraunen Wohnblocks mit beengten Behausungen hinaus. Die Bücher erschlossen ihr eine andere Welt.

Zu Beginn des Treffens ist sie sachlich und abwartend. Ihre Stimme klingt warm, sie wirkt ruhig und gefasst. Die eigene Situation beschreibt sie mit analytischer Schärfe: Sicherer fühlt sie sich, jetzt, da niemand sie zu finden weiß. „Ich habe mehr Ruhe in meinem Kopf.“ Andererseits: Sie vermisst ihren Bruder und die kleine, achtjährige Schwester, die sie über alles liebt und für die sie sich verantwortlich fühlt. Aber: „Ich musste weg von zu Hause. Ich konnte so nicht weiterleben.“ Die Stadt hilft ihren zwischenzeitlichen Unterschlupf zu bezahlen.

Es war irgendwann im März, als sie untertauchte, nach Dutzenden islamistischen Morddrohungen, die sie über Social-Media-Kanäle erhielt. Von jeder einzelnen hat sie Screenshots gemacht. „Schau hier“, sagt sie und zeigt die Beweisstücke des Shitstorms an Militanz, der über sie hereinbrach, auf dem Bildschirm ihres Telefons. Ein Gruselkabinett erscheint, das sie präsentiert, ohne eine Miene zu verziehen: „Fotos von Waffen. Eine Pistole. Ein Maschinengewehr. Ein Video mit einem IS-Lied.“ Hat sie Anzeige erstattet? „Selbstverständlich. Jede Woche.“

Was Lale Gül all diesen Hass eingebrockt hat, ist ihre mehr als 300-seitige Abrechnung mit dem stockkonservativen, türkisch-nationalistischen Milieu, in dem sie aufgewachsen ist. Sie empfindet es als ein Korsett aus erstickender Moral, in dem Musik und figurbetonte Kleidung verboten sind, doch das Kopftuch ab der ersten Periode obligatorisch ist. Ausgehen, flirten, Beziehungen gar werden ihr als junger Frau untersagt, selbst Freundschaften mit Jungs. Zwölf Jahre lang steht jedes Wochenende Indoktrinierung in der Millî-Görüş-Koranschule an, dazukommt die tägliche türkische Fernsehpropaganda aus der Satellitenschüssel.

Aus Sicht der Protagonistin Büsra geschrieben, ist „Ik ga leven“ auch die Chronik einer jugendlichen Dissidenz bis hin zum Abfall vom Glauben. Schon früh lehnt sie sich gegen das strikte Regime der ultrareligiösen Mutter auf. Sie verschlingt Bücher in einem Haushalt, in dem außer dem Koran nichts gelesen wird. Drei Jahre lang hat sie eine geheime Beziehung zu einem Nichtmuslim in Den Haag, und die Beschreibung ihres sexuellen Erwachens ist so euphorisch, wie der Drang zum Ausbruch aus dem Tugenddiktat tief sitzt.

Die Essenz des Buchs, das die Niederlande seit Monaten in Atem hält, über das in allen Medien berichtet und in Freundeskreisen diskutiert wird, ist die eines individuellen Lebensentwurfs, der sich mit Verve gegen ein autoritäres Kollektiv richtet: „Kind Gottes, Dienstmädchen, konformistisches Mitglied des Gemeinwesens, keusche Ehefrau eines koranfesten Gatten. Ich bekomme Flecken im Gesicht, wenn ich daran denke.“ Mit diesen Worten verweigert die Protagonistin den ihr zugedachten Platz. Sie legt ihr Kopftuch ab und entzieht sich allen Versuchen einer arrangierten Hochzeit.

Gründlich seziert sie dabei immer wieder ihre Umgebung, erklärt die eigene Gedanken- und Gefühlswelt, die Frustrationen, die Wünsche, die Schlussfolgerungen. Vielfach springt sie zwischen autobiografischem Roman und Essay hin und her, und natürlich ist das Ganze auch ein Manifest im Namen von Aufklärung und individueller Freiheit. „Ich dachte“, sagt Lale Gül, „dass man gar nicht anders könnte, als mich zu verstehen, wenn ich das alles so gründlich es geht erkläre. Aber da war ich wohl etwas naiv.“

Rückblickend muss sie fast lachen darüber, wie unvorbereitet sie auf diesen Sturm war. Je mehr sie ins Plaudern gerät, desto mehr vermitteln kleine Details einen Eindruck vom Entstehungsprozess dieses Buchs. Etwa, dass sie den Eltern erst nichts davon erzählte, bis der Vater unvermittelt den Karton mit den Autorin-Exemplaren in Empfang nahm. „Hast du ein Buch geschrieben?“, fragte er verdutzt, als er ihr Foto auf dem Umschlag sah. „Ach, nur eine Liebesgeschichte“, so ihre lakonische Antwort. „Ich dachte, ein paar Interessierte würden es lesen, Freundinnen, Bekannte. Und dass sich einige in der gleichen Lage darin wiederfinden.“

Womit sie nicht rechnete, war das Medieninteresse und die Dynamik, die daraus folgte. Ihr Alltag wird zum Spießrutenlauf: Empörte Nachbarn klingeln, es hagelt aggressive Anrufe von Verwandten aus der Türkei, auf der Straße wird sie beschimpft und bespuckt. Dazu kommen die Morddrohungen. Eine Zeit lang traut sich die Debütantin kaum noch aus dem Haus.

„Mein Vater ist der Briefträger im Viertel. Jeder dort weiß, wo ich wohne.“ Auch aus den Medien zieht sie sich in dieser Zeit zurück. Sie erwägt, die gerade erst begonnene literarische Karriere gleich wieder zu beenden. Später beschließt sie, nicht mehr über den Islam zu schreiben, weil das Leben ihr zu lieb ist.

Auch das Verhältnis zu den Eltern ist nun zum Bersten gespannt. Sie sorgen sich um sie und sind zugleich wütend und verletzt. Der Vater wird überall auf seine vermeintlich ehrlose Tochter angesprochen, bis ihm permanent die Hände zittern. Die Mutter, schon länger depressiv, droht mit Selbstmord und sagt ihrer Tochter, sie hätte lieber einen Stein geboren. Wer sich wundert, wie die Frau mit 23 Jahren in dieser Situation so ruhig wirkt, findet hier einen Hinweis. „Irgendwann schaltest du deine Emotionen aus“, sagt Lale Gül.

Anfang März gibt sie in der Tageszeitung Trouw ein bemerkenswertes Interview. „Die Niederlande sind ein individualistisches Land. Im Rest der Welt ist es ziemlich normal, dass du deine Familie behalten willst“, sagt sie dort. Und dass es sie nicht glücklich machen würde, mit ihr zu brechen. Sie berichtet von Abenden auf dem Sofa, mit Tee und türkischen Seifenopern im Fernsehen. „Dann geht es nicht um ideologische Unterschiede, sondern wir sind eine gesellige Familie, und das finde ich auch wieder schön.“

In einer Situation freilich, die derart unter Spannung steht, wird der Raum für solche Zwischentöne mehr als knapp. Im Nachhinein sieht sie die Sache so: „Deine Familie ist eigentlich dein safe house, wo du immer hinkannst, wenn es dir nicht gut geht. Eine Beziehung kann enden, Freundschaften können sich verlieren. Darum wollte ich den Kontakt nicht abbrechen. Meine Eltern sind keine schlechten Menschen, nur sehr konservativ. Aber ihre Liebe ist eben nicht bedingungslos. Irgendwann hätte ich mein Glück ihrem opfern müssen.“

Dass niemand anderes als der rechtspopulistische Politiker Geert Wilders indirekt den endgültigen Bruch auslöste, ist bezeichnend dafür, wie tief Lale Gül zwischen die Fronten einer chronisch überhitzten Debatte geraten ist. Bei der letzten Fernsehdebatte vor den Parlamentswahlen Mitte März lobt Wilders „diese tapfere türkische Frau, die den Islam verlassen hat und nun bedroht wird. Das ist der Beweis, dass der türkische Islam sich in den Niederlanden nicht integriert“. Lale Gül erklärt später in niederländischen Zeitungen: „Die Hölle brach los, als ich von Geert Wilders gepriesen wurde. Das war der Tropfen, der das Fass überlaufen ließ.“

Obwohl der Wahlkampf von der Coronakrise dominiert wird und das Thema Identität keine große Rolle spielt, bekommt die Debatte um ihr Buch in dieser Zeit zusätzliche Brisanz. Zeki Baran, Vorsitzender des „Mitbestimmungsorgans der Türken in den Niederlanden“ und Mitglied der sozialdemokratischen Arbeitspartei, nennt es „Hetzerei“ und wittert eine Verschwörung: Absichtlich sei es kurz vor den Wahlen veröffentlicht worden, um die politische Rechte zu stärken.

Die Partei DENK wiederum, besonders stark im Milieu der „Nederturken“, plaziert eine Anzeige auf der Website einer türkischen Zeitung, wonach sie gegen „Feinde des Islams“ vorgehen werde – just über einem Artikel, der Lale Gül als eben solche bezeichnet. Ein Parteisprecher macht dafür einen Algorithmus verantwortlich. Der DENK-Vorsitzende im Amsterdamer Stadtrat, Numan Yılmaz, kritisiert kurz darauf die Bedrohungen gegen die Schriftstellerin, wirft ihr aber zugleich vor, sie sei islamophob und verfolge eine PR-Kampagne.

Freilich hat sich Lale Gül in ihrem Buch auf eine Art exponiert, wie es innerhalb der türkischstämmigen Communitys selten geschieht: Als ihr der Vater durchaus aufdringlich dazu rät, den DENK-Gründer Tunahan Kuzu zu wählen – „der Einzige im Parlament, der an unsere Interessen denkt“ –, lässt sie ihn abblitzen: „Er steht für identitäre Bubble-Interessen.“ Der Vater nennt sie daraufhin eine „Nestbeschmutzerin, die sich als Maskottchen der rassistischen Niederlande hergibt“. Die Tochter sieht in dieser Rhetorik freilich einen Hinweis darauf, wie ähnlich sich die migrantische DENK und die Rechtspopulisten in ihrem Fokus an die vermeintlich eigene Bevölkerungsgruppe sind.

Eigentlich kann sie schon mit diesen Kategorien rein gar nichts anfangen, weil sie ihre Identität ganz anders definiert. Türkisch, niederländisch, amsterdamerisch: Sie ist all das – und vor allem Letzteres. Man hört ihr das an. Und es klingt auch im Buch durch, das sich nicht nur ab und zu in akademischen Diskursen über Gruppenidentität oder Integration ergeht, sondern auch den Straßenslang der Hauptstadt geradezu kultiviert. Es sind die beiden Welten der Grenzgängerin Lale Gül, die im Gespräch berichtet, dass just der raue Amsterdamer Einschlag von Lesern anderswo im Land oft als zu grob empfunden werde.

Offensiv ist das Werk auch in einem übertragenen, symbolischen Sinn: Von Beginn an kann man ihr dabei zusehen, wie sie ihr eigenes geistig-kulturelles Terrain absteckt, das weit über den Horizont eines Migrantenkinds aus der Kolenkitbuurt herausgeht. Einem Nietzsche-Zitat folgen gleich fünf von Eduard Douwes Dekker, der unter seinem Pseudonym Multatuli zum Klassiker der niederländischen Literatur wurde. Und kann es für eine Schriftstellerin wie sie eine deutlichere Standortbestimmung geben, als der Leserschaft gleich im ersten Absatz einen „Cruijff’schen Ratschlag“ zu erteilen? Was Lale Gül mit Johan ­Cruijff, dem begnadeten Amsterdamer Fußballspieler der 1970er und 1980er Jahre, verbindet, ist dieser Lokalkolorit, der nach armem Viertel riecht.

Ähnlich selbstbewusst markiert Lale Gül ihre gesellschaftliche Position: „Ich identifiziere mich mit säkularen Türken, aber nicht mit religiösen, und genauso wenig habe ich was mit religiösen Niederländern am Hut“, erklärt sie. Ihr Buch, das sich nicht selten wie sarkastische ethnografische Erkundungen liest und dabei durchaus Humor beweist, spiegelt dies wider: Da vergleicht sie die orthodoxen Muslime mit dem niederländischen Städtchen Staphorst im fundamentalistisch-calvinistischen bible belt und nennt ihr Umfeld in Amsterdam-West „eine Art orientalische SGP“. Letztere ist die Partei der Hardcore-Calvinisten, die erst im Jahre 2013 Frauen auf ihren Wahllisten zuließ.

Was Lale Gül schwer gegen den Strich geht, ist der kulturelle Relativismus manch Progressiver im Land. „Sie denken, die islamische Kultur besteht aus schönen Kopftüchern und der Geselligkeit des Ramadans.“ Vergessen werde dabei, dass sich Schwule in solchen Communitys nicht outen können und man Frauen, die über ihr Leben selbst bestimmen wollen, als „Huren“ bezeichnet. „Neulich wurden in einem Artikel Feministinnen zitiert, die mich mutig fanden, sich aber kein Urteil anmaßten, weil es sozusagen nicht ihre Kultur sei.“

Es gibt einen Aspekt, der diese Frau aus den gängigen Mustern und Gesetzmäßigkeiten des niederländischen Diskurses hervorhebt. Mehrfach kam es vor, dass IslamkritikerInnen oder Abfällige wie durch magnetische Kräfte von rechten Parteien angezogen wurden. Lale Gül scheint für diese Dynamik nicht empfänglich. Was vielleicht damit zu tun hat, dass der Vater ihres Exgeliebten Geert Wilders' PVV nicht nur wählt, sondern auch mit Spenden unterstützt. Und ausgerechnet zu diesem Vater, der sie am Anfang wegen des Kopftuchs, das sie damals noch trug, kritisch beäugte, baute sie eine besonders herzliche Beziehung auf.

Der Rahmen dieser Beziehung spiegelt den asymmetrischen Frontverlauf der ganzen Debatte. Auf den Straßen Den Haags schlägt dem jungen Paar immer wieder unverhohlen Rassismus entgegen. Doch ausgerechnet der väterliche Wilders-Wähler bietet ihnen irgendwann an, sie zu verteidigen – körperlich, versteht sich. An seinen politischen Vorlieben indes ändert das nichts. Und während er die Freundin seines Sohns fest in sein Herz geschlossen hat, darf seine Tochter auf gar keinen Fall mit einem muslimischen Jungen nach Hause kommen. Eine Logik, die Lale Gül von ihrer eigenen Familie in Amsterdam seltsam bekannt vorkommt.

Nun, da sie diese, ihre eigene Familie hinter sich gelassen hat, liegt vor ihr ein neues Leben mit Freiheiten, die sie zuvor niemals besaß. Vorerst aber kann Lale Gül davon wenig genießen. Sie lebt weiter im Versteck, auch wenn die Bedrohungen nach zwei Festnahmen inzwischen abgenommen haben. Während die Niederlande langsam die ersten Coronabeschränkungen aufheben, dauert Lale Güls Lockdown an. Wenn in diesen Tagen an ihrer Universität die Vorlesungen wieder beginnen, ist ihr bei diesem Gedanken mulmig zumute. Sie fragt sich, wie sie dort überhaupt hinkommen soll.


Aus: "Bedrohte Autorin in den Niederlanden: Zwischen allen Fronten" Ein Artikel von Tobias Müller (5.5.2021)
Quelle: https://taz.de/Bedrohte-Autorin-in-den-Niederlanden/!5765575/

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Katholischer Atheist
5. Mai, 17:53

Na, da bin ich ja mal gespannt auf die Kommentare ...


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Volker Scheunert
6. Mai, 11:14

Was mich - selbst Vater einer Tochter - erschuettert, ist Folgendes:

"Aber ihre Liebe ist eben nicht bedingungslos. Irgendwann hatte ich mein Glueck ihrem opfern muessen." Was geht in den Koepfen solcher Eltern ab? Es gibt bestimmt auch heute noch "bio-"deutsche oder -niederländische Eltern, die ihren Toechtern sagen: "Mit einem Auslaender brauchst Du Dich bei uns nicht mehr blicken zu lassen." Dieser Wahn aber, als kleine, aber im Selbstverstaendnis einzige nach Gottes Willen lebende, Gemeinschaft in einer zutiefst gottlosen und rassistischen Umgebung, von jedem Mitglied, besonders den weiblichen, absolute Loyalitaet zu fordern, hat etwas zutiefst Paranoides. Das laesst sich auch bei manchen christlichen Gruppierungen, bei rechtsradikalen Sekten, und, zumindest frueher, durchaus auch bei lesbischen Separatistinnen beobachten. Abweichler:innen, Ketzer:innen, Individualist:innen, Aussteiger:innen und "Verraeter:innen" können da froh sein, wenn man sie ohne allzuviel Psychoterror oder gar Morddrohungen ziehen laesst. Ich wünsche Lale Guel weiterhin viel Kraft und jede Menge gute "Wahlverwandtschaft" (nicht Geert Wilders!), auf dass sie ihren eigenen Weg weitergehen kann. Wer weiss, vielleicht kommt auch ihre Familie irgendwann zur Besinnung, und sieht ein, dass ihre freiheitsliebende Tochter ihre Liebe und Loyalitaet verdient, und nicht ihre konformistische Gemeinschaft.


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Sonntagssegler
Montag, 14:07

@Volker Scheunert Unsereins muss sich natürlich mit schlecht fundierten Analysen über einem ferne Communities zurückhalten.

Mir ist allerdings in dem Artikel die extrem konservative Mutter aufgefallen. Ich erinnere mich, das dieses Verhalten bei Frauen in Migrantengruppen oft darauf zurückzuführen ist, dass Frauen bei der Integration in die "neue" Welt" extrem benachteiligt sind und sich außerhalb der Familie keine respektvolle Position erarbeiten können.

Daher reduzieren sie ihre Position auf Kompetenzen, die sie aus ihrer alten Heimat mitnehmen konnten, also Familie und Tradition.

Mit zunehmender Bildung der Mädchen/Frauen zerfällt das Muster.

Im Übrigen scheinen ja auch diese Leute in dem Viertel ziemlich krass zu sein. Unsere türkischen Nachbarn wären entsetzt.


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Waldo Montag, 13:59

Starke Frau ....


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Sonntagssegler Montag, 13:58

Selten wird ein Mensch bei der taz so uneingeschränkt angehimmelt. Hat es etwa den Autor beim Schreiben erwischt - und womöglich mich beim Lesen mitgerissen?


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JohnBowie
gestern, 20:52

@Sonntagssegler Sehr frustrierend finde ich, dass sich wohl in den letzten 40 Jahren sehr wenig getan hat.

Ich hatte mit zarten 14 Jahren eine türkische Freundin und wurde freundlich von jungen Türken, die irgendwie von unserer realtiv heimlichen Beziehung erfahren hatten, mit gut gemeinten, freundlichen Worten bedroht.

Uns blieb keine Wahl.

Wenige Jahre später reagierte eine junge Frau mit Kopftuch beim Einkauf im Supermarkt auf mich. Ihr Mann, der ihr vorausging, bemerkte etwas und wurde argwöhnisch. Wir gingen schnell und unauffällig weiter.

Niemand sonst nahm Notiz.


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insLot
6. Mai, 10:06

Zitat: Neulich wurden in einem Artikel Feministinnen zitiert, die mich mutig fanden, sich aber kein Urteil anmaßten, weil es sozusagen nicht ihre Kultur sei.

Ich finde, dieser Satz ist Beispielhaft für das Kernproblem der Identitätspolitik! Ansonsten sehr interessanter Artikel.


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Marco Moreno
6. Mai, 07:33

Danke Tobias Müller für diesen Artikel. Er macht mir einmal mehr deutlich, wie sehr es darum geht den anderes Denkenden auszuhalten, einmal in den multiethischen Gegenden. Rassistische Pöbeleien durfte ich von Biodeutschen und Niederländern ebenso erfahren, wie religiös motivierte Verurteilungen, vollkommen unabhängig davon, welchem Gott gehuldigt wird. Hier wie dort darf, in erster Linie Mann, ein Nazi, oder irgendein Fundamentalist sein, der permanent damit beschäftigt ist, mich, oder mein Liebsten, in unserer/ meiner Freiheit und Würde herabzusetzen. Ich bin so müde dieser Anfeindungen, dieser geistigen Enge, Kleinherzigkeit und Ignoranz, dass ich mich frage wie lange ich noch bereit bin, die anderen zu ertragen. Nochmals danke für den Artikel und ja, auf das auf die Lale gut aufgepasst wird.


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hessebub
5. Mai, 22:38

Aufklärung all over again. Man sollte Frau Gül mit Lessing-Preisen und Schiller-Medaillen überhäufen.


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Dr. McSchreck
5. Mai, 21:57

Klasse Artikel, der gerade gegen Ende die typischen Gut-Böse-Schemata komplett hinter sich lässt. Ein bisschen wie ein alter Bruce-Springsteen-Song....


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Karl Kraus
5. Mai, 21:20

Warum sind eigentlich so viele Leute so wahnsinnig bescheuert?


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Lowandorder
6. Mai, 08:44

@Karl Kraus Eine gute eine Frage. Erschütternd das Ganze.